The Project Gutenberg EBook of Norby, by Waldemar Bonsels

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Title: Norby
       Eine dramatische Dichtung

Author: Waldemar Bonsels

Release Date: February 20, 2016 [EBook #51254]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NORBY ***




Produced by Norbert H. Langkau, Norbert Mller and the
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                                Norby

                      Eine dramatische Dichtung

                                 von

                           Waldemar Bonsels

                                 1921

                   Verlegt bei Schuster & Loeffler
                          Berlin und Leipzig


  Die Dichtung ist in den Jahren 1908 bis 1915 entstanden. Die
  vorliegende Ausgabe ist die dritte Auflage. Die erste Auflage ist
  unter dem Titel: Der Pfarrer von Norby im Verlag von Walter
  Schmidkunz in Mnchen im Jahre 1916 erschienen. Copyright 1919 by
  Schuster & Loeffler. Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in
  Leipzig. Alle Rechte vorbehalten.

  =Viertes und fnftes Tausend.=




Die Personen der Dichtung


      Bernd Oerlsund, Lotse
      Holger, sein Sohn
      Naemi, Oerlsunds Pflegetochter
      Arne, Pfarrer von Norby
      Der Kirchenrat
      Der Knecht Jrgen
      Der Amtmann von Norby
      Der Kster
      Die Moorvettel
      Zwei Moormnnchen
      Ein Fischer
      Eine Pflegefrau, Burschen, Gesinde, Volk

Ort: irgendwo, Zeit: irgendwann, am Meer.





Erster Aufzug


  Wohnraum des Lotsenhauses der Oerlsunds auf Norby. Nacht. Sturm. Mond
  und die wechselnden Lichter des Leuchtfeuers an den Scheiben. Auf
  dem Kamin Kerzen. Auf seinem Lager der sterbende =Bernd Oerlsund=.
  =Holger Oerlsund=. =Der Groknecht Jrgen=. =Eine Pflegefrau=. Am
  Kamin =Gesinde=.

                =Jrgen=

      Ihr habt noch keinen Sturm gehrt wie diesen!
      Und zwiefach bringt sein Brausen Licht und Tod.
      Ich sah den Tod im dstern Abendrot,
      nun hat ihn Gott in dieses Haus gewiesen.
      Solang ich denke, brach der Sturm noch nie
      so fessellos und so allmchtig ein.
      Gott soll dem Haus der Oerlsund gndig sein.
      Und die in Seenot sind, Gott schtze sie. --
      Der Kranke schlft. Der Sturm wiegt seinen Traum.

                =Holger=

      Sein starkes Angesicht verrt es kaum,
      da er uns lt. Er stirbt, wie er gelebt.
      Nie hat der Tod ihm Graun und Furcht gemacht.

                =Jrgen=

      Sprich leise, da er nicht erwacht.

                =Holger=

      Im Frhling, in diesem bsen Jahr,
      als Hg den letzten Seeadler erlegt,
      der auf den Norbyer Klippen war,
      war ich erzrnt und tief bewegt,
      als sei nun eine groe Zeit,
      ihre freie und wilde Herrlichkeit
      fr immer dahin. Glutrot hinter den Hgeln
      versank der Tag. Der Schu traf gut.
      Der Vogel peitschte mit zornigen Flgeln
      das Meer, das aussah wie Blut.
      Lang hinhallend ber die See
      klagte sein letztes Geschrei,
      dann sanken die Schwingen. Es war vorbei.
      Mir tat sein Tod in der Seele weh,
      und immer war mir ums Herz bis heute,
      als ob das Unheil fr uns bedeute.

                =Jrgen=

      So darfst du nicht denken. Wie kann das sein.

                =Holger=

      Das Unglck brach bald genug herein.
      Zwei Wochen darauf ohne Dank und Gru
      verlie Naemi im Trotz das Haus.
      Die Dirne des Pfarrers wurde daraus!

                =Jrgen=

      Kein Herz wei, was ein anderes mu.

                =Holger=

      Ich aber wei, welch Unheil mir geschehn.
      Oh, wer begreift den Zorn, die bittere Pein,
      den Taumel von Erniedrigung und Not,
      wenn die geliebten Augen nicht mehr sehn
      und nicht mehr kennen, was ihr treuer Schein
      noch gestern traf als Leben oder Tod!?
      Ach, keine Macht auf Erden je gekannt,
      war gro genug, den trben Bann zu brechen,
      in dem die teuren Augen nicht mehr sprechen,
      was einst Verheiung allen Glcks genannt.
      So mu ich gehen, wo ich kommen mchte,
      und dort entweichen, wo ich stetig bin,
      und alle Kraft erschpft sich im Vergeben.
      Mich wrgt der Ha, den ich ihr tglich brchte,
      wenn nicht mein Stolz ihn, im verkehrten Sinn,
      zu Gift vertauschte meinem eigenen Leben.

                =Jrgen=

      Wie gern ich deine Lasten auf mich nhme
      und deinen Gram und deine Ungeduld.
      Ich bin zu alt, als da der Menschen Schuld
      mir nicht erst weit nach ihren Schmerzen kme.
      Doch sag mir eins, auf da ich gut empfinde,
      wie tief die Hoffnung noch in deiner Brust
      zu recht sich regt. Du gabst dem lieben Kinde
      dein ganzes Herz, mit Willen und bewut,
      doch hat auch sie dir je ein Wort gesprochen,
      das sie mit ihrem Abschiedsgru gebrochen?

                =Holger=

      Was gelten Worte, wo mir jeder Blick
      und ihres ganzen Wesens holde Flle
      zu eigen war, wie ein vertrautes Glck,
      fernher aus unserer Kindheit erster Stille.
      Schlief nicht ihr Haupt an meinem Herzen ein,
      wenn wir am Strand, als Kinder, mde waren.
      Wer durfte ihr in Freuden und Gefahren
      ihr Freund, ihr Retter, ihre Zuflucht sein?
      Nur ich und niemand! Binden solche Gaben
      und solch Vertrauen erst nach einem Spruch?
      Oh, weh der Seele, der sie nicht genug
      und mehr als alles eingegeben haben.
      Wie sollt ich fordern, was ich nie erflehte,
      und wie verlangen, was ich tief besa.
      Oh, schlechter Rat, durch den ich mich verrte,
      wer denkt das Licht, das er noch nie verga?
      Das Meer erwacht im unsichtbaren Wind,
      und wer erblickt die Kraft, in der es ruht?

                =Jrgen=

      Die Herzen der jungen Frauen sind
      Gottes geheimnisvollstes Gut,
      mit dem er nach seinem Willen tut.
      Was uns wie Trotz und Willkr scheint,
      war oft von seiner Gte gemeint.

                =Holger=

      Das mgen die Alten, die nichts mehr begehren,
      hinter dem Ofen einander lehren.
      Ich finde mich nie und nie darein.
      Naemi war mein, Naemi ist mein.
      Verflucht der Tag, an dem der fremde Mann
      mit Satansknsten und verstelltem Willen,
      im heiligen Kleid sein Gaukelspiel begann,
      um ihre reinen Sinne einzuhllen.
      Ach, dies Gewand der Schwermut lockt die Frauen,
      Verrat an ihrer mtterlichen Seele
      ist dieses Schauspiel aus Gelst und Grauen,
      das frmmelnd naht, auf da es lstern stehle,
      was niemals aus gesundem, klarem Sinn,
      aus Freimut oder Lust gegeben wrde.
      Er lockte durch die priesterliche Hrde
      ein arglos Kind zu seinem Schandbett hin.

                =Jrgen=

      Nimm dich in acht, des Pfarrers Wert
      mit Ungebhr herabzusetzen!
      Hat er Naemi je fr sich begehrt?
      Ein weites Herz ist leichter zu verletzen,
      als zu erkennen. Schweig und hte deins!
      Sie ging zu ihm, er nahm sie hin,
      weil sie nicht leben konnte ohne ihn.

                =Holger=

      Nur umso bittrer krnkt mich ihr Geschick.

                =Jrgen=

      So manche leiden unter ihrem Glck.
      Bedenke wohl, Naemi ist kein Kind
      aus deiner Heimat und aus deinem Land.
      Von Meer und Sturm ward sie uns fremd gesandt,
      mit ihrer Seele, die in Licht und Wind
      aus heien Wundern unter uns erwachte.
      Gott, der sie einst in unsre Mitte brachte,
      der wute auch, wozu er sie bestimmt.

                =Holger=

      Damit sein Diener sie zur Dirne nimmt.

                =Jrgen=

      Das hat die Niedrigkeit der Welt erfunden!

                =Holger=

      Der dort, der hat es nie verwunden. --
      Das war des dunklen Unheils zweiter Schlag,
      das ihm so jh die Lebenskraft zerbrach.

  Ein Hornruf.

                =Jrgen=

      Horch auf! Sei still! Ein Notruf durch die Nacht!

                =Holger=

  rstet sich zur Ausfahrt

      Ein Schiff in Seenot! Sollte diese Nacht
      vergehn und uns nicht harte Arbeit bringen,
      die schon soviel an Bsem aufgebracht!
      Seht mich bereit, das Schwerste soll gelingen!
      Ein Schiff in Seenot! -- Vater, schlaf du still.
      Dich soll Gefahr das letzte Mal nicht wecken.
      Es soll kein Mensch in Seegefahr erschrecken,
      weil dich der Tod nicht steuern lassen will!
      Noch lebt ein Oerlsund, Norbys Ruhm bleibt wach.

                =Jrgen=

      Fahr nicht hinaus, es sind genug am Ort.
      Wenn er erwacht, ein letztes Mal, er litte
      zu schwer, dich nicht an seinem Bett zu sehn.
      La andre fahr'n. Geh du nicht fort!
      Versteh mich, weil ich fr den Vater bitte.

  Ein zweiter Hornsto nah am Haus.

                =Holger=

      Wei er, da ich sein Erbe treu begann,
      stirbt er am leicht'sten, der getreue Mann.

  Zum Gesinde

      Was starrt ihr tatlos in die laute Nacht?
      Schafft die Gerte, weckt mir, die noch ruhn.
      Holt mir den Teerrock, Seile, geht mir sacht.
      Die Ruder von den Stangen! Christen soll es tun.

  Ein =Schiffer= tritt auf, Licht und Sturm im Nacken.

                =Der Schiffer=

      Vor Attang liegt ein Schoner auf den Klippen!
      Der Sturm ri uns das letzte Feuer aus!
      Das beste Boot zerbrach die Eichenrippen.
      Ich lief nach Norby, Oerlsunds Lotsenhaus
      war unsre Hoffnung. Helft uns, wenn ihr knnt!
      Was mu ich sehn?! Bernd Oerlsund liegt darnieder?
      Wenn Sturm und Tod dies letzte Haus berennt,
      sieht drauen keiner je die Kste wieder.
      Sie sind verloren! -- Gott sei ihnen nah.

                =Jrgen=

      Seid ihr verraten, wenn ein Oerlsund euch
      nicht Mut in die verzagten Knochen brllt,
      da ihr dies Haus mit eurer Klage fllt?
      Nehmt Mann und Boot und denkt an eure Pflicht.
      Wenn diese Nacht nur einer schlafen mag,
      ruft rasch das Horn die Schlfer wach!
      Die besten unserer Leute gehn zur Hand
      und auch ich selbst -- ein Weilchen nur --

                =Der Schiffer=

      Bernd Oerlsund stirbt!

                =Holger=

                            Dort drauen sterben Viele!
      Das Rettungsboot von Norby ist bereit.
      Hier kommt der Tod gewi zu seinem Ziele,
      dort drauen ist fr uns noch Zeit!

                =Jrgen=

  zu =Holger=

      So geh. Gott sei mit dir. Ich fhl's mit Leid,
      oft nimmt die groe Pflicht der kleinen Kleid,
      die nchste aber zwingt.

                =Bernd Oerlsund=

                              Ich hre Sturm und Schrein!
      Es mu ein Schiff in Seenot sein.
      Gebt mir die Hand. Helft mir, ich mu in See.
      Da ich nicht kann ... mich qult kein andres Weh.

                =Jrgen=

      Wenn der im Sterben seine Pflicht vergit,
      hab ich fr meine meinen Lohn dahin.
      Auf, Holger! Eh die Zeit vorber ist.
      Das Boot vom Balken nach des Vaters Sinn,
      jag' den Verzagten Feuer in die Seele,
      doch du komm wieder, da dein Angesicht
      dem letzten Trost des Sterbenden nicht fehle.

                =Der Schiffer=

      Herr, zgern wir, kommt nur der Tod zur Tat,
      kommt mit hinab, das ist mein Bitt' und Rat.
      Und habt auch Dank. Von Attang kamen
      fnf Leute mit mir. Kommt in Gottes Namen.

  Er geht ab. Die Tr bleibt geffnet.

  Sturm und Licht in der Nacht.

                =Holger=

      Soll ich dich, Vater, nicht mehr lebend sehn,
      so wird mit mir an deinem Lager stehn
      der stumme Jubel der vom Tod Befreiten.

  Zu den Knechten

      Wer ihn geliebt hat, wird uns gern begleiten.

  =Holger=, das =Gesinde= ab.

  Es bleibt eine Weile still. Von drauen klingt der Lrm und die Rufe
  der Arbeitenden. =Jrgen= verriegelt die Tr.

                =Die Pflegefrau=

      Ich lie den Pfarrer rufen. Es tut not.
      Wie wnsch ich, da ihn diese Stunde bringt.
      Oh, steht mir bei! Bernd Oerlsund ringt
      mit seinem letzten Funken Leben.

                =Jrgen=

      Gebt ihm den Trank, der Anfall wird sich geben.
      Da auch die Botschaft, die er eben hrte,
      dem Sterbenden die letzte Kraft emprte.
      Ach, ich bin traurig. Dieses weie Haar
      an meinen Schlfen ist mit ihm erbleicht.
      Ach einst, als er ein kleiner Knabe war,
      hab ich die ersten Ruder ihm gereicht.
      Die Kunst des Schwimmens hab ich ihm gezeigt,
      ich hab bewacht, in dienender Geduld,
      sein ganzes Leben, ohne Ruh und Schuld.
      Ich seh im Geist, um dieses Bett geschart
      die Menschen, die sein starker Arm bewahrt,
      ich hr Gebete, Schluchzen, Dank,
      ich seh sie knien und jauchzen, bleich vor Freude.
      Ein junges Weib, das seinen Hals umschlang,
      ward so, dem Tod entrissen, ganz die Seine.
      Ach, Holgers Mutter hat der Tod genommen,
      wie er sie brachte, fremd und ber Nacht.
      Auf meinen Armen hat das Kind gelacht,
      an meinem Herzen ist sein Leben kommen.

                =Bernd Oerlsund=

      Tiefe Nacht du ohne Morgen,
      sinkst du auf mein liebes Leben,
      und der neue Tag kommt ohne mich?
      Kommt mit Licht und Dank und Sorgen,
      und das Meer beruhigt sich ...

  Er lauscht hinaus.

      Stunden kommen, Tage, Wochen,
      Jahre, meinem Sinn verhllt ...
      Meine Kraft ist ungebrochen,
      meine Wnsche ungestillt.
      Lat mich leben! ber Maen
      schaurig ist die Nacht, die naht.
      Erst im Dunkel kann ich fassen,
      wie das Licht der Seele tat.

  Es pocht heftig.

                =Stimme von drauen=

      Macht auf! Der Sturm verschlingt uns fast!

                =Jrgen=

      Wer's immer sei, geht, ffnet diesem Gast!

  Die =Pflegefrau= ffnet die Tr.

  Der =Kster=, =Arne=, der Pfarrer von Norby, =Naemi= treten auf.

  Licht und Sturm.

                =Der Kster=

      Die Nacht ist schaurig! _Von Naemi._ Ihr erging es schlecht.
      Empfangt sie freundlich. Mchte unser Gang
      gesegnet sein, auch ohne Chorgesang.

                =Arne=

      Ihr liet mich rufen, komme ich zurecht?

                =Jrgen=

      Gelobt sei Gott. Ich heie Euch willkommen,
      Herr Pfarrer. Ein bitter Leid hat Euren Weg gewollt,
      Bernd Oerlsund, unser Herr, wird uns genommen.

  =Naemi= tritt an das Lager =Bernd Oerlsunds=.

                =Arne=

      Ich hab die Botschaft spt vernommen.

                =Jrgen=

      Ich bitt Euch herzlich, lieber Herr, ach grollt
      Bernd Oerlsund nun nicht lnger, der mit Zorn
      und edlem Ha Euch bitterlich gekrnkt.
      Verzeiht ihm freundlich, Herr, bedenkt,
      es sind die letzten Stunden seines Lebens.

                =Arne=

      Seid unbesorgt. Ihr bittet nicht vergebens.
      Hat er von mir den Kelch des Herrn begehrt?

                =Jrgen=

      Wir rieten es, er hat uns nicht gewehrt.

                =Naemi=

      Er schlgt die Augen auf, er zittert, er erschrickt.
      Er kennt mich nicht, obgleich er mich erblickt.
      Wie bleich die Stirn, wie matt die Hnde sind.
      Oh sieh mich an, ich bin's, dein Kind.

                =Jrgen=

  zu =Arne=

      Es war nicht gut, Naemi mitzubringen.
      Er hat es nie verschmerzt, sie zu verlieren,
      und bse Reden, die den Ort durchdringen,
      erreichten ihn. Sie setzten ihren
      und Euren Wert vor ihm herab.

                =Arne=

      Sein Zorn vertrieb sie, und sie kam zu mir,
      obgleich sie Oerlsund lngst als eigen Kind
      betrachtet. Glaube mir, wer ihren Schritt verachtet
      und sie doch liebt, wie Oerlsund sie geliebt,
      der stirbt nicht leicht, bevor sie ihm vergibt.

                =Jrgen=

      Herr, es war Unrecht. Seht, ein alter Mann,
      der lange hier gedient hat, spricht Euch an
      und bittet Euch, vergebt die Ungebhr,
      mein weies Haupt entschdigt Euch dafr.
      Ich wei es, da Naemis Gegenwart
      die Ruhe scheucht, die wir ihm alle gnnen.
      Er wird den Kelch des Herrn nicht nehmen knnen.
      Das letzte Lebensfnklein arm bewahrt,
      wird neu entfacht zu Zorn und Ha entbrennen.

                =Naemi=

      Er streckt die Hnde nach mir aus!
      Oh, lieber Vater, glaube meiner Treue.
      Wie lange sah ich nicht dein liebes Haus,
      in dem ich Kind war. -- Vater, ach erneue
      noch einmal, eh der Tod dein Sein beschliet,
      die alte Liebe, die ich flehend suche.

                =Bernd Oerlsund=

      Wie, ist dies Bild das letzte Licht der Erde?
      Bist du ein Engel, da ich selig werde?
      Ach, wie von Herzen hab ich dich geliebt.
      Du bist es wahrhaft? Ach, den Traum zerstrt
      die dunkle Welt, der noch mein Leib gehrt.
      So kommst du heute, um mir abzubitten,
      was ich durch deinen leichten Sinn erlitten.
      Ach, du kommst spt, und doch, htt'st du gesumt!
      Ich htte lieber so von dir getrumt,
      wie du als Kind warst, eh man dich genommen.
      Hinweg! Du bist mir herzlich unwillkommen.

                =Arne=

  zu =Oerlsund=

      Im Schatten der allmchtig dunklen Flgel,
      die Euch behten, lschen manche Lichter
      der irdischen Erkenntnis ngstlich hin.
      Bedenkt, verndert schaun die Angesichter
      der schwachen Menschen, wie von Anbeginn,
      und ohne Schein der armen Tagesplage.
      Wie leicht und mhlos lst sich manche Frage,
      kein Vorteil winkt, kein Nachteil droht.
      Was Pflicht und Klugheit einst gebot,
      sinkt klein dahin im Schatten dieser Flgel.
      Zrnt nicht Naemi, da sie zu mir kam,
      und zrnt nicht meiner Liebe, die sie nahm.

                =Bernd Oerlsund=

      Auch Ihr seid da? Hat alles sich verschworen,
      mir meine letzte Stunde zu vergllen?!
      Schweig still, Verfhrer! Hohle Narrenschellen
      sind deine falschen Worte meinen Ohren.

                =Der Kster=

      Erbarm dich, Jesu! Habt ihr das gehrt!

                =Naemi=

      Oh, Vater, was hat deinen Sinn verstrt?

                =Jrgen=

      Des Satans Tcke schttelt ihn im Fieber.

                =Der Kster=

      Ich will den Kelch erheben ber
      dem Lager, denn er bannt des Bsen Macht.

                =Jrgen=

      Herr, Herr, bleibt ruhig. Kennt Ihr mein Gesicht?
      Ich bleibe bei Euch. Ich verlass' Euch nicht.
      Ich war Euch alles, Diener, Bruder, Freund,
      lat mich nicht leiden, da Ihr ernstlich meint,
      was Euch der Satan in die Sinne tuschte.

                =Bernd Oerlsund=

      Du bist es! Du ... Was tuscht der Bse vor?
      Sind diese Beiden an mein Bett getreten,
      um sich bei frechen, sndigen Gebeten
      der Schwche ihres Gegners zu erfreun?!

  Zu =Arne=

      Geht fort! Hinaus! Ich sterb allein!

                =Arne=

      Ich biete Euch den Trost der Sakramente,
      zu denen Ihr Euch lebenslang bekannt.
      Was immer Euch von Gottes Liebe trennte,
      sein Blut verwand es. Gebt mir Eure Hand.
      Es hat noch keines Dieners Schuld entweiht
      die Hoheit dessen, welcher ihn gesandt.
      Des Knechtes Schwche ist sein eigen Leid,
      doch Euer Leid liegt in des Vaters Hand.

                =Oerlsund=

      Wohl aber macht das Laster ungeschickt
      den Knecht, des Herren Rechte zu vertreten.
      Wer, sagt mir an, wer hat Euch hergebeten?
      Gott ist in keines Menschen Tun verstrickt.

                =Arne=

      Seht keine Schuld, auch unsre seht nicht an.
      Was Ihr ein reiches Leben lang getan,
      wird keiner Euch in Norby je vergessen.
      Wie trstet unser schwankendes Gemt,
      da Liebe abschliet, was sie selbst begonnen.
      Sie lenkt uns alle, heimlich und besonnen,
      was uns geschieht, verleitet in ihr Wesen,
      ist schon fr ihr Erlsungswerk erlesen.
      Drum richtet nicht, bevor Ihr recht erkannt.
      Es fllt kein Blttlein ohne Gottes Hand.

                =Bernd Oerlsund=

      Ihr mat Euch billig hohe Reden an.
      Was habt Ihr je fr Gott und Welt getan?
      Was wit denn Ihr von unsern Lebenslasten?
      Ihr knnt nur das Bestehende betasten.
      Sagt nicht die Schrift, mit der Ihr Euch gebrstet:
      An ihren Frchten sollt ihr sie erkennen?
      Wenns Euch zum Abschied noch danach gelstet,
      will ich Euch Eure faulen Frchte nennen.
      Wollt' mir die Kraft nur noch ein Stndlein reichen,
      ich wrde mit den Fusten unterstreichen.

                =Jrgen=

      Oh lieber Herr, lat uns die Welt vergessen.
      Fr Schuld ist oft die kleinste Zeit noch lang,
      wer will die Zeit fr ihre Shne messen?
      Mir ist um Eure letzte Ruhe bang.

                =Naemi=

      Oh dunkle Macht, die blind, mit Ungeduld
      in hartem Irrtum ihre Rechte wahrt,
      kein starkes Herz ward je vor ihr bewahrt,
      die Not des Zweifels wird zu neuer Schuld.
      Hr, Vater, hr, bevor dein Sinn vergeht,
      du tust dem liebsten Freund, den ich gefunden,
      ein bitterliches Unrecht an.

                =Bernd Oerlsund=

                                  Die Wunden,
      die du mir schlugst, sind mir Gewhr, mein Kind,
      von welchem Wesen deine Freunde sind.
      Der Ort in Aufruhr, jedes Herz verwirrt,
      Hochmut bei Jungen, Zorn und Schmerz bei Alten.
      Wers Tugend nennt, wenn er mit Freuden irrt,
      soll unsres Gottes mter nicht verwalten.

                =Jrgen=

      Ihr schadet Euch, ach Herr, ach hrt mich Alten,
      nehmt keinen Zorn im Scheiden mit ...

                =Arne=

  fr sich

      Er ist im Recht, weil er in Wahrheit litt.

                =Bernd Oerlsund=

      Wo sind die Ruhe, die Bestndigkeit,
      die Andacht und die Ehrfurcht hingekommen?
      Bald jeder Bube hat sich vorgenommen,
      er nderte und ordnete die Zeit.

  Zu =Naemi=

      Wie will ein Weib wie du, verfhrt, betrt,
      den Trug erkennen, den sie gerne hrt?
      Was wollt ihr?! Lat mich alten Mann
      glauben und sterben so gut ich kann.

  =Holger Oerlsund= tritt auf. Licht und Sturm.

                =Holger=

      Das Boot ist flott. Die Fahrt gelingt!
      Nun fge Gott, da sie Errettung bringt.

  Er erblickt =Arne=

      Der Pfarrer von Norby in diesem Haus!?

                =Jrgen=

      Des Vaters Wille rief ihn, seine Pflicht ...

                =Holger=

      Das war des Vaters Wille nicht!

  Pause.

      =Naemi=

  richtet sich am Bett =Bernd Oerlsunds= auf.

      Holger!

  Sie tritt auf ihn zu.

                =Holger=

              Naemi! Warum tatst du das?!
      Ich trug mit Wrde, was das Schicksal sandte.
      Warum bedankst du meinen Schmerz mit Ha?
      Dies Haus bleibt rein von eurer Schande!
      Hinaus!

                =Jrgen=

             Der Vater stirbt!

                =Holger=

                              Hinaus!

                =Arne=

  zu =Holger=

      Die Hand la sinken. Deine rasche Kraft
      bedenkt nicht, was dem Kranken Frieden schafft.
      Hier, wo der Tod vollenden soll,
      ist nicht der Ort fr deinen Groll.
      Ich denke mir mein Recht nicht zu erbitten!
      Verla das Haus. Du siehst den Tod zu klein.
      Komm wieder, wenn der Vater ausgelitten,
      kannst du nicht Zeuge meiner Pflichten sein.

                =Holger=

      Es glaube wer da will den Sakramenten
      in eines Buben ungeweihten Hnden!

                =Jrgen=

  zu =Holger=

      Halt ein! Halt ein. Du weit nicht, was du tust.

                =Bernd Oerlsund=

      Was schreit ihr, da ein alter Mann
      nicht ruhig in Christo sterben kann.

  Zu =Naemi=

      Hast du dich ber mich zu beklagen,
      Naemi, Kind, sprich.
      Das Meer hatte dein Schiff zerschlagen,
      ich hab' dich ber den Strand getragen.
      Warum verliet du mich?
      In meine Hnde, die du pret,
      hat Holger um dich geweint.
      Eh mein Geist die Erde verlt,
      will ich euch wieder vereint.

                =Arne=

      So wahr wie Ihr mit Gottes Kraft und Willen
      dies Kind dem Meer zu neuem Sein entrit,
      so sollte Gottes Einsicht sich erfllen,
      als sie in meine Arme kommen ist.
      Hab nicht die Hand um sie gerhrt,
      mein Blick, mein Mund war stumm.
      Gott hat sie zu mir gefhrt.
      Er wei warum.

                =Bernd Oerlsund=

      Es rhmt der Arge seit je in der Welt
      als Gottes Wille, was ihm gefllt.
      Holger, du kennst die rostigen Waffen,
      Degen der Oerlsunds, Jahrhunderte alt,
      rei sie herunter! La dich vom Pfaffen
      nicht tckisch berauben. Brauch Gewalt!

  Mit versinkenden Sinnen

      Hast du vergessen, mein einziges Kind,
      wer die Oerlsunds auf Norby sind?
      Deine Ahnen waren ein Seerubergeschlecht,
      was ihnen gefiel, war auch ihr Recht.
      Das Meer war unsicher weit und breit,
      das war ihre Schuld, ihre Herrlichkeit ...

  Mit letzter Kraft

      Ich, ich hab alles eingebracht!
      Ich hab das Meer wieder sicher gemacht.

  Im Todeskampf

      Heiland der Welt, du hast es gesehn.
      La mich in deinen Frieden gehn.

  Er stirbt.

                =Jrgen=

      Das ist der Tod.

                =Naemi=

                      Oh, Vater, sieh mich an!
      Nur einmal noch sei deinem Kinde gut.
      Du starbst im Zorn! Wie weh das tut.
      Oh, ungeschickter Tag, betrbte Stunde!
      Da nun des Todes Willkr deinen Fluch
      zur dunklen Wahrheit meinen Schmerzen macht.
      Da kein Vertrauen dir die arge Kunde
      erleichtert hat, kein freundlicher Versuch.
      Zieh meine Kindheit nicht in deine Nacht!

                =Arne=

      Er war ein Leben lang den Krften treu,
      die ihn zu seinem Tun und Lassen trieben,
      es konnte keiner noch die Menschen lieben,
      der nicht sich selbst mit Schmerzen treu geblieben.
      Gib du uns, Vater, da es jeder sei.
      Oh, gib uns Armen, die du selig preist,
      ein mutig Herz bis in die letzten Stunden,
      der du allein den Weg der Seele weit,
      gib ihrer Heimkehr Licht aus deinem Geist
      und Trost aus deinen bittern Todeswunden.
      Oh selig, wer, wie der entschlafne Mann,
      der seines Werkes Frucht und Segen schaute,
      im reinen Sinn des Wirkens schlummern kann,
      dem er, als Kind, bis in den Tod vertraute.

                =Holger=

      Mein Vater ist tot! Pfaff, la dein Plrren!
      Du hhnst den Toten. Du lsterst den Herren!

                =Naemi=

  zu =Holger=

      Du schweigst! Ich will es! Jedes freche Wort
      wirft rechtlos Schmerz und Schande auch auf mich.
      Ich ging aus eignem Wunsch und Willen fort,
      was kmmern meines Lebens Zeichen dich?

                =Holger=

  zu =Naemi=

      Sprich nicht von Recht. Die Pflichten, die mich schlagen
      und leiten werden, gabst nicht du mir ein.
      Soll ich ein Weib nach meinen Rechten fragen?
      Das ist der Schwachen Art und Tugendschein.

                =Naemi=

  weicht vor ihm zurck

      Ich frchte deine Drohung, deine Macht
      so wenig, wie ich deine Rechte kenne.
      Kein Band, kein Wort, kein Blick ward dir gebracht,
      da ich dich mehr als meinen Bruder nenne.
      Und wahrlich hast als Bruder du mibraucht
      die Liebe, die ein arglos Kind dir schenkte.

                =Holger=

      Dem Herzen, das aus Liebeseifer krnkte,
      hat noch kein Zorn zur Schande je getaugt.
      War ich als Bruder milde, nun wohlan!
      Erfahre, wer ich bin als Herr und Mann.

  Er zieht sie zu sich hinber

      =Naemi=

  befreit sich

      Schmach ber jeden, der des Leibes Kraft
      als Wert fr seiner Seele Schwche setzt!

                =Holger=

      Was eurem Leib die rechte Seele schafft,
      das hat noch jedes Mannes Blut ergtzt.

  Zu =Arne=

      Und nun, Herr Pfarrer, rhrt Euch nicht die Not
      des armen Schfleins vor des Wolfes Rachen?
      Hier herrscht das Leben, dort der groe Tod,
      nun leitet den bedrngten Lebensnachen
      gerecht hindurch, nach gttlichem Gebot!

                =Arne=

      Bin ich berufen, euren Streit zu schlichten,
      liet ihr mich holen, um mich anzuklagen,
      wo die Natur schon lngst mit Kraft entschied?
      Ihr habt es leicht, von eurem Leid zu sagen,
      ich kann von meiner Mhsal nicht berichten,
      nicht, was mein Herz mit Leidenschaft vermied.
      Wer sagte euch, da, wenn ich euch gefiele,
      ich Gott im Himmel nicht mit Schuld betrge,
      wenn ich mein Herz in eure seichten Spiele
      und mein Gefhl in eure Trauer zge.
      Oh, tief gebeugt von meiner strengen Pflicht,
      an deren Recht ich nur mit Zweifeln glaube,
      fhl ich aufs neue, da ich euch beraube,
      wo ich euch gebe, helfen kann ich nicht.

                =Holger=

      Ihr seid ein Pfarrer, wie ihn Gott erschaffen!

                =Arne=

      Mit du den Wert des Gegners an den Waffen?

                =Holger=

      Nicht an den Waffen, aber an den Taten.

                =Arne=

      Wer hat dir meines Handelns Sinn verraten?
      Dank deinem Schpfer, da du arm und stark
      dein Dasein lebst in Migeschick und Freude.
      Im Leiden stolz, im Jubel ohne Arg.
      Du, den ich hei um jeden Schmerz beneide.

  Er wendet sich zum Gehen.

      =Naemi=

  hlt ihn auf

      Was knnte jemals meinem Leben sein
      die flache Kraft, die deinen Zwiespalt hhnt?
      Sieh, meiner Seele Zuflucht ward allein
      dein ruhlos Herz, von keinem Glck vershnt.
      Schlie mich in Schuld und Zweifel ein
      und in das Schicksal, das dir frommt.
      Nie knnte meine Freude sein,
      was nicht aus deinen Hnden kommt.

  Sie wirft den Mantel um =Arne=, und =beide= eilen hinaus. =Holger=
  eilt ihnen nach, bleibt aber in der geffneten Tr stehen und schaut
  ihnen ohne Entschlu im Bann der letzten Worte Naemis nach. Der Sturm
  dringt ins Haus.

                =Der Kster=

      Ich stand, mein Herr, nur schuldlos in der Mitte,
      lat mich hinaus, mein Herr, ich bitte.

  =Holger= tritt zur Seite und lt ihn vorber. Der alte =Jrgen= sinkt
  auf die Bank am Kamin.

      =Holger=

  an der Leiche seines Vaters

      Oh Schmach der Liebe, nun mit Schmerz gepaart,
      in dem die letzte Zuflucht mir versank,
      da nun die Heimkehr, meiner Jugend Dank,
      zu dir, mein Vater, mir genommen ward.
      Ich fasse ber deiner Augen Stille
      und bleicher Ruhe die Verlassenheit
      zum ersten Mal, eh' noch der arme Wille
      zu einer eigenen Zukunft recht bereit.
      Zum Abgrund wird nun die Vergangenheit,
      kein pochend Herz eint mich dem Ursprung mehr,
      daraus ich kam. Die Zukunft strmt den Mann
      am Rand des Abgrunds ungebrdig an,
      und lt ihm keinen Weg, als den: voran.
      Und machtvoll hhnt ihr mitleidsloser Schritt:
      Nimm deinen Schmerz zum eignen Grabe mit.

                  Ende des ersten Aufzugs




Zweiter Aufzug

  Im Pfarrhaus von Norby. =Naemi=. =Arne=.

                =Naemi=

      Von allem unberhrt, was uns bewegt,
      erstrahlt der Sommerhimmel berm Meer.
      Das blaue Wasser, das kein Wind erregt,
      schickt seine tausend Lichter zu mir her.
      Wie seltsam durch den Gleichmut der Natur
      strmt unser bereifrig Tun und Hasten
      und lt doch von uns allen keine Spur.
      Sag, ist es nicht, als ob selbst unsere Lasten
      und Lust, die wir als unser Teil
      zu tragen glaubten, sich einst Anderen geben?
      So still verhallt das ernste, eigene Leben.

                =Arne=

      Du denkst an deines alten Vaters Tod,
      lebt er nicht fort in deinem Leid, mein Kind?
      Erinnerung ist ein heiliges Gebot,
      und die Natur ist treuer als wir sind.
      Sieh, selbst die Einfalt wei von dieser Pflicht.
      Oh, wie viel mehr kennt sie der Geist im Licht.
      Doch sich zu grnden, aller Welt zum Dank,
      bleibt allen Geistes hchster Lebenshang.

                =Naemi=

      Du sendest dein Verlangen in ein Reich,
      in das mein Herz nur zgernd folgen kann.
      Was, sag mir, unterscheidet Weib und Mann,
      was macht sie unter Gottes Augen gleich?
      Wie soll mich selbst die hchste Lust beglcken,
      wei ich dein Herz vor meinem auf der Flucht,
      wenn meine Seele nicht in allen Stcken,
      der deinen hnlich, ihre Heimat sucht?

                =Arne=

      Wie ahnst du lieblich den gespaltenen Sinn,
      um dessen Harmonie ich ruhlos ringe,
      doch schon, wenn ich dir meine Zweifel bringe,
      geb ich mich wieder neuen Kmpfen hin.
      Des Weibes Tugend und des Mannes Wert
      verbindet irdisch kein bestehend Recht.
      Gelobt sei, wer im Schicksal sich bewhrt,
      des Weibes Schicksal aber heit Geschlecht.

                =Naemi=

      So sieh in meinem Schicksal meine Tugend!
      Ich habe keinen andern Rat fr dich.
      Geb ich nicht willig meine ganze Jugend
      und will nicht Preis noch Dank von dir fr mich?
      Nur sag mir, da ich innig dich erflle,
      gib mir den Trost, da ich dir alles bin.
      Ach, mich beseligt schon dein Wunsch und Wille.

                =Arne=

      Mein Wunsch zu dir ist meiner Sehnsucht feind.
      Du lenkst den Sinn zu frhlichem Gengen.
      Den warmen Wohlstand, der die Menschen eint,
      sah ich noch nie in eines Kmpfers Zgen.
      Was krnkt mein Herz, verbittert meinen Mund,
      dir meine Liebe frhlich zu gestehn?
      Von Furcht und Scham in tiefster Seele wund,
      bin ich bestimmt, allein den Weg zu gehn,
      der mich zu Gott, nach meiner Hoffnung fhrt.
      Und wei, indem ich deine Liebe qule,
      sucht doch allein nach Liebe meine Seele,
      von deinem Leid zu wehem Glck gerhrt.

                =Naemi=

      Die Elemente, welche Gott verklren,
      sind wohl in allem, was da lebt und schafft,
      jedoch die Liebe nicht. Sie ist als Kraft
      nicht mehr als Licht und Wind auf toten Meeren.
      Erst als Gemeinschaft kann sie sich bewhren.
      So sage mir den einen groen Sinn,
      das letzte Ziel, nach dem die Guten streben.
      Wie soll ich anders werden als ich bin?
      Was gibt es mehr fr mich als liebend leben?

                =Arne=

      Ich habe keinen andern Sinn gefunden,
      als den, in jener Harmonie zu ruhn,
      in welcher Unschuld mit Geduld verbunden
      die lichten Wunder neuer Hoffnung tun.
      Und diese Hoffnung fhrt zuletzt zu Gott,
      und nicht Natur noch Geist umfat ihn voll,
      du wirst ihn niemals ungewi umschreiben.
      Er ist ein Schpfer, und er wird es bleiben!
      Wahrhaftig wesenhaft und liebevoll.
      Im ewigen Wechsel wird kein Herz befreit,
      Gott ist als Wesen Sinn der Ewigkeit!
      Es ist nicht Einfalt, die sich sinnlos beugt,
      die solchen Glauben tief in mir erzeugt,
      es ist mein Anspruch, dem die Welt zu klein,
      ich will des ewigen Vaters Erbe sein.

                =Naemi=

      Wem sich das Liebste, was er sucht und meint,
      in tiefster Seele nicht als Gott vereint,
      der schliet Natur als arm und bse aus
      und schilt die Heimat in des Vaters Haus.
      Vergib, Geliebter, wenn mein hartes Wort
      als unverstndig dein Gemt verwundet;
      ich treib die Kraft, an der mein Blut gesundet,
      nicht von der Schwelle meiner Seele fort.

                =Arne=

      Gesegnet sei, was ich als schn empfinde,
      gesegnet die Natur im hellen Bilde.
      Ach, da die Seele, wie bei einem Kinde,
      den Durst nach Gott in Spiel und Schlafen stillte!
      Doch die Natur erlst nicht durch ihr Wesen,
      wer sie versteht, dem wendet sie den Sinn
      auf die Gemeinschaft mit dem Schpfer hin,
      von dessen Herrschaft er in ihr gelesen.
      Zum Zeitlichen, zum Irdischen geschickt
      mit allen Sinnen und mit Kraft begabt,
      hab' ich in Kampf und Leiden Gott erblickt,
      wie ihr ihn nie im Glck gesehen habt!
      Und leuchtend lockt dies herrliche Gesicht
      den Geist zu Heimkehr, Frieden und Verzicht.

                =Naemi=

      Gib nicht das Gold von Lust und Freude hin!
      Des irdischen Lebens lichten Himmelsboten.
      Glaubst du, ich fhlte nicht, wie bang dein Sinn
      und stolz zugleich, den qulenden Geboten
      der zeitlichen Gerechtigkeit gehorcht?
      Doch wer die Ruhe vom Gewissen borgt,
      der findet sie erst dort, wo keine Schranken
      die Seele ziehn vom lieblichen Gedanken.

                =Arne=

      Dort seh ich alles, aber dich nicht mehr.
      Komm nah heran, la mich den blauen Glanz
      aus diesen hellen Augen innig trinken.
      Oh, einmal bis zur Ohnmacht zu versinken!
      Da sich in reiner Glut der blasse Kranz
      unendlicher Gedanken, wie im Meer
      ein Samenkorn, zu ewiger Ruh verliert.

                =Naemi=

      Ach, lerne preisen, was dich so verfhrt!
      Ich hrte einst aus ur-uralten Sagen
      der Priesterinnen, meiner Schwestern, Pflicht,
      die heilige Glut, das Feuer, zu bewahren.
      Ich lobte sie, doch ich verstand sie nicht.
      Erst heute fhl ich jene Menschheitsrechte,
      die ihrer Reinheit, ihrem Ma vertraut.
      Ach, da der Altar, den mein Herz gebaut,
      auch deinem Leben Glck und Wrme brchte.

                =Arne=

      Bewundernd lausch' ich, Mdchen, dem Geschick,
      wie dein Geschlecht der Erde Sinn verwaltet.
      Solang ihr wirkt, ist keine Welt veraltet,
      als gbe es kein Glck, als euer Glck ...
      Die heiligen Pflichten jener Priesterinnen
      glhn anderen Werten, als dem Licht des Bluts.
      Wahr' mir die Feuer meiner Seele rein,
      so sollst du ewig mir verbunden sein!

                =Naemi=

      So sag mir, welche Macht des Wesens tuts?
      Die Priester nenn ich pfffisch, welche scheiden,
      was Blut und Seele, eng verwoben, leiden,
      und was sie freut. -- Ich ahne, die Natur
      wird furchtbar wider deine Weisheit drohn,
      und ihre Bahn geht meine Leidensspur.

                =Arne=

      Du sprichst der Not der tiefsten Zweifel Hohn.

                =Naemi=

      Und du vergit, da deine hohen Pflichten
      nicht meine sind. Zu jung noch zum Verzichten,
      zum Kampf durch unverstandenen Wert beschrnkt,
      seh ich dich, durch dein eigenes Schwert bedrngt,
      die guten Krfte deines Geists vernichten.
      Mir war im Traum, als sh ich eine Zeit
      erneuter Offenbarung glhend nahn.
      Du hast ihr weit die Tore aufgetan,
      doch Andere schmeckten ihre Herrlichkeit.
      Ich sah dich ber deine Fahne sinken
      und sah die Erde, die dich treu begehrt,
      mit gierigem Mund dein Blut und Leben trinken,
      wie wenn dein Wille ihr ein Recht verwehrt.

  Es =pocht=. Der Kirchenrat tritt auf.

                =Der Kirchenrat=

      So hab ich, lieber Herr und Amtskollege,
      nach mancher Drangsal doch hierhergefunden
      und gr Euch herzlich. Aber welche Wege!
      Die armen Pferde wurden arg geschunden.
      In meinem Alter ist es nicht mehr leicht.
      Ich bin erfreut, da nun das Ziel erreicht.

                =Arne=

      Ihr kommt zu seltsam abgepater Zeit
      und findet mich, Euch gnstig, vorbereitet.
      Merkwrdig innig zu mir selbst verleitet
      und doch zugleich wie von mir selbst befreit.

                =Naemi=

  zum Kirchenrat

      Da kein Empfang am Tore Euch geehrt,
      woll' uns der Herr in Freundlichkeit verzeihn.
      Nach herzlichem Willkomm sei mir gewhrt,
      fr kurz zu gehn um Brot fr Euch und Wein.

  Ab.

                =Arne=

      So seid begrt und fhlt Euch wohl verwahrt.
      Wenn Ihr von Eurer mhevollen Fahrt
      nicht gar zu sehr ermdet seid, Herr Rat,
      so sagt mir bald, was sie veranlat hat.
      Ich kenn Euch wohl aus lngst verstrichenen Zeiten,
      da mir noch Wissen mehr galt als Verstand.
      Was konnte Euch zu dieser Fahrt verleiten
      in dieses von der Welt vergessene Land?

                =Der Kirchenrat=

      Fragt Ihr, Herr Pfarrer, nach der Reise Ziel?
      Ward nicht so manches Schreiben Euch gebracht
      und eine Antwort uns, bei der wir viel
      und sorgenvoll an Euer Wohl gedacht?

                =Arne=

      Nehmt meine Frage nicht, wie sie erscheint,
      nehmt sie als Antwort und als wohlgemeint.
      Da ich sie stellte, mag dem Wunsch entstammen,
      es fhrte uns ein anderer Grund zusammen.

  =Naemi= tritt auf.

                =Naemi=

      Vergebung, wenn ich stre. Dieser Wein
      wird sicherlich den Herren willkommen sein.
      Er soll den Ernst der allzu frommen Reden
      ein wenig durch den Geist der Welt befehden.
      Wenns mir erlaubt ist, einzuschenken?

                =Der Kirchenrat=

      Wie lieb und artig, so an uns zu denken,
      mein junges Frulein, gebt mir Eure Hand.
      Seid Ihr aus diesem Ort und Land?

                =Naemi=

      Ich bin es nicht. Das Meer hat mich geboren.
      Ihr drft nicht lcheln, denn ich rede wahr.
      Vor Jahren war mein Schiff in Seegefahr,
      auf jenen Klippen gings bei Nacht verloren.
      Ich wei nur wenig aus der bsen Nacht,
      die mit mir litten, sind zur Ruh gebracht.
      Am Morgen schien die Sonne auf den Strand.
      Ein brtig Haupt und eine starke Hand
      erkannte ich und fhlte mich getragen.
      Der alte Oerlsund, der vor wenig Tagen
      gestorben ist, trug mich zurck ins Leben.

                =Der Kirchenrat=

      Wie hold Ihrs sagt! Das htte sich begeben?!
      Ich werde meiner Rhrung mhsam Herr.
      Und Eure Heimat kennt Ihr wohl nicht mehr?

                =Naemi=

      Ich wei nur dies: sie liegt im hohen Norden,
      zuweilen seh ich Berge, wenn ich trume.
      Dies Land ist meine Heimat nun geworden.
      Jedoch, Herr Rat, ich bin besorgt, ich sume
      zu lange hier und halt die Herren auf.

                =Der Kirchenrat=

      Ich mchte Euch um alles nicht vertreiben.
      Da ich gentigt bin, hier Gast zu bleiben,
      hab ich die Hoffnung auf ein Wiedersehn.

                =Naemi=

      Ich wnsche herzlich, da die Diskussion
      nicht zu gelehrt wird, um den Gast zu ehren.

  Ab.

                =Der Kirchenrat=

      Ich mu gestehn, Herr Pfarrer, diese Rede
      scheint mir ein schner Lichtblick dieser de.
      Wie kommt es, da ein Mann in Euren Jahren
      fr seine Wirksamkeit sich hier versteckt?
      Ihr lebt hier ja wahrhaftig mit Barbaren.
      Gewi, gewi, ein Pfarrer ist auch hier
      von Nten, doch, bei Gott, nicht Ihr!
      Fr einen Mann von Euren reichen Gaben
      kann hier kein Einziger Verstndnis haben.
      Nun wird mir klar, da, wie gesagt,
      der Ort und die Gemeinde sich beklagt.

                =Arne=

      Zwar habt Ihr es noch nicht gesagt, Herr Rat,
      doch wei ich wohl, was Euch bewogen hat,
      die sorgenschwere Fahrt zu bernehmen.
      Nehmt doch, ich bitte Euch, dort den bequemen
      und alten Sessel, da des Leibes Ruhe
      dem Gang des Geistes gute Dienste tue.
      Und was den Ort und mich darin betrifft,
      und was Ihr allgemein nicht ganz begrifft,
      lat Euch berichten, da die Einsamkeit
      der ernsten, weiten Kste mich verlockt.
      Hier, wo der Puls des lauten Lebens stockt,
      lausch ich dem Widerhall der Ewigkeit.
      Ich bin gewi geneigt Euch anzuhren,
      doch eins sei in Respekt vorausgeschickt:
      Ich lasse mich sehr ungern hierorts stren.

                =Der Kirchenrat=

      Mir scheint, wir nhern uns schon dem Konflikt.
      Doch hoffe ich, es geht im Lauf der Zeit
      vielleicht mit etwas zartrer Hflichkeit.

                =Arne=

      Die Hflichkeit wird uns nur hindern, Herr,
      sie wird in dieser Lage von uns Zwei
      doch nur ein Mittel, um den heien Brei
      bis zur Erschpfung ngstlich zu umkreisen.
      Ich hrte sie von guten Kpfen preisen,
      hier sind mir diese Kpfe einerlei.
      Sagt frei und offen, was Ihr denkt und wollt,
      versucht zu fassen, was Ihr hren sollt.

                =Der Kirchenrat=

      Ein sonderbarer Mann seid Ihr, nur Jugend
      kennt soviel Gleichmut gegen das Geschick,
      doch nur die Jugend hat zugleich das Glck,
      und Wagemut ersetzt ihr oft die Tugend
      der ernstlichen Besinnung, der Geduld.
      Doch eines Mannes Trotz wird rasch zur Schuld,
      wenn er die sittliche Gemeinschaft strt.
      Ich mu gestehn ...

                =Arne=

                          Sagt mir, was Ihr gehrt.
      Es wird Euch schwer? Ich nehme gerne an,
      da oft nur Zartgefhl Euch hindern kann.
      So will ich mich aus Hflichkeit bequemen,
      Euch einen Teil der Rede abzunehmen:
      Man hat gehrt, es kam den Herrn zu Ohren,
      in Norby sei der Pfarrer obstinat,
      die Seelen gingen unter ihm verloren
      wie unter Hagel Kohl und Kopfsalat.
      Nun kurz und gut, da seine Kanzellehre
      mit keinem Dogma zu vereinen wre.

                =Der Kirchenrat=

      Das wre schlielich dennoch zu vergeben,
      wenn Ihr es ndert ...

                =Arne=

                                Aber nun sein Leben!
      Es stieg aus seines Daseins Finsternis
      ein beispiellos verruchtes rgernis.
      Man sagt, da er ein Frulein bei sich htt'
      und lie sie Tag und Nacht bei sich verweilen.
      Er teilte mit ihr Haus und Tisch und Bett,
      kurz alles, was sonst Eheleute teilen.
      Und trotz der eklatanten Unmoral,
      um nicht von Hurerei und Schmutz zu sprechen,
      erteilte er den heiligen Pokal
      vor der Gemeinde schamlos dieser frechen
      und kecken Dirne. War es dies, Herr Rat?

                =Der Kirchenrat=

      Ich bin erschrocken -- aber -- in der Tat.
      Nur htte ich das niemals so gesagt.

                =Arne=

      Ich glaube wohl. Ihr httets kaum gewagt.

                =Der Kirchenrat=

      Nicht ohne Dank seh ich den schwersten Teil
      der Unterredung glcklich berwunden.

                =Arne=

      Der zweite wre, da ich nun mein Heil
      zu retten htte. Aber unumwunden
      mach ich mir Eure Wahrheit gern zur Pflicht:
      Es ist kein falsches Wort an dem Gercht.

                =Der Kirchenrat=

      Mein Gott im Himmel! Seht mich sehr erschreckt.
      Es ist unmglich, was Ihr mir entdeckt.

                =Arne=

      Soll ich Euch diese Zweifel jetzt vertreiben?
      Ich glaube, dazu bin ich schlecht geschickt.
      Ihr mt nun schon bei der Verpflichtung bleiben,
      mit der man Euch zu mir herausgeschickt.

                =Der Kirchenrat=

      So ist es wahr? Wie tief bin ich betrbt.
      Mit wieviel Hoffnung hab ich Euch begrt,
      und was mich ernst und bitterlich verdriet,
      ist dieser kecke Hochmut, den Ihr bt.
      Da sinkt dem Mut die letzte Liebeswaffe,
      ich zweifle, da ich jemals Wandel schaffe.

                =Arne=

      So werdet Ihr Euch sicher nicht verhehlen,
      das Beste bleibt, sich wieder zu empfehlen.

                =Der Kirchenrat=

      Mich Alten mgt Ihr rasch und leicht vertreiben,
      doch nicht die Welt, die gegen Eure prallt.
      Seid unbesorgt, ich will am Posten bleiben,
      und wenn mir Satan selbst die Fuste ballt!
      Ich weiche nicht von dieser argen Sttte,
      bis ich des bels Wurzel nicht gefllt. --
      Wenn ich nur grndlich die Gewiheit htte,
      da Ihr so gottlos seid, wie Ihr Euch stellt.

                =Arne=

      Da Ihr in mir ein Kind des Satans seht,
      bedenkt Euch wohl, bevor Ihr weitergeht.
      Galt nicht von je fr Euch als Ehrenzeichen,
      dem Bsen nach Vermgen auszuweichen?

                =Der Kirchenrat=

      Ihr seht mich zornig. Hrt zunchst, ich whne,
      das liebe Frulein von vorhin ist jene ...

                =Arne=

      Mu denn zur Sache noch gesprochen werden,
      lat die Personen gtigst aus dem Spiel.

                =Der Kirchenrat=

      Ihr braucht Euch nicht verletzend zu gebrden,
      der Gegenstand besagt zur Sache viel.
      Sagt mir nur eins, aus welchen bsen Grnden
      verweigert Ihr, Euch ehelich zu binden?
      In der Gewhnung mtterlichem Segen
      wird sich der Geist der Widersprche legen,
      der Euch verwirrt. Still gleicht die Glut sich aus
      und wrmt das Dasein, wrmt das ganze Haus.
      Ihr knnt Euch doch den groen Menschheitspflichten
      nicht auf die Dauer ungestraft entziehn.
      Des Herzens Wohlstand kommt mit dem Verzichten,
      in Ma und Demut frdert Gott uns ihn.

                =Arne=

      Wrt Ihr mir nicht Reprsentant
      der flachen Mchte, die wir hassen,
      ich htte lngst mich abgewandt
      und Euer Glck in Ruh gelassen.
      So will ich Euch denn eine Antwort sagen
      und nicht erwgen, wer sie just empfngt.
      Nicht nur durch Weise lt ein Schatz sich tragen,
      wenn Not gebietet. Alles Wahre drngt
      ganz unerbittlich, trotz Gefahr und Banden
      allmhlich doch dorthin, wo es verstanden.

                =Der Kirchenrat=

      Ich mu gestehn, das Wort war wenig fein.

                =Arne=

      Nehmts nicht persnlich, nehmt es allgemein,
      versucht es meiner Einsicht zu verzeihn.
      Wie leicht vergibt nicht, wer verstehn kann,
      die Schwierigkeit fngt erst beim Zweifel an.

                =Der Kirchenrat=

      Ihr sprecht so eigenartig in Symbolen.
      Wozu das Bild aus weiter Ferne holen?
      Auch ist mir oft, ich wei nicht wie ...
      Ihr sprecht nicht ohne Ironie.
      Auch in der Ironie bin ich erfahren
      und habe manchen heftig eingeschchtert,
      doch glaubt mir, mit ironischem Gebahren
      wird keinem eine Weisheit eingetrichtert.
      In allem Hohn verrt sich nur der Geist
      des eignen Zwiespalts, der das Herz zerreit.

                =Arne=

      Was Ihr der Ironie an Kraft bestreitet,
      das ist's, Herr Rat, was mich zu ihr verleitet.
      Stets hat die Ohnmacht sie heraufbeschworen,
      bald die der Rede, bald auch die der Ohren.
      Und was uns trennt, Herr Rat, das ndert sich
      durch keinen Segen und durch keine Flche.
      Ihr fandet Euch, und ich such mich,
      da liegt der Grund fr unsre Widersprche.

                =Der Kirchenrat=

      Fr guten Willen ist es nie zu spt.
      Neutraler Boden! Objektivitt!

                =Arne=

      Um wirksam objektiv zu sein,
      mu man sich erst persnlich gleichen,
      sonst wird ein Punkt zum Fragezeichen.
      Ich seh zu gro und Ihr zu klein.
      Nun, wenn Ihr wollt, auch umgekehrt!
      Doch fr Erkenntnis seid Ihr zu gelehrt.
      Euch ist das Herz von Wissenschaft verschttet,
      der Kopf ist Euch von lauter Halt zerrttet.
      Was ntzt die Objektivitt,
      wenn Ihr beharrlich und mit Willen
      doch nur den Schein der Dinge seht.

                =Der Kirchenrat=

      Ihr urteilt rasch und ohne guten Willen.

                =Arne=

      Mir dient mein Urteil nicht, um zu verhllen,
      was ich erstritt in Finsternis und Leid.

                =Der Kirchenrat=

      Es ist der bse Geist der neuen Zeit,
      nur Widersprche berall zu finden,
      statt ernst in Ruhe und Beharrlichkeit,
      in Demut, still das Gute zu ergrnden.

                =Arne=

      Allein im Streit der harten Gegenstze
      wird uns als gut das Gute offenbart.
      Im Kampfe tobt der ewigen Gesetze
      erbarmungslose Schpfereigenart.
      Was hat ihr Sturm mit Eurem Halt zu tun!
      Ihr drft bequem in Resultaten ruhn.

                =Der Kirchenrat=

      Das ist ein Irrtum. Wer den Vater kennt,
      der wei, da er in ewiger Ruhe thront.

                =Arne=

      Wir aber sind von ihm getrennt.
      Und nur die Auserwhlten sind verschont.
      Nicht alle sind zu ihrem Kampf berufen,
      und die berufen sind, hat Eure Welt.
      Zeigt Ihr Euch wrdig, wo Ihr an den Stufen
      des Heiligsten als Wchter aufgestellt.

                =Der Kirchenrat=

      Mir scheint, ein Irrtum jagt bei Euch den zweiten,
      und der Verwirrungsgeist nimmt berhand.
      Von Gott getrennt? Hat er uns nicht vor Zeiten
      den eignen Sohn als Brgen zugesandt?

                =Arne=

      Und Jesus Christus ist Euch gut genug
      als Heiliger fr Euren Selbstbetrug.
      Er, der in wilden, bergroen Flammen
      der einsam-starken Schpferleidenschaft
      den Himmel und die Erde neu zusammen
      gebracht, die er in eigner Dulderkraft
      des groen Herzens rein geborgen trug.
      Nun soll der Pbel, der ihm Kreuze schlug,
      bei Orgeljammern und bei Pfaffenplrren
      in sein erkmpftes Reich des Friedens ziehn?
      Sein Kreuz wird steil die goldne Pforte sperren.
      Und nur die Auserwhlten finden ihn!

                =Der Kirchenrat=

      Mir bleibt sein Blut, das wir am Altar reichen,
      fr alle Snder das Erlsungszeichen!

                =Arne=

      Wer nicht den Gott im eignen Blut gefunden,
      der wird in keinem Abendmahl gesunden.
      Der Liebe ewig selig Element
      ist unerringbar, von Beginn gegeben!
      Gesegnet, wer die eigne Flle nennt,
      er kennt die Ewigkeit, er kennt das Leben.
      Verfehlt Geschlecht, das du um Liebe ringst
      und Liebe lehrst, verraten Haus des Herrn,
      das Liebe spendet, selbst der Liebe fern.
      Betrognes Land, das so den Kelch empfngt,
      als Zeichen einer stets bereiten Huld.
      Es tilgt kein Gott die Flle unsrer Schuld,
      wenn nicht in uns die Flle Gottes drngt.
      Kein Opfer schliet die goldne Pforte auf!
      Ach, nur die Liebe findet keine Schranken,
      wie Licht zu Licht in ungehemmtem Lauf
      hinberrinnt, Gedanke zu Gedanken.
      Das heit ihr Wort: sie hret nimmer auf.

                =Der Kirchenrat=

      Mit solchem Hochmut Gottes Knecht zu sein,
      dnkt mich Verrat an allem, was wir ehren,
      mit Spintisieren und mit Grbeleien
      vergiftet Ihr des Heils erprobte Lehren:
      Nun fhl ich erst, von Herzen abgeneigt,
      wie recht die Klage war, die uns erreicht.
      Mich tuscht nicht Eure gut gespielte Kraft,
      Euch hetzt der Teufel Eurer Leidenschaft,
      der holt seit je fr den Entschuld die Grnde
      frech aus den Tiefen der gescholtnen Snde.
      Er hat noch stets, was er mit List beschmutzt,
      fr den Verfhrten ruhmvoll aufgeputzt.
      Die Leidenschaften zeichnen Eure Spur,
      Ihr lstert Gott, Ihr lstert die Natur!

                =Arne=

      Ihr hrtet nie im Lenz die Erde kochen,
      saht nie den Zorn des Meers an Felsen sprhn,
      seht nur das Kleine, das der Kampf zerbrochen,
      und nie die Flammen, die zum Himmel blhn. --
      Da selbst im Kleinsten ewige Symbole,
      und da im Grten nur wir selber glhn,
      erkennt Ihr niemals. Des Verfhrers hohle
      und arme Weisheit zeichnet Euch den Gott.

                =Der Kirchenrat=

      Ihr bt Verrat, Herr Pfarrer, diesen Spott
      wird Euch der Herr der Gte schwer vergeben.
      Der Satan, den Ihr nennt, hat Sinn und Leben
      von Euch in arg verwirrender Gewalt,
      hat Euch der Schrift beglckenden Gehalt
      verflscht zu weltlich berspannten Lehren.

                =Arne=

      Ich will gewi die alte Weisheit ehren,
      es wirkte Satan einzig im Zerstren.
      Jedoch was tuts, wenn auch ein Lichtlein lischt!
      Nein, da er tckisch Licht und Nacht vermischt,
      da er die hohe Wacht der Gegenstze
      herunterwrdigt auf die Pbelpltze,
      das ist sein Reich. Er hat den edlen Tod!
      Ein Dasein schal und ausgeglichen
      hat er mit frechen Hllenstrichen
      als seligstes Idol der Zeit gezeichnet.
      Der Vorgang hat sich auch bei Euch ereignet.

                =Der Kirchenrat=

      Ich danke Euch. Ich hab genug kapiert.
      Und wei, was mir die bittre Pflicht diktiert.

                =Arne=

      Ich gebe frei und furchtlos alle Chancen
      des eignen Vorteils fr die Kmpfe hin,
      die mich erfllen. Schwchliche Nancen,
      im flachen Alltag, sind der leere Sinn
      der armen Zeit, der Ihr begeistert huldigt,
      weil sie Euch selbst und Eure Not entschuldigt.

  =Naemi= tritt auf.

                =Naemi=

      Ich seh die Herren erregt. Ich scheine sehr zu stren.

                =Arne=

      Was fhrt dich her zu uns, mein Kind, la hren?

                =Naemi=

      Herr Holger Oerlsund kam, um dich zu sprechen.

                =Arne=

      Ich lasse mich jetzt ungern unterbrechen.

                =Der Kirchenrat=

      Ich bitte keine Rcksicht gegen mich.

                =Naemi=

      Ich wei, der junge Herr geduldet sich
      nicht gern. -- Ich seh dich bla und deine Hnde zittern!

  Zum Kirchenrat

      Mit welcher Botschaft bracht Ihr bei uns ein?
      Was knnt Ihr diesem Leben noch verbittern?

                =Der Kirchenrat=

      Hier scheint die Keckheit berall zu Haus.
      Ich bitte mir ein wenig Rcksicht aus.
      Ist das der Ton, mit einem Vorgesetzten
      des eignen Herrn zu sprechen, liebes Kind?

                =Naemi=

      Wenn meine Worte in der Tat verletzten,
      so taten sie's, weil sie die Wahrheit sind.

                =Der Kirchenrat=

      Mit Frauen bin ich nicht geneigt zu streiten.

                =Naemi=

      Ich habe nicht im Sinn, Euch zu verleiten.

  Zu Arne

      Sag mir, Geliebter, sag mir, was geschah!

                =Arne=

      Du meldest mir, der Oerlsund wre da.
      Ich bitte ihn, mich drauen zu erwarten.
      Was wir hier tun, bekmmere dich nicht.
      Es tat hier nur mit ungewhnlich harten
      und ernsten Worten jeder seine Pflicht.

                =Naemi=

      Ich bin besorgt, ich la dich nicht allein!
      Wem wrdest du nicht leicht gewachsen sein,
      doch wer wie du beschaffen ist, der trgt
      am schwersten an den Wunden, die er schlgt.

                =Arne=

      Ich danke dir. Ich bitte dich zu gehn.
      Mir kann nur das Notwendige geschehn.

  =Naemi= ab.

                =Der Kirchenrat=

      Ich kann den harten Spruch, der mir entfahren,
      nicht tief genug bedauern, seit dies Wort
      aus diesem Kindermund Euch widerfahren.
      Ich hrts erstaunt, und seltsam wirkt es fort.
      Es sprach die Inbrunst einer reichen Liebe
      und viel Verstndnis fr des Herzens Wert
      aus jenem Wort, das mir so schmerzlich trbe,
      mehr als ich fragte, liebevoll erklrt.
      Im Kopf verwirrt, im Herzen tief gerhrt,
      fhl ich die Welt der alten Stze schwanken.
      Oh, wieviel mehr als jegliche Gedanken
      hat uns das Leid der Wahrheit zugefhrt!

                =Arne=

      Es mag, da schon so viel gesprochen ist,
      und da mein Herz sich wider Willen lste,
      auch noch ein Wort gesagt sein, das Euch trste.
      Denn wie ich Euch und Eure Welt verstehe,
      tut es Euch wohl, wenn sich ein Frevel rcht,
      da das erbarmungswrdige Geschlecht
      der armen Menschheit Eure Pflicht erflehe.

  =Naemi= tritt auf. Ungesehn von Beiden verharrt sie zwischen den
  Vorhngen einer Seitentr.

                =Der Kirchenrat=

      Ich sah dies Mdchen, das Euch Gott geschenkt,
      wie soll ich fassen, was Euch so bedrngt?
      Lat Ihr Euch nicht dies holde Wunder blhn?
      Verwirrend lieblich schien mir ihr Bemhn
      um Euer Wohlsein, Gte und Geduld. --
      Warum entweiht Ihr diese Gunst zur Schuld?

                =Arne=

      Mit raschem Wort und ungelenkem Rat
      nennt Ihr mein Glck mit diesem Mdchen Snde,
      derweil ich ringe, da ich Wege finde,
      um dem zu fliehen, was ihr Blut mir tat.
      Ich hasse sie um ihrer Krfte willen,
      in ihrer Macht, die mir mein Blut bekennt.
      Es hat im Weib sich Gott von uns getrennt,
      um sich in ihrer Schwachheit zu erfllen!
      In meiner Strke war ich einst Gott gleich.
      In meiner Strke suchte ich sein Reich.
      Von Ha und Liebe jmmerlich entstellt,
      seh ich mich arm und klein dem Sinn der Welt
      in eines Weibes Wesen unterstellt.
      Es lockt uns ihres Wesens Sinn und Licht
      die beste Kraft aus ihrer besten Pflicht.
      Ach, da ich Demut htte, still zu werden
      in dem Bewutsein, die Natur erfllt
      im Gang der Zeit auch meines Daseins Sinn.
      Da Gottes schpferische Kraftgebrden
      mir auch den Wunsch, ihm nah zu sein, gestillt!
      So aber wei ich es, das hchste Heil
      des Daseins und sein ungeteilter Frieden
      wird nur dem Auserwhlten ganz zu Teil,
      dem Kraft zu jeglichem Verzicht beschieden.
      Zwiespltig scheint der Zukunft lichtes Reich,
      die beiden Wege fhren nie zusammen.
      Der eine heit: Gehorsam allen gleich,
      und auf dem andern leuchten uns die Flammen
      des Kampfs mit Gott. Er duldet keine Gtter
      und keine Leidenschaften neben sich.
      Und erst als Sieger wird er zum Erretter.

                =Der Kirchenrat=

      Wenn ich den Satan nicht vernommen htte
      in Euren Worten, rissen sie mich fort.
      Da mir der Herr die heilige Einfalt rette
      in diesem Wirrwarr von Begriff und Wort.
      Ich hre, da es Euch erschreckend geht ...

                =Arne=

      Es hrt doch jeder nur, was er versteht.

                =Naemi=

  hervortretend

      Was er versteht, das hrt er nur zu gut!
      Und du bist frei von dem gehaten Gut!

                =Arne=

  zu =Naemi=

      Hast du gehrt, was ich gesprochen habe?

                =Naemi=

      Ich hab's gehrt und wei es bis zum Grabe!

  =Holger Oerlsund= tritt auf.

                =Holger Oerlsund=

      Ich dulde nicht, da man mich warten lt!
      Ein Oerlsund braucht auf Norby nicht zu warten!

                =Naemi=

  ihm entgegen

      Du brauchst nicht mehr zu fordern noch zu bitten.
      Mir ward das Herz in hellen Gluten frei.
      Es hat in diesem Haus genug gelitten.

  Sie reit =Holger Oerlsund= mit sich hinaus.

                =Arne=

      Auf da nun mein Geschick vollkommen sei.

                  Ende des zweiten Aufzugs




Dritter Aufzug

  =Moor=. =Nacht=. =Mond=. =Birkengebsch=.

  =Die Moorvettel=, Kruter suchend und Sprche murmelnd.

                =Die Moorvettel=

      Steigen im Nebel die Toten im Moor,
      bereitet sich Groes im Leben vor.
      Keine Ruh ist den Toten geschenkt,
      solang noch ein Lebender an sie denkt.
      Und brennt gar im Orte die Leidenschaft,
      die sie um ihr zeitliches Dasein gebracht,
      singen sie oft die ganze Nacht,
      locken die Menschen in khler Kraft
      bis an die Ruhsttte, die sie trennt
      vom hellen Tag, den die Sonne verbrennt.
      Heute, als spt der Nachtkauz schlug,
      sang schon die Irme vom Fahrenkrug,
      lange und leise, in Nebel gehllt,
      im Moorweiher stand ihr Schattenbild,
      der rasch ihr brennendes Herz gestillt.
      Konnt' einst nicht leben vor Lieb und Ha.
      Was bedeutet das? Was bedeutet das?

  Ein =Moormnnchen= tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

                =Das Moormnnchen=

      Komm hier, komm hier, dein Weg versinkt.
      Auf gute Bahn mein Lichtlein winkt.

                =Die Moorvettel=

  wirft ihren Stock nach ihm

      Da die Lichtfunze, die du reckst,
      dir deinen eigenen Schdel verbrennt!
      Such dir Narren, die du erschreckst,
      wo man dein nrrisches Plappern nicht kennt.

                =Das Moormnnchen=

      Kreuz Teufel, Hexe verflucht, halt ein!
      Mein Lichtlein tanzt ins Schilf hinein.

                =Die Moorvettel=

      La dein Geschrei, versumpfter Flegel.
      Herbei! Bring mir den Stock zurck,
      und merk dir die erteilte Regel,
      sonst gilt es morgen dein Genick.

                =Das Moormnnchen=

      Ich hab dich nicht erkannt, Hexe verehrt.
      Nimm deinen Knppel, aber halt ihn fest.
      Ich wei, da jeder dich in Ruhe lt,
      und jeder wei, warum er so verfhrt.

                =Die Moorvettel=

      Merk auf! Fang dir ein neues Licht,
      spring nieder zum Weiher, zur Irme hin.
      Frag sie: Was singst du, was schlfst du nicht?
      Welches Menschenkind liegt dir im Sinn?
      Was soll geschehn, was will sich erfllen,
      wer sucht den Tod um Liebe willen?
      So fragst du. Leucht ihr ins Gesicht,
      sei artig und vergi die Antwort nicht.
      Von Toten hrt man zuweilen wohl,
      was den Menschen geschehen soll.

                =Das Moormnnchen=

      Mein Licht ist hin. Ich mag nicht gehn,
      mag nicht ihr weies Gesicht ansehn.
      Nichts oben und unten auf der Welt
      ist so von Trauer und Schmerz entstellt.

                =Die Moorvettel=

  hebt den Stock

      Fang dir ein Licht! Durchs Schilf huscht genug.
      Tote sind gut und ohne Betrug.
      Erst lockst du sie selbst ins Moor hinein
      und willst hinterher noch unhflich sein.

                =Das Moormnnchen=

      Die Irme vom Fahrenkrug kam allein,
      ich lockte sie nicht ins Moor hinein.
      Die folgte dem Licht nicht, das ich ihr bot,
      sah nur das Wasser, schwarz und tot.
      Versteckt blieb ich am Weiher stehn,
      ich sah sie strzen und untergehn.
      Als frh am Morgen mein Licht verglommen,
      ist sie still, still emporgekommen,
      langsam, wei und wunderschn.
      Die Augen auf, im kalten Gesicht,
      starrten ins blaue Morgenlicht.
      In die Seerosen flo ihr gelbes Haar.
      Wie schn das war. Wie schn das war.
      Ich hab sie sorgsam im Schilf versteckt,
      damit kein Mensch sie wieder erschreckt.

                =Die Moorvettel=

      Scher dich und tu, was ich gesagt.

  =Das Moormnnchen= ab.

                =Die Moorvettel=

      Die Irme vom Fahrenkrug singt und klagt.
      Sie mochte nicht leben vor Liebe und Ha.
      Was bedeutet das? Was bedeutet das?
      Seit die Zeit uns den neuen Pfarrer gebracht,
      wird's schlimmer im Moorland Nacht fr Nacht.
      So ruhlos sah ich die nchtliche
      Welt der fahrenden Geister noch nie.
      Der Wandel der Menschen bekmmert sie,
      ihre betrte, verchtliche
      Weisheit, ihr Hochmut, ihr Glck.

  Ein =zweites Moormnnchen= tritt auf, ein Licht in der Hand.

                =Das Moormnnchen=

      Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.
      Die richtige Strae zeig ich dir.

                =Die Moorvettel=

      Ist das Gesindel heute taub und blind?
      Leucht lieber, da ich meine Kruter find'.

                =Das Moormnnchen=

      Dich ruf ich nicht, reg dich nicht auf;
      kommt Einer den Heideweg herauf.

                =Die Moorvettel=

      Da ist es besser, erst hinzuschaun.
      Man kann heut keinem Menschen mehr traun.

  Sie verbirgt sich hinter den Birken.

                =Das Moormnnchen=

      Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.
      Die richtige Strae zeig ich dir.

                =Die Moorvettel=

      La sein, spring fort. Verbirg dein Licht,
      den Pfarrer von Norby tuschst du nicht,
      der hat sich von seinen frhsten Tagen
      mit andern Verfhrern herumgeschlagen.

  =Der Pfarrer von Norby= tritt auf.

                =Arne=

      In Gottes Licht und Satans Nacht
      hab ich gekmpft und nie geruht.
      Was hat mir aller Kampf gebracht
      fr mein vergeudet Lebensgut?
      Die Liebste hat im Zorn mein Haus verschworen.
      Nun wei ich erst, wie sehr mein Herz begehrt
      nach ihrer Liebe, die mein Stolz verloren.
      Ist, was ich finde, einst der Opfer wert?

                =Ein Moormnnchen=

      Bist du dir nicht genug bedankt,
      da dir nach Lohn die Seele krankt?
      So schwer trgst du an eignen Sachen,
      und willst es Andern leichter machen?

                =Ein zweites Moormnnchen=

      Wer sich um eigenes Glck betrogen,
      kuriert sich bald im kranken Sinn,
      stellt, was das Schicksal ihm entzogen,
      als selbstgewolltes Opfer hin.

                =Arne=

      Fern durch den Nebel glhn die letzten Lichter,
      die Menschen traun dem liebevollen Dunkel
      und traun der Arbeit, die sie mde macht,
      derweil in mir das herrische Gefunkel
      der blauen Himmelsewigkeiten wacht.
      Oh glcklich ihr, in ruhigem Verzichten.
      Wer kennt die Fesseln, die das Blut uns schlgt,
      um die in Gottes Licht erblhten Pflichten,
      die seine Herrlichkeit uns auferlegt?
      Und nie und nie wird die Natur vergehn!
      Nun erst begreif ich ihren klaren Sinn,
      da ich im Leid von ihr gemieden scheine.
      Oh, Lenkerin aus stammelndem Beginn,
      bis in die helle Freiheit, wo Erkennen
      und unser Herz des Vaters Namen nennen,
      durch dich befreit von allem falschen Scheine,
      da Gott in dir sich unserm Wesen eine.
      Du bist nur Lenkerin, bist Mittel, Weg und Hort,
      doch nie die Heimat, nie das eine Wort.

  =Die Moorvettel= tritt auf.

                =Die Moorvettel=

      Ich seh den hochwrdigen Pfarrer allein.
      Wird ein Frulein im Moor zu erwarten sein?

                =Arne=

      Eine menschliche Stimme hier noch so spt?

                =Die Moorvettel=

      Wir sehn uns nie auf den tglichen Wegen.
      Ich bitte um einen brigen Segen,
      wenns nah vor Mitternacht noch geht.

                =Arne=

      Es ist der Tag den Guten lang genug.
      Da du um einen Segen flennst,
      scheint mir ein wenig witziger Betrug.
      Halb Weltgewissen, halb Gespenst,
      schaust du bald hundert Jahre weit
      und wardst darber nicht gescheit.

                =Die Moorvettel=

      Nicht alle Kruter blhn bei Tag.
      Soll sie stehn lassen, wer sie nicht mag!
      Und wenn die Guten den Schlaf nicht versumen,
      so mte der Pfarrer erst recht schon trumen.
      Statt dessen spaziert er im Sumpf herum
      und nimmt einen frommen Segenswunsch krumm.

                =Arne=

      Dich heilt kein Segen, strt kein Fluch,
      la mir die Ruh, die ich hier such'.

                =Die Moorvettel=

      Das Moor ist lebendig, das Moorland klingt.
      Was der Tag den Menschen an Herzleid bringt,
      fhrt oft, statt unter das Kirchentor,
      ins Wasser vom Moor.

                =Arne=

                          La die Toten ruhn,
      bis sie dich in ihre Gesellschaft tun.
      Dann knnen sie dir ihr Sprchlein sagen.

                =Die Moorvettel=

      Sie lassen sich vorher auch befragen,
      auch sprechen sie, ohne da man sie fragt.

                =Arne=

      Da hast du recht, Gott sei's geklagt.
      Ich gesteh dir, wenn auch in anderem Sinn,
      da ich doch ganz deiner Meinung bin.

                =Die Moorvettel=

      Die Menschen sind tricht, taub und blind
      und haben vergessen, was sie sind.
      Ihr Wohl, ihr Ungemach, ihr Wesen
      ist berall auch hier zu lesen.
      Ich seh ihr Lcheln, Klagen, Mhn
      in Licht und Nacht hier drauen blhn.
      Kein Unterschied, wohin man sieht,
      immer das Gleiche, was geschieht.
      Hier klein und nichtig,
      kein Mensch schaut sich um,
      dort nennt ihr es wichtig
      und wit nicht warum.

                =Arne=

      Alte, die Weisheit ist ungewaschen,
      lt mir das Wichtigste durch die Maschen.

                =Die Moorvettel=

      Kommt der Herr Pfarrer mit Gott und Gericht,
      tut der Herr Pfarrer seine Pflicht.
      Oder auch gar mit Moral und Vernunft?
      Spricht von der Menschheit und meint seine Zunft.
      Stehn Euch die Dogmen kurios zu Gesicht,
      aber ich Alte glaub sie Euch nicht.
      Sollt mir mit Euren geborgten Waffen
      nicht meine Sinne Lgen strafen.
      Vier Pfarrer sah ich hier, Jahr nach Jahr.
      Der Erste von ihnen mein Liebster war,
      der Zweite brachte mir Schmach und Skandal,
      der Dritte gab mir das Abendmahl.
      Doch statt da es mich in den Himmel gebracht,
      hat es mich wieder gesund gemacht.
      Dann hat er den eigenen Tod gehrt,
      was war ihm da Kelch und Kanzel wert?
      Er schickte nach mir und meinem Kraut.
      Ich hab's ihm nach meinem Willen gebraut;
      frs zeitliche Leben hat er's genommen
      und ist ins ewige Leben gekommen.
      Da hatte die heilige Seele Ruh
      und machte die lsternen uglein zu.
      Der Vierte wart Ihr. -- Was wollt Ihr hier?
      Die Anderen waren nicht ja und nicht nein,
      so mu wohl ein brauchbarer Pfarrer sein.
      Nur im vielleicht gedeiht seine Pflicht,
      aber Ihr taugt zum Pfarrer nicht.

                =Arne=

      Narrt mich ein Spuk? Was zwingt mich dir zu lauschen
      und gar mit dir die Meinung auszutauschen,
      als lge mir nicht bess'rer Wert im Sinn.

                =Die Moorvettel=

      Immerhin, immerhin ... Wer hat Euch erklrt,
      da Euer Wert von besonderem Wert?

                =Arne=

      Du bist zu Lob und Urteil nicht geschickt,
      im Finstern wird der tiefste Glaube schlecht.

                =Die Moorvettel=

      Doch in den Besten wird er zum Konflikt.
      Wer nichts als brav ist, findet sich zurecht.

                =Arne=

      Mir liegt eine singende Stimme im Ohr.

                =Die Moorvettel=

      Die Irme vom Fahrenkrug singt im Moor.
      Habt Ihr vergessen das Frulein blond,
      das Ihr vor Jahren so liebreich geschont,
      das Ihr zurck in ihr Elternhaus sandtet,
      als Ihr sie nachts auf der Pfarrtreppe fandet?
      Von Liebe wegen, um Euretwillen,
      mute ihr Schicksal sich einst erfllen.
      Glaubt mir, glaubt mir, ich rede wahr,
      ihr nchtliches Klagen bringt Euch Gefahr.

                =Arne=

      Ich hatte nie mit diesem Weib zu schaffen.

                =Die Moorvettel=

      Ich wei, Herr Pfarrer, deshalb ging sie schlafen.
      Httet Ihr sie ans Herz genommen,
      wre sie nicht zu uns gekommen.
      Aber nicht alle Verschmhten tun das ...
      Manch Einer Lieb' ward zu tdlichem Ha.

                =Arne=

      Des Einen Tugend macht des Andern Schuld,
      denn die Natur lt sich nicht korrigieren.
      Die Menschen knnen die arme Geduld
      nur selten messen mit der ihren.

                =Die Moorvettel=

      Ihr pilgert um Euch selbst spazieren,
      bis Euch zum Sterben schwindlig wird.
      Seit wann ist Euch der neue Wert
      so klar im Herzen eingekehrt?

                =Arne=

      Die wahrhaft Reichen knnen nicht verlieren,
      solange die Natur nicht irrt.
      Drei Jahr lang lacht' ich ber dich,
      jetzt steh ich hier und wundre mich,
      wo hast du die nrrische Weisheit her, sprich?

                =Die Moorvettel=

      Mein toter Liebster war hochgelehrt,
      da hab ich nicht nrrische Weisheit gehrt.
      Und was man lernt, ist hufig dem,
      was man schon ist, nur unbequem,
      und wen die Bestimmung vom Leben entfernt,
      der hat auch im Wachsen nicht leben gelernt.
      Und wre das Sterben nicht aller Pflicht,
      ich glaube, er knnt auch das Sterben nicht.

                =Arne=

      Dir Antwort geben, hiee sich zerstreun,
      ich mchte meine Worte nicht bereun,
      denn auch der beste und schnste Gedank'
      bleibt wertlos ohne Zusammenhang.

                =Die Moorvettel=

      Schon gut, euch leuchtet der eifrige Schdel
      nicht leicht bei einem vertrockneten Mdel,
      aber ist sie noch drall und jung,
      redet ihr mehr als bei Mnnern und Trunk.
      Habt doch von allem, was ihr erreicht,
      hchstens einmal ein Weib berzeugt.
      Bleibt doch das Beste, was ihr gesagt,
      immer noch, was ihr den Mdchen geklagt.
      Und ich kenn das betroffene Greinen,
      wenn ihr nach all eurem Geistesverrat
      endlich so einen zappelnden Kleinen
      still adoptiert als das Endresultat.

                =Arne=

      Dein Hohn tut meinem Herzen leid.
      Der Menschen Schwchen zu erkennen,
      ist leichter, als ihr Gutes nennen,
      und Spott der Narren tglich Kleid.

                =Die Moorvettel=

      Nennt Ihr mich nrrisch immerhin,
      wei schon alleine, wer ich bin.
      Ich mochte nicht unter den Menschen sein,
      trollte ins Moor und blieb allein,
      merkte das Beste vom Wesentlichen,
      und hab es in Mue mit allem verglichen.

                =Arne=

      Was ntzt dir Mue und Vergleichen,
      kann jeder nur sich selbst erreichen.
      Die Besten wurden im Vergleich bescheiden,
      das Alter mag nur eigne Weisheit leiden.

                =Die Moorvettel=

      Wenn euer Wein nur zehn Jahr' ruht,
      nennt ihr ihn schon besonders gut.
      Wieviel mehr als ein Trpflein Wein
      wird nicht ein Fnklein Weisheit sein.
      Seht nun, Herr Pfarrer, daraus ergibt sich,
      da man wohl doch nicht immer irrt,
      wenn eine Weisheit im Kopf, an die siebzig
      Jahre lang, aufgehoben wird.

                =Arne=

      Zwischen Verachtung und Verdru
      findet sich oft noch ein kleiner Genu. --
      Du machst dir's leicht, das Wirken der Natur
      ins eigne Denken zu verlegen.
      Das Wichtigste vergit du nur,
      das Bse wirkt in uns dagegen.

                =Die Moorvettel=

      Was ihr im eignen Haushalt kennt,
      und rasch entschlossen bse nennt,
      hat drauen sich als gut bewhrt,
      genau so oft wie umgekehrt.
      Denn zu des Durchschnitts Zeitbegriffen
      und seiner armen Plnkelei,
      hat Gott dem Satan oft gepfiffen,
      auf Satans Pfiff kam Gott herbei.
      Die Menschen aber, die das Gute gut
      und die das Bse tief als bse fhlen,
      sind die Gesellen, die in blinder Wut
      nach Ewigkeit, an ihrem Grabe whlen!
      Sie knnen lieben und sie knnen hassen
      und haben nichts mit Menschenglck zu tun.
      Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen,
      ich geh und wnsche gut zu ruhn.
      Ich kenn die Ruh, um die Ihr trauert,
      und wnsche, da sie nicht zu lange dauert.

  Ab.

                =Arne=

      Die hat sich leicht zurechtgefunden
      und Gut und Bse berwunden,
      das gilt als stark in meiner Zeit.
      Darber bleibt Unschuld mit Ewigkeit
      doch unzertrennbar verbunden.
      Das Bse in Grimm und Flammen,
      glht sie nur fester zusammen.

  Ab.

  Ein =Moormnnchen= tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

      =Das Moormnnchen=

  ruft =Arne= nach

      Komm hier, komm hier! Dein Weg geht irr!
      Die richtige Strae zeig ich dir.

  =Ein zweites Moormnnchen= tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

      =Das zweite Moormnnchen=

  zum ersten

      Wie hab ich mich bemht!
      Leucht ich nicht hell?
      Was ist das fr ein Gesell,
      der keine Irrlichter sieht?

                =Das erste Moormnnchen=

      Mich schickte die Vettel zur Irme hinab,
      die Irme mir keine Antwort gab.
      Auf meine Frage, was sie bewegt,
      hat sie die Hand aufs Herz gelegt,
      als tte es ihr noch immer weh.
      Dann hob sie langsam den Arm in die Hh'
      und zeigte, stumm und starr, weit ber
      das Moorland zum Pfarrhaus von Norby hinber.
      Ich sah sie an und fragte wieder ...
      Kreuz Teufel, fuhr mir ein Schreck in die Glieder,
      als ich ihr Gesicht im Mondlicht erblickt!
      Da man noch immer so kindisch erschrickt.
      Mein Licht im Schilfgrund tanzen ging,
      dies ist das dritte, das ich mir fing.

                =Das zweite Moormnnchen=

      Horch! Horch! Wer kommt? Der Boden klingt.
      Verbirg dich rasch! Lsch aus dein Licht.
      ber den Moorgrund ein Feuer springt,
      siehst du sein Flattern im Wasser nicht?
      Das Feuer der Menschen ist bse und rot,
      bringt den Moorleuten Angst und Not.

  =Beide= lschen ihre Lichter und flchten.

  Eine =Schar Burschen= tritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.

                =Erster Bursche=

      Die Nacht ist wie von Hexenvolk besessen.
      Was wir beginnen, schien am Tag mir leichter.

                =Zweiter Bursche=

      Und was du schwatzt, scheint mir zur Nacht noch seichter,
      als es am Tage selbst die Dmmsten fressen.

                =Dritter Bursche=

      Ist dies der Ort, der uns befohlen?

                =Erster Bursche=

      Was Ort und Pfaff! Der Teufel soll sie holen.
      Ich wei nicht mehr, wie mir bei dieser Fehde
      zu Mute ist und was mit mir geschehn.
      Zu Anfang war es eine schne Rede,
      ein toller Scherz, ein Schwatz, ein Weib wie jede,
      jetzt aber kann ich es mit Augen sehn.
      Nun ist es Wirklichkeit und Tat geworden,
      wir ziehen aus zu brennen und zu morden.

                =Zweiter Bursche=

      Wo Oerlsund kocht, da frit er auch den Brei.
      Seit lange war ich nicht so gern dabei.
      Wir sind zu oft gegerbt, und andere nahmen
      sich unseres Fells zu ihrem Nutzen an,
      als da ich nicht den Herren und den Damen
      vergnnte, was ich selten haben kann:
      den Anblick ihrer Schmach und das Vergngen,
      den Pfaffen einmal grndlich aufzuliegen.

                =Erster Bursche=

      Was mich bestimmte, sah ich anders an. --
      Es wird auf diese Nacht ein Tag sich heben.
      Ob wir ihn noch bei freier Kraft erleben?
      Das frag ich mich, da denk ich dran.
      Mir war, als bte oft schon unsereins
      den Irrtum dieser Herren, hochgeehrt.
      Der Galgen steht zu tief fr hohe Leute.
      Das groe und das kleine Einmaleins
      macht nicht die Rechnung, sondern umgekehrt,
      denn morgen weht der Wind von andrer Seite.

                =Zweiter Bursche=

      Geehrte Rechnung, hochgeschtzter Wind!
      Uns wird er nur den Hut vom Kopfe nehmen.
      Wer Angst versprt, der mge sich bequemen,
      ihn selbst zu ziehn. So hilft er sich geschwind.
      Und ob die Herrschaft Pfaff, ob Oerlsund heit,
      am besten tut sich, wer auf beide scheit.
      Fr heute, dnkt mich, blst der Wind vom Meer.
      Man soll nicht stren, wenn die Herrschaft streitet.
      Zu alledem geb ich mich gerne her,
      wenn man den Pfaffen ihre Brunst verleidet.

                =Vierter Bursche=

      Was streitet ihr? Mir ist das Herz bewegt.
      Ihr krnkt euch. Groes soll an uns geschehn.
      Zum Raufen bin ich wenig aufgelegt
      und habe nichts als Kummer zu gestehn.
      Ich mchte Schuld und Unschuld nicht verteilen,
      bin wie ein Nachen zwischen Meer und Kste.
      Dort fhl' ich Grund, hier aber kann ich weilen,
      dorthin zieht Gunst mich, hierher mein Gelste.
      Ihr seht mich unter euch und mit euch gehn,
      und habt mir doch die rechte Lust verleidet.
      Mich lockt die Glut, in der das Gold sich scheidet,
      doch nicht der Wunsch, ihr mchtet sie bestehn.

                =Zweiter Bursche=

      In jedem Tro, der sich zur Tat geschickt,
      luft einer mit, der ihm die Hosen flickt,
      der heute bebt, wenn Oerlsund nicht befiehlt,
      und der sich morgen in die Kirche stiehlt.
      Halt doch das Maul. Siehst du Naemi kommen,
      tust du ja doch, was sie sich vorgenommen.

                =Vierter Bursche=

      Und mehr vielleicht als du. Am rechten Ort
      sind mir die Fuste lieber als das Wort.

                =Erster Bursche=

      Ihr seid zu frh mit euren Taten dran.
      Seid ihr von Sinnen, da ihr hier mit Streit
      beginnt? Seid ihr des Teufels? Kommt heran
      und seht euch zeitig die Gestalten an,
      die dort sich nahn. Die Stunde ist nicht weit,
      da ihr fr bessere Dinge einig seid.

                =Fnfter Bursche=

      Oerlsund! Er ist es. Ihm zur Seite,
      Naemi.

  =Holger= und =Naemi= treten auf.

                =Erster Bursche=

      Herr! Nicht einer fehlt.

                =Holger=

      Es soll mir keiner fehlen! Leute,
      noch geb' ich Zeit fr jeden umzukehren.
      Da keiner sich den bittern Ernst verhehlt,
      in dem wir uns der Pfaffenrnke wehren,
      die Norbys Freiheit um ihr Licht gebracht.

                =Naemi=

      Lscht aus die Fackeln! Hell ist die Nacht,
      sie haben uns sicher durchs Moor gebracht,
      nun lat ihre rote Feuermacht
      ruhn, bis der Pfarrer von Norby erwacht.
      Er soll erwachen in ihrer Glut;
      wird ahnen und wissen, wer das tut.
      Rufen sollt ihr, Gesellen, schrein:
      Das ist Naemis Feuerschein!
      Er soll mich sehn. Er wird mich sehn.
      Mitten im roten Sturm will ich stehn,
      da er im Feuer mich wiederkennt,
      wenn ihm sein Herd, sein Haus verbrennt.
      Und ihr sollt rufen, jubeln, schrein:
      Das ist Naemis Feuerschein!

  Zu =Holger=

      Dich soll er an meiner Seite sehn,
      den Arm um mich, herrisch und fest,
      eh' er in Schanden Norby verlt,
      so soll mein Bildnis mit ihm gehn.

  Zu den =Burschen=

      Was steht ihr da, horcht und starrt mich an?
      Euch hat doch niemand ein Leid getan.
      Wer von euch wagt es, auch nur zu denken,
      er wolle den Pfarrer von Norby krnken?
      Gesindel, schert euch in euer Glck,
      in eure sichre Behausung zurck!
      Was hat euer schmutziges Henkertum
      mit meinem brennenden Herzen zu tun?
      Nie, nie habt ihr einen Mann gesehn,
      wie ihn, so gro, so herrlich, so schn.
      Daher kommt euer Pbelha,
      den ich verachte. Wit ihr das?

                =Holger=

  zu =Naemi=

      Still! Ich beschwre dich zu schweigen.
      Wer wird dem Knecht die Fesseln zeigen.
      Mag sie dein Zorn in ihr Verderben treiben,
      den bittern Grund la deine Sache bleiben.

                =Erster Bursche=

      Wir wnschen sehr, Euren Schmerz zu stillen,
      und sind Herrn Holger Oerlsund zu willen.
      Es gilt als Pflicht, den Ort von einem Mann
      zu subern, der Euch Unrecht getan.

                =Zweiter Bursche=

      Seine falsche Lehre vom Teufel war.
      Er schndete Kirche und Altar.

                =Dritter Bursche=

      Wer wte nicht, da er berdies
      ein Mdchen betrog und elend verstie.
      Geschieht uns Unrecht, und niemand greift ein,
      wollen wir selber Richter sein.

                =Holger=

  zu den =Burschen=

      Wer unter uns setzte sein Leben nicht ein,
      wenn es die Rettung der Anderen galt?
      Nun soll uns das Recht benommen sein,
      uns selbst zu retten vor fremder Gewalt?
      Der Pfarrer von Norby bte Verrat,
      ewige Wahrheiten hat er geschmht,
      in schuldlose Herzen Zwiespalt gest,
      und was er mir und Naemi tat,
      das wit ihr, ihr Mnner! Ich ruf euch nicht.
      Ich handle fr euch und ihr fr mich.
      Ich schwre, im ersten Morgenschein
      soll der Pfarrhof Trmmer und Asche sein.
      Und wenn der Pfarrer den Ort nicht flieht,
      so ist es die letzte Nacht, die er sieht.

                =Die Burschen=

      Ein Schuft, der sich nicht zu Euch stellt.

                =Holger=

      Verlacht in euch den rtselhaften Streit,
      aus dessen Wirrnis nur die Tat errettet.
      Es ist das Recht der Kraft verschchtert Kind,
      solang' wir noch bedrckt, zum Kampf bereit,
      nicht anders wie ein Schiff im Meer gebettet,
      getragen zwischen Not und Hoffnung sind.
      Ein stetig Recht, wer kann es frhlich nennen?
      Doch frohe Tat scheint mir ein sicheres Gut.
      Und kommt Erfolg zu unserm festen Mut,
      so wird ihn morgen jeder anerkennen.

                =Vierter Bursche=

  schreiend, abgewandt

      Wer naht sich, ein Geist, ein Hllenbetrug!
      Die tote Irme vom Fahrenkrug.
      Die tote Irme. Hell, wei, im Schilf.
      Ich kenn sie genau. Herr Jesus, hilf!

  Er bricht in die Knie.

  Atemlos und in Hast tritt der =Groknecht Jrgen= auf.

      =Jrgen=

  zu =Holger=

      Find ich dich endlich, lieber Herr.

                =Vierter Bursche=

  fllt ihm entgegen, auer sich

      Wer bist du? Wer hat dich hergebracht?
      Wer gab dir ber die Toten Macht?

                =Jrgen=

      Was ist dir, Bursche, ich kam allein.

                =Der Bursche=

      Du lgst! Du liet dich mit Geistern ein.
      Ich schwre bei allem, was Jesus litt,
      da neben ihm her die Irme schritt.
      Den Arm empor und grer als er,
      zog sie ihn angstvoll neben sich her!

                =Holger=

  rttelt ihn

      Hast du den Verstand verloren, Gesell?

                =Der Bursche=

  verstrt

      Den Arm empor... Wei und hell...
      Lat mich. Ich hab nichts zu schaffen mit euch.

  Er strmt fort.

      =Naemi=

  zu =Jrgen=

      La ihn, und wenn er zum Teufel rennt.
      Ist einer hier, der die Irme kennt?
      Sie ist gestorben? Er sah ihr Gespenst?
      Sag mir, Holger, ob du sie kennst?

                =Holger=

      La mich. Der Bursche war schrecklich entstellt.

  Zu den =Burschen=

      Wollt ihr, da er in Norby bestellt,
      was hier im Moorland vor sich geht?!
      Rasch, holt ihn ein, bringt ihn zurck,
      schlagt ihm die Fuste ins Genick,
      da ihm bis morgen die Angst vergeht.

  Ein Teil der Burschen ab.

      =Jrgen=

  zu =Holger=

      Mich hat kein Spuk der Hlle gebracht,
      mich fhrte Gottes barmherzige Macht,
      ich such dich schon die halbe Nacht.
      Sieh mich ermattet, von Sorgen verzehrt,
      von Herzen dankbar, da Gott mich erhrt,
      da ich dich gefunden hab, eh' es zu spt.

                =Naemi=

  zu =Jrgen=

      Fr was denn, glaubst du, sei es noch Zeit?

                =Jrgen=

      Wie schndlich bist du deines Werks gewi!

                =Naemi=

      In dir seh ich kein Hindernis.
      Nenn immer schndlich, was du nicht verstehst.
      Fr dich ist klger, da du gehst.

                =Jrgen=

      Holger, lieber Herr, schau mich an!
      Hab ich dir je ein Unrecht getan?
      Und wenn es dem Knechte zu schweigen gebhrt,
      oh, hre dem Freund deines Vaters zu:
      Du bist in Irrtum und Schuld verfhrt,
      ins ewige Verderben taumelst du.

                =Naemi=

  zu =Holger=

      Wend dich nicht ab, was frchtest du?
      Er sucht sein Recht an dich und an dein Leben,
      er braucht sein Wort zu seiner Ruh.
      Was Knechten zukommt, soll man ihnen geben.
      Was kann sein Rat wohl unsrer Sache tun?
      Macht eines Greises Plappern sie zu Schanden,
      so mge sie in Gottes Namen ruhn.
      Mein Schicksal knpft die blutgeglhten Banden
      um andre Werte als um guten Rat.
      Wer wollte das Notwendige verfhren?
      La ihn. Er wird die lieben Flammen schren,
      wie guter Wind noch stets dem Feuer tat.

                =Jrgen=

  zu =Holger=

      Wend dich nicht von mir, oh versteh mich recht.
      Naemi sah, da sie der Mann verschmhte,
      dem sie mit Leib und Seele sich vertraut,
      sah nicht den bittern Kampf, der ihn erhhte,
      in dem er nur sein fernes Ziel geschaut.
      Mit seinem Tod wirst du ihr Klarheit bringen.
      Er lt sein Wesen nur mit seinem Leben.
      Du kannst Naemi nie und nie erringen.
      Du kannst sie nur dem Toten wiedergeben.

                =Holger=

      Schweig still. Verwirr mir nicht Herz und Sinn.
      Vor mden Augen liegt die Erde grau.
      Ich habe recht, weil ich in Flammen bin,
      und weil ich ihrem heien Sturm vertrau.
      Wollt ich bedenken, was das Meer vermag,
      ich liee meinen Kahn bei Sturm am Strand.
      Sahst du mich je in Zaudern abgewandt,
      wenn uns ein Fahrzeug auf den Klippen lag?
      Und heute glaubst du mich von Furcht erfllt,
      wo es mein Lebensschiff zu retten gilt?
      Ich danke deinem Rat und glaube dir,
      er war von Herzen gut und wohlgemeint.
      Ich ehre den Berater und den Freund,
      das Steuer aber lt du heute mir.
      La dir genug sein, da dich mein Befehl
      nicht zu den Helfern stellt, die ich mir whl'!

                =Jrgen=

      Herr, Herr, dein Stolz. Oh, Oerlsunds alter Ruhm!
      Sieh meine Trnen, der du mich nicht siehst.
      Zur Knechtschaft sinkt dein freies Herrentum.
      Oh, dunkles Schicksal, dem du nicht entfliehst.
      Das Steuer brennt in eines Weibes Hand,
      du bist ihr Knecht, in ihren Ha gebannt --
      Oh, wer ist wert, da dies um ihn geschieht?

                =Holger=

      Und wenn die Besten meiner Schwche lachten,
      ich habe nur auf mein Gefhl zu achten.
      Mein Herz ist fest und einzig schuld daran,
      da ich mich solcher Knechtschaft rhmen kann.
      Will es mein Schicksal, mag ich denn vergehn.
      Ich will es fordern, will es ganz bestehn.
      Ich mchte wissen, wessen Welt
      zu Norbys Ehre recht behlt.

                =Jrgen=

      Wie leicht verrt ein Herz sein bestes Teil,
      wenn junge Hoffnung tief im Irrtum glht,
      und wenn die Seele das erflehte Heil
      als fernen Trost fr ihre Schmerzen sieht.
      Ach, da den Besten das erreichte Ziel
      so wertvoll wrde wie die ersten Schmerzen.

  Zu =Naemi=

      Da stehst du, Siegerin im bittern Spiel
      bewuter Allmacht und betrter Herzen,
      blind fr die Krfte, die dein Zorn zerstrt,
      und dennoch schuldlos in das eigne Wesen
      und in sein wunderreiches Licht betrt,
      in dem wir alle sthnen und genesen.

  Stimmen und Gelchter aus der Nacht.

      =Naemi=

  zu =Holger=

      Dort kommt die Schar. La ihn, der Mond steht tief.
      Was ihn zu seinen Taten rief,
      das wird ihn richten, nicht, was er erreicht.
      Dasselbe Leben, das sein Haupt gebleicht,
      verbrennt auch mich und wird sich offenbaren
      in unsrer Glut, die, ewig unerfahren,
      dennoch unfehlbar die Vollendung zeugt.

  Ab mit den Burschen.

      =Holger=

  zu =Jrgen=

      Gehab dich wohl. Denk gern an mich zurck.
      Dein Schmerz ist reicher als manch rasches Glck.

  Ab.

                  Ende des dritten Aufzugs




Vierter Aufzug

  Die Dorfkirche von Norby. Im Hintergrund der Altar. Morgengrauen. Von
  drauen Feuerschein. Lrm. Der =Amtmann= und der =Kster= treten auf.

                =Der Amtmann=

      Das war ein guter Einfall fr uns zwei.
      Gelobt sei Gott! Ist auch die Tr verschlossen?

                =Der Kster=

      Sehr fest, Herr Amtmann. In die Sakristei
      fhrt noch ein Pfrtchen, das die Mordgenossen
      des Satans, drauen, hoffe ich, nicht kennen.
      Sie werden noch den ganzen Ort verbrennen.

                =Der Amtmann=

      Halunken sind es. Pack! Barbaren!
      Da hilft nicht Rechtsgewalt, da hilft kein Drohn.
      Doch spter soll der Pbel mir erfahren,
      wer Amtmann ist. Bernd Oerlsunds Sohn
      gebrdet sich, als sei er Herr im Ort.
      Mir liefen meine eignen Knechte fort
      und hhnten noch, als ich sie halten wollte:
      Ob man das Amthaus auch verbrennen sollte.

                =Der Kster=

      Der Himmel sei uns Heimgesuchten nah.
      Das ist das schlimmste Unheil, das ich sah.
      Um unsern schnen Pfarrhof ist's geschehn.
      Wer wird den Pfarrer lebend wiedersehn?

                =Der Amtmann=

      Ich warf mich der verrohten Schar entgegen
      und schrie, da mir noch jetzt die Kehle brennt:
      Um Jesu willen und der Kirche wegen,
      zurck ein jeder, der den Amtmann kennt!
      Ein langer Flegel, den ich nicht erkannte,
      hob eine Stange, dick, wie Ihr hier seht,
      die er mir meuchlings in den Krper rannte.
      Ich wre tot, htt ich mich nicht gedreht. --
      Gelobt sei Gott, der uns die Kirche gab.
      Ach, merkt doch gut, was ich gerufen hab',
      da die Regierung spter recht erfhrt,
      da ich dem Aufruhr nach Gebhr gewehrt.

                =Der Kster=

      Ich geb es Euch auf Eid, verbrieft, versiegelt.
      Mein Gott, was ndert das am Tatbestand?
      Naemi hat die Burschen aufgewiegelt.
      Wer gab die Macht in ihre schwache Hand?
      Wo fhrt das hin? Der Satan soll uns schonen.
      Wer htte das von einem Weib geglaubt?
      Wir haben sie dem Meere einst geraubt,
      nun rcht es sich. Das Meer gebiert Dmonen.

                =Der Amtmann=

      Wr nur die wste Bande eins geblieben;
      es wrde leichtes Spiel gewesen sein.
      Sie htten uns den Pfarrer bald vertrieben.
      Nun aber pltzlich bilden sich Partein.
      Schon kracht die Tr, der Dachfirst loht,
      da pltzlich sieht sich Freund von Freund bedroht,
      und unterm Tor, im rauchenden Gedrnge,
      entwickelt sich ein blutig Handgemenge.

                =Der Kster=

      Ich sah's. Ein Bursch, ein halber Knabe noch,
      warf sich dem jungen Oerlsund blind entgegen,
      ganz ohne Waffen, schweigend, totverwegen.
      Wo Oerlsund zupackt, schliet das letzte Loch.
      Er sank ihm wie ein Toter von der Brust.
      Der Oerlsund hat den rechten Griff gewut.
      Herr Gott, wenn ich mir denke, diese Faust
      s' mir am Halse ... Heiland, wie mir graust!

                =Der Amtmann=

      Was soll man da fr Recht und Unrecht halten?
      Mir schwankt das Herz in Zorn und tiefem Leid.
      Und wo der Himmel, wo die Hlle walten,
      erkennt kein Sterblicher mit Sicherheit.
      Gewi ist nur, der Pfarrer =wollte= leiden,
      was trieb sein Herz in Kmpfe und Gefahr?
      Ich mchte nicht mit Sicherheit entscheiden,
      von welchem Geiste dieser Fremde war.

                =Der Kster=

      Mir scheint vor allen Dingen eins gewi,
      er ste Zwiespalt, brachte rgernis.

                =Der Amtmann=

      Das kann man auch von Jesus Christus sagen,
      ist man in Zweifel, darf man Euch nicht fragen.
      Doch still! Horcht hin! Die Tr der Sakristei!
      Sie haben uns entdeckt. Es ist vorbei!

                =Der Kster=

      Uns sucht ja niemand. Still, gemach ...
      Die wollen Schutz hier unter unserm Dach.
      Das sind nicht Feinde, hrt sie drauen heulen.
      Wir werden sehn, dort decken uns die Sulen.

  =Beide= ab.

  Der =Pfarrer= von Norby und =Naemi= treten auf, hinter dem Altar
  hervor, der Pfarrer auf Naemi gesttzt.

      =Arne=

  sinkt auf den Stufen des Altars nieder

      Der Bursche traf mich gut!

                =Naemi=

                                Oh sieh mich an!
      Erkennst du mich? Ich bin es, die dich fhrt,
      und was geschah, hab ich, nur ich getan.
      Du darfst nicht sterben!

                =Arne=

                              Nur was mir gebhrt,
      geschieht mir. La nun dein Bemhn,
      das du als gut und bse nicht erkannt.
      Es ist zu spt, mein Leben flo dahin.

                =Naemi=

      Oh la dir helfen! La mich meine Hand
      auf deine Wunde pressen. -- Hilf mir doch!
      Du grausam Unerbittlicher am Kreuz!

                =Arne=

      La mich, sei ruhig. Sieh, ich leide kaum.
      Dein Schmerz verdunkelt mir den letzten Traum.
      Ich wei, da sich mein Dasein nun beschliet.
      Hab Dank, da du mich nicht verliet.
      Gerechtigkeit, oh Mutter du im Leid!
      Du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,
      du ihre Stillung, segne nun mein Teil
      am Gut des Guten, das ich unbereit
      und ohne Kraft, im nie befleckten Kleid,
      empfing und nahm, nach aller Menschen Weise.
      Gerechtigkeit, du Ziel der irdischen Reise,
      du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,
      du ihre Stillung, nun der liebste Teil
      der weiten, weiten Hoffnung meiner Seele.

                =Naemi=

      Oh dunkle Mchte, die ihr dies gewollt
      und dies gekonnt, erbarmt euch meiner Qual!
      Die ich durch dich dies Schreckliche gesollt,
      erls mich, Liebster, noch dies letzte Mal.
      Sprich gut zu mir! Mach alles wieder gut,
      wie du so oft mein rasches Blut geheilt.
      Oh sieh mein Dasein, martervoll zerteilt,
      wie es zerstrt in deinen Hnden ruht.
      -- Ich war ein Kind, als ich die Augen hob
      zu deiner Kraft und deinem groen Wesen.
      In deiner Andacht und in deinem Lob
      bin ich zu jener Freiheit erst genesen,
      der ich vertraute, ohne Recht und Glck,
      weil =deine= Seele sie in mir erschuf.
      Nun schlug die Glut auf ihren Gott zurck,
      die nicht bestand aus eigenem Beruf.
      Oh, sei barmherzig, sieh, mein blinder Ha
      war dir zur Ehre, wie einst jede Lust.
      Wie meine Liebe, die ohn' Unterla
      nur dich und nur von dir gewut.

                =Arne=

      Auf meinem Sinn lag noch der dunkle Kranz
      verblichnen Ruhms und berwundner Strke.
      In meinem Herzen war der lichte Glanz
      der neuen Zukunft zweiflerisch am Werke.
      Nun ist mir so, als ob ein gro und schwer
      Vermchtnis an die Menschheit mich bedrckte,
      als ob ein Licht von weit, weit her
      meine zerbrechenden Krfte schmckte.
      Als mt ich aufspringen, die Arme empor,
      und endlich, endlich alles verknden.
      Und wei doch nur: Ich wollte finden,
      und brach in die Kniee am Tor.

                =Naemi=

      Oh, lehr mich fassen, was mein Herz getan.
      Sieh nicht sein Tun, sieh seine Wunden an.
      Oh berma, oh tugendlose Glut,
      mein hchstes Heil und Elend, du mein Blut,
      dich klag ich an, du Strom, der nie geruht!
      Der seligsten Gewiheit freies Weinen,
      der helle Stolz, von hohem Wert entfacht,
      erlischt zerbrochen, klagend, unter deinem,
      in meines Schmerzes wilder bermacht.
      Verflucht sei Anspruch, Glut und jene Treue,
      die mich erhob im Abglanz meines Rechts.
      Verflucht sei meines trichten Geschlechts
      Beruf, die ich den eignen Wert bereue.

                =Arne=

      Klag nicht Natur, klag nicht dein Wesen an,
      Beschwrerin des Todes du in Flammen.
      Sein khles Kleid schliet uns erst ganz zusammen,
      erst mit dem Tode fhrt der Weg hinan.
      Der reichen Herzen oft beweintes Glck
      bleibt irdisch doch in Schuld und Weh verwoben.
      Natur, unwandelbare, dich zu loben,
      erleichtert mich, bestndiges Geschick!
      Du hast den Geist zum Licht emporgehoben.
      Wer aber fat dich, unverfhrten Sinns,
      wer will Gott nennen, noch in dir betrbt?
      Wir rhmen traurig, was wir hei geliebt,
      und preisen es als Krone des Gewinns.
      Oh Traum der Welt, so lieblich du, so eitel,
      wie sank dein Glanz, wenn ich im Geiste lebte.
      Da lag des Vaters Hand auf meinem Scheitel,
      da war mein Glck so rein, da ich erbebte.
      Erkenntnis du, oh aller Sehnsucht Herz,
      du reines Glck, du Liebe ohne Schmerz!

                =Naemi=

      Ich hab's getan. Ich hab's getan!
      Oh, la mich sterben. Ich bin schuld daran.

                =Arne=

      Mein abgewandtes Antlitz war dir feind.
      Wo ist dein Sohn, da du mir ganz vergibst?
      Wo ist dein Sohn, da du mich ewig liebst,
      wie eines edlen Weibes Sehnsucht meint.
      Oh Heil, oh Gram in deinem Leib und Wesen.
      Du Pfad, du blhender, der Wiederkunft.
      Berufen du, in Leiden zu genesen,
      als Gottes Mutter selige Vernunft!
      Triumph im Leid, du Sieg auch ber mich!
      Du blhst im Licht, oh liebliche Gestalt.
      Ach, da mein Blut dem frohen Sinn entwich,
      aus dessen Glanz, mit zwingender Gewalt,
      das neue Angesicht des Gottes taut,
      der noch so schmerzreich auf uns niederschaut.

                =Naemi=

      Der Altar deiner Kirche htet dich.
      Du bist in Sicherheit. Oh, sieh auch mich!

                =Arne=

      Nahm mich die alte Kirche freundlich auf?
      War ich ihr Kind noch, da sie mich empfngt?
      Oh, welche Macht hat mich hierher gelenkt,
      die mich zuletzt in diesen Frieden drngt,
      als sei er noch mein Erbteil und mein Dank.
      Hast du dein Kind zurckgerettet,
      du trber Geist, den ich mit Inbrunst hate,
      da nun dein Sinken spt noch die erblate
      und kalte Stirn in seinen Schatten bettet?
      Da mir im Licht der neuen Lebensmacht
      der Wert der alten mtterlich erglnze,
      da so die Zukunft die verwehten Krnze
      des alten Ruhms dem neuen wrdig macht?
      Denn nur aus alter Wahrheit blht die neue!
      Erlser, gib, da ich sie sterbend schau,
      und da im Scheiden die verirrte Treue
      sehend dem neuen Licht vertrau.

                =Naemi=

      Oh sieh mich an! Bin ich dir nichts?
      Wem gilt das Leuchten deines Angesichts?

                =Arne=

  zu Christus empor

      Ich hate, was dein lichtes Bild entstellt,
      und hate, die dein Erbe frech entweihten,
      der du, geneigt, den reinen Sinn der Welt
      gelutert hast im Licht der Ewigkeiten.
      Gekreuzigter, wer krnte dein Erblassen?
      Was sah dein Auge, als es einsam brach?
      Was litt dein Herz, als deine Lippe sprach:
      Warum dich Gottes Herrlichkeit verlassen?
      Sei mir geneigt, du, dessen Kraft besteht,
      in dessen Wahrheit endlich doch vergeht,
      was unsre Armut deinem Wert genommen.
      Wenn auch mein armes Lebenswerk verweht,
      ist doch dein Reich in mir gekommen.
      Du weit, es gibt kein andres Gericht
      in der Welt als das Licht.

  Zusammensinkend

      Dem ich mich nun erst ganz vertrau,
      da ich es leiblich nicht mehr schau.

  =Stimmen=, Lrm und strmisches Pochen gegen die Tr der Kirche.

                =Naemi=

      Da kommt der Tod, den ich geweckt!
      Sie strmen die Kirche, wir sind entdeckt.
      Ach, knntest du mich einmal noch erkennen,
      da mich ein letzter guter Blick versteht.
      Dein Auge bricht, und deine Lippen brennen,
      derweil dein Leib vor Durst vergeht.

  Das Kirchentor kracht unter dem Ansturm der Burschen.

      Dein Blick erlischt. Oh, sieh mich an.
      Oh, sprich ein Wort. Beweg die Hand!

  Sie entdeckt auf dem Altar den Kelch, hebt ihn herunter und setzt ihn
  dem Sterbenden an die Lippen.

      Das ist das Letzte, was ich geben kann.

                =Die Stimme Holgers=

  von drauen

      Sto zu! Verflucht sei jede Hand,
      die nicht mit ganzem Willen schndet!
      Sto zu! Solang der Satan nicht verendet,
      hlt keiner unserm Ansturm stand.

                =Eine schreiende Frauenstimme=

      Errette deine Kirche, Jesus Christ!

                =Eine zweite=

      Die ganze Hlle ist zu Mord erwacht!

                =Eine dritte=

      Helft, helft, mein Sohn verblutet sich zu Tod!

                =Eine Mnnerstimme=

  dazwischen

      Durch Blut wird mehr gereinigt als befleckt.
      Hol ihn der Teufel, wenn dein Sohn verreckt!

  Die Kirchentr kracht zusammen. =Holger= tritt auf, gefolgt von den
  =Burschen=.

      =Holger=

  im Ansturm

      Da dein verfluchtes Leben endlich ende!

  Er prallt entsetzt zurck, als er =Naemi= erblickt, den Kelch
  in ihrer Hand und den sterbenden Pfarrer am Altar im Licht der
  Morgensonne, das durch die zerschlagene Tr fllt. Hinter ihm sammeln
  sich, gehemmt durch ihn, die verwilderten und blutenden Gestalten der
  Burschen. Mnner und Frauen drngen nach. Lrm und Rufe verstummen.

      =Arne=

  aufgerichtet

      Ein neuer Morgen wird sein Licht
      auf fernes Blhn der Berge tun
      und ber mein Gesicht ...
      Herr Christ, la dein lebendig Blut
      auch ber mein vergnglich Gut
      hinflieen. La mich ruhn.

  Er stirbt.

      =Holger=

  langsam vordringend, zu =Naemi=, die sich schtzend vor die Leiche
  des Pfarrers stellt

      Ist das der Sinn, um den ich rang und litt?
      Ist das der Lohn, um den ich redlich stritt?
      So sei durch mich der Frevelmut geshnt,
      zu dem dein Schmerz der Liebe sich erkhnt.
      War ich ein Tier, ein Narr, ein Ungeweihter,
      da du mein Glhn mit dieser Schmach bedankst?
      So fre die Glut, an der du Dirne krankst,
      in alle Ewigkeiten an dir weiter!

  =Holger= ersticht =Naemi=.

                =Naemi=

      Was ich dir antat, mut ich tun ...
      Lat mich an seinem Herzen ruhn.

  Sie sinkt ber die Leiche =Arnes= und stirbt.

  Der =Amtmann=, der =Kster= treten auf, hinter den Sulen hervor.

      =Der Amtmann=

  zu den Burschen, auf =Holger= weisend

      Er ist der Mrder. Haltet ihn!
      Im Namen des Gesetzes bindet ihn.

                =Der Kster=

      Wagt ihr zu trotzen, wo der Herr gerichtet!?

                =Der Amtmann=

      Hier hat ein schndlich Dunkel sich gelichtet.
      Gerecht und ernsthaft fgte das Geschick
      zu grausem Zeichen, euch, den arg Betrten,
      ein rasches Ende. Ungeweihtes Glck
      und Schmach der Snde fllten die Zerstrten.

                =Holger=

      Tu deine Pflicht, doch schweige, nrrischer Held,
      vor diesem Schauspiel unerhrter Leiden.
      Vernichte mich, den Mrder dieser Beiden,
      nach ntzlicher Gerechtigkeit der Welt.
      Doch schweigen, schweigen soll das arme Recht
      der Lebenden, vor solcher Pflicht zum Sterben.
      Nur das Erbarmen reicht an ihren Thron.
      Erbarm auch meiner dich, o Gottes Sohn,
      la meine arme Seele nicht verderben.

                =Der Amtmann=

      Hinaus mit ihm, in Kerkerhaft und Ketten!

  Die Burschen dringen auf =Holger= ein.

                =Holger=

      Tut, was euch hilft. Ich habe nichts zu retten.

                  Ende




    Anmerkungen zur Transkription


    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen, nur
    offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.






End of the Project Gutenberg EBook of Norby, by Waldemar Bonsels

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NORBY ***

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