Project Gutenberg's Eine Gemsjagd in Tyrol, by Friedrich Gerstcker

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Title: Eine Gemsjagd in Tyrol

Author: Friedrich Gerstcker

Illustrator: Carl Trost
             Richard Illner

Release Date: October 19, 2015 [EBook #50252]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE GEMSJAGD IN TYROL ***




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  Eine
  Gemsjagd in Tyrol

  von
  Friedrich Gerstcker.

  Mit 34 Illustrationen und 12 Lithographien
  nach Originalzeichnungen von C. Trost.

  Der Autor behlt sich das Uebersetzungsrecht vor.

  Leipzig,
  Ernst Keil.
  1857.




Inhalts-Verzeichni.


                                      Seite

  1.  In die Alpen                        1

  2.  Hinauf!                            10

  3.  Aufbruch zur Jagd                  23

  4.  Das Riegeln                        31

  5.  Das Treiben am Joch                41

  6.  Die Pirsche                        48

  7.  Ragg's Erzhlung vom Wilderer      65

  8.  Ein Sonntag Morgen                 75

  9.  Die Baumgart-Alm                   83

  10. Die Delpz                         107

  11. Die Grasberg-Alm                  120

  12. Das Gemsjoch                      127

  13. Die Nebeljagd                     137

  14. Die Nachsuche                     148

  15. Schlu                            155




[Illustration]




1.

In die Alpen.


_Die Gemsjagd!_ -- Welchen eigenen Zauber nur das Wort allein auf mich
ausbt! Kaum nehme ich die Feder in die Hand, und lasse die Erinnerung
zurckschweifen zu jenem wilden frhlichen Leben, so tauchen auch schon die
grimmen Berge in all ihrer Pracht und Herrlichkeit empor. Wieder sehe ich
jene schroffen Kuppen und Joche, jene Schluchten und Wnde hoch ber mir
emporragen -- unter mir in schwindelnder Tiefe liegen -- wieder hre ich
in weiter Ferne das Donnern der Lawinen, das Prasseln der aufgescheuchten
Gemsen auf dem lockeren Gerll der Reien, und wie mit _einem_ jhen Schlag
steht pltzlich jene wunderbare Welt in ihrer ganzen Pracht und Gre
bewltigend um mich her.

Das Herz fngt mir an zu schlagen, als ob ich noch einmal da drauen, halb
in einen Laatschenbusch hineingeklemmt, auf berhngender vorspringender
Felsenspitze klebte, und kaum athmend, mit der gespannten Bchse in der
Hand, in ngstlicher, fast peinlicher Lust, die Sinne zum Zerspringen
angestrafft, des flchtigen Wildes harrte -- und Alles wird lebendig um
mich her:

In den gelblich schimmernden Lrchentannen, die tief unter mir ihre
halbtrockenen Spitzen heraufstrecken, rauscht und murmelt der Wind,
schttelt und schaukelt die elastischen zhen Zweige der Krummholzkiefer,
und fegt den Staub aus den trockenen Ritzen und Spalten der weiten Klamm,
die sich neben mir, mit ihren ghnenden Schluchten tief in den Berg
hineingefressen hat. Dort drben balgt sich ein Schwarm schreiender
munterer Alpendohlen, und still darber hin, in stummer gewaltiger
Majestt, zieht ein einzelner Jochgeier -- der braune Steinadler -- seine
luftige Bahn.

Oh komm! -- fort, fort aus dem flachen Land. -- Dort hinten ragen schon die
starren, lichtbergossenen Joche aus dem duft'gen Nebel auf, der wie ein
Schleier auf den Bergen liegt; neben uns rauscht und funkelt die grne
Isar, und trgt den flssigen, wie mit leuchtendem Silber bergossenen
Bergcrystall zum niedern Land hinab. Die kleinen zierlichen reinlichen
Huser mit ihren steinbeschwerten Dchern, hlzernen Veranda's, bunten
Heiligenbildern und Auenwerken von gespaltenen Winterscheiten werden
hufiger; freundlich grende Gesichter mit spitzen, feder-geschmckten
Hten darber, das unvermeidliche Regendach unter dem Arm, begegnen uns,
und jetzt rasselt der Wagen ber das Pflaster des Bergstdtchens Tlz
die lange Strae hinab, die wie eine Bildergallerie an beiden Seiten alle
mglichen Schildereien aus der biblischen Geschichte und christlichen
Sage zeigt. -- Den Hang nieder geht's, durch eine Planken belegte mit
blauen Hemmschuhspuren gestreifte Gasse ber die Isar hinber, die hier
rgerlich schumt weil sie da pltzlich in ein Wehr gedrngt, nun Mhlen
treiben soll, das freie Kind der Berge, und jetzt -- oh wie uns das Herz da
weit wird, und die Brust noch einmal so leicht in der reinen Luft zu athmen
scheint, strecken die alten lieben Berge die Arme aus, uns zu begren.
Und enger, tiefer wird das Thal mit jeder Meile, grner der Flu an dem wir
aufwrts ziehen, reiner der Himmel, schmaler der Weg, dem der leichte Wagen
folgt. Schon nickt die Krummholzkiefer, der _Laatschenbusch_ wie sie der
Tyroler nennt, uns von den nchsten Hngen ein freundliches Willkommen
zu, und lutende, trefflich genhrte Heerden -- die Lieblingsthiere mit
riesigen Glocken um den Hals -- Schafheerden der Bergamasker Race mit
herunter hngenden Ohren, und Hirten, schwer mit allerlei Alpengerth
bepackt, begegnen uns in der Strae. Es ist Oktober, und Hirten und Heerden
weichen dem nchst zu erwartenden Schneefall aus. Der hat auch die hchsten
Kuppen des Gebirges schon dann und wann einmal auf ein paar Tage mit seinen
weien Mnteln berworfen -- nur als ob er sehen wollte, ob ihnen die alten
Kleider vom vorigen Jahr noch passen -- und sie sitzen wie angegossen.

[Illustration]

Es ist Herbst, und die Hirten drin im Gebirg haben selbst die letzten
Unterleger verlassen, ihre Thalwohnungen aufzusuchen und ihre Heerden vor
Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit zu bringen.

In den Bergen wird's jetzt leer, da Vieh und Heerden sie gerumt, und
wunderhbsch schildert Tschudi das in seiner Alpenwelt:

Weit Du doch selber, Alpenwanderer, sagt er, was fr ein schwermthig
drckender Ton im Herbst ber diesen Felsen liegt, wenn Menschen und
Heerden, Pferde und Hund, und Feuer, Brod und Salz sich in's Thal
zurckgezogen. Wenn Du an der verlassenen und verrammelten Htte vorber
steigst, und Alles immer einsamer und einsamer wird, wie wenn der alte
Geist des Gebirges den majesttischen Mantel seines furchtbaren Ernstes
ber sein ganzes Revier hinschlge. Kein befreundeter Athemzug weht Dich
meilenweit an, kein heimischer Ton -- nur das Krchzen des hungrigen
Raubvogels, das Pfeifen des schnell verschwindenden Murmelthiers mischt
sich in das Drhnen der Gletscher und das monotone Rauschen des kalten
Eiswassers. Die kahlgeweideten Grnde, in denen die kleinen Gruppen der
giftigen Kruter mit frischen Graskrnzen welche das Vieh nicht berhrte,
sich auszeichnen, haben die letzten anmuthigen Tinten des Idylls verloren.
Der schwarze Salamander und die trge Alpenkrte nehmen wieder Besitz von
den verschlammenden Trnkbetten der Rinder, und die verspteten Bergfalter
schweben mit halb zerrissenen und abgebleichten Flgeln durch das Revier,
aus dem die beweglichen Unken in trostlosen Chren die sommerlichen
Jodelgesnge der Hirten wie spottend zu wiederholen scheinen.

Nicht wahr wie schade, da der _Jger_ gerade in diese Berge einzieht, wenn
sie der Hirt mit seinen idyllischen Heerden verlt, und der Jger bedauert
das gewi.--

Gott sei Dank da das langweilige Vieh mit seinem Gebimmel endlich
abzieht murmelt er vergngt vor sich hin, jetzt bekommen die Berge doch
endlich einmal Ruh, und man braucht nicht zu frchten auf jedem Pirschpfad
und Joch, statt einem Rudel Gemsen eine Heerde Schafe anzutreffen.

Die _Poesie_ der Berge vertrgt sich recht gut mit der Jagd, und der chte
Jger wei sie gewi zu wrdigen, denn sein ganzes Leben und Treiben ist
poetisch; aber -- sie darf ihm nur nicht in's Gehege kommen, sonst sind sie
eben die lngste Zeit Freunde gewesen. Wo sie die Ausbung seiner Jagdlust
strt, hat sie fr ihn aufgehrt Poesie zu sein, und -- wenn er sie
nicht zum Teufel wnscht, geschieht dies nur in einzelnen Fllen aus ganz
besonderer Rcksicht.

Aber der Wagen rollt indessen lustig den wenn auch schmalen, doch glatten
Weg entlang, der sich allmhlig, dem Lauf der Isar folgend aufwrts zieht.
Die Krummholzkiefer kommt schon bis an den Weg herab, und luft hinber,
bis zu dem Stein beseten Ufer des crystallhellen Bergstroms, in dessen
blitzender Fluth hie und da eine muntere Forelle, leicht und rasch die
Strmung stemmend, aufschwimmt. Noch umgeben uns hohe, aber bis zu ihrem
Gipfel dicht bewaldete, wenigstens bewachsene Berge, -- noch haben wir
die Alpenregion nicht erreicht, und zu nah steigen die uns nchsten Hnge
nebenauf, die dahinter liegenden mchtigeren Kuppen erkennen zu knnen.
Aber das Gebirg wird schon wilder. -- Rechts von uns ragt eine hohe
schroffe Steinwand von der Sonne mit ihrer flammenden Gluth bergossen, wie
eine riesige Silberstufe auf, nach links zu ffnet sich jetzt das Thal, und
herber grt da pltzlich mit seiner scharfgeschnittenen schneegedeckten
Pyramidenkuppe der Scharfreuter, whrend weiter nach vorne, wo jetzt
die Ri sich in die Isar giet der Stuhlkopf, und dahinter der gewaltige
Steinkegel, der groe Falken sichtbar wird.

[Illustration]

Mit ihnen taucht die Erinnerung an manche wilde Schlucht, an manche
romantische, tief in Berg und Wald hineingedrckte Lagerhtte wieder
auf, die uns da drinnen sehnlich schon erwarten. Dieselben sind ja alte
Bekannte, alte Freunde, und es ist fast, als ob sie die mchtigen Hlse
reckten, und freundlich herber nickten uns zu gren. -- Es war nur
Augentuschung. -- In grimmer stolzer Majestt stehn sie dort, und bieten
den Jahrhunderten die Stirne. Ob sie Orkane umrasen, ob der Fhn durch
ihre Schluchten tobt, und die Lawine, von ihrem Nacken nieder, donnerndes
Entsetzen in die Thler wirft, oder ob kosende Frhlingslfte ihre Hnge
und Wnde mit Blthen decken, was kmmert's sie. Geschlechter gehn und
kommen und vergehn auf's Neu, und starr und trotzig recken sie die Hupter
nach wie vor dem blauen Aethermeer entgegen.

Aber hier sind wir schon im Gemsenrevier. -- Rechts und links hinauf sucht
das Auge unwillkrlich nach einem dunklen Fleck auf dem Grau der Steine,
oder in dem matten Braun der Haidedecke, die kleine Blen zwischen den
Krummholzkiefern bildet, und die Hand greift rasch und unwillkrlich nach
dem Fernrohr an der Seite, irgend einen ersphten Punkt, und auch nicht
grer eben als ein Punkt, mit dem scharfen Glas mistrauisch nher zu
untersuchen. -- Aber nein; der dunkle Schatten einer alten Wurzel; ein
Erdloch, aus dem sich ein thalabgerollter Stein gebrckelt; ein wunderlich
gebogener Ast ist vielleicht, was das scharfe Auge des Jgers fr einen
mglichen Gemsbock gehalten, und mit einem getuschten es ist Nichts,
wird das Glas wieder zur Seite gelegt.

Hier haben wir auch schon die Isar verlassen, und sind in das Rithal
eingebogen.

Weiter aber noch rollt der Wagen; immer enger wird das Thal, immer wilder
und rauschender die muntere Ri, die hier schon ber wildes Steingerll
hinber schumt, und manchen kecken Sprung versucht. Immer steiler
werden die Wnde unter denen der Weg sich jetzt wie ngstlich hindrckt.
Menschenwohnungen lieen wir mit der Fall in der ein Forsthaus steht
schon lngst hinter uns, und nhern uns jetzt dem Distrikt wo, der Meinung
der Flachlnder nach die Fchse einander gute Nacht sagen. Nur in uerst
seltenen Fllen zeigt noch hie und da eine verlassene Sennhtte ihr helles
Dach -- die Sennen selber sind mit dem Vieh thalab gezogen.

Wilder wird hier die Landschaft; dunkle Kiefer- und Fichtenwaldung schickt
ihre grnen Schatten bis zum Strom herab, und hier -- wo sich die Wnde
fast zusammen drngen, die Ri, in ihr schmales Bett hineingepret,
rgerlich und tobend, tief unter eine darber hingespannte Brcke,
sprudelnd und schumend niederspringt, kommen wir zur Grenze. An dieser
Seite steht ein blau und weier Pfahl, jenseits der Brcke ein anderer, von
dem die Sage behauptet da er einst schwarz und gelb gemalt gewesen. Jetzt
lehnt er grau und mrrisch im Schatten der dunklen Tannen, und schaut in
den Waldbach nieder, als ob er selber gar nicht so bel Lust htte hinein
zu springen und mit fort zu schwimmen in's flache Land -- was er auch
vielleicht lngst gethan htte, wenn's eben nicht ber eine fremde Grenze
-- in's Ausland ginge.

Warum rollt der Wagen hier noch einmal so leicht, warum hebt sich die Brust
so viel hher, warum schaut das Auge so viel schrfer nach Wild umher an
den Hngen, nach Fhrten auf den Weg und in den weichen Waldgrund, der ihn
an beiden Seiten begrenzt? -- Das ist _das eigene Jagdrevier_ -- die Gemse
die hier steht, das Wild das hier in stiller Nacht vorber zieht, gehrt
zu befreundeten Rudeln, und die Berge die hier ihre grnen Arme und graue
Hupter aus- und emporrecken, sind der Tummelplatz ihrer Spiele, und tragen
den gedeckten Tisch fr sie.

Jetzt macht der Weg eine Biegung, voraus steigt der Stuhlkopf schroff
empor -- das Wasser rauscht lebendiger, einzelne Dcher in dem sich weiter
ffnenden Thal werden sichtbar -- ein kleines Kloster, von mehreren Htten
umgeben dehnt sich langsam aus und dahinter liegt, dem berraschten
Blick wie aus dem Boden steigend, hineingebaut in die waldigen Berge, den
schumenden Strom berragend und mit seinen eingeschnittenen hellen Mauern
und flatternden Fahnen gar so freundlich herberleuchtend, ein reizendes
Jagdschlo, vor dem sich schon ein buntes Gemisch von Jgern, Dienern und
Hunden gesammelt hat, den Herrn und seine Gste zu begren.

Wie khn und wacker die Burschen aussehn in ihrer malerischen Tracht, wie
freundlich die gesunden gutmthigen Gesichter darein schauen, wie glcklich
diese Adler-Augen lcheln den lieben Herrn wieder begren zu knnen der ja
des Jahrs nur einmal, auf wenige Wochen aus weiter Ferne, zu ihnen kommt.
-- Und nun giebt's wieder Leben in den Bergen.

Und wahrlich malerisch ist die Tracht der Leute. Auf dem Kopf tragen
sie den bekannten Tyroler-Hut mit ein paar nach rckwrts gebogenen
Spielhahnfedern, den Sto eines Schnee- oder Haselhuhns, und manchmal einen
Gemsbart. Der Hals ist frei und das weie Hemd wird durch ein schwarz oder
bunt seidenes Tuch locker zusammengehalten. Vortrefflich unter den Hut pat
aber die graue Joppe -- eigentlich etwas zu dunkel fr die Berge, weil die
lichteren Farben viel besser mit dem Grn und Grau der Bsche und Felsen
verschmelzen -- und unter dieser reichen die schwarzen Lederhosen nur bis
zum oberen Rand des Knies, das sie blo lassen, whrend unter dem Knie
der dick wollene, meist gewebte grne oder graue Strumpf beginnt. Die Fe
stecken in mchtigen Bergschuhen, von festem, wenig geschmeidigem Leder,
das den Fu krftig zusammenhlt, whrend die darunter eingeschlagenen
Ngel nur durch den bloen Anblick einem mit Hhneraugen geplagten
Menschenkinde Entsetzen einflen mten. Es sind das auch keine
gewhnlichen Ngel, sondern nach innen scharf abschneidend, nach auen mit
breitem Griff die Sohle fassend und schtzend, bilden sie einen
scharfen eisernen Rand um den Schuh herum, und ahmen dadurch die hnlich
eingeschnittenen Schaalen der Gemse nach. Ohne diese Schuh wrde selbst
nicht der an die Berge von klein auf gewohnte Jger im Stande sein an
den steilen Graslannen und schroffen Hngen, die oft nur kaum zollbreite
Vorsprnge auf ihrer glatten Flche bieten, fortzukommen. Mit solchem
scharfen Eisenrand schneidet man aber fest und sicher in die Wnde ein, und
wenn der Kopf nicht schwindelt, luft man mit einiger Uebung sicher ber
nicht eben ganz senkrechte Wnde hin.

Dazu aber braucht man auer den Schuhen noch ein anderes, hchst nthiges
Instrument, und zwar den Bergstock, der von etwa sechs Fu Lnge, mit oder
ohne eisernen Stachel, gewhnlich nur roh aus einer Haselstaude geschnitten
und getrocknet, dem Bergwanderer die Hauptsttze und Hlfe bietet. Ohne den
Stock wr' er nur wenig ntz da oben, und weniger beim Auf-, besonders aber
beim Niedersteigen, sichert er den Gang, hemmt den zu raschen Lauf und ist
in der That des Kletternden bester Freund. Besonders ntzlich zeigt er sich
an steilen Hngen, wo man ihn wagerecht in Hnden hlt, mit der Spitze die
Wand berhrend, die eine Hand an seinem uersten Ende untergehalten, die
andere etwa in der Mitte aufgestemmt, das Gewicht des Krpers darauf, vom
Abgrund fort, zu lehnen. Nicht zu steile Lannen luft der Jger mit diesem
Stock, indem er ihn hinten einsetzt und sich darauf zurckbiegt, fast in
voller Flucht hinunter. Er dient ihm so als Hemmschuh, mit dessen Hlfe er
jeden Augenblick seinen Lauf einzgeln kann.

Noch darf ich den Bergsack nicht unerwhnt lassen, dann sind wir, sobald
wir die Bchse auf die Schulter werfen, zum Marsch gerstet, und wenn die
Sonne morgen frh ber die Berge schaut, findet sie uns hoch ber dem Nebel
droben.

Der Bergsack ist, wie Alles was der Alpenjger braucht und mit sich trgt,
so einfach, leicht und praktisch wie nur irgend mglich eingerichtet. Er
besteht aus einem grnleinenen Sack, der hinten mit einem starken Seil
auf und zu geschnrt werden kann, und auf dem Rcken, wo er keine
Bewegung hindert, mit zwei Achselbndern getragen wird. Er ist dabei so
zusammengefaltet da er, wenn der Jger nur sein Bischen Proviant, seine
Steigeisen, seine Munition und etwas Wsche oder seine Regenjoppe darin
hat, ganz klein aussieht, soweit lt er sich aber ausbreiten, mit
Leichtigkeit den grten Gemsbock noch obendrein mit aufzunehmen. Die
Gams wird dann so zusammengelegt, da Kopf und Lufe ineinandergeschoben
oben auf kommen, und nur die uersten Spitzen der Lufe mit den Krickeln
(Hrner der Gemse) zum Schlitz herausschauen.

[Illustration: Das Jagdschloss.]




2.

Hinauf!


Wir sind gerstet! -- Drben im Westen neigt sich schon die Sonne den hohen
Jochen zu, und nach dem rasch eingenommenen Mahl geht es hinauf in die
Berge, zur frhlichen Jagd.

Wie sich das so wunderbar leicht mit den nackten Knieen steigt -- denn alle
Schtzen, ohne Ausnahme haben jetzt schon die Tracht der Gebirgsbewohner
angelegt. -- Wie sich das Bein so frei da biegt, und Arme und Bergstock
mit eifriger Geflligkeit nachhelfen, den hochaufathmenden Jger bergan zu
bringen -- und wie die Lungenflgel sich so weit bewegen! Man fragt sich
selber oft erstaunt: wirst Du denn nur gar nicht mde? -- denn hher
immer hher hinauf zieht sich der zickzacklaufende Reitsteg dem wir jetzt
folgen. Mde? -- das Wort kennt man kaum in den Bergen, und wenn man
wirklich einmal nach einer gar zu steilen anstrengenden Tour zum Tode
erschpft glaubt niedersinken zu mssen, und dann den Gliedern nur wenige
Minuten Ruhe gnnt, ist alles Ueberstandene im Handumdrehen vergessen.

Das Jagdschlo liegt schon etwa 3000 Fu ber der Meeresflche und
steil auf fhrt der Weg uns nun empor; erst durch prchtige Buchen- und
Ahornwlder, in die hinein die dunkle schlanke Tanne ihre dichten Zweige
reckt, dann kommt die Birke mit dem weien Stamm, die Espe, Eller,
Eberesche und hie und da ein Krummholzkiefer- oder Laatschendickicht, mit
dem der Jger wohl bald weit mehr und nher bekannt werden soll, als ihm
manchmal lieb ist. Jetzt wird das jedoch nicht sonderlich beachtet.
Der ausgehauene Weg fhrt hindurch und man bemerkt entweder die
weitausreichenden zhen Zweige nicht, oder kann sie auch nicht gleich
ordentlich bersehn. Zuviel des Neuen bietet sich berhaupt nach allen
Seiten hin dem Blick, das Einzelne zugleich mit zu erfassen.

Noch aber sind wir fortwhrend in diesem Wald bergauf gestiegen, und die
berhngenden Zweige der Tannen, wie das dichte Unterholz mit den Laatschen
zusammen, hindert die Aussicht in's Freie. Hher und hher steigen wir so,
und lauter und lauter rauscht unten im Thal die Ri, die am Fu des Bergs
nur eben mit leisem Pltschern vorberquoll, hier aber den Ton, durch die
Wnde zusammengedrngt in vollen Accorden nach oben sendet. Reiner wird
hier der Himmel, leichter die Luft und unwillkrlich packt man, im Gefhl
der eigenen Kraft, den Bergstock fester.

Wild giebt es hier freilich noch nicht; der Pfad ist schon an dem Morgen
von den Trgern begangen worden, das Nthigste an Provisionen, Betten und
Geschirr hinaufzuschaffen, und der Wald ist auch zu dicht, weit darin auf
oder ab sehn zu knnen -- aber Rothwild sprt sich im Pfad. Hier ist
ein starker Hirsch hinaufgewechselt; dort sind ein paar Stck Wild --
wahrscheinlich ein Alt- und Schmalthier demselben eine Strecke gefolgt
und haben sich dann links hinein in die Klamm oder Schlucht gezogen.
Das Rothwild liebt berhaupt mehr als die Gemse einen bequemen Pfad, und
benutzt die Pirschwege auerordentlich gern.

Hher, immer hher kommen wir hinauf; die Kiefern und Tannen werden
immer niedriger und stehn dnner, die Buchenregion haben wir schon lngst
verlassen, wo das fatal raschelnde gelbe Laub den Boden bedeckt, den
pirschenden Jger zu doppelter Vorsicht nthigt, und geruschloses
Anschleichen oft ganz unmglich macht. Hier beginnt die Laatsche ihr
Regiment und eine offene Stelle erreichend, von der aus der Blick frei nach
dem gegenber liegenden Gebirgshang, ber das Thal weg schweifen kann, hebt
ein pltzliches, berraschtes Ach! die Brust. Vergessen ist das Steigen,
vergessen Alles um uns her in dem einen, wundervollen Schauspiel, das sich
dem erstaunten, jubelnden Blick da bietet.

[Illustration]

Dort drben vor uns, dem Blick scheinbar so nah, da man glauben knnte
mit einer Bchsenkugel die Wnde zu erreichen, whrend sie in der That in
gerader Richtung wohl eine Stunde und weiter entfernt liegen, steigt die
riesige Gruppe des Falken empor, und wie gewaltig ist der Fels gewachsen,
seit wir ihn von unten zum letzten Male sahen. Dort schien er nur ein
breitgedrngter, mit Nadelholz dicht bewachsener Berg, aus dem sich eine
graue Felsenkuppe, nicht eben bermig hoch erhob. -- Jetzt, nachdem wir
fast eine Stunde gestiegen, und uns die Umrisse des ganzen Gebirgs scharf
und klar in's Auge fallen, sehen wir da wir noch nicht einmal die Hhe des
gegenberliegenden hchsten Fichtenwaldes erreicht, und weit weit darber
hinaus, wie ein Gebirg von Fels und Schlucht, whrend der blaue Aether
ihn durchsichtig und leicht umfliet, thrmt sich ein riesiger Block von
Felsenmassen auf, in dem sich wieder Berg und Thler bilden. Die mchtigen
Tannen die an ihm mehre tausend Fu emporsteigen, sehn kaum Zoll hoch aus;
die stattlichen Krummholzkiefern deren Bsche von zehn bis funfzehn Fu
Hhe halten, gleichen grnem Moos, das auf den nackten Flchen liegt, und
schroff und steil, zerspalten und eingerissen mit furchtbaren Schluchten,
fr die der Blick noch nicht einmal den Mastab hat, hebt sich die
colossale Masse unfruchtbaren kahlen Kalkgesteins empor.

Diese Kegel, Kuppen und Joche mu man aber selber erst einmal, wenigstens
zum Theil, bestiegen haben, um einen Begriff ihrer Hhe und Entfernung
zu erhalten. Ueberhaupt tuscht die feine, reine Luft oben auf der Hhe,
selbst beim Schieen, ungemein, und Gegenstnde die dem Anschein nach nur
geringe Entfernung haben, weichen zurck, wenn man sich ihnen nhern will.
Bis in's Unglaubliche hinein betrgt man sich ganz vorzglich, wenn man
irgend einen gegenberliegenden Hang erreichen will. Ein Berg liegt vor
uns, ein kleines, dem Anscheine nach nicht sehr tiefes Thal dazwischen;
man denkt in einer halben Stunde wenigstens an der anderen Seite sein zu
knnen, und hat in einer Stunde kaum den unten flieenden Bach erreicht.
An den von Holz entblten Almen sieht man oft weite offene Flchen, die
so glatt und eben ausschauen, als ob man aus weiter Ferne jeden darber
springenden Hasen erkennen mte, und hat man sich endlich ber vorher gar
nicht bemerkte Hindernisse mit Mhe und Noth zu ihnen durchgearbeitet, so
findet man Hgel und Thler in dem was man fr glatten Boden gehalten, und
Risse und Spalten in denen ein Reiter unbemerkt und vollkommen gedeckt,
hinreiten knnte. So arg ist die Augentuschung in den Bergen, und deshalb
wird auch nie ein Gemlde, mag es noch so treu und gewissenhaft, und von
der Hand des grten Knstlers aufgenommen sein, die ungeheuere Gre jener
Berge, das Riesige der Umrisse wiedergeben knnen, denn dem Beschauer fehlt
eben der Mastab den er an solch ein Gemlde legen knnte -- tuscht ihn
doch selber die Natur.

Aber wir mssen weiter. Im Gebsch zwitschert das Goldhhnchen und piept
die Meise und sucht sich ihr Ruhepltzchen fr den dunkelnden Abend. Noch
glhen zwar jene Kuppen im Licht der scheidenden Sonne; in den Thlern da
unten, deren Uebersicht uns hier im dicken Unterholze abgeschnitten ist,
lagert sich aber schon die Nacht, zieht sich die weie Nebeldecke langsam
an den Zipfeln aus Felsenspalte und Waldesschlucht heraus, und schmiegt
sich tief hinein in's weiche Bett.

_Wir_ haben noch ein tchtig Stck zu steigen; doch mit dem Abend wird die
Luft so khl und frisch, so geheimnivoll rauscht dazu der Strom unten im
Thale hin, und zirpt die Grille tief im Dickicht drin, da man recht gut
noch einmal so rasch vorwrts rcken knnte -- wenn sich eben die Kuppen
hinter uns nicht gar so wundervoll und wechselnd frbten, und den Wanderer
wieder und wieder zwngen stehn zu bleiben, mit durstigem Auge jenes
Gtterschauspiel einzusaugen.

Wie der Stuhlkopf und die rothe Wand dort hinten im rosigen Licht der
untergehenden Sonne glhn, die zwischen den hohen Kuppen der beiden Falken
durch ebenfalls noch ihre Streiflichter wirft, und an dem zackigen Gemsjoch
wie der abgeplatteten Spitze des Sonnenjochs die letzten Strahlen bricht.
Und immer lichter werden dort die Hhn, immer durchsichtiger, duftiger
wird das graue schwere Gestein das, wenn auch scharf abgezeichnet gegen den
reinen Horizont, doch mit dem Aether zu verschwimmen scheint. Und grner,
dunkler wird der Wald, schattiger das Thal; mit tieferem Blau frbt sich
der Himmel und dsterer und wilder wird drben der Bergeswall, der jetzt
nur noch die dunkeln Schattenwnde zeigt und in den innern Conturen schon
in einander fliet. Einzelne Sterne blitzen am Himmel auf, und wie sich im
Westen dort am hellen Aetherrand mit schwarzen schroffgerissenen Linien
die oberen Joche abschneiden, liegt die andere Welt in tiefer, schweigender
Nacht. Strker rauscht dazu der Strom, als ob er eiliger hinaus wollte aus
den dunkeln Thlern, in's Freie nieder. Heimlicher suselt der Wald von
einem leichten Sd-West bewegt, der flsternd, und mit den thaufeuchten
Zweigen kosend, das Thal hinauf weht, und ber den ganzen weiten Himmel
ausgegossen, ist pltzlich der Sterne funkelnder Glanz.

Und dort liegt die Pirschhtte; hellblinkend schauen die neuen Breter aus
dem dichten Grn der Laatschen vor; aus dem verhangenen Fenster schimmert
Licht, und nebenan leuchtet aus einem anderen kleinen Haus der Feuerschein
vom Kamin der Jger herber. Die Schweihunde schlagen an; die Jger die
ein paar Stunden vorausgeschickt waren, springen vor die Thr, und der
Herr betritt, freundlich grend, zum ersten Mal wieder und mit leuchtendem
Blick sein Pirschhaus zu Steileck, die stille Jgerhtte in den Alpen.

Zur Toilette braucht's da oben wenig Zeit, die ist in den Bergen rasch
beendet, und jetzt kommt eigentlich der schnste Augenblick: Der Jgerrath,
der Bericht der Leute wie's in den Bergen steht, und was am Besten jetzt zu
thun sei, dem scheuen Wilde beizukommen.

Rainer soll herein kommen!

Wenige Minuten spter geht die Thr auf und Rainer, der grad' vom Essen
aufgesprungen ist tritt, sich noch geschwind den Mund in der Thr wischend,
in's kleine Gemach. Er war schon eine Zeit lang vorher heraufgeschickt
worden, das Terrain, das er selber aus frheren Jahren genau kennt, zu
recognosciren, die verschiedenen Joche und Klammen, wie die eingerissenen
scharfen Schluchten -- Grben, wie die breiten Seitenthler genannt werden
-- abzuugen, und von den verschiedenen dort stationirten oder mit der
Ueberwachung beauftragten Jgern Erkundigungen einzuziehen.

Rainer ist aber an sich selber eine viel zu interessante Persnlichkeit,
ihn so ohne Weiteres, und ohne etwas nhere Beschreibung einzufhren.

Bei Tafel unten im Schlo im schwarzen Frack, schwarzen langen Hosen und
steifer Halsbinde mit aufwartend, giebt es kaum eine steifere, unbeholfener
aussehende Figur als ihn, und wie verwandelt ist der Mann, wenn er in
die freie Bergtracht hinein, und mit Knieen und Hals aus den beengenden
Kleidern herausfahren kann. Es ist ordentlich als ob er mit
der Tyroler-Joppe und dem spitzen Hut, den kurzen Hosen und den
eisenbeschlagenen Schuhen auch einen anderen Menschen angezogen -- und das
geschah auch in der That. Jede seiner Bewegungen ist frei und natrlich,
und das charakteristisch geschnittene Gesicht mit dem blonden, sorgfltig
gepflegten Bart, die klugen, hellen Augen und der sehnige Krper, machen
ihn zu einem tchtigen Reprsentanten des ganzen Jgervolks.

[Illustration]

Seine Worte setzt er freilich manchmal, als ob er doch noch im schwarzen
Frack stcke, und ich wei auch nicht ob er sich selber nicht vielleicht
ganz gern darin sieht, -- wenn das der Fall wre htte er unrecht.

Rainer hat die Schweihunde unter sich, und selber einen kleinen Dachs, der
sogar in den Alpen seinesgleichen auf der Fhrte sucht. Bergmnnle spielt
eine zu bedeutende Rolle auf der Nachsuche, ihn unerwhnt zu lassen, und
manches angeschossene Stck hat der kleine unerschrockene und unverdrossene
Teckel schon gefunden und gestellt.

Nun Rainer wie steht's? ist noch 'was da?

Nu ich denk' Hocheit -- s'sieht gut aus; lautete die vergngt lchelnde
Antwort, und Rainer holt sich inde mit den Augen seinen Dank fr die gute
Botschaft von smmtlichen Gesichtern.

So? -- hast Du Gemsen gesehn?

Sehn thut man gerade nicht viel, aber spren berall -- nur noch nicht
recht oben auf den Alpen. Es ist noch zu warm, und sie stehn drin in den
Grben.

Aber Du hast doch auch welche _gesehn_?

Ei ja wohl. Gestern war ich drben an dem Leckbach, da standen drei Rudel
auf den Reien, eins von zwlf, eins von sieben und eins von funfzehn
Stck. Capitalgemsen und eine Menge Kitzgeisen dazwischen.

Und keine Bcke?

Nachher guckt ich in die Delpz nur so von oben hinein, da standen dicht
unter der Wand drei Capitalbcke -- Einer schurecht; und unten drin war
ein Rudel von elf Stck -- und noch zwei Bcke.

Des Herrn Augen leuchteten.

Also es _giebt_ Gemsen?

Ich sollt's meinen, sagt Rainer mit vergngtem Gesicht. Und besonders
viel Kitzen hab' ich gesehn. Der Weinseisen hat auch gestern zwei starke
Rudel an der Luderstauden[1] gesprt, und einen mordmig starken Bock
gesehn. Er soll Krickeln aufgehabt haben _so_ hoch, und der Bart hat
ordentlich in Wind geweht.

  [1]: Luderstauden heien dort die Alpenerlbsche.

Wo war das?

Gleich dort oben auf dem Rokopf.

Das ist der alte Bursch, lacht der Jagdherr, der uns schon drei Jahre
zum Besten gehabt hat; der ist zu schlau, den bekommen wir nicht.

Nu, vielleicht fallirt's ihm doch einmal, sagt Rainer, eins seiner
schwarzen-Frack Worte riskirend.

Nun, und drben am Grasberg? -- an der Fleischbank oben, und in den
Grben?

Gemsen sind berall, lautet die Antwort, man sieht sie aber da herum nur
selten, weil sie in den Dickichten drin stecken.

Hast Du am Waldeck etwas gesprt?

_Leer_ ist's nicht, weicht hier Rainer vorsichtig aus, denn
wahrscheinlich wird dort morgen zuerst gejagt, und er mchte nicht gern zu
groe Erwartungen wecken, obgleich er auch dort Gemsen gesehen hat.

Und drben am Heimjoch, in der Laures und am Blunzjoch drben?

Das ist ein Hauptplatz, sagt Rainer und wird warm dabei -- der Wastel
ist vorgestern mit dem groen Ragg drben gewesen. -- Am Eisknig soll's
ordentlich lebendig sein.

Also auf dieser Seite sieht's gut aus, und wie steht's drben? Ist das
Pirschhaus im Laritter Thal fertig?

Sie hmmern noch drben, meint der Gefragte etwas kleinlaut, soll aber
heute oder morgen fertig werden.

Und im Leichwald; am Falken?

Da wimmelt's, versichert Rainer. -- Am Falken -- das giebt ein
Haupttreiben, da stehn wenigstens 200 Gemsen.

Der hohe Herr zieht ein bedenkliches Gesicht und schttelt den Kopf, Rainer
aber, durch den Zweifel gekrnkt fhrt eifrig fort Hocheit, sollen mir den
Hals abschneiden, wenn's nicht wahr ist.

Da von dem Anerbieten fr jetzt noch kein Gebrauch gemacht wird, ergeht er
sich dann in nherer Beschreibung des Terrains und der dortigen Rudel, die
allerdings das Auerordentlichste verspricht. Beilufig mu ich aber hier
nur bemerken, da dies berhmte Falkentreiben spter wirklich gemacht wurde
und statt der 200 Stck versprochenen Gemsen, _sieben_ darin waren, aber
nicht zum Schu kamen. Rainer erwhnte dabei nichts weiter von seinem Hals.

Und wie steht's mit dem Rothwild? geht nun die Frage auf den anderen
Zweig der Jagd ber, der allerdings jetzt nicht zur Ausbung kommt, da die
Jahreszeit fr die Hirsche schon zu weit vorgerckt ist, und diese schon
fast smmtlich abgebrunftet haben.

Drben am Rokopf haben zwei starke Hirsche noch gestern geschrien; an
dem Leckbach drei -- Hirsche hrt man berall und Wildpret sprt sich auch
berall auf den Pirschwegen.

Aber viel eingegangen ist doch im letzten Winter?

Acht Stck sind im Ganzen gefunden, lautet die traurige Besttigung, denn
der Winter war gar zu streng, der Schnee zu tief und dauernd, und das
arme Wild konnte nicht dagegen ankmpfen. Starke Hirsche selbst wurden,
im Schnee stehend, todt entdeckt, und auch viel Rehwild war eingegangen.
Rehwild hlt sich berhaupt nur sprlich in den Bergen.

Und was machen wir morgen? lautet jetzt die direkt auf die Gegenwart
bezughabende Frage -- was hast Du Dir gedacht?

Nun ich dachte so -- wenn Hocheit vielleicht morgen oben die Fleischbank
trieben oder den Waldeckelgraben -- leer ist's nicht, und schieen thten's
gewi; dafr bin ich beinah ganz berzeugt.

Und wie wollt Ihr's treiben?

Nun ich dachte so, da der Wastel und Weinseisen mit dem groen Ragg vom
unteren Pirschweg den Graben duemang heraufstiegen und sich nur manchmal
sehn lieen und ich mit dem Martin dann die Wand von drben herein
brchte.

Und ich soll mich dann oben an den Graben stellen?

So war meine Meinung -- wenn Sr. Hocheit was Besseres wissen--

Und da treibt Ihr mir die Gemsen ruhig in den Seitengrben hinauf; denn
da Ihr sie nicht bis oben hin bringt, wit Ihr, und ich stehe zum Spa
dort zwei oder drei Stunden lang.

Wenn's da nicht wenigstens vier, fnfmal schieen, sollen Sie mir den Hals
abschneiden, erbietet sich Rainer zum zweiten Mal leichtsinniger Weise --
die anderen Schtzen stellen wir dann an der hervorderigen Seite oben und
unten hin.

Nun gut, sagt der Herr resignirt, dann kommen die Herren wenigstens zum
Schu, _ich_ aber stehe zur Abwehr da oben. Du wirst sehen.

Rainer macht eine halb verzweifelte, halb unglckliche Geberde ber das
schmerzende Mistrauen, schweigt aber--

Sonst noch etwas?

Drauen sagt Rainer, der berhaupt dem Gesprch eine andere Richtung zu
geben wnscht steht der neue Jger von der Au. Hocheit haben ihn hieher
beordert, und er wnscht unterthnigst den Grund seines Daseins zu wissen.

Er soll nur kommen. Alle lachten.

Rainer ist entlassen, und gleich darauf tritt ein anderer erst krzlich
einberufener Jger aus den entfernteren Thlern, mit einer kurz
abgeknickten Verbeugung, aber mit offenem, freundlichen Gesicht herein,
und bleibt nicht etwa schchtern an der Thr stehn, sondern geht gerade auf
seinen Herrn zu.

Nun, Johann, wie steht es bei Euch da drben?

Gut, sagte der Mann mit einem kurzen, ihm eigenthmlichen Kopfnicken,
indem er seinen Hut in der Hand rasch herumdreht -- es macht sich mit den
Gemsen.

Sind starke Rudel drben?

Nu ja, nickt der Jger und lehnt sich mit dem Ellbogen zutraulich auf die
hohe Lehne desselben Stuhles, auf dem der Herr sitzt. Dieser lchelt still
vor sich hin, lt aber den Mann gewhren. Es ist ein braver Bursch und
wenn er die Sitte drauen im Land nicht kennt, wei er dafr desto besser
in seinen Bergen Bescheid. Es giebt schon hbsche Rudel drben, und
besonders viel Kitzgeien das Jahr.

Und der Winter hat ihnen nichts gethan?

Ih -- ich denk, lchelt der Jger kopfschttelnd, wenn nicht einmal eine
oder die andere von einer Lawine erwischt wird -- im Uebrigen hat's keine
Noth.

Es folgt jetzt ein ausfhrlicher, ziemlich befriedigender Bericht
des dortigen Gems- und Wildstandes, und der Jger wird endlich wieder
freundlich entlassen.

Die Nacht ist jetzt weiter vorgerckt, und die heutige noch ungewohnte
Anstrengung, mit der feineren reineren Bergluft macht auch ihr Anrecht
geltend, als der Ruf da schreit ein Hirsch! von drauen, halbflsternd
aber doch laut genug hereintnt, die Aufmerksamkeit rasch dorthin zu
lenken.--

Wir treten hinaus vor die Thr. -- Wie still die Nacht hier auf den Bergen
liegt. Nur das Rauschen des Stromes tnt herauf, und das einzelne Zirpen
einer Grille mischt sich in das leise heimliche Flstern und Rascheln der
Zweige. -- Drben liegen in schweigender Majestt schwarz und dster
die mchtigen Bergrcken wie schlummernde Riesen -- kein Laut weiter
unterbricht die Todtenstille.

Huh--a--h! tnt da langsam und faul, aber tief und gewaltig der
Brunftschrei eines starken Hirsches weit aus dem unten liegenden Thal
herauf.

Das ist ein braver Hirsch, geht der leise geflsterte Ruf, den
Schreienden nicht etwa zu stren und da ist noch Einer ruft Martin,
als drben vom Rokopf herber ein anderer schwcherer herausfordernd
antwortete.

Wie wunderbar das in dem stillen Walde klingt; wie seltsam feierlich, und
doch so wild. Nur das Herz des Jgers fllt der Ton mit unbeschreiblichem
Entzcken. -- Was ist Nachtigallenschlag, was irgend eine Symphonie
dagegen, die sonst im Lande drin vielleicht sein Herz entzckt. _Das_ ist
Musik, das zittert durch die Nerven, und macht das Herz rascher schlagen,
das Auge glhn und leuchten.

-- Jetzt ist wieder Alles still -- da noch einmal tnt der Ruf herauf, aber
weiter nach rechts. Der alte Bursch unten hat die Ausforderung angenommen
und zieht hinber nach dem andern Hang, den Gegner zu bekmpfen oder zu
vertreiben. -- Nun ist Alles ruhig; -- nur die Grille zirpt fort, und der
Bergstrom unten rauscht sein volltnendes brausendes Lied durch die stille
Nacht.--

Es ist das berhaupt ein eigenthmliches Gefhl, das den aus dem unteren
Land heraufgekommenen Jger die erste Nacht erfat -- diese ungewohnte
heilige Stille der Natur. Kein Wagenrasseln, kein Nachtwchterruf, kein
Glockenschlag, kein lauter Tritt der durch de Straen hallt -- es ist
Alles Frieden und Ruhe, als ob hier oben gar keine Leidenschaften
tobten und strmten. Nur das leise Flstern des Laubes legt mit sanftem,
wohlthuenden Finger den Schlaf auf unsere Augen -- und wie gut schlft
sich's in den Bergen.

[Illustration: =Das Aufsteigen.=]




3.

Aufbruch zur Jagd.


------ Drauen schlgt ein Hund an -- der langsame Schritt eines Jgers
auf dem Steinboden wird laut; -- durch das verhangene Fenster dringt
der erste dmmernde Schimmer des jungen Tags -- der erste freudige Bote
begonnener Gemsenjagd.

Frisch und strkend schlgt die khle Morgenluft in das weit geffnete
Fenster und dort? -- trume ich denn noch oder wach' ich, und _kann_ das
wundervolle Bild das dort, den staunenden Blicken ausgebreitet in all
seiner Pracht und Herrlichkeit liegt, Wahrheit -- Wirklichkeit sein?

Gerad gegenber, und hoch in die reine duftige Morgenluft hineingebaut,
ragen die grauen lichtumflossenen Kuppen der Falken hinein -- rechts hebt
der Stuhlkopf sein breites mchtiges Joch, und tief da unten, weit zwischen
beiden hinein, und im Hintergrund von einer schroffen wallartigen Wand, dem
Carvendelgebirge begrenzt, zieht sich ein tiefes grnes Thal, in das der
Schpfer zu dieser frhen Morgenstunde all seine wunderbarsten Tinten
und Schatten, von all der zauberhaften Pracht der Alpenwelt bergossen,
hineingeworfen hat.

Vom Carvendelgebirge nieder springt der Johannisbach wie ein
silberschlngelnder Faden zwischen dichtem Waldesteppich durch, der rechts
und links in leichten wellenfrmigen, selten schroffauflaufenden Hgeln die
Seitenwand erklimmt. Kleine saftgrne Grasflchen, hie und da mit Spuren
hineingestreuter Htten und Einfriedungen sind dazwischen sichtbar, und
ber dem Ganzen liegt ein leichter, durchsichtiger blauer Duft, der in dem
dunklen Grn der Tannen ber dem Silber des Baches, ber dem Lichtgrau der
in die Wlder hineinragenden Reien seine Schattirung wechselt, whrend
klar und schroff die hohen nackten Kuppen und Joche der umschlieenden
Gebirge dies wunderbare Meer von Licht und Farbenpracht berragen. --
Jetzt pltzlich erglhen diese in dem ersten Strahl der aufgehenden Sonne,
whrend ihre Zacken in ganz fremdartigem Licht und Raumtuschung die
weiten Schatten werfen, und unten im Johannisthal zittert, von den oben
hellerleuchteten Wnden reflectirt, ein mattes rosiges Licht ber
das blulich dunkle Grn der Waldung, das gegen den fremden Schimmer
anzukmpfen scheint. Farben fhren aber nur auf schlechten Bildern
und geschmacklosen Kleidern Krieg mit einander; in der Natur ist Alles
Harmonie. In wenigen Minuten ist das Ganze zu einem Rosenduft verschmolzen,
in dem die tiefe Landschaft glhend liegt. Wie aus dem Grund heraus heben
sich dabei die dunkleren Schatten der Waldung mit ihren eingerissenen
und jetzt weit schrfer hervortretenden schwarzen Schluchten und Spalten;
klarer schneidet sich der silberhelle blinkende Bach heraus, auf dem das
Auge jetzt schon die kleinen schneeweien Schaumwellen erkennen kann. --
Der Rosenhauch geht in einen helleren, lichteren Duft ber, und wie die
Sonne drben hinter dem Sonnenjoch emporsteigt und ihre Strahlen hell und
mchtig in die Thler wirft, schwinden die zitternden Tinten der Morgenluft
in ihrem Schein und -- es ist _Tag_.

Heiliger Gott, wie ist deine Welt so schn und reich, da du selbst in die
geheimsten Schluchten dieser Erde solch wunderbare Pracht gestreut. Worte
fehlen da auch, solcher Allmacht gegenber, und wie die Lerche drauen im
Land wirbelnd ihr frohes Dankgebet zum Himmel trgt, wie der duftende Baum
sein Weihrauchopfer haucht, wie die Berge, im Wiederglanz des himmlischen
Lichts hher und freudiger erglhn, so bringt die zitternde Thrne im
Menschenauge, bringt das jubelnde Herz in Menschenbrust dem unerkannten
Wesen ber uns seinen stillen Dank, den es mit Worten und Gebeten nimmer so
hei, so glhend sprechen knnte.

Und doch vergessen ist im Nu die vor uns ausgebreitete Pracht und
Herrlichkeit.--

Da drben steht ein Hirsch! ruft mit seiner heiseren Stimme Martin (kein
_Tyroler_ Jger), der ein Auge wie der Falke hat -- und dahinter noch zwei
Stck Wild! Zu gleicher Zeit zieht er das immer hndige Perspectiv hervor
und richtet es nach dem Hang des Rokopfs hinber, der in einer Entfernung
vor uns liegt als ob ihn eine Bchsenkugel leicht erreichen mte.

Vergebens aber sucht das Auge, noch nicht an diese Lichttuschung in der
Ferne gewhnt, durch die offenen Blen des dort ziemlich lichten Waldes,
nach dem gemeldeten Wild. Nirgends lt sich auch nur das geringste
Lebendige erkennen.

Dort weiter oben steht auch noch ein Altthier mit einem Schmalthier, und
links davon ein Sechsender. -- Donnerwetter, ist das da unten ein
starker Hirsch! murmelt Martin dabei vor sich hin, indem er durch sein
ausgezogenes Bergspectiv (wie es die Tyroler nennen) hinber schaut.

Aber wo? um Gottes Willen?

Gerad dort drben auf der offenen Stelle; dicht neben der umgefallenen
Tanne, wo der gelbe Fleck im Boden ist -- gleich links darber.--

Der gelbe Punkt? -- wenn man nach einem Kaninchen ausgeschaut htte, wrde
man etwa ein lebendes Wesen von _der_ Gre in _der_ Entfernung erwartet
haben, und jetzt ist das ein starker Hirsch, zehn- oder zwlfendig, der
sich dort ruhig an der Lanne im Walde st, und nur manchmal nach den, nicht
weit ber ihm stehenden Thieren auf ugt. Jetzt wird der Blick auch erst
auf die verhltnimige Gre der Bume aufmerksam, die da drben wie
zierlicher Nipptischschmuck, trotz der Entfernung in der reinen Luft mit
jedem kleinen ausgezackten Zweig fast sichtbar, stehn, und steigt man zu
ihnen hinber, zu mchtigen Stmmen anwachsen.

Das Wild st sich indessen langsam in die Dickung hinein -- wird wieder auf
einer kleinen Ble sichtbar, und verschwindet endlich in den Laatschen.
Aber die kostbare Zeit verschwindet ebenfalls, und rasch wird das leichte
Frhstck eingenommen, das nur ein kleines Intermezzo drauen nicht etwa
strt, sondern eher noch wrzt.

[Illustration]

Der rothe Schweihund, Pirschmann, von guter tchtiger Race -- ob aus
misverstandenem Eifer oder Langeweile -- es lt sich kaum vermuthen aus
eigenntzigen Zwecken -- hat den etwas primitiv angelegten Keller auf
seiner nchtlichen Runde entdeckt, und der dort niedergelegte Kern eines
gekochten Schinkens war verschwunden. Pirschmann lugnete allerdings
hartnckig, oder weigerte sich wenigstens, wozu er auch nicht gezwungen
werden konnte, gegen sich selber zu zeugen; und Rainer dem die Ueberwachung
der Hunde bertragen, bekam vom Mundkoch die von ein oder dem andern
verdiente Nase.

Aber keine Zeit ist's mehr fr solche Dinge. Die Jger stehn drauen
gerstet, den Bergsack auf dem Rcken, den Stock in der Hand, die
Bchsflinte oder den Wender ber der linken Achsel; die Sonne scheint voll
auf die markigen malerischen Gestalten, auf die offenen treuherzigen, und
oft doch so verschmitzten Zge, und geduldig harren sie des Zeichens zum
Aufbruch.--

Und nun vorwrts! ruft der Herr der Jagd, der in der leichten
Jgertracht, den Bergstock in der Hand, nur statt des spitzen zum Pirschen,
seiner Hhe und dunklen Farbe wegen nicht einmal ganz praktischen Tyroler
Hutes, eine einfach graue sehr leichte Mtze trgt. Die Jger reien, als
er an ihnen freundlich grend vorbergeht, rasch die Hte herunter, und
whrend er den schmalen Pirschpfad voranschreitet folgen mit so wenig
Gerusch als mglich, die brigen Schtzen und Jger in bunter Reihe und
cht indianischem Marsch, Einer hinter dem Andern. -- Bietet der schmale
Weg doch oft kaum Raum fr den einen Fu.--

Langsam windet sich so der Zug bergauf. Der Tyroler Jger und berhaupt der
Alpenjger hat einen langsamen aber stten Schritt; den aber behlt er bei,
ob er eine sanfte Anhhe, oder eine steile Wand ersteigt. Ruhig setzt er
Fu vor Fu, der Brust dazwischen Zeit zum Athmen lassend; aber er rastet
nie. Wenn er nicht pirschen geht, wo die ganze Jagd nur im Vorschleichen
und wieder Halten und Umherugen und Lauschen besteht, fllt's ihm nicht
ein sich auszuruhen, Stunden lang, -- er mte denn eine schwere Last mit
sich tragen. Die chten Bergsteiger haben auch alle einen etwas vorwrts
gebogenen Gang, aber desto sichereren Schritt, und Schwindel kennen die
Leute nicht. Bricht ihnen nicht einmal an gefhrlicher Stelle ein Stein
unter den Fen weg, oder schleudern ber ihnen losgegangene Gemsen auf
ihrer Flucht nicht lockeres Gerll auf sie nieder, das sie mit in den
Abgrund nimmt, so wandern sie auf ihren schwindelnden Bergpfaden und an
den hngenden Wnden so sicher hin, wie der Bewohner des flachen Landes
auf seinen breiten Straen. Der Gefahr mssen sie aber doch stets in's Auge
sehn; der Tod lauert auf sie in mancherlei Gestalt und Art, und _weil_ sie
das wissen und ihm doch begegnen, deshalb auch ist ihr Blick so frei und
offen, ihr Schritt so fest und keck und mnnlich.

Jetzt haben wir den oberen Pirschpfad erreicht, und von der Stelle, an der
wir einen Augenblick halten, sehn wir das, vor einer halben Stunde etwa
verlassene Pirschhaus wie ein kleines aus Marzipan gebackenes Zuckerwerk
tief hinter uns im Schatten der Bume liegen. Hell schimmert das Dach aus
der dunklen Umgebung vor, und heller noch jener schneeweie Punkt der sich
daneben zeigt. Es ist der Mundkoch, der mit seiner weien Jacke, Schrze
und Kappe vor seiner Thr stehend, die Jger noch mit den Blicken am
Berggelnde suchen will. Aber die Erd- und Steinfarben gekleideten
Gestalten sind lange aus seines Auges Bereich, und ihre Umrisse
verschwimmen mit dem Boden auf dem sie stehn.

Wieder wechseln hier die Bilder von Berg und Schlucht um uns her, aber das
Auge forscht jetzt nach anderem Ziel: -- Gemsen. Ueber den Weg laufen die
Fhrten eines ganzen Rudels das hier vom Joch nieder dem vorderen Graben
zugezogen ist. Die Jger sehen, wie sie darber hinschreiten die Fhrten
an, und deuten mit der Hand auch wohl hie und da auf die besonders tief
eingedrckten breiten Spuren eines alten Bockes; aber keiner von ihnen
spricht mehr ein Wort. Wir sind hier im eigentlichen Gemsrevier. Spuren wie
frische Losung zeigen berall die Nhe des scheuen Wildes, und der Klang
der menschlichen Stimmen schallt weit auf diesen Hhen.

Aber nichts Lebendes zeigt sich noch. Hie und da hpft in einem
Laatschenbusch einer der kleinen befiederten Bergsnger umher, und lenkt
den Blick der Vorberschreitenden rasch und forschend auf sich. Nichts
Lebendes, was sich im Sehkreis regt, und berhaupt Bewegung hat entgeht
dem Auge der aufmerksamen Jger. Fnfzig Mal dabei getuscht, sei es durch
einen Vogel, eine raschelnde Maus, oder einen losgebrckelten Stein, -- er
ermdet nicht, und wieder und wieder sucht das Auge nach Leben und Bewegung
hier im Wald, und die Hand greift unwillkrlich nach der Waffe.

Jetzt ist der Graben der getrieben werden soll erreicht, und in einem
Dickicht, noch unter dem Rand, da in der Nhe sitzende Gemsen nicht die
sich regenden Gestalten der Jger auf dem Abhang erkennen knnten, bleibt
der Herr stehn.

Und wie wollt Ihr's nun machen? lautet die mit unterdrckter Stimme an
die herbeitretenden Jger gerichtete Frage.

Rainer beginnt jetzt, mit eben so vorsichtig gedmpfter Stimme seinen
nochmaligen Vortrag: Dort unten auf einem bezeichneten Felsenkamm, der den
Schu nach rechts und links hinein in die steile, lawinenzerrissene Klamm
erlaubt, an der und jener Wand, und dort und da sollen die Schtzen stehn,
und wenn die Treiber dann von dort und da herber kommen, wei Rainer
auf ein Haar, in welchem Graben, welch eingerissene Spalte und Klamm die
aufgescheuchten Rudel ihre Flucht hin nehmen mssen.

Jetzt werden rasch die verschiedenen Jger als Treiber oder Abwehr nach
rechts und links geschickt und vorsichtig, auch das geringste Gerusch
vermeidend, pirscht sich Jeder zu dem angegebenen Stand. Den Bergstock
verkehrt in der Hand, die eiserne Spitze nach oben, da sie nicht zufllig
vielleicht einen Stein berhre und durch den fremden Metallklang die Gemsen
schrecke, mitten in die Laatschen hinein an deren Zweigen sich die rechte
Hand anklammert, whrend die linke den Bergstock hlt und zu gleicher Zeit
die Bchse aus dem Weg der Aeste rckt, schleicht der Schtze nieder. Hier
einen kleinen Vorsprung benutzend, durch einen Busch gedeckt den Ueberblick
ber einen vielleicht lichten Fleck zu bekommen, dort der ausgewaschenen
Rinne eines jetzt trockenen Bergquells folgend, indem er dadurch wenigstens
das Gerusch der zurckgebogenen Zweige vermeiden kann; jetzt auf dem
Boden nieder unter den Bschen durchkriechend, jetzt dazwischen hin den
Weg suchend. Da wird es pltzlich licht. -- Dort vor uns liegt der Rand der
Klamm, und vor sich abugend erst, ob nicht vielleicht ein einzelner alter
Bock dort unten schugerecht steht und durch lngeres Zgern verscheucht
werden knnte, sucht man sich jetzt, da sich die Hoffnung nicht besttigt,
einen zugleich gedeckten und doch freien Fleck, den grtmglichsten Raum
in der Nhe berschieen zu knnen, und so wenig als mglich durch nahe
Bsche verhindert zu sein, nach verschiedenen Richtungen hin die Psse und
Wechsel zu beherrschen.

[Illustration: =Steileck.=]




4.

Das Riegeln.


Trefflich fr solche Lausch- und Anstandspltze eignen sich die, diesen
Gebirgen eigenthmlichen schmalen Auslufer vorgeschobenen Gesteins, die
gewhnlich von beiden Seiten in die Rnder der Klammen hineinreichen, und
oft bei nur wenigen Fu Breite, mit Laatschen oben bis zur uersten Spitze
bewachsen, nicht allein den grten Theil der Klammen berschauen lassen,
sondern auch nach drei Seiten hin einen freien Schu gewhren.

Auf einer solchen wunderbaren, oben kaum anderthalb Fu breiten aber
vollkommen sicheren Steinkoulisse sitzen wir jetzt, der Leser und ich, und
obgleich rechts und links ein tiefer Abgrund ghnt, und man den Bergstock
nicht einmal dicht vor sich einstoen drfte, weil er hinunter in die Tiefe
fallen wrde, haben wir doch nicht das Mindeste zu befrchten. Die den
Armen eines Kronleuchters nicht unhnlichen zhen Laatschenzweige
halten fest und gut, und whrend wir den Raum in der Mitte rasch mit
dem Jagdmesser etwas ausgehauen, ragen die Zweige um uns her wie ein
knstlicher grner Schirm empor, und halten uns dahinter dicht versteckt.

Nur eine Vorsicht mu der versteckte Jger gebrauchen: nicht unvorsichtig
auf die elastischen Zweige zu drcken, die durch ihr Auf- und
Niederschaukeln dem scharfen Blick der noch so weit entfernten Gemse nicht
lang verborgen blieben.

Was fr ein wundervoller Platz das ist, und wie so still und schweigend der
dunkle wilde Wald hier um uns liegt. Auf dem aushngenden Felsen, dessen
schmalen Verbindungsweg man, rechts und links umschauend, nicht einmal
erkennen kann -- und viele Bewegung verstattet der kaum fubreite Sitz auch
nicht -- hngt man da; gleichsam abgeschnitten, ber der wild zerrissenen,
zu Thal strmenden Schlucht, und von steilen, mit berhngenden Laatschen
berall besetzten Wnden fest und drohend eingeschlossen.

Der _Graben_, wie diese steilen Bergthler genannt werden, bildet im Ganzen
eine weite gewaltige Schlucht, wie denn auch der ganze breite Gebirgshang
an der Sdseite in solche Thler oder Grben ziemlich gleichmig vertheilt
ist, whrend zwischen ihnen von oben nach unten laufende und dicht
bewaldete Abschsse oder Hnge sie von einander trennen. Im Einzelnen reit
sich aber ein solcher Graben wieder in hundert und hundert kleinere und
grere Einschnitte, Schluchten, Felsspalten und Klammen, jede im Kleinen
und in sich selbst, das groe Bild des Ganzen wiedergebend.

Die schroffen Wnde, an denen kein fruchtbarer Boden halten kann, stehen
da drinnen freilich kahl, und in den Schluchten, wo sich zur Regenzeit der
Bergbach das reingewaschene ausgeschwemmte Bett gewhlt, kann auch kein
Pflanzenleben gedeihen; aber die zhe Laatsche dringt doch ein, wo sie's
nur irgend mglich machen kann. Nicht allein auf den Nacken der Felsen hin
kriecht sie, und wirft ihre Zweige zwlf und sechzehn Fu weit nach
rechts und links bis ber den Abgrund hin, nein auch, wo nur irgend eine
Felsenspalte eine Hand voll von oben niedergeschwemmter Erde aufgefangen
und gehalten, set sie ihren Samen, treibt Keime und Schlinge, und
klammert sich mit den festen Wurzeln ein. Wo sich ein solcher Anhaltspunkt,
und sei er noch so unbedeutend, bietet, findet man diese Bsche, die
Nadelspitzen oft klein und kmmerlich, die Zweige dnn und kurz, aber
immer fest und sicher in die Felsspalte eingeklemmt, und gar willkommene
Anhaltspunkte sind das dann fr den Steigenden. Der einmal gefate Zweig
bricht nicht ab in der Hand, und, wenn er das ganze Gewicht seines Krpers
daran hinge.

Ha -- was war das? ein zischender Pfiff der von dort herber schallt. Eine
schreckende Gemse, der irgend woher der verrtherische Luftzug die fremde
Witterung des Feindes zugetragen -- und dort drben? -- ein rollender
Stein, der von den scharfen Klauen eines aufgescheuchten Thieres
losgestoen, hinunter zu Thal die springende Bahn nimmt. -- Aber zu sehn
ist noch Nichts und der forschende Blick sucht rasch und mistrauisch all
die hundert kleinen Schluchten und Spalten ab, aus denen allen das ersehnte
Wild im Augenblick herausfliehen kann.

Todtenstille herrscht -- da bricht ein Schu von oben drhnend und donnernd
in's Thal nieder und weckt das Echo in den Bergen von Wand zu Wand. Das war
des Jagdherrn Bchse -- wie den Schall die gegenberliegenden Gebirge jetzt
wiedergeben, und wie er sich prasselnd und schmetternd die Bahn
hinunter bricht in's tiefe Thal. Und doch ist das hier in den Bergen so
eigenthmlich mit eben dem Schall, da ein im Nachbargraben Stehender den
Schu vielleicht nicht einmal hren konnte.

Da poltert's und bricht's ber das Felsgestein, ganz in der Nhe. Wie mit
einem Messer sticht's bei dem Ton dem lauschenden Jger in's Herz hinein,
und bebt und zittert ihm durch alle Glieder. Und ob er von Kindheit an
die Bchse gefhrt und der Spur des Wildes gefolgt wre, _dem_ ersten,
unwillkrlichen, fast krampfhaften Herzklopfen beim pltzlichen Erscheinen
eines Stcks Wild, beim Rascheln oder Rauschen das seine sichere Nhe
verrth, entgeht er nicht. -- Aber es dauert nicht lange, und in der
nchsten Minute schon mu er die alte Ruhe wieder erlangt haben, und hat
sie auch -- einzelne Flle natrlich ausgenommen.

Wie das dort rasselt und tobt durch die kleine Schlucht. Drunten heraus aus
ihrer Mndung kollern und springen die losgegangenen Steine schon vor, und
den Berg hinab. Das mu ein ganzes Rudel sein. -- Und richtig, dort in den
Laatschen zeigt sich pltzlich der schwarze Krper einer alten Geis mit den
weien Backenstreifen und den hohen scharf umgebogenen Krickeln. Wenn sie
allein kme knnte man sie recht gut fr einen Bock halten. Aber ein Rudel
wird meist immer, ja fast ohne Ausnahme von einer alten Geis gefhrt, oft
der Stammmutter des ganzen Trupps, die so von Kindern und Kindeskindern
gefolgt, den Berg durchzieht. Jetzt werden die andern auch sichtbar --
leider auer Schuweite, denn das ganze Rudel ist wohl noch vier- bis
fnfhundert Schritt entfernt. Auf einem mit Laatschen dnn bewachsenen
Felsrcken tauchen sie auf, eine hinter der andern -- jetzt eine braune
Geis mit schwarzem Rcken, das kleine munter springende Kitz an der Seite,
jetzt ein junger zweijhriger Bock der ernst und gravittisch, wie er es
von den lteren gesehn, eine Weile daher schreitet. Dann aber pltzlich,
als er das munter seitwrts springende Kitz um sich her tanzen sieht,
vergit er, wenn er auch vorn seinen stolzen Ernst beibehlt, hinten doch
die Gravitt, und macht mit den Hinterlufen einen Jugendsprung. Mehr
und mehr drngen herauf und bleiben Kopf an Kopf auf der kleinen Lichtung
stehn, alle hinauf nach der Klamm ugend und windend, von der der Schu
tnte. Ehe die Altgeis weiter geht, denkt keins daran sich von der Stelle
zu rhren.

Von drben herber ist das Rudel gekommen, jedenfalls von dem Schu aus
sicherer Ruhe aufgeschreckt. Jetzt aber mag doch irgend ein Gerusch der
von unten herauf brechenden Treiber von dem scharfen Gehr der Leitgemse
erfat sein, oder ihr Blick hat auch wohl die sich da unten regende
Gestalt, sei sie noch so weit entfernt, gesehn, ihre Nase die fremde
gefhrliche Witterung gefangen. Da unten ist's jedenfalls nicht recht
geheuer, _was_ es auch sei, und seitwrts an der Wand auf der sie gestanden
niedertretend, luft und rutscht sie halb die fast senkrechte Steinplatte
hinab, an der sich, von hier aus wenigstens, nicht der geringste
Anhaltpunkt erkennen lt. Jedenfalls will sie schrg durch den Graben dem
anderen Auslufer zu; ihr aber folgen auch, ohne weiter zu fragen weshalb
oder wohin, die andern Gemsen. Zuerst die Geis mit dem Kitz, dann der
zweijhrige Bock, wahrscheinlich ein Herr Sohn vom vorvorigen Jahr, dann
wieder zwei Kitzgeisen und nun ein starker Bock. -- Wetter noch einmal, ob
der Bursche nicht aussieht wie ein Wildschwein, als er da breitspurig und
bequem den halsbrechenden Pfad ohne die mindeste scheinbare Anstrengung
hinuntergleitet. Wenn der zum Schu herberkme, der wr' recht. -- Jetzt
folgen noch ein paar wahrscheinlich gelte Geisen oder schwchere Bcke
-- es lt sich von hier aus nicht so deutlich erkennen -- dann wieder
Kitzgeisen dazwischen, und zum Schlu noch ein alter Bock. Im Ganzen ein
Rudel von drei und zwanzig Stck.

Jetzt ist Alles wieder still -- die Gemsen haben irgend einen bewaldeten
Hang angenommen, und ziehen geruschlos und gedeckt darin fort.

Es ist aber, selbst fr den gebten Gemsjger, gar nicht etwa so leicht
Geis und Bock von einander zu unterscheiden, ja in der Ferne fast ganz
unmglich, wenn nicht die Geis eben ihr Kitz als Legitimation mit sich
fhrt. Die Farbe der Gemsen ist im Sommer lichter als im Winter, und
schmutzig isabellfarbenartig nur mit dem dunklen Rckenstreifen. Im rechten
Winter werden sie aber ganz schwarz, und alte gelte Geisen die allein
kommen, und oftmals gar starke ansehnliche Krickeln tragen, sehn genau so
aus wie ein Bock. Nur in der Nhe unterscheidet sie der lngere dnnere
Hals, wie auch der etwas zierlichere Kopf vom Bock. Ebenso stehn ihre
Krickeln mehr parallel zusammen auflaufend, whrend die Krickeln des Bocks
gleich unten von der Wurzel aus etwas strker sind und sich ein wenig
auseinander biegen. Allerdings nur schwache Unterscheidungszeichen in der
Ferne.

Links, dicht neben uns flattert etwas -- welch prchtiger gewandter Vogel
sucht sich da sein Mahl an dem nackten Felsen? -- Es ist ein Alpenspecht,
der mit den scharfen Klauen einkrallend in den Stein, die Flgel
ausgespannt und wie zur Sttze an die Wand gestemmt, den Kopf
zurckgebogen, auf und ab, bald rechts bald links hinberluft, und
blitzschnell mit dem nur leicht gebogenen spitzen Schnabel in Ritz und
Spalte fhrt, Kfer und kleineres Gewrm daraus hervorzuholen. Und welche
Pracht in dem Gefieder. Der ganze kleine Bursch ist in seiner Haupt- und
Grundfarbe schn stahlgrau mit schwarzem Kopf und dunklen Streifen
auf Schwung- und Deckfedern, aber ber die zierlichen Flgel luft ein
rosenrother Streif, in dem Grau verschmelzend, wie an den Schwingen des
Weinvogels, jenes zierlichen Nachtfalters, und die kleinen schwarzen Augen
schauen so scharf, so klug umher. Ist er so wenig furchtsam da er den, nur
wenige Fu von ihm kauernden Jger gar nicht scheut? -- Ja, der rhrt und
regt sich nicht, und sitzt da wie hineingewachsen in die Laatsche. Die
erste Bewegung freilich -- was war das? -- Dort flattert auch schon der
Alpenspecht zur Seite. Aber was kmmert uns jetzt der -- gerade da drben
in der schmalen Klamm, die seit ab aus dem Walde niederfhrt, rollte ein
Stein; dort unten springt er vor und da -- wieder der Stich in's Herz -- da
drben auf der nchsten Felsenspitze, auf einem Raum den ich mit der Hand
bedecken knnte, steht ein schwarzer etwa drei- oder vierjhriger Bock, den
klugen Kopf mit dem weien Backenstreif nach unten gedreht, wo in diesem
Augenblick ebenfalls eine Kitzgeis sichtbar wird.

Wie krampfhaft fat die Hand den Bchsenkolben, sucht der Zeigefinger
der rechten Hand den Drcker, der Daumen den Hahn. Geruschlos wird er
gespannt, langsam durch keine rasche Bewegung den Blick des aufmerksamen
Thieres hierherzulenken, hebt sich der Lauf und Korn und Visir zusammen.

Pest! murmelt der Jger leise zwischen den zusammengebissenen Zhnen
durch, und er hat Ursache, denn oben auf dem Lauf, gerade vorn auf dem
Korn, von dem blitzenden Metallpunkt vielleicht angezogen, schaukelt sich
ein kleiner zierlicher gelber Schmetterling, und will nicht wanken und
weichen.

Noch steht der Bock da drben und die Gemse unten interessirt ihn mehr
als irgend ein Gerusch oder Luftzug der ihn von oben fortgescheucht.
Mit unzerstrbarem Ernst schaut er nieder auf das spielende Kitz und die
lauschende Geis.

Langsam und vorsichtig hat der Jger inde die Bchse zurckgezogen, bis
er mit dem Korn den nchsten Laatschenbschel erreichen kann. Der
Schmetterling weicht den drohenden Stacheln des grnen Busches aus, und
flattert thalauf, und wieder richtet sich das Rohr dem heiersehnten Ziele
zu.

[Illustration]

Da -- hat sein Auge irgend einen verrtherischen rckschlagenden
Sonnenstrahl von dem blanken Lauf gefat? -- wirft der gefhrdete Bock
rasch den Kopf empor, und die klugen Augen haben im Nu den Ort der
wirklichen Gefahr erkannt -- aber zu spt. Korn und Visir schmelzen gerade
auf dem Blatt der wenig mehr als hundert zwanzig Schritt entfernten Beute
zusammen; der Finger berhrt den Stecher und mit dem Schlag, noch whrend
der Bock sich vorn niederlt, von seinem spitzen Stand hinabzusetzen,
schlgt ihm die Kugel, schon etwas hoch, das Rckgrat ber dem Blatt
entzwei. Vergebens sucht das Thier sich mit den scharfen Lufen in den
abschssigen Boden einzukrallen, die Steine rollen unter ihm fort; halb
fllt er, halb rutscht er nieder. Whrend ihm das Gerll polternd folgt und
ber ihn wegspringend dem nchsten Abhang zu fliegt, erreicht er unten
den ersten festen Halt -- Steinblcke, die Lawine oder Bergstrom da nieder
geschmettert -- und sucht noch einmal dort sich aufzurichten. Vergebens;
seine Kraft ist gelhmt, sein Lauf in diesen Bergen beendet, und whrend
der rothe Schwei den Boden um ihn frbt, bricht er sthnend zusammen.

Aber an ihm vorbei fliegt die Kitzgeis, den offenen Weg zur Flucht nach
unten nicht bentzend. Zwar ist sie sicher vor des Schtzen Rohr, denn
keine Kitzgeis wird in der cht weidmnnisch betriebenen Jagd geschossen,
aber was scheucht sie denn auf einmal dort hinauf? -- Hat sich der Schall
des Schusses in den Bergen, was oft geschieht, so gebrochen, da sie die
Gefahr da unten whnt, whrend sie hier oben in der Nhe des Feindes droht?
Oh nein -- das scheue Thier wei recht gut vor wem es flieht, denn ber die
Steine unten, ber Gerll und Felsenblock hinwegspringend, so rasch fast
wie der Bock selber frher sprang, der dort verendend liegt, kommt ein
Jger herauf aus der steilen Schlucht.

Den Bergsack auf dem Rcken, die Bchse ber der linken Schulter, den
Bergstock zum Springen ber Spalte und Stein gebrauchend, wie der Rabe
seiner Berge der den Geruch des Blutes wittert und mit raschem Flgelschlag
schon nach dem Schu krchzend herbeistreicht, setzt der kleine gewandte
Bursch heran. Im Nu hat er dabei die Stelle gefunden wo das, noch einmal
wenn auch vergebens seine letzten Krfte anwendende Thier liegt. Bchse,
Hut und Bergstock drckt er gleich darauf neben sich auf die Steine, das
Messer fliegt aus der Scheide, und die sich krampfhaft streckende Beute
sthnt unter dem Gnadensto. Aber zu gleicher Zeit fast greift die eine
Hand auch nach dem _Bart_ des verendenden Bocks, zieht die langen, mit
weier Spitze versehenen Rckenhaare[2] rasch und geschickt heraus, soweit
sie sich zum Hutschmuck eben brauchen lassen, nimmt dann ein altes, schon
mit frherem Schwei beflecktes Stck Papier aus der Tasche, wickelt sie da
sorgfltig hinein und birgt das in seiner Brusttasche. Jetzt erst geht
er an das Geschft des Aufbrechens, die Gemse dann spter in dem rasch
abgeworfenen Bergsack mit hinaus aus dem Graben zu nehmen.

  [2]: Der Gemsbart sitzt dem Bock nicht etwa unter dem Kinn, sondern auf
  dem untern Theil des Rckens; an derselben Stelle, wo das Wildschwein
  die lngsten starren Borsten hat.

[Illustration]

Der Bursch da unten ist aber eine der interessantesten Persnlichkeiten
unter smmtlichen Jgern. Klein und fast schmchtig von Gestalt, aber
trotzdem von zhem, nervigem Krperbau, munkelt man da er frher, wie er
jetzt Einer der besten, wenn nicht der beste Jger des Reviers ist, auch
Einer der berchtigtsten Wildschtzen gewesen sei. Jedenfalls kommt ihm
keiner der Uebrigen gleich im Fallenstellen fr alles mgliche Raubzeug,
vom Jochgeier nieder bis zum kleinen Wiesel. Niemand lockt wie er Hasel-,
Stein-, Schneehuhn und Birkwild, und fngt die Schnepfen und andere
Strichvgel so geschickt in Schlingen. Auch Alles was man lebendig verlangt
liefert er -- wohl nicht gleich, denn solch Ding erfordert Zeit -- aber
_mit_ der Zeit gewi und sicher.

[Illustration]

Wenn man von oben die kleine unansehnliche Gestalt betrachtet,
kommt's Einem auch wohl unwahrscheinlich vor, da das der grimmste und
gefhrlichste Feind sein sollte, den die schlauen und scheuen Thiere der
Wildni hier in den Bergen, in ihrem eigenen Reviere htten; so wie er aber
den Kopf nur umdreht glaubt man's ihm. Der ganze Schnitt des Gesichts ist
schon dem Adler gleich, das Auge nicht gro aber lebendig und rastlos,
nicht einen Moment an ein und derselben Stelle haftend. Die Augenbrauen
sind dabei hoch heraufgezogen, und wie durch das stete Horchen und Wachen
so stehn geblieben. Der kleine Ragg, wie er zum Unterschied von seinem
Vetter, dem _groen_ heit, sieht aus, als ob er nicht einmal im Schlaf die
Augen schlsse.

[Illustration: =Treiber an einer Wand.=]




5.

Das Treiben am Joch.


Mit dem Riegeln -- wie diese Art Treiben genannt wird -- ist's jetzt
vorbei. Dort drben pfeift noch einmal eine Gems, die wahrscheinlich den
Wind von einem der andern Treiber bekommen. Platz genug hat sie indessen
zur Flucht, und bringt sich auch rasch in Sicherheit. Wieder hinauf
klettern wir jetzt, von dem schmalen Steinkamm bis hinber zum Waldeshang,
denn hinunter zur erlegten Gemse knnte wohl kaum eins der scheuen Thiere
selbst, so schroff und jh luft da der Fels hinab. Ragg wird sie schon
hinauf zum Sammelplatz schaffen.

Aber auch selbst das Aufklettern geht nicht so rasch, denn bist Du ein
einziges Mal durch die Laatschen _aufwrts_ gestiegen, Freund, dann weit
Du auch was das Ding zu sagen hat. Die zhen elastischen Zweige liegen alle
nach unten, eine Strecke erst am Boden oder einen Fu darber hinlaufend,
und dann wieder in die Hhe biegend, da sie die Bschel an den Spitzen der
Zweige gerade und aufrecht tragen. Ein in einander greifen sie dabei, und
wenn auch die schlanke Gemse, die nur ihre Krickeln auf den Rcken zu legen
hat, leicht hindurch schlpft, bleibt doch der Jger mit seiner Bchse ber
der Schulter, mit dem Bergstock in der Hand, mit Hut und Rock und Riemen
alle Augenblick darin hngen, und abzubrechen ist fast gar kein Zweig. --
Nur mit dem Messer gehauen oder eingeschnitten, knickt er augenblicklich
ab. Noch schlimmer ist es dabei, wo drre Aeste mit dazwischen liegen;
ein Durchkommen wird da fast zur Unmglichkeit, oder mu Zoll fr Zoll
erzwungen werden.

Und dennoch ist es, wenn nicht leichter, doch jedenfalls sicherer in den
Laatschen auf, als abwrts zu klettern. Die zhen Bsche hngen ber alle
Abgrnde weit hinaus, und wollte man rasch zwischen ihnen niedergleiten,
da sich die weichen Zweige dem nach unten Hindurchdrngenden aus dem Wege
biegen, wre man jedem Augenblick der Gefahr ausgesetzt ganz
gemthlich vielleicht in eine fnf- bis sechshundert Fu tiefe Schlucht
hineinzufahren.

[Illustration]

Als ich den Sammelplatz endlich erreichte hatten sich, den kleinen Ragg
ausgenommen, der noch mit seinem Gemsbock irgendwo unten im Graben stak,
schon smmtliche Treiber um den Herrn versammelt.

Wie wundervoll die Wildni um uns liegt. Dort drben hebt der groe
Falke sein riesiges Haupt empor, whrend die gewaltigen Tannen an dem
gegenberliegenden Hang so niedrig aussehn wie kleine zierliche Bsche,
und unter uns ghnt eine wilde Schlucht tief in den Graben nieder, der hier
scharf und abschssig viel hundert Fu wohl jh hinunter sinkt.

Auf einem Felsenvorsprung aber, der weit ber den dunklen Abgrund
hinausragt, die Bchse ber der Schulter, den Bergstock in der Hand, steht
unser Jagdherr, und neben ihm demonstrirend und erzhlend der groe Ragg,
whrend sich Rainer etwas kleinlaut hinter diesen gedrckt hat.

Die anderen drei Jger, von denen der eine den vom Herrn erlegten starken
Bock im Bergsack trgt, stehen etwas weiter zurck.

Und Ihr seht jetzt da ich recht hatte, sagt dieser; die drei starken
Rudel die von unten kamen, haben alle mit einander gar nicht daran gedacht
bis zu mir herauf zu klettern, sondern sind, wie sie das _jedesmal_ thun,
seitwrts ausgebrochen. Haben _Sie_ etwas geschossen?

Einen Bock--

Nun ja, ich auch einen, und die andern Freunde sind gar nicht zum Schu
gekommen, whrend wenigstens vierzig Gemsen in dem Treiben waren.

Rainer spricht kein Wort, Ragg hingegen, der ganz ungleich seinem Vetter
nie eine Gelegenheit vorber gehn lt seine Meinung, lebhaft dabei
gesticulirend, zu sagen, will sich auf eine nhere Beschreibung des
Treibens einlassen -- es ist die Elster unter den Jgern. Diesmal aber
wird er unterbrochen, das zweite Treiben rasch besprochen, und fort geht's
wieder, die steilen Hhen hinan, ein Treiben an der Nordseite des Jochs,
im sogenannten Ochsenthal zu machen, wo nur ein paar gezwungene Wechsel
den Gemsen bleiben sich zu retten und die schtzenden Dickichte wieder zu
erreichen.

Ein wilder rauher Marsch war das jetzt den steilen Hang hinauf, bald in
berbiegende Laatschen hinein, bald an steilem Felsgerll emporklimmend.
Einer hinter dem Anderen her, oder seitwrts auch ausbiegend, einen
bequemeren Aufweg zu finden. Der Stock ntzt dabei gar wenig, und ist oft
nur im Weg; die Laatschenzweige sind dagegen treffliche Hlfen und oft,
wenn ein lockerer Stein losbrckelt, schtzt die rasch ergriffene Laatsche
den Steigenden vor einen bald mehr bald weniger gefhrlichen Fall.
Unverdrossen aber, nur das eine Ziel, die Hhe im Auge, wird jede
Schwierigkeit besiegt, und nach drei Viertelstunden schweren Steigens etwa
haben wir endlich das ersehnte Joch erreicht.

Bald ist hier Alles besprochen, die Schtzen sind vertheilt, die Treiber,
die sich auf den kahlen Felsen an bestimmten Punkten nur zu zeigen, und ein
paar Steine hinab zu werfen haben, sind abgegangen und Jeder hat sich,
so gut das eben auf dem offenen Terrain gehen will, hinter irgend einen
Felsblock, einen einzelnen Laatschenbusch, oder eine sonstige Erderhhung
gedrckt.

Da rasselt's da drben an der Wand, Steine rollen und kleine dunkle Punkte,
nicht grer wie Ameisen, springen blitzschnell ber die lichten Wnde hin.

Mit dem Fernrohr, nach Bchse und Bergstock das wichtigste Instrument fr
dem Gemsenjger, suchen die Schtzen indessen das Terrain, das sie bersehn
knnen, ab. -- Unerwartet kann ihnen berhaupt hier kein Wild kommen,
denn der steinige, rauhe Boden verrth es schon aus grere Entfernung.
Da drben ist ein dunkler Punkt an der nmlichen Wand ber der der erste
Treiber sichtbar wurde -- richtig es ist ein alter Bock, der sich hier
unter einen Felsvorsprung gestellt hat, nach unten hin aufmerksam die
springenden Gemsen betrachtet, nach oben ganz erstaunt hinauf horcht, woher
auf einmal all die groen dicken Steine kommen, von denen er freilich,
g'rad wo er steht, wenig zu frchten hat.

Dort und da wird es jetzt lebendig. Ueber den tiefen Thalgrund des
weiten Felsenkessels springt das strkste Rudel grade dort hinauf, wo der
frstliche Jger, die Bchse im Anschlag, fest hinter einen hohen Stein
gedrckt steht. Nher und immer nher kommen sie hinan -- der Wind schlgt
auf und sie wittern nicht die Gefahr der sie sich nahen. Prachtvoll
sieht es dabei aus, wie die dunklen schlanken Thiere an den lichtgrauen
Steinwnden hin und aufwrts setzen. Jetzt bleibt die Leitgeis auf einer
vorspringenden Zacke mit dicht zusammen geschobenen Schaalen stehn und
sichert umher. -- Aber nicht lange braucht sie nach der vermutheten Gefahr
zu suchen -- der Treiber dort oben auf dem nackten Joch schwenkt den Hut
nach ihnen hinber; seine ganze Gestalt zeichnet sich ihnen scharf und
rein gegen den blauen Himmel ab, und fort strmen sie wieder, geschtzteren
Platz zu erreichen und aus so gefhrlicher Nhe zu kommen -- die armen
Dinger.

Jetzt setzen sie die Schlucht hinauf an dessen oberem Ende der Jagdherr
steht -- kaum fnfzig Schritt an ihm vorbei springt das Leitthier -- hlt
einen Augenblick auf dem Kamm, sieht den neuen Feind, thut einen scharfen
Pfiff und verschwindet an der andern Seite des Jochs. -- Und kein Schu?
-- noch eine Gems und noch eine folgen ihr und jetzt -- eine kleine blaue
Wolke steigt hinter dem Felsen auf -- jetzt noch eine, und zwei Gemsen sind
schon lange zusammengeknickt und von der steilen Hhe niedergerollt, als
der dumpfe Knall der Bchse sich erst donnernd an den Wnden bricht, und in
das Thal seine Schallwellen niederwlzt. -- Wie die brigen Thiere stutzen
und schrecken -- aber die Leitgeis ist voraus, der _mssen_ sie folgen, und
nach drngt deshalb, trotz dem Schu, der ganze Trupp, nur einen scheuen
Bogen um die gestrzten Kameraden beschreibend.

Wieder steigt in zwei kurzen Sten der blaue drohende Dampf empor, und
wieder taumelt eine Gemse. Wild vorbei strmen die entsetzten Thiere. Aber
noch ist der Donner nicht verhallt als auf's Neue die tdtliche Kugel ihr
Opfer sucht.

Sechsmal hat es aus den drei Doppelbchsen gesprochen und drei Gemsen
liegen verendet auf dem Platz und schwer verwundet schleppten sich zwei
andere noch ber das Joch hinber, davon eine der Hund nach kurzer Suche
in einem Laatschenbusche antrifft und niederreit. Die andere ward spter
verendet gefunden.

Die brigen Rudel brachen zwischen den Treibern durch, und nur der eine
alte Bock war halsstarrig in seinem wohlversteckten Platz stehn geblieben,
bis die Jger ihn lngst passirt hatten. Dann drehte er sich um und
verschwand pltzlich in einer der zahlreichen Spalten, wie in die Wand
hinein.

Und nun der frhliche Heimzug von der Jagd! Rasch sammeln sich die Jger,
guter Dinge da der mhselige Trieb gelungen; brechen das erlegte Wild
auf, und werfen es aus, thun sorgfltig das gesammelte Feist wieder hinein,
packen die Gemsen in ihre Bergscke, und heimwrts geht es jetzt, am Rcken
des Jochs auf einem ziemlich guten Pirschweg hin.

[Illustration]

Ihr Tagewerk war aber auch kein leichtes, und wer ihnen zusieht wie sie an
den steilen Wnden hinlaufen, oft ber Abgrnden hngen wo der geringste
falsche Tritt sie rettungslos in die Tiefe schickte -- denn ein Anklammern
wre da nicht mehr mglich -- wie sie jetzt im Schwei ihres Angesichts
durch ein Laatschendickicht arbeiten, jetzt ber das Gerll einer Reien
klettern und immer munter, immer vergngt dabei, der mu die Leute wahrlich
bewundern. Und trotz den oft furchtbaren, jedenfalls hchst mhseligen
Wegen die sie zu steigen haben, achten sie nicht blos auf ihren schmalen
Pfad, nicht blos auf das Wild, das sie dort losgehen sollen, nein ihr Auge
spht zugleich, sorglos um die Gefahr die sie umgiebt, nach dem sprlich,
und nur an den wildesten rauhsten Stellen wachsenden Edelwei, nach einer
einzelnen, vom Sommer brig gebliebenen Scabiosa, nach einem tiefblauen
Enzian oder einer in dieser Jahreszeit sehr seltenen Alpenrose, mit diesen
Blthen, neben Spielhahnfedern und Gemsbart ihren Hut zu schmcken.

Der Bruch von einer Laatsche an Mtze oder Hut ist heute das Siegeszeichen
der gelungenen Jagd, und das Behagen erreicht den hchsten Grad, wenn
Abends die erlegten Gemsen am Pirschhaus oder der Almhtte mit den Krickeln
oben am Dach eingehakt zur Zierde, als ebensoviel wohlerworbene Trophen
hngen.

[Illustration: =Die Berathung.=]

[Illustration: =Nach dem Treiben.=]




6.

Die Pirsche.


So prachtvoll eine solche Treibjagd ist, besonders wenn man von irgend
einer vorspringenden Stelle aus den grten Theil derselben mit dem darin
aufgescheuchten Wilde bersehen kann, soviel interessanter ist die Pirsche.
Bei dem Treiben ist der Jger vom Wild abhngig, ob es ihn gerade annehmen
will, und darf seinen Stand nicht verlassen, den ganzen Bogen nicht zu
stren. Bei der Pirsche sucht er selber das Wild auf, und es hngt
dann, allerdings neben vielem Glck, doch auch viel von seiner eigenen
Geschicklichkeit und Umsicht ab, ob er zum Schu kommen wird oder nicht.
Hier in den Bergen ist die Pirsche freilich weit beschwerlicher, und in
mancher Hinsicht auch gefhrlicher, als im Walde unten, denn die alten
Gemsbcke suchen sich am allerliebsten die rauhsten Wnde in den Klammen
aus, in die sie sich hineinstellen, und von wo aus sie eine weite Strecke
berschauen knnen -- und dort mu sie der Jger finden und beschleichen.

Fr den Wildstand selber ist aber, besonders wenn eine gewisse Anzahl
Gemsen abgeschossen werden soll, das Treiben weit besser als das ftere
Pirschen. Beim Treiben wird ein Revier einmal durchgegangen, und hat dann
Ruhe -- kehrt die aufgescheuchte Gemse nach einigen Tagen auf ihren Stand
zurck, so findet sie denselben gewohnten Frieden und bleibt. Wird dagegen
oft durch ein und denselben Platz gepirscht, so verjagt der Jger, wenn er
selber auch vielleicht gar Nichts oder nur wenige Stck zu sehn bekommt,
und scheinbar ganz unbemerkt den Berg durchschlichen hat, doch viel Wild.
Was den Wind von ihm bekommt flieht fast noch ngstlicher, als was ihn
selber sieht, und einen schrferen Geruchssinn als die Gemse, hat wohl kein
Sugethier weiter auf Erden, mge es, welcher Gattung es wolle angehren.

Beim Pirschen hngt das Meiste davon ab frh aufzubrechen. Die Gemse,
ziemlich wie anderes Wild, st sich Morgens von Tagesanbruch bis etwa
um acht oder neun Uhr, und thut sich dann bis ziemlich genau um zwei Uhr
nieder. Zu dieser Zeit steht sie wieder auf, beginnt aber erst gegen Abend
recht lebendig zu werden.

In der Brunftzeit, die bei kalter Witterung schon gegen Ende Oktober, bei
warmer erst mit dem Monat November beginnt, luft der Bock allerdings
den ganzen Tag herum, st sich dann aber nur sehr wenig und pat
auerordentlich auf.

Beim Pirschen ist es nun allerdings stets und unter jeder Bedingung
am besten, _ganz_ allein zu sein. _Ein_ Mann macht schon berdies beim
Anschleichen Gerusch genug, und zwei verderben oft die Jagd. In den Alpen
aber und auf vollkommen fremdem Revier, noch dazu fr den Fall da etwas
erlegt oder angeschossen wird, bleibt ein Begleiter ein nothwendiges Uebel.
-- Und doch ist es auch wieder eine eigene Lust mit einem solchen Tyroler
Gemsjger im stillen Wald, in den wilden Bergen pirschen zu gehen.

Diese vor allen anderen sind auch die einzigen und chten deutschen
Indianer, -- nur da sie Schuh und Kleider tragen. Abgehrtet gegen Frost
und Hitze, wie nur ein Wilder sein kann, mig in ihrer Lebensart bis zum
Aeuersten, einfach in ihren Sitten, leidenschaftlich ihrer Jagd ergeben
und darin Meister -- was um Gottes Willen knnte man von einem wirklichen
Indianer mehr verlangen. Auch ihre Farbe ist nicht viel, wenn berhaupt,
lichter, als die einiger Stmme der Sdsee, und was ihre Sinne betrifft, so
haben sie jene Wilden schwerlich schrfer. Nur im Anschleichen knnten sie
von ihnen lernen.

Wie der Pfeil vom Bogen, und dabei geruschlos wie die Nachteule auf ihre
Beute stt, gleitet der Indianer, jeden nur irgend mglichen Vortheil des
Terrains benutzend ber den Boden hin. Der Bergbewohner ist plumper -- er
tritt fester auf und sein Schritt, auch wenn er sich noch so viele Mhe
giebt leise zu gehen, ist dennoch schwer. Natrlich tragen da die schweren,
eisenbeschlagenen Schuhe das Ihrige dazu bei. Aber eine Wonne ist es, zu
sehn wie so ein Gemsjger den Wind nimmt, wie sein Blick gleichzeitig ber
jede Ble an den Hngen als auch ber den Boden schweift die Fhrten zu
beachten; mit welcher Aufmerksamkeit er dabei jedem Gerusch horcht und wie
er, mit einem Worte, so ganz Jger ist. Jede Bewegung an ihm ist Natur, und
wie der Adler oben in seinem Element auf ruhendem Fittig kreist, wie der
Fisch im Wasser schwimmt, wie das Reh zierlich und leicht durch den Wald
tritt, so leicht und unbehindert, so ganz in _ihrem_ Element, steigen
dieses Kinder der Berge Fels auf und ab, ber schrg wegsinkende Lannen,
ber brckelndes Gestein, immer mehr um sich nach Wild, als auf ihren
gefhrlichen Pfad schauend.

Aber jetzt fort, drben die hohen Joche, wenn auch im Thal unten noch
dunkle Nacht liegt, zeigen schon den dmmernden Morgen, und kalt und
frostig zieht uns der erste Sonnengru durch die Glieder. -- Sonderbar ist
es in der Natur, da _vor_ dem warmen Licht der Sonne die Luft erst noch
einmal recht kalt, da vor dem dmmernden Tag die Nacht erst noch einmal
_recht_ dunkel wird.

Unseren Pfad knnen wir jedoch schon erkennen -- ein guter Pirschsteig
luft am Hange hin, und gerade mit Bchsenlicht kommen wir dann an
die besten Stellen im Revier -- _zu_ frh kann man da fast gar nicht
aufbrechen.

Mein Begleiter ist diesmal -- den ich schon frher erwhnt habe -- die
Elster unter den Jgern: der groe Ragg. -- Er spricht allerdings viel
-- wenn man ihn lt; aber was sein Handwerk angeht, wird er darin
vielleicht nur von seinem Vetter bertroffen. Wo brigens nicht gesprochen
werden darf, wei er auch recht gut zu schweigen und vielleicht nur in
dem ernsten stillen Wesen der brigen Bergjger scheint das bei ihm
Schwatzhaftigkeit, was man im flachen Lande gar nicht bemerken wrde. Die
Berge sind in der That nicht der Ort zum Sprechen. Die stille Ruhe um uns
her fordert zu gleichem Schweigen auf, und jedes, selbst geflsterte Wort,
scheint den heiligen Frieden dieser Wildni zu stren.

[Illustration]

Und hier ist wirklich noch _Wildni_, denn _Urwald_ umgiebt uns in all
seiner einsamen Pracht. Kein Holz wird hier geschlagen; der alte morsche
Baum bricht ber seiner Wurzel zusammen und fault wo er gewachsen und
gestanden. Wo der Fhn oftmals ganze Strecken dieser vielarmigen Waldriesen
niedergestreut, liegen sie toll und bunt ber einander hin geset, und was
eben wachsen will und kann, bricht sich zwischen ihnen hinaus die junge
Bahn.

Aber der umgestrzte Baum hat fr uns in diesem Augenblick nur insofern
Interesse, als er mit seinem dichten Wipfel vielleicht eine sich dahinter
sende Gemse deckt. -- Jeder Stein wird mistrauisch betrachtet, jedes
raschelnde Laub bannt den Horchenden an die Stelle, und erst dann schleicht
er weiter, wenn er sich berzeugt hat da kein Wild Ursache des Gerusches
war. Wie ein paar Verbrecher, mit dem erbrmlichsten Gewissen von der Welt,
vor jedem fallenden Blatt erschreckend, vorsichtig und ngstlich nach dem
geringsten fremden Ton hinber horchend, schleichen wir so dahin -- langsam
mit dem umgedrehten Bergstock nieder fhlend, da er keinen unzeitigen
Lrm mache, sorgfltig den eisenbeschlagenen Schuh auf das Gerll im Pfad
niedersetzend und jeden drren Zweig, jedes gelbe Blatt dabei vermeidend
-- sind es doch lauter Verrther, und nur zu rasch geneigt ihren alten
Bekannten und Freunden, dem scheuen Wild, Nachricht zu geben da Jemand
naht, der da nicht hingehrt.

So ein drrer Zweig ist auch wirklich oftmals schlimmer als ein
Telegraphendraht. Er knickt unter dem ungeschickten Fu -- der Jger bleibt
erschrocken stehn und wagt sich nicht zu rhren -- aber das Unglck ist
schon geschehn. Ein Alt-Thier vielleicht, mit dem man gar nichts zu thun
haben will, das aber hinter einem Dickicht irgendwo gestanden, hrt das
fatale Gerusch und wird aufmerksam. Sehn kann es dabei Nichts, aber der
Verdacht ist einmal gefat -- vielleicht trgt gerade jetzt auch ein sehr
unntzer Windzug die Witterung dort hinber, und schreckend, mit Tnen die
man ber eine halbe Stunde weit hrt, setzt es den steilen Hang hinab, und
macht den ganzen weiten Berg rege. An Pirschen ist in _der_ Gegend dann
weiter gar nicht zu denken.

Aber wir ziehen vorwrts. -- Da drben zeigen sich die nackten Felsen einer
weitausgebrochenen Klamm, und dort stellen sich die Gemsen am liebsten ein.
Zwischen dem Gerll wchst sprliches, aber sehr ses Gras, und ziemlich
offenen Raum haben sie zugleich, nach oben und unten auszuschauen.
Besonders sind diese Klammen ein Lieblingsplatz der alten Bcke, und denen
stellt man ja auch vor Allen nach.

Hier ist aber eine Hauptsache der _Wind_. Wenn dieser auf jeder Jagd eine
sehr bedeutende Rolle spielt, und bei Treibjagen wie Pirsche stets darauf
Rcksicht genommen werden mu, da man das Wild _mit_ dem Wind nun einmal
nicht beschleichen _kann_, so ist das noch viel mehr auf der Gemsjagd der
Fall. Man hat es hier nmlich nicht allein mit einem Wild zu thun, dem an
Geruchssinn kein anderes gleich kommt, sondern die Gebirge selber haben in
ihren Luftstrmungen so viele Eigenheiten, da der mit ihnen nicht betraute
Jger nur wirklich zufllig einmal ein Stck zum Schu bekommen wrde.

Ziemlich regelmige Luftstrmungen sind thalauf und thalab, Seitenwinde
finden fast nie, oder nur hchst selten statt. Im Schatten zieht dabei der
Wind stets _nieder_; in der Sonne _auf_wrts, und zwar aus sehr natrlichen
Grnden: die von der Sonne erwrmte Luft strebt nach oben, die kltere
drngt sich ins Thal hinab. Ehe die Sonne ber die Berge steigt, und
auf den Hngen, die sie nicht bestreicht, oder nicht erreicht hat, zieht
deshalb die Luft stets bergab, und oben an einem Joch hingehend, wrde
man wenig oder gar Nichts zu Schu bekommen. Man mu sich deshalb tiefer
halten, nach aufwrts sehn zu knnen, und was oben steht, kann man dann
auch leicht beschleichen -- ist wenigstens sicher da man den Wind von dort
herunter bekommt. Steigt dann die Sonne, nimmt man den Rckweg oben hin,
und hat denselben Vortheil wie vorher.

Beim Treiben lt sich diese Eigenschaft besonders gut benutzen, da man
im Stande ist sich den Wind auszusuchen, je nachdem man in eine khle
schattige Schlucht, oder auf den sonnenbeschienenen Rcken irgend eines
Felsens tritt.

Da es noch frh am Morgen und khl und frisch war, wo der Wind natrlich
scharf nach unten zog, hielten wir uns ziemlich tief, verlieen, sobald
es nur ordentlich hell im Wald geworden, den Pirschpfad und kletterten
vorsichtig den grasigen mit Kiefern und Krummfhren berwachsenen Hang
hinab.

Wie das so still im Walde war -- weit von drben herber, von der andern
Seite des Rithales klang der tiefe Schrei eines Brunfthirsches her
-- sonst fast kein Laut. -- Doch halt ja -- dort oben wo jene schmale
Felsenwand so hoch emporstieg und mit ihren grauen Seiten durch die Bume
schimmert, balzte ein Birk- oder Spielhahn mit weichen, melodischen Kullern
-- aber die Jger hren das zu dieser Jahreszeit nicht gern, denn es soll
schlechtes Wetter deuten.

Jetzt haben wir beinah die Klamm erreicht, Ragg wird immer ngstlicher im
Gehen, und jeder Schritt weiter zeigt auch schon mehr und mehr die helleren
Felsen, die bereinander geschichtet und aus gewaltigen Blcken bestehend,
bis fast oben unter das Joch hinauf ragen. Lngst schon haben wir den
Pirschweg verlassen, und steigen lautlos nebeneinander hin, Jeder vollauf
damit beschftigt den Ort auszusuchen wohin er den Fu geruschlos setzen
kann, und hat er den gefunden, einen raschen forschenden Blick umher zu
werfen. Da pltzlich packt er meinen linken Arm und die vorsichtig und
langsam ausgestreckte Hand deutet nach vorn. Der Richtung zu liegt dort
ein dichter Laatschenbusch und der eine Zweig -- wahrhaftig da drin steht
irgend ein Stck Wild, was es auch sei -- der eine Zweig bewegte sich, als
ob irgend etwas Schweres dagegen drckte. _Was_ fr Wild, war natrlich
noch nicht zu erkennen.

Leider lag der Busch etwas unter uns, und links abbiegend, von unten herauf
dahin zu kommen, krochen wir jetzt mehr als wir gingen der Stelle zu. Die
Gegend dort war wie gemacht zum Anpirschen, und lockere Felsblcke, und
umgestrzte, halb verdorrte Stmme bildeten ebensoviele Schutzwehren fr
den anschleichenden Jger. Vorsichtig benutzte ich auch das Terrain nach
besten Krften, und leise, nachdem ich vielleicht zwanzig Schritt auf den
Knieen gekrochen war einen schrg auflaufenden Fels zu erreichen, hob ich
langsam den Kopf und sah hinber.

Mord! war der mehr gedachte als gemurmelte Fluch, als ich mich pltzlich
einem starken Spiehirsch auf kaum vierzig Schritte gegenber sah, der
sich hier so ruhig ste, als ob nicht ein scharfgeladenes Rohr hinter dem
nchsten Steine lauerte, und sein leckeres Mahl htte bs versalzen knnen.
Aber Hirsche wurden natrlich in dieser Jahreszeit nicht geschossen und der
brigens ziemlich stark und feist aussehende Bursche htte uns die ganze
Jagd verderben knnen.

Vorsichtig vor allen Dingen wieder hinter meinen Stein zurckkriechend,
telegraphirte ich dem mir aufmerksam zuschauenden Ragg die unangenehme
Botschaft hinunter, und dieser kam jetzt langsam heraufgeschlichen. -- Was
nun thun? Zeigten wir uns, so brach der derbe Bursche hier ganz in der Nhe
der Klamm durch das Dickicht, und wenn er nicht einmal schreckte, warnte er
doch jedenfalls alle dort herum stehenden Gemsen, und verdarb uns die Jagd.
Es blieb uns nichts anders brig als ihm aus dem Weg zu gehn, und mit einer
Aufmerksamkeit und zarten Rcksicht fr seine Ruhe und ungestrte Mahlzeit
die ihn htte innig rhren mssen, wenn es ihm nur verstattet gewesen wre
uns zu beobachten, krochen wir jetzt zurck wie wir hinaufgeschlichen,
tiefer hinab ihm aus den Weg zu kommen.

[Illustration]

Das gelang auch vollkommen und etwa vier- oder fnfhundert Schritt tiefer
unten nherten wir uns endlich dem wirklichen Rand der Klamm, der gerade
an dieser Stelle von einem mit Laatschen bewachsenen Felsenvorsprung
berhangen wurde.

Zum Abugen gab es keinen bessern Platz, und vorsichtig krochen wir, die
Hte und Stcke abgelegt, ich nur mit der Bchse im Anschlag hinaus, die
untere Schlucht von hier zu bersehen.

Dort stand ein Bock -- da drben an der Wand, gleich unter ein paar kleinen
mit gelbem Laub noch sprlich bedeckten Espen. Das wenige Gras absend,
das in der Spitze von zwei dort von verschiedenen Seiten niederspringenden
Bchen wuchs, ging er langsam umher, vorsichtig dabei oben hinauf windend,
und den Blick zugleich, mit dem halb schrg gedrehten Kopf, nach der Tiefe
drehend. Aber er schien das mehr aus alter Gewohnheit zu thun, als da
er wirklich eine Gefahr gefrchtet htte. Der Morgen war so still, die
Schlucht lag so ruhig, und so lange hatte Nichts den Frieden hier gestrt
-- armer Bock -- es geht uns Menschen eben so. Die Gefahr naht gerade da am
liebsten, wo wir sie am allerwenigsten erwarten, und gut fr uns dann, wenn
sie uns gerstet findet.

Unser Schlachtplan war bald entworfen. Ragg wollte zwar gern, wie es
gewhnlich die Jger in den Bergen thun wenn zwei zusammen pirschen
gehn, mich hinunter auf den Wechsel schicken, und dann selber oben hinum
schleichen und dem Bock in den Wind kommen, oder sich auch zeigen, wodurch
er ihn mir dann vielleicht hinunter getrieben htte. Durch das Anpirschen
an den verwnschten Spieer war aber schon ein guter Theil des Morgens
verloren gegangen, und da er einen tchtigen Umweg htte machen, und ich
selber an die andere Seite der Klamm hinber klettern mssen, an der der
Wechsel lag, blieb es immer die Frage, ob wir nicht doch zu spt kommen
wrden. Ueberdies ste sich der Bock gegen den Wind hinauf. So beschlo ich
denn mein Glck mit Anschleichen zu versuchen und rasch zogen wir uns jetzt
von unserem Ausguck zurck, unterhalb desselben eine gedeckte Stelle zu
finden an der ich in die schroffe Klamm hinabsteigen konnte.

Das gab ein bs Stck Arbeit. Durch einen ziemlich weit hineinragenden
Vorsprung gleich unterhalb verdeckt, war allerdings hier keine Gefahr da
uns der Bock htte sehn knnen, und den Wind bekam er eben so wenig, denn
der wehte noch scharf und stt die Klamm nieder, aber wie an einer Wand
ging es hinab, und mit der Bchse auf dem Rcken, die den Ungebten oft im
Klettern hindert, war die Sache doch viel leichter berathen als ausgefhrt.
Ueberdem steigt es sich zehnmal besser bergauf, als in die Tiefe nieder.
Aber dort stand der Bock und hinunter mute ich; so die Zhne zusammen
beiend und den Bergstock, als treuen Helfer fest in den steinigen, mit
lockerem Gerll bedeckten Boden stemmend, ging die Fahrt zu Thal. Manchmal
lste sich, trotz aller Vorsicht, ein kleiner Stein, und rollte polternd
in die Tiefe, aber theils waren wir noch zu weit von der Gemse entfernt,
theils achten auch die Thiere auf _dies_ Gerusch, das sie in den Bergen
gewohnt sind, nicht sonderlich viel. Fortwhrend lsen sich in diesen
steilen Hngen, besonders nach feuchtem Wetter, kleine und grere Steine
los, und auf den greren Reien klappern sie fast ununterbrochen fort.

Hier nun eine Laatsche ergreifend, mit Hlfe ihrer zhen Zweige ein Stck
hinab zu kommen, dort mit dem eingestemmten Stock niederrutschend und jeden
vorspringenden Stein aufmerksam benutzend, den Fu darauf zu ruhen, kamen
wir endlich glcklich unten an. Ob der Bock freilich noch oben stand oder
nicht, lie sich von da aus nicht mehr erkennen. Da er sich aber dicht an
dem sprudelnden Bach gest, wo das Gerusch des Wassers schon selber Vieles
bertubt, hatten wir die Hoffnung da er unsere Niederfahrt nicht gehrt,
und folgten nun selber dem Bach rascher und zuversichtlicher aufwrts.

So leicht und glatt jedoch dieser Theil des Weges von oben ausgesehn hatte,
so schwierig fanden wir ihn hier. Riesige Felsblcke lagen berall umher
zerstreut, und hie und da schlossen die Wnde diese so eng ein, da sich
das Wasser ber sie hin den Weg bahnte -- und diesem schlpfrigen Pfad
muten wir folgen. Was that's -- wenn nur der Fu und Bergstock sich da
einklammern konnte, die Nsse kmmerte uns Nichts, und mhselig aber doch
ziemlich rasch arbeiteten wir uns aufwrts.

Dort stehn die Espen, flsterte mir da mein Begleiter zu; und schon
konnten wir die Wipfel der beiden kleinen Bume, dicht ber denen wir den
Bock zuletzt gesehn, auf ungefhr zweihundert Schritt Entfernung erkennen.

Wie mir das Herz da an zu klopfen fing -- wie der Athem so schwer wurde
-- aber vorwrts. Jeder Augenblick nutzlosen Sumens konnte uns das Wild
verlieren lassen, und der ganze mhselige Weg wre umsonst gewesen.

[Illustration]

Hier lief die Schlucht auf kurze Strecke glatt und gerade aus, und gleich
darber zog sich ein kleiner, sprlich mit Laatschen und Erlen bewachsener
Hang empor. Dem muten wir folgen. Der Boden war auch weich hier und zum
Anpirschen trefflich, und von dem oberen Theil des Hangs blieb hchstens
noch eine Strecke von etwa sechzig Schritt bis zu den Espen. In wenigen
Minuten war die zurckgelegt.--

Jetzt hatte ich den hchsten Punkt erreicht -- ein paar Felsblcke dicht
vor mir sperrten noch die Aussicht auf den kleinen Grasfleck auf dem der
Bock stehen mute, wenn er nicht schon vorher das Weite gesucht; aber zu
ihnen anpirschend brachten sie mich ihm auch soviel nher. -- Mir war dabei
zu Muthe, als ob mir Jemand die Kehle mit Gewalt zuschnre; ich konnte
keine Luft bekommen und drckte mich hinter dem einen Felsen nieder, erst
wieder ruhig zu werden.

Ragg sah aber die Bewegung, und als ich den Kopf nach ihm umdrehte
geberdete er sich, ohne jedoch den geringsten Laut von sich zu geben, wie
ein Rasender. Vorsichtig auf den Boden niedergedrckt, gesticulirte er
nmlich mit beiden Armen auf alle mgliche Art und Weise da ich schieen
solle; er hatte jedenfalls den Bock gesehn. -- Zeit war auch in der That
nicht mehr zu verlieren, und die Zhne aufeinander beiend, spannte ich
rasch und geruschlos die Bchse, nahm sie in Anschlag und -- da prasselte
und polterte es in den Steinen, der Bock ging flchtig, und wie ich jetzt
mit einem verzweifelten Satz hinter dem mich bergenden Steine vorsprang,
sah ich eben noch, wie einen Schatten, den schwarzen Krper des Wildes im
Laatschendickicht verschwinden.

Jesus Maria und Joseph! hrte ich hinter mir die verzweifelte Stimme
meines Begleiters, aber ohne mich nach ihm umzusehn, bersprang ich rasch
den kleinen Grasfleck, von dort aus vielleicht den Bock noch irgendwo an
der Wand, wenn auch flchtig, erkennen zu knnen. So rasch vermochte er
doch nicht daran hinauf zu laufen, da ihn die Kugel nicht noch erreicht
htte. Da brckelte gerad' ber mir ein Stein, und wie ich aufschaute sah
ich den Bock der eben an der Spitze einer niederlaufenden Laatschenzunge
einen kleinen Vorsprung erreicht, dort einen Augenblick hielt und seinen
scharfen warnenden Pfiff ausstie. Gerade als er sich wandte, mit einem
Satz das schtzende Laatschendickicht, das ihn jeder weiteren Verfolgung
entzogen htte, zu gewinnen, schickte ich ihm meine Kugel hinauf. Als sich
der Rauch verzog, war er verschwunden.

Den haben Sie heilig gefehlt! schrie aber jetzt der herbeispringende
Ragg, und machte Bewegungen dabei als ob er sich nur erst geschwind die
Arme ausrenken wollte, ehe er aus der Haut fhre.

Ich hatte zu rasch gezielt meiner Sache ganz sicher zu sein, und mochte
wohl etwas kleinlaut aussehn.

Aber um Gottes Willen, haben Sie ihn denn nicht gesehn, wie er da
hinter dem Steine stand? -- breit -- _so_ Sie htten ihn mit einem Stein
todtwerfen knnen.

Aber ich stak ja auch hinter den Steinen, Ragg, und konnte ihn von dort
aus nicht sehn.

O Jesus, o Jesus! lamentirte der Jger und schlenkerte den Kopf herber
und hinber.

Der scharfe Pfiff einer Gemse, oben aus den Laatschen antwortete ihm.

Na ja, da geht er hin -- dem thut kein Haar weh!

Aber wollen wir nicht einmal auf den Anschu sehn? Ich _mu_ ihn getroffen
haben.

Ragg erwiederte Nichts, seufzte nur tief auf, drckte den Hut -- den er
abgenommen hatte sich bequemer kratzen zu knnen -- wieder auf den Kopf,
warf sich die Bchse um und stieg mit einer Miene die steile Wand hinauf,
als ob er htte sagen wollen: -- Na ja, nachsehn mu ich, das ist meine
Schuldigkeit, aber die Gemse die ich da oben finde, fre ich mit Haut und
Haar.

Und soll ich nicht mitgehn, Ragg?

Er schttelte mit der Hand -- das gewhnliche Zeichen fr _nein_ unter den
Jgern und setzte dann, sich halb umdrehend hinzu -- es geht sich hier
nicht besonders bequem, und wir mssen doch nachher an die andere Seite der
Klamm hinber.--

Es geht sich hier nicht besonders bequem, -- es war eine vllig
senkrechte, etwa sieben Fu hohe Wand, an der er sich nur mit Hlfe einiger
kleiner Laatschenbsche hinaufarbeitete. Ueber dieser hatte er aber etwas
bequemere Bahn, und whrend ich ihm von unten zusah, und meine Bchse
dabei wieder lud, erreichte er den Platz auf dem die Gemse, als ich feuerte
gehalten. Er blieb oben aufrecht stehn, und sah sich rings am Boden um.

[Illustration]

Ein klein wenig mehr links, Ragg!

Das fatale Schtteln mit der Hand war die einzige Antwort. _Gefehlt!_
es war wirklich zum aus der Haut fahren, und _damit_ die ganze schne
Morgenpirsche verdorben, denn hier in der Klamm war nun Nichts mehr zu
machen. Pltzlich bog er sich auf den Boden nieder und hob ein Blatt auf,
das er genau besah, und mit dem Finger abwischte. Um mein Leben gern
htt' ich gerufen Schwei? -- aber ich frchtete das nichtswrdige
Handschtteln. In dem Augenblick war Ragg auch in den Laatschen
verschwunden, und in peinlicher Ungewiheit blieb ich in der Klamm zurck.

Da brckelte weiter oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt hher die Klamm
hinauf, wo sich ein Arm derselben rechts ab und in das Joch hineinzog,
war ein anderer kahler Vorsprung -- dort hing Ragg am oberen Rande und
schwenkte den Hut.

Der Bock?

Hier liegt er!

Wie ich die Wand hinaufgekommen bin wei ich heute noch nicht, aber oben
war ich, und dort lag der Bock -- ein prchtiger starker, etwa vierjhriger
Bursche, gerade auf's Blatt geschossen -- aber _ohne_ Bart. Die langen
Rckenhaare schienen gnzlich zu fehlen. Freilich auf sehr natrliche Art,
denn Ragg hatte sie schon, wie sein Vetter frher, in Papier gewickelt in
der Tasche -- mute sie indessen ebenfalls wieder herausgeben.

Den Bock schafften wir jetzt zusammen zum Wasser hinunter, hingen ihn dort
mit den Krickeln an einen niedergebogenen Erlenbusch, und waideten ihn
aus. Ragg schnrte ihn dann in seinen Bergsack, und still dabei vor sich
hinlachend da wir ihn doch erwischt -- denn die Jger setzen einen Stolz
darein, wenn sie mit Jemand pirschen gehn ihn auch zum Schu zu bringen
-- kletterten wir auf der anderen Seite der Klamm hinaus, nach einer
Nachbarschlucht hinberzuhalten, und dort unser Glck noch einmal zu
versuchen.

Ragg schwamm jetzt in seinem Element und erzhlte eine Jagdanekdote nach
der andern: wie er mit dem und jenem Herrn gepirscht wre und das und das
erlebt, und wenn ich ihn bat ruhig zu sein, da wir hier doch
vielleicht Gemsen antreffen knnten, beruhigte er sich stets mit einem
zuversichtlichen -- ah, hier ist Nichts.

Die Folge davon war da uns bald darauf wieder ein einzelner Bock anpfiff,
und den Hang hinauffloh. Auf etwa fnf Minuten brachte ihn das zum
Schweigen, dann aber fing er von vorne an, und lie sich auch nicht wieder
irre machen. Einmal ber das andere lobte er aber dabei meine Fertigkeit
im Steigen -- die gewhnliche Bergschmeichelei. Wenn ein Schtz aus dem
flachen Lande mit einem Bergjger zusammengeht, und nur einigermaen vom
Fleck kommt, macht ihm schon der Mann die grten Elogen was er fr ein
vortrefflicher Steiger sei, und denkt sich dabei: na Du solltest einmal
mit mir da und dort hin gehn, da wrdest Du schn hngen bleiben. -- Es
ist das gewissermaen ihr Kleingeld im Verkehr mit der Civilisation, mit
dem sie sich Cigarren und Guldenstcke eintauschen.

Ich will ihnen aber auch nicht Unrecht thun; bei Manchen mag es wirklich
Ernst sein, und sie haben sich die flachen Landbewohner so steif und
ungeschickt gedacht, da sie schon auf's Aeuerste erstaunt sind wenn sie
auer den Pirschpfaden nur mit fortkommen und deshalb rechnen sie ihnen das
geringste Auergewhnliche vielleicht schon so hoch an.

Und ich dachte heilig Sie htten ihn gefehlt, wiederholte er wieder und
wieder. -- Er sprang mir gar so geschwind in die Laatschen hinein. Es wr'
aber eine Schand gewesen, wenn wir _den_ Bock nicht gekriegt htten.

Seine Last im Bergsack schien ihn nicht im Geringsten zu stren, und rasch
und munter, viel zu rasch und munter fr einen Pirschgang, schritten wir
vorwrts bis zur nchsten Klamm.

Die Sonne war indessen hher gestiegen und warf auf die ziemlich dnn
bewachsene Seitenwand des Berges ihren vollen Strahl. Wir hatten uns auch
die letzte Stunde hher und hher hinaufgehalten, den Vortheil des jetzt
aufziehenden Windes zu haben. So erreichten wir den oberen Theil der
Nachbarschlucht, und mit ihr den Pirschweg wieder, der drben hinlief,
postirten uns gedeckt an den Rand und ugten mit unseren Glsern den
inneren Theil der Klamm sorgfltig ab.

Ragg hatte aufmerksam den unteren Theil abgesucht aber Nichts gefunden, als
ich zufllig gerade hinunter schaute und dort, etwa sechshundert Schritt
unter uns, einen alten Bock mitten in der Wand stehen sah, der hier schon
heraufgestiegen schien seine Siesta nach eingenommenem Mahl zu halten. Ein
Wink gengte fr den Jger, und wir Beide beobachteten jetzt aufmerksam den
alten Burschen, der gar so ernst und ehrbar den wei gestreiften Kopf nach
rechts und links und in die Tiefe drehte, nur nicht ein einziges Mal nach
oben blickte.

Ragg war mit seinem Plan bald fertig.

Wenn wir Zeit htten, sagte er, nach seiner dicken silbernen Taschenuhr
sehend, so blieben wir hier ruhig bis um zwei Uhr liegen. Der Bock
thut sich jetzt nieder und steht bis dahin wieder auf, wo er dann leicht
berredet werden knnte hier herauf zu kommen. Wenn wir aber um vier Uhr
in der Ri sein wollen, mssen wir frher Anstalt machen. Erst knnen wir
indessen abwarten was er vor hat; ob er da gedenkt sitzen zu bleiben, oder
nicht.

Ohne Weiteres warf er jetzt seinen Bergsack mit dem Bock zu Boden, seinen
Hut und sich selbst daneben und holte aus der Tasche das mitgenommene
Frhstck hervor, die Zeit die uns hier blieb, wenigstens so zweckmig als
mglich zu verwenden. Ich folgte seinem Beispiel.




7.

Ragg's Erzhlung vom Wilderer.


Sehn Sie die Laatsche da drben? nahm da Ragg das Gesprch, das aber
jetzt mit unterdrckter Stimme gefhrt wurde, wieder auf -- gleich die da
drben; die, wo das Dickicht bis zum Abgrund hinluft, hinber hngt?

Ja, Ragg -- aber ich kann da drben Nichts erkennen.

Ist auch _jetzt_ nichts mehr da zu sehn sagte er, leise dabei vor sich
hin lachend, fnf Jahre sind's aber jetzt, da hat die eine Laatsche, die
dort ber die steile Wand hinber hngt, einem Malefizkerl von Wilderer
einmal einen groen Gefallen gethan.

Einem Wilderer?

Ich und der Wastel erzhlte Ragg jetzt weiter, nachdem er erst noch
einmal einen vorsichtigen Blick nach unten geworfen, ob der Bock noch
dastnde, waren drben am Scharfreuter gewesen, und an der Grenze
hingegangen, theils zu sehn ob das Wild dort viel herber wechsele, theils
auch umzuschauen ob wir keine fremde Fhrten finden knnten, denn da hier
Wilddiebe von Baiern herber kmen hatten wir schon gehrt. Den Morgen um
neun Uhr etwa war ein leichter Schnee gefallen, und es schneite noch in
dnnen, einzelnen Flocken, als wir oben an der Luderstauden, gerade wo
die oberste Klamm gegen das Joch vorluft, eine ganz frische Mannsfhrte
fanden, die keiner von uns kannte. Das konnte niemand anders als ein
Wilderer sein, und whrend Einer die Fhrte hielt, whrend der Andere
scharf umher schaute, ob er den Burschen nicht vielleicht so, aus freier
Hand entdeckte, folgten wir so rasch und leise wir konnten.

Das ging nun allerdings gut, so lange wir oben am Joch blieben, denn dort
lag wenigstens Schnee genug zum Spren, der Malefizkerl hatte das aber auch
wohl bedacht und war in eine der nchsten Klammen hinein, und Gott wei wie
darin herum gestiegen, so da wir auf den kahlen Steinen zuletzt die Spur
verloren, und nun nicht wuten wo er geblieben war. Wastel wollte nun zwar
wir sollten uns trennen und nach verschiedenen Seiten suchen. Hatte er sich
aber irgend wo eingedrckt und sah uns anpirschen, so wre ein Einzelner
verloren gewesen; auf zwei schieen die Schufte aber nicht so gleich.

Hanthiert nur nicht so mit den Hnden, Ragg, Ihr liegt berhaupt zu nah
an der Wand, und wenn der Bock einmal den Kopf hier herauf dreht, mu er ja
die helle Hand in der Sonne herum fahren sehn.

Der steht noch baumfest erwiederte der Jger, indem er einen Blick
hinunter warf, und dann einen halben Schritt von dem Rand des Hanges
wegrutschte.

Und der Wilddieb?

Warten Sie nur -- die Fhrten nahmen im Ganzen die Richtung nach dem
Leckbach zu. Wastel glaubte nun freilich nicht da er sich soweit von
der Grenze weggemacht htte. Das blieb sich aber ganz gleich, Grenze oder
nicht, denn drben auf kniglichem Gebiet hatte er jedenfalls eben so wenig
Recht zu jagen wie hier, und erwischten ihn _die_ Jger, so ging's ihm
nicht um ein Haar besser, als wenn wir ihn kriegten. Wir ugten also aus
dem Wald heraus, die ganze Leckbach sorgfltig ab, sprten noch einmal ber
das Joch hinber, auf dem Schnee, und muten endlich glauben, er habe uns
vielleicht irgendwo auf seiner Spur gesehn, und sei wieder in das andere
Revier, wohin wir ihm nicht folgen durften, zurckgewechselt. Viel Zeit
hatten wir brigens auch nicht mehr zu verlieren, denn wir wollten die
Nacht noch nach der Grasberg Alm, und mit dem Umhersuchen war der Tag
ziemlich drauf gegangen. So stiegen wir denn rasch hinter einander her
aufwrts, als mich der Wastel pltzlich, ohne ein Wort zu sagen, am Arm
packt, und dort hinauf zeigte, etwa in die Gegend, wo der drre Baum da
oben auf der schmalen Lanne steht. Ich guckte hin, und kauerte da nicht der
verdammte Hallunke so ruhig auf einem umgefallenen Baum, und kaute an einer
Brodrinde, oder irgend etwas anderem, als ob er daheim in seiner Htte, und
nicht mit der Bchse auf einem fremden Revier se?

Der kann nicht mehr fort flsterte mir dabei der Wastel zu -- ich
springe hier unten herum, Du von der Seite hinauf, und dann haben wir ihn
in der Mitte -- vorn ist die Klamm, und da kann nicht einmal ein Gemsbock
hinunter!

Wie wir ihn nur erst gewahr wurden, hatten wir uns gleich hinter einen
Laatschenbusch gedrckt, und ohne weiter ein Wort zu reden, rutschte der
Wastel ein Stck auf der Erde fort, bis er in einen kleinen Graben kam. Den
annehmend, schnitt er dem Wilderer den Weg von jener Seite ab, denn htte
der's erzwingen wollen, braucht' er ihn ja nur ber den Haufen zu schieen.
Mir konnt' er auch nicht mehr wegkommen, und wie ich sah da der Wastel
war wo er sein sollte, pirscht ich mich noch vorsichtig auf etwa hundert
Schritt von dem Burschen an, legte dann meinen Hut, Bergsack und Stock
ab, nahm die Bchse herunter, und sprang was ich springen konnte den Berg
hinauf.

Ich hatte noch keine drei Stze gethan, da fuhr er schon mit dem Kopf
herum -- der Art Gesellen haben ein schlecht Gewissen -- und mich sehn,
aufspringen und die Bchse an den Backen reien, war das Werk eines
Augenblicks. Zu gleicher Zeit schrie ihm aber auch Wastel sein drohendes
Halloh entgegen und wie er den zweiten Mann sah, und nun wohl merkte da
es ihm an den Kragen ging, setzte er die Bchse erschrocken ab. Ich htte
ihn jetzt bequem umschieen knnen, fuhr Ragg ruhig fort, aber wir
wollten ihn gern lebendig haben, und -- wenn's nicht gerade sein _mu_,
ist's doch immer eine hliche Geschichte. So also schrie ich dem Burschen
zu: seine Bchse fort zu werfen, oder er wre ein todter Mann, und sprang
zu gleicher Zeit wieder rasch auf ihn ein. Daran dachte er aber nicht, und
umdrehn und in die nchsten Laatschen hineinfahren, war im Nu geschehn.

[Illustration]

An manchem andern Platz wre das nun vielleicht recht gut gegangen, denn
Jemanden durch die Laatschen zu verfolgen, ist ein verzweifelt mhselig
Ding; hier aber mute er keinesfalls wissen, wohin die fhrten. Der ganze
Laatschenstreifen war keine zwanzig Fu breit, und unter ihnen weg sank der
Abgrund, whrend der Wastel und ich den einzigen Ausweg, der nach rechts
und links abfhrte, leicht berschieen konnten.

Jetzt haben wir ihn schrie Wastel auch, als er vorwrtssprang und in die
Laatschen mit hinein setzte, -- pass' nur da drauen auf, Ragg, da er
nicht ber die Lanne springt! -- Aber er kam nicht weiter -- ein furchtbar
gellender Schrei tnte pltzlich vom Rand der Klamm herber und als wir
erschreckt und lautlos halten blieben, hrten wir erst unten etwas hartes
gegen die Felsen schlagen, und gleich darauf schallte der Schu der durch
den Sturz losgegangenen Bchse zu uns herauf.

Gott sei seiner armen Seele gndig sagte der Wastel und drehte sich
schaudernd um. -- Wir Beide standen jetzt still und horchten, aber Nichts
lie sich hren.

Ob man wohl hinunter sehen kann? sagte ich endlich.

Ich mag's nicht sehn meinte der Wastel -- ich hab' genug an dem Schu.

Ich arbeitete mich jetzt durch die Laatschen durch, wo ich gleich vorn
den Hut des Wilderers fand. Wie ich aber an den Rand kam, hingen die Zweige
tief darber hinunter und zwischen der Wurzel der einen durch, brckelte
das Gestein los, und strzte mit hohlem Fall in den Abgrund nieder. Ich
stand auf den Zweigen schon ber der Tiefe. Es wurde mir unheimlich da
drauen und ich kroch zum Wastel zurck.

Wollen wir hinunter klettern und nachsehn? sagte ich endlich. Der Wastel
erwiederte Nichts, wir warfen unsere Bchsen ber den Rcken und stiegen
thalab, muten auch einen groen Umweg machen unten hinein zu kommen, und
es mochte immer eine Stunde darber hingegangen sein, eh' wir den Platz
erreichten. Indessen hatte es strker an zu schneien gefangen, und der
Wind heulte so hlich durch die hohle Klamm -- es war ein gar so fatales
Gefhl, da unten nach einem zerschmetterten Menschen zu suchen. _Wir_
hatten ihn aber doch nicht umgebracht, er war selber dahinunter gesprungen,
und wenn wir ihn auch dazu getrieben, ei, was zum Teufel hatte er auf
fremdem Revier zu suchen.

Da liegt die Bchse sagte der Wastel pltzlich, -- der Kolben war
abgebrochen, und das Gewehr durch den Sturz losgegangen -- aber wo war
der Wilderer? Gerad in die Hh' konnte man bis oben hinauf unter die
berhngenden Laatschen sehn, an ein Anhalten unterwegs war nicht zu
denken, die Wand bog sich dort sogar nach innen, und selbst der Bergstock
lag etwa zehn Schritt von der Bchse entfernt -- aber kein Blutfleck, auf
dem der dnne fallende Schnee in keinem Fall liegen geblieben wre. Oben
durch war er auch nicht gekommen, so lange wir oben standen, und wir
zerbrachen uns jetzt den Kopf, was aus dem Burschen geworden sein knne.
Gewiheit _muten_ wir aber darber haben. Wastel nahm deshalb das
zerbrochene Gewehr, ich den Stock, und wir lieen uns die Mh' nicht
verdrieen und kletterten noch einmal hinauf. Hol's der Deixel, der Vogel
war ausgeflogen, und zwar seit wir den Fleck verlassen hatten, denn die
ganz frische Spur im Neuen lie auch nicht den mindesten Zweifel darber.
Todesangst mute er aber in der Zeit da wir oben suchten ausgestanden
haben, denn wie wir jetzt Alles ablegten und vorsichtig dahinauskrochen,
woher die Spur kam, fanden wir da er die ganze Zeit ber, und bis wir fort
waren, da _drauen_ ber dem Abgrund, an den Zweigen des Laatschenbusches
_gehangen_ haben mute. _Auen_ an der Wand waren die Spuren seiner
Fuspitzen, als er sich wieder hinaufgearbeitet, und wenn einer von
den dnnen Zweigen gebrochen oder ihm nur die Hand ausgerutscht oder
verkrampft wre, lag er unten bei seinem Gewehr, den Hals wie den Kolben
gebrochen.

Ragg hatte die ganze Geschichte in einem, nur ihm allein von allen Jgern
eigenthmlichen, schauerlichen Bergdialekt und mit flsternder Stimme
erzhlt, wobei man wirklich mit peinlicher Aufmerksamkeit zuhren mute, zu
verstehn was er meinte. Vorsichtig schaute er dabei dann und wann ber den
Hang hinunter, den Bock nicht aus den Augen zu verlieren. Der stand aber
noch baumfest da unten und rhrte und regte sich nicht.

Und habt Ihr nie erfahren wer der Wilderer war?

Ragg schttelte den Kopf und meinte, still dabei vor sich hinlachend: Der
ist damals mit ausgerupften Federn davongekommen, wird aber wohl an der
Lektion ber dem Abgrund dadrben genug gehabt haben. Wir haben ihn hier
drben wenigstens nie wieder gesprt. Uebrigens -- setzte er, leise mit
dem Finger dabei drohend hinzu -- wute er auch wohl _warum_, und da wir
ihn jetzt kannten. Wo er sich wieder htt' sehn lassen, wr' ihm eine Kugel
gewi gewesen.

Ragg prahlte nicht im Mindesten; es herrscht zwischen den Jgern und
Wilderern im Gebirge noch ein so romantisches und vollkommen ausgebildetes
Faustrecht, wie es sich der Dichter, der die Poesie ganz aus der
Wirklichkeit verschwunden whnt, gar nicht besser wnschen knnte. Wo sich
Jger und Wildschtz im Berg begegnen, ist es zwischen Beiden eine Sache
auf Tod und Leben, und wer am schnellsten die Bchse an den Backen reit,
und den Anderen ber den Haufen schiet, hat gewonnen. Der Jger ist
allerdings stets im Vortheil, denn er hat fr alle Flle das Gesetz auf
seiner Seite; drauen auf Gottes freier Alm aber, und mit den wilden Bergen
um sich her, wo alle Civil- und Militairbehrden umsonst ersucht werden
dem mit rechtsgltigen Pa Reisenden, nthigenfalls Schutz angedeihen zu
lassen, hlfe ihm das oft gar wenig, wenn er nicht, _auer_ dem Gesetz
auch noch die eigene Waffe bei sich fhrte, mit der er den auf ihn
anlegenden Wilderer rasch und fr immer unschdlich macht.

Da er es thut, kann ihm auch Niemand verdenken, denn sein eigenes Leben
ist in jedem Fall, wo er einem Wilderer begegnet, mehr als _bedroht_ -- es
ist ernstlich gefhrdet. Ob der Mann da drben, den er mit der Kugel in den
Abgrund wirft, daheim Weib und Kind hat, die ohne dem Ernhrer verderben
mssen, was kmmert's ihn -- auch er hat Weib und Kind daheim, und denen
sich zu erhalten ist ihm erste Pflicht.

Das klingt nun vielleicht im ersten Augenblick recht schwer und
schrecklich, da, einer einzigen Gemse wegen, so manches Leben genommen,
so manche Familie unglcklich und elend gemacht wird, aber wollen wir nicht
alle Gesetze von Mein und Dein aufheben, soll berhaupt noch ferner ein
Eigenthumsrecht auf der Welt bestehn und dies vom Staat geschtzt werden,
so darf den Leuten eben das Wilderen nicht gestattet werden, und _sanfte_
Mittel reichten nimmer aus, es zu verhindern. Wo so ein Gemsjger den
eigenen Hals mit Vergngen riskirt in Nacht und Nebel in den Gebirgen umher
zu klettern, ein Gemsthier zu erlegen, wrde er sich wahrlich durch ein
paar Wochen darauf gesetzte Strafe nicht abhalten lassen -- und in wenigen
Jahren wren die Berge leer.

Und welch ein Unglck wre _das_? hr' ich Viele sagen, lieber alle
Gemsen der Welt, als ein einziges Menschenleben. Es ist das eine von den
Phrasen, die scheinbar die ganze Humanitt auf ihrer Seite haben und doch
nicht wahr sind. Die Burschen die sich einmal an das Leben eines Wilderers
gewhnt haben, sind, so lange ihnen solch wildes Treiben ihr Dasein fristen
kann, zu jeder anderen ruhigeren und stten Beschftigung verdorben,
und fehlten ihnen die Gemsen oder das Wild in den Bergen, so nehmen sie
Anderes, was sie grad' bekommen knnen. Gestattet man ihnen aber das Recht
Gemsen und Wild zu schieen, warum denn nicht auch Ziegen, Schafe und
Rinder? Das Rothwild mu so gut im Winter gefttert werden, als das zahme
Vieh und warum soll der Besitzer von _wilden_ Heerden nicht ebenso in
seinem Recht geschtzt sein wie der von zahmen? Der Polizeidiener, der in
irgend einer Stadt einen Dieb auf frischer That ertappt und den Gerichten,
dem Zuchthaus berliefert, ruft ber die Hupter der unschuldigen Familie
des Unglcklichen eben so viel Noth und Elend herein, mit Schande noch
dazu in den Kauf, als der Jger, der den Wilddieb niederschiet. Der
Polizeidiener sah dabei nicht einmal sein eigenes Leben gefhrdet, und
trotzdem wird es Niemandem einfallen ihn zu tadeln und zu verdammen.

Das ist brigens eine Sache, die Jger und Wilddiebe ganz allein unter
einander ausmachen. Der Letztere, wenn er mit der Bchse in die Berge
geht, wei ganz genau welcher Gefahr er sich aussetzt, und ist meist von
vornherein entschlossen ihr eben mit den Waffen in der Hand zu begegnen.
Wie der Dieb, der Nachts in ein Haus einbricht und das Messer dabei
im Grtel stecken hat, verbt er gewi keinen Mord, wenn er bei seinem
Geschft nicht gestrt wird. Ertappt man ihn aber und will ihn festhalten,
oder sieht er selbst nur die Gefahr erkannt und verrathen zu werden, dann
wird aus dem einfachen Ruber auch ein _Mrder_.

Da die Gefahr des Steigens in den Bergen, und die Mglichkeit eines
zuflligen Sturzes der Leidenschaft wilder Herzen auch wohl dann und wann
Vorschub leistet, und manche rasche dunkle That befrdert und verdeckt, ist
wohl leicht erklrlich. Die tiefen oft vollkommen unzugnglichen Schluchten
sind dabei ein sicheres Grab, das nur der Jochgeier und Kolkrabe findet und
heimsucht, ekle Stcken Beute von dort seinem Horste zuzutragen.

Aber der Bock?

Dort unten stand er noch so still und regungslos, was den Krper wenigstens
betraf, wie ein wirklich knstlich ausgestopfter und aus irgend einer
Liebhaberei gerade hier hergestellter Gemsbock. Nur der wei gestreifte
Kopf schien Leben zu haben, und bewegte sich langsam bald nach dieser bald
nach jener Seite.

Da unten stehn jedenfalls Gemsen flsterte Ragg endlich, nachdem wir ihn
wieder eine ganze Zeit lang schweigend beobachtet hatten, es wird doch am
Ende besser sein ich steige hinunter, und sehe zu da ich ihn hier herauf
bringe -- der Wechsel ist gleich dort drben an der kleinen Kiefer.

Ragg ging nicht gern fort, denn er liebte es sich auszusprechen. Der
Wunsch den Bock noch zu bekommen war aber doch strker und berwand seine
Schwatzhaftigkeit. So seinen Bergsack wieder schulternd, und Hut, Stock und
Bchse vom Boden aufgreifend, gab er mir noch eine unbestimmte Anzahl von
Vorsichtsmaregeln, und verschwand dann im Dickicht, den nthigen Umweg zu
machen und dem Wild spter unten in der Klamm in den Wind zu kommen.

Ich lag indessen oben, unter dem dichten Laatschenbusch auf der Brust und
hatte jetzt Zeit und Mue genug den Bock zu betrachten. Drei Viertelstunden
blieb er auch noch etwa auf derselben Stelle, den Platz nur manchmal um
einen Schritt zur rechten oder linken wechselnd. Ein paar Mal kratzte er
sich mit dem Hinterlauf vorn am Hals und hinter dem Gehr. Die Gemsen unten
muten aber verschwunden sein, denn er sah nicht mehr hinab, und es
war fast als ob er sich nieder thun wollte, als er pltzlich rasch und
aufmerksam den Kopf emporhob. Jedenfalls hatte er den nahenden Jger in den
Wind bekommen, oder auch gesehn, denn er schaute jetzt still und unverwandt
nach der einen Richtung nieder.

Wieder verflo eine volle Viertelstunde, und ich begriff schon gar nicht wo
Ragg nur blieb, als ich diesen pltzlich in der Klamm, unterhalb dem Bock
heraufkommen sah, ohne da dieser auch nur gewichen wre.

Halloh! rief der Jger unten, und stie mit seinem eisenbeschlagenen
Stock auf die Steine -- der Bock regte sich nicht -- halloh -- huh -- ah!
-- er rhrte sich nicht von der Stelle. Erst wie der Jger hher und immer
hher stieg, und schon fast in Schunhe an ihn angekommen war, drehte er
sich langsam ab, und nahm den Wechsel an.

Ich hatte mir indessen einen Platz ausgesucht auf dem ich gut hinber
schieen konnte, sobald der Bock nur hoch genug kam, und die Wand sah aus,
als ob er mglicher Weise gar keinen anderen Weg nehmen _knne_. Was
kann aber ein Gemsbock nicht, wenn er es sich einmal in den Kopf setzt.
Pltzlich, ohne da er im Stande gewesen wre Witterung von mir zu haben,
nahm er seitwrts eine ganz steile Wand an, an der er hin galopirte, als
ob er auf breiter Strae gewesen wre. Ragg schrie und gesticulirte unten,
aber Alles umsonst, das strte ihn gar nicht, und an einer Wand von etwa
siebzig Fu Hhe, die scheinbar nicht den geringsten Halt selbst fr den
Fu einer Gemse bot, glitt er, halb auf den Hinterlufen rutschend, hinab,
sprang unten ber den Bach, setzte die andere Wand hinauf, und war wenige
Minuten spter im Dickicht verschwunden.

Was ihm Ragg unten nachwnschte wei ich nicht, aber ich selber hatte
jetzt da oben auch nichts weiter zu thun, und kletterte thalab, sobald als
mglich die Ri zu erreichen.




8.

Ein Sonntag Morgen.


Wie freundlich das Schlo da tief im Thale liegt; wie rasch und munter der
klare schnelle Strom vorber springt, und wie so lustig die Flaggen auf den
zierlichen Thrmen wehn. Die hellen Mauern und der dunkle Wald vom blauen
Aether sonnig berspannt, so recht im Herzen des edlen Waidwerks mitten
drin; die krftigen Gestalten dann darum her, die Jger -- die Hunde,
und dann vor Allem -- _kein_ Gasthaus in der Nhe in dem sich eine
Schaar schwrmerischer Stdter concentriren knnte, von dort aus ihre
Picknickparthieen in die Berge hinauf zu senden -- oh es ist ein wonniges
-- ein unbeschreibliches Gefhl der Sicherheit und Lust.

Aber nicht allein die Jagd lockt dort die Leute zusammen. Am Sonntag
Morgen ziehen die Jger und nchsten Nachbarn des Klosters nach der kleinen
Klosterkirche, die sie hier mitten in die Berge eingebaut, und auch
manch liebes Mdchengesicht lchelt da unter dem spitzen grnen Hut das
freundliche Gott gr Dich vor. -- Gott gr Dich -- wie lieb und hold
das klingt. Es giebt doch keine Sprache in der weiten Welt die noch _so_
herzlich grte als die deutsche -- wenn die Leute nur nicht alle
das verwnschte Regendach trgen. Gestalten findet man unter den
Bergbewohnern wie man sie sich nicht edler und krftiger wnschen knnte,
und Alle fast ohne Ausnahme mit den ehrlichen, gutmthigen Gesichtern, und
den treuen wenn auch ein Bischen verschmitzten Augen. Die Tracht ist dabei
so malerisch, und selbst den Mdchen steht der grne Mnnerhut so lieb
auf den vollen blhenden Gesichtern, aber -- gebt einem Apollo, gebt einer
Venus einen rothbaumwollenen Regenschirm unter den Arm, und die ganze
Poesie ist zum Teufel.

[Illustration]

Ein solcher Sonntag Morgen in dem Thal ist auch das schnste was man sich
in stiller traulicher Waldeinsamkeit nur denken kann. Noch hat die Sonne
kaum die hohen Joche mit ihrem ersten Strahl gegrt, da mischt sich
schon in das frhliche Pltschern des Bergbachs, in das leise Rauschen der
mchtigen Waldeswipfel, das harmonische Gelut der Glocken, und wenn der
Himmel dann so rein und blau herniederschaut, und mit den weien duftigen
Nebelschleiern wie zum Schmuck die wundervollen Berge berhngt, dann geht
das Herz dem Menschen auf, dann _zwingt_ es ihn zur Andacht, dann wird die
ganze wundervolle Welt zur Riesenkirche, und jedes rauschende Blatt, jede
flsternde Welle predigt die Allmacht, predigt die Liebe Gottes.

Die Berge sind auch der eigentliche Tempel des Herrn, denn nirgends fhlt
der Mensch sich seinem Gott so nah -- nirgends so klein und unbedeutend,
dem Allmchtigen gegenber.

Die Kirche ist aus. Die Andchtigen kommen einzeln und langsam aus dem
Gotteshaus -- nur die Frauen eilen, denn sie haben den Mittagstisch
zu besorgen, und die Mnner bleiben hie und da auf den Wegen plaudernd
zusammen stehn. Sie haben heute Nichts zu versumen, und es wre auch
schade, wenn sie so rasch wieder nach Haus in die engen Stuben gingen, und
ihren blinkenden Sonntagsstaat nicht erst ein wenig in der warmen hellen
Sonne lfteten und -- zeigten.

Wetter noch einmal wie blank sie aussehn, mit den neuen hellgrnen Hten,
den reinen Hemden und den sauber geputzten Grtelschlssern. Manche von
ihnen, den Tag _recht_ feierlich zu begehn, tragen auch lange Hosen, aber
das steht ihnen nicht; sie schlenkern auch darin die Beine beim Gehn, und
bewegen die Knie herber und hinber. Es sitzt ihnen unbequem, und sie
wissen's vielleicht selber nicht; die Knie wollen hinaus in's Freie, und da
sie das nicht knnen, halten sie sich steif und ungelenk.

Dort aus dem Schlo kommt ein alter Mann. Er trgt, ungleich den Anderen,
die nur hchstens, und _trotz_ dem sonnigen Wetter, ihr roth oder blaues
Regendach unter dem Arm haben, ein paar blecherne Milchkannen, die er heut
Morgen gefllt heruntergebracht, und jetzt wieder mit heim nimmt, oder
zurck trgt wohin sie gehren.

[Illustration]

Das ist ein Charakter, von dem wir in unserem Eisenbahn durchzogenen und
durchflogenen Flachland kaum noch einen Begriff haben -- giebt es ja doch
selbst in den Bergen nur wenige seines Gleichen, ja kaum einen zweiten
alten Gori. Es ist eine untersetzte krftige Gestalt mit frischer Farbe und
von mittler Gre, und unterscheidet sich in seinem Aeueren durch wenig
oder Nichts von den Uebrigen, aber kein Mensch sieht ihm an da er schon
zweiundsiebzig Jahre zhlt, obgleich nicht soviel graue Haare auf seinem
Haupte sind, und da er _sechzig_ davon hier in dem Thale zugebracht.
_Sechzig_ Jahre hier in den Alpen, in den engen Felsenkessel eingezwngt,
ohne ein einziges Mal den Fu hinausgesetzt zu haben in's flache Land, oder
hinber ber die Alpen auf die andere Seite. _Sechzig Jahre_, und was
seitdem geschehn da drauen, davon hat der Mann keine Ahnung; er kennt es
nicht, er kmmert sich nicht drum. Als Knabe kam er her, auch nicht von
weit, und was die nchsten Joche hier umspannen, ist fr ihn _die Welt_.
Andere haben ihm von der Herrlichkeit drauen, von den Wundern des flachen
Landes, vom Dampf und seiner Kraft, vom Telegraphen, von weiten ebenen
Flchen erzhlt, ber die man Tage lang marschiren knne, ohne den Fu nur
mehr als vom Boden zu heben; von Eisenbahnen, von Schiffen -- von Amerika
-- er hrt das auch recht gern, und nickt dazu mit dem Kopf und lchelt
-- aber all die Sachen haben fr sein Ohr nur ein und denselben Klang: sie
gehren _der_ Welt nicht an in der die Ri fliet und existiren deshalb
nicht fr ihn. Amerika -- das liegt im flachen Land -- was soll er
drauen?

Abgeschlossener sitzt kein Sdseelnder auf seiner kleinen Insel mitten im
Weltmeer, und lebt von seiner Brodfrucht und seinen Cocosnssen, als der
alte Gori hier im einsamen Thal, von Kse, Butter und Milch, und da ihm das
Bedrfni fehlt hinaus zu kommen, ist auch kein Grund vorhanden anzunehmen,
da er sich nicht vollkommen glcklich fhle. Trotz seinem Alter arbeitet
er dabei noch rstig fort, und hat sich auch wohl ein paar hundert Gulden
gespart, oder hat er sie geerbt, ich wei es nicht; in ihrem Besitz ist
er aber, und das Capital scheint ihm die einzige Sorge zu machen, die
er berhaupt im Leben kennt. Vorsichtiger Weise steckte er sein kleines
Vermgen allerdings nicht in unzuverlssige Aktien sondern in einen alten
Strumpf, die Welt aber, die er nun schon zweiundsiebzig Jahre kennt,
scheint sich in dieser langen Zeit seine unbedingte Achtung doch nicht
erworben zu haben, und Mistrauen bildet einen nicht unbedeutenden Theil
seines sonst so einfachen Charakters. Demnach verbirgt er seinen Schatz
auch bald hier bald da, ohne da irgend Einer seiner Hausgenossen eine
Ahnung hat, welcher Ort der bevorzugte sei; ja man kannte vor einiger Zeit
den alten Gori noch nicht einmal als Capitalisten, bis die Sache auf
eine wunderliche Art zu Tage kam. Einer der Arbeiter nmlich rumte eines
Nachmittags den Holzkasten aus, und fand unten drin, zu seinem nicht
geringen Erstaunen einen Strumpf mit Geld. Der alte Gori meldete sich da
etwas bestrzt als Eigenthmer, und der Strumpf verschwand auf's Neue.

In frheren Jahren soll der alte Mann ein vortrefflicher Birkwildjger
gewesen sein, und da das, neben seinem Strumpf eigentlich die einzige
sichtbare Leidenschaft war die er hatte, wurde ihm die Erlaubni -- die
sonst nur die wirklich angestellten Jger haben -- jhrlich in der Balzzeit
einen Spielhahn zu schieen. Von der machte er denn auch Gebrauch, und
erlegte richtig jedes Jahr den gestatteten Hahn. Vor zwei Jahren nun, doch
fhlend da er alt wrde, und in einer Art von Ahnung, da das vielleicht
der letzte sein mchte den er schsse, beschlo er seine Jagd auf wrdige
Art zu beschlieen, _kaufte_ sich den erlegten Hahn um 48 Kreutzer, lud
sich eine alte Kchin vom Schlo, die er achtete, zu Gast, und verzehrte
mit ihr die muthmalich _letzte_ Jagdbeute seines Lebens. Eigenthmlich mu
dem alten Mann dabei zu Muthe gewesen sein.

So verging wieder ein Jahr -- die Balzzeit kam auf's Neue heran, und der
Greis fhlte zu seiner Freude, da er die _letzte_ Jagdfeier doch etwas zu
voreilig angestellt habe und die Berge noch immer steigen, die Bchse noch
immer fhren knne. Wieder schulterte er die alte treue Waffe, suchte
sein gewhnliches Revier auf, lockte den balzenden Hahn und -- das Gewehr
versagte. Beim Anpirschen war ihm das Zndhtchen vom Piston gefallen,
und kein zweites fand er in den ngstlich durchsuchten Taschen. Da ist
er wieder zu Thal hinabgestiegen, und hat die Jagd aufgegeben, -- wundern
sollt' es mich aber nicht, wenn er es trotzdem dies Jahr noch einmal
versuchte. Wir klammern uns ja Alle an das Leben und Keiner, mag er den
Tod auch noch so ruhig und Gott ergeben erwarten, gesteht sich's gern und
freiwillig ein: ich bin jetzt fertig!

Die Jger, die nicht ihr Dienst gerade an ein entferntes Terrain fesselt,
haben sich meist hier unten eingefunden; denen aber sieht man's an da
ihnen eine Beschftigung, da ihnen die Bchse auf der Schulter fehlt.
_Nach_ der Kirche schlendern sie mig umher -- und der Blick den sie
manchmal zur Sonne hinaufwerfen, scheint die Zeit herbei zu sehnen, in der
sie ihr frhliches Werk auf's Neue beginnen drfen. Auch der kleine Ragg
ist unter ihnen, wei aber von seiner Zeit besseren Nutzen zu ziehn als
die Kameraden, und sucht Spielhahnfedern, kunstgerecht gebundene Gemsbrte,
Ste von Hasel-, Schnee- und Steinhuhn, und anderen Jgerschmuck zu
ziemlich hohen Preisen an den Mann zu bringen.

Eigenthmlich an ihm ist selbst der Gang, mit dem er auf der belebten
Strae oder im Hof dahin schreitet. Wie auf der Pirsche haftet sein Blick
nicht zwei Secunden lang an ein und derselben Stelle, und sucht herber und
hinber, bald auf den Boden hin nach den Fhrten, bald nach links bald
nach rechts hinber. Wie ein Stck Wild, das drauen in den Bergen eine
friedliche Heerde angenommen hat und mit ihr eine Strecke dahin zieht,
scheu und mistrauisch aber der geringsten Bewegung, dem schwchsten fremden
Laut mit Aug' und Ohr begegnet, whrend die zahmen Thiere friedlich
und unbekmmert ihr Gras von der Lanne zupfen, so wandert der kleine,
falkenugige Gesell hier zwischen den ruhigen, sonntgigen Gestalten
umher, und ordentlich erwartet hab' ich's oft, da er bei dem ersten
ungewhnlichen Gerusch blitzschnell im Wald verschwinden wrde.

Dort unter der hohen, breitstigen Tanne stehn zwei Mnner in eifrigem, und
wie es scheint, heimlichem Gesprch; wenigstens schweigt der kleinere von
ihnen, der etwas ihm hchst Aergerliches vorzutragen scheint, jedesmal
still wenn eine Gruppe der Jger grend an ihnen vorbergeht, und wirft
auch wohl einen mistrauischen, unzufriedenen Blick hinter ihnen drein. --
Es ist Bandey, allerdings auch in der Jgertracht, aber doch kein rechter
Jger und mit mehr weichlichen, nicht so sonnverbrannten derben Zgen wie
die Anderen, die ihn sich auch grtentheils nicht ebenbrtig halten.
Er aber, der von seinem Geschft eine ganz andere Meinung trgt, hat die
_Fischerei_ unter sich und den Forellenteich, und klagt heute Morgen dem
Haushofmeister des Schlosses, einer langen wrdigen Gestalt mit einer Feder
hinter dem Ohr und einer Brille auf, sein schweres Leid. Sein Forellenteich
ist ihm nmlich in der letzten Zeit, und nchtlicher Weise, arg geplndert
worden, und er hat jetzt auf alle Welt Verdacht und traut Keinem mehr.

Aber lieber Bandey, wer von den Jgern sollte es denn hier wagen, und
Angesichts vom Schlo den Teich bestehlen? Das thten sie ja schon nicht
einmal dem Herrn zu Leide.

Die _nicht_? sagt Bandey, der eine ganz andere Meinung von der Sache
hat, was machen _die_ sich drau? -- sind doch die Hlft' von Allen nur
zahmgemachte Wilderer. Aber ich krieg' sie. -- Den Bandey lachen sie aus
da er nicht schieen knnt' -- ich will's ihnen zeigen ob ich's kann oder
nicht.

Bandey -- Du wirst doch nicht des Teufels sein und wegen einem paar
lumpigen Forellen ein Menschenleben--

_Da_ haben sie's Menschenleben nicht sitzen wo _ich_ sie hinschieen
werde, sagt Bandey determinirt, aber soviel wei ich, heute Abend setz'
ich mich mit der Schrotflinten an, und die ganze Woche durch. Der Schlaf
soll mich nicht verdrieen, _bis_ ich ihn habe, und da mir _der_ dann
nicht zum zweiten Male kommt, darauf knnen Sie sich verlassen.

Und hast Du denn auf irgend Jemand Verdacht hier herum?

Sie taugen Alle mitsammen Nichts, brummt der Bandey verdrielich vor sich
hin -- die Malefizkerle die. Wo sie Einem einen Schabernack spielen knnen
thun sie's gewi. So ein Jger hat einen Stolz im Kopf, das ist ganz was
Erschreckliches, und glaubt, weil _er_ mit dem Stutzen auf'm Buckel, und
den Spielhahnfedern am Hut in den Bergen herumsteigen darf, _er_ sei der
liebe Herrgott. -- Na _Euch_ will ich beforellen!

Der Haushofmeister suchte den Mann noch einmal von seinen bsen Gedanken
abzubringen, aber Bandey's Groll sa zu tief, und rgerlich ber die ganze
Welt, ging er heim. Was kmmerten ihn die im Sonnengold leuchtenden Berge,
der blaue Himmel und das grne Thal; daheim lud er die Flinte mit feinem
Vogeldunst, und in der Nacht schon begann er seine Wacht, den Uebelthter
zu belauern und -- zu strafen.




9.

Die Baumgart-Alm.


Wir Menschen sind ein ungengsam Volk. Wenn es uns _gut_ geht, verlangen
wir's besser, und da das nun einmal in unserer Natur liegt, mag nur ein
leidiger Trost sein. Goethe kannte auch die Menschen _im Allgemeinen_
recht gut, und da er seinen Faust beim Packt mit dem Teufel die Bedingung
stellen lt:

  Werd' ich zum Augenblicke sagen
  Verweile doch, du bist so schn!
  Dann sollst Du mich in Fesseln schlagen,
  Dann will ich gern zu Grunde gehn!

ist nur ein Ausspruch dieses ewigen Drngens und Treibens, dieser rastlosen
Ungengsamkeit. Goethe war freilich kein Jger; er hat nie die Wonne
gekannt, nach dem blitzenden Schu die scheue Gemse auf ihrer sicher
geglaubten Hhe zusammenzucken, und prasselnd, klammernd in die
Tiefe rollen zu sehn. Ich wenigstens wre nach _solchem_ Packt meinem
Contrahenten schon verschiedene Male verfallen gewesen.

Kein Wunder denn da es den mssigen Jger, selbst aus dem reizenden Thal,
aus dem freundlichen Schlo fort, und wieder hinauf in die Berge zieht, und
wir segnen den Abend, der uns mit freundlichem Nicken und Sonnengru
den Bergstock auf's Neue in die Hand drckt, und unseren Pfad mit seinem
schnsten Glanz, mit seinen rosigsten Tinten berstreut. Mir ging es
da immer wie Jean Pauls gemthlichem Schulmeisterlein Wuz, wenn der als
Schulknabe noch in die Ferien zog -- ich hatte Mitleiden mit allen Menschen
die zurckbleiben muten.

Und diesmal geht es nicht in ein bequemes Pirschhaus hinauf, sondern in
den wildesten Theil der Berge, in die sogenannte Delpz, einen rauhen
Thalkessel, in dessen Nhe ein Hochleger mit einer ziemlich gerumigen
Almhtte liegt. Nur ein kleines Huschen, etwa von der Gre eines
zweischlferigen Schilderhauses, um ein Bett und einen Tisch hinein zu
stellen, war dort aufgerichtet.

Die Leckbach aufwrts fhrt dorthin der wilde Weg, und rauheren Bergstrom
giebt es wohl kaum in der Welt, wie jenes Thal. Der innere Kessel nmlich
ist fast ganz durch das Abbrckeln und Niederbrechen der hinteren Wand,
bei dem die Lawinen redlich mit halfen, vollgeschttet worden, und riesige
Felsblcke sind von den mchtigen Schneestrzen weit thalab geschleudert,
whrend der ganze Thalboden wie die Hnge, mit entsetzlichem Gerll (von
den Bergbewohnern _Reien_ genannt) bedeckt liegen.

Diese Berghnge sind in steter Bewegung, denn steil und schroff
ausgerissen, lst sich fortwhrend locker hngendes Gestein, am meisten
bei nasser Witterung und Thauwetter, ab von der Wand, und rollt und springt
in's Thal nieder. Die Gemsen die dort stehn sind auch an solch Gerusch
gewohnt, und achten gar nicht mehr darauf.

Oben im Baumgarten-Joch liegt die Almhtte, und selbst der Name
Baumgarten klingt hier wie Schmeichelei, denn es wchst kein einziger
Baum dort bei den Htten, whrend nur von Osten her der aus dem Thal
heraufdrngende Wald bis in die Nhe reicht. Der Nacken des Jochs und der
benachbarten Hnge ist aber mit gutem, nahrhaftem Gras bedeckt, und nach
der Delpz hinber luft die Lanne bis zum hchsten schroffen Rand.

Das ist berhaupt eine Eigenthmlichkeit dieser Gebirge da sie an ihrer
Nord- und Sdseite einen durchaus verschiedenen Charakter zeigen. In der
gewhnlichen Bergregion und bis etwa zu 4500 Fu tritt dieser allerdings
noch nicht so augenscheinlich hervor; wie sich aber die Gebirge ber
diese Hhe aufstrecken, nimmt die Nordseite, whrend an der Sdseite
die Graslannen fast ununterbrochen bis zum Gipfel laufen, ihren wilden
trotzigen Charakter an. Fast bei all diesen Bergen besteht der Nordhang
aus schroffen, meist senkrechten Wnden die grau und starr emporragend der
ganzen Landschaft etwas unbeschreiblich Groartiges, Khnes geben, das sich
aber, sowie man das Auge nach Sden wendet, ganz verliert.

Allmhlig steigt man deshalb auch an der Sdseite dieser meisten Berge,
ohne weitere Schwierigkeit als hie und da eine etwas steile Lanne, empor,
und sieht sich pltzlich, sowie man den hchsten Gipfel erreicht, an einem
oben scharf abgebrochenen furchtbaren Abgrund, der jh unter den Fen
wegsinkt, und an vielen Bergen nicht einmal von der Gemse begangen werden
kann.

So steigt zum Beispiel die Carwendelwand, wie die Nordseite des
Carwendelgebirgs mit Recht genannt wird, so steil und glatt empor, da
keine Gemse dort hinber kann, und meilenweit thalab oder aufwrts wandern
mte, ehe sie einen schmalen Pa fnde, der an einer oder der anderen
Stelle, meist durch nieder gebrochenes Gestein begnstigt, ein Aufklimmen
mglich machte -- aber wir kommen dort noch hin.

Wir haben jetzt das Baumgarten-Joch betreten, und schreiten noch kurze
Strecke den Hang hinab, wo die niederen flachen Almhtten, Schildkrten
nicht unhnlich, auf dem Bauche liegen. Der Boden ist hier merkwrdig vom
Vieh mishandelt worden, das sehr thrichter Weise immer wieder in seine
eigenen Futapfen tritt, und die Wiese dadurch in eine knstliche Sammlung
von Schlammlchern und Grasknollen verwandelt. Im Dunkeln ist es kaum
mglich ber solche Stellen fortzukommen, ohne Hals und Beine, wenn auch
nicht zu brechen, doch jedenfalls zu riskiren. Unterwegs war brigens kein
Wild zu sehn, da die Jger und Lasttrger etwa eine Stunde frher (Einige
davon berholten wir noch unterwegs) hier eingetroffen waren. Nur dicht
an der Alm angekommen, sahen wir die Jger unter der Thr der groen
Htte stehn, und mit ihren Bergspectiven nach dem grasigen Rand des
Delpzkessels hinaufschauen, wo sich sechs oder acht Gemsen, unbekmmert um
die sich unten bewegenden Menschlein sten. Sie waren jedenfalls Leute da
unten an der Alm gewhnt, und wuten recht gut da ihnen die Delpz,
sowie sie nur irgend Jemand gegen sich ankommen sprten, jeder Zeit einen
sicheren Rckzug bot.

Die Baumgarten-Alm ist ebenfalls ein _Hochleger_ der Sennen, und diese
Art Htten werden hier in den Alpen in Hoch-, Mittel- und Unterleger
eingetheilt. In die Unterleger, die am tiefsten unten am Berg liegen,
ziehen die Sennen im Frhjahr, oder Anfangs Sommer, sobald der Schnee dort
gewichen ist, whrend die hher liegenden Strecken dem Vieh noch nicht
zugnglich sind. Wie der Schnee schwindet, rcken ihm die Hirten nach, und
nehmen dann im Mittelleger ihre Wohnung, bis sie im hohen Sommer mit ihren
Heerden die oberen Alpen beziehen, und sich dann, freilich nur fr kurze
Zeit, im Oberleger einquartieren knnen. Der eintretende Winter oder Herbst
treibt sie wieder hinab, und Anfang Oktober verlassen sie die Alpen ganz,
in die tiefer gelegenen Thler, meist nach Lenggries, Tlz und die dortige
Umgegend zurckzukehren. Die meisten dieser Hirten die jene Almen pachten,
sind bairische Unterthanen.

Beim Hinuntersteigen ist es inde schon fast ganz dunkel geworden. Oben am
Hang sah es freilich so aus, als ob die Htten dicht darunter lgen, und
doch, wie lange braucht man jetzt sie zu erreichen. Und die verzweifelten
Grasknollen! sie sind kaum noch zu erkennen, stauchen aber den Krper bei
jedem Fehltritt. Ja, es wird Nacht -- nur auf den hchsten Jochen liegt
noch das Dmmerlicht des scheidenden Tages.

Der Platz selber sah auch wild und abenteuerlich genug aus. Fnf oder sechs
zu den verschiedensten Zwecken benutzte Almhtten lagen bunt zerstreut, die
Ecken nach jeder Richtung durch einander kehrend, an dem nackten Hgelhang,
und kein einziger Baum versprach gegen den Wind Schutz, fr die Sonne
Schatten. Der Boden selber zwischen den einzelnen, aus rohen Stmmen roh
aufgerichteten Gebuden, war von dem Vieh zu einem sanften Brei getreten,
und hatte nur oberflchlich Zeit bekommen wieder abzutrocknen. Die
eingedrckten Klauenspuren machten ihn dabei rauh und holperig, whrend er
zugleich eine gewisse ngstliche Elasticitt bewahrte.

Hell leuchtete inde das Feuer aus dem inneren Raum der grten Htte, die
einem, aus Versehn platt gedrckten gewhnlichen hlzernen Wohnhaus nicht
unhnlich war. Etwa dreiig Fu lang und zwanzig breit begann das mit
Steinen reichlich beschwerte Schindeldach schon etwa sieben Fu vom Boden,
und hob sich in der Mitte hchstens bis zwlf Fu hoch. -- Wie aber sah es
da im Innern aus.

Wenn noch vor ein paar Monaten, vielleicht vor Wochen, stille Hirten ihren
Kse und Schmarren hier gekocht und hlzerne Lffel und andere friedliche
Werkzeuge der Butter- und Ksebereitung auf den Querbalken der Htte
gelegen, so hatte diese jetzt dafr ein ganz anderes Aussehn gewonnen, und
sich sehr zu ihrem Vortheil verndert.

Statt der schlfrigen Sennerinnen, die damals ihre Blechpfanne auf den
Kohlen herumgestoen haben mochten, wirthschaftete jetzt der Koch in
schneeweier Jacke, Mtze und Schrze zwischen dem, so gut als mglich
untergebrachten Vorrath und Geschirr. Die friedlichen Hirten hatten
rstigen brtigen Jgern Platz gemacht, und auf den Querbalken lag
eine wackere Reihe von vierzehn bis sechzehn Stck Doppelbchsen und
Bchsflinten drohend ausgestreckt.

Das Eigenthmlichste in dem weiten, sonst eben nicht eleganten Raum waren
aber zwei mchtige Feuerpltze, rechts und links von der Thr in den
nchsten Ecken, und die Feuerstellen nur durch aufgesetzte Steine von der
rohen Balkenwand, etwa drei Fu hoch getrennt, whrend die Flammen lustig
gegen die schon glnzend schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken
aufloderten.

Um das Feuer rechts sammelt sich jetzt die Schaar der Jger und Trger, die
kurzen Pfeifenstummel im Mund, erzhlend und lachend und die Vorgnge der
letzten Tage besprechend, whrend an dem Feuer links die Jagdgesellschaft
Platz nimmt. Aber einzelne der Jger drcken sich auch mit seitwrts an
dies Feuer an. -- Sie wissen schon wie freundlich man mit ihnen ist, und
lauschen gar zu gern dem was dort gesprochen wird, und sie oft weit hinweg
aus ihren Bergen fhrt.

Und merkwrdige Gestalten sieht man dabei, von denen der Leser erst die
wenigsten kennt.

Weinseisen heit einer von ihnen, ein Bursche in den besten Jahren noch,
wenn auch schon mit mancher Falte in Wange und Stirn. Ihm fehlt ein Auge
-- aber Niemand wei das, denn eine ziemlich breite, nach innen gekrmmte
Locke hat er so trefflich ber das fehlende hinber gezogen, da es die
Lcke auch nicht auf einen Moment sichtbar werden lt. Er gilt dabei als
Einer der besten Jger im Revier, und ist still und schweigsam; vermit
auch das eine Auge nicht, denn das andere ist so scharf, als ob es einem
Jochgeier gehrte.

[Illustration]

Ein anderer ist Michel, unstreitig der hbscheste von allen; ein junger
Bursch von sechsundzwanzig Jahren, mit einem gar so offenen ehrlichen und
guten Gesicht, und so treuen blauen Augen, denen das freundliche Lcheln
prchtig steht. Ein guter Jger und kecker Steiger wie Alle, hat er eine
besondere Vorliebe, einen besonderen Blick fr Blumen, und vom Edelwei,
das oben in den schroffen Nordwnden der steinigen Gebirge steht, bis zum
blau und rothen Vergimeinnicht das an den Bchen der hochgelegenen und
geschtzten Thler keimt, sucht und findet er die einzelnen Blthen, die
der einbrechende Herbst bis dahin noch verschont. War sein Weg den Tag ber
noch so rauh und wild, prangt sein Hut gewi, kehrt er Abends zurck, von
einem Blumenflor.

Wie wohl thut es Einem, wenn man sich lang wieder in der _civilisirten_
Welt herumgetrieben, und dort die ausgemergelten, faden, geputzten nur vom
Schneider zusammengehaltenen Menschenbilder geschaut hat, auf so krftige
Glieder, in so ehrliche Augen zu blicken.

Die Leute da oben, ob sie fast durchaus in einer Wildni leben, und wenig
mit Menschen zusammen kommen, haben auch gar nichts Aehnliches mit dem
Bauer des flachen Landes, und gleichen weit eher den ungezwungenen wilden
Gestalten der amerikanischen Backwoodsmen. Der deutsche Bauer ist nur zu
oft denen gegenber die er ber sich wei, scheu, tppisch und unbeholfen,
oder gar kriechend; gegen die die ihm gleich stehn und seine Untergebenen,
oder gegen Aermere grob und hochfahrend. Der Bergbewohner hat dagegen eine
ihm angeborene Natrlichkeit, ja ich mchte sagen Grazie, die sich in allen
seinen Bewegungen ausspricht. Er ist nie scheu und verlegen, selbst nicht
den Hchsten gegenber, er ist aber auch nie grob und unverschmt, und sein
natrliches Gefhl fhrt ihn fast stets den richtigen Weg -- den Weg eines
Mannes der da wei da er das leistet in der Welt was man von ihm verlangt
-- verlangen kann.

Alle diese Leute hngen dabei mit einer unendlichen Liebe an ihrem hohen
Jagdherrn, und die Zeit die der bei ihnen zubringt, ist ihnen nicht eine
Zeit der Mhe und Arbeit, trotz den beschwerlichen und gefhrlichen Wegen
die sie in den Tagen zu durchsteigen haben, sondern mehr wie ein frhliches
Fest auf das sie sich das ganze Jahr schon freuen, und das ihnen, neben
der frhlichen Jagdlust, ja auch Verdienst und Nutzen bringt. Ihr Stolz ist
dabei der waidmnnische Betrieb der Jagd, das Schonen des edlen Wildes, das
ausgenommen, was jhrlich in einem so tchtig besetzten Revier nun einmal
abgeschossen werden _mu_. Und da der Herr sich dem mit solcher Lust und
Liebe hingiebt, und so wacker mit ihnen ber die schroffen Pfade, in die
steilsten Hnge hineinsteigt, und eben so wenig die dichten ungeleckten
Laatschen, wie die brcklichen Wnde scheut, das freut sie vor allem
Anderen.

Und wie traulich sitzt es sich an den knisternden Flammen, die selber toll
und lustig ihre goldenen sprhenden Funken zum schwarz gebrannten Dach
emporwirbeln, und welchen wunderlichen Schein werfen sie auf die bunt darum
gruppirten malerischen Gestalten. Es ist gerad kein frstliches Gemach das
uns umgiebt, und die rauhen Stmme die die Wand bilden, der nackte Boden,
der etwas wackelige Tannentisch der in der Mitte steht, die wunderlichen
Lehnsthle selbst am Feuer, die aus halbdurchgebrochenen rund hlzernen
Schsseln bestehn -- in denen es sich aber ganz vortrefflich sitzt, -- das
an die Wand gehangene Tischtuch selbst, den rgsten Zug mit abzuhalten,
der doch noch auerdem Zugang genug hat, lieen vielleicht in Hinsicht
der _Eleganz_ Manches zu wnschen brig, aber -- es ist ein chtes
Waidmannslager in den Bergen, und wer daran Lust und Freude findet wie der
Herzog, und nicht verweichlicht genug ist gepolsterten Sitz und mit den
gewohnten Bequemlichkeiten ausgestattete Umgebung zu _vermissen_, dem geht
das Herz hier auf, und sendet seine knisternden sprhenden Funken hinan in
Kopf und Auge, wie die Flamme da.

Das ist dann die Zeit fr die Erzhlungen und Berichte der Jger aus den
angrenzenden, und zum ganzen Revier noch gehrenden Distrikten, denn nicht
der dritte Theil vom ganzen Jagdgrund wird wirklich bejagt.

Wo in den Bergen ein verdchtiger Schu gehrt ist, wird besprochen, und
wo die meisten Gemsen stehn; wie es sich mit dem Rothwild stellt, und dem
Raubzeug, und ob kein Luchs wieder in den Bergen gesprt worden.

Raubzeug giebt es in der That nur noch sehr wenig im Gebirg, und wohl kann
man sagen _leider_, da dem so ist, denn wie viel interessanter wrde die
Jagd dadurch. Liee sich aber wirklich einmal wieder ein Br da sehn, da
wr' der Teufel auch sicherlich in den Bergen los, denn Alles wrde in
der ganzen Umgegend aufgeboten werden ihn zu erlegen oder zu vertreiben.
Begngte er sich freilich mit Wild und Gemsen, lieen ihn die Hirten wohl
gern in Frieden, aber die alten schwarzpelzigen Burschen setzen es sich in
den Kopf auch manchmal ein Rind todt zu schlagen, oft aus lauter Uebermuth,
oder um sich nach Tisch ein wenig Bewegung zu machen, und das knnen die
Hirten nicht vertragen.

Auch kein Luchs lt sich mehr in den Bergen sehn, von denen die Schweiz
doch noch einige aufzuweisen hat. Nur der Fuchs treibt in ziemlicher Anzahl
die hohe Jagd auf Hasel-, Schnee-, Birk- und Steinhhner, lauert dem weien
Alpenhasen auf, wenn er zu Nacht um die verlassenen Sennhtten spazieren
geht, und wagt sich auch wohl, wenn ihm die Gelegenheit dazu wird, an ein
Gemskitz.

Mitten zwischen den Jgern steht, um einen halben Kopf grer als irgend
einer der anderen, trotz der etwas in einander gedrckten Stellung, eine
rauhe, eben nicht bermig reinliche, aber enorm krftige stattliche
Figur, mit rothem Gesicht, blondem Haar, gutmthigen blauen Augen, riesigen
Fusten und einem alten Maserkopf im Mund.

Braver, ehrlicher Jackel, wie manche schwere, schwere Last hast Du auf
Deiner Kraxen unermdet, unverdrossen immer willig, immer guter Laune
hinauf zu Berg getragen, wie manche Gemse, und zwei und drei manchmal zu
gleicher Zeit, hinunter in das Thal. Aber Du verdienst auch eine nhere
Beschreibung, und sie soll Dir werden.

Jackel ist ein Original, aber eins, an dem man seine rechte Freude haben
kann. Von krftigem, breitschulterigem, knochigem Krperbau, stark und
muskuls, und dabei viel grerer Gestalt, als man es seiner Breite gleich
ansieht, eignet er sich vortrefflich fr das Geschft dem er sich, whrend
der Jagd wenigstens, unterzogen zum Lasttragen, und es ist wirklich kaum
glaublich was der Mann fters die steilen hohen Berge auf seinen Schultern
stundenweit hinauf schafft. Er theilt dabei, nicht zu seinem Vortheil, den,
ich mchte fast sagen _Aberglauben_ der Leute seines Standes und Gewerbes
wie auch mancher anderer Arbeiter im Gebirg (bei den Jgern selber hab'
ich es nie bemerkt), _den_ Aberglauben nmlich, da ihm ein reines Hemd zur
Schande gereiche. -- Die Leut' mssen ja denken man arbeitet Nichts,
wenn man immer wie Sonntags herumgeht sagt er, und bertreibt seine
Gewissenhaftigkeit, selbst den Schein zu vermeiden, sogar bis ber den
Sonntag hinber und in und durch die nchste Woche.

[Illustration]

Seine Lebensbedrfnisse sind dabei eben so einfacher Art. -- Vom Revier
kauft sich z.B. Jackel in der Herbstjagd einen starken Gemsbock -- _zwei_
Winter liefern ihm dabei _zwei_ Gemsdecken, was gleichbedeutend mit _einer_
ledernen Hose ist. -- Das Wildpret davon wird aber, bis auf das letzte
Geniebare, getrocknet und fr den Winter aufbewahrt, und in kleinen
Stcken zur Mahlzeit da es recht lange reicht verzehrt. Dazu gehrt
aber noch Schmarren -- das einzige wirkliche Bedrfni der Bergbewohner,
denn ohne Schmarren knnten sie nicht bestehn. Er ist ihnen, was der
Reis dem Indier, der Damper dem australischen Schfer, die Eichel dem
californischen Indianer, die Brodfrucht dem Sdseelnder, das Maniokmehl
dem Neger, die Kartoffel dem Deutschen, der Mais dem Amerikaner -- und die
Bereitung dabei einfach genug. Sie besteht aus Mehl mit Schmalz oder Butter
in der Pfanne gebraten oder geschmort. Mehl mit Milch oder Wasser angerhrt
kommt nmlich als Brei, wie zu einem Pfannkuchen, in die Pfanne. Hier aber
wird ihm nicht gestattet sich zu einem abgerundeten Ganzen zu formiren,
sondern die brodelnde, zischende, backende Masse fortwhrend mit einem
Messer oder anderen Instrument gestoen und gergert, bis es endlich zu
einer brcklichen, von dem Fett je mehr desto besser durchdrungenen Masse
quillt. Mit ein paar Pfund Mehl und ein wenig Schmalz ziehen diese Leute
auch im Winter, wo besonders die Jger die entlegenen Reviere begehen
mssen, wochenlang in dem Schnee der Berge umher, lagern in den einsamen
den Almhtten und behaupten da ihnen der Schmarren mehr Krfte gebe als
selbst das Fleisch.

Eine Anekdote von Jackel wird aber ein viel besseres Bild von ihm
entwerfen, als ich im Stande wre hier mit bogenlanger Beschreibung zu
liefern.

Ein lterer Herr aus der Jagdgesellschaft sah eines Tages, als er eben an
einer ziemlich steilen, wenigstens sehr rauhen Wand hinpirschte, einen
Mann dieselbe, nur mit einem Stock und einem Bergsack auf dem Rcken,
herunterkommen. Er blieb stehn, und erkannte bald zu seinem Erstaunen
Jackel der, mit _einem_ Schuh an, und den andern Fu nackt, ber das
scharfe Gerll unbekmmert niederstieg und ganz ruhig, auf die berraschte
Frage des Herrn wo er den anderen Schuh gelassen, erwiderte, er habe ihn
nach Lengries, der _sieben_ Stunden entfernten Stadt, zum Schuhmacher
gebracht, und mte nun so lange bis er gemacht sei, _so_ herumgehn. Der
Schtze uerte dabei sein Befremden da Jackel hier in den rauhen Bergen
_solcher_ Art umherliefe, whrend er selber kaum mit seinen krftigen
Schuhen fortkomme. Ja, es geht klein gut da hier meinte Jackel ruhig,
nicht wahr es wird Ihnen sauer hier oben? -- ja, wer nicht daran gewhnt
ist kommt schlecht fort -- aber ein Stck weiter unten ist's schon ein
Groes besser, und -- wenn's Ihnen recht ist, _trag_ ich Sie da hinunter.

[Illustration]

Die Proposition wurde im gutmthigsten Ernst gemacht, und htte es der
Schtze angenommen, Jackel wrde ihn mit der grten Freundlichkeit, und
ohne irgend etwas Auerordentliches darin zu finden, den steilen steinigen
Hang trotz seinem einen nackten Fu wirklich hinunter getragen haben.

Heller knistert und flackert das Feuer, von neu aufgeworfenen Brnden
genhrt, und Jackel kommt eben mit einem Kbel frischen Quellwassers
herein, den er aus dem nahen, durch eine Rinne gefangenen Quell geholt --
das ist ein Trunk. Ich bin gerade sonst kein besonderer Freund von Wasser,
und eigentlich der Meinung, da der liebe Gott dies Element den Menschen
nur eigentlich als Urstoff geliefert habe, es zu anderen Getrnken,
hauptschlich jedoch zum Waschen zu verwenden. Dort oben in den Bergen
aber, und ganz vorzglich in der Baumgarten-Alm, quillt eine so wundervolle
crystallhelle und wohlschmeckende Fluth, als ich sie noch nirgends in der
weiten Welt gefunden. Ich wei das Wasser dort wirklich mit nichts Anderem
als mit Champagner zu vergleichen.

Nun, Jackel, wie steht es mit dem Wetter? frug man den Eintretenden --
sieht es noch gut aus?

Nun, es ist nur klein hbsch drauen erwiderte Jackel, den Kbel
sorgfltig in die Ecke stellend es macht recht dunkel, und Sterne sind
auch keine zu sehn -- aber warm und ruhig ist's sonst.

Wenn nur ein Bischen Schnee kme sagte der kleine Ragg. -- Es wre schon
recht -- die Gemsen zgen sich dann alle lieber in die Joche hinauf.

Aber in der Delpz liegt doch Schnee?

Es liegt schon etwas drin, aber es drft' mehr sein.

Jetzt kam's mir beinah drauen vor, als wenn ich einen Schu danber
gehrt htt', sagte der Jackel, es schallte g'rad so--

Nun ein Wilddieb war's bei der Dunkelheit nicht, lacht der Ragg -- es
kann auch ein Stein gewesen sein, der sich irgendwo losgebrochen hat.
Manchmal schallt das gerad' so wie ein Schu.

Von Wilddieben habt Ihr doch hier in der letzten Zeit nichts weiter
gesprt?

Nichts wieder, seit der Mann im vorigen Jahr drben im Bairischen von
dem Soldaten erschossen wurde -- es ist berhaupt hier lange Nichts
vorgekommen.

Aber doch der Mann der damals in den Bockgrben gefunden wurde -- hat man
nie erfahren wie er dahin gekommen, und wer er gewesen?

Nein, sagt der groe Ragg etwas zgernd -- er hatte auch schon zu
lange gelegen und -- war so zerfallen von dem Sturz die Wand 'nunter. Ist
wahrscheinlich im Nebel verunglckt.

Der wurde damals gleich drauen begraben, nicht wahr?

Nein, ich hab' en 'nunter in's Kloster getragen, sagte Jackel ruhig.

Getragen? -- auf den Schultern?

[Illustration]

Auf der Kraxen, ja -- oh er war nicht mehr so schwer denn er hatte schon
seine acht oder neun Monat gelegen, aber -- setzte Jackel hinzu, und es
schien doch, als ob ihm die Erinnerung schaudernd durch die Seele liefe --
's war g'rad keine hbsche Ladung, und ich trag' Gemsen lieber.

Zwei Menschen sind doch auch wieder im letzten Jahr die Wand
hineingefallen sagt da der kleine Ragg, indem er die Augenbrauen so in die
Hhe zieht, als ob er das, was er sagte, selber nicht glaube -- ein Mann
und ein Mdchen.

Ein Mdchen?

Des Halich Tochter, von der hohen Alm. Sie schnitt Gras an einer steilen
Lanne, unter der die Wand gerad hinunter sank, und hatte Steigeisen an den
Fen. Beim Bcken mu sie's aber versehen haben, sie kommt in's Fallen und
kann sich nicht mehr halten. Ihr Bruder war dicht bei ihr, und wie er sie
hinunter gleiten sieht, mit ein paar Stzen bei ihr. Ehe er aber den Rock
fassen kann, und dicht unter seiner Hand hin schiet sie fort -- es war
gerade schrecklich tief wo sie fiel.

Und der Andere?

War ein Enziansucher, der vom Rokopf hinunter gefallen ist. Wie er's
versehen hat, wei man nicht. Er kam Abends nicht zu Haus, und am anderen
Tag ging sein Bruder aus, ihn zu suchen -- er hat ihn auch gefunden, drin
in einer von den Schluchten aber -- er soll schrecklich ausgesehn haben
-- was er noch vom Krper finden und zusammenlesen konnte, hat er im
Nasentchel nach Haus getragen.

Von der Scharfenwandkar ist auch ein Fremder hinunter gefallen, hat ihm
aber weiter Nichts gethan, sagte der Wastel.

Das war ein Alguer schmunzelte der groe Ragg.

Ja, das kann schon sein sagte Jackel auf seine gewohnte bedchtige, und
ganz ernste Weise. Die Anderen lachten.

War der Mann bekannt hier?

Oh Jackel hat seine besondere Art, wie er die Alguer kennt lachte der
kleine Ragg.

Ich nicht vertheidigt sich Jackel, aber mein Wirth meint, einen Alguer
knnt' man immer kennen. -- Wenn man ihn mit einem Stck Holz auf die Nasen
schlgt und er niet nicht, so ist's gewi Einer.

Lautes Lachen schallte von allen Seiten der Htte, brach aber pltzlich,
wie mit einem Schlag, kurz ab, whrend Aller Gesichter im ganzen Raum
den Ausdruck scharfer gespannter Erwartung zeigten. Nur Jackel sah sich
verwundert um, und wute nicht was pltzlich geschehen sein knne.

Das war ein Hirsch, flsterte Weinseisen.

Ja -- ich glaub's auch, sagte Ragg mit ebenso vorsichtig gedmpfter
Stimme.

Hu -- ah -- h -- h -- h! tnte da drauen, kaum vier hundert Schritt vom
Haus entfernt der Ruf auf's Neue klar und deutlich herber, und mit einem
freudigen Lcheln in den Zgen horchten alle dem wohlbekannten, so gern
gehrten Laut -- aber keiner regte sich.

[Illustration]

Hu -- ah -- h -- h -- h -- h! noch einmal der wunderbare Schrei -- leider
waren aber jetzt die Hunde ebenfalls aufmerksam geworden -- Bergmann der
mit am Feuer lag, hatte schon lang geknurrt -- und Pirschmann, der drauen
war, schlug an. Das mochte dem Hirsch doch nicht angenehm sein, denn er
wurde nicht wieder laut.

So was knnt' ich die ganze Nacht zugehr', sagte Martin.

Das Gesprch lenkte indessen bald wieder in die frhere Bahn ein -- in das
was eben das praktische Leben der Jger und ihre alltglichen Erlebnisse,
und dann auch wohl einmal ein auergewhnliches Abenteuer betraf.

Merkwrdiger Weise existiren in diesen wilden Bergen nmlich gar keine
Sagen, whrend die Schweiz deren so viele birgt. Alles was die Menschen
hier umgiebt, ist reelle Wirklichkeit, und wie fast jedes andere
europische Volk seine Kobolde oder Wichtelmnnchen, seine Nymphen oder
Nixen, oder wo die fehlen wenigstens irgend das eine oder andere anstndige
Gespenst hat, das dann und wann einmal sich sehen lt oder Glck
oder Unglck bedeutet, sind diese schnen Berge hier jedes solchen
geheimnivollen Zaubers beraubt. Man hat die armen Geister mit der
trockenen Vernunft sauber hinausgefegt aus Schlucht und Klamm und von
den hohen Jochen nieder, auf denen sie doch gewi einmal in frherer Zeit
gehaust.

Gespenstergeschichten sind aber auch eigentlich in den Bergen nichts ntz.
Der Mann braucht dort seine fnf _gesunden_ Sinne, den Gefahren die ihm
seine schwere Bahn schon ohnedies in den Weg wirft, kaltbltig die Stirn zu
bieten. Es ist keineswegs gesagt, da das Herz, das der augenscheinlichsten
Todesgefahr ohne ngstliches Klopfen entgegengeht, nicht stillstehn
wrde, wo es sich um irgend ein abgeschmacktes, wenn nur _ber_natrliches
Schreckni handelt -- wir haben davon auf See und Land zu viele Beispiele.
Hat es der Mann allein mit der Natur zu thun, und wenn sie ihm in allen
ihren Schrecken entgegentrte, kann er sich mit kaltem Blut und festem Muth
noch manchmal retten -- kommen bernatrliche Schrecken, kommt irgend ein
toller Aberglaube dazu, so ist er fast immer verloren.

Ist nicht neulich einmal Einem von Euch hier ein Unglck auf der Jagd
passirt? -- Wenn ich nicht irre, hat sich Einer geschossen.

Von uns nicht, nahm Wastel das Wort. Kaltschmidt's Bruder ging die
Bchse los, und er hat sich zwei Finger zerschossen.

Durch Unvorsichtigkeit?

Nein. Er hatte einen Gemsbock erlegt, ld't seine Bchse wieder und steigt
dann hinber ihn zu holen. Dort angekommen, wo der Bock im Feuer zusammen
gestrzt war, bricht er ihn auf, packt ihn in den Bergsack und hebt sich
den auf den Rcken. Wie er aber die neben ihm lehnende Bchse ber die
linke Schulter wirft, reit ihm der Bchsenriemen ab, oder das Leder geht
aus der Schraube, und als er unwillkrlich mit der Hand zufhrt, sie zu
halten, greift er dabei vor den Lauf, der Hahn trifft wahrscheinlich auf
einen Stein, der Schu fhrt heraus, und die Kugel schlgt ihm den vierten
Finger ganz und den dritten halb weg. Nun hat er erst eine ganze Weile
nach seinem Finger gesucht, ihn aber nicht wieder gefunden, und mute ihn
drauen lassen.

Er war doch nah bei Menschen?

Das gerade nicht, sagte Wastel lachend -- er mute drei Stunden gehn bis
er zu Hause kam. Seinen Bock hat er aber darum nicht im Stich gelassen, und
ist glcklich damit heim gekommen.

Es war nichts Uebertriebenes in dem Bericht. Mit der furchtbar
verstmmelten Hand hatte der Mann die schwere Gemse, die doch etwa ihre 50
str. Pfund wiegt, den weiten Weg allein zurckgetragen, und war nachher
glcklich geheilt worden.

[Illustration]

Und solche Fingerwunden sind gar schlecht, meinte Weinseisen -- der
Waldwart wei auch davon zu erzhlen.

Ja, aber ich habe mich nicht geschossen, fiel der Angeredete in's Wort,
-- mich hat ein Wilderer hinein gebissen.

Ein Wilderer?

Es sind nun schon ein paar Jahre her, da hrt' ich, als ich vom Heimjoch
eines Tages nieder stieg, in der Laures einen Schu. Ich machte da ich
hinber kam und ungefhr in der Gegend, wo ich glaubte da es gewesen sein
knnte, vorsichtig herumpirschend, sah ich pltzlich einen fremden Kerl
mit einer grauen Joppe, und einem schwarzen Bergsack neben sich, auf einem
Stein sitzen und ganz behaglich frhstcken. Dicht bei ihm lehnte sein
Stutzen und vor ihm lag eine Geis, die er eben geschossen hatte. Der Wind
ging gerade ziemlich stark und ich konnte dicht an ihn hinankommen. So,
eh' er sich's versah, sprang ich auf ihn, und drohte ihn ber den Haufen zu
schieen wenn er die Hand nach der Bchse ausstreckte. Was wollte er machen
-- ich war im Vortheil und er mute thun was ich von ihm verlangte. Ich
nahm ihm also vor allen Dingen den Stutzen weg und hing ihn ber, lie ihn
die Geis einpacken und aufhucken, und dann mute er mit mir zu Hause gehn.
Er jammerte freilich ich sollte ihn laufen lassen, aber das durfte ich
nicht, und so waren wir bis vielleicht eine Viertelstunde vor meinem Haus
gekommen, als er mich bat ich mchte ihn einen Augenblick niedersetzen
lassen -- er sei so mde. Er legte den Bergsack ab, und ich blieb neben
ihm stehen. Wie ich nun dachte da er gerastet, sagt' ich ihm wir wollten
weiter gehn, und er gehorchte auch und that als ob er den Sack wieder
aufnehmen wollte. Als er sich aber danach niederbarg, erwischte er einen
Stein, den er sich wahrscheinlich schon vorher dazu ausgesucht hatte, fuhr
wie der Blitz wieder in die Hh', und schlug mich damit an den Kopf. Nun
glaubt' er freilich er htt' mich, aber damit war's gefehlt. Ich packte ihn
bei der Schulter und Kehle, und wenn's auch ein junger Kerl war, wr' er
mir doch nicht fortgekommen. Da erwischt er meinen Daumen hier zwischen die
Zhne da ich glaubte, er htt' ihn mir schier abgebissen, und wie ich ihn
im ersten Schmerz loslie, stie er mich von sich, und war im Augenblick
nachher in den Laatschen drin. Das war das letzte was ich von ihm gesehn
habe, und mein Finger wurde nachher gar arg schlimm.

Wie Jackel noch gewilddiebt hat, soll ihm auch einmal ein Jger die eine
Fingerkuppe weggeschossen haben, sagte auf einmal der Kammerdiener ganz
ernsthaft aus dem Hintergrund vor.

Wer? ich? rief Jackel, dem die Pfeife beim Zuhren wohl zwanzig Mal
ausgegangen war, ganz erstaunt. Aber schon nicht. Den hab' ich mir mit
einem Handbeil weggeschlagen. -- Die anderen Jger lachten.

Hat nicht der Rainer vor ein paar Jahren einmal dem Jackel ein Gewehr
weggenommen? frug ich, das Bergmnnle vor mir auf dem Schoo haltend und
es langsam streichelnd.

G'raubt hat er's! rief aber Jackel, dem die Frage eine hchst fatale
Erinnerung weckte -- heimlicher Weise aus der Htte 'raus.

Was hatt'st Du mit einem G'wehr in der Htte zu thun? vertheidigte sich
aber Rainer -- Du bist kein Jger.

Das wei ich, sagte Jackel, und zieht vergebens an der ausgegangenen
Pfeife, aber damals, 48, wie die Welschen herber kommen sollten, da hatt'
ich mir ein gutes G'wehr gekauft -- es kostete mich _fnf_ Gulden, aber
es scho auch gut, und weil ich's nicht zu Haus lassen wollt', wo sie mir
schon einmal mit Schroten drau geschossen hatten, nahm ich's mit auf die
Alm zum Holzhacken. Der Rainer aber der war mir nachgeschlichen und hat
sich hinter 'en Busch gelegt, bis wir an die Arbeit 'gangen waren, und dann
ist er hergekommen und hat es heimlich g'raubt und mit fortgenommen -- und
ich soll's heute noch wiedersehn.

Jackel stand brigens in der That in dem Verdacht frher manchen eben
nicht nthigen Spaziergang in den Bergen gemacht zu haben. _Die_ Zeit lag
indessen hinter ihm, und er lugnete das jetzt hartnckig. So gutmthig
diese Bursche dabei sind, so schlau sind sie, und als ihm der Herzog einmal
in den Bergen befahl seine Bchse zu laden, stellte er sich so ungeschickt
dabei an, als ob er gar nicht wisse, was unten hin gehre, die Kugel oder
das Pulver.

Der Jagdplan auf den morgenden Tag wurde jetzt besprochen, und da wir
vor Tag ausbrechen muten, unseren Stand noch vor der Morgendmmerung zu
besetzen, stand der Herzog auf, die Nacht auf seiner mit Heu gestopften
Matratze unter einer wollenen Decke zu verbringen.

Wie viel Uhr ist's? -- es mu schon spt geworden sein. Rainer hat rasch
nach seiner silbernen Uhr gesehn.

Zehn Uhr, Hocheit.

Zehn Uhr?

Point du tout, zehn Uhr! versichert Rainer.

       *       *       *       *       *

Die meisten Jger schliefen in einer anderen Almhtte, in der noch Heu
vorrthig lag, und krochen dort hinein. Der Kammerdiener hatte mit dem
Mundkoch sein Bett in einer Ecke der Htte hier gemacht, und whrend ein
Theil der Jger ebenfalls in's Lager kroch, sammelte sich ein anderer noch
um das Feuer, stopfte sich eine frische Pfeife, und sprach sich ber seine
morgenden Jagdhoffnungen aus.

Auch Jackel hatte, da der Raum frei wurde seine Pfeife wieder frisch
gestopft und angezndet, und ging jetzt daran seine nchtliche _Arbeit_ zu
beginnen.

Ihm war nmlich das Amt bertragen smmtliche Schuhe der Schtzen wie
des Kammerdieners und Kochs zu schmieren und etwa herausgebrochene Ngel,
sogenannte _Zahnlcken_ nachzusehn und wieder auszubessern. Das hielt ihn
allerdings manchmal bis spt in die Nacht beschftigt, verhinderte ihn aber
nie, Morgens der Erste wieder am Platz zu sein und Feuer anzumachen.

Nun Jackel, wie ist es den letzten Sommer hier oben gegangen, gut?

Ih, mu ja wohl gut sein -- ich bin ja halt immer gesund gewesen.

Aber er hat Aerger mit seinem Wirth gehabt, sagt Martin, mit einem
Blinzeln des linken Auges, der hat ihm zu viel fr Miethe abgefordert.

[Illustration]

Ih nun ja, sagt Jackel gutmthig -- aber er braucht sein Bischen auch
-- vorigen Winter hat er mir's aber ganz geschenkt, weil ich ihm soviel
erzhlt habe, was die Herren hier untereinander gesprochen.

Und was zahlt Ihr jhrlich Miethe?

_Zwei_ Gulden, erwiederte Jackel, mit einer starken Betonung des
Zahlworts, und pate einen neuen Nagel in den vor ihm auf dem Knie
liegenden Schuh.

_Zwei_ Gulden? ist die erstaunte Gegenfrage, jhrlich?--

Ja, aber ich hab' auch frei Holz dafr, ergnzt Jackel, seine Extravaganz
in Miethe doch etwas zu mildern.

Aber das mu Er sich selber klein machen? vertheidigt ihn der
Kammerdiener wieder mit komischem Ernst, den Eigennutz des Wirths in recht
grelles Licht zu setzen.

Ih nun ja, das thu' ich gern, sagt Jackel gutmthig.

Und mit was beschftigt Ihr Euch nun den Sommer ber?

Mit Allem was vorkommt, eigentlich aber bau' ich Cithern und Geigen.

So? und die sind wohl theuer?

Nu ja, sagt Jackel, und zieht die Augenbrauen hoch in die Hh' -- eine
recht _gute_ Geige, was sie eine _Tanzmeistergeige_ nennen, die kann ich
doch schon nicht unter _sechs_ Gulden zusammenbringen, und eine hbsche
Wiener Cither kostet auch so viel -- sie sind ein Bischen theuer, aber es
ist auch groe Arbeit d'ran.

Und die gewhnlichen sind billiger?

Ei ja schon -- aber doch auch immer zwei bis drei Gulden -- unter dem
ist's nicht mglich. -- Oh ich verdien' ein recht hbsches Geld und Viele
haben's noch schlimmer wie ich, in den Bergen--

Ehrlicher Jackel -- wie wohlthtig wre es Manchem der seine Einnahme nach
Tausenden zhlt, und immer noch nicht zufrieden ist, immer nicht auskommt,
und mit dem Schicksal murrt, sich einmal mit einem solchen Mann zu
unterhalten. Wie wenig braucht der Mensch und wie viel braucht er
eigentlich. -- Mit wie wenigem knnen Leute glcklich und zufrieden sein,
und wie hufig laden wir uns selber da drauen in dem tollen Treiben das
wir die Welt nennen, neue und neue Lasten, neue und neue Bedrfnisse auf,
keuchen unter dem thrichten Gewicht, das wir freiwillig mitschleppen, und
klagen das Schicksal an, da es uns nicht zu Hlfe kommt.

Es ist Nacht -- schon halb im Schlaf hr' ich noch das Klopfen Jackels,
der die pyramidenkpfigen Randngel in die geschmierten Schuhe schlgt.
Der Wind hat sich dabei aufgemacht und heult ber das Joch, und der Regen
schlgt kaltpeitscheud auf das Dach nieder. -- Dort steigt der Jackel, mit
_einem_ Schuh an, den halbverwesten Leichnam auf der Kraxen, die steile
Wand hinunter, und statt dem Bergstock trgt er eine Cither unter dem Arm.
-- Und wie das prasselt und donnert um uns her. -- Das ist ein Rudel Gemsen
das ber die Reien setzt und hier hernieder strmt -- und jetzt ist
die Bchse abgeschossen. Rasch das Pulver hinein, und die Kugel mit dem
Pflaster obendrauf -- heiliger Gott sie steckt fest -- der Ladstock bringt
sie nicht hinunter, und dort steht das ganze Rudel und starrt uns an. --
Ha -- jetzt geht's -- langsam rutscht sie nieder -- der kalte Schwei luft
mir von der Stirn -- jetzt sitzt sie -- der Ladstock springt -- und nun ein
Kupferhtchen. -- Das eine rutscht aus den Fingern und fllt zwischen die
Steine -- die Gemsen sehen die Wand hinunter -- in der Tasche _mu_ doch
noch eins stecken -- keins mehr zu finden -- und da auch nicht -- da wieder
nicht -- halt hier ist richtig noch eins im Futter drin und nun nach. Noch
knnen die Gemsen nicht aus Schuweite sein, und wenn ich jetzt hinab
nach jenem Absatz springe -- ha, wie die Steine unter dem flchtigen Fu
hinwegstieben und nieder, nieder rollen in die Tiefe -- weiter und weiter
-- und jetzt -- der ganze Berg rollt. Wie eine furchtbare Fluth schiebt
sich die ganze Decke in's Thal hinab dem steilen Abgrund zu, und dort ghnt
schon die furchtbare Tiefe schwarz herauf. -- Die berhngende Laatsche
fat noch die zitternde Hand, das Gewehr poltert nieder und unten -- tief
unten in der Nacht hr' ich den dumpfen Knall und wenn der Zweig jetzt --
er knackt -- er dreht sich in der Hand -- hinab -- ha ---- Gott sei Dank
-- es war nur ein Traum! Was man fr Dinge in den Bergen trumt.

[Illustration: =Die Almhtte.=]




10.

Die Delpz.


Drauen ist's still geworden. Durch das kleine Fenster schaut das
Siebengestirn freundlich herein und der Sturm scheint vorber zu sein.
-- Schritte vor der Thr? -- wahrhaftig schon Morgendmmerung, der
Kammerdiener kommt zu wecken.

Wie die kalte frische Luft durch die Nerven zieht und die Haut prickelt,
aber den Schlaf auch dafr im Nu von den Lidern scheucht. Und was fr ein
wunderbares Dmmerlicht, da oben auf die hohe Rasenwand der Delpz fllt,
und wie nah und niedrig jetzt die Berge aussehn. ---- Fangt aber nur an zu
steigen und sie dehnen und strecken sich und ihre Gipfel wollen nicht nher
kommen, stundenlang.

Jetzt Gesicht, Brust und Hnde im khlen Quell gebadet -- nun hinein an
das knisternde Feuer so rasch als mglich eine Tasse Kaffee zu bekommen und
dann fort, denn eine tchtige Strecke haben wir zum heutigen Treiben noch
zu machen.

Der Mundkoch, zwischen einer Quantitt Tpfe und Kannen ist indessen
emsig beschftigt das Frhstck fr die Jger herzustellen, und der
_Kammerdiener_ besorgt das Gleiche fr die Jagdgesellschaft.

Ueberhaupt ist dieser das Factotum in den Bergen, das Kammrad um das sich
die ganze Maschinerie des _inneren_ Ministeriums wenigstens dreht. Stnde
er einmal still, es gbe eine Heidenconfusion. Er hat fr Alles zu sorgen
und sorgt fr Alles; die ganze Einrichtung verschwindet auf dem einen
Pirschhaus und taucht auf dem anderen wieder auf. -- Niemand wte wie,
wenn nicht die Trger hie und da beim Treiben oben an einer Wand dem
Pirschpfad folgend sichtbar wrden, und gewissermaen die Fden zeigten, an
denen sie bewegt werden.

[Illustration]

Aber von all den tausend Kleinigkeiten, an die zu denken ist, vergit er
selten oder nie etwas. -- Alles ist besorgt, alle Trger sind zur rechten
Zeit bestellt und an den rechten Ort gewiesen -- Erkundigungen sind
schon vorher eingezogen ob an dem neuzuwhlenden Platz Heu vorhanden ist,
Matratzenscke und Kopfkissen damit auszustopfen, wie es mit dem Proviant
gehalten wird, den der Haushofmeister vom Jagdschlo aus hinauf befrdern
lt. -- Die Trger die das Essen heraufbringen, nehmen denn auch
gewhnlich die erlegten Gemsen mit, und Boten wechseln dabei herber und
hinber. Er ist zugleich Tafeldecker und Kammermdchen, Haushofmeister
und Kammerdiener, bessert erlittene Schden aus und beugt neuen vor -- hat
Alles von Instrumenten und Utensilien in Vorrath was man sich nur denken
kann, ein ganzes Arsenal von Knpfen, Nadeln, Zwirn, Ngeln, Bndern etc.
etc. etc.

In seiner rgsten Geschftigkeit trgt er dabei einen weien Hut; nur
Morgens nach dem Frhstck wenn _Alles_ abgefertigt, wenn die ganze Jagd
hinausgezogen ist in die Berge, und ihm das Feld allein berlassen
wurde, dann hat er eine gestrickte Mtze die er aufsetzt, und die
_Beruhigungsmtze_ nennt. Dann ist Frieden im Reich, und hchstens Jackel
mit den brigen Trgern zurckgeblieben, seine Anordnungen auszufhren.

Aber fort -- fort; drauen hellen sich schon die Hhen und der Morgen
bricht sonst an, ehe wir die, noch ziemlich ferne Schlucht erreichen. Kalt
und frostig schickt ein scharfer Nordost seinen eisigen Hauch herber, und
die Glieder mssen wir durch Gehn erwrmen. Das ist auch leichte Arbeit in
den Bergen, denn jetzt an steiler Lanne hin, den kaum sichtbaren Pirschpfad
folgend, jetzt thalauf und ab, fhlt man die Klte bald nicht mehr, und
gar nicht lange, so zeigen die fallenden Schweitropfen und die heie Stirn
eine ganz andere Temperatur, als die beim Ausgang war.

Die Nacht, oder vielmehr gegen Morgen hatte es etwas geschneit und in
dem Delpzkessel selber, an der Nordwand, lag auch noch Schnee von einem
frheren Fall her. Dort wurde ich hinaufgeschickt, und zwar so weit, da
ich bis dicht unter die steil anlaufende Wand und auch eine Strecke nach
unten -- wo auerdem noch gegenber eine Wehr hinkam, schieen konnte.
Die Parole war dabei: ruhig und still liegen zu bleiben und sich nicht zu
rhren, denn das Geringste was sich regt, gewahrt die Gemse.

Der einzige gnstige Platz den ich mir da oben, wo auch nicht der geringste
Busch, nicht die kleinste Laatsche stand, aussuchen konnte, war in einem
flachen Erd- oder vielmehr Schneekessel, denn der ganze Hang lag dicht mit
gefrorenem Schnee bedeckt. Im Bergsack hatte ich allerdings den fr solche
Flle hchst nthigen Mantel und war auch noch von dem raschen Marsch warm
genug, trotz den nackten Knieen eben keinen Frost zu fhlen -- aber das
Treiben wollte nicht beginnen. Eine Viertelstunde verging -- eine halbe --
eine ganze Stunde -- und noch regte sich nicht das Geringste, weder auf der
Hhe von Treibern, noch im Kessel drin von einer Gemse.

Die Zhne fingen mir jetzt an zusammen zu schlagen und ich kauerte mich
eine Weile so eng ich konnte auf dem nichtswrdig kalten Schnee zusammen.
Die Neugierde lt den Menschen aber auch da nicht ruhn, und vorsichtig
wieder den Kopf hebend, schaute ich mit abgenommenem Hut ber den Rand der
kleinen Hhlung in der ich lag, ob sich denn noch gar Nichts sehen lie. Zu
hren war nicht das Mindeste.

Einen wunderbaren Anblick bot, als der Tag vllig angebrochen war und die
Sonne das hohe pyramidenfrmige Joch des Scharfreuters beschien, der Kessel
selber. Die Dmmerung hatte sich aus diesem noch nicht ganz hinausarbeiten
knnen, und der Schnee der auf den Reien der Nordseite lag, schillerte
in blulich matter Farbe. Kein einziger Busch war zu erkennen; nur drben
unter dem Scharfreuter der die sdliche Grenze desselben bildet, wuchsen
kleine verkrppelte Laatschen. Links hob sich dabei die vollkommen kahle
schroffe Wand viele hundert Fu empor und grad' aus lief sie zu einem engen
niederen Passe nieder.

Wenn man so da lag und hineinschaute, sah es auch aus als ob der ganze
Platz kahl, und leicht zu bersehen wre, nicht eine Ratte htte sich
ja darin verbergen knnen, auer vielleicht hie und da hinter einem
niedergebrckelten Stein. -- Ich war aber mistrauisch gegen diese
Augentuschung geworden, die mich schon einige Mal irre gefhrt, und
untersuchte vorsichtig auch den kleinsten dunklen Punkt mit meinem
Fernrohr.

Wenn es nur nicht so furchtbar kalt gewesen wre -- und dann der Schwei
vorher. Wunderbarer Weise hat aber ein Temperaturwechsel, der im flachen
Lande und in der dicken schweren Luft da unten die schlimmsten Krankheiten
nach sich ziehen mte, hier nicht die geringsten Folgen. Man friert eben
oder wird hei, und mit der Ursache ist auch die Wirkung vorbei.

Zwei volle Stunden mochte ich so auf der einen Stelle gelegen haben, da
klapperte ein Stein! -- noch in weiter Entfernung zwar, aber es war da
jedenfalls etwas unterwegs. Oben auf der Wand wurde auch jetzt ein Jger
sichtbar -- nicht grer wie ein Fingerglied stand er oben, und nur sein
ha--ho! schallte klar und deutlich nieder. Da donnerte ein Schu durch
den Kessel, und brach sich rasselnd an der rauhen Wand -- ich sah auch den
blauen Dampf in einem kaum erkennbaren Wlkchen aufsteigen, weiter war
aber nichts zu sehn. Da -- dort waren Gemsen, sieben -- acht -- neun Stck,
klein wie die Ameisen die an einer Kalkwand hinlaufen, sprangen sie ber
den weien Schnee der Reien, gerad' nach mir zu. Die kamen sicher hier
herber. Jetzt sind sie pltzlich verschwunden -- das was ich von hier
fr ebenen Grund gehalten, sind tiefe Schluchten und Spalten und einer von
diesen folgend haben sie sich dem inneren Kessel zugewandt, dort vielleicht
hinunter und in das Thal nieder zu brechen. Aber dort steht auch ein
Schtze der sie schon empfangen wird.

Es sieht wundervoll aus, wenn die kleinen winzigen Dinger so flchtig ber
die Steine wegsetzen. Was fr einen Spektakel sie dabei auf dem Gerll
machen -- und doch sind sie so weit entfernt. Jetzt kommen sie dort
pltzlich, als ob sie aus der Erde herausdrngten, wieder zum Vorschein.
Hei, wie sie dem Engpa zuspringen an dem-- Wie von einer Kugel getroffen,
knickte ich zusammen und in den Schnee hinein, denn dort vor mir -- kaum
vierhundert Schritt entfernt, und in schnurgerader Linie auf mich zu, kam
ein alter pechschwarzer Bock langsam ber den knatternden Schnee daher
getrollt. Vorsichtiger Weise hatte ich mir heute Morgen ein weies Tuch
mitgenommen, das ich jetzt ber den Kopf band, die dunklen Haare zu
verdecken, dann die Bchse spannte und mich nun langsam aufrichtete,
den Bock zu empfangen, oder wenn er zu weit nach unten einbiegen sollte,
anzuspringen. -- Er war stehn geblieben, und schaute jedenfalls nach dem
Rudel hinunter das jetzt durch den vom Schnee freien Kessel setzte. Wie er
so dastand sah er wahrhaftig aus wie ein dreijhriger Keuler, so schwarz
und zottig und anscheinend plump auf den Fen.

Ich fing jetzt vor Klte und Aufregung an zu zittern, da mir die Glieder
ordentlich am Leibe flogen, aber das dauerte nur wenige Momente, und jetzt
drehte sich auch der Bock langsam nach mir um und -- verschwand. Im Schnee
war er auf einmal wie geschmolzen, und da ich frchtete da er auch am
Ende, wie das Rudel, irgend eine Spalte angenommen haben knnte und dieser
dann thalab folgte, sprang ich in die Hh' und aus meiner Hhlung heraus
auf den hheren Rand, dort jedenfalls mehr Uebersicht zu haben, und einen
freieren Schu zu bekommen. Unwillkrlich sah ich dabei nach unten hin, als
es _ber_ mir wieder krachte und der Bock jetzt, der dort auf's Neue zum
Vorschein gekommen war, und mich jedenfalls gesehen hatte, in voller Flucht
ber den Schnee fort und dem steilen Felsrand zusauste, der ihn vor meiner
Kugel gesichert htte. _Die_ wurde ihm aber, ehe er noch zwanzig Stze
gemacht; die Kugel schlug auch vortrefflich und der Bock zeichnete; nichts
destoweniger setzte er mit unverminderter Schnelle seinen Lauf fort, und
mein zweites Rohr -- versagte.

Das todte Niederschlagen des Hahns auf das Htchen ist unter allen
Umstnden ein fataler Laut, hier aber, nachdem man ein paar Stunden im
Schnee gelegen hat und bald erfroren ist, bringt es Einen wirklich zu
gelinder Verzweiflung und man fat unwillkrlich die Bchse, als ob man ihr
etwas zu Leide thun wollte -- man thut ihr aber Nichts.

Piff -- paff -- ging es jetzt auch unten im Thal, und als ich den Kopf
dorthin wandte, sah ich wie das Rudel den schmalen Engpa angenommen, und
trotz dem dort stehenden Schtzen forcirt hatte.

Mir machte jetzt inde mein eigner Bock zu schaffen, und vor allen Dingen
den abgeschossenen Lauf wieder ladend, und dem anderen ein frisches
Zndhtchen aufdrckend, nahm ich meinen Hut und Bergstock, und kletterte
an dem harten Schnee hinauf, den Anschu zu untersuchen. Der Bock selber
war lange um die Felswand verschwunden.

Schwei! -- beim Himmel! ein groer dunkler Tropfen, gleich dort wo ich die
Fhrte fand, und weiter zurck wo die Kugel in den Schnee gefahren, lagen
abgeschossene Haare. Der Bock hatte hier gleich vom Anfang an auf beiden
Seiten geschweit; und war jedenfalls durchgeschossen. Fr jetzt lie sich
indessen weiter Nichts thun als den Anschu zu verbrechen -- aber womit?
Kein Busch stand auf tausend ja vielleicht zweitausend Schritt. Ich that
endlich das Einzige was mir brig blieb, ich legte meinen Hut auf den
Schwei und stieg nun in's Thal hinab wo sich die Schtzen schon sammelten.
Oben auf der Wand halloten die Treiber noch, und warfen dann und wann
Steine nieder. Lrm genug machten die allerdings, wenn sie mit hohlem
Sausen in's Thal hinab donnerten; ntzen konnten sie aber fr den
Augenblick Nichts weiter.

Nach halbstndigem Marschiren nherte ich mich endlich der Stelle wo unser
Jagdherr einen starken Bock erlegt hatte. Er lag dicht unter der Wand
und der glckliche Schtze stand neben ihm. Martin kam eben seitwrts vom
Treiben herein. Da lste sich oben ein kleiner Stein von der Wand, kam
herunter gesprungen, und schlug etwa zehn Schritte vom Herrn ein. Er kam
brigens hoch genug nieder, dem unten Stehenden den er traf, noch ein
tchtiges Loch in den Kopf zu werfen, -- wenn nicht mehr zu thun.

Werft keine Steine mehr da oben 'runger! rief Martin hinauf, und hielt
sich den Hut hinten, um besser nach oben sehn zu knnen.

Ja! lautete die Antwort und gleich darauf donnerte und krachte es oben,
als ob ein Felsblock nieder kme. Ich war noch ein Stck davon entfernt,
konnte aber deutlich sehn wie Herr und Diener eben noch Zeit behielten
unter einen vorhngenden Felsblock zu springen, als die etwa kopfdicken
Brocken niederprasselten.

[Illustration]

Ihr sollt keine Steine mehr oben herunter gewerf! schrie Martin jetzt
wieder, sobald das Gerll unten anlangte, indem er vorsprang den Befehl
hinaufzurufen.

_Ja!_ lautete die, wie rgerlich gegebene Antwort und mit dem Ruf
zugleich donnerte es auch auf's Neue von oben wieder, und jagte Martin
eben so rasch unter die Wand, um welche die zerschellenden Stcken herum
spritzten.

Ihr sollt nicht mehr _werfen_! schrieen jetzt andere Jger hinauf, und
Martin wollte eben einen neuen verzweifelten Versuch machen dem Steinhagel
Einhalt zu thun, denn die Lage seines Gebieters fing dort unten an
gefhrlich zu werden; wieder aber schickte ihn eine neue Ladung zurck, und
ich selber konnte von der Stelle aus auf der ich stand deutlich erkennen,
wie sich der oben stehende und hitzig gewordene Rainer die grte Mhe
von der Welt gab, nur recht rasch noch ein paar frische Steinbrocken
aufzutreiben, oder von der Wand loszutreten und nieder zu senden. Er hatte
keine Ahnung davon welch Unheil er anrichten konnte. Nur mit entsetzlicher
Mhe brachten wir ihn auch endlich, durch vereintes Geschrei dahin, von
seinem Bombardement abzustehen, denn whrend ihm von unten aus zugerufen
wurde mit Werfen aufzuhren, hielt er das fortwhrend fr eine Aufforderung
mehr Baumaterial herunter zu lassen, weil er, seiner spteren Aussage
nach, glaubte man htte irgendwo an der Wand einen alten hartnckigen
Bock entdeckt, der nicht heraus zu bringen wre, und den wollen wir schon
kriegen, dacht' ich.

Der erlegte Bock wurde jetzt zum Eingang der Delpz und auf den scharfen
Rand gebracht, der direkt zum Scharfreuter herunterluft. Dort sammelten
wir uns alle, von da aus ein zweites Treiben das am Wisinger Berg gemacht
werden sollte, zu umstellen -- aber vorher ein wenig zu frhstcken.

Eine zweite Gemse die unten geschossen worden, war jetzt auch herbei
gebracht und Martin beschrieb gerade wie er von oben hereingekommen, und
den erlegten Bock an der Wand hinaufklettern gesehn, als er seinen Bericht
pltzlich mit dem halbunterdrckten aber ngstlich hervorgestoenen Ein
Bock! unterbrach, und zu gleicher Zeit deutete der Arm mitten in den
Kessel hinein, derselben Wand zu, von der Rainer sich vor noch kaum einer
halben Stunde die grte Mhe gegeben hatte Alles niet- und nagellose
nieder zu senden.

Und er hatte recht; trotz dem Lrm, trotz dem Rufen und Schreien, trotz dem
vielen Schieen endlich, da wir nach dem Treiben unsere Bchsen abgefeuert,
kam da schon wieder ein Bock in's Thal herein, und schien die Wand entlang
die Richtung gerade auf uns zu zu nehmen.

Noch war er allerdings so klein, als ob eine Maus auf der Schneebahn
hinliefe; die Thiere ugen aber ganz vortrefflich und wir wuten Alle da
wir uns nicht rhren durften, wenn er nicht augenblicklich umdrehen und den
Rckwechsel annehmen sollte.

Was thun wir jetzt?

Ich laufe hinten herum und schneid' ihm den Weg ab, rief Martin schnell
bereit, wenn die Anderen dann wieder oben auf den Rand gehn und die paar
Psse besetzen, _mu_ er hier heraus.

Aber es sind auen herum zwei Stunden Wegs bis zu der Wand dort drben,
sagte Einer.

Ich lauf's in einer halben, versicherte Martin, und versprach keinesfalls
mehr als er leisten konnte.

Sowie wir hier aufstehn sieht uns der Bock, flsterte Ragg.

Wir brauchen nicht aufzustehn, lachte der Herr und gab das Beispiel zum
allgemeinen Rckzug, indem er sich langsam hinten berbog. Ohne den Krper
oben wieder zu zeigen glitt er so nach hinten, und rasch, aber mit nur
mhsam unterdrcktem Lachen folgten Alle in derselben Art. Komisch genug
mu es auch ausgesehn haben, und wenn Jemand htte oben vom Berg aus diese
pltzliche wunderbare Bewegung der ganzen Jagdgesellschaft beobachten
knnen, ohne die Ursache zu wissen, wre er mit Recht erstaunt gewesen. Das
Manoeuvre hatte jedoch vollstndigen Erfolg; der Bock gewahrte nicht das
Mindeste und Alle eilten jetzt, von dem Hang gedeckt, den ihnen bestimmten
Pltzen zu. Es konnte auch wahrlich kaum eine halbe Stunde gedauert
haben als Martin, der die Ausdauer eines Windhundes hat, sich an dem
entgegengesetzten Felsvorsprung zeigte und der Bock, also beunruhigt rasch
dem bequemsten Ausgang zueilte der gerade vor ihm lag. Da freilich mute
er in etwa hundertfnfzig Schritt von dem Felsblock vorbei hinter dem unser
Gastherr geschickt sich verborgen hatte. Da er in voller Flucht ging half
ihm ebenfalls Nichts. Er bekam die Kugel seines Namenvetters[3] mitten
auf's Blatt, lief noch etwa sechzig Schritt, und brach dann zusammen.

  [3]: Die doppellufigen Bchsen in denen die Lufe bereinander liegen,
  werden _Bcke_ genannt.

Durch dieses Intermezzo war nun freilich der Tag fr ein zweites Treiben
zu weit vorgerckt, und Martin wurde mit Pirschmann auf meinen kranken Bock
geschickt. Leider brachte er von der Nachsuche blos meinen Hut zurck, denn
der Bock der jedenfalls hoch und hohl durchgeschossen worden, hatte den
Berg angenommen und war, obgleich tchtig schweiend, ber die Grenze
gegangen. -- Gemsen sind berhaupt entsetzlich hart, und laufen, selbst bei
tdtlichem Schu, oft noch eine lange Zeit. Eine _hoch_ geschossene Gemse,
wenn die Kugel nicht gerade das Rckgrat zerschlgt, kommt fast immer
durch, oder ist wenigstens in den meisten Fllen fr den Jger verloren.

Da sich die Bcke brigens, wie wir heut mehre gesehn, schon von den
Rudeln abhielten und einzeln umher zogen, war ein Zeichen da die
Brunft bei ihnen begonnen hatte. In der Zeit ist der Gemsbock ein so
eigenthmliches wie merkwrdiges Thier. Ehe er sich wieder mit seines
Gleichen einlt, scheint er sich erst eine Zeitlang in sich selbst
zurckzuziehn, stellt sich ganz allein, und nur mit seinen eigenen Gedanken
beschftigt in steile Wnde und Klammen ein, nimmt sehr wenig Nahrung zu
sich, und spielt mit einem Wort den chten Oansiedl vom Berge. Sowie
aber die wirkliche Brunftzeit beginnt verlt er diese verdeckten Orte und
steigt auf die Joche, am liebsten zu schmalen Stellen auf, von wo er nach
beiden Seiten hinab und nach den vorbeiziehenden Rudeln niederschauen kann.
Auch auf einzelne vorspringende Felsen geht er gern hinaus, einen besseren
Ueberblick ber die Thler zu gewinnen. Schliet er sich endlich einem
Rudel an, so setzt es gewhnlich hartnckige Kmpfe zwischen den schon
dabei befindlichen Bcken, wo dann natrlich das Recht des Strkeren
entscheidet.

Laute giebt er in dieser Zeit nicht von sich, ein leises, nur in geringer
Entfernung hrbares Mekkern ausgenommen. Er soll aber dann, besonders wenn
die Jahreszeit weiter vorgerckt ist, auerordentlich neugierig werden,
und herbei kommen sobald er etwas Ungewhnliches sieht -- vorausgesetzt
natrlich, da er keinen Feind wittert.

Die Jger bethren ihn auch wohl manchmal, indem sie, dicht versteckt
hinter einem Fels oder Busch, ihren Hut mit dem weien Sto von Schneehuhn
oder Birkwild daran, langsam hin und her bewegen, worauf der Bock gar nicht
selten herbei kommen soll, zu sehn was es gbe. Einzelne haben sich auch
schon schwarze wollene Mtzen mit einem breiten weien Streifen an jeder
Seite stricken lassen, die sie dann ber den Kopf ziehn, und diesen an
irgend einem Felsenvorsprung oder aus einem Busch heraus zeigen. Merkwrdig
ist, da sich in dieser Zeit, dicht hinter den Krickeln des Bocks, am
oberen Theil des Kopfes, eine eben nicht ambraduftende Anschwellung,
der sogenannte Brunftknopf bildet, der etwa zu der Gre einer Haselnu
anwchst.

[Illustration]

So scheu der Bock im Allgemeinen ist, und so sehr er besonders den Menschen
frchtet, ist doch in der Ri schon einmal ein Fall vorgekommen, wo eine
Gemse unten im Thal, und auf dem Fahrweg, einen dort vorbeikommenden
Menschen aus freien Stcken angefallen, und bs gestoen hat.

Merkwrdig bleibt das berhaupt in der Naturgeschichte der Thiere, und
fr uns ein bis jetzt noch keineswegs aufgeklrtes Geheimni, da
ausnahmsweise, und in einem uns nicht erklrbaren Zustand von Aufregung
und Wuth sonst ganz friedliche und furchtsame, wenigstens den Menschen
_frchtende_ Geschpfe diesen anfallen, und dann auch nicht eher ablassen
bis sie getdtet oder unschdlich gemacht werden. Ich wei solche Beispiele
von Fchsen, Wieseln, Mardern, wilden Katzen, ja selbst mit dem Hasen soll
es vorgekommen sein, und jener Gemsbock liefert ebenfalls den Beweis dafr.

Von groen Thieren bieten Elephanten und Rhinocerosse hnliche Beispiele,
diese aber meist in der Brunftzeit, wenn sie von einem strkeren Gegner
besiegt wurden und nun in hchst verdrielicher Laune allein den Wald
durchziehn. Sie fallen dann Alles an was ihnen in den Weg kommt. Die
Wallfischfnger ebenfalls kennen die Gefahr der ihre Boote ausgesetzt sind,
wenn sie einen einzeln umherstreifenden Pottfisch (Cachelot, Spermfisch)
angreifen. Ist ja doch schon der Fall mit dem englischen Schiff Essex
vorgekommen, da es ein einzelner Spermfisch selber ungereizt angefallen
und in Grund gebohrt hat.

Ueberhaupt kennen wir bis jetzt nur erst leider die alleruersten Umrisse
des Familienlebens der wilden Thiere, denn die eingefangenen leben in einem
ganz unnatrlichen Zustand, und knnen keinen Mastab geben, whrend in der
Wildni selber eine genauere Beobachtung unmglich ist. Es fehlt uns der
Schlssel zu ihren Handlungen, wir verstehen ihre _Sprache_ nicht, und
begngen uns gewhnlich mit dem einen nichtssagenden Wort _Instinkt_ das,
was wir Auergewhnliches von ihnen zu sehn bekommen, zu erklren.

[Illustration: =Der Bock in Sicht.=]




11.

Die Grasberg-Alm.


Die Nacht wehte ein fliegender Sturm, und der Mundkoch behauptete am
nchsten Morgen, da ihm gerade um Mitternacht die Mtze, die er im Bett
aufbehalten, im Bett vom Kopf geflogen sei. Rein und wolkenlos brach
aber der nchste Morgen wieder an, und da hier nicht weiter gejagt werden
sollte, wurde das Lager zum Abend auf die Grasberg-Alm beordert. -- Weiter
war Nichts nthig, und der Kammerdiener besorgte das Uebrige.

Auf dem Weg dorthin sollten einige, zwischen der Baumgart- und der
Grasberg-Alm liegende Grben geriegelt werden. Gemsen zeigten sich hier
berall, und wenn auch natrlich die wenigsten zum Schu kamen, wurden doch
wieder vier erlegt; drei von des Herzogs eigener Hand.

Ich sa unten, ziemlich tief im Graben in einer schattigen Felsspalte
drin, da die Sonne warm auf die Berghnge schien, und die Luft dort aufzog.
Vllig gedeckt mute ich brigens Alles, was mir etwa htte schumig
kommen knnen, schon zeitig genug hren oder sehen, mich fertig zu machen.
Ich vertrieb mir also damit die Zeit, durch mein Perspektiv zwei alte
Kitzgeisen zu beobachten die sich an einem grasigen Abhang sten, whrend
die beiden kleinen niedlichen Kitzen, die eben die kurzen Krickeln etwa
zwei Zoll hoch zeigten, lustig um sie herumsprangen, auf den beiden
Hinterlufen tanzten, die kleinen kaum bewehrten Kpfchen gegeneinander
andrckten, und sich gerade so benahmen, wie sich ein paar junge
bermthige Ziegenbckchen an ihrer Statt benommen haben wrden. Obgleich
die Gemse nicht zum Ziegen-, sondern zum Antilopengeschlecht gehrt, hat
sie in der Bewegung und Lebensart doch manche Aehnlichkeit mit ihr.
Sonst halten sich die beiden aber in den Bergen, wo sie doch manchmal
zusammentreffen, ziemlich entfernt von einander, und man soll eher Gemsen
zwischen Schafheerden auf der Aesung finden, als zwischen Ziegen, obgleich
das erstere ebenfalls sehr selten geschieht.

Von da wo ich lag konnte ich den oberen Pirschweg ziemlich deutlich
erkennen, der sich wie ein matt-lichter Streifen hie und da ber nacktes
Gestein hinzog, bald zwischen Laatschenbschen verschwand und an einer
kleinen Lanne oder sonst offenen Stelle wieder zum Vorschein kam. Wie ich
zufllig einmal den Blick hinaufwarf, sah ich sich etwas bewegen, und das
Fernrohr dorthin richtend erkannte ich bald einen geringen Hirsch -- es
mochte ein Sechs- oder Achtender sein -- der, von einem Thier gefolgt,
langsam den Pirschweg hin und zwar nach Osten zuhielt. Der Hirsch blieb
dabei manchmal stehn und ugte zurck, trollte aber dann immer wieder
rascher vorwrts, als ob ihm da hinten etwas nicht recht gefalle.

Ich zerbrach mir noch den Kopf darber, was ihn in aller Welt knne
beunruhigt haben, da er sich vollstndig auerhalb des Treibens befand, als
ich pltzlich zur Linken, auf demselben Pfad, etwas Weies aus den Bschen
vorleuchten sah. Rasch richtete ich mein Glas dorthin, und erkannte bald
zu meiner innigen Freude den Kammerdiener und den Koch die, Beide in
Hemdsrmeln -- und der heie Tag rechtfertigte vollkommen eine solche
Erleichterung -- die Rcke durch den linken Arm gesteckt Einer hinter dem
Anderen in angenehmer Unterhaltung daher kamen, und den Hirsch mit
dem Thier ebenfalls zu einem, wahrscheinlich gar nicht beabsichtigten
Spatziergang nthigten. Der Mundkoch trug dabei etwas in der Hand, das hin
und her schaukelte und eigenthmlich in der Sonne blitzte, was es sei, lie
sich inde in solcher Entfernung nicht gut erkennen. Es war dies brigens
das friedlichste Hirschtreiben das ich je gesehn, und htte der Hirsch
ebensowenig von seinen Treibern gewut, wie diese von ihm, wren sie
beide jedenfalls nher zusammen gekommen. So lie sich das Wild noch eine
Zeitlang den Pirschweg gefallen, und verschwand dann endlich in einem, nach
unten in den Graben fhrenden Dickicht.

Einen eigenthmlichen Anblick hatten wir an dem Abend, als wir, schon etwas
nach Dunkelwerden, die Grasberg-Alm-Htte erreichten. Unten die Thler
lagen schon in tiefer Nacht, und selbst die Berge zeichneten sich dster
gegen den noch hellen Horizont ab. Dicht hinter den Husern stieg eine
kahle, nur von breiten Streifen, fast wie angelegten Beeten von Alpenrosen
bedeckte Anhhe hinauf, und lief, nach dem Kumpar hinberfhrend, mit
ziemlich ebenem Rcken etwa tausend Schritt von Nord nach Sd. Der kahle
Rand stach jetzt desto auffallender gegen den noch lichtgrauen Himmel
ab. Oben aber, da der ganze Krper bis zu den Klauen hinunter deutlich
sichtbar blieb und fast so aussah, als ob er zierlich aus schwarzem
Papier geschnitten wre, stand ein Hirsch, spitz gegen uns gekehrt, und
beobachtete aufmerksam den Einzug der _ihm_ jedenfalls unwillkommenen
Gste. Regungslos verharrte er dabei in seiner Stellung und man konnte mit
dem Fernglas deutlich das ausgreifende Geweih erkennen, bis wir durch eine
Senkung des Hgelhangs seinen Blicken entzogen wurden. Aber selbst dann
beruhigte er sich noch nicht, und wenige Secunden spter tauchte der
schlanke Krper wieder auf einer anderen etwas vorragenden Stelle des
Hgelrckens auf, von wo aus er die Huser selber berschauen konnte. Dort
stand er bis es so dunkel geworden war, da man ihn kaum noch erkennen
konnte, und verschwand endlich, wie in den Berg hinein.

Das Wetter blieb die letzten Tage ziemlich schwankend. Den Tag ber hatte
es manchmal ein wenig geregnet, manchmal die Hhen mit dichtem Nebel
umzogen; auch der Wind war eben nicht zum Besten gewesen. In der Nacht
drehte er sich indessen nach Sdost herum, die Luft wurde kalt und rein,
vom Himmel funkelten Myriaden Sterne, und gegen Morgen deckte leichter Reif
den Boden.

Ich war frh aufgestanden, in erster Morgendmmerung die Aussicht nach den
gegenberliegenden Bergen zu haben. Von hier aus hatten wir den Blick auch
in ein anderes Thal, dessen Pulsader, der klare muntere Bergstrom, wie der
Johannisbach, an der Carwendelwand entsprang, und sein Wasser von Nord nach
Sd in die Ri hinein jagte. Laut aufjauchzen htte ich aber mgen, als
ich hinaus vor die Thr der Htte trat und von dem nchsten, kaum dreiig
Schritt entfernten Grashang das zu meinen Fen liegende Thal, die
gegenber liegende Berggruppe berschaute.

Ich will versuchen den Anblick zu beschreiben aber, lieber Gott, wie weit
bleiben da Worte hinter dem wundervollen zauberschnen Bild zurck das sich
hier, wie durch den Stab eines Magiers heraufbeschworen, vor meinen Blicken
entrollte, und mir die Seele mit Lust und Jubel fllte. Das ganze Rithal
unter uns, soweit das Auge darin nach rechts hinunter, nach links hinauf
schweifen konnte, wie das schmale, zwischen dem Falken und Rokopf nach
der Carwendelwand zulaufende Laritter Thal war in der Tiefe mit dichtem
milchweiem Nebel angefllt, aus dem die grnen bewaldeten Wnde wie die
dunklen Ufer eines Nebelstroms emporstiegen. Darber hoch hinaus ragten
die starren Kuppen der ewig schnen Berge vor uns, mit den khn gerissenen
Gipfeln des Gemsjochs whrend links der Kumpar sein spitzes Haupt in die
blaue Luft hineinreckte. Ein Duft lag dabei ber dem Allen, wie er sich
weder mit Farbe noch Feder schildern lt, und wie die Sonne hher und
hher stieg, und der Nebel da unten Leben und Bewegung bekam, wie es
den Wiederschein von den Gipfeln in's Thal hinunterwarf, wie sich die
schneeigen luftigen Schichten anfingen zu rollen und ineinander zu drngen,
und ihre Rnder jenen eigenen wunderbaren fast durchsichtigen Rosenschimmer
annahmen -- wie es da endlich mehr und mehr zu wogen begann, als ob die
Bergriesen dadrinnen die Schultern gegengestemmt htten, und die weie
Fluth mit aller Macht zum Thal hinaus schben, wie hie und da ein kleiner
Bergesvorsprung inselgleich und dunkel daraus empor stieg, da ihm die
weien Schwaden durch die Wipfel seiner Bume schwindend, schmelzend ber
den Nacken flossen und die ganze Pracht des morgenglhenden Thales jetzt
pltzlich sichtbar ward, da wute ich gar nicht mehr wie mir geschah, so
leicht, so froh, so glcklich fhlt' ich mich, und htt' ich mich nicht
vor den Jgern geschmt, ich glaube, ich wre dem nchsten Baum um den Hals
gefallen, und htte laut geweint.

Es giebt ja aber auch nichts Edleres, nichts Reineres als die Natur. Wer
sich ihrer freut, wem Gott Empfnglichkeit dafr in's Herz gelegt, der hat
ein Recht sich den bevorzugt Glcklichen zu zu zhlen, denn berall auf
dieser weiten wunderschnen Welt sind ja Gensse fr ihn ausgestreut.

Eigenthmlicher Weise erfate mich hier ein ganz hnliches Gefhl als
damals, als ich das erste Rauschen der Palmen ber mir hrte. In jener
heiligen Ruhe der Tropenwelt unter den mchtigen wunderbaren Bumen
vermochte ich _den_ Eindruck unwillkrlich nichts Anderem zu vergleichen,
als dem stillen heimischen Schneefall in einem Fichtenwald, wenn die
groen Flocken so langsam und sanft hernieder sinken, zwischen den grnen
schtzenden Zweigen durch, und mit der weichen reinen Decke den Boden
warm belegen. So zitterte mir hier, den wilden trotzigen Alpen, dieser
gigantischen, khn gerissenen Bergesschnheit gegenber, dasselbe selige
Gefhl durch's Herz das ich empfand, als ich vom Megamendong in Java nieder
das herrliche Preanger Thal mit seinen einzelnen Fruchtbaum-Oasen, seinen
dichten Wldern und all seiner tropischen Pracht vor mir ausgebreitet sah
-- und doch wie ganz verschieden sind die beiden Scenen.

Dichter und compakter sammelte sich inde, whrend die Sonne hher stieg,
der Nebel, rollte langsam, ein Zeichen guten Wetters, zum Thal hinaus und
weiter in's flache Land--, und unsere Jagd begann.

Aber ich darf den Leser auch nicht mit Wiederholungen ermden. Wohl htt'
ich ihm freilich gewnscht das wundervolle Schauspiel mit zu genieen, das
uns noch einmal ber Tag am Heimjoch der Nebel in seinen eigenthmlichen
Schatten und Formen gab, oder ihn einmal ber einen der dortigen Pirschwege
in die Bockgrben, und so mitten in die wilde Fels- und Schluchtenwelt da
eingefhrt, doch versumen wir leider zu viel Zeit dabei.

Diese _Pirschwege_, so behaglich das Wort _Weg_ auch in den Bergen klingt,
darf man sich brigens nicht etwa zu bequem denken. Sie sind meist immer
nur angelegt vollkommen unerreichbare Klammen und Wnde passiren zu knnen,
und dort hinein zu pirschen, oder -- wenn man auf die andere Seite will --
weite, oft stundenlange Umwege, zu sparen. Das wrde aber einestheils sehr
viel und hier in den Bergen uerst werthvolle Zeit kosten, und dann ist
auch ein _Anschleichen_ an die scheuen, mit so scharfen Sinnen begabten
Gemsen an solchen Stellen ohne derartige Hlfe fast ganz unmglich --
wenn man nicht eben Tagelang darauf verwenden will und kann, sie zu
durchkriechen. Die Spitzhacke hat dabei oft nur in sehr rauher Weise eine
natrliche Ader des Felsens benutzt, dem Fu geringen Halt zu bieten, oder
das Jagdmesser ber die Klippen hier nur einfach durch die Laatschen Bahn
gehauen. Gar nicht selten aber ziehn sich diese sehr schmalen Pfade an
schroffen wilden berhngenden Wnden schwindelnd hin, und der Wanderer mu
sich wohl hten dem Steine nicht nachzuschauen der von seinem Fu berhrt
mit dumpfem langem -- langem Fall die blaue Tiefe sucht.

Die Jger sagen da ein solcher Stein den Menschen nachziehe, und
Unglcksflle dadurch herbeigefhrt, sollen allerdings schon vorgekommen
sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehren. Die Ursache liegt aber
auch dafr klar auf der Hand, denn whrend der Stein senkrecht an der Wand
niederfllt mu er allmlig, je tiefer er fllt, mehr und mehr aus dem
Gesichtskreis des Nachschauenden kommen der, um ihm mit den Augen zu
folgen, gezwungen ist sich weiter und weiter nach Auen zu biegen. Dadurch
kommt er mit dem schweren Oberkrper unmerklich _ber_ den Abgrund, und mag
er so schwindelfrei sein wie er will, er _mu_ das Gleichgewicht verlieren.
Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wnden herum manchmal wirklich,
wie der Amerikaner sagt viel zu interessant, um angenehm zu sein.

[Illustration: =Stillleben.=]

[Illustration: =Ein Pirschpfad.=]




12.

Das Gemsjoch.


Dem Grasberg gegenber, und der steilen Carwendelwand zu, zieht sich ein
enges, von steilen Wnden eingedrngtes Thal. Die Scenerie ist hier viel
wilder wie an der Ri, weil die Felshnge viel schroffere und deshalb auch
weit weniger und nur stellenweis bewaldete Vorsprnge, zum unten vorbei
quillenden Bach hinunter schieben. Sieht man dabei von dort zu ihnen auf,
so hlt man es auch wahrlich nicht fr mglich, da weder die Gemse, noch
viel weniger ein keckes Menschenkind an ihnen fuen und sich ihren fast
senkrechten Schluchten anvertrauen drfe. Und doch bieten sie dem khnen
Gemsjger nur geringes Hinderni. Mit dem scharfen Eisen unter dem Fu, den
spitzen starken Stock in der Hand, laufen diese Bergmenschen furchtlos die
schmale Bahn entlang, jede Hlfe die ihnen hie und da der Boden bietet
mehr in einer Art von Instinkt als mit Vorbedacht benutzend. Ihre Uebung
in dergleichen Werk, die hnlichen Hindernisse die ihnen berall
entgegenstehen, geben ihnen auch schon den raschen und hchst nthigen
Ueberblick, die besten -- oft die allein mglichen -- Stellen zum Uebergang
rasch und unverzagt zu whlen und zu behaupten.

Dort zogen wir hinauf, dem engen Thal folgend, das hier durch die breiten
Wnde des kleinen Falken und Gemsjochs rechts und links gebildet wurde.
Dicht an den Ufern eines ziemlich starken rauschenden Bergbachs, dessen
breites steiniges Bett von der furchtbaren Gewalt Kunde gab mit der diese
Wasser im Frhjahr nieder strzen, und Alles mitnehmen, was sie in ihrem
Wege finden, lag unser Pfad. Da pltzlich, wie durch Zauberei, war der
Strom verschwunden, selbst unter unseren Fen fort, und nur die ghe
Stille um uns her, machte uns erstaunt niederschauen in das noch allerdings
eben so breite und steinige, aber vollkommen _trockene_ Strombett. Dies
pltzliche Verschwinden war so merkwrdig, da wir zwanzig oder dreiig
Schritt zurckgingen, wo wir den hier etwa drei Fu breiten, mchtig
quellenden Bach von der kleinen Falkenwand herber unter dem Gerll
vorbrechen sahen, whrend ein schwcherer Zuflu von oben her, aber
ebenfalls tief unter dem Gestein hervor zu kommen schien. So eigenthmlich
es auch aussah und so sehr es uns im Anfang berraschte, so leicht erklrte
es sich doch, denn diese steilen Wnde lsen durch Lawinen und Thauwetter
ununterbrochen kleinere oder grere Massen Steine los, und schleudern sie
in das Thal hinab. Diese sogenannten _Reien_, die aus Nichts als wilden
unfruchtbaren toll durcheinander gestreuten Felsmassen und kleinerem Gerll
bestehn und an manchen Stellen hunderte von Fuen hoch liegen, nehmen
deshalb auch schon einen ungeheueren Flchenraum im Gebirge ein, und
scheinen sich von Jahr zu Jahr zu vergrern. Es lt sich denken, da
sie dadurch oft ganze Bche verschtten, die sich jetzt unter der lockeren
Decke die Bahn suchen mssen. Eben so wenig unterliegt es einem Zweifel,
da durch diese ewigen Bergstrze und Abscheidungen des Gesteins die
scharfen und schroffen Gipfel der hchsten Kuppen mit der Zeit eine
Vernderung erleiden, und niedriger werden mssen; ihr Umfang ist nur zu
gewaltig, als da ein einzelnes Jahrhundert es auffallend bemerkbar machen
sollte. So sieht die vollkommen senkrechte Carwendelwand, an deren Fu
ungeheuere Reien, ja wirklich Berge von Steinen liegen, die das Herz eines
Chausseesteinklopfers mit Entzcken fllen wrden, gerade so von unten
aus, als ob sie durch diese Abbrche jhrlich wenigstens einen Fu an
Hhe verlieren msse. Kommt man aber an die Sdseite der grasbewachsenen,
allmhlig aufdachenden Hnge hinauf, und berechnet erst ihre Hhe, dann
begreift man freilich, wie eines einzigen _Zolles_ Dicke, von der Wand
abgeschlt, ganze Berge von Gerll in's Thal hinab schleudern mssen. Wren
es aber auch selbst zwanzig Fu so wrden sie doch kaum den oberen Rand
verndern knnen.

Aufwrts jetzt, Freund Leser, aufwrts! Das ist ein mhsamer, langer Stieg
das Gemsjoch hinan. Wetter nocheinmal, wie massenhaft sich das Gebirg hier
aufthrmt und in Lanne und Felsgerll aus dem bewaldeten Thal empor sich
hebt. S'ist auch am Besten man sieht sich gar nicht um, und steigt nur
ruhig, unverdrossen fort; einmal erreicht man den Gipfel doch.

Das Gemsjoch sollte getrieben werden und ich selber war -- beilufig
gesagt der beste Platz -- auf die hchste Kuppe hinauf beordert worden.
Aufgescheuchte Gemsen nahmen gern gerad' dort hinber ihren Wechsel.
Schweres Steigen hatten inde bei diesem Treiben die Jger, die sich ihre
Bahn an den steilen schroffen Hngen suchen muten. Es dauerte auch lange,
bis sich das Mindeste zeigte oder hren lie, und ich lag wohl anderthalb
Stunden lang ungestrt auf der achttausend Fu hohen Kuppe des Jochs -- in
deren Nachbarschaft alle Fenster und Thren auf sein muten, denn es zog
furchtbar. Die Aussicht war aber wundervoll, und ich lie den Blick
frei ber die herrlichen, mit Schnee dicht bedeckten Alpenriesen,
den Groglockner und seine Nachbaren hinausschweifen, die unter ihrer
weifunkelnden Hlle in unbeschreiblicher Pracht die zackigen wilden Gipfel
gen Himmel reckten.

Hinter mir, nach Norden hinauf, ffneten sich dagegen die Berge; das
weite flache Land mit einzelnen weien hervorragenden Gebuden und kleinen
Stdtchen, wurde sichtbar, und im Sd-Westen lagen wild und zackig die
steyrischen Alpen dazwischen, ein weites Meer von Felsenjoch und Graten.
Was fr ungeheuere Wogen reckten da die weien Hupter, zngelnd, wie
wirkliche schaumdurchwhlte Wellen empor.

Auf dem Gemsjoch selber lag, trotz der Hhe desselben noch kein Schnee,
denn der darauf gelegene war durch die letzten warmen Tage wieder
fortgeschmolzen. Merkwrdig ist es auch, da dieser Theil der Alpen keine
Gletscher hat -- ein einziger kleiner ausgenommen der dort in der Nhe sein
soll, den ich aber nicht sah. Ihre Hhe berechtigt sie vollkommen dazu,
denn in der Schweiz reichen die Gletscher viel tiefer hinab, und sieben und
achttausend Fu hohe Kuppen sind dort drei Viertheile des Jahres mit Schnee
bedeckt. Dazu mag aber auch wohl die zusammengedrngte Masse _hherer_
Gebirge, die fortwhrend ihre Schneekronen tragen und deshalb eine viel
grere Klte um sich her verbreiten, mit beitragen.

Eine groe Anhufung von Schnee und Eis mu in sehr natrlicher Folge eine
solche Wirkung hervorbringen, wie wir den Unterschied z.B. auerordentlich
auffallend in den beiden Continenten von Europa und Nordamerika sehn.
Europa, das im Norden einen weit greren Flchenraum an eisfreiem Meer,
und deshalb die eigentliche Eisregion auf einem weit kleineren Raum
zusammengedrngt hat, ist deshalb auch viel wrmer als Nordamerika, dessen
breite Basis nach Norden zu, mit den ausgedehnten S-Wasser-Binnenlandseen
und dem enormen Flchenraum Eis und Schnee bedeckter Regionen den
Unterschied um viele Grade spren lt. Philadelphia z.B. das mit Neapel
auf einem Breitegrad liegt, hat eben so strenge und strengere Winter, als
wir im hchsten Norden von Deutschland. In Louisiana, das mit der Wste
Sahara gleiche Breite hat, ist leichter Schnee nichts Seltenes. Stehendes
Wasser friert oft selber in New-Orleans das, nur wenige Fu ber der
Meeresflche, auf einer Breite mit Cairo liegt.

Von Gemsen war noch Nichts zu sehn, als ich aber so dalag fest in meinem
Regenmantel gewickelt, die kalte Zugluft abzuhalten, konnte ich nicht
umhin die kleinen dichten Bschel auerordentlich zarten feinen Grases zu
bemerken, die um mich her ziemlich reichlich wuchsen. Ich pflckte von
dem zunchst stehenden etwas ab, kostete es, und fand es nicht allein
auerordentlich weich, sondern auch zuckers -- so s und angenehm in
der That von Geschmack da ich Alles, was ich um mich her erreichen
konnte, rein abste und Nebucadnezars Geschmack, der bekanntlich den Salat
erfunden, ganz begreiflich fand -- wenn er nmlich dort so treffliche Weide
hatte.

Dicht neben mir, denn ich lag auf dem allerhchsten gar nicht etwa sehr
breiten Gipfel, ging es steil und bergetief hinab. Wie wild und furchtbar
sah es dort unten aus. Die steile Nordwand dieses Jochs, die vielleicht
einige tausend Fu hoch ohne Absatz niederging, bestand allerdings
nicht aus einem glatten Fels, sondern aus brcklichem zerrissenem und
zerklftetem Gestein. Man htte selber hineinklettern knnen, wre den
Zacken eben nur zu trauen gewesen; aber unter dem Fu oder Griff brachen
die wettermrben Brocken los, und dann -- es schwindelte mir als ich in die
dunkle, Wind durchbrauste frchterliche Tiefe hinabsah, und ich wandte mich
schaudernd ab.

Und doch giebt es Menschen die an diesen Wnden an denen ihr Leben wie an
dnner Faser hngt, ihre krgliche Nahrung suchen. Die Enzianwurzelgrber
klettern dort, an die Gefahr gewhnt und gegen sie vollkommen abgestumpft,
mit einem Sack, die gefundenen Wurzeln hinein zu thun, und einer kleinen
Hacke, sie aus ihrem rauhen Bett heraus zu heben, sorglos herum, und die
Gemse selbst hebt staunend den Kopf, wenn sie an _solchen_ Stellen
einen Menschen sieht. Kameraden finden auch wohl dann und wann eine alte
verrostete Hacke, einen halb verfaulten Sack, und werfen einen scheuen
Blick in den Abgrund nieder. Selbst unter dem leisen Ave Maria aber, fr
die Seele des Verunglckten, dessen Gebeine dort in irgend einem Abgrund
bleichen, schauen sie sich schon wieder nach neuen Wurzeln um -- der da
unten ist wohl aufgehoben.

_Das_ waren Gemsen -- vorsichtig hob ich den Kopf zwischen den wild
umhergestreuten Steinen empor, und sah eins der schnsten Schauspiele, das
sich der Gemsjger nur wnschen und ersehnen kann.

Der Gipfel des Gemsjochs theilte sich in drei ungleiche Spitzen, von
denen die beiden westlichsten die hchsten, die stlichste, die vielleicht
tausend Schritt von der westlichsten entfernt ist, etwas, aber nur wenig
niedriger liegt und in einen kleinen spitzen Kopf aufluft.

Auf dieser Spitze, die vier Lufe dicht zusammengedrngt, den schnen Kopf
hoch und sichernd gehoben, stand eine Gemse und etwa zwanzig Schritt weit
unter ihr, whrend noch andere ber den Rand des Abhangs, scheinbar aus
der blauen Luft, heraufstiegen, befand sich das Rudel, im Ganzen vielleicht
zwlf oder dreizehn Stck.

[Illustration]

Die Wachtgemse stand voll und klar gegen den lichtblauen Himmel
abgezeichnet, und die sichere Ruhe mit der das prachtvolle Thier den weiten
Plan, auf dem es jede nahende Gefahr leicht und rasch erkennen konnte,
als Schildwache oben fr das ihr anvertraute Rudel berschaute, war ein
Anblick, den ich im Leben nicht vergessen werde. Das Rudel selber, das
jedenfalls durch einen der unten durchgehenden Treiber heraufgescheucht
worden, schien sich indessen auch ganz auf seine Wache zu verlassen, und
vollkommen sicher zu fhlen. Die jungen Thiere spielten mit einander, und
die Alten pflckten hie und da an den sen Grasbscheln herum -- mehr
wahrscheinlich zum Desert und aus Naschhaftigkeit, als aus wirklichem
Hunger.

Endlich stieg die Wachtgemse, gewhnlich eine Geis, von ihrem hohen
Standpunkt langsam nieder. Ob sie da unten wieder etwas Verdchtiges
gewittert, oder sonst mehr Verlangen nach der Seite trug, auf der ich
lauernd mit gespannter Bchse lag, aber pltzlich setzte sie sich an die
Spitze des Zuges, und kam in kurzem Galop auf dem uersten Rand des Berges
ein Stck hin, verschwand dann in einer scharf eingeschnittenen Schlucht,
die die beiden Kuppen von einander trennte, mit dem ganzen Rudel, und stieg
klappernd und die lockeren Steine hinter sich ausstoend, den kleinen
Hang herauf, an dessen uersten Rand ich, vollstndig gedeckt, ihrer
herzklopfend harrte.

Nun ist es eine alte Gemsjgerregel, die mir von allen Seiten wieder
und wieder gegeben worden, _nie_ auf ein ankommendes Rudel zu schieen.
Erstlich kommen sie spitz, -- immer schon ein _bser_ Schu; dann ist die
erste im Zug _jedesmal_ eine alte Geis, whrend die Bcke nachfolgen, und
dann -- ist es eben gar nicht nthig. In solchem Fall, besonders wenn
man gedeckt ist, mu man _die ersten_ des Rudels erst vollstndig vorber
lassen, ja womglich ein Dritttheil desselben, und sich dann erst einen
Bock heraussuchen, auf den man in solchem Fall auch viel ruhiger und
sicherer schiet. Auerdem hat man bei solchem Verfahren auch noch die
Gewiheit, da die schon vorbeigesprungenen Gemsen unter keiner Bedingung
wieder umkehren, und die anderen, die noch zurck _sind_, _folgen_ ihnen,
es mag auf sie geschossen werden so viel da will. Der zweite Schu ist
daher eben so sicher anzubringen als der erste.

Htt' ich also dort oben meine Zeit ruhig abgewartet, so mute das ganze
Rudel auf kaum zehn Schritt an mir vorbei, und an Ausweichen war auf dem
schmalen Kamm gar nicht zu denken. Wie ich aber das immer strker werdende
Klappern auf den Steinen hrte, das gerade so klang, als ob es links und
rechts um mich her in allen Ecken und Spalten lebendig wrde, da ging mir
der Athem aus, das Herz fing an zu hmmern als ob es mit hinaus wollte,
ebenfalls zuzusehn was da passire, und alle Warnungen und Rathschlge,
alle guten Vorstze, alle Erfahrungen selbst, waren in dem einen Moment
unbeschreiblicher Aufregung und Leidenschaft vergessen. Die Bchse im
Anschlag richtete ich mich in meinem Versteck auf, und wie die ersten
Krickeln nur hinter den Steinen vorsahen, und ich den dunklen Schatten
eines Krpers erkennen konnte, gab ich Feuer.

Ich wei nicht einmal ob es geknallt hat -- weiter Nichts als das wilde
Hals-ber-Kopf-Hinabstrzen der erschreckten Thiere hrte ich, die aber
auch im nchsten Augenblick in der Schlucht verschwunden waren, und als
ich dort nachsprang, und noch einmal hinter den Flchtigen auf etwa
zweihundertfnfzig Schritt -- und ich mu zu meiner Schande gestehn,
_nachfeuerte_, stob das ganze Rudel auseinander, und eilte wieder der
Stelle zu, auf der ich sie zuerst gesehen hatte.

Allerdings sonderte sich ein Bock vom Rudel ab und rutschte, zu meiner
innigen Freude, ein ganzes Stck den ziemlich steil da ablaufenden Hang
hinunter, ob er aber vielleicht nur ausgerutscht war -- und warum sollte
das einer Gemse nicht auch geschehen knnen -- oder mich gar damit
verhhnen wollte, ich wei es nicht, sptere Nachsuche auf der Fhrte ergab
nicht einen Tropfen Schwei, der auf dem grauen Gerll berall deutlich
sichtbar gewesen wre. Bald darauf schlo er sich auch wieder seinem Rudel
an.

Gleich nach dem Schu kam ein ganzer Flug Alpendohlen -- sonst entsetzlich
scheue Vgel, die den Jger nicht auf hundert Schritt hinanlassen -- um
den Gipfel des Jochs herum. So wie sie mich da oben aufrecht stehen sahen
flogen sie auf mich zu, kreisten mir, auf kaum zwanzig Schritt um den Kopf
und stieen sogar nach mir, wobei mir ein paar so nahe kamen, da ich sie
fast htte mit der Flinte schlagen knnen.

Die Alpendohle, oder auch Schneekrhe genannt, ist ein wunderhbscher
zierlicher Vogel, etwa von der Gre einer Elster, wenn nicht noch etwas
strker, nur ohne die langen Schwanzfedern, mit blulichem Schiller auf
ihrem schwarzen Gefieder, hellgelbem Schnabel, grellrothen Stndern und gar
so munteren braunen Augen. Ihr Pfeifen klingt auch fast melodisch, und wie
sie munter und gesellig in den Alpen herumtummeln und in der Luft kreisend
zusammen spielen, hab' ich sie immer gern gehabt. Jetzt aber kamen sie mir
ungelegen. Das Pfeifen nach dem schlechten Schu behagte mir auch nicht.
Ich zielte auf den rasch ber mir hinstreichenden Vogel, und scho ihm mit
der Kugel eine seiner Flgelfedern durch. Das nahmen jedoch die anderen
sehr bel, begannen einen Heidenlrm, wobei sie sich brigens in weiterer
Entfernung hielten, und strichen dann nach unten. Gleich darauf fiel dort
auch ein Schu und unser Jagdgeber hatte einer der ebenfalls nach ihm
stoenden Krhen mit der Kugel Kopf und Hals abgeschossen.

Das ist Alles recht schn und gut -- bereilt hat sich schon mancher sonst
vollkommen ruhige alte Jger und vorbeigeschossen auch. Der Schtze soll
noch geboren werden, der da sagen kann er habe nie gefehlt, aber der
Heimweg -- der Abend nach solchem Fehlschu. Wenn man gleich mit einem
Satz darber hinweg auf den nchsten Tag und in das nchste Treiben
hinein springen knnte mcht's noch gehn, aber so berdenkt man die letzte
unglckliche Scene wieder und wieder, hrt den ganzen Abend, die ganze
Nacht das Rudel ber die Steine klappern, wei jetzt ganz genau _wie_ man
es htte machen sollen, und da trotzdem _der_ Augenblick im ganzen Leben
nicht wiederkehrt, und ist mit einem Wort, in einer verzweifelten Stimmung.

[Illustration]




13.

Die Nebeljagd.


Kalt und trbe brach der nchste Morgen an, und dicker undurchdringlicher
Nebel lag im Thal, in dem er erst etwa um zehn Uhr Morgens ein wenig
in Bewegung kam. Nichts ist aber peinlicher, als in den Bergen durch
schlechtes Wetter einen Jagdtag zu verlieren, und wie sich deshalb auch
nur die Luft ein klein wenig gnstiger gestaltete, und die Jger ihr Ich
meinet halt doch es sollt' schon etwas besser werden, herausgegeben, wurde
der Aufbruch bestimmt.

Unser Ziel lag an diesem Tag an dem oberen Theil des Engthals, das
vom Laritterthal, in dem wir uns befanden, nur durch einen sogenannten
Hgelrcken getrennt war, und leicht erreicht werden konnte.

Leicht erreicht werden, ja. Der Pa lag allerdings dicht unter der
Carwendelwand, und bestand aus nicht sehr steilen Grashngen, was aber hier
zu Land ein _Hgel_ heit, ist anderswo ein _Berg_ -- wie ja die Leute auch
ein stundenbreites Thal einen _Graben_ nennen. Wir muten auch, immer noch
im dicken Nebel, wacker zusteigen den hchsten Kamm zu erreichen und waren
tchtig warm dabei geworden. Oben wurden wir dann angestellt, und den
angeblichen Kessel vor uns -- denn sehen konnte man keine fnfzig Schritte
weit -- die Jger abgeschickt ihn einzuriegeln. Standen Gemsen darin so
muten sie Wind von den Treibern bekommen, in welchem Fall sie dann rascher
flchtig werden, als wenn sie den Feind erkennen konnten.

Der kalte Luftzug der aus dem Thal heraufstieg that mir im Anfang, nach dem
scharfen Steigen wohl -- von Erkltung wei man ja hier berhaupt Nichts.
-- Ich nahm also meinen Mantel aus dem Bergsack, hing ihn um, drckte mich
hinter einen einzelnen Stein von der Gre eines migen Elephanten,
der allein zu meiner Bequemlichkeit dort von irgend einem Bergriesen
hingeschleudert schien, und erwartete geduldig den Beginn der Jagd -- d.h.
das Klappern der Steine, das die heranprellenden Gemsen verrathen wrde.

Es war ein wunderlicher Platz -- der Nebel lag voll und schwer auf dem
ganzen Thal, in das der Hgel, auf dessen Kamm ich sa niedersenkte. Der
Phantasie blieb dabei der weiteste Spielraum gelassen, sich dort hinein den
Horizont des Auges nach Gefallen auszudehnen. Wie ich deshalb so trumend
auf das ungewisse milchige Dmmerlicht hinausschaute, aus dem nur, von den
Wnden zurckgeworfen, das dumpfe Rauschen des Bergbachs herber tnte,
kam es mir pltzlich vor, als ob ich am kahlen felsigen Strand des Meeres
sitze, das an dem Fu desselben Hgels seine Wellen peitschte, und seiner
Brandung Donnern im dumpfen hohlen Brausen zu mir herbersandte.

Lebhafter hab' ich wachend noch nie getrumt, und in der Erinnerung an
frhere hnliche Scenen, konnt' ich mir jetzt schon gar keine Berge
dort hinein mehr denken. Das _mute_ Meer sein. Wie das dumpf kochte und
rauschte, und wenn der Nebel sank und dort hinaus dem Auge Freiheit gab,
dann lag auch sicher die blaue See vor mir, und einzelne weie Segel zogen
wie leuchtende Punkte darber hin.

Wenn es nur nicht so schmhlig kalt gewesen wre.

Jetzt wurde der Nebel oben lichter; die Sonne brach sich mit einem
einzelnen Strahl wenigstens Bahn, und im Zenith erschien der blaue Himmel.
Endlich! Jetzt zog auch der Wind schrfer aus dem Thal herauf -- er schnitt
im wahren Sinn des Worts durch Mark und Bein -- und dort -- ich verga
Gemsen und Jagd ber das Schauspiel das sich pltzlich, als ob ein
riesiger Vorhang mit einem Wurf zurckgeschleudert wrde, vor meinem Blick
entfaltete. Mit Windesschnelle ffnete sich der Nebel und wich nach beiden
Seiten so zurck, da er wie durch ein gigantisches Medaillon den Blick
hinausgestattete. Vor mir aber -- so dicht da meiner Meinung nach
die Armbrust einen Bolzen htte hinbertragen mssen stieg dunkel
und massenhaft, eine Riesenmauer, die Carwendelwand empor, und blaue
zerflieende Lichter schossen dabei, wie nach einem Brennpunkt, in der
Mitte dieses wunderbaren Bildes zusammen und schmolzen fr jetzt noch die
einzelnen Theile ineinander. Allmhlig lste sich aber auch dies -- das
Bild wurde rein und klar, und scharf gezeichnet lag pltzlich dort drben,
wo ich die See getrumt und so hoch aufragend da ich empor schauen mute
ihre dunklen Rnder in dem sich wieder mit Nebel bedeckenden Himmel zu
suchen, die schroffe Wand, mit allen ihren einzelnen Spalten und Rissen
vor mir da. Whrend aber fast den vierten Theil der ganzen Hhe, die Reien
einnahmen, die sich der Berg in's Thal hinabgeschttelt, lag auf diesen
Reien wieder, noch immer von dem jetzt lichter gewordenen blauen Schein
bergossen, ein breiter Streifen Schnee den dort der letzte Winter noch
gelassen.

Wunderbarer Weise zog sich der Nebelrahmen jetzt mehr und mehr zusammen,
die schrfsten Lichter auf die Mitte werfend und dort -- auf dem Schnee --
deutlich konnte ich es mit bloem Auge erkennen -- regte sich ein dunkler
Gegenstand, und kroch langsam und gerade, dem Zug der Wand folgend, darber
hin.

Ich wrde es fr eine einzelne Gemse gehalten haben, wenn es mir nicht
so entsetzlich klein vorgekommen wre -- aber was konnte es sonst sein
-- vielleicht ein Fuchs? Ich nahm das Fernrohr rasch aus seinem Futteral,
richtete es und erkannte in dem kleinen Punkt -- einen Menschen -- einen
Jger der dort an der scheinbar senkrechten Wand in solcher ungeheueren
Entfernung noch seine mhsame Bahn verfolgte.

Als ob der Nebel sich aber nur geffnet mir _das_ zu zeigen, flossen in
diesem Augenblick wieder breite glnzende Strahlen nach der Mitte zu -- das
Medaillon schlo sich, und dichter als vorher lagerte die weie Nacht auf
Berg und Thal.

Und was fr ein kalter Zug _mit_ dem Nebel wieder von da unten herauf und
ber den Hgel strich -- die Zhne fingen mir an zu klappern und in der
Aussicht jetzt, da wir hier sitzen mten bis der Jger, den ich eben
erst als kleinen dunklen Punkt gesehn, seinen _Bogen_gang um den Kessel her
vollendet htte, wickelte ich mich nur fester und verzweifelter in meinen
Mantel.

Wie lange ich so gesessen wei ich nicht; der Nebel wurde aber immer
dichter, und das einzige Vergngen das ich mir unter der Zeit machen konnte
war, an eine recht gut geheizte Stube zu denken. Wie die Aufregung dieses
pltzlichen Phnomens, -- ich kann es kaum anders nennen -- vorber war,
kam der Frost mit verdoppelter Schrfe wieder, und ich fror, wie nur ein
unglckseliges auf einem kalten Stein, in einem solchen Nebel und auf
solcher Hhe sitzendes Menschenkind frieren _kann_.

Das Treiben nahm auch kein Ende -- der Nebelvorhang war wieder gefallen,
und auf's Neue trumte ich mich an der Seekste -- irgendwo in der
unmittelbaren Nhe des Eismeers. Endlich -- Gott sei Dank das war ein
Gerusch -- endlich doch ein Wild zum Schu, denn wenn es hier nur
_sichtbar_ wurde htt' ich es auch mit einem Blasrohr treffen knnen. Ich
machte mich rasch fertig, konnte aber kaum den Hahn der Bchse spannen,
so steif war ich gefroren. Da kam's ber das lockere Gestein herauf --
mit Gewalt brachte ich den Kolben an den Backen -- schon sah ich, ber den
Bchsenlauf hin, sich einen dunklen Schatten bewegen -- sobald sich das
als ein alter Bock auswies. -- Erschrocken setzte ich die Bchse ab und den
Hahn in Ruh -- der Schatten gehrte einem der Jger und der Mann stieg in
Schwei gebadet, den rauhen mhseligen Hang herauf. -- Ich konnte ihn nur
um seine Temperatur beneiden.

Das Treiben war vorbei; die Schtzen kamen, ohne da ein einziger Schu
gefallen wre, auf dem Hgelrcken zusammen und wie froren sie. Wir sahen
alle blau und roth marmorirt im Gesicht aus, und wenigstens eine halbe
Stunde scharfen Marschirens war nthig, mich nur einigermaen wieder
biegsam zu machen.

Heute blieb freilich nicht mehr viel zu thun. Nichts destoweniger wre es
Schade gewesen den ganzen brigen Tag ohne weiteren Versuch aufzugeben.

Bei dem gestrigen Auszug hatten wir an einer der, dicht unter der
Carwendelwand liegenden Reien zwei starke Bcke gesehen. Wenn die alten
Burschen jetzt noch dort oder in der Nhe standen, war es vielleicht
mglich ihnen mit Hlfe des Nebels anzukommen. Die Luft schlug abwrts,
und wenn die Schtzen unten und seitwrts vorgestellt wurden, konnte sie
nachher ein einziger Treiber losgehn.

Vorsichtig schlugen wir deshalb, von einem der Treiber gefhrt, einen
schmalen Vieh- und Gemspfad ein, der quer unter den Reien, aber noch in
ihrem Bereich hinfhrte, und merkwrdig war in der That diese wilde Welt,
durch die wir jetzt hinschritten. In eine Wolke von Nebel gehllt, blieb
nur die nchste Nhe sichtbar, und diese bestand einzig und allein aus
Steinen die von der Gre eines migen Wohnhauses, bis hinunter zu der
eines Chausseesteines in toller Mischung durcheinander lagen. Kein Busch,
kein Grashalm war dabei zu sehn, nur Nebel und Felsgerll und das Rcktheil
des vor Einem hinschreitenden Jgers. Und wie mute das hier donnern und
schmettern wenn die Felsstcke von der mehre tausend Fu hohen steilen Wand
unter der wir hinschritten, zu Thal strzten. Und wenn nun gerade _jetzt_
ein solcher Brocken sich losgebrochen und seinen Weg hierher gefunden
htte? An ein Ausweichen wre gar nicht zu denken gewesen, denn wie
Kanonenkugeln prellen solche Stcke, nur einmal in Schwung gebracht,
bergab. Strend war in der That der Gedanke, da wahrscheinlich in diesem
selben Augenblick hunderte solcher Blcke ber uns, nur vielleicht noch
durch ein wenig Erdreich gehalten, hingen, und von der geringsten Ursache
losgestoen werden konnten. Wenn die jetzt niederbrachen, ber uns -- um
uns her----

Es ist ein unbehagliches Gefhl an solchen Stellen hinzugehn, an denen das
Leben eigentlich nur an einem nicht zu verhindernden Zufall hngt -- es hat
Aehnliches mit dem Spatzierengehen in den Straen einer verpesteten Stadt,
wo man kaum zu athmen vermag.

Alle Wetter -- da oben ging's schon los!--

Wie wir eben an einer Stelle vorberschritten die solch unnthiges
Baumaterial in auergewhnlicher Masse geliefert zu haben schien,
polterte es pltzlich ber uns in den Steinen, und einzelne kleine
Carwendelwandsplitter, von der Gre eines gewhnlichen Kinderkopfes kamen
springend nieder.

Das waren jedenfalls Gemsen -- deutlich konnten wir sie auch, vielleicht
nur wenige hundert Schritt von uns entfernt, davon klappern hren -- aber
zu sehn war weiter Nichts, als die unerbittliche weie Decke, die uns
umhllte. Rasch wurden jetzt die nthigen Befehle ertheilt den Platz auf
dem die Gemsen pltzlich zu halten schienen, zu umstellen, und sie doch
vielleicht noch zum Schu zu bekommen. Martin, dem der Boden schon lange
unter den Fen brannte, sprang dann in seinem wolfshnlichen langen Galop
zurck, den uersten Vorposten so rasch als mglich zu besetzen, whrend
unser Jagdherr selber sich noch weiter vorpirschte, um spter mit Rainer
die beschwerlichen Reien hinan bis unter die Wand zu klettern. Waren die
Gemsen noch darin, so _muten_ sie jetzt einem der Schtzen kommen, denn
die steile vielleicht mehre tausend Fu hohe Carwendelwand konnten selbst
diese Thiere nicht empor. Was nicht Flgel hatte kam da nicht hinber.

Der hohe Herr stand senkrecht ber mir, und als der Windzug einmal auf
Momente die oberen Nebelschichten in Bewegung setzte, da der dstere
Schatten der nahen Wand wie eine drohende Gewitterwolke ber uns stand,
konnt' ich seine hohe dunkle Gestalt, nur eben wie fast in der Luft
schwebend, erkennen. Tiefer im Thal stand ein jngerer Anverwandter
desselben, der schon einige Tage mit in den Bergen gejagt hatte, und neben
ihm, seinen schottischen Plaid ber der Schulter und seinen breitrndigen
Hut auf, der ihm den Namen eines falschen Spaniers zugezogen, der
Zeichner dieser Skizzen.

Ich hatte mich in einen Laatschenbusch gedrckt, und Platz genug zum
Schieen -- wenn eben nur etwas kam -- auch heute zwei Bchsen neben
mir, da die Erinnerung an das gestrige Rudel den Verdacht in mir hatte
aufsteigen lassen, da mir heute etwas Aehnliches wiederfahren wrde. Der
Mensch giebt sich manchmal solchen angenehmen Trumen hin.

Ein paar Mal schwankte der Nebel, und es schien fast als ob er sich
zerstreuen wolle -- das wre fr die Jagd prchtig gewesen. Jedenfalls
hatte sich der Wind gedreht, und kam jetzt mehr von Norden als heut Morgen
-- aber der Nebel wich und wankte nicht. Da fing es pltzlich ber mir an
in den Steinen zu donnern und zu prasseln, da ich glaubte, der ganze Berg
kme herunter. Piff -- paff, gingen dabei oben die Schsse rechts und links
-- _eine_ Kugel konnte ich auf die Steine aufschlagen hren -- und ein
ganzes Rudel mute dort irgend wo aufgestanden und nach allen Richtungen
gleich hin flchtig geworden sein.

Wie als ob Jemand auf dnnem Eise geht, es pltzlich links und rechts um
sich knackern hrt, und nun in Todesangst, die Augen rasch hinber und
herber wirft, von welcher Seite die Gefahr, der schlimmste Ri zuerst wohl
kommen knne, _so_ hing ich in der Laatsche. Nebel da man keine dreiig
Schritt weit sehen konnte, und jetzt rings um das tolle Poltern, ja sogar
soweit das Auge nach rechts und links schauen konnte, niederspringende
Steine -- es war ein Augenblick der peinlichsten Spannung und Erwartung,
einer der wenigen Momente im Leben, in denen man auf jeder Schulter und
besonders auf dem Rcken noch ein Gesicht mit ein paar Augen haben mchte,
und sich fast den Kopf in den vollkommen nutzlosen Versuchen abdreht,
berall hin, zu gleicher Zeit zu schauen.

Schsse jetzt nach allen Richtungen -- Schreckschsse wie sich spter
auswies, die Gemsen die oben durchbrechen wollten zurckzubringen und
springende Steine von allen Seiten her. -- Wie Rettung aus dieser Noth,
brachen da pltzlich drei dunkle Schatten quer vor mir hinber. Wenn ich
aber auch ziemlich deutlich sah da es Gemsen waren durfte ich doch nach
_der_ Richtung hin nicht schieen, da leicht schon ein Treiber hier herber
gekommen sein konnte, und die Kugeln auf den eckigen Steinen oft nach
ganz verkehrten Richtungen abprallen. Ehe ich aber auch nur htte anlegen
knnen, waren sie von einer Schlucht oder vom Nebel verschlungen, und ich
hrte nur noch, wie sie bergab und der Richtung zusprangen, in der Prinz C.
stand.

_Paff!_ knallte ein Schu, kurz und trocken von dort herber, und es fiel
mir jetzt auf, was ich schon bei den frheren Schssen bemerkt hatte, wie
wenig Schall sie nmlich in solchem Nebel haben. Bei klarem Wetter htte
die rauhe mchtige Wand das Echo sicherlich mit donnerndem Gets hinab in's
Thal geworfen.

Aber ich brauchte meine fnf Sinne jetzt zu etwas Anderem, als
naturhistorischen Studien. Links von mir hatte ich einen, nur mit
Alpenrosenbschen bewachsenen Hgelhang, den ich eben, als der Nebel vom
Wind darber hingejagt wurde, erkennen konnte. Dorthin hrte ich auch
Getrappel und entdeckte gleich nach dem Schu ziemlich deutlich die dunklen
Gestalten zweier Gemsen -- so gro dem Anschein nach wie Klber--, die am
Hgelhang flchtig aufwrts gingen. Das muten jedenfalls Bcke sein, und
das war die letzte Gelegenheit fr mich. Wenn sie mir auch in den dichten
Nebelschichten ein paar Mal unter den Augen weg verschwanden, schickte ich
ihnen doch, sobald sie wieder sichtbar wurden, rasch hintereinander drei
Kugeln nach.

Nach jedem Schu -- und das Einschlagen der Kugeln muten sie an dem
steilen Hang hren -- blieben sie allerdings einen Moment wie erstaunt
stehn, setzten aber auch dann eben so ungenirt ihre Flucht fort, bis mir
Hgelhang und Gemsen und Nebel vor den Augen zu einer grauen unbestimmten
Masse zusammenschmolz.

Bei der Nachsuche spter fanden wir brigens keinen Tropfen Schwei, und
ein lterer erfahrener Schtze der mit unten gestanden und das Wild weit
nher gehabt als ich, aber nicht geschossen hatte, weil er behauptete es
sei eine Geis und Kitz gewesen, versicherte: die alte Geis wre nach jedem
Schu stehen geblieben, htte sich nach dem Kleinen umgesehn und zu ihm
gesagt, komm nur mit, mein Kindchen, du hast _gar_ Nichts zu frchten.

[Illustration]

Unser Jagdherr hatte in dem nichtswrdigen Nebel ebenfalls vorbeigeschossen
oder doch eine Gemse nur gestreift; die Nachsuche am nchsten Tag ergab
trotz hie und da gefundenem Schwei kein Resultat.

Glcklicher dagegen war mein junger Nachbar gewesen, und als wir hinunter
kamen, fanden wir Michel emsig damit beschftigt einen prachtvollen
Bock, der in voller Flucht den Berg hinunter gekommen und im Feuer
zusammengebrochen war, zu zerwirken.

Merkwrdig ist, wie sehr man sich bei solchem Nebel in den Formen und
Umrissen, besonders flchtig gehenden Wildes tuscht, whrend die stete
Aufregung, Gemsen berall, vielleicht in Schunhe, um sich zu wissen und
zu hren, und doch Nichts sehn zu knnen, dem Schtzen auch die letzte Ruhe
nimmt. Ich wenigstens, obgleich sonst auf der Jagd gar nicht so bermig
hitzig, befand mich bei diesem Nebeltreiben in einer ganz unbeschreiblichen
Aufregung -- ein Anderer soll ruhig dabei bleiben.

Whrend wir wohl noch eine halbe Stunde mit der vergeblichen Nachsuche
verloren, war es fast dunkel geworden. Ein frischer Wind der sich zugleich
erhob trieb jetzt die oberen Nebelschichten vor sich her, und als wir dicht
unter der senkrecht niederfallenden Carwendelwand hingingen, zeigte sich
ber uns der blaue reine Himmel, an dem einzelne lichte, von der Sonne
erhellte Wolken rasch nach Sden zu vorber zogen. Zu gleicher Zeit
wurde die ganze dunkle zackige Wand sichtbar, und wir Alle blieben fast
erschreckt vor dem Anblick stehn, der sich hier uns bot.

Die Wolken zogen von uns weg, ber die Wand hinber, und wie es bei
halbklarem Himmel, wenn der Mond oben steht, gerade so aussieht, als
ob jene ihren Platz behaupteten, und nur der Mond in wilder Flucht
hindurchjage, so war es jetzt in wirklich Herz beklemmender Tuschung, als
ob die ganze furchtbare dstere Steinmasse, die ihre scharfen Zacken in die
klare Luft hineinreckte, langsam nach uns herber schwankte, und Alle im
nchsten Augenblick mit ihrer riesigen Wucht zerschmettern mte.

Ich wute, es war nur Augentuschung, und doch mute ich den Kopf
wegwenden. Wie schn der Anblick war, so ber alle Maen furchtbar und
bewltigend war er auch.

Wieder schlo sich da der Nebel, und des zurckkehrenden Martin Bericht
brachte uns bald auf andere Gedanken.

Als er nmlich, wie er erzhlte, vorher war abgeschickt worden dem
Rudel, das wir poltern gehrt, den Weg abzuschneiden, glckte ihm dies
so vollkommen, da er, vom Wind und ihrem eigenen Steingerassel dabei
begnstigt, dicht an sie hinankam. Im ersten unbedachten Schreck flohen sie
auch, wie sie den Menschen gewahr wurden, soweit es ihnen der starre Fels
erlaubte, grad' an der Wand hinauf. Dorten aber kamen sie bald zu einem
gezwungenen Halt, whrend ihnen der jetzt aufspringende Martin den Rckweg
abschnitt oder doch wenigstens verstellte. Ein paar Minuten blieben sie so
-- und das mu wundervoll ausgesehen haben -- an der steilen Felswand, eine
hinter der anderen kleben, bis der Jger endlich, um sie dort herunter zu
bringen, einen Schreckschu abfeuerte. Aber jetzt kamen sie, und zwar
so rasch da Martin versicherte: Jetzt mut' ich aber gemach da
ich fortkam, denn kollernde und springende Steine und Gemsen, Alles
durcheinander, brachen und prasselten pltzlich zusammen und hintereinander
her den schroffen Hang nieder. Im Nu waren sie aber auch im Nebel
verschwunden und nur ihr Geklapper auf den lockeren Reien verrieth die
Richtung die sie genommen.

[Illustration: =Die Nebeljagd.=]

[Illustration: =In der Flucht.=]




14.

Die Nachsuche.


Es giebt in unseren Naturgeschichten einige althergebrachte Anekdoten von
Menschen und Thieren die einmal gang und gbe sind und die Einer
dem Anderen so unbefangen nacherzhlt, als ob es sich nur um allgemein
anerkannte Thatsachen handelte. So versteht es sich von selbst da der Lwe
ein hchst gromthiges uneigenntziges Thier sei, der Rinaldo Rinaldini
unter den Bestien, der eine bestimmte Aversion gegen den Blick des
Menschen habe, und demselben unter keinen Umstnden begegnen knne. Bei
der Klapperschlange heit es, da sie mit ihrem Blick allein Vgel
anlocke, banne und -- verschlinge. Ein Gemsjger ferner ist, fr die Jugend
wenigstens, untrennbar von dem Bilde eines Menschen der, mit einem sehr
spitzen Hut, auf einer sehr steilen Eiszinke steht und sich die Fusohle
aufschneidet. Ich selber kann mich auch noch recht gut aus meiner
Jugendzeit erinnern, da ich das Fuaufschneiden als vollkommen identisch
mit der Gemsjagd hielt, und so natrlich und einleuchtend, wie das Anziehen
von Ueberschuhen bei schmutzigem Wetter fand. Wie htten sie anders an
_solchen_ Eiszacken herumklettern wollen. Kommt man dann aber spter in
das wirkliche Leben und auf den Schauplatz solcher auerordentlichen
Ankndigungen hinaus, so findet man nicht allein bei diesen, sondern
auch bei noch vielen anderen, mit groer Entschiedenheit aufgestellten
Behauptungen, da sich irgend ein biederer Gelehrter daheim im warmen
Studirzimmer bei einer Pfeife Tabak und mit Hlfe einer unbestimmten Anzahl
von Folianten derlei Schlsse excerpirt und combinirt, und mit groem
Selbstvertrauen in die Welt hinausgestreut hat. Natrlich glaubt er das am
Ende selber was er geschrieben, und darf das Nmliche nun auch von Anderen
verlangen.

Wenn die Klapperschlangen aber nur davon leben sollten was sie mit den
Augen fangen, wrde es bald keine mehr geben, und wenn sich der Gemsenjger
dadurch _forthelfen_ sollte da er sich des einzigen Mittels dazu durch
einen Ri in die Sohlen _beraubte_ -- seiner gesunden Fe -- so htten die
Gemsen wahrlich gute Zeit.

Nichtsdestoweniger ist das Steigen in den Bergen doch eine keineswegs so
leichte Sache, und wenn der noch nicht recht darin Gebte auch gerade
nicht an solche Stellen hinzugehen braucht, die selbst den alten Steigern
schiech vorkommen, findet er doch Gelegenheit genug zu versuchen ob er
schwindlig ist und einen festen Schritt hat.

Die Jagd selber bietet dabei noch nicht das Schlimmste, denn dort kann sich
der Schtze und selbst der Treiber doch immer noch den gangbar scheinenden
Weg aussuchen und die schlimmsten Stellen vermeiden. Auf der _Nachsuche_
dagegen, um ein angeschossenes Gemsthier, fhrt dieses selber den Jger,
der ihm auf dem Schwei folgen _mu_, und da sich die kranke Gems nicht
die bequemsten Wechsel aussucht lt sich denken. Die Nachsuche ist
jedenfalls der wildeste und gefhrlichste Theil der ganzen Gemsenjagd, und
eine recht hbsche Probe habe ich wenigstens davon bekommen. Am Heimjoch
hatte ich eine Gemse, die flchtig auf dem Pirschgang vor mir in die
Laatschen sprang, angeschossen, und Rainer war ihr schon an dem Abend
soweit auf dem Schwei gefolgt, bis er eben nicht weiter nach konnte. Die
Nacht regnete es was vom Himmel herunter wollte, und um das angeschossene
Wild nicht zu verlieren, ging ich am nchsten Morgen mit ihm, Wastel und
zwei Hunden aus, dort wo er gestern die Spur verlassen, heute verloren
nachzusuchen.

Da dem Platz, wie Rainer versicherte, von oben nicht gut beizukommen war,
versuchten wir es von unten, die Klamm aufwrts, und mit Steigeisen an
den Fen, jetzt an steilen Klften hinauf, wo wir den Hunden nachhelfen
muten, jetzt durch die nassen Laatschen kriechend, ber glattes Gestein
und brckelige Reien, an Abgrnden und Felsspalten hin, erreichten wir
endlich die Stelle wo der Jger vermuthete, da sie sich eingestellt
haben mchte. Wastel war ein Stck zurck geblieben, in ein paar andere
Felsspalten hinein zu schauen, ob sie dort nicht vielleicht verendet lge,
als pltzlich die Hunde dicht vor mir laut wurden. Und sie hatten Ursach
dazu, denn aus den Laatschen heraus, durch die steile Schlucht vor, an
deren Wnden wir hingen sprang pltzlich die angeschossene Gems, machte
ein paar Stze und stellte sich dann kaum zehn Schritt von mir entfernt auf
eine kleine spitze Felskuppe.

Jetzt kam ein Moment den der Amerikaner sehr treffend mit dem Sprichwort
bezeichnet den Teufel zu bezahlen und kein Pech hei. Das Schlo der
Bchse hatte ich, die Nsse davon abzuhalten, mit dem Taschentuch umwunden,
und an einer Stelle wo ich mich nicht einmal umdrehen konnte, whrend ich
mit dem linken Arm um einen Laatschenzweig hing, war ich nicht im Stande
den verwnschten Knoten der nassen Seide aufzubekommen. Lang' hielt sich
die Gemse aber auch nicht auf, die Hunde waren ihr zu dicht auf den Fersen,
und nur einen halberstaunten, halberschrockenen Blick auf uns werfend
sprang sie, von den Hunden verfolgt und augenscheinlich krank den Hang
hinunter. Bergmann besonders, der kleine Teckel, warf sich mit wahrer
Todesverachtung, und ganz auch seine kurzen krummen Beinchen vergessend,
hinter drein. Ein Stck Wegs sah ich ihn auch wirklich auf dem Rcken, die
Beinchen in der Luft, hinabrutschen; aber er kam richtig wieder auf die
Fe, und es dauerte gar nicht lange so hatten sie unten die kranke Gemse
gestellt, die der herbeigeeilte Wastel todt scho.

Rainer hatte seine innige Freude da die angeschossene Gems gefunden worden
-- die Leute setzen einen Stolz darein Alles wobei sie betheiligt sind mit
Erfolg gekrnt zu sehn.

Ich wute da wir ihn heut' bekommen wrden, rief er, als der Schu von
unten herauf, und das pltzliche Schweigen der Hunde den Tod der Beute
kndete -- wie ich nur den Schwei gestern observirte wut' ich es. Was
aber der Bursch noch springen konnte. Er setzte mit wahrer Tolleranz die
Wand hinunter.

Auerdem entwickelte er bei dieser Gelegenheit auch noch eine, auf
praktische Erfahrung gegrndete Theorie der Bergschuh, insofern sie auf
Lannen und Felsen verschiedene Eigenschaften besitzen mssen. Er hielt
nmlich _die_ Schuh fr gefhrlich, die auer den Randngeln auch noch
eiserne Ngel in der Mitte htten. Auf den steilen Lannen und Grasboden,
sagte er dabei, schadet das Nichts, da ist Eisen die Hauptsache, aber wenn
man auf Steine kommt, dann ist es auch nthig da man Leder unter dem Schuh
zu fhlen bekommt. Das Eisen rutscht auf den Steinen eher ab, aber das
Leder ist mehr elektrisch -- das hlt!

       *       *       *       *       *

Die Jagd! Die frohe herrliche Jagd! oh wie viel knnt' ich dem Leser noch
davon erzhlen, mt' ich nicht frchten ihn zuletzt zu ermden. Es ist ein
Unterschied das mit durchzuleben, oder es nur erzhlen zu hren, obgleich
der, der selber Jger ist, sich wohl leicht und gern in das herrliche Leben
solcher Berglust mit hineindenkt, und selbst der Laie fr kurze Zeit
Theil daran nimmt. Lieber Gott, die Poesie liegt uns, in der altbackenen
Wirklichkeit unseres Daseins, meist so fern, da man eigentlich froh sein
sollte noch einen Platz in gar nicht so weiter Ferne zu wissen, in dem sie
in all ihren Reizen prangt und thront. Wenige Herzen sind es ja auerdem,
die den Sinn, die das Gemth und den freien mnnlichen Muth haben sie dort
festzuhalten.

Wie eine Schnur kostbarer Perlen reiht sich da ein Tag an den anderen,
keiner dem vorigen hnlich, alle wieder neue Abenteuer, neue Scenen,
neue Erfahrungen bringend, und alle gleich werthvoll, gleich schn in der
Erinnerung. Heute ein Treiben in wild zerrissener und zerklfteter Klamm,
whrend der Sturm durch die Berge heult, und wie Kanonendonner durch die
Schluchten saust, die Laatschen wie ein grnes Meer durchwogt und schwere
Steine von den Wnden reit -- Morgen ein stiller Pirschgang in frher
Morgenstunde ber die Joche hin und durch die Grben nieder, und gerad'
Beschwerden und Gefahr genug dem wahren Manne das Herz mit Lust und Wonne
bis zum Rand zu fllen.

[Illustration]

Auch da die Jagd nicht alle Tage glckt, verleiht ihr einen weit hheren
Reiz, als wenn man eben nur hinauszugehen brauchte das Wild todt zu
schieen. Es _ist_ wirkliche Jagd, und hat deshalb auch gar keine
Aehnlichkeit mit den Hasenschlchtereien des flachen Landes. Was man
erlegt, hat man sich wahrlich sauer und schwer genug verdient. Wenn man
dann auch drei oder vier Tage umsonst die schwersten Touren gemacht, bringt
der Erfolg des fnften hundertfachen Lohn.

So verfliegt der Tag drauen in den Bergen, da man oft gar nicht wei wo
er hingekommen, und der Abend am lodernden Kamin vergeht nicht schneller
fast. Mde wird der Krper ja berhaupt nicht in dieser reinen Luft,
selbst nach Anstrengungen, die im flachen Land den strksten Mann zum Tod
erschpfen wrden. Die Zeit dann zwischen Jagd und Jagd ist deshalb nicht
Erholung, sondern wieder nur ein Vergngen anderer Art. Man hat eben nicht
zu jagen aufgehrt weil man mde -- sondern einfach weil es dunkel wurde,
und beginnt frisch, wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten
zeigt -- bis der Schnee kommt.

       *       *       *       *       *

Der Schnee ist des Gemsjgers Feind, und so erfreulich ein Neues im flachen
Lande sein mag, Wild zu besttigen, und den Wald nach Raubzeug abzuspren,
so derb und mchtig tritt er dort in den Bergen gewhnlich auf, wenn er
erst einmal beginnt.

Oft geschieht es allerdings, da es oben auf den Jochen in der Nacht einen
Fu Schnee herunterwirft, und um Mittag herum die Sonne, von dem warmen
Boden begnstigt, auch das Letzte an der Sdseite der Hnge wieder
aufgesogen hat. Er liegt dann auch weit lockerer dort wie im flachen Land.
Das geht aber ein- oder zweimal so -- nachher wird's Ernst, und hat er sich
erst einmal ordentlich da festgesetzt, dann ist's auch in den Alpen mit der
Jagd vorbei, -- wenigstens mit der Treibjagd. Ja selbst der Pirschende wre
gezwungen alle gefhrlichen und selbst nur steilen Pltze zu vermeiden, und
htte sich noch auerdem vor Lawinen und Schneestrzen arg zu wahren.

Die Gemsen sollen sich bei heftig eintretendem Schneewetter in den Wald
hinunterziehn. Sobald es aber aufgehrt hat zu schneien, gehen sie wieder
auf die Hhen, und wo die Lawine den Schnee in's Thal hinunter reit,
ffnen sich fr sie nicht allein vollkommen sichere, sondern auch
treffliche, von der hemmenden Decke freie Aesungspltze.

Da Gemsen von Lawinen erfat und begraben werden geschieht auerordentlich
selten. Die klugen Thiere kennen schon die gefhrlichen Pltze wie die
gefhrlichen Zeiten, und meiden sie sorgfltig. Weit eher wird ein Stck
Wild von diesen Schrecken der Berge berrascht, wie denn auch das Roth-
und besonders das Rehwild, weit eher dem schweren Schnee erliegt.

[Illustration: =Das Niedersteigen.=]




15.

Schlu.


Und mu es denn geschieden sein? -- Die Hrner und Joche sind bis zum Fu
hinab in ihre weien, wallenden, grn bernderten Mntel gehllt; der Frost
hat diese Decke mit einem glnzenden, spiegelglatten Panzer umzogen, und
wre es jetzt selbst mglich in den Bergen fortzukommen, die Gemsen hrten
doch schon halbe Stunden weit den lauten Schritt. -- Und wie so furchtbar
wild und de jene weiten Klfte jetzt aussehn, nun der Winter sie mit
tiefem Schnee gefllt, und Felsenspalten und Bergesschlucht mit seinem
Athem glatt geebnet hat. Wie blulich die Schatten sich darber legen, und
der Sturm den weien Staub hochwirbelnd in die Lfte fhrt. Die Laatschen
biegen unter der gewaltigen Last, und sind schon lange zu festen
untrennbaren Massen zusammen gegossen worden. Nur die obersten Joche hat
die Windsbraut sich rein gefegt zum tollen heulenden Tanz, wirbelt da oben
den Schnee lustig im Kreise herum, und jauchzt ihr wildes Jubelgeschrei in
die Schluchten nieder, da es wie gher Donner durch die Thler braust.

Zitternd und scheu sucht in solcher Zeit das arme Wild den Schutz der
bergenden Waldung, und die breitarmige Tanne, die ihre Zweige wie ein Dach
zur Erde niedersenkt, hat immer noch ein Pltzchen fr ihre Lieblinge.
An Nahrung kann sie ihnen freilich Nichts weiter bieten, als was sie
sich selber gegen den Schnee geschtzt gehalten, und was vielleicht der
Nachbarbaum noch birgt. Ob nun das Wild den Sommer durch absichtlich das
Gras unter diesen Bumen schont, im Winter Nahrung dort zu finden, oder ob
es ihm, wo berall genug der sen Aesung steht, zu unbequem ist unter
die niederhngenden Zweige zu kriechen, aber diese unter den Bumen
freigehaltenen Stellen sind dem Wild in jenen Bergen der grte Schutz
gegen Sturm und Hunger, und nur, wenn der Schnee zu furchtbar arg wird,
wie im vorletzten Jahr, und die armen Geschpfe vielleicht gar an solchen
Stellen einschneien und sich nicht wieder vorarbeiten knnen, dann freilich
gehn sie ein, und Fchse und Raubvgel haben reiche Atzung.

[Illustration]

Sobald aber die Schneedecke friert und hart wird, ist die flchtige Gemse
wieder auf den Fen, und dann geht es mit frohen Sprngen in die Berge
hinauf, dort sere Aesung zu suchen als der Wald ihr bieten konnte. An den
schroffen Wnden giebt es auch berall Schneestrze, die hie und da einen
Grasfleck freigeschoben haben, bis die Lawine mit vollen Hnden den grn
und reich besetzten Tisch fr sie deckt. In der Zeit haben sie auch nicht
mehr des Jgers Rohr zu frchten. Wenn sie nur die Augen gut nach oben
Wacht halten lassen -- nach unten sind sie sicher.

       *       *       *       *       *

Vor dem Schlo stehn die Jger, dem scheidenden Herrn noch ein Lebewohl
zuzurufen. Sie sind meist Alle in ihrer Sonntagstracht und sehen ernst,
ja fast traurig aus, unterhalten sich auch nur leise miteinander. Die
frhliche Jagd ist vorbei, der lange schwere Winter liegt vor ihnen, und
sie haben Nichts, das sie heiter stimmen, oder ihnen Anla zu den sonst
hufigen Scherzen und Neckereien geben knnte.

Auch Bandey, der Fischer und Vogelsteller steht dazwischen, mit noch ganz
besonderer Ursache unzufrieden zu sein. Armer Bandey, Du patest vergebens
auf einen Deiner Kameraden, den Du fr den Fischdieb hieltest, und whrend
Du mit Zorn und Rache in dem sonst so gutmthigen Herzen auf einen spitzen
Hut und ein paar Lederhosen zur Zielscheibe wartetest, stahl Dir eine
Fischotter, fast unter dem Lauf der alten Schrotflinte weg, die mhsam
gefangenen und so treu bewachten Forellen.

Selbst Jackel fehlt nicht mit dem rothen, gutmthigen aber immer etwas
verdutzt dreinschauenden Gesicht. Er sieht heute aber nicht reinlicher aus
als gewhnlich. Da tritt der Kammerdiener zu ihm, und reicht ihm freundlich
die Hand zum Abschied.

Nun Jackel, halte Dich gut bis zum nchsten Jahr.

Danke schn; gleichfalls -- kommen Sie hbsch gesund wieder her, nickt
Jackel gutmthig, und schttelt die gebotene Rechte aus Leibeskrften.

Aber Jackel, sagt da der Kammerdiener, indem er seinen prfenden Blick
an der vierschrtigen Gestalt auf und nieder gleiten lt, mit freundlich
verweisender Stimme, wie siehst Du wieder aus. Reine Wsche htt'st Du Dir
doch wenigstens heute anziehen knnen. Was sollen denn die Herren von Dir
denken?

Ach Herr Kammerdiener, sagt Jackel gutmthig lchelnd, aber doch ein
wenig dabei errthend, -- die sind's halt schon an mir gewhnt.

Die Wagen fahren vor -- die Jagdgesellschaft tritt in den kleinen Vorhof
hinaus, und Jeder springt auf seinen Sitz. -- Noch einen freundlich
grenden Blick wirft der scheidende Herr ber die Gestalten der Jger, die
ihm mit rasch heruntergezogenen Hten den herzlichen Abschiedsgru
zurufen, einen anderen, fast mit einem leichten Seufzer nach den schneeigen
Bergriesen hinauf, von denen er jetzt wieder auf ein volles Jahr Abschied
nimmt -- und wie im Flug rollen die leichten Wagen die schmale aber glatte
Strae entlang, dem flachen Lande zu.


  Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Buchanfang verschoben.

Die 12 ganzseitigen Lithographien (nicht: "Das Jagdschloss.") sind im
Original mit dem Hinweis "Lith.Inst.v.L.Sachse&CBerlin." versehen,
der in der Transkription entfernt wurde. Die ganzseitigen Illustrationen
wurden an das jeweilige Kapitelende verschoben.

Zwei textumgreifende Illustrationen auf den Seiten 61 und 68 werden in der
Transkription beschnitten dargestellt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  im Inhaltsverzeichnis:
  "Seite 121" gendert in "Seite 120"
  "Seite 128" gendert in "Seite 127"
  "Seite 138" gendert in "Seite 137"
  "Seite 149" gendert in "Seite 148"

  Seite 3:
  "," hinter "Heerden" entfernt
  (ihre Heerden vor Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit)

  Seite 10:
  "-" eingefgt
  (erst durch prchtige Buchen- und Ahornwlder)

  Seite 15:
  "Jger-rath" gendert in "Jgerrath"
  (Der Jgerrath, der Bericht der Leute)

  Seite 17:
  "" eingefgt
  (weil sie in den Dickichten drin stecken.)

  Seite 18:
  "." eingefgt
  (vorgestern mit dem groen Ragg drben gewesen.)

  Seite 21:
  "." eingefgt
  (mit unbeschreiblichem Entzcken. -- Was ist Nachtigallenschlag)

  Seite 61:
  "." eingefgt
  (oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt hher)

  Seite 69:
  "" eingefgt
  (ich hab' genug an dem Schu.)

  Seite 69:
  "" vor "Der" entfernt
  (Der Wastel erwiederte Nichts)

  Seite 87:
  "aufloderte" gendert in "aufloderten"
  (schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.)

  Seite 97:
  "" eingefgt
  (es war gerade schrecklich tief wo sie fiel.)

  Seite 97:
  "" eingefgt
  (hat er im Nasentchel nach Haus getragen.)

  Seite 100:
  "" eingefgt
  (er mute drei Stunden gehn)

  Seite 115:
  "Schnebahn" gendert in "Schneebahn"
  (als ob eine Maus auf der Schneebahn hinliefe)

  Seite 131:
  "," eingefgt
  (die beiden westlichsten die hchsten, die stlichste)

  Seite 134:
  "," eingefgt
  (flogen sie auf mich zu, kreisten mir)

  Seite 137:
  "ihn" gendert in "ihr"
  (und die Jger ihr Ich meinet halt)

  Seite 139:
  "konte" gendert in "konnte"
  (deutlich konnte ich es mit bloem Auge erkennen)

  Seite 140:
  "." eingefgt
  (sich das als ein alter Bock auswies.)

  Seite 143/144:
  "," eingefgt
  (Schreckschsse wie sich spter auswies, die Gemsen die oben)

  Seite 150:
  "gelieben" gendert in "geblieben"
  (Wastel war ein Stck zurck geblieben)

  Seite 151:
  "" vor "das" entfernt
  (-- das hlt!)

  Seite 157:
  "Banday" gendert in "Bandey"
  (Armer Bandey, Du patest vergebens)]







End of Project Gutenberg's Eine Gemsjagd in Tyrol, by Friedrich Gerstcker

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START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
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States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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  License. You must require such a user to return or destroy all
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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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facility: www.gutenberg.org

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