The Project Gutenberg EBook of Die Tnzerin Barberina, by Adolf Paul

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Title: Die Tnzerin Barberina
       Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Author: Adolf Paul

Release Date: January 27, 2016 [EBook #51051]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE TNZERIN BARBERINA ***




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                           ADOLF PAUL

                             _Die_
                           _Tnzerin_
                           _Barberina_

  [Illustration: Dekoration]

                              Roman

                          _aus der Zeit_
                      _Friedrichs des Grossen_

  [Illustration: Dekoration]

                            _Deutsche_
                      _Buchgemeinschaft GmbH_
                             _BERLIN_




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  insbesondere die der bersetzung und Dramatisierung, vorbehalten!
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   _=Albert Langen=_                                 _=Adolf Paul=_


                         Printed in Germany




Inhalt


Erstes Buch: Psyche                       5

Zweites Buch: Hebe                       67

Drittes Buch: Hahnenkampf               163

Viertes Buch: -=Fridericus Rex=-        253

Fnftes Buch: -=Virtuti Asylum=-        389




                             Erstes Buch

                               Psyche




1


Phantasieloses -- poesieloses Gesindel! rief Rinaldo Fossano
unmutig, setzte sein Barett auf, warf mit gebter Geschicklichkeit
den rot geftterten Mantel um, da der rechte Zipfel auf die linke
Schulter flog, und verlie, in der Haltung eines mit seinen Truppen
unzufriedenen Generals, die Bhne des Teatro Farnese.

Den ganzen Morgen hatte er sich mit den Tnzerinnen abgeqult, um
ihnen Verstndnis fr sein neukomponiertes pantomimisches Ballett
beizubringen, mit dem er die Saison in Venedig zu erffnen gedachte,
nachdem seine fr das Teatro Farnese zusammengestellte Stagione die
Vorstellungen in Parma beendigt haben wrde.

Die armen Jngerinnen Terpsichores gaben sich die erdenklichste
Mhe und boten ihre ganze Kunst auf, um ihren Herrn und Meister zu
befriedigen.

Aber Signor Fossano war nicht nur ein Tnzer von Gottes Gnaden; er war
auch ein Dichter, dessen Phantasie nach rhythmischen Orgien verlangte,
in denen sich aber der menschliche Krper nur in den seltensten Fllen
ergeht.

Von mit den raffiniertesten Kniffen des Kunsttanzes Vertrauten
verlangte er noch Evolutionen, die sich mit Selbstverstndlichkeit
aus der inneren Empfindung heraus rein instinktiv und ohne Berechnung
ergben -- Bewegungen ohne Dressur --, ein Spiel der Linien, das sich
ganz unmittelbar aus der Phantasie des Tanzenden ins Krperliche
bertrge -- ungewollt -- fast improvisiert und so, weil natrlich und
einfach, als Kunstdarbietung vollkommen.

Das lt sich nicht erlernen! Das mu von vornherein da sein! Und bei
keiner von allen den schnen Ballerinas hat er's bis jetzt gefunden!

Hpfen knnen sie wie die Grasmcken -- schne Drehungen -- kunstvolle
Pirouetten machen! Auf den Fuspitzen trippeln -- himmelhoch springen
-- bezaubernd lcheln -- glhende Blicke abfeuern -- Kuhnde in die
Logen werfen! Kssen knnen sie auch!

Aber keine einzige, die es verstnde, blo als lebend gewordener
Drang zur Loslsung von der Erdenschwere da zu sein! -- als Wille zum
Schweben, wie wenn der Schmetterling, soeben aus der Raupe gekrochen,
zum ersten Male im Sonnenschein die Flgel ausbreitet, aber noch nicht
fliegt! Ein Stck Himmelsbewohner, der Erde entwachsen, aber noch auf
Erden da -- noch nicht abgeflogen! -- Ein Versprechen, im nchsten
Augenblick dahinzuschweben -- die Hoffnung unserer Sehnsucht -- die
Gewiheit der baldigen Erhrung auf der Schwelle der Erfllung!

Keine einzige, die das hat! Keine, die sich blo zu zeigen braucht,
um das zu geben -- die, kaum, da sie sich bewegt, die Seele des
Zuschauers in Orgien des wiegenden Tanzes berauscht, welche der Krper
nur ahnen lassen kann, die aber die Seele bewegen, wenn man blo die
Augen schliet!

Er ging sie alle in Gedanken durch -- -- die Cesi -- die Bandolini --
die Grassini -- die Gandolfi und die viel zu vielen, deren Namen noch
keine Namen waren!

Schne Krper -- ppige Formen -- schlanke Biegsamkeit -- Feuer --
Verve -- Tempo -- virtuoses Knnen -- Geist -- Temperament -- alles war
da!

Nur das eine nicht, was seiner Phantasie vorschwebte, das unnennbare
gewisse Etwas, was sie dazu prdestiniert htte, _=Psyche=_
darzustellen!

Zum Teufel mit allem Knnen! Verflucht die ganze Kunst, wenn sie
_=das=_ nicht hergibt! Lieber die erste beste von der Strae, wenn
sie blo die Empfindung hat und sich treiben lt -- wenn sie blo
_=ahnt=_, was ich will, und von keiner virtuosen Verbildung verhindert
wird, es auch so zu geben!

Mimutig trat er auf den Burghof der Pilotta hinaus, wie man den
ewig unvollendeten Prachtbau der Farnese nannte, in dessen einen
Flgel das riesige Theater eingebaut war. Wie ein Triumphator wurde
Fossano von den jungen Parmesanerinnen empfangen. Ein Regen von Blumen
berschttete ihn. Wie ein Schwarm von Schmetterlingen, so flatterte
es um ihn, in bunter Mannigfaltigkeit lichter Farben -- glutrote
Lippen lchelten verheiungsvoll und lachten in bermtigem Jauchzen
-- Tausende von Hnden wetteiferten, einen Zipfel seines Mantels zu
erhaschen -- es war ein Schreien, ein Aufjauchzen jugendlicher Stimmen,
ein Feuerwerk aus glhenden dunklen Augen, ein Drngen, ein Stoen --
wie immer, wenn er nach beendigter Probe oder Vorstellung das Theater
verlie.

Keinen Scherz aber hatte er zum Dank bereit, kein munter hingeworfenes
Wort -- keinen Gru auf die vielen Evviva-Rufe! Die Blumen lie er
liegen, trat sie achtlos mit den Fen, bahnte sich brsk seinen Weg
durch die Menge -- machte dann kehrt, blieb einen Augenblick stehen und
musterte sie alle, der Reihe nach, scharf, durchdringend, kehrte ihnen
dann achselzuckend den Rcken, drckte den Hut in die Stirn und ging
weiter.

Keine einzige! murmelte er halblaut, keine einzige! und achtete
nicht weiter auf die Schar jugendlicher Verehrerinnen, die ihm trotz
seiner Gleichgltigkeit das Geleit gaben.

Da, als er in die Strada al duomo einbiegen wollte, glitt eine Gestalt
an ihm vorber, die sofort seine Blicke gefangennahm.

Da war sie! Das war's! -- Ein Schweben -- ein leichtes Hinschreiten --
eine Rhythmik der Bewegung -- eine Hoheit der Haltung -- ungewollt und
selbstverstndlich -- ein Knigtum der Linien, so stolz und frei, da
es die rmliche Kleidung adelte, die den mdchenhaften, kaum noch der
Kindheit entwachsenen Krper umhllte!

Er wollte ihr nach, kam aber nur langsam vorwrts im Gedrnge -- verlor
sie aus den Augen, fluchte -- brach sich mit Ungestm Bahn, strzte
wie ein Wahnsinniger vorwrts auf die Piazza del duomo hinaus und kam
gerade noch zur Zeit, sie mit den Blicken zu fassen, als sie zwischen
den roten marmornen Lwen Correggios am Tor des Domes hindurchschritt,
um im Dunkel der Kirche zu verschwinden.

Schnell wie der Wind setzte er ihr nach und trat in das Gotteshaus.

Er suchte sie in den Kapellen der Seitenschiffe unter den dort Knienden
-- suchte sie unter den vor den Beichtsthlen Harrenden, aber umsonst.

Endlich fand er sie!

Da oben, auf den vielen Stufen am Ende des Mittelschiffes, wo die
riesige Kuppel sich vor dem Hauptaltar wlbt, stand sie allein, die
Blicke nach oben gerichtet. Sie war so tief in inbrnstiges Schauen
versunken, da sie nichts davon merkte, was sich um sie her zutrug.
Schlank wie eine Gerte, erhob sich der jugendliche Krper in seltenem
Ebenma der Formen -- fast ohne Schwere stand sie da, kaum noch die
Erde berhrend, und -- als wollte sie sich im nchsten Augenblick zum
Fluge heben, so wuchs sie -- lste sich allmhlich vom Fuboden -- hob
sich mit unvergleichlicher Grazie auf die Fuspitzen und breitete die
Arme nach oben.

So stark war der Eindruck, da er im Nu die vielen Stufen nahm und auf
sie zustrzte, um sie festzuhalten, damit sie ihm nicht entflge. Aber
sie bemerkte ihn nicht. Im Geiste war sie schon da oben, und sein Geist
flog mit.

Er sah, was sie schaute und was ihre Seele erfllte, er empfand ihre
Empfindung.

Nicht unten auf den Steinfliesen des Fubodens stand er mehr --
dort oben weilte er unter den Gestalten, die der Pinsel Correggios
hingezaubert hatte, teilhaft des Wunders der Erlsung aus dem Fleische.

Zunchst nur als Schauender, vom Licht Geblendeter, als einer der
Apostel, die, rings um die Brstung, ber die sich die Kuppel wlbte,
in ehrfrchtiger Anbetung festgebannt, kaum die Blicke zu erheben
wagen, aber vom Lichte angezogen, in inbrnstiger Verzckung erstarrt,
mit den Blicken die Herrlichkeit einsaugen, von der sie nachher den
Erdenwrmern knden sollen, whrend ringsum die Genien den Tempel
schmcken, die Flammen der Opferschalen mit den Flammen des ewigen
Lichtes schren und den Raum, durch den der Ausblick ins Himmlische
verstattet werden soll, umsumen, um jedem unheiligen Gedanken das
Nahen zu verwehren.

Und sie?! Die Gottesmutter selbst war sie, die, von Genien und
Cherubinen getragen, durch rosenrote Wolken dem ewigen Lichte
entgegenschwebte, von einem Cherub zrtlich umschlungen, der sie
vorwrts drngte und zugleich zurckhielt. Whrend ihre Blicke
angstvoll nach oben starrten -- ihre Arme sich ffneten -- die Hnde
nach oben gestreckt, wie um das unfabare Glck zu erhaschen: --
die Befreiung durch tiefste schmerzlichste Lust -- die Auflsung
fleischgewordenen Dunkels in geistsprhendes Licht!

_=Leben=_ -- volles leidvolles Leben war dies! -- Und das war sie noch
nicht -- die Erfllung noch nicht! _=Die Sehnsucht danach war sie,=_
die se verheiungsvolle Sehnsucht, die am hchsten trgt, weil sie
immer noch unbefriedigt bleibt, immer noch strebt und nach Seligkeit
verlangt! -- Psyche war sie, die sich dort oben, frei und unbehindert,
von ihrer inneren Kraft allein gehoben, aus dem Kranze der Seligen
loslste! Whrend Maria noch, von ihrer irdischen Mutterschaft
beschwert, sich von seligen Kindern tragen lassen mute! Und er war
nicht lnger der geblendete Zuschauer, der kaum mit den Blicken zu
folgen wagte -- der Genius war er, der allein mitten im Kreise am
hchsten schwebte, den Weg zu zeigen -- dem sie alle zu folgen hatten!

Er hatte ihre Gedanken recht erraten. Erst war sie vom Bilde der
leidenden Gottesmutter gebannt, vom Cherub umschlungen und nach oben
gehoben wie sie -- dann von ihm und den brigen beschwert und nach
unten gezogen! Sie stampfte auf, um sich frei zu machen, und da traf
ihr Blick Psyche, die, von nichts gehalten, frei, von ihrer inneren
Begeisterung gehoben, nach oben schwebte! Und dieselbe Begeisterung kam
ber sie! -- Kaum noch empfand sie die Berhrung mit der Erde -- sie
erhob sich in voller Entfaltung ihrer natrlichen Grazie, die Hnde
nach oben gestreckt, mit den Blicken verzckt das Licht und die Farben
einsaugend.

Da packte ihn die Angst, sie zu verlieren! Der Fhrer und Wegweiser
ins himmlische Licht wurde zum Luzifer, der ihr den Weg verlegte,
das leuchtende Licht vom Himmel stahl und in Glut der Leidenschaft
wandelte, um ihr damit auf dem Weg in die Tiefe zu leuchten.

In die Tiefe mute sie -- zur Erde zurck -- in alle Hllen des Lebens
untertauchen -- das Erdhafte, das noch ihre Seele umfing, abstreifen!
_=Dann erst=_ durfte sie hinauf! Dann erst konnte sie den Staub
hienieden verlassen -- nach Kampf und Leiden! Eher nicht!

Und auf einmal von der Begegnung mit ihr in der Phantasiewelt zurck,
stand er wieder hinter ihr, als der Tnzer Fossano, bereit, sie auch
leiblich zu erhaschen und sie mit seiner Kunst an die Erde zu bannen!

Er trat an sie heran, und indem er auf das Deckenbild -- die
Himmelfahrt Marias -- zeigte, flsterte er ihr neckend zu:

Das mchtest du wohl, so bis in den Himmel hineinschweben knnen?!

Sie zuckte zusammen, war sofort wieder unten und sah ihn erschrocken
an, aus groen dunklen Augen, die noch vor Erregung glhten!

O ja! sagte sie dann hingerissen, schlo die Augen, seufzte und war
mit ihrer Seele wieder oben in der Region der Seligen.

Er lie sie aber nicht so leichten Kaufes. Schnell umschlang er ihre
Schulter und flsterte noch eindringlicher:

Das zu wollen -- danach aus ganzer Seele zu trachten -- weit du, was
das ist?

Nein, antwortete sie, ohne die Augen zu ffnen.

Das ist -- _=der Tanz=_!

Sie machte kehrt und sah ihn gro und fragend an.

Ach, knnte ich's! kam's wie ein Stoseufzer zwischen ihren
halbgeffneten Lippen hervor.

Du kannst es! Denn du scheinst mir den Trieb aus dir heraus zu haben!
Das ist der Tanz in hchster Potenz: _=hinauf=_ zu wollen und _=unten
bleiben zu mssen=_ -- den Himmel offen zu sehen und so doppelt schwer
die Abhngigkeit von der Erde zu fhlen!

Sie sah ihn angstvoll an, sank dann pltzlich auf dem Steinboden
zusammen und fing an bitterlich zu weinen.

Er hob sie auf.

Nur nicht weinen, sagte er. Finde dich mit der Erde ab -- sieh,
wie schn sie ist, wie bunt sie in Gold und Farben glitzert! -- Freue
dich, da du da bist -- gib dich deiner Freude am Dasein hin -- spende
sie den anderen -- mach auch sie den Drang hinauf vergessen -- tte
jene Sehnsucht, die Schmerzen bringt -- tauche sie in Lust, wie's die
anderen auch tun, und du wirst glcklich sein!

Sie ri sich von ihm los, trat einen Schritt zurck und sah ihn
entsetzt an.

Folge meinem Rat! -- Erkenne die Welt in ihrer ganzen Schnheit --
und du wirst ihre Herrin sein und ber sie gebieten!

Nochmals blickte sie nach oben, aber drauen war eine Wolke ber
die Sonne geglitten, das Licht unter der Kuppel schwand, die Farben
erloschen, das Wunder der Himmelfahrt hatte seine Zauberkraft
eingebt, alles durch ihn, den schnen, selbstgefllig lchelnden
Mann, der ihr sein Gift in die Ohren getrufelt hatte! -- Der Teufel
war er, der ihr die Erdenlust pries und ihr zu sagen schien: All das
gebe ich dir, wenn du nur nicht hinaufblickst, wenn du mir zu Fen
fllst und mich anbetest!

Schnell zog sie ihr herabgeglittenes Tuch um den Hals zusammen und floh
aus dem Gotteshause, ohne zu wagen, den Versucher auch nur anzusehen.

Ein kurzes Lachen verfolgte sie und beflgelte ihre Schritte.

Drauen, im Menschengewhl, gewann sie allmhlich ihre Sicherheit
wieder. Die Sonne brach wieder durch die Wolken, alles prangte im Glanz
des Frhlings -- alles lachte und jauchzte und freute sich des Daseins.
An einer Straenecke war Musik und Tanz. Sie mischte sich unter die
Neugierigen, drngte sich bis in die erste Reihe vor und schaute
andchtig zu.

Ein kleines Mdchen von sieben Jahren, barfu und mit nackten Beinen,
in hellem leichtem Kleid und rotsamtner, mit Pailletten besetzter
Jacke, tanzte eine Tarantella zu den Rhythmen ihres Tamburins,
begleitet von einem alten schmutzigen, zerlumpten Kerl, der auf der
Erde sa und die Zither spielte.

Sie hatte die natrliche Grazie der Kinder des Sdens, die leichte
Beweglichkeit und den rhythmischen Sinn; sie schlug taktfest ihr
Tamburin, als sie im Kreise herumflog, schttelte es hoch ber
dem Kopfe, die andere Hand in die Seite stemmend, und drehte sich
schneller und schneller, immer wieder von den Zurufen ihres Begleiters
getrieben, dem sie nicht genug tun konnte. Ihr Lcheln hatte etwas
Gezwungenes, ihr ganzes Auftreten war von einem fremden Willen gelenkt.
Das einzige Natrliche bei ihr war die Angst -- und die war nichts als
die Furcht, den Unwillen ihres Herrn und Gebieters zu erregen. Sie
strahlte vor Freude, als nach beendigtem Tanz die Kupfermnzen auf das
bereit gehaltene Tamburin niederprasselten, und leerte es rasch in die
Hand des Alten, der, unzufrieden brummend, die Ernte gierig in die
Tasche schob und halblaut auf den Geiz der Leute schalt!

Vorwrts, einsammeln! rief er, die da hat noch nichts gegeben! und
zeigte auf das junge Mdchen, das in der ersten Reihe stand.

Schnell wollte sie sich hinter die Umstehenden verbergen. Aber das Kind
war rascher als sie. Schon stand es vor ihr, das Tamburin vorgestreckt,
und sie hatte nichts zu geben und errtete vor Scham.

Wei Gott -- ich mchte dir gern ein Goldstck hineinwerfen, dachte
sie, aber woher es nehmen?

Kaum gedacht, da flog ein Goldstck ber ihre Schulter in das
Tamburin hinein. -- Sie blickte sich um und sah -- einen jungen,
hbschen, schlanken Menschen, in der Haltung stolz wie ein Frst, der
sie lchelnd anblickte. Derselbe, der sie in der Kirche erschreckt
hatte, und doch nicht derselbe! Jetzt flte er nur Zutrauen ein,
wie ein alter Bekannter, ein guter Kamerad, der da war, ihr aus der
Verlegenheit zu helfen!

Es schimmerte etwas wie Dankbarkeit in ihrem Blick, als sie ihn ansah.
Er lchelte und, wie um ihr zu zeigen, da er ihren Wunsch erraten
hatte, warf er ein zweites Goldstck in das Tamburin, das das Kind noch
hinhielt, starr ber die unverhoffte frstliche Gabe.

Vorwrts, rief er lachend, nun tanz mir noch einen Saltarello!

Und das Kind eilte, die goldene Ernte bei seinem Gebieter in Sicherheit
zu bringen.

-=Mille grazie, Signore!=- kam es von dem Alten zurck, die Gitarre
zirpte -- das Kind flog wieder im Kreise herum, sein Tamburin schlagend
und schttelnd, da die Schellen klirrten -- und niemand schaute zu --
alle hatten nur Augen fr den berhmten Tnzer!

Fossano! Evviva, Fossano! riefen sie und drngten sich um den
Vielbewunderten, der da stand und die Huldigung ber sich ergehen lie.

Hier trete ich nicht auf, rief er, sich lachend wehrend, hier bin
ich nur Publikum! Schaut zu ihr hin! _=Die=_ hat jetzt die Kunst zu
vertreten!

Und alles lachte und klatschte Beifall. Die Kleine tanzte wie um ihr
Leben. Und Fossano, der sich doch immer als Mann der ffentlichkeit
geben mute, ob er auftrat oder nicht, fing an, sie laut zu kritisieren
und ihren Tanz zu verhhnen, immer noch sich an das junge Mdchen
wendend, hinter dem er stand, und das ihn gro anblickte, beglckt, von
dem berhmten Tnzer berhaupt bemerkt zu werden.

Du blickst mich so an, lachte er, als frchtest du, ich wrde dich
lebendig fressen! Blick lieber die Drehpuppe da an! -- Da kannst du
sehen, wie der Tanz _=nicht=_ sein soll! Oder gefllt's dir?

Ich wei nicht!

Nein, du weit nicht! Aber du ahnst es, und deshalb werde ich dir
sehen helfen. Das berschumen des Blutes -- der landesbliche
musikalische Sinn _=ohne=_ Sinn, den das Pack hierzulande immer hat --
die Geilheit, die das Tempo gibt, solange sie da ist, und dann nicht
mehr! Angelernte Bewegungen ohne innere Notwendigkeit! Die Poesie --
die Innerlichkeit, der Drang, sich zu geben, fehlen! Ebenso das Knnen,
die Fhigkeit, aus anderer Leute Seele Funken zu schlagen, zu znden,
mitzureien und zu begeistern. Woher Geist nehmen -- wo keiner ist! --
Ein hbsches Spiel fr die Augen, solange sie hbsch ist -- und dann
ist's aus! -- Der Tanz da gibt nie im Leben eine Himmelfahrt! -- Und
wenn's im Leben versumt wird, nachher ist's aus! -- Hpf zu! rief er
der Tnzerin zu. Hpf zu -- und fall nicht! Denn nachher liegst du auf
dem Rcken und zappelst, und da ist's aus mit dem Tanz, da hpfst du
nicht mehr!

Die Umstehenden lachten und warfen ihr noch derbere Scherzworte zu --
weinend floh sie zu dem Alten, um Schutz zu suchen. Brummend stand
er auf, schlug seinen Mantel um sich und sie, ging um die Ecke und
verschwand mit ihr und seiner goldenen Ernte! Das Publikum zerstreute
sich. Fossano blieb stehen.

Ihm war alles andere gleichgltig. Er dachte nur an das junge Mdchen,
dem er gefolgt war. Nur zu ihr oder fr sie hatte er gesprochen,
und nur um zu sehen, wie sie sich dabei verhielte! Alles andere war
ihm gleichgltig. Zornig hatte sie geblickt und Emprung gezeigt --
Trnen des Mitleids waren ihr in die Augen gekommen. Und als sie ihm
den Rcken zukehrte und ging, bewunderte er die feine Biegung des
Halses, den wundervoll angesetzten fein geschnittenen Kopf und die
unabsichtlich natrliche Plastik ihrer Bewegungen, wie sie so langsam
davonschritt und dann wieder stehenblieb.

Niobe, dachte er, Niobe -- die noch nicht die Kinderschuhe
ausgetreten hat!

Sie empfand seinen kalten, prfenden Blick, sah ihn lcheln -- das Blut
scho ihr gegen den Kopf, sie eilte auf ihn zu.

Die Augen knnte ich Ihnen auskratzen! rief sie und ballte ihre
Fuste unter seinem Gesicht.

Bravo! rief er, aufrichtig erfreut ber ihren prchtigen Zorn, und
packte ihre Hnde.

Sie ri sich los, nicht ohne den bewundernden Ausdruck in seinem
Gesicht bemerkt zu haben, und sagte, immer noch schmollend, aber
bedeutend besnftigt: Sie sind abscheulich!

Und du bist entzckend!

Sie stampfte auf den Boden!

Sagen Sie, was Sie wollen, aber es war herzlos von Ihnen! Wie konnten
Sie dem Kinde weh tun wollen?

Du willst wissen, was ich wollte! lachte er. Denkst du, _=die=_
kmmert mich? _=Dich=_ wollte ich sehen! Und du hast dich mir gezeigt
-- im Schmerz und Mitleid ganz gut -- im Zorn ausgezeichnet!

Trnen der Wut und Beschmung traten ihr in die Augen.

Warum machen Sie sich ber mich lustig?

Das tue ich nicht! Mein Interesse an dir ist aufrichtig! Ich mag dich
gern!

Sie blickte ihn fragend an. Er wollte es aber nicht gleich
weitertreiben und fragte nur beilufig:

Wie alt bist du?

Sechzehn!

Wie heit du?

Babara!

Nun, Baberina -- hast du schon ein richtiges Ballett gesehen?

Nein!

Bist du nicht im Theater gewesen?

Niemals!

Aber du mchtest wohl?

O wie gern!

Willst du heute abend das Ballett sehen, in dem ich tanze?

O ja!

Komm also eine Viertelstunde vor der Vorstellung nach dem Teatro
Farnese, frag nach dem Ankleidezimmer Fossanos -- Fossano, das bin ich!

Ich wei.

Frag also den Trwrter danach, und man wird dich hineinfhren. Du
nimmst deine Eltern mit.

Ich habe nur die Mutter!

Bring sie mit! Und nach der Vorstellung lat euch zu mir fhren!

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen und sah sie an.

Dein Vatersname? fragte er.

Campanini!

Babara Campanini! Babara Campanini! Sage mal, Baberina, er kam wieder
auf sie zu, ihr seid wohl nicht allzusehr mit Glcksgtern gesegnet?

So wie heute sind uns die Goldstcke nicht gleich bei der Hand, wenn's
ans Zahlen geht!

Das kann noch kommen! lachte er.

Wie meinen Sie?

Nun -- das hast du doch soeben gesehen! Du brauchtest nur zu wnschen,
und gleich waren sie da! Sie wute, da er die Wahrheit sagte, aber
sie mochte es doch nicht glauben.

Woher wuten Sie, was ich gerade wnschte?

Ein Wunsch ist nicht schwer zu erraten, wenn das Interesse da ist!

Aber Sie warfen gleich ein Goldstck!

Wolltest du nicht ein Goldstck fr sie?

Ja. Und da Sie das gleich wuten, macht mich bange!

Wer frstlich zu wnschen versteht und gleich vom Schicksal mit der
Erfllung bedient wird, braucht keine Angst zu haben! Wnsche nur
weiter!

Er lchelte, und dies Lcheln brachte sie wieder in Harnisch.

Was wollt Ihr von mir? Warum seid Ihr hinter meinen Gedanken und
Wnschen her -- erst in der Kirche und dann jetzt?

Er lachte laut.

Hast du Angst, mir etwas schuldig zu bleiben?

Wenn Sie so lachen, ja -- wei Gott -- da mchte ich eine Handvoll
Goldstcke haben, um --

Um?

Um sie Ihnen ins Gesicht zu werfen!

Bravo, lachte er wieder. Das war wieder frstlich gedacht! Das
Vergngen kannst du noch haben!

Wieso?

Etwa -- wenn ich dir Unterricht gbe und es ans Zahlen kme! Mich
zahlt man nur mit Goldstcken! lachte er.

Ihr wit gut, da ich das nicht knnte! Und deshalb solltet Ihr nicht
lachen!

Die Trnen kamen ihr wieder in die Augen.

Er wurde pltzlich ernst. Er hatte sich das Vergngen gemacht, sie aus
der einen Stimmung in die andere zu hetzen! In jeder Empfindung hatte
sie pariert, alles war echt und von ungesuchtester Natrlichkeit!
Er durfte es aber nicht zu weit treiben, sonst wrde er die Fhrung
verlieren -- sonst wrde sie ihm aus den Hnden gleiten! Und er wollte
sie einfangen -- er brauchte sie, denn sie war, was er suchte!

Verzeih mir! sagte er, und seine Stimme nahm eine warme Frbung an,
ich wollte dir nicht weh tun! Ich bin nicht gewohnt, alles so ernst
zu nehmen und zu meinen! Mir lacht eben das Leben; daher kommt's, da
ich ber alles lache! Mehr ist's auch nicht wert! Und ich mchte es dir
auch beibringen! Du hast das Tanzen im Blute, da gehe ich nicht fehl!
Ich mach es dir frei! Ich bringe dir das Tanzen bei -- du wirst bei mir
Unterricht haben!

Sie sah ihn gro an, als erzhle er ihr ein Mrchen.

Sechzehn Jahre bist du schon?

Bald siebzehn!

Hchste Zeit denn, wenn aus dir noch was werden soll! Komm also mit
deiner Mutter heute ins Theater. Nachher wirst du mir sagen, wie es dir
gefallen hat! Und das Weitere wird sich finden!

Sie war auer sich vor Freude. Ihr Traum, ihr Traum sollte
Wirklichkeit werden! Sie wagte es kaum zu glauben, sie wute auch
nichts zu sagen; von Glck berwltigt blickte sie ihn an, Trnen der
Dankbarkeit in den Augen; sie beugte sich rasch, ergriff seine Hand und
kte sie. Errtete dann ber ihre Dreistigkeit und floh davon wie der
Wind.

Babara! rief er. Aber sie hrte ihn nicht.

Ich htte mitgehen sollen. Ich htte wenigstens fragen sollen, wo sie
wohnt!

Er frchtete, Psyche, die er so lange gesucht und endlich gefunden
hatte, wrde ihm wieder verlorengehen.

Bah -- sie wird schon ins Theater kommen, dachte er dann
achselzuckend. Wenn sie die Richtige ist, wird es sie treiben -- dann
wird sie's nicht lassen knnen! Und sie ist die Richtige! Mein Auge
betrgt mich nicht!




2


Er hatte recht -- und unrecht zugleich.

Die Begegnung in der Kirche hatte sie erschreckt, ihr Innerstes
aufgewhlt und in eine noch nie empfundene Unruhe versetzt. Sein Hohn
hatte sie emprt, sein herzloses Lachen sie angewidert. Auch wenn
er freundlich zu ihr sprach, war etwas Kaltes, Lauerndes in seinen
Blicken, da ihr angst und bange wurde, die freundlichen Worte wrden
im nchsten Augenblick schneidendem Hohn Platz machen. Und dem wollte
sie sich nicht aussetzen.

Die Emprung trieb ihr das Blut ins Gesicht, als sie an seine herzlosen
Worte an die arme Straentnzerin dachte. Wenn er _=ihr=_ jemals so
kommen wrde, sie wrde ihm das Messer ins Herz stoen!

Fr ihr Leben gern wollte sie ins Theater! Sie hatte eine brennende
Lust, einmal ein richtiges Ballett zu sehen! Aber nachher mte sie ja
zu ihm; und wer wei, wie er zu ihr sprechen wrde? Also lieber nicht!

Sie erzhlte wohl der Mutter getreulich von der Begegnung mit ihm, tat
nicht wenig stolz ber ihre Unterhaltung mit dem berhmten Tnzer, ber
sein offenbares Interesse fr sie: wie er ihr nachgegangen wre, und
wie wenig sie sich daraus machte! Aber sie erwhnte mit keinem Wort
sein Anerbieten, auch nicht die Einladung, ins Theater zu gehen.

Die Mutter wurde ganz aufgeregt.

Das Glck! Das Glck! Den bringe ich noch dazu, dich zu unterrichten!

Um aller Heiligen willen!

Schweig, du bist eine Gans -- eine dumme Gans bist du! Das Glck fllt
dir in den Scho, und du brauchst blo zuzugreifen! Blo zuzugreifen
brauchst du! Ja, hast du denn eine Ahnung davon, was das bedeutet, wenn
solch ein groer Mann sich fr dich einsetzt!? Ein Wort von ihm kostet
es nur, und gleich liegt dir die Welt offen! -- Schmuck, Reichtum,
schne Kleidung, Ehren aller Art werden sich dir zu Fen hufen, und
du brauchst blo zuzugreifen --

Er wird sich hten. Er hat anderes zu tun, als sich um so eine wie
mich zu kmmern!

Wenn er dich blo tanzen sieht, wird er weg sein! Du weit nicht, wie
hbsch du tanzest -- du weit es nicht! Ich hab's dir ja nie gesagt,
denn ich wollte dich nicht eitel machen! Aber sooft ich dich sah, und
neben dir die anderen, dann dachte ich es mir -- und mehr als eine von
den Basen hat's auch gesagt -- und wie oft haben sie's mir gesagt: >Die
Babara mu zum Ballett! -- Die Babara knnte mit den Beinen ihr Glck
machen! -- Sie hat das Zeug, da ihr das ganze Leben zum Tanz wird!<
Das haben sie gesagt! Aber wo htte ich das Geld hernehmen sollen, um
dich in die Ballettschule nach Mailand zu bringen? So etwas kostet
Geld -- viel Geld, und bei unserer Armut...! Nein, da hab' ich's mir
verbissen! -- Aber ich habe zu der Madonna gebetet, ihr so manche
Kerze geweiht! Und sie hat mich erhrt! -- Jetzt ist die Gelegenheit
da -- jetzt gehe ich zu ihm! -- Sofort gehe ich und werfe mich ihm zu
Fen!

Sie warf ihren Mantel um und wollte gehen.

Tu's nicht! rief Babara. Ich will's nicht! Ich habe gar keine Lust.

Ob du Lust hast -- ob du Lust hast?! Tanzest du nicht fr dein Leben
gern!

Zum Vergngen, ja!

Das Leben ist kein Vergngen, das Leben will verdient sein! Dir ist's
gegeben, es dir mit den Beinen zu verdienen! Aber nicht so, da du auf
der Strae bettelnd herumstreichst, wie's sonst kommen wird! Sondern
indem du die Gabe ausntzt, die dir der Himmel gab! Das Tanzen zum
Vergngen -- wir wissen, wo das endet! In den Armen eines Burschen und
dann in den Armen eines anderen und dann im Rinnstein! -- Ins Elend
fhrt der Tanz! Nein, da werde ich schon vorsorgen!

Ich will's aber nicht! Ich will nicht!

Ich will aber. Und du hast dich danach zu richten. Gehorchen sollst
du, ob du willst oder nicht, wo deine Mutter nur dein Bestes will!

Sie wollte gehen. Und da mute Babara lieber mit der Einladung
herausrcken.

Ihr braucht nicht zu ihm zu gehen, sagte sie schmollend. Er hat
mich gebeten, heute abend ins Theater zu kommen! -- Mit Euch soll ich
hinkommen! Und nachher will er uns sprechen!

Die Alte sank auf einen Stuhl nieder.

Und das verheimlichst du mir?!

Ich wollte nicht hin! Ich gehe auch nicht! Er macht sich nur lustig
ber mich! Ich mag nicht, da er ber mich lacht!

Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Und dann prasselte eine
Flut von Schimpfworten auf sie nieder. Du Schlampe, du faules,
nichtsnutziges Ding! Lumpenprinzechen du! Du blhst dich auf
und zierst dich und dnkst dich zu vornehm, etwas zu tun, um im
Leben vorwrtszukommen! Als ob du auf Gott wei was fr groen
Reichtmern sest, so hast du dich! Und dabei hast du nichts als
das bichen Jugend, das bald vorber ist! Du willst nicht?! Ja, sag'
einer blo! Schmst du dich gar nicht, solche Launen zu haben?! Du
Undankbare! Denkst du denn gar nicht an deine alte Mutter, die sich
um dich geschunden hat und bald nicht mehr imstande sein wird, sich
weiter fr dich abzurackern? Und dann -- was dann? Dann bist du
auf dich angewiesen -- dann mut du verhungern, so ein faules und
vergngungsschtiges Ding wie du!

Scheltet nur, soviel Ihr wollt! Ich gehe doch nicht! Und wenn Ihr mich
noch so schlagt!

Sei doch nicht albern, sei nicht dumm! Benutze die Gelegenheit, die
dir der Himmel gibt! Denn da liegt dir das Glck offen! Und du brauchst
nur die Hand auszustrecken, brauchst blo zu wollen -- die Gelegenheit
ist da! Jetzt oder nie! Einmal im Leben kommt das Glck nur, und da
gilt's zuzugreifen! Die Minute, die du unbenutzt vorberstreichen
lt, ist fr ewig verloren! -- Ich hab's an mir erfahren! Ich wollte
auch tanzen -- mein Leben lang wollte ich's, und immer noch tanzt's
in mir, wenn ich euch Kinder tanzen sehe! Ich htte es gekonnt -- ich
htte es zu was gebracht! -- Habe ich euch nicht tanzen gelehrt, da
alle Leute die Augen aufreien, wenn sie euch springen sehen? Ich
htte es sicher zu was gebracht. -- Aber mein Vater war dumm! Er hat's
nicht eingesehen! Ich sollte ehrbar bleiben, hie es immer! Ich sollte
arbeiten lernen -- einen braven Mann heiraten, anstndig leben -- und
ich habe ihm gehorcht! -- Nun -- was habe ich davon gehabt? Einen Mann,
der trank, der mich schlug und der viel zu spt gestorben ist -- Gott
hab' ihn selig! Was habe ich davon? _=Euch=_, die ihr mich bis aufs
Blut aussaugt, fr die ich mich schinden mu, ohne es zu etwas zu
bringen! Und dann blht mir das Siechtum und ein elender Tod! Htte
ich nur nicht auf ihn gehrt! Wre ich lieber davongelaufen! Htte ich
lieber mein eigenes Leben gelebt! Dann ging's mir besser! Euch aber
will ich das Leben ersparen, das ich leben mute! Ihr sollt es gut
haben, in Glanz und Reichtum leben -- ihr werdet es auch erreichen!
Denn ihr seid schn -- am schnsten du, Babara -- und was ich nur in
meinen Trumen haben durfte, das sollt ihr in der Wirklichkeit haben!
Denn ich werde nicht so schlecht an euch handeln wie mein Vater an mir
-- ihr werdet mich nicht verfluchen wie ich ihn -- ihr werdet meiner
dankbar gedenken und fr _=euren=_ Gehorsam was vom Leben haben! Eine
groe Knstlerin wirst du werden, wenn du mir gehorchst; in der ganzen
Welt wird man dich mit Ehren nennen, mit Auszeichnungen berhufen!
Greif nur zu, und die Welt wird dir zu Fen liegen!

Komm, ich putze dich -- komm, ich mache dich schn -- du brauchst gar
keine Angst zu haben, da man dich im Theater scheel ansieht -- du
kannst dich in jeder Gesellschaft zeigen -- komm, mein Pppchen, sollst
sehen, deine alte Mutter wird schon fr dich sorgen!

Und sie suchte aus ihren Schrnken und Truhen allerhand vergessenen
Tand aus ihrer Jugend, bunte Perlenschnre, seidene Tcher, Schrzen,
Mantillen, Hauben und einen geblmten seidenen Rock, der ihrer Babara
wie angegossen sa!

Jaha -- ich war auch mal schlank -- ich war auch mal wie ein
Prinzechen -- schau mal dies Mieder -- da bist du noch viel zu ppig
dazu -- aber es geht schon -- wir schnren ein bichen -- das wird
schon gehen!

Und sie schnitt und nhte und nderte und pate ab und putzte ihr
Tchterchen aufs prchtigste heraus! Und die lie sich's gefallen und
fand sich so allmhlich damit ab, mit ihr in die Vorstellung zu gehen.

Wenn die Mutter mitginge, wre es ja nicht so gefhrlich. Da wrde er
sie wohl nicht zu verhhnen wagen! Und wenn auch -- schlielich war
die Sache das wohl wert! Schlielich konnte man das hinnehmen, wenn
man blo einmal ins Theater knnte und ein richtiges Ballett zu sehen
bekme!

Am Abend saen sie dann auch im Theater in einer der ersten Reihen
des Parterre, wo man schon angefangen hatte, Sessel einzustellen,
die Domina stolz und sicher, als wre sie in ihrem Leben nichts
andres gewohnt gewesen, als ihre Abende dort zu verbringen, und
Babara aufgeregt und neugierig in diese ihr so neue und bunte Welt
hineinblickend, die bald _=ihre=_ Welt sein wrde.

Es war ihr wie ein Traum. Das schwatzende, lachende Publikum in schnen
Kleidern, reich geschmckt, die bunte Masse, die sich schreiend und
johlend im Parterre hin und her schob und drngte, die Musik -- das
Mitsingen des Publikums, die frhlich ausgelassene Stimmung, die
Blumen, die festliche Beleuchtung, das Drngen, der Kampf um die besten
Pltze, und schlielich die Auffhrung, die viel zu schnell vorbei war.
Sie fhlte sich bedrckt inmitten all der Pracht! Das bunte Treiben
verwirrte sie -- dann ging der Vorhang auf -- und zum erstenmal empfand
sie die Macht, die hat, wer auf der Bhne steht -- die Herrschsucht
packte sie -- schlich sich in ihre Seele und nahm sie in ihre Gewalt.
Jetzt konnte sie nicht mehr zurck -- jetzt mute sie hin, ob sie
durfte oder nicht.

Denk, Baberina -- wenn du da oben stehst -- und all die Tausende nach
dir blicken! flsterte die Mama. Das wre doch ein Glck!

Babara hrte nicht; mit weit offenen Augen starrte sie nur hinauf.
Fossano gab die Hauptrolle in der Pantomime: Pierrots letztes
Abenteuer, eine burleske Szene voll derb grotesker Situationen,
die wahre Lachsalven im Publikum entfesselten. Dann tanzte er einen
Bauerntanz mit dem ganzen Corps de Ballett, und zum Schlu Das
Urteil des Paris, eine wahre Orgie in sinnbetrenden Farben und
Formen, eine bis an die uerste Grenze des Gewagten gehende und
doch das knstlerische Ma innehaltende Phantasie voll glutvoller
Leidenschaft, deren einzelnen Phasen das Publikum in atemloser Stille
folgte, um dann, als der Vorhang fiel, in rasende Beifallskundgebungen
auszubrechen, die nimmer enden wollten.

Immer wieder mute Fossano mit seinen Partnerinnen vor dem Vorhang
erscheinen, von den Evvivarufen umtost. Er wurde mit Blumen, Krnzen
und Goldstcken beworfen, und man ruhte nicht, ehe er nicht als Zugabe
seinen berhmten -=pas du diable=- zum besten gegeben hatte.

Whrend sich die Zuschauer in dichten Massen am Bhneneingang und
im Hof der Pilotta stauten, um ihm bei der Abfahrt vom Theater ihre
Huldigung darzubringen, wurden Babara und ihre Mutter zu ihm gefhrt.
Er empfing sie im Foyer der Solisten, immer noch im Kostm, jetzt
ganz der groe Knstler, vornehm, herablassend, sie kaum eines Grues
wrdigend.

Ah -- sieh da -- die kleine Bekanntschaft von heute frh! Nun -- du
hast es jetzt gesehen! -- Es ist kein Kinderspiel, so leicht es auch
aussieht! -- Arbeit, harte, emsige Arbeit -- wenn einer es so weit
bringen will -- und -- Talent, versteht sich -- vor allem Talent!
Nun -- wir werden sehen, was mit dir los ist! Ich werde dich erst
ausprobieren! Du wirst gleich im neuen Ballett mittanzen -- du brauchst
keine Angst zu haben! Es gilt da noch lange keinen Kunsttanz -- es ist
gar nicht schwer! Du brauchst blo zu verstehen, was du darzustellen
hast -- ich mach es dir klar -- ich be es mit dir ein! Kannst du
das bewltigen -- und ich erwarte es von dir -- dann werde ich dich
unterrichten -- dann wirst du meine Schlerin sein!

Erst will ich aber sehen, ob du Talent hast, und ob ich dir mit gutem
Gewissen raten kann, Tnzerin zu werden! Und ich glaube, ich werde es
knnen -- -- --

Domina Campanini lie die Tochter nicht zu Worte kommen. Sie flo
gleich ber vor Seligkeit und Rhrung, kte Fossano die Hnde und rief
den Segen aller Heiligen auf ihn herab. -- Er wrde schon sehen, da
er sich nicht geirrt htte! Die Babara htte Begabung wie wenige! Seit
sie klein war, htte sie getanzt -- wie eine Sylphide -- wie eine Elfe
-- wie ein Engel Gottes! Und sie hatte es von sich aus -- ganz allein
htte sie sich alles, was sie knnte, ausgedacht! Denn sie wren arm,
sie htten nichts, womit sie den Unterricht htten bezahlen knnen -- --

Hier stockte ihre Suada. Sie bekam pltzlich Angst, er wrde sie nicht
als Schlerin aufnehmen, wenn sie nicht zahlen knnte!

Aber was sein mu, mu sein, sagte sie dann rasch, ehe er noch
antworten konnte. Ich werde arbeiten gehen, ich werde verdienen -- ich
habe auch Verwandte und gute Bekannte, die alle gern helfen werden,
damit meine Baberina ihr Glck machen kann -- sie mssen alle was
beisteuern, denn der Unterricht bei solch groem Meister kostet doch
wohl viel -- --?

Hier stockte sie wieder, in der Erwartung, er wrde ihre versteckte
Frage mit der Erklrung beantworten, es koste bei ihm nichts! Er
empfand das und wollte es auch gleich sagen, hielt aber inne und
blickte Babara an. Ein unbestimmtes Vorempfinden sagte ihm, da er
vielleicht doch in die Lage kommen wrde, einmal Entgelt von ihr zu
verlangen!

Er lchelte also blo, winkte der Alten gndig zu, blickte Babara an
und sagte:

Das wird sich spter finden! Vorerst wollen wir sehen, ob du was
taugst, und dann fleiig lernen!

Er hielt ihr die Hand hin, die die Alte schnell ergriff und mit Kssen
bedeckte, streichelte Babara die Wange, nickte herablassend und ging in
die Garderobe. Die Audienz war zu Ende.




3


Er hatte sich nicht geirrt. Babara strotzte von Talent. Sie war ein
Genie -- von einer Ursprnglichkeit in ihrer ganzen Art, sich zu geben,
und von einer Poesie der Unberhrtheit, die, im Verein mit ihrer
jugendlichen Anmut, einen unbeschreiblichen Reiz ausbte.

Sie lebte noch in der Ahnung, da aber stark und voll, mit der ganzen
Keuschheit einer natrlichen Leidenschaftlichkeit, die sich ihrer noch
nicht bewut geworden war. Sie hatte, obwohl noch Kind, die Kraft voll
entwickelter Triebe. Und die erste Aufgabe seiner Erziehung wurde: sie
bewut einzudmmen, sie zu leiten und erst allmhlich zu entfesseln,
indem er sie mit ganzer Gewalt auf die Kunst loslie, ihr aber das
Leben im brigen verschlo.

Das Leben im Kunstwerk sollte zunchst ihr Leben sein. Wenn sie da
alles erschpft htte, dann erst wollte er sie freigeben, denn dann
wre es notwendig zur vollen Entfaltung! Erst den Gipfel besteigen, und
dann erst den Abflug!

So aber, wie sie jetzt war, war sie prdestiniert dazu, die Psyche zu
geben! Dafr hatte sie von Natur aus alles in so reichem Mae, da er
nur leise daran zu rhren brauchte, damit sie es hergab, mit einer
Sicherheit der Empfindung und einer Vollendung, die durch kein Studium
je erreicht werden kann, wenn sie nicht von vornherein da ist.

Hatte sie es einmal erfat, so war sie sofort mittendrin, kaum da
er ihr den darzustellenden Vorgang erzhlt hatte! -- Sie _=war=_
Psyche, wie sie ihm in seiner khnsten Phantasie vorgeschwebt hatte!
-- Und seine ganze Lehrttigkeit konnte sich darauf beschrnken, ihr
die Situationen zu erklren -- ihr die Stellungen zu zeigen und die
einfachen kunstlosen Tanzschritte mit ihr einzuben, deren sie bedurfte
-- kurz, dem Gedicht, in dem sie auf der Bhne zu leben hatte, das
Gerst zu geben!

Ihr Triumph wurde auch vollstndig.

Sie siegte -- weil sie gar nicht daran dachte, berhaupt zu siegen --
sie verstand noch nichts von Wirkung, war sich nicht bewut, da sie
die vielen Zuschauer in ihren Bann zu bringen hatte -- sie dachte nur
an ihre Aufgabe, gab sich ganz dem hin, was sie darzustellen hatte; sie
erlebte es und verga darber alles andere.

Freilich -- im ersten Augenblick, als sie auf der Bhne stand und durch
den Vorhang das Stimmengewirr der drauen Harrenden hrte, da kam etwas
wie Angst ber sie.

Sie blickte hinaus, sah die vielen tausend frhlichen Menschen, die
lachten und plauderten und ihre Toiletten, ihren Schmuck zur Schau
trugen. Sie entsetzte sich beim Gedanken, da all diese Augen sich auf
sie richten -- all diese Lippen das Urteil ber sie sprechen wrden!
Sie zitterte -- das Herz klopfte hrbar -- ein Schwindel befiel sie --
sie verga alles auer der Angst -- sie wute nichts mehr von alledem,
was sie darzustellen hatte -- sie konnte sich kaum noch aufrecht halten!

Ganz vernichtet schlich sie in die Kulisse hinein, und da brach sie
zusammen.

Heilige Mutter Gottes, hilf mir, flsterte sie inbrnstig und schlo
die Augen. Und da war sie wieder in der Kathedrale, deren hohe Gewlbe
sich ber sie erhoben! Und hoch ber ihrem Haupte schwebte wie ein
Kranz von Sommerblten in den Wolken die Mutter Gottes, von seligen
Geistern umgeben, der Verklrung entgegen, und allen voran Psyche! Sie
verga alles andere, verga, wo sie war -- die Erregung legte sich,
khle Besonnenheit, Sicherheit und Kraft kehrten in ihre Seele zurck.

Ich danke dir -- ich danke dir, flsterte sie und stand erquickt
wieder auf. Und als Fossano, der sie voll Unruhe gesucht hatte, sie
endlich fand und ihr Mut zusprach, da war's lngst nicht mehr ntig!

Sie lie sich von ihm zu ihrem Platz hinfhren. Und als der Vorhang
aufging und das Spiel begann, da dachte sie nicht mehr daran, da sie
sich den vielen Neugierigen zeigen mute, sondern ging ganz in der
Wonne auf, sich geben zu drfen.

Gleich in der ersten Szene der Psyche nahm sie die Huldigung an
Stelle der Schnheitsgttin Venus mit einer Demut und einer holden
Beschmung an, aus der sich die Hauptstimmung der nchsten Szene
folgerichtig ergab. So kam die Empfindung ihrer Unwrdigkeit und ihrer
Strafbarkeit, weil sie sich hatte gttliche Ehren erweisen lassen,
natrlich zum Ausdruck, ebenso der Schrecken bei der Verkndung ihrer
Strafe durch Merkur sowie ihre Zerknirschung und die Ergebenheit in
ihr Schicksal, als sie unter Trauertnzen beim Fackelschein nach dem
Felsen hingeleitet wurde, wo sie dem ihr zum Gatten ausersehenen
Ungeheuer ob ihres Frevels geopfert werden sollte. Und als die Fackeln
eine nach der andern zu ihren Fen gelscht wurden und Eltern und
Geschwister als letzte sie weinend verlieen, da waren ihr Schmerz und
ihre Verzweiflung ebenso echt wie die dann allmhlich wiedergewonnene
Fassung, die Ergebung in das Unabwendbare. Wie sie dann in banger
Erwartung die Augen schliet und sich unbeweglich, ohne sich mit einer
Zuckung des Gesichts oder der Glieder zu wehren, von der unsichtbaren
Gewalt des Zephirs packen lt, um im sanften Fluge vom Felsen nach
dem blumenbedeckten Rasen an dessen Fue hinabzuschweben -- eine
staunenswerte maschinelle Leistung des damaligen Theaters --, da wurde
es drauen unter den Zuschauern so still, da man das eigene Herz
schlagen hren konnte. Und alle Augen blickten gerhrt zu dem zarten,
kindlichen Wesen, das da, wie ein Schmetterling vor dem Winde, von
einem unerbittlichen Schicksal dahingeweht wurde, um unten regungslos
liegenzubleiben.

Aber die qualvolle Spannung bei den vielen tausend Zuschauern lste
sich in ein Gemurmel des Entzckens auf bei der unmittelbar darauf
einsetzenden Szene ihres Wiedererwachens zu neuem Leben!

Sanfte Musik trifft die Schlummernde. Sie ffnet die Augen, erhebt sich
halb -- lauscht den lieblichen Liedern unsichtbarer Geister -- erhebt
sich -- sucht die Snger bald hier, bald dort zu entdecken -- immer
mehr wird ihr Krper von den Rhythmen der aufjauchzenden Musik bewegt,
wirbelt schneller und schneller dahin, da das leichte Kleid in tausend
Wellenlinien den Krper umspielt und dessen Formen heraushebt -- die
Hnde flehend emporgestreckt, die Blicke bittend, die Lippen halb
offen, sehnschtige Seufzer aushauchend. Aber die unsichtbaren Snger
bleiben unerbittlich und zeigen sich nicht, senden nur einen Regen
von Rosen auf sie herab, die sich zu ganzen Gewinden verdichten und
allmhlich die Bhne mit ihrem bunten Netzwerk verhllen.

Dann erhebt sich der Blumenschleier unter langsam wallenden Wogen der
Musik, und um sie herum ist alles verwandelt. Ein Palast hat sich
aufgetan -- die Wohnsttte Amors. -- Alles glitzert und glnzt von
edlem Metall und buntem Gestein -- staunend steht sie da, ohne zu
wagen, sich zu rhren, und blickt alles scheu an. Dann, von Neugier
berwltigt, betastet sie alles in kindlicher Freude. Sehnschtig
blickt sie sich nach Gespielinnen um, aber vergebens! Alles
Erdenkliche, was ihr zur Erquickung oder zur Bequemlichkeit dienen
kann, ist, kaum gewnscht, sofort zur Stelle! -- Der Becher mit Wein,
den Durst zu lschen -- der reich besetzte Tisch, um den Hunger zu
stillen! Und als sie, vor Erschpfung mde, umsinkt, empfngt sie ein
prachtvolles Lager, auf dem sie sanft einschlummert. Da kommt im Traum
Gott Amor -- in rosenrotem Dmmerlicht schwebt er einher. Sie sieht
ihn nicht, fhlt aber seine Nhe. Eine leichte Unruhe bemchtigt sich
ihrer. Ohne die Augen aufzutun, wirft sie sich unruhig hin und her,
die Lippen flstern leise, sie streckt die Arme sehnschtig aus. Da
schleicht er an ihr Lager, schmiegt sich an sie -- sie erwacht --
der Traum ist aus -- der Geliebte verschwunden. Sie setzt sich auf,
blickt sich nach ihm um -- selig glaubt sie seine Stimme zu hren --
schmerzvoll seufzend horcht sie auf seinen Befehl, legt die Hnde auf
die Augen, wie um ihnen das Sehen zu verbieten, drckt sie gegen den
Mund, um ihm das Fragen zu untersagen -- alles mit einer Natrlichkeit
der Empfindung und einer Intensitt im Ausdruck, die keinen Zweifel
ber den Vorgang aufkommen lassen. Dann sinkt sie wieder um -- ein
Traum erschreckt sie. -- Die Schwestern -- neidisch auf ihr Glck,
erscheinen, um sie zu verhhnen, zeigen ihr -- im Traum -- das
Ungeheuer, dem sie angeblich vermhlt wurde, reden ihr vor, es wre
der Gebieter des Hauses und wage wegen seiner grausigen Gestalt nicht,
sich ihr zu zeigen! Sie belehren sie, wie sie es tten soll, wenn es
das nchste Mal im Dunkel der Nacht ihr zur Seite ruht, und schleichen
davon -- ihr heimlich den Dolch und die Lampe lassend.

Sie erwacht voll Entsetzen, flieht von ihrem Lager, wankt, von
Angst und Grausen gepackt, durch die jetzt dunkle Halle -- findet
die verhllte Lampe und den Dolch und schleicht dann, mit ihrer
immer mehr zunehmenden Angst kmpfend -- die Lampe hoch in der
ausgestreckten Hand haltend, das Gesicht abgewandt, den Dolch an
den keuchenden Busen gedrckt -- zurck zum Lager, wo Amor wieder
schlummernd liegt, schaudernd zgert sie und bricht halb zusammen!
Und dann der schnelle Entschlu -- der sich aufbumende Trotz -- der
jhe Wille zur befreienden Tat -- das Aufraffen der letzten Kraft
-- das zaghafte Hinblicken -- die berraschung -- das Staunen beim
Anblick des schlafenden Gottes -- das Fallenlassen des Dolches -- die
Zerknirschung, die Gewissensbisse -- die wuterfllte Drohung gegen
die unsichtbaren Traumschwestern, deren Hohnlachen sie um sich zu
hren glaubt! Dann das schrankenlose Aufgehen in diesem ungeahnten
Glck -- die Bewunderung, die Anbetung -- das zaghafte Nahen -- das
Erhaschen und Fallenlassen seiner herabhngenden Hand -- die Betastung
seiner Flgel -- das Auffinden seiner Waffen, das Spiel damit, die
Verwundung an seinen Pfeilen und dann das sofort einsetzende Auflodern
der Leidenschaft, die sie alles vergessen macht -- das Hinsinken auf
die Knie neben dem Schlafenden -- das Aufgehen in einem namenlosen
Glcksgefhl -- und schlielich das Besitzergreifen des Glckes --
das Zusammenbrechen ber dem Geliebten und der Ku, der ihn halb
erweckt. Dann das Aufschrecken ob ihrer Dreistigkeit -- die Flucht,
die Wiederkehr, das unwiderstehliche Hingezogenwerden -- das leichte
Hinschleichen auf den Fuspitzen, um sich wieder an seinem Anblick
zu weiden -- das Zittern der Hand, die die Lampe hlt, und dann die
Katastrophe -- der Tropfen brennenden ls, der ihm auf die Schulter
fllt und ihn jh erweckt -- das Zusammenbrechen unter seinem Zorn
-- ihr vergebliches Flehen, ihr Schluchzen, ihr Haschen nach seiner
Hand, seiner Kleidung -- ihr Versuch, ihn gewaltsam zurckzuhalten,
und dann die Verzweiflung, als sie sich verlassen sieht und ohnmchtig
zusammenbricht -- das waren alles Momente der hchsten Kunst, die
Babara mhelos geben konnte, weil sie's im Moment des Gebens sah und
erlebte. Sie weilte in einer anderen Welt, hoch ber allem Irdischen,
und als der Vorhang fiel und der tosende Beifall der aufs hchste
aufgeregten Menge drauen einsetzte, da erwachte sie mit einem heftigen
Schrecken aus ihrem Traum. Sie war wieder auf der Erde, aus allen
Himmeln gefallen; und mehr tot als lebendig lie sie sich von Fossano
an die Rampe schleppen, um die begeisterte Huldigung des Publikums
anzunehmen.

Nie mehr werde ich's knnen -- nie mehr werde ich so voll darin
aufgehen und alles vergessen, jammerte sie, als der Vorhang zum
letztenmal fiel und Fossano sie umarmte und beglckwnschte.

Du _=kannst=_, erwiderte er, wenn du nur mir folgst! An meiner Hand,
unter meiner Fhrung wirst du das und noch viel mehr lernen! Aber -- du
mut dich fhren lassen -- du mut mir unbedingt gehorchen. Willst du?

Ja, antwortete sie ohne Bedenken, aber auch ohne ihn zu verstehen.

Er war sich auch nicht ganz klar ber die Tragweite seiner Worte, aber
er folgte seinem Instinkt. Aus der Kulisse hatte er ihr Spiel verfolgt,
sie innerlich Szene fr Szene vorwrts getrieben; mit seiner ganzen
Geisteskraft war er dabei gewesen, hatte alles miterlebt, jede ihrer
Empfindungen voraus empfunden und sie so gesttzt. Und jetzt, als es
aus war, war er ebenso erschpft wie sie. Und so sehr er sich auch
ber den Sieg freute -- er empfand nur, wie sie, Angst, da das alles
verloren gehen knnte, da es nie wiederkehren wrde; aber auch, da
es seine Aufgabe sein wrde, dafr zu sorgen, da nicht dies echte
schlackenfreie Talent, dem kein Mierfolg je etwas anhaben knnte,
durch den Triumph hochmtig gemacht und so zugrunde gerichtet werde.

Demtigen, demtigen! war sein erster Gedanke. Und so fing er, noch
ehe sie die Bhne verlassen hatte, an, sie zu kritisieren und sagte ihr
alle Fehler, die sein scharfes Auge, trotz seines Entzckens, gesehen
hatte. Ernst und sachlich setzte er ihr auseinander, wie weit sie
von der Vollendung entfernt sei -- wieviel sie noch zu lernen htte
-- wie wenig die Leute im Zuschauerraum begriffen, und wie wertlos
ihre Beifallsuerungen seien! So nahm er ihr sorgsam jedes eigene
Verdienst, schon ehe sie sich ihres Sieges bewut worden war und sich
daran berauschen konnte. Er hatte sie wieder unterjocht -- er hatte sie
in der Gewalt und gewann damit auch seine eigene Sicherheit wieder.

Der Mutter spendete er, als sie, im berschwang ihres Glckes, sich
in Lobeshymnen erging, herablassend einige khl bemessene Worte der
Anerkennung fr das unzweifelhafte Talent ihrer Tochter.

Es wrde schon was aus Babara werden! Er glaubte es schon! --
Aber -- man knnte ja nicht wissen! Das Leben hinge von soviel
Zuflligkeiten ab! Jedenfalls wollte er sich ihrer annehmen und mit ihr
weiterarbeiten! -- Sooft seine Psyche gegeben wrde, sollte sie darin
spielen drfen, vorlufig ohne Gehalt, denn man knne nicht anders --
wegen der anderen Tnzerinnen! Man msse ihre Gefhle schonen! Sie
wren schon ohnehin rgerlich, da er nicht einer von ihnen die Rolle
gegeben hatte!

Er wolle aber mit aller Energie an ihrer Vervollkommnung arbeiten! Er
wolle nichts dafr haben! -- Aber sie msse sich ganz seiner Fhrung
anvertrauen! Das wre die Bedingung!

Das sagte ihm die Domina auch zu, ehe sie beglckt dem Ausgang
zuschritt, wo Tausende von Menschen sich gestaut hatten, um dem
neuaufgegangenen Stern ihre Huldigung darzubringen. Begeisterte Zurufe
flogen Babara entgegen, als sie sich zeigte -- schchtern blickte sie
Fossano an, wie um Erlaubnis zu fragen, ob sie auch das alles auf sich
beziehen drfe! Er verzog keine Miene. Er gab ihr nur den Arm und
fhrte sie ironisch lchelnd zu seinem Wagen, um sie nach Hause zu
bringen und sie so ihren Verehrern zu entziehen!

Das gelang ihm freilich nicht. Ein Dutzend junge Leute nahmen den
Wettlauf auf und folgten dem wegen des Gedrnges nicht bermig
schnell fahrenden Wagen.

Kaum waren sie in der bescheidenen Behausung der Campanini angelangt,
so sammelte sich schon eine ganze Menschenmasse unter den Fenstern.
Bald erklangen die Gitarren, und liebegirrende Stimmen schmetterten
ihre sehnschtigsten Tne in die Nacht hinein. Die Passanten blieben
stehen und nahmen an der Kundgebung teil. Und bald war an kein
Durchkommen mehr zu denken.

Die Domina schwelgte in Wonne. Babara wurde auch freudig bewegt. Die
Geschwister waren auer sich vor Freude ber den Triumph -- das ganze
Haus in grter Aufregung.

Nur Fossano blieb ruhig. Seine Zge verfinsterten sich mehr und mehr.

Schlielich konnte er nicht an sich halten.

Hre nicht hin! rief er. Bei allem, was dir heilig ist, hre nicht
hin! Wenn es dir ernst um die Kunst zu tun ist, dann hre nicht hin!
Erst wenn du eine groe Knstlerin bist, darfst du's wagen! Heute bist
du nur eine groe Hoffnung! Ein Versprechen, das nur durch emsige
Arbeit in strenger Abgeschiedenheit einzulsen ist! Erst das! Dann tu,
was du willst!

Sie blickte ihn gro an. Sie verstand ihn nicht -- hrte kaum zu.
Drauen lockte das Leben -- von dort drangen liebliche Klnge herein
und schmeicheltem ihrem Ohr mit sem Wohllaut! In ihr jauchzte es von
Glck und Stolz! Das Leben brauste durch ihre Adern und rief sie hinaus
zum Genu und zum Glck! -- Und er, der ihr den Weg in dieses Leben
gezeigt hatte -- er hielt sie zurck!? Er zeigte ihr das Ziel -- und
verbot ihr, es im Flug zu nehmen?!

Wer etwas werden will, sagte er noch eindringlicher, darf sich
nicht von den Freuden der Welt verlocken lassen! Nicht hinsehen! Nicht
hinhren! Alle Sinne nur auf das Ziel richten, mit allen Trieben ganz
und voll in der Kunst aufgehen! -- Dein ganzes Sehnen, dein gesamtes
Trachten mut du nur darauf richten, die Schwierigkeiten des Weges zu
berwinden! Nur so kannst du den hchsten Gipfel erklimmen! Und dazu
bist du unter Tausenden ausersehen, _=wenn du treu bleibst=_! Einmal
oben, dann entfalte die Schwingen -- dann heb an zum Flug und bewege
dich frei -- aber erst dann! -- Willst du's so halten?

Ja!

Dann bringe ich dich auch so weit! Aber du mut geloben, blind meiner
Fhrung zu folgen. Du mut mir unbedingten Gehorsam versprechen! Willst
du das?

Ja.

Du darfst nie einen jungen Mann mit liebenden Augen ansehen, nie den
Worten der Verfhrung lauschen -- streng darauf achten, deinen Sinn
rein von aller Betrung zu halten! Schwre es bei allem, was dir heilig
ist -- bei der Madonna -- --

Bei der Himmelfahrt im Dom, sagte sie und lchelte inbrnstig --
dabei schwre ich -- --

Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt --
sprach er ihr vor.

Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt,
wiederholte sie feierlich.

Aber es gengte ihm nicht.

Und brichst du den Eid, sagte er, und es funkelte drohend in seinen
Augen, so jage ich dich auf der Stelle fort. Dann bist du nicht mehr
meine Schlerin! Dann mut du selbst sehen, wie du dich durchschlgst!

Groe Trnen drangen ihr in die Augen.

Ich bleibe treu, sagte sie fast schluchzend. Die Madonna wird mir
helfen! Alle Tage will ich ihr Blumen opfern.

Drauen klangen noch die Lieder ihr zu Ehren. Sie hielt sich die Ohren
zu.

Ich will gehen und sie fortjagen! sagte Fossano. Lebe wohl -- morgen
in der Probe sehen wir uns wieder.

Er ging. Drauen versuchte er die Snger zum Schweigen zu bringen.
Aber sie lachten ihn aus. Er ist eiferschtig -- er will sie selbst
fr sich behalten. Der Schwerenter! Das Schleckermaul! Don Juan du!
riefen sie. Psyche hat schon ihren Amor gefunden! Fossano -- evviva!
Fossano -- amoroso! Evviva!

Lachend nahm er die Huldigung an und bestritt es mit keinem Worte, da
er ihr Liebster sei. Mochten sie's nur glauben -- dann wrden sie sie
in Frieden lassen! Sie wrden sich hten, es mit ihm aufzunehmen!

Sie mochten dasselbe gedacht haben. Denn sie zogen lachend und johlend
ab und widmeten im Gehen schnell noch ein Spottlied der sprden
Schnen, die sich zum Dank fr das Stndchen nicht einmal gezeigt hatte.

Fossano schickte seinen Wagen fort und ging zu Fu nach Hause.

Er kam sich in der Rolle eines Sittenpredigers sonderbar vor! Wei der
Teufel, was in ihn gefahren war! Sonst hielt er es in der Beziehung
nicht streng mit seinen Schlerinnen! -- Sonst war er eben fr jede
Freiheit! Aber diese -- -- um die war ihm bange! Sie war ein seltenes
Juwel, das ihm das Glck in die Hnde gespielt hatte und das er nicht
herausgeben wollte, ehe er ihm den besten Schliff und die schnste
Fassung gegeben htte, damit es ber alle Welt leuchten knnte.

Und das war nur so mglich! Ihr ganzes Triebleben mute ganz
folgerichtig und mit vollem Bewutsein auf den Ehrgeiz gerichtet
werden, in der Kunst das Hchste zu leisten, bis sie ganz Meisterin
geworden wre! Da wrde er sie auf das Leben loslassen!

Aber _=er=_ -- er selbst mute das tun -- kein anderer durfte es, und
vor allem keine Minute zu frh!

Solange wollte er die eigene Leidenschaft, die schon jetzt in ihm
loderte, zurckzudmmen suchen! Und wenn er selbst als Lohn fr seine
Mhe die Blume gepflckt htte, dann wollte er ihre Leidenschaft in
die richtige, die fr die Karriere einzig mgliche Bahn leiten, ins
Vergngen, zum Rausch! Aber sie nimmermehr zur groen Passion oder gar
zur hingebenden Liebe werden lassen. _=Die=_ mute grndlich abgettet
werden, sonst wrde sie die Kunst tten.

Das sollte der Gipfel seiner Erziehung sein! Denn nur so knnte er
ihrer Kunst die letzte Weihe geben, die der _=bewuten=_ Sinnlichkeit,
die ihr jetzt mangelte und auch noch lange nicht zur Entfaltung kommen
durfte -- ehe sie auch als Knstlerin reif genug wre, zu begreifen,
wie in dieser Welt der Sinne die Selbstherrlichkeit des Fleisches
herrscht und wie der Geist Fleisch werden mu, um hier zu gebieten -- --

Er lchelte befriedigt bei dem Gedanken, schlug selbstgefllig den
Mantel um die Schultern, drckte den Hut in die Stirn und ging halblaut
summend nach Hause.

Babara aber verbrachte eine schlaflose Nacht voll unruhiger Gedanken.
Und als der Morgen kam und alles noch in Schlaf versunken lag, schlich
sie hinaus nach dem Dom, mit Blumen fr die Madonna, und kniete da
lange inbrnstig betend und in Betrachtung des Meisterwerks von
Correggio versunken.




4


Sie machte so schnelle Fortschritte, da er nicht aus dem Staunen
herauskam. Sie bewltigte alles spielend leicht. -- Es gab fr sie
keine Schwierigkeiten! Ihr Krper, elastisch wie eine Stahlfeder, war
von der hchsten Harmonie der Formen, der grten Ausgeglichenheit
der Glieder und einer fabelhaften Leichtigkeit der Bewegung. Der Tanz
auf den Fuspitzen machte ihr gar keine Schwierigkeiten. In Sprngen
hatte sie nicht ihresgleichen. Sie hatte Rasse, Temperament und einen
sprudelnden Humor, der sie fr die burlesken Tnze ebenso geeignet
machte wie fr die serisen. Aber bei allem Tempo und allem bermut war
ber dem Ganzen doch eine Keuschheit und eine Unberhrtheit, als tanze
sie im Traum.

Es wurde bald Zeit, sie ins wache Leben zu fhren, ihr die Schleier von
den Augen zu reien. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Morgen
vor Beginn der Probe in den Dom zu gehen. Es zog sie immer wieder
hin. Es war ihr, als hole sie sich von dort die rechte Weihe und die
Sicherheit, der sie bedurfte, um, ohne nach rechts und links zu sehen,
vorwrts zum Ziel ihres Ehrgeizes zu kommen.

Dir zu Ehren -- nur dir zu Ehren, seufzte sie reuig, als ihr der
Ehrgeiz zusetzte, und beugte ihr Kpfchen im Gebet. Und sie zwang sich
mit Gewalt, an gar nichts als an ihre Pflicht zu denken! Keine Wnsche
durften aufkommen, wie sehr das Leben ihren jungen Sinn auch lockte!
Alles rang sie heldenmtig nieder, treu ihres Eides eingedenk!

Fossano sah es. Aber er sah auch, da es nicht mehr lange so gehen
durfte! Denn sonst wre sie _=auch so=_ fr die Kunst verloren! --
Sonst wrde ihr eines Tages klar werden, da ihre Kunst eben die Kunst
der hchsten Sinnenlust und also verwerflich wre! Und eine Heilige zu
zchten, lag ihrem Lehrmeister ganz fern!

Eines Tages holte er sie aus dem Dom zur Tanzstunde ab. Er fand sie
unter der Kuppel wie das erstemal, verzckt in den offenen Himmel
Correggios schauend.

Weit du noch, Baberina, wie du mir das erstemal, als wir uns hier
trafen, davonliefst?

Sie nickte.

Hinauf zu wollen und hier unten bleiben zu mssen -- -- das ist der
Tanz! So sagte ich dir damals -- und versprach, dich durch die Kunst
damit zu vershnen! Ich wollte dir die Welt in ihrer ganzen Schnheit
zeigen und sie dir erringen helfen! Weit du noch?

Sie nickte wieder, ohne ihren Blick von ihm zu wenden.

Jetzt ist's Zeit fr mich, mein Versprechen zu halten! Jetzt ist
dein Wille _=hinauf=_ stark genug, um nicht im Rausch des Lebens
verlorenzugehen! -- Jetzt wirst du dich mit der Welt ausshnen, in der
du doch leben mut -- sie in Besitz nehmen und ber sie gebieten!

Ich versteh nicht!

Du bist eben noch blind! Ich will dich sehend machen! Was siehst du da
oben? -- Die Befreiung -- nicht wahr?

Ja.

Aber auch die Gefangenschaft ist da! Und die siehst du nicht.

Nein.

Sie ist aber da. Und du siehst sie nicht, weil du immer noch Psyche
bist, von deiner unbewuten Sehnsucht gehoben -- ebenso gefangen wie
sie, _=aber ohne es zu wissen=_. Werde wissend -- werde Maria! Tauche
unter ins Leid! Nimm das Mrtyrertum des Weibes auf dich! Steig hinab
in die Welt der Sinne, aber _=ohne dich selbst zu verlieren=_! Tauche
unter in Lust, aber ohne die Reinheit einzuben! Tte das Fleisch ab,
_=indem du es befriedigst=_! Blicke nur nach oben, aber _=lebe=_ hier
unten, solange du lebst! Sieh, da oben, wie hat er -- Meister Correggio
-- da das Fleisch in seiner ganzen gttlichen Majestt zu schildern
gewut, von Sehnsucht nach Liebe verklrt! -- Sieh all die schnen
Krper, wie sie sich umschlingen -- wie sie drngen -- wie sie sich
gegenseitig heben -- und hinabziehen im ewigen Kampf, im ewigen Spiel
der hchsten Lust! Es ist ein Ringen, ein Drngen, ein gemeinsames
Aufgehen der Krper in Wolken, ein Auflsen der Wolken in Licht! Der
Kampf mit der Erdenschwere wird da ausgefochten! Ohne den gibt's keine
Bewegung! Ohne Bewegung keine Freiheit, und deshalb zeigt jene Gestalt,
die in der Mitte als Wegweiser schwebt, wohl den Weg nach oben, drngt
aber nach unten! -- Denn nur der Geist kann hinauf! Der Leib darf nicht
mit! -- Er mu erst im Sturme der Leidenschaft vergehen -- im Tanze
der Lebenslust sich befreien -- im Fegefeuer der Passionen gelutert
werden -- --

Hr auf, rief sie und hielt sich die Ohren zu, flsche mir nicht
das Heiligste, was ich habe! -- La es mir so, wie ich's immer gesehen
habe! -- -- Ich will nicht -- will nicht mit deinen Augen sehen!

Mit _=deinen=_, aber nach _=meiner=_ Art, antwortete er. Denn die
ist die wahre, weil ich die Erfahrung habe und das Leben kenne -- das
Leben, das auch du zu leben hast!

Ich will nicht -- ich will nicht, schrie sie und wollte ihm wieder
entlaufen.

Er hatte es aber erwartet und hielt sie fest.

Jetzt lufst du mir nicht davon, lachte er, jetzt halte ich dich.
Komm, gehen wir an die Arbeit! Heute wirst du wieder die Psyche
studieren -- den zweiten Teil ihrer Sage wollen wir jetzt inszenieren
-- wo sie allmhlich sehend und wissend wird!

Und er zog sie mit aus der Kirche und fhrte sie am Arm nach dem
Theater hin.

Unterwegs erzhlte er ihr die Geschichte Psyches, wie er sie weiter
zu gestalten dachte -- wie sie, allmhlich durch Leiden zur Einkehr
gebracht, sich ihres eigenen Wesens bewut wird und so Tatkraft
gewinnt -- wie sie durch Beharrlichkeit und vertrauensvolle Demut das
Unmgliche mglich macht, jede, auch die schwerste Prfung besteht,
vergebens an das Mitleid der gttlichen Mchte sich wendet, sich selbst
berlassen, ihr Leid auf sich nimmt und mit ihrem Schicksal ringt,
wie sie endlich gelutert und verklrt in den Kreis der ewigen Gtter
aufgenommen wird und an deren heiterem Leben teilnehmen darf. Und
schlielich, wie sie selbst Gttin und Mutter wird, nachdem sie wrdig
befunden wurde, dem Gott der Liebe Gattin zu sein!

Die Sehnsucht -- der ewig unbefriedigte Trieb ber sich selbst hinaus
-- _=Psyche=_, die so die Liebe beseelt und belebt, gebiert dann --
die _=Wollust=_, die hchste Blume des Lebens! Denn Wollust nannten
die Gtter ihr Kind, das sie dem Amor gebar! Die Wollust ist nichts
Irdisches! -- Die Wollust ist etwas, was nur in der Phantasie lebt! --
Der hchste Rausch des Geistes, das letzte Mysterium der Berufenen!
Nur die Frau, die sich jenem holden Wahn ganz hinzugeben versteht und
in der Hingabe ganz aufgeht, nur _=die=_ ist wert, als segenspendende
Priesterin hier im Leben zu walten, ber dem Leben zu stehen und vor
allen anderen geehrt zu werden.

Blo geben, ohne an den Empfnger zu denken -- so gibst du allen,
weil du dich keinem weihst. Und entweihst die Gabe nicht durch
selbstschtigen Vorbehalt. Opfern in tiefster vollster Bedeutung der
Tat -- ganz und ohne Nebengedanken im Opfern aufgehen, das ist die
Gottheit Psyches!

So drang er Schritt fr Schritt in die Unberhrtheit ihrer Seele
ein und whlte sie auf. Fliegenden Atems hrte sie zu. Die Augen
halb geschlossen, ging sie an seiner Seite und sog Wort fr Wort
ein, ohne den Sinn noch ganz zu fassen, aber ihm mit ihrer Ahnung
entgegenschwellend, bis die Spannung ganz unleidlich wurde und alles in
ihr nach Erlsung drngte.

Da zur rechten Zeit hrte er auf und fing an, nachdem er die
Grundstimmung gegeben hatte, Szene fr Szene den Leidensweg der Psyche
zu schildern, und wie er ihn darstellen wollte -- wie sie zu Pan kommt
-- wie sie in den Tempel der Ceres, der Gttin der Fruchtbarkeit,
flchtet und, von dort vertrieben, in den Tempel Heras, der Gttin der
Ehe -- wie sie, von dort vertrieben, in die Hnde der rachschtigen
Gttin Venus fllt, von ihr und ihren Helfershelferinnen: Angst und
Verlassenheit durch den Schmutz geschleift, geschlagen und geschunden
wird, und wie sie doch ihre Liebe zu Amor rein im Herzen behlt und,
aller Erniedrigung zum Trotz, ihrem hehren Ideal treu bleibt und
endlich als Lohn ihrer Treue gegen sich selbst unter die ewigen Gtter
aufgenommen wird.

So wurde bei seiner Erzhlung das Wort zum greifbaren Bild -- die
Empfindung zum wirklichen Geschehnis -- immer nher brachte er sie
dem Kern der Sache, immer klarer begann sie zu sehen, und doch war da
ein Letztes, das ihr verschlossen blieb. Da konnte ihr nur noch _=ein
Erlebnis=_ helfen, da ntzte keine noch so geschickte Erklrung.

Und das Erlebnis kam.

Die letzte Szene wollen wir heute einstudieren, die Szene, wo Psyche,
in den Kreis der Gtter hineingefhrt, ihnen den Tanz der Schleier
tanzt, den letzten verhllenden Erdenrest abstreift, um im Glanz ihrer
Schnheit und Anmut zu siegen und sich die Gottheit zu erobern. Denn
darauf kommt es an. Kannst du das bewltigen, dann wirst du mir helfen,
die Sage der Psyche zu gestalten, und dann wird dein Triumph tausendmal
grer werden als beim ersten Teil.

Im Probesaal des Theaters angelangt, fing er gleich an mit ihr zu
arbeiten, und er brauchte sich nicht viel Mhe zu geben.

Wie sie da, tief in Schleier gehllt, die Arme ber der Brust
gekreuzt, den Kopf leicht geneigt und ehrerbietig grend, in den
Kreis hineinschreitet, stehenbleibt und, zaghaft beschmt, kaum ihr
liebliches Gesichtchen zu entschleiern wagt -- wie sie, erstarrt
ber den Glanz, stehenbleibt -- wie von der Musik gestreichelt die
Starrheit sich lst -- die Glieder sich recken, dem ganzen Leib so
allmhlich Bewegung einflend -- das zaghafte Schreiten -- das
scheue Zurckweichen, das allmhlich in rhythmisch bewegte Biegungen
und Drehungen bergeht -- und dann ein Vorwrtsstrmen, da der,
die ganze Gestalt bis jetzt verhllende, erste Schleier sich lst
-- davonflattert und liegenbleibt -- das Zusammenraffen des zweiten
Schleiers, das allmhlich einsetzende neckische Spiel damit, bis er
auch halb zufllig, halb absichtlich fllt und noch mehr enthllt -- --
die mit der allmhlichen Befreiung immer schneller werdenden Rhythmen,
das Umherwirbeln im aufjauchzenden Gefhl, das jhe Abwerfen des einen
Schleiers nach dem andern -- bis der letzte fiel -- das kam alles
heraus mit einer ungezwungenen Natrlichkeit, mit einer Naivitt, die
ihn entzckte -- bis eben der letzte Schleier fiel. Dann war's aus --
dann war sie wieder die kleine Baberina, die in ihrem kurzen Tanzrock
vor ihm stand und ihn fragend anblickte. Und er lie sie nicht auf
Antwort warten.

Was fhltest du, als der letzte Schleier fiel? rief er aufgeregt.

Ich wei nicht!

Fhltest du nicht, da du nackt warst?

Nein, sagte sie kopfschttelnd und blickte ihn fragend an. Wie kam er
nur darauf?

Das mut du aber -- darauf zielt der ganze Tanz -- -- das hast du auch
ausgezeichnet angedeutet und vorbereitet. Du mut dich nackt fhlen!

Aber ich bin's ja nicht!

Er lachte auf.

Das ist es eben. Du mut dann jenen Tanz -- _=nackt=_ vor mir tanzen!

Sie wich zurck und erhob die Hnde zur Abwehr.

Was strubst du dich? Was ist denn dabei? Brauchst du dich denn zu
schmen, dich so zu zeigen, wie die Natur dich geschaffen hat? Du am
allerwenigsten! Jetzt darfst du es -- jetzt _=mut=_ du es. Du bist
jetzt in deiner Kunst so weit, da du den letzten Schleier fallen
lassen kannst! -- Wenn du weiter willst, wenn du nicht stehenbleiben
willst, _=mut=_ du es! -- Tu's, Baberina, entschleiere dich mir --
_=mir allein=_ sollst du jenen Tanz so tanzen, wie er wirklich ist --
den anderen nicht -- auf der Bhne nicht! Willst du ihn aber auf der
Bhne richtig und mit voller Wirkung geben, dann mut du erst jenes
Gefhl: _=nackt=_ -- entblt -- dazustehen, wirklich erlebt haben!
_=Dann=_ erst hast du es erfat und kannst es geben, auch ohne die
letzte Hlle fallen zu lassen und dich vor den Augen der schaulustigen
Menge zur Schau zu stellen! Nur so will ich es -- nur das will ich von
dir!

Sie stand in hchster Aufregung da, die Hnde vor den Augen, und atmete
heftig.

Ich kann's nicht! Ich will nicht! Nie und nimmer!

Du mut!

Nein, nein!

Du hast es geschworen!

Das habe ich nicht!

Alles, was die heilige Kunst von dir verlangt, das zu tun, hast du
geschworen! -- Sie verlangt es jetzt von dir durch mich, durch deinen
Lehrer!

Sie starrte ihn entsetzt an.

Was starrst du mich so an? Bin ich dir so fremd? Sind wir nicht gute
Freunde geworden? Bin ich dir nicht schon mehr als ein Freund?

Mein Vater sind Sie, flsterte sie und wollte seine Hand kssen.

Nicht so, Baberina, nicht Vater bin ich dir, auch nicht mehr Lehrer
-- nicht so! Er verwehrte ihr den Handku und zog sie an seine Brust,
kte ihr die Stirn und die zitternden Lippen. Ich liebe dich -- ich
liebe dich mehr als mein Leben! -- Werde mein, und ich werde dich zu
der glcklichsten -- zu der grten Knstlerin machen, die je da war --
nur so kann ich es!

Er wollte sie glcklich machen! Warum bat er sie nicht, _=ihn=_ zu dem
Glcklichsten zu machen? Im hchsten Sturm der Erregung horchte sie
bei dem Gedanken auf, es berlief sie kalt, sie ri sich los und stand
auf einmal hochaufgerichtet vor ihm. Unheimlich leuchtete es aus ihren
Augen, als sie fanatisch rief:

Ich habe geschworen, ja, so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von
mir verlangt! Und ich halte meinen Eid, _=auch wenn du selbst mich in
Versuchung bringst=_! Wenn das die Kunst von mir verlangt, so bin ich
unwrdig, ihre Dienerin zu sein! Sie verlangt's aber nicht! Und du auch
nicht! _=Du willst mich nur prfen!=_

Da packte er sie wieder und bedeckte ihr Gesicht mit den
leidenschaftlichsten Kssen.

Zum Teufel mit der Kunst, rief er, was ist mir die Kunst?! Das Leben
will ich, _=dich=_ will ich, weiter nichts! Und du mut -- du willst es
ja -- du liebst mich! Tausendmal hab' ich's dir aus den Augen gelesen!
Komm, sei mein -- -- gib dich mir -- Baberina!

Da wute sie, da das keine Prfung war, ob sie ihrem Eid treu bleiben
wolle oder nicht! Sie fhlte, da er sie betrogen hatte -- da er sie
der Welt gegenber bewahrt hatte, blo um sich selbst ihres Besitzes
zu erfreuen! Mit verbundenen Augen hatte sie sich von ihm bis dicht an
den Rand eines Abgrundes fhren lassen, und jetzt war ihr auf einmal
die Binde von den Augen gerissen! Sie sah, wo sie war! Sie wute nicht
mehr, wohin -- wute nur, da sie schnell zurck mute, um ihr Leben
zu retten! Und mit Aufbietung ihrer letzten Kraft ri sie sich los,
stie ihn von sich und floh, so schnell, da er sie nicht mehr zu
hindern vermochte! Sie kam in hchster Aufregung nach Hause und teilte
ihrer Mutter mit, sie htte das Tanzen aufgegeben, sie htte es jetzt
satt und wollte nunmehr den Schleier nehmen und den Rest ihrer Tage im
Kloster verbringen!

Fossano stand allein und stampfte vor Wut. Er war rgerlich ber sich
selbst! -- Er war zu schnell vorgegangen! Trotz aller Behutsamkeit war
die Enthllung zu jh gekommen, und er hatte das Wild verscheucht!

Jetzt wrde das Einfangen doppelt schwer werden!

Er wrde aber nicht von ihr lassen! Was hie das auch, so vor ihm
davonzulaufen? War er nicht Fossano, dem alle Weiber nachstellen -- der
nur die Hand auszustrecken und zu winken brauchte, damit sie ihm an
den Hals flogen?! Und jetzt diese Sprdheit, dies dumme Getue, als wre
sie Gott wei was! Die blde Person! Er hatte die Gnade haben wollen,
sie zu sich emporzuheben -- und die Gnade sollte ihr zuteil werden, ob
sie wollte oder nicht! Er wrde ihr schon zeigen, wer er war!




5


Am folgenden Tage trat er bei der Domina Campanini ein, die ihn mit
bangen Fragen empfing und sich in lauten Klagen ber das vernderte
Wesen ihrer Tochter erging.

Was wohl geschehen wre? Sie htte nichts aus ihr herausbringen knnen!
-- Sie trge ein sonderbares Wesen zur Schau! -- Sie antworte auf keine
Fragen! -- Gestern htte sie in ein Kloster gehen wollen! -- Heute rede
sie berhaupt nichts. Was denn geschehen wre?!

Nichts, gar nichts! Sie soll ruhig den Schleier nehmen! -- Ich hab'
nichts dagegen! Sie taugt nichts -- sie wird es berhaupt in der Kunst
zu nichts bringen! -- Ich habe mich geirrt.

Aber mein Gott, was ist denn vorgefallen? Frher konntet Ihr nicht
genug zuraten, und jetzt auf einmal -- --

Ich habe mich eben geirrt -- ich sagte es Euch ja. Ich habe meine Zeit
an eine Unwrdige verschwendet!

Aber, Signore, das ist nicht mglich -- diese pltzliche Vernderung!
-- Wie soll ich das nur verstehen? Ach, ich Unglckliche, ach, ich
Arme! -- -- Ich werde noch vor Gram sterben mssen! Aber so sagt mir
doch: ist da keine Rckkehr mglich? -- -- Ist da gar keine Hoffnung?

Wenn Ihr glaubt, Domina, da ich gekommen bin, um meine Zeit mit dem
Anhren Eurer Lamentationen zu vergeuden, so irrt Ihr Euch! Meine Zeit
ist kostbar! Das scheint weder Ihr noch Eure Tochter zu begreifen!
Und das -- nur das mchte ich Euch zu Gemte fhren. Um Eure Tochter
kmmere ich mich nicht! -- Mit Euren Klagen knnt Ihr mich verschonen!
Aber meinen Zeitaufwand mit ihr mt Ihr mir bezahlen!

Alle Heiligen -- versteh ich Euch recht?

Ich hoffe, Ihr werdet so gescheit sein! Ihr mt also jetzt die Kosten
des Unterrichts aufbringen, den Eure Tochter bei mir gehabt hat!

Aber, Signore -- Ihr habt ihr doch versprochen --

Was habe ich ihr versprochen? Nichts habe ich ihr versprochen! Gar
nichts! Knnt Ihr ein Wort von mir anfhren, da ich auf ein Entgelt
fr meine Mhe verzichte?

Das nicht! Aber auch kein Wort von Zahlung!

Das ist selbstverstndlich! Als ehrbare Frau werdet Ihr doch keine
Geschenke annehmen?

Wir sind arm, wir haben nichts.

Woher denn der Stolz? Woher das hochfahrende Wesen, das sich Eure
Tochter mir gegenber herausgenommen hat?

Hat sie? Die Undankbare! Die Gottverlassene! Ich werde ihr schon --
wartet nur, ich werde ihr schon den Kopf zurechtsetzen! Babara -- komm
her -- -- so komm nur -- -- schnell -- auf der Stelle kommst du her und
kt dem gndigen Herrn die Hand und bittest um Entschuldigung! -- --
Auf den Knien sollst du ihn um Entschuldigung bitten, du launenhaftes
Geschpf, du dummes Ding! Nun, kommst du?! Warte nur, ich bringe dich
schon zur Vernunft!

Aufgeregt lief sie durchs ganze Haus, um Babara zu suchen, aber fand
sie nirgends und kehrte keuchend ins Wohnzimmer zurck, wo sich Fossano
inzwischen auf einen Stuhl niedergelassen hatte und gleichgltig seine
brillantengeschmckten Finger musterte.

Lat nur -- regt Euch nicht weiter auf -- ich mache mir nichts aus
ihr, und wenn sie mir tausendmal die Hnde kte! Sie taugt nichts! Sie
ist fr mich abgetan! Basta! Und da ich mich in ihr geirrt habe -- da
sie nicht die groe Knstlerin werden kann, wie ich hoffte, da ich also
nicht _=die=_ Befriedigung als Lohn fr meine Arbeit haben kann, so
mt Ihr mir eben meine Mhe mit Geld zahlen! Das seht Ihr doch ein?

Gewi sehe ich ein, da wir Euch zu groem Dank verpflichtet sind!
Aber woher das Geld nehmen, um Euch zu bezahlen? Ich bin arm -- ich
besitze nichts -- als dies elende Haus!

Da mt Ihr eben das Haus verkaufen.

Groer Gott -- -- dann mten wir alle auf der Strae betteln gehen!
-- -- Wo soll ich denn hin mit meinen Kindern?

Das wird Eure Sorge sein.

Ihr bleibt also dabei, so hart zu mir zu sein?

Dessen seid sicher!

Wo findet sich denn so schnell ein Kufer?

Wendet Euch an einen Makler, nicht an mich!

Fossano stand auf.

Ihr wit jetzt Bescheid, Signora! Ihr wit, woran Ihr mit mir seid! In
ein paar Tagen sind die Vorstellungen hier in Parma beendigt, und wir
ziehen nach Venedig, um da zu spielen!

Ohne Babara?

Wie oft soll ich Euch sagen, da ich von Eurer Tochter nichts wissen
will?

Soll sie denn in Venedig nicht Psyche spielen?

Nein!

Wer knnte es auer ihr? Keine, die so hbsch ist -- keine, die mit
solcher Poesie die Partie zu tanzen wte -- keine, die dem Publikum so
sehr gefallen wrde!

Ihr irrt Euch! Niemand ist unersetzlich! Es gibt Hunderte von
Tnzerinnen, die das ebensogut knnen wie sie! Tnzerinnen, die ihre
Kpfe nicht so hoch tragen -- die die Ehre zu schtzen wissen,
in einer Pantomime von Fossano tanzen zu drfen! Babara hat sich
verschlechtert -- sie tanzt nicht mehr so gut -- sie scheint keine
rechte Lust mehr zu haben -- sie ist auch zu entbehren!

Heilige Mutter Gottes -- was mu ich da alles hren! -- Bleibt doch,
Signore, geht doch nicht! -- Ich werde schon alles in Ordnung bringen
-- ich will sehen, was ihr fehlt -- ich will sie ausforschen -- -- will
schon aus ihr herausbringen, ob sie sich verliebt hat -- ob sie sich
nicht hat den Kopf verdrehen lassen -- -- verlat Euch darauf -- ich
bringe sie schon zur Vernunft -- -- ich bringe sie wieder zu Euch! --
-- Auf den Knien soll sie Euch um Entschuldigung bitten.

Das wird sie nicht -- ich kenne sie besser als Ihr! Und es wrde auch
zu nichts fhren! Addio, Signora -- Ihr wit jetzt Bescheid! In einer
Woche geht's nach Venedig, bis dahin mt Ihr zahlen, sonst werde ich
die Schuldhaft gegen Euch beantragen mssen.

Er war schon an der Tr. Die Alte lie ihn aber nicht gehen. Sie eilte
zu ihm, hielt ihn am Rock fest, warf sich vor ihm nieder, umschlang
seine Knie und schluchzte und flehte, rief alle Heiligen an, ihr zu
helfen, sein hartes Herz zu erweichen! Es half ihm nichts -- er konnte
nicht fort, er mute ihr Jammern ber sich ergehen lassen. Rasch
entschlossen beugte er sich zu ihr, half ihr aufstehen, brachte die
halb Ohnmchtige zum Kanapee und half ihr sich niederlegen.

Ich will Euch einen Vorschlag machen, sagte er dann nach kurzem
Besinnen. Vielleicht wird das Euch aus der Schwierigkeit helfen. Ich
will Euch das Haus abkaufen! Sagt mir den Preis -- ich zahle ihn.

Die alte Domina setzte sich auf.

Und wir, wo sollen wir hin?

Ihr sollt hier wohnen bleiben wie bisher.

O Gott -- das wollt Ihr fr uns tun? -- Der Himmel segne Euch! -- Ihr
habt mich nur erschrecken wollen -- ich wute es ja! -- Ich hab's ja
immer gesagt: der Signor Fossano ist gut -- er ist edel! -- Der Signor
Fossano hat ein Herz wie wenige -- -- ein Herz wie Gold -- --

Sie unterbrach sich und sah ihn auf einmal fragend an, wie er da
lchelnd stand und ihre Gefhlsausbrche ber sich ergehen lie.

Warum tut Ihr das? -- Ihr mt doch einen Grund haben? Ich verstehe
das alles nicht -- es wird mir ganz wirr im Kopfe!

Der Grund ist der -- _=ich will zu Euch ziehen=_ und hier bei Euch
wohnen!

Ihr wollt -- --

Ich will mit _=Babara zusammenziehen=_! Sie mu meine Geliebte werden
-- und Ihr mt Euren Segen dazu geben!

Die Signora fiel auf ihr Kanapee zurck.

Das war's also, flsterte sie -- das war's! Ihr habt sie -- --

Ich habe sie haben wollen, und sie ist mir davongelaufen! _=Mir=_,
sagte er verchtlich lchelnd, als wre ich Gott wei was fr ein
Bettler von der Strae -- als wre ich nicht, der ich bin! Tausende
wrden sie beneiden --

Ich glaub's schon -- -- ich glaub's schon! Aber Babara ist nicht wie
die andern! -- Sie ist ganz eigen -- -- hat immer ihren Kopf fr sich!
-- -- Sie hat Euch aber dadurch nicht beleidigen wollen -- ich schwre
es! -- -- Sie hat immer mit der grten Achtung und Liebe von Euch
gesprochen! Kmmert Euch nicht um sie -- -- lat sie, wie sie ist -- --
aber verlat sie deswegen nicht -- -- nehmt nicht Eure Hand von ihr --

Sie gefllt mir -- -- ich mag sie gern -- -- offen gestanden, ich bin
ganz vernarrt in sie! Sie mu die Meine werden!

Aber so heiratet sie doch!

Er lachte laut auf.

Ich -- und heiraten! -- -- Ein Knstler wie ich -- und heiraten! Wo
wrde das hinfhren? Ein Knstler mu frei sein -- eine Knstlerin erst
recht! -- Kein Band, keine Fessel darf sie da hindern! Wenn ich Babara
zu meiner Geliebten mache, so denke ich gar nicht daran, ihr Fesseln
aufzuerlegen oder sie auf die Dauer zu binden. Frei will ich sie haben
-- ich will ihr jetzt die Augen ffnen -- ich will sie nicht mir geben,
_=sondern ich gebe sie sich selbst=_, damit sie sieht, was sie ist, und
was sie soll, und wie sie es anzufangen hat, um durchs Leben zu kommen.

Die Tugend, Signora, ist gut, aber nur fr einige Zeit! -- Die
Keuschheit auch, solange die Seele noch knospt. Wenn sie zur Entfaltung
drngt, dann mu ihr Gef, der Krper, mit, sonst erstickt sie und
verwelkt -- oder die Natur nimmt sich ihr Recht, bricht pltzlich durch
und vernichtet in einem jhen Aufbrausen der Leidenschaft Krper und
Seele!

So weit ist Eure Tochter jetzt -- jetzt steht sie am Wendepunkt,
wo's heit vorwrtskommen oder zurckbleiben. Wenn sie sich da der
behutsamen Leitung eines erfahrenen Lebensknstlers wie mir vertraut,
dann ist sie geborgen, dann liegt ihr die Welt offen -- dann braucht
sie nur die Hand auszustrecken, um ber Pracht und Glanz und alle
Reichtmer der Welt zu gebieten! Das will ich ihr geben -- dazu will
ich sie fhren, nie und nimmer aber sie gefangensetzen und als mein
Eigentum begraben! -- -- Aber -- sie will anscheinend nicht -- sie
hat Angst, sie vertraut mir nicht genug. Und ich mu ihr uerstes
Vertrauen haben -- dann erst kann ich aus ihr die groe Knstlerin
machen, die zu werden ihre groen Gaben sie berechtigen, wenn sie mir
folgt.

Sie soll, sagte die Domina, die allmhlich ihre Fassung
wiedergefunden hatte, sie soll nicht ihr Glck zurckweisen drfen.
Ich werde noch heute mit ihr reden, und dann werdet Ihr selbst mit ihr
sprechen -- -- und morgen zieht Ihr zu uns!

So ist's recht, sagte Fossano, es freut mich, da Ihr vernnftig
seid! Als meine Geliebte wird sie mit nach Venedig gehen, sie wird
da Triumphe feiern. Dann bringe ich sie nach Paris -- im nchsten
Winter trete ich da auf! -- Sie wird bei Hofe tanzen! -- Und Ihr geht
mit, Signora -- Ihr helft mir ber sie wachen -- Ihr werdet auch
Eure Freude daran haben -- Ihr werdet Euren Lebensabend ohne Sorgen
verbringen! -- Erst mu sie aber voll und ganz Mensch werden! -- So,
wie sie jetzt ist, kann sie nirgends Erfolg haben -- Ihr fehlt noch
das bewut Sinnliche, das allein in der Kunst mitzureien vermag! In
ihrer Erziehung fehlt noch die Entschleierung des Fleisches -- die
Entfesselung der Leidenschaft, aber so, da man sie bndigt, eindmmt,
der Vernunft botmig macht! -- -- Sie soll ihr Leben genieen, aus
dem vollen schpfen, aber nie den Kopf verlieren! -- Ehrgeizig mu sie
werden, nach Macht mu es sie gelsten, aber nie und nimmer darf sie in
ser Schwrmerei schwelgen oder im ruhigen Wohlleben hinduseln, denn
dann ist sie verloren. Sie so weit zu bringen, soll der Lohn meiner
Mhe sein -- dafr scheue ich kein Opfer an Zeit und Geld. So will ich
sie erziehen, aber so kann ich nur meine Geliebte erziehen!

Geht, Signore -- tut's -- macht mein Kind glcklich! Meinen Segen habt
Ihr! Noch heute rede ich mit ihr! Noch heute mache ich Eure Wohnung
bereit. Und morgen zieht Ihr hierher!

Fossano ging. Vergngt trllernd schlenderte er die Strae entlang nach
seiner Wohnung.

Diese blden Mdchen, sprach er leise im Gehen, sie sind sich alle
gleich! Schwierigkeiten ohne Ende! Erst um sie zu kriegen und dann um
sie loszuwerden! Bei ihr soll es aber bei der ersten Schwierigkeit sein
Bewenden haben! So sprd sie sich jetzt gibt -- nachher wird sie nicht
mehr zu halten sein, wenn ich sie recht kenne! Das fehlte auch noch! --
Angenommen, ich nhme sie mit nach Paris, und sie gefiele am Hofe --
angenommen weiter, der Knig selbst wollte ihr eine Gnade erweisen --
und sie wrde nein sagen -- -- ich mte mich ja rein schmen! -- --
Ich werde sie schon abzurichten wissen!

Immer noch trllernd, betrat er seine Wohnung. Und da erwartete ihn
eine berraschung.

       *       *       *       *       *

Er warf Hut und Mantel von sich und ging auf das Nebenzimmer zu, um die
Kleidung zu wechseln. Als er aber an die Tr kam, flog der Vorhang zur
Seite, und eine dichtverschleierte Gestalt trat auf ihn zu, den Kopf
geneigt, die Arme, welche die Schleier zusammenhielten, ber die Brust
gekreuzt -- --

Er wich zurck, sie mit weit offenen Augen anstaunend. Endlich begriff
er.

Babara, rief er, Baberina! Er strzte auf sie zu und wollte sie in
die Arme schlieen.

Sie wich ihm aus.

Komm mir jetzt nicht zu nahe! flsterte sie, nimm die Gitarre,
spiel! Ich will jetzt vor dir tanzen!

Eine Blutwelle scho ihm in den Kopf. Er griff sich an die Stirn
-- er konnte es nicht fassen! Sie kam, _=ganz von selbst=_, ohne
Zwang, ohne Zureden, um ihm zu Willen zu sein! Whrend er mit ihrer
Mutter unterhandelte und feilschte, war sie, ohne Bedingungen zu
stellen, gekommen, hatte auf ihn gewartet, ohne zu ahnen, was er
bereits unternommen hatte, um sie zu gewinnen, stand bereit, ihm _=zu
schenken=_, was er glaubte, kaufen zu mssen!

Er warf sich ihr zu Fen.

Baberina, verzeih mir, verzeih mir! schluchzte er.

Ich habe dir nichts zu verzeihen! Du aber mir! Du bist mein Herr
und Gebieter -- mit meinem Eide habe ich mich dir verpflichtet! --
Ich hatte dir geschworen, alles zu tun, was die heilige Kunst von
mir verlangt -- ich wollte meinen Eid nicht halten, als du im Namen
der Kunst auch das Letzte verlangtest! Mir schwindelte der Kopf, ich
wute nicht Bescheid mit mir, ich schlich mich heute zur Madonna im
Dom, um, wie immer, dort die Ruhe zu finden, und ich fand sie nicht.
Ihre Himmelfahrt war mir keine Himmelfahrt mehr! Ich sah alles nur
mit deinen Augen -- sah nur, was du mir erzhlt hattest! Eine Orgie,
einen Kampf, ein Drngen, ein Emporwollen und ein Niederziehen; meine
Gedanken wurden in den Trubel mit hineingezogen, ich wirbelte mit in
dem tollen Sturm der Entzckung! -- -- So sah ich es -- -- ich konnte
nicht anders! -- -- Da ging's mir auf, da ich zu dir mute, um dies
wieder loszuwerden und das heilige Bild wieder sehen zu knnen, wie
ich's seit der Kindheit gewohnt bin! Gib's mir wieder, befreie mich,
nimm den Wahnsinn von meinen Augen! Mach mich wieder sehend -- tu's --
-- schnell -- -- la mich jetzt tanzen!

Von heiligen Schauern ergriffen, nahm er die Gitarre und lie sie
klingen. In langen, wallenden Harmonien lie er die Tne ber sie los,
und sie gehorchte, sie folgte dem Strom seines Blutes, der in der Musik
zu ihr hinberflutete und ihr eigenes Blut zum Sieden brachte. Immer
schneller wurden die Rhythmen, immer toller ihre Bewegungen, wie ein
Schmetterling flog sie in wirbelnden Kreisen im Zimmer hin und her!
Jetzt fiel der erste Schleier -- jetzt der zweite -- immer mehr seinen
entzckten Augen entblend -- --

Vorwrts -- vorwrts! schrie er und schlug die Saiten zum Platzen
wild und trieb sie immer schneller und schneller -- Schleier nach
Schleier fiel -- bis auf den letzten, den sie noch mit beiden Hnden
erhaschte und so vor den Knien hielt, da er in sanften Bogenlinien die
Bewegung des Krpers brach und dessen ppige Formen umschwebte! Dann
lie sie auch den fallen und stand vor ihm in der sieghaften Majestt
ihrer nackten Schnheit, Feuer und lodernde Leidenschaft in den Augen,
und blickte lchelnd auf ihn herab. Er warf die Gitarre fort und sank
in die Knie.

Eine solche Hoheit, eine solche Majestt der Keuschheit und Reinheit
war ber ihr, da er, von tiefster Andacht bewegt, zu Boden fiel und
die Erde zu ihren Fen kte.

Sie sah es. Ein Ausdruck von Hohn, von grausamer Siegesfreude glitt
ber ihr Gesicht -- es leuchtete unheimlich auf in den schwarzen Augen,
sie hob den kleinen, nackten Fu, setzte ihn ihrem Peiniger auf den
Nacken und drckte seinen Kopf leicht zu Boden -- --

Dann war's um sie geschehen!

Wie ein Blitz war es ber ihr, das lange Vorbereitete, lange
Befrchtete. Und im nchsten Augenblick lag sie im Staube, gefangen,
geknechtet, flgellahm.

Die Himmelfahrt der Psyche war jh unterbrochen. Der Leidensweg einer
Frau durch die Hllen des Lebens, durch die Freuden der Welt begann.




6


Am folgenden Tage zog er mit ihr zusammen in die Wohnung, die die
Signora fr ihn bereit gemacht hatte.

Beim Betreten des Hauses kam ihm Babara mit freudestrahlenden Augen
entgegen, flog ihm um den Hals, kte ihn und tanzte wie wild mit ihm
herum.

Du hast recht gehabt! rief sie. Es ist alles so, wie du's erzhlt
hast! So wie du's siehst, so hat er's gemeint!

Wer?

Der groe Meister Allegri!

Ach so!

Ich war heute da -- ich komme eben von dort! Und so tief, so herrlich
hab' ich's noch nie gesehen! Es war ein Glanz, eine sonnige Glut ber
dem Bild, ein Leuchten der Farben! Meine Seele hat sich endlich satt
trinken knnen -- ich bin noch ganz berauscht! Und nun geh ich nicht
wieder hin! So will ich es im Gedchtnis behalten!

So ist's recht!

Die ganze Himmelfahrt war lebendig geworden. Es tanzte, drehte sich
und wirbelte wie toll, da mir ganz wirr im Kopfe wurde! >Tanze mit<,
rief es mir zu, >tanze, freue dich, lache, genie die Lust, zu leben,
ohne Angst, ohne Zaghaftigkeit!< So schrie es mir zu. Und ich wurde so
vom Glck erfllt, da ich htte fliegen knnen -- ich habe getanzt
-- vor Freude getanzt, mitten in der Kirche, weil ich gestern zu dir
gegangen war, um fr dich zu tanzen, und weil ich jetzt wute, da ich
ein Recht hatte, es zu tun -- und auch die Pflicht!

So ist es auch. Aber _=nur mir=_ darfst du jenen Tanz tanzen!

Warum nicht aller Welt? Bin ich nicht hbsch genug?

Viel zu hbsch! Sie werden alle von dir bezaubert sein!

Das ist ja gut!

Sie werden dich alle haben wollen, und das drfen sie nicht!

Ich werde mich selbst haben, und auer mir keiner!

Ich auch nicht?

Sie lachte.

Du am allerwenigsten! Du willst es ja auch nicht! Du willst mich ja
frei haben -- du willst selbst frei sein!

Und wenn ich's nun nicht mehr will?

Sie sah ihn lauernd an und lachte dann laut auf.

Du willst mich nur versuchen, ob ich meinen Eid halte, der Kunst treu
zu bleiben! Ich lasse mich aber von dir nicht nasfhren, ich wei jetzt
Bescheid -- ob du den Eid so oder so auslegst, soll mir gleich sein.
Ich tue doch, was ich will. Und jetzt will ich -- _=mit dir=_ tanzen!
Komm!

Sie flog ihm um den Hals, schlo seine Lippen mit einem Ku und tanzte
mit ihm herum, da ihm der Atem verging.

Wird das ein Tanz werden, jauchzte sie, ber alle Kpfe hinweg, die
hchsten wie die niedrigsten! Auf sie alle setz ich den Fu -- wie
gestern auf deinen! Da gibt's keine Gnade -- in den Staub mssen sie
alle, alle werden sie getreten, und sie sollen noch meine Hand kssen
und mir fr die Qual danken!

Mit einem Sprung stand sie in der entlegensten Ecke des Zimmers und
lachte, da die weien Perlenreihen ihres Gebisses raubtierhaft
glnzten.

Er erschrak. Der Engel wandelte sich schon in einen Dmon. Er fing an
zu begreifen, welches Unheil er da entfesselt hatte!

Wie, wenn's schon zu spt wre?! Wenn's ihm nicht mehr gelnge, den
Strom der Leidenschaft einzudmmen und in ruhige Bahnen zu leiten! Wenn
das losgelassene Element, alles niederreiend, alles vernichtend, ins
Leben hinausbrausen und ihn selbst und seine Kunst mit fortreien und
vernichten wrde?!

Das durfte nicht sein! Da mute sofort mit aller Energie eingegriffen
werden!

Er lie sie nie wieder den Schleiertanz tanzen, so sehr sie es sich
auch wnschte. Die Fortsetzung von Psyche wurde auch nicht einstudiert.
Fossano dichtete keine Pantomimen mehr. Sein ganzes Dichten, sein
ganzes Trachten hie fortan Baberina.

Sie wurde die groe Passion seines Lebens, der Feuerbrand, in dem
er als Mensch und Knstler rettungslos vergehen sollte -- mit der
Windeseile einer Katastrophe.

Bis jetzt war er von Blume zu Blume geflattert, feil fr jede Gunst
des Augenblicks -- Knstler bis zu dem Fanatismus, der berzeugt alles
opfert, auch das Hchste, der das Liebesleben der Kunst unterordnet und
als Mittel zum _=Herrschen und Glnzen=_ benutzt.

Daran hatte er geglaubt und danach gehandelt, auch als er ihre
Erziehung in diese Richtung leitete.

Dann kam die Wandlung, so jh, da er sie erst gewahr wurde, als es zu
spt war.

Das herrliche Weib, das sich ihm in einem Augenblicke heroischen
Opfermuts entschleiert hatte, liebte er jetzt mit einer tiefen, wahren
Leidenschaft, die ihn ganz erfllte und die ihm das hchste Glck
htte bringen knnen, wenn er es nicht vorher selber mit leichter Hand
zerbrochen htte.

Er fluchte seiner Dummheit, er war auer sich ob seiner
Kurzsichtigkeit, aber -- es war zu spt!

Psyche war ihm fr immer entflattert, ihm blieb die allzu gelehrige
Schlerin, und auch sie entglitt nur zu bald der Fhrung eines
Meisters, der sich eiferschtig gebrdete, obwohl er ihr unbedingte
Freiheit zur Pflicht gemacht hatte.

Schon in den ersten acht Tagen betrog sie ihn mit einer
Selbstverstndlichkeit, als wre das ganz in der Ordnung. Er erwischte
sie in flagranti mit einem jungen Choristen, der ein pflaumenweiches
Gesicht und leidliche Beine hatte. Diesen Adonis schlug er grn und
blau und kurierte ihn so grndlich von seiner Liebeskrankheit, da er
in den nchsten vierzehn Tagen weder zum Tanzen noch zum Stelldichein
kommen konnte. Und Baberina berhufte er mit Vorwrfen.

Sie war hchst erstaunt, da er sich ber die Kleinigkeit berhaupt
aufregte, sah ihn mit weit offenen Augen an und sagte mit der grten
Naivitt von der Welt:

Warum htte ich es nicht tun sollen?! Ich hatte dich ja so ber alles
gern! Und davon hast du mich selber kuriert. Das darf doch nicht
berhandnehmen! Wie knnte ich sonst eine Knstlerin werden? Ich
_=soll=_ doch frei sein, insbesondere in der Liebe! Das hast du doch
selber gesagt!?

Sie schlug ihn mit seinen eigenen Worten. Und er konnte nichts dagegen
sagen.

Er verbi seinen Ingrimm und suchte Mama Campanini auf, um ihr
klarzumachen, da sie auf ihre Tochter besser aufpassen msse. Da
erlebte er die grte berraschung.

Passe ich vielleicht nicht auf?! Ich tue ja nichts anderes! Ich denke
ja nur an sie! Tag und Nacht bin ich um ihr Glck bemht! Ich ermahne
sie stndlich, auf ihren Vorteil bedacht zu sein und sich ja nicht an
einen Unwrdigen fortzuwerfen!

Das tut sie aber!

Unsinn! Das hat _=sie=_ gewi nicht ntig! -- Sie braucht nur die Hand
auszustrecken, dann hat sie alles, was sie will. Die reichsten Leute
buhlen um ihre Gunst! Der ganze Adel von Parma macht mir ihretwegen den
Hof! Ja -- wir sind auf einmal begehrt! Sogar der Bischof selbst hat --
--

Was hat er? -- Hat er gewagt? rief Fossano heftig.

Nur ruhig, Signore! Wenn Seine Ehrwrden etwas gewagt hat -- _=Ihr=_
habt den Vorteil davon!

Der Teufel auch!

Denkt Ihr, das bedeutet nichts, da er die Vorstellungen von Psyche
besucht hat?! Fast jeden Abend, als Babara tanzte, war er da! -- Das
hat Euch wenigstens zehn volle Huser eingebracht! Da erst strmte
auch der hohe Adel Abend fr Abend ins Theater! Nun ja! Die Leute
sind fromm! Und wo Seine Ehrwrden selbst hingingen, obwohl sie das
Manifest der hohen Geistlichkeit mit unterschrieben hatten, in dem die
Tnzerinnen und Sngerinnen fr die grte Gefahr erklrt wurden, und
worin empfohlen wurde, nur Jnglinge tanzen zu lassen, damit man weder
das Ballett entbehre noch Schaden an der Seele nhme! Und nun geht
er doch hin und sieht sich die Baberina an! Abend fr Abend! Und mit
ihm ganz Parma! Ihr mtet ein Einsehen haben und ihr ein anstndiges
Honorar aussetzen!

Fossano machte eine unwillige Bewegung.

Nun, rief sie dann schnell, wenn Ihr's nicht wollt -- ich rede Euch
nicht drein! Was abgemacht ist, ist abgemacht! Babara macht auch so ihr
Geschft!

Er horchte auf.

Was meint Ihr damit?

Was soll ich meinen? Sie wird ja mit Geschenken berhuft! Sie kann
sich kaum noch wehren! Tglich kommen welche! Oh -- es sind auch groe
Kostbarkeiten darunter! Seht hier diesen Solitr!

Von wem hat sie den?

Den hat ihr Ehrwrden geschenkt!

Du lgst!

Lies selbst! Der Brief war dabei!

Sie reichte ihm ein rosafarbenes Billett, das er schnell las und
fortwarf.

Er will sie sehen?!

Ja -- sobald er von Mailand zurck ist, wohin er auf einige Tage
gereist ist, will er sie sprechen!

Das geschieht nicht. Sie darf nicht hingehen!

Warum soll sie nicht hingehen? Was ist denn dabei? Sie ist ein frommes
Kind -- sie wird hingehen -- sie wird ihn sprechen -- sie wird ihm
beichten -- er wird sie segnen -- er selbst!

Wie der Segen beschaffen sein wird, lt sich denken!

Die Signora nahm den Brief auf und reichte ihn ihm noch einmal.

Ihr habt ihn gelesen, lest ihn nochmals. Steht da ein Wort von Liebe
drin? Nein!

Und das Parfm? rief Fossano und hielt ihr den Brief unter die Nase.
Ist das der Geruch der Heiligkeit, wie?! Das duftet auf zehn Schritte
nach Billetdoux, was auch drin geschrieben steht! Und der Ring spricht
auch deutlich genug. Sie wird nicht hingehen!

Warum sollte sie nicht? Ihr knnt ihr doch nicht verwehren, um ihr
Seelenheil besorgt zu sein!

Ihr Seelenheil soll fortan _=meine=_ Sorge sein! Da hat kein Bischof
dreinzureden!

Aber -- --

Kein Aber! Entweder es bleibt dabei -- oder ich gehe ohne sie nach
Paris und nehme eine andere mit!

Eine andere wollt Ihr mitnehmen!? Ihr habt aber versprochen --

Wenn sie aber nicht _=will=_ -- wenn sie lieber zum Bischof geht, um
nachher als seine Konkubine hierzubleiben!? Da kann sie doch nicht
nach Paris mitgehen! Da mu ich ja eine andere mitnehmen. Seht hier --
hier habe ich den Vertrag mit der Kniglichen Akademie der Musik ber
mein Gastspiel dort. Seht nur -- bereits unterschrieben -- vom Prinzen
Carignan, dem Generalinspekteur, selbst! Fr mich und eine Partnerin,
die ich mir nach Belieben aussuchen kann. Ich brauche nur den Namen
auszufllen. Nun, ich werde mir eben eine aussuchen -- eine, auf die
ich mich verlassen kann! Es gibt so viel Tnzerinnen -- alle schn,
alle talentvoll -- ich werde nicht lange zu suchen brauchen!

Und Baberina?

Warum sollte ich ihrem Glck im Wege sein? Wenn sie den Bischof von
Parma dem Knig von Frankreich vorzieht, dann mag sie eben ihren Willen
haben!

Ihr habt _=mir=_ aber versprochen -- Signore!

Du hast mir versprochen, da sie meine Geliebte sein sollte!

Das ist sie doch!

Eine Dirne ist sie, die mit aller Welt buhlt! Soeben habe ich sie mit
einem anderen berrascht -- einem dummen Jungen, der nichts ist -- der
nichts hat als ein fades Gesicht und ein paar hbsche Beine -- einem
ganz gewhnlichen Tnzer! Ich habe ihn aber krumm und lahm geschlagen!

Daran habt Ihr recht getan, Signore! Httet Ihr ihr nur auch ihren
Teil gegeben! Aber dem entgeht sie nicht, die Nichtswrdige! Ich werde
ihr schon den Text lesen!

Ich kann mir das denken! Alte Kupplerin!

Das sagt Ihr mir? Das mu ich mir von Euch bieten lassen! Das ist
zuviel! _=Ich=_ -- eine Kupplerin! Und mein Kind -- mein eigenes Kind
werde ich wohl verkuppeln? Habe ich das ntig?

Nein. Dafr scheint sie schon selbst sorgen zu knnen! Du hast aber
ntig, auf sie aufzupassen! Und das mut du mir bei allen Heiligen
schwren! Sonst gehe ich geradeswegs von hier zu der Bandolini und
schreibe ihren Namen in den Vertrag, und Babara geht nicht mit nach
Paris. Sie mag dann selbst sehen, wie sie vorwrts kommt! Wenn sie
glaubt, auf den Schutz Fossanos verzichten zu knnen -- mir ist's
recht! -- -- Will sie aber mit, so mut du schwren! --

Ich schwre ja -- ich schwre ja! -- Habe ich mich denn geweigert? Ich
werde schon auf sie aufpassen! Wie ein Drache werde ich sie bewachen!
Alles tue ich, was Ihr nur wollt!

Nun, dann werde ich Gnade fr Recht ergehen lassen!

Fossano setzte sich an den Tisch, nahm einen Federkiel und kratzte ein
paar Worte in das Papier hinein.

Demoiselle Barberini, sagte er -- so wird sie knftig heien! -- Das
>r< fgen wir hinzu! -- Das macht sich besser als Knstlername! Sie
wird Furore machen, Demoiselle Barberini. -- Sie wird es unter meiner
Fhrung! Leicht wird's nicht werden. Die ersten Tnzerinnen der Welt
sind da, an der Pariser Oper, die Camargo -- die Sall -- die Mariette
-- da wird sie einen schweren Stand haben! Wenn ich aber will, fallen
alle Hindernisse! Und ich will! Aber Ihr kennt die Bedingung!

Verlat Euch nur auf mich -- -- das knnt Ihr -- -- wirklich, das
knnt Ihr! sagte die alte Domina und geleitete ihn unter tausend
Komplimenten zur Tr! Das knnte er auch.

-- Wenn sie auch entschlossen gewesen wre, ihrer Tochter bei einem
Vergngen, das _=keins=_ wre -- einem Vergngen aus Gewinnsucht --,
durch die Finger zu sehen -- denn man mute ja auf seinen Vorteil
bedacht sein --, so wrde sie ihr doch nie und nimmer ein Vergngen aus
bloer Liebe gestatten, und gar zugunsten eines Unwrdigen, der nichts
hatte als sein liebendes Herz und ein Paar hbsche Beine!

-- Da wrde sie schon aufpassen -- dazu gbe sie nie und nimmer ihren
Segen!

Das brachte Mama Campanini ihrer hoffnungsvollen Tochter denn auch
handgreiflich bei.

Aber -- den Ring des Bischofs machte sie schleunigst zu Geld und
stattete mit dem Erls Babara prchtig fr Paris aus.




                            Zweites Buch

                                Hebe




7


Der Prinz Carignan, Knigliche Hoheit, ltester Prinz aus dem Hause
Savoyen, Generalleutnant, Generalinspekteur der Kniglichen Akademie
der Musik, hatte sein Lever beendet und war bei der Morgentoilette.

In einen wattierten Schlafrock von chinesischer Seide gehllt, sa er
in einem bequemen Sessel, lie sich die Haare kruseln und wickeln und
sie hinten zu einem koketten Beutel zusammennehmen, lauschte zerstreut
auf die Erzhlungen seines Friseurs und nippte dann und wann an einer
Tasse Schokolade, die ihm der Kammermohr auf einem silbernen Tablett
darbot. Der Kammerdiener schnallte ihm dabei die Schuhe.

Durch die offenen Balkontren flutete der Sonnenschein; die hohen
Baumwipfel drauen bewegten sich leise, ein lauer Wind trug die Dfte
des Rosenparterres herein -- es war ein herrlicher, stiller Sommertag.

Im durchlauchtigsten Schdel brummte und summte es wie ein ganzer
Bienenschwarm. Das gestrige Souper hatte lange gedauert. Man hatte
deshalb den ganzen Morgen sorgfltig vermieden, Seiner Hoheit Anla zum
Zorn zu geben, und jede uerung, die als Widerspruch htte ausgelegt
werden knnen, ngstlich unterlassen.

Niemand, der ein Anliegen vorzubringen hatte, war gemeldet worden,
ehe der Retter in der Not, der Friseur, mit den Neuigkeiten des Tages
erschienen war. Zum Glck hatte der Haarknstler heute eine besonders
leichte Hand gehabt. Er war auch von den interessantesten Anekdoten
geschwollen. Die Stirn Seiner Hoheit erhellte sich sichtbar. Er hatte
sogar geruht, wiederholt und huldvollst zu lcheln! Das fluchwrdige
Verbrechen des Garderobiers, eine Rosette des linken Hosenbeins
abzureien, wurde gndigst bersehen und das Annhen des illustren
Gegenstandes in Geduld ertragen. Der Augenblick war gnstig. Auf einen
Wink des Kammerdieners wagte sich der Trsteher herein und meldete, da
unter den vielen Supplikanten drauen im Vorzimmer auch der berhmte
Tnzer Signore Fossano warte, um die neue italienische Tnzerin
Demoiselle Barberini vorzustellen.

Sollen morgen wiederkommen! antwortete der Prinz und wandte sich zum
Friseur. Weiter! Das interessiert mich sehr! Seine Majestt war also
gestern wieder in La Muette?

Ja -- zum zweitenmal in einer Woche!

Was?! rief der Prinz. Zweimal in einer Woche? Das ist gegen
alle Gewohnheit! Das ist noch nicht dagewesen! Da ist sicher etwas
Besonderes passiert! Hast du etwas erfahren?

Ja!

Schnell! Ich brenne vor Neugierde!

Beim ersten Besuch Seiner Majestt unseres allergndigsten Knigs in
dieser Woche in La Muette -- begann der Friseur wieder und setzte mit
Grazie seine Zange an, so da ein leichtes Wlkchen verbrannter Pomade
duftend emporwirbelte, wie um die Erzhlung mit Weihrauch zu versen.

Hoheit wollen gndigst entschuldigen, wagte der Trsteher mit wahrer
Todesverachtung zum zweiten Male einzuwerfen, aber der italienische
Tnzer --

Er soll sich zum Teufel scheren!

Hoheit wollen gndigst verzeihen -- aber -- damit droht er eben --

Das auch noch! Der Kerl droht? Man werfe ihn hinaus!

Zu Befehl!

Warten! Wie sagtest du? Womit drohte er?

Eben damit, sich hinauswerfen zu lassen!

Nicht schlecht! lachte Se. Hoheit, gar nicht bel! Da, nimm, du
Spavogel! -- Er warf dem Trsteher ein Geldstck zu. Was soll das
aber heien? Was meint er damit?

Er meint, da er heute abreisen will, wenn er nicht empfangen wird!

Ich empfange, wann ich will und wen ich will!

Das habe ich ihm auch deutlich zu verstehen gegeben! Ich habe ihm
gesagt, da Hoheit mit Geschften berladen sind -- ich habe ihn
gebeten, morgen wiederzukommen. Acht Tage hintereinander ist er auch
wiedergekommen. Nun will er aber nicht mehr. Noch heute reist er nach
London, sagte er. Und das glaubte ich Hoheit nicht vorenthalten zu
drfen -- --

Hierbleiben soll er! Ich werde ihn arretieren lassen, sag ihm das von
mir! Wenn er nur den Versuch macht, sich ohne Urlaub zu entfernen -- --
acht Tage -- -- acht Tage antichambriert er nur? Das gengt noch lange
nicht! Und du hast ihn nicht gemeldet? Du hast ihn ruhig gehen lassen?
Das ist sehr gut -- sehr brav von dir! Diese Knstler mssen kurz
gehalten werden! Verwhntes Volk! Mu sich ducken lernen! Geh jetzt,
la ihn noch warten -- vielleicht empfange ich ihn spter!

Der Kammerdiener ging.

Wo waren wir denn mit dem Knig stehengeblieben?

Ich wollte eben vom ersten Besuch Seiner Majestt in dieser Woche in
La Muette erzhlen -- --

Ganz richtig! Was ist denn dabei geschehen?

Seine Majestt ritten, wie immer, durch das Bois nach Madrid zum
gewohnten Besuch bei Mademoiselle, der Marquise du Charolais -- --

Allwo er sehnschtigst von Madame du Mailly erwartet wurde -- --

Zu Befehl! Und auch von ihrer Schwester, Madame de Vintimille -- --
und von der Grfin von Toulouse -- --

Wissen schon! -- -- berspringen! -- Der ganze >kleine Rat< Seiner
Majestt war, wie immer, versammelt! Das war aber sicher kein Grund
fr den Knig, sich, gegen alle Gewohnheit, zweimal in einer Woche
hinzubemhen!

Sicher nicht! Aber unterwegs -- im Bois -- hatten Seine Majestt eine
Begegnung --

Was du sagst!

Mitten im Walde, bei einer Kreuzung des Weges, sauste ein Phaton
dicht an das knigliche Pferd heran! Majestt muten anhalten -- -- und
als das Gefhrt vorbeiflog, haben Majestt geruht, noch allergndigst
zu gren --

-=Sacr nom de Dieu!=- Wer sa denn drin, in jenem Phaton?

Eine Dame --

Eine --?

Eine _=sehr schne=_ Dame -- in Blau und Rosa gekleidet! -- -- Sie
kutschierte selbst! -- Statt der Peitsche hatte sie eine silberne Lanze
in der Hand -- am Hut einen Halbmond von Brillanten!

Wohl Diana selbst, die auf Knigshirsche pirschte?

Majestt schienen es wenigstens anzunehmen! Wie gebannt blieben
Majestt auf demselben Flecke und starrten mit allerhchst
aufgerissenen Augen der Erscheinung nach, bis sie an der nchsten
Biegung des Weges verschwand! Dann erst gaben Majestt dem Pferde die
Zgel und galoppierten davon, so schnell, da das Gefolge kaum mit
konnte --

Diana scheint eine glckliche Jagd gemacht zu haben! Wei man, wer sie
war?

Man vermutet -- --

Man _=vermutet=_ nicht! Man hat zu wissen, wenn man was erzhlt!

Zu Befehl -- ich habe auch schon in Erfahrung gebracht --

Schnell -- ich mu es wissen! Ihr Name?

Es war --

Aber ehe der allwissende Haarknstler den Namen ausgesprochen hatte,
flog die Tr zu den inneren Zimmern auf, und der Intendant des Prinzen
strzte herein, mit verstrter Miene, eine Schatulle in der Hand.

Hoheit verzeihen -- aber -- ich mu bitten -- wollen Hoheit geruhen,
jetzt gleich die Kasse selbst an sich zu nehmen?

Was ist denn?

Es ist hchste Eile! Bei mir ist sie nicht mehr sicher!

Der Prinz stand mit Mhe auf und wankte nach dem Schreibtisch.

Gib her!

Er schlo ein Fach auf.

Wieviel ist drin?

Der Kassenzettel liegt obenauf; es ist der ganze gestrige Erls der
Rouletten!

Hoheit flog schnell den Zettel durch.

Miserabel! Die Pariser sind undankbar! Ich selbst erweise ihnen die
Gnade, ihr Spiel zu protegieren! Sie haben die Ehre, im Palais Soissons
selbst -- in meinen schnsten Rumen -- ihr Geld zu verlieren und
schtzen es so gering ein!

Er klappte verchtlich den Deckel der Kassette zu.

Der Pchter bestiehlt mich aber! Es ist nicht anders mglich! Die
Rume sind ja stets gedrngt voll! -- Der Mob wird doch nicht so
frech sein, noch zu gewinnen! Er stiehlt also! Oder er taugt nichts
-- versteht seine Sache nicht! Wieviel hat er uns im vorigen Jahre
abgeliefert?

Knappe hunderttausend Livres!

Sag ihm, ich werde ihm die Spielerlaubnis entziehen, wenn ich nicht in
diesem Jahre auf mindestens zweihunderttausend komme!

Zu Befehl!

Hast du auch den Diamanten bekommen, den ich gestern fr die Camargo
aussuchte?

Melde gehorsamst: ja!

Er reichte dem Prinzen ein Etui. Der prfte den Inhalt mit Kennermiene.

Sehr schn! Wirklich magnifik! Das Geld soll sich der Juwelier in der
Oper holen.

Die Kassen der Oper sind leer! Die Gagen wurden gestern bezahlt und
auch die Wechsel der Gebrder Paris.

So soll er nach der Komdie gehen!

Ich habe ihn bereits hingeschickt!

Es ist gut!

Der Prinz leerte den Inhalt der Schatulle in die Schublade seines
Schreibtisches, schlo ab und steckte den Schlssel zu sich.

So! Und darf ich nun wissen, warum du mich so frh und in dieser
hchst unmanierlichen Weise mit dem Gelde bemhst? Meines Wissens hatte
ich dich noch nicht rufen lassen!

Der Intendant hatte nicht Zeit, zu antworten.

Es klopfte an die Tr, und alles war starr.

Beim Prinzen von Carignan selbst, im eigenen Palais Seiner Kniglichen
Hoheit -- im Palais Soissons, das von Bedienten, Lakaien und Trstehern
wimmelte, hatte man die Keckheit, ohne weiteres und unangemeldet
anzuklopfen! Und gar noch, -=sans faon=-, einzutreten!

Zwei Gestalten in richterlicher Kleidung, die Hte auf den Kpfen,
standen auf der Schwelle.

Im Namen des Knigs -- --

Ridicule! sagte der Prinz gelassen. Seit wann tritt man so -- legre
bei mir ein? Ich bin allerdings auch Chef der Theater! Aber -- ich mu
sagen -- -- diese Komdie! Zum mindesten geschmacklos!

Im Namen des Knigs, sagte die eine Gestalt und reichte dem Prinzen
ein Dokument mit anhngendem Siegel. Laut Urteil des Parlaments sind
wir auf Antrag des Bilderhndlers Gersaint bevollmchtigt und haben den
Befehl, hier im Palais Eurer Hoheit alles Geld und alle Kostbarkeiten
an uns zu nehmen und, sofern es nicht ausreicht, um die Forderung nebst
Zinsen, Kosten und unserem Salr zu decken, die Meubles und den Schmuck
zu versiegeln und zur ffentlichen Versteigerung zu bringen!

Ja, bin ich denn diesem Ehrenmann, diesem Gersaint, etwas schuldig --?
Wann habe ich ihm berhaupt etwas abgekauft --? Es ist doch wenigstens
zwei Jahre her --

Ganz richtig! Zwei Jahre sind es bereits, da Eure Hoheit die
gekauften Gemlde nicht bezahlt haben!

Das ist ein Irrtum! Das mu ein Irrtum sein! -- -- Und wenn sie nicht
bezahlt sein sollten -- -=mon Dieu=-! -- warum hat man sich nicht
das Geld von meinem Intendanten geholt? -- Wie kann man sich denn
beklagen?! -- Ja, sagen Sie, meine Herren, fr wen halten Sie mich
denn! -- _=Ich=_, der Prinz von Carignan, mu mich mit derartigen
inferioren Dingen persnlich befassen! -- Bin ich dazu von Seiner
Majestt, unserem allergndigsten Knig, zum Generalintendanten der
Akademie ernannt, damit man mir meine Zeit mit den Angelegenheiten
eines obskuren Bilderhndlers stiehlt?!

Beim Nennen des Knigs hatten die Gerichtsbeamten ihre Hte gelftet
und wollten sie wieder aufsetzen.

Behalten Sie die Hte in der Hand! schrie ihnen der Prinz mit
Donnerstimme zu. Und verlassen Sie das Haus!

Wir sind auf Befehl des Parlaments hier -- --

Verlassen Sie das Haus, Messieurs, oder ich lasse Gewalt anwenden!

Drften wir Hoheit auf die Folgen eines gewaltsamen Widerstandes gegen
eine amtliche Handlung aufmerksam machen -- --

-=Mais non!=- -- Sie drfen mich auf nichts aufmerksam machen! Sie
drfen in meiner Gegenwart den Mund nicht auftun! Man werfe sie hinaus!
Geschwind! Man schaffe sie mir aus den Augen!

Die Lakaien und Trhter griffen zu und befrderten die unwillkommenen
Gste auf dem krzesten Wege auf die Strae.

Sapperment! rief der Prinz, wie werde ich hier bedient! Das ganze
Haus habe ich gedrngt voll von Tagedieben, die nicht wissen, was sie
tun sollen -- die mich vor lauter Langeweile bestehlen -- die mich kahl
fressen, bis ich wie ein entlaubter Baum dastehe! Nicht mal so viel
knnen sie tun, mir derartigen Besuch vom Leibe zu halten! Aber ehe
ich befehle, rhrt sich keiner! Ich mu mich selbst bemhen! Ich mu
mich echauffieren! Ich mu mich, in hchsteigener Person, bis auf die
Knochen blamiert fhlen! -- Ich mu mir wie'n Gauner -- wie'n Betrger
-- wei Gott, wie'n Strauchdieb vorkommen! Und ihr steht alle dumm da
und gafft und lat den Tort zu und -- -- wer wei -- lacht euch noch
ins Fustchen! -- Ich werde euch mit Ruten streichen lassen! Ich werde
euch allesamt in die Bastille werfen! -- -- Ah -- ah! -- Das berlebe
ich nicht! -- Das wird mein Tod! Ich fhle schon, wie mir die Galle
zurcktritt! -- Luft -- Luft -- --!

Erschpft sank er auf den Sessel nieder, der Friseur benutzte die
Gelegenheit, ihm den Pudermantel umzuhngen und setzte seine Quaste mit
einer Fermet in Bewegung, da der ganze Prinz in einer Wolke weien
Staubs verschwand -- wischte dann schnell den Puder aus dem Gesicht
-- schwrzte die Augenbrauen, klebte zwei Mouchen auf ihre Pltze
und hielt, als er fertig war, dem Prinzen ein silbernes Flakon mit
Riechsalz unter die Nase.

Der halb Ohnmchtige sog gierig den scharfen Duft ein, seufzte leicht
auf, geruhte dann kokett zu niesen, ffnete die Augen und flsterte
matt: Darf ich nun _=endlich=_ wissen, wer jene Dame war, die einen
solchen Eindruck auf die Majestt, unseren allergndigsten Knig,
machte?

Madame le Normand d'Etioles, flsterte der allwissende Haarknstler
ihm ins Ohr, und der Prinz fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen.

Madame d'Etioles?! -- Die kleine Poisson?! -- Eine Diana brgerlicher
Extraktion?!

Ganz recht, Hoheit!

-=Sacr nom de Dieu!=- -- Das ist keck! Und der Knig hatte die Gnade,
sie zu bemerken?

Seine Majestt waren hingerissen! Seine Majestt haben von nichts
anderem gesprochen die ganze Zeit! Und schon gestern sind Majestt
dann, ganz unvermutet, wieder in La Muette eingetroffen!

Und gleich durch den Wald nach Madrid galoppiert?!

Ja!

Und er ist ihr wieder -- --?

Nicht begegnet!

Der Prinz lachte.

Kann ich mir denken! Die kleine Poisson war auf einen so schnellen
Erfolg ihres Wilderns nicht gefat! Sie wartet erst den gewhnlichen
Wochentag ab! -- Nun, sie kann warten! Sie kann noch lange warten, ehe
ihr das Taschentuch zugeworfen wird! Sie wird's kaum erreichen, die
ehrgeizige, kleine Person! Ein ser Racker ist sie aber! Ein ganz
pikantes Kerlchen! -- Witz, Geist, Charme und ein Exterieur! -- Wenn
ich sie am Ballett htte, ich wrde sie schon durchsetzen! Ich wrde
ihr schon die richtige hfische Pirouette beibringen, die bis ins
knigliche Bett reicht! Aber so -=sans faon=- -- so draufgngerisch!
Da macht sie die brgerliche Extraktion nicht vergessen -- und wenn sie
den halben Landadel heiratet!

Unser allergndigster Herr ist ja auch erst beim Hochadel angelangt!

berhaupt bei der allerersten Liaison! Noch nicht aus der Schwrmerei
heraus! Und die gute du Mailly hat noch Schwestern!

Man spricht schon von der zweiten!

Man spricht erst? Dann hat's gute Weile! Der Knig ist
ordnungsliebend! Die Familie du Nestle ist gro! Wenn er da durch ist,
dann --

Wollen Hoheit prophezeien? flsterte der Friseur neugierig.

Nein, du Schelm! Nimm aber die Brse da! Steck ein! Ich bin mit dir
zufrieden! Bediene mich stets so gut wie heute!

Der Friseur nahm die ihm zugeworfene Brse, verbeugte sich tief und
ging. Der Kammerdiener rumte den Sessel und die Toilettengegenstnde
fort, und der Prinz, dem der Garderobier inzwischen den goldgestickten,
blausamtenen Rock mit den groen brillantenen Knpfen und dem Stern
angelegt hatte, nahm den ihm gereichten Hut, lie sich den Degen
anschnallen und befahl die Karosse, um nach Versailles zum Lever des
Knigs zu fahren. Er hatte noch nicht den Hut aufgesetzt, als der
Kriegsminister d'Argenson gemeldet wurde.

Der Minister, als echter Militr und Kavalier, war ein groer
Connaisseur des Balletts, dessen Evolutionen ihm oft vertrauter waren
als die der kniglichen Armee. -- Er trat ein, den Hut unterm Arm, und
wurde uerst aimable begrt.

Eure Exzellenz wollen die Ordre de Bataille der nchsten Zeit fr das
Corps de Ballet geben? rief der Prinz aufgerumt. Es wre mir ein
Vergngen, mit Ihnen zusammen gleich den Schlachtplan zu entwerfen!
Sie sehen mich aber im Begriff, zu Hofe zu fahren. Ich darf heute beim
Lever nicht fehlen!

Dann haben wir Zeit, sagte d'Argenson und lie sich in einen Sessel
nieder. Beim Knig wird es heute erst um vier Uhr Tag. Wegen spter
Heimkehr von La Muette ist das Lever erst um diese Stunde angesagt. Bei
Ihnen doch auch bekanntgegeben?

Nein. Da sehen Sie eben, wie ntig meine Anwesenheit ist! Man
benachrichtigt mich nicht mehr! Meine lange Absence fllt schon auf!

Beruhigen Sie sich, lieber Freund! Es gibt so viele andere Grnde zur
Aufregung!

Sie bringen mir Neuigkeiten?! Was ist geschehen?

Sie wissen es noch nicht? Der Kardinal Fleury hat sich eine ganze
Woche beim Knig entschuldigen lassen.

Seine Eminenz sind verstimmt?

Der Majestt des Knigs gegenber wird man nicht verstimmt, auch wenn
man Kardinal Fleury ist und Frankreich regiert! Seine Eminenz bereiten
sich nur, in stiller Zurckgezogenheit, auf eine schwere Entschlieung
vor. Er steht vor der Notwendigkeit, zu einer Staatsaktion ja und amen
zu sagen, die mit den strengen Anschauungen, in denen er den Knig
erzogen hat, wenig harmoniert! Er wird die Proklamierung der Madame du
Mailly zur kniglichen Mtresse, wenn nicht feierlich sanktionieren, so
doch stillschweigend dulden mssen.

Also doch!

Ja -- es ist gestern, anscheinend beim Besuch des Knigs bei
>Mademoiselle< beschlossen worden, das Verhltnis, trotz der
Verstimmung Fleurys, offiziell zu machen.

Ich bin neugierig, wie sich der alte Fuchs damit abfindet! Er lt
sonst in solchen Dingen nicht mit sich spaen! Erinnern Sie sich noch,
wie erzrnt er ber den Empfang des Knigs in Luneville war?

Wie sollte ich nicht! Der Begebenheit verdanke ich ja mein Amt!

Ja! Ihr Herr Vorgnger hat's schwer ben mssen! Und doch war das
eine sehr grazise Idee von ihm! Das htte eine bessere Belohnung
verdient! Den vielgeliebten Knig von einer Eskadron berittener
Stadtdamen empfangen und zu seinem Schwiegervater eskortieren zu
lassen! Das war doch mrchenhaft schn!

Ja. Htte er nur nicht die Ungeschicklichkeit begangen, auch die
Knigin bei ihrem Einzug von denselben Berittenen eskortieren zu
lassen, dann wre er noch im Amt. Der Kardinal und die Knigin sind ein
Herz und eine Seele!

Deshalb schmollt er anstandshalber vierzehn Tage, ehe er die Sonne
der heiligen Kirche wieder ber die sndenvolle Welt scheinen lt!
Innerlich wird er mit der Erhebung der Grfin du Mailly zufrieden sein!
Er wird sich sagen -- wenn eine Grande Dame, wie sie, sich ffentlich
als Mtresse proklamieren lt, dann hat sie's auch ntig!

Sie meinen -- das wre der Anfang vom Ende?

Sicher! Und so ist es auch! Sie teilt die Gunstbeziehungen des Knigs
bereits mit ihrer Schwester!

Mit Madame du Vintimille?

Ich habe es aus sicherer Quelle! -- Mein Friseur --

Arme Knigin!

Werden wir nicht sentimental! Ihre Majestt kann sich nicht beklagen,
solange der Knig -- wie's die Konvenienz gebietet -- unter den Damen
des hohen Adels seine Wahl trifft. Leider scheint er aber schon seine
Augen auf eine Brgerliche oder -- was viel schlimmer ist -- auf eine
gewesene Brgerliche geworfen zu haben! Das endet nie gut! Die sind zu
ehrgeizig!

Sie regen sich doch nicht darber auf?

O doch! Es krnkt mich sogar sehr! Wenn der Knig solche Allren hat,
und gar auf eigene Faust vorgeht, da ist der Staat in Gefahr! Da
bedarf es mehr denn je der Fhrung Sachverstndiger! Statt sich von
gewissenlosen Strebern Mtressen aufschwatzen lassen -- die eine dmmer
als die andere -- knnte er sich wirklich -- --

Eurer Hoheit anvertrauen?

Ja -- ich bitte Sie -- wozu hat er mich? -- Wozu hat er das Corps de
Ballett? Ich wrde ihm vortanzen lassen, da ihm die Beine nur so um
den Kopf schwirren!

Apropos! sagte d'Argenson, der sich nicht zu weit auf das heikle
Gebiet hinauswagen wollte! Apropos -- Hoheit wissen noch nicht, was
alles drauen wartet! Der ganze Salon strahlt vor Jugend und Schnheit.
Ich sah da unsere charmante Camargo. Die Sall war auch da! Und dann
etwas ganz Exquisites!

Exzellenz scheinen schon die Parade abgenommen zu haben! -- Darf ich
nach dem Gegenstand des hohen Entzckens fragen?

Es war ein ganz neues Gesicht! Eine Venus von Gestalt! Ein rassiger
Kopf -- schne Augen -- und ein Lcheln! -- -- Mein Kompliment, Hoheit!
Sie wissen ihre Truppen zu rekrutieren!

Der Prinz schttelte den Kopf.

Ich wei nicht, wen Exzellenz meinen!

Ich leider auch nicht. Es war nicht in Erfahrung zu bringen!

Der Prinz fate sich an den Kopf.

Ich hab's! Das wird die neue italienische Tnzerin sein! Etwas ganz
Unbedeutendes! Ich versichere -- eine ganz obskure Person, von der
niemand etwas wei! Fossano versucht sie mir aufzudrngen!

Ich sah ihn auch drauen!

Ja. Ich lasse ihn diesmal lange antichambrieren! Ich bin unzufrieden
mit ihm!

Ein glnzender Tnzer!

Ja, aber ein strrischer Kopf! Es ist sehr unbescheiden von ihm, mir
eine ganz Unbekannte, eine, die nicht den geringsten Namen hat, zu
bringen! Ich erwarte eine Berhmtheit -- und er bedient mich mit einer
Demoiselle Barberini! -- Haben Sie den Namen je gehrt?

Nein. Ich mu gestehen --

Sehen Sie!

Wollen aber Hoheit nicht die Damen empfangen? Es wre ja unrecht, sie
meinetwegen warten zu lassen!

Sehr gtig! Wenn Exzellenz gestatten, bin ich dann so frei, sie Ihnen
vorfhren zu lassen. Auf welche belieben Eure Erzellenz zuerst die
Augen zu werfen?

Ganz nach Ihrem Belieben, mein Prinz!

Auf einmal drfen wir sie nicht besichtigen! -- Sie sind spinnefeind
miteinander! Eure Exzellenz lieben ja mehr den serisen Tanz, nicht
wahr?

Allerdings! Ich bewundere die Majestt der Sall! Aber die schnen
Augen der Camargo vershnen mich auch mit ihrer ausgelassenen Tanzart!

Exzellenz gefallen sich in der Rolle des Paris?!

Ich gesteh's! Ich wte aber nicht, wem ich den Schnheitspreis
zusprechen sollte! Ob Juno, ob Minerva --

Also der Reihe nach! Ich lasse Madame Sall bitten!

Der Trsteher ging hinaus und machte gleich nachher beide Flgeltren
auf.

Madame Sall!

Herein schwebte in ppiger Majestt die Prima-Ballerina der Oper,
die weiten Reifrcke grazis wiegend -- die Spitzenmantille fest
um den ppigen Busen zusammengenommen -- die Mimik in einem
spttisch-ironischen Lcheln kulminierend -- die Augen schmerzlich
unter sanft zusammengezogenen Brauen blickend -- die ganze Erscheinung
voll ebenso verletzter wie unnahbarer Wrde.

Sie segelte an dem sich galant verbeugenden d'Argenson vorbei,
beantwortete seinen Gru mit einer sanften Biegung des Kopfes und
blieb vor dem Prinzen stehen, ffnete wiederholt die Lippen, um zu
markieren, da sie keine Worte finden knnte, und schlug mit ihrem
Fcher ein paarmal ungeduldig in ihre linke Hand. Sie war anscheinend
aufs hchste emprt!

Blicken Sie mich nicht so ungndig an, Madame -- fing der Prinz an,
ergriff ihre Hand und fhrte sie an die Lippen. Sie sehen mich uerst
besorgt ber die harte Notwendigkeit, die mich zwang, Sie warten zu
lassen! Aber wir Groen der Erde sind geplagte Geschpfe! -- Die
Wnsche unseres Herzens mssen wir leider den Forderungen der harten
Pflicht hintansetzen. Ich hatte mit Seiner Exzellenz Staatsgeschfte
von grter Wichtigkeit zu besprechen!

Sie blickte den Kriegsminister von oben herab erstaunt an, als wollte
sie fragen, welche Staatsgeschfte wohl wichtiger sein knnten als die
Affren des kniglichen Ballettkorps -- dann ffnete sie die Lippen und
fand jetzt Worte.

Ich bedaure, in so hochwichtigen Geschften gestrt zu haben,
lispelte sie. Ich werde aber Eure Hoheit nicht lange in Anspruch
nehmen. Ich komme nur, um von Eurer Hoheit Gnade meine Entlassung zu
erbitten.

-=Jamais! Jamais de la vie!=- Was denken Sie sich nur? Wo kmen wir
ohne Sie hin! Wir mten ja die Oper schlieen! Ganz Paris wrde
Aufruhr machen!

Hoheit tuschen sich! Seitdem die Camargo ihre italienischen Tnze in
Mode gebracht hat, kmmert sich ganz Paris nur um sie! Die hohe Kunst
schleicht beschmt davon!

Die hohe Kunst, deren einzige Vertreterin Sie sind, Madame, wird nach
wie vor in Ehren gehalten! Und sollten Sie anderer Ansicht sein, so
wird Sie unser Freund, der Kriegsminister, der hervorragendste Kenner
und Verehrer der hohen Schule, vom Gegenteil zu berzeugen wissen!
Seine Exzellenz brennt vor Verlangen, heute bei Ihnen zu dejeunieren
--

Sie grte d'Argenson jetzt mit uerster Liebenswrdigkeit, sie
bemerkte die verstohlenen Zeichen nicht, die Carignan ihm hinter ihrem
Rcken machte, und akzeptierte deshalb auch anstandslos die Deutung,
die er der erschrockenen Miene des Ministers sogleich gab.

Seine Exzellenz werden mir verzeihen, lachte der Prinz, da ich
Gefhle ausplaudere, die er Ihnen am liebsten selbst verraten htte.

Ich werde mich glcklich schtzen, stammelte d'Argenson.

Nicht wahr -- und Sie haben dann die Gte, mit Madame Sall das
Programm zu vereinbaren, das wir demnchst Ihrer Majestt der Knigin
vorfhren werden! -- Sie sehen, Madame, wir machen nichts ohne Sie --
Sie sind uns ganz unentbehrlich -- und Exzellenz, als -=persona grata=-
bei der Knigin, wird Ihnen da helfen, das Richtige zu finden. Tun Sie
Ihr Bestes, Madame -- und lassen Sie mir bald Ihre Befehle zugehen!

Er kte ihre Hand -- die Audienz war zu Ende. Die Ballerina
beantwortete uerst aimable die tiefen Reverenzen der beiden Kavaliere
und schwebte, jetzt jeder Zoll eine triumphierende Gttin, wieder an
dem Kriegsminister vorbei. Sie flsterte ihm dabei hold zu, da sie
sich ein Vergngen daraus machen wrde, ihn in einer Stunde bei einer
trffierten Ente wiederzusehen, und verschwand.

Demoiselle Camargo! meldete der Trsteher, die Flgeltren wieder
weit offenhaltend!! -- Und ber die Schwelle rauschte jetzt eine
Erscheinung, deren Glanz den der Sonne gewi verdunkelt htte, wenn
dieser von plebejischen Neigungen angekrnkelte Lichtklumpen jemals
seine Schuldigkeit tte!

Es war eine hohe, schlanke Gestalt, mit flligem, etwas slichem
Gesicht und einer Lssigkeit in der Art, sich zu geben, die ebensosehr
von verhaltenem Feuer wie von Neigung zur Bequemlichkeit zeugte -- ein
Temperament, das bald lustig berschumen, bald in Trbsinn hindmmern
konnte -- etwas Ungewisses, Unausgeglichenes -- eine Persnlichkeit
mit eigenem Gesicht und selbstbewut, aber ohne Pose! Dem Prinzen war
sie aber nur eine Frau unter den vielen, die man alle nicht ernst
nehmen durfte! Sie beantwortete das Kompliment der beiden Kavaliere mit
gemessener Wrde und lchelte, aber nur so viel, wie die Konvenienz
unbedingt erforderte.

Monseigneur, lispelte sie nonchalant, wollen gtigst entschuldigen,
da ich wegen einer Kleinigkeit stre!

Ich freue mich immer, Sie zu sehen, Mademoiselle! Womit kann ich Ihnen
gefllig sein?

Eure Hoheit sehen mich hier, um meinen Abschied zu verlangen!

-=Mon Dieu=-, Sie auch! rief der Prinz mit komischer Verzweiflung.
Soeben teilte uns Madame Sall ihre Demission mit -- weil Ihre
Schnheit und Ihre Kunst die ihrige verdunkelt! Nicht wahr, Exzellenz?

Ganz recht! lchelte d'Argenson.

Sehen Sie, Madame! Und jetzt wollen Sie auf Ihren Triumph verzichten?!
Sie scherzen wohl?

Es ist mein Ernst, Hoheit!

Aber warum? Sie werden doch hier vergttert! Ganz Paris liegt Ihnen zu
Fen! Alle Welt buhlt um ein Lcheln Ihrer holden Lippen --

Und Hoheit sehen sich _=trotzdem=_ nach Ersatz um!

Madame, Sie wissen doch selbst am besten, wie unersetzlich Sie sind!
-- Brauche ich Ihnen wohl noch zu sagen, wie sehr ich das Glck
schtze, Sie als Zierde der Oper bei uns zu wissen! Ich denke ja ber
nichts anderes nach, als wie ich Ihnen das recht deutlich zum Ausdruck
bringen knnte! Gestern noch habe ich mich bei allen Juwelieren der
Stadt bemht! Nichts war mir schn genug; nichts, was mir Ihrer wrdig
erschienen wre! Immerhin gestatten Sie wohl?

Und er ergriff rasch ihre Hand, schob ihr mit Aplomb den bereit
gehaltenen Brillantring an den Finger und besiegelte seine
Wertschtzung mit einem Ku auf ihre rosigen Fingerspitzen.

Als Zeichen unwandelbarer Treue, Madame! -- Hbsch, nicht wahr?
wandte er sich zu d'Argenson, auf den Solitr zeigend.

Charmant! Ein seltenes Feuer! antwortete der Krieger im Tone
hchster Bewunderung -- und blickte der Tnzerin in die Augen, um
ihr anzudeuten, da kein noch so funkelnder Diamant mit deren Glut
wetteifern knnte.

Einen Augenblick war sie vom Glanz des selten schnen Steines
geblendet. Dann richtete sie sich auf, streifte den Ring vom Finger und
legte ihn auf den Tisch.

Nein, Hoheit, sagte sie, so war es nicht gemeint! Verletzte
Eitelkeit drfen Sie mir nicht zutrauen! Ich kenne meinen Wert und
wei, da ich hier als Knstlerin etwas gelte! Wenn ich aber die neue
Tanzkunst eingefhrt und ihr zum Sieg verholfen habe, so will ich auch
die Ehren davon haben. Ich gebe mich nicht dazu her, fr andere zu
arbeiten, nur damit sie nachher blo heranzuhpfen brauchen, um mit
lchelnder Miene die Frucht meiner Mhe fr sich zu ernten! Ich will
keine Brillanten fr meine Person. Ich will die gebhrende Anerkennung
fr meine Kunst -- oder ich gehe!

Ich verstehe Sie nicht!

Hoheit verstehen mich nur zu gut!

Ich hre wohl, da Sie sich beklagen. Aber ich sehe wirklich nicht den
geringsten Anla!

Wre es denn mglich, da hier eine neue italienische Ballerina ohne
Wissen Eurer Hoheit engagiert werden knnte?

Jetzt begreife ich! Sie meinen die, die da drauen wartet?! -- Die
macht Ihnen Kopfschmerzen? Aber meine Liebe! Das ist ja etwas ganz
Obskures -- etwas ganz Unbedeutendes -- ein Nichts, das ich nicht
einmal bemerkt habe! Wenn das zu Ihrer Beruhigung beitragen kann, so
hren Sie: ich werde sie berhaupt nicht empfangen!

Hoheit werden sie empfangen!

Mein Ehrenwort, Madame -- mein Ehrenwort als Kavalier, ich werde es
nicht tun!

Ach, die Mnner sind alle falsch! Hoheit werden sie empfangen! Hoheit
werden sie auch tanzen lassen!

-=Mais non!=-

Warum auch nicht? Sie hat Geist -- sie hat Genie! -- Ich habe mit ihr
geplaudert -- sie fhrt eine glnzende Konversation! Und wenn meine
liebe Landsmnnin ebenso gut tanzt, wie sie schn ist -- --

So braucht eine Camargo deswegen nicht besorgt zu sein! Oder wre es
mglich? -- Die Camargo selbst frchtet sich!

Ich frchte mich nicht!

So bleiben Sie denn! Nehmen Sie den Kampf auf! Wenn Sie vor der
Schlacht fliehen -- _=dann=_ allerdings -- --

Sie berlegte einen Augenblick.

Wohlan denn! Ich bleibe! Ich nehme den Kampf auf!

Aber keine Feindseligkeiten! Ich bitte Sie -- ich flehe Sie darum an!
Sie wissen: ich verabscheue nichts so sehr wie Aufregungen im Theater!

Hoheit knnen unbesorgt sein! Ich kmpfe nur durch meine Leistungen!

Bravo! rief d'Argenson.

Sie werden siegen! beteuerte Carignan und griff nach dem verschmhten
Ring. Gestatten Sie mir, im Vorgefhl Ihres gewissen Triumphes Ihnen
dies kleine Angebinde nochmals zu offerieren? Sie lehnen es doch nicht
ab? Sie tun mir den Schmerz nicht an?

Er schob ihr nochmals den Ring an den Finger, und sie lie es jetzt zu.

-=Merci!=- Ich werde ihn als Zeichen guten Einverstndnisses
behalten, sagte sie gndigst. Und jetzt will ich nicht lnger
aufhalten! Meine Nebenbuhlerin wartet!

Aber ich sagte Ihnen ja -- -- ich werde sie nicht --

Ich wei! Hoheit gaben Ihr Ehrenwort, sie nicht zu empfangen! Dann ist
es eben hchste Zeit, da ich Platz mache! -- -=Bon jour, messieurs!=-
Ich wnsche gute Unterhaltung!

Und hold lchelnd schwebte sie hinaus.

Die beiden Herren blickten sich an und lachten laut auf.

Mchten Exzellenz nicht auch bei ihr frhstcken?

Es wird kaum noch not tun! Ich werde mir wohl bei der Sall redlich
den Appetit verderben! Sie haben ja bereits die Gte gehabt, Schicksal
zu spielen -- --

Ich glaubte der Neigung Eurer Erzellenz entgegenzukommen! Oder
-- wre es noch zweifelhaft, welcher von den holden Gttinnen der
Schnheitspreis gebhrte?

Schn ist Minerva -- -- Juno verlockend -- --

Nicht wahr?

Aber Venus --

Was Sie sagen? Ist sie denn wirklich so hbsch, die --?

Blendend schn!

-=Sacr nom de Dieu!=-

Wie schade, da Hoheit Ihr Ehrenwort gaben!

Nun, wenn auch Sie mich daran erinnern, dann mu ich wohl jenes
Ehrenwort schleunigst aus der Welt schaffen!

Bravo!

Ich werde sie also empfangen!

Carignan setzte den Hut auf und gab dem Trsteher einen Befehl; dieser
ffnete den einen Flgel der Tr, und herein traten Fossano und die
Barberina.

Nun, Signore? fing der Prinz von oben herab an und ignorierte die
Barberina gnzlich, wir sind ungeduldig?

Ich kann es nicht leugnen, Hoheit -- --

Ich hre es zu meinem Erstaunen! Ich hrte sogar von Drohungen?

Ich mu gestehen, Hoheit, ich war nicht darauf gefat -- --

Wei schon! Sie waren entrstet! Der Prinz von Carignan, Knigliche
Hoheit, htte Ihnen, dem berhmten Tnzer, wohl den Wagentritt halten
-- Sie, den Hut in der Hand, auf der Strae empfangen sollen -- --

Sie htten mich hier empfangen sollen, wie ich's wohl beanspruchen
knnte! Einen Knstler meines Ranges lt man nicht acht Tage
hintereinander antichambrieren.

Der Prinz ma ihn mit einem Blick grenzenloser Verachtung.

Sie irren sich, Signore! Es interessiert uns keineswegs, zu wissen,
_=warum=_ Sie unzufrieden sind! Es interessiert uns nicht einmal, zu
wissen, _=da=_ Sie sich mokieren! Es interessiert uns hchstens, was
wir selbst Ihnen gegenber empfinden! Und wir sind mit Ihnen sehr
unzufrieden! Verstehen Sie? _=Sehr=_ unzufrieden!

Drfte ich fragen, warum?

Sie hatten von uns den bestimmten Auftrag bekommen, sich eine
Partnerin auszusuchen! Die Camargo weigert sich ja, in Ihren Pantomimen
aufzutreten! -- Ich hatte Sie gebeten, eine Tnzerin ersten Ranges
zu engagieren! Der Bequemlichkeit halber lieen wir im Vertrag den
Platz fr den Namen offen. -- Und Sie mibrauchen unser Vertrauen! Sie
schreiben da einen Namen hinein, der kein Name ist -- von dem kein
Mensch etwas wei -- von dem kein Mensch je etwas gehrt hat! Statt
einer Knstlerin bringen Sie uns eine Anfngerin her. -- Auch jetzt
wrdigte Hoheit Barberina keines Blickes. Ja, mein Lieber, wir sind
kein italienischer Duodezstaat, wir sind Paris -- wir sind am ersten
Hofe der Welt! -- Wir suchen uns unsere Leute unter den allerersten
Berhmtheiten aus! Wir haben es nicht ntig, uns eine obskure Null
oktroyieren zu lassen!

Ich bin durchaus der Ansicht Eurer Hoheit!

Sehr gndig!

Ich wage sogar zu behaupten, da ich den Befehl Eurer Hoheit nicht
nur mit der grten Gewissenhaftigkeit ausgefhrt, sondern noch weit
bertroffen habe!

Diese Khnheit! -- Ich mu sagen -- -- da bin ich wirklich neugierig!

Trotzdem aber wrdigte er Barberina keines Blickes.

Fossano antwortete nicht. Er flsterte Barberina nur schnell ein paar
Worte zu, fate sie bei der Hand, und im nchsten Augenblick wirbelte
sie durchs Zimmer wie ein losgelassener Schmetterling und schlo ihr
Extempore mit einem Luftsprung ab, wobei sie, ehe sie die Erde wieder
berhrte, die Fe wiederholt aneinanderschlug.

Der Prinz stand mit offenem Munde da.

_=Acht=_mal, sagte Fossano, achtmal, Hoheit! -- Das macht ihr in der
ganzen Welt keine nach! Die Camargo bringt es nur fertig, die Fe im
Schweben _=vier=_mal aneinanderzuschlagen.

Nun, das wird wohl auch blo viermal gewesen sein!

Vorwrts, Barberina! rief Fossano, noch einmal!

Der Kriegsminister setzte sich, um besser zu sehen. Fossano fate
seine Schlerin wieder bei der Hand -- noch einmal wirbelte sie durchs
Zimmer -- noch einmal machte sie den Sprung -- aber jetzt absichtlich
so nahe an dem Prinzen vorbei, da sie ihm mit dem Fue den Hut vom
Kopfe schlug. Der Prinz wankte und sank in den Sessel und blieb da mit
offenem Munde sitzen.

Bravo! rief d'Argenson begeistert. Es war mindestens achtmal! Ich
habe gezhlt!

Das hohe C der Tanzkunst! stammelte Carignan verblfft. Ich gestehe
-- ich bin konsterniert! Superb! -- Ja, sagen Sie mal, mein Kind -- wo
haben Sie _=das=_ gelernt?

Fossano verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen.

Alle Achtung, Signore! Alle Achtung! Das macht Eurem Unterricht alle
Ehre! Das kann noch etwas werden!

Das wird eine Sensation! rief d'Argenson begeistert. Man wird das
Theater strmen!

Warten wir es ab -- warten wir ab! -- Exzellenz sind immer sehr leicht
begeistert! -- Vergessen Sie nur nicht, bei wem Sie heute frhstcken!

So etwas macht einen alles andere vergessen! Das wrde mich sogar der
alten hohen Schule untreu machen knnen!

Da mu ich sagen! -- Da mu ich wirklich gratulieren! sagte Carignan,
stand auf, nahm den Hut von dem sich verbeugenden Fossano in Empfang
und ging auf Babara zu. Da haben Sie einen groen Sieg ber die
Camargo gewonnen! Sie mssen wissen: nicht einmal die Camargo hat es
vermocht, Seine Exzellenz den Kriegsminister zur neuen Tanzkunst zu
bekehren! Er war bis jetzt der berzeugteste Verehrer der serisen
Schule! Und jetzt, auf einmal --! Ja -- wenn Sie auf die Art gleich
auch alle anderen Widerstnde berwinden, dann wollen wir es mit Ihnen
versuchen! -- Wie heien Sie?

Babara!

Demoiselle Barberini! beeilte sich Fossano zu korrigieren.

Sag mal, Babara, sagte Carignan, nachdem er mit einem Blick Fossano
seine Mibilligung fr die Einmischung ausgedrckt hatte, sag mir,
mein Kind, wo haben wir das -- mit dem Hut -- gelernt?

Sie lchelte schalkhaft.

Famos! -- Wirklich exzellent!

Er streichelte ihr gndigst die Wange, und sie lie es
pflichtschuldigst zu.

Und diese hbschen Augen -- diese reizenden Grbchen! -- Er kniff ihr
leicht die Wange, hochbefriedigt, nicht den leisesten Widerstand zu
finden.

Wirklich reizend! Sie werden meine Pariser bezaubern! Sie werden hier
Ihr Glck machen!

Endlich lie er von ihr ab und ging ein paarmal durchs Zimmer, um die
Fassung wiederzugewinnen. Dann blieb er vor Fossano stehen.

Sie haben recht gehabt! Ich habe mich entschlossen, Ihre Schlerin
anzunehmen! Sie wird sich hier machen. Wir werden gleich sehen, wie wir
sie wirksam einfhren!

Drfte ich Eurer Hoheit vorschlagen, in meiner neuesten Pantomime --

Nein -- nichts Neues! Noch nicht! -- Die Oper von Rameau geht noch
sehr gut! Wir sind dem Meister verpflichtet -- wir mssen sie weiter
geben! -- Aber ich will mit ihm reden -- noch heute werde ich ihn
kommen lassen -- er wird ein paar neue Tnze einfgen mssen -- extra
fr unsere Akquisition hier etwas komponieren! Ich bringe ihn dazu!
-- Er wird entzckt sein! -- Nachher konferieren Sie selbst mit ihm,
Fossano!

Wie Eure Hoheit befehlen!

Und dann vergessen Sie die Presse nicht -- sie mu vorbereitet sein!
-- Na, das verstehen Sie -- Sie sind ja nicht zum ersten Male in Paris!

Ich wei Bescheid!

Das mu eine berraschung werden -- eine sensationelle berrumpelung!

Wie eine Bombe wird es einschlagen! rief der Kriegsminister
begeistert.

Wie soeben hier, so mu es kommen! Man wei nichts -- man hat keine
Ahnung -- und pltzlich ist das Ereignis da! Und man ist entzckt! So
mu es kommen!

Er ging wieder auf sie zu und betrachtete sie mit Kennermiene.

Wirklich eine ganz aparte Erscheinung -- etwas ganz Seltenes! --
Exzellenz haben recht gehabt! -- Exzellenz sind Connaisseur! lachte
er. Aber leider schon engagiert! -- Nun, das wird sich auch finden!
-- Sie werden sich kaum wehren knnen! -- Ja, sagen Sie einmal, mein
Kind -- haben Sie schon eine Equipage?

Nein!

Die mssen Sie haben! Wie wollen Sie in Paris vorwrtskommen? --
Equipage ist ntig -- Remisen, Stallungen, Pferde, Kutscher, Diener --
ein eigenes Hotel! -- Unumgnglich ntig! -- Man mu empfangen knnen
-- kleine intime Diners geben -- Komponisten, Dichter, Journalisten
bewirten und, vor allem, in der Gesellschaft eine Rolle spielen! Die
elegante Welt bei sich sehen -- viel von sich reden machen! -- Das ist
zum mindesten ebenso ntig wie das Talent!

Babara blickte ihn gro an. -- Dann auf einmal platzte sie mit einem
silberhellen Lachen heraus.

Sie lachen? -- Das ist recht! -- So ist's gut! -- Das alles wird sich
ja bei Ihnen ohne Schwierigkeit einstellen! Das ist selbstverstndlich!
Wer so viel Liebreiz hat! -- Er kniff sie nochmals in die Wange. --
Da habe ich gar keine Angst! Treten wir erst auf -- gewinnen wir
erst den entscheidenden Sieg, zeigen wir, welch ein Juwel wir sind --
nachher findet sich schon die geeignete Fassung! -- Also morgen bei
meinem Lever konferieren Sie hier mit Rameau, Fossano! Und Sie auch,
Mademoiselle -- h --

Barberini, soufflierte Fossano.

Barberini, wiederholte Carignan, sich jede Silbe einprgend.
Nun, hoffentlich wird der Name bald so berhmt, da man sich ihn
ohne weiteres merkt! -- -=Au revoir=- denn, liebe Barberini -- -=au
revoir=-, Fossano! -- Ich hab's eilig -- ich mu zu Hofe -- Sie mssen
mich entschuldigen!

Er streichelte ihr leicht die Wange, nickte ihr freundlich zu. Fossano
ging und nahm seine Schlerin mit.

D'Argenson verabschiedete sich ebenfalls, und Carignan setzte sich noch
hin, um seine, durch den Sprung Babaras etwas ramponierte Frisur vom
Kammerdiener in ordnungsgemen Zustand bringen zu lassen.

Er wollte sich nach beendigter Reparatur wieder erheben, als sich
pltzlich ein Paar weiche Hnde vor seine Augen legten.

Aber was soll das -- wer erlaubt sich? -- Kaum hat man Ordnung
geschaffen, dann wird man wieder --

Ruhig Blut, lachte eine silberhelle Stimme, keine Aufregung, mein
Ferkelchen! Ich frisiere dich nochmals, da du mich nicht vergit!

Marietta? -- rief er und machte die Hnde los. Was machst du hier?
-- Wie bist du hereingekommen?

Ich bin die ganze Zeit hiergewesen!

Wo denn?

Dort hinter der spanischen Wand! Ich habe alles gehrt! Den smtlichen
Audienzen beigewohnt! Die groe Sensation mitgemacht, die schnelle
Wandlung in der allerdurchlauchtigsten Gesinnung bewundert. _=Mir=_
machst du keine solchen Anerbietungen, Treuloser! Mir richtest du kein
Hotel ein! Mir versprichst du keine Equipagen --

Aber erlaube mal, rief Carignan, wem hab' ich etwas versprochen? Ich
habe diese junge Gans vom Lande ber alles, was zur Karriere gehrt,
unterrichtet -- weiter nichts!

Als ob man nicht hinter jedem Worte deine Lsternheit gehrt htte!
Du willst ihr ein Hotel einrichten, du selbst willst sie aushalten,
leugne es nicht! Aber mich lt du dir alles abbetteln! Tanze ich nicht
ebensogut wie sie? Bin ich nicht die Mutter deiner Kinder?

Zum Tanzen bist du lngst zu dick! Du warst einmal gut, das leugne
ich nicht! Sonst wrst du nicht an der Oper! Und -- was die Kinder
betrifft, so ist es durchaus nicht sicher --

Willst du vielleicht behaupten --?

Ich will nichts behaupten! Ich sage nur: wenn ich von allen den Damen
Kinder htte, die angeblich welche von mir haben, dann wre Frankreich
zu klein, sie smtlich zu beherbergen!

Du willst dich also deinen Verpflichtungen entziehen?

Gott, ich vergttere sie ja! Das Mdchen ist allerliebst und die
beiden Buben auch! Ich sorge fr sie wie ein Vater! Mehr kannst du doch
nicht verlangen! -- Adoptieren kann ich sie aber nicht! Das wrde meine
Frau nicht erlauben!

Wenn du nur willst!

Ich bitte dich -- die Tochter eines Knigs, wie meine Frau -- und --
die Kinder einer Ballettdame adoptieren! Du darfst nicht unbescheiden
werden, Marietta, sonst setze ich dich ab!

_=Ich=_ und unbescheiden! -- Fr wen plnderst du die Theaterkassen?
-- Fr _=mich=_ wohl? Kaufst du meinetwegen der Camargo Solitre? --
Hab' ich dich gebeten, dem italienischen Fratz, der soeben hier war, zu
versprechen, sie einzurichten, als ob sie eine Frstin wre?

Pst -- nicht so laut! Staatsgeheimnisse!

Wieso Staatsgeheimnisse? -- Du willst mir doch nicht einreden, du
httest den Auftrag --?

Solche Auftrge hat man nie! Als getreuer Untertan fhrt man sie eben
aus! Man bemht sich! Und wer da zur rechten Zeit die rechte Person zu
prsentieren versteht, der ist ein gemachter Mann!

Und da meinst du, da _=du=_ -- da der Knig sich _=dir=_ anvertrauen
wrde?

Wozu htte er sonst wohl einen Prinzen von Geblt zum
Generalinspekteur des Corps de Ballett gemacht! -- Nun eben, um sich
mit ihm -=en camerade=- ber alle einschlgigen Fragen unterhalten
zu knnen! Er wird schon ungeduldig! Es ist Zeit, da ich mich ein
wenig eifriger zeige! -- Und diese Italienerin -- sie hat Rasse,
sie hat Feuer -- sie scheint eine kluge Person zu sein! -- Eine
draufgngerische Art, sich zu geben! -- Zum Entzcken! -- Sie wird
nicht nur ganz Paris -- sie wird auch Versailles in Aufruhr versetzen!
-- Du hast doch gesehen, mit welcher Fermet sie mir den Hut vom Kopfe
schlug?

Und nun, denkst du, wird sie dem Knig in derselben Weise die Krone
vom Kopfe tanzen!

-=Mon Dieu=-, wie respektlos! Die Krone ist doch keine Nachtmtze!
-- Der Knig wird aber gndig sein -- sie wird Gnade vor seinen Augen
finden, und wir auch! -- Der Kardinal ist schon alt -- der Knig mu
einen neuen Staatsminister haben! Wer wei, Marietta -- wenn uns das
Glck hold ist -- vielleicht werde ich bald imstande sein, dir ein
Marquisat zu besorgen!

Er kte ihre Stirn.

Aber hbsch ruhig sein! -- Mir nie mit Eifersucht kommen, so sehr
ich auch fr andere inkliniere! -- Das geschieht alles nur wegen der
Karriere! La mich meine Plne verfolgen -- kmmere du dich um meinen
Hausstand und die Kinder, und du sollst sehen, ich kaufe dir ein
Marquisat! -=Parole d'honneur=-, ich tu's! Und von deinen Shnen kriegt
jeder ein Regiment! Deine Tochter verheirate ich mit einem Grafen!
Inzwischen nimm -- nimm dies alles --

Er zog das Fach seines Sekretrs auf, wo er den Erls des gestrigen
Spiels hineingetan hatte, und leerte den Inhalt in ihren Scho.

Nimm! Kauf dir alles, was du magst -- verschwende -- fhl dich reich,
damit du einen Vorgeschmack bekommst! -- Wenn du mir nur nicht in die
Quere kommst -- wenn du mir nur keine Szenen machst! -- Dann wirst
du's staunend erleben, wie der alte Glanz hier wieder heimisch wird!
Dann mache ich all die Holzbaracken drauen um den Garten herum dem
Erdboden gleich und mache es wieder gut, da ich dem Schwindler Law
gegen schndes Geld erlaubte, sie zu errichten! Geld, das er mir noch
schuldig ist! -- Dann lasse ich die Grten im alten Umfang und alter
Herrlichkeit wieder auferstehen -- wie sie einst waren, als Katharina
von Medici nach den Mhen des Tages drinnen lustwandelte! -- Dann jage
ich die Spieler und Wucherer hinaus und fege das Pack in den Rinnstein!
-- Dann, Marietta -- dann --! Aber jetzt gib mir einen Ku! -- Und nun:
-- still sein, lcheln -- was auch geschehen mag! -- Du verstehst? --
Du bist doch brav! -- Du wirst dich tapfer halten? -- -- Noch einen
Ku! -- Aber die Zeit eilt! Ich mu fort! -- -=Au revoir, ma chre! Au
revoir!=-

Er setzte kokett den Hut auf den Kopf und trippelte grazis auf seinen
hohen Abstzen hinaus -- zwischen zwei Reihen gekrmmter Lakaienrcken
zur wartenden Staatskarosse, um nach Versailles zu fahren und dem Knig
von seiner neuesten Akquisition vorzuschwrmen.

Marietta blieb allein. Von Zeit zu Zeit nahm sie eine Handvoll Gold
auf, lie es durch die Finger auf ihren Scho niederrieseln und freute
sich der Musik des klirrenden Metalls, das die Welt beherrscht.




8


Es war die Zeit der ersten Mtressenschau im Leben des fnfzehnten
Ludwig.

Das knigliche Glcksschiff hatte, nach anfnglichem Zgern, den Hafen
der ehelichen Treue verlassen und trieb noch etwas unsicher und ohne
Fhrung auf dem Meere Kytheres umher.

Bange Ungewiheit hatte den Sinn der getreuen Untertanen ergriffen.
Wrde es, nach glcklicher Lustfahrt, mit Ehren und Ruhm reich beladen,
in den schtzenden Hafen zurckkehren oder, von ungeschickter Hand
gelenkt, klglich scheitern?

Jeder fhlte sich berufen, hier die Fhrerschaft an sich zu reien!
Ehrgeiz und Eigennutz waren am Werke; Neid und Verleumdung ebenso.
Ein erbitterter Kampf im dunkeln wurde zwischen den verschiedenen
Parteien gefhrt -- Kabalen wurden gesponnen -- Intrigen entlarvt.
Denn die Frucht des Sieges war auch der Mhe wert. Wer es vermochte,
die Lenkstange an sich zu reien, dessen Wille beherrschte die Fahrt.
Ein unmerklicher Druck der Hand war imstande, das Ziel zu verrcken und
das allgemeine Interesse in die Bahn des Einzelvorteils zu steuern.

Das Schlafzimmer des Knigs war die Brutsttte der allerhchsten
Entschlieungen, denen Frankreich -- und, wenn's gelang, die ganze Welt
-- zu gehorchen hatte. Wer da der Trgheit des Knigs die Mhe des
Entschlusses mglichst schmerzlos -- das heit: mglichst unmerklich --
abzunehmen verstand, hatte gewonnenes Spiel.

Es galt also, die geeignete Person vorzuschieben, ohne den Argwohn des
Knigs zu wecken, und sie nachher, ohne Eklat, zu beeinflussen.

Der hohe Adel, dessen ausschlieliches Prrogativ es gewesen war,
das hei umstrittene Amt einer kniglichen Mtresse zu besetzen,
hatte schon ausgespielt. Zu mchtig und einflureich durch seine
allumfassenden Familienverbindungen, hatte der Adel wohl nicht die
ntige Vorsicht walten lassen und lngst das Mitrauen des Knigs
geweckt.

Durch Verschwendung und Vergngungssucht geschwcht, hatte der Adel
schon angefangen, einen Teil seiner Macht den der reich gewordenen
Brgerschaft entstammenden Generalpchtern, Armeelieferanten und
anderen Finanzgren abzutreten, deren Tchter -- durch vollendete
Erziehung den Damen der Gesellschaft gleich, durch adlige Heiraten
hoffhig -- nun auch den Wunsch bemerkbar werden lieen, an dem
Wettrennen um die knigliche Gunst teilzunehmen.

Der Wunsch des Knigs, sich dem Rnkespiel der Hflinge zu entziehen,
und wohl auch eine gewisse bersttigung und ein Drang nach
Abwechselung kamen ihnen da entgegen.

Mit Schrecken nahm es der Hochadel wahr!

Die Erinnerung an die Zeit des vierzehnten Ludwig, wo die Witwe Scarron
das Land zum Besten der Jesuiten geschrpft hatte, war noch in frischer
Erinnerung!

Man war also sehr auf der Hut gegen berraschungen und schpfte beim
geringsten Anla Verdacht.

Noch herrschte wohl die Hofgesellschaft durch die Grfin von Toulouse
und Mademoiselle du Charolais, die die Galanterie des Knigs in ihre
Interessensphre hineinzudirigieren verstanden. Sie hatten die Liaison
des Knigs mit der Grfin du Mailly herbeigefhrt und begnstigt und
ihr durch die klug bereit gehaltene Reserve ihrer beiden Schwestern
eine gewisse Stetigkeit zu geben versucht.

Aber man war in malose Aufregung geraten durch die anscheinend nicht
ganz erfolglosen Attacken der unternehmungslustigen kleinen Poisson,
wie man immer noch Madame d'Etioles nannte.

Und der Eifer und der Aplomb, mit denen der Prinz von Carignan seinen
neuentdeckten Schtzling zu inszenieren verstand, brachte alles in
Verwirrung.

Seit einer Woche redete ganz Paris nur von der Barberini.

D'Argenson machte sich ein Vergngen daraus, die Hofgesellschaft
zu mystifizieren. Der Umstand, da Rameau selbst extra fr sie
Tanzeinlagen komponieren mute und, was noch mehr besagte, da dieser
eigenwillige Meister es mit Begeisterung tat, brachte die Knstler,
die mit Madame d'Etioles intime Beziehungen unterhielten, in hellen
Aufruhr, und der wurde durch den Neid der anderen Tnzerinnen und ihrer
Parteignger noch mehr geschrt.

Als der Tag ihres ersten Auftretens kam, war auch der Saal der Oper
gedrngt voll von allem, was Namen oder Geltung hatte.

Die Logen boten einen glnzenden Anblick dar.

Das vergoldete Schnitzwerk, das vom Boden bis zur Decke die Logen
umrankte, hatte selten so viel Pracht und Schnheit auf einmal
eingefat. berall gepuderte Lockenkpfe, Perlen, Geschmeide und
funkelndes Edelgestein, nackte Schultern, schwellende Busen und
kokette Blicke hinter spielenden Fchern -- das vordere abgesperrte
Parkett voll von eleganten Kavalieren des Hofes und der Aristokratie
-- hohen Beamten und tapferen Kriegern, die mit den Insassinnen der
Logen liebugelten und verstohlene Zeichen austauschten. Auf der
Bhne, rechts und links im Proszenium auf den bevorzugten -=bancs du
thtre=-, die Habitus aus allen Gesellschaftskreisen! Und hinten, im
Parkett, die reiche Brgerschaft, die Knstler und die ganze goldene
Jugend des Seinebabels, hin und her gehend, plaudernd, kritisierend und
kokettierend.

Mademoiselle, wie der offizielle Titel der Madame de Charolais
lautete, hatte ausnahmsweise auch Zeit gefunden. Ihre Anwesenheit hier
war heute wichtiger als die gewohnte Unterhaltung mit dem Knig, dem
sie nachher, beim Souper, mit dem Verlauf des groen Ereignisses zu
unterhalten gedachte.

Spttisch blickte sie zur Loge der Madame d'Etioles hinber, die,
strahlend schn und ebenso reich wie geschmackvoll geschmckt, sich von
den Knstlern und Finanzleuten den Hof machen lie.

Das war ein Kommen und Gehen bei ihr. Bald tauchte das spitze
Fuchsgesicht Voltaires im Hintergrund der Loge auf, bald die wrdige
Dichtermajestt Crbillons. Der Prsident Henault verschmhte es nicht,
ihr die neuesten Bonmots aufzutischen, auch ein Prinz von Geblt,
der stolze Herzog de la Vallire, kte ihr die Hand, whrend ihre
Beschtzer und Manager, die reichen Armeelieferanten Paris-Duvernois
und der Generalpchter Le Normand-Tournehem, dem sie die Ehe mit seinem
Neffen und dessen neugebackenen adligen Namen verdankte -- sich damit
begngten, sie aus der Ferne zu gren. Sie waren nicht wenig stolz
auf ihre Schpfung und trumten von ihrer zuknftigen Macht und Gre,
auf den vielumstrittenen Platz an der Seite des Knigs.

Aus einer Loge der zweiten Galerie blickte beglckt Mama Poisson zu
ihrer unternehmungslustigen Tochter hinunter und tauschte Gre mit
den Herren von Paris aus, mit deren Geld sie Frankreich ihrer Tochter
erobern wollte.

Der ehrgeizige junge Prinz von Croy -- die Mtressensprlinge des
vierzehnten Ludwig: die Herzge von Chartres und von Nivernois -- der
erste Kammerherr Herzog de Chesvres, und der berhmteste Herzensbrecher
seiner Zeit, der elegante Herzog von Richelieu -- alle waren sie da --
vom Theater alles, was frei war -- die Minister d'Argenson und Maurepas
-- der alte Literat Fontenelle, der junge Textdichter Rameaus, Louis
de Cahussac, und alle die jungen Reimschmiede der Tagesereignisse!
-- Alle waren sie herbeigeeilt -- die Damen der Aristokratie, um die
mutmaliche Konkurrentin um die allerhchste Gunst mit eigenen Augen
zu sehen und Konterminen zu legen -- die Dichter, um sich an ihrer
Schnheit zu gut bezahlten Gedichten zu inspirieren, und die Kavaliere,
um neuen Nervenkitzel zu suchen.

Aus seiner Loge musterte der Prinz von Carignan sein Publikum und
schwelgte im Vorgefhl der Sensation, die er ihm heute bieten konnte.
Er lchelte befriedigt, als er im Parkett eine ernste, wrdige, einfach
gekleidete Gestalt wahrnahm, deren Gegenwart sehr beachtet wurde, die
sich aber um niemand kmmerte. Es war der erste Kammerdiener Ludwigs,
Bachelier, den Carignan eigens gebeten hatte, sich heute einzufinden.
Durch dessen Beihilfe hoffte er seine ehrgeizigen Plne zu frdern und
den anderen Aspiranten auf das Bett Frankreichs ein Schnippchen zu
schlagen.

Im Orchester stimmten die Geiger ihre Instrumente und rckten die
Pulte zurecht; die Holzblser bliesen, um ihre Flten und Klarinetten
zu erwrmen; die Hornisten prusteten diskret, wie sich's gebhrte,
und leerten das Wasser aus den Hrnern; die Rampe wurde angezndet;
hinter dem Vorhang klopften und hmmerten die Theaterarbeiter, aber das
Dirigentenpult war noch leer.

Endlich kam er, der gefeierte Liebling der Musen, Rameau!
Langsam schlngelte sich seine lange, biegsame Gestalt mit dem
feingeschnittenen Kopf, leicht vorgeneigt, zwischen den Pulten
hindurch. Er blieb hier und dort stehen, bltterte in den Noten
und erteilte einige letzte Instruktionen an seine Leute. Zerstreut
streiften seine Blicke durch die glnzende Versammlung, ohne zu sehen
-- ganz erfllt von den Bildern seiner Phantasie! -- Er lchelte in
sich hinein und versank in Trumereien, aus denen er dann und wann
erwachte, um dem Publikum einen spttischen Blick zuzuwerfen.

Er hatte noch nie eine solche Genugtuung empfunden wie heute. Von der
Natur mit einem unbndigen Schaffenstrieb begabt -- mit einer nie
versiegenden Ader genialer Einflle begnadet, hatte er sein Leben
lang um ein einfaches Menschenrecht, sich nach seiner Veranlagung
zu bettigen, kmpfen mssen. -- Erst mit der lieben Familie, die
ihm das langsame und sichere Klettern nach dem tglichen Brote auf
der gesellschaftlichen Himmelsleiter beibringen wollte, ihn ins
Jesuitenkolleg steckte und ihm die Robe des Richters als Gipfel
der Entwickelungsmglichkeiten anwies. Und dann, nach erfolgter
Emprung und persnlicher Befreiung -- nach dem geistigen Wachstum im
Zigeunerleben der freien Kunst, als herumstreichender Musikant und
Geiger bei den ambulierenden Theatergesellschaften -- das nochmalige
Einkapseln als ruhiges, gesetztes Mitglied der gttlichen Weltordnung!
Aber jetzt als beamteter musikalischer -=Matre de plaisir=- und
Modekomponist der verschrobenen Gefhle jener tausendkpfigen Bestie
Publikum, die da in Samt und Seide, von Gold und Geschmeiden strotzend,
gepudert, geschminkt und mit Schmuck behangen, auch modisch empfinden
und konventionell seufzen wollte! -- -- Eine noch schlimmere geistige
Knechtung und Gefangenschaft der Persnlichkeit als die, in die die
Familie ihn eingekerkert hatte! Und jetzt wie damals ums tgliche Brot!
Aber jetzt nicht mehr aus Unkenntnis der eigenen Krfte, sondern mit
vollem Bewutsein und aus beginnender Schwche!

Er hatte sich gefgt -- seine menschlichen Empfindungen modisch
ausgeputzt und verschnrkelte Allegorien statt den einfachen
Ausdruck natrlichen Gefhls gegeben! Statt als Bringer und Spender
hchster Lebensfreude an die Herzen zu pochen und ihnen den Himmel
des reinsten Glckes zu ffnen, hatte er sich dazu hergegeben, als
Oberpriester ihres faden Gtzendienstes ihre Genusucht und ihre hohle
Leichtfertigkeit zu beweihruchern.

Die Gtter des Olymps, lngst aus dem realen Leben verbannt, herrschten
noch unbeschrnkt auf den Brettern der Oper und harrten noch des
musikalischen Molire, der ihnen zum Cancan aufspielen und sie in
tollem Veitstanz nach dem Hades hinfegen sollte.

Nur in ihrem Namen und mit ihrer Hilfe durfte er zu den Menschen
sprechen! Das brachte einen Miton in seine Musik, aber auch eine
unsagbare Sehnsucht, die einen jeden, auch den Oberflchlichsten,
aufhorchen machte. -- Da war ein fremder Ton, ein einfacher Naturlaut,
ein Widerhall lngst verschwundener Einfachheit unter der modischen
Verschnrkelung -- ein Hauch des in der Materie gefangenen ewigen
Lebens, das dumpf nach Befreiung seufzte und kaum noch zu hoffen wagte.
Und das sollte heute endlich Luft bekommen!

Wie ein jher Lichtstrahl die Nebel durchdringt und das wonnetrunkene
Auge die Hhe des Himmels und die Unendlichkeit des blauen Weltraumes
schauen lt, die einen da alle umgebende Kleinlichkeit vergessen
macht, so durchschauerte es ihn, als er zum ersten Male Barberina
gegenberstand. Ihre Jugendfrische, ihre seelische Unberhrtheit trotz
aller Verdorbenheit, ihre Geisteshoheit, die Musik ihrer Bewegungen
und ihres Mienenspiels berauschten ihn und machten sofort den Unwillen
verstummen, den er, der gefeierte Meister, anfangs ber die Zumutung
empfand, jener unbekannten Namenlosen die zu ihren Pirouetten gehrige
Musik zu komponieren!

Sein Herz tat sich weit auf, seine Seele flog ihr entgegen mit der
herrlichsten Inspiration! -- Er lebte, die Gtzen verblaten -- das
Gttliche selbst war ins Leben getreten, hatte sich erniedrigt,
um wieder im beschwingten Flug den Weg nach oben zu zeigen und in
alles aufwhlender Begeisterung die in ser Selbstbeweihrucherung
hindmmernden Sinne zu erlsen!

Und ihm war's gegeben, dazu aufzuspielen! Das war die Befreiung! -- Das
war die Rache fr unwrdige Knechtschaft!

Mit Feuereifer warf er sich auf die Aufgabe. Sein Genius war ihm hold,
im Wonnegefhl des Schaffens berauschte er sich an dem seltenen Glck,
in Barberina die leibliche Verkrperung seiner khnsten Trume von
Grazie und beseelter Rhythmik gefunden zu haben. -- Und die sollte er
heute vor aller Welt ins Leben rufen drfen! Sein Taktstock, der sonst
dem verhaten Gttergesindel zum Paradetanz aufklopfen mute, war zum
Zauberstab geworden, auf dessen Gehei die Nebel weichen mten, um die
Krone der Schpfung -- den Menschen in seiner ganzen gottbegnadeten
Majestt -- in Erscheinung treten zu lassen.

Ob sie's auch begreifen wrden, jene entmenschten Modepuppen, die da
hchstens den Kitzel ihrer Trgheit oder Frderung ihres Ehrgeizes
suchten?

Gleichviel, er wrde das Glck -- das groe, unermeliche Glck des
Gebens haben und der voll empfangenen Gegengabe, einer gleichwertigen
Genialitt, einer ursprnglichen, weil im vollen Menschentum wurzelnden
Knstlerpersnlichkeit!

Hinter dem Vorhang erschollen die blichen drei Keulenschlge, den
Beginn der Vorstellung verkndend.

Noch einmal berflog sein Blick die glnzende Versammlung, noch
lchelte er spttisch ber seine Naivitt, dort offene Herzen finden zu
wollen, dann klopfte er auf das Pult, das Spiel begann, und er war in
einer andern Welt.

Der Vorhang hob sich. Die Bhne stellte eine freundliche Gegend am Fue
des Olymps dar.

Hebe, die Gttergeborene, schwebte herein, von Momus, dem Gotte des
Spottes und des Lachens, des Erdgeborenen, verfolgt -- schmollend ob
des Befehls ihres Vaters Zeus, die himmlischen Gefilde zu verlassen,
um den Menschen gttliche Freuden zu spenden. -- Sie wehrt sich -- der
lachende Gott versucht ihr den Himmel auf Erden finden zu helfen, ruft
die Grazien herbei, die hold lchelnd einhertanzen, Amors Kcher und
Bogen bringen und das Nahen des ungezogenen Gttersprlings verknden.

Amor stellt sich ein, denn -- wie Momus, des Lachens Gott, sagt --
Schnheit, Jugend und Liebe gehren zusammen. Hebe vershnt sich mit
dem Erdendasein, und, ihrer Gttersendung eingedenk, ruft sie die
thessalische Jugend herbei, um die Weihen der Liebe zu empfangen und
das Reich Amors auf Erden zu errichten, wo sie, Hebe, als Knigin
herrschen will.

Amor ruft Zephir herbei, um sie, ihn und die Grazien nach einem
glcklicheren Klima zu bringen.

-=Volons -- volons sur les bords de la Seine=-, ruft sie als Parole
aus, und Jugend, Schnheit, die Grazien, Amor, Polyhymnia, Terpsichore
und smtliche benannten und unbenannten lyrischen Talente schweben hin
zu den glcklichen Gestaden der Seine, um -=la gloire=- und -=la
victoire=- zu beweihruchern. -- Hebe ladet zum Feste ein -- -=sur
les bords de la Seine=- --, und die lyrischen Talente haben sich zu
produzieren!

Erst die Dichtung -- (-=la Posie=-)!

Das erste Bild, nach dem olympischen Prolog, stellt dann ein nach
der am Seinestrand gerade herrschenden hortikulturellen Mode schn
zugestutztes Boskett in der -=maison=- der durch ihre Verse und ihr
Liebesschmachten rhmlichst bekannten Dichterin Sappho dar.

Denn -=la Posie=- ist feminin -- wenn auch nicht immer von
lesbischer Extraktion.

Thlme liebt Sappho -- Sappho liebt Alce, und jener verfolgt
diesen mit schwarzer Eifersucht, schleicht sich auf der Jagd von dem
Gefolge seines Gebieters, Hymas, fort, um die liebesschmachtende
Sappho in ihrem Boskett zu berraschen und rasch die Stelle des
abwesenden Alce einzunehmen. -- Vergebens wehrt sie seine Werbung ab
-- schlielich greift sie zur List und verspricht, ihm zu gehren, wenn
er den Knig herbeiruft, um einem Spiel ihres Talents zu lauschen. --
Er geht, den Auftrag auszufhren.

Alce stellt sich ein und empfngt die Kunde des schwarzen Verrats
seines Freundes sowie ihrer Hoffnung, durch ihre Kunst ihn zu entlarven
und den Segen des Hymas fr ihre Liebe zu erringen.

Sie ruft den Gott der Verse und der Poesie herbei. Der Knig Hymas naht
mit seinem Jagdgefolge, und Sapphos Sklaven fhren dann eine Allegorie
auf, wo eine Flunymphe vergebens den geliebten Bach herbeiruft,
aber ihn schlielich, kraft ihrer Sehnsucht und dem sich gegen diese
Verwsserung wehrenden Flugotte zum Trotz, dem Felsen entlockt.

  -=Je vous revois,
  je vous revois;
  tout cde a la douceur extrme
  de retrouver l'objet qu'on aime!
  J'ai vu troubler mes eaux des pleurs, des pleurs que j'ai verse!
  Perdons les souvenirs de nos tourments passs=- --

singen sie -- der Knig wird erschttert -- gerhrt -- exaltiert --
Mariniers und Marinires tanzen Menuette, Bourres, Rigaudons und
Passepieds. -- Sappho darf sich eine Gnade fr ihre schne Allegorie
erbitten und erbittet sich Alce. Treue Liebe hat gesiegt mit Hilfe
der allbezwingenden Poesie -- der Chor singt: -=chantez Sappho,
chantez sa gloire=- -- das Volk tanzt -- Najaden, Flugtter, das
ganze mythologische Weltall jubiliert -- Amor regiert mit Hilfe der
Dichtkunst.

Im zweiten Bild tut er's mit Hilfe der Musik!

Held Tyrteus, Befehlshaber der Lazedmonier, der die Kunst erfand,
mit Hilfe der Musik den Mut der Krieger anzufeuern und sie im
unwiderstehlichen Furor zu entflammen, wird von Iphis geliebt. Der
Knig Lykurgos jedoch bestimmt, da dieser Sprling seines Hauses
nur dem Besieger der Messenier angehren kann. Also mu der gute
Tyrteus erst die Messenier, die selbstverstndlich bereits vor den
Mauern Spartas darauf warten, besiegen -- Iphis mu nach allen
Regeln der Kunst hold um ihn bangen und seufzen -- und Apollon um
einen Orakelspruch bitten, der ihr auch prompt zuteil wird, aber
so vorsichtig gehalten ist, da eine Allegorie ntig wird, wo Amor
erst Apoll hereinschleppt, dann beide vereint den Mars, dann mit ihm
zusammen eine Siegesgttin und zuletzt Hymen selbst -- um, ihr zu Trost
und Erbauung, ein pas de cinq miteinander zu tanzen! -- Whrenddessen
siegt Tyrteus, von ihren Gebeten und seiner musikalischen Schwarzkunst
wacker untersttzt -- die siegenden Krieger tanzen eine triumphale
Polonse -- die Liebenden haben sich, alles lst sich in Wohlgefallen
auf, Rigaudons, Menuette, Passepieds, Tamburine lsen sich ab -- Amor
triumphiert, und -=ad majorem gloriam suam=- sollte der Vorhang fallen,
um sich fr das von Terpsichore allein beherrschte Schlubild des
Balletts wieder zu heben -- da setzte die groe berraschung ein, die
Rameau fr sein Publikum bereit hielt!

Statt der traditionellen Gttin des Tanzes trat der Tanz selbst, das
Mysterium der alle Materie besiegenden Bewegung, in Erscheinung --
die Natur selbst erhob ihre Stimme -- die nachgeschaffenen Gtter des
Olymps schwiegen und schlichen beschmt davon!

Die Bhne verdunkelte sich -- wallende Nebelschleier verdeckten alles
-- aus dem Orchester wogten sie herauf, von leisen Arpeggien der Harfe
getragen, und betubten alle Sinne!

Da -- ein Lichtstrahl -- ein paar Tne der Flte hpften hervor --
andere hinterher -- sie haschten sich, formten sich zum Tanz, zur
Melodie -- von den wogenden Wellen der Harfenklnge getragen, trieben
sie suchend hin und her und lockten -- da -- ein schwacher Schein, der
sich langsam erhellte, um allmhlich eine Gestalt aus dem Schatten
herauszumodellieren -- _=Barberina=_ stand da, in der ganzen Majestt
ihrer jungen Schnheit!

Der Inbegriff aller Talente -- _=der Mensch=_ war da! Licht und Tne
hatten ihn aus dem Chaos geschaffen -- in schmeichelnden Rhythmen aus
den formlosen Nebeln heraus gestaltet!

Halb verschleiert stand sie da, feierlich, unbewegt, in der ersten
Lebensdmmerung, leicht vornbergebeugt, den sanften Tnen der Flte
lauschend, die aus ihrem Innern den Widerhall der ersten unbewuten
Sehnsucht wachriefen, aus der heraus die Starrheit sich allmhlich
in Bewegung auflste und in suchendes, tastendes Schreiten umsetzte,
das, noch ohne Ziel, nur der inneren Mahnung gehorchend, den wogenden
Rhythmen nachgab und sich von ihnen treiben lie.

Dann ein leises erstes Aufatmen -- die geheimnisvoll klagenden Klnge
verstummten, die Tonwellen sanken in sich zusammen und gltteten sich
aus in einer endlosen Fermate in zart schillerndem Dur, Hornklnge
aus der Ferne schwollen mchtig an, rtlich glhte der Morgen hervor,
ber die Geigen ein leises, schnelles Huschen wie ein jh erwachter
Frhlingswind, der durch das Schilf streicht und die Flche kruselt.
Der endlose Passagenflu gliedert sich in Rhythmen -- immer schneller
jagen die Tonwellen dahin, immer sonniger leuchtet das Licht -- der
Tag ist da -- sie erwacht, blickt geblendet die neugeschaffene Welt
an, sieht mit sehnenden Blicken, begehrt nach deren Besitz, ffnet
die Arme, um das Leben zu umschlingen -- gleitet zaghaft hin und her
-- bald neugierig suchend -- bald furchtsam zusammenschauernd -- bald
freudig sich an den Farben und Dften des Frhlings berauschend, dann
im jhen Schrecken erstarrend, als aus dem nchsten Gebsch mit khnem
Sprung ein fremdes Wesen auf sie einstrmt und in lsternem Kreisen um
sie herumschleicht, nach ihr greift, aber nicht wagt zuzupacken.

Der Mann ist in ihr Leben getreten! Liebegirrend umschmeichelt er sie
und sucht ihr die Schreckensstarre abzuschmeicheln! Halb neugierig,
halb scheu lchelt sie ihn an. -- Er wird dreister -- erhascht ihre
Hand, kt sie, lt wieder los und fhrt zurck! Denn die Berhrung
seiner Lippen hat die Starre gelst -- sie weicht aus, er folgt --
das Spiel macht ihr Vergngen -- sie lacht laut auf -- neckt ihn --
lockt ihn heran und stt ihn ab, sooft er sie zu ergreifen sucht. --
Immer dreister wird er -- immer zudringlicher sein Werben -- immer
strmischer sein Angriff -- immer verlockender ihre Abwehr -- bis
pltzlich die Angst sie packt und sie in jher Flucht pfeilschnell
davonwirbelt! -- Hin und her geht die Jagd, von eilenden Rhythmen
vorwrts gepeitscht, bis er sie endlich im allen Widerstand
niederwerfenden Ansturm packt, sie hoch ber sich erhebt und die
verzweifelt sich Wehrende in den Wald trgt.

Hohnlachend setzt der Chor der Waldgeister ein -- unsichtbar und
berall anwesend erleben sie den Liebeskampf mit und begleiten mit
kurzen, gellenden Schreien die Orgie, die jetzt im Orchester einsetzt,
als die beiden, bekrnzt, halb nackt, mit flatternden Locken und
wehenden Gewndern hereinstrmen im tollsten Bacchanal -- ganz Werben
und Gewhren, ineinander Aufgehen und Verschmelzen -- in einem Sturm
der Bewegung, der ihn schlielich erschpft hinwirft, whrend sie sich,
im Vollrausch der Lebenslust, aufreckt, triumphierend die Hnde gegen
den Urquell alles Seins emporstreckt und dem niedergerungenen Faun, dem
sie erlag und den sie erliegend besiegte, den Fu auf den Nacken setzt.

Fossano -- denn er war's --, Fossano war besiegt, sein Schicksal
besiegelt! -- Und nie wieder sollte er den Kopf ber sie erheben,
nimmermehr sie als Schlerin meistern! -- Sie war ihm Meisterin
geworden, sie war jetzt Herrin -- war alles -- er nichts!

Er empfand es, wie er dalag und aus den Beifallsrufen drauen im
Zuschauerraum nur den Namen: Barberini! heraushren konnte.
Zhneknirschend sprang er auf, als der Vorhang fiel. Sie verstand das
nicht gleich. Freudestrahlend schleppte sie ihn immer und immer wieder
mit hervor! -- Und erst als auch sie immer nur ihren eigenen Namen von
drauen rufen hrte und er sich losri und in Wut von ihr wegstrzte,
da verstand sie, da sie jetzt oben war -- sie allein, und er besiegt,
abgetan -- ihr Partner nur, den sie zum Gegentanz bentigte, aber auch,
wenn's ihr gefiele, verabschieden und durch einen anderen ersetzen
konnte!

Triumphierend blickte sie zu ihm hinber. Es kam ein unheimliches
Leuchten in ihre Augen, die Lippen kniffen sich dnn zusammen, etwas in
ihr emprte sich jh gegen ihn -- es war ihr nicht klar warum, aber sie
hatte die bestimmte Empfindung, noch ein groes Unrecht an ihm rchen
zu mssen!

Im Augenblick schwand die Aufwallung, kaum gekommen. Denn jetzt drngte
sich alles um sie. Die elegantesten Kavaliere der Hofgesellschaft
eilten auf die Bhne, bestrmten sie mit Komplimenten, mit den
berschwenglichsten Lobeshymnen -- die ganze griechische Mythologie,
kaum in die Flucht geschlagen, schwirrte aus allen Ecken und Enden
herbei, um die galanten Herren mit den geziemenden Ausdrcken der
Begeisterung zu bedienen! -- Kythera, Amor, Hebe, Diana und smtliche
Grazien waren nichts gegen sie, deren Anmut und Schnheit und
unvergleichliche Tanzkunst man hoch ber den hchsten Olymp hob, um sie
in liebegirrenden Interjektionen zu beweihruchern, so der Adoration
gnstig zu stimmen und in das Garn der allerirdischsten Wnsche zu
verstricken!

Sie empfing die verlockendsten Anerbietungen von rechts und von links
-- lchelnd stand sie da und hrte allen zu, aber erhrte niemand
-- sobald es irgend ging, stellte sie sie einen nach dem anderen
der Mama vor. Und die Mama war ganz Ohr und flo ber vor Wonne und
freundlichstem Entgegenkommen! So umschwrmt von Kavalieren war sie in
ihrem Leben noch nie gewesen! -- Sie war lauter Aufmerksamkeit, prgte
sich all die fremden Namen und Gesichter ein, sagte zu allem ja und
amen und versprach auf ihre Ehre jedem einzelnen, ihm bei der nchsten
Vorstellung Zutritt in die Garderobe ihrer Tochter zu verschaffen.

Heute ginge es nicht an! -- Denn der Neid der Kolleginnen htte dem
Neuling die schlechteste Garderobe eingerumt, wo man kaum Platz htte,
sich umzudrehen, noch weniger, Besuche zu empfangen! Das wrde aber bis
bermorgen anders werden, und dafr wollte Mama Campanini sorgen!

Ganz Paris liegt Ihnen zu Fen, Signorina, lispelte der Prinz von
Carignan, der sich zu guter Letzt den Komplimenten des Publikums
entzogen hatte, um sich auf die Bhne zu begeben und Unheil zu
verhten. -- Ganz Paris wird morgen von nichts als von Ihnen reden!
Sie werden bei Hofe tanzen! Auf Ehre, ich setze es durch! Aber wir
mssen fr Sie sorgen! In allem Ernst, Sie mssen Ihrer neuerrungenen
Position gem auftreten knnen! Sie mssen imstande sein, die
Hofgesellschaft zu empfangen -- mssen kleine Gesellschaften -- kleine
intime Soupers geben -- mssen ausfahren knnen! -- Nun, das lassen
Sie meine Sorge sein! -- berlassen Sie sich nur meiner Fhrung --
vertrauen Sie sich nur mir an -- _=nur mir=_ -- ganz mir! Seien Sie
meine Freundin -- _=allein meine=_ Freundin -- und ermglichen Sie es
mir, so fr Ihre Karriere zu wirken, indem Sie mir das Vorrecht geben,
ganz fr Ihr Leben zu sorgen! -- Nicht wahr, se Barberina? lispelte
er und fhrte ihre Hand an seine Lippen. -- Nicht wahr, Sie wollen mir
vertrauensvoll Ihr Herz ffnen?

Hoheit gestatten? sagte Barberina und zerrte ihre Mutter vor. --
Hoheit gestatten -- -- meine Mama!

Und Mama machte ihr tiefstes Kompliment -- Hoheit hatte die Gnade, es
zu bemerken -- er hatte auch die Gnade, ihr einige Fragen zu stellen,
die so prompt und befriedigend beantwortet wurden, da er sie bald
abseits winkte und sich herbeilie, ihr sehr diskrete Instruktionen zu
geben, die sie, beglckt lchelnd, unter vielen Verneigungen empfing
und gehorsamst zu befolgen versprach.

-=Adieu, carissima!=- lispelte er dann nochmals im allergndigsten
Ton Babara zu. Ich sehe, wir werden schon einig! Finden Sie sich
morgen bei meinem Lever ein mit Ihrer Frau Mama! Wir werden dann Ihre
Gagen- und anderen Verhltnisse besprechen und zum allerbesten ordnen!
Noch einmal mein Kompliment! Sie haben famos getanzt! Ihr Debut war
entzckend! Ein Triumph sondergleichen!

Er ging ein paar Schritte und wandte sich dann um.

Apropos! sagte er und winkte sie nher. Fast htte ich's vergessen:
-- Bachelier war da -- der erste Kammerdiener des Knigs! Er war sehr
befriedigt -- wirklich sehr entzckt! Sie knnen was darauf geben!
Er ist ein Connaisseur! Stellen Sie sich gut mit ihm, falls Sie die
Gelegenheit haben sollten! Seine Protektion ist nicht zu verachten!
Ich habe schon verschiedene Eventualitten mit ihm besprochen! -- Er
wird dem Knig ein Wort sagen -- er wird hoffentlich bald von sich
hren lassen! -- Ich denke -- nach der bersiedelung des Hofes nach
Fontainebleau, bei einem der groen Gartenfeste, werden Sie Gelegenheit
haben, den Knig mit Ihren Pirouetten zu bezaubern! Nun, warten wir
es ab! Erst bringen wir all das andere in Ordnung -- dann wollen wir
sehen! -=Au revoir=-!

Und gndig winkend, entlie er die beiden Campanini, die jetzt endlich
Zeit fanden, sich in die Garderobe zurckzuziehen.

Da gab's gleich mtterliche Ermahnungen und Gefhlsausbrche
durcheinander.

-=Mia cara figlia!=- -- Alles ist von dir begeistert! -- Man rast
vor Entzcken! -- Die stolzesten Namen Frankreichs haben sich bei uns
eingeschrieben! Die elegantesten Kavaliere von Paris! -- Entzckende,
grazise Leute sind das! Die Edelknaben Parmas sind die reinen
Bauerntlpel gegen sie! -- Was uns da alles an Anerbietungen gemacht
wurde! -- Da gilt's aber aufzupassen und vorsichtig zu sein! -- Ich
werde schon meine Augen gebrauchen! Ich werde mich nach den Messieurs
erkundigen! Verla dich darauf! -- -- Hast du dir auch die Namen
gemerkt?

Keinen einzigen!

Keinen einzigen! -- Entzckend! -- Keinen einzigen hat sich das Kind
gemerkt! -- Und dabei sind das Namen, die die ganze Welt kennt! -- Hre
nur zu!

Sie lie eine ganze Flut von Namen hervorwirbeln. Grafen, Herzoge,
Prinzen von Geblt schwirrten der Tochter nur so um die Ohren! --
Schweigend sa sie da und ordnete selbst ihre Frisur. Denn eine Zofe
hatte sie noch nicht.

Morgen -- morgen wird alles in bester Ordnung sein! Nichts brauchst du
dir abgehen zu lassen, wenn du nur auf mich hrst! sagte die Mama,
bedeutungsvoll lchelnd. -- Da du mir aber keinem von all den Herren
auch nur das geringste versprichst!

Sei nur ruhig!

Keinem von all den Messieurs, wie verlockend sie dir auch kommen! Sei
freundlich zu ihnen allen! Ohne Ausnahme freundlich! Sag keinem ein
Ja, aber auch kein Nein! -- La sie glauben, was sie wollen -- hre
liebenswrdig zu und stoe sie nicht vor den Kopf! Werden sie aber
zudringlich -- wollen sie Antwort auf der Stelle, dann schicke sie nur
zu mir -- schicke sie berhaupt alle, ohne Ausnahme, zu mir!

Mit Wonne!

Es ist schon besser so! -- Ich wei sie richtiger zu behandeln -- ich
sehe gleich, was an ihnen ist -- ich lenke schon alles zum besten! --
Zunchst kapern wir den Prinzen von Carignan! Der zappelt schon im
Netze -- den hast du schon bezaubert! -- -- Kind -- wenn du wtest,
wie du mich heute glcklich gemacht hast!

Und sie flo ber vor Rhrung.

Ja, Signore Fossano, fuhr sie den jetzt eintretenden bisherigen
Beschtzer an und nahm die Nase hoch, Ihr seid jetzt distanziert! --
Jetzt sollt Ihr's nur versuchen, dem armen Kinde die Siegesfreude zu
dmpfen wie damals nach ihrem ersten groen Siege als Psyche! -- Wie
hat sie sich dann ducken mssen! Ins Herz hat's mir geschnitten, sie so
grausam um die erste groe Freude ihres Lebens gebracht zu sehen! --
Jetzt lassen wir uns aber nicht mehr dpieren, Signore -- jetzt seid
Ihr der Dpierte! Ihr habt heute ausgespielt!

Meint Ihr? lchelte Fossano ironisch.

Nun, wer fragt wohl nach Euch? -- Hat jemand auch nur ein einziges
Wort an Euch gerichtet? -- Hat man drauen ein einziges Mal >Fossano<
gerufen? -- Wo blieb Eure groe Beliebtheit beim Publikum, mit der Ihr
Staat machtet? -- Wo blieb auf einmal die Berhmtheit? -- Nein, uns
imponiert Ihr nicht mehr!

Ich sehe es, sagte Fossano. Ich erwarte auch gar nichts von Euch,
Signora! Babara aber wird nicht vergessen, wer es war, der ihr den
Weg zum heutigen Triumph geebnet hat! -- Sie wird sich nicht der
Dankespflicht entziehen, mir fr die Mhe und die Arbeit, die ich
mir mit ihr gegeben habe, erkenntlich zu sein! -- Sie wird ihres
Versprechens eingedenk bleiben, mir zu gehorchen und sich meiner
Fhrung ganz anzuvertrauen!

Wir brauchen keine Fhrung! Wir wissen uns jetzt selbst zu helfen,
sagte die Domina brsk. Gewi, wir sind Euch Dank schuldig, Signore
-- wir vergessen's nicht -- wir sind nicht undankbar! Wir werden auch
alles fr Euch tun, was wir nur tun knnen! Unserer Protektion knnt
Ihr jederzeit gewrtig sein!

Es machte ihr eine grausame Freude, ihm das alles zu sagen. Sie hatte
sich so lange vor ihm ducken mssen, da sie lieber ihr Leben gelassen,
als die Gelegenheit versumt htte, sich gegen ihn aufzulehnen. Und
auch Babara war es aus dem Herzen gesprochen. Jedes Wort richtete sie
innerlich auf -- fr jeden Hieb, den die Mutter ihm versetzte, fiel
eine von den tausend Fesseln, die sie an ihn ketteten. Bis auf die
letzte! Und die lste er selbst!

Nicht wahr, Babara, sagte er und verbi seine Wut ber die
Ungezogenheit der alten Frau, nicht wahr, du hast noch etwas brig fr
mich? -- Du bleibst mir treu? -- Du hast noch ein wenig Dank fr meine
groe Liebe zu dir?

Er trat an sie heran und legte die Hand um ihre Schulter.

Da fuhr sie auf, wie von einer Schlange gebissen, und schlug ihn mit
dem Handtuch, mit dem sie sich die Schminke abgewischt hatte, ins
Gesicht.

Ich hasse dich! rief sie mit zornbebenden Lippen. Ich hasse dich
und werde nie damit aufhren! Fr jeden Schritt, den ich noch machen
mu auf dem Wege, auf den _=du=_ mich gefhrt hast, werde ich dich
verfluchen und verabscheuen! Was ich habe, habe ich nicht von dir!
Hast du mir aber geholfen, mich da zurechtzufinden -- hast du mir das
Hchste, das Heiligste im Leben gezeigt und mich es schtzen gelehrt,
so hast du's getan, nur um es mir beschmutzen zu knnen! Jetzt bin ich
drin -- jetzt bin ich da, wo du mich haben wolltest! La mich jetzt
zurechtfinden, so gut ich kann! Deiner bedarf ich nicht dazu! Komm mir
jetzt nicht zu nahe! Geh! Hinaus -- hinaus!

Und sie trieb ihn, der sie mit weit offenen Augen anstaunte, rckwrts
gegen den Ausgang und aus der Garderobe.

In der Tr stie er mit Rameau zusammen, der kam, um sie zu
beglckwnschen, und so den ganzen Auftritt mit angehrt hatte.

Fossano drngte sich an ihm vorbei und ging schnell, hinter einem
hhnischen Lachen seine Verlegenheit verbergend.

Armes Kind, sagte der alte Meister und streichelte ihre Hand, wie
schmerzt es mich, auch bei dir diese Erfahrung machen zu mssen! Nicht
nur der Triumph -- auch die entwrdigendste Erniedrigung ist dir
geworden! Das ist die Kehrseite der Knstlerschaft, deren Herbheit
keinem erspart zu bleiben scheint! Du wrest eines besseren Schicksals
wert!

Sie machte ihre Hand los, um ihre Trnen abzutrocknen. Ihre Lippen
bebten noch vor Aufregung.

Recht so! setzte er fort, nur dagegen ankmpfen -- aus allen Krften
dagegen ankmpfen! -- Mut du auch um die Gunst Fortunas buhlen -- mut
du, wie die meisten Knstler, _=den=_ Preis zahlen, um das Recht, dich
zu geben, zu erringen, so versuch wenigstens, dein Ureigenstes, deine
Psyche rein und unbeschmutzt zu erhalten! Halte wenigstens den Trieb,
dich in deiner Kunst zu geben, rein und unberhrt von den Verlockungen
der Welt! Sonst ist's um dich geschehen!

Nur ruhig, Herr Musikmeister, sagte die Domina, sie wird schon ihren
Weg machen! Da habt blo keine Angst!

Sehr -- sehr viel Angst habe ich um sie! Denkt Ihr, ich kmmere mich
um die erste beste? Hier steht aber etwas ganz Seltenes -- etwas in der
Kunst noch nicht Dagewesenes auf dem Spiel! Das darf nicht gemibraucht
und durch den Schmutz geschleift werden! Da ist's heilige Pflicht zu
reden! Und Ihr knnt Euch auf mich verlassen! Ich habe die bittere
Erfahrung, die Ihr auch haben werdet, reichlich auskosten mssen! Um
Gelegenheit zu haben, ein einziges schnes Lied zu singen und, ohne
Rcksicht auf den Geschmack anderer Leute, mich voll und ganz in meiner
Kunst zu geben, habe ich auch die Fratzen machen mssen, die die Welt
sehen will!

Nun, dafr wurdet Ihr bezahlt!

Gewi, Signora! Aber -- ist man echt, kann man sich auch dann nicht
ganz verleugen! Kunst wird eben alles, woran der echte Knstler
rhrt! Und es lebt, tant mieux, auch wenn die unsauberen Wnsche der
Welt daran kleben! Die Gefahr ist, dabei der Welt zu unterliegen,
zu versumpfen, zu verden und seelisch abzusterben! -- Da heit's
kmpfen -- mit aller Macht, auch im Versinken, zur Hhe wollen! -- Denn
schlielich kommt doch der Moment der Befreiung, wo man auf einmal
die Fessel abwirft und gegen die Sonne fliegen kann, wenn der Trieb
hinauf noch lebendig blieb! Das ist das Wesentliche! Alles andere ist
nur Nebensache! Und daran wollte ich eben mahnen, gerade jetzt, mitten
im Triumph, wo die Versuchungen von allen Seiten auf Euch einstrmen!
Nehmt _=den=_ Wunsch fr Euer Wohlergehen von einem alten Knstler
an, der in Eurer Kunst eine der schnsten Offenbarungen seines Lebens
gesehen hat!

Er kte ihr die Hand und ging bewegt. -- --

Die Signora brummte:

Sie sind sich alle gleich! Neidisch, mignstig, der eine wie der
andere! Immer kommen sie und suchen die Siegesfreude zu dmpfen! Nichts
gnnen sie dir!

Aber Babara hrte nicht zu. Sie stand da, in Gedanken versunken. -- Sie
war wieder im Dome zu Parma. Goldig strmte das Licht aus der Kuppel
auf sie herab, und sie blickte wieder voll Sehnsucht hinauf zu den
Glcklicheren, die befreit gegen das Licht hinaufschwebten, und wollte
mit in ihren Reigen -- fort von allem, was sie hier unten fesselte!

Die von Herzen kommenden Worte des alten Musikmeisters waren ihr ins
Herz gedrungen und hatten da eine Saite vibrieren gemacht, die fortan
den Grundton ihres ganzen Wesens angeben sollte. Sie fhlte sich wieder
sicher -- sie wute, wohin! Und alles andere, wie es auch kommen
mochte, wurde ihr gleichgltig.

Sie dachte nicht einmal daran.

Um so mehr tat es aber die Mama!




9


Im kniglichen Schlafzimmer des Schlosses zu Fontainebleau waltete noch
Gott Morpheus seines Amtes. --Allerdings nicht ganz gehorsamst! -- Denn
der allerchristlichste Monarch -- Ludwig der Vielgeliebte -- war zu
seinem eigenen Entsetzen lngst wach.

Mde von den Jagden des vorhergehenden Tages, hatte er beschlossen,
sich heute grndlich auszuschlafen.

Aber drauen schien die Sonne, die Vgel zwitscherten, und auch das
allerhchste bse Gewissen lie seine Stimme hren. Laut und vernehmbar
sprach es, und weit respektloser, als es der Gemtsruhe -- oder, sagen
wir, dem Schlaf -- eines groen Knigs zutrglich war.

Er, dessen Macht unbegrenzt war, konnte nichts dagegen tun. Er hatte
am Abend befohlen, da es heute erst viel spter Tag werden sollte bei
ihm. Und das Wort eines Knigs ist heilig!

Er mute sich also mit seinem bsen Gewissen abgeben, ob er wollte
oder nicht. Jeder Versuch, einzuschlafen, war vergeblich! -- Drehte er
sich auf die linke Seite, so flsterte es ihm ins rechte Ohr, und er
hrte die Stimme seines Erziehers, des guten Kardinals Fleury, wie sie
sich in ernster Mibilligung seines sittenlosen Lebens erging; legte
er sich aufs rechte Ohr, so raunte es ihm ins linke von dem schweren
Unrecht, das er seiner getreuen Gemahlin, der guten Knigin Maria
Leszczynska, antat, als er ihr eine Nebenbuhlerin nach der anderen
bescherte; und begrub er den Kopf ganz in den Kissen, dann summte ihm
ein ganzer Schwarm zrtlicher Frauenstimmen um den Kopf und zauberte
ihm wollstige Bilder vor. -- -- Es war zum Wahnsinnigwerden!

Und doch war etwas dabei, was ihn gewissermaen beruhigte. -=In
puncto=- Regieren war sein Gewissen rein! -- In der Beziehung schwieg
die mahnende Stimme.

Er war also ein ausgezeichneter Knig! -- _=Menschlich=_ vielleicht
nicht ganz einwandfrei -- aber sonst -- -- wer knnte ihm etwas
vorwerfen? Er fhrte ja die Geschfte nicht selbst -- er kmmerte sich
fast gar nicht um die ganze Geschichte, _=konnte=_ also unmglich den
geringsten Fehler begangen haben! -- Das besorgten schon die Minister!
-- Das auch! -- Mein Gott -- wozu waren sie schlielich da?!

Aber die Weiber! -- Da war etwas dabei, was ihn zum mindesten
beunruhigte!

Er liebte sie -- er verehrte sie! Und schlielich sollte das den holden
Schnen gengen!

Aber sie wollten mehr! -- Sie wollten Macht -- oder andere wollten sie
durch sie! -- Wenn er da nicht von vornherein aufpate, wrden sie ihn
schlielich zwingen, in hchsteigener Person etwas zu _=wollen=_ -- ja,
gar zu regieren! -- Und da wre es um seine Ruhe geschehen!

Der Gedanke erschreckte ihn so, da er sich pltzlich im Bette
aufsetzte und nach der brillantierten Uhr auf dem Nachttische griff.
Noch eine ganze Stunde bis zu dem fr das Lever festgesetzten
Glockenschlag!

Seufzend warf er sich wieder im Bette zurck und nahm sich vor, mit dem
bsen Gewissen aufzurumen.

Mit der Knigin wurde er am schnellsten fertig.

_=Erstens=_ war er nicht nur Knig, sondern auch ein Mann von Welt und
hatte also gewisse Privilegien in amoursen Dingen, die sie als Frau
und fromme Dienerin der Kirche nicht begreifen konnte oder durfte, und
die er ihr also nicht klarzumachen brauchte!

_=Zweitens=_ hatte sie die nicht ganz einwandfreie Gabe, ihm Tchter
zu bescheren. Manchmal sogar zwei auf einmal! -- Zum mindesten war das
langweilig! Und die Langeweile war nicht seine Sache!

_=Drittens=_ -- und das war das schlimmste -- war sie, wenn auch
unfreiwillig, die Veranlassung zu einer hchsteigenen Willensuerung,
ja zu einer persnlichen Regierungshandlung Seiner, in dieser Hinsicht
uerst mavollen kniglichen Majestt gewesen!

Er hatte ihretwegen seinen Premierminister und lieben Vetter, den
Herzog von Cond, hchstselbst zum Teufel gejagt, sobald er merkte,
da dieser, im Verein mit seiner Geliebten, Madame du Prie, ihm die
Maria Leszczynska als Knigin zugefhrt hatte, nur um durch sie
Einflu auszuben! -- Allerdings merkte er's erst nachtrglich, mit
Hilfe seines getreuen Richelieu! -- Aber es hatte die Bedeutung einer
Katastrophe seines Gemtslebens gehabt! Seit dem Augenblick war das
Mitrauen wach und verleidete ihm auch jede illegitime Liaison!

Die gute du Mailly und ihre Schwestern, die sich mit ihr in sein Herz
teilten, reprsentierten ebenso viele herrschschtige Cliquen des hohen
Adels! Und was nach ihnen kme -- wer knnte wissen, was das mit sich
brchte?!

Sie wrden ihn zwingen, sich im Kreise der Brgerschaft eine Freundin
zu whlen, damit er Ruhe htte!

Allerdings drngte sich auch da bereits jemand an ihn heran! Die kleine
d'Etioles -- die geborene Poisson -- wer konnte wissen, ob sie nicht
auch von irgendwelchen Kreisen geschoben wurde? -- Bachelier wute da
so viel Bedenkliches zu erzhlen! Auch da galt es, sich in acht zu
nehmen!

Wo er sich auch hinwandte, berall flsterte man ihm bald ber diese,
bald ber jene Schnheit Empfehlendes zu! Richelieu hatte einen
unerschpflichen Vorrat an Protegs, fr die er pldierte! Und seit
einiger Zeit lag ihm, zum berflu, noch der Geck Carignan in den Ohren
mit jener Tnzerin, von der ganz Paris sprach! -- Man wrde sie wohl
ansehen mssen! -- Aber nur ansehen!

Denn in betreff jener Dame schwieg das Mitrauen Bacheliers total!
-- Er nahm sich sogar heraus, Zuversicht zu uern -- ja, begeistert
von ihr zu reden! -- Das war gefhrlich! Der Hter des allerhchsten
Mitrauens funktionierte nicht mehr! Da galt es aufzupassen! Jene Dame
durfte also gar nicht in seine Nhe! -- Sie sollte nie bei Hofe tanzen!
-- Niemals!

Er setzte sich wieder auf.

Wozu hier liegen und sich wegen der eigenen Weibergeschichten Gedanken
machen?! -- Er war ja der Knig! -- Er hatte sich also vor allem mit
dem Sndenregister seiner lieben Untertanen zu befassen! Das war doch
seine landesvterliche Pflicht! Man durfte nicht nur an sich selbst
denken!

Wenn er aber an seine Landeskinder dachte, da schwieg das hchsteigene
bse Gewissen vollends! Denn was _=die=_ Leute zustande brachten, das
spottete jeder Beschreibung! -- -- Allerdings fingen die Nachrichten
an, in der letzten Zeit sprlich zu flieen! -- Das Schwarze Kabinett
lieferte auf einmal nur politische Nachrichten -- statt der befohlenen
Resmees aus den tglichen Liebesbriefen! Der Generalpostmeister war
wohl amtsmde?

Ob gestern auch nichts passiert war? -- -- Das mute er sofort wissen!

Bachelier! rief er. Aber niemand hrte. Kein Bachelier meldete sich.

Entgegen aller Etikette warf der Knig die Decke ab, setzte sich
auf, warf hchstselbst den Schlafrock um, ging zur Tr, ffnete sie
und rief: Bachelier soll kommen! -- Eilte dann wieder zum Bette,
schlpfte in die Pfhle zurck und wartete den Effekt ab!

Bachelier kam atemlos herbeigestrzt und wurde sehr unsanft empfangen.

Man mu ein Knig von Frankreich sein, um so schlecht bedient zu
werden! -- Wir mssen uns selbst aufwarten -- mssen aus dem Bette
steigen -- allein, ganz allein! Wir mssen sogar rufen! Wenn wir hier
verrecken, kein Mensch kmmert sich darum, kein Mensch ist da! Obwohl
wir das Haus voller Tagediebe haben! -- Sonst lauschst du immer an den
Tren!

Majestt wollen gndigst verzeihen! Ich hatte aber strengen Befehl,
erst um elf anzuklopfen!

Und wenn ich nun um zehn sterbe?

Der Himmel bewahre uns vor dem Unglck!

Du bedienst uns schlecht, Bachelier! Wir sind mit dir unzufrieden!
Seit einer Woche hast du uns nichts zu erzhlen! -- Wenn du wenigstens
so viel Eifer zeigtest, uns den Bericht des Generalpostmeisters zu
bringen! Aber auch da mssen wir erst befehlen! -- Schnell, den Bericht
-- oder -- und die Blicke des Knigs wurden scharf und stechend --
oder sollte auch gestern in meinem Lande nichts vorgefallen sein? Sind
wir nach einer Wste verschlagen -- von lauter Schlafmtzen umgeben? --
Sind meine Granden alle heilig geworden?

Alles andere, nur das nicht! Sie sind so unternehmend wie immer!

Gott sei Dank! Wir frchteten schon, der einzige zu sein, der hier
etwas Courage htte! Denke dir, Bachelier, wir liegen hier seit Stunden
und ngstigen uns wegen der paar Weibergeschichten, die wir uns
geleistet haben! Wir muten bses Gewissen erdulden -- wir kamen sogar
in Versuchung, uns schwer schuldig zu fhlen -- blo, weil das Schwarze
Kabinett seit geraumer Zeit von andrer Leute Laster schwieg -- wir
muten uns geradezu als einziger Snder in ganz Frankreich vorkommen --
wir haben Hllenqualen gelitten!

Entsetzlich!

Nicht wahr?! Da ist es doch zu verstehen, wenn wir so etwas wie
Neugier empfinden! Und du lt uns warten!

Ich bitte alleruntertnigst, Gnade walten zu lassen! Es soll nie
wieder vorkommen!

Fr diesmal denn -- wenn du endlich zu berichten beliebst!

Befehlen Majestt erst das Resmee der gestrigen Begebenheiten -- oder
den Bericht des Postmeisters?

Erst das Resmee!

Ich gestatte mir denn alleruntertnigst zu melden, da Mademoiselle,
Madame du Charolais -- --

Von Mademoiselle wollen wir nichts wissen! Sie ist unsere Freundin!

Eben! Und da ist es von Gewicht, da sie gestern gebeichtet hat!

Kennt man die Beichte schon?

Zu dem Zwecke hat sie sie ja abgelegt!

Was hat sie denn gestanden?

Fr ihre Person nichts! Sie beichtet ja nur die Vergehen ihrer
Freunde!

Himmel, wie wird sie mich denn beim lieben Gott blamiert haben! --
Daher das bse Gewissen zu solch ungelegener Zeit! Wer war denn ihr
Beichtvater?

Wer denn sonst, als der Mitwisser aller Boudoirgeheimnisse -- der
treue Freund und Berater aller galanten Damen von Welt -- --

Abb Bernis?

Sehr richtig.

Dann ist Gefahr im Verzug! -- Schnell ein -=lettre de cachet=-!

Ich war schon so frei, es mitzubringen!

Du bist ein getreuer Diener, Bachelier! Rasch, flle es aus!

Es ist bereits geschehen!

Sieh nur, wie eifrig! Ja, bist du denn sicher, da wir ihn nicht zum
Minister machen wollen?

Ich gestatte mir sogar, gehorsamst anzunehmen, da er einmal ein sehr
hohes Staatsamt bekleiden wird!

Und trotzdem schickst du ihn in die Bastille?

Nicht trotzdem, sondern zu dem Zweck! Damit er beizeiten dem
allerhchsten Willen gefgig wird!

Sehr gut! Schicke ihn also hin!

Er ist schon da!

Das auch noch! Sage mir, Bachelier, wen verdammst du noch dazu?
Erledigen wir erst die Bastille! Wen schicken wir heute noch hin?

Den Dichter Voltaire!

Was hat denn der verbrochen?

Er hat sich gestern auf offener Strae durchprgeln lassen!

Nun, dann hat er ja, was er braucht!

Zu Befehl, Sire! Diesmal war er aber unschuldig!

Er hat sooft keine Prgel bekommen, wenn er welche htte haben mssen!
Und schlielich: wenn er in die Lage kommt, welche zu bekommen, dann
hat er sie sicher verdient!

Er scheint anderer Ansicht zu sein! Er schickt uns diese Bittschrift!

-=Ad acta=- legen! Dieser suffisante Mensch! Er _=hat=_ seinen Teil,
und er suppliziert noch! Er maltrtiert uns! Von der ffentlichen
Ordnung nicht zu reden, die er durch den Skandal gestrt hat! In die
Bastille mit ihm!

Zu Befehl, Sire, es ist ihm schon besorgt!

Sag mal, Bachelier, es wird wohl gut sein, wir schicken dich auch hin!
Du wirst schon dreist!

Bachelier zitterte -- lchelte aber gehorsamst mit, da der Knig selbst
bei dem Gedanken lachte.

Das wre schon das beste, Bachelier! Aber wer schickt mir denn
die anderen hin? Sei also unbesorgt! Und jetzt den Bericht des
Generalpostmeisters! Wer figuriert auf der Liste heute? Richelieu?

Leider nicht!

Der Graf von Sachsen?

Auch nicht!

Unser Vetter de Chartres? -- Der Prinz de Conti? Der Herzog de la
Vallire? -- d'Argenson? -- Maurepas?

Seine Exzellenz der Marineminister, ja! sagte Bachelier, der bei den
anderen Namen den Kopf geschttelt hatte. -- Die hohen Herren sind
alle in der Benutzung der Post sehr vorsichtig geworden! Wenn sie nicht
gerade andere kompromittieren wollen, senden sie jetzt alles durch
Boten!

Und warum macht Maurepas da eine Ausnahme?

Damit man wei, da auch er zu den Verehrern der Tnzerin Barberini
zhlt!

Jene Tnzerin, von der alle Welt -- und auch du -- uns vorschwrmt?

Ganz recht!

Sie scheint hier zu gefallen?

Alles liegt ihr zu Fen! -- Das heit, alles, was sich die Erlaubnis
der Frau Mama zu erwirken vermochte! Und das sind viele!

Wer?

Offiziell nur Seine Hoheit der Herr Prinz von Carignan!

Das lt sich denken! Sie ist also seine Geliebte geworden?

Seine Hoheit hat ihr ein Hotel einrichten lassen, ihr Toiletten,
Schmuck, Gespann geschenkt und ihr eine artige Rente ausgesetzt!

Das kann unserer Oper teuer zu stehen kommen -- wenn sie ihm Treue
hlt!

Treue ist ein Wort, das sie nicht zu kennen scheint!

Glaubst du?

Wir haben gestern nicht weniger als zwei Dutzend Briefe ihrer Mama
an ebenso viele Verehrer der schnen Dame aufgefangen! Die Briefe
waren alle sehr deutlich! Die Mama wird bald ein artiges Vermgen
zusammengebracht haben!

Zwei Dutzend Verehrer?!

Zu Befehl!

Und alle begnstigt?

Zweifelsohne! -- Wenn man bedenkt, da sie blo achtzehn Jahre ist und
keine drei Monate in Paris -- --

Eine sehr respektable Leistung!

Sie hat eben eine sehr respektable Mutter, Sire!

Wer sind denn die Glcklichen?

Der Prinz de Conti war darunter! Dann der Marquis de Thibouville, der
Herzog von Durfort und der Bischof von -- --

Bachelier flsterte dem Knig respektvoll einen Namen zu. Der Knig
lachte.

Also Hochwrden auch! -- Sie scheint jedenfalls keinen blen Geschmack
zu haben! -- Und von alledem hat Carignan keine Ahnung?

Nein! Seiner Hoheit Ahnungsvermgen scheint in betreff ihrer
leiblichen Reize vollauf zu tun zu haben! Denn er ist immer noch rasend
verliebt! Und also blind fr alles andere!

Seine Liebe scheint ihn aber auch stumm zu machen! Das letztemal hat
er uns kein Wort mehr von ihr gesagt!

Er wird frchten, schon zuviel gesagt zu haben!

Wir sind damit nicht unzufrieden! Aber -- er ist ein Geck! Wir wollen
ihn heute beim Lever ein wenig vornehmen! Mit wem gedenkt sie ihn heute
zu betrgen?

Fr heute hat sich Mylord Arundel bei ihr zum Souper angesagt!

Der tolle Englnder?! Wir haben von ihm gehrt! Er scheint sich
vorgenommen zu haben, auf dem Felde der Galanterie Frankreich zu
erobern! Das geht nicht, Bachelier! Wir gnnen zwar unserem Vetter von
Carignan seine Hrner! Er ist aber nicht nur unser Vetter -- er ist
auch General unserer Armee! -- Und die Ehre unserer Armee erlaubt keine
englischen Victoiren! -- Wir mssen da Sukkurs geben, Bachelier!

Wenn Majestt nur zu befehlen geruhen, da sie heute in Fontainebleau
tanzt -- dann wird sie heute nicht in Paris soupieren knnen.

Nein, nein! -- Wir wollen nicht in Versuchung kommen! -- Wir neigen zu
sehr dazu, aus einem gelegentlichen Amsement Folgerungen zu ziehen,
die uns nachher lstig werden! Wir sind zu sehr Gewohnheitsmensch! --
Wir haben schon zuviel an unseren Fesseln zu tragen! Wir wollen von
jener Dame nichts mehr hren! Kein Wort, Bachelier! Kein Wort!

Und er warf sich in die Kissen zurck und erwartete mit Ungeduld von
seinem Getreuen den striktesten Ungehorsam. Aber Bachelier blieb stumm.

Sag mal, Bachelier, fing der Knig von neuem wieder an, ist sie
wirklich so hbsch?

Wie ich schon zu berichten die Ehre hatte, liegt ganz Paris ihr zu
Fen!

Dann wird sie sicher ein Scheusal sein! Nicht wahr, Bachelier -- sie
ist abscheulich?

Zu Befehl, Sire, abscheulich wie Venus selbst!

Der Knig schwieg einen Augenblick. Dann fragte er -- anscheinend ganz
gleichgltig:

Welches Ballett steht heute abend auf dem Programm?

Der Herzog von Richelieu glaubte, da Ihre Majestt die Knigin in
Versailles geblieben ist, heute von den feierlichen Sachen absehen zu
mssen!

Also, was wird denn getanzt?

Das Urteil des Paris --

Wer stellt die Venus dar?

Madame Sall!

Das kann man mir unmglich zumuten!

Eigentlich gibt es nur eine, die die Gttin der Liebe mit voller
Illusion verkrpern kann, und das ist, nach Ansicht aller Kenner -- --

Die Dame Barberini! -- Ich wei! -- Man liegt mir seit Wochen in den
Ohren damit! Als htte ich gar nichts dabei zu bestimmen! Ja, sag
einmal, Bachelier, wer gibt denn hier an unserem Hofe eigentlich den
Ton an?

Wer wrde sich wohl erdreisten, da den allerhchsten Entschlieungen
vorzugreifen?!

Das mchte ich auch wissen! Man scheint da aber revoltieren zu wollen!
-- Man trifft Entscheidungen ohne uns! -- Das geht nicht! Jene -- --
Dame soll heute tanzen! -- Aber nur, weil man, ohne uns zu fragen, eine
andere dazu designiert hat! Wir wollen zeigen, wer hier regiert! --
Sie soll also die Venus darstellen! Und _=wir=_ -- wollen sie schlecht
finden! Wir wollen uns nicht weiter von dem Gerede irritieren lassen!
Du sollst gleich einen Kurier nach Paris senden! Aber unser guter
Vetter Carignan darf es nicht wissen! Es soll eine Surprise fr ihn
sein! Du veranlat also alles!

Zu Befehl!

Und jetzt la mich in Ruhe! Bachelier ging.

Bachelier! rief der Knig ihm nach, ehe er noch an die Tr gelangt
war.

Majestt befehlen?

Wir hatten dir den Auftrag gegeben, fr alle Flle auch jene Tnzerin
-- anzusehen! Wir wollen immer sicher gehen! Hast du den Auftrag
erfllt?

Zu Befehl, ja!

Du hast also Gelegenheit gehabt?

Ja. Ich gab der Mutter ein angemessenes Geschenk und bekam dann
Gelegenheit, sie aus einem Versteck beim Baden zu beobachten!

Nun?

Wie eine griechische Statue! -- In jeder Beziehung vollendet! -- Meine
Augen haben noch nie etwas Schneres gesehen!

Wir wollen dich heute eines Besseren belehren! Du kannst gehen!

Bachelier ging, war aber jetzt nicht einmal halbwegs bis zur Tr
gelangt, als der Knig -- jetzt aber sehr aufgeregt -- rief:

Sage einmal, Bachelier -- hast du sie dir auch _=ganz genau=_
angesehen?

Bachelier zitterte und antwortete nicht. Der Knig blickte ihn scharf
an.

Hatte sie auch gar keine Leberflecken?

Bachelier wurde immer blasser. Er kannte die Angst Ludwigs vor den
Blattern und wute, da er immer an jene Krankheit denken mute, wenn
ihm derartige Schnheitsflecken zu Gesicht kamen. Sein Abscheu davor
war unberwindlich.

Ludwig konnte nicht umhin, die Verlegenheit seines Getreuen zu bemerken.

Du wirst auf einmal so still? -- Du zitterst?! -- Also, _=hat=_ sie
welche?

Ich gesteh's, stotterte Bachelier -- ich habe sie im Verdacht! --
Ich glaube etwas bemerkt zu haben! -- _=Bestimmt=_ kann ich's aber
nicht behaupten! Aber etwas ganz Kleines -- fast Unscheinbares -- unter
dem linken Busen war's!

Gnad' dir Gott!

Von meinem Versteck aus war's nicht genau zu kontrollieren! Ich habe
aber die Signora, ihre Mutter, nachher examiniert! Und sie hat mir auf
Ehre versichert, da die Schnheit der Tochter makellos sei! -- Bei der
Jungfrau hat sie's beschworen!

Da hat sie sicher einen! rief Ludwig entsetzt. Und so etwas
empfiehlst du mir! Du wagst sogar, mir von ihr vorzuschwrmen! Ich
dachte, ich htte in dir einen treuen Diener, Bachelier -- ich sehe
aber, ich habe mich geirrt! Du hast mein Vertrauen mibraucht -- du
kannst nicht mehr in meiner Nhe sein! Betrgst du mich in einer Sache,
dann wirst du mich auch in anderen Dingen hintergehen!

Eure Majestt wollen doch gndigst in Anbetracht meiner langjhrigen
treuen Dienste geruhen, Gnade walten zu lassen. Eure Majestt wollen
doch hchstselbst sich heute abend berzeugen, da jene Migestaltung
bei ihr kaum noch als solche zu betrachten ist!

Wir wollen dein Schicksal vom Ausfall unserer Besichtigung abhngig
machen! -- Sie soll heute tanzen -- du fertigst sofort den Kurier ab!
-- Wenn ich aber degoutiert werde, Bachelier, dann brauchst du morgen
nicht mehr Dienst zu tun! Du kannst gehen!

Bachelier ging.

Kurz darauf schlug die Stunde, wo die Sonne Frankreichs aus den Wolken
zu steigen geruhte. Ludwig erhob sich aus den Pfhlen. Das Lever
begann. Das kleine Entree der hchsten Wrdentrger fand statt -- das
groe Entree der Fernerstehenden folgt -- das Hemd Frankreichs wurde
gewechselt, und heute hatte der Prinz von Carignan den Vorzug, es, von
allen beneidet, zu berreichen.

Der Knig war sehr aufgerumt.

Wir sind allerdings keine Tnzerin, mein lieber Vetter, lachte er.
Aber wir wollen doch Ihre Dienste in betreff des Hemdes annehmen,
damit Ihr nicht aus der bung kommt! Wie wir hren, seid Ihr bei Eurer
neuesten Eroberung, bei jener vielgerhmten italienischen Tnzerin,
noch nicht so weit gekommen!

Der Hof lachte. Carignan verbi sich den rger.

Macht deswegen kein betrbtes Gesicht, lieber Vetter, fuhr der Knig
gndig fort. Unsere knigliche Frsorge ist schon darauf bedacht
gewesen, fr Abhilfe zu sorgen! -- Wir haben also angeordnet, da die
Dame Barberini im heutigen Ballett die Rolle der Venus zu bernehmen
hat! -- Wir haben von ihrer Sprdigkeit Euch gegenber gehrt! -- Wir
wollen sie denn unserem ganzen Hofe entschleiern -- als gerechte Strafe
fr sie! -- So bekommt Ihr sie auch einmal zu sehen!

Der Hof war entzckt. -- Carignan machte gute Miene zum bsen Spiel. --
-- Der Tag verging. Der Abend kam und mit dem Abend das Ballett.

Der ganze Hof war versammelt. Die Damen im Glanz ihrer Schnheit und
ihrer Toiletten, vor allem die Damen des intimen Kreises: die Grfin
von Toulouse, Madame du Charolais, die Grfin du Mailly und ihre beiden
Schwestern. -- Eine gewisse Unruhe hatte sich ihrer bemchtigt. Sie
hatten alle von der neuen Schnheit gehrt und der Neugier des Knigs,
sie zu sehen, geschickt entgegenzuarbeiten gewut. Ihr Schicksal
konnte davon abhngig sein, ob sie dem Knig gefiele oder nicht. Denn
seine Entschlieungen waren unberechenbar. Und sein Befehl, heute die
gefrchtete Schne vorzustellen, war so pltzlich gekommen, da dagegen
nichts hatte unternommen werden knnen!

Die Spannung stieg, je weiter der Abend fortschritt.

Ludwig lag, behaglich ausgestreckt, in seinem Fauteuil, in der ersten
Reihe -- er schien sehr aufgerumt zu sein, plauderte angeregt mit
seiner Nachbarin, der Grfin von Toulouse, und blickte gelegentlich
auch die Auftretenden an.

Endlich kam der groe Moment, wo die Gttin der Liebe Paris naht.
Barberina betrat die Bhne. Ein Ausruf der Bewunderung unter den
Zuschauern! Dann wurde alles still. Auch der Knig schwieg und blickte,
wie alle anderen, gespannt die schne Erscheinung an.

Nur eine blickte nicht hin. Es war die Grfin du Mailly. Sie hatte nur
Augen fr den Knig.

Der groe Moment der Entschleierung kam, die letzte Hlle fiel.
Venus zeigte sich den entzckten Blicken des trojanischen Hirten in
vollendeter Grazie, mit den lssig erhobenen Armen den letzten Schleier
lftend -- --

Der Knig sah sie mit Kennermiene an, nickte wiederholt, nahm
schlielich die Lorgnette und hielt sie an die Augen.

Pltzlich lie er sie fallen. -- Ein kurzer Ausruf, den niemand
verstand, entfloh seinen Lippen. -- Er erhob sich halb aus dem Sessel,
sichtbar aufgeregt, und fiel dann zurck.

Seine Aufregung fiel allgemein auf. Man fing an zu flstern -- man zog
sich von der Grfin du Mailly zurck. Sie sa da, bleich, zerknirscht
und von ihrer vermeintlichen Niederlage berzeugt.

Noch einmal hob die Barberina den Schleier -- noch einmal hielt Ludwig
die Lorgnette an die Augen -- kein Zweifel, dort, unter dem linken
Busen, war er zu sehen -- deutlich zu sehen, jener winzige Fleck, vor
dem er eine solche Aversion hatte! Kein Zweifel!

Er lie die Lorgnette wieder fallen und sa da, stumm das Ende der
Vorstellung abwartend. Dann stand er auf, ohne sich um die Damen zu
kmmern, rief seinen -=Matre des plaisirs=-, den Herzog von Richelieu,
und zog sich, von ihm allein begleitet, in seine Gemcher zurck. Im
Saale war alles in heller Aufregung. Auf der Bhne ebenso, wo Carignan
Barberina strahlend zu ihrem Sieg beglckwnschte.

Noch niemals, solange ich mich erinnern kann, zeigte Majestt eine
solche Teilnahme! -- Sie haben einen Erfolg gehabt, wie nur Sie ihn
haben konnten! Sie werden noch heute mit dem Knig soupieren -- er zog
sich mit Richelieu zurck! Dieser wird sicherlich alles veranlassen.
Vergessen Sie aber in Ihrem Glck Ihren getreuen Diener nicht! --
Vergessen Sie nicht, wer Ihnen den Weg ebnete!

Er wurde von einem Kammerdiener des Knigs unterbrochen, der zu
Barberina herantrat und ihr ein Etui berreichte. Und dieser
Kammerdiener war nicht Bachelier, sondern der Onkel der Madame
d'Etioles, der bisherige zweite Kammerdiener, Binet.

Von Seiner Majestt dem Knig, sagte Binet herablassend, als sei
er selbst die Majestt, und ffnete das Etui, das einen kostbaren
Schmuck von Brillanten und Saphiren enthielt. -- Seine Majestt lassen
allerhchst Dero Zufriedenheit mit Mademoiselle aussprechen sowie Dero
Absicht, Mademoiselle demnchst in Versailles im Beisein Ihrer Majestt
der Knigin -- in _=einer anderen=_ Rolle tanzen zu sehen!

Sprach's, verbeugte sich kalt und ging.

Das war der ausgesprochenste Mierfolg! -- Keine persnliche
Vorstellung -- kein Souper! -- Ein kostbarer Schmuck allerdings -- aber
die allerhchste Befriedigung durch den Mund eines Lakaien -- --!

Barberina erblate, bi sich auf die Lippen, verlor aber die Contenance
nicht.

Ich bitte mir aus, Monseigneur, sagte sie dann gelassen zu Carignan,
der wie ein begossener Pudel dastand, ich bitte mir aus, mir in
Versailles einen anderen Partner geben zu wollen, der mir nicht die
Szene verdirbt! -- Mit Signore Fossano tanze ich nicht mehr! Er qult
mich, er irritiert mich! Und wie hat er als Tnzer dekliniert!

Allerdings, mein lieber Fossano, sagte Carignan, froh, seinen rger
an jemand auslassen zu knnen, ich kann nicht umhin, Ihnen zu sagen,
da Sie mir in diesem Jahre Enttuschung ber Enttuschung bereiten!
Sie sind lange nicht mehr der geistvolle Tnzer, als den ich Sie bisher
kannte und bewunderte! Ihr Engagement war ein Fehler! Nun -- er hat
uns unsere liebe Freundin hier gebracht -- das wollen wir Ihnen zugute
halten. Aber bei Hofe haben Sie ausgetanzt!

Womit er die Bhne verlie und sich zum Knig begab, der ihm jedoch
sagen lie, da er seiner Dienste heute nicht mehr bedrfe.

Der Knig konferierte mit dem Herzog von Richelieu.

Hochwichtige Entscheidungen von weitestgehender politischer
Tragweite wurden getroffen. -- Bachelier, der allmchtige Hter der
Schlafzimmergeheimnisse Seiner Majestt, war in Ungnade gefallen, und
Richelieu hatte geschickt die Gelegenheit benutzt, seinen Proteg,
Binet, in Erinnerung zu bringen. Und so wurde die Brcke geschlagen,
ber die die schne Madame d'Etioles, geborene Poisson, sptere
Marquise de Pompadour, ihren Einzug ins Allerheiligste halten sollte,
um da unumschrnkt zu gebieten!

Das Schicksal Frankreichs war entschieden!

Wer wei aber, wie es sich gestaltet htte, wenn die schne Barberina
nicht jenen fast unmerklichen Leberflecken unter dem linken Busen
gehabt htte und Bachelier nicht so ehrlich gewesen wre, dessen
unseliges Vorhandensein dem Knige zu verraten?!




10


Seine Hoheit verbrachte eine schlaflose Nacht.

Das Fehlschlagen seines Planes mit Barberina war fr ihn eine
Katastrophe, die seine schnsten Hoffnungen vernichtete. Statt, wie er
gehofft hatte, die Geschicke des Welttheaters zu lenken, war er mit
einem Schlage in seine frhere Einflulosigkeit zurckgeworfen und
mute sich auf die kleine Welt der kniglichen Theater beschrnken, wo
niemand ihn respektierte -- wo die kleinste Choristin ihn auslachen
konnte.

In aller Frhe lie er Fossano rufen, der nach langem Warten endlich
erschien, mde, verschlafen und ebenso verrgert wie Hoheit selbst.

Er wurde mit den heftigsten Vorwrfen empfangen.

Sie haben mich betrogen, Signore! Sie haben mich hintergangen! Sie
haben die Barberina als eine makellose Knstlerin bei mir eingefhrt!
Sie haben ihre Gebrechen verheimlicht! -- Diese scheuliche
Verunstaltung, von der Sie wissen muten, haben Sie verschwiegen!
Sie haben mich blamiert, den ganzen Hof degoutiert -- den Zorn des
allerchristlichsten Knigs gegen mich heraufbeschworen! Ist das der
Dank fr meine Protektion? -- Schweigen Sie! -- Reden Sie nicht!
Machen Sie Ihre Verfehlung nicht durch Ausflchte noch schlimmer! --
Von jenem Leberfleck haben Sie gewut! -- Was sage ich, >Fleck<? Eine
Landkarte war's! -- Wer so etwas hat, zeigt sich nicht nackt -- oder
verdeckt sein Gebrechen mit Schminke! -- Man renommiert doch nicht mit
seiner Abstammung von Negern! Man kokettiert nicht mit einer Haut wie
Ebenholz! Man tritt nicht vor den Augen Seiner Majestt auf, um seinen
Schnheitssinn zu beleidigen und seine Geduld auf die Probe zu setzen!
-- Man erklrt sich unwrdig und bleibt dem Hofe fern! -- -- Und Sie
selbst -- wie haben Sie getanzt?! Miserabel -- ganz miserabel!

Ich war wahnsinnig vor Eifersucht!

-=Mon Dieu=-, fangen Sie nicht auch an, mit solchen altmodischen
Gefhlen zu prahlen! -- Wren Sie wenigstens der alte geblieben! Htten
Sie's verstanden, alle Augen auf sich zu lenken wie frher! Da war
Ihr Auftreten immer eine Sensation! Seine Majestt waren charmiert,
haben mich stets komplimentiert! Und gestern kein Wort -- keine
Miene verzogen! Nicht einmal das bliche, befriedigte >Ah< bei Ihrem
Erscheinen! Ich wei nicht, ob ich Sie noch auftreten lassen kann!

Hoheit mssen mich verstehen! Ich bin doch auch nur ein Mensch! Und
sie qult mich! Bei jedem Auftreten bringt sie mich auer mir durch ihr
verchtliches Benehmen! -- So auch gestern! Ich verlor ganz den Kopf!
Die khle Ruhe, die zum berlegenen Tanzen ntig ist, war hin! Statt
mich ganz in die Lsung der knstlerischen Aufgabe zu versenken, dachte
ich nur an sie! -- Diese einzige Schnheit, die ich wie ein Juwel
gehtet hatte und die seit dem einen Male, wo sie sich mir unverhllt
offenbarte, allen anderen Augen unzugnglich war, sollte jetzt den
lsternen Blicken dieser Rous der Hofgesellschaft preisgegeben und als
Dekoration eines hfischen Festes zur Schau gestellt werden! Das machte
mich verrckt! Ich tanzte schlecht! Insofern verdiene ich die Vorwrfe
Eurer Hoheit!

Sehen Sie!

Dann kam aber statt des Triumphs der eklatante Mierfolg Barberinas!
Das hat mich wieder aufgerichtet! Jetzt bin ich wieder Herr meiner
selbst! Jetzt bin ich wieder der alte! Wenn Hoheit jetzt befehlen, lege
ich mir wieder Paris zu Fen!

Umsonst, mein Lieber! Sie werden nie wieder bei Hofe tanzen! Sie haben
mich betrogen! Sie haben mich schwer getuscht! Wenn _=Sie=_ jene Dame
so intim kannten, htten Sie mich auf jenes Gebrechen aufmerksam machen
mssen!

Wenn jenes Gebrechen wirklich existierte, htte ich es getan!

Sie wagen zu leugnen, was alle Welt gesehen hat?!

Hoheit mssen es doch selbst am besten wissen! Hoheit haben ja die
Gnade gehabt, ihr ein Hotel einzurichten! Hoheit gelten doch vor aller
Welt als ihr bevorzugter Beschtzer!

-=Mon Dieu!=-! -- Das ist eine Sache fr sich! Die Intimitt aber
auch! Und -- Sie wissen -- ich war durch mein Amt am Hofe die letzte
Zeit sehr in Anspruch genommen! Dienstlich verhindert sozusagen!

Dann wre es wohl angebracht, wenn Hoheit sich jetzt herbeilieen,
sich Hchstselbst vom Vorhandensein jenes ominsen Leberfleckens zu
berzeugen -- --?

Wozu? -- Er _=ist=_ vorhanden, nachdem unser allerchristlichster Knig
geruht haben, es Allerhchstselbst zu konstatieren!

Sollte es nicht mglich sein, da jener Fleck auf einen Fehler im
Glase der Allerhchsten Lorgnette zurckzufhren wre?

Sie geben mir eine Idee!

Nicht wahr -- Hoheit haben selbst nichts gesehen?

Ich? Nein! Allerdings nicht!

Wollen denn Hoheit sich nicht nochmals durch Augenschein berzeugen?

Aber mit Vergngen! -- Nur mchte ich wissen wie?

Hoheit werden wohl als bevorzugter Beschtzer jederzeit freien und
unbehinderten Zutritt zu ihrem Rumen haben?

Das schon! Selbstverstndlich habe ich das! Aber haben -- -- und
Gebrauch davon machen! -- Mein Lieber, man berrascht eine Dame doch
nicht so --!

Wenn man sie liebt -- --

-=Mon Dieu!=- -- Kommen Sie mir wieder mit jenem -- Gefhl? Man hat
eine Laune -- heute diese, morgen jene -- aber _=lieben=_, sich
fesseln lassen -- sich in jener vorsintflutlichen Weise echauffieren!
-- Was denken Sie von mir?

Auf alle Flle gilt es, hier einen Irrtum aufzuklren -- und zwar
einen, dessen Folgen sonst verhngnisvoll sein knnten! -- Da nimmt man
keine Rcksicht!

Sie haben recht! Wir wollen uns gewissermaen als Gerichtskommission
konstituieren! Denn Sie mssen dabei sein. Wir wollen uns zu ihr
begeben!

Carignan klingelte. Der Kammerdiener erschien.

Den goldenen Schlssel!

Welchen befehlen Hoheit?

Den letzten!

Also Rue Viviennes?

Rue Viviennes, Schafskopf! Und dann sofort ein Kupee ohne Livree!

Das Kupee steht, wie immer, bereit! antwortete der Kammerdiener und
verschwand, um gleich danach mit einem purpurnen Kissen zurckzukehren,
auf dem ein goldener Schlssel ruhte.

Der Herzog nahm ihn, winkte Fossano und ging. So schnell wie mglich
lie er sich nach dem kleinen Hotel in der Rue Viviennes fahren, wo
Barberina residierte, fuhr aber nicht an der Treppe vor, sondern lie
an dem kleinen Gartentor an der hinteren Seite des Parks halten, das
stets verschlossen war.

Er ffnete es mit dem goldenen Schlssel, desgleichen die Tr einer
geheimen Treppe, deren Vorhandensein Barberina unbekannt war, und
die direkt zu ihrem Schlafzimmer fhrte -- stieg hinauf, von Fossano
gefolgt, und blieb lauschend an einer Tr stehen.

Kein Laut! flsterte er nach langem Horchen. Sie wird noch schlafen!

Sicher! sagte Fossano. Wenn sie keine Probe hat, schlft sie bis in
den Nachmittag!

Gehen wir hinein! flsterte der Prinz, schob vorsichtig den
smtlichen Schlssern angepaten Schlssel ins Loch und drehte ihn um.

Sie standen im Allerheiligsten. Ein betubender Duft von starkem Parfm
schlug ihnen entgegen. Anfangs konnten sie, vom Sonnenschein drauen
geblendet, nichts sehen. Aber allmhlich gewhnten sich ihre Augen an
das Halbdunkel. -- Das Himmelbett mit seinen zugezogenen Vorhngen aus
rosaseidenem Brokat -- die nachlssig auf alle Mbel hingeworfenen
Kleidungsstcke -- die goldgestickten kleinen Pantoffeln am Bett -- die
Schmucksachen auf der von Kristallflakons funkelnden Toilette traten so
allmhlich nebelhaft in Erscheinung.

Auf den Fuspitzen schlichen sie an das Bett heran und lauschten den
ruhigen Atemzgen der hinter den Vorhngen Schlafenden.

Sie wacht nicht auf! flsterte Fossano beruhigend. Hoheit knnen
ruhig nher treten! Wenn sie so schlft, knnte hchstens ein
Pistolenschu sie wecken!

Schweigen Sie! Machen Sie hell! kommandierte der Prinz. Und Fossano
tastete sich an das Fenster heran, zog die dichten Vorhnge zur Seite
und lie die Sonne herein, kam dann auf den Wink des Prinzen wieder ans
Bett heran und hob den Bettvorhang vorsichtig auf.

Hoheit trippelte auf leichten Fen nher, hielt das Lorgnon an die
Augen, beugte sich vor, fate mit eleganter Handbewegung den Zipfel
der Bettdecke, hob sie hoch -- lie sie aber mit einem Ausruf der
zornigsten berraschung fallen und wankte zurck.

Was gibt's? fragte Fossano.

-=Mon Dieu!=- -- Aber so sehen Sie doch! Sehen Sie selbst!

Fossano schlich nher. Ein Blick gengte. Auf dem Kissen neben
Barberina ruhte -- der jugendliche Kopf des Herzogs von Durfort!

Diese Infamie! rief der Prinz mit halberstickter Stimme. Diese
unerhrte Treulosigkeit! Was mache ich nun mit dieser liederlichen
Kreatur?

Hoheit sind hier der Herr und Gebieter!

Und Sie meinen, ich sollte hier den eiferschtigen Betrogenen
spielen?! Lcherlich!

Wenn's gilt, der Lcherlichkeit zu entgehen -- ja! sagte Fossano und
verbeugte sich. Hoheit werden aber gestatten, da _=ich=_ mich vorher
entferne!

Sie lassen mich im Stich?!

Dergleichen wird gewhnlich nur unter den direkt Beteiligten
ausgemacht! Hoheit wollen doch keine Blamage! versetzte Fossano,
schadenfroh lchelnd, schlpfte durch die Tr nach der Wohnung hinaus
und berlie den Prinzen seinem Schicksal.

Die arme Hoheit stand da, blickte unsicher bald nach dem Bett, aus dem
ihm das unbefangenste Schnarchduett entgegentnte -- bald nach der Tr,
durch die er gekommen war -- konnte sich aber nicht entschlieen.

Wre er allein gekommen -- sicherlich wre er seines Weges gegangen --
er htte ihr den Laufpa gegeben, und die Sache wre ohne Aufregung
abgelaufen!

Aber jetzt hatte er einen Zeugen gehabt! -- Jetzt ging's nicht ohne
weiteres! Seine Reputation verlangte eine Aktion -- oder man wrde ber
ihn lachen! -- Entsetzlich! Ihn, den Prinzen von Carignan, sollte man
wegen einer hergelaufenen Tnzerin lcherlich machen knnen!

Er machte entschlossen einen Schritt auf das Bett zu. Die Knie
wankten ihm, er sank auf ein Taburett nieder und wischte sich mit dem
Spitzentaschentuch den Angstschwei aus dem Gesicht, der schon durch
die dick aufgetragene Schminke hindurchsickerte.

Mein Gott, was mache ich nur? flsterte er. Aber sein gequlter
Seufzer fand bei dem ruhigen, zufriedenen Schnarchen der Schlafenden
nur eine alles andere denn beruhigende Antwort!




11


Drauen in ihrem kleinen Kabinett hatte Mama Campanini soeben ihre
Andacht beendigt, sie putzte die Flamme der ewigen Lampe, bekreuzigte
sich vor dem Muttergottesbilde, setzte sich an ihren Sekretr, schlug
ein kleines, rot gebundenes Bchlein auf und vertiefte sich in die
langen Kolonnen von Zahlen, die da untereinandergereiht waren.

Das Geschft blhte. Die goldene Jugend von Paris wetteiferte um den
Vorzug, ihre Schtze Barberina zu Fen zu legen. Und Mama nahm den
Tribut gndigst in Empfang, buchte ihn gewissenhaft, um ihn spter
nutzbringend anzulegen, vertrstete die jungen Leute je nach Rang und
Vermgen mit Hoffnungen oder Versprechungen und lie keinen ohne die
bestimmte Zusage ihrer Frsprache gehen.

So nahm sie die Snden ihrer Tochter auf sich. Kein einziger von den
jungen, galanten Herren durfte der schnen Babara nahen, ohne vorher
von der Mama ins Gebet genommen zu werden. Sie war das Fegefeuer,
Babara das Paradies. Im Fegefeuer wurden sie gelutert. Dort lieen sie
den irdischen Tand. Im Paradiese genossen sie berirdische Wonnen.

Die Mama prfte sie auf ihre Vermgensverhltnisse und ihre
Opferwilligkeit und erledigte alles Geschftliche.

Babara erledigte gelegentlich den Rest -- frei von aller Schuld. Sie
war eben nichts als die gehorsame Tochter.

Auch das Geschftliche gegenber dem Himmel erledigte die Mama. Tglich
ging sie zur Beichte und lie sich die Snden des vorhergegangenen
Tages vergeben. Empfing dann die Tochter abends in neugewonnener
Unschuld in ihrem Gemach, so sa die gute Alte im Vorzimmer, lchelte
beglckt beim fernen Klang der Glser und betete ihren Rosenkranz. Sie
schlief dann den Schlaf der Gerechten und trumte von ihren Schtzen,
die sich, dank der gehorsamen Tochter, wacker vermehrten.

Auch sie war enttuscht ber den blo halben Sieg Babaras am Hofe. Aber
Knige sind nicht im Sturm zu nehmen! Alles mu seine Zeit haben! Und
inzwischen gab's ja zu tun!

Fossano war fr sie erledigt. Sie sah ihn nur im Theater, wo sie nicht
mehr mit ihm sprach.

Da er sich rchen wrde, wute sie. Sie sah es aus den haerfllten
Blicken, mit denen er ihre Tochter verfolgte, und wute, da er ihr
auflauerte und nach einer Gelegenheit sphte, sie in ganz eklatanter
Weise blozustellen.

Sie lie sich aber nicht stren. Sie lebte in den Tag hinein und
besorgte ihre Geschfte pnktlich und gewissenhaft.

An diesem schnen Morgen war sie aber nicht ganz zufrieden, als sie
ihr Bchlein mit den vielsagenden Zahlenreihen zuklappte. -- Sie hatte
gestern eine stattliche Summe im voraus buchen knnen, mute sie leider
aber heute mit einem Fragezeichen versehen.

Mylord Arundel, der gestern sich und jene Summe zum Souper angesagt
hatte, war schmhlich enttuscht wieder abgezogen. Der Befehl, bei Hofe
zu tanzen, war so schnell und unerwartet gekommen, da sie ihm nicht
einmal hatte abschreiben knnen.

Sie hatte ihn auf ihren Knien um Entschuldigung bitten mssen und ihm
mit Mhe und Not ein halbes Versprechen abgerungen, heute zum Lever
Babaras zu erscheinen.

Kommt er? -- Kommt er nicht? -- Die Frage hatte ihr ihre Nachtruhe
verdorben! Und jetzt ging sie schon seit Stunden in der Wohnung umher
und wartete auf Babara, die sie nicht zu wecken wagte -- die aber
schlief, als stnde fr sie gar nichts auf dem Spiel!

Immer wieder ging sie an die Tr des Schlafzimmers und lauschte. --
Denn kme er, dann mte Babara auch visibel sein! -- Sonst wre alles
verloren und Seine Herrlichkeit wrde den Strom seiner Schtze in ein
anderes Bett leiten!

Sie gnnte dem guten Kinde ja die Ruhe! -- Es mochte wohl mde sein
nach der Vorstellung und der langen nchtlichen Fahrt! Kein Mensch
konnte aber voraussehen, wie lange die Jugend und die Schnheit whren
wrden! -- Fr die Ruhe des Alters mute gesorgt werden!

Nach langem Zgern entschlo die Mama sich endlich, an die Tr zu
klopfen. Aber ehe sie noch ihre Absicht vollfhrt hatte, wurde sie
durch einen entsetzten Schrei aufgeschreckt!

Es war drinnen im Schlafzimmer!

Noch einmal schrie es! Kein Zweifel, es war ihre Tochter! Dann wurden
auch andere Stimmen laut -- zornige Mnnerstimmen, die gegeneinander
wetterten!

Sie eilte hinzu -- sie rttelte heftig an der verschlossenen Tr! -- --
Da gerade mute man ihr den Besuch Arundels melden!

Sie durfte ihn nicht abweisen, sie mute ihn sogar gleich empfangen! --
-- Und drinnen bei ihrer Tochter ging etwas vor! Sie wute nicht was,
begriff aber, da es Seiner Herrlichkeit verheimlicht werden mte! --
-- Sie tat ihr Bestes!

Sie ntigte Mylord zum Sitzen, schwatzte drauflos von allem mglichen
-- vom gestrigen Hoffest -- vom Erfolg Barberinas -- von der Gnade des
Knigs -- fragte den Lord nach dem letzten Rennen -- nach den Jagden
auf seinen englischen Gtern -- berhrte seine Antworten, unterbrach
ihn mitten in der Rede, um nach dem Wetten zu fragen und nach der
Mglichkeit, im Spiel Glck zu haben -- sie lie ihn nicht zu Worte
kommen und htete sich wohl, sich nach seinen Empfindungen fr Babara
zu erkundigen.

Mylord lie mit echt englischem Phlegma alles ber sich ergehen; er
glaubte zunchst, eine Irrsinnige vor sich zu haben, entschied sich
dann fr die Annahme, Mama Campanini htte sich die schnen Weine, die
gestern nicht getrunken waren, zu Kopfe steigen lassen, wurde endlich
zornig, herrschte sie an, sie solle mit dem Geschwtz aufhren, und
stand auf, um sich selbst bei ihrer Tochter anzumelden, da sie seine
wiederholte Frage nach ihr nur noch stotternd beantwortete.

Da sprang die Tr des Schlafzimmers auf, und der Prinz von Carignan
erschien auf der Schwelle. Aber in welcher Verfassung! -- Keuchend vor
Zorn, die Augen blutunterlaufen, den Hut schief auf der derangierten
Frisur, die eine Spitzenmanschette zerrissen -- mit der Hand krampfhaft
den Stock umklammernd und sich darauf sttzend, um das Zittern des
ganzen erlauchten Krpers besser zu prononcieren!

Als er Arundel sah, erkmpfte er mhsam, aber mit vollendeter Eleganz,
die Fassung und grte genau so reserviert, wie es die Situation
erforderte.

Ich bin entzckt, Eurer Lordschaft hier zu begegnen! lispelte er.

Ich bin auch charmiert! antwortete Seine Herrlichkeit ebenso steif
und nicht minder hflich.

Ich rume Eurer Herrlichkeit mit Vergngen das Feld, setzte Carignan
fort, und wnsche, Sie mgen es einmal ebenso befriedigt verlassen wie
jetzt ich!

Hoheit sind sehr gtig! gab der Lord zurck.

Deine saubere Tochter aber werde ich ins Dirnenhospital schicken!
Und dich auch, alte Kupplerin! schrie der Prinz der alten Campanini
zu, drohte ihr mit dem Stock und ging, ohne sich weiter um Seine
Herrlichkeit zu kmmern.

Arundel blieb stehen und sah die Mama verchtlich an.

Diese alte Frau hatte sich erlaubt, ihn zum besten zu halten -- hatte
ihn herbestellt, um ein Renkontre zu provozieren -- um ihn mit
Carignan zu brskieren und ihn durch den publiken Skandal zu zwingen,
offiziell das Protektorat des Hauses zu bernehmen! -- Das war zu plump!

-=Damn!=- sagte er, Sie haben den Prinzen von meinem Besuch
unterrichtet! -- Schweigen Sie -- Sie fhren mich nicht hinters Licht!
Sie werden auch keine Freude an Ihrer Intrige haben! Ich gehe jetzt!
Und ich wei nicht, ob ich Ihr Haus noch besuchen werde!

Da erschien Babara in der Tr -- auch sie verwirrt und aufs uerste
aufgeregt, aber in ihrem Neglig so berckend schn, da der Zorn
Seiner Herrlichkeit sofort verrauchte.

Sie floh zwar in holder Verschmtheit, als sie Arundel sah. Aber ihre
Decontenance hatte so viel Charme, da Seine Lordschaft sofort den Kopf
verlor! -- Und jetzt wute nicht nur er, sondern auch die Mama, da er
wiederkommen wrde!

Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen, Signora, sagte er und gab
ihr die Hand, die sie sofort devot kte. Aber Sie werden mich nie
wieder in eine derartige Situation bringen! Mademoiselle, Ihre Tochter
wird etwas Zeit ntig haben, um die Folgen der Aufregung zu berwinden,
denke ich. Ich komme also heute abend wieder!

Eure Lordschaft machen mich berglcklich!

An Sie denke ich berhaupt nicht! Ich will gut bedient sein! Das
Beste, was in Paris Kche und Keller vermgen! Merken Sie sich's,
Signora! Meine Brse steht Ihnen zur Verfgung!

Und ohne ihre Beteuerung zu beachten, er wrde besser als der Knig
selbst bedient werden, ging er, kaum noch grend.

Als die Signora sich von ihrer tiefen Abschiedsreverence aufrichtete,
stand Fossano vor ihr.

Aus dem Nebenzimmer, in das er schnell geschlpft war, hatte er
die ganze Szene verfolgt und trat jetzt ein, um ihre Niederlage zu
vervollstndigen.

Sie schrie leicht auf, als sie ihn sah. -- Sie erkannte ihn kaum
wieder, so sehr hatte er sich verndert seit jenem denkwrdigen Abend
in der Oper.

Der verwhnte, siegesbewute Liebling der Frauen -- das Schokind
des Glcks war aus seiner ganzen Erscheinung vertilgt. Nur noch
ein Schatten von ehedem, stand er da, die Augen flackernd und vor
ungestillter Rachsucht unheimlich aufleuchtend. Aber die Unsicherheit,
die sonst aus den grmlich verzerrten Zgen sprach, war jetzt auf
einmal verschwunden. Sonst schleichend wie ein Jger, der einem schwer
zu erlegenden Wild nachstellt -- jetzt schadenfroh lchelnd, im frohen
Vorgefhl, da er dem gehetzten Wild den Fang wird geben knnen.

Warum so ngstlich? lachte er, als er ihre entsetzte Miene sah.
Ich tue Euch nichts an, und Eurer Tochter auch nicht! Ich komme nur,
um Euch rein geschftlich zu sprechen, und zwar in Eurem eigenen
Interesse!

Wir brauchen Eure Hilfe nicht!

Mehr als Ihr denkt! sagte er, schadenfroh lchelnd. Und obwohl Ihr's
nicht wnscht! Ihr seid wohl geschickt -- Ihr versteht wohl die gute
Gelegenheit auszuntzen, die Ihr mir verdankt -- aber wie Ihr den Erls
sichern -- wie Ihr den Gefahren entgehen sollt, die Euch bedrohen, das
wit Ihr nicht! -- Ebensowenig, wie Ihr wit -- wer jetzt drinnen bei
Eurer Tochter weilt!

Bei ihr ist niemand!

Allerdings -- in Eurem Sinne -- ein Niemand, ein Tunichtgut! Aber in
den Augen Babaras mehr wert als all die Schtze, die ihr die anderen
zu Fen legen! Und ein Prinz -- ein vornehmer Herr, der Euch mit der
grten Eleganz helfen wird, Eure Ersparnisse durchzubringen! Ich
brauche nur den Namen Durfort zu nennen -- --

Er htte die Keckheit gehabt, trotz meines Verbotes --?

Er hatte die Gte, Eure Tochter von Fontainebleau hierher zu begleiten
und ihr die lange Reise zu versen! Und, da hier alles schlief,
mute er ihr ja notgedrungen auch beim Zubettgehen behilflich sein!
-- Echauffiert Euch nur nicht deswegen! -- Dergleichen kleine Launen
werden bei Babara nie ganz zu vermeiden sein. -- Das Herz mu dann und
wann auch sein Recht haben. Wenn sie sonst nur gehorsam bleibt, so ist
nichts verloren! -- Der Mann, der heute abend hier soupieren wird -- --

Ihr habt gelauscht!

Das hatte ich nicht ntig. Mylord sprach sehr laut. Und Ihr -- -- nun,
Ihr scheint mir auch das rechte Wort gefunden zu haben! Haltet Euch den
Englnder warm! Er wird Euch den Weg -- drben, in England -- ebnen!
Dort erst wird Babara zu Gold und Ehren kommen! Dort mu sie hin --
hier hat sie verspielt! Bei Hofe wird sie nicht zu Geltung kommen. --
Nach ihrem gestrigen Mierfolge sicher nicht!

Von einem Mierfolg kann bei ihr gar keine Rede sein! _=Ihr=_ werdet
wieder schlecht getanzt haben! Ihr werdet wieder versucht haben, sie
aus der Stimmung zu bringen -- von Eurer Niedertracht wre es schon zu
erwarten! Sie wird dann eben nochmals bei Hofe tanzen, aber ohne Euch!
Ihr tanzt nie wieder mit ihr, dafr sorge ich!

Und wenn sie auch nochmals dort tanzen wird -- die Augen des Knigs
werden nie wieder auf ihr ruhen, nachdem er sie einmal gesehen und
unwrdig gefunden hat!

Das ist nicht wahr!

Ich war doch dabei! Ich habe ihre Niederlage mit eigenen Augen
gesehen! Sie ist hier deklassiert! -- Sie hat hier verspielt! Geht nur
nach England -- lat sie durch Seine Lordschaft entfhren! Aber raschen
Entschlu! Schnelles Handeln, ehe der Zorn des Prinzen von Carignan
verraucht! Folgt meinem Rat! -- Mich werdet Ihr auch drben finden!
-- Nicht am Theater! -- Nein, ich habe etwas Besseres vor! Wenn mein
Engagement hier aus ist, lege ich drben in London eine Spielbank auf;
Ihr knnt partizipieren, wenn Ihr wollt! Im Handumdrehen verdoppele ich
Euer Vermgen und Ihr knnt Euch's noch auf Eure alten Tage leisten,
Eurer Tochter zu gestatten, dem Lord Arundel die Treue zu bewahren!

Hohnlachend ging er seines Weges und lie die erbitterte Signora sitzen.

Eben wollte sie gehen, um ihrer ungehorsamen Tochter den Text zu
lesen, da erlebte sie die letzte und schwerste berraschung dieses
verhngnisvollen Morgens.

Der Vertraute des Prinzen von Carignan in allen galanten Dingen, ein
gewisser Herr de Thunet, der von Seiner Hoheit Gnade existierte und auf
dessen Namen die Hotels der prinzlichen Mtressen stets gemietet waren,
trat unangemeldet herein, ein Register in der Hand und von mehreren
Helfershelfern begleitet. Ohne die Signora eines Blickes zu wrdigen,
klappte er sein Register auf, klemmte eine Hornbrille auf die Nase und
fing an, die kostbaren Meubles zu bezeichnen, mit denen er im Auftrag
Seiner Hoheit das Hotel ausgestattet hatte. Fr jedes Stck machte er
eine Aufzeichnung im Register, gab den Gehilfen einen Wink und, von
festen Fusten gepackt, wanderte das betreffende Mbel durch die Tr
hinaus, trotz der entrsteten Proteste der alten Dame.

Seine Hoheit haben nur den Wunsch, den Platz zu rumen, war alles,
was er zur Antwort gab. Denn die Mietsquittung haben Sie doch in
Hnden, und Sie bleiben doch hier?

Ich bleibe! Und die Mbel auch!

Seine Hoheit haben befohlen, fr die Meubles Seiner Herrlichkeit
des Mylord Arundel Platz zu machen, antwortete der Vollstrecker des
prinzlichen Zornes trocken und rumte in aller Gemtsruhe Zimmer nach
Zimmer aus, bis nur noch das Boudoir und das Schlafzimmer brig waren.

Da pflanzte sich die Signora mit ausgebreiteten Armen vor der Tr auf.

Nur ber meine Leiche kommt Ihr da hinein! -- Keinen Stuhl, keinen
Schemel, auch nicht das geringste Stck der Einrichtung nehmt Ihr von
dort mit!

Seine Hoheit legen keinen Wert auf die Ausstattung des entweihten
inneren Heiligtums, antwortete der alte Registrator des galanten
Inventars. Alles, was geeignet wre, peinliche Erinnerungen oder
bittere Empfindungen zu erwecken, bleibt hier und mag auch ferner der
Untreue dienen! Aber die kostbaren Spitzen aus Brabant, die alten
Juwelen und sonstigen Schmucksachen, wie sie hier verzeichnet sind --
er klappte ein zweites, noch umfangreicheres Register auf --, haben
Hoheit mir befohlen, wieder in Empfang zu nehmen!

Er fordert seine Geschenke zurck!

Hoheit erachten sich fr unwrdig, den schnen Leib Eurer Tochter zu
schmcken, den sie fortan von anderen Anbetern verzieren lassen will!
Drfte ich bitten, die Sachen herbeischaffen zu wollen und so meine
Aufgabe zu erleichtern?

Niemals! schrie die alte Frau, entsetzt, eines so ansehnlichen Teiles
ihres Gewinns beraubt zu werden. Aber sie hatte die Empfindungen ihrer
Tochter auer Berechnung gelassen.

Babara, die sich allmhlich von der berraschung erholt hatte, war
durch ihre Kammerjungfer von der Ausrumung ihres Hauses benachrichtigt
worden und trat jetzt voller Zorn aus ihrem Boudoir heraus.

Nichts -- gar nichts will ich von ihm haben, rief sie, streifte
Armbnder und Ringe ab und warf sie dem Exekutor zu. Da, nehmt nur!
Und da! Sie zeigte auf die Schatullen und Ksten, die ihre Zofe
hinter ihr hertrug. -- Schaut nur genau nach, da nichts fehlt! --
Die Roben, schnell! -- Die Spitzen -- das brokatne Zeug -- schnell,
her damit! Fort aus meinen Augen mit allem, was an diesen alten Gecken
erinnert!

Sie unterbrach ihre Rede und eilte ans Fenster, durch das sie
Peitschenknall und rollende Rder gehrt hatte.

Ich wte nicht, da ich den Wagen befohlen htte! rief sie, schwieg
aber pltzlich, als sie das hhnende Lcheln des Abgesandten ihres
bisherigen Gebieters sah.

Die Mhe haben Seine Hoheit Ihnen abzunehmen geruht! sagte er
spttisch. Mademoiselle werden es unzweifelhaft vorziehen, eine andere
Equipage bei Dero Ausfahrten zu benutzen? Die Stallungen des Hotels
sind klein. Das Palais Soissons bietet mehr Platz! Seine Herrlichkeit,
Mylord Arundel, bevorzugen ja das Vollblut, und die Schimmel meines
Gebieters wrden schwerlich Gnade vor seinen Augen gefunden haben!
-- Auch den Goldfchsen Seiner Herrlichkeit wnschen Hoheit Platz zu
schaffen. Und so beehre ich mich, seine Entschlieung mitzuteilen, da
er auf die Auszahlung der Mademoiselle zugesicherten Rente von tausend
Louis von heute ab verzichtet!

Womit der brave Thunet sein Register zuklappte und nach einer steifen
Verbeugung das nunmehr leere Zimmer verlie, das der aus allen Himmeln
gestrzten Signora Campanini nicht das geringste Mbel mehr darbot, auf
das sie htte in Ohnmacht sinken knnen!

Wir sind blamiert! Wir sind vor aller Welt lcherlich gemacht!
seufzte sie.

Wenn's nur aller Welt gefllt, mich in Ruhe zu lassen, mir soll's
recht sein!

Womit willst du den Lord Arundel empfangen? Auf der Erde kannst du
nicht mit ihm soupieren!

Lord Arundel wird eben nach Hause geschickt! sagte Babara gelassen.

Du bist eine Undankbare! -- Du wirst mich noch ins Grab bringen! Ach,
ich Unglckliche! Ach, ich Armselige! Httest du nur nicht Fossano vor
den Kopf gestoen! Dem Elenden verdanken wir dies alles!

Ich werde es ihm auch zu danken wissen! Einen greren Gefallen als
heute htte er mir nicht erweisen knnen!

Du redest wie eine Irrsinnige!

Ich rede wie eine, die bis jetzt im Traum gelebt hat und pltzlich
erwacht! So ist's! Denn jetzt sehe ich klar, wo ich war und wo ich
nicht mehr sein will! Und ich freue mich, endlich frei zu sein! Dies
ganze abscheuliche Leben, zu dem ihr -- du und er -- mich gezwungen
habt, widert mich an! Ekel ist alles, was ich dabei empfunden habe! --
Ekel vor mir selbst -- Ekel vor einer Welt, die ihre Gunst nur um den
Preis der Selbstschndung verkauft! Das soll jetzt aber ein Ende haben!
Das mache ich nicht mehr mit!

Was willst du denn tun? -- Wovon gedenkst du zu leben?

Von meiner knstlerischen Leistung! Die soll man mir bezahlen -- meine
Person aber fortan in Ruhe lassen! Ich kann das verlangen!

Dann kennst du die Welt nicht!

Dafr wei ich mit mir Bescheid. Und auch, da ich niemals den Gipfel
der Kunst erklimmen werde -- niemals das Gttliche erreichen, was mir
im Augenblick des knstlerischen Rausches vorschwebt, wenn ich noch
an ueren Erfolg und Schtzesammeln denke! Niemals werde ich das
Gefhl der Erdenschwere los, das mich auch in den Augenblicken der
hchsten Wonne herabzieht -- wenn ich nicht mit aller Macht gegen das
Lotterleben ankmpfe, in das du -- und jener Elende mich hineingezogen
habt!

Sie kehrte der alten Frau den Rcken, setzte sich an den Schreibtisch,
warf rasch ein paar Zeilen auf einen Briefbogen hin, faltete ihn
zusammen, schrieb die Adresse, klingelte und reichte ihn der Zofe.

An Mylord Arundel! sagte sie. Sofort durch Boten hinsenden! Und
-- da du's dir merkst --, knftig bin ich fr niemand zu Hause! Der
Marquis von Thibouville, der Prinz von Gobriant, der Herzog von Durfort
-- alle ohne Ausnahme werden sie fortgeschickt! Und du auch, auf der
Stelle, falls du dich unterstehst, auch nur einen einzigen zu melden,
unter welchem Vorwand es auch sein mag! -- Halt! rief sie der Zofe
zu, die sich eben entfernen wollte. -- Geh noch zur Oper, melde mich
krank! -- Sterbenskrank, verstehst du? -- Ich tanze heute nicht und
morgen auch nicht! Auch kannst du ein Wort fallen lassen, da ich,
sobald ich meine Krfte wiedergewonnen habe, Paris verlasse und nach
London gehe!

Die Zofe ging.

Die Mama fand endlich Worte.

Du denkst in allem Ernst daran, nicht mehr aufzutreten?

Ich betrete die Oper nicht mehr! Ich werde auch bei Hofe nicht mehr
tanzen!

Aber der Befehl des Knigs?

Gilt nur fr seinen Generalinspekteur der Oper! Mag er sehen, wie er
den Befehl befolgen kann! Mich kmmert's nicht!

Er hat die Macht, dich zu zwingen!

Nichts kann mich zwingen, wenn ich nicht will! Das wird der Prinz
zu wissen bekommen! Ich tanze nicht, und wenn er mich kniefllig um
Verzeihung bittet! Ich werde ihn schon klein kriegen!

Und dann setzte sie sich endlich hin, um ihre Schokolade zu trinken,
und trllerte vergngt wie ein aus dem Bauer entschlpfter Vogel!




12


Der Prinz von Carignan sa in seinem Kabinett und lie sich von seinem
Sekretr Vortrag halten. Seine Stirn war gefurcht, die Haut gelb von
der bergetretenen Galle, die Augen blickten trbe.

Die Spielbank ging schlecht. Der Pchter lieferte keine berschsse ab.
Die Oper spielte vor leeren Husern. In der Theaterkasse war kein Sou
zu finden. Paris war in Aufruhr. Die feine Welt revoltierte gegen das
Regiment des Theatergewaltigen. Sein Thron wankte.

Fast zu gleicher Zeit hatte er drei seiner leuchtendsten Sterne
verloren. Die Camargo war ihm mit einem Verehrer durchgegangen. Madame
Sall, erzrnt wegen ihrer Zurcksetzung zugunsten Barberinas in
Fontainebleau, hatte ihm ihr Abschiedsgesuch, und zwar durch einen
Gerichtsbeamten, zustellen lassen.

Was ihm noch blieb, war nicht zugkrftig genug.

Htte er wenigstens die Barberina, dann wre der Verlust der anderen
zu verschmerzen! Aber die war immer noch krank und weigerte sich
aufzutreten.

Noch immer keine Besserung? fragte er betrbt den Sekretr.

Leider nicht! Wir haben ihr aber ein unfehlbares Heilmittel
verabreichen lassen! Der Befehl, nchste Woche in Versailles zu tanzen,
ist ihr gestern zugegangen! Das wird sicher helfen!

Und wenn sie sich weigert?

Sie wird sich hten!

Du kennst sie eben nicht! Sie ist launenhaft und rachschtig. Sie wird
mich sicher in Verlegenheit bringen wollen! Mir ahnt nichts Gutes! --
-- Wir knnen aber nicht unsere Position durch ihre Launen erschttern
lassen! Der Knig wrde mir einen Ungehorsam gegen seinen Befehl
niemals vergeben! Es wre die sichere Ungnade! Sie mu in Versailles
tanzen und wenn die Welt darob zugrunde gehen mte! Wir mssen sie
vershnen!

Wie gedenken Eure Hoheit das zu tun?

Geschenke! -- Geld! -- -- Das vermag alles!

Wir haben kein Geld!

Wir haben unseren Schmuck -- wir haben unsere Gemldegalerie!

Hoheit wollen sich von den Schtzen der Galerie trennen?

Wenn wir sterben, mssen wir es sowieso! -- Und ich ziehe den Tod der
kniglichen Ungnade vor! Du sollst die Gemlde zu Geld machen!

Zu Befehl!

Den Erls schickst du ihr! Auch das Gespann und die Equipage! Und
schreibe ihr, ich bedauerte den Vorfall von neulich! Die Aufregung,
in der ich mich befand, war ja nur zu erklrlich! Ich will aber
darber hinweggehen und ihr wieder die Rente auszahlen lassen! Noch
heute vormittag mu alles erledigt sein! Morgen hltst du mir Vortrag
darber!

Der Sekretr eilte, die Befehle auszufhren. Der Prinz lie sich in
den Garten hinaustragen und gab Befehl, den ganzen Vormittag niemand
vorzulassen auer Signore Fossano, den er zu sich befohlen hatte.

Fossano kam. Er sah nicht ohne Genugtuung die Spuren der Verheerung,
die die Aufregung bei seinem erlauchten Nebenbuhler hinterlassen hatte.

Sie haben mich da in eine schne Situation gebracht, mein
Lieber! sagte der Prinz leicht vorwurfsvoll. Man ist derartigen
Gemtserschtterungen nicht mehr gewachsen! Sie sind auch schwer mit
dem guten Ton vereinbar! Dergleichen geht man am besten aus dem Wege!
-- Sie hatten es aber so schlecht arrangiert, da wir es nicht mehr
konnten!

Geruhen denn Eure Hoheit einzusehen, da auch ich in eine derartige
Aufregung versetzt werden konnte? Und da es mir dadurch unmglich
gemacht wurde, so gut zu tanzen wie sonst?

Wenn das der Zweck Ihrer Demonstration war, so haben Sie ihn erreicht!

Eure Hoheit wollen also auch glauben, da ich jene Schwche
niedergekmpft habe und jetzt ganz wieder der alte bin?

Keinesfalls! Wer einmal den Kopf verliert -- --

Der nimmt sich ein anderes Mal in acht, wenn er in dieselbe Situation
kommt! -- Wollen Eure Hoheit mich auf die Probe stellen?

Ich kann Sie unmglich wieder bei Hofe tanzen lassen!

Trotzdem wage ich, darauf zu bestehen! Jetzt eben bin ich es meiner
Reputation schuldig, dort zu zeigen, was ich kann! Sonst ist's um meine
Karriere geschehen!

Das interessiert uns nicht! Sie mssen fr sich selbst sorgen! Sie
waren eben schlecht! Warum haben Sie nicht besser getanzt?! Sie mssen
die Folgen tragen!

Das werde ich auch tun! Eure Hoheit knnen aber versichert sein --
wenn ich nicht in Versailles tanze, dann wird es Barberina auch nicht
tun!

Carignan richtete sich im Sessel auf.

Ach, sieh nur! Sie drohen uns gar! Ja, sagen Sie einmal, haben Sie
sich denn mit ihr vershnt?

Weit entfernt!

Dann will ich Ihnen etwas sagen! Sie hat mir in Fontainebleau
kategorisch erklrt, da sie nie wieder mit Ihnen tanzen wird!

Das wei ich! Sie soll es aber tun! Sie wird mit mir tanzen oder
berhaupt nie wieder auftreten!

Sie planen doch keinen Anschlag auf sie?

Hoheit knnen unbesorgt sein!

Wie wollen Sie's denn bewirken?

Ich brauche gar nichts zu tun!

Ich verstehe Sie nicht!

Wenn ich spreche, werden Hoheit verstehen!

Also sprechen Sie!

Wenn ich spreche, wird sie tanzen! Wenn ich schweige, tanzt sie nicht!

So sprechen Sie doch!

Erst mu ich die Zusage Eurer Hoheit haben, in Versailles tanzen zu
drfen!

Unmglich!

Hoheit werden es bereuen! Barberina tanzt nicht -- das bedeutet den
Zorn des Knigs wegen Nichterfllung seines Befehls! Aber Hoheit wissen
das ebensogut wie ich!

Also reden Sie!

Hoheit kennen die Bedingung!

Mein Gott, Sie eigensinniger Mensch! Wenn's durchaus sein mu --
meinetwegen knnen Sie gern tanzen!

Das Ehrenwort Eurer Hoheit!

Sie werden dreist!

Was ich wei, rechtfertigt die Dreistigkeit!

Nun denn, Sie haben mein Ehrenwort! Aber Sie mssen sich gut halten!
Die richtigen hfischen Pirouetten! Keine Seitensprnge wie das
letztemal! Ich bitte mir das aus!

Hoheit knnen sich auf mich verlassen!

Schn! Und jetzt reden Sie!

Barberina hat mit Mylord Arundel ausgemacht, in der allernchsten Zeit
Paris zu verlassen und nach London zu gehen!

Sie fabeln!

Heute frh ist der Diener des Lords nach Calais geritten, mit dem
Befehl, berall Postpferde zu bestellen! Von morgen ab liegt ein Kutter
zur berfahrt nach Dover bereit!

Wir werden das zu verhindern wissen! brigens wird sie jetzt schon
anderen Sinnes sein!

Hoheit meinen?

Ich habe guten Grund, es mit Bestimmtheit anzunehmen! sagte Carignan,
mit einem schmerzhaften Seufzer an die Opfer denkend, die er dafr
bringen mute. Warten Sie's nur ab! Sie werden sehen! Ich verstehe es,
Widerspenstige zu zhmen. Adieu, mein Lieber! Es bleibt bei unserer
Verabredung! Aber -- wie gesagt -- die richtigen Pirouetten! -- Keine
Extempores! Keine Extravaganzen!

Fossano ging.

Der Sekretr kehrte wieder mit der betrbenden Nachricht, da die
Barberina sich weigere, ihn zu empfangen. Sie wolle von Seiner Hoheit
nichts wissen, keine Botschaft in Empfang nehmen -- kurz, ihm war in
der schndesten Weise die Tr gezeigt worden.

Carignan raste. Aber es half nichts! Er mute in den sauren Apfel
beien und in hchsteigener Person zu ihr fahren, um Bue zu tun. Sonst
wre es um ihn geschehen!

Er fuhr also in Begleitung des Sekretrs hin und wurde von Mama
Campanini im leeren Salon empfangen.

Ich kann Hoheit leider nicht bitten, Platz zu nehmen! sagte sie mit
der Miene einer Dulderin und zeigte auf den Fuboden. Aber Hoheit
haben selbst fr den Mangel an Sitzgelegenheit gesorgt!

Halten wir uns darber nicht auf, bitte! Ich will ja alles wieder
gutmachen. Warum lt man denn meinen Boten unverrichtetersache wieder
zurckkehren? Geld, Schmuck, Gespann, Equipage -- die ganze Einrichtung
-- alles kann sie wieder haben! Und die Rente auch!

Das nimmt sie nur von ihren Freunden an!

Mein Gott, ich bin doch ihr Freund! -- Ich schtze sie nach wie vor!
Ich war einen Augenblick alteriert! -- Ich wurde von einer Situation
berrascht, in der ich nicht erwartet htte, mich befinden zu mssen!
Aber es ist ja alles wieder gut! -- Ich versichere -- ich bin ihr gar
nicht bse! Sie soll nur hereinkommen!

Sie ist noch krank vor Aufregung!

Gegen die Krankheit bringe ich eben das beste Heilmittel mit! Holen
Sie sie nur her!

Sie wird nicht kommen! Als der Sekretr vorhin hier war, hat sie mir
rundweg erklrt, sie wrde sich von Eurer Hoheit nicht einmal die Hand
kssen lassen. Nicht einmal um hunderttausend Francs!

Das ist stark! Haben _=wir=_ etwa den Handku angeboten? Wir
verzichten gern auf jede Intimitt! Wir haben aber nicht ntig, hier
zu bitten! -- Du bringst mir auf der Stelle deine Tochter her! Ich,
ihr Chef, befehle es! Und es wrde sowohl ihr wie dir teuer zu stehen
kommen, wenn ihr meine Geduld noch lange auf die Probe stellt!

Das half. Die Signora eilte in das Boudoir, und nach einigem Zgern
lie sich Barberina dazu herbei, vor dem Antlitz des gestrengen Herrn
Chefs zu erscheinen.

Sie lie sich aber durchaus nicht imponieren.

Sie war kalt, abweisend, sah ihn kaum an, wies jeden seiner Versuche,
sie zu begtigen, ab und bat ihn schlielich, sie in Ruhe zu lassen.
Sie wre noch leidend! Sie knne keine Aufregung vertragen! Sie wolle
sich wieder hinlegen!

Aufbrausend versuchte er es auch bei ihr mit dem Ton des Vorgesetzten.
Sie lachte ihn aber aus.

Da verlor er die Fassung gnzlich und verlegte sich aufs Bitten! Sie
knne ihm jede Bedingung stellen! -- Sie msse aber bei Hofe tanzen!
Sie drfe ihn nicht ins Unglck strzen! Die Ungnade wre ihm gewi!

Dann tanze ich erst recht nicht! lachte sie, und die Schadenfreude
leuchtete ihr aus den Augen.

Das gab ihm die Fassung wieder.

Dann brauche ich Gewalt! rief er. Entweder Sie tanzen, oder ich
lasse Sie und Ihre Mutter verhaften!

Ohne Grund? Das knnen Sie nicht!

Ich habe Grund genug! -- Ich wei von Ihren Fluchtplnen mit Lord
Arundel! Meine Polizei ist schon in Bewegung, hat schon berall
verboten, Ihnen Postpferde zu geben und das Auslaufen aller Schiffe aus
dem Hafen von Calais bis auf weiteres untersagt! Beim ersten Versuch,
zu entweichen, sind Sie verhaftet, und Seine Lordschaft auch! Sie
werden schon berwacht! -- Wollen Sie also tanzen?

Ich sehe ein -- ich mu der Gewalt weichen! Ich werde also tanzen!
Aber Eurer Hoheit Geschenke und die Rente nehme ich nicht wieder an!
Ich verlange eine geordnete Stellung auf Grund meiner knstlerischen
Leistungen! Mindestens fnfhundert Louis Gehalt monatlich! Und
ebensoviel fr das eine Mal in Versailles!

Carignan bi sich auf die Lippen. Er dachte an die leeren Kassen seiner
Theater. Aber er sah keinen anderen Ausweg und willigte ein.

Khn gemacht durch den Erfolg, verlangte sie noch die Aufhebung aller
polizeilichen Manahmen.

So dumm sind wir nicht! sagte der Prinz lchelnd. Unsere Polizei
wird ein wachsames Auge auf Sie haben, Signorina! Bis Sie am Hofe
getanzt haben! Dann wollen wir sehen! Studieren Sie jetzt fleiig Ihre
Tnze mit Fossano!

Mit Fossano?! Nimmermehr!

Sie mssen ihn als Partner in Versailles haben!

Nein, nein! Er wrde mir alles verderben! Wenn Hoheit darauf bestehen,
tanze ich nicht! Ich lasse mich lieber kpfen!

Nun, so erlassen wir's Ihnen! Er mag ein Solo tanzen! Ich habe
brigens fr diesen Fall schon John Rich aus London als Gast engagiert!
Er wird kommen, Sie kennen ihn sicher dem Namen nach? Der berhmte
Harlekin des Coventgardentheaters! Er wird Ihnen glnzend sekundieren,
Signorina!

Ich tanze auch mit ihm nicht! Ich will den jungen Riccoboni! Er tanzt
mir mehr zu Gefallen! Er hat mehr Talent als all die andern!

Nun denn, in Gottes Namen, tanzen Sie mit Riccoboni! Wenn Sie blo
tanzen, ist's mir gleich, mit wem! Ich htte mir dann den Rich ersparen
knnen! Er wird aber schon unterwegs sein! -- Na, das sind alles
Bagatellen! Gehen Sie zur Ruhe, Signorina! Pflegen Sie Ihre Tochter,
Signora! -- -=Au revoir=-, meine Damen! Lassen Sie sich's gut gehen!

Und Hoheit ging, froh, den Verkauf seiner Gemldegalerie noch
rckgngig machen zu knnen und der kniglichen Ungnade so leichten
Kaufs entronnen zu sein.

       *       *       *       *       *

Barberina tanzte in Versailles vor der Knigin und dem versammelten
Hofe und errang einen glnzenden Erfolg.

Der Knig erschien aber nicht zur Vorstellung. Er hatte an dem Abend
ein greres Interesse an den Staatsgeschften als an den Reizen
Barberinas und blieb der Veranstaltung fern.

Barberina war auer sich. Carignan nicht weniger.

Aber er hielt Wort.

Nach dem Auftreten Barberinas in Versailles hob er die polizeiliche
berwachung auf. Und sie versumte nicht, sich das zunutze zu machen.

John Rich, der berhmte Londoner Tnzer, hatte ihr von London
vorgeschwrmt. Er verstand es, ihren knstlerischen Ehrgeiz
aufzustacheln und spiegelte ihr ganz andere Triumphe vor als die der
Galanterie, die sie jetzt bis zum berdru satt hatte.

Pltzlich eines Tages war sie verschwunden.

Der Herzog von Carignan erledigte eben die Kassenrapporte des
vorhergehenden Tages und war voller Freude, weil die Oper jetzt, nach
dem Wiederauftreten Barberinas, allabendlich ausverkauft war.

Da brachte man ihm die Nachricht von ihrem Entweichen.

Das war zuviel!

Die Sall, die Camargo -- das hatte er verschmerzen knnen! Aber jetzt
auch noch die Barberini!

Nach all den Opfern! Nach all den Demtigungen!

Seine Hoheit traf auf der Stelle der Schlag!

Barberina aber tanzte nach den Gestaden Albions hinber. Und Fama flog
vor ihr her mit der Kunde von ihrem Schnheitsflecken und ihren anderen
galanten Vorzgen!




                             Drittes Buch

                             Hahnenkampf




13


Seine Herrlichkeit Lord Stuart-Wortley-Mackenzie trat heute etwas
spter als sonst seinen tglichen Spazierritt an.

Er zeigte seinem Sohn, der ihn begleitete, ein ungewhnlich
aufgerumtes Wesen und unterhielt sich lebhaft, fast freundlich, mit
ihm.

Der junge Lord war nicht wenig erstaunt darber. Bis jetzt war er
gewohnt, von seinem alten Herrn mehr als ein notwendiges bel behandelt
zu werden. Heute aber kam er sich vor, als sei er pltzlich ein gutes
und lohnendes Geschft geworden -- ein reicher Gewinn im Spiel oder so
etwas!

Nach Beendigung des Rittes beliebte Seine Herrlichkeit einen andern
als den blichen Weg einzuschlagen. Statt geradeswegs nach seinem an
der Sdseite des Parks gelegenen Palais zu reiten, warf er sein Pferd
herum, lenkte es geradeswegs nach Piccadilly, bog in die Saint James
Street ein, kam nach Pall Mall, wo mehrere der reichen Kaufleute ihre
Wohnhuser hatten, und hielt vor einem der reichsten und prchtigsten
an.

Ein wohlbeleibter, rotwangiger Hauswart in prunkvoller Livree trat auf
die Treppe heraus.

Sir Josuah zu Hause? fragte der Lord, stieg auf die bejahende Antwort
des Hauswarts vom Pferd, warf dem Groom die Zgel zu und betrat, von
seinem Sohn gefolgt, die gerumige, mit allerlei exotischen Trophen
und Waffen geschmckte Halle.

Der Hofmeister, der ihnen auf der Treppe zur ersten Etage entgegenkam,
zeigte dem vornehmen Besuch unter vielen devoten Verbeugungen den Weg
und fhrte die Herren in die Bildergalerie, wo sie der Hausherr, der
sehr ehrenwerte Sir Josuah Crichton, Groreeder und Mitglied des Hauses
der Gemeinen, erwartete. Er empfing sie freundlich, aber wrdevoll, und
stellte ihnen seine Tochter vor -- eine kleine, hbsche Blondine mit
dem blichen, slich nichtssagenden Gesicht.

Die gebruchlichen Phrasen ber Wind und Wetter wurden gewechselt. Auch
erkundigte man sich, wie schicklich, nach dem derzeitigen Wohlbefinden.
Dann zogen sich die alten Herren auf Anregung Sir Josuahs nach der
Bibliothek zurck, um ihr Geschft zu besprechen, und lieen die
beiden jungen Leute allein!

Das Geschft betraf eben das Lebensglck jener beiden Menschenkinder,
die sich bis jetzt nicht gesehen hatten -- die aber, wenn die Herren
Vter einig wurden, ihre gegenseitigen Vorstellungen vom Lebensglck in
Einklang zu bringen haben wrden -- ob's ihnen pate oder nicht.

Zeit genug blieb ihnen dazu.

Denn die beiden alten Herren hatten gewichtige ideelle und materielle
Interessen gegeneinander abzuwgen. Sie waren beide darauf bedacht,
das Tauschgeschft mglichst vorteilhaft zu gestalten. Und da ist ein
ehrlicher Kaufmann mit dem Anpreisen seiner Ware nicht im Handumdrehen
fertig! Seine Herrlichkeit gab sich auch redlich den Anschein,
mglichst wenig Interesse am Zustandekommen des Geschfts zu nehmen.

Er schlug mit der Reitgerte den Staub von den Schen seines
goldgestickten, grnen Rocks, legte sie nebst Hut und Handschuhen auf
den groen mit Bchern und Zeitschriften bedeckten Tisch, setzte sich
gravittisch in einen groen Sessel und blickte etwas zerstreut den vor
ihm stehenden dicken Sir Josuah an, dessen kleine uglein ihm aus dem
hochroten, wohlgenhrten Gesicht schlau entgegenblinzelten, indes er
sich vergngt die Hnde rieb.

Sie finden mich hier, Sir Josuah, begann Seine Lordschaft, um die
zwischen uns schwebende Angelegenheit ein letztes Mal zu besprechen und
-- so oder so -- endgltig zu erledigen! -- Zunchst mchte ich Ihnen
erffnen -- --

Ich bin ganz Ohr! rief Sir Josuah lebhaft, zog einen Sessel nher
und setzte sich ebenso wrdevoll zurecht. Aber beileibe nicht, um es
Seiner Herrlichkeit gleichzutun, sondern nur, um seine wei gepuderte
Staatspercke nicht gegen die Stuhllehne zu drcken. Wenn Eure
Herrlichkeit also die Gnade haben wollen --

Sie wissen, da das Haus der Stuarts von alters her zu den Sttzen
der Torys gehrt?! -- Mein Vater trat aus berzeugung der Partei der
Whigs bei, was unserem Zweig des Hauses den Unwillen der ganzen brigen
Verwandtschaft zuzog. Wir haben einiges darunter zu leiden gehabt!
Wir lassen uns aber nicht von unserer berzeugung abbringen! Man
hofft es allerdings -- man gedenkt meinen Sohn wieder ins Torylager
hinberzuziehen! -- Denn wenn der ltere Zweig ausstirbt, was sehr
bald zu erwarten ist, dann ist mein Sohn der Erbe des riesenhaften
Vermgens. Und das mchte die Partei der Torys, der ja mein Vetter
leider noch angehrt, sich zunutze machen!

Das mchte ich verhindern. Ich will nicht nur ihn selbst fest an unsere
Sache ketten, ich mchte vor allem den Parteifreunden meines Vetters
schon jetzt mglichst klar zu Gemte fhren, da sie in politischer
Hinsicht von uns nichts zu erhoffen haben. -- Sie verstehen, Sir
Josuah?

Sir Josuah rieb sich die Hnde.

Gewi, Mylord, ich verstehe, und ich freue mich ber die
uneigenntzige Treue Eurer Herrlichkeit unserer Partei gegenber!

Das Wort uneigenntzig sprach Sir Josuah mit einer leichten
Anzglichkeit aus, die Lord Stuart sofort in Harnisch brachte.

Sie meinen das hoffentlich ernst, Sir Josuah?

Gewi!

Schn! -- Ich htte sonst die Unterredung abbrechen mssen! -- Geld
und Geldeswert haben bei den Entschlieungen eines Stuart nie eine
Rolle gespielt! Ein Stuart war stets bereit, unter Hintansetzung aller
materiellen Vorteile dem Rufe der Ehre zu folgen! -- Wo Sie in der
Geschichte Englands hinblicken -- in der grauen Vorzeit -- bei den
Kreuzzgen, unter Wilhelm dem Eroberer -- in den Kmpfen der Roten und
der Weien Rose -- bei der glorreichen Revolution -- berall sehen Sie
meine Ahnen das Banner ritterlicher Gesinnung hochhalten und ihr Blut
fr die Ehre Englands vergieen! -- Unser Stammbaum wurzelt tief in der
Vergangenheit! Aus dem Clan der Stuarts sind Knige hervorgegangen! --
Unser Haus ist eins der wenigen, die, ohne den guten Geschmack und die
guten Manieren zu verlieren, die Periode der Heuchelei unter Cromwell
und seinen Rundhuptern berlebt haben! -- Und wenn wir uns dann
entschlossen zu der Partei der Whigs schlugen, so war es keinesfalls,
um persnliche Vorteile einzuheimsen, sondern es geschah aus der
berzeugung, da bei den Whigs der Fortschritt liegt, und da nur auf
dem von ihnen betretenen Wege die Gre und die Ehre Englands zu wahren
ist! -- Wenn Sie mich jetzt also bereit finden, in die Verehelichung
Ihrer Tochter mit meinem Sohne zu willigen -- --

Mylord verzeihen, unterbrach ihn Sir Josuah, der sich durchaus nichts
vergeben wollte -- Mylord verzeihen, wenn ich darauf aufmerksam zu
machen wage, da eine solche fr mich gewi sehr ehrende Einwilligung
doch wohl vorher genau zu berlegen wre!

Sie meinen? -- Lord Stuart richtete sich in seinem Sessel auf. Ihrer
Familie kann eine Verbindung mit dem Hause Stuart doch nur Ehre
bringen! Und was mich betrifft, so mchte ich nur bemerken, da ein
Stuart nichts ohne reifliche berlegung zu tun pflegt!

Ich bezweifle das durchaus nicht, sagte Sir Josuah beschwichtigend.
Aber trotzdem mchte ich Euer Herrlichkeit anheimstellen, sich
_=meine=_ Ahnen doch auch etwas nher anzusehen, ehe wir daran gehen,
unsere Stammbume sozusagen in denselben Garten zu verpflanzen!

Sie belieben zu scherzen!

Durchaus nicht!

Wie soll ich das denn verstehen?

Beileibe nicht so, da ich da irgendwie Vergleiche ziehen mchte!

Das will ich auch hoffen!

Wir haben es ja vorlufig nur bis zum Baronet gebracht! Mein Vater
war noch ein einfacher Gentry! Er hat sich nicht trumen lassen, da
bereits ich mir einen Sitz im Hause der Gemeinen kaufen wrde. Den
Luxus konnte er sich noch nicht gestatten! -- Fr meine Person bin ich
denn auch am Ziel meines Ehrgeizes! Aber meinen Nachkommen mchte ich
noch nach Krften den Weg ebnen! Und so sehr ich die _=Ehre=_ einer
Verbindung mit dem Hause Stuart schtze, die Vorteile, die sie realiter
mit sich bringt, sind mir, aufrichtig gesagt, bei dem Geschft die
Hauptsache!

Sie schielen wohl bereits nach einem Sitz im Hause der Lords? Die
Krone eines Peers von England ist aber nicht um Geld zu haben!

Aber sie ist zu haben.

-=Par la grace de Dieu!=-

Die Gnade des Knigs gengt mir! Und da reicht der Einflu des Hauses
Stuart wohl bis an die Stufen des Thrones!

Der Einflu unseres Hauses stand unseren Freunden und Verwandten stets
zur Verfgung! Also werden auch Sie mit ihm rechnen knnen -- hoffe
ich!

Fr meine Person habe ich keine Wnsche! -- Ich habe aber einen Sohn!

Wenn Ihr Sohn sich ebenso wie sein Vater um England verdient macht,
findet er sicher den Einflu meines Hauses auf seiner Seite! --
brigens aber wollten wir nicht von Ihrem Sohn, sondern von Ihrer
Tochter sprechen!

Ganz recht! Und nachdem ich Eurer Lordschaft Ansichten erforschen
und eine so befriedigende Erklrung entgegennehmen durfte, liegt
meinerseits nichts mehr im Wege, da wir auch in dieser Beziehung die
Unterhaltung fortsetzen!

Lord Stuart rmpfte die Nase! Die geschftsmige Art gefiel ihm nicht.

Sir Josuah sah es, lie sich aber nichts anmerken, sondern fuhr in
aller Gemtsruhe fort:

Ich bin eben Ntzlichkeitsmensch wie mein Vater und meine Vorfahren!
Und das ist _=mein=_ ganzer Stolz! -- Weit zurck reichen, wie ich
schon zu bemerken die Ehre hatte, bei uns die Ahnen von Geburt nicht!
-- Die haben wir uns erst geleistet, als sich auch bei uns die
Notwendigkeit einstellte, den von uns aufgebauten Teil des Wohlstandes
Englands auch nach auen hin mit dem gebhrenden Glanz zu vertreten!
Aber unser Stammbaum ist darum nicht weniger alt! Er wurzelt genau so
tief in der grauen Vorzeit und in der Vergangenheit Englands wie der
Eurer Herrlichkeit!

Was Sie sagen!

Eurer Herrlichkeit Vorfahren schlugen sich fr die Ehre und den
Glanz und hatten fr anderes keine Zeit. Die Brosamen, die _=sie=_
verschmhten, sammelten _=meine=_ Ahnen ein, Krume fr Krume. Das hat
lange gedauert! Dann aber -- als das erste Schiff gebaut werden konnte
-- dann ging's schneller. Der Heringsfang lohnte sich! Bald gingen
unsere Schiffe -- denn sie vermehrten sich rasch -- auf Robbenfang
aus, und jetzt hat unser anfangs so unansehnlicher Stammbaum tausend
Spitzen -- tausend Mastbume --, die alle die Flagge Old-Englands ber
die Meere tragen! -- Hunderte von Schiffen sendet meine Reederei heute
mit Gtern beladen nach allen Windrichtungen aus -- die meisten mit
Glck!

Ich wei߫, sagte Lord Stuart trocken. Wenn Sie's fr ntig halten,
dieses Thema zu berhren, so kann ich nicht umhin, zu sagen, da Ihr
sonst gewi sehr ehrenwertes Haus es sich wohl leisten knnte, auf
den Sklavenhandel zu verzichten! Mit Heringen und mit Robben kann man
handeln -- mit Menschen nicht! Sie kennen meine Ansichten in dieser
heiklen Frage?

Ich kenne sie und respektiere sie! Ich bin aber ein
Ntzlichkeitsmensch, wie ich schon die Ehre hatte, zu sagen! Das Geld
ist mir gut, wo es auch herkommt! -- So lange Sdamerika >schwarzes
Elfenbein< verlangt, wird die Ware beschafft; und da sehe ich nicht
ein, warum ich andern Leuten ein gutes Geschft berlassen sollte, das
ich ebensogut selbst machen kann! Um so weniger, da die paar Schiffe,
die ich auf die Trade eingestellt habe, ebensoviel einbringen wie alle
die anderen zusammen!

Trotzdem sollten Sie damit aufhren!

Soll ich das so verstehen, da Eure Lordschaft diese Forderung als
Bedingung aufstellen?

Lord Stuart antwortete nicht.

Ich wrde auf die Bedingung nicht eingehen knnen, sagte Sir Josuah
resolut. Dank jenem schwarzen Elfenbein schlo ich im vorigen Jahre
mit einem Reingewinn von zweihunderttausend Pfund ab! Ich werde nicht
so dumm sein, auf das schne Geld zu verzichten!

Sie wissen, da unsere Partei eine Bill gegen den Sklavenhandel
eingebracht hat?

Ich wei! Aber auch, da es gewi Jahrzehnte dauern wird, ehe eine
solche Bill Gesetz wird!

Ich hoffe doch nicht!

Ich schon! Aber wenn die Bill jemals Gesetz werden wrde, _=davon=_
knnen Eure Lordschaft berzeugt sein, da der derzeitige Chef des
Hauses Crichton & Co. sich dem Gesetze fgen wird!

Diese Versicherung beruhigt mich! Ich sehe, wir werden uns ber den
Sklavenhandel einigen! Reden wir also weiter!

Dann mchte ich zunchst das gtige Anerbieten, auf Eurer Lordschaft
Besitz Mackenzie-Hill eine Hypothek begeben zu drfen, mit Dank
annehmen!

In den Augen Stuarts leuchtete es auf.

Mackenzie-Hill mu ausgebaut werden, sagte er zgernd. Es soll der
Wohnsitz meines Sohnes nach seiner Verehelichung werden. Sie lassen
also die zwanzigtausend Pfund darauf eintragen?

Sobald wir im brigen einig sind, liegt der Betrag zur Verfgung
von Eurer Herrlichkeit Gutsverwaltung. Meiner Tochter gebe ich
hunderttausend Pfund in die Ehe mit! -- Auerdem eine jhrliche Rente
von zehntausend Pfund!

Wollen wir uns bei den Geldangelegenheiten nicht weiter aufhalten,
sagte Stuart, um den Schein zu wahren. Mein Haushofmeister wird das
alles mit Ihnen in Ordnung bringen! Es ist alles richtig so! Machen
Sie's nur, wie Sie soeben sagten! Sie werden es zu schtzen wissen, in
enge Beziehung zu unserem alten Hause zu treten!

So darf ich mir denn erlauben, Eurer Lordschaft Haushofmeister die
Dokumente zur Prfung und Unterschrift zu geben?

Bitte, tun Sie das! Sobald er sie gutgeheien hat, werde ich
unterschreiben, und die Sache ist in Ordnung!

Whrend der Dauer dieser Prliminarien waren die beiden jungen Leute,
die durch jene Dokumente aneinandergekettet werden sollten, in der
Bildergalerie mit dem Studium ihrer werten Persnlichkeiten beschftigt.

In sportlichen Angelegenheiten waren sie bald einig. Mi Betsy liebte
das Ballspiel ebenso leidenschaftlich wie der junge Lord Be߫, wie er
in der Familie genannt wurde. -- -=In puncto=- Pferde waren sie auch
eines Sinnes und konstatierten mit beiderseitiger Genugtuung, da die
Fuchsjagden auf den Gtern des Sir Josuah Crichton eine ebenso illustre
Gesellschaft zu vereinigen pflegten wie die Veranstaltungen Seiner
Lordschaft. An beiden hatten bereits Prinzen von Geblt teilgenommen.
In der Poesie waren sie auch eines Sinnes, beide gleichbewandert in
den dichterischen Erzeugnissen, die zu kennen der gute Ton von ihnen
verlangte! -- Sie konnten berdies die alten Balladen rezitieren,
spielten beide vollendet die Laute und einigten sich bald darber,
da die Gavotte -= la cour=- und das Menuett, wie sie am Hofe
des lebenslustigen Prinzen von Wales getanzt wurden, den steifen
altmodischen Tnzen am kniglichen Hofe vorzuziehen seien.

Kurz: alle Bedingungen einer glcklichen Ehe waren vorhanden. Bis auf
eine Kleinigkeit. -- Mi Betsy hatte zu tief in die dunkelblauen Augen
eines jungen Landedelmannes geblickt und suchte in den hbschen Zgen
des jungen Lords vergebens nach dem hausbacken treuherzigen Ausdruck,
der ihr lieb geworden war, und von dem ihr Herz einzig und allein
eingenommen werden konnte! Und dem jungen Lord war wiederum _=sie=_
herzlich gleichgltig und ebenso uninteressant wie all die anderen
jungen Damen, die er kannte.

Was die wrdigen alten Herren miteinander zu besprechen hatten, wuten
sie beide -- auch, da sich daraus aller Wahrscheinlichkeit nach eine
Ehe zwischen ihnen ergeben wrde! -- Da das eine Sache war, die mit
der Liebe nichts zu tun hatte, wuten sie gleichfalls!

Dem jungen Lord war die Liebe nur eine modische Redensart, die ihm noch
nicht gelufig geworden war, und deren vergngliche Seite er kaum erst
-=par renomme=- kannte! -- Insofern war er eine Merkwrdigkeit seiner
Zeit -- streng gehalten und noch jung an Jahren.

Sie war da weit gewitzigter! -- Ihr war das Eheproblem bereits bis zu
der Frage vorgeschritten: -- ob ihr zuknftiger Herr und Gebieter ihr
die Freiheit verstatten wrde, auch als seine Gattin den lndlichen
Neigungen ihres Herzens zu folgen oder nicht? -- Eine Frage allerdings,
die vor der Trauung weder gestellt noch beantwortet werden konnte --
deren Lsung sie aber der ruhigen und hflichen, fast bescheidenen Art
des jungen Lords in fr sich gnstigem Sinne ohne weiteres entnehmen
zu knnen glaubte. Sie gedachte der Ksse ihres geheimen Verehrers und
ihres Treuschwurs, nur ihn zu lieben -- war aber im brigen bereit,
sich als gehorsame Tochter dem vterlichen Entschlu zu fgen! -- --
In diesem Sinne verstattete sie sich sogar eine gewisse Annherung,
fhrte ihren Zuknftigen aus der Galerie in den Palmengarten, zeigte
ihm ihre Papageien und Affen, lud ihn ein, auf ihrer Lieblingsbank
Platz zu nehmen und sang ihm da, zur Laute, das alte Lied Robin Adair
vor -- sang es mit viel Empfindung, und dachte dabei wehmtig an das
bitterbse Schicksal, das nicht jenem jungen Landedelmanne beschert
hatte, ein Lord zu sein -- den sie auch heiraten durfte!

  Treu und herzinniglich,
  Robin Adair,
  Tausendmal gr ich dich,
  Robin Adair,
  Hab' ich doch manche Nacht
  Schlummerlos zugebracht,
  Immer an dich gedacht,
  Robin Adair!

  Mancher wohl warb um mich,
  Robin Adair,
  Treu aber liebt ich dich,
  Robin Adair,
  Mgen sie andre frein,
  Will ja nur dir allein
  Leben und Liebe weihn,
  Robin Adair!

So sang sie, und der junge Lord wurde dabei von einer ihm nicht recht
erwnschten Empfindung beschlichen.

Sie hatte ja eine ganz hbsche Stimme und sang mit viel Gefhl! -- Ihre
Augen wurden dabei feucht -- ihre Wangen glhten! -- Als wohlerzogener
Mensch konnte er nicht umhin, das Lied auf sich zu beziehen! -- Er
berlegte sich's schon in allem Ernst, ob er es nicht seinerseits auch
zu einer Annherung kommen lassen mte?! -- Ein Handku schien ihm
schon unumgnglich! -- Da, zum Glck, erschienen die beiden Vter, die
inzwischen einig geworden waren, und machten seiner Verlegenheit ein
Ende.

Das Lied -- das anscheinend intime Zusammensitzen der beiden -- alles
schien den alten Herren fr eine glatte Abwickelung des Geschfts zu
brgen!

Schmunzelnd trat Sir Josuah auf seine Tochter zu, teilte ihr in aller
Form mit, da Seine Herrlichkeit ihm die groe Ehre erwiesen htte, um
ihre Hand fr seinen Sohn zu bitten, sowie, da er seine Zustimmung
bereits gegeben htte.

Seine Herrlichkeit hatte denn auch die Gnade, ihr die Stirn zu kssen
und sie als Tochter zu begren, und zwar ohne sie um ihre Meinung zu
befragen. Er bergab ihr einen prachtvollen Schmuck, den er bereits
mitgebracht hatte, und legte dann ihre Hand in die seines Sohnes, der
sie gehorsamst annahm und sie formell kte.

Nachdem Lord Stuart die ganze Familie Crichton auf den heutigen
Abend zum Diner geladen hatte, verabschiedete er sich, nahm den
frischgebackenen Brutigam mit, schritt wrdevoll, wie er gekommen, die
Treppe hinab, bestieg sein Pferd und ritt denselben Weg zurck.

Unterwegs regte sich im Busen des jungen Lords so etwas wie eine
Empfindung, da auch er ein Mensch fr sich sei! -- Im Hydepark
angelangt, beurlaubte er sich pltzlich von seinem gestrengen Herrn
Vater, dem er glaubte fr heute gengend Gehorsam gezeigt zu haben! --
Er wollte sich noch in den Alleen des Parks ergehen und erst spter
nach Hause kommen.

Der Groom nahm sein Pferd am Zgel und folgte dem alten Herrn nach dem
Palais. Und Lord Be war endlich allein mit seinen Gedanken.

Er schlenderte durch den Park, ohne Ziel, sah zerstreut dem bunten
Treiben zu und bog dann, ermdet von dem Trubel, in einen entlegeneren
Weg ein.

Die Bume gaben hier mehr Schatten und gestatteten keinen weiteren
Ausblick. -- Die Wege schlngelten sich zwischen dichtem Gebsch hin.
Die Grostadt war hier kaum zu hren. Weit und breit war kein Mensch zu
sehen.

Be dachte nicht mehr an das soeben Erlebte. Er war froh, fr einen
Augenblick dem Zwang entschlpft zu sein, in dem sein gestrenger Herr
Vater ihn bis jetzt unnachsichtlich gehalten hatte.

Das heutige Ereignis hatte fr ihn keine andere Bedeutung, als da
er die Fesseln der vterlichen Beaufsichtigung mit denen der Ehe
vertauschen sollte! -- -- Ein notwendiges bel nur war's, das eine
wie das andere, und keines Gedankens wert! Fr den Augenblick fhlte
er sich frei wie ein Schuljunge, der sein tgliches Pensum absolviert
hatte! Und das war ihm die Hauptsache!

Er trieb sich ohne Ziel herum und war eben im Begriff, den Weg nach
Hause einzuschlagen, als er pltzlich laute Hilferufe hrte. -- Schnell
lief er nach der Richtung, aus der die Rufe kamen, und sah auf einem
Seitenweg eine junge Dame, die von zwei Mnnern fortgeschleppt wurde.
In der Nhe hielt ein verschlossener Wagen.

Eine Entfhrung also am hellichten Tage!

Er lief hinzu, so schnell er konnte, zog den Degen und schlug auf die
Bsewichter ein, die ihr Opfer sofort freilieen und, ohne sich zur
Wehr zu setzen, eiligst an den Wagen liefen, den Pferden die Zgel
gaben und in vollem Trab davonjagten.

Be wandte sich der berfallenen zu, die noch keuchend vor Aufregung
dastand.

Es war ein reich gekleidetes, etwas fremdlndisch anmutendes junges
Mdchen von hohem, schlankem Wuchs. Mit der Leichtigkeit einer
Sylphide, und mehr schwebend als gehend, kam sie auf ihn zu und reichte
ihm die Hand.

Mein Herr, wie soll ich Ihnen nur danken knnen, sagte sie in
gebrochenem Franzsisch, mit einer Stimme, in deren sonorem, etwas
verschleiertem Klang der berstandene Schrecken noch nachzitterte. --
-- Sie haben mir das Leben gerettet!

Er stand da, stumm, ohne etwas sagen zu knnen, und hielt die kleine
Hand fest, deren kaum fhlbarer Druck ihn wie ein elektrischer Schlag
durchzitterte. Er blickte in ein Paar schwarze, wundervolle Augen,
deren Glanz noch von den Trnen erhht wurde, er sah ein jugendliches
Gesicht, frisch wie ein Pfirsich, sah die roten, schn geschwungenen
Lippen bezaubernd lcheln und schlo die Augen, um nicht der Versuchung
nachgeben zu mssen, sie sofort zu kssen! -- Was sie ihm sagte, hatte
er nicht gehrt, nur den Klang ihrer Stimme vernommen, der noch wie
liebliche nie zuvor gehrte Musik in ihm nachzitterte und ihn in se
Aufregung versetzte.

So stark war der Eindruck, da er, von einem pltzlichen Schwindel
gefat, wankte und sich an einen Baum sttzen mute.

Mein Gott! -- Fallen Sie nur nicht in Ohnmacht! lachte die
silberhelle Stimme wieder. Man knnte ja denken, nicht Sie htten
mich, sondern ich Sie gerettet!

Das haben Sie auch! rief Be mechanisch und wiederholte mechanisch
wie im Traum: Sie haben mich gerettet! -- Sie haben mich gerettet! --
-- Gott sei Dank!

Die Liebe war wie ein Blitz des Himmels in seine Seele gefahren und
hatte sein ganzes Wesen in Flammen gesetzt. Vor einigen Minuten noch
ein Traumwandler, der sich von fremden Mchten hin und her treiben
lie, war er jetzt zum selbstndigen Leben aufgewacht! -- Er sah den
Weg und empfand zum ersten Male voll das Glck, da zu sein.

Sie sah seine Aufregung und zog ihre Hand aus der seinen.

Ich bin Ihnen zu groem Dank verpflichtet, mein Herr! sagte sie
nochmals. Mein Leben lang werde ich Ihre Schuldnerin sein! Ich darf
Sie aber nicht lnger aufhalten!

Tun Sie's nur! -- Tun Sie's nur!

Ich habe Verpflichtungen, die ich erfllen mu! sagte sie. Die Zeit
eilt! Wenn Sie aber Ihre Gte noch so weit ausdehnen mchten, mich zu
meiner Snfte zu begleiten, wre ich Ihnen dankbar!

Ohne seine Antwort abzuwarten, legte sie ihren Arm in den seinen und
fhrte ihn, mehr als er sie, den Weg zurck von der entlegenen Stelle
des Parks zu dem Platz, wo ihre Snfte wartete.

Viel zu kurz dnkte ihn der Weg. Ehe er recht zur Besinnung kam, hatte
sie sich verabschiedet, sich in die Snfte gesetzt und den Trgern ein
paar Worte zugerufen. Und er stand da und blickte ihr gro nach und war
nicht sicher, ob die ganze Begebenheit ein Traum war oder nicht.

In ihm jubelte es aber auf! Und um ihn war die ganze Natur wie
verwandelt. Noch niemals hatte der Garten so strahlend schn dagelegen
-- niemals zuvor war die Luft so voll von Wohlgerchen oder das Atmen
so leicht! -- Und das Zwitschern der Vgel gab nur das Echo zu dem
Aufjauchzen in seinem Innern, verstrkte es und trieb es zu einem
einzigen Aufschrei unbndigster Lebenslust.

Ein anderer Mensch, kam er nach Hause.

Die Fesseln waren abgefallen. Was ihn bis jetzt beengt hatte,
existierte nicht mehr, oder war unwesentlich geworden! Wo er hinsah,
sah er nur das liebliche Bild, das ihm soeben begegnet war! -- Wo er
hinhrte, hrte er nur den silberhellen Klang ihrer Stimme! -- Es war
ihm unmglich, einem Gesprch zu folgen, und nur mit Mhe konnte er
sich so weit zusammennehmen, da er auf direkte Fragen Antwort gab.

Das Diner verlief einfrmig. Lord Stuart freute sich, da sein
Sprling -- wie er dachte -- darauf bestrebt war, die Wrde
seines Standes zu wahren. -- Die junge Braut war entzckt von der
vielversprechenden Gleichgltigkeit, die ihr zuknftiger Herr und
Gemahl ihr zeigte, und tat in ihrem Herzen das Gelbde, ihn nie auf
andere Gedanken zu bringen.

Nur Sir Josuah war unzufrieden. Er fand seinen zuknftigen Eidam mehr
als lblich dumm und berlegte noch, wie er sein gutes Geld gegen diese
geistige Minderwertigkeit schtzen sollte.

Aber das Essen war glnzend, die Weine ebenso. Und ehe man sich
trennte, hatte man sich schon dahin geeinigt, die beiden Neuverlobten
am nchsten Tag miteinander ins Theater zu schicken, damit sie sich so
allmhlich nher kmen!

Sir Josuah hatte bereits eine Loge im Coventgardentheater genommen,
und man sollte die groe Sensation der Saison, die Tnzerin Barberini,
sehen.

Am folgenden Nachmittag holte Be seine Braut ab. Er kutschierte selbst
das Sechsergespann und machte erst eine Spazierfahrt in den Park, um
sich auch da mit ihr ffentlich zu zeigen.

Kurz vor Beginn der Vorstellung langten sie in Coventgarden an und
suchten ihre Loge im ersten Rang auf.

Die Vorstellung begann, und da Be ebenso gleichgltig und zerstreut
war wie beim gestrigen Diner, so konnte seine Braut sich ungestrt dem
Zuhren widmen!

Die Vorstellung schien dem jungen Lord endlos zu sein. Er konnte es
kaum noch abwarten, die junge Dame wieder nach Hause bringen zu drfen,
und wre gern sofort aufgebrochen. Aber sie schien Vergngen an der
Auffhrung zu finden. Und seufzend fgte er sich in sein Schicksal!

Endlich kam das Ballett.

Haben Sie die Barberini schon gesehen, Mylord? fragte die junge Dame,
um einmal ein Wort zu sagen.

Nein! antwortete Be, errtete aber dabei, als htte er eine Lge
gesagt. Warum, war ihm unfalich, denn er glaubte die Wahrheit
gesprochen zu haben! Aber jenes Gefhl kam wohl nur davon, da diese
ihm hchst gleichgltige junge Dame an seiner Seite ihn durch ihre
bloe Anwesenheit irritierte! -- Er wute in ihrer Gegenwart kaum noch
mit sich Bescheid und wnschte sie im stillen dahin, wo der Pfeffer
wchst!

Der Vorhang ging auf und machte allem Fragen ein Ende.

Der Regisseur trat vor und teilte dem Publikum mit, das pantomimische
Ballett msse leider heute ausfallen, da Demoiselle Barberini noch
unter den Folgen ihres gestrigen Unfalles leide! Sie wrde heute nur
ein Menuett, einen schottischen Tanz und eine Tarantella tanzen und
liee um die Nachsicht des Publikums bitten.

Das Parterre knurrte und schien nicht bel Lust zu haben, dem Regisseur
auch ttliche Antwort zu geben! -- Die Apfelsinenmdchen machten
reiende Geschfte und sahen in kurzem ihre Krbe leer von den auch als
Wurfgescho beliebten Frchten.

Aber die Ankndigung, da John Rich, der alte Liebling des Publikums,
als Ersatz einen -=Saylor boys=- und ein paar seiner Grotesktnze
zugeben wrde, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Unruhe legte sich, und
die Vorstellung konnte weitergehen.

Anfnglich blickte Be kaum hin, sondern sa im Hintergrund der Loge,
in Gedanken vertieft, und die gingen alle zurck zu dem Gegenstand des
gestrigen Abenteuers, von dessen Lieblichkeit er noch ganz erfllt
war. Schlielich aber glitten seine Blicke auch nach der Bhne -- und
da, von den wiegenden Rhythmen getragen, schwebte ihm eine Erscheinung
entgegen, bei deren erstem Anblick ihm alles Blut zum Herzen strmte.

Sie -- _=sie=_ war's!

Er htte zu ihr hinunterspringen mgen, sich ihr zu Fen werfen -- sie
in die Arme nehmen und forttragen -- irgendwohin, gleichviel wo, wenn
er sie nur den Blicken all dieser Leute zu entziehen vermchte, die
sie mit ihrem Entzcken verfolgten, beleidigten, ja entweihten! Allein
wollte er sie anbeten, ihr in seiner Seele einen Tempel errichten, wo
sie allein herrschen sollte und er als ihr erster und einziger Diener
der Vermittler zwischen ihr und dem brigen Leben auf dieser Erde sein
wrde!

Er sa ganz still und wagte kaum zu atmen! Seine Blicke hingen wie
festgebannt an ihr. Jede Linie, jede Biegung des schmiegsamen Krpers
fesselte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt. -- Als sie aber wie
ein Schmetterling ber die Bhne flatterte und fast in seine Loge
hineinfliegen zu wollen schien, da fuhr er auf und streckte die Arme
gegen sie aus. Und er htte jenen Unhold, mit dem sie tanzte, ermorden
knnen, als er sie packte und mit seinem Raub davonstrmte.

Er schrie auf vor Wut ob der Beifallsstrme des Publikums!

Nur fr ihn durfte sie da sein, nur fr ihn tanzen! Ihm allein kam die
Anbetung und die Verehrung zu! Das schien ihm von allem Anfang an so
bestimmt! -- Der Himmel hatte sie ihm gesandt -- hatte ihr gegeben,
ihm die Augen zu ffnen, und zwar nur, um in ihr das Hchste und
Schnste im Leben zu verehren und daran selbst zur vollen Entfaltung
seines Selbst zu erblhen!

So heftig uerte sich sein Unwille ber die Zudringlichkeit des
Pbels, da es der Aufmerksamkeit seiner Gefhrtin nicht entging. Um so
weniger, da sie selbst mit Eifer an den Beifallsuerungen teilnahm.

Sie mgen sie nicht? fragte sie und blickte ihn erstaunt an. Und er,
der frchtete, sich verraten zu haben, griff dankbar nach ihrer Deutung
seines Benehmens und antwortete mit einem bestimmten Nein!

Das wundert mich, sagte die junge Dame in geringschtzigem Ton.
Ihresgleichen hat man, soviel ich wei, noch niemals in London
gesehen! Sie ist ja ein Wunder von Anmut und Grazie und tanzt mit einer
Vollendung, die mich ganz entzckt!

Zu dieser Belehrung schwieg Be wohlweislich. Mehr als ber deren
Inhalt freute er sich ber den khl berlegenen Ton, in dem sie
gegeben wurde! Und er nahm sich vor, sein mglichstes zu tun, um noch
mehr in ihrer Achtung zu sinken. Er war zu gut erzogen, um ihr zu
widersprechen, lie aber auch kein Wort der Zustimmung laut werden.
Und das schon war in ihren Augen ein unverzeihlicher Mangel an der
schuldigen Galanterie.

Schweigend stand sie auf, lie sich von ihm zum Wagen fhren, sagte
unterwegs kein Wort und machte nicht Miene, ihn zu berreden, als er
die hfliche Einladung Sir Josuahs zum Souper ausschlug. Zum Erstaunen
ihres Vaters lie sie ihn seines Weges gehen.

So waren sie bereits wegen Barberina entzweit, wenn auch in ganz
anderem Sinne, als es noch kommen sollte. Keinen Augenblick lnger
mochte er in der Nhe eines anderen weiblichen Wesens weilen, am
allerwenigsten da, wo er zum berflu noch gebunden war.

Nach Hause mochte er aber auch nicht fahren.

Er wute jetzt, wer seine Angebetete war -- er mute aber auch mehr
wissen als den bloen Namen. Und so entschlo er sich, trotz seines
Widerwillens gegen geruschvolle Gesellschaften, zum erstenmal,
den Aufforderungen seiner jungen Standesgenossen nachzukommen, und
lie sich nach einem Gasthaus fahren, wo die jungen Leute von Welt
zusammenzukommen pflegten.

Er wurde mit Begeisterung empfangen und sah sich bald als Mittelpunkt
eines Kreises junger Leute des hchsten Adels, die eine sehr angeregte
Unterhaltung fhrten, bei der ihre galanten Abenteuer hauptschlich den
Gesprchsstoff abgaben.

Selbstverstndlich wurde da auch der Name Barberinas genannt.
Allerdings mit einem gewissen Unterton von Enttuschung! Denn keiner
der jungen Herren konnte sich rhmen, von ihr irgendeine Gunstbezeugung
erlangt zu haben. Und sie war schon die zweite Saison in London.

Man hatte sich alles mgliche ber ihr Vorleben erzhlen lassen. Der
junge Lord Albermale zeigte sich besonders gut unterrichtet -- er hatte
sein Wissen von Lord Arundel, der ihr in Paris -- wie man sagte --
nicht ohne Erfolg den Hof gemacht hatte! -- Er hatte sie sogar selbst
dort kennengelernt. Und wer wei, wie es gekommen wre, wenn nicht
ihre pltzliche Abreise nach England ihm jede weitere Gelegenheit zu
einer Annherung abgeschnitten htte! Hier hielt sie sich ja hermetisch
abgeschlossen. Es sei aber ein grndliches Miverstndnis ihrerseits,
wenn sie dchte, dem englischen Geschmack dadurch entgegenzukommen, da
sie sich zu einer Heiligen zu entwickeln suchte!

Man denke sich nur: -- eine Heilige, die, aus der Entfernung, mit den
Beinen predigte! Sie wrde dem Himmel schwerlich Proselyten zufhren,
wenn sie sich nicht entschlsse, ihnen schon auf Erden eine Kostprobe
der Seligkeit zu geben!

Die lachende Zustimmung der brigen verstummte, als zum allgemeinen
Staunen Lord Stuart fr die gelsterte Schne eintrat.

Er gebe nichts auf Verleumdungen -- er mchte Lord Albermale empfehlen,
auch diese Vorsicht walten zu lassen! Wer in der ffentlichkeit
stnde und gar, wie die Barberini, ein Gegenstand der besonderen
Aufmerksamkeit des Publikums sei, entginge solchem Gerede niemals!
Es brauche deshalb nicht auf Wahrheit zu beruhen! Er she nicht ein,
warum eine junge Dame -- denn das sei die Tnzerin unzweifelhaft --,
warum sie nicht in Paris ebenso musterhaft gelebt haben sollte wie hier
in London! Auf das Gerede eines als eitlen Gecken und leichtsinnigen
Lebemann, wie Lord Arundel, bekannten Gentleman wre nichts zu geben!
Und er knne Lord Albermale den Vorwurf nicht ersparen, wider besseres
Wissen diese, den Ruf einer jungen Dame krnkenden Gerchte aus rger
wegen Nichterfllung galanter Wnsche weiterzuverbreiten! Das wre
zum mindesten nicht edel und vertrge sich schlecht mit ritterlicher
Gesinnung! Er selbst wre jederzeit bereit, fr sie -- und zwar in
jeder Weise -- einzutreten! Er wrde aber keinesfalls lnger dulden,
da ber ihre Tugend und ihre Keuschheit lsterlich geredet wrde!
Am allerwenigsten von jungen Leuten, deren persnliche Erfahrung
sie eigentlich zwingen mte, ihr das glnzendste Tugendzeugnis
auszustellen, wenn ihre verletzte Eitelkeit sie nicht daran hindern
wrde!

Diese ruhig, aber mit einer unter dem Ernst deutlich wahrnehmbaren
Leidenschaft vorgebrachte Rede Lord Stuarts bereitete der Frhlichkeit
der jungen Dandys ein jhes Ende.

Alle blickten Lord Albermale an, dem es als Angegriffenem zukam, dem
jungen Herrn die gebhrende Antwort auf seine Dreistigkeit zu geben.

Sie blieb nicht aus.

ber die Tugend und Keuschheit der betreffenden jungen Dame htte ich
lngst aus eigener Erfahrung sprechen knnen, wenn nicht das unerbetene
Dazwischenkommen eines jungen Fants mich gehindert htte!

Sie, Mylord, Sie waren es, der jenen Schurkenstreich gegen sie
plante? rief Stuart -- jene Entfhrung, die ich noch rechtzeitig
vereiteln konnte!

Ich war so frei, sagte Albermale ruhig. Aber auch ohne da Sie
sich jetzt als unerbetener Retter zu erkennen gegeben htten, wrde
ich es nicht verabsumen, von Ihnen volle Genugtuung fr Ihre mich in
meiner Ehre verletzenden Worte zu verlangen! Ich empfinde aber die
Verpflichtung, Sie erst durch Tatsachen zu berzeugen! Ich will also
sofort den Beweis fr die Wahrheit meiner Behauptungen fhren!

Das wird Ihnen niemals gelingen! rief Stuart heftig.

Im uersten Falle wird meine Degenspitze fr das Gelingen zu sorgen
haben! erwiderte Albermale ruhig. Ich hoffe aber zuversichtlich, der
Mhe berhoben zu werden, einen jungen Edelmann, den ich sonst schtze
und achte, in solch empfindlicher Weise fr einige unbesonnene Worte
zu zchtigen! Als Mann von Ehre werden Sie sich nicht versagen knnen,
die von mir gebotenen Beweise entgegenzunehmen und mir dann volle
Genugtuung zu geben!

Sie knnen berzeugt sein, da ich Ihnen jede Genugtuung geben werde,
die Sie zu verlangen haben, soweit sie sich mit den Gesetzen der Ehre
vertrgt! -- Es wird Ihnen aber nie und nimmer gelingen, mich zu
berzeugen!

Folgen Sie mir nur, und Sie werden eines anderen belehrt werden!
In Whites Schokoladenhaus wird zur Zeit von einem frheren Tnzer,
Fossano, Bank gehalten! Er wei genau Bescheid ber sie! Gehen wir zu
ihm!

Gehen wir! -- riefen die anderen, denen die Abwechselung willkommen
war. Und Stuart folgte, obwohl mit Widerwillen. Denn auf das Zeugnis
derartiger Leute war seiner Ansicht nach nicht viel zu geben!

In Whites Schokoladenhaus trafen sie mit Spielern aus allen
Gesellschaftsschichten zusammen. Der Hochadel war zahlreich vertreten.
Shne reichgewordener Kaufleute, die Beziehungen nach oben anknpfen
wollten, suchten auf dem Nahweg durchs Spielhaus etwas rascher einige
Sprossen der gesellschaftlichen Leiter zu berspringen. Glcksritter
aller Nationalitten, Spieler -=ex professo=-, machten sich die
Gelegenheit zunutze, den alten gefestigten Feudalbesitz zur Ader zu
lassen. Und die galanten Damen fehlten selbstverstndlich auch nicht.
Es wurde viel und gut gegessen und getrunken -- das Eintrittsgeld war
auch danach bemessen. In einem greren, dafr reservierten Saale
hatte der ehemalige Tnzer und jetzige Bankhalter seine Spieltische
aufgestellt.

Lord Albermale gelang es nach einigem Warten, mit seinen Freunden an
den Tisch heranzukommen, wo Fossano selbst Bank hielt. Sie stellten
sich ihm vor, nahmen Karten, und das Spiel begann.

Auf Barberina! rief Albermale bermtig und warf eine Handvoll
Goldstcke auf Pik-Dame.

Vorsicht, Mylord! lachte Fossano. Eure Herrlichkeit werden
verlieren! -- Die Dame Barberina hat noch niemand Glck gebracht --
auer dem Bankhalter!

Albermale verlor auch prompt. Die Pik-Dame echappierte mit seinem Gold!

Ihr Zeuge lt Sie bse im Stich, Mylord! sagte Stuart trocken.

Wieso?

Die von Ihnen benannte Dame hat doch eklatant gezeigt, da sie fr
Geld nicht zu haben ist!

Das hngt ganz vom Betrag ab! trstete Fossano, strich die verlorenen
Einstze ein, zahlte aus, wo zu zahlen war, und gab neue Karten.

Auf die Summe soll's mir nicht ankommen! erwiderte Albermale und
warf eine ganze Brse hin. Er verlor nochmals.

Ich wiederhole es, Mylord -- die Gegenliebe dieser Dame ist nicht fr
Geld zu haben! sagte Stuart noch nachdrcklicher. Bei ihr ist der
Einsatz das Leben!

_=Der=_ Einsatz wird hier nicht angenommen! entgegnete Fossano.
Und -- bei ihr wird er auch nicht verlangt! -- Gengend Geld und gut
gemachte Gelegenheit waren bis jetzt alles, was ntig war!

Du lgst! schrie Stuart, der auf einmal die Selbstbeherrschung verlor.

Mein junger Herr, ich wei nicht, wie Sie dazu kommen, mit mir in dem
Tone zu reden! -- Sie wissen von ihr nichts! Wenn irgendeiner, mu
aber ich mit ihr Bescheid wissen! Denn ich war ihr Lehrer! -- Ich habe
sie ausgebildet -- in der Kunst des Tanzens wie in all dem anderen!
-- Ich habe sie in die Welt eingefhrt -- ich habe sie an den Hof von
Frankreich gebracht -- sie war meine Geliebte -- sie wurde vom Prinzen
von Carignan, von Lord Arundel und von vielen anderen ausgehalten -- --

Sie hren, Lord Stuart?

In der kurzen Zeit von zwei Monaten hatte sie schon vierzehn
Liebhaber, von denen man wute!

Du lgst, du Hund von einem Falschspieler! rief Stuart auer sich.
Und im berma seiner Aufregung warf er den Tisch um, da Geld und
Karten auf dem Fuboden rollten, zog den Degen und schwang ihn im
Kreise um sich herum.

Wer noch ein Wort ber sie spricht, ist des Todes! schrie er.

Ich frchte den Tod nicht, sagte Albermale ruhig, und bin sicherlich
imstande, mich meines Lebens zu wehren, wenn's sein mu! Ich stehe
Ihnen zur Verfgung! Hier ist aber nicht der Ort, wo Edelleute ihre
Hndel auszutragen pflegen! -- Wollen Sie nur die Gte haben, Ihre
Zeugen zu benennen. Ich werde desgleichen tun. Und das Weitere werden
diese Gentlemen dann vereinbaren!

Ich sende sie Ihnen, sagte Stuart, und hoffe, Sie schon morgen
bereit zu finden! Es geht aber auf Leben und Tod! Denn wer, wie
Sie, aus verletzter Eitelkeit die Ehre einer Dame durch den Schmutz
schleift, verdient kein Erbarmen!

Sie haben die Beweise gehrt!

Das Wort jenes Glcksritters, der sein ritterliches Wappen Gott wei
wo gestohlen hat, gilt mir nichts!

Reisen Sie nach Paris, junger Herr, sagte Fossano, berzeugen Sie
sich!

Und wenn ganz Paris und ganz London aufstnden, um gegen sie zu zeugen
und zu erklren, ihre Gunst genossen zu haben, so erklre ich, Lord
Stuart, sie alle fr Lgner und Betrger! -- Diese Dame ist rein wie
ein Engel des Himmels! -- Ich brauchte ihr blo ein einziges Mal in
die Augen zu blicken, um zu wissen: -- hier, in dieser Seele, wohnt
die Tugend, der kein Erdenschmutz etwas anhaben kann, wie nahe er ihr
auch kommt! -- Speit eure schmutzigen Verleumdungen ber sie aus! --
Ertrnkt sie in all dem Unrat eurer Seelen -- sie wird aus dem Schlamm
emportauchen wie ein Schwan, rein und makellos und ohne Flecken auf dem
weien Gefieder! Zieht sie nur mit Gewalt zu euch hinab! _=Ihr=_ kann
das nichts anhaben -- sie bleibt keusch und unberhrt trotz allem! --
Sie hat sich noch niemand wahrhaft ergeben, dafr setze ich die Ehre
meines Namens als Pfand ein und verteidige ihre Ehre mit meinem Leben!

Und damit ging er.

Die anderen folgten. Gespielt wurde sowieso nicht mehr nach der
unliebsamen Unterbrechung. Fossano lie Geld und Karten einsammeln,
rechnete mit seinen Markren ab und ging gleichfalls.

Er verga aber nicht, sich vorher Kunde zu verschaffen von Zeit und Ort
des bevorstehenden Zweikampfes, dessen Details Lord Albermale noch auf
der Stelle mit zweien seiner Freunde geordnet hatte.

Mit dieser groen Neuigkeit wartete er gleich am anderen Morgen der
Mama Campanini auf.

Freut Euch, Signora! rief er gleich in der Tr. Eure Tochter wird
endlich auch hier in London ihren Weg machen!

Die Mama sah von ihrem Gebetbuch auf, in das sie vertieft war,
und dessen Zahlenreihen sie eben zum soundsovielten Male zrtlich
beugelt hatte. -- In so dichten Kolonnen marschierten sie nicht auf
wie in Paris. Aber immerhin mchtig genug, um dem Leben jeden Wunsch
abzutrotzen.

Sie wissen doch, Signore -- begann sie von oben herab --

Chevalier -- korrigierte er mit Nachdruck.

Meinetwegen auch Marquis, sagte sie trocken. Auch wenn Sie sich
vergolden lassen, so ndert das nichts daran, da wir Sie hier zu Hause
nicht zu sehen wnschen! Meine Tochter hat nicht den Willen, noch
irgendwie mit Ihnen in Berhrung zu treten! -- Und da das Haus ihr
gehrt, mu ich mich danach richten! Wir mssen unsere Geschfte wie
sonst abwickeln!

Trotzdem konnte ich mir nicht das Vergngen versagen, Ihnen heute die
groe Neuigkeit brhwarm zu servieren! Und obwohl es nicht der Erste
des Monats ist, bringe ich Ihnen heute schon Ihren Anteil am Gewinn
mit!

Er hielt ihr einen wohlgefllten Beutel hin und lie das Geld darin
klirren. Der Klang des Goldes verfehlte seine Wirkung nicht. Die Alte
nahm ihn, schttelte ohne weiteres das Geld aus, zhlte es durch und
trug die Zahlen in ihr Gebetbuch ein.

Ihr solltet mir Euer ganzes Vermgen anvertrauen, Signora, sagte
Fossano. Bei mir verzinst es sich besser als in der Bank von England!

Mag sein! antwortete sie. Aber in der Bank von England liegt es
sicherer! Euch traue ich nicht ber den Weg, das wit Ihr! Gebe ich
Euch alles, so verschwindet Ihr auf Nimmerwiedersehen! Jetzt riskiere
ich nur das, was wir zur Not entbehren knnen, obwohl Ihr's eigentlich
gar nicht verdient, da ich Euch irgendwie aushelfe!

Ihr verkennt mich, Signora, lachte Fossano, um Eure Hilfe ist's mir
nicht zu tun, wenn ich Euch etwas bei mir verdienen lasse! Ich empfand
so etwas wie Reue, als ich Euch das Anerbieten machte!

Ihr?!

Ja! Mein Dazwischentreten in Paris hatte die gewi nicht beabsichtigte
Wirkung, Eure Tochter auf die Bahn der Tugend zu drngen! Ich hielt es
fr eine Schrulle, eine augenblickliche Laune, als sie im ersten rger
mit allen ihren Adorateuren brach! Aber es scheint mir doch ihr Ernst
gewesen zu sein! Und so war es ja nur meine Pflicht, Euch den durch
mich verursachten Ausfall an Einnahmen wieder hereinbringen zu helfen!

An Eure gute Absicht glaube ich nimmermehr! sagte die Mama, die jetzt
mit dem Nachzhlen des Geldes fertig war. Sie stand auf, schlo den
Beutel in ihren Sekretr ein und wandte sich wieder an ihn. -- Ihr
brauchtet eben mein Geld, um Eure Spielbank einzurichten!

Geld hatte ich genug!

Dann wolltet Ihr also nur mit uns in Verbindung bleiben, um Euch
gelegentlich an uns rchen zu knnen! -- Ihr hat meine Tochter! Ihr
schreibt ihr Eure Niederlage in Paris zu, die Eurer Laufbahn als Tnzer
ein Ziel setzte! Ihr wollt nicht einsehen, da Ihr fertig wart -- da
Ihr, alt und verbraucht, nur noch an Eurem groen Namen zehrtet!

Weder alt noch verbraucht! Wenn ich aufrichtig sein soll, ich hatte
die ganze Sache satt!

Ihr wart eben nicht mehr der erste! Ihr wurdet von meiner Tochter in
den Schatten gestellt, so ist es! Und nun, wo sie sich mit ihrer ganzen
Leidenschaftlichkeit ihrer Kunst widmet und ganz dem Vergngen entsagt,
nun schleicht Ihr hinter uns her und sucht nur nach Gelegenheiten, uns
zu schaden -- oder wartet zum mindesten darauf, da ihr ein Unglck
zustoen wird, damit Ihr Euch freuen knnt!

Da brauche ich nicht lange zu warten, lachte Fossano, wenn, wie Ihr
sagt, das meine ganze Sehnsucht ist! Wenn nicht alle Zeichen trgen,
steht ihr jetzt etwas bevor, das ihr bald jede Lust an der weiteren
Ausbung ihrer Kunst benehmen wird! Nun bin ich aber nicht so bsartig,
wie Ihr denkt! Ich bin sogar gekommen, um ein Unglck zu verhten!

Sieh nur! sagte die Alte und blickte mitrauisch zu ihm hinber! Das
schne Mrchen wollt Ihr mich glauben machen!

Hrt nur zu! Der Galan Eurer Tochter -- --

Meine Tochter hat keinen Galan! Das wit Ihr ebensogut wie ich!

Ich wei jedenfalls: es war Euch sehr schmerzlich, da sie vorgab,
allen galanten Abenteuern entsagen zu wollen! Sie macht das Geschft
eben ohne Euch!

Ihr lgt! rief die Signora emprt.

Warum sollte sie auch nicht?! -- Ihr knnt ihr ja doch nicht ewig
beistehen! Eure Tage sind gezhlt! -- Sie mu sich beizeiten daran
gewhnen, auf eigenen Fen zu stehen! Sie macht es auch sehr geschickt
-- das mu man ihr schon lassen! Wenn nicht einmal Ihr etwas davon
gemerkt habt -- --!

Sagt mir's geradeheraus, was Ihr wit!

Fossano lchelte. Es machte ihm Vergngen, sie zu qulen, und so zeigte
er gar keine Eile, ihre Neugier zu befriedigen.

Da Ihr getuscht wurdet, wundert mich nicht! sagte er. Ein ganzes
Jahr in London, ohne da Fama das geringste ber ihr Leben zu berichten
wte! Das war gut gemacht! Und wie geschickt sie ihre Tugend in
Szene zu setzen wute! Mit welchem Eklat! Kaum hier angelangt, hat
sie Gelegenheit, sich beim Feste des Prinzen von Wales einzufhren!
Alle Welt war gespannt, sie im Urteil des Paris zu sehen -- alles
wute von der bekannten Vorstellung in Fontainebleau! Jener famose
Schnheitsfleck war auch hier schon zu einer gewissen Berhmtheit
gelangt! Seine Knigliche Hoheit selbst war uerst gespannt -- die
Pantomime stand auf dem Programm des Abends -- -- und sie weigert sich,
nackt zu tanzen! -- Sie versteift sich darauf, nur ihre italienischen
Bauerntnze vorzufhren! Alles war schokiert! Ganz London sprach
monatelang von nichts anderem als von ihrer Khnheit, einen Wunsch
von so hoher Stelle zu ignorieren! Ihr Ruf war gemacht -- aber ihre
Karriere bei Hofe war hin! Auch hier! Und Ihr weintet! Leugnet es
nicht! Blutige Trnen habt Ihr geweint! Obwohl der Prinz von Wales so
gndig war, sie nur durch ein kostbares Geschenk dafr zu bestrafen,
weil sie das nicht zeigen wollte, wodurch sie den allerchristlichsten
Knig in solche Aufregung versetzt hatte!

Wir knnen den Hof von England entbehren! sagte die Mama und setzte
die Nase hoch.

Saure Trauben! Das kennen wir! Euch wre der Hof von England schon
recht! Obwohl ich nicht leugnen will, da man hier in England
Knstlerinnen ihres Ranges so gut bezahlt, da sie knigliche
Gnadengeschenke entbehren knnen!

Ihr erkennt also ihre groe Knstlerschaft doch an!

Ohne weiteres! Sie hat gut an sich gearbeitet! Sie ist eine groe
Knstlerin geworden! Ihre Leistungen sind ber jede Kritik erhaben!
Aber es war stets etwas in ihrem Tanze, wovon sie heimlich getrieben
wurde! Ich habe sie genau beobachtet! Sie schien mir jemand zuliebe
zu tanzen, dessen Bild sie insgeheim im Herzen trug! Das gab ihr die
Schwungkraft, das gab ihr den Sieg! Ohne das kann sie nun ein fr
allemal nichts! Das wei ich! Auf die Art habe ich sie doch abgerichtet!

Wer dieser Jemand wre, gelang mir bis jetzt nicht zu ermitteln! Seit
gestern aber wei ich's! Wei aber auch, da sie Gefahr luft, ihn
zu verlieren! Und da ist es auch um ihre Kunst geschehen! Um das zu
verhten, bin ich eben hergekommen -- --

Er schwieg. Denn vor ihm stand Barberina, die im Nebenzimmer seine
letzten Worte gehrt hatte und nun hereinkam.

Ich glaube schon, rief sie, da Ihr hinter mir her seid, um
Nachteiliges zu erkunden und weiterzuverbreiten! Wenn Ihr aber glaubt,
irgendwelche geheimen Beziehungen aufgesprt zu haben, die mich fesseln
wrden, so seid Ihr im Irrtum!

Sollte es mglich sein? lachte Fossano gallig. Sollte es wirklich
mglich sein?! -- Zwei Sprossen der edelsten Geschlechter Englands
stehen im Begriff, Euretwegen die Klingen zu kreuzen -- und Ihr wtet
nichts davon?! Ihr wollt den Mann nicht kennen, der sein Leben zur
Verteidigung Eurer Ehre einsetzt?!

Meine Ehre verteidige ich selbst! Niemand gab ich den Auftrag, fr
mich einzutreten! Ich wte auch nicht, wer sich erdreisten knnte, so
aufdringlich zu sein!

Ganz London wei es -- und Euch sollte es unbekannt sein?!

Ich sag's ja, ich wei von nichts! Es interessiert mich auch nicht im
geringsten! Meinetwegen knnen sich die jungen Dandys hier die Nasen
gern abschneiden, wenn sie nichts Besseres zu tun wissen!

Sonderbar! sagte Fossano, der nicht umhin konnte, zu merken, da sie
die Wahrheit sprach. Soll ich den Namen jenes jungen Herrn nennen?

Mir ist's gleich! Wenn's Euch aber ein Vergngen macht --!

Es ist der junge Lord Stuart-Wortley-Mackenzie!

Ich kenne ihn nicht! sagte sie kalt. Auch der Name ist mir vllig
unbekannt!

Fossano blickte sie staunend an.

Das ging doch ber alle Begriffe! Die Leidenschaftlichkeit des jungen
Lords konnte doch nur einer persnlichen Bekanntschaft entspringen! Er
schttelte den Kopf.

Seine eigenen Worte bezeugen mir aber, da er Euch gesehen hat, und
zwar nicht nur aus der Ferne!

So fhrt ihn her, damit ich ihn der Lge zeihen kann! rief Barberina
entrstet.

Das steht nicht in meiner Macht! Wohl aber kann ich Euch dort
hinfhren, wo der Zweikampf stattfinden wird, damit Ihr in der Lage
seid, das Unglck zu verhindern!

Das interessiert mich nicht! Den Platz mgt Ihr mir aber nennen! Denn
jener Lge mchte ich entgegentreten und ihr ein fr allemal den Garaus
machen! Fr Eure Begleitung aber danke ich!

Fossano gab die verlangte Auskunft und ging.

Und Barberina lie ihre Snfte kommen, warf eine Mantille um und begab
sich dann schnurstracks ohne jede weitere Begleitung an Ort und Stelle!

An einer der entlegensten Stellen des Hydeparks, an einem kleinen,
verlassenen, von Efeu berwachsenen Hause, das seit alters her da stand
und als pittoreske Ruine belassen worden war, lie sie halten. Sie
kannte die Ruine. Sie hatte sie bei ihren Spaziergngen oft aus der
Ferne gesehen, war aber noch niemals hingegangen, da jener Teil des
Parks von umherstreichendem Gesindel besucht wurde und als unsicher
galt.

Hinter dem Hause hrte sie Stimmen und Waffengeklirr.

Sie war also nicht zu frh gekommen! -- Wer wei, vielleicht schon zu
spt?!

Sie eilte um das Haus herum.

Auf dem offenen, nach allen Seiten von hohen Bumen umschlossenen
Rasen sah sie im Sonnenscheine zwei jugendliche Gestalten ohne
Rcke und Hte, die mit leichten Degen nach allen Regeln der Kunst
gegeneinander fochten. Ein Sekundant stand mit dem Degen bereit, den
Kampf abzubrechen -- ein anderer, die Uhr in der Hand, zhlte die
Minuten. Ein Waffengang wurde eben beendigt. Aus dem Hemdrmel des
einen Kmpfers trpfelte Blut!

Macht nichts! rief er und grte den Gegner mit dem Degen. Bis zur
Kampfunfhigkeit, Mylord -- so lautete die Bedingung! Ich bin noch
lange nicht fertig!

Wie Sie wollen, sagte Lord Albermale ruhig. Ich dachte aber, der
Denkzettel genge! Sie sind auch nicht ruhig genug, mein Lieber! Sie
machen es mir gar zu leicht! Aber wie Sie wollen!

Er stellte sich in Positur, der Sekundant hob seinen Degen, der Kampf
begann wieder.

Barberina, die von der Mauerecke aus den Vorgang beobachtet hatte, lief
jetzt kurz entschlossen hinzu. -- Ohne die Gefahr zu bedenken, lief sie
in die gekreuzten Degen hinein, fate die Klingen mit beiden Hnden und
bog sie auseinander.

Die beiden Gegner lieen in der berraschung die Griffe los, und
Barberina blieb so zwischen ihnen stehen, die Degen in den Hnden.

Entwaffnet! rief sie bermtig lachend.

Sie, Mademoiselle?! rief Albermale. Mein Kompliment! -- Der Coup
war ausgezeichnet! -- Welchem glcklichen Zufall verdanken wir diese
angenehme berraschung?

Keinem Zufall, Mylord, antwortete sie und warf einen schnellen
Blick auf den anderen Kmpfer, der wie ein ertappter Schuljunge
dastand. Man hatte mir mitgeteilt, da diese Auseinandersetzung
meiner Wenigkeit galt, und da war ich so frei, mich auch zur Stelle zu
begeben! Mich dnkt, ich habe da ein Wort mitzureden!

Gewi, Signorina, sagte Albermale. Ich gestehe Ihnen ohne weiteres
das Recht zu! -- Obwohl die Auseinandersetzung einen mehr -- wie soll
ich sagen -- rein akademischen Charakter hat!

Wie soll ich das verstehen? fragte sie scharf und bog die dnnen
Klingen in ihren Hnden.

Sehr einfach! Es handelt sich um Ihren Tanz!

_=Nur=_ um meinen Tanz, will ich hoffen? -- Nicht auch um meine
Person?

Ihre Person ist von Ihrem Tanz untrennbar, Mademoiselle! Sie erfllen
Ihren Tanz mit so viel Poesie -- mit so viel Reiz der Persnlichkeit --
kurz, Sie sind so entzckend --

Auf Komplimente verstanden Sie sich immer gut, Mylord! Das sah
ich schon in Paris! Ich wute aber nicht, da Sie solchen leicht
hingeworfenen Nichtigkeiten mit der Waffe Nachdruck zu verleihen
pflegen!

Albermale bi sich auf die Lippen.

Geradeheraus gesagt, Mademoiselle -- es handelt sich um Ihre
Tirolienne, die Sie neulich tanzten!

Wirklich?

Ich hatte die Khnheit, zu behaupten, da Sie die Erotik, die in jenem
Tanze steckt, mit einer Vollkommenheit zum Ausdruck bringen, da einem
dabei Hren und Sehen vergeht!

Sie sind sehr khn!

Sie hatten selbst eine Aufklrung gewnscht! Ich kann Ihrem Befehl
nur so nachkommen, da ich Ihnen die mir von Ihren Tnzen eingeflten
Empfindungen getreulich wiedergebe! -- Lord Stuart dagegen -- aber Sie
kennen ihn doch?

Ich hatte noch nicht den Vorzug! sagte Barberina, die wohl ihren
Retter von neulich erkannte, aber sich htete, es zu verraten. Sie
grte ihn mit einer knappen Neigung des Kopfes und blickte ihm mit so
viel schelmischer Unbefangenheit in die erstaunten Augen, da der arme
Be den Kopf gnzlich verlor.

So gestatten Sie denn, da ich ihn Ihnen vorstelle? sagte Albermale,
dem es doch zu bunt wurde, da der junge Mensch wirklich rein
akademisch, wie er dachte, fr eine ihm gnzlich Unbekannte sein
Leben in die Schanze schlug. Lord Stuart neigte mehr zu der Ansicht,
da in jener Tirolienne, die Sie mit so viel Anmut zu tanzen pflegen,
eine Apotheose der Tugend und der Keuschheit zu sehen sei -- ja, da
es Ihnen berhaupt unmglich sei, etwas anderes auszudrcken! Unsere
Ansichten waren eben nicht in Einklang miteinander zu bringen! So
muten denn die Waffen entscheiden!

Mylord, sagte Barberina spitz, Ihre Darstellung entbehrt nicht der
Pikanterie! Ich verstehe wohl den Ernst, der sich dahinter verbirgt,
von dem Spiel der Worte zu unterscheiden! Ich mchte auch weder gegen
die eine, noch gegen die andere Auffassung meine Stimme erheben! Es
steht Ihnen ja frei, meine Herren, meinem Tanze all die Empfindungen
abzugewinnen zu suchen, die Ihnen eben gelufig sind! Das ist stets
die Angelegenheit des Publikums und geht die Tnzerin nichts an! Ich
bemhe mich nur, nach bestem Knnen den Empfindungsgehalt des Tanzes
bildlich darzustellen und bin gern bereit, neben der Stimme meines
Gewissens auch ein sachverstndiges und parteiloses Urteil zu hren!
ber meine _=Person=_ aber, die, wie Sie, Mylord, so richtig sagten,
von meinem Tanz untrennbar ist, gestatte ich keinem fremden Urteil so
laut zu werden, da es mein Ohr berhrt! Das entspricht nicht meinen
Gepflogenheiten! Sowohl gegen Angriff wie gegen unerbetene Verteidigung
meiner Person werde ich mich zu wehren wissen! Sie, meine Herren, haben
gar kein Recht, um meiner Person willen handgemein zu werden! Sie
werden also sicherlich nichts dagegen haben, meinen Wunsch zu erfllen
und von jeder Auseinandersetzung mit den Waffen aus diesem Grunde
Abstand zu nehmen!

Sie blickte die beiden Kmpfer an, die noch unschlssig dastanden, und
brach in ein helles Lachen aus, in das sie -=nolens volens=_ einstimmen
muten.

Geben Sie sich die Hnde zum Frieden! rief sie bermtig, sonst --
ich schwre es -- tanze ich nie wieder, weder Tirolienne noch irgend
etwas anderes!

Groer Gott, lachte Albermale, dies Unglck mu verhtet werden! Um
jeden Preis! -- Mylord Stuart -- da meine Hand! Ich nehme alles zurck!
Ich gebe mich besiegt und bitte Sie um Entschuldigung!

Die nehme ich gern an, sagte Stuart, dem die Situation peinlich
wurde. Ich bitte Sie ebenfalls, meine beleidigenden Worte zu
vergessen!

Er nahm die dargebotene Hand an.

So ist's recht, sagte die triumphierende Schne. Und nun, da der
Friede geschlossen ist, werde ich mich entfernen! Diese Trophen
aber -- sie hob die Degen hoch -- nehme ich mit als Wahrzeichen der
Vershnung und als Erinnerung an den Kampf!

Unsere Degen wie unsere Herzen legen wir Ihnen zu Fen, Mademoiselle
--

Dann werde ich aber auch nie wieder tanzen knnen! Denn ich mchte
weder meine Fe verwunden noch Ihre Herzen zertreten!

Mein Herz hlt etwas aus! rief Albermale. Versuchen Sie's nur ruhig!
berlegen Sie sich's nicht erst lange!

Ich werde es mir sehr berlegen! sagte sie spttisch. Ich glaube
sogar bestimmt versichern zu knnen, da jener Tanz fr mich gar keinen
Reiz haben wird! Ich verzichte -- das wird schon das beste sein!

Und wie sie gekommen war, so verschwand sie und lie die berraschte
Gesellschaft stehen.

Lord Albermale und seine Freunde verabschiedeten sich von Stuart, der
noch trumend dastand und der verschwundenen Erscheinung in Gedanken
nachging.

Er hrte nicht die Aufforderung seiner Freunde, mitzukommen. Ihre
spttischen Bemerkungen drangen nicht bis an sein Bewutsein. Er merkte
nicht, da er allein auf dem Platze blieb, und da es still um ihn
wurde.

Er liebte -- er hatte fr sein Liebstes das Leben gewagt! Und er wrde
es noch tausendmal wagen! Gegen eine ganze Welt wollte er das Heiligtum
verteidigen, das er in seinem Herzen aufgebaut hatte! Nichts -- auch
nicht, da sie selbst sich es als eine Zudringlichkeit verbat, konnte
ihn davon abbringen!

Mechanisch ging er seines Weges, und, war's Zufall, war's Absicht --
seine Schritte fhrten ihn langsam nach der Gegend des Parks, wo er sie
zum ersten Male gesehen hatte.

Barberina dagegen, kaum, da sie in der Snfte sa, fhlte so etwas wie
Reue.

Jener junge Mann, mit dem sie kaum ein Wort gesprochen hatte, dem sie
nur einmal begegnet war -- der sie aus groer Gefahr gerettet hatte,
er war der Verleumdung, der blen Nachrede der Welt entgegengetreten!
-- Ohne Bedenken hatte er fr ihren guten Namen sein Leben eingesetzt
und sein Blut vergossen! Er hatte sie von dem Schmutz, in dem sie
versunken war, mit seinem Blute reinwaschen wollen! -- Niemals hatte
sie sich vorher einen Gedanken ber ihr Leben gemacht, sondern es
hingenommen als etwas Selbstverstndliches, als ein ihr obliegendes
Lebensschicksal! -- Jetzt aber gingen ihr die Augen dafr auf, wie
elend ihr ganzes Dasein bis jetzt gewesen war, und auch dafr,
wie unwrdig sie sei, jenes groe, ihr von dem reinsten Empfinden
dargebrachte Opfer anzunehmen!

Und wie hatte sie ihm dafr gedankt?

Aber wollte sie Herrin ihrer selbst bleiben, so hatte sie nicht
anders sprechen knnen! Sie hatte eben so gesprochen, wie ihr der
Schnabel gewachsen war, und die jungen Dandys ob ihrer Dreistigkeit
zurechtgewiesen! Denn eine Dreistigkeit war's, das eine wie das andere!
Weder hatte Albermale den geringsten Grund, schlecht von ihr zu
sprechen, noch hatte sie Lord Stuart zu ihrem Retter erkrt!

Sie hielt inne.

Nicht sie -- aber das Schicksal, das sie zusammengefhrt hatte, hatte
ihn erkrt! Er war im Recht! Sie sah noch seine groen erstaunten
Augen, als sie sich seine Verteidigung verbat -- die er als seine
heiligste Pflicht empfunden hatte! Sie sah, wie er sie nicht verstand
-- sah unermeliche treue Liebe in seinen Blicken -- sah, was mehr war
-- den Glauben an sie, trotz allem!

Und wie hatte sie's ihm gedankt?!

Sie zog die Schnur und lie die Snfte halten, stieg aus und wollte
zurck zu ihm, wollte ihm sagen, wie wenig sie solche Verehrung
verdiene, und ihn um Verzeihung bitten!

Sie eilte rasch den Weg vorwrts. Da, fast auf derselben Stelle, wo er
sie vor einigen Tagen gerettet hatte, sah sie ihn kommen, langsam und
traumverloren!

Sie eilte auf ihn zu, und mit der ganzen Glut der Sdlnderin umschlang
sie ihn, kte seine Augen, die sie so vorwurfsvoll angesehen hatten,
kte ihn, glhend hei, mitten auf den Mund!

Ehe aber der berraschte die Besinnung wiederfand, ehe er sein Glck zu
fassen vermochte, war sie fort, schneller als Sie gekommen war! Er sah
nur noch ihre Snfte an der Biegung des Weges verschwinden.

In der Snfte aber sa sie in einer Ecke zusammengekauert, das
Taschentuch an die Augen gepret, und schluchzte, als ob ihr das Herz
brechen wollte.




14


Sie war pltzlich zum Leben erwacht. Und es war ihr, als htte sie bis
jetzt nur geschlafen und getrumt -- wst getrumt!

Was sie bis jetzt erlebt hatte, war kein Erlebnis! Was sie gehofft
hatte und immer noch hoffte, war keines Gedankens wert!

Vom Strome getrieben, hatte sie sich willenlos hin und her zerren
lassen, bald von diesem, bald von jenem Strudel angezogen! Jetzt fhlte
sie zum ersten Male so etwas wie festen Boden unter den Fen! Sie
hatte etwas gefunden, woran die Wurzel ihres Wesens sich anklammern,
wachsen und erstarken konnte!

Die Sonne schien ihr zum erstenmal bis in die Seele hinein! -- Sie
fhlte die Wrme des Lebens in sich pulsieren! Alle Triebe erwachten
und drngten zur Entwickelung! Die Seele, deren Knospen die uere
Gewalt roher Hnde bis jetzt gewaltsam beschleunigt hatte, auf die
Gefahr hin, sie noch vor der Entfaltung vllig zu vernichten -- ihre
arme, getretene Seele trieb jetzt selbst zur Entfaltung! Die uere
vergewaltigte Hlle fiel! Und rein und unberhrt, in voller Unschuld,
trotz alles Schlamms, durch den sie emporgetrieben war, entfaltete
sich die Blume ihres Seelenlebens, in tausend Farben des reichsten
Empfindens schillernd und stark und lieblich duftend!

Die groe Liebe war da und hob sie mit ihrer Allgewalt aus dem
Sumpf. Und alles, was ihr bis jetzt das Leben gewesen war, wurde
ihr gleichgltig! Ohne Bedenken wollte sie es wegwerfen, nie wieder
auftreten, nie wieder tanzen, sich ganz vom Getriebe der Bhne
zurckziehen!

Sie sah nur ein Paar tiefblaue Augen, die sie anblickten -- naiv, gro
--, wie wenn ein Kind in einen bunten Traum hineinblickt! Sie hrte nur
den Klang einer tiefen, sonoren Mnnerstimme -- sie empfand die ganze
Jugendfrische eines Heldentums, das sich ohne Bedenken bereit fand, um
ihretwillen alles von sich zu werfen und, ohne Rcksicht auf Familie,
Namen oder das Gerede der Welt, aus Liebe zu ihr sein Leben fr sie
einzusetzen!

Psyche war wieder frei!

Aber die Wandlung war zu schnell gekommen! Die Fesseln waren gelst,
aber sie lagen noch zu ihren Fen. Sie sah sie noch -- sah ihr
bisheriges Leben --, sah, was ihr unwiederbringlich verlorengegangen
war und wie man an ihr gesndigt hatte! -- Sie war wieder frei. Aber
die Schwungkraft ihrer Flgel erlahmte! Vom jhen Glck wie vom Unglck
gleichermaen erschttert, brach sie zusammen!

Ein heftiges Nervenfieber warf sie nieder und fesselte sie fr Wochen
ans Krankenlager. Die Mama war wie verwandelt. In ihr erwachte so
etwas wie bses Gewissen. Die Gefahr, in der die Tochter schwebte,
hatte es geweckt. Sie sah, wie schwer sie sich aus Eigennutz an
ihrem Kinde versndigt hatte, und gelobte dem Himmel, nie wieder ein
mnnliches Wesen an sie heranzulassen, wenn es ihr blo vergnnt wrde,
sie dem Leben zu erhalten! Sie nahm die berhmtesten und teuersten
rzte, streute ihr Geld mit vollen Hnden aus -- alles umsonst!

Jh, wie Barberinas Gestirn emporgeschnellt war, war es auch vom
Firmament verschwunden.

Ganz London interessierte sich fr ihr Schicksal. Die tollsten Gerchte
wurden in Umlauf gesetzt, man glaubte nicht an ihre Krankheit, und die
Theaterleitung hatte dem Publikum gegenber einen schweren Stand.

Das Fieber lie nicht nach. Barberina wurde tglich schwcher und
schwcher, ihre Fieberphantasien immer verworrener.

Der junge Lord Stuart suchte vergebens zu ihr zu gelangen. Ihre Tr
blieb ihm wie jedem andern hermetisch verschlossen. Tag fr Tag
besuchte er das Theater, um zu fragen, wann sie wieder auftreten wrde.
Er ging in den Spielsaal Fossanos und suchte durch diesen Kunde zu
gewinnen -- vergebens! -- Man wute, da sie krank war -- das war alles!

Eines Tages ging er wieder zu ihrer Wohnung, bestrmte die alte Signora
mit Bitten, ihn doch an das Krankenlager zu lassen, bot ihr Geld, bot
ihr die Ehe mit ihrer Tochter an, begegnete aber nur kalter Abweisung
und mute unverrichtetersache wieder seines Weges gehen.

Als er auf die Strae heraustrat, wurden von reichgekleideten Trgern
eben zwei Snften vor dem Hause abgesetzt.

Zwei wrdige Herren entstiegen ihnen und betraten das Haus nach langem
Komplimentieren wegen der Ehre des Vortritts.

Er schlich ihnen nach, eilte die Treppe hinauf und blickte durch die
angelehnte Tr des Empfangszimmers hinein.

Die Signora war zu der Kranken hineingegangen, um sie auf den Besuch
vorzubereiten. Die beiden Herren waren allein. Stuart kannte sie wohl.

Es waren der berhmte Arzt Sir William Westmore und der nicht minder
beliebte Modearzt -=Dr.=- Petit, dessen Wunderpillen ihm die Gunst des
vornehmen Publikums erobert und den Ha seiner englischen Kollegen
zugezogen hatten.

Die beiden Herren konnten sich nicht ausstehen, hteten sich aber wohl,
es merken zu lassen, und bewahrten auch im persnlichen Verkehr eine
bewaffnete Neutralitt, bereit, jede Ble des Gegners auszuntzen,
wenn er sich durch irgendeine miratene Kur als Scharlatan entpuppen
wrde. Wie ungern sie sich auch begegneten, so war es ihnen doch
stets willkommen, an dasselbe Krankenlager berufen zu werden. Denn
da hatten sie Gelegenheit, einander zu belauern. Jeder tat also sein
Bestes, um den Argwohn des Kollegen zu entkrften, und bot seine ganze
Geschicklichkeit auf -- was dem Publikum nicht entging und es auch
veranlate, sie beide kommen zu lassen, um seines Lebens sicher zu
sein. Ein jeder konnte sich nicht den Luxus leisten, durch so berhmte
Hnde in die Ewigkeit hineinbefrdert zu werden. Mama Campanini aber
konnte es. Und so wurde die arme Barberina in die Hnde dieser beiden
Gewaltigen gegeben, die denn auch ihr mglichstes taten, um ihre
Krankheit am Leben zu halten.

Doktor Petit, mager, gelenkig und lebhaft, nahm kunstgerecht eine Prise
aus seiner goldenen Schnupftabakdose, um sein Geruchsorgan von den bei
anderen Kranken empfangenen Eindrcken zu reinigen, empfahl seinem
entsetzten Kollegen dasselbe Verfahren, steckte die Dose ein, brstete
den Schnupftabak von der Weste, go dann aus einem Glas das Sekret
der Kranken in ein Glasrohr, mischte einige Tropfen einer Tinktur bei,
hielt die Mischung an das Licht, roch daran, schttelte den Kopf und
reichte die Glasrhre Sir William, htete sich aber, seine Meinung zu
sagen.

Sir William, dessen dicker, stmmiger Krper den ganzen Sessel fllte,
roch auch an der Rhre, stellte sie fort, schttelte auch den Kopf, da
die Percke wackelte, und verschlo die Lippen mit dem goldenen Knopf
seines spanischen Rohres.

Bedenklich, nicht wahr? fing der Franzose an.

Allerdings! Aber durchaus nicht hoffnungslos!

Hab' ich auch nicht behauptet!

Wenn wir aber der Kranken heute etwas Blut ablassen -- --?

Unter keinen Umstnden, Sir William! Unter keinen Umstnden! Keinen
Tropfen Blut mehr -- keinen Tropfen! Hchstens durch eine gelinde
Reinigung des Darms ihr einige Erleichterung verschaffen!

Das hlt sie noch weniger aus!

Sir William, ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, da
auch gestern dieselbe Meinungsverschiedenheit zwischen uns bestand! Ich
habe dann aus reiner Kollegialitt nachgegeben! Wir haben sie dann zur
Ader gelassen! -- Mit welchem Erfolg?! -- Nun, Sie haben eben daran
gerochen!

Mein lieber und verehrter Herr Konfrater, antwortete Sir William mit
all der Wrde, die seine fette Stimme aufbringen konnte, wenn Sie
gestern meiner Ordination den Vorzug gaben, so tat ich vorgestern Ihren
Pillen dieselbe Ehre an! Ich neige auch zu einer leichten Reinigung
des Darms, um ihn von den vorgestern eingenommenen Pillen zu subern
-- aber nur auf dem einzig richtigen Weg eines milden Klistiers! Ich
weiche aber nicht von meiner Ansicht, da auch ein Aderla unbedingt
ntig ist, und habe deshalb die Blutegel gleich mitgebracht!

Blutegel? Niemals! rief der Franzose, entsetzt bei dem Gedanken,
da der Nebenbuhler seine Blutegel verkaufen wrde. Diese wilden
Tiere sind sehr mit Vorsicht zu gebrauchen! Bei dem Schwchezustand
der Patientin wre das geradezu ein Frevel! Ein Tropfen zuviel knnte
da eine Katastrophe herbeifhren! Wir haben es nicht in der Hand, die
Raubgier jener Tiere nach Wunsch zu dirigieren! Ich schrpfe immer!
Da wei ich am besten die zu entnehmende Blutmenge genau zu bemessen!
Ich willige in den Aderla ein, Sir William, aber nur, wenn Sie mich
schrpfen lassen!

Wenn Sie mir zugestehen, auch mein Klistier in Anwendung zu bringen,
so verzichte ich auf die Blutegel und akzeptiere das Schrpfen! sagte
Sir William phlegmatisch.

Einverstanden! rief der Franzose und fing sofort an, sein Arsenal
auszupacken und sich zum Angriff bereit zu machen. Sein Mitbruder tat
desgleichen. Da ereilte sie die Strafe des Himmels!

Stuart, der hinter der Tr der Unterhaltung mit wachsendem Entsetzen
gelauscht hatte, warf die Tr auf und strzte hinzu, schlug
ihre Flaschen und Rhren in Scherben und bearbeitete die beiden
Wunderdoktoren so nachdrcklich mit dem spanischen Rohr des dicken Sir
William, da sie schreiend und hilferufend die Treppen hinunterliefen,
sich in ihre Snften warfen und sich eilends forttragen lieen.

Schrpfkpfe und Blutegel, Pillen und Klistier waren in die Flucht
geschlagen! -- Die Liebe behauptete das Schlachtfeld. Sie sollte auch
fernerhin siegreich bleiben!

Der alten Signora, die bestrzt aus dem Krankenzimmer herauskam,
erklrte der Sieger rundweg, da er sie und sich auf der Stelle tten
wrde, wenn sie ihn nicht sofort an das Krankenlager ihrer Tochter
fhre!

Seine Entschlossenheit machte ihr jeden Widerstand unmglich. Sie
ffnete die Tr und lie ihn eintreten.

Barberina, von dem Lrm und dem Wortwechsel aufgeschreckt, machte einen
schwachen Versuch, sich im Bette aufzurichten. Als sie den Geliebten
in der Tr sah, glitt ein frohes Lcheln ber ihr Gesicht. Mit einem
dankbaren Blick empfing sie seinen Gru und sank dann in die Kissen
zurck.

Er strzte hinzu, ergriff die vom Bettrand herabhngende Hand und
bedeckte sie mit glhenden Kssen. Lange kniete er am Bette, die Lippen
auf ihre Hand gepret. Als er wieder emporblickte, lag sie da, ganz
still, mit geschlossenen Augen. Sie schlief und atmete ruhig, von
schnen Trumen umgaukelt. Lange sa er so, immer noch ihre Hand in
der seinen haltend. Und die Alte, die die beruhigende Wirkung seiner
Anwesenheit sah, lie ihn gewhren.

Das Fieber wich allmhlich; die Gefahr war vorber, und so hatte er sie
zum zweiten Male aus Ruberhnden befreit.

Sie genas in ganz kurzer Zeit und konnte bald das Bett verlassen. Er
besuchte sie tglich und geno in vollen Zgen das Glck, sie zu sehen
und an ihrer Seite zu weilen. Sobald sie vllig wiederhergestellt war,
wollten sie heiraten und sich ganz vom Getriebe der Welt zurckziehen.
Sie wollte das Theater verlassen und er die ihm aufgezwungene Braut.

Whrend er mit ihr Zukunftsplne schmiedete, zogen sich
gewitterschwangere Wolken ber seinem nichtsahnenden Haupt zusammen.

Das Duell mit Lord Albermale hatte ein gewaltiges Aufsehen erregt,
um so mehr, als es von dem pltzlichen Verschwinden Barberinas von
der Schaubhne begleitet wurde. Gnzlich davon abgesehen, wurde jene
Begebenheit aber auch aus anderem Grunde zum Gegenstand des Spottes und
der allgemeinen Lachlust. Der unverbesserliche Lord Albermale gab auch
dafr den Anla.

Unter anderem war er nmlich auch ein leidenschaftlicher Verehrer des
Hahnenkampfes und versumte keine Gelegenheit, diesem in England so
eifrig betriebenen Sport zu frnen.

So sah man Seine Lordschaft sich oft mit der belsten Gesellschaft
um die Arena drngen, wo irgendein berhmter Hahn sein Leben in
die Schanze schlug. Die tollsten Wetten wurden von ihm eingegangen
und verloren. Und wie wst die Kmpfer sich auch zerzausten -- der
am meisten Gerupfte war am Ende stets der Lord! -- Aber es machte
ihm Spa, sein Geld zu verlieren. Und so war er nicht nur in der
Lebewelt, sondern auch unter dem Gesindel Londons eine der populrsten
Persnlichkeiten.

Hogarth, der damals im Zenit seines Ruhms als rcksichtsloser
Sittenschilderer seiner Zeit stand, hatte lngst ein Auge auf ihn
geworfen und ihn mehrfach als Prototyp eines Modegecken auf seinen
Stichen abkonterfeit.

Lord Albermale, weit entfernt, es ihm belzunehmen, war stolz darauf.
Er hatte sogar eine ganze Menge Abzge eines Stiches erstanden, auf
dem er als Prsident des bunt zusammengewrfelten Publikums eines
Hahnenkampfes dargestellt worden war, um sie seinen Freunden zu geben.

Er schlo sich eng dem Freundeskreis Hogarths an und verkehrte fast
tglich mit ihm, zum nicht geringen rger seiner Standesgenossen. --
Sie betrachteten ihn als das -=enfant terrible=-, das ihre kleinen
Menschlichkeiten dem treffsichern Grabstichel Hogarths preisgab
und diesen so in die Lage versetzte, sich an ihnen wegen ihrer
Geringschtzung seiner Malereien zu rchen.

Der gute Lord hatte auch nichts Eiligeres zu tun, als seinem guten
Freunde die nheren Details seines gloriosen Zweikampfes mit Lord
Stuart zu schildern. Und das war fr Hogarth ein gefundenes Fressen.

Sein Zeichenstift schwelgte in karikaturistischen Orgien -- seine
Kupferstecher kratzten und schwitzten -- seine Pressen gingen Tag
und Nacht! Und eines schnen Tages berraschte er seine Verehrer
und Abnehmer mit einem neuen Stich, der reienden Abgang fand und
ungeheures Aufsehen machte.

Der Stich war eine Travestie seines eigenen, wegen Albermales bereits
weitverbreiteten Stiches: Der Hahnenkampf.

Aber keine richtigen Hhne standen sich in der Arena gegenber,
sondern Mitteldinge zwischen Federvieh und Dandy -- die Hahnenkmme zu
federgeschmckten Dreimastern angeschwollen -- die gerupften Krper in
den modisch geschwungenen Linien von Fechtern stutzerhaft posierend. So
standen sie einander gegenber -- die linken Flgel halb an die Seite
gedrckt, die rechten gekreuzt -- das rechte Bein vorgestreckt! -- Die
Kpfe der Kampfhhne aber waren deutlich erkennbare Karikaturen von
Albermale und seinem jungen Gegner.

Um die zirkelrunde, tischfrmige Arena herum rekelte sich die bliche
Versammlung von Spielern, Beutelschneidern und allerlei Gesindel
nebst ihren Opfern aus der besten Gesellschaft. Alle aber trugen
die Gesichter von bekannten Aristokraten, Parlamentariern oder
Grokaufleuten. Sir Josuah Crichton sowie sein edler Gnner Lord Stuart
waren auch da, und mit ihnen mancher ihrer Standesgenossen.

Von der Seite aber, wo fr gewhnlich der Besitzer des Kampfhahns von
dem ihm allein zustehenden Recht, den Fu auf die Arena zu setzen,
Gebrauch zu machen pflegte, war eben in khnem Satz eine Tnzerin
ber die Hupter der Kmpfenden gesprungen. Man sah von ihr nur die
Beine ber das Ganze schwirren und die Waffen der beiden Kampfhhne
auseinander schlagen. -- Diese und die Zuschauer starrten mit weit
offenen Mulern und lsternen Mienen dem ber sie hinwegschwebenden
Wunder nach -- die Blicke an die Strumpfbnder gebannt, an denen eine
Unzahl kleiner Herzen aufgereiht war. -- Nur einer blieb teilnahmslos
-- der Mann am Eingang, dessen Zge eine sprechende hnlichkeit mit
dem berhmten Minister Walpole verrieten, und der, ganz wie sein
Ebenbild, mit dem Verkauf von Sitzen beschftigt war. Wenn's auch
keine Parlamentssitze waren, so schien doch der Profit, nach seiner
vergngten Miene zu urteilen, recht eintrglich zu sein.

Allerhchst dero Pirouetten, lautete die Unterschrift unter dem
Stich. Und trotz des hohen Preises von einer Guinee fr jeden Abzug
ging er zu Tausenden ab.

Hogarth machte ein glnzendes Geschft und konnte es sich leisten, sich
fr einige Zeit zurckzuziehen, um an einem neuen Gemlde zu arbeiten,
das ihm wohl weder Gold noch Ehren einbringen wrde!

Es konnte nicht ausbleiben, da der Stich auch auf den Tisch Seiner
Herrlichkeit, des Lords Stuart, flatterte. Und auch unter den Fakturen
des Chefs des Hauses Crichton & Co. fand sich eines Tages ein Exemplar
eingeschmuggelt. Die beiden wrdigen Vertreter der Ehre und des
Reichtums Englands hatten also das Vergngen, sich selbst in gar nicht
wrdevoller Weise unter den Zuschauern des Hahnenkampfes abkonterfeit
zu sehen, und vertieften sich in die Selbstbetrachtung, ohne eine Miene
zu verziehen.

Die Wirkung war aber bei den beiden verschieden.

Sir Josuah gab in aller Ruhe und im trockensten Tone den Befehl,
sofort eine Annonce aufzugeben, worin bekanntgemacht wurde, da sein
Kontor alle nur erlangbaren Exemplare des Stiches zum doppelten
Preise aufkaufen wrde. Er sandte seinen Prokuristen zu Hogarth und
lie ihm ohne Feilschen den von ihm verlangten Preis fr die Platte
und die noch nicht verkauften Exemplare auszahlen sowie ihm die
schriftliche ehrenwrtliche Verpflichtung abnehmen, keine weiteren
Vervielfltigungen des Stiches anzufertigen und die Originalzeichnungen
zu vernichten. Nach Erledigung dieses Geschfts ging Sir Josuah
stillschweigend ber die Angelegenheit zur Tagesordnung ber und
vertiefte sich in eine Kalkulation ber die Gewinnung von schwarzem
Elfenbein fr Sdamerika.

Lord Stuart dagegen trug nur uerlich Ruhe zur Schau. Innerlich kochte
er vor Wut. Und die Wut eines Englnders nimmt manchmal sonderbare
Formen an. -- Bei Lord Stuart schlug sie sich gleich auf die Wrde und
brachte eine eisige Unnahbarkeit hervor, die alles Leben um ihn lhmte.
Alles schlich auf den Fuspitzen um Seine Herrlichkeit herum und bot
den uersten Scharfsinn auf, um die Ursache seines Mivergngens
ausfindig zu machen und ebenso unmerklich zu beseitigen, wie sie
entstanden war. Selbstverstndlich ohne den Lord selbst darber zu
interpellieren oder irgendwie damit zu belstigen. Denn Fragen zu
stellen, wo man selbst Augen und Ohren hatte, war im Hause Stuart zur
Zeit der Wut Seiner Herrlichkeit mehr als lebensgefhrlich.

Gelang es, den Grund seines Zornes zu beseitigen, so war alles gut
und nahm von selbst wieder die gewohnten Formen an. Sonst konnte man
auf berraschungen gefat sein. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel
sauste dann urpltzlich das Endergebnis der Entschlieungen Seiner
Herrlichkeit auf das Haupt des damit bedachten Schuldigen oder
Unschuldigen nieder. Aber Mylord verzog dabei keine Miene und verharrte
in der Eisregion seiner unverletzlichen Wrde.

Ein derartiges Einfrieren alles Lebens -- wie diese einer Eruption
entgegengesetzte Erscheinung wohl genannt werden darf -- bereitete
sich eben in der erlauchten Seele Seiner Herrlichkeit vor, als ihm der
Besuch Sir Josuah Crichtons gemeldet wurde.

Eine Neigung des Kopfes teilte dem Hofmeister mit, da der Lord
empfangen wollte. Eine Handbewegung deutete ihm auch an, wo. Da er
nicht verstand, aber auch nicht wagte, nach der Bedeutung der Geste zu
fragen, so fhrte er Sir Josuah, zum Entsetzen Stuarts, der auf die
Ahnengalerie gedeutet hatte, geradeswegs ins Allerheiligste -- ins
Arbeitszimmer hinein, wo sonst nur Mitglieder der allernchsten Familie
empfangen wurden. Dieser Mangel an Distinktionsvermgen brachte ihm
einen kalten Blick unter mig gerunzelten Brauen ein. Zitternd zog er
sich zurck und lie die beiden Herren allein.

Lord Stuart mute also seinen Gast selbst in die Galerie hineinfhren,
ehe er sich herablassen konnte, seinen Mund aufzutun. Denn nur im
Kreise seiner Ahnen konnte er so sprechen, wie's die Situation von
ihm, einem Peer von England, verlangte! -- Da allein war er sicher, es
mit der gebhrenden Wrde tun zu knnen, ohne Gefahr zu laufen, das
Gleichgewicht des Gemts zu verlieren.

Mit einer Handbewegung stellte er seinem Gast alle die Stuarts vor und
lud ihn dann ein, unter ihnen Platz zu nehmen! -- Eine symbolische
Handlung, deren hohe Bedeutung Sir Josuah nicht gebhrend zu schtzen
schien! Denn er lchelte belustigt und verstieg sich sogar zu der
respektlosen uerung: Ich knnte Eurer Herrlichkeit allerdings nicht
mit derselben Ehrung aufwarten, falls ich bald einmal den Vorzug Ihres
Besuches haben sollte! -- Denn all die Heringstonnen, die ich dann
als Ahnengalerie vor Eurer Herrlichkeit Augen auffahren lassen mte,
fnden in ganz Pall Mall keinen Platz!

Eine Bemerkung, die die Wrde Mylords auf den Gefrierpunkt brachte!

Als Staatsvisite habe ich Ihren Besuch auch nicht aufgefat, Sir
Josuah! sagte er, setzte sich zuerst und lud seinen Gast mit einer
Handbewegung ein, seinem Beispiel zu folgen. Ich gehe wohl auch in der
Annahme nicht fehl, da ein besonderer Anla Ihres Kommens vorliegt?

Sicher nicht! sagte Sir Josuah und versenkte seine kugelrunde Gestalt
in einen ebenso prachtvollen Thronsessel wie den Seiner Herrlichkeit.
Es liegen sogar ganz besondere Grnde vor!

Drfte ich denn bitten?

Zunchst htten wir einen Brief Ihres Herrn Sohnes -- Sir Josuah
holte seine groe Hornbrille hervor, putzte die Glser und hakte das
Ungetm hinter den Ohren fest, faltete dann einen Brief auseinander und
hielt ihn hoch. Dieser Brief, den ich die Ehre haben werde vorzulesen
-- --

Ich darf wohl hoffen, unterbrach der Lord, da jenes Schreiben
nichts von Geld oder Geldangelegenheiten enthlt? -- Denn ich mte
sonst ablehnen, mich damit zu befassen und mich auf die Erklrung
beschrnken, da ich meinem Sohn ausdrcklich verboten habe, in
geschftlichen Dingen irgend etwas ohne meine Erlaubnis zu unternehmen,
sowie, da diese Erlaubnis weder von ihm nachgesucht, noch von mir
erteilt wurde!

Eure Herrlichkeit knnen in dieser Hinsicht ganz auer Sorge sein!
Der Brief betrifft nur eine Herzensangelegenheit!

Da gestatte ich mir zu bemerken, da er wohl falsch adressiert worden
ist?

Durchaus nicht! sagte Sir Josuah und zeigte ihm die Rckseite des
Briefes, wo die Adresse deutlich zu lesen war.

Lord Stuart geruhte hinzublicken, las die Aufschrift: Sir Josuah
Crichton, und sagte dann trocken: Soviel ich wei, haben wir meinen
Sohn in aller Form mit Ihrer Tochter verlobt?

Ich bin derselben Ansicht, Mylord!

Sonderbar! Wie kommt er denn dazu, seine Liebesbriefe an Sie zu
adressieren?

Sir Josuah lachte kurz auf. Lord Stuart ignorierte es.

Etwas weltfremd war mein Sohn ja immer! Das kommt aber von dem
Erziehungsplan seiner Mutter, der seligen Lady Stuart, den ich ihr auf
ihrem Sterbebette getreulich zu befolgen versprach und auch befolgt
habe! Er sollte vor den Verlockungen der Welt mglichst bewahrt werden!

Die selige Mylady mu eine seltene Frau gewesen sein! sagte Sir
Josuah. In unserer Zeit sieht man, besonders unter den Frauensleuten,
die Verlockungen der Welt nicht nur als gnzlich ungefhrlich, sondern
als wnschenswert an. Und, unter uns gesagt, ist's auch so! Ein
junger Mann mu sich austoben, soll etwas Rechtes aus ihm werden!
Sonst speichern sich die gefangenen Lebenskrfte auf, es kommt im
ungeeignetsten Augenblick zur pltzlichen Entladung, und man wird von
irgendeinem Geschehnis berrascht, das alle Berechnungen ber den
Haufen wirft! -- -- Sausen und brausen, solange die Sfte noch gren!
-- Das gibt im reifen Alter guten Wein! -- Meine Jungens sind mir alle
durch die Lappen gegangen! -- Wei der Satan, wenn ich sie wieder
einfange! -- Aber Gott verdamm mich, wenn ich sie anders haben wollte!

Lord Stuart rmpfte mehrmals die Nase bei den Ausfhrungen seines
Besuchers und nahm wiederholt einen Anlauf, sie zu unterbrechen. Aber
Sir Josuah lie sich nicht stren. Als er endlich aufhrte, rusperte
sich der Lord ein paarmal laut und vernehmlich und sagte dann kurz und
scharf:

Ich wrde mir niemals erlauben, an der Lebensphilosophie meiner
seligen Gattin noch nachtrglich Kritik zu ben! Ich billigte sie auch
schon im Leben! -- Wenn ich jene Lebensanschauungen trotzdem soeben
erwhnte, so tat ich es nur, um Ihnen den Grund fr die Lebensfremdheit
meines Sohnes zu erklren! Und auch -- weil ich, wie ich sagte, mich
trotzdem ber seine Distraktion wundere, seine Liebesbriefe _=an Sie=_,
statt an Ihr Frulein Tochter zu adressieren!

Sir Josuah lachte wieder kurz.

Er wird schon wissen, wohin er sie adressiert!

Wie soll ich denn das verstehen? fragte Stuart kopfschttelnd.
Sie hatten doch die Gte, zu bemerken, da der Brief eine
Herzensangelegenheit betrifft!

So ist es auch!

Aber -- --

Mein lieber Freund, sagte Sir Josuah, auf einmal alle Frmlichkeit
auer acht lassend, und blickte ihn ber die Brille sarkastisch
an. Mein lieber, guter Freund -- wir zwei brauchen uns wahrhaftig
nichts vorzumachen! Am allerwenigsten in dieser Sache! Soviel
ich wei, handelt es sich zwischen unseren Familien um gar keine
Herzensangelegenheiten, sondern nur um die rein geschftliche
Operation einer ehelichen Verbindung zwischen unseren Kindern! In dem
zwischen uns geschlossenen Vertrage steht gar nichts von zrtlichen
Empfindungen! Bei geschftlichen Abmachungen pflegt es, soviel ich
wei, auch nicht anders zu sein! Ich wrde mich auch schn hten,
das Herz meiner Tochter in Liebessachen beeinflussen zu wollen! Dann
kme sie mir am Ende gar mit Wnschen in dieser Beziehung, die mit dem
kindlichen Gehorsam, den ich von ihr verlangen mu, gar nichts zu tun
haben! Sie mag meinetwegen mit ihrem Herzen tun, was sie will! Aber
heiraten soll sie so, wie ich will! -- Das ist mein Standpunkt, und
daran ist nicht zu rtteln! -- Eben um Eurer Lordschaft zu versichern,
da wir, _=was auch kommen mag=_, an der Verlobung festhalten werden,
bin ich hierhergekommen!

Ich wte nicht, da ich jemals den geringsten Zweifel ber die
Loyalitt Ihrer Absichten geuert htte, sagte Lord Stuart und
richtete sich im Sessel auf.

Das erkenne ich durchaus an!

Ich darf wohl hoffen, da Sie Ihrerseits keinen Zweifel uns gegenber
hegen?

An Eurer Herrlichkeit guten Willen glaube ich schon!

Das mchte ich mir auch ausbitten! Und was meinen Sohn betrifft, wird
er Ihnen wohl sicherlich ebenso vertrauenswrdig erscheinen mssen!

Sir Josuah antwortete mit einem Achselzucken. Lord Stuart blickte ihn
fragend an.

Sie denken hoffentlich nicht an jene Albernheit -- jenen Stich
Hogarths, den Sie wohl auch gesehen haben? Derartigen Erzeugnissen
eines verwilderten Geschmacks knnen wir doch unmglich irgendeine
Bedeutung beimessen!

So ganz ohne Bedeutung ist jener Stich in diesem Falle nicht, Mylord!

Lord Stuart lie einen seiner verchtlichsten Blicke seinen Gegenpart
streifen und schttelte leise den Kopf.

Mein lieber Sir Josuah, sagte er dann gemessen. Wer, wie ich oder
Sie, in der ffentlichkeit steht, mu in solchen Sachen ber jede
Empfindlichkeit erhaben sein! Man mu sich schon einiges gefallen
lassen! Es war stets das gute Recht des Mobs, unsereinen zu verspotten
-- notabene: wenn er uns dabei nicht die schuldige Ehrfurcht versagt!
Ich htte nichts gegen jene Erzeugnisse des Grabstichels einzuwenden,
die an die Lachlust des Publikums appellieren, wenn sie nicht meistens
den guten Geschmack verletzten! -- Sehen Sie sich nur den Wisch da
genau an! Er schob ihm einen Abzug des Stiches zu. Sehen Sie ihn nur
an! Wie zum Beispiel hat der Zeichner mich dargestellt?! Sehen Sie nur!
Trage ich etwa jemals die Percke schief?! Kann irgendeiner behaupten,
mich jemals so gesehen zu haben?!

Ich glaube kaum! lchelte Sir Josuah.

Und der Ordensstern! -- Jeder gebildete Mensch wei doch, da ich das
Grokreuz des Bathordens trage! Der Maler aber wei nicht mal, wie der
Bathorden aussieht! -- Wie kommt er dazu, in den Stern den Steward
eines Porterhauses einzuzeichnen? Diese absurde Idee! Und -- die Geige!
Wann bin ich jemals mit einem derartigen Instrument in Berhrung
gekommen? Haben Sie mich geigen sehen? Und gar ffentlich -- bei einer
derartigen Gelegenheit! -- Besuchen Sie etwa ein Hahnengefecht?

Heute nicht mehr! sagte Sir Josuah. Heute ist mein Platz da, wo die
_=Menschen=_ sich rupfen!

Aber trotzdem sind Sie auch dabei! sagte der Lord und zeigte auf die
Zeichnung. Und wie hat er Sie dargestellt?! Als einen Schlemmer --
einen Gourmand schlimmster Sorte! -- Sie lecken sich sogar den Mund!

Das knnte schon vorkommen! schmunzelte Sir Josuah.

Sagen Sie, was Sie wollen! rief Lord Stuart entrstet, aber da Sie
so schlechte Manieren htten, knnte Ihnen nicht einmal Ihr schlimmster
Feind nachsagen!

Aber auch nicht, da ich schlechten Geschmack htte! Und da mu ich
sagen -- wenn mir einmal so'n paar hbsche Beine um den Kopf schwirren
wrden, da knnte es schon sein, da ich auch die guten Manieren auer
Gefecht setzte! Ich bin gewi kein Kostverchter! Meine verstorbene
Frau knnte Ihnen da verschiedenes besttigen, wenn sie noch am Leben
wre!

Das war zuviel fr Seine Herrlichkeit. Seine Wrde kochte bis zum
Gefrierpunkt hinunter.

Ich will nicht hoffen, Sir Josuah, sagte er in einem Ton, der auch
diesen in Harnisch brachte, da Sie mir zumuten wollen, mich noch
nachtrglich in irgendeine Intimitt mit Ihrer verstorbenen Frau
einzulassen!

Und er schob den Stich, der zu so unliebsamen Errterungen Anla
gegeben hatte, weit von sich.

Die Intimitten haben jetzt ihre Herrlichkeiten die Wrmer zu
besorgen! replizierte der unverbesserliche Sir Josuah, der durch
den bloen Gedanken an diese nachtrgliche Intimitt seine gute
Laune sofort wiedergewann und sich spitzbbisch darber freute,
Mylords Entsetzen noch mehr zu steigern. Von dem guten Geschmack
Eurer Herrlichkeit -=in puncto=- Intimitten war ich auch ohne diese
Erklrung hinlnglich berzeugt! Auch den allernchsten Angehrigen
gegenber!

Wie soll ich das verstehen?

Da Eure Herrlichkeit meines Erachtens also wohl von den
Herzensangelegenheiten Ihres Sohnes ebensowenig Notiz nehmen wollen wie
ich von denen meiner Tochter!

Ich glaube, Ihnen bei der Verlobung hinlnglich Gelegenheit gegeben zu
haben, diese berzeugung zu gewinnen! Sie werden nicht gemerkt haben,
da ich meinen Sohn irgendwie um seine Ansicht gefragt habe!

Ganz recht! Und deshalb bedaure ich, Eure Herrlichkeit darum bitten zu
mssen, das nachzuholen!

Was Sie sagen!

Ich mu sogar dringend auf der Erfllung dieses Wunsches bestehen
und hoffe, da Eure Herrlichkeit dabei die ganze vterliche Autoritt
aufbieten wollen!

Sie sind sehr khn!

Der Inhalt dieses Briefes wird meine Khnheit rechtfertigen!

So lesen Sie ihn doch endlich vor!

Sir Josuah schob seine Brille zurecht, gab dem Briefbogen einen Klaps,
um ihm die ntige Strammheit beizubringen, und fing endlich an:

          Mein lieber Sir Josuah!

 Als ein Mann von Ehre werden Sie einen Schritt billigen, den zu
 tun mir _=meine=_ Ehre gebietet, auch wenn er Ihren Wnschen nicht
 entspricht! Kurz und gut -- ich kann Ihre Tochter nicht heiraten! Ich
 habe mein Herz einer anderen geschenkt und ihr die Ehe versprochen!
 -- Ich gedenke dies Versprechen, das ihr und mir das Lebensglck
 verbrgt, auch zu halten, trotz der Schwierigkeiten, die sich uns
 entgegentrmen werden! -- Nichts wird mich davon abbringen! Werfen
 Sie mir nicht vor, ich htte dies als Ehrenmann vor der Verlobung
 mit Ihrer Tochter erklren mssen. Ich war nicht in der Lage, es zu
 tun! Ich wute nicht mit mir Bescheid! Ich hatte keine Ahnung von der
 groen Liebe, die jetzt mein ganzes Wesen erfllt! Ich handelte wie
 im Traum! -- Ich dachte mir die Ehe als etwas ganz Gleichgltiges,
 das man mit in den Kauf nehmen und der Entscheidung frsorglicher
 Eltern berlassen mu! -- Es war ein Irrtum! -- Das Leben ist jetzt
 zu mir gekommen! -- Ich habe gesehen, da keiner auer mir die Macht
 haben kann oder darf, mein Leben zu gestalten, wenn meine Neigung
 mit im Spiele ist! Ich bitte das zu bercksichtigen und es mir nicht
 nachzutragen oder es gar als Schimpf auffassen zu wollen, wenn ich die
 Verbindung mit Ihrer Tochter hiermit lse. Aber auch wenn Sie mich
 nicht entschuldigen wollen -- es knnte nichts an meinem Entschlu
 ndern, oder an der Hochachtung, die ich fr Ihr Frulein Tochter und
 fr Sie selbst hege! Ich berlasse es Ihnen, die ntigen Manahmen zu
 treffen, und bitte Sie, Ihr Frulein Tochter von meinem Entschlu in
 Kenntnis zu setzen!

      In unabnderlicher Wertschtzung Ihr
                     Lord Stuart-Wortley-Mackenzie.

Mylord wollen sich selbst berzeugen? sagte Sir Josuah nach
beendigter Vorlesung, legte den Brief auf den Tisch, nahm die Brille ab
und steckte sie in die Tasche. Mylord wollen sich gtigst berzeugen,
da ich richtig gelesen habe!

Lord Stuart erhob sich feierlichst zu seiner ganzen Gre und schlug
zum erstenmal in seinem Leben mit der Hand auf den Tisch. Einmal
nur! -- Aber das gengte, um auch Sir Josuah aus der Tiefe seines
Thronsessels emporschnellen zu lassen. Mit dem Blick eines Imperators
verkndete dann Seine Herrlichkeit ihren Willen.

Die Heirat findet statt! Der Junge hat da nicht mitzureden! Er wird
sich das abgewhnen mssen! Morgen geht er nach Schottland zu seinem
Regiment, um Subordination zu lernen! Zur festgesetzten Stunde tritt
er zur Trauung an! Verlassen Sie sich darauf! Aber behalten Sie doch
Platz!

Er setzte sich wieder, jetzt ganz Herr der Situation, und Sir Josuah
tat desgleichen. Einen Augenblick blieben sie so in feierlichem
Schweigen und blickten sich mehrmals hochachtungsvoll an.

Die Hypotheken -- fing Sir Josuah an, um das Schweigen zu brechen.
Eure Herrlichkeit wissen wohl bereits, da alles in Ordnung ist?

Mein lieber Sir Josuah, sagte der Lord langsam, mein Haushofmeister
hat mir noch nichts darber gesagt! Ich nehme aber ohne weiteres an,
da der unberlegte Schritt meines Sohnes auch daran nichts gendert
hat oder ndern wird!

Das wollte ich eben bemerken! sagte Sir Josuah und schwieg eine
Weile, um dem Lord Zeit zum Auftauen zu lassen. Dann hustete er leicht
und fing wieder an.

Ist Eurer Herrlichkeit nichts in dem Briefe aufgefallen? fragte er.

Ich kann nicht sagen! Die blichen Redensarten in derartigen Fllen!
Finden Sie etwas daran?

Nein! Aber da fehlt etwas zur Vollstndigkeit der Sache!

Was denn?

Der Name der betreffenden Person, die Ihr Herr Sohn heiraten will!

Ganz recht! Wissen Sie, wer die Dame ist?

Nein. Aber ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich sie in Beziehung zu
jenem Stich bringe!

Lord Stuart nahm den Stich und sah ihn prfend an.

Ja -- wenn wir _=danach=_ gehen wollten! sagte er und warf ihn wieder
auf den Tisch. Man sieht da ja von ihr blo die Beine!

Allerdings! sagte Sir Josuah. Aber man wei auch, wem diese Beine
gehren!

Meinen Sie?

Ja! Jenes Duell, das auf dem Stiche so lustig persifliert wird, hat
wirklich stattgefunden!

Mein Sohn htte sich also geschlagen?

Regelrecht geschlagen!

Was Sie sagen! Mit wem denn?

Mit Lord Albermale!

Mit dem? Nun -- der ist ja immer gleich bereit! Hoffentlich hat mein
Sohn ihm einen Denkzettel verabreicht!

Ich wei ber den Verlauf des Duells nichts -- nehme es aber ohne
weiteres an! Man htte sonst wohl von einer Verwundung gewut und
gesprochen.

Und der Anla jenes Duells?

Eben die Besitzerin jener Beine, die Eure Herrlichkeit soeben auf dem
Stiche bewundert haben!

Wer ist diese Dame?

Die Tnzerin Barberina vom Coventgardentheater.

Eine Tnzerin? Wegen einer Tnzerin htte er sich mit Albermale
geschlagen? Ich kenne den Albermale! Er ist wohl zu jedem tollen
Streich imstande! Aber er hat Geschmack! Und eine Tnzerin! Wegen einer
solchen Person fngt ein Peer von England keine Ehrenhndel an!

Sie ist sehr schn. Und Lord Albermale ist ein groer Don Juan!

Nun, ich will hoffen, da mein Sohn sich von dem Albermale nicht
ausstechen lt! sagte der Lord selbstbewut, merkte aber dann, da
er sich verplappert hatte, und fgte noch rasch hinzu: Das heit: ich
hoffe, mein Sohn wird wissen, was sich gehrt! Oder sollten Sie den
Brief auf jene Tnzerin beziehen?

Es bleibt mir nichts anderes brig! Man hat sie zwar niemals
ffentlich mit Ihrem Sohne zusammen gesehen! Aber wenn er sich schon
ihretwegen duelliert hat --

Da will ich Ihnen gleich etwas sagen, Sir Josuah: -- Werfen Sie jenen
Brief nur in den Ofen! Der hat gar keine Bedeutung! Wenn es sich um
eine erste Liebschaft handelt, da fangen die jungen Leute schon gleich
mit dem Eheversprechen an! Und nach vierzehn Tagen denken sie nicht
mehr daran! -- Ein Rausch, wie wir ihn alle einmal gehabt haben; weiter
nichts! -- Der wird sich austoben und ebenso schnell vergehen, wie er
kam!

Auch meine Meinung! sagte Sir Josuah. Aber aus dem Briefe spricht
eine Entschlossenheit und eine gewisse berspanntheit, die mir doch
zu denken geben! Ihr Sohn scheint mir ganz anders geartet als andere
junge Leute seines Alters! Und deshalb wre es meine Bitte an Eure
Herrlichkeit, ihn in aller Form darauf aufmerksam machen zu wollen, da
diese Liaison nur als vorbergehender Rausch zu betrachten sein darf!

Verlassen Sie sich darauf, Sir Josuah! Jener >Rausch< ist schon
vorber! Mein Sohn geht morgen nach Schottland zu seinem Regiment!

Das wre wohl doch zu grausam!

Schadet nichts! Er bekommt auf die Weise seinen Kopf frei -- sie nimmt
sich inzwischen einen anderen! In Schottland hat er keine Gelegenheit,
Ihre Tochter so auffallend zu vernachlssigen wie jetzt hier! So wird
sie es auch weniger merken!

Am anderen Ende der Galerie wurden Stimmen laut. Lord Stuart schwieg
und blickte um die Rcklehne seines Sessels herum.

Mein Sohn! sagte er. Er scheint jemand in der Galerie herumzufhren!

Sir Josuah blickte auch, so gut es ging, um die Lehne seines Sessels
herum, sank aber gleich wieder zurck.

Sie ist es! rief er.

Wer? -- Sie meinen doch wohl nicht jene -- -- jene Tnzerin?!

Sie ist es!

Diese Dreistigkeit! -- Lord Stuart richtete sich in seiner ganzen
Wrde auf und sa kerzengerade da, die Hnde auf die Stuhllehnen
gesttzt, und wartete den Schicksalsschlag mit der Ruhe eines alten
Rmers ab.

Es waren wirklich Be und Barberina, die am anderen Ende der riesigen
Galerie hereingekommen waren und sich langsam nherten. Sie blieben
hier und dort stehen. Er gab die ntigen Erluterungen zu den Bildern,
und sie lauschte neugierig.

Die Sessel der beiden alten Herren standen so, da sie sie nicht sehen
konnten. Sie glaubten sich allein und unterhielten sich zwanglos und
vertraulich, plauderten vergngt und tauschten manchen Hndedruck
aus. Schlielich blieben sie vor einem Bilde stehen und blickten
es lange an. Es war das Portrt einer blonden, schlanken Dame von
auergewhnlicher Schnheit, deren groe tiefblaue Augen dem Betrachter
melancholisch entgegenblickten.

Meine Mutter! sagte er.

Wie schn!

Nicht wahr? -- Was gbe ich darum, wenn sie noch am Leben wre! Sie
htte dich gleich liebgewonnen!

Glaubst du?

Wie wre etwas anderes mglich?

Er schlo sie pltzlich in die Arme und kte sie leidenschaftlich. Am
anderen Ende der Galerie wurde ein heftiger Husten laut.

Mein Vater! flsterte er und lie sie schnell los. Rasch entschlossen
nahm er sie dann bei der Hand und fhrte sie zu dem alten Lord, der
steifnackig dastand und die Begleiterin seines Sohnes mit einer kaum
merkbaren Neigung des Kopfes grte.

Ich wute nicht, da du Besuch hattest! sagte der alte Herr und auf
Sir Josuah deutend: Wie du siehst, habe ich auch welchen! Du mut mich
also entschuldigen!

Er blickte Barberina prfend an und mute vor sich selbst zugeben, da
sie es mit jeder Dame der hchsten Aristokratie an Haltung und Eleganz
aufnehmen konnte.

Die schlanke, biegsame Gestalt war eingehllt in ein Kleid von neuester
Pariser Mode aus heller, geblmter Seide. -- Um die halbentblten
herrlichen Schultern hatte sie eine Mantille aus echten Spitzen -- um
den Hals das Diamantkollier Knig Ludwigs. Die Haare waren gepudert,
aber weder Schminke noch Mouches auf den blhenden Wangen; die Augen
sprhten von jugendlichem bermut und Lebenslust.

Mein Vater, Lord Stuart, stellte Be vor. Sir Josuah Crichton! Und
Sir Josuah machte sein schnstes Kompliment.

Mademoiselle interessieren sich fr alte Gemlde? fragte Stuart der
ltere und trat auf sie zu. Da haben Sie in London gute Gelegenheit!
Wir haben hier eine Reihe vorzglicher Privatsammlungen. Aber --
gestatten Sie mir, Sie auf einige Perlen meiner Galerie aufmerksam zu
machen? Mein Sohn wird Sie etwas flchtig gefhrt haben!

Er bot ihr den Arm und fhrte sie von den beiden anderen Herren fort,
um ihnen Mglichkeit zur Aussprache zu geben.

Sir Josuah versumte nicht, die Gelegenheit auszunutzen. Er machte
es dem Herrn Schwiegersohn klar, da er wohl geneigt wre, bei einer
kleinen Unbesonnenheit durch die Finger zu sehen, keinesfalls aber ohne
weiteres gesonnen sei, den Schimpf anzunehmen, den eine Lsung der
Verlobung bedeuten wrde.

Barberina hrte von alledem nichts.

Der alte Lord schien ganz bezaubert von ihr zu sein und entwickelte
eine Liebenswrdigkeit, da seinem Sohne angst und bange wurde und Sir
Josuah vor Schadenfreude ganz aus dem Huschen geriet.

Er zeigte ihr ein vom Alter geschwrztes Bild.

Der Ritter hier, sagte er, gilt als Stammvater unseres Hauses --
obwohl wir schon vor ihm, unter Eduard dem Bekenner, Stuarts nachweisen
knnen. Er kmpfte mannhaft bei Hastings gegen die normannischen
Eroberer und wurde, nach unserer Niederlage, spter von Wilhelm dem
Eroberer enthauptet.

Barberina lachte.

Gleich der Stammvater hat den Kopf verloren? Seitdem tun's die Stuarts
wohl immer?

Ich mchte es nicht behaupten! antwortete der Lord, auf den Spa
eingehend. Ich kann aber nicht leugnen, da die Neigung dazu oft
vorhanden war -- wenn sie einmal zu tief in schne Frauenaugen
blickten! Sie wuten aber stets den Weg zur Pflicht zurckzufinden und
werden es hoffentlich auch knftig so halten!

Die letzten Worte sprach er mit besonderem Nachdruck aus.

Barberina lie sich aber nicht beikommen. Sie zuckte leicht mit
den Schultern, blickte den Lord spttisch an und fragte in leicht
verchtlichem Ton:

Was waren denn das fr Frauen?

Schne Frauen -- geistreiche Frauen! Oft von feinen Sitten, aber nicht
von gleichem Rang mit uns!

Hngen hier Bilder von ihnen?

Der Lord schttelte den Kopf.

Die Galerie enthlt nur Mitglieder unseres Hauses. Und nur einer von
diesen Damen gelang es, der Ehre teilhaft zu werden!

Zeigen Sie mir ihr Bild!

Er zog den Vorhang von einem schwarz verhllten Bildnis zur Seite.

Warum ist es verhngt?

Sie brachte Unglck ber unser Haus. Durch ihre Untreue machte sie
ihren Mann zum Mrder und brachte ihn um Ehre und Leben! Er war
der erste Protestant in unserer Familie! Sein und ihr Sohn war ein
Verschwender und ein Konspirateur! Er schlo sich den Aufrhrern an,
die Johanna Grey auf den Thron setzten --

Wer war diese Dame?

Sie war neun Tage Knigin von England. Jung und schn und unglcklich!

Aber Knigin! sagte Barberina, und ihre Augen blitzten.

Das mute sie mit dem Leben bezahlen! Und mit ihrem Haupte fielen die
Kpfe ihrer Anhnger -- auch der meines Vorfahren! Seine Gter wurden
konfisziert. Knigin Elisabeth gab sie uns wieder. Und seitdem sind sie
in unserem Besitz geblieben!

Und die Stuarts haben seitdem nie wieder eine Nichtadlige geheiratet?

Nein. Das war die erste und hoffentlich letzte Mesalliance in unserem
Hause!

Barberina blickte ihn spttisch an und zog ihn mit sich von Bild zu
Bild, stets die Portrts der Frauen mit besonderer Neugier betrachtend.

Gott, wie gelangweilt sehen sie aus! Wenn ich nicht annehmen wrde,
da die Stuarts auch damals Geist hatten, ich wrde die armen Ladys
bedauern! Am Ende liegt's an den Malern?

Wir haben stets die ersten Maler der Zeit beschftigt! Hier sind auch
mehrere van Dycks unter den Bildern!

Was treibt denn solch eine vornehme Dame ihr Leben lang? Sie vegetiert
wohl nur -- in den Stadtpalsten -- auf ihren Landschlssern -- geht in
die Kirche -- sorgt fr fromme Stiftungen -- gebrt die Stammhalter --
verzieht sie -- verwelkt und stirbt? -- Nicht wahr?

Sie haben nicht so unrecht!

Und nachher wird sie hier aufgehngt!

Es frstelte sie leicht. Sie zog die Mantille um ihre Schultern
zusammen.

Ich mchte nicht hier hngen! Wei Gott, ich mchte keine solche Lady
sein!

Wenn ich nicht irre, hat Ihr Ehrgeiz bereits -- und zwar mit groem
Erfolg -- andere Wege eingeschlagen! Ich habe mir auch sagen lassen,
da die Kunst die Hingabe ihrer Adepten so voll und ganz verlangt, da
ihnen weder Zeit noch Neigung fr die Ehe brigbliebe!

Barberina lachte laut auf -- so silberhell, so bestrickend, da der
alte Herr gegen seinen Willen einstimmen mute.

Man hat Sie sicher hinters Licht gefhrt, Mylord! sagte sie
spttisch. Ich kann mir ganz gut denken, da ich verliebt genug sein
knnte, um meiner Kunst zu entsagen und dem Manne meines Herzens zu
leben! Aber beileibe nicht, um ihm zu helfen, irgendwelche vermodernden
Familientraditionen aufrechtzuerhalten! Eher um sie auf den Kopf zu
stellen! Das wrde mir sogar viel Spa machen!

Sie sind gefhrlich!

Sie frchten sich hoffentlich nicht?

Mein Alter stellt mich leider auerhalb des Wettbewerbs, lchelte
er, kte ihr dabei aber so galant die Hand, da es den guten Be
kalt berlief. Wenn ich noch jung wre und eine schne Dame liebte,
die derartige Absichten hegte, wrde ich jedenfalls alles tun,
um sie zu bekehren! Denn wir Stuarts bleiben unweigerlich dabei,
auch in Liebessachen die glorreichen Traditionen unseres Hauses
aufrechtzuerhalten!

Mit mir htten Sie da kein Glck! Wenn ich jemand mein Herz schenke,
mu er meinetwegen ganz den Kopf verlieren! Meinetwegen mu er von
allem fortgehen, nur um mit mir zu leben und irgendwo glcklich
zu sein, wo die Sonne scheint und wo's weder englische Nebel noch
hochvornehme Urteile gibt! Seinetwegen gbe ich denn auch gern alles
auf! Und, Mylord, wenn ich mir vornehme, jemand so den Kopf zu
verdrehen, dann fhre ich es auch sicherlich durch! -- -- Ich darf
aber Ihre Gte nicht lnger in Anspruch nehmen! -- Es war sowieso
eine Dreistigkeit von mir, ohne weiteres herzukommen! Ich war aber
neugierig! Ihr Herr Sohn hatte mir so viel von seiner Mutter erzhlt,
da ich begierig wurde, ihr Bildnis zu sehen! -- Ich danke Ihnen fr
Ihre gtige Nachsicht! -- Und nun gestatten Sie wohl --?

Sie legte ihren Arm in seinen und lie sich zu den beiden anderen
Herren zurckfhren.

Sie werden wohl die Gte haben, mir den Weg zu zeigen? sagte sie zu
Be, der auch sofort bereit war. Aber sein Vater kam ihm zuvor.

Es sind fr dich Befehle deines Regiments da, die keinen Aufschub
erleiden! Deine Anwesenheit in deiner Garnison scheint erwnscht zu
sein! Du wirst wohl morgen frh abreisen mssen! -- Gestatten Sie,
Mademoiselle, da ich Sie selbst zu Ihrem Wagen geleite?

Er bot ihr galant den Arm. Und Barberina, ohne mit einer Miene zu
zeigen, wie sehr sie von der bevorstehenden Abreise ihres Geliebten
betroffen war, nahm lchelnd Abschied und folgte dem alten Herrn, immer
noch lustig lachend und plaudernd.

Be stand da und vermochte kein Wort hervorzubringen.

Hoffentlich hast du gutes Reisewetter, mein Sohn! sagte Sir Josuah in
seinem freundlichsten Ton.

Ich lasse mich nicht fortschicken! rief Be heftig. Ich bin kein
Kind mehr! Ich nehme meinen Abschied! Aber ich gehe nicht von London
fort! Am allerwenigsten jetzt!

Das wirst du dir wohl doch erst berlegen!

Keinesfalls! Mein Entschlu ist gefat!

Da mut du eben einen neuen Entschlu fassen! -- Schlielich --
Schottland ist hbsch! Das Garnisonleben hat auch seine Reize! Und --
zur Hochzeit kommst du ja wieder her!

Aus der Hochzeit wird nichts! schrie der junge Mann.

Aber Sir Josuah pflegte sich grundstzlich nie auf Diskussionen
lngst erledigter und bereits als Tatsachen feststehender Geschfte
einzulassen. Er antwortete also nicht, sondern besah sich den Stich
Hogarths noch einmal, legte ihn gelassen aus der Hand und sagte:

Schade, da sie's so eilig hatte! Ich htte sie zu gern ber den Stich
interpelliert! Es htte mich interessiert, auch ihre Kritik zu hren!

Be ri den Stich an sich, zerknllte ihn und warf ihn in die Ecke. Sir
Josuah tat, als bemerke er es nicht.

Na, schlielich kann ich mir eine Loge im Theater nehmen! sagte
er gelassen. Sie wird mir den Stich am besten -- mit den Beinen
erlutern!

Sie hat Geist und Witz! sagte der alte Lord Stuart, der wieder
hereintrat. Wirklich, sie hat viel Liebreiz und wird es in ihrem Beruf
sicherlich weit bringen. -- Wre ich selbst jung -- ich wre imstande,
mir von ihr den Kopf verdrehen zu lassen! -- Nun -- es wird ihr schon
nicht an Anerbietungen fehlen!

Sicher nicht! sagte Be. Aber sie nimmt keine an, die nicht ernst
gemeint sind! -- Und was meine Verlobung betrifft -- --

Ein eisiger Blick des alten Herrn unterbrach ihn jh.

ber deine Verlobung mchte ich mich jetzt nicht mit dir unterhalten!
sagte er mit Nachdruck. Nachher, wenn wir allein sind, haben wir
allerdings verschiedenes miteinander zu bereden! Das Arrangement deines
zuknftigen Hauswesens und so weiter! Denn morgen wirst du keine Zeit
mehr dazu haben!

Dann mchte ich nicht lnger stren! sagte Sir Josuah rasch, um der
Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn aus dem Wege zu gehen. Eure
Herrlichkeit gestatten wohl, da ich mich empfehle?

Leben Sie wohl, Sir Josuah! Sagen Sie Ihrer Tochter, da mein Sohn
sich noch von ihr verabschieden wird!

Ich werd' sie schonend darauf vorbereiten! sagte Sir Josuah
schmunzelnd und lie die beiden allein.




15


Be wagte es, seinem Vater zu trotzen. Er lie die Braut sitzen und
machte seinen Abschiedsbesuch -- bei Barberina, noch am gleichen Abend,
in ihrem Ankleidezimmer im Theater.

Er verabredete mit ihr, nach einigen Tagen mit ihr nach Paris zu gehen,
um sich dort mit ihr trauen zu lassen.

Ihr Engagement in London ging sowieso in einigen Tagen zu Ende, und sie
war noch nicht anderweitig verpflichtet. Von Paris und Dublin hatte sie
Anerbietungen. In Dublin hatte sie im ersten Jahre ihres englischen
Aufenthaltes Triumphe gefeiert und Schtze angesammelt. Trotzdem wollte
sie vorgeben, da sie in Paris annehme und -- sich frei halte!

Am Tage nach dem Besuch ihres Geliebten sa sie im Ankleidezimmer und
wartete auf ihn, als es an die Tr klopfte.

Sie rief herein! -- Und herein trat -- nicht Be, sondern Sir Josuah
Crichton!

Sie blickte erstaunt auf und wollte ihn zunchst hinausweisen, nahm
aber an, da sein Besuch in irgendwelcher Beziehung zu ihrem Geliebten
stehe, und lie es also.

Verzeihen Sie, Mademoiselle, da ich so -=sans faon=- bei Ihnen
anklopfe --

Ich war allerdings nicht auf den Besuch gefat --!

Ich htte mich ja melden lassen knnen! Aber -- am Ende wre ich dann
nicht empfangen worden --?

Ich gestehe, da ich nur meine ganz intimen Bekannten hier zu sprechen
pflege!

Das nahm ich auch an! Da Sie also sicher ohne weiteres >herein< rufen
wrden, zog ich es vor, unangemeldet anzuklopfen! Denn ich konnte mich
nicht abweisen lassen!

Ich wte nicht, was wir zwei miteinander zu besprechen htten!

Werden's schon merken! schmunzelte Sir Josuah.

Sie blickte die kugelrunde, selbstgefllig posierende Gestalt an, und
es leuchtete schelmisch auf in ihren Augen.

Wenn Sie wuten, da ich jemand hier erwartete, der darauf ein Recht
hat -- wie konnten Sie annehmen, da er nicht bereits hier bei mir
wre, und da Sie also doch htten an der Tr umkehren mssen?

Weil ich wute, da jener Bevorzugte nicht kommen konnte!

Was ist ihm denn geschehen? rief sie unberlegt.

Weiter nichts, als da er nach Schottland unterwegs ist!

Das wei ich besser! -- Ich nehme an, Sie reden von Lord Stuart?

Ganz recht!

Er ist noch in London! Er wird berhaupt nicht nach Schottland gehen!

Er hatte allerdings die Absicht, hierzubleiben! Er machte sich also
des Ungehorsams gegen einen dienstlichen Befehl schuldig. Und da lt
man hier in England nicht mit sich spaen! -- Notabene, wenn der Herr
Papa nicht seinen Rang und seine Beziehungen fr ihn bettigt! Und der
Herr Papa war ber seinen Trotz am meisten erzrnt und verlangte, da
man mit aller Strenge gegen ihn vorgehe! So wurde er denn heute frh
verhaftet --!

Verhaftet? Barberina erblate und verlor auf einmal ihre sonstige
berlegenheit.

Ja, verhaftet und unter militrischer Bedeckung nach seinem
Garnisonsort gebracht! Man wird ihn aber sicherlich schonend behandeln.
Bis zur Hochzeit wird er sich allerdings dort gedulden mssen!

Bis zur -- --

Sie wissen doch Bescheid? Er wird Ihnen sicherlich nicht verheimlicht
haben, da er meine Tochter heiraten soll?

Sie irren sich in Ihrer Annahme nicht! sagte Barberina kurz. Und --
jene groe Begebenheit -- wann findet die statt?

In sechs Wochen!

Wie schade! sagte sie bermtig lchelnd, da er gerade fr die
Zeit ein Rendezvous mit mir in Paris verabredet hat! Er wird nicht zur
Hochzeit kommen knnen!

Sie glauben? -- Sir Josuah lachte kurz.

Gewi! -- Er wird sich nicht teilen knnen! Und er wird sicherlich
Paris vorziehen!

Sir Josuah lie sich aber auch nicht mit einer schnen Dame auf
Diskussion ber eine abgemachte Sache ein. Er zog es vor, die
Unterhaltung lieber auf ihre Person zu lenken.

Sie wollen uns verlassen?

Ja! Man setzt mir in Paris sehr zu! Die Knigliche Akademie der Musik
macht mir die verlockendsten Anerbietungen!

Wie schade, da wir Sie verlieren mssen! -- Ich bin ganz auer mir!
Ich habe Sie heute mit der grten Bewunderung gesehen und habe nur
bedauern knnen, da ich mich durch meine Geschfte abhalten lie,
frher zu kommen! Von heute ab gehe ich aber jeden Abend ins Theater,
sooft Sie tanzen! Ich bin wirklich charmiert!

Barberina neigte zum Dank fr das Kompliment leicht den Kopf.

Er wurde dadurch khner.

Gestatten Sie mir, noch hinzuzufgen, sagte er, da ich es als einen
Vorzug und eine Ehre betrachten wrde, Sie knftig nicht nur aus der
Ferne bewundern zu drfen. Ihre Unterhaltung bietet so viel Reiz, da
ich mich glcklich schtzen wrde, ihrer fters teilhaft zu werden!

Sie tun mir viel zuviel Ehre an, Sir Crichton!

Sagen Sie Sir Josuah, bitte!

Nun denn, Sir Josuah! Sie, ein hochmgender Mann, ein Mitglied des
Hauses der Gemeinen -- und ich, die ich gar nichts von Politik verstehe
--!

Das tue ich, bei meiner Seele, auch nicht! Ich bin nur aus
reprsentativen Rcksichten im Parlament! Sonst aber gehe ich ganz in
meinem Geschft auf!

Von Geschften verstehe ich aber auch nicht das geringste!

Das wrde im Verkehr mit mir bald kommen!

Ich bezweifle es! Ich bin ganz Knstlerin! Die Unterhaltung mte sich
also auf das Gebiet meiner Kunst beschrnken! Und da -- nehmen Sie's
mir nicht bel, aber --

Sie lachte laut auf.

Warum lachen Sie?

Ich mute mir eben sagen, da Sie als Adept der Tanzkunst keine gute
Figur machen wrden!

Ich traue Ihrer Kunst zu, auch das Wunder noch zu bewirken! Befehlen
Sie, und ich mache sofort die tollsten Kapriolen!

Nein, Sir Josuah, nein! Ich wrde vor meinem Gewissen keine Ruhe mehr
haben!

Sie geben mir also einen Korb? Ah, Sie sind grausam!

Er legte die Hand aufs Herz und seufzte schmerzlich.

Die Barberina lachte, da ihr die Trnen in die Augen kamen. Die
Allren eines Liebhabers standen dem eingebildeten alten Dickwanst zum
Entzcken komisch! Ihm den Kopf zu verdrehen, mute eine wahre Wonne
sein! Sir Josuah, sagte sie, ich gebe Ihnen Unterricht!

Daran tun Sie recht! sagte er. Dann werde ich Sie auch geschftlich
ausbilden!

Wozu?

Damit Sie lernen, wie sehr Kunst und Geschft eins ist!

Dann mu Mama diesen Unterricht nehmen! Mit dem Geschftlichen befasse
ich mich nicht!

Sie werden viel Mhe mit mir haben!

Ich glaube schon!

Ich werde mir denn erlauben, der Frau Mama fr den Tanzunterricht bei
Ihnen tausend Pfund anzubieten!

Aber _=nur=_ fr den Tanzunterricht!

Selbstverstndlich nur dafr! -- Ich bitte aber auerdem, mir die
Gnade erweisen zu wollen, diese kleine Gabe anzunehmen als Zeichen,
da Sie mich des Vorzugs wrdigen, mich auch als Ihren Freund zu
betrachten!

Er entnahm seiner Tasche ein Etui, ffnete es, und vor ihren Augen
glitzerte ein herrlicher Brillantschmuck.

Barberina liebte die Brillanten, und diese waren von auserlesener
Schnheit. Die Glut der Hlle schien mit dem Leuchten des Himmels in
ihrem Funkeln vereinigt zu sein! Als sie aber den Schmuck in die Hand
nahm, schossen aus ihm blaue Blitze hervor wie aus den Augen ihres
Geliebten, als er von der ihm aufgezwungenen Verlobung erzhlte!

Sie klappte das Etui zusammen, stellte es auf den Tisch und blickte Sir
Josuah scharf an.

Wie ich Ihnen bereits sagte, verstand ich bis jetzt nichts von
geschftlichen Dingen! Es scheint mir aber, da Ihre bloe Anwesenheit
gengt, mir die Augen zu ffnen! Ich fange schon an, ein wenig zu
begreifen!

Sehen Sie!

Da Sie wohl aber von den zwischen mir und Lord Stuart bestehenden
Beziehungen ebensogut unterrichtet sein werden wie von den gewaltsamen
Manahmen, uns zu trennen, mchte ich Ihnen gleich sagen, da meine
Empfindungen -- oder vielmehr der Verzicht darauf -- nicht kuflich
sind!

Wer wird denn gleich so hlich denken? Dieser Schmuck sollte nur ein
Zeugnis von meiner aufrichtigen Bewunderung fr die groe Knstlerin
ablegen, und von der Verehrung, die ich fr Ihre Person empfinde! --
Sie werden mir doch nicht den Schmerz antun, ihn zurckzuweisen?

Die Annahme verpflichtet mich also zu gar nichts?

Keinesfalls! Sie wrde nur mich auf alle Zeit als Ihren Freund und
gehorsamsten Diener verpflichten!

Gut! Ich nehme ihn denn an! Aber unter einer Bedingung!

Und die wre?

Sie drfen mir gegenber niemals meine Beziehungen zu Lord Stuart oder
seine Verlobung mit Ihrer Tochter auch nur andeuten!

Sir Josuah zgerte.

Warum verlangen Sie das? fragte er schlielich etwas betroffen.

Aus gar keinem anderen Grunde, antwortete sie, kokett auflachend,
als weil ich's nicht gewohnt bin, da ein Mann mir -- von den
Empfindungen _=eines anderen Mannes=_ fr mich spricht!

Von meinen eigenen Empfindungen fr Sie drfte ich also sprechen?

Soviel Sie nur wollen! lachte Barberina, die sich jetzt vornahm, dem
alten Mann den Kopf gehrig zu verdrehen. Und wenn es Sie beruhigen
kann, will ich Ihnen noch versprechen, keinen Finger zu rhren, um Lord
Stuart Ihrer Tochter abspenstig zu machen!

Abgemacht! rief Sir Josuah und kte ihre Hand.

Wenn Sie galant wren, htten Sie antworten mssen, da ich das nicht
ntig htte! schmollte sie und entzog ihm die Hand.

ben Sie Gnade! rief er. Ich bin eben in galanten Dingen ein
Anfnger und wute nicht, da man Selbstverstndliches sagen mte!

Sie werden sich eben bessern mssen!

Nachdem Sie die Gnade hatten, mir zu gestatten, Ihnen mglichst viel
von meinen eigenen Empfindungen fr Sie zu erzhlen, bezweifle ich es
nicht -- wenn Sie mir nur Gelegenheit geben!

Sooft Sie wollen!

Dann erlaube ich mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, schon heute mit
mir zu soupieren!

Mit Vergngen -- wenn Mama Ihre Einladung annimmt! antwortete
Barberina und stellte ihm die Signora vor, die eben zur rechten Zeit
hereinkam, um ja zu sagen.

Und so kam es, da Fossano, der sich noch hinter den Kulissen
umhertrieb, sehen konnte, wie Barberina am Arme Sir Crichtons das
Theater verlie, um mit ihm und ihrer Mutter in dessen Wagen Platz
zu nehmen. Eine Entdeckung, die er nicht zgerte, Lord Albermale
zuzuflstern, der die groe Neuigkeit denn auch prompt nach Schottland
weiterbefrderte, damit sein Freund Be nicht denke, seine Geliebte
stnde ganz verlassen da.

Das Souper verlief sehr vergngt. Sir Josuah war von der Konversation
Barberinas entzckt und verlor gleich am ersten Abend total den Kopf.
Kein Tag verging dann, ohne da er ihr seine Aufwartung machte. Er
brachte ihr Blumen und machte ihr Geschenke aller Art. Barberina sah
sich bald im Besitz eines Landhauses an der Themse -- das Bankguthaben
der Mama schwoll an, und Sir Josuahs Hoffnungen auf Erfolg ebenso
-- wenn er sich auch gedulden mute. Denn Barberina selbst erlaubte
ihm nicht die geringste Vertraulichkeit und verstand es geschickt,
jedem seiner Annherungsversuche auszuweichen -- jedoch ohne ihm diese
frmlich zu verbieten.

Eines Tages schenkte er ihr einen kleinen, hbschen Mohren zu ihrer
persnlichen Bedienung, was ihr einen Ausruf des Entzckens entlockte.

Wo haben Sie den her? fragte sie neugierig.

Eins meiner Schiffe brachte ihn von der letzten Reise mit. Die
Negerknaben sind sehr begehrt fr den intimeren persnlichen Dienst bei
den Damen der feinen Welt! Ich kann kaum so viele anschaffen, wie man
von mir verlangt!

Sie handeln auch mit Menschen?! rief Barberina schaudernd.

Wer tut das denn nicht!

Schrecklich!

Wieso? Der Mensch wird doch immer gehandelt! Geschft war doch stets
mit den Transaktionen in Menschenfleisch verbunden!

Wie knnen Sie?!

Sir Josuah lchelte.

Das ist nicht meine Erfindung! Und brigens -- am Theater werden Sie's
gesehen haben!

Verlassen Sie mich! -- Barberina stand pltzlich kerzengerade vor
ihm und zeigte auf die Tr. Er war aber nicht aus dem Gleichgewicht zu
bringen.

Beruhigen Sie sich, Mademoiselle, lchelte er, ich handle nur mit
Schwarzen! Die zhlen ja kaum noch zu den Menschen! Sie sind aber als
solche gut zu gebrauchen! Sie lernen schnell und sind verschwiegen! Die
besten Hter der Boudoirgeheimnisse, die man sich wnschen kann!

Barberina wandte sich ab, um ein Lcheln zu verbergen. Er sah es und
beeilte sich, hinzuzufgen:

brigens versetze ich sie aus einem halb tierischen Zustande in
menschenwrdige Verhltnisse! Ich bin also geradezu ihr Wohltter! Sie
werden ihn doch gut behandeln?!

Sicher! Wo haben Sie ihn gekauft?

Ich kaufe nicht! Ich bediene mich nicht der Sklavenhndler. Ich rste
selbst Expeditionen aus, fhre Krieg, mache Gefangene und verkaufe sie
dann dort, wo ihre Arbeitskraft bentigt wird!

Er fing zu erzhlen an und gab ihr rasch einen Einblick in die
Geheimnisse des echt englischen Geschfts mit schwarzem Elfenbein.
Vor ihren entsetzten Augen rollten sich grausige Bilder auf von Mord
und Raub und gewaltsamem Zerreien aller menschlichen Bande. Sie
sah in der Phantasie das Treiben auf den Menschenmrkten, wo der
Gatte der Gattin, die Kinder den Eltern genommen wurden -- sah in
engen Schiffsrumen zusammengepferchte menschliche Leiber, in Ketten
geschlossen, von Hunger verzehrt, von Krankheiten dahingerafft --
die berlebenden zu Skeletten abgemagert, dem traurigsten Schicksal
entgegengefhrt. -- Und alles, damit England gro und mchtig werde,
indem jener dicke, feiste Kerl, der da vor ihr stand, und viele
seinesgleichen sich die Taschen mit Gold fllten!

Sie begriff auf einmal, da er sich auch noch erdreistete, mit seinen
plumpen Hnden in die Poesie ihres eben erwachten Empfindungslebens
eingreifen und kalten Blutes ber das Glck zweier Menschen
hinwegschreiten zu wollen, nur um seine geschftlichen Interessen zu
frdern! Keine Strafe schien ihr da schwer genug! Sie schauderte ob der
selbstgeflligen Nonchalance, mit der er sein schandbares Gewerbe als
durchaus ehrenwert und verdienstvoll hinzustellen wagte, und rief voll
Entrstung:

Ein Ruber sind Sie! Ein Mrder!

Ich bin ein Kaufmann, Mademoiselle, weiter nichts!

Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber schandbar ist es! Und noch
schandbarer, da es geduldet wird! Legt man Ihnen denn gar keine
Hindernisse in den Weg?

Doch! Das Metier hat auch seine Unannehmlichkeiten! Das gebe ich zu!
Die Neider zum Beispiel! -- Da kam vor kurzer Zeit ein Franzose --
ein -=homme de lettre=- -- ber den Kanal, angeblich, um englisches
Wesen und englische Zustnde zu studieren und ein Buch darber zu
schreiben. Er schnffelte auch bei mir herum. Und ich, in meiner
Harmlosigkeit, tat ein bichen dick und lie ihn mehr wissen als ntig
war. Da wurde er gleich Feuer und Flamme und wollte sein Geld in meinem
Niggergeschft mitarbeiten lassen -- angeblich nur aus Neugier und
um praktische Erfahrung zu gewinnen! Ich habe mich aber gehtet! Da
ist er gleich zu einem meiner Nebenbuhler gelaufen und hat ihm alles
verraten, was er bei mir gelernt hatte! Und nun machen die mir schwere
Konkurrenz. Ein Vermgen hat er schon damit verdient! Nichts habe ich
so sehr bereut wie das!

Das waren seine ganzen Bedenken! Menschliche Gefhle schienen bei
ihm nicht vorhanden zu sein! Und doch versuchte er den Liebhaber
herauszukehren! Sie lachte laut auf.

Warum lachen Sie?

Weil Sie so ganz anders aussehen, als Sie mten!

Wie mte ich denn aussehen?

Nun -- einen Menschenfresser htte ich mir jedenfalls ganz anders
vorgestellt! Man mte vor Ihnen Grauen empfinden knnen!

Sie werden noch von mir verlangen, da ich hier vor Ihren Augen den
kleinen Negerjungen mit Haut und Haaren verspeise!

Ich will berhaupt nichts von ihm wissen! Nehmen Sie ihn zurck!

Ich bitte Sie --!

Wenn ich ihn sehe, wrde ich an all das Schauderhafte denken mssen,
was Sie mir erzhlt haben! Ich wrde bse Trume bekommen!

Dann nehmen Sie ihn nur an! Er wird Ihnen se Wiegenlieder singen! Er
ist musikalisch! Er spielt schon sehr gut die Laute!

Am Ende tanzt er auch?

Sie werden ihm das Tanzen jedenfalls leicht beibringen! Die Schwarzen
haben ein angeborenes rhythmisches Gefhl und eine natrliche
Empfindung fr den Tanz! -- brigens ist er ein Prinz!

Wer's glaubt!

Ganz gewi! Sein Stammbaum ist allerdings drben in den Urwldern
Afrikas geblieben! Aber Sie knnen mir aufs Wort glauben!

Also, Sie handeln auch mit kniglichen Hoheiten! -- Das ist
zum mindesten originell! Das vershnt mich ein wenig mit Ihrem
Elfenbeinhandel!

Sie lachte pltzlich auf.

Mir fllt was ein! Die Schwarzen mten auch anfangen, mit weien
Sklaven zu handeln! Ich mchte zu gern unsere gepuderten Prinzen in
ihren seidenen Strmpfen und Spitzenjabots als Sklaven der schwarzen
Schnen sehen!

In Wirklichkeit werden Sie's kaum erleben! Vielleicht aber auf dem
Theater!

Da geben Sie mir eine Idee! Daraus lasse ich mir ein pantomimisches
Ballett machen! Das wird entzckend! Eine Nummer, die ich allein habe!

Sie werden damit Triumphe feiern!

Ohne Zweifel! Sie mssen mir aber richtige Negerprinzen dazu besorgen!
Eine ganze Schiffsladung!

Welche absurde Idee!

Sie sagen, da Sie mich lieben, Sir Josuah, und Sie finden einen
Wunsch von mir absurd?! Sie lieben mich eben nicht!

Ich bete Sie an!

Schweigen Sie! Ich glaube nichts von Ihren Beteuerungen! Kein Wort
glaube ich Ihnen!

Sie tten mich!

Er warf sich auf die Knie, so gut es ging, und suchte ihre Hand zu
erhaschen. Sie stie ihn aber zurck.

Wie hie jener Franzose, der Ihnen Ihre geschftlichen Kniffe
ablauschte?

Warum fragen Sie?

Die Franzosen sind galant! Wie heit er?

Voltaire!

Er soll mir meine Negerprinzen besorgen!

Mademoiselle, Sie tten mich! Ich liebe Sie ja!

Kein Wort von Ihren Empfindungen, bitte!

ben Sie Gnade!

Wollen Sie mir hoch und heilig versprechen, da ich bald eine ganze
Schiffsladung schwarzer Prinzen mir zu Fen haben werde?

Sie sollen Ihren Willen haben!

Schwren Sie's!

Ich schwre!

Stehen Sie also auf! Nein, nein -- stehen Sie auf! Ich kann Sie nicht
so daliegen sehen! Sie versetzen mich in die tdlichste Angst um Sie!
Denken Sie doch an Ihr Embonpoint! Ich kann's nicht dulden, da Sie
Ihr mir so kostbares Leben aufs Spiel setzen! Wer wrde mir dann meine
Schwarzen besorgen!

Sie lachte wie ein ausgelassenes Kind.

Er stand etwas begossen auf.

Setzen Sie sich dahin! Und ganz artig stillsitzen! Wenn Sie brav sind,
drfen Sie mir auch die Hand kssen!

Sie reichte ihm die Hand, die er sofort begierig ergriff.

Ich will also Ihren schwarzen Prinzen annehmen! Ich ernenne Sie auch
zu meinem Sklaven! Aber nur unter einer Bedingung!

Und die wre?

Da Sie -- in meinem Negerballett mittanzen!

Sir Josuah fuhr auf. Seine Zge verfinsterten sich. Sie ignorierte es.

Sie sollen einen franzsischen Prinzen darstellen, den ich fr
schweres Geld gekauft habe und den Huptlingen meines Stammes in seinen
nationalen Tnzen vorstelle! Die franzsischen Prinzen sind alle dick
wie Sie! Sie tanzen alle gut!

Sie halten mich zum besten!

Durchaus nicht!

Bedenken Sie doch, was Sie von mir verlangen! Ich, ein Baronet von
England, Mitglied des Hauses der Gemeinen, Chef eines der grten
Handelshuser --

Diesen Herrn kenne ich nicht! Ich kenne nur meinen Sklaven Josuah, der
mir unbedingt gehorchen mu oder zu den Toten geworfen wird! Entweder
-- oder!

Mademoiselle, ich beschwre Sie!

Gehen Sie, Sir Josuah, ich will nichts von Ihnen wissen! Wie oft
haben Sie mir nicht geschworen, Sie wollten mir zuliebe alles tun! Und
gleich den allerbescheidensten Wunsch schlagen Sie mir ab! Ich htte
Indiens Schtze verlangen knnen und verlangte nur einen Tanz! Ich war
im Begriff, um Ihretwillen den einzigen Mann zu vergessen, den ich je
geliebt habe! Und Sie -- wollen meinetwegen nicht einmal die Beine
bewegen! -- Abscheulich! -- Sie sollten sich schmen!

Und Sir Josuah schmte sich wirklich.

Alles, was Sie wollen, will ich tun! Aber Sie verlangen das Unmgliche
von mir! Ich kann nicht tanzen!

Was man nicht kann, kann man lernen! Ich werde Sie unterrichten!
Keinen Widerspruch!

Wohlan denn! Aber ich werde nicht sehr gelehrig sein! Sie werden nicht
viel Freude an mir haben!

O doch! Sehr viel! lachte Barberina, die sich den Spa gttlich
vorstellte. Und sollten Sie's wirklich nicht so weit in der Tanzkunst
bringen wie bis zum franzsischen Prinzen im Ballett, so will ich Gnade
ben und von Ihrer Mitwirkung in meinem schwarzen Ballett absehen! Aber
erst dann! Erst mssen Sie Ihren guten Willen zeigen --

Und dann? fragte Sir Josuah sehnschtig und ergriff wieder ihre Hand.

Dann will ich Ihnen erlauben, mir alles zu sagen -- was Sie mir heute
nicht sagen drfen! antwortete sie und entzog ihm die Hand.

Und was werden Sie mir dann darauf antworten?

Tanzen Sie hbsch brav, Sir Josuah, und Sie werden mit der Antwort
zufrieden sein!

Sie lie den Worten einen ihrer betrendsten Blicke folgen. Und so kam
es, da Sir Josuah die folgenden Tage in ihrem, ihr von ihm geschenkten
Landhause unter ihrer Leitung die schwersten Pas seines Lebens --
seine Fauxpas, wie sie sagte -- einstudieren mute. Er verga darob
das ganze Parlament von England und versumte grblich sein ganzes
groes Handelsunternehmen, um seine Baronie, statt mit der ersehnten
Lordschaft, mit der vergoldeten Papierkrone eines franzsischen
Theaterprinzen von Geblt zu schmcken.

Sie hatte ihre helle Freude daran, den verliebten alten Gecken wie
einen Tanzbren zu dressieren. Zu den Unterrichtsstunden mute er in
vollem Habit antreten -- in engen seidenen Hosen, Spitzenjabot, Schuhen
mit brillantenen Schnallen und federgeschmcktem Dreispitz, das Gesicht
rot und wei getncht, die Haare gepudert und einen koketten Degen an
der Seite.

Als Zuschauer wurde nur der Mohr zugelassen, der auf der Laute den Tanz
begleiten mute.

Sie mute ihrem Schler recht geben. Er hatte nicht das geringste
Talent, und was er leistete, grenzte ans Groteske. Aber sie htete
sich, es ihm zu sagen. Es machte ihr Vergngen, ihn zu qulen. Seitdem
er ihr triumphierend die Verhaftung ihres Geliebten mitgeteilt hatte,
hate sie ihn mit der ganzen Glut ihres sdlndischen Temperaments.
Sie nahm sich vor, ihm den Kopf zu verdrehen und ihn vor aller Welt so
lcherlich zu machen, da der alte Stuart gentigt sein wrde, auf die
Verbindung zu verzichten.

Bald hatte sie ihn so weit.

Eines Tages, nach einem ermdenden endlosen Studium der Gavotte -= la
cour=-, blieb Sir Josuah mitten in einem Kompliment stehen und wischte
sich die von Schminke gefrbten Schweitropfen aus dem Gesicht.

Habe ich mich nun genug blamiert? fragte er sthnend.

Noch nicht!

Ganz London lacht ber mich!

Die ganze Welt mu lachen!

Sie wollen mich vernichten!

Ich will Sie lancieren, weiter nichts! Sie sind aber wie alle
Debutanten -- das Lachen macht Sie nervs! Freuen Sie sich doch! Wenn
man lacht, haben Sie Erfolg! Wenn Sie auf der Bhne stehen, werden
Sie's begreifen!

Auf der Bhne?! Das verlangen Sie auch noch?!

Als Beweis Ihrer Liebe, ja!

Fordern Sie jeden anderen Beweis! Treiben Sie's nicht zu weit! Sie
richten mich zugrunde! Man hlt mich bereits fr verrckt! Meine
eigenen Angestellten lassen es an der schuldigen Achtung fehlen! Wo ich
mich zeige, fngt man zu flstern an! Wenn ich jemand anrede, wendet er
sich achselzuckend ab! Meine nchsten Freunde werfen mir vor, ich wre
auf meine alten Tage ein Geck geworden! Und sie haben recht! Wie sehe
ich denn aus? -- Angestrichen wie die Fassade meines eigenen Landhauses
-- geputzt wie ein Affe! -- Ich, der einstige Stolz der City! Und
warum? -- Weil ich wahnsinnig in Sie verliebt bin -- weil ich an nichts
anderes denken kann als an Ihre schwarzen Augen -- weil ich ganz in
Ihrer Gewalt bin und dazu verdammt, jede Ihrer Launen zu befolgen!
Htte ich nur das geringste davon, ich wrde kein Wort sagen! Gern
opfere ich Ihnen alles! Aber Sie machen mir kaum Hoffnung! Sie zeigen
mir nicht die geringste Gegenliebe! Jetzt mache ich das nicht mehr mit!
Jetzt habe ich genug!

Erschpft von diesem Energieanfall, sank er auf einen Sessel nieder und
fchelte sich mit dem Hut Khlung zu.

Sie vergessen Ihren Eid, Sir Josuah!

Ich vergesse ihn nicht! Aber ich breche ihn! Ich erklre Ihnen hiermit
in allem Ernst: wenn Sie sich nicht jetzt entschlieen, die Meine zu
werden, so gehe ich und kehre nicht wieder, obwohl ich wei, da es
mein Tod sein wird!

Sie lieben mich also nicht?

Sie sehen mich hier in diesem Zustande und fragen noch? Sie haben
keinen Funken von Mitleid fr mich und erst recht keine Liebe!

Sie knnen berzeugt sein, da ich mit meinen Gefhlen fr Sie im
reinen bin!

Wenn das wahr ist, mssen Sie mir jetzt eine Antwort geben.

Fragen Sie!

Gut! Ich frage Sie also: Wollen Sie von mir eine Jahresrente
von fnftausend Pfund annehmen? Wollen Sie in einem frstlich
eingerichteten Hause in jeder erdenklichen Weise mit allem, was das
Leben angenehm macht -- als meine Geliebte residieren?

Barberina blickte ihn unter den halbgesenkten Lidern prfend an,
lchelte dann verschmitzt und fragte, als htte sie gar nichts gehrt:

Sagen Sie mir, Sir Josuah, wo bleibt meine Schiffsladung von
Negerprinzen?

Sie ist unterwegs mit smtlichen Stammbumen und Ahnentafeln! -- Wo
bleibt aber die Antwort auf meine Frage?

Auch unterwegs! lachte sie.

Sie sind eine Kokette!

Mag sein! Damit Sie aber einsehen, da ich auch mehr sein kann,
will ich Ihnen gleich in allem Ernst etwas sagen: Auf solche Fragen
antwortet die Barberina nicht!

Warum nicht?

Weil es unter ihrer Wrde wre!

Sir Josuah sperrte den Mund auf. Eine Ballettdame und Wrde?! Bei
fnftausend Pfund Jahresrente?! Seine Ehre als Krsus stand auf dem
Spiel!

An mir soll's nicht liegen! sagte er, nicht ohne einen leichten
Seufzer. Wenn's sein mu, verdoppele ich die Jahresrente!

Barberina blickte ihn kalt an.

Ich wre bereit, sagte sie, mich Lord Stuart ohne irgendeine
Zusicherung hinzugeben -- weil ich ihn liebe! Er knnte mir aber alle
Schtze der Welt anbieten, und ich wrde doch nicht die Seine werden
-- wenn's gegen mein Gefhl wre! Ich bin kein Kind mehr, das man durch
glitzerndes Spielzeug lockt. Ich kenne das Leben und wei mit ihm
Bescheid!

Ich mte Sie also zum Altar fhren?!

Wenn ich berhaupt an eine Verbindung mit Ihnen dchte, wre das der
einzige gangbare Weg!

Sir Josuah kmpfte mit sich selbst. Das wrde seiner Torheit die Krone
aufsetzen und ihn erst recht unmglich machen! Er sah sich von aller
Welt gemieden, von seiner Familie als ein altersschwacher Tor kaum
noch geduldet, sah die Verbindung mit den Stuarts unmglich gemacht,
die Lordschaft immer ferner gerckt. Aber es half alles nichts. Seine
Leidenschaft war unberwindlich!

Nun denn, sagte er endlich, so bitte ich Sie, meine Gattin zu
werden!

Und somit hatte Barberina ihn da, wo sie ihn haben wollte, und konnte
ihm am eigenen Leibe zeigen, wieviel ein Eheversprechen wert war!

Der Entschlu ehrt Sie, sagte sie, und verdient immerhin ernst
genommen zu werden. Ich will aber die Situation nicht mibrauchen.
berlegen Sie sich den folgenschweren Schritt erst reiflich, und wenn
es Ihnen Ernst ist, so kommen Sie in zwei Wochen nach Paris, wohin
ich morgen gehen mu, um mein Engagement anzutreten. Wenn Sie Ihr
Anerbieten dann wiederholen, so glaube ich Ihnen versichern zu knnen,
da ich Ihnen zum Altar folgen werde!

Sie reichte ihm die Hand, die er kte.

Bis dahin werden wir uns aber nicht mehr sehen, sagte sie noch. Ich
nehme jetzt Abschied von Ihnen!

Sir Josuah versicherte ihr, da er gar keine Zeit zur berlegung
brauche. Sie knne ebensogern heute wie nach zwei Wochen ja sagen
und auch auf ihr Pariser Engagement ohne weiteres verzichten. Aber
sie war unerbittlich. Und er mute ihr ihren Willen lassen. Seufzend
verabschiedete er sich, warf sich in seinen Wagen und fuhr nach London
zurck.

Und Barberina setzte sich an den Schreibtisch, um ihrem Be zum ersten
Male seit der Trennung zu schreiben.

          Ungetreuer!

 Nicht genug, da Du ohne Abschied fortgingst -- keinen Gru, keine
 Zeile Deiner Hand lieest Du mir diese ganze lange Zeit zukommen! So
 hast Du mich denn vergessen! Ich verlasse jetzt England, um in Paris
 meine Kunst weiter auszuben! Aber nicht auf lange Zeit -- denke ich!
 Der recht ehrenwerte Sir Josuah Crichton hat mir die Ehe angetragen!
 Und da Du wohl kaum etwas unternehmen wirst, um das zu verhindern,
 wirst Du mich bald, statt als Deine Frau, als Deine Schwiegermutter
 begren knnen! Bis dahin lebe wohl!

                                                    Barberina.

Wenn ihn das nicht dazu bringt, die Fesseln zu sprengen, dann wre ich
wirklich imstande, den anderen zu nehmen! sagte sie rachschtig. Dann
glaube ich an keine Liebe mehr! Dann ist mir das Leben einerlei, wie es
auch kommt!

Sie schickte ihren Mohren, auf dessen Treue sie sich verlassen konnte,
ab, den Brief zu berbringen.

Mama Campanini aber, der sie das Anerbieten Crichtons mitteilte, war
vor Freude auer sich. Ihr Entzcken steigerte sich zum Triumph, als
ihr alter Feind Fossano sie aufsuchte, um sich neues Geld fr seine
gesprengte Bank zu borgen, und sie ihm die groe Neuigkeit auftischen
konnte.

Bald wute es ganz London, zum groen Leidwesen Sir Josuahs, der
gehofft hatte, die Angelegenheit im stillen zu erledigen und die Welt
mit einem -=fait accompli=- berraschen zu knnen.

Die ganze City lachte. Lord Stuart grte Crichton nicht mehr, hob aber
die Verlobung nicht auf. Sir Josuahs gute Familie aber stellte ihm das
Irrenhaus in Aussicht, nachdem sie vergebens alles aufgeboten hatte, um
ihn zur Vernunft zu bringen.

Er entzog sich allen Beeinflussungen durch eine schleunige Abreise
nach Paris, angeblich, um dort die neuesten Modeerzeugnisse fr die
Ausstattung seiner Tochter einzukaufen. Und dort traf er mit Barberina
zusammen, die sich ber nichts so sehr freute als ber den Eklat, den
die Sache ohne die geringste Bettigung von ihrer Seite gemacht hatte.

Sie hatte noch nichts von ihrem Be gehrt und auch keine Antwort auf
ihren Brief bekommen. Das machte ihr groen Kummer, denn sie fhlte
sich seiner Liebe sicher und konnte deshalb sein Stillschweigen nicht
verstehen.

In der ffentlichkeit sah man sie niemals, auer bei ihrem Auftreten in
der Oper. Fama hatte diesmal gar nichts von ihren galanten Abenteuern
zu erzhlen, um so mehr aber von ihren auerordentlichen Leistungen als
Knstlerin.

Die verlockendsten Anerbietungen wurden ihr von allen greren Theatern
gemacht. Aber sie schlug sie alle aus. Ihre Mutter redete ihr zu, ein
Anerbieten des Knigs von Preuen anzunehmen. Aber sie antwortete, sie
wolle sich frei halten, um, nach ihrer Verheiratung, der Kunst ganz zu
entsagen.

_=Sie=_ dachte dabei an Be, auf dessen Ankunft sie immer noch hoffte.
Ihre Mutter aber an Sir Josuah, der immer dringender wurde und jetzt
die Festsetzung des Tages der Trauung kategorisch verlangte. Doch sie
hatte pltzlich das Interesse fr seine Schtze verloren. Preuen war
ihr mehr wert!

Die gute Mama hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ein Knigreich
zu erobern! Zweimal war ihr die Eroberung milungen. Das drittemal
sollte die Launenhaftigkeit ihrer Tochter sie nicht um die Siegespalme
bringen! Sie lie sich vom preuischen Botschafter einen Vertrag geben,
aber Barberina unterschrieb nicht, sondern setzte den Tag fr die
Trauung fest.

Sie machte sich aus Sir Josuah nach wie vor gar nichts. Aber ihr Be
lie nichts von sich hren. Und aufs uerste darber erregt, dachte
sie jetzt nur noch daran, sich an ihm zu rchen.

Am Morgen des Hochzeitstages kam ihre Mutter zu ihr herein, ein
Dokument in der Hand.

Noch ist es Zeit, sagte sie. Noch bist du frei! Bedenke, was du
tust! Entweder du unterzeichnest diesen Vertrag mit dem Knig von
Preuen oder den Ehevertrag mit jenem alten Gecken! Die Wahl sollte dir
nicht schwer sein! Drben im Nebellande -- Reichtum und Vergessenheit;
in Preuen -- Ehren, Glanz und Ruhm und ein Knigreich, das du mit
Leichtigkeit in die Tasche stecken kannst, wenn du nur von deinem
Eigensinn ablt und dich meiner Fhrung anvertraust! Da -- berleg
nicht lange! Nimm die Feder und unterzeichne! Und wenn Sir Crichton
kommt, werde ich ihm den Standpunkt schon klarmachen.

Sie reichte ihr eine Feder, und Barberina, die immer noch hoffte, da
Be eintreffen wrde, unterschrieb, um Sir Josuah mit guten Grnden
hinhalten zu knnen und so wenigstens einen Aufschub zu erhalten. Kme
Be, so wollte sie den Vertrag nicht einhalten! Kme er nicht, so mte
Sir Josuah sich um die Lsung ihrer Verpflichtung bemhen! Und das
wrde immerhin Zeit in Anspruch nehmen!

Jetzt kann der alte Kerl sich in seinem Gelde begraben! rief die
Mama erfreut und steckte das kostbare Dokument ein. Jetzt gehrt uns
Preuen! Und das wiegt mehr als zehn Castles in England!

Sie begab sich schnurstracks zum preuischen Gesandten, dem Herrn von
Chambrier, und lie ihre Tochter allein.

Dieser war es nicht ganz geheuer zumute! Sie hatte sich wieder
dem Theater verschrieben, obwohl sie das ffentliche Auftreten
verabscheute! -- Das Leben schien ihr nur an der Seite eines geliebten
Wesens Wert zu haben! Ihrer Liebe htte sie alles opfern wollen! Bis
vor einer Minute hatte sie die Freiheit gehabt, es zu tun! Und jetzt
hatte sie sich wieder fesseln lassen!

Wenn Be jetzt kme?

Kaum gedacht, war er schon da! Wie der Dieb in der Nacht schlich er
zu ihr hinein, nahm sie in die Arme und kte sie ab! Und die Freude
war unbeschreiblich auf beiden Seiten! Dann ging es los mit Vorwrfen,
Fragen und Erklrungen.

Warum er nicht geschrieben htte?

Wohl Hunderte von Briefen htte er ihr geschickt! Sie htte sie doch
bekommen mssen!

Keine Zeile! Kein Lebenszeichen von ihm die ganze Zeit.

Wo die Briefe geblieben waren, war nicht schwer zu erraten! Aber die
Familie sollte ihm keine derartigen Streiche mehr spielen! Er war jetzt
frei! Sein Onkel war tot, dessen riesiges Vermgen in seinen Hnden!
Er hatte seinen Abschied genommen, war sein eigener Herr und konnte
tun, was er wollte! Aber sie?! -- Man hatte ihm von der Bewerbung Sir
Josuahs erzhlt! -- Man wute auch, da dieser auf Erhrung rechnen
durfte! -- Ihr eigener Brief an ihn -- der einzige, den _=sie=_ ihm
geschrieben hatte, hatte ihn beunruhigt! War sie noch frei -- oder --?

Ebenso frei wie Sie, Lord Stuart! sagte sie und hob die Nase hoch.

Wie soll ich das verstehen?

Da ich mich auch anderweitig verlobt habe! Genau wie Sie!

Du hast ihm also dein Wort gegeben?!

Ich habe ihm mein Wort gegeben! Und ich werde es halten!

Er fuhr zurck, als htte ihn ein Peitschenhieb getroffen.

Treulose! rief er. So bald vergit du deinen Eid!

Da wurde ihr gemeldet, Sir Josuah sei da, um sie zur Trauung abzuholen.

Ich werde dich schon an den Eid erinnern! rief sie, eilte hinaus und
kam zurck, gefolgt von Sir Josuah.

Die berraschung der beiden Herren war von derartiger Komik, da sie in
lautes Lachen ausbrach.

Sie scheinen sich nicht zu kennen, meine Herren?! rief sie. So
gestatten Sie mir denn vorzustellen: Sir Josuah Crichton, mein
Verlobter -- Lord Stuart, _=mein Gemahl!=_

Sie legte dem erstaunten Be die Hand auf den Mund, um ihn am Sprechen
zu hindern. Wir sind vor Gott getraut, Sir Josuah! Daran ist nichts zu
ndern! Sie und Ihre Tochter mssen eben das Nachsehen haben!

Sir Josuah brach in die heftigsten Vorwrfe aus. Die Ehe wre ungltig
und wrde wieder gelst werden! -- Lord Stuart wre nicht mndig und
knne ohne Einwilligung seines Vaters keine Ehe eingehen -- auer der,
zu der ihn sein Vater bereits verpflichtet hatte! Und was sie betrfe,
so htte sie doch _=ihm=_ ihr Wort gegeben!

Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zum Altar zu folgen, Sir Josuah,
weiter nichts! Wenn Sie's verlangen, werde ich mit Ihnen den
Spaziergang machen! Aber nie und nimmer, um mich mit Ihnen trauen zu
lassen!

Sie haben mich getuscht!

Durchaus nicht! Sie sollen aber keinen Schaden an mir haben! Das
Landhaus an der Themse steht Ihnen wieder zur Verfgung. Die Luft
ist mir dort zu feucht! Beim Ballett knnen wir keinen Rheumatismus
gebrauchen! Den Negerprinzen aber, die ich immer noch nicht bekommen
habe, knnen Sie in meinem Namen die Freiheit schenken! Um Ihren Tanz
tut es mir aber leid! Ich habe Sir Josuah ausgebildet, wandte sie sich
an Be. Er hat sich in der choreographischen Kunst sehr bewhrt! Man
knnte ihn schon fr Geld zeigen! Nicht wahr, Sir Josuah?

Aber Sir Josuah hrte nicht. Er war lngst davongelaufen, und die
beiden Liebenden blieben laut lachend zurck, um sich ber den
gelungenen Streich zu freuen.

Alle Heiligen! rief Barberina pltzlich. Den Knig von Preuen habe
ich ja vergessen! Wie werde ich den nun los?

Dem hast du doch nicht auch die Ehe versprochen?!

Weit schlimmer! Ich habe mich von ihm anwerben lassen!

Au weh!

Wo fliehen wir nun hin?

Nach Italien! Da kommen seine Werber nicht hin!

Sie war sofort bereit. Noch ehe die Mutter nach Hause kam, war der
Vogel ausgeflogen, und sie hatte das Nachsehen. Eine kurze Nachricht,
da sie mit ihrem Gemahl nach Venedig gereist sei, und da der
Gemahl nicht Sir Josuah, sondern sein entlaufener Schwiegersohn in
spe sei, war alles, was Barberina ihr hinterlassen hatte! Und -- eine
Aufforderung, bald nachzukommen!

Sie folgte den Flchtigen auf den Fersen, mit dem verschmhten Vertrag,
aus dem _=sie=_ ihre Tochter gewi nicht entlassen wollte!

Sir Josuah aber kehrte nach London zurck und war von seiner
Liebestollheit grndlich geheilt. Er einigte sich mit dem alten Lord
Stuart dahin, dem jungen Herrn Be Zeit zu lassen, sich auszutoben,
was der heiligen Ehe nur zutrglich sein wrde! -- Die Hochzeit msse
allerdings verschoben werden. Aber die Verlobung bliebe bestehen!
Denn was ein Gebieter der City von London ausgemacht, verbrieft und
besiegelt hatte, daran war nicht zu rtteln! Eher msse die Welt
untergehen!

Lord Stuart war ganz seiner Meinung. Und grte ihn wieder, wenn auch
mit gemessener Wrde.




                               Viertes Buch

                            -=Fridericus Rex=-




16


Es war ein bitterkalter Januarmorgen im Jahre 1744. Vom Turme der
Garnisonkirche zu Potsdam schlug es fnf, und das Glockenspiel
klimperte seinen Choral ins Dunkel hinaus. Die Stadt schlief noch.

Im Stadtschlo war es aber schon seit einer Stunde lebendig. Von der
Brcke aus konnte man Licht in einem der ersten Fenster des linken
Flgels sehen, wo der Knig residierte.

Die Ofenheizer waren schon dabei, in den Kaminen Holz und Kohlen
aufzuschichten. Im Vorzimmer wartete der Kammerdiener Michaelis.

Als der letzte Schlag aus dem Turme verklungen war, trat er durch das
Schreibzimmer ins Schlafzimmer, gefolgt von den Heizern, die sich
sofort anschickten, das Feuer im Ofen anzumachen. Er lie die Kerzen in
der Krone anstecken, ffnete die silberne Balustrade nach dem Alkoven,
zog die hellblauen Vorhnge auseinander und trat an das von einem
Baldachin berdachte Bett heran, dessen versilberte Schnitzereien im
Schein der Kerzenflammen frhlich aufglnzten.

Der Knig schlief noch fest.

Rechts vom Bett stand die Tr zum kleinen, runden Konfidenzzimmer
halb offen, wo Friedrich seine intimen Soupers abzuhalten pflegte, bei
denen keine Bedienung anwesend sein durfte.

ber dem runden Tisch glimmte noch eine fast niedergebrannte Kerze in
der vielarmigen Bronzekrone und warf ihren flackernden Schein ber das
kleine, intime, ganz in Rosa und Gold gehaltene Kabinett. Der Tisch war
mit den Resten des gestrigen Soupers bedeckt.

Schnell ging der Kammerdiener hinein, lie die leeren Flaschen durch
die ffnungen an den Seiten des Tisches hinuntergleiten, schob Geschirr
und Glser auf die Mitte des Tisches zusammen und drckte auf einen
Knopf. Die Tischscheibe senkte sich lautlos mit allem, was darauf
stand, in das unten befindliche Kredenzzimmer hinab. Er zog noch
krftig an einer Klingelschnur, um die Bedienung da unten aufmerksam zu
machen, lschte die hinsterbende Flamme aus, ging wieder in den Alkoven
hinaus und schlo lautlos die Tr. Feierlich trat er dann an das Bett
heran und hustete dreimal laut und vernehmlich.

Der Eroberer Schlesiens lie sich nicht stren.

Der Kammerdiener streckte die Hand aus und berhrte die Schulter des
Schlafenden. Umsonst.

Der Knig drehte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter. Er
hatte den Schlaf offenbar sehr ntig heute, und es tat dem getreuen
Diener im Herzen weh, ihm die Ruhe nicht gnnen zu drfen. Er hatte
aber bestimmte Befehle und hatte sofortige Entlassung zu gewrtigen,
wiche er nur einen Zoll breit vom Pfade des Gehorsams ab.

Seufzend trat er an die Waschtoilette heran, entnahm einem ihrer
Schubfcher eine zusammengefaltete Serviette, tauchte sie in Wasser und
legte sie dann auf das Gesicht des Schlafenden.

Fluchend setzte sich Friedrich auf, lachte aber laut, als er das
erschrockene Gesicht von Michaelis sah.

Hast heute wieder zum uersten greifen mssen? sagte er ghnend und
schielte nach der Tr des Konfidenzzimmers.

Eure Majestt hatten streng befohlen -- -- stotterte der Diener
beklommen.

Es wre dir schlecht bekommen, httest du da nicht Ordre pariert!
sagte Friedrich gelassen und lie sich die Strmpfe und die
schwarzsamtenen Hosen reichen. Aber es ist schlimm, sehr schlimm! Wie
lange hast du heute Reveille geblasen?

Eine Viertelstunde! antwortete Michaelis.

Wir knnen nicht soviel Zeit verlieren! Das gestrige Souper hat zu
lange gedauert! Die Dame Cochois wird nicht mehr hierher befohlen!

Er lie sich die hohen Stiefel anziehen, trat aus dem Alkoven heraus
und nahm in einem Sessel am Feuer Platz.

Michaelis zog zweimal die Klingelschnur an der Wand und trat dann an
den Knig heran, um ihm die Haarpeitsche zu machen.

Ein Kammerpage kam mit einem Korb herein, in dem die soeben
eingegangenen Briefschaften lagen, kniete vor dem Knig nieder und
hielt ihm den Korb hin.

Friedrich entnahm ihm Brief fr Brief, prfte sorgfltig Aufschrift
und Siegel, warf diesen oder jenen ungeffnet in den Ofen, machte die
anderen auf, las den Inhalt halblaut durch und schichtete die Briefe in
drei Haufen auf den neben ihm stehenden Tisch. Im ersten Haufen bekamen
die Briefe einen Kniff nach innen -- im zweiten einen nach auen und im
dritten einen nach innen und nach auen, je nachdem, ob sie abschlgig
beantwortet werden sollten oder nicht, oder ob die Antwort noch ungewi
sei.

Einen einzigen Brief behielt der Knig heute auf den Knien. Der Inhalt
dieses Briefes mochte nicht angenehmer Natur sein. Denn nach Lesen
der ersten Worte hielt er unwillig inne, las den Rest gegen seine
Gewohnheit still durch und machte dabei so zornige Bewegungen, da
Michaelis den Haarbeutel wiederholt neu binden mute.

Ein scharfes: Nimm dich besser in acht! wurde ihm hchst ungndig
zugerufen. Und der Kammerpage mute mit dem geleerten Korbe wieder
abziehen, ohne vom Knig einen Blick, geschweige denn einen Gru zu
erlangen.

Friedrich las den Brief noch einmal durch.

Eine sffisante, kaprizise Kreatur wie all die anderen Mamsells! Ohne
Gewalt nicht zur Rson zu bringen!

Er warf den Brief zu den anderen.

Michaelis, der inzwischen mit dem Frisieren fertig geworden war,
ffnete eine Tr links im Alkoven und lie den Kammerhusaren herein,
der ohne weitere Zeremonien das knigliche Gesicht einzuseifen begann.
Er hatte keinen leichten Stand.

Friedrich war uerst nervs und aufgeregt. Seine gewhnliche Ruhe
und berlegenheit schienen ganz geschwunden. Er sa keinen Augenblick
still. Der arme Kammerhusar bekam Angst, ihn zu schneiden; seine Hand
fing an zu zittern, und er mute die ganze Ungeduld des Knigs ber
sich ergehen lassen.

Er ist heute aber auch zu ungeschickt! rief Friedrich, dem beim
Einseifen ein wenig Schaum in den Mund gekommen war. Er schielte
mitrauisch nach dem Messer, das sein Getreuer ber einen ledernen
Riemen hin und her gleiten lie.

Nehme Er sich zusammen! Kratzt Er mir nur die kleinste Ritze in die
Haut, so kommt Er noch heute nach Spandau!

Der Kammerhusar setzte das Messer an und begann zu schaben, kam aber
nicht weiter als bis zur halben Wange, als Friedrich ihn -=sans faon=-
beiseiteschob und Michaelis winkte, der mit einem Waschbecken in
einiger Entfernung wartete.

Winterfeldt! befahl der Knig.

Michaelis stellte das Becken fort und ging, immer noch die Serviette
in der Hand, zur Tr des Schreibzimmers, ffnete sie und lie den
Generaladjutanten herein.

Den Rapport! befahl Friedrich, den untertnigen Gru seines Getreuen
kaum beantwortend, und setzte sich im Sessel zurecht.

Der Kammerhusar fing an weiterzuschaben, der Generaladjutant zu
berichten, und Friedrich, das Messer an der Kehle, mute vieles ber
sich ergehen lassen.

Zunchst lagen da militrische Angelegenheiten vor, Urlaubsgesuche und
so weiter, die Friedrich, den Kammerhusaren nochmals beiseiteschiebend,
kurz erledigte.

Von jetzt ab wird kein Urlaub bewilligt! Die Beurlaubten sollen binnen
vier Wochen bei den Fahnen sein! Den Kommandanten der Artillerie ist
einzuschrfen, da sie mit allem Flei dafr sorgen, mit Einbruch des
Frhlings die Geschtzbespannungen vollstndig zu haben!

Damit berlie er sich wieder dem Messer. Aber da kam Winterfeldt mit
einem Gesuch um Heiratskonsens fr einen Offizier, und die Hand des
Kammerhusaren wurde wieder beiseitegeschoben.

Wird abgelehnt! Die Herren Offiziers denken nur an Mariage und sind im
Dienste danach!

Winterfeldt versuchte einen schwachen Einwand. Die betreffende Braut
wre reich und die Tochter eines angesehenen Brgers! -- Da kam er aber
schlecht an.

Wir halten nicht Soldaten zum Amsement der Brgertchter! Wir
permittieren keine Mesalliancen! berhaupt keine Offiziersmariagen! Das
gibt allemal Chagrin und bse Suiten! Und ich habe das Frauenzimmer auf
dem Hals, nachher, wenn's in die Kampagne geht und der Herr Offizier
tot bleibt! Kopulieret wird nicht!

Krieg in Sicht, dachte Winterfeldt und hielt mit weiteren derartigen
Gesuchen zurck. Er schlo mit der Meldung, da auf der heutigen Parade
Rekruten zur Besichtigung da sein wrden, damit der Knig die fr seine
Grenadiergarde geeigneten aussuchen knnte.

-=Eh bien!=- sagte der Knig. Wer ist zur Audienz da?

Der Staatsminister von Podewils, der Finanzminister Boden, Baron von
Pllnitz --

Der Schwtzer! Und Knobelsdorff? Ich hatte ihn heute befohlen!

Knobelsdorff hat sich krank gemeldet!

Das sind leere Exkusen! Er hat sich echauffiert, weil er mein
Sommerhaus drauen in den Weinbergen nach meinem Kopf bauen mu!
Geh Er hin zu ihm! Er soll mir heute bei der Parade seine Krankheit
prsentieren! Wir werden ihn hchstselbst kurieren! Zum Diner werden
heute befohlen: Pllnitz, Maupertuis, der malade Knobelsdorff und Er
selbst! Lege Er die Liste der Herrschaften, so Audienz haben wollen,
drauen auf meinen Schreibtisch! -=Au revoir!=-

Winterfeldt salutierte und ging.

Nun kratz endlich zu! Sonst wirst du, meiner Seele, nimmermehr
fertig! herrschte Friedrich den Kammerhusaren an. Und dieser kam denn
endlich dazu, seine kitzliche Arbeit ohne weitere Strungen zu beenden.

Friedrich musterte sein Gesicht genau im Spiegel. Er schien eher
rgerlich als zufrieden damit zu sein, da nicht die geringste Schramme
zu sehen war, und fertigte sein Faktotum ab mit einem kurzen: Er kann
gehen!

Darauf befahl er die Kabinettsrte, die die aufgeschichteten Briefe an
sich nahmen, kurz den Inhalt referierten und die Antwort des Knigs auf
der Rckseite notierten. Sie entfernten sich dann, um die Antworten
ins reine zu schreiben, und lieen nur den einen Brief zurck, dessen
Inhalt den Knig so sehr gergert hatte, und den er nochmals las und
wieder hinwarf.

Dann stand er auf, entnahm einem Etui auf der weitbauchigen Kommode
zwischen den Fenstern eine Flte, lie die beiden Windspiele, die die
letzte Nacht nicht in seinem Bett, sondern im Vorzimmer verbracht
hatten, ein und ging, von ihnen umwedelt, ins Schreibzimmer, um den
Kaffee zu trinken.

Der Kaffee mundete ihm heute nicht. Gegen seine Gewohnheit trank er
nur eine Tasse, nahm dann die Flte und fing, auf und ab gehend, an
zu blasen. Aber die Hunde wollten nicht Ruhe halten. Sie witterten
die Nervositt und die Verstimmung ihres Gebieters und waren auch ob
der nchtlichen Zurcksetzung indigniert. Nach den ersten paar Takten
fhlten sie sich bemigt, auch ihrer Verstimmung in Tnen Luft zu
machen, und heulten brav mit.

-=Tu beau=-, Biche! rief Friedrich und blies weiter. Aber Biche war
nicht zu besnftigen, und auch Alkmene machte brav die Musik mit.

Halb belustigt, halb gergert, legte Friedrich die Flte fort, nahm
die Liste der im Audienzzimmer Wartenden in die Hand und las sie laut
durch, whrend er im Zimmer auf und ab ging. Einen Augenblick blieb er
stehen und blickte durchs Fenster in den grauenden Tag hinaus. Unter
der Linde drauen auf der Strae standen ein paar Leute und stampften
und froren ganz erbrmlich!

Michaelis! rief der Knig. La den Leuten ihre Suppliken abnehmen!
Wenn sie da stehen sollen, bis ich Zeit fr sie habe, frieren sie mir
fest und machen die Aussicht malproper! Und la mir den Staatsminister
herein!

Michaelis ging in das kleine ganz mit Zedernholz getfelte Kabinett,
das das Schreibzimmer des Knigs von den brigen Gemchern trennte,
schickte einen Lakaien die von dort direkt nach dem Lustgarten fhrende
kleine Treppe hinunter, um den Befehl auszufhren, ffnete dann selbst
die Tr zum angrenzenden Musikzimmer, wo die zur Audienz Befohlenen
warteten, und machte dem Herrn Staatsminister feierlichst die befohlene
Mitteilung.

Podewils verfgte sich zu Friedrich hinein und mute zu seinem
Schrecken wahrnehmen, da sein allergndigster Gebieter sich ber Nacht
in das Gegenteil verwandelt hatte.

Friedrich sa im Sofa hinter dem Schreibtisch, den ominsen Brief in
der Hand, und lchelte seinen Staatsminister sarkastisch an.

Exzellenz wollen sich bei uns nach dem Stand der auswrtigen
Angelegenheiten erkundigen? Das ist recht! Das ist brav! Als
Staatsminister mssen Exzellenz doch auch Bescheid wissen! Wir knnen
also wieder mit der alten Neuigkeit aufwarten, da wir schlecht --
sehr schlecht -- bedient sind! Unsere Diplomaten taugen alle nichts!
Sie sind, wie immer, nur unsere Brieftrger! Wir selbst mssen jeden
Schritt der Herren dirigieren -- mssen an alles denken! Da schwtzt
uns unser Botschafter in Paris eine Tnzerin auf! Den Vertrag hat
er wirklich zustande gebracht! Das ist aber auch alles! Der gute
Chambrier wird senil! Wir werden ihn rappellieren mssen! Wir lassen
jene Tnzerin zur Dienstleistung hierher befehlen! Und was tut sie?
-- Sie weigert sich! -- Es konveniert ihr, in Venedig ihren Amouren
nachzulaufen! Und in Venedig kennt man den Knig von Preuen nicht!
Man kennt nicht einmal Podewils -- unseren unvergleichlichen Podewils!
Seiner hflichen Bitte, die leichtfige Schne festzunehmen, setzt
man ein unverblmtes >Nein< entgegen! -- Wir mssen uns echauffieren!
Wir nehmen unseren Podewils vor! Wir waschen ihm den Kopf! Wir fragen
ihn: >Podewils, wozu haben wir unsere Verbndeten?! Wozu haben wir
Spanien, wozu haben wir Frankreich?!< -- Und Podewils, der exzeptionell
gescheite Podewils, setzt Spanien, er setzt Frankreich in Bewegung!
Die Botschafter der Gromchte werden in der hochwichtigen Sache
vorstellig! Und Venedig sagt >nein<! -- Wir lassen -- immer noch durch
Podewils -- unseren Ambassadeur in Wien ersuchen, sein diplomatisches
Genie zu unserem Faveur in dieser fatalen Sache zu bettigen! Wir
denken: Dohna, der es so gut verstand, Maria Theresia warm zu halten,
wird uns auch jenes obstinate Frauenzimmer zur Rson zu bringen wissen!
Er wird sich noch lange nicht pensionieren lassen wollen! Und Dohna,
galant wie immer, unterliegt dem einen Unterrock wie dem anderen! Dohna
schreibt uns -- -- aber lese Er selbst den Wisch!

Er warf ihm den Brief zu. Podewils las ihn und legte ihn dann
achselzuckend auf den Tisch.

Friedrich blies inzwischen ein paar Passagen auf der Flte. --
Biche sekundierte, prompt wie ein alter routinierter Kapellmusiker
einsetzend. rgerlich warf Friedrich die Flte hin und blieb vor
Podewils stehen, der sein Entzcken ob des Doppelkonzerts kaum
verbeien konnte.

Wir sind nicht gesonnen, uns von einem Frauenzimmer auf der Nase
herumtanzen zu lassen -- sei's die Knigin von Ungarn -- sei's die
regierende Mtresse von Frankreich -- sei's eine verlaufene Tnzerin!
Er soll dem Senat von Venedig beibringen, dem Knige von Preuen
gefllig zu sein! Jene Tnzerin soll hier in unserer Oper vertragsmig
ihre Pirouetten exequieren! Das ist unser Wille! Und knnen meine
Herren Ambassadeurs nicht einmal das durchsetzen, so sollen sie alle
miteinander in Spandau ber die Knste der Diplomatie nachsinnen!
Schreibe Er das sofort an Dohna!

Zu Befehl! sagte Podewils und steckte den Brief Dohnas in sein
Portefeuille, dem er noch einige Dokumente entnahm, um sie dem Knig
zur Unterschrift vorzulegen.

Friedrich flog rasch den Inhalt der Schriftstcke durch, nahm
den Gnsekiel und kratzte mit seiner feinen Handschrift einige
Randbemerkungen hinein, unterschrieb und blickte wieder seinen
Staatsminister an.

Da Er sich aber nicht noch einen Korb holt! Weder vom Senat von
Venedig, noch von jener Tnzerin!

Majestt geruhen gndigst zu entschuldigen, aber das Ballett ist fr
mich eine -=terra incognita=-! Da wre wohl eher der Zeremonienmeister,
Baron von Pllnitz, zustndig?!

Pllnitz ist ein -=mauvais sujet=-, ein Plappermaul! Immerhin hat er
mehr Esprit als mancher Staatsminister!

Wollen Majestt nicht geruhen, ihm den Auftrag zu geben? Er wartet
drauen!

Wir pflegen uns przise auszudrcken, Podewils, und wollen unsere
Befehle, wie gegeben, auch exekutieret wissen! Er hat gehrt! Lege Er
mir morgen das Schreiben an Dohna vor! Und nun: Gott befohlen!

Podewils verbeugte sich und ging.

Friedrich befahl, den Baron von Pllnitz vorzulassen. Und herein
tnzelte mit unnachahmlicher Grazie dessen wohlgenhrte Gestalt und
machte seine allerschnsten Reverenzen vor dem Herrn und Gebieter.

Pllnitz -- Er soll den erbetenen Abschied haben! rief der Knig ihm
zu, und der Angeredete blickte hocherfreut auf. Er soll seine Witwe in
Nrnberg haben! -- Er soll wieder katholisch werden drfen! -- Er soll
die achtzigtausend Taler fr Sein Seelenheil einsacken drfen, obwohl
es keinen Groschen wert ist! Aber nur unter einer Bedingung!

Und die wre?

Da Er mir die Tnzerin Barberina aus Venedig hierher besorgt, und
zwar mit allergrter Schnelligkeit! Die Sache dauert mir schon zu
lange!

Der Knig erzhlte ihm den Zusammenhang und fgte hinzu: Zeige Er,
da er mehr vermag als die gesamte europische Diplomatie! Verdiene Er
seine Witwe! Keinen Widerspruch! -- Beim Diner werden wir die -=Ordre
de bataille=- gemeinsam entwerfen! Bis dahin kann Er auf Rat sinnen!

Mit einer schnellen Handbewegung verabschiedete er den verdutzten
Hfling, ging in sein Schlafzimmer zurck, lie sich das Haar pudern,
den blauen Uniformrock mit dem Stern anlegen, den Degen umschnallen und
trat in den Musiksaal hinaus, um die weiteren Audienzen zu erledigen.

Die Minister standen im Kreis da und harrten des Gebieters. Friedrich,
den Hut auf dem Kopf, den Krckstock in der Hand, trat zu ihnen hin,
musterte sie alle scharf der Reihe nach und blieb dann vor seinem
Justizminister Cocceji stehen.

Heute sind wiederum Briefe eingelaufen, worin ber eine verdorbene
Justiz in meinen Landen geklagt wird! Ich kann nicht lnger dazu
stilleschweigen! sagte er rgerlich. Wenn ich mich selbst darein
melieren mu, so befehle ich Ihm denn, an alle meine Justizkollegien
eine nachdrckliche Ordre ergehen zu lassen, worinnen diese angewiesen
werden, bei Vermeidung hoher Bestrafung darauf zu arbeiten, da
jedermann ohne Ansehen der Person eine solide Justiz administrieret
wird. Die Ordre ist mir morgen vorzulegen!

Sprach es und drehte Cocceji, der noch niemals ein hartes Wort von ihm
zu hren bekommen hatte, den Rcken und wandte sich an den nchsten
mit einer kurzen Anfrage ber den Stand der Hafenbauten in Swinemnde
sowie ber die Arbeit an dem Oder-Spree-Kanal, bekam aber, statt
klaren Bescheid, eine ausweichende Antwort, die anzunehmen er heute am
wenigsten gesonnen war.

Herr, Seine Entrepreneure sind Tagediebe und faule Buche! sagte er
barsch und klopfte dem Minister mit der brillantierten Krcke seines
Stockes auf die Schulter. Der Kanal mu ohnfehlbar und sonder einiges
Rsonieren ganz und gar fertig und in brauchbarem Stande sein! Das
merke er sich!

Bei jedem Worte fiel die Krcke seines Stockes immer energischer auf
die Schulter des Herrn Ministers, der kein Wort zu erwidern wagte und
keine Miene verzog.

Dann wandte er sich an den Finanzminister Boden, nahm ihm den Rapport
aus der Hand und las ihn halblaut durch. Seine Zge klrten sich
beim Lesen auf, und er nickte wiederholt befriedigt. Nur bei einem
Voranschlage schttelte er den Kopf und wies auf die betreffende
Stelle in dem Aktenstck.

Wird gestrichen! resolvierte er kurz. Sternwarten sind gut und
ntzlich, vorlufig aber der Bauverwaltung der Luftschlsser zu
berweisen! Den Akademikern ist zu schreiben, der Knig grnde vorerst
Bauernansiedlungen! Wenn fr diese gesorgt sein wird, wird man an die
Sterne denken! Unser eigener Stern geht vor!

Eine Handbewegung -- ein kurzes Lften des Hutes, eine tiefe Verbeugung
der Exzellenzen -- die Audienz war erledigt! Der Privatsekretr nahm
den Herren die noch nicht abgegebenen Rapporte ab und ging. Friedrich
blieb allein.

Am Fenster hatte man ein eben abgeliefertes Gemlde Meister Pesnes, die
Tnzerin Cochois darstellend, zur Besichtigung aufgestellt. Friedrich
besah es sich genau, nickte befriedigt und rief Michaelis.

Hnge Er mir die Mamsell dort an den Nagel! befahl er kurz. Als
dekoratives Detail immerhin noch zu gebrauchen! Und degoutiert so nicht
durch ihr dummes Plappern! Ruf mir dann Fredersdorf!

Michaelis hngte das Bild auf und rief Fredersdorf, den ehemaligen
Kammerdiener und jetzigen Hoftrsorier, der auch so schn das
Hautbois und die Flte traktieren konnte und daher schon seit der
Kronprinzenzeit in Ruppin das besondere Vertrauen Friedrichs geno.

Dem Meister Pesne sollst du den doppelten Preis fr das Bild zahlen!
befahl ihm Friedrich, und ihm den Gru von uns bestellen, seine
Malerei sei exquisiter als das Modell -- seine Kunst charmiere uns weit
mehr als die Mamsell! Und wir wollen bald Neues bestellen! -- Apropos!
Jene neue Tnzerin, Fredersdorf, die uns der brave Chambrier aufgehalst
hat, sie hsitiert noch mit dem Dienstantritt! Sie _=will=_ nicht! --
Was sagst du dazu?

Ich gestatte mir, Eure Majestt in aller Untertnigkeit darauf
aufmerksam zu machen, da die Oper uns auch ohnehin teuer zu
stehen kommt! In den zwei Jahren seit der Erffnung kostet sie der
Privatschatulle bereits achthunderttausend Taler!

Eine artige Summe! sagte Friedrich nachdenklich. Und Fredersdorf
hielt gleich den Augenblick fr gnstig, um mit Vorschlgen zu kommen.

Wenn Eure Majestt zu befehlen geruhen mchten, dem Publikum den
Eintritt nur gegen Entgelt zu gewhren --?

-=Impossible!=- Der Eintritt ist frei zu geben! Wir sind es unserer
Reputation schuldig! Wenn jedermann das Recht htte, fr Geld
hereinzukommen, dann wren wir ja nicht mehr in der Lage, nur die
Wrdigsten einzuladen!

Ein Glck, da jene Tnzerin nicht kommt; denn, seufzte Fredersdorf,
die Damens kosten das meiste Geld! Und Tnzerinnen htten wir genug!

Die Mamsell wird tanzen! -- Wegen der paar Taler mehr brauchst du dich
nicht zu echauffieren! Siehst ansonsten schlecht genug aus! Was macht
deine Leber?

Danke alleruntertnigst fr gndige Nachfrage! Es steht nicht zum
Besten! seufzte Fredersdorf, dessen Teint schon eine Frbung ins
Gelbliche hatte.

Sollst die Doktors zum Teufel jagen! Die sind keinen Schu Pulvers
wert! Mach endlich ein Ende mit deinem nrrischen Quacksalbern, sonst
krepierste meiner Seele aus purem bermut! warf Friedrich kurz hin,
pfiff seinen Hunden und trat, von ihnen gefolgt, in den Marmorsaal, wo
die Generale und Kommandanten harrten, um ihn in den Lustgarten zur
Parade und Abnahme der Rekruten zu begleiten.

Drauen wartete schon sein dicker Freund Knobelsdorff, in dichtes
Pelzwerk wohlverhllt. Friedrich lie ihn aber lange stehen, ehe er
geruhte, seine Anwesenheit zu bemerken.

Endlich, nach beendigter Besichtigung der Rekruten, blickte Friedrich
ihn an und freute sich im stillen, als er ihn frieren sah.

Nun, wir sind malade? -- Wir haben immer noch Chagrin ob unserer
verunglckten Bauplne?! Komm, -=mon ami=-, wir wollen dich kurieren!
Gehen wir zu Fu nach unserem Weinberg Vigne hinaus, wo das Haus gebaut
werden soll! Suchen wir den Platz aus!

Jetzt, bei Schnee und Klte?! rief Knobelsdorff entsetzt.

Der Schnee ist wei wie das weieste Papier! Da kannst du deine Linien
recht sichtbar ziehen! Und die Futour wird deiner Krankheit gut tun!

Knobelsdorff folgte seufzend. Und der Knig hatte seine Freude daran,
zu sehen, wie er sthnte und schwitzte.

Das Schwitzen ist gut vor die Gicht! sagte er hmisch. Mir setzt die
Krankheit viel schlimmer zu. Ich habe sie mir aber im Kriege geholt und
nicht am Schreibtisch wie du!

Und er fing vom Bau der neuen Bibliothek in Berlin an.

Da hielt unser guter Jordan neulich eine lange Dissertation, um uns
darzutun, da unser Lateinisch lauter Arabisch sei, und da die von uns
gewhlte Devise auf der Fassade nichts tauge!

Friedrich blieb stehen und stie mehrmals mit dem Krckstock auf den
gefrorenen Boden.

Wir suchen den Klang und das rhythmische Gleichgewicht! Eine Fanfare
und ein Programm! Davon verstehen aber die Herren Lateiner nichts! Ob
die Devise richtig ist oder nicht, hingehauen wird sie! Es soll mich
freuen, wenn sie den gelahrten Herren recht weh in den Ohren tut! Und
wre meine Devise noch so schlecht -- ich wette, sie wird sich lnger
behaupten als das meiste von dem Geschreibsel, was _=die=_ in dem Hause
aufhufen werden. Mehr gelesen wird sie auch werden! -=Nutrimentum
spiritus=- -- das ist eben _=mein=_ Latein!

Sie waren inzwischen nach dem Weinberg hinausgekommen, blieben auf der
Anhhe stehen und blickten ber die Stadt hin, die sich hinter den
Bumen verkroch und aus allen Schloten Rauchsulen kerzengerade in die
klare Winterluft hinaufsandte.

Hier oben ist der Platz! Wie ich's dir aufgezeichnet habe, so wird's
gebaut! Einstckig; und wenn dich die Gicht dabei noch so sehr
plagen sollte! Wir wollen keine babylonischen Trme! Wir mgen das
Treppensteigen nicht! Aber in die Sonne wollen wir sehen! Ein Haus
mit allen Gemchern nach Sden gelegen -- das ist doch kein Problem
fr einen Baumeister wie dich! Und willst du partout Palastwirkung --
meinetwegen holz nur den Hgel ab, gliedere ihn in Terrassen, so viele,
wie da Platz haben, mit Gewchshusern und Tausenden von Glasfenstern,
die in der Sonne glitzern! So bleibt's, wie ich's will -- und wirkt
doch, wie du willst, und wir sind alle beide zufrieden! Da oben, auf
der obersten Terrasse, baust du mir aber neben meinem Tuskulum mein
Grabgewlbe gleich hin, damit ich wei, wo ich Ruhe vor den Sorgen der
Welt haben werde, wenn ich sie nicht in meinem Hause finden sollte!
Immerhin haue mir die Worte >Sans-Souci< auf dem Hause ein, damit die
Leute meinen Willen wissen! Schaden wird's nichts!

Langsam gingen sie den Weg nach dem Stadtschlo zurck, Knobelsdorff
vershnt und der Knig weniger nervs als vorhin.

Die Uhr ging auf zwlf, und fr zwlf war das Diner angesagt.

Der Speisesaal war ein groer, freundlicher Raum zwischen dem
Marmorsaal und dem Teezimmer und hatte Fenster nach dem Schlohof wie
auch nach dem gegenberliegenden Lustgarten.

Der runde Tisch inmitten des Saales war fr fnf gedeckt. An einem
der Fenster nach dem Schlohof erwartete der Tafeldecker die Rckkehr
des Knigs. Im Teezimmer plauderten schon die eingeladenen Gste: der
Generaladjutant Winterfeldt, der Zeremonienmeister Baron von Pllnitz
und der neuernannte Prsident der Akademie, Maupertuis, ein prtentis
aussehender, etwas auffallend gekleideter Herr voll herablassender
Wrde. Schlielich meldete man ihnen die Ankunft des Knigs, der,
von Knobelsdorff begleitet, ber die groe Treppe hereintrat und
sich direkt in den Speisesaal begab, ohne sich erst umzukleiden. Der
einfache blaue Uniformrock mit den roten Aufschlgen und die hohen
Stiefel kontrastierten seltsam gegen die prchtigen Hoftrachten der
anderen Herren.

Friedrich nahm sofort Platz, lud mit einer Handbewegung die Gste ein,
seinem Beispiel zu folgen, und fing gleich an, den Baron von Pllnitz
ber die Tagesneuigkeiten auszufragen. Insbesondere interessierten ihn
die neu angekommenen Fremden, und da wute Pllnitz, der ber eine
schier unerschpfliche Personalkenntnis verfgte, stets gut Bescheid.

Berlin hatte allerdings schon hunderttausend Einwohner, aber trotzdem
gelang es keinem illustren Reisenden, lange unbemerkt zu bleiben.
Der Kurier, der die tglichen Briefschaften des Knigs nach Potsdam
brachte, hatte auch einiges von Interesse mitzuteilen gehabt, was
Pllnitz selbstverstndlich gleichfalls lngst wute. Er konnte also
aufwarten.

Friedrich lie ihn, gegen seine Gewohnheit, berichten, ohne ihn zu
unterbrechen, a dabei mit gutem Appetit von seinem Leibgericht, einer
stark gewrzten Polenta, und lauschte aufmerksam.

Als Pllnitz in seinem Resmee den Namen Capello nannte, legte
Friedrich die Gabel fort.

-=Capello -- qu'est ce que c'est?=-

Der Gesandte Venedigs in London, Sire! Ein exzellenter Kavalier! --
Ein alter Bekannter von mir!

Und der befnde sich hier in meinen Landen?

Ja! Er ist gestern, auf der Durchreise nach Hause, gemeldet. Wenn
Majestt befehlen, werde ich ihn zu veranlassen suchen, hier in Berlin
Station zu machen!

Wir wollen Ihm die Mhe abnehmen! sagte Friedrich und flsterte dem
hinter seinem Stuhl stehenden Lakaien einen Befehl zu. Dann wandte er
sich wieder zu Pllnitz.

Weiter, lieber Pllnitz!

Der Baron fuhr in seinem Resmee fort. Alles lauschte gespannt und
hchst angeregt, und niemand schien zu bemerken, da der Knig
schnell einige Zeilen auf ein ihm vorgelegtes Blatt Papier warf, die
Schriftzge mit Sand bestreuen lie, das Papier zusammenfaltete und es
einem an der Tr wartenden Jger gab.

Sofort durch Extrakurier dem Staatsminister von Podewils zu senden!

Dann rieb er sich vergngt die Hnde, trank ein Glas Mosel und ntigte
den Zeremonienmeister, zu essen, was jener ber seinem Erzhlen zu
seinem Leidwesen bis jetzt nur oberflchlich hatte besorgen knnen.
Er nahm ihn aber dabei, in einem pltzlichen Anfall von bermtigster
Laune, zur Zielscheibe seines Witzes, was den Appetit der anderen Gste
stets zu wrzen pflegte und den guten Pllnitz keineswegs strte.

-=Mon cher=-, sagte er und wandte sich an Maupertuis. In Ihrem
geistreichen Buche >-=Vnus physique=-< legen Sie die amsanten
Resultate Ihrer hochinteressanten Kreuzungsversuche vor! Bei der
nchsten Edition knnten Sie noch einiges hinzufgen!

Und das wre, Sire?

Die Kreuzung zwischen Pllnitz und einer katholischen Predigerwitwe!

Ich gestehe, Sire, wenn Eure Majestt mich ber die
Kreuzungsmglichkeit zwischen Papagei und Affe zu interpellieren geruht
htten -- ich knnte in keiner greren Verlegenheit um die Antwort
sein!

Sehr gut! lachte Pllnitz, den Mund voll Geflgel, wischte sich die
fettglnzenden Lippen und nippte an dem Burgunder, der in einem schnen
Kristallglase vor ihm stand. Mein Kompliment, Maupertuis!

Sie halten also nichts davon? fuhr der Knig fort, sich wiederum an
Maupertuis wendend.

Sire, ich wrde einen Versuch zwischen so verschiedenartigen Gattungen
kaum riskieren! Wenigstens mit meinen Tieren nicht!

Die Gattungen sind allerdings sehr verschieden! lachte der Knig.
Aber es interessiert mich doch sehr, in Erfahrung zu bringen,
wie Pllnitz, der an gar nichts glaubt, es anstellen wrde, den
protestantischen Glauben gegen den katholischen umzutauschen!

Der Kasus ist schwierig! lachte Maupertuis.

Aber von groem Reiz! Ich mchte das Experiment anstellen und erteile
denn unserem Freunde schweren Herzens den erbetenen Abschied aus meinen
Diensten, auf da er sich dem Witwenstand widme!

Pllnitz hrte zu essen auf und blickte Friedrich mit offenem Munde an.

Majestt htten wirklich die Gnade?

Ich mu wohl, lieber Pllnitz, da Sie so prompt die Ihnen gestellte
Bedingung erfllen!

Ich -- ich htte --?

Sie haben mir soeben ein unfehlbares Mittel in die Hand gegeben, den
Senat von Venedig zu zwingen, mir in der Angelegenheit der Tnzerin
Barberina zu Gefallen zu sein!

Nicht, da ich wte --!

Sie sind eben ein Genie, lieber Pllnitz! Sie haben Eingebungen, ohne
zu wissen woher! Sie geben sie weiter, ohne zu wissen wie!

Sire, wenn ich um die Gnade bitten drfte, mir zu erklren --!

Spter, lieber Pllnitz! Sobald die Sache spruchreif ist, werden Sie
der erste sein, der sie weitererzhlen darf! Wer wei -- vielleicht
schon beim heutigen Konzert! Sie machen mir doch das Vergngen?

Pllnitz bedankte sich berglcklich, denn seine Neugier war grer als
sein Abscheu gegen Musik. Das Diner nahm seinen Fortgang. Friedrich
war in der heitersten Stimmung, er machte seinem Kchenchef nicht
die geringste nderung in dem ihm vorgelegten Kchenzettel fr den
nchsten Tag und hob die Tafel erst gegen drei Uhr auf, um sich in sein
Schlafzimmer zurckzuziehen und einer kurzen Mittagsruhe zu pflegen.

Nach einer halben Stunde erhob er sich, setzte sich an den kleinen
Schreibtisch am Fenster und las laut und bedchtig die frisch
geschriebenen Bltter eines franzsischen Manuskripts von seiner
Hand durch. Es waren die Denkwrdigkeiten zur Geschichte des Hauses
Brandenburg (-=Mmoires pour servir  l'histoire de la maison de
Brandenbourg=-). Er war eben im Begriff, die Geschichte seines Vaters
abzuschlieen, und mute noch einiges ber dessen husliches Leben
hinzufgen. Das wurde ihm schwer.

Tagelang stockte die Arbeit bei diesem Punkt. Er fhlte sich nicht
unbefangen genug. Wenn er sich wieder in die Vergangenheit vertiefte
und die ganzen Leiden seiner Kronprinzenzeit durchlebte, geriet er
in eine Aufregung, die ihm den Blick zu trben drohte. Das ganze
gewaltsame Zurckdrngen seiner Neigungen -- seine Verzweiflung -- sein
vereitelter Fluchtversuch, die Leiden im Gefngnis, die Hinrichtung
seines Freundes Katte -- alles stand ihm wieder lebendig vor Augen, und
nicht minder die lange Zeit der allmhlichen Ausshnung mit dem Vater,
das schrittweise Eingehen auf dessen Intentionen und das Verheimlichen
der eigenen -- wobei es bei aller guten Absicht nicht ohne einige
Unaufrichtigkeit gegangen war!

Das alles gehrte mit ins Bild! Vergebens rang er seit Tagen mit sich
selbst, um sich darber zu erheben und die unumgngliche Objektivitt
zu erlangen!

Heute wollte er die Sache zu Ende bringen. Er war nicht der Mann des
geduldigen Harrens und Sinnens! Er war der Mann der Tat!

Wir drfen der neidischen Mitwelt nicht den Schlssel unserer
Seele ausliefern! Wir leben nicht nur fr uns, sondern fr das
Land! Da drfen wir nur Taten zeigen, die die Zukunft schaffen --
nicht Reflexionen ber die Vergangenheit liefern, die's dem Feinde
erleichtern, unser Lebensrtsel zu deuten und unsere Taten zu
hintertreiben!

Er tauchte den Gnsekiel ein und setzte ihn zum Schreiben an. Legte ihn
aber pltzlich aus der Hand und ging ein paarmal durchs Zimmer, setzte
sich dann entschlossen hin und schrieb kurz und gut:

Wir haben die huslichen Verdrielichkeiten dieses groen Frsten mit
Stillschweigen bergangen. Man mu in Anbetracht der groen Tugenden
eines solchen Vaters fr die Fehler der Kinder einige Nachsicht haben!

Das war alles!

Die Erinnerung seiner Leiden war verblat und in nichts zerflossen
neben dem Bewutsein, machtvoll in das Leben seiner Zeit eingreifen
zu knnen, und neben der Dankbarkeit gegen den Vater, dessen groe
Tchtigkeit ihm das ermglicht hatte. Dieses Mannes Sparsamkeit, sein
Ordnungssinn, sein unermdlicher Flei und sein organisatorisches Genie
hatten das Preuen geschaffen, das Friedrich zum Sieg fhren durfte!
Ein wohlgefllter Staatsschatz, ein streng geordnetes Staatsgebilde,
eine schlagfertige Armee -- alle Vorbedingungen zur groen Tat hatte
Friedrich von ihm empfangen. Der fruchtbare Nhrboden knftiger Gre
und gloriosen Ruhms war da, wohlgeackert und in gutem Stand! Das wog
alles andere auf!

Schon hatte er Schlesien erobert, die Karte Europas umgestaltet -- er
hatte sterreich niedergerungen, das Ansehen seines Hauses gehoben --
er hatte schon Geschichte gemacht!

Er griff noch einmal zur Feder.

Machen wir Geschichte, so sollen die Federfuchser sie uns nicht
verderben! Wir haben selbst alle Fden in der Hand! Knnen sie also
selbst am besten entwirren!

Er schrieb den Titel: -=Histoire de mon temps=-, lie dann aber die
Feder wieder sinken.

Noch war's zu frh! Die Tat war getan! Aber noch wob der Neid der
andern sein Fangnetz immer dichter um ihn her! Noch stand er Gewehr bei
Fu, um seine Eroberung zu schtzen! Sicherlich wrde er noch um sie zu
kmpfen haben!

-=Eh bien!=- sagte er, zweimal erobern! Dreimal, wenn's sein mu!
Aber nur einmal beschreiben!

Er warf das Blatt beiseite, schlug auf die Tischglocke und befahl dem
Lakaien, den Privatsekretr zu rufen.

Dieser trat ein, nahm an dem anderen Schreibtisch Platz, spitzte seinen
Gnsekiel und legte ein Blatt Papier zurecht.

Der Knig ging auf und ab, blieb dann und wann stehen und diktierte
einen Abschiedsbrief an den jungen Herzog Karl Eugen von Wrttemberg,
der die letzten Jahre bei ihm gelebt hatte und jetzt, sechzehn Jahre
alt, fr mndig erklrt wurde und in sein Land zurckkehrte.

Denken Sie nicht, das Land Wrttemberg sei fr Sie geschaffen,
sondern glauben Sie, da die Vorsehung Sie hat geboren werden lassen,
um das Volk darin glcklich zu machen. Ziehen Sie immer den Wohlstand
desselben Ihren Vergngungen vor. Wenn Sie schon in Ihrem zarten Alter
Ihre Wnsche dem Wohl Ihrer Untertanen aufzuopfern wissen, so werden
Sie nicht nur die Freude Ihres Landes, sondern auch die Bewunderung
der Welt sein --

So weit kam er im Diktat, da klopfte es an der Tr, und der Kurier trat
ein, machte Honneur und berreichte dem Knig auf dem Hut einen Brief.

Von Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Podewils!

Friedrich nahm den Brief, las ihn rasch durch, hie den Kurier gehen
und wandte sich dann an den Privatsekretr.

Du sollst an unseren Gesandten in Wien, den Grafen Dohna, privatim
schreiben, er soll dem Gesandten Venedigs sofort in unserem Auftrage
mitteilen, wir htten den Gesandten der Republik am Hofe von England,
der sich auf der Durchreise in unseren Staaten befindet, aufheben und
festnehmen lassen mitsamt seinem Gepck! Er mge es dem Senat von
Venedig mitteilen! Weiter ist nichts ntig! Der Kurier geht noch heute
ab!

Zu Befehl!

Der Senat wird sich beeilen, unser Wohlgefallen wiederzugewinnen,
sagte Friedrich halb fr sich selbst und blieb dann stehen.

Weiter den Brief an den Herzog Karl Eugen!

Der Sekretr legte das angefangene Blatt wieder zurecht und tauchte
seine Feder ein. Friedrich diktierte weiter.

Sie sind das Oberhaupt der _=brgerlichen=_ Religion in Ihrem Lande,
die in Rechtschaffenheit und allen sittlichen Tugenden besteht! Es ist
Ihre Pflicht, die Ausbung derselben, besonders der Menschlichkeit, zu
frdern, welche die Haupttugend jedes denkenden Geschpfes ist. Die
_=geistliche=_ Religion berlassen Sie dem hchsten Wesen! In diesem
Stck sind wir alle blind und irren auf verschiedenen Wegen. Wer unter
uns wre so khn, da er den rechten Weg bestimmen wollte! Hten
Sie sich also vor dem Fanatismus in der Religion, der Verfolgungen
bewirkt!

Dann noch die blichen Hflichkeitsphrasen -- die Unterschrift im
Stehen hingekratzt, und der Sekretr wurde entlassen.

Die Kabinettssekretre traten ein mit den fertigen Antworten auf die am
Morgen eingegangenen Briefe und legten sie dem Knig zur Unterschrift
vor. Und dann war die Arbeit des Tages beendigt.

Michaelis meldete, da alles zum Konzert bereit sei, und half dem
Knig, sich zurechtzumachen. Friedrich nahm seine Flte, suchte die
Noten zusammen und ging durch das Schreibzimmer in den Musiksaal
hinaus, wo eine kleine, aber auserlesene Gesellschaft wartete, vom
Schein der unzhligen Kerzen des Kronleuchters berflutet.

Er verteilte die Stimmen unter die Musiker, tauschte ein paar
scherzhafte Worte mit Meister Graun aus, der am Flgel sa, ging an
sein Pult und gab das Zeichen zum Beginn.

Alles lauschte andchtig -- die alten Generale ganz gehorsamst, als
glte es eine -=Ordre de bataille=- zu empfangen. Pllnitz litt
unsgliche Qualen.

Nach Beendigung des Konzertes ging Friedrich hin und klopfte ihm mit
der Flte auf die Schulter.

Nun, Pllnitz, habe ich auch einen Ohrenschmaus fr _=Ihn=_! Seinen
Freund Capello, den Er so gern in Berlin sehen wollte, habe ich
aufheben und in festen Gewahrsam bringen lassen! Das war eine gute Idee
von Ihm!

Von mir? rief Pllnitz entsetzt, Majestt verzeihen, aber --

Ich wei߫, unterbrach ihn Friedrich, Er hat mich nicht direkt darum
gebeten. Vorsichtig wie immer, hat Er sich mit Andeutungen begngt! --
Ich glaube sogar, Er hat weiter nichts als seine Durchreise erwhnt!
Das gengt aber, damit ich wei, was ich tun soll! Er hat mich also
gut bedient! Denn jetzt werden wir bald das Vergngen haben, die
Pirouetten der schnen Barberina hier zu bewundern -- dank Seiner
Findigkeit, Pllnitz!

Ich versichere aber --

Gebe Er sich keine Mhe! Ich glaube Ihm doch keine Seiner
Versicherungen! Er hat aber Pech, da Er nicht dabeisein kann! Als
Connaisseur und Verehrer Terpsichores wrde Er sicher auf Seine Kosten
kommen! Nun -- Er hat ja Seine reiche Witwe! Wer wei, was fr Sprnge
die Ihm macht!

Und damit drehte er dem Zeremonienmeister den Rcken, legte die Flte
auf sein aus Schildpatt und Perlmutter angefertigtes Notenpult nieder
und befahl das Souper.




17


Es dauerte nicht lange, da ging vom Gesandten Preuens in Wien, dem
Grafen Dohna, ein Bericht ein.

Chevalier Contarini, der Gesandte Venedigs am kaiserlichen Hofe, htte
ihm im Auftrag seiner Regierung mitgeteilt, der Senat von Venedig habe
sich beeilt, die Tnzerin Signorina Campanini verhaften zu lassen, um
Seiner Kniglichen Majestt gefllig zu sein, und hielte sie der Krone
Preuen zur Verfgung. Graf Dohna erbat sich Instruktionen.

Ob ihr einfach befohlen werden solle, sich nach Berlin zu begeben, um
ihr Engagement anzutreten, ober ob es nicht ratsamer wre, sie als
Gefangene zu transportieren?

Friedrich berlegte sich die Sache nicht erst lange.

Die Mamsell hielte ja ihre geschriebenen und verbrieften
Verpflichtungen nicht ein! Sie hatte ihm, dem Knige von Preuen, zu
trotzen gewagt! -- Sie wrde sich den Teufel um den Befehl des Senats
von Venedig kmmern!

Der Knig verfgte kurz und gut, die Sylphide inhaftiert zu lassen und
sie unter guter und sicherer Bedeckung nach Wien zu bringen, von wo
aus sie ber Schlesien nach Berlin weitergebracht werden sollte!

Der Senat, der die Grausamkeit gehabt hatte, Barberina aus den Armen
ihres geliebten Stuart zu reien, um sie bis zum Eintreffen der Antwort
Friedrichs in Haft schmachten zu lassen, hatte nichts Eiligeres zu
tun, als sie in eine Gondel zu setzen, um sie mitsamt ihrer ber das
Abenteuer hocherfreuten Mutter und trotz ihren Trnen nach Mestre zu
spedieren, von wo aus die Fahrt dann unter Bedeckung einer starken
Kavallerieeskorte nach der sterreichischen Grenze ging.

Dort wurde sie von einem alten Hausmeister Dohnas, namens Mayer,
in Empfang genommen, der dem venezianischen Offizier den Habenden
Schein ber den richtigen Empfang instruktionsgem extradierte
und die Tnzerin, ohne sie zu sehr zu fatigieren und unter richtiger
Berechnung und tunlichstem Menagement des mitgegebenen Geldes
weitertransportierte.

Anzunehmen ist, da es sich der gute Mayer instruktionsgem auch
angelegen sein lie, ihr unterwegs auf alle Weise zu flattieren und
ihr klarzumachen, wie sehr sie sich eigentlich freuen mte, in die
schne Stadt Berlin, an einen groen Hof und in die Dienste eines
gndigen Knigs zu kommen!

Anzunehmen ist aber auch, da Barberina die groe Gnade, als eine
Kriegsgefangene wochenlang durchs Land geschleppt zu werden, nicht
besonders hoch einschtzte, sowie, da sie unaussprechliche Qualen ob
der jhen Unterbrechung ihres Liebesglcks litt.

Jedenfalls machte ihr Geliebter unterwegs einen vergeblichen Versuch,
sie zu befreien. Und Mayer bekam somit Anla, von seiner Instruktion
Gebrauch zu machen, auf Grund einer ihm von der Knigin Maria Theresia
ausgestellten Vollmacht bentigten Falls von den K. Hungarischen und
Bheimbschen Gouverneurs oder Magistraten der Stdte und Drfer um
eine kleine Eskorte von Ort zu Ort zu ersuchen.

Graf Dohna konnte also seinem Souvern berichten, da die so
heibegehrte Schne unterwegs sei und im besten Zustande bald
ankommen wrde. Und Friedrich hatte die Befriedigung, einmal seine
berflssige Diplomatie fr ihre Brieftrgerdienste loben zu knnen.

Wochenlang dauerte die Reise. Mayer hatte, um den Nachstellungen des
vllig rabiaten Galans zu entgehen, die Reiseroute gendert und
hatte seine liebe Not, mit seiner Tnzerin durchzukommen. Denn, wie er
sich zu berichten veranlat sah, war sie etliche Tage vor Liebe und
Chagrin krank. Aber es ging. Und Anfang Mai langte er mit der teuren
Last in Berlin an.

Einige Tage spter wurde Friedrich gemeldet, da der Gesandte Englands,
Lord Hyndford, um Audienz bitten lasse.

Er empfing ihn sofort.

Der Vertreter Albions fand den Knig in seinem Schreibzimmer vor dem
Modell eines aufgetakelten Kriegsschiffes stehen.

Sehen Sie hier, Mylord! Wie gefllt es Ihnen?

Ein hbsches Spielzeug! Wohl franzsische Arbeit?

Ganz recht! Wir sind eben in Verhandlung mit einer franzsischen
Werft! Man ist etwas unbescheiden mit dem Preis! Aber wir werden uns
das Spielzeug wohl trotzdem bauen lassen!

Eure Majestt wollen eine Flotte ins Leben rufen?!

Den Anfang dazu werden wir wohl machen mssen! Seitdem wir
Ostfriesland haben und uns in Emden eine Ostindische und eine
Bengalische Kompanie errichten, mssen wir auch bereit sein, unsere
Kauffahrteischiffe zu schtzen! Wenn England in den Kreis unserer
Feinde tritt --

Eure Majestt belieben zu scherzen!

Friedrich blickte ihn an, und vor dem durchdringenden Glanz seiner
tiefblauen, groen Augen mute der Englnder zur Seite sehen.

Allerdings liebe ich den Scherz! Nur mchte ich nicht selbst dessen
Ziel sein! Und das mutet mir Ihre Regierung zu!

Darf ich mir alleruntertnigst erlauben, feierlichst zu erklren --

Mein lieber Lord Hyndford, auf Erklrungen geben wir nichts, wenn sie
mit den Tatsachen nicht bereinstimmen! In dem mir sehr wohlbekannten
Vertrage von Worms hat England der Kaiserin und Knigin ihren Besitz
_=vor=_ dem Jahre 1739 feierlichst garantiert! Obwohl wir ihr _=nach=_
besagtem Jahre Schlesien abgenommen haben! Es ist genau so, als ob mein
Onkel, der Knig von England, ihr noch nachtrglich den Besitz ihrer
Unschuld garantieren wollte, die sie zweifelsohne besa, ehe sie ins
Brautbett stieg! Und -- von dem gleichen Effekt! Denn weder Schlesien
noch ihr Jungferntum kriegt sie wieder!

Lord Hyndford lachte diskret.

Ich freue mich, Eure Majestt bei so guter Laune zu finden!

Freuen Sie sich, Mylord! Denn wenn die Sache nicht zum Lachen wre,
frwahr, wir wren in Versuchung, als guter Neffe die Anregung
Frankreichs zu befolgen und Ihrem Knig, meinem Onkel, sein Erbland
Hannover zu nehmen! Die Gelegenheit wre gnstig! Mit Frankreich
stehen wir dank der Gewogenheit der regierenden Mtresse gut. Ruland
akzeptiert die Tochter unseres Feldmarschalls, des Grafen von
Anhalt-Zerbst, als Gemahlin des Thronfolgers. In Schweden wird unsere
Schwester einstmalen regierende Knigin! Sie sehen, wir haben gut
vorgesorgt! Wir haben in allen politischen Schlafzimmern Alliierte! Und
bleiben selbst wach! Was will das tugendhafte Albion dagegen tun?

Eurer Majestt seine Bewunderung und seine Freundschaft aussprechen!

Soll das die Kapitulation bedeuten?

Sire, wenn Eure Majestt so viel Unterrcke gegen uns ins Feld fhren,
bleibt kaum noch etwas anders brig, als standhaft zu kapitulieren!

Echt englisch geantwortet! Schne Phrasen als Verzierung der Fassade
und irgendwo fr alle Flle eine offene Hintertr! Gegen den Unterrock
helfen aber die Knste der Politik wenig!

Eure Majestt haben uns durch Allerhchst Dero Siege das Gegenteil
glorreich bewiesen!

Nun, sagte Friedrich, mit einer Armee von hundertvierzigtausend
Mann kann man sich einiges in betreff der Unterrcke Europas erlauben!
Aber reden wir von etwas anderem! Mylord haben sich sicherlich nicht
hierher bemht, um uns mit politischen Schlafkammerangelegenheiten zu
unterhalten!

Allerdings nicht! Aber der Gegenstand meines Besuches steht doch in
einiger Beziehung zu diesem Thema!

Also doch! Am Ende mchten Sie auch uns den Besitzstand garantieren,
den wir vor unserer Eroberung Schlesiens hatten?

Den Besitzstand _=nach=_ jener glorreichen Eroberung, Majestt!

Wie soll ich das verstehen? England will sterreich Schlesien
wiedergeben -- aber gleichzeitig uns gndigst gestatten, es zu
behalten?!

Das nicht! Eure Majestt werden sicherlich auch ohnedem danach
trachten, das zu behalten, was Eure Majestt erobert haben!

Sie irren sich nicht!

Trotzdem ich dieser berzeugung bin, mchte ich mir doch
alleruntertnigst die Frage erlauben, ob Eure Majestt nicht auch in
einem _=anderen=_ Falle denselben festen Willen bekunden mchten?

Es handelt sich also nicht um Schlesien?

Nein -- nur um die Tnzerin Barberina!

Friedrich lachte laut auf, ging einmal auf und ab, setzte sich dann ins
Sofa und blickte den Lord ironisch an.

Ach, sieh nur, auch in _=der=_ Angelegenheit will England mitreden?!

England nicht! Nur meine Wenigkeit! Ich wollte mir alleruntertnigst
erlauben, in betreff jener Dame um eine Gnade zu bitten!

Sie wissen, Mylord, da wir Ihnen persnlich gewogen sind, und da Sie
sich jederzeit eine Gnade von uns erbitten knnen! Was jene Tnzerin
betrifft, so mchten wir Sie aber ersuchen, keine Frbitte zu tun! Sie
erleidet ihre gerechte Strafe! Sie hat gewagt, uns zu trotzen! Wir
haben sie also als eine Gefangene hierher transportieren lassen, damit
sie sieht, da man dem Knig von Preuen nicht ungestraft auf der Nase
herumzutanzen sucht! Sie ist jetzt hier. Das ist alles, was wir wollen!
Wir haben unseren Willen durchgesetzt und werden sie jetzt laufen
lassen!

Wollen Eure Majestt sie nicht tanzen sehen?

Tnzerinnen haben wir genug! Wir sind nicht neugierig!

Sie soll aber eine hervorragende Knstlerin sein -- und sehr schn!

Die Person interessiert uns nicht im geringsten!

Eure Majestt haben sie eben nicht tanzen sehen!

Wir werden ihr auch nicht die Ehre antun! Wir sagten Ihnen, warum wir
sie haben herbringen lassen, und auch, da sie uns gleichgltig ist!
Sie glauben doch nicht, wir htten es ntig, die ganze europische
Diplomatie -- wegen einer Tnzerin in Bewegung zu setzen? Um das
Ansehen des Knigs von Preuen war es uns zu tun -- um weiter nichts!
Die Krmers an der Adria hatten es gewagt, uns zu verhhnen, als wir in
einer gerechten Sache an ihre Justiz appellierten! Sie hatten uns die
Sottise an den Kopf geworfen, unser Vertreter, Graf Cattaneo, htte
kein Recht, in unserem Namen zu sprechen, obwohl wir ihn schickten --
weil er schon sein Abberufungsschreiben berreicht hatte, als jene
Tnzerin frech wurde. Sie haben uns zu Gegenmaregeln gezwungen! Mein
Botschafter in Wien hat es sich viel Geld und Mhe kosten lassen und
auch den Sukkurs der Knigin von Ungarn erbitten mssen! Und das alles
wre nur wegen einer Tnzerin geschehen? Glauben Sie das wirklich?

Nein! Ich glaube aber: wenn Eure Majestt sie gesehen htten, dann
wre auch das mglich!

Er ist dreist!

Friedrich stand auf, ging an das Fenster und trommelte an der Scheibe.
Pltzlich wandte er sich um.

Sage Er mir -- kennt Er einen gewissen Lord Stuart?

Er ist mein Neffe!

Friedrich lachte kurz.

Da fange ich an, Seine Manvers zu begreifen! Er mchte wohl, da ich
wegen Seines Neffen die Mamsell in meinen Diensten behalte?

Wenn ich mir gestatten drfte, eine Bitte auszusprechen --?

-=Mais non!=- Das gestatten wir Ihm nicht! Der Stuart ist Sein Neffe!
Er ist in jene Tnzerin vernarrt! -- Sie scheint auch nicht klger zu
sein! Da -- seh Er nur, was mir der junge Herr schreibt!

Er reichte Hyndford einen Brief.

Mein Neffe htte gewagt --?

Er hat um Audienz gebeten! Sein Stand und Rang erlauben ihm das schon!
Er scheint aber ganz auer Rand und Band zu sein! Er will sie zur Frau
haben! Er bietet sich an, uns eine andere Danseuse zu stellen, die ihre
Sache ebensogut macht! Er will uns die Kosten ersetzen! Er fleht uns
an, ihm die Mariage mit ihr zu gestatten!

Die mchte ich eben verhindern! Eine Person von solch niedriger Geburt
kann nimmermehr in unsere Familie aufgenommen werden! Da bitte ich Eure
Majestt, mir die groe Gnade erweisen zu wollen, seine Bitte rundweg
abzuschlagen!

Mein lieber Lord, wir haben genug zu tun, um unsere eigenen jungen
Leute vom Adel davor zu bewahren, sich zu mesalliieren! Wir haben keine
Neigung, uns auch in die amoureusen Affren der Herren Englnder zu
melieren! Mag Sein Neffe sich mit der Mamsell kopulieren lassen oder
nicht -- uns tangiert das nicht im geringsten! Wenn sie bezaubernd
schn ist, wie Er sagt, so riskiert Seine gute Familie hchstens,
das abgestandene Blut ihrer Ahnen aufzufrischen! Wir wollen England
darinnen gerne begnstigen!

Hyndford gab den Brief zurck und verbeugte sich schweigend.

Er braucht mir das nicht krumm zu nehmen! Er kann sich dafr eine
andere Gnade ausbitten!

Wie drfte ich es wagen, nachdem ich so unglcklich war, Eure Majestt
mit dieser geringen Bitte zu mifallen!

Friedrich dachte einen Augenblick nach.

Er ist ein Querkopf! Er ist mir aber trotzdem persnlich wert! Wenn
ich nun ihm persnlich zu Gefallen in Seine Bitte einwillige -- sage Er
mir, will Er mir dann auch persnlich zu Diensten sein?

Majestt brauchen nur zu befehlen!

Friedrich ging ein paarmal auf und ab und blieb dann vor dem Modell des
Kriegsschiffes stehen!

Seh Er, solch ein Spielzeug kostet Geld -- viel Geld! Wir haben
ja eine wohlgefllte Schatzkammer, haben aber auch Aufgaben, die
dringlicher wren! Wir mchten es nicht schon jetzt ntig haben,
eine Kriegsflotte zu bauen! Will Er mir persnlich damit dienen,
das Mitrauen Seiner Regierung und Seiner Landsleute gegen meine
Handelsunternehmungen in Emden zu zerstreuen? Will Er drben ernstlich
zu verstehen geben, da wir, _=wenn ntig=_, gleich daran gehen werden,
Kriegsschiffe zu bauen! Das heit, wenn man nicht einsieht, da die
Erde so gro ist, da auch wir von deren Reichtmern profitieren
knnen, ohne das Geschft Seiner Landsleute zu verderben? Er versteht
mich?

Eure Majestt knnen berzeugt sein, da ich alles aufbieten werde,
um ein gutes Einvernehmen im Sinne von Eurer Majestt Intentionen
herzustellen!

Friedrich blickte ihn durchdringend an.

-=Eh bien!=- Da will ich auch Ihm persnlich einen Gefallen tun!

Er setzte sich ins Sofa hinter den Schreibtisch, nahm einen Gnsekiel
und kratzte unter den Brief des jungen Stuart eiligst ein paar Zeilen
hin, deren Inhalt er beim Schreiben laut vor sich hin las.

Wird nicht beantwortet! Der junge Lord Stuart wird beordert, sofort
und auf dem krzesten Wege meine Staaten zu verlassen! -- -- Ist Er
jetzt zufrieden?

Lord Hyndford verbeugte sich, kte dankbar die ihm gereichte Hand des
Knigs, und entfernte sich auf den Wink, da die Audienz beendet sei.

Inzwischen war Barberina in Berlin angelangt.

Ihre Reise durch sterreich und Schlesien war nicht gerade ein
Triumphzug gewesen. Die Wege waren jetzt im Frhjahr miserabel, das
wochenlange Schtteln darauf eine schwere Strapaze! Dazu kam noch die
seelische Aufregung wegen der Trennung von ihrem Geliebten! Alles in
allem Umstnde, die nicht zu ihrem Wohlbefinden beitrugen.

Mama vertrug die Reise besser, trotz ihrer Jahre und dank ihrer
Eitelkeit. Das Aufgebot der europischen Diplomatie um ihretwillen --
die militrische Eskorte -- die aufmerksame Frsorge der mit ihrem
Transport betrauten Beamten machte sie das krperliche Ungemach der
langen Fahrt ganz vergessen.

Sie blhte sich wie ein Puter -- sie kam sich zum mindesten so vor wie
eine eroberte Provinz jenes Knigreiches, das ihre Tochter wohl bald
darstellen wrde!

Berlin gefiel ihr ausnehmend gut. Es war kein solcher von allem
mglichen Geschmei kribbelnder Ameisenhaufen wie London -- nicht
so atemberaubend wie das berauschende Paris, sondern solid, neu und
proper gebaut, mit geraden Straen und nicht zuviel Menschen! Gerade
der richtige Rahmen fr ihr gesetztes, dem ruhigen Genu zuneigendes
Matronentum.

Sie sa vor dem Spiegel in einem Zimmer des Gasthauses, wo sie
abgestiegen waren, und war bemht, ihr Exterieur mit dem neuen Rahmen
einigermaen in Einklang zu bringen.

Leicht war das nicht. Die scharf gebogene Nase, die stechenden
schwarzen Augen unter buschigen Brauen, die etwas aufgeschwemmten
Formen muteten gar zu orientalisch an! Aber die Damen hier waren auch
wohlbeleibt, und gepuderte Frisuren trugen sie auch! Und wennschon das
landesbliche Blau der Augen nicht herzustellen war -- das Schwarze
wrde um so mehr Effekt machen!

Man wrde sich schon einleben!

Freilich -- ihre Tochter dachte anders! Sie war sogleich am ersten Tage
zum Intendanten der Oper, Baron Swerts, gegangen, um sich vorzustellen,
sich ber die ihr zugefgte Unbill zu beklagen und um eine Audienz beim
Knig zu bitten.

Dem Knig wollte sie dann den zerrissenen Vertrag vor die Fe werfen
und erklren, da sie ihrem Gemahl Lord Stuart, der gleichfalls hier
eingetroffen war, bis ans Ende der Welt zu folgen gedenke. Berlin wre
noch lange nicht das Allerletzte! Und sie wrde hier nicht tanzen! --
Sie liee sich berhaupt nicht zwingen!

Mit den Worten war sie gegangen! -- _=Die=_ Worte wrde sie wenigstens
nicht wiederfinden! Das beruhigte die Mama ein bichen! Man ist zu
Hause, den Angehrigen gegenber, stets mutiger als angesichts des
Feindes! -- Ihre Tochter hatte auch um nichts auf der Welt Venedig
verlassen wollen! Trotzdem war sie jetzt hier!

Es wrde auch so weitergehen! Der Knig wrde schon Mittel und Wege
finden, seine Eroberung zu befestigen! -- Wenn er Babara erst she! --
-- Mama brachte ihm in dieser Hinsicht groes Vertrauen entgegen! Die
unwiderstehliche Gewalt der Reize Babaras und ihre Lebenslust waren ihr
da unschtzbare Verbndete! Lord Stuart war allerdings da und im Wege!
Aber Bestndigkeit in Liebessachen war nie die Sache Babaras gewesen.
Sie wrde bald auch ihn, den so hei Begehrten, satt haben!

Mama blickte prfend ihr Spiegelbild an. Die Runzeln des Gesichts
waren schon unter der geschickt aufgelegten Schminke verschwunden! Ein
paar Mouchen erhhten die Zartheit des gut gemalten Teints! Man knnte
vielleicht noch ein wenig Rot riskieren!

Sie setzte ihre Malerei fort und lchelte wohlgefllig beim Gedanken
an die vielen krftigen, jungen Kavaliere, die ihr hier in Berlin
aufgefallen waren und deren frisches, frohes und unverhllt zur Schau
getragenes Draufgngertum ihrem alternden Herzen wohltat!

Da wurde ihr Lord Stuart gemeldet, der auch gleich hereintrat und etwas
enttuscht war, Barberina nicht anzutreffen.

Sie wird bald da sein, Mylord -- und, so Gott will, _=auch da
bleiben=_! beschied ihn die Mama und deutete auf einen Sessel.

Stuart nahm Platz und bemerkte so nebenbei, da wegen des Dableibens
zwischen ihm und Babara ganz andere Vereinbarungen getroffen wren.

Das war auch in Venedig der Fall, antwortete die Alte kalt. Und
trotzdem befinden wir uns heute hier! Unser Kommen htte sich
allerdings angenehmer gestalten knnen, wren Sie nicht gewesen!

Stuart machte eine ungeduldige Miene. Aber Mama lie ihn nicht zu
Worte kommen.

Wir _=beklagen=_ uns durchaus nicht deswegen, sagte sie schnell.
Die diplomatische Aktion -- die Gefangennahme -- der Transport
unter militrischer Bedeckung -- das hat ohne Zweifel in ganz Europa
gewaltiges Aufsehen geweckt! Wir sind dadurch noch berhmter geworden,
als wir es schon waren. Man wird sich sagen, da wegen der ersten
besten nicht ein derartiger Apparat in Bewegung gesetzt zu werden
pflegt!

Dann wren Sie mir eigentlich zu Dank verpflichtet!

Nun, es _=htte=_ ja anders kommen knnen! Man htte sich hier
kurzerhand mit Babaras Eigensinn abfinden und auf ihre Dienste
verzichten knnen, wenn der Knig, zum Glck, nicht so eigensinnig
gewesen wre, auf seinem Recht zu bestehen! Das war nicht Ihr
Verdienst, Mylord! Sie htten uns kalten Blutes die schne Karriere
verderben knnen, die sich uns hier bietet!

So Gott will, werde ich das auch tun!

Dazu sind Sie uns also bis hierher gefolgt?

Um ihr und mein Glck vor Vernichtung zu schtzen, dazu bin ich hier!

ber _=Ihr=_ Glck, Mylord, will ich mit Ihnen nicht streiten! Was
aber meine Tochter betrifft, so wird sie kaum so tricht sein, das
sogenannte Glck an Ihrer Seite der Gewogenheit eines groen Knigs
vorzuziehen!

Lord Stuart wurde durch die Ankunft Barberinas verhindert, zu
antworten. Und die Zrtlichkeit, mit der sie ihn begrte, strafte die
Worte ihrer Mutter Lgen.

Sie war aber sonst sehr schlecht gelaunt.

Der Intendant hatte sie zwar sehr hflich empfangen und mit ihr das
Programm fr ihr erstes Auftreten besprochen, aber die erbetene
Audienz wurde ihr rundweg abgeschlagen. Er hatte ihr die Antwort
Friedrichs auf die Eingabe mitgeteilt, und die war in ihrer Krze nicht
dazu geeignet, sie zu beruhigen.

Was die Mamsell zu sagen htte, sollte sie mit den Beinen vorbringen!
Dazu wre sie engagiert, keineswegs aber zu anderer Konversation
befohlen! -- So ungefhr hatte der Bescheid gelautet!

Ich werd's ihm schon >vorbringen<, da er's merkt! _=Futritte=_ werde
ich ihm tanzen! Ihm und seinem ganzen Hof! Wenn er mich dann nicht
entlt, werde ich keinen Schritt mehr auf die Bhne tun! -- Setze
dich, ich will's mit dir probieren!

Sie drckte ihn auf einen Sessel nieder und fing einen ihrer wilden
italienischen Bauerntnze an, den sie fr ihr erstes Auftreten als
Einlage gewhlt hatte.

Nun aufgepat, wie ich das machen werde! rief sie. Ich tanze mit
meinem Geliebten ein zrtliches -=pas de deux=- und denke dabei an dich
-- tanze von rechts oben nach links unten, wo die kleine Loge des
Knigs ist. Du kannst dir denken, wie erfllt ich dabei von dir sein
werde -- und auch, wie deutlich ich es zur Schau tragen will! Wenn er
die geringste Ahnung von Tanz hat, wird er's verstehen! Dann aber,
wenn mein Partner -- in meinen Augen du -- vorn an der Rampe mir
zu Fen liegt und ich ihn auf die Stirn ksse, schleicht sich aus
der vorderen Kulisse ein Kobold hervor, wirft mir unvermerkt eine
Rosenkette um den Leib, und wie wir dann beglckt davontanzen, lt er
die Kette, die ich immer noch nicht merke, ablaufen, bis wir, du und
ich, miteinander hinaustanzen wollen. Dann zieht er sie wieder ein,
langsam und unwiderstehlich. Mit immer grerem Widerstreben folge ich,
kmpfe dagegen, anfangs vergeblich, bis er mich ganz eingefangen hat.
Dann, beim Anblick seines hlichen Gesichts, bumt sich alles in mir
auf, die Wut gibt mir Kraft, ich zerreie die Fessel und schleudere
sie ihm ins Gesicht! -- Sei sicher, ich schleudere sie in die Loge
des Knigs -- und fliehe dann! Er natrlich hinterher und versucht,
mich mit Gewalt zurckzuhalten! -- -- Aber so mach's doch! -- Schnell,
ich will's mit dir probieren! -- Du umfassest mich also -- ich mache
mich frei -- -- du packst mich wieder -- -- aber nicht so tolpatschig!
Dreist zugreifen, Mylord! -- So war's gut! -- -- Ich entwinde mich der
Umklammerung -- er verfolgt mich ber die ganze Bhne -- dann mache ich
kehrt und treibe ihn mit einer ganzen Kette von Luftsprngen zurck --
so!

Und mit einer Serie der wtendsten Entrechats trieb sie ihren Geliebten
vor sich her und verfehlte nicht, ihm dabei immer wieder mit viel
Grazie die Fuspitze auf die Nase zu applizieren. Er versuchte
vergebens, den Fu zu erhaschen und zu kssen.

So ist's gut! rief sie, im Tanzen lachend. Wenn Lany das mimisch
ebenso ausdrucksvoll macht wie du, wird sich das Theater vor Lachen
wlzen!

Und sie versuchte, ihm einen letzten Tritt zu versetzen, den aber die
Mama, hinter die er sich rasch flchtete, zu ihrer groen Entrstung,
auf hchst ihrer eigenen Nase zu fhlen bekam.

Nichts fr ungut, Mama! rief Babara immer bermtiger. Das war fr
den Knig von Preuen bestimmt, dessen Majestt zu vertreten du jetzt
die Ehre hattest! -- Bis in seine Loge hinein treibe ich den Lany! Und
so, da der Knig schon merkt, fr wen die Futritte bestimmt sind!
-- Dann wirbele ich zurck ber die Bhne und verschwinde da, wo ich
gekommen bin, eile aus dem Theater hinaus und in den Wagen, den _=du=_
mir bereit halten wirst, Be! Und das Weitere wird sich finden!

Das denke ich auch, sagte die Mama mit Ruhe. Denn ebenso, wie Mylord
_=tatschlich=_ die fr den Knig bestimmten Futritte bekam -- ebenso
sicher wird er sie fr sich allein behalten! Der Knig ist nicht
der Mann, dem man auf der Nase herumtanzt! Das, glaube ich, htte er
uns wohl ausdrcklich genug bewiesen! -- Fr den Wagen aber nach der
Vorstellung sorge ich! Mylord brauchen sich da nicht zu bemhen!

Zu ihrem Erstaunen entgegnete die sonst widerspenstige Tochter nichts.
Sie war betroffen von der Deutung, die die Mutter ihrem Tanz gegeben
hatte! Ebenso ging es ihrem Geliebten, der, wie alle Englnder, etwas
aberglubisch war. Als eine bse Vorahnung stieg gleichzeitig dasselbe
Gefhl in ihren Herzen auf. Mde und verdrossen warf Babara sich aufs
Kanapee.

Ihre Mutter hatte die Wahrheit gesagt! -- Das Band, das sie an Berlin
fesselte, lie sich nicht durch einen bloen Scherz zerreien! --
Anfangs leicht wie Spinnwebsfaden, als sie sich's in Paris anlegen
lie, hatte es sich als unzerreibar erwiesen und war zur eisernen
Kette geworden, die sie in jeder Beziehung unfrei machte! Und weswegen?!

Sie blickte schnell zu Be hinber!

Seinetwegen hatte sie das alles durchmachen mssen! -- Gewi, sie
liebte ihn -- er war ihr mehr wert als die meisten! Aber doch trat die
Sttigung mit dem erlangten Besitz ein! -- Es fing schon an langweilig
zu werden! -- --

Sie fuhr auf. Das Gewissen schlug ihr. Sie ging hin und gab ihm einen
Ku.

Kmmere dich nicht darum, was sie auch sagt! Die Mama ist ehrgeizig!
Sie ist ja auch stolz auf mich! La ihr das! Denk nur an mich! Ich
liebe dich ja!

Aber die Verstimmung wich nicht. Man empfand es allseitig wie eine
Erlsung, als ein Bote ihr einen Brief des Intendanten brachte, in dem
ihr mitgeteilt wurde, da sie am folgenden Tage, am 13. Mai, die Ehre
haben wrde, zum ersten Male in der Oper vor dem Knige zu tanzen.

Das gab ihr alle Hnde voll zu tun, um mit den Vorbereitungen fertig zu
werden.

Stuart wurde fortgeschickt und fr den nchsten Tag nach der
Vorstellung zum Souper bestellt.

Er ging nach seinem Quartier, um zu sehen, ob die Antwort auf sein
Audienzgesuch eingetroffen sei! Und fand da -- einen Polizeibeamten
vor, der den Auftrag hatte, ihn zu sofortiger Abreise zu veranlassen
und ihn im Falle der Widersetzlichkeit festzunehmen und mit Gewalt ber
die Grenze zu schaffen!

Der Staatsminister Podewils hatte strenge Ordres gegeben. Er hatte
genug Scherereien und Ungemach wegen der Liebelei dieses jungen Dandys
gehabt und Zeit und Mhe verloren, die seines Erachtens einer besseren
Sache wert waren! Jetzt machte er Schlu!

Stuart mute gehorchen, so sehr er sich auch strubte! Es wurde ihm
nicht gestattet, erst von der Geliebten Abschied zu nehmen! Keine Zeile
durfte er ihr schicken -- keine mndliche Botschaft hinterlassen! Seine
Bitte, erst seinen Vetter, den Lord Hyndford, besuchen zu drfen, wurde
ihm auch abgeschlagen. Wie er ging und stand, mute er in die bereit
gehaltene Postkutsche steigen, und der freundliche Polizeibeamte hatte
noch die Gte, ihm das Geleit zu geben.

Am folgenden Tage rollten die Karossen der vornehmen Welt die Linden
entlang und hielten an der Paradetreppe des langgestreckten neuen
Opernhauses, das der Knig auf dem freien Platz dem Zeughause gegenber
erbaut hatte.

Man war beim Knige zu Gast! Er lie seinen Mrkern franzsische
Komdie vorspielen. Aber zahlen durften sie nicht! Kommen auch nur,
wenn ihre gesellschaftliche Stellung oder ihr Rang ihnen ein Anrecht
auf eine Einladung gab.

Kritik wurde nicht gebt. Die Gazetten durften nicht genieret werden,
so hatte der Knig wohl im ersten Jahre seiner Regierung geboten.
Sie durften aber auch nicht genieren -- dafr sorgte er auch! -- Jede
Besprechung ffentlicher Angelegenheiten, insbesondere militrischer
Dinge, war rundweg verboten, und jede Zuwiderhandlung mit hoher
Geldstrafe oder Entziehung der Konzession belegt.

Das Theater war des Knigs Privatangelegenheit. Man schrieb also
Berichte, erwhnte kurz, wer dagewesen war, was man gespielt und wer
die Ehre gehabt hatte, aufzutreten. Aber man enthielt sich jedes
Urteils. Dies wurde aber um so mehr bei den Vorstellungen laut. Und
die Besprechungen erfolgten bei den gesellschaftlichen Veranstaltungen
der feinen Welt -- wenn auch mit der durch die Furcht vor Spionage
gebotenen Reserve.

Der Knig wollte heute die Komdie besuchen.

Das gengte, um zu bewirken, da alles sich nach der Vorstellung
drngte.

In den Logen sah man, auer einigen distinguierten Fremden, deren
gepuderte Lockenkpfe und modische Trachten das Aufsehen weckten, die
ganze offizielle Welt.

Der Staatsminister Podewils war da, und mit ihm die meisten seiner
Amtsbrder. Die Herren vom Generaldirektorium, die hohen Justizbeamten
und, sehr vornehm und distinguiert in den Sesseln ihrer Loge thronend,
die Herren Akademiker. _=Die=_ hatten aber oft das Pech, weder gesehen
zu werden, noch sehen zu knnen.

Vor ihrer Loge weitete sich das Parterre, und das war gedrngt voll von
Soldaten, die hier das Vorrecht hatten, und die ihre Weiber mitnahmen
und sie sich gelegentlich auf die Schulter setzten, damit sie besser
sehen knnten. Wobei es nicht immer ohne derbe Spe zuging und
Gekreisch und Lachsalven einander ablsten.

Endlich kam der Knig, von seinem Freunde Keyserlingk, dem Grafen
Algarotti und Chevalier Chazot begleitet.

Am Vormittag war er aus Potsdam angelangt, hatte das Diner bei der
Kniginmutter, Sophie Dorothea, im Schlosse Monbijou eingenommen und
sich von dort in die Komdie begeben.

Man spielte das Hirtenspiel irgendeines modischen Franzosen. Als
Zwischenspiel kam dann die groe Sensation des Tages, das erste
Auftreten Barberinas, um deren Haupt Fama schon den Schimmer der
Romantik gegossen hatte, und ber deren Person zahlreiche galante
Legenden kursierten.

Sie hatte einen rauschenden Erfolg mit ihren wilden Bauerntnzen --
nicht zum mindesten bei dem Parterre, wo die Begeisterung wohl nicht
mit Zuhilfenahme der geschniegelten Salonmythologie, aber um so
urwchsiger und derber laut wurde.

Dunnerschlag -- _=die=_ Schenkel! rief ein brtiger Musketier, als
sie ihre Luftsprnge machte.

Een Paradetritt jibt se her!

Beene hat se wie'n Pandur! bemerkte ein anderer.

Schwerenot -- wenn _=das=_ dem Fritze nich jefllt!

Der macht se noch zum Flgelmann bei de Jrenadiere!

Der Fritze wird wissen, wo er se lt! Hab man keene Sorge nich!

Immer und immer wieder mute sie vortreten, um die Huldigung des
Publikums zu empfangen. Und nachher wurde sie in die knigliche Loge
befohlen.

Sie hatte mit der ganzen Wut getanzt, die sie ber die ihr angetane
Gewalt empfand, und dabei -- trotz aller Grazie -- eine Verve
entwickelt und ein Temperament bewiesen, das alles bezwang! Man hatte
etwas anderes erwartet -- eine Explikation ihrer Meisterschaft in der
hohen Tanzkunst -- und stand vor einer entfesselten Naturgewalt, die
frappierte und jede Regung einer Opposition unmglich machte! Sie hatte
gehofft zu verletzen -- hatte aber nur angenehm berrascht und fand
schrankenlose Bewunderung in allen Blicken der lchelnden Gesichter.

Bei einem einzigen aber war diese Bewunderung mit solch berlegener
Ironie gepaart, da sie unwillkrlich den Trotzkopf beugte und von
einer Anwandlung von Reue beschlichen wurde.

Eine unwiderstehliche Gewalt ging von der kleinen, eleganten, in reiche
franzsische Tracht gekleideten Gestalt aus, die vor sie hintrat. Der
groe Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht, das sarkastische Lcheln --
die Freiheit von jeder Pose und, vor allem, das unergrndliche tiefe
Blau der groen Augen machte sie alles andere vergessen. Der Genius
einer Zeit lebte in dieser unscheinbaren Gestalt! -- Vor ihm versank
alles andere und wurde zu nichts! -- Ihre Kunst, und erst recht ihre
persnlichen Wnsche, schienen ihr so unsagbar klein! Und als die
Erscheinung mit einer menschlichen Stimme menschliche Worte an sie
richtete -- da war Staunen die erste Empfindung. Bis sie antworten
mute. Da regte sich ihr eigenes Genie, und sie gewann ihre Keckheit
wieder.

Nun, Mademoiselle, Sie hatten den Wunsch geuert, mich zu sprechen!
Was hatten Sie mir zu sagen?

Ich habe mich bemht, Sire, es nach bestem Knnen in der mir gndigst
anbefohlenen Sprache vorzubringen!

Sehr gut! lachte Friedrich.

Hatten Eure Majestt auch die groe Gnade, meine Dissertation so, wie
sie gemeint war, aufzufassen?

Sie haben -- mit den Beinen -- _=sehr entgegenkommend=_ gesprochen,
sagte Friedrich, der wohl das Zielen ihrer Entrechats nach seiner Loge
bemerkt hatte. So wollen wir es auch gern auffassen! Wir haben es
wohl verstanden, da Sie das Bedrfnis empfanden, Ihr Temperament in
der neuen und ungewohnten Umgebung auszutoben -- sich sozusagen Luft
zu machen -- sich Platz zu bereiten! Das nchste Mal hoffen wir Sie in
der serisen Kunst bewundern zu knnen! Sie werden uns bald in der
Pantomime Pan und Syrinx vortanzen!

Er gab ihr die Hand, die sie ehrerbietigst kte.

Mein Kompliment, Mademoiselle, sagte der Knig noch gndig. Mit
einem Charme haben Sie die Ketten zerrissen, mit denen sie der Faun zu
fesseln versuchte -- mit einem Furor, da man denken mte: da halten
keine Ketten stand! -- Es gibt aber Ketten, die nicht zu zerreien
sind! -- -=Bon soir, mademoiselle!=-

Und damit war die Audienz zu Ende.

Noch ganz wirr von dem berwltigenden Eindruck der ersten Begegnung,
ging sie auf die Bhne zurck und folgte ihrer Mutter nach dem Wagen,
ohne berhaupt daran zu denken, nach ihrem Be zu sehen. Sie fragte
nicht einmal nach ihm, als beim Souper sein Platz leer blieb.

Am folgenden Tage wurde ihr ein hoher Ministerialbeamter gemeldet,
der ihr einen definitiven Vertrag vorlegte. Der Vertrag enthielt die
ausdrckliche Bestimmung, da sie whrend dessen Dauer, vorlufig drei
Jahre lang, nicht heiraten drfte -- lie aber den Platz fr das Gehalt
leer, denn sie sollte ihn nach Belieben ausfllen drfen. Sie schrieb
5000 Taler hinein -- eine Summe, die der Knig sofort auf 7000 erhhte.

Auerdem wurde ihr, im Auftrage des Knigs, bedeutet, sie mge in der
Komdie tanzen, wann es ihr beliebe. Nur in den Opern oder im Ballett
sei sie an das Repertoire gebunden.

Und -- so lie der Knig gndigst ansagen -- bei Gelegenheit ihres
nchsten Auftretens wollte er sich das Vergngen geben, in ihrer
Garderobe den Tee einzunehmen.




18


Man durfte des Knigs Hunde nur per Sie und mit dem Hut in der Hand
anreden. Die kniglichen Lakaien hatten den exzellenten Vierflern
gegenber einen schweren Dienst und konnten auf keine Gnade rechnen,
wenn sie es an Aufmerksamkeit fehlen lieen.

Wenn der Knig spazieren fuhr, folgten ihm die Hunde oft in einer
zweispnnigen Karosse, sie selbst auf dem Hauptsitz, die aufwartenden
Lakaien auf dem Rcksitz. So auch eines schnen Sommermorgens,
als der Knig von Charlottenburg, wo er bis zur Beendigung der
Hochzeitsfeierlichkeiten fr seine Schwester Ulrike residiert hatte,
nach Berlin hineinfuhr.

An seiner Seite im vierspnnigen Wagen sa der Generaladjutant
Winterfeldt. Sie kamen im tiefen Sande der Charlottenburger Chaussee
nur langsam vorwrts. Das schne Sommerwetter machte indessen die sonst
einfrmige Fahrt ertrglich. Der Knig war gut gelaunt. Und als sie
beim kniglichen Tiergarten anlangten, wo er eine Menge neue Spazier-
und Fahrwege hatte aufnehmen lassen, befahl er, vom Groen Stern nach
dem Zirkel an den Zelten einzubiegen, wo die elegante Welt sich um
diese Zeit Rendezvous zu geben pflegte.

An dem Ufer der Spree hatte der Knig dort einen freien Platz abholzen
lassen. Im weiten Bogen zog sich der breite Fahrweg hin, von Promenaden
umfat, wo unter schattigen alten Bumen die Spazierenden sich ergehen
konnten, whrend auf dem Damm in doppelter Kavalkade Fuhrwerke und
Reitende sich in beiden Richtungen bewegten.

Am Wasser hatten einige, in Bereitung von Erfrischungen aller
Art kundige franzsische Emigranten, von denen es seit den
Religionsverfolgungen in Frankreich in Deutschland wimmelte, die
Konzession erhalten, ihre Waren in Zelten feilzubieten.

Von den Wiesen jenseits der Spree wehte der laue Sommerwind die
Dfte der Blten herber; durch das Laub der hohen Bume rieselte
der Sonnenschein herunter auf die bunten Farben der Trachten. Das
goldene Schnitzwerk der zwischen hohen Federn aufgehngten Karosserien
glnzte und glitzerte. Drinnen, auf schwellenden Kissen schaukelten
schne Damen in rauschenden Gewndern, lieblich grend, lchelnd,
nickend. Die Augen glhten unter sauber gepinselten Brauen -- die
gepuderten Locken erhhten durch ihr Mattwei das duftige Rot der schn
geschminkten Wangen, deren Reiz durch die Kontrastwirkung der schwarzen
Mouches eine erhhte Wirkung bekam.

Zwischen den Wagenreihen tummelten die Offiziere stolz ihre mit
goldbestickten Schabracken verzierten Pferde, schlossen sich fters an,
um mit ihren in den Wagen thronenden Gttinnen verstohlen verliebte
Gesprche zu fhren. Auf dem Flusse glitten langsam Khne vorber,
die Segel geschwellt -- an den Zelten wehten Wimpel und Flaggen im
bunten Spiel -- Flten und Geigen lieen ihre zarten Tonwellen steigen
und hinsterben -- das Lachen der silberhellen Stimmen -- das Gesumm
der Gesprche, das Wiehern der Rosse -- alles flo zusammen zu einer
Symphonie der Lebenslust -- leise, zart, grazis und liebenswrdig
--, die die Sinne der Teilnehmer bestrickend umfing, ihre Gedanken
zerstreute und ihren Seelen Erholung brachte.

Berlin holte Atem. Als die kniglichen Equipagen in die Kavalkade
einschwenkten, ging eine Bewegung durch die Reihen. Aber nur fr
einen Augenblick. Weit entfernt, das Getriebe zu lhmen, spornte die
Gegenwart des Knigs die Frhlichkeit an und hob die Stimmung noch mehr.

Friedrich unterhielt sich mit seinem Adjutanten, grte nach allen
Seiten, schaute sich einmal nach dem Wagen seiner vierbeinigen
Lieblinge um, winkte dann gndigst einen vorbeireitenden Offizier
an den Wagenschlag heran und richtete einige kurze Fragen an ihn. Er
freute sich des luxurisen Treibens seiner aufblhenden Hauptstadt,
das, unter seinem Vater in strenge Zucht zurckgedmmt, sich jetzt
wieder ans Licht wagte.

Pltzlich kam etwas Scharfes in seinen Blick, und seine Haltung
straffte sich etwas.

In die Reihe der Entgegenfahrenden war eine prachtvolle, schn
verzierte Karosse eingeschwenkt, von vier Schimmeln mit Vorreitern
gezogen. Das vergoldete Schnitzwerk der Karosserie glnzte und
glitzerte; die schn gedrechselten Speichen der hohen Rder drehten
sich wie die Blitze des Sonnenrades; hinten auf dem Tritt, zwischen den
hohen, schn geschwungenen Federn, standen in prachtvollen hellblauen
und silbernen Livreen zwei Lakaien, stolz die Dreimaster auf den
gepuderten Percken balancierend. Ein fast kniglicher Aufzug! Und im
Wagen, auf schwellenden Kissen ausgestreckt, eine Knigin der Anmut
und der Schnheit -- die Barberina! Neben ihr ihre Mutter, von Stolz
geblht und freundlich lchelnd den Gru Friedrichs auf sich beziehend,
als die Wagen sich begegneten.

Drben, auf der anderen Seite des Zirkels, schlo sich ein Reiter
ihnen an -- es war der Gesandte Englands, dem die schnell intim
gewordenen Beziehungen Barberinas zum Knig wohlbekannt waren, und der
sich als Macher der Sache jetzt grotat und sie umschmeichelte, um
vielleicht so etwas politisch Wertvolles durch sie zu erfahren.

Friedrich sagte rasch einige Worte zu seinem Adjutanten. Dieser winkte
einen der Lufer, die dem kniglichen Wagen voranschritten, herbei
und erteilte ihm einen Befehl, den der Lufer dem folgenden Wagen
bermittelte.

Dann schwenkte der knigliche Wagen aus der Reihe und setzte die Fahrt
nach Berlin fort.

Als aber der Wagen Barberinas, immer noch den englischen Gesandten am
Schlage, nochmals vorbeikam, da bog der Wagen der kniglichen Hunde
dicht vor ihrem Wagen in die Reihe ein, und sie mute ihm auf Schritt
und Tritt folgen. So ging's einmal die Runde herum, als htte der Knig
dem Publikum das Rangverhltnis unter seinen Lieblingen recht deutlich
-=ad oculus=- demonstrieren wollen. Dann setzten auch die Hunde ihre
Reise nach der Stadt fort -- Berlin hatte seinen Gesprchsstoff,
die Neider der kniglichen Favoritin bekamen Nahrung fr ihre
Schadenfreude, und Barberina hatte ihren rger, den man ihr jedoch
unter der Schminke nicht anmerken konnte.

Sie tat, als htte sie den Vorfall gar nicht bemerkt; sie unterhielt
sich noch mit einigen ihrer Bekannten, lud ein paar befreundete
Offiziere zum Besuch bei sich ein und kehrte dann nach ihrer Wohnung in
der Behrenstrae zurck.

Dort fand sie einen Befehl des Intendanten vor, am nchsten Tage beim
Konzert im Stadtschlosse zu Potsdam zu tanzen, und sie freute sich.
Denn bei dem nachfolgenden Souper mit dem Knig wollte sie schon ihre
Rache nehmen.

Der Knig aber hatte sich dazu bereit gefunden, noch unterwegs im Wagen
seinem Adjutanten einige erklrende Worte zu sagen.

Wir lieben die Mtressenwirtschaft bei unseren Gegnern und
Verbndeten! Die Herren Politiker irren aber, wenn sie glauben, _=uns=_
auf diesem ausgetretenen Pfade der irrenden Tugend beikommen zu knnen!
Und was die Mamsells betrifft, so sollen sie amsant sein und Charme
haben, aber weiter nichts! Sie wollen aber alle erst belehrt sein, die
rechte Distanz zu halten!

Er freute sich nicht wenig, als ihm nachher berichtet wurde, da
der englische Gesandte bei seinem Versuch, die Hunde des Knigs zu
streicheln, von ihnen sehr bel abgefertigt worden war. Biche hatte
sogar nach ihm gebissen.

Die Biche wei, was sich gehrt! Sie versteht die Kunst, naseweisen
Diplomaten Edukation beizubringen! Hrt sie Geheimnisse mit an, so
versteht sie sie nicht! Und was sie winselt, versteht kein Mensch! Das
hat sie den Mamsells voran! Treu ist sie auch! -- Sei er ruhig! sagte
er, da Winterfeldt schmunzelte. Das verlange ich ja nicht von den
Damen! _=Die=_ mssen ihre Amouren haben! Sie sind Schmetterlinge und
mssen hin und her flattern! Wenn sie blo mit ihrer Buntheit das Auge
entzcken -- wenn sie grazis sind, Witz, Esprit, Charme zeigen und uns
nicht mit zuviel Sentiment belstigen, sind wir zufrieden und widmen
ihnen gern zur Erholung von unserer freien Zeit! -- An unserem ernsten
Tun aber knnen sie keinen Anteil haben! Und unsere Wrde drfen sie
auch nicht mit einem Blick antasten wollen! Da hrt jedwede Galanterie
auf! Da geht der Hund vor!

Friedrich sprach noch bei der Kniginmutter vor -- besichtigte den
Dombau, von Knobelsdorff begleitet, befahl ihm, am nchsten Tage die
Plne seines Sommerschlosses in Potsdam vorzulegen, und reiste nach
seiner Havelresidenz ab.

Am Abend soupierte bei Barberina der Graf Rothenburg, ein eleganter,
liebenswrdiger und geistreicher Kavalier, der soeben aus Paris
zurckgekehrt war, wohin ihn eine wichtige politische Sondermission
Friedrichs gefhrt hatte.

Er wute ihr viel vom Hofe in Versailles zu erzhlen -- von der alles
beherrschenden Stellung der derzeitigen Favoritin Ludwigs, der Herzogin
von Chteauroux, deren Ehrgeiz und Stolz die Politik Frankreichs immer
mchtiger auf die Bahn der kriegerischen Ehre zu treiben bemht war und
aus Ludwig gar einen Helden machen wollte.

Er wute nicht genug des Lobes ber ihre groe Liebe zur Kunst
vorzubringen und das unermdliche Mzenatentum, das sie den Dichtern
gegenber bettigte.

Sie knnte fr Frankreich eine groe Zeit herbeifhren, denn in ihr
wohnt der Geist der Gre! Aber sie reibt sich auf. Die Glut ihrer
Seele verzehrt sie innerlich! Wie ein leuchtender Meteor, der pltzlich
auftaucht, blendet, imponiert und alles in Staunen versetzt, um ebenso
pltzlich zu verschwinden, so kommt sie mir vor! Immerhin -- sie
herrscht jetzt! Und sie hat das grte Verstndnis fr unsere Ziele! Es
war leicht, mit ihr Politik zu machen! Wenn Frankreich jetzt mit uns
ist -- ihr ist es zu verdanken!

Barberina dachte mit einiger Bitterkeit an die Rolle, die _=sie=_ hier
spielte, und wurde einen Augenblick ernst.

Rothenburg wute von der Begebenheit bei der heutigen Spazierfahrt und
beeilte sich, die Sache zu berzuckern.

Allerdings -- _=hier=_ knnte _=sie=_ niemals zur Geltung kommen! Hier
trgt das Genie selbst die Krone! Jeder Versuch einer Beeinflussung
mte an dem stolzen Selbstbewutsein scheitern, das wir bewundern und
dessen Ehrgeiz wir schon so viel Ruhm verdanken! Um bei Friedrich etwas
zu sein, mu man eine groe Knstlerin wie Sie sein! Das Epikureertum
des Geistes will die Anregung der Schnheit, der Grazie, des Esprits!
Ihm _=die=_ geben zu drfen, ist mehr, als der ganzen brigen Welt
Gesetze zu diktieren! Das zu knnen ist beneidenswerter als Reichtum
und Macht! Das ist Ihnen geworden! Und jetzt, nachdem Sie diese groe
Aufgabe verstehen lernten, jetzt werden Sie schon zufrieden sein, da
man Sie, wenn auch mit sanftem Zwang, dazu brachte!

Barberina lachte laut auf. Das nannte er noch sanft: von den Hschern
Venedigs wie eine Verbrecherin aufgehoben und eingekerkert zu werden,
um dann unter wochenlangen Mhseligkeiten und militrischer Bewachung
hierher geschleppt zu werden!

Sie sind ein Heuchler! rief sie.

Und Sie entzckend! replizierte er und kte ihr die Fingerspitzen.
Viel zu entzckend -- viel zu charmant, um in der Langeweile einer
englischen Ehe zu verkommen! Geben Sie's nur zu -- das Ganze war nur
eine Marotte -- eine augenblickliche Laune!

Sie kennen eben Lord Stuart nicht!

Ich kenne _=Sie=_, und das gengt! Ich glaube schon, da es sich im
Falle Stuart um eine echte, tiefe Empfindung handelte, wie sie einem
Menschen nur in den seltensten Fllen zuteil wird. Und ich glaube auch,
Sie waren so sehr davon ergriffen, da Sie meinten, jener Empfindung
alles andere opfern zu mssen, um nur ihr zu leben! Die Flamme der
Liebe loderte so heftig und so klar auf, da im ersten Augenblick
alles daneben verblate! Wie alles andere aber, ist auch sie nur zu
vergnglich! Der Funke ewigen Lebens, der Ihnen mit dem Genie gegeben
wurde, kann aber nie erlschen! Der glht noch unvermindert, wenn
alles andere zu Asche wurde! Die Sucht, zu glnzen und zu leuchten,
wird zum Ehrgeiz, etwas zu leisten und in der Leistung den eigenen
Geist zu verfeinern und gro und geschmeidig zu machen! Geben Sie's
nur zu -- Sie sind nicht unzufrieden, da sie wieder auf die Bahn
der Kunst getrieben worden sind -- sei's auch mit Gewalt! Vor den
groen Aufgaben, die Ihnen hier wurden, verblat doch die kleine
Unannehmlichkeit, die sie mit sich brachten?

Barberina antwortete nicht. Sie empfand die Wahrheit dessen, was er
sagte. Ihr Gefhl trieb sie zu ihrem Be -- ihr Herz schlug noch
fr ihn. -- Aber die Kunst hielt sie strker gefangen. Sie sah die
glanzvolle Laufbahn, die sie dachte fr immer verlassen zu haben,
offen und jetzt weit leuchtender vor sich liegen. Sie dachte dabei
an den Vormittag im Hause Stuart und die trbe Aussicht, nach
langer Vergessenheit dort als eine Nummer mehr in der Sammlung der
Ahnengalerie hngen zu drfen. Ein leichter Schauder ergriff sie.

Rothenburg sah es, und mit seinem Instinkt half er ihr, die Formel zu
finden, mit der sie ihr Gewissen abtun knnte.

Ihr Erlebnis mit Stuart war ein Glck, fr das Sie dankbar sein
knnen! Das war eine seelische Bereicherung -- und Ihr Gewinn daraus:
die Entfaltung Ihres Gefhlslebens zu voller Blte! -- Das muten Sie
vor allen anderen haben, eben, um eine wahre Knstlerin zu werden! Das
kann Ihnen nimmermehr genommen werden! Er aber mute Ihnen genommen
werden -- weil er Ihrer Kunst im Wege war! Sie sehen es! Sie waren der
Kunst untreu geworden! Die Kunst hat sich gercht! Sie tritt jetzt
gebieterisch vor und verlangt als Strafe, da Sie ihr zuliebe auf Ihre
Liebe verzichten! Und da gibt's nur eins -- gehorchen!

Um -- hinter den kniglichen Hunden zu rangieren!

Das nur -- wenn Sie sich das gefallen lassen! lachte Rothenburg. Der
Knig hat Geist, und nichts ist ihm lieber, als wenn man ihm geistreich
antwortet! Nur nicht schmollen! Nur nicht sentimental werden! Scharf,
witzig, pointiert die Klinge zur Parade bereit halten! Den Kampf
aufnehmen, wie er angeboten wurde! Das ist das einzige! Rchen Sie
sich, wenn Sie wollen -- aber geistreich und amsant, und Sie werden
gewonnenes Spiel haben!

Sie sind der geborene Konspirateur! Helfen Sie mir, einen Feldzugsplan
zu entwerfen! Ich mu fr die heutige Schmach Rache nehmen!

Die werden Sie haben! sagte Rothenburg und erhob sein Glas, in dem
der Champagner perlte. Auf treue Bundesgenossenschaft!

Auf treue Bundesgenossenschaft! erwiderte sie und erzhlte ihm dann
den Vorfall, dem sie, nach ihrem Dafrhalten, die soeben erlittene
Demtigung verdankte.

Es war beim letzten intimen Souper mit dem Knig gewesen, im
Konfidenzzimmer des Potsdamer Schlosses. In bermtigster Laune hatte
sie sich da einen Scherz erlaubt, der besser unterblieben wre. Aber
in der Situation sah sie in dem Knig nur noch den galanten Mann und
verga ganz, da man auch in Stunden, wo die knigliche Wrde nicht
mittafelt, die Finger von ihr zu lassen hat.

Mit ihren rosigen Fingern hatte sie nach der Krone aus Kandiszucker
gegriffen, die, wie immer, den Aufbau der Konfitren krnte, hatte sie
aufgehoben und hoch ber ihren Kopf gehalten. Mit lachenden Blicken
hatte sie gefragt:

Warum wird die Krone nicht auch einmal verspeist?

Das ist hier in Preuen nicht blich, Mademoiselle! hatte er
geantwortet mit einem Blick und in einem Ton, die gerade in _=dem=_
Moment ihren bermut zum Trotz aufflammen lieen.

Wenn man aber gerade danach Appetit hat? hatte sie gefragt.

So wre es doch nicht anzuraten! Sie wrde Ihnen nur schwer im Magen
liegen!

Trotzdem wage ich den Versuch! Heute abend wollen wir sie gemeinsam
verspeisen!

Nein! hatte er etwas gereizt gerufen und versucht, ihr das zuckerne
Kleinod zu entreien. Lachend wehrte sie's ab. Beim Kampfe brckelte
ein Stck von der Einfassung ab und blieb in ihrer Hand. Als sie es
aber rasch in den Mund stecken wollte, entwand er ihr den Raub, fgte
das Stck rasch wieder an seinem Platz ein und stellte die Krone auf
den Tisch zurck.

-=Je suis fatigu, mademoiselle=-, hatte er dann kurz gesagt, den
Glockenstrang gezogen, ihren Wagen befohlen und sich khl von ihr
verabschiedet!

Das war alles! sagte sie.

Aber gerade genug! lachte Rothenburg, trank sein Glas aus und fing
sofort an, sie eine bessere Taktik zu lehren.

Nie -- auch nicht im Scherz -- an das rhren, was er hochhlt!
Sonst aber knnen Sie sich fast alles erlauben! Persnlich duldet er
jede Anspielung, jeden Scherz, wenn er nur geistreich und amsant
ist! Da gestattet er sich selbst die grte Ausgelassenheit, und
uns anderen auch, weil es ihn nur anregt und ihm zum Spott und zur
Satire Anla gibt! In boshaften Ausfllen ist er jedem gewachsen! Da
stellt er seinen Mann und kmpft mit ebensoviel Bravour wie auf dem
Schlachtfelde! -- Also packen Sie ihn nicht bei der Krone! -- Necken
Sie ihn lieber mit der Thronfolge! Da werden Sie etwas erleben! --
Fragen Sie ihn, warum _=er=_, der groe Held, der berlegene Geist --
der mnnlichste unter uns allen -- keine mnnlichen Leibeserben hat! --
Fragen Sie ihn, ob das immer das Ergebnis seiner galanten Abenteuer zu
sein pflegt! -- Fragen Sie nach der Tochter, die er von der Frau des
Obersten Wreech hat! Fragen Sie, warum er, der mit lauter gekrnten
und ungekrnten Frauen in Fehde liegt -- warum gerade er eine Frau in
die Welt setzt? -- Er wird sagen, die Weiber wren heutzutage unfhig,
Mnner zu gebren -- die Mnner, die sie auf die Welt brchten, wren
alles alte Weiber! Er wird Anla haben, seine Bosheit gegen die
smtlichen Evastchter weidlich loszulassen, und dann wird er Ihnen die
Hand kssen und guter Dinge sein und viel Galantes sagen! Nicht aber,
um seine Sottisen zu berzuckern! Sondern nur aus Erkenntlichkeit, weil
Sie ihm halfen, jene Sottisen zur Welt zu bringen! Tun Sie's recht
boshaft, recht dreist, und Sie werden gewonnenes Spiel mit ihm haben!

Damit war sie gleich einverstanden! Schon am nchsten Tage, nach dem
Konzert, beim Souper, zu dem sie wohl, wie blich, aufgefordert werden
wrde, wollte sie's ins Werk setzen und ganz gehrig Rache nehmen!

Sie stie nochmals mit dem Grafen an. Unter Lachen und Scherzen verging
so der Abend, und das Bndnis gestaltete sich immer intimer.

Am folgenden Tag in aller Frhe rollte sie also in ihrer eleganten
Karosse nach Potsdam, um ihren Dienst zu versehen.

Der Knig war an dem Tag schlechter Laune. Die Erledigung der tglichen
Post hatte ihm mehr Mhe als sonst gemacht. Die Politik nahm ihn vllig
in Anspruch. Der Horizont Europas war umwlkt -- das Gewitter konnte
jeden Augenblick losbrechen, und der Entschlu, bei der Entladung die
Rolle des Blitzes zu spielen, stand bei ihm fest.

Trotz dieser vielfachen Inanspruchnahme seines Gemts hatte er Zeit fr
knstlerische Plne. Die bildnerische Wiedergabe einer knstlerischen
Idee beschftigte ununterbrochen seinen Geist. Die unwiderstehliche
Lust, den Drang nach Schnheit in bildnerische Tat umzusetzen --
die Materia zu bezwingen und ihre Starrheit in Bewegung auszulsen,
durchtobte sein Gehirn, bald in Versen, bald in zeichnerischen
Entwrfen, bald in Tnen nach Ausdruck ringend! -- Aber vergebens! --
Alles mifiel ihm! -- Immer wieder wurde das Begonnene vernichtet!
-- Und doch deuchte es ihn so einfach! Die unwiderstehlich belebende
Wirkung des knstlerischen Dranges selbst zu gestalten -- gewissermaen
die Geschichte des eigenen knstlerischen Werdens im Kunstwerke
auszudrcken -- im kalten Stein das Leben nachbilden, aber so, da der
Stein selbst zu leben anfngt und zu warmem, schwellendem Fleisch wird!

Pygmalion! rief er -- Pygmalion ist's! Das Altertum hat fr jede
Regung des Geistes die treffende Formel gefunden! Was knnten wir
wollen, was nicht schon die Alten in ihren Legenden zum treffenden
Symbol erhoben htten? -- Nachbeten -- nachbilden -- nachempfinden --
dazu sind wir verurteilt! So arm sind wir heutigen Menschen!

Er sann darber nach, wie die Legende zu gestalten sei.

In Worten -- in Versen -- in glatt und zierlich dahintrippelnden
Rhythmen?

Unsinn! -- Das Wort versagte, wo es nicht die Macht hatte, durch
ein kurzes: Es sei! das Gewollte auch handgreiflich vor den Augen
entstehen zu lassen!

In Tnen?

Unsere Sehnsucht geben, ja! -- Unsere Freude ber das Erreichte
aufjauchzen -- unsere Trauer ber die Enttuschung ausklingen -- nie
aber das innerlich Erschaute in Formen und Farben so aufleben lassen,
da die Mitwelt es mit dankbarem Staunen empfangen knnte.

In Marmor aushauen? -- Und wenn der Meiel noch so geschickt zu
arbeiten verstnde -- erstarrte Bewegung war alles, was dabei
herauskam! Die Bewegung -- das Leben selbst aber niemals! Und der
Anfang -- die Entstehung der ersten Bewegung -- das war der Vorwurf,
den es zu gestalten galt!

Einzeln vermochten die Knste nichts!

Wohlan, so treten die Musen zum gemeinsamen Sturmangriff an!
Terpsichore kommandiert die Attacke! So geht's! Im Ballett stellen
wir's dar! Malerei, Musik assistieren -- der Mensch, aus toter Materia
gebildet, wird, vom knstlerischen Schpferwort beseelt, vor unseren
staunenden Blicken zum Leben erwachen! So wollen wir's versuchen! Es
sei!

Er schellte. Dem herbeieilenden Kammerdiener befahl er, die Herren
Graun und Pesne sowie den Intendanten der Oper zum Konzert zu befehlen,
wo er sie zu sprechen wnsche.

Dann wieder allein, warf er die Papiere auf seinem Schreibtische
durcheinander, um ein leeres Blatt zu finden und rasch das Bild zu
entwerfen, da er vom Meister Pesne nachher als Vorlage ausfhren
lassen wollte, nach der die Ballettszene gestellt werden knnte.

Pltzlich blieb er sitzen, ein Dokument in der Hand, und starrte
es entsetzt an. Es war -- ein ihm zur Unterschrift vorgelegtes
Todesurteil! Tagelang hatte er es liegenlassen und die Entscheidung
verschoben! -- Und gerade jetzt mute es ihm unter die Augen kommen!

Sein Geist rang mit dem Chaos, um aus dem Nichts Leben entstehen zu
lassen! Fast glaubte er sich des Sieges gewi -- glaubte sich Herr und
Gebieter des Lebens!

Und da hielt er es schwarz auf wei in der Hand! -- Herr ber Tod und
Leben! Aber wie anders! Nicht _=Schaffen! Vernichten=_ war ihm gegeben!
Dazu hatte er die Macht! Er vor allen anderen!

Er seufzte und warf das Papier hin.

So armselig sind wir! Weiter reicht menschliche Gewalt nicht -- nicht
einmal in eines Knigs Hand!

Er nahm das Papier und las es aufmerksam durch. -- Ein nach Recht und
Gesetz geflltes Todesurteil ber eine Kindesmrderin! Ein Kasus, wo
er keine Gnade walten lassen durfte -- wo die Pflicht ihm gebot, die
mitleidige Regung des Herzens zurckzudmmen und als hchster Richter
den Stab zu brechen.

Er seufzte, tauchte den Gnsekiel ein und schrieb. Da stand es:
-=Fridericus Rex.=- -- Die starren Worte der Justiz hatten Leben
gewonnen! Der Federstrich seiner Hand gab ihnen die Gewalt, das
Henkersbeil in Bewegung zu setzen!

Er las es nochmals durch. Sein knstlerisches Gefhl emprte sich --
sein gesundes natrliches Denken ebenso!

Das seyndt verworrene Kpfe -- verkncherte Paragraphendrescher,
die uns den Wisch zusammengereimt haben! Das sollen wir mit unserem
Namenszug sanktionieren?! Nimmermehr!

Da stand es aber bereits: -=Fridericus Rex!=-

Rasch entschlossen nahm er den Gnsekiel, kratzte in aller Eile einige
Zeilen ber seine Unterschrift hin und las es dann laut durch:

          An meinen Minister von Broich!

 Ich remittiere Euch beikommende Ordre unvollzogen! Ihr httet von
 selbsten leicht einsehen knnen, wie es sich ganz nicht schicke,
 Mir Rubriquen, so mit so viel juristischen Latein bespicket sind,
 vorzulegen, da solche zwar deren Juristenfakultten, Schppensthlen
 und Kriminalgerichten bekannt genug sein mgen, vor Mir aber lauter
 Arabisch sind. Ihr httet solches auch in dieser piece umsomehr
 verhten sollen, da es auf Menschenleben ankommt und ich keineswegs
 dergleichen mit so vielen Mir unbekannten Worten angefllte
 Confirmationes unterschreiben kann, ohne den wahren Innhalt zu wissen.
 Ihr sollet also mit dergleichen lateinischen Rubriquen sparsamer sein
 und, wenn Ihr etwas berichtet oder zur Unterschrift schicket, hbsch
 Teutsch schreiben, solches auch deren Secretarien der Kanzlei bekannt
 machen.

                                          Potsdam 7. August 1744.

Bis meine Herren Juristen Teutsch lernen -- das kann lange dauern! So
lange hat denn jenes armselige Geschpf eine Gnadenfrist. -- Und wir
auch!

Zufrieden, fr heute ber die Sache hinweggekommen zu sein, klingelte
er, lie den Privatsekretr kommen, bergab ihm das Dokument, erledigte
auch die anderen Unterschriften und befahl die Audienzen.

Zunchst wurde der Staatsminister von Podewils vorgelassen, der ein
sehr bekmmertes Gesicht zur Schau trug.

Friedrich zog gleich scharfe Saiten auf.

Nun, Podewils, woher die grmliche Miene? Wir stehen dicht vor dem
Losschlagen! Und Er schaut aus, als htte Er einen Topf mit Senf
unter der Nase! Wir dachten, Er htte sich an die blen Gerche aus
der politischen Hexenkche gewhnt? Schne Dfte werden uns da nicht
beschert! Nach Niederlage riecht's aber nicht! Und Er sieht aus wie ein
leibhaftes Debakel!

Majestt werden verzeihen, wenn die Sorge um die Wohlfahrt des
Vaterlandes --

_=Die=_ Sorge haben wir Ihm abgenommen, als wir uns entschlossen, das
Schwert zu ziehen! Er braucht sich deshalben nicht zu fatigieren! Wir
brauchen Seine Einwnde heute nicht mehr! Da Er ein Angsthuhn ist,
wissen wir! Hat Er ansonsten etwas zu berichten?

Auf die Gefahr der allerhchsten Ungnade hin wage ich doch darauf
hinzuweisen, da der Krieg noch zu vermeiden wre!

Wenn unsere Herren Politiker so rsonieren, dann ist erst recht Not am
Mann! Da mssen wir darauf gefat sein, sofort zur Attacke blasen zu
lassen! Sonst haben wir die Kriegsfurie ber Nacht im eigenen Lande.

Und doch mu ich einen Widerspruch darinnen sehen, wenn Eure Majestt
einen Krieg anfangen wollen, um einen Krieg zu vermeiden!

Er ist dreist! Doch Er glaubt wohl seine Pflicht zu erfllen! Ich
will Ihm denn antworten! Zu vermeiden ist ein Krieg nicht mehr, den
_=wir=_ als unvermeidlich ansehen! So Er die Augen auftut, wird Er uns
beipflichten! Der Friede von Breslau gibt uns schon -- nach zwei Jahren
keine Sicherheit mehr! Wir schlagen also los, um den Krieg, der doch
kommen mu, zu der fr uns gnstigsten Zeit zu fhren -- nicht erst,
wenn's dem Feind am bequemsten! Das Haus Habsburg duldet nicht, da
ein Wittelsbacher die kaiserliche Krone trgt! Der Kurfrst von Bayern
ist aber -=recte=- zum Kaiser gewhlt! Trete ich dann als reichstreuer
Frst fr den Kaiser ein, so kmpfe ich doch in erster Reihe fr
Preuen gegen sterreich! Denn uns droht der nchste Schlag!

Der Knig von England lenkt aber ein und will seinen Einflu
aufbieten, um die Knigin von Ungarn zum nochmaligen feierlichen
Verzicht auf Schlesien zu bewegen!

Weil er wei, da ich jetzt schon losschlage!

Zunchst wohl aber auch aus dem ganz natrlichen Interesse fr das
Wohlergehen Eurer Majestt, die die enge Verwandtschaft ihm nahelegen
mu!

Friedrich lachte laut auf.

Wahrlich, die groen Frsten, die die Bande des Blutes respektieren,
sollen noch gefunden werden!

Er setzte sich in das Sofa hinter dem Schreibtisch und blickte seinen
Minister spttisch an.

Er erschwert uns die Arbeit, Podewils, statt sie uns zu erleichtern!
Wir mssen hier Zeit und Mhe aufwenden, um unsere Minister zu
berzeugen, damit wir sicher sein knnen, da sie nachher Ordre
parieren, wenn wir im Felde stehen! -- Nach dem Wormser Traktat
glaubt Er noch an England?! Hat England uns wohl von jenem Traktat
unterrichtet?! Nein! Aber im Breslauer Frieden hat sich der Knig
von England verpflichtet, uns sofort alle Bndnisse, die er eingeht,
mitzuteilen! Das hat er in diesem Falle nicht getan! Also geht das
Bndnis gegen uns!

Im Traktat von Worms steht kein Wort von Preuen!

Zwischen den Zeilen ist aber nichts als Preuen zu lesen! Preuen mu
vernichtet werden!

Der Knig von England ist aber auch Kurfrst von Hannover! Als
deutscher Frst kann er nicht die Vernichtung Preuens wollen!

Die deutschen Frsten, die ihre Knigreiche anderswo haben, sind keine
deutschen Frsten mehr! Der Kurfrst von Hannover hat sein Knigreich
in England -- der von Sachsen seins in Polen! Ich allein habe mein
Knigreich in Deutschland! Das gibt von Rechts und Billigkeit wegen
Preuen die Fhrung! Und das wollen die anderen Kurfrsten nicht! Wir
sind ihnen zu mchtig, daher die Wut! Daher der Neid! Sachsen ist
rgerlich, weil wir im letzten Frieden ihm nicht Mhren zuschreiben
lieen! England tut freundlich, weil es erst seine in Schlesien
steckenden Gelder von uns haben will! Es intrigiert aber berall und
isoliert uns, wo es kann, damit wir von ihm allein abhngen sollen!
Beider Lnder Herrscher aber sind nur insofern deutsche Kurfrsten,
da sie dem Kurfrsten von Bayern nicht die Kaiserkrone gnnen! Weil
_=sie=_ sie nicht haben knnen, darum nur soll sie an sterreich
zurck! Wenn der Kaiser sie aber bezahlen knnte, wren sie fr ihn
und ihre Armeen ebenso! So sind sie alle! Kein Geld -- kein deutscher
Frst! Er wei das ebensogut wie wir! Die Kurfrsten von Hessen,
Wrttemberg, Kln und von der Pfalz -- sie wollten sich doch smtlich
schon unserer Aktion fr den Kaiser anschlieen! Warum taten sie's
nicht?! Weil wir nicht so viel Geld haben und Frankreich nicht das
ntige bewilligte! Gleich fingen die Herrschaften mit der Gegenpartei
zu schachern an!

Hessen geht ja mit uns!

Nun, da bot Frankreich eben mehr fr Hessen als England! Dafr hat
aber der Herzog von Gotha den Seemchten seine Truppen verkauft! Die
paar Brocken machen brigens den Kohl nicht fett! Meine preuischen
Grenadiere werden in sterreich das entscheidende Wort sprechen!

sterreich bedroht uns nicht, ich wiederhole es immer und immer
wieder!

Lese Er die Kopien des Briefwechsels der sterreichischen Podewilse
mit den schsischen Podewilsen, die wir Ihm aus Dresden besorgt haben!
Zu welchem Zwecke htte Sachsen, das sich _=uns=_ versperrt, den
sterreichern freien Durchzug zugesichert? Gegen den Mond -- oder gegen
Preuen? Les' Er doch in dem Wormser Traktat genau die Stelle durch,
wo Sardinien sich verpflichtet, mit seinen Truppen die Lombardei zu
besetzen, damit sterreich seine Truppen -- in Deutschland verwenden
kann, und sage Er mir dann -- gegen wen? Gegen den Mond oder gegen
Preuen?! _=Wir=_ sind da nicht im Zweifel und warten deshalb nicht
erst ab, bis sterreich seine Truppen nach Berlin schickt! Und unsere
Minister werden uns da gndigst pardonieren! Wir verhandeln nicht mehr,
Podewils -- wir _=handeln=_! Was Verhandlungen zu tun vermgen, haben
wir -- _=trotz Ihm=_ erreicht! Rothenburg kehrte mit dem franzsischen
Bndnisvertrag wieder! Gegen Schweden haben wir uns Rckendeckung
verschafft!

Ruland wird nicht ruhig bleiben, wenn wir Sachsen betreten!

Deshalb betreten wir es auch nur auf kaiserlichen Befehl! Die
kaiserlichen Requisitorialbriefe, die von Sachsen freien Durchzug fr
Seiner Majestt preuische Hilfstruppen verlangen, sind bereits in
Dresden abgegeben worden!

Und Sachsen rstet! Dresden wird befestigt! Man hat uns Drohbriefe
geschickt!

Dann fngt eben Sachsen den Tanz an! Wir nicht! Wir ziehen vorlufig
nur mit unseren Truppen durch das Land! Er soll sehen, wie hbsch
brav die Sachsen dann mit dem Sbelrasseln aufhren und uns noch
Brcken ber die Elbe schlagen werden! Wenn nicht -- dann riskieren
wir eben die Ungnade Rulands! Bis die Russen marschieren, haben wir
lngst gesiegt! Nun gehe Er aber und lasse Er mich mit Seinen Bedenken
ungeschoren! Meine Befehle hat Er! Da Er sie mir richtig exekutiert
und keine Minute mit unntzem Geschwtz verliert, weder vor mir noch
vor anderen, will ich nunmehro hoffen! Gott befohlen!

Podewils ging, und der Knig lie seine beiden Freunde Jordan und
Knobelsdorff rufen, die auch auf Audienz warteten.

Knobelsdorff berbrachte, wie befohlen, einige Detailplne fr
Sanssouci, die auch Jordan begutachten sollte. Und die drei Freunde
waren bald in die Betrachtung der Zeichnungen und Entwrfe vertieft
und lieen Politik Politik sein.

Die Bibliothek war endlich nach Friedrichs Wnschen, ebenso die
Schlaf-, Empfangs-, Musikzimmer und die beiden groen, runden
Pfeilersle des Mittelteils, die als Speise- und Audienzsaal vorgesehen
waren. Um diese Sle und ihre Einrichtung hatte man schon viel hin und
her beraten -- heute lagen die endgltigen Entwrfe zur Genehmigung vor.

Die Zimmer des linken Flgels fehlten noch. Friedrich wollte sie als
Gastzimmer fr seine Freunde herrichten lassen. Und da sollte das
letzte, das dem Bibliothekzimmer im rechten Flgel entsprach, als
besondere Ehrung fr den von ihm vielbewunderten Voltaire eingerichtet
werden -- was wieder den beiden anderen Freunden berflssig erschien!

Knobelsdorff strubte sich energisch dagegen.

Knobelsdorff wurmt's, sagte der Knig, da er in meinem Hause
nicht die bliche Schlokapelle bauen darf! Nicht, weil ihm daran
gelegen wre, Gotteshuser zu bauen! Blo -- wegen der dekorativen und
architektonischen Aufgabe, die ihm so entgeht! Die Baumeisters sind wie
die Pfaffen! Heuchler alle miteinander! Die _=Sache=_ gilt ihnen stets
weniger als das, was drum und dran ist!

Nein, nein! rief Knobelsdorff aufgeregt, an meiner Person ist mir
wahrhaftig nichts gelegen!

Und wenn du auch selbst das Gegenteil glaubst -- dir ist es doch nur
um Befriedigung deines knstlerischen Ehrgeizes zu tun -- auch wenn
du Kirchen baust! Da ist's dir, wie all den anderen, ganz gleich, ob
der Bau den Menschen andere Empfindungen eingibt als Bewunderung fr
eure Leistung! Da sie drin veranlat werden sollten, durch all das
Schne, womit ihre Sinne umgaukelt werden, die Gottheit zu verehren,
daran denkt ihr nicht -- das Wunder zu bewirken traut ihr euch eben
nicht zu! Ebensowenig, wie die Pfaffen glauben, die Menschen durch
ihre Worte von der Wahrheit dessen zu berzeugen, was sie ihnen
predigen! _=Beweisen=_ knnen sie nichts -- deshalb verlangen sie,
man soll _=glauben, blind=_ glauben, und erschleichen sich so eine
Autoritt, die denen Strohkpfen nicht zukommt! Man soll ihnen aufs
Wort glauben, man soll an _=sie=_ glauben -- das ist der geheime Sinn
ihrer dunklen Rede! Tut man nur _=das=_ -- dann mag man im Herzen ber
das jenseitige Leben denken und glauben, was man will. Sie erziehen zur
Heuchelei! Dem wollen wir keinen Vorschub leisten! Und deswegen lassen
wir die Baumeisters in unserem Hause keine Kapellen zur Befriedigung
ihrer knstlerischen Eitelkeit oder zur Befestigung der pfffischen
Autoritt einrichten! Fr unseren persnlichen Gebrauch haben wir
keine besonderen Gebetzimmer ntig. -- Im Speisesaal verkehren wir mit
geistreichen Mnnern -- im Musiksaal hat die Kunst das groe Wort -- in
der Stille der Bibliothek finden wir allein und ohne Pfaffen die ntige
Erbauung! Als Huldigung fr den Geist der Aufklrung aber richten wir
dem grten zeitgenssischen Geist eine Wohnung ein!

Die er doch niemals bewohnen wird! -- Wie oft haben Eure Majestt ihn
schon in der schmeichelhaftesten Weise eingeladen! Und er lt sich
immer noch bitten, trotz des glnzenden Empfangs bei seinem letzten
Besuch! Er wird niemals ganz nach Potsdam kommen! Ihn wird's immer
wieder nach Cirey zu seiner geliebten Marquise ziehen!

Die Marquise du Chatelet ist nicht unsterblich! Ihre Reize werden auch
einmal welk! Ihr Geist mag noch so viele Knste der Verfhrung haben,
_=dagegen=_ kommen wir sicherlich zehnfach auf! Nicht wahr, Jordan --
du glaubst doch auch, da er kommen wird?

Ich glaube schon, da er eitel genug ist, nicht zu widerstehen, wenn
er von der besonderen Ehrung erfhrt, die ihm durch diesen Bau zuteil
wird! Er wird jedenfalls aus Neugier herkommen und da Wohnung nehmen!
Ob er _=bleibt=_? -- Ich wage es zu bezweifeln! Zwei so geistvolle
Menschen knnen es sicherlich nicht auf die Dauer vertragen, so intim
zu verkehren, da ihre kleinen Menschlichkeiten ihnen nicht mehr
verborgen bleiben!

Die kleinen Menschlichkeiten nehme ich ohne weiteres bei ihm an,
wie er wohl bei mir! Ebenso aber gengend Geistesgre, um sie zu
ignorieren!

_=Die=_ Art Gre war noch nie auf Erden da! rief Jordan. Verehrung
braucht Distanz! Die Gtter mssen ber den Wolken, im Verborgenen,
thronen! Hat man sie im Hause, so schlgt man sie, wie die Wilden ihre
Gtzen!

Sein Affentum hat mich nur amsiert, als er hier war, weiter nichts!

Auch die Affen sind nur amsant -- in sicherer Ferne! Lt man sie
zu nahe heran, dann beien sie manchmal! Das schmerzt -- man wehrt
sich -- man schlgt sie! -- Und so wandelt sich das Amsement in sein
Gegenteil!

Mit dir ist nicht auszukommen! rief der Knig, du behltst immer
das letzte Wort! In der _=Sache=_ aber behalte ich's, denn ich habe
die Macht dazu, indem ich der Bauherr bin! Knobelsdorff soll seine
kirchenbauerische Phantasie im Dombau austoben! _=Hier=_ aber soll er
mir einen Rahmen fr Voltaire schaffen, der nicht nur ihn zwingt, zu
bleiben, sondern schon durch die Aufmachung seinen Geist dazu bringt,
seine kleinen Menschlichkeiten im Zaum zu halten und seine Wrde
zusammenzunehmen!

Ich hab's! rief Knobelsdorff, und seine kleinen Augen leuchteten.
Ich baue ihm einen vergoldeten Affenkfig! Da sperren Majestt ihn
ein, wenn er beien will!

Wir knnen wieder beien, wenn's sein mu, und haben keine andere
Abwehr ntig! Aber tob dich in der Einrichtung aus, soviel du willst,
um seine Eitelkeiten zu geieln! Bring das ganze Tierreich an -- der
Papagei darf nicht fehlen! Gie Hohn und Spott und Satire aus vollen
Schalen ber ihn aus! -- Nur mach's geistreich! Und schaff dir gute
Handwerker zur Ausfhrung! Mach mir einen Entwurf und lege ihn mir vor,
wenn ich wieder da bin! Sptestens zu Weihnachten! Denn im Frhjahr
legen wir den Grundstein, ob der Krieg vorber ist oder nicht!

Knobelsdorff packte seine Zeichnungen ein. Die beiden Freunde
verabschiedeten sich und wollten gehen. Da packte Friedrich noch Jordan
so heftig am Rockzipfel, da der kleine drre Mensch fast umgefallen
wre.

Du mut mir noch ein Amt und eine rein praktische Ttigkeit fr
Voltaire finden! sagte er. Mit dem mache ich's wie mit den Pfaffen!
Ich lasse keinen Pfaffen ins Amt, der sich nicht vorher verpflichtet,
Obstbume zu pflanzen und im Gartenbau vorbildlich zu wirken! Der
Gartenbau veredelt und besnftigt! -- So wirken wir der Entstehung von
Fanatikern entgegen und haben nebenbei auch frs zeitliche Leben einen
kulturellen Gewinn der priesterlichen Ttigkeit!

Mit Voltaire wollen wir's ebenso machen! Auch er soll hier im Lande von
Amts wegen pflanzen und sen, damit sein unruhiger Geist keine Zeit zum
Extravagieren hat! So bleibt er uns sicher, und wir haben keine Mhe,
ihn zu bndigen! Denk darber nach! -=Au revoir!=-

Die beiden Freunde gingen. Friedrich lie sich den Degen umschnallen,
nahm die Handschuhe, pfiff seinen Hunden und ging hinaus, um noch vor
dem Essen die Exerzitien anzusehen!

Nachmittags um sechs war, wie befohlen, das Konzert!

Ausnahmsweise spielte der Knig heute nicht selbst. Die Hauptnummer
fllte diesmal ein Tanzdivertissement von Barberina und Lany aus.

Wie sich's im intimen Rahmen des Musikzimmers von selbst ergab, mute
auf grer angelegte Nummern verzichtet werden.

Man beschrnkte sich auf Schfertnze, zierliche -=pas de deux,=-
-=allemagnes=-, und zuletzt kam eine mit hinreiender Bravour von der
Barberina getanzte Tarantella!

Es waren nur einige wenige Eingeladene, vor allem die zur Beratung
Befohlenen, der Intendant Baron Sweerts, Graun und der Maler Pesne,
die Friedrich noch vor Beginn des Konzerts ber seine Plne orientiert
hatte.

Kein Beifall durfte laut werden. Aber in den Blicken der Zuschauer,
die alle von der Leistung Barberinas hingerissen wurden, war helle
Begeisterung, und Entzcken in allen Zgen.

Nur der Knig sa sinnend da und sah zerstreut dem Tanze zu. Er war
noch ganz erfllt von den vielen knstlerischen Entwrfen, die seinen
Geist beschftigten! Denn auch die Politik, und insbesondere der
Krieg, stellte ihm knstlerische Aufgaben, die er sich mit der ganzen
Schwungkraft seines leidenschaftlichen Ehrgeizes zu bewltigen bemhte.
Nach allen Seiten suchte sein Geist Expansion -- von allen Seiten
strmten die Aufgaben auf ihn ein -- er war in vollem Kampf mit der
Materia -- voller Eroberungslust und dem Schpferdrang, ihr Bewegung,
Schnheit, Ruhm, Macht und geistige Werte abzuringen.

Was sich da vor seinen Augen, beim Tanze Barberinas, in schnen Linien
und Rhythmen bewegte, war ihm weiter nichts als leidenschaftlich
bewegte Materia -- _=sein=_ Material: das lebendige Fleisch und
Blut, das er seinen Ideen dienstbar machen wollte, um es in neue
knstlerische Werte umzubilden, wenn auch nur fr die Lebensdauer
einiger Minuten.

Die Materia in hchster Vollendung, in schnster Belebung -- weiter
nichts!

Was die Barberina gab -- was sie seinen Augen und seiner Phantasie
darbot, war ihm nur insofern wert, als es ihn sehen lie, was aus ihr
herauszuholen wre! Keinen anderen Reiz hatte ihr Tanz im gegenwrtigen
Augenblick fr ihn, der, von seinen Plnen ganz erfllt, wie ein
Vulkan vor der Eruption zitterte.

Noch lange, nachdem der Tanz beendigt war, sa er so, in Sinnen
versunken, und bemerkte weder die fragenden Blicke seiner Gste, die
auf ihm ruhten, noch die Enttuschung der Knstler, die, wegen des
Ausbleibens der gndigen Komplimente, ganz vernichtet dastanden.

Nur Barberina lie so etwas wie Trotz in ihren Augen aufleuchten! Und
das empfand er.

Zgernd stand er auf, kam langsam auf sie zu, ergriff ihre Hand und
berhrte flchtig ihre Fingerspitzen mit den Lippen.

Charmant! sagte er galant. Sie haben viel Grazie und echte Passion
bewiesen! Aber was Sie tanzten, das sind Spielereien! Sie sind eine
groe Knstlerin, voll schpferischer Intuition. Sie mssen lernen,
Ihrer wrdige Sujets zu eruieren! Sie bedrfen darin noch der Fhrung!
Wir haben Anla genommen, Ihnen ein Ballett komponieren zu lassen,
worinnen Sie alle Ihre exzellenten Vorzge zu voller Geltung bringen
knnen! Meister Graun wird es in eine der auf dem Spielplan stehenden
Opern einfgen. Die Idee stammt von uns selbst! Meister Pesne fertigt
die dekorativen Entwrfe an -- unser Intendant hat die Anweisung,
an nichts zu sparen, sondern alle Krfte unserer Oper aufzubieten.
Alle Schwesterknste Terpsichores werden Ihnen dienstbar gemacht --
Schnheit, Grazie, Leidenschaft haben Sie auch zur Verfgung Ihres
eminenten Knnens! -- Wir wollen eine Apotheose der durch den Geist
belebten Materia -- die Geburt der Bewegung -- des Lebens selbst wollen
wir durch Ihre Person in Erscheinung treten lassen! Sie sollen Galathe
darstellen, Mademoiselle, die unter den Hnden Pygmalions zu leben
beginnt! Das knnen Sie, darauf vertrauen wir fest, wie keine andere!
So wollen wir Sie -- _=in Ihrer Kunst=_ -- verehren! -- -=Bon soir,
mademoiselle! -- Bon soir, messieurs!=-

Er hob den Hut leicht, neigte den Kopf gegen die Anwesenden und ging in
seine Gemcher!

Wie ein General nach beendigter Parade Kritik hlt oder, vor einer
Schlacht, die -=ordre de bataille=- erlutert -- so hatte er
gesprochen! Auch das Lob kurz bemessen und dienstlich knapp!

Und dann: -=Bon soir, mademoiselle!=-

Nicht die erwartete, ihr so oft schon erteilte Einladung zum Souper im
Konfidenzzimmer! -- Ihr ganzer bermtiger, mit Rothenburg ausgeheckter
Racheplan war ins Wasser gefallen! Sie war gewi gewesen, durch ihn
alles wieder einzurenken und seine gute Laune wiederherzustellen!
Und nun entzog er ihr die Gelegenheit, stellte sie auf die Stufe der
angestellten Knstlerin und kehrte den gndigen Herrn und Gebieter
heraus, statt, wie so oft, den galanten Verehrer!

Sein Feldherrngenie hatte eben mit feinem Instinkt die Falle gewittert
und der Gefahr geschickt vorgebeugt.

-=Bon soir mademoiselle!=- hatte er gesagt und das Schlachtfeld
verlassen! Gleichzeitig aber es glnzend behauptet!




19


Im Hause des Grafen Rothenburg war eine glnzende Tafelrunde um
Barberina versammelt.

Die Koryphen der Hofgesellschaft hatten sich Rendezvous gegeben. Graf
Algarotti, Chevalier du Chazot, Rothenburg selbst -- alle waren sie
da; selbstverstndlich auch Pllnitz, der nach dem Scheitern seines
Nrnberger Heiratsprojekts zurckgekehrt und vom Knig wieder in Gnaden
oder vielmehr in gndigsten Ungnaden aufgenommen war.

Die erlesensten Speisen wurden aufgetragen -- der Champagner perlte in
den Kelchen -- die Stimmung war ausgelassen -- Scherze und Anekdoten
lsten sich ab. Und da hatte der unermdliche Erzhler Pllnitz, wie
immer, das groe Wort.

Er war ein Landsmann von Ihnen, Mademoiselle! bemerkte er, die eben
angefangene Erzhlung fr einen Augenblick unterbrechend. -- Er machte
am Hofe des Knigs von Preuen Karriere wie Sie -- wenn auch in anderer
Weise! Er wurde General der Artillerie -- was Sie niemals erreichen
werden, und endigte am Galgen, vor dem Sie ein gndiges Geschick
sicherlich bewahren wird!

Ich strebe auch nicht so hoch, Baron! lchelte Barberina. Mein
Ehrgeiz hlt sich auf einem viel bescheideneren und weniger luftigen
Niveau!

Eine schne Dame hngt man berdies hierzulande nicht, wie Sie als
Zeremonienmeister wohl wissen werden! lachte Rothenburg.

Man hngt ihr hchstens -- im Notfall -- einen Gatten an! replizierte
Algarotti.

Wie ungalant! rief Chazot.

Sie scheinen nicht zu wissen, da mein Vertrag mir verbietet, an die
Freuden der Ehe zu denken?! lachte Barberina.

Wre es indiskret, zu fragen, oh Sie Ihr Gelbde zu halten gedenken?

Sie, Graf Rothenburg, werden mich sicherlich nicht in Versuchung
bringen!

Ich werde jedenfalls alles aufbieten, um Sie vom Pfade der Tugend
abzubringen, Mademoiselle!

Von der Tugend steht nichts im Vertrag! beeilte sich Pllnitz
einzuwerfen. Nur von der Ehe!

Und auch das war gnzlich berflssig! sagte Barberina. Ich wte
jedenfalls keinen, dem ich meine Freiheit opfern mchte!

Und doch wei Fama zu berichten, da Mademoiselle unter Dero
berhmtesten Entrechats auch den Sprung in die heilige Ehe zu studieren
mit Erfolg bemht waren!

Barberina nippte an ihrem Glas und gedachte einen kurzen Augenblick
ihres entschwundenen Liebhabers.

Die Zeit des Studiums ist vorber! sagte sie dann mit einem leichten
Seufzer. Aber wir wollen unseren liebenswrdigen Baron nicht
unterbrechen! Erzhlen Sie weiter von Ihrem illustren Abenteurer! Sein
Metier interessiert mich!

Sein Metier brachte ihm nicht so viel Schtze ein wie Ihnen das
Ihrige!

Der rmste!

Er war nmlich Goldmacher --!

Die Kunst haben Sie dann wohl bei ihm gelernt, Pllnitz, nach Ihren
Reichtmern zu urteilen? fragte Rothenburg sarkastisch.

Ich habe sie gelernt! Wahrhaftig, ich nahm bei ihm Unterricht! Leider
aber lernte ich spter auch die Kunst, Gold zu Papier zu machen, als
ich zu Zeiten Laws in Paris war! Und das rcht sich! Das gelbe Metall
verlangt vor allem Treue! Aber -- bleiben wir bei unserem Abenteurer!
Ich war noch ein junger Mann, als er an den Hof von Berlin kam!

Welchen Glauben hatten Sie damals gerade, lieber Baron? fragte
Rothenburg sffisant.

Den, den alle anderen Leute von Geist und Erziehung hatten! Ich
glaubte an den Stein der Weisen!

Und auch Sie -- haben ihn niemals zu sehen bekommen?

Doch! Ich habe ihn sogar in der Hand gehalten! Er streckte die Rechte
aus. In dieser meiner Hand!

Und -- trotzdem ist er ein Geheimnis geblieben?

Mein Fehler ist es nicht! rief Pllnitz lebhaft.

Das glauben wir Ihnen aufs Wort!

Alle lachten.

Lachen Sie nicht! Wenn Sie, wie ich, mit Ihren eigenen Augen gesehen
htten, wie sich ein Stck Silber in pures Gold verwandelte, wrden Sie
nicht lachen!

Das htten Sie gesehen?

-=Parole d'honneur=-, ich habe es gesehen! Und es war kein Traum! --
Ich ging zu ihm in sein Laboratorium! Ich war neugierig! Alle Welt
drngte sich ja dazu, sein Geheimnis zu erforschen -- er aber wies sie
smtlich ab. Nur zu mir hatte er Vertrauen!

Er war ein Menschenkenner!

Zweifelsohne! Er lud mich also ein -- lie mich feierlichst schwren,
das Geheimnis zu wahren --!

Sehen Sie! rief Chazot. Er wute, da er sich auf Ihr Plaudertalent
verlassen konnte!

Lieber Graf! schmollte Barberina, ich brenne vor Neugier! Reden Sie
doch dem armen Baron nicht ins Gewissen! Lassen Sie ihn doch weiter
erzhlen!

Ich bemhe mich ja nach Krften, ihn dazu zu bringen, den Schwur zu
brechen!

Nicht ntig, lieber Graf! rief Pllnitz lebhaft. Ein Eid ist doch
nur dem Sinn nach zu halten! Wenn jemand mir ein Geheimnis unter dem
Siegel der strengsten Verschwiegenheit anvertraut, so tut er's doch nur
in der Absicht, ihm die grtmgliche Verbreitung zu verschaffen!

Ganz recht! lachte Rothenburg, und alles lachte mit.

Ich bitte Sie, sagte Pllnitz, sonst wrde er mir doch nicht das
Geheimnis verraten. Ich hab's denn auch ruhig weitergegeben, und --
wenn's Ihnen Vergngen macht --

Aber sehr! rief Barberina.

Ich will also weitererzhlen! Ich kam zu ihm in sein Laboratorium! Er
zeigte mir seine beiden Tinkturen -- die rote Tinktur -- die -=materia
prima=-, auch der Stein der Weisen genannt -- ein fleischfarben
schillerndes Pulver -- und ein weies Pulver, das er die >weie
Tinktur< nannte, mit der er Quecksilber in reines Silber verwandeln zu
knnen vorgab. Mit der -=materia prima=- aber wollte er nicht nur Gold
herstellen, sondern auch alle mglichen anderen Wunderdinge verrichten.
So zum Beispiel die Jugend wiederherstellen und das Leben mittels des
unfehlbar wirksamen und alleinseligmachenden >Jungfernpergaments<
verlngern -- --

Und von all dem Schnen haben Sie das schnde Gold gewhlt?

Man nimmt, was man nicht hat, Mademoiselle! Jugend hatte ich, und
an die Verlngerung des Lebens zu denken, schien mir noch verfrht!
Gold aber ist, besonders bei einem jungen Mann von Welt, ein seltenes
Metall! Ich nahm also sein Anerbieten an, vorerst einen Taler in Gold
zu verwandeln! Das bewirkte er folgendermaen: er breitete ein Stck
Pergament auf meiner Hand aus, streute Sand darauf, nahm dann ein Gran
seines kostbaren roten Pulvers, breitete es ber dem Sand aus, legte
den Taler darauf, streute Sand ber das Ganze und hie mich die Hand
schlieen! Ein seltsames Gefhl, als ob alle Lebenswrme meines Krpers
sich auf einmal in meiner Hand konzentrieren wollte, durchrieselte
mich! Ich schrie auf! >Nur ruhig!< sagte er und ergriff meine Linke und
fhlte den Puls. >Ich passe auf! ffnen Sie die Hand nicht, ehe ich's
erlaube! Sonst ist's vertan!< Ich gehorchte! Ein gelblicher Rauch quoll
zwischen meinen Fingern hervor. Ich fhlte eine durchdringende Glut in
der Hand -- mein Atem stockte -- der Puls schlug immer schwcher und
schwcher -- der Angstschwei trat mir auf die Stirn. -- >Genug<, rief
er dann pltzlich. >Machen Sie die Hand auf!< -- Ich tat's und -- hielt
in der Hand ein Stck puren Goldes! -- Es ist wahr, Rothenburg -- ich
schwr' es Ihnen! -- Eine Tuschung ist ausgeschlossen! Den Taler hatte
ich aus meiner eigenen Tasche genommen!

Wenn Sie das nicht gesagt htten, lieber Pllnitz, sagte Rothenburg
ruhig, so wrde ich's ohne weiteres angenommen haben. So mu ich
glauben, da Sie, in Ihrer bekannten Distraktion, sich im Wert des
Geldes oder -- sagen wir -- im Metall geirrt haben! Sie werden ihm ein
Goldstck gegeben haben!

-=Mais non!=- -- Wofr halten Sie mich?! Am Letzten des Monats -- bei
dem kargen Gehalt eines Kammerpagen! -- Wo htte ich das Goldstck
hernehmen sollen? Der Taler war mein letzter! Der Goldklumpen, den mir
Don Caetano -- denn so nannte sich mein Abenteurer -- der Goldklumpen,
den er mir gab, rettete mir das Leben!

Und der Eid der Verschwiegenheit, den er Ihnen abnahm, machte ihn
berhmt! Denn Sie sangen natrlich sein Lob in allen Tonarten! Der Hof
wurde neugierig!

Ob der Hof neugierig wurde! Der Knig selbst -- weiland Knig
Friedrich der Erste, Gott habe ihn selig! -- interpellierte mich
hchstselbst ber die Sache! Er lie daraufhin den Goldmacher kommen!
Und Don Caetano hatte dann die Ehre, in allerhchst Dero Gegenwart,
unter Beaufsichtigung des damaligen Kronprinzen, unseres spteren
Knigs Friedrich Wilhelm des Ersten, selig, Quecksilber zu einem Pfund
puren Goldes zu tingieren! Der Knig war nicht undankbar! Er schenkte
ihm sein Bildnis in einem mit Brillanten besetzten Rahmen im Werte
von zwlfhundert Talern, und auch das Patent als Generalmajor der
Artillerie!

Und dann lie er ihn aufhngen?

Nun ja. -- Der Goldmacher war ein Betrger! Er verpflichtete sich,
dem Knig sechs Millionen Taler zu tingieren -- und er hielt sein Wort
nicht!

Und Sie, Baron, wie entgingen Sie dem Galgen?!

Ich fiel in Ungnade -- das war weit schlimmer als der Galgen! Ich ging
nach Paris!

Und hatten kein brillantenbesetztes Portrt des Knigs zum Trost?

Das war mein Glck! Htte ich das gehabt, dann wre mir auch der
Galgen gewi gewesen! Man soll sich vor kniglichen Brillanten in acht
nehmen! Sie stellen immer die erste Phase der Ungnade dar --

Ein Bedienter trat ein und meldete dem Grafen Rothenburg die Ankunft
des Knigs. Rothenburg eilte hinaus, und bald darauf trat Friedrich
ein, von ihm und Jordan gefolgt.

Er grte gndigst, kte Barberina galant die Hand und nahm neben ihr
Platz.

Sie haben uns heute durch Ihren Tanz exzeptionell divertiert! sagte
er. Htten wir nicht noch verschiedenes zu ordnen gehabt, da wir
morgen abreisen wollen, so htten wir Ihnen unser Wohlgefallen in der
Oper bezeugen knnen! Sie gestatten uns, es jetzt nachzuholen und Ihnen
dies Zeichen unserer kniglichen Gewogenheit zu dedizieren!

Er nahm aus der Tasche seines Uniformrockes ein Etui und legte ihr
selbst -- ein Armband von glitzernden Brillanten um! Eine seltene
Auszeichnung!

Barberina zuckte zusammen und blickte Pllnitz an. Friedrich merkte es.

Was haben Sie, Mademoiselle? Gefllt Ihnen unsere Gabe nicht?

Ich ersterbe vor Dankbarkeit ob der Gnade Eurer Majestt! Der Schmuck
ist wahrhaft kniglich und selten schn!

Was haben Sie denn?

Baron Pllnitz erzhlte uns soeben die Geschichte eines anderen
Brillantschmucks -- eines Schmucks von schicksalsschwangerer Bedeutung!

Friedrich lachte.

Man soll sich von Pllnitzens Aberglauben nicht gleich anstecken
lassen! Er wird Ihnen seine alte Geschichte vom Stein der Weisen
erzhlt haben?

Ganz recht, Sire!

Und -- Sie werden alle trotzdem ebenso klug sein wie zuvor!

Ganz recht, Sire!

Das ist eben die Quintessenz von Pllnitzens Weisheit! scherzte
Friedrich. Ihm ward es wie wenigen gegeben, den erlesensten
Lebensrtseln zu begegnen und -- blind zu bleiben! Er lernte nie
philosophisch denken! Deshalb begreift er nichts -- und glaubt an
alles!

Selig sind, die glauben und nicht sehen! wagte Pllnitz einzuwerfen.

Der blinde Glaube mag gut sein -- fr Subalterne, sagte Friedrich.
Eine gewisse Ntzlichkeit ist ihm da nicht abzusprechen! Wer aber zum
Fhrer berufen ist, darf nicht auf die eigene berzeugung verzichten!
Ich glaube, was ich greifen und begreifen kann, und lasse mir ohne
vollgltige Beweise nichts weismachen!

Er wandte sich galant an seine Nachbarin.

Ich glaube zum Beispiel fest an die unvergleichliche Kunst unserer
charmanten Barberina und bin durch ihre Leistungen von ihrem Genie
berzeugt! Ich werde aber trotzdem nicht darauf verzichten, sie erst
als Galathe zu sehen, ehe ich die berzeugung ausspreche, da sie in
der Rolle so auerordentlich sein wird -- wie ich hoffe!

Barberina dankte mit einem Blick fr das Kompliment. Die Tafelrunde
geriet in Bewegung.

Sire, da spricht wohl nur der Wunsch Eurer Majestt nach einem
seltenen sthetischen Genu mit? sagte Rothenburg.

Mich berzeugten die Worte Eurer Majestt nur von allerhchst Dero
Galanterie! sagte Jordan ruhig und freimtig wie immer. Majestt
werden noch dazu kommen, vor Dero Victorien sich die Karten legen
zu lassen! Denn Aberglauben ist's, und kein Glaube, der sich erst
berzeugen lassen mu!

Wrest du Pastor geblieben, Jordan, so wrde ich vielleicht auf dein
Urteil in Glaubenssachen etwas geben -- wenn's gilt, ber Aberglauben
zu reden! So gebe ich mehr auf das Feuer der schnen Augen unserer
charmanten Barberina! Das wre schon imstande, mich glubig zu machen,
wenn ich nicht fest in dem Aberglauben wre, mich erst durch ihre
Leistung berzeugen zu lassen!

Wovon wollen Eure Majestt noch berzeugt werden -- wenn meine Kunst
schon das Glck hatte, heute die allerhchste Anerkennung zu erringen?
fragte Barberina.

Von Ihrer Fhigkeit, das mnnlichste aller Probleme -- im Leben wie in
der Kunst -- zu erfassen und zu lsen! Denn das stellt meines Erachtens
der Pygmalionmythos dar! Ich will sehen, ob Ihr Wille nachgiebig genug
sein kann, ohne seine Elastizitt zu verlieren! Ich will wissen, ob
Ihr weiblicher Instinkt Schwungkraft genug hat -- ob er mitkann --
oder zurckbleibt, wie bei den andern! Wird die Statue aus Stein im
Morgenrot einer mnnlichen Tat zu vollem, hingebendem Leben aufflammen?

Sire -- das hngt von der Sonne ab! Man kann in ihrem Glanz erfrieren
-- man kann auch von ihren Strahlen versengt werden, ehe man sich
seines Lebens recht bewut wird! Ich frchte fast, ich werde versagen!

Wir wnschen, da Sie die Probe bestehen, Mademoiselle! Wenn der
Feldzug vorber ist und die Truppen ins Winterquartier gehen, kehren
wir wieder und holen uns die Besttigung! Wir werden dann Pygmalion
sehen und das Wunder seiner Schpfung bestaunen!

Dem in der Phantasie Erschauten kommt die Realitt des Kunstwerks doch
niemals auch nur entfernt nahe! sagte Jordan.

In diesem Falle glaube ich es sicher!

Dieser feste Glaube Eurer Majestt ist eben, was ich Aberglauben
nenne!

Der Aberglauben wird zur sen Pflicht -- wenn eine so schne
Dame sein Gegenstand ist! lispelte Pllnitz und blickte trotz der
Anwesenheit Friedrichs Barberina so verliebt an, da sie ihm lachend
auf die Hand schlug.

Pllnitz wechselt eben den Glauben so oft wie den Gegenstand seiner
Verehrung! sagte Friedrich. Was die Frauen betrifft, so habe ich aber
den festen Glauben -- da er immer Pech hat!

Sire, sagen Sie das nicht! ereiferte sich Pllnitz.

Lesen Sie meine Memoiren -- lesen Sie meine Memoiren!

Wir brauchen sie nicht zu lesen, um uns davon zu berzeugen, wie sehr
Er darinnen nach Rache schnaubt -- Rache an dem schnen Geschlecht, das
so undankbar war, Seine Verehrung abzulehnen!

-=Mais non!=-

Sie werden uns Frauen in Ihren Memoiren schn zugerichtet haben,
Baron! lachte Barberina.

Seine Memoiren, ebenso endlos wie seine Abenteuer, lassen sich auf das
eine Wort Verachtung -- Verachtung fr das Weib -- zurckfhren!

Sire, ich protestiere -- --

Wenn man ihre Grundstimmung in Verse bringen wrde, kme nichts als
ein Spottgedicht heraus --

Wenn Sie es in Verse bringen, Sire -- dann sicher! seufzte Pllnitz
in seinen falschesten Tnen.

Ach, bitte, Sire, das drfen Sie uns nicht vorenthalten! lispelte
Barberina, mit einem Blick, als erwarte sie von ihm alles andere -- nur
keinen Spott. Haben _=Sie=_ die Gnade, spenden Sie uns Pllnitzens
Zorn kniglich gereimt!

Wohlan, wir wollen den Versuch riskieren! antwortete der Knig.

Alles wartete entzckt lchelnd. Er sann einen Augenblick nach und
begann dann:

  Als Gott in seinem Zorn
  Den Teufel schuf,
  Er nahm vom Bock das Horn,
  Vom Pferd den Huf,
  Und schuf ein Scheusal, garstig von Gesicht,
  Dem Wesen nach ein rechter Bsewicht!
  Er hllte ihn in Lieblichkeit,
  Gab ihm ein weiblich Auge,
  Zum Liebeswerben stets bereit,
  Und hie ihm: >Geh und sauge
  Den Mnnern ihre beste Kraft
  Aus Herzen und aus Nieren!
  Vergifte ihren Lebenssaft
  Und mach' sie gleich den Tieren!
  Kannst du das, sollst du gleich mir sein,
  Honig und Manna essen,
  Bleibt aber einer im Herzen rein,
  Sollst ewig Staub du fressen!<

  Dann schnitt er ihm die Krallen ab
  Und gab ihm Lilienhnde,
  Ein voller Busen ward zum Grab
  Fr seine Teufelsbrnde!
  Er lie ihn auf die Mnner los
  Als wunderse Dirne!
  Der Hlle Qualen birgt ihr Scho,
  Den Himmel tuscht die Stirne
  Den armen Erdentoren vor,
  Und rote Lippen lockten
  Zum Kssen! -- Wer den Kopf verlor,
  Wem _=da=_ die Pulse stockten,
  Auf ewig in die Glut versank!
  Unselig mut' er leiden,
  Weil er des Teufels Liebestrank
  Nicht tat auf Erden meiden!

Bravo, bravo! rief die ganze Gesellschaft, als er geendet hatte.

Nun, Pllnitz, haben wir da Seine Gefhle richtig getroffen?

Sire, ich wrde nie im Leben zu beanspruchen wagen, als Urheber einer
so schnen Improvisation zu gelten!

Sie gaben uns doch den Anla!

Den ueren vielleicht! Wenn Eure Majestt mir aber gestatten, offen
zu sprechen -- --?

Wir befehlen es sogar! Hier wollen wir uns doch keinen Zwang
auferlegen! Wir wollen auch nicht die Welt um das seltene Amsement
bringen -- Pllnitz offen sprechen zu hren! Also -=sans ceremonies=-,
Herr Zeremonienmeister!

Dann mchte ich mir gehorsamst zu bemerken erlauben, da Eure Majestt
da nicht _=meinen=_ Gefhlen Ausdruck gegeben haben! So intensiv uert
sich nur eigene Erfahrung!

Friedrich runzelte die Stirn. Aber nur fr einen Augenblick.

Wir leugnen nicht, in amoureusen Dingen einige Erfahrungen gemacht zu
haben! Und waren sie nicht immer nach unserem Wunsch, so sind wir doch
jetzt persuadiert, eines Besseren belehrt zu werden!

Er streichelte die Hand Barberinas.

Die Hoffnung habe ich lngst aufgegeben, sagte Pllnitz mit einem
affektierten Seufzer. Ich lie mir von jener in Lieblichkeit gehllten
Teufelsbrut, von der Eure Majestt sangen, den Lebenssaft eben nicht
vergiften!

Himmelsbrut mten Sie sagen, lieber Baron, lispelte Barberina. Gott
hat doch, wie Majestt so richtig sagten, auch den Teufel erschaffen!

Er hat aber auch Pllnitz erschaffen! lachte Friedrich. Und Pllnitz
blieb im Herzen rein!

Entsetzlich! rief Pllnitz. _=Meiner=_ Reinheit halber mte also
jenes hllische Ungeheuer Weib, dem Eure Majestt in dem soeben mit so
groer Kunst vorgetragenen Gedicht die Krallen abzuschneiden die Gnade
hatten, statt Honig und Manna >ewig Staub< fressen!

Geben wir uns besiegt, Mademoiselle! Wir kommen gegen Pllnitzens
Logik nicht auf!

Majestt wollen nicht vergessen, sagte Barberina, da unser lieber
Baron der einzige unter uns ist, der den Stein der Weisen in der Hand
gehabt hat!

Dagegen mchte ich protestieren! rief Jordan lebhaft. Jeder Mensch
hlt einmal im Leben, wenn auch ohne es zu wissen, den Stein der Weisen
in seiner Hand, und damit die Macht, in dem Moment sein Schicksal
zu gestalten! Hat er Glck, so bt er, justement in dem Augenblick,
instinktiv seine Macht aus -- und wird sehend, nicht nur fr sich,
sondern auch fr die anderen!

Du hast recht, Jordan, sagte Friedrich ernst. Die Natur stellt
uns da auf die Probe, ob wir die empfangenen Fhigkeiten so weit zu
entwickeln imstande sind, da wir unsere Bestimmung ahnen und danach
unsere Handlungsweise fr alle Zukunft richten! Bestehen wir die
Probe, so werden wir nicht verworfen, und Fortuna hlt in jeder Gefahr
schtzend ihre Hand ber unsere Person und unser Tun! Die Aufgabe,
die einem jeden dabei gestellt wird, fllt weniger ins Gewicht! Die
Hauptsache ist, da man die Fhigkeit erlangt, schnell wie der Blitz
die Gelegenheit zu erfassen und zu benutzen! Die wird einem jeden,
der sie will! Sie geht ihm aber unwiederbringlich verloren, wenn er
nur _=ein einziges Mal=_ zaudert, im Entschlu zaghaft oder in der
Ausfhrung unsicher wird! Zh an dem Glauben der Vorbestimmung unseres
Lebensschicksals festhalten -- das ist mein Glaube!

Selig macht dieser Glaube aber auch nicht! Und Enttuschungen bringt
auch er, entgegnete Jordan. Also mchte ich das auch Aberglauben
nennen! Aber -- der Aberglauben des Genies!

Ob mein Glaube mich selig macht oder nicht, das wird nicht einmal
Jordan zu entscheiden haben! lachte Friedrich. Wir wollen hier nicht
dem Jngsten Gericht prjudizieren!

Warum nicht, Sire, sagte Barberina. Es wre doch amsant, sich
eine Vorstellung des Hergangs zu machen! Ich bin wirklich begierig,
zu wissen, ob und wie wir, die wir hier um den Tisch sitzen, uns beim
Jngsten Gericht wiedersehen werden!

Wenden Sie sich an Pllnitz, Mademoiselle! Er ist der einzige von uns,
der mit zeremoniellen Dingen Bescheid wei!

Majestt haben also die Gnade, anzunehmen, da ich wenigstens als
Sachverstndiger fr die himmlische Seligkeit in Frage kme?

Das mu Er uns eben beweisen! Wie wrde Er es zum Beispiel anstellen,
um fr uns selbst die ewige Seligkeit zu beanspruchen?

Ein schwerer Kasus! lachte Jordan.

Um so mehr Reiz mu es fr Pllnitz haben!

Ich mu gestehen, sagte Pllnitz, ich befinde mich da in einiger
Verlegenheit! Ich hatte noch nie einen Knig auf der Liste der von mir
zu erbittenden Audienzen. Wenn ich also am Himmelstor anklopfe, und
Sankt Petrus mir aufmacht --

Dann wird Er weder Knig noch Bettler, sondern den Menschen zu melden
haben, lieber Pllnitz! _=Mich=_ melde Er also nur als den Fritz!

Zu Befehl! Ich melde also den Fritz! -- >Was will denn _=der=_ hier?<
wird der gestrenge Hter des Himmelstors fragen. >Der hat schon auf
Erden seine Seligkeit -- im Ruhm gesucht! -- Der hat keine andere
gelten lassen! Hat der jemals Liebe empfunden? Hat er sich wie ein
wahrer Christ gedemtigt?! Hat er den rechten Glauben bettigt?! Er
will vor Gottes Thron erscheinen?! -- Ja -- hat er denn etwa -- er, der
stets die Gottheit mit den Lippen verleugnete -- im _=geheimen=_ doch
an sie geglaubt?< -- Was soll ich armer Erdenwurm dann auf so knifflige
Fragen antworten, Sire?

Mein lieber Zeremonienmeister, sagte Friedrich, und es kam etwas
Straffes in seine Haltung und Festigkeit in seinen Blick, frage Er
mich danach -- in der nchsten Schlacht, wenn die Kugeln uns um die
Ohren pfeifen und _=nicht treffen=_! Wenn Er mich _=dann noch=_ fragt
-- da werde ich Ihm auch zu antworten wissen!

Es wurde still in der Runde. Aller Blicke senkten sich vor der
Majestt, die aus den Worten sprach. Barberina wagte zuerst die Stille
zu brechen.

Und der Graf Rothenburg? -- Wenn Sankt Peter nach seinen Meriten fragt
-- was werden Sie sagen?

Pllnitz lachte boshaft auf.

Da habe ich gar keine Angst! Wenn auch der Torhter des Himmels beim
Lesen des Namens Rothenburg seinen silbernen Bart schttelt und mich
unter buschigen Brauen barsch anglotzt und sagt: >Wie? Dieser Sybarit
-- dieser lockere Gesell bemht sich auch um Eintritt? Ich sah ihn
noch nie auf dem schmalen Pfad der Tugend!< -- >Exzellenz<, werde
ich sagen, >der Graf hat sich zwar in Worten mit seinem Unglauben
gebrstet, aber nur weil es Mode war! Seine eigene Tugend hat er stets
so gut zu verbergen gesucht, da kein Mensch sie je in Gefahr bringen
konnte! Sein Leben lang lag er stets in inbrnstiger Anbetung auf
den Knien. Aus ganzer Seele verehrte er die Schnheit, die Anmut und
den Geist, die der Schpfer in das Vollkommenste seiner Schpfungen
niederlegte! Stets machte er die schnsten der Frauen zu Altren
seines Gottesdienstes! Sein Gebet war Poesie -- seine Beichte atmete
beseligende Liebe. -- -- Ehren, Auszeichnungen, Reichtum -- allem
entsagte er und legte es den Frauen zu Fen! Gesundheit, Leben --
alles opferte er ihnen in zahllosen Duellen, und was hatte er davon?
Undank, Neid, Verleumdung, die grausamsten Qualen der Eifersucht! --
Kein Heiliger war fter in Versuchung als er! Kein Heiliger wurde je
so schwer geplagt -- kein Heiliger fiel fter als er -- und lernte die
Snde so gut aus eigener Erfahrung kennen!< -- >La den braven Mann
eintreten!< wird Petrus sagen. >Als abschreckendes Beispiel -- als
bufertiger Schlemmer -- als Prediger fr die Wstlinge wird er das
rechte Wort zu finden wissen!<

Frwahr! lachte Rothenburg, wenn ich mit Sicherheit darauf rechnen
drfte, da Pllnitz mir als Frsprecher dienen wrde -- mir wre es
um die Seligkeit nicht bange! Denn er hat mehr und bessere Ausreden
als tausend Priester! Ich befrchte aber, da er seine Gewandtheit in
hfischen Knsten mitsamt seiner brigen Leiblichkeit hienieden lassen
wird, um im Stande der Unschuld da oben zu erscheinen!

Da wird nicht viel von ihm brigbleiben! lachte Friedrich.

Er wird jedenfalls so viel Geist damit verbrauchen mssen, uns andere
hineinzuschmuggeln, da er selbst nachher dumm drauen stehen mu!
sagte Jordan.

Mit Ihnen werde ich nicht viel Mhe haben, Jordan! rief Pllnitz.
Bei Ihnen wird der Hinweis gengen, da Sie Pastor waren und aufhrten
es zu sein! Die Tatsache, da Sie schon bei Lebzeiten aufhrten, mit
dunklen Rtseln die Geister hienieden zu verwirren und so, wenn auch
negativ, zur Aufklrung beitrugen, wird beredter fr Sie sprechen
als ich! Und wenn das nicht gengen sollte -- ich brauchte blo
darauf hinzuweisen, da Sie sich bei jedem Gewitter bekreuzigen und
Ihre lsterlichen Reden bei Tag durch allabendliche Gebete vor dem
Zubettegehen wieder gutmachen! -- Mit Ihnen werde ich es also leicht
haben! Weit mehr Sorge macht es mir, wie ich einen anderen, der hier
nicht anwesend ist, hineinbringe, denn er wird sicherlich zunchst dem
Knige auf meiner Liste stehen! Ich meine Voltaire! Ich wte nicht,
was ich Gutes ber ihn vorbringen knnte!

Da wre ich auch in Verlegenheit! sagte Barberina, die auf die
in den Augen des Knigs alles berragende Bedeutung Voltaires auch
eiferschtig war. Was wrden Sie zum Beispiel antworten, wenn Petrus
Ihnen vorhielte, da er durch Sklavenhandel Reichtmer sammelte?

Ich will Ihnen helfen, Pllnitz, rief Rothenburg.

Ach bitte, tun Sie das!

Sagen Sie nur: wenn er sich mit Sklavenhandel befate, so tat er's
nur, um das Leben in seiner grausamsten und scheulichsten Form
kennenzulernen. Denn das _=mute=_ er als Sittenschilderer! Und wenn
er dadurch Reichtmer sammelte, so tat er's -- um frei und unabhngig
zu werden! -- Denn nur als freier Mann wird er sich den Luxus leisten
knnen, fr die Rechte des Menschen einzutreten und aufklrend zu
wirken!

Wenn aber Petrus mir dann vorhlt, Voltaire htte das Heiligste
verspottet, da er sagte: >Wenn jener Jude mit seinen zwlf Aposteln
die christliche Religion zu stiften vermochte -- warum sollten nicht
_=ich=_ und zwlf ebenso gescheite Leute eine weit bessere Religion
machen knnen?< -- Denn das hat er gesagt!

Er hat aber keine gemacht! sagte Friedrich ruhig. Und wenn Sie
darauf hinweisen, wird es gengen! Denn schon die Tatsache, da er der
Welt _=nicht=_ noch eine neue Religion bescherte, ist ein so ungeheures
Verdienst um den Frieden auf Erden, da das allein da oben all seiner
Bosheit und seinem Spott zur Entschuldigung dienen wrde!

Sire, wenn Eure Majestt da oben so gut Bescheid wissen -- drfte ich
dann alleruntertnigst bitten, mir gndigst zu sagen, unter welchem
Vorwand ich selbst hineingelangen wrde? fragte Pllnitz. Ohne
allerhchst Dero Protektion geht's sicherlich nicht! Es gibt wohl
keinen Erdenwurm, der so viel Pech hat, wie ich -- -- keinen, dem so
viel Schlechtes nachgesagt wird! Wenn ich mit all dieser Sndenlast da
oben ankomme -- und berdies noch fr Eure Majestt und die gesamte
Suite von Philosophen aufkommen mu -- dann wird man mir zu guter
Letzt sagen: >Pllnitz, in die Hlle mit dir! -- Du verseuchst uns
den Himmel mit all den Freigeistern! Wenn unsere Leute hier oben zu
viel Aufklrung erhalten, dann glauben sie nichts mehr, dann werden sie
zu gescheit -- dann werden sie sagen, die Seligkeit hier oben _=ist=_
keine Seligkeit, und was wei ich noch!

Sei Er unbesorgt, lieber Pllnitz! sagte Friedrich und leerte sein
Glas. Dann wird Seine Flatterhaftigkeit und Sein loses Maul da oben
erst recht als Kontrast gebraucht, um das Gleichgewicht gegen uns
andere herzustellen. Und wenn Er wirklich all die Schlechtigkeit
mit heranschleppen wrde, die man Ihm, mit Recht oder mit Unrecht,
hienieden nachsagt, und alle die Flche, die Er in dem langen
Lotterleben auf Seinem sndigen Haupt angesammelt hat -- dann wird der
Herrgott, _=sofern=_ ich _=ihn kenne=_, laut auflachen und sagen: >Geh,
Pllnitz, Er ist ein Schaf! Tret Er her und stelle Er sich zu meiner
Rechten!<

Worauf er Barberina die Hand kte, aufstand, den Hut lftete und ging,
wie er gekommen war, von Jordan gefolgt und von Rothenburg unter vielen
tausend alleruntertnigsten Komplimenten bis an den Wagen geleitet.




20


Das Opernhaus lag hell erleuchtet da, dicht umstanden von glnzenden
Equipagen, Dienern mit lodernden Fackeln und Hunderten von Neugierigen,
die der Winterklte trotzten, um etwas von dem Glanz und der Pracht zu
sehen.

Der Knig war nach sechsmonatigem Aufenthalt im Felde wieder nach
Berlin zurckgekehrt und hatte einen Maskenball ansagen lassen. Und
alle, die irgendwie berechtigt waren, zugelassen zu werden, drngten
sich, ihn zu sehen und am Feste teilzunehmen.

Die Auffahrt des Hofes war beendigt, der Ball in vollem Gange. Da trat
aus einer Tr der dem Schlosse zugewandten Seite des Hauses eine
Gestalt heraus, den Hut tief in die Stirn gedrckt, den weiten Mantel
dicht zusammengezogen, drngte sich schnell durch die Schar der Gaffer
und entfernte sich nach dem Schlosse zu. ber die lange Brcke ging ihr
Weg und dann am Ufer des Flusses entlang, an dessen anderer Seite die
riesige Silhouette der Hohenzollernburg hoch zum Nachthimmel ragte.

Kein Licht war im ganzen Hause zu sehen, auer in der offenen
Wasserpforte, durch die dunkle Schatten heraus und hinein huschten,
schwere, verhllte Gegenstnde trugen und sie auf einen langen
Spreekahn verluden.

Der Wanderer blieb an der Brstung stehen und schaute neugierig dem
geheimnisvollen Treiben zu, bis die Fackeln verloschen, das Tor
verschlossen wurde und der Kahn sich langsam in der Richtung nach der
Mnze zu in Bewegung setzte. Dann ging der Wanderer weiter durch die
dunklen Straen, stieg die Treppen eines alten Patrizierhauses hinauf
und trat in das gerumige Schlafzimmer im ersten Stock ein, das nur
schwach erleuchtet war.

Er trat an das Bett, aus dem beim ffnen der Tr ein schwacher Husten
hrbar wurde.

Du hast mich rufen lassen, Jordan! So geht es dir schlimmer?

Nicht schlimmer als sonst -- aber doch schlimm genug! Ich konnte
meiner Unruhe nicht Herr werden! Der Gedanke, da ihr Feste feiert,
wenn um uns herum alles in Trmmer zu fallen droht, peinigte mich. Um
so mehr, da ich hier ohnmchtig liege und kein Wort der Warnung am
rechten Ort und zur rechten Zeit laut werden lassen kann! Den Knig
durfte ich nicht stren! Und so rief ich dich!

Keyserlingk, denn er war es, schlug den Mantel zurck und setzte sich
in den Sessel am Bett.

Wie du siehst, bin ich deinem Rufe gleich gefolgt! Ich mute mich
aber beim Knig beurlauben und sagte ihm also von deinem Wunsch! Er
lt dich gren und will selbst nach dir sehen! Ihm wird es auch darum
zu tun sein, des Freundes Stimme zu hren!

Wre das der Fall, so wrde er sich nicht mit Festen zu betuben
suchen!

Andere will er betuben, nicht sich! Er will keine Beunruhigung
aufkommen lassen, deshalb zeigt er sich der Menge froh und vergngt! Du
kennst den Fritz doch ebensogut wie ich!

Ich _=kannte=_ ihn vielleicht besser als irgendeiner! Ich erkenne
ihn aber nicht wieder, seitdem er die groen Enttuschungen dieses
so glorreich begonnenen Feldzuges erlebt hat! Kein Wort spricht er
darber, er, der mir sonst alles anvertraute!

Du bist krank, und er will dich nicht beunruhigen!

Dann mte er mir eben reinen Wein einschenken! Er frchtet aber meine
Kritik! Voll bermut zog er hinaus in den Krieg! Jetzt schmt er sich!

Du fieberst, sonst wrest du der letzte, solche Worte zu sprechen!
Wann ging er je einem offenen Wort aus dem Wege?! Er _=bedarf=_ deiner
Kritik nicht! Er steht mitten in seiner Tat und kennt sie besser als
irgendeiner! Alles, was du ihm sagen knntest, hat er sich selbst
gesagt -- und mehr noch dazu!

Mir ist es darum zu tun, zu helfen, nicht zu tadeln! Vier Augen sehen
mehr als zwei! Und jetzt, wo alles von ihm abfllt, wo er nicht mehr
wei, auf wen er sich hier im eigenen Hause verlassen kann, tte es ihm
not, da auch andere die Augen fr ihn offen halten!

Wennschon, so bedarf er vor allem, da man ihn nicht verstimme. Dem
geht er aus dem Wege, und da hat er recht!

Das tat er aber frher nicht!

Die sechs Monate haben ihn eben um Jahre der Erfahrung reicher
gemacht. In der Not lernt man die Menschen kennen! Wer was taugt,
entnimmt der Niederlage die Lehre fr den Sieg! Anderer Lehren bedarf
er dann nicht!

Jordan schwieg. Ein heftiger Husten erschtterte die kleine, drre
Gestalt! Keyserlingk reichte ihm den auf dem Nachttisch bereit
stehenden Labetrunk und setzte sich wieder.

Jordan betrachtete ihn lchelnd.

Ewiger alter Sausewind, der du bist! Wenn man dich so aufgerumt,
heiter und lebenslustig dasitzen sieht, wre man in Versuchung, zu
glauben, da uns nichts etwas anhaben knnte! Leider sind nicht alle
so!

Das sind Schafskpfe! rief Keyserlingk bermtig. Wo sie den Fritze
haben und wissen, wie er gleich dem Blitz dreinfahren kann, wenn's
gilt, mten sie sich freuen, wenn sich recht schne Gewitterwolken am
Horizont zusammenballen! Was schadet es, da der Kaiser jetzt pltzlich
starb und die Sddeutschen abfallen und wieder die Kaiserkrone an
sterreich verschachern wollen! Preuen macht den Schacher nicht
mit -- und wir sind die Rcksicht auf die Verbndeten los! _=Die=_
Rcksichtnahme hat uns den Feldzug gekostet! Fritze hat am eigenen
Leibe gelernt, da Bndnisse unter Menschen nur so weit reichen wie der
eigene Vorteil, und da offene Feindschaft besser ist als hinterhltige
und sumige Verbndete! Wenn auch der Bund mit Frankreich noch hlt --
Fritze wird auf die Wnsche Frankreichs keine Rcksicht mehr nehmen!
Er wird, wie er es selbst fr gut findet, handeln! Htte er das gleich
getan, htte er nicht Bhmen wieder aufgeben mssen! Dann stnde er
jetzt vor Wien und htte es nimmer ntig gehabt, noch mitten im Winter
zu kmpfen, um die sterreicher aus Schlesien herauszuwerfen!

Allein kann aber auch er nicht gegen eine ganze Welt an! England,
Holland, Sachsen, sterreich haben sich gegen ihn verbndet! Ruland
ist unsicher! Die Armee ist von Krankheiten dezimiert und immer noch
schwer heimgesucht. Die Magazine sind leer, das grobe Geschtz ist vor
Prag gnzlich verlorengegangen! Wir sind arm! Wo nehmen wir das Geld
her, um Soldaten, Munition, Ausrstung und Proviant zu beschaffen?

Das -- Federikus Jordan -- la nur ruhig meine Sorge sein! sagte eine
Stimme an der Tr.

Keyserlingk sprang aus dem Sessel auf. Jordan richtete sich im Bett
empor.

Sorge du nur dafr, da mein lieber alter Jordan wieder gesund wird,
damit mir _=die=_ Sorge genommen wird. Dann ist alles andere auch gut!

Der Knig trat an das Bett und nahm in dem Sessel Platz. Er ergriff die
Hand Jordans.

Ein wenig Arzenei bringe ich dir mit, alter Querkopf! sagte er und
ergriff seine Hand. ber den Feldzug will ich nicht mit dir rechten!
Da gengt's, wenn wir einsehen, da wir Fehler gemacht haben, und sie
blo nicht wiederholen! Wenn's dich ansonsten beruhigen kann, so hre:
England, das mit den andern gegen uns verbndet ist, fngt an, mit
uns zu liebugeln! Carteret, unser Feind, ist nicht mehr Minister!
Die Pelhams sind am Ruder! Sie sind uns wohlgesinnt! Und wenn auch
England noch an seine Traktate mit der Gegenpartei gebunden ist -- das
Doppelspiel verstanden die Krmer drben immer gut! -- -- Aber setze
dich, Keyserlingk! Du wirst heute noch das Tanzbein zu schwingen haben!
Du bist wohl den Weg zu Fu gegangen wie ich? Ich sah keinen Wagen vor
dem Hause!

Keyserlingk bejahte die Frage -- und erwhnte dabei die geheimnisvollen
Vorgnge am Schlo, die er unterwegs beobachtet hatte, in der Hoffnung,
da Friedrich seine Neugier befriedigen wrde.

Du hast wohl Gespenster gesehen! sagte der Knig lchelnd. Sonst
pflegst du deine Augen nur zu benutzen, wenn schne Weiber im
Fahrwasser sind! Sollten wohl die Nixen eine Invasion gemacht haben?!

Das sah mehr nach Heiducken aus! sagte Keyserlingk eifrig.

Wenn's nur keine Russen waren, wie es Jordan getrumt hat! lachte der
Knig. Sei ruhig, Jordan -- nicht die Russen -- _=ich selbst=_ habe da
ein bichen geplndert! Nicht, weil ich's ntig htte -- nur damit du
wahr trumst! Denn -- auf die Plnderung kam's dir bei dem Traum wohl
an!

Und er erzhlte den Freunden, wie er all die silbernen Tischplatten,
Kandelaber und anderes Gert, auch den groen silbernen Musikantenchor
aus dem Rittersaal, den sein Grovater, der erste Knig von Preuen,
hatte anfertigen lassen, nach der Mnze schaffen lie, um die Schtze
in harte Taler umzuprgen.

Nicht aus Zwang der Not, sagte er nochmals eilig, als er die
erschrockene Miene Jordans sah. Wir haben Geld genug, den Krieg
weiterzufhren. Sechs Millionen Taler haben wir dem Schatz entnommen,
anderthalb Millionen haben die Stnde hergegeben! Wir benutzen nur die
Gelegenheit, den alten geschmacklosen Plunder im Schlosse loszuwerden
und nutzbringend anzulegen. Wir verwandeln ihn in Soldaten, Pulver
und Blei, die uns in den Stand setzen, Viktorien zu gewinnen! Nachher
lassen wir ihn wieder auferstehen -- aber in veredelter, knstlerisch
wertvollerer Form! Die Knstler kriegen zu tun, und wir haben den
Gewinn! Jordan aber, dessen Traum von der Plnderung des Schlosses uns
auf den Gedanken brachte, hat die Verantwortung fr den Schaden --
wenn's ein Schaden sein sollte!

Er lachte kurz.

Ich werde mich in acht nehmen, sagte Jordan, Eurer Majestt nochmals
meine Trume mitzuteilen! Reliquien sind Heiligtmer --

So viel Wert haben sie nimmermehr wie das Blut eines einzigen
meiner Grenadiere, das auch fr die Sache flieen mu! -- -- Sag
einmal, Jordan, du Allerweltsbesserwisser -- was hltst du von den
Tanzmeisters? fragte er dann, pltzlich auf ein anderes Gebiet
berspringend.

Eure Majestt wollen gndigst den Grafen Keyserlingk darber
interpellieren! Er versteht sich auf das Ballett besser als ich!

Sicherlich! lachte Friedrich. Auch ich traue mir einiges Urteil
auf dem Gebiet Terpsichores zu. Nun fragte ich aber nicht wegen des
Tanzes! Ich mchte nur wissen, was du von denen Tanzmeisters -- _=als
Politikern=_ hltst!

Eure Majestt belieben zu scherzen!

Auch im Scherz suchen wir den Ernst! Diplomaten sind oft gute Tnzer,
aber zu weiter nichts zu gebrauchen! Warum sollte denn nicht ebensogut
ein Tanzmeister Pirouetten in der Diplomatie machen knnen? -- Da kam
uns jedenfalls neulich einer herangehpft mit einer guten Idee, die
unserer Politik ntzlich werden konnte! Wir griffen sie auf! Wir nahmen
die Invitation zum Tanz an -- wir streckten die Hand aus -- da macht
der Teufelskerl ein Salto mortale und lt uns die Tour solo beendigen!

Wollen Eure Majestt die Gnade haben, zu erklren, um was der Tanz
ging?

Wenn wir mittanzen, geht's immer um die Krone, Jordan!

Um die -- --?

Um die Kaiserkrone, -=mon ami=-! Um eine andere wird hier im Lande
nicht getanzt! Die will man jetzt wieder dem Hause sterreich zu
tanzen! Wir wollen es aber nicht! Wir sehen sie lieber auf dem
Haupte des Kurfrsten von Sachsen -- obwohl er, als Knig von Polen,
eigentlich nicht in Frage kme! Ruland teilt unseren Wunsch und bietet
dem Grafen Brhl ansehnliche Summen, um ihn dazu zu bewegen, die
Kandidatur Augusts aufzustellen! sterreich, England -=e tutti quanti=-
haben ihm aber schon erhebliche Summen fr das Gegenteil bezahlt! Und
Brhl hat also das Angebot Rulands zu dem Versuch benutzt -- England
mehr Geld abzupressen!

Abscheulich!

Was willst du! Ohne Bestechung wird in der Politik nichts erreicht!
Brhl hat noble Passionen -- teure Passionen! Er verkauft aber auch
seinen erlauchten Herrn nur zu den hchsten Preisen! Seine Briefe in
dieser Sache an Carteret kannten wir dem Inhalt nach! Wir brauchten
aber die Originale, um sie in Petersburg vorlegen zu lassen und so das
Doppelspiel Brhls aufzudecken. Knnen wir das, dann wird sich Ruland
ruhig verhalten, wenn wir nicht ganz so sanft mit Sachsen umspringen!

Und die Originale? fragte Keyserlingk.

Die wurden unserem braven Klinggrff von einem ehemaligen Tnzer,
Chevalier Fossano, angeboten, dem sie -- da er auch Spielbankhalter
war -- als Pfand fr eine Spielschuld einer der Kreaturen Charterets
in die Hand gegeben waren. Unser braver Klinggrff aber griff nicht
gleich zu! Der Preis war hoch -- er glaubte erst unsere Erlaubnis
einholen zu mssen! Und inzwischen tanzte der Ballettmeister mit seinem
interessanten Raub in die weite Welt hinaus! So wenig Wagemut haben
unsere Diplomaten! Sie sind unfhig oder ngstlich, hben wie drben!
Wir mssen alles selbst tun! Auch im Felde! Unsere besten Generale sind
gefallen, oder sie kehren uns schmollend den Rcken!

Wollen Majestt den General Einsiedel nicht pardonieren?

Nimmermehr! Er hat uns durch seine miserablen Manvers schon eine
halbe Armee gekostet!

Wenn aber dann der Feldmarschall Schwerin wiederkehrt?

So wird Schwerin nicht wieder angenommen! Wer seinem Knig Bedingungen
macht, wenn Not am Mann ist, den kann der Knig nicht gebrauchen!
Schwerin war unser bester Mann! Das mit dem Einsiedel hat er uns krumm
genommen und ist gegangen, weil wir ihm seinen Willen nicht tun! Wir
lassen uns aber nicht zwingen! berdies ist ja Winterfeldt noch da! Und
den Alten Dessauer haben wir wieder ins Kommando berufen!

Eine harte Nu! lachte Keyserlingk.

Aber doch noch zu knacken! meinte der Knig. Er ist ein Querkopf
wie Jordan -- aber ein General wie wenige! Schlesien hat er uns
bereits gesubert! Er wird auch noch weiter gut funktionieren, wenn
sein Eigensinn mit dem Feinde so viel zu tun bekommt, da er uns damit
ungeschoren lassen kann! Und dafr wollen wir sorgen! Wir sind aber
nicht gekommen, um ber unsere Generale mit dir zu rsonieren! Es gibt
Leute, die uns weit schwierigere Probleme stellen!

Drfte ich fragen, welche?

Wir sagten bereits -- die Tanzmeisters! Und auch die Tnzerinnen!

Jordan warf sich im Bette zurck und blickte den kniglichen Freund
lchelnd an.

Nun, sagte Friedrich, du zeigst mit deinem Lcheln, da du recht
geraten hast! Wir meinten die Barberina! Die Dame hat Ehrgeiz! Sie
schien mir nicht nur in der Kunst eine Rolle spielen zu wollen! Wir
haben sie auf die Probe gestellt! Wir haben versucht, ob sie imstande
wre, auch nur in der Kunst -- also auf ihrem eigenen Gebiet -- unseren
Intentionen Leben zu verleihen! Wir hofften das! Sie hat uns aber
enttuscht! Wir waren mit ihrer Galathe sehr bel zufrieden! Du hast
sie doch auch gesehen?

Allerdings!

Wie gefiel sie dir?

Gut!

Wir fanden sie miserabel! Geknstelt, gemacht, gewollt, berechnet!
Keine Spur von der unmittelbaren Natrlichkeit, die _=wir=_ wollten!
Die Poesie des ersten, zum Bewutsein erwachenden Lebens empfand sie
nicht -- sie _=verstand=_ sie nur! Und deshalb gab sie nur Theater --
gut gemachte Pantomime -- aber keine wahre Kunst! Wir haben uns da in
der Kunst auch eine Niederlage geholt, Jordan! Und keine kleine! Das
Weib ist eben ein schwer zu behauptendes Schlachtfeld!

_=Das=_ Schlachtfeld verlangt eben eine ganz besondere Strategie!
sagte Jordan lchelnd. Wer vom Weib Empfindung haben will, mu sie zu
erwecken verstehen!

Und das meinst du, knnten wir nicht?

Das knnten Eure Majestt wohl auch! Eure Majestt haben es aber
vorgezogen, zu ihrem Verstand zu sprechen! Da kann sie sich doch nicht
herausnehmen, mehr zu geben, als von ihr verlangt wird! Nur das, was
man dem Weibe gibt, gibt es wieder heraus!

Sie ist aber nicht nur Frau, sondern auch eine groe Knstlerin!
Die Aufgabe selbst mu zu ihrer Empfindung sprechen -- nicht der
Auftraggeber!

Ein echter Knstler empfngt vom Leben allein seine Aufgaben! Ein
kniglicher Befehl lst keine Kunst aus, nur dienstliche Verrichtung!

Du kannst uns doch nicht zumuten, selbst bei ihr den Pygmalion zu
agieren?!

Im gewissen Sinne -- ja -- wenn Eure Majestt mehr als den bloen
Dienst von ihr sehen wollen!

Die bloe knstlerische Anregung gengt da also nicht?

Vielleicht -- wenn sie richtig gegeben wird! Sie ist vor allem
ein Weib -- da liegt der Schlssel zu ihrer Kunst! Sie ist nicht
mehr jung, sie hat das Leben schon ausgekostet! Sie ist vor allem
_=als Knstlerin=_ nicht mehr jung! Ihr Ehrgeiz hat alle gewnschte
Befriedigung gehabt, alle Triumphe gefeiert! Die Kunst _=allein=_ gibt
ihr nicht mehr den ntigen Reiz, um ihre Seele in Schwung zu versetzen!
Ihr Ehrgeiz richtet sich _=auf das Leben selbst=_, um da neue Nahrung
zu finden! Und da das Leben sie auf eine so hohe Stufe gestellt hat --
-- --

Friedrich begann zu verstehen. Er blickte Jordan scharf an.

Du hrst: wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir sind aber nicht
Ludwig von Frankreich! Wir werden also dem Ehrgeiz der Damens, die auch
nach unserer Macht schielen, nur wenig Befriedigung bescheren! Unser
Tun ist unser Tun! Da teilen wir mit niemand. Uns kann sie nichts als
das Amsement bieten! Da aber verlangen wir alles und echtes -- auch
wenn es sich nur um eine knstlerische Leistung handelt! Sie _=hat=_
das, was wir von ihr wollen! Und sie soll es hergeben -- -- wir zwingen
sie noch! Auch _=die=_ Schlacht gewinnen wir!

Wie wollen Eure Majestt das anstellen?

Frage mich, wie ich die Schlachten, die ich noch mit sterreich
auszukmpfen habe, gewinnen werde! Ich wei, da ich sie gewinne! Wann,
wo und wie, das ist Sache des Augenblicks! Ich lasse die Gelegenheit an
mich herankommen und benutze sie! -=Enfin!=- Gute Nacht, Jordan! Ruhe
dich aus! Morgen sehe ich noch nach dir!

Er nahm Keyserlingk unter den Arm und ging mit ihm zu Fu nach der
Oper, von wo er, nachdem er sich gezeigt hatte, unbemerkt fortgegangen
war, um seinen kranken Freund zu besuchen.

In seinem kleinen Salon hinter der Proszeniumsloge angekommen, legte er
Domino und Maske an. Keyserlingk folgte dem Beispiel, und sie mischten
sich unter die Schar der Tanzenden, die das Parkett und die Szene
fllten.

Das Menuett hatte eben begonnen. In feierlich grazisem Reigen wogte
die Menge hin und her.

Auf einer Erhhung stand eine glnzende Gesellschaft und sah sich
das Treiben an. Eine Menge von eleganten Masken umdrngte eine reich
kostmierte, mit kostbaren Brillanten geschmckte Hirtin, in der
unschwer die gefeierte Knigin des Balles, die Barberina, zu erkennen
war.

Friedrich, von Keyserlingk begleitet, nherte sich der Gruppe. Da trat
aus der Menge eine in einen schwarzen Domino gehllte Gestalt vor
und richtete in reinstem Italienisch einige Worte an Barberina. Sie
stutzte, blickte ihn scharf an, zgerte einen Augenblick, reichte ihm
dann aber die Hand und trat zum Menuett mit ihm an. Die Menge machte
Platz und hielt im Tanzen inne, um Barberina zuzusehen, denn ein jeder
erkannte sie. Die kleine Halbmaske verbarg nur Stirn und Augen.

Noch niemals hatte Friedrich sie so tanzen sehen. Ein Feuer war auf
einmal ber sie gekommen, ein Schwung der Linien, eine Poesie des
Ausdrucks! Der halboffene Mund atmete lauter Hingabe -- sie schien von
einem fremden Willen getrieben, von dem sie die Bewegung empfing! Nicht
auf dem Maskenball in der Oper tanzte sie -- fern, in einer anderen
Welt, die ihre Phantasie erschlossen, schwebte sie -- eine Elfe, ein
Wesen aus Mondschein und Nebel, flatterte sie ber feuchtgrne Wiesen
hin -- leicht, luftig, kaum noch imstande, mit dem Druck ihres Fues
einen Grashalm zu biegen!

So ist's recht, Psyche! sagte die Maske pltzlich mitten im Tanze und
lachte kurz auf. Nun la noch den letzten Schleier fallen!

Mit einem Ruck blieb sie stehen und griff sich keuchend an die Brust.
Dann, schnell wie der Blitz, streckte sie die Hand aus und versuchte
ihrem Partner die Maske vom Gesicht zu reien. Er aber war schneller
als sie, er entrann dem Griff und verschwand schnell in der Menge, die
sie jetzt aufgeregt umwogte.

Friedrich aber verlor ihn nicht aus den Augen.

Wir wollen uns jenen Zauberer nher ansehen! sagte er und zeigte ihn
Keyserlingk. Nimm du ihn fest, aber mglichst unbemerkt, und bring ihn
in unsere Loge!

Keyserlingk winkte einigen maskierten Dienern, die dem Knig in
respektvoller Ferne folgten, drang, von ihnen begleitet, zu dem
Unbekannten vor, der sich jetzt unbemerkt glaubte und an der Brstung
einer Loge lehnte. Sie nahmen ihn, wie zum Scherz, in ihre Mitte und
drngten ihn nach der Tr der kniglichen Loge, die aufging und sich
dann sogleich hinter ihnen schlo.

Friedrich wollte zu Barberina -- aber er kam nicht rasch genug durch
die aufgeregte Menge. Ehe er bis zu ihr gelangte, sah er, wie sie den
Arm einer Maske nahm, in der er unschwer Rothenburg erkannte, und, auf
ihn gesttzt, den Saal verlie, um sich nach ihrer Garderobe zu begeben.

Er wartete noch die Rckkehr Rothenburgs ab und lie ihn dann zu sich
befehlen.

Nichts Schlimmes! antwortete Rothenburg auf die Frage des Knigs nach
ihrem Befinden. Sie wird bald wieder erscheinen!

Was hat sie denn so aufgeregt?

Wohl weiter nichts als einer der blichen Maskenscherze! Eine
Mystifikation, der sie zum Opfer fiel!

Erklre dich nher!

Wir standen im heiteren Gesprch mit ihr und belustigten uns ber die
grotesken Krummsprnge der Masken. Da trat ein Domino an sie heran
und bekomplimentierte sie im reinsten Italienisch fr ihren schnen
Schmuck! >Wren Sie aber auch vom Scheitel bis zur Sohle mit Brillanten
bedeckt, Mademoiselle -- so knnten Sie meine Blicke doch nicht
blenden, da ich nicht imstande wre, Ihren allerschnsten Schmuck zu
sehen, den Sie darunter verbergen!< -- >Welchen Schmuck?< fragte sie.
>Den einzigen, den Sie -- in Fontainebleau als Venus trugen!<

Friedrich lachte.

Wir kennen die Geschichte jenes Leberfleckens! Unser braver Chambrier
versumt es niemals, uns von derartigen weltbewegenden Begebenheiten zu
berichten!

Ein Schnheitspflsterchen war's nur! -=Parole d'honneur!=- rief
Rothenburg schnell!

Du wirst es am Ende wissen! antwortete Friedrich ruhig. Und sie --
wie nahm sie jene delikate Anspielung auf?

Sie blickte den Fremden stechend an. -- >Die Stimme kenne ich!< rief
sie, >wer sind Sie?< -- >Wenn Mademoiselle mir die Ehre eines Tanzes
geben wollen, werden Sie's wissen!< lachte er. Kurz entschlossen nahm
sie seine Hand. Das Weitere haben Eure Majestt gesehen!

Wir werden bald zur Demaskierung blasen lassen, sagte der Knig.
Dann wird sich das Geheimnis aufklren. Geh zu ihr, sag ihr das von
mir. Und auch, da ich sie bitten lasse, nach dem Ball mit mir zu
soupieren!

Rothenburg ging, und der Knig begab sich nach seiner Loge.

Im kleinen Salon erwarteten ihn Keyserlingk und sein Gefangener, immer
noch maskiert. Friedrich legte Maske und Domino ab und nahm in dem Sofa
Platz.

Wir haben Sie kommen lassen, um Sie zu bitten, uns aufzuklren, sagte
er, sich an die Maske wendend: Wir bekomplimentieren Sie brigens!
Sie tanzen ganz ausgezeichnet! Und -- noch mehr -- Sie verstehen es
exzellent, Ihre Partnerin in den Rausch der Rhythmen zu versetzen, ohne
den der Tanz kein Tanz ist!

Eure Majestt berschtzen meine Wenigkeit! Die Signorina Barberina
ist eine der ersten Knstlerinnen unserer Zeit!

Ohne Zweifel! Sie hat viel Charme, eine unnachahmliche Grazie, viel
Kunstfertigkeit -- das geben wir zu! Ihr Tanz hat aber etwas Kaltes,
Khles, berlegenes -- in jeder Beziehung vollendet, aber stets ihrem
Willen untertan! So eruptiv -- so in Ekstase sahen wir sie -- seit
ihrem ersten Auftreten nicht!

Majestt -- wenn's so ist, dann mu auch ich selbst annehmen, einigen
Einflu auf sie ausgebt zu haben! Ich war selbst in Ekstase -- war
selbst von ihr berauscht!

Ich kenne wenige, die das nicht wren, sagte der Knig langsam,
aber keinen einzigen, dem es gelungen wre, sie aus ihrer Reserve
herauszuholen! Wie haben Sie das bewirkt?

Die Erklrung ist nur bei ihr zu finden! Sie ist eine Frau im vollsten
Sinne des Wortes! Und eine Frau -- wenn sie wirklich eine ist -- ffnet
ihre Seele nur dem einen Auserwhlten, der von der Natur fr sie
bestimmt ist!

Wenn sie eine Frau ist?

Ja. _=Ehe=_ sie aber eine wird und vollbewut als Frau empfindet --
dann _=vielleicht=_ ffnet sich die Knospe ihrer Seele dem _=ersten=_,
der es versteht, sie mit der Wrme des Lebens anzuhauchen!

Friedrich schwieg. Einen Augenblick hielt er die Hand vor die Augen.

Pygmalion! flsterte er leise vor sich hin. Am Ende habe ich da den
Pygmalion gefunden, der imstande wre, meiner steinernen Galathe Leben
einzuhauchen!

Er blickte rasch auf.

Wir sind weit entfernt, sagte er, die Gesetze des Mummenschanzes
aufheben zu wollen, obwohl wir uns in unserem eigenen Hause befinden.
Noch ist die Demaskierung nicht geboten! Wenn es Ihnen gefllt, bitten
wir Sie jedoch, die Maske abzunehmen!

Der Fremde gehorchte, und Friedrich blickte in ein unbekanntes Gesicht.
Er stand auf.

Wer sind Sie? Ihr Name?

Fossano!

Friedrich blieb vor ihm stehen und blickte ihn scharf an.

Unser Gesandter in London hat uns den Namen genannt! Sind Sie
jener Chevalier Fossano -- jener Spielbankhalter -- jener ehemalige
Tnzer, der uns seine Dienste angeboten hat, nur um uns an der Nase
herumzufhren?! Sie haben noch die Dreistigkeit, uns unter die Augen
zu treten?!

Ich bitte Eure Majestt, Gnade walten zu lassen! Jener Brief schien
mir zu kostbar, um ihn in eine dritte Hand zu geben! Ich bin gekommen,
um ihn selbst Eurer Majestt zu Fen zu legen!

Er zog ein zusammengefaltenes Billett hervor.

Geben Sie her!

Fossano berreichte den Brief. Friedrich ffnete ihn und erkannte die
Handschrift des Grafen Brhl.

-=Trs bien!=- sagte er. Es ist vielleicht besser so! Geben Sie Ihre
Wohnung an! Mein Schatzmeister wird Ihnen eine angemessene Belohnung
auszahlen!

Ich danke alleruntertnigst fr die groe Gnade! Ich mu es aber
ablehnen, Geld anzunehmen fr etwas, was ich aus Ergebenheit fr Eure
Majestt getan habe!

Friedrich blickte ihn an.

-=Eh bien!=- sagte er kurz. Wir lassen uns aber nichts schenken!
Wenn Sie nicht Geld wollen -- so bitten Sie sich eine andere Gnade aus!

So bitte ich alleruntertnigst darum, an der Oper in Berlin tanzen zu
drfen!

Friedrich lachte kurz auf.

Wir glauben schon, sagte er, da Sie in unserem -=Corps de ballet=-
Ihren Mann stellen wrden! Wenn Sie aber auch die Gabe haben, die
Tnzerinnen derartig in Aufregung zu versetzen, wie wir es heute
gesehen haben, so sind wir nicht sicher, da die Damen nicht pltzlich
fahnenflchtig werden! Und das wollen wir vermeiden! Nach Ihrer eigenen
Erklrung des soeben Geschehenen mssen wir annehmen, da Sie im Leben
der Dame Barberina entweder die Rolle des >Auserwhlten<, wie Sie sagen
-- oder die des >Ersten< gespielt haben. Und auch, da Ihre Rolle in
diesem Sinne beendigt ist! Denn sonst -- wenn es ihr angenehm wre,
wren Sie wohl lngst hier?

Eure Majestt haben nicht so unrecht!

Wollen Sie uns also ber jene Beziehungen nher aufklren?

Gern!

Und Fossano erzhlte, wie er sie gefunden und unterrichtet, wie er sie
in die Welt eingefhrt hatte -- er erzhlte von Psyche, Hebe, Venus
und all den anderen Etappen ihrer Karriere. Und Friedrich, in die Ecke
seines Sofas zurckgelehnt, lauschte gespannt, und lachte nur dann und
wann kurz vor sich hin.

-=Eh bien!=- sagte er dann, als Fossano geendet hatte. Sie sind
das, was wir suchen! Wir wollen Sie engagieren -- aber fr die Oper in
Dresden!

Fossano blickte ihn erstaunt an.

Gehen Sie nach Dresden, melden Sie sich beim schwedischen Gesandten am
dortigen Hofe, Wulffenstjerna! Wir wollen ihn benachrichtigen. Er wird
das Weitere veranlassen! Suchen Sie das Vertrauen Brhls zu gewinnen,
schimpfen Sie auf uns! Wir pardonieren Sie im voraus -- nehmen Sie nur
kein Blatt vor den Mund! Wenn Sie sich als der verschmhte Geliebte
Barberinas ausgeben, wird er Ihnen Glauben schenken! Spielen Sie
Ihre Rolle gut. Bedienen Sie uns mit Flei. Wir wollen alles wissen.
Halten Sie sich dann bereit, hier an unserer Oper zu tanzen, wenn wir
Sie rufen lassen! Aber kein Wort davon im voraus! Ihr Auftreten hier
behalten wir uns vor -- als Surprise!

Fossano verbeugte sich.

Ich stehe Euer Majestt zu Diensten und werde mich bemhen, das in
mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen!

Wir glauben es! Reisen Sie also morgen frh nach Dresden. Zeigen Sie
sich heute nicht mehr auf dem Ball! Er lachte kurz auf. Apropos!
sagte er. Da Sie doch nach Hause gehen, brauchen Sie Ihren Domino
nicht mehr! Sie knnen ihn hier lassen!

Fossano blickte Friedrich verstndnisvoll lchelnd an, legte dann
Domino und Maske auf das Sofa, kte ehrerbietig die ihm gndigst
gereichte Hand des Knigs, empfahl sich und ging.

Drauen im Saal wogte das Treiben der Masken hin und her. Der Trubel
hatte seinen Hhepunkt erreicht.

Da auf einmal schmetterten die Trompeten eine Fanfare, die Masken
drngten sich nach der kniglichen Loge, vor der sie sich in einem
Halbzirkel aufstellten.

Allen voran, am Arm des Grafen Rothenburg und von unzhligen Verehrern
umschwrmt, die Barberina.

An der Brstung der kniglichen Loge erschien Friedrich, unmaskiert --
an seiner Seite jener schwarze Domino, der mit Barberina getanzt hatte.

Auf einen Wink des Knigs schmetterten die Trompeten noch einmal, und
smtliche Masken fielen -- auch die des schwarzen Dominos an seiner
Seite.

Keyserlingk! rief die Barberina enttuscht und blickte zu dem
pausbckigen, lebenslustigen Grafen hinauf, dessen Augen ihr lustig
entgegenlachten. _=Er=_ war's? -- Nicht mglich!

Und sie wollte sich nicht davon berzeugen lassen, so viel Mhe
Rothenburg sich auch gab, als er sie langsam durch das Gedrnge fhrte,
um sie nach dem Speisesaal des Knigs zu begleiten, wo das Souper sie
erwartete.

Friedrich aber war sehr aufgerumt und gab Keyserlingk den Auftrag,
schon am nchsten Tage seinem Freund Jordan zu berichten, die schwerste
Schlacht in dem zu erffnenden Feldzuge wre bereits halb gewonnen!




21


Hohenzollernwetter in Berlin! Strahlender Sonnenschein, kalte, klare
Winterluft mit Frostkristallen und Rauhreif ber Baumstmmen und sten
-- einer der seltenen herrlichen Wintertage mit klarblauem Himmel
und rosig-goldenen Wolken, mit weiem Schnee auf gefrorenem Boden,
glitzernden Fensterscheiben und hastendem Hin und Her von aufgerumten,
lustig der Klte trotzenden, siegesfrohen Menschen, die ihre Freude
austobten und vor Begeisterung aufjauchzten, weil sie endlich den
schweren Alp los waren, der seit Beginn des nun ber ein Jahr dauernden
Krieges auf den Gemtern gelastet hatte.

Der Sieg war da! Und heute hielt er seinen feierlichen Einzug in Berlin.

Alles, was Leben und Atem hatte, jung und alt, drngte sich auf den
Linden zusammen, um den Einzug des Hofes zu sehen und den Siegern von
Hohenfriedberg und Soor zuzujubeln.

Pomphaft nahte der Zug in der Mitte der Strae vom Brandenburger Tor
her, dessen beide Zollhuser mit Fahnen und Girlanden von Tannengrn
geschmckt waren.

Zuerst die Eskorte -- Dragoner in glitzernden Krassen auf prchtig
aufgezumten Pferden, die, wie heraldische Wappentiere aufgeputzt,
stolz einherschritten und ihren heien Atem mit Kraft in die kalte Luft
bliesen, wo er gleich zu weiem Dunst wurde, der sich wollig weich
seitwrts ringelte, den ganzen Zug von Rossen und Reitern mit einer
einzigen, vorwrts gleitenden Wolke umschlo, aus der nur die Kpfe der
Pferde, die bunt gestickten Schabracken und die darauf paradierenden
Sieger emportauchten.

Hinter ihnen her die kniglichen Karossen, mit Spitzenreitern und
Lufern in prachtvollen Livreen -- die Pferde mit bunten Troddeln und
silberbeschlagenem Geschirr geschmckt --, hinter den von goldenem
Schnitzwerk eingefaten Spiegelscheiben gepuderte, diademgeschmckte
Kpfe, am Wagentritt Pagen in groer Gala und auf dem Brett zwischen
den hoch geschwungenen Wagenfedern goldbetrete Lakaien in kniglichen
Livreen!

Dann ein Wald von mchtig wallenden Fahnen, deren schwere, buntseidene
Pracht sich majesttisch im Sonnenschein entfaltete und auf ihren
Tchern und Fahnenbndern, stolz flatternd, die Wappenzeichen der
Besiegten zeigten -- die Ehrenzeichen der sterreichischen und
schsischen Regimenter, im heldenhaften Kampf erbeutet und jetzt als
Trophen vom Sieger in seine Residenz eingebracht.

Und hinter ihnen, zu Pferde, an der Spitze einer glnzenden Schar von
Generalen und Obersten, die kleine, jugendlich schlanke Gestalt des
Knigs in seinem blauen Uniformrock mit den roten Aufschlgen, den
Stern auf der Brust, den Dreimaster auf dem hocherhobenen Kopf, die
wundervollen, tiefen Augen strahlend vor Siegesglck! Immer wieder
mute er, mit dem Degen salutierend, fr die begeisterten Zurufe der
Menge danken, die sich in Huldigungen nicht genug tun konnte und ihren
jugendlichen Helden strmisch feierte -- ihren alten Fritzen, wie
sie ihn schon mit dem ihm von seinen Kriegern beigelegten Ehrennamen
liebkosend nannten.

Die Menge drngte sich dicht um sein Pferd -- allen voran die
Straenjungen, die ihre Mtzen in die Luft warfen! Hoch! und Hurra!
und Vivat, Fritze! schrien sie und sangen die Melodie mit, die er
selbst gemacht hatte -- die die voranziehenden Trompeter in die Luft
hinausschmetterten, und die fortan, fr alle Zeiten, nach der schnsten
Viktorie Fritzens benannt, die Preuen zum Siege fhren sollte.

_=Hohenfriedberg=_ -- wundervolles Aufjauchzen jugendlichen
Draufgngertums -- Frhlingssieg altpreuischen Heldentums --
unwiderstehliches Aufbumen unbezwinglichen Kraftbewutseins --
unverwelklicher Ruhmeskranz aufgehender Sonne, in den kurzen Stunden
eines herrlichen Hochsommermorgens glorreich errungen! -- -- Wem
schwillt nicht die Brust, wem klopfen die Pulse nicht hher -- wer wird
nicht wieder jung bei den Gefhlen, die der bloe Klang deines stolzen
Namens in der Brust eines jeden Deutschen wachruft! -- -- Da knpfte
sich fr immer der Sieg an Preuens Fahnen -- da weihte der Herr der
Schlachten Preuens Schwert zum steten unbeugsamen Kampf ums Dasein --
da sthlte sich die Manneskraft zum Machtbewutsein -- da keimte zuerst
die Ahnung von der groen Aufgabe Preuens, zu einigen, zu reinigen, zu
befreien -- da hob sich zuerst das Banner im vollen Siegesglanz, das
einst das ganze Deutschtum zum Siege fhren sollte!

In Nacht und Nebel, in Demtigung und Niederlagen, in tiefster
Bedrngnis fremden Knechttums -- wo auch die Schicksalsschlge am
schwersten fielen -- tief im innersten Herzenswinkel bliebst du als
unentreibarer Besitz -- als kostbares Juwel! Und wo die Tne deiner
Jubelfanfaren schmetterten, da wallten wieder Siegesfahnen in den
Lften, und ihnen voran zog wieder der jugendliche Held, vorwrts zum
Kampf, und der Wille zum Sieg war wieder wach, der Furor teutonischer
Kraft unbezwingbar am Werke!

Ich will meine Machtstellung behaupten oder untergehen und alles,
selbst den Namen Preuen, mit ins Grab nehmen! -- -- Entweder ich werde
keinen einzigen Mann nach Berlin zurckfhren, oder wir werden Sieger
sein!

So schreibt nur, wer den festen Glauben an sein Glck und die
Schwungkraft seines Genies hat, die berlegenheit seiner Fhrung kennt
und den unbeugsamen Mut seiner Krieger!

Der Sieg gab ihm recht.

Und als er da am schnen Novembertag an der Spitze seiner Helden in
seines Reiches Hauptstadt einzog, wo er auch -- wie sich's schickte
-- hatte tedeumieren lassen -- da mochten seine Gedanken wieder
zurckeilen zu dem schnen Junimorgen am Striegauer Wasser, wo der
Feind, trotz dem glnzenden Patrouillenritt Zietens und der dadurch
bewirkten Wiedervereinigung des Heeres des Markgrafen Karl mit der
Hauptarmee, ihn im Rckzug auf Breslau whnte -- wo die feindlichen
Fhrer ruhig auf dem Galgenberge bei Hohenfriedberg tafelten und Fritz
wie ein losbrechendes Gewitter auf sie niedersauste, sie mit einer noch
in der Entwicklung begriffenen Schlachtordnung angriff -- erst den
rechten Flgel, dann das Zentrum, dann trotz schwierigen Flubergngen
im Kampfe auch den linken Flgel warf -- wo der in den Annalen des
Krieges einzig dastehende Ritt der Bayreuther Dragoner unter Keler
Dutzende von Bataillonen wie eine Windsbraut vor sich herfegte,
zusammenhieb und jene stolzen Siegeszeichen erbeutete, die ihm jetzt
unter den Klngen des Hohenfriedberger Marsches voranflatterten bis ans
Zeughaus, wo die Ruhmeszeichen von Fehrbellin auf sie warteten!

Dort wurde Halt geboten, zur Parade angetreten und dann die Trophen
am Knig vorbei, und von ihm, dem Hofe und der Suite gefolgt, in den
Ehrenhof eingebracht.

Vor den Fahnen nahmen die Generale und Obersten Aufstellung, allen
voran der alte Frst von Anhalt-Dessau und der bravourse Reiterfhrer
und Gnstling des Knigs, Winterfeldt.

In kurzen, kernigen Worten dankte ihnen Friedrich, wies auf die
Bedeutung des Tages hin, an dem die Trophen erbeutet wurden, und auf
den glorreichen Frieden, der mutmalich bald daraus resultieren wrde!
Und bestimmte, in welchen Kirchen die Siegeszeichen aufgehngt werden
sollten.

Dann empfing er die Gratulationen der fremden Gesandten, auch Englands,
das sich jetzt als Friedensvermittler hervortat, nachdem es sich nach
Krften bemht hatte, vorher den Brand zu schren, um auch so im trben
fischen zu knnen.

Den Gesandten Schwedens, Rudenskjld, dem er besonders zugetan war, zog
er dann in ein Gesprch, das sich zum Erstaunen der Anwesenden sehr in
die Lnge zog und, ohne Rcksicht auf Zeit und Ort und den wartenden
Hof, immer eifriger und aufgeregter wurde.

Schlielich fate ihn der Knig am Knopf seiner Weste und sagte so
laut, da alle es hren konnten:

Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen! Er hat sich
dpieren lassen! Und Sein Freund Wulffenstjerna auch!

Er lie ihn los, machte ein paar Schritte gegen das Gefolge, kehrte
dann um und sagte noch halblaut zu Rudenskld:

Ich will Ihm etwas sagen -- aber es bleibt unter uns: der Kerl, vor
dem Er mich warnt, _=tanzt heute im Ballett mit=_! Will Er in meinem
Gefolge sein, so kann Er sich die Pirouetten meines Quasimrders aus
nchster Nhe mit ansehen! Fr die politischen Nachrichten, die Er
mir gab, danke ich Ihm -- wenn auch sie nicht sehr erfreulicher Natur
waren!

Darauf wandte er sich zu den Generalen.

Messieurs! sagte er laut. Wir feiern hier Viktorien und gebrden
uns, als wre das Spiel schon gewonnen und weiter nichts zu tun, als
die Friedenstraktate auszutauschen! Das ist ein Irrtum! Den Hauptschlag
mssen wir noch fhren, schnell und mit Wucht, sollen sich unsere
Viktorien nicht in Niederlagen verwandeln! -- Wir bitten Euer Liebden,
fuhr er fort, sich an den Frsten von Anhalt-Dessau wendend, uns
sofort ins Schlo zu folgen, um mit uns und unserem Staatsminister die
zu ergreifenden Manahmen zu beraten! Messieurs --!

Und er lftete den Hut und begab sich, von der nchsten Umgebung
gefolgt, nach dem Schlo.

Die Generale und Wrdentrger sahen sich an! -- Die Mitteilungen,
die der Knig vom schwedischen Gesandten empfangen hatte, waren also
ernstester Natur! -- Und uerst dringlich -- da er ganz gegen alle
Gewohnheit eine Beratung zusammenberief! Er, der seine Plne sonst
stets selbst in grter Verschlossenheit auszuarbeiten und sie niemand
anzuvertrauen pflegte, ehe die Ausfhrung heranreifte!

Im Schlosse lie Friedrich noch vor der Tafel die beiden Herren und
auch den Generaladjutanten Winterfeldt in sein Arbeitszimmer bitten.

Zuerst trat der Alte Dessauer ein. Beim ersten Blick auf die alte,
knorrige Kerngestalt sah Friedrich, was ihm bevorstand, und bereute
fast, ihn gerufen zu haben.

Der eigenwilligste Mensch in der ganzen preuischen Armee -- ein
Querkopf und Rechthaber, auf langjhrige Diensterfahrung pochend, auf
alten, wohlerworbenen Kriegsruhm und unvergngliche Verdienste um
die preuische Armee gesttzt, neidisch auf die alles berstrahlende
Glorie des Jngeren und gekrnkt durch -- wie er fand -- unverdiente
Zurcksetzung!

Beim Vater des Knigs von allmchtigem Einflu, von Friedrich aber
sofort beim Regierungsantritt auf den rein militrischen Dienst
beschrnkt und auch da kaltgestellt -- das waren Erfahrungen, die
seines Erachtens in keinem Verhltnis zu seinen langen und treuen
Diensten standen und die den Groll immer noch wachhielten! Der Erste
Schlesische Krieg wurde unternommen, ohne ihn um Rat zu fragen oder
seine Erfahrung in Anspruch zu nehmen! Der zweite ebenso! Und erst,
als es schief ging, wurde er berufen, um alles wieder einzurenken! Und
jetzt wollte man gar seinen so lange verschmhten Rat haben! -- Auf den
Augenblick hatte er gewartet!

Er nahm stillschweigend den ihm gebotenen Sessel ein und wartete ohne
ein Zeichen der Neugier ab, welche Mitteilungen der Knig ihm machen
wrde.

Wir htten Euer Liebden gern vergnnt, nach dem langen Feldzug Dero
-=otium=- in Dessau zu pflegen! Noch vor Weihnachten werden wir aber
Euer Durchlaucht Dienste wiederum in Anspruch nehmen mssen! Wir haben
heute berraschend schlimme Kunde bekommen!

Der alte Frst rusperte sich, sagte aber nichts.

Der schwedische Botschafter berbrachte uns heute Nachrichten -- --

Da hakte der Alte Dessauer ein.

Nachrichten, Majestt, sind fr gewhnlich wie Spatzen! Sie flattern
hin, und sie flattern her und machen ein gro Geschrei! Gelingt es
aber, eine zu packen, so ist meistens nicht viel daran! Mir schien die
Jagd nach solchem Wild immer wenig lohnend!

Der Knig richtete sich auf und blickte den Redner scharf an.

Wenn wir aber trotzdem Euer Liebden dahin informieren, da Sachsen
und sterreich im Begriff sind, uns meuchlings zu berfallen und ihre
Armeen ber Nacht auf Berlin marschieren lassen werden -- --

So war das nicht ein Spatz, sondern eine fette Ente! Meines Wissens
sind wir doch in Friedensverhandlungen mit den genannten Staaten und
haben durch den Vertrag von Hannover seitens England die Zusicherung
bekommen, es wollte seinen ganzen Einflu auf die Verbndeten geltend
machen, um einen baldigen Friedensschlu herbeizufhren!

Englands Einflu ist gleich Null, seitdem der Prtendent, Karl Eduard,
in Schottland einfiel und den Knig zwang, seine hannoverschen Truppen
in England zu verwenden! Das wissen Euer Liebden ebensogut wie wir!
Wir haben heute ganz bestimmte Kunde erhalten von dem Plan Brhls, die
Armee des Prinzen von Lothringen durch Sachsen gehen zu lassen, um,
mit der schsischen Armee vereint, auf Berlin zu marschieren! Man ist
so sicher, uns zu zerschmettern, da man schon die Beute geteilt hat.
Sachsen soll Magdeburg, Halberstadt und Halle mit Umgegend erhalten --
sterreich Schlesien --

Ich wette meinen Frstenhut gegen die Sturmhaube eines Krassiers, da
das ein Ammenmrchen ist!

Friedrich sah ihn scharf an.

Wir glaubten unseren Feldmarschall -- unseren lieben Vetter, des
Frsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht, vor uns zu haben, zu ernster
Beratung mit uns befohlen, und gekommen, um von uns ein Kommando zu
empfangen! Euer Liebden aber scheinen zu glauben in die Zeiten des
Tabakskollegiums zurckversetzt zu sein!

Der Verweis wirkte. Der alte Herr wurde glutrot und zupfte heftig an
seinem Schnurrbart.

In dem Augenblick trat Podewils ein, entnahm seiner Mappe einige Briefe
und reichte sie dem Knig.

Der Knig entfaltete sie und gab sie dem Frsten von Anhalt.

Da haben Euer Liebden die Beweise! Aus den Briefen geht hervor,
da General Grnne bereits nach zwei Tagen mit seinem Korps zu Gera
eintrifft, um bei Leipzig zu den Sachsen zu stoen. Auch, da die
Sachsen bereits in der Lausitz Magazine errichten fr die Armee des
Prinzen von Lothringen. Alles, whrend man mit uns verhandelt, damit
wir mglichst lange unttig bleiben!

Der Frst von Anhalt legte die Briefe wieder hin.

Ich halte trotz dieser Briefe auch jetzt noch das Ganze nur fr
einen Schreckschu, um die Verhandlungen gnstig zu beeinflussen und
von Eurer Majestt bessere Bedingungen zu erlangen! Man soll nicht
leichtglubig alles fr bare Mnze nehmen. Brhl fhlt sich beleidigt
durch die scharfe Abfuhr, die ihm in dem Manifest Eurer Majestt zuteil
wurde! Aber es wre doch widernatrlich, wenn er -- ein geborener
Sachse -- blo aus Rachsucht und bermut vier Armeen in Sachsen
einziehen liee und so das Land dem Untergang preisgbe!

Podewils! rief der Knig.

Ich gestatte mir ganz gehorsamst, der Ansicht des Frsten von Anhalt
Durchlaucht beizupflichten! beeilte sich Podewils einzuwerfen. Graf
Brhl ist nicht der Mann, ein so keckes Unternehmen ins Werk zu
setzen!

Podewils denkt, alle anderen Minister mssen ebenso ngstlich sein
wie er! rief Friedrich rgerlich. Wir aber entnehmen dieser schnen
Beratung die Lehre, uns nie wieder mit einer derartigen, gnzlich
berflssigen Aktion zu behelligen! Wir wollten Eure Ansichten hren
_=ber die Manahmen=_, die jetzt so schnell wie mglich ergriffen
werden sollen, um dem Unheil zuvorzukommen! Und mssen uns von langen
und unntzen Errterungen aufhalten lassen, ob die Tatsachen, die
_=wir=_ bereits als solche anerkannt haben, _=auch wirklich wahr=_
sind! Das war unser Wunsch nicht! Wir schlieen solche Beratung auf
der Stelle und verordnen und befehlen: Er, Podewils, soll sofort
Depeschen an die auswrtigen Hfe abfertigen, worinnen die Anschlge
Sachsens und unser Entschlu, denen zuvorzukommen, mitgeteilt werden.
Des Frsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht befehlen wir, das Kommando
ber unser bei Halle zusammengezogenes Heer zu bernehmen! Noch heute
reisen Eure Durchlaucht ab, um fr dessen Unterhalt Sorge zu tragen
und sofort gegen Leipzig und Torgau zu operieren. Winterfeldt kehrt
unverzglich zur schlesischen Armee zurck, die sich an der Grenze der
Lausitz zusammenzieht und bereit hlt! -- Wir selbst nehmen dort den
Oberbefehl! Hat Er noch etwas da? wandte er sich an Podewils, der noch
in seiner Mappe kramte.

Eine Mitteilung des russischen Gesandten: die Kaiserin, seine erhabene
Souvernin, liee die Hoffnung aussprechen, Eure Majestt wollten davon
Abstand nehmen, Sachsen anzugreifen -- weil ihre Allianz mit dem Knig
von Polen sie verpflichte, fr diesen Fall Hilfstruppen zu senden!

Das soll sie ruhig tun! rief Friedrich. Ihrer Majestt ist zu
erwidern, wir wollten gern mit allen Nachbarn in Frieden leben! Wenn
wir aber angegriffen werden, wie jetzt, soll uns keine Macht auf
Erden -- auch nicht die ihrer russischen Majestt -- hindern, uns zu
verteidigen und unsere Feinde zusammenzuhauen! Messieurs, Ihr habt
Eure Ordres!

Er lftete seinen Hut. Der Frst von Anhalt und der General von
Winterfeldt salutierten militrisch und gingen. Podewils sammelte seine
Papiere und folgte ihnen.

Friedrich rief den Kammerdiener, fragte, ob der Intendant der Oper
drauen warte, und befahl, ihn hereinzufhren.

Wir haben, rief er, als der Baron Sweerts eintrat, heute eine
Surprise fr die Barberina bereit -- Er mu uns damit helfen! -- Sie
ist als Galathe langweilig! Wir haben daher einen neuen Partner fr
sie kommen lassen, der den Lany als Pygmalion remplacieren soll --
den berhmten italienischen Tnzer Fossano! Er ist heute aus Dresden
angekommen und befindet sich im Hause des schwedischen Gesandten
Rudenskjld, bereit, uns zu Diensten zu sein. Nebenbei hat er den
Auftrag, uns zu ermorden, setzte er geheimnisvoll flsternd hinzu.
Erschrecke Er nicht und verrate er dies groe Geheimnis niemand --
am allerwenigsten der Polizei, damit uns _=wirklich=_ kein Unheil
passiert! -- Stelle Er nur -- Scherzes halber -- rechts und links
von der Bhne je einen -=sergeant d'armes=- hin! Die sollen auf ihn
achtgeben! Aber keinen Ton davon verraten, da er tanzen wird, lieber
Sweerts! -- Lany darf, bei Strafe meiner Ungnade, nichts sagen! --
Der neue Tnzer wird ohne Aufhebens ins Theater gefhrt und in seiner
Rolle instruiert! -- Barberina vor allem darf nichts ahnen! Hre Er --
bei seinem Kopf -- ehe sie als Statue dasteht, darf sie von dem Tausch
nichts wissen! Der Coup darf nicht milingen! Wir freuen uns schon auf
ihr Erwachen! Gehe Er, lieber Sweerts, besorge Er mir das prompt, und
Er kann auf meine Gewogenheit rechnen!

Der Intendant ging, und der Knig befahl, das Diner servieren zu
lassen.

Ich zwinge die Canaille noch! sagte er halblaut auf dem Wege nach
dem Speisesaal. Ich reie ihr durch den Coup die Maske vom Gesicht!
-- Ihre Seele will ich nackt und unverhllt vor mir sehen! Ich will
wissen, wer sie ist! Dann vielleicht revidieren wir noch unsere
Ansichten ber die Damens!

Er lachte laut auf bei dem Gedanken daran, da Brhl, ahnungslos,
gerade _=seinen eigenen Spion=_ als Spion gegen ihn engagiert und
hergesandt hatte! Und gar noch -- als Werkzeug seiner persnlichen
Rache!

Zu plump! sagte er halblaut und ging in der Erinnerung noch die
Erzhlung Rudenskjlds durch. Bei der Spielpartie im Hause Brhls,
unter der Nachwirkung eines lukullischen Diners, hatte Brhl mit
seinem berlegenen diplomatischen Geschick glnzen wollen und seinem
Freunde, dem schwedischen Gesandten, gegenber einige uerungen von
dem geplanten berfall auf Preuen fallen lassen -- auch von den vielen
-- glcklichen oder unglcklichen -- Zufllen, die die Geschicke der
Vlker ber Nacht verndern knnten -- wie zum Beispiel neulich das
am Anfang des Jahres erfolgte Hinscheiden des Kaisers! -- -- Auch
andere Potentaten sind sterblich! hatte er hinzugefgt, rasch aber
das Gesprch unterbrochen. Wulffenstjerna hatte sofort den Eindruck
gehabt, da etwas gegen die Person des Knigs von Preuen geplant
sei, und lie die Bemerkung fallen, das pltzliche Verschwinden solch
eines hervorragenden Frsten, wie Friedrichs, wre noch geeigneter,
das Gesicht Europas grndlich zu verndern! Brhl hatte das Spiel
unterbrochen, ihn lange angesehen und dann bedeutungsvoll gesagt: Auch
Schweden htte seinen Vorteil davon, da es schon so viele Provinzen an
Brandenburg verloren hat! und Trumpf-As ausgespielt. Am folgenden Tage
wre dann Fossano bei Wulffenstjerna aufgetaucht, als sei er geschickt,
und htte ihm mitgeteilt, er wre zum Gastspiel in der Berliner Oper
befohlen! Der Graf Brhl htte ihm den Urlaub von der Dresdener Oper
verschafft und ihm auch besondere Auftrge gegeben! Der schwedische
Botschafter mge ihm nur auch in Berlin seine Protektion leihen und fr
seine Sicherheit sorgen! -- Wulffenstjerna hatte getan, als verstnde
er Halbausgesprochenes, und ihm Empfehlungen an den schwedischen
Gesandten in Berlin mitgegeben und diesem noch im geheimen von seinem
Verdacht geschrieben, mit der Bitte, den Knig zu warnen! -- So weit
Rudenskjlds Erzhlung heute im Zeughause.

Friedrich blieb stehen.

Wir selbst haben den Mann beauftragt, in Dresden so zu tun, als ob
er uns wegen der Barberina tdlich hasse! Er wird seine Rolle gut
gespielt haben, wenn er das Vertrauen Brhls dermaen gewonnen hat!
Wulffenstjerna hat sich auch von der Komdie dpieren lassen, obwohl
er ihn selbst bei Brhl eingefhrt hat! Brhl wird nicht so dumm sein,
derartige Anschlge gegen uns zu versuchen!

Er sann einen Augenblick nach.

Als unser Spion htte _=er selbst=_ uns sofort Mitteilung von der
Sache machen mssen! Er hat aber nichts gesagt! Entweder -- und das
wird wohl die Wahrheit sein -- existiert kein Anschlag! Oder -- er
hat's bernommen, uns den Streich zu spielen, und schweigt deshalb!
Aber warum? Geld bekommt er auch von uns! Sollte der Kerl uns die Ehre
antun -- auf uns -=jaloux=- zu sein?! -- Nun -- um so temperamentvoller
wird er tanzen!

Er trat in den Speisesaal, wo die befohlenen Gste warteten, und a und
trank mit gutem Appetit, scherzte und war guter Laune wie immer, wenn
sein Entschlu gefat war und er Groes vorhatte.

Am Abend sa er allein in seiner Loge in der Oper.

Er htte viel darum gegeben, heute Jordan da zu haben, mit dem er so
oft das Thema Weib, insbesondere das Problem Barberina, diskutiert
hatte. Aber Jordan war whrend des vergangenen Feldzuges pltzlich
gestorben, Freund Keyserlingk war ihm einige Monate spter in den Tod
gefolgt! -- Der jhe Verlust seiner beiden intimsten Jugendfreunde
hatte Friedrich verschlossen gemacht. Unter all den anderen war
niemand, der ihm so nahegekommen wre, um tief in sein Innerstes
hineinblicken zu drfen! Keiner, der, wie die zwei, ihm helfen durfte,
den Lebensrtseln, von der Geburt der ersten Idee an, nachzugehen und
sie gestalten zu helfen! Das mute er fortan allein tun! Und dazu war
er geschaffen! Heute aber regte sich nochmals die Sehnsucht danach, ein
anderes menschliches Wesen zu finden, eine Seele, der seinen gleich an
Tiefe, Empfnglichkeit und fruchtbarer Triebkraft -- regte sich zum
letzten Male mit voller Gewalt! Die Welt wrde er aus den Angeln heben
knnen, wenn er das fnde!

Der Vorhang hob sich.

Auf dem Postament in der Werkstatt Pygmalions erhob sich sein
Meisterwerk, seine Galathe, im vollen Glanz jugendlicher Schnheit --
in einer Anmut der Linien und einer Weichheit der Formengebung, wie sie
in der Kunst nur ganz selten und im Leben kaum jemals -- auer dieses
eine Mal -- gesehen wurde!

Blulichgrnes Licht gab dem Krper die Frbung des Steins.

Pygmalion stand in seliger Verzckung vor seinem vollendeten Werk.
Mit aller Inbrunst der Liebe hatte er daran geschaffen, seinen ganzen
Drang, seine Sehnsucht nach Erhrung mitschaffen lassen, in dem holden
Wahn, da es ihm gelingen wrde, der erschaffenen Gestalt noch den
belebenden Funken einzuhauchen! Er zndet Rucherwerk an, opfert der
Gttin Venus Rosen, fleht sie an, ihm Erhrung zu schenken und ein
Wunder geschehen zu lassen.

Und das Wunder vollzieht sich. Auf rosigen Wolken schwebt die Gttin
der Liebe herab. Auf ein Zeichen ihrer Hand erhebt Amor die Fackel,
schwingt sie ber die Statue -- der ganze Raum strahlt in goldig warmem
Licht, das die steinerne Gestalt mit der Glut des Lebens berflutet
-- sie erhebt die Arme, ffnet die Augen, erblickt ihren Schpfer --
zieht, mechanisch, die herabgeglittene Hlle um den entblten Leib,
gleitet vom Postament und steht vor ihm, die Arme halb geffnet, die
Blicke erstaunt, fragend -- das Lcheln voll der sesten Verheiung,
bereit, in seine Arme zu sinken, um fr das empfangene Leben zu danken
-- --

So weit entwickelte sich das Drama folgerichtig wie immer! Da geschah
das Unerwartete -- das was Friedrich herbeifhren wollte -- und
versetzte den ganzen Zuschauerraum in die grte Aufregung!

Die Barberina hatte, wie immer, ihre Rolle mit dem uersten
Raffinement der Bewegung -- aber ohne jede innere Teilnahme ausgefhrt.
Sie hate diese Aufgabe! Sie htte sie mit der ganzen Glut ihrer Seele
lsen knnen! Aber ihr ganzes Empfinden lehnte sich dagegen auf,
_=auf Befehl=_ eines Mannes, und sei's eines Knigs, Empfindungen
_=darzustellen=_, die sie gern und freiwillig gegeben htte, wenn er
ihr mit Gleichem entgegengekommen wre -- statt sie, wie stets, durch
eine fortgesetzte Kette von Demtigungen auf ein niedrigeres, ihm
untergeordnetes Niveau hinabzudrcken!

Dazu kam ein Gegenspieler, der ihr widerwrtig war -- trotz allem Glanz
des Auftretens und aller Virtuositt des Knnens! Eine ganz uerliche,
eitle, von ihrer eigenen Vollkommenheit beraus eingenommene Natur --
ihr auch als Mann zuwider!

Ekel und Abscheu war alles, was sie empfand, als sie auf dem Postament
stand und er um sie herumhantierte, ihr seine Verliebtheit mit leeren
Gesten und ausgedrrter Phantasie vormimte! Sie war froh, solange sie
noch die Lider geschlossen halten konnte, denn sie wute -- sobald
sie sie auftte, um ihn anzublicken, wrde in ihr nichts mitsprechen!
Ebenso leer und nichtssagend wie in ihm wrde es in ihrem Innern
aussehen, weil er ihr nicht die Wrme entgegenbrachte, die ihre Seele
zum Mitschwingen geschwungen htte!

Ein ebenso leeres Theater wie er wrde sie denn auch machen und die
Besttigung des Milingens den kalten Blicken aus der kniglichen Loge
entnehmen knnen.

Heute, wie immer, empfand sie es so; sie tat auf das Stichwort ihre
Augen auf, ihre Blicke irrten, suchend, ihrem Schpfer entgegen und
fanden statt Lany -- _=Fossano=_!

Sie mute sich Gewalt antun, um nicht laut aufzuschreien!

Ihr ganzes Leben, vom Augenblick ihrer ersten Begegnung mit ihm an bis
jetzt, zog mit Blitzesschnelle durch ihr Gehirn!

Sie sah ihn vor sich, wie er ihr mit der Kunst feinster Menschlichkeit
den Ausblick in das Hchste und Erstrebenswerteste ffnete --
hrte noch die einschmeichelnden Worte, die betrenden Tne seiner
Stimme, deren bloer Klang sie in einen derartigen Rausch der ersten
berschwenglichen Begeisterung versetzt hatte, da ihre Seele, keusch
und unberhrt, sich zum erstenmal auftat, aber nur, um statt dem
erhofften Himmelslicht -- der Glut der Hlle Einla zu geben, die ihr
alles Zarte, Duftige versengen und die Keime der hchsten Entwicklung
verdorren machen sollte!

Der Spender des ersten Lebens -- und _=dessen Ruber=_ war er, der
ihrem unberhrten Sinn zuerst und fr immer sein Siegel aufgedrckt
und sie sich hrig gemacht hatte, da sie keinen anderen -- sei's dem
Herzensgeliebten, sei's dem alles berragenden Genius des groen Knigs
-- etwas anderes bedeuten konnte -- als _=das=_, wozu dieser Mensch sie
gemacht hatte!

Wre er nicht gewesen; wre einer von jenen ihr mit derselben Macht
genialen Schpfertums genaht -- wie anders htte sich ihr Leben
gestaltet -- zu welchen Hhen htte nicht ihr Genius an solcher Hand
schreiten knnen!

Das alles strmte auf sie ein, mit einer Gewalt, als msse sie jh
zerspringen, und spiegelte sich in tausend schillernden Reflexen auf
ihrem Antlitz wider. Entsetzen, Angst, Enttuschung, Bitterkeit,
Rachsucht und bodenloser Ha loderten ihm aus ihren Blicken entgegen,
so da er erschreckt wurde von jenem eruptiven Aufflammen der
geknechteten Leidenschaft. Er wich zurck und sah sich nach einer
Zuflucht um.

Einen Augenblick stand sie so entflammt, in voller Raserei, keuchend,
die Hnde gegen den Busen gepret! Dann strzte sie mit erhobenen
Hnden auf ihn zu, wie um ihn in Stcke zu reien -- ein paar Schritte
nur -- und dann fiel sie wie vom Blitz getroffen nieder -- und lag ihm
leblos zu Fen!

Starr vor Entsetzen stand er da, ohne zu begreifen, ohne eine Bewegung
machen zu knnen, um ihr zu helfen.

Da strzte aus der, der kniglichen gegenbergelegenen Proszeniumsloge
ein junger Mann auf die Bhne, nahm sie auf seine Arme und trug sie in
die Kulisse hinaus!

Der Vorhang fiel rasch, die Musik hrte auf, ein aufgeregtes
Stimmengewirr erhob sich im Zuschauerraum!

In seiner Loge sa Friedrich, in seinen Sessel zurckgelehnt, die Hand
vor den Augen.

Er hatte alles gesehen, alles miterlebt -- in den kurzen Minuten ein
ganzes Menschenschicksal vor sich ablaufen sehen, und er wute jetzt
Bescheid!

_=Ein=_ Weib nur wie die anderen -- _=eine mehr=_, aber nicht _=das=_
Weib! Sie hatte das Zeug dazu, wie wenige von all denen, die er gekannt
hatte! Und weil sie es voll und ganz hatte -- deshalb war sie ihm voll
und ganz verlorengegangen! Denn der erste, der sich ihr genaht und sie
mit dem Leben gerufen hatte, _=war der Unrechte=_ gewesen -- der nicht
fr sie Bestimmte -- aber von der gleich genialen Kraft, sie voll in
Besitz zu nehmen! Und deshalb konnte sie nie einem anderen das sein,
was sie ihm sonst htte werden knnen -- _=auch nicht dem Rechten=_ --
sei er Bettler oder Knig!

Er -- der Knig -- hatte sie heute zum vollen Bewutsein ihres
verlorenen Paradieses geweckt! Er hatte ihren Schpfungsakt da
fortgesetzt, wo sein Vorgnger, Fossano, aufgehrt hatte! Der Ha,
der gegen jenen so jh zum Ausbruch gekommen war, wrde beim Erwachen
lebendig bleiben und sich gegen _=ihn=_ richten, der ihr die letzte
Hlle von der Seele gerissen hatte!

Sie wird sich rgern, den verhaten Kerl vor sich zu sehen! hatte er
gedacht, als er ins Theater fuhr. Taugt sie etwas, dann wird sie wohl
fhlen, da der Streich von mir kommt und dem Scherz mit gutem Humor
begegnen! Sonst taugt sie eben nichts -- und kann mir nichts sein!

Sie taugte eben nichts! Das wute er jetzt! Ihre Leidenschaft hatte ihn
in ihrem gewaltsamen Aufbrausen frappiert! Aber etwas anderes als Ha
wrde sie ihm nicht entgegenbringen knnen!

Er ging in den kleinen Salon hinaus. Da erwartete ihn der Intendant,
Baron Sweerts, um, falls es erwnscht wre, die ntigen Aufklrungen zu
geben.

Friedrich sah ihn kalt an.

Die Geschichte haben wir jetzt satt! Es gelingt uns nicht, aus dieser
Pantomime das herauszubekommen, was wir gewollt haben! Jedesmal
kommt etwas anderes heraus! Die Dame fhlt ihre Ohnmacht der Aufgabe
gegenber! Das ist ihr auf die Nieren gegangen! Sie hat sich heute
gar zu sehr alteriert! Wir entbinden sie davon, weiter in der Rolle
aufzutreten, und befehlen, den Pygmalion vom Spielplan abzusetzen! --
Apropos -- Knobelsdorff braucht einige Panneaus fr unser neues Haus!
Schaffe Er den ganzen Appareil in das Atelier Pesnes! Der kann uns die
Geschichte malen! Die Dame soll ihm dafr posieren! Aufzutreten braucht
sie dann nicht mehr als Galathe!

Der Intendant verbeugte sich und fragte den Knig, ob er den fremden
Tnzer zu sehen wnsche?

La Er ihn kommen!

Fossano wurde vorgelassen. Er war noch bla von der Aufregung und
auerstande zu sprechen, aber auch unfhig, sich die gebhrende
Selbstbeherrschung aufzuerlegen. Er begriff die Situation voll und
ganz, und da er nur das Werkzeug in der Hand eines greren Meisters
gewesen war. Sein Selbstgefhl bumte sich auf; aus seinen Blicken
loderte etwas wie Wut.

Friedrich sah es, schenkte dem aber keine Beachtung. Er wute aber
jetzt auch, woran er mit ihm -- in jeder Beziehung war, und was zu
geschehen hatte.

Mein Kompliment, -=monsieur=- -- Er hat seine Sache gut gemacht --
fast zu gut! Die Galathes sind zerbrechliche Dinger und knnen's nicht
vertragen, wenn das Leben zu ungestm auf sie einstrmt! Da tut eine
behutsame Hand not! Er hat aber einen schnen Eifer gezeigt! Auch in
_=der anderen Aufgabe=_, die wir Ihm in Dresden gaben! Aber auch da
viel zu gut! Wir befahlen Ihm, sich da als unser Feind aufzuspielen!
-- Sein Spiel hat andere verfhrt, hat aber -- wie mir scheint -- auch
Ihn selbst zu sehr hingerissen! Da kann aus dem Spiel nur zu leicht
Ernst werden! Und das wre gefhrlich -- fr Ihn! Wir wollen Ihn davor
bewahren, wollen Ihn davor schtzen -- _=uns zu nahe zu kommen=_! Geh
Er -- warte Er drauen unsere weiteren Befehle ab!

Fossano verbeugte sich und ging.

Der Mann ist sofort auf acht Tage nach Spandau zu senden! sagte
Friedrich dann zum Intendanten. Direkt von der Oper aus! Wenn wir im
Felde sind, zahle Er ihm dreihundert Taler aus und schicke ihn unter
sicherer Bewachung ber die Grenze!

Zu Befehl!

Wer war's, der die Dame Barberina von der Bhne trug?

Der Sohn des Grokanzlers, der Geheime Rat Cocceji!

Dem Geheimen Rat ist zu bedeuten, da er sich in die Angelegenheiten
unserer Oper nicht zu melieren hat! Auf unserer Bhne haben nur unsere
Komdianten zu agieren, unsere Geheimen Rte nicht! -- Gute Nacht,
lieber Sweerts! Er braucht uns nicht an den Wagen zu geleiten!




22


In seinem Schlafzimmer in Sanssouci sa der Knig am Schreibtisch.
Er war allein. Die Morgenarbeit war beendigt, die Post erledigt, die
tglichen Empfnge desgleichen.

Die Vorhnge des Alkovens hinter der Balustrade waren zugezogen.
Durch die hohen, bis zum Fuboden reichenden Fenster fiel grell die
Frhlingssonne und zeichnete die Konturen der Fensterrahmen auf den
Teppich. Die Tr nach der Terrasse stand offen und lie die Dfte der
Grten und das betubende Vogelgezwitscher herein. Die Schritte des
Wachtpostens drauen auf der Terrasse knarrten auf dem Kies, verloren
sich in der Ferne und kamen wieder nher, mit der Regelmigkeit eines
Uhrwerks.

Auf dem Tisch vor dem Knig lag ein Brief, den er bei der Erledigung
der Post weder geffnet noch fortgeworfen hatte. Die Schrift war ihm
wohlbekannt, der Inhalt sicherlich nicht geeignet, ihn in gute Laune
zu versetzen. Er nahm ihn, drehte ihn um, besah wieder genau Schrift
und Siegel und warf ihn wieder hin. Stand dann auf, pfiff den Hunden
und ging in die nach Norden gelegene lange Bildergalerie, um das Modell
eines Denkmals, das er dem Andenken des Alten Dessauers errichten
wollte, zu besichtigen.

Er ging ein paarmal hin und her durch den langen, schmalen Raum,
besah sich einige neugekaufte franzsische Gemlde und die antiken
Skulpturen, die er mit groen Kosten angeschafft hatte.

Schlielich blieb er vor dem Modell des Denkmals stehen, das man an
einem Fenster aufgestellt hatte. Er schttelte den Kopf.

Gut gemacht! -- Aber der alte Trotzkopf war das nicht, dessen
Widerborstigkeit ihm im letzten Kriege mehr Mhe gemacht hatte als die
sterreicher und die Sachsen!

Er hatte seine liebe Not mit ihm gehabt!

War der alte Herr bei den Beratungen schwierig gewesen, so hatte er
sich in der Ausfhrung der ihm gegebenen Ordres ebenso saumselig wie
eigensinnig gezeigt. Er wollte alles besser wissen als sein junger Herr
und Gebieter und gefhrdete geradezu den ganzen Feldzug!

Da half nur eins: seine Eigenliebe in rcksichtslosester Weise zu
kitzeln!

Ich kann nicht leugnen, hatte Friedrich ihm schreiben mssen, da
ich gar bel von Ihro Durchlaucht Manvres zufrieden bin! Sie gehen so
langsam, als wenn Sie sich vorgenommen htten, mich aus meiner Avantage
zu setzen. Weil diese Sachen ernsthaft sind, so rate ich Ihnen, solche
mit mehr Vigeur zu tractieren, meine Ordres ponctueller zu executieren,
sonsten ich mir gezwungen sehe, zu Extremitten zu schreiten, die ich
gern evitieren wollte!

Das brachte den alten Haudegen ganz aus der Haut! Er zog vom Leder und
hieb los, als glte es, nicht nur die Sachsen, sondern auch Himmel und
Hlle in die Pfanne zu hauen. In solcher Berserkerwut, wie er war,
schien ihm nicht einmal der Herr der himmlischen Heerscharen geheuer!
-- Besser, _=der=_ hlt sich neutral! dachte er und rief ihm vor
Beginn der Schlacht laut die Parole zu: Hilf mir heute -- und tust
du's nicht, so hilf auch nicht dem Feind, dem Schurken, sondern _=sieh
zu, wie's kommt=_!

Und dann schlug er seinen Schlag mit Wucht, erfocht bei Kesselsdorf den
grten und schnsten Sieg seines Lebens und gewann seinem Knig den
Feldzug!

Jetzt war er lngst ins Jenseits alles Heldentums eingezogen und sollte
fr seine Heldentat sein Denkmal haben. Aber -- und das hatte sich
Fritz vorgenommen -- auch fr seinen Eigensinn!

Der Bildhauer taugt nichts! entschied Friedrich und kehrte dem
Denkmal den Rcken. Um den Querkopf richtig zu treffen, mte er so
viele Renkontres mit ihm gehabt haben wie wir!

Er ging in das Schlafzimmer zurck, nahm den Brief vom Tisch und begab
sich dann in die danebenliegende kreisrunde Bibliothek, setzte sich
in das Sofa hinter dem Schreibtisch und lie die Blicke durch das
gegenberliegende Fenster schweifen. Vom Fenster gerade hinaus streckte
sich eine von Schlingpflanzen berwucherte Pergola mit einem durch
die Sonne grell beleuchteten Rondell abschlieend, dessen Mitte ein
betender Knabe in Bronze einnahm.

Eine Weile sa der Knig da, die Ruhe und die absolute Stille
genieend. Die endlose Perspektive, in die er hineinblickte, wirkte
hypnotisierend auf ihn. Die hin und her wogenden Gedanken legten sich
zur Ruhe. Der vom Sonnenschein beleuchtete dunkle Krper des bronzenen
Adoranten mit den nach oben gerichteten Blicken und Hnden zwang
mechanisch auch das Sehnen und Trachten des Beschauers mit hinauf zur
Quelle des Lebens! Licht, Klarheit, Wrme brauchte auch er -- wie alles
Lebende -- und Anregung von auen, um den Geist geschmeidig zu erhalten
und ihn fhig zu machen, selbst zu geben.

Er war aber allein. Von Freunden umgeben, die nur von ihm empfingen,
aber ihm wenig zu geben hatten, auer hfischer Schmeichelei und leerem
Adorantentum! Der eine, der ihm an Geist gleichkam, an dem er deshalb
mit begeisterter Hingabe hing, war nicht zu bewegen, zu ihm zu kommen!
Eine Einladung nach der anderen hatte er an Voltaire geschickt. Aber
dieser fand von seiner Egeria in Cirey nicht fort und verschob sein
Kommen unter allerlei Ausreden. Er stellte auch Bedingungen materieller
Natur, die Friedrich brigens anstandslos bewilligte. Geld, Orden,
Hofamt -- alles wurde ihm zugesagt. Aber -- er machte sich trotzdem rar
und war unerschpflich in Ausreden! So mute auch die bevorstehende
Niederkunft der Marquise du Chtelet zu dem Zweck herhalten.

Friedrich schrieb ihm: Sie sind keine Hebamme, also kann die Marquise
ihre Niederkunft ohne Sie abhalten! -- Und dann: Wahrscheinlich
befiehlt Ihnen Apollon, als Gott der Medizin bei der Niederkunft
der Marquise zugegen zu sein. Und: Da Madame du Chtelet Bcher
verfertigt, so wird sie aus Zerstreutheit niederkommen. Sagen Sie ihr,
da sie sich etwas beeilt, denn ich mu Sie bald sehen. Ich fhle, da
ich Ihrer sehr bedarf, und da Sie mir groen Beistand leisten werden!

Nichts half. Voltaire blieb, bis das groe Ereignis, an dem er,
nebenbei gesagt, keinerlei persnliche Schuld hatte, eingetreten
war. Und als die Dame seines Herzens jh daran starb, kam er wieder
nicht, sondern richtete sich in Paris huslich ein, nach der Gnade der
Pompadour schielend und von ihrer Protektion mehr erhoffend als von der
des Knigs von Preuen.

Da griff Friedrich zu seiner alten, bewhrten Methode, die er
seinerzeit beim Alten Dessauer so erfolgreich erprobt hatte, und packte
Voltaire bei der Eitelkeit!

Er sandte nicht ihm, sondern einem jungen, ihm von Voltaire als
Sekretr empfohlenen Dichter eine Einladung nach Berlin, nebst einem
Gedicht, worin er Voltaire als die untergehende -- _=ihn=_ aber als
eine aufgehende Sonne bezeichnete. Das half!

Voltaire, grn vor Eifersucht und Wut, machte endlich Ernst. Heute
war ein Brief von ihm eingegangen, worin er seine Bereitwilligkeit
aussprach, sofort nach Potsdam zu kommen, wenn der Knig ihm noch
viertausend Taler, die er unumgnglich zur Reise bentige, schicken
wollte.

Friedrich hatte nichts anderes von ihm erwartet, konnte aber nicht
umhin, ihn zu verspotten.

Er nahm den Gnsekiel und schrieb -- wie sich's fr einen Jnger Apolls
gebhrte -- die Antwort in Versen:

  Fr eine wunderschne Jungfrau,
  Die seine wilden Sinne reizte,
  Verstand es Jupiter, mit Wrde
  Aus reicher Hand zu schenken!
  Da regnet's Gold, das magisch wirkt

         *       *       *       *       *

  Auf dich soll auch ein goldner Regen strmen,
  Wie einst auf Danae -- -- -- -- --

Aber, da der Herr Mettra einen Wechsel in Versen zurckweisen knnte,
so lasse ich einen frmlichen durch seinen Korrespondenten abgehen;
derselbe wird mehr ausrichten als mein Geschwtz. Sie gleichen dem
Horaz; Sie vereinen gern das Ntzliche mit dem Angenehmen. Ich bin der
Meinung, da man das Vergngen nicht hoch genug bezahlen kann, und ich
glaube einen sehr vorteilhaften Handel zu schlieen. Ich bezahle eine
Mark Geist nach Verhltnis wie der Wechsel steigt.

Dies und noch mehr schrieb er, faltete den Brief zusammen und
versiegelte ihn eigenhndig.

Dabei fiel ihm der am Morgen eingegangene, ungeffnete Brief, der noch
dalag, wieder in die Hand. Ungeduldig ri er ihn auf und entfaltete
ihn.

Der Brief war unterzeichnet: Barberina von Cocceji und enthielt einen
Appell an die Gnade und die vterliche Gte des Knigs und die Bitte
an ihn, befehlen zu wollen, da alle Verfolgungen wegen ihrer Heirat
eingestellt werden mchten. Nebenbei auch die Mitteilung, da sie bald
den Staaten Seiner Majestt einen Untertan zu schenken hoffte!

Der Brief stellte den vorlufigen Abschlu eines Romans dar, der
mit der Vorstellung in der Oper angefangen hatte, wo der von seiner
Leidenschaft hingerissene junge Cocceji auf die Bhne strzte und
die Ohnmchtige forttrug. -- Ein Roman, der dem Knig viel rger und
Verdru einbrachte und ihm, da er nicht umhin konnte, ttig in ihn
einzugreifen, auch die Erkenntnis gab, wo die Grenze seiner Macht lag.

Die Leidenschaft des jungen Cocceji war unbezwinglich. Ebenso der
Eigensinn Barberinas, die sich vorgenommen hatte, in der Gesellschaft
Berlins eine Rolle zu spielen, und, da sie nicht die Erste sein konnte,
wenigstens an zweiter Stelle, als Schwiegertochter des Grokanzlers,
glnzen wollte!

Der Knig hatte nichts unversucht gelassen, um die Heirat zu
hintertreiben. Er entlie die perfide und verfhrerische Kreatur
sofort ihres Dienstes und bedeutete ihr, da sie wohl daran tun
wrde, seine Lande zu quittieren, da sie durch ihre Conduite sich
seiner Protektion ganz unwrdig gemacht htte! Um zu verhindern,
da der liebestolle junge Cocceji ihr auer Landes folgte, um sie zu
heiraten, befahl Friedrich gleichzeitig dem Kommandanten von Berlin,
den gedachten jungen Cocceji unter gute Aufsicht zu nehmen, um
seinen wrdigen Eltern dergleichen Chagrin und seiner Familie sothane
Prostitution zu ersparen -- ihn ntigenfalls zu arretieren und
wohlverwahrt zu halten, damit er nicht echappieren oder einigen
Connex mit der Barberina haben knnte! Das sollte so lange dauern, bis
der junge Herr sein ohnvernnftiges Betragen erkenne oder sich der
ihm so sehr unanstndigen Passion entschlagen haben wrde!

Ein wenig spielte wohl das Rachegefhl dem bevorzugten Nebenbuhler
gegenber mit sowie die Freude, dies Gefhl mit einem Schein von Recht,
wegen der Rcksicht auf die wrdigen Eltern, unter Zuhilfenahme der
kniglichen Gewalt befriedigen zu knnen.

Wer verliebt ist, ist nicht der Mann, darin ein ohnvernnftiges
Betragen zu erkennen.

Gedachter junger Cocceji wurde also gantz in der Stille arretiert
und weggebracht und mute anderthalb Jahre als unfreiwilliger Gast auf
einem der entlegensten kniglichen Schlsser verbringen.

Als er endlich freikam, quittierte er fr die knigliche
Gastfreundschaft dadurch, da er Barberina, die inzwischen von einem
lngeren Ausflug nach England zurckgekehrt war, aufsuchte und sich
sofort mit ihr trauen lie.

Jetzt lag als Abschlu der jahrelangen Kampagne der Brief Barberinas da
vor dem Knig auf dem Tische und teilte ihm die Tatsache mit, sowie,
da sein eifrigster und lngster Feldzug auf dem amoursen Gebiet mit
einer Niederlage geendigt hatte.

Wird nicht beantwortet! sagte er halblaut und warf den Brief hin.
Unterfngt sie sich, gegen meinen Willen zu tun, so wird eben der
Generalfiskal scharf mit ihr verfahren!

Er klingelte und befahl den Hoftresorier vorzulassen.

Fredersdorff kam. Der Knig bergab ihm den Brief an Voltaire.

Sofort zu bestellen! befahl er. Du sollst ihm einen Wechsel ber
viertausend Taler senden! Der Herr de Voltaire tritt jetzo in unsere
Dienste! Du sollst ihm aus unserer Privatschatulle ein Jahresgehalt von
fnftausend Talern bereit halten! Er wird im Schlosse wohnen, freie
Tafel, Dienerschaft, Equipage und alles ntige haben! Das Patent als
Kammerherr und Ritter des Ordens -=Pour le mrite=- nimmst du fr ihn
in Empfang! Er bekommt die Auszeichnungen erst, wenn er hier ist! --
Folge mir in den Garten, da knnen wir das Weitere besprechen!

Fredersdorff verbeugte sich schweigend, meldete dann, da das Gemlde
Pesnes, Pygmalion und Galathe darstellend, eingetroffen und im
Musikzimmer aufgestellt wre, um vom Knig besichtigt zu werden.

Friedrich machte eine ungeduldige Gebrde. Die Darstellung Pesnes der
Pygmalionlegende mifiel ihm ebensosehr wie deren Auffhrung in der
Oper! Immer wieder hatte er etwas daran auszusetzen gehabt. Immer
wieder wanderte das Bild in das Atelier des Meisters zurck, wo es den
grten Teil der Zeit verbrachte, die der Liebesroman Barberinas mit
dem jungen Cocceji dauerte.

Jetzt war es wieder so weit, vom Knig besichtigt und dann refsiert zu
werden. Der Brief Barberinas gengte dem Knig aber fr heute.

Man soll uns mit jener perfiden Kreatur nicht mehr behelligen! rief
er unmutig.

Befehlen Eure Majestt also, das Bild zu entfernen?

Friedrich dachte einen Augenblick nach.

Wegen Pesnes werden wir es wohl -- nachher erst ansehen mssen! Er ist
ein groer Knstler und hat uns treu gedient! Vor ihre Cochonnerien
kann er nicht! -- Vorerst wollen wir aber das schne Frhlingswetter
genieen!

Er lie sich den Krckstock geben -- den Hut hatte er stets auf -- und,
von Fredersdorff gefolgt und von den Windspielen umwedelt, trat er auf
die Terrasse hinaus.

Die Hunde schnupperten und klfften und schienen etwas Ungehriges zu
wittern. Der Knig gab nicht acht darauf, sondern ging langsam auf
der Terrasse auf und ab. Er vertiefte sich schlielich in den von
modisch gestutzten Hecken und Bumen beschatteten Garten und gab seinem
getreuen Fredersdorff alle mglichen Verhaltungsmaregeln wegen der
Reise Voltaires und seines Empfanges.

Pltzlich blieb er stehen. An der Biegung des Weges vor ihm tauchte
eine weibliche Gestalt auf, eine alte, dicke, auffallend ausgeputzte
Matrone, die beim Anblick des Knigs ein so tiefes Kompliment machte,
da sie halb in die Erde zu versinken schien.

Ridicule! rief Friedrich ungehalten und stie wiederholt mit dem
Krckstock auf die Erde. Heute passiert es uns schon zum dritten Male!
Sooft wir an Voltaire denken oder von ihm reden, mu uns das alte Weib
ber den Weg laufen! Man frage sie, wer sie ist, und warum sie in
unseren Grten marodiert!

Fredersdorff ging zu der alten Frau hin und kehrte mit dem Bescheid
zurck, es wre die Mutter Barberinas, die Signora Campanini. Und sie
bte um die Gnade, den Knig sprechen zu drfen.

Friedrich konnte die Alte nicht leiden. Sie war ihm widerwrtig, und
er hatte sie nie der Ehre einer Ansprache gewrdigt. Jetzt war es
ihm recht, an ihr seine Galle auszulassen. Er ging rasch auf sie zu,
beachtete ihren Gru nicht, stie heftig mit dem Krckstock auf den
Boden und rief ihr in rgerlichem Ton zu:

Sie hat ihre Tochter schlecht erzogen, Signora! Sie ist eine schlechte
Mutter gewesen! Ihre Tochter ist eine ungehorsame und undankbare
Kreatur! Unser Generalfiskal wird aber die renitente Canaille schon zur
Rson zu bringen wissen!

Die Alte stammelte eine demtige Bitte, er mge Gnade walten lassen und
von rigoursen Manahmen Abstand nehmen.

Was sie gefehlt hat, soll sie ben! sagte Friedrich kurz.

Wenn sie auch das Unglck gehabt hat, Eure Majestt zu erzrnen,
sagte die Alte, die allmhlich den Mut wiederfand, ein strafwrdiges
Verbrechen war es nicht, dem Gebot ihres Herzens zu folgen!

Ihre Tochter _=hat=_ kein Herz! Sie ist lauter Koketterie und kalte
Berechnung! Bei uns aber sind ihre Manvers milungen! Die Ehe mit dem
Geheimen Rat Cocceji wird ihr weder Freude noch Ehren bringen -- dafr
wollen wir sorgen! Unerlaubte Ehen estimieren wir nicht!

Die Ehe ist in aller Ordnung geschlossen, Sire!

So wird sie auch in aller Ordnung gelst werden! Wir dulden nicht,
da eine hergelaufene Person die Kpfe der jungen Leute verdreht, sie
zu Ungehorsam gegen ihre Eltern verleitet und uns die ersten Familien
des Landes prostituieret. Machen Sie sich darauf gefat, mitsamt Ihrer
sauberen Tochter von unserer Polizei ber die Grenze spedieret zu
werden, falls Sie sich nicht bescheidet und gutwillig unsere Lande
quittiert! Gehe Sie!

Die Mama machte einen noch tieferen Knicks als vorher, ging aber nicht,
sondern sagte mit siegesgewissem Grinsen:

Meine Tochter hat ein groes Vermgen nach Preuen gebracht! In die
Hunderttausende geht es! Wollen Eure Majestt verantworten, die schne
Summe Geldes auer Landes gehen zu lassen?

Wir wollen von dem Schrzengeld Ihrer Tochter nichts wissen! rief
Friedrich noch heftiger. Gehe Sie sofort!

Aber die Alte ging nicht. Die Gelegenheit, den Knig persnlich zu
attackieren, kam nie wieder, und sie hatte noch einen Pfeil im Kcher.

So wollen Eure Majestt auch nichts von Allerhchst Dero eigenen
Briefen an meine Tochter wissen?! Wenn man sie drauen in der Welt zu
lesen bekommt und von dem strengen Gericht ber sie wegen ihrer Liebe
zu einem anderen hrt, so wird man sich schon den Vers darauf machen!
Sie sind -- in sicherem Gewahrsam!

Friedrich blickte sie, wutentbrannt ber solche Keckheit, an. Dann
winkte er Fredersdorff.

Man schaffe uns das Frauenzimmer aus den Augen, rief er. Wir haben
hier kein Konventikelhaus fr alte Weiber gebauet! Das sage Er mir dem
Hofgrtner! Und da er auf Wasser und Brot nach Spandau kommt, wenn er
uns noch von denen losen Schrzen in die Grten lt!

Worauf er ihr den Rcken drehte und wieder nach dem Schlo zurckging.
Die Treppen der Terrassen waren aber viele und wurden trotz seiner Wut
nicht weniger. Als er sie hinaufgestiegen war, war der Zorn verraucht.
Und als er in sein Arbeitszimmer eintrat, lachte er ber die Szene.

Wir haben an Wichtigeres zu denken! sagte er schlielich. Mag die
Dirne laufen! Sie soll ihren Willen haben! Viel Freude wird sie in der
Ehe mit jenem Brausekopf nicht haben! Das mag ihr zur Strafe gereichen!
Sie hat's selbst so gewollt!

Er klingelte, lie den Privatsekretr kommen, bergab ihm den Brief
Barberinas und diktierte ihm einige Zeilen an den Generalfiskal, worin
er resolvierte und ihm befahl, nicht weiter wider gedachte Barberina
zu agieren, sondern die Sache gntzlich fallen zu lassen!

Dagegen sollte der Fiskal herauszubringen suchen, _=wer der Geistliche
gewesen war=_, der sich unterstanden hatte, die Liebenden zu
kopulieren! Das wurde jetzt die Hauptsache.

Dem Pfaffen wollte Friedrich recht scharf zu Halse gehen und -= la
rigeur=- sein Verbrechen untersuchen! Denn er sei intentionieret,
denen Geistlichen nachdrcklich zu deklarieren, da sie, wenn sie
sich unterfingen, ohne vorherige Approbation Leute heimlich zu
kopulieren, auf Lebenszeit nach einer Festung gebracht und bei Wasser
und Brot gehalten werden sollten!

Den Brief an den Generalfiskal berbringst du ihm persnlich und sagst
ihm noch mndlich von uns: Er mge sehen, unsere Briefe an jene Person
in seine Hnde zu bekommen und ihr bedeuten, das sei die Bedingung,
gegen die wir uns dahin resolvieret haben, Gnade vor Recht gehen zu
lassen!

Der Sekretr ging, um die Briefe auszufertigen. Der Kammerdiener trat
ein und meldete, da der Grokanzler von Cocceji drauen warte und
dringend um Audienz bitten lasse.

La ihn vor! sagte Friedrich, der darauf gefat war, auch _=seine=_
Suppliken in jener heiklen Angelegenheit anhren zu mssen.

Haben wir uns damit inkommodieret, der Mutter der einen Partei den
Kopf zu waschen, so mssen wir wohl -- von Rechts wegen -- dem Vater
der anderen Partei dieselbe Gnade erweisen!

Der Grokanzler trat ein, das Gesicht von unermelichem Gram
durchfurcht, verbeugte sich tief und fing in ehrerbietiger und
wohlgesetzter Rede sein husliches Unglck zu bejammern an.

Friedrich hrte geduldig zu, lie die Klage des alten Herrn ber die
Passion seines unglcklichen Sohnes mit der berchtigten Barberina
ber sich ergehen, wegen deren bler Conduite der Knig, wie der
Grokanzler sagte, ja selbst Hchstdero Indignation mit wohlverdient
scharfen Expressions bereits verschiedentlich bezeigt hatte!

Er gab dem Knig zu bedenken, da er es ihm nicht verbeln knne, wenn
er seine durch den Knig fundierte Familie vor Schaden zu sichern
bestrebt sei, da der Knig geruht htte, ihn zu hohen Ehrenmtern
zu erheben; und erbat sich die Erlaubnis, die Sache durch den Weg
Rechtens auszumachen, um so die Ehe, die ohne seine vterliche
Erlaubnis geschlossen war, rckgngig zu machen, oder, wenn der
Knig besondere Ursachen htte, sein diesbezgliches Gesuch nicht zu
deferieren, ihm wenigstens die Gnade zu erweisen, jene Leute an einen
anderen Ort zu versetzen!

Ich habe, schlo er, diesen Sohn alle Tage vor Augen, wenn ich
in den Geheimbden Rat gehe, und kann ihn ohne Alteration nicht mehr
ansehen. Eure Majestt werden nicht zugeben, da ich meine grauen Haare
mit Herzeleid in die Grube trage!

Friedrich antwortete ihm nach kurzer berlegung, da er in eine
Versetzung seines Sohnes einwillige, jedoch auf eine billige Art
und so, da er dabei weder verliere noch gewinne. Er betonte aber
ausdrcklich, da es nur aus Faiblesse gegen den Grokanzler
geschehe! Denn sein Sohn htte in kniglichen Diensten nichts versehen
und wre also nicht zu bestrafen, da dessen unbesonnene Heirat
eigentlich den Dienst nicht affiziere! Diesbezgliche Vorschlge
knne ihm der Grokanzler selbst machen.

Wir haben, schlo der Knig, zur Verhinderung jener Eheschlieung
bereits so viel getan, da kein Mensch sagen kann, wir htten unsere
gewesene Liaison durch Einheiratung in eine hochangesehene Familie
entschdigen und mit einem vornehmen Namen ausstatten wollen. Wenn
wir aber noch weitergehen, wrde man denken knnen, wir wrdigten
uns so weit herab, wegen einer hergelaufenen Tnzerin -=jaloux=- zu
sein! Deshalb bleibt die Ehe, die ja -=recte=- geschlossen wurde,
bestehen! Er wird sich wohl mit der Zeit darber hinwegsetzen knnen!
Sowohl Er wie wir haben an Wichtigeres zu denken! Das Leben hat uns
andere und hhere Ziele gegeben, hinter denen unsere persnlichen
Wnsche verschwinden mssen! Gehe Er, und sei Er unserer kniglichen
Gewogenheit gewi, jetzo wie immer!

Er reichte ihm die Hand. Der Grokanzler kte sie schweigend,
verbeugte sich und entfernte sich, wie er gekommen war, in gemessener
Wrde.

Dann ging der Knig in das Musikzimmer hinaus und besichtigte das
Gemlde Pesnes. Er blieb lange davor stehen.

Das, was wir wollten, ist's immer noch nicht! Am Ende wollten wir
etwas Verkehrtes! Wir lieen uns von einem unerfllbaren Traum leiten!
Die antike Legende stellte die Sache auf den Kopf! Die Tat Pygmalions
war nichts als eine schne Phantasmagorie! Das Leben macht's umgekehrt:
Nicht der Stein wird zu Fleisch -- _=das Fleisch wird zu Stein=_;
so ist's gewesen, und so hat's Meister Pesne auch ganz richtig
hingepinselt!

Er rief seinen Kammerdiener.

Hnge Er mir die Mamsell an den Nagel! befahl er. Und so schlo auch
der Liebesroman Friedrichs des Groen -- der letzte seines Lebens!

Er hatte andere und hhere Ziele als sein persnliches Glck. -- Wie
er aber in harter Arbeit mit eiserner Energie das ihm anvertraute Amt
erfllte und den Staat aufbaute, als dessen erster Diener er sich stets
fhlte -- wie er diesen Staat vergrerte und dessen Gromachtstellung
gegen den Ansturm einer ganzen Welt von Feinden verteidigte und
ruhmvoll behauptete -- seine Grotat, auf der die heutige Gre
Deutschlands beruht, das gehrt der Geschichte als heiligstes
Vermchtnis an und hat im Roman keinen Platz!




                             Fnftes Buch

                          -=Virtuti Asylum=-




23


Die Ehe Barberinas war nicht glcklich, dauerte aber um so lnger --
trotz der hufigen Unregelmigkeiten, die sich der Herr Gemahl -=in
puncto=- Treue gestattete. Man nahm es ja nicht so genau mit derartigen
Dingen. Und die Hauptsache -- die gesellschaftliche Position -- hatte
sie ja erreicht, wenn auch nur in der Provinz. Sie war da als Gattin
des Regierungsprsidenten immerhin die erste Dame. Sie war an sich
reich und insofern von ihrem Mann unabhngig; sie durfte sich auch den
Luxus leisten, ein Schlo zu kaufen, wohin sie sich zur Erholung von
den Strapazen der ehelichen Langeweile zurckziehen konnte.

Nach zwanzigjhriger Ehe unternahm sie einmal zur Krftigung ihrer
Gesundheit eine Reise nach den bhmischen Bdern.

In einem kleinen Ort wurde die Reise behufs Wechsels der Pferde
unterbrochen. Sie benutzte die Zeit, einen Spaziergang zu unternehmen
und sah sich dabei die Vorstellung einer Zigeunergesellschaft an.

Unter den Tnzerinnen, Taschenspielern und Jongleuren war einer,
der durch sein sonderbares Benehmen auffiel. Ernst und schweigsam
bte er sein Amt als Spamacher. Ohne eine Miene zu verziehen,
parodierte er Tnzer und Tnzerinnen mit einer Gewandtheit, die seine
Vorbilder in jeder Beziehung bertraf und auf eine weit ber dem
Durchschnitt stehende Kunstfertigkeit hindeutete, aber zugleich mit
einem ans grotesk Schauerliche grenzenden Ernst, der den Spen eine
ans Herz greifende Wehmtigkeit verlieh und Barberina aufs hchste
erschtterte. Voll Mitleid entnahm sie ihrer Brse ein Goldstck
und warf es ihm, als er vor ihr stand, in das Tamburin. Ein Zittern
durchfuhr ihn, er flsterte: -=Mille grazie, signora=- und machte
seine eleganteste Verbeugung. Und -- da erkannte sie -- trotz der
Schminke und der ganzen Verkommenheit -- Fossano! Sie dachte an jene
lngst verflossene Zeit, wo sie, ein junges Mdchen, auf der Strae
in Parma dem Tanz der Zigeunerin zugesehen hatte und er, der reiche,
bermtige, vom Glck verwhnte Knstler, ihre Gedanken und Wnsche
erratend, ein Goldstck ber ihre Schulter der Tnzerin in ihr Tamburin
geworfen hatte! Und es blitzte in ihren Augen auf.

Durch jenes leicht hingeworfene Goldstck war sie damals seine
Schuldnerin geworden. Das hatte die erste Verknpfung ihres Schicksals
mit dem seinen gegeben. Seitdem besa er ein gewisses, wohlerworbenes
Recht auf sie. Aber jetzt erst fiel es ihr ein, da sie gerade durch
jene Zahlung in seine Gewalt geraten war. Ohne da sie noch er sich
dessen bewut waren, hatte er dadurch ihre Seele gekauft und war ihr
Herr und Meister geworden!

Und nun hatte das Schicksal es so gefgt, da sie es ihm ohne Absicht
in der gleichen Weise hatte zurckzahlen knnen. Das letzte Band,
das sie noch miteinander verknpfte, war gerissen. -- Du bist es,
Fossano? sagte sie halblaut.

Er verbeugte sich schweigend. In seinen Blicken war aber etwas wie eine
Bitte, seinem Elend die Larve nicht vom Gesicht zu reien. Er schmte
sich seiner Verkommenheit.

Erinnerst du dich noch, wie du einst fr mich in derselben Weise
zahltest?

Er nickte.

Jetzt sind wir also quitt! sagte sie, und um ihre Lippen zuckte es
scharf.

Er seufzte und blieb noch vor ihr stehen. In diesem Seufzer lag
mehr als eine verschmte Bitte. Der Blick, mit dem er den Seufzer
begleitete, gab ihm den Charakter einer Mahnung, die er nicht laut zu
uern wagte, aber die doch ihre Berechtigung zum Ausdruck brachte.

Sie verstand ihn wohl. Als er alles und sie nichts war, hatte er sich
ihrer angenommen und ihr den Weg geebnet -- aus Eigennutz oder nicht,
aber er hatte es getan! Jetzt waren die Rollen vertauscht -- sie auf
der Hhe des Lebens und er in der Gosse. Jetzt war's an ihr, Schicksal
zu spielen. Es war aber auch die Gelegenheit da, sich zu rchen,
und sie lie sie nicht ungenutzt vorbergehen. Hilflos, von Schmach
bedeckt, stand er vor ihr, und sie rchte sich, indem sie ihm Hilfe
schenkte -- weniger aus gutem Herzen als aus der grausamen Lust, ihn
wieder mit Fen zu treten. Sie warf ihm noch ein Goldstck in das
Tamburin.

Das erste hat meine Schuld an dich getilgt, sagte sie. Dies
Goldstck macht dich zu meinem Schuldner. Nimmst du es an, so bist du
mir verpflichtet wie ich bis jetzt dir.

Er nahm es.

Signora befehlen? fragte er unterwrfig.

Unsere Kunst, die du mich heilig zu halten lehrtest, will ich nicht
von dir durch die Gosse geschleift wissen, sagte sie, und er zuckte
unter ihren Worten wie unter einem Peitschenhieb zusammen. -- Ziehe
die Bajazzotracht aus! Und wenn du umgekleidet bist, komm in das
Gasthaus und hole dir meine Befehle, sofern du gedenkst, dich unter
meine Botmigkeit zu begeben!

Sie winkte ihrer Begleiterin und ging.

Als er nach einer halben Stunde in seinen zerschlissenen Kleidern vor
ihr erschien, das von Entbehrungen und vom jahrelangen Lotterleben
durchfurchte Gesicht von Schminke und Malerei befreit, da stand ihr
Entschlu fest.

Sie brauchte seine Lebensgeschichte seit der Zeit, da sie ihn das
letztemal gesehen hatte, nicht in allen Einzelheiten zu hren -- ein
paar Worte gengten, um ihr darzutun, wie er, als Spion gechtet,
als Spieler verrufen, von Stufe zu Stufe gesunken war. Nachdem seine
Ersparnisse verzehrt waren, hatte er sich den Zigeunern anschlieen
mssen, um da als Faktotum und Spamacher bei den Vorstellungen
kmmerlich sein Leben zu fristen. An ein erneutes Hochkommen war bei
ihm nicht zu denken. Selbstndig wrde er sich kaum einige Tage halten
knnen, ohne zu verbummeln. Aber er konnte ihr ntzlich werden. Er
hatte ja Erziehung, Gewandtheit, Manieren, hatte Sprachkenntnisse und
war mit dem Leben und den Menschen vertraut. Und vor allem: er kannte
sie und wrde ihr, wenn er wollte, ohne weiteres jeden Wunsch vom
Gesicht ablesen knnen.

Barberina bot ihm an, ihr Haushofmeister zu werden und sie sofort
auf der Reise zu begleiten. Und er nahm an, ohne mit den Wimpern zu
zucken. Eine Brse, die sie ihm spendete, setzte ihn in die Lage,
sich gleich mit dem ntigsten an Kleidung zu versehen und sich von
den Zigeunern frei zu machen. Und so begleitete er sie auf der Reise
und zurck nach ihrem Schlosse Barschau in Schlesien. Ein besonderes
Vergngen machte es ihr dabei, da Friedrich ihn des Landes verwiesen
hatte. Denn erstens war er so ganz von ihrer Gnade abhngig und sicher
nur, solange sie sein Inkognito bewahrte! Auerdem konnte sie so dem
Knig, wenn auch ohne dessen Wissen, ein Schnippchen schlagen! Jahraus,
jahrein waltete Fossano also seines Amtes, ohne auch nur durch eine
Miene zu zeigen, da er frher andere Beziehungen zu ihr gehabt hatte
-- aufmerksam, korrekt und in strengster Beobachtung der bernommenen
Pflichten.

Bis sie sich endlich, mde der schiefen Stellung, in die die
Mtressenwirtschaft ihres Mannes sie gebracht hatte, entschlo,
die Ehe, die schon lange kein Zusammenleben mehr gewesen war, nach
achtunddreiigjhriger Dauer auch formell zu trennen.

Sie residierte, wie fast immer in den letzten Jahren, allein auf ihrem
Schlosse Barschau, als die Nachricht von der endlich vollzogenen
Scheidung, die ihr Rang und Namen auch ferner sicherte, bei ihr eintraf.

Sie lie ihren Freunden und Bekannten unter dem schlesischen Adel einen
Tag ansagen, an dem sie bereit wre, Glckwunschbesuche zu empfangen.

Am frhen Morgen dieses Tages gratulierte ihr die gesamte Dienerschaft.

In feierlichem Aufzug zogen sie an ihr vorbei: Zofen, Kammerjungfern,
Trsteher, Lakaien, Kche und Grtner machten ihre tiefsten Reverenzen
und brachten ihr Blumen aus dem Garten. Zuletzt der Haushofmeister, dem
als einzigem die Gnade zuteil wurde, ihr die Hand zu kssen.

Er tat es mit vollendeter Eleganz, richtete sich dann in voller Wrde
auf, gab ein Zeichen, und die feierlich geschmckte Schar entfernte
sich. Auf steifen Beinen trat er dann nochmals vor, nahm seiner
Gebieterin die Blumen ab und begann sie in Vasen zu ordnen.

Achtunddreiig Jahre ist es nun her, sagte er dabei mehr fr sich
selbst. Achtunddreiig Jahre! Und heute erst -- Er seufzte.

Ja, heute erst -- wiederholte die Baronin, ebenfalls seufzend, aber
auch sie vollendete den Satz nicht.

Hja, sagte der Hofmeister und steckte noch eine langstielige Rose
in die Mitte des Buketts. Das Glck der heiligen Ehe haben Madame
reichlich genossen!

Sie blickte ihn nicht an, sie kniff nur die dnnen Lippen zusammen und
sagte kurz:

Gut, da es vorbei ist!

Es wre besser schon vor zehn Jahren vorbei gewesen!

Meinst du?

Mit Erlaubnis, ja! Madame haben viel Geduld gezeigt. Viel zuviel fr
ein kurzes Menschenleben. Was ntzt Madame jetzt noch die Freiheit?

Was htte sein knnen, interessiert uns nicht. Was sein wird, ist
wichtiger. Nun haben wir die Scheidung und sind eines unertrglichen
Zustandes ledig!

Es ist aber nicht, was es htte sein knnen, sagte der Haushofmeister
eigensinnig. Vor Jahren, als der Prsident, Dero Gemahl, anfing,
Madame offen seine Miachtung zu zeigen und seine Mtresse in die
Gesellschaft einfhrte und bevorzugte, da htten Madame die Scheidung
selbst beantragen mssen, statt abzuwarten, bis er es tat, um jene Dame
ehelichen zu knnen. Dann htte es wenigstens den Anschein gehabt, als
wnsche Madame das Leben noch zu genieen -- und nicht, wie jetzt, als
sei Madame verstoen!

Du bist dreist! sagte die Baronin und stand auf. Kmmere dich um
das, was deines Amtes ist! Wir werden viel Gste haben. Der ganze Adel
wird sich jetzt wohl bei mir sehen lassen!

Ich frchte, die werden ihre Glckwnsche lieber in Glogau bei der
neuen Frau Prsidentin des gleichen Namens vorbringen! Madame werden
nicht zu viele Gratulanten empfangen! Eine verstoene Ehefrau ist den
Leuten keiner Beachtung wert!

Sie blickte ihn scharf an.

Sie werden wohl nicht -- wie du -- bersehen, da er der schuldige
Teil war!

Sie werden Madame zum mindesten fr mitschuldig halten. Und auch
denken, da Madame sich reichlich lange Zeit zur berlegung gegnnt
htten, um Dero Einwilligung zur Scheidung zu geben!

Man verzichtet nicht vorschnell auf Rang und Einflu -- das werden sie
alle wissen. Als Prsidentin von Cocceji war ich die erste Dame der
Provinz -- der ganze steifnackige Adel hatte sich mir zu beugen.

Der Haushofmeister seufzte. -- Die erste Dame der Provinz! Wenn ich
das hre und bedenke, da Madame die erste Dame des Knigreichs htten
sein knnen -- wenn --

Wenn? wiederholte sie und nahm dabei eine Haltung an, die jeden
anderen als Fossano sofort zum Schweigen gebracht htte.

Wenn Madame selbst gewollt htten, sagte er, ohne sich im geringsten
einschchtern zu lassen. Wenn Madame geruht htten, sich im
entscheidenden Augenblicke etwas weniger gehen zu lassen!

Wer, wie du, in jenem entscheidenden Moment mitgeholfen hat, mich um
die Besinnung zu bringen, sollte mir nicht auch noch _=das=_ sagen! Du
bist aber ein boshafter Mensch, voll Schadenfreude und Scheelsucht!
Du bist ein Undankbarer! Du vergit, da ich dich aus dem Elend
herausgezogen habe, in dem du versunken warst! Du schtzt es zu gering
ein, da ich dir zu einem ruhigen Alter verholfen habe!

Soll ich Madame so verstehen, da ich mich durch meine Worte um
meinen Posten in Dero Dienst gebracht htte? fragte der Alte, und es
leuchtete unheimlich in seinen Augen auf.

Das knnte so kommen, wenn du dich nicht in acht nimmst, sagte sie
hart und setzte sich an ihren Sekretr. Geh jetzt und sorge dafr, da
alles bereit ist, wenn die Gste kommen!

Zu Befehl!

Der Haushofmeister stellte die Vase mit den Blumen vor ihr auf den
Schreibtisch. Er blickte seine Gebieterin furchtlos an und nahm noch
einmal das Wort:

Auch auf die Gefahr hin, fortgejagt zu werden, werde ich meine Pflicht
tun und Madame meine Meinung sagen, wenn es not tut! Und hiermit
machte er kehrt, ohne die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Gerade und
steifbeinig stelzte er hinaus. Sie blickte ihm erstaunt nach.

Seitdem sie ihn in Dienst genommen hatte, war dies das erstemal, da
er sich etwas gegen sie herausnahm. Stets aufmerksam, zuvorkommend,
wortkarg und pflichtbewut durch die ganzen Jahre, dankbar fr die ihm
erwiesenen Wohltaten, hatte er sich streng innerhalb der Grenzen seines
Amtes gehalten. Und heute kehrte er wieder den Lehrmeister heraus und
sah sie mit jenem berlegenen spttischen Blick an, der sie frher
immer in Harnisch gebracht hatte. Und in seiner Stimme zitterte wieder
jener verchtlich berlegene Ton des Meisters, der sich herablie,
seiner Schlerin eine Lektion zu geben!

Sie lachte laut auf! Ihr altes, steifbeiniges, verknchertes Faktotum,
schon fast abgestorben vor Entbehrungen und Gebresten des Alters, mate
sich an, wieder aufzuleben und noch einmal den eleganten, verwhnten
Weltmann und Menschenverchter herauszukehren! Das konnte noch sehr
belustigend werden!

Sie ging zum Spiegel und blickte hinein. Ein volles, reifes
Frauengesicht, in das die Jahre ihre Falten gegraben hatten -- die
Augen schwarz und stechend, die Figur mehr als ppig, nichts mehr
von der bermtigen Tnzerin, die einer ganzen Welt ein Schnippchen
geschlagen hatte. Eine groe Dame, an Wohlleben, Behaglichkeit und Ruhe
gewhnt, und ohne Drang zu Abenteuern! Sie brauchte wahrlich weder
Fhrung noch Schutz! Sie war frei, unabhngig, reich; und die Tage, die
ihr noch beschieden waren, wrde sie hier auf ihrem schnen Landschlo
in vertrautem Verkehr mit lieb gewordenen Standesgenossen verleben!

Aber die Standesgenossen kamen nicht! Sie war mit der Ehescheidung
aus ihrem Kreise getreten; der Kreis schlo sich wieder -- um ihre
Nachfolgerin, die ihren Namen und ihre Stellung geerbt hatte. Sie war
jetzt drauen und wurde ignoriert. Das hatte sie nicht erwartet. Trotz
ihrer Oberflchlichkeit hatte sie an die Echtheit der Gefhle geglaubt,
die man ihr zeigte, und wurde jetzt bitter enttuscht!

Sie lie es sich aber nicht anmerken. Sie wahrte die Wrde und behielt
ihrer Umgebung gegenber die Haltung. Nur den Hofmeister blickte sie
ein paarmal fragend an, als er das Mittagessen servierte. Er aber tat,
als merke er nichts, war korrekt bis in die Fingerspitzen, versah
seinen Dienst und wartete, bis er gefragt wurde.

Lange brauchte er nicht zu warten.

Du freust dich wohl? sagte sie pltzlich und blickte von ihrem Teller
auf. Du freust dich wohl, weil du recht behalten hast?

Wie meinen Madame?

Sagtest du nicht heute frh, da, nach deiner Meinung, meine Freunde
es vorziehen wrden, statt hier bei mir im Hause meines ehemaligen
Mannes zu gratulieren?

Ja. Ich nahm an, sie wrden nicht anders sein, als die Menschen
meistens sind. Aber ich fr meine Person gestatte mir keinesfalls,
irgendwelche Meinung zu uern -- weder Freude noch Schadenfreude!

Ich schtze es, da du dich auf deinem Platze hltst. Aber -- wir
kennen uns zu lange -- der Anteil, den du frher an meinem Leben
genommen hattest, war zu einschneidend, als da ich an eine gnzliche
Teilnahmslosigkeit denken knnte!

Der Anteil, den ich an Dero Leben zu nehmen die Ehre hatte, gehrt der
Erinnerung an und ist lngst von dickem Staub bedeckt, so da ich ihn
nicht mehr ohne weiteres zu sehen vermag. Es wird Madame nicht anders
gehen! Ein >Interesse< habe ich nur noch fr meinen Dienst! Und zu
meinem Dienst gehrt es nicht, mich mit dem Abstauben der Nippes und
Bijouterien aus Dero Vergangenheit zu befassen! -- Wenn aber Madame es
mir ausdrcklich befehlen, weigere ich mich nicht, behilflich zu sein,
sie aus den Behltern von Dero Gedchtnis hervorsuchen zu helfen, wenn
es auch Madame keine besondere Freude bereiten drfte!

Du bist frech! sagte Barberina gereizt. Du nimmst dir einen Ton
heraus, der deutlich zeigt, da ich auch fr dich von heute ab weiter
nichts bin als die ehemalige Tnzerin Barberina!

Von heute erst?! Pardon, wenn ich da zu widersprechen wage! Das sind
Madame von dem Augenblick an gewesen, als Madame den Geheimen Rat und
jetzigen Regierungsprsidenten von Cocceji ehelichten! Da hrte die
Barberina auf zu sein! Da war die Laufbahn ihres Gestirns unter den
Horizont gesunken! _=Jetzt=_ knnte es wieder emporsteigen!

Du meinst, da ich jetzt noch die unterbrochene Laufbahn fortsetzen
knnte? Du siehst das Silber, das sich schon in meine Haare schleicht,
siehst, da auch die Jugend lngst eine Erinnerung ist -- und redest
noch von einem neuen Aufstieg meines Gestirns? Du nimmst dir heraus,
mich zum besten zu halten!

Durchaus nicht! Ich bin so frei, der Ansicht zu sein, da der Aufstieg
zu dem glanzvollen Abschlu eines einzig dastehenden Schicksals jetzt
zu beginnen htte!

Wie meinst du das?

Er schttelte den Kopf.

Meines Amtes ist es nicht, Schicksalsfragen zu entrtseln! Wenn Madame
mir aber befehlen, das, was war, wieder ins rechte Licht zu rcken,
damit Madame _=selbst=_ sehen knnen, dann wollen Madame nur auf den
betreffenden Gegenstand des hohen Erinnerns deuten! Und wenn ihn
der Staub der Zeit zu dicht bedecken sollte, ich helfe gern, ihn zu
entfernen!

Barberina blickte die alte, drre Gestalt an, die kerzengerade vor ihr
stand, ohne einen anderen Ausdruck im Gesicht als den der gehorsamsten
Pflichterfllung, und zuckte mit den Schultern.

Nun, so sag mir deine Meinung ber die Rolle, die ich am Hofe des
verstorbenen Knigs htte spielen knnen -- wenn ich es nicht verpat
htte!

Dieselbe Rolle wie berall und in jedem Abschnitt des Lebens!
Madame tanzten um die Krone herum -- und verschmhten es im rechten
Augenblick, nach ihr zu greifen!

Sie lchelte.

Ich htte das verpat?

Zu Befehl, ja!

Wann denn?

Eben das letztemal, als wir einander auf der Bhne gegenberstanden
als Pygmalion und Galathe!

Sie stand auf, heftig bewegt.

Du wagst es, mich daran zu erinnern?

Ich hatte den gndigsten Befehl! Keinesfalls wollte ich die Rolle
meiner Wenigkeit dabei in Erinnerung bringen!

Du httest allen Anla, das zu vermeiden; denn du bist schuld an dem,
was sich damals zutrug!

Schuld an seinem Schicksal kann der Mensch nur selbst haben. Htten
Madame bei jener Gelegenheit die Geistesgegenwart bewahrt -- wer wei,
wie es dann gekommen wre --

Wie denn, meinst du?

Ich meine, da bei der Gelegenheit Madame der Krone so nahe waren
wie nie wieder in Dero Leben. Sie schwebte dicht ber Ihrem Haupte,
aber Madame sahen es nicht, Madame empfanden nicht, da der Knig
nichts sehnlicher suchte als die selbstlose Hingabe eines anderen
Menschen an sein Wollen. Er _=wollte=_ immer nur seine groe Sache
und glaubte damals noch der schpferisch empfangenden Liebe eines
gleichempfindenden Menschen zu bedrfen -- er wnschte sie zu gewinnen
und neigte sehr zu der Annahme, sie bei Madame finden zu knnen. Er
ahnte die Mglichkeit, erkannte aber auch die _=Unmglichkeit=_, als
Madame bei der entscheidenden Probe ihrem persnlichen Temperament die
Zgel lieen und alles andere darber vergaen. Ich sollte ihm helfen,
Madame die Maske vom Gesicht zu reien.

Ja, du warst stets bereit, mich blozustellen!

Wer das wei und sich doch Blen gibt, darf keinem als sich selber
Vorwrfe machen! Ich hatte nicht die Macht, Zwang auszuben, damals
ebensowenig wie jetzt. Als aber die Maske fiel und das wahre Gesicht
unverhlt zur Schau trat -- aber in leidenschaftlichster Aufwallung
verzerrt --, da sah jener suchende Blick aus der kniglichen Loge wohl,
da das, was er suchte, wirklich da, wo er's ahnte, zu finden gewesen
wre -- wre es nicht bereits verlorengegangen!

Durch wen? fragte Barberina stechenden Blickes.

Madame verzeihen, wenn ich mit einer Gegenfrage antworte. Wer bahnte
Ihnen den Weg, wer fhrte Sie zu jenen Hhen, wo es die Gelegenheit
gab, Groes zu leisten?

Wer _=verfhrte=_ mich auf Abwege, solltest du lieber fragen!

Fhren und verfhren sind kaum auseinander zu halten! Es kommt
darauf an, der Fhrung zu folgen und der Verfhrung zu widerstehn!
Danach gestaltet sich der Weg des Lebens! -- Madame lieen in jenem
hchsten Moment von Dero Laufbahn sich wiederum zu sehr gehen, und das
entschied! Das Spiel um die Krone war verloren! Was dann folgte, war
ein eigenwilliges Einsargen des eigenen Lebens -- ein jahrzehntelanges
Modern bei lebendigem Leibe im Grabe der Ehe. Jetzt hat sich das Grab
aufgetan. Madame sind wieder drauen.

Und was da drauen Wert hatte, ist tot! Wozu uns darber aufhalten?
La uns weitergehen!

Wohin befehlen Madame?

Finde du den Weg!

Immer noch? sagte Fossano kopfschttelnd. Das Ziel soll sich der
Mensch selbst stecken. Madame lieen sich aber stets vom Zufall
berraschen und von anderen fhren!

Von anderen als von dir, meinst du wohl? Denn du wolltest stets die
treibende Kraft sein und merktest nicht, da du selbst dabei getrieben
wurdest! Am meisten da, wo du glaubtest, am mchtigsten in mein Leben
eingreifen zu knnen -- in Paris! Leider aber gehen einem immer erst
die Augen auf, wenn's zu spt ist.

Das ist der Lauf der Welt. Das schnste Porzellan bekommt bei
unachtsamer Handhabung Sprnge! Man merkt's nicht gleich; man stellt es
aus der Hand! Nachher, beim Abstauben, kommt der Schaden an den Tag,
und man sieht, wie schn es htte sein knnen -- wenn es nicht kaputt
gegangen wre! -- Paris htte mrchenhaft schn sein knnen! Madame
htten dort im Reiche der Grazie und der Schnheit aus dem vollen
schpfen knnen -- Madame htten _=geherrscht=_ -- --

Ohne >selbstlose Hingabe an das Wollen< eines Herrschers?

So war's! Madame htten die Allgewalt gehabt -- wenn sich Madame nicht
voreilig meiner Fhrung entzogen htten, um sich Leuten anzuvertrauen,
deren bereifer alles verdarb. Das gab dem Ganzen, das sich so
mrchenhaft zu gestalten begann, gleich zu Anfang einen Ri! Die
Geschichte bekam einen Schnheitsflecken -- die Krone Frankreichs glitt
in andere Hnde, die gierig danach griffen!

Und so war's bei jedem Knigreich, das sich Madame auftat! Die
Gelegenheit war stets da und war immer gnstig -- aber immer wurde sie
verpat!

Auch in England?

In England htten Madame unbeschrnkt gebieten knnen, wren Madame
nicht so naiv gewesen, gerade da Dero Herz die Hauptrolle spielen
zu lassen. Das Herz Englands ist aber der Geldsack! Der regiert
unumschrnkt! Und der lag Madame schon offen zu Fen!

Gottlob, da ich meinem Herzen folgte und ihn liegenlie! So habe ich
wenigstens etwas vom Leben gehabt!

Der Haushofmeister seufzte.

Madame haben viel vom Leben gehabt! Liebe, Ha, Ehren, Verleumdungen,
Reichtum, Armut! Fast alles! Es bleibt nur noch -- die Tugend!

Sie blickte ihn gro an. _=Du=_ -- sagst mir das?!

Ein anderer wrde genau dasselbe sagen! Es ist ein eigen Ding um
die Tugend! Man _=hat=_ sie, man _=verliert=_ sie -- man gewinnt sie
wieder!

Gewinnt sie wieder?! Das war mir neu!

Sie lachte laut auf.

Er aber verzog keine Miene und verharrte in demselben trockenen, fast
geschftsmigen Ton.

Das ist die Karriere! sagte er. Und sie lachte noch toller.

Es ist mein Ernst, Madame, sagte er dann, ohne sich von ihrer
Munterkeit anstecken zu lassen. Nichts ist unwiederbringlich! Das
Leben neigt sich immer wieder seinem Anfang zu, wenn es die Mittagshhe
berschritten hat, und da findet sich so manches verloren geglaubte Gut
aufs neue am Wege!

Auch die Tugend?!

Die vor allem! Man findet sie -- _=bei anderen=_ und htet die neuen
Besitzer vor dem Schaden, den man selbst erlitt! Das ist die grte
Tugend!

Du wirst mich noch fromm machen wollen!

Madame waren als Kind sehr zur Frmmigkeit geneigt. Das Alter pflegt
sich gem der Kindheit zu gestalten. Das fgt sich ohne eigenes Zutun,
noch das anderer Leute!

Gott sei Dank! Sonst mte ich noch befrchten, da du mich dazu
bringen willst, ein Tugendasyl zu errichten!

Das Geld dazu htten Madame! Und woher stammt es? Zweckmiger knnte
es nicht verwendet werden als zur Verstopfung seiner Quellen!

Sie stand auf.

Du wirst dreist! sagte sie und ging an ihren Schreibtisch. Es ist
aber gut, da du mich an das Geld erinnerst; denn dafr mu noch
beizeiten gesorgt werden.

Madame wollen es doch nicht Dero geschiedenem Gatten vermachen?

Weder habe ich Lust dazu, noch wrde er es brauchen! Als herrenloses
Gut will ich es aber auch nicht hinterlassen.

Wrden Madame es dann nicht wenigstens so nutzbringend anlegen, da
Ihnen daraus noch bei Lebzeiten ein Vorteil erwachsen knnte?

Wie meinst du das?

Ich denke, Madame knnte es zu irgendeinem wohlttigen Zweck zur
Verfgung stellen und daran Bedingungen knpfen, die fr Dero Person
die Folge htten, die ehemalige Tnzerin und die geschiedene Frau
Prsidentin Cocceji vergessen zu machen, indem sie, in den Augen der
Welt, nicht nur rehabilitiert, sondern sogar erhht wrde!

Du denkst an eine Standeserhhung!

Ganz recht, und an eine damit verbundene Namensnderung!

Sie berlegte es sich einen Augenblick.

Und denkst du, der Knig knnte dazu seine Einwilligung geben?

Wenn das Gesuch in Beziehung zu Dero Vermgen gebracht und in
ziemlicher Weise als gute Tat dargestellt wird, wird er es wohl tun!

Er kennt mich aber kaum noch!

Als Thronfolger hatte er reichlich Gelegenheit, Madame bewundern zu
lernen. Bei Dero groen Verdiensten um die Majestt des verstorbenen
Knigs haben Madame auch wohl begrndete Ansprche, vom jetzigen Knig
estimieret zu werden -- wenn sich Madame, wie ich vorzuschlagen die
Ehre hatte, bei ihm in Erinnerung zu bringen verstehen!

Wie meinst du es?

Der Knig ist galant. Er gefllt sich in der Rolle eines
Beschtzers des schnen Geschlechts! Er wird infolgedessen auch als
verschwenderisch angesehen! Geben ihm Madame die Gelegenheit, seine
schtzende Hand ber Dero Haupt zu halten, aber so, da er auch dem
Ruf, er sei ein Verschwender, wirksam entgegentreten kann, indem er die
Gelegenheit wahrnimmt, dem Staate das groe Vermgen, ber das Madame
disponieret, zu erhalten, oder wenigstens zu verhindern, da es auer
Landes geht! Stellen wir es fr irgendeinen vom Knig zu bestimmenden
wohlttigen Zweck zur Verfgung!

Mit dem ausdrcklichen Vorbehalt, da es nicht, wie du anzudeuten
die Dreistigkeit hattest, zur Errichtung eines Tugendasyls verwendet
werde! sagte Barberina energisch.

Ich verstehe und wrdige Madames Aversion, den ausgetretenen Weg
alternder galanter Damen zu gehen, sagte Fossano. Wenn aber Madame
jenen Wunsch zur Bedingung machen, mten Madame es sich versagen,
andere Bedingungen zu stellen, um nicht zu riskieren, als unbescheiden
eine Zurckweisung zu erhalten!

An was fr eine >andere< Bedingung denkst du?

An die hauptschliche -- an die Verbesserung von Dero
gesellschaftlicher Stellung, damit Madame Dero frherem Bekanntenkreis
gegenber wieder den ntigen Rckhalt gewinnen!

Die Standeserhhung also?

Eben das! Belieben Madame vom Knige nichts zu erbitten als die
Erhebung zur Grfin und das Prdikat Exzellenz, und im brigen seiner
Gnade die Verfgung ber das Vermgen zu irgendeinem Seiner Majestt
genehmen wohlttigen Zweck anheimzustellen!

Sie sann ein wenig nach.

Ich werde mir den Vorschlag berlegen, sagte sie dann. Nun geh! Ich
bedarf fr heute deiner Dienste nicht mehr!

Fossano verbeugte sich und ging.

Barberina nahm ein Blatt Papier aus dem Schubfach ihres Sekretrs und
schrieb, ohne viel nachzudenken, folgenden Brief:

          Sire!

 Eine arme, alte Fremde, die das Glck hat, Eure Untertanin geworden
 zu sein, wirft sich zu Euren Fen, Euch anzuflehen, mir in der
 Verlassenheit, in die mein Gatte mich gestoen, die Gnade zu erteilen,
 einen anderen Namen tragen zu drfen als den, welchen ich bis jetzt
 hatte. Ich wage es sogar, so khn zu sein, Eure Majestt zu bitten,
 mir den Rang einer Grfin verleihen zu wollen.

 Da ich keine Kinder habe und meinem Leben wohl nur noch wenige Tage
 beschieden sind, hoffe ich, da Eure Majestt meine untertnigste
 Bitte erfllen werden. Mein Mann hat auf mein ganzes Vermgen
 verzichtet, so da ich darber disponieren kann, wie es mir gefllt.
 Da ich aber keine Verwandten in Italien habe, ist es meine Absicht,
 ein Institut fr die Armen Schlesiens zu grnden, und ich wrde
 glcklich sein, wenn dieser Plan Eurer Majestt wohlgefallen wrde.

 Ich bin in tiefster Ergebenheit, Sire, Eurer Majestt sehr untertnige
 und gehorsame Dienerin

                                        _=Barberina de Cocceji=_.
 _=Barschau=_, 6. August 1789.

Sie las das Schreiben durch und verschlo es in ihrem Portefeuille.

Am folgenden Tage versiegelte sie es und bergab es Fossano mit dem
Befehl, fr die sofortige Befrderung zu sorgen.




24


Friedrich Wilhelm der Zweite sprach -- und aus der Tnzerin Barberina
wurde eine Grfin Campanini. Das Prdikat Hochwohlgeboren wurde ihr
ausdrcklich zugestanden, und die Stempelgebhren wurden ihr in Gnaden
erlassen. Das Diplom bekam sie aber auf ausdrckliche Anordnung des
Knigs erst ausgeliefert, nachdem sie alles zur vorgebenden Errichtung
des Armen-Frulein-Stifts Erforderliche vllig in Richtigkeit hatte.
Denn die Errichtung eines solchen Stiftes wurde ihr vom Knig zur
Bedingung gemacht und von ihr widerspruchslos angenommen.

Der neugebackenen Grfin wurde ein wunderschnes Wappen, nur selbiges
solange Sie lebt zu fhren, zugeteilt, mit grnen Myrtenkrnzen,
italienisch quer geteiltem Herzschild, goldenen Glocken mit
Klppeln, springenden Pferden, Kranichen mit Edelsteinen in den
erhobenen Krallen, mit himmelblauer Farbe, Turnierhelmen und allerlei
daran baumelnden Kleinodien und, was die Hauptsache war, einem am
Wappenschild hngenden achteckigen Kreuz, zwischen dessen Spitzen
vier schwarze schlesische Adler zu sehen waren, und daran in goldenen
Lettern die Devise: -=Virtuti Asylum=-.

Friedrich Wilhelm wute, was sich gehrte. Und -=nolens volens=-
mute also die Barberina auf ihre alten Tage den Weg alles sndigen
Fleisches gehen und die Maske der Frmmigkeit anlegen. Sie wurde selbst
die erste btissin ihres Schlesischen adeligen Fruleinstiftes und
trug als solche auf ihrer Brust eine Nachbildung des an ihrem adeligen
Wappen baumelnden Kreuzes, auf dem die Devise -=Virtuti Asylum=-
von Brillanten umgeben prangte. Die Brillanten entnahm sie den von
ihren Liebhabern ihr so reichlich gespendeten Schtzen und wurde dabei
von ihrem dienstbeflissenen Haushofmeister und Begleiter durch alle
Wirrsale des Lebens, Fossano, getreulich beraten.

Bei dieser Gelegenheit hatte sie auch die Gnade, ihn mit dem Statut der
Stiftung bekannt zu machen.

Er bekam also zu wissen, da das Stift achtzehn adlige Frulein,
nicht unter sechzehn Jahre alt, und eine Superiorin, smtliche aus
dem schlesischen Adel, neun von rmisch-katholischer und neun von
protestantischer Religion, unterhalten sollte. Dazu wurden die
smtlichen Gter Barberinas hergegeben.

Die Herrschaften, die die geschiedene Baronin Cocceji mieden, werden
wohl nicht umhin knnen, den Weg zu der von der kniglichen Gnade
umstrahlten btissin Grfin Campanini zu finden, sagte er gelassen.
Insofern htten Madame ihr Ziel erreicht!

Barberina blickte ihn ber die Schulter an.

Sie werden zu Kreuze kriechen, darin hast du recht. Sie werden nicht
umhin knnen, einer Dame, in deren Obhut sie ihre Tchter geben, mit
der gebhrenden Auszeichnung zu behandeln!

Der Gedanke an das Schicksal ihrer Tchter wird ihnen dabei sicherlich
nicht allzu lstig werden, sagte Fossano.

Meinst du?

Ich bin so frei. Wer die Fhrung seiner Kinder auf dem Pfade der
Tugend und der guten Sitte fremden Hnden anvertraut, denkt wohl an
nicht viel mehr, als da er selbst die Last und die Verantwortung los
sein will. Um so grer ist die Verantwortung, die Madame auf sich
nehmen!

Sie sah ihn wieder scharf an. Meinst du, ich wre nicht imstande,
diese Verantwortung zu tragen?

Oh, beeilte er sich zu antworten, vor dem Straucheln werden Madame
die Frulein besser als irgendeine bewahren knnen. Ich wte nicht, wo
man ein greres Sachverstndnis in dem, worum es sich hier handelt,
finden knnte!

Sie bi sich auf die Lippen, antwortete aber nicht. Khn geworden, fuhr
Fossano fort:

Die Herrschaften werden keinesfalls nach so schwerwiegenden Grnden
suchen, um wieder der Gastfreundschaft von Madame genieen zu knnen.
Sind sie nach der Scheidung ausgeblieben, so geschah es, weil die
Schicklichkeit es gebot. Die passende Gelegenheit, zurckzukehren und
zu tun, als wre gar keine Trbung der guten Beziehungen eingetreten,
haben Madame den Leuten gegeben. Sie werden auch neugierig sein.
Sie werden auf das Vergngen nicht verzichten wollen, die ehemalige
Tnzerin in der klsterlichen Tracht einer btissin bewundern zu
drfen. Die Tracht wird Madame brigens vorzglich stehen!

Meinst du?

Ich bin so frei! Nur die Farbe gefllt mir nicht recht. Das Aschgrau
erinnert zu sehr an Bue. Und was fr ein Grund zur Bue liegt denn
darin, da man _=gelebt=_ hat? Seine Majestt der Knig, der dem Leben
huldigt, kann doch unmglich -- --

Ich selbst habe die Farbe gewhlt! sagte sie kurz. Lassen wir das!
Ich mache dich mit dem Statut nicht bekannt, um deine Ansicht zu hren,
sondern nur, damit du deine Obliegenheiten kennenlernst!

Madame hatten also die Gnade, meiner Wenigkeit einen Platz in Dero
Heiligtum einzurumen? fragte er einigermaen berrascht.

Der dir gebhrende Platz im Rahmen des Ganzen ist vorgesehen. Dessen
sei gewi. Du wirst es gleich sehen. Erst aber hre, was die Statuten
im wesentlichen weiter bestimmen, damit du siehst, welche Aufgaben
dir erwachsen. Jede, die in das Stift aufgenommen werden will, mu
feierlich versprechen und angeloben, sowohl innerhalb als auerhalb
des Stiftes ein tugendhaftes, regelmiges und anstndiges Leben zu
fhren!

Fossano rusperte sich.

Das werden sicherlich alle geloben und versprechen, sagte er. Aber,
Hand aufs Herz -- geben Madame wirklich etwas auf Versprechungen in
solchen Dingen?

Sie bi sich auf die Lippen -- ihm schien es fast so, als wolle sie ein
Lachen verbergen.

Ich gebe ein Statut, sagte sie dann kurz. Und das Statut bestimmt
sofortige Ausschlieung eines jeden Fruleins, das sein Versprechen
durch ausschweifendes Leben verletzt.

Eine ganz berflssige Bestimmung, sagte Fossano. Ich bin bald
achtzig Jahre, ich habe viel vom Leben gesehen -- noch niemals aber ist
mir eine Dame vorgekommen, der man die Verletzung ihres Tugendgelbdes
nachweisen konnte. Wir Mnner waren immer galant genug, ihnen das
zu besorgen und ihnen jede Schuld abzunehmen. Und wir leisten gewi
keinen Meineid, wenn wir darauf schwren, da die holden Schnen am
unschuldigsten sind -- wenn sie's nicht mehr sind!

Barberina verbi sich wieder ein Lachen. Fossano sah es.

Das ist das erste Gebot der Galanterie! sagte er.

Der Galanterie wird im Rahmen meiner Stiftung kein Spielraum gegeben,
sagte Barberina, wir haben dem einen Riegel vorgeschoben!

Vorgeschobene Riegel lassen sich gewhnlich auch zurckschieben,
entgegnete Fossano.

Hr nur zu! Das Statut verbietet den Stiftsdamen ausdrcklich, ohne
Erlaubnis der btissin auszugehen und Besuche anzunehmen, insbesondere
heimliche Besuche von Mannspersonen!

Pardon, sagte Fossano, wenn ich mir eine Frage gestatte, hat der
Knig _=das=_ sanktioniert?

Du siehst seine Unterschrift!

Ja, es hat seine Richtigkeit, sagte er dann kopfschttelnd. Genau,
wie ich dachte! Er wiederholte leise: Das Statut verbietet, ohne
Erlaubnis der btissin heimliche Besuche von Mannspersonen anzunehmen!
-- _=Mit=_ Erlaubnis der btissin wren also solche heimlichen Besuche
gestattet!

Sie schlug auf den Tisch. Er lie sich aber nicht erschrecken.

Madame haben da eine bequeme Hintertr offengelassen -- Madame haben
es sich leicht gemacht, unter Umstnden auch menschlich zu sein. Die
Stiftsdamen werden nicht klagen knnen!

Darber zu befinden ist nicht deines Amtes!

Pardon, wenn ich danach frage -- aber was wre denn im Rahmen des
Ganzen mein Amt?

Nur Geduld! Wir kommen jetzt zu den Domestiken!

Domestiken?!

Er fuhr zurck. Sie sah, da der Hieb sa, freute sich sehr und fuhr
in gelassenem Ton fort: Das Statut sieht von mnnlichen Domestiken
vor: einen Koch, einen Grtner, einen Frster und einen Bedienten, der
schreiben und rechnen kann. -- Du kannst ja vorzglich schreiben und
rechnen!

Pardon, sagte er scharf und richtete sich auf. Madame wollen mich
wohl zum besten halten? Es kann nicht Dero Ernst sein, _=mir=_ diese
Stellung eines Bedienten --

Es ist mein Ernst, dir diese Stellung zu geben. Eine andere ist
im Institut nicht vorhanden. Und schlielich, was wre dagegen
einzuwenden? Du hast dein ruhiges Leben, wirst ausreichend bezahlt; ob
du dich dabei Hofmeister oder Bedienter nennen darfst -- das ndert an
der Sache nicht das geringste! Um Titel warst du ja nie besorgt. Und
schlielich -- eine Schar der entzckendsten jungen Damen zu bedienen,
das mu dir doch zusagen; du hast ja immer so viel fr galantes Wesen
brig gehabt!

Ich danke, sagte er kurz; um mich mit jungen Mdchen abzugeben, bin
ich zu alt. Mge Madame sich da andere Helfershelfer suchen. Ich bin
nicht dafr zu haben! Ich gehe.

Du gehst von mir fort?

Ja -- meine Rolle bei Madame ist ja sowieso ausgespielt! Ich hatte
hier nur noch eine wesentliche Pflicht zu erfllen!

Nicht, da ich wte!

Eine Pflicht, die mir das Leben auferlegt hat -- nicht du, sagte er
und duzte sie zum erstenmal wieder. -- Ich hatte dich verfhrt, ich
hatte dich von der Bahn der Tugend abgebracht -- jetzt habe ich dich
der Tugend wiedergegeben, so gut es ging -- ich habe meine Schuld
bezahlt! Ich gehe!

Du willst doch nicht zum Bettelstab greifen, jetzt noch?

Das habe ich nicht ntig. Ich habe Ersparnisse gemacht. Und -- wenn
ich noch in Dienst wollte -- an Anerbietungen von sehr exzellenter
Seite fehlt es mir nicht! Madame brauchen sich darber keine Sorge zu
machen!

Er ging nach der Tr. Dort wandte er sich noch einmal um, und in seinen
Augen leuchtete es teuflisch, als er ihr den letzten Hieb versetzte,
mit dem er sich fr all die Jahre der Schmach rchen wollte, in denen
sie ihn mit Fen getreten hatte.

Pardon, sagte er kurz und ganz von oben herab, fast hatte ich
vergessen -- der Kammerdiener Seiner Exzellenz des Staatsministers
Grafen Hoym schrieb mir gestern ber die Antwort des Knigs auf das
Gesuch von Madame, Dero Grfinnentitel das Prdikat >Exzellenz<
hinzufgen zu drfen!

Du brauchst dir keine Mhe zu machen -- der Staatsminister hat mir
selbst darber geschrieben!

Der Staatsminister ist galant und hat es wohl verstanden, die bittere
Pille zu berzuckern, wie ich aus seinem Briefe ersehen konnte, als
ich den gndigen Papierkorb leerte, wohin Madame ihn in Hchstdero
rger geworfen hatten. -- Der Bescheid des Knigs war aber nicht so
hflich!

Sie starrte ihn mit offenen Augen an.

Der Knig schrieb geradeheraus: >Ich bin nicht geneigt, ihr den Titel
Exzellenz zuzugestehen, weil ich es -=ridicule=- finde, da eine
gewesene Theatertnzerin dieses Prdikat fhre!< So schrieb der Knig.
Und nun wissen Madame, da die >gewesene Theatertnzerin< noch nicht
ausgetanzt hat, trotz Grfinnenprdikat, Tugendasyl und in frommen
Stiftungen angelegtem Sndengeld. Ich tanze aber nicht mehr mit!

Wenn du denkst, da ich es tue, irrst du dich! rief Barberina zornig.
Ich werfe lieber alles hin! Wenn der Knig so undankbar ist, mache ich
die ganze Schenkung wieder rckgngig!

Fossano, der sich gar keine Mhe gab, seine Schadenfreude zu verbergen,
sagte: Ich glaube schon, da Madame das mchten! Ich wei aber auch,
da es zu spt ist. Was der Fiskus einmal hat, das behlt er. Wovon
wollten Madame leben? Jugend, Schnheit, Talent -- das ganze vom Leben
mitgebrachte Kapital ist verbraucht oder wird zum mindesten nichts
mehr abwerfen. Den bisherigen Ertrag haben Madame unwiederbringlich
auf dem Altar der Tugend geopfert! Madame sind eben auf Lebenszeit
der Tugend verfallen und sitzen nun fest! Daran ist nichts zu ndern!
Aber -- das ist ja nicht so tragisch zu nehmen! Die Bequemlichkeit hat
ja was fr sich, wenn man ber die Jahre der Aufregungen hinaus ist.
Und -- schlielich haben Madame sich ja so geschickt eine Hintertr
offengelassen! -=Votre serviteur!=-

Er verbeugte sich mit ausgesuchter Galanterie, machte kehrt und ging,
hoch aufgerichtet, auf alterssteifen Beinen, aber mit der ganzen
Grandezza des ehemaligen Tnzers, hinaus. Sie sah ihn nicht wieder.




25


Ihr blieb Zeit genug, sich des Besitzes der wohlerworbenen Tugend zu
erfreuen. In der Stille und Ruhe des Landlebens vergingen ihre letzten
Jahre ohne erhebliche Erlebnisse, aber auch ohne Aufregungen.

Eines schnen Sommernachmittags -- zehn Jahre, nachdem sie ihr Amt als
btissin angetreten hatte -- fand man sie tot auf einem der Wege im
Park ihres Schlosses. Man sagt -- -- --

Aber -- was sagt man nicht alles beim Tode einer Berhmtheit!? Mit
rechten Dingen geht's dabei ja niemals zu.

Eine getreue Schilderung der letzten Todesminute mte zum mindesten
die bekannte Pendle vorfhren, die gerade, als sie starb, stehenblieb
-- einige letzte Worte prgen, oder meinetwegen auch, nach Art der
beliebten mittelalterlichen Darstellung, zeigen, wie Leib und Seele
voneinander scheiden und nicht nur die Engel Gottes, sondern auch die
Teufel dabei fleiig sind!

Angenommen, sie htte dabei getanzt -- sie htte beim letzten
Spaziergang im Park zu dem vom Sonnenuntergang rosig gefrbten Himmel
emporgeblickt, und hoch oben, wie Sommerblten in den Wolken, alle
die seligen Gestalten Correggios gesehen, die ihr winkten und sie zu
sich hinaufriefen, wie damals in ihrer Kindheit im Dome zu Parma! Und
Psyche wre der Abstieg geglckt, die Todeszuckungen ihrer sterblichen
Hlle htten sich in eine Art Tarantella umgesetzt! Schauerlich schn,
wenn auch grotesk, wre es ja, hier darzustellen, wie die alte Matrone
pltzlich angefangen htte, drauen in der Abenddmmerung zu tanzen,
die Arme hoch gen Himmel gestreckt, so da die Enden der grauen
Schleier sich wie riesengroe Flgel ausgebreitet htten. Dann ein Hin-
und Herflattern hinter den Gebschen, wie wenn ein zu Tode getroffener
Riesenvogel noch mit dem Element kmpft, das ihn bis jetzt willig
trug, und sich mit Aufbietung seiner letzten Kraft mht, aufwrts zu
kommen, ehe er fr immer kraftlos zur Erde sinkt und erstarrt...

Hinauf zu wollen, aber unten bleiben zu mssen -- das ist auch in der
Todesminute der Tanz des Lebens. ber Hhen, durch Niederungen fhrt
er zum Gipfel des Glcks und wieder hinab zur bitteren Entsagung, im
Rausch der Bewegung hier wie dort, niemals aber zu voller Befriedigung
des innewohnenden Dranges. Bis der Tanz fr immer aus ist. Da gelingt
der Abflug. Und unten bleibt, was an den Boden fesselte, sinkt in den
Staub und zerfllt, bis kaum noch die Erinnerung dessen brigbleibt,
was war.

Fhrt dann der Wind des Lebens darber hinweg, dann kann es sein, da
er den Staub der Vergangenheit zum Tanz aufwirbelt und ihn wieder zu
Gebilden fgt, die der suchenden Ahnung das lngst Verblichene, im
Spiel der Phantasie, vorgaukeln und es zu neuem Leben erwecken.

ber den Tod hinaus zu wollen, hiee denn -- die Erzhlung wieder von
vorn anfangen. Da schliet sich also der Ring des Geschehens.




Notizen des Bearbeiters:

Text in 'Antiqua'-Schrift markiert durch: -= ... =-

Gesperrter Text markiert durch: _= ... =_

Unterschiedliche Schreibweisen des Originaltextes wurden
beibehalten.

Korrektur von: 'auf dem vielumstrittenen' zu 'auf den
vielumstrittenen'.

Kleinere orthographische Korrekturen wurden stillschweigend vorgenommen.

Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Buches verschoben.





End of the Project Gutenberg EBook of Die Tnzerin Barberina, by Adolf Paul

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE TNZERIN BARBERINA ***

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