The Project Gutenberg EBook of Beethoven, by Bla Rvsz

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Title: Beethoven
       Eine Phantasie

Author: Bla Rvsz

Translator: Stefan J. Klein

Release Date: June 17, 2016 [EBook #52359]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEETHOVEN ***




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                             Bla Rvsz




                              Beethoven


                            Eine Phantasie




                      Kurt Wolff Verlag Mnchen




                  Bcherei Der jngste Tag Band 80

                 Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig

          Einzig berechtigte bertragung aus dem Ungarischen
                         von Stefan J. Klein




       Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag Mnchen und Leipzig




Die rzte hatten mich im Februar nach Riva geschickt, damit ich warmen
Sonnenschein, trockene Luft rieche.

Nun sitze ich hier auf der Terrasse eines weigetnchten kleinen Hotels,
die groen Glasflgel sind geffnet, und die mittgliche Sonne
berflutet uns.

Mige, lustfrnende Leute sonnen sich in dem geffneten Glaskfig,
ltere Leute dsen wach nach dem schmackhaften Essen, unter der Last der
glutenden Strahlen rten sich urlaubfreie jngere, im Scheine dunklen
Weines hockend, an silbrig gleienden weien Tischen keuchen
Neuvermhlte, sie betrachten den Sonnenglast, und ihr angespannt offenes
Auge lodert -- wenn sich ihre Blicke treffen -- wie ber Schneebergen
der Sonnenstrahl.

Um mich herum Wachen; regungslose Stille.

Kein Ton tnt, kein Wort schwatzt, unter sich aneinander erfreuenden
Menschenpaaren leben wir abgeschieden, ich und der Sonnenglast.

Vor meinem rastenden Auge steht die gleichmige, sonnenumspielte
ppigkeit, mit ihrem flutenden Gold die blaue Luft erfllend, in dunklem
Gestrpp grner Bume glhen Orangen, auf dem staubigen Hof lst ein
schlafender weier Hund sich auf, und ber allem steht und brennt das
unberhrte Sonnenlicht.

Blendendes Funkeln umarmt mich und wscht meine Augen; der Strahl, der
ihnen entirrt, wer wei, ob er noch mir gehrt, oder bereits vom
gldenden Grau aufgesogen ist? In den fernen Tlern prunkender
Unendlichkeit schaudert das Leben, zuckende Streifen, kmmige Flmmchen,
gebrochene Feuerbilder steigen aus den Sonnenstrahlen empor, und in der
tdlichen Stille, in der Mue des Friedens beginnt das gleiende
Lichtmeer sein Spiel.

Weiter drauen gert die glatte Weite in Bewegung, die Strahlenwiese
entflammt, versinkt zerstckt, und aus dem Glanzwirbel lodert zuweilen
eine fransengesichtige Flammenschlange auf ... taucht dann wieder unter;
aus der verzehrenden Tiefe rollen in keuchendem Wetteifern andere
Schlangen ihre Feuerkpfe in die Hhe, zucken im mittglichen Strahlen,
schwanken und verschwinden mit schlankem Hpfen in den Lichtlabyrinthen.
Glanzdelphine spielen ... ber ihnen und um sie herum zittern die
Sonnenstrahlmyriaden, Blendung glht, Helle zuckt, Goldgarben lsen
sich, hnlich dem Haar der begehrten Frau. Sonnenstrahlfden laufen
zusammen, trennen sich, sterben verflochten ineinander, fliegen dann
abermals aus dem Flammenbecken auf, es tollt das Sonnenlichtdickicht mit
wechselnder Eile. Sonnenstrahllegionen zischen, und ich bin mit
vergessendem Staunen abermals ein Kind, hre das Einstrzen des Damms,
wie damals, da wir daheim in einer furchtbaren Nacht das groe Wasser
erwartet .... Verflossener Zeiten Brausen umrauscht und umraunt meine
blinden Ohren, und es tost das Wasser ber den Erdwllen der Insel; das
Sonnenlicht schaukelt, lauscht still wie der kleine Hain, in dem ich
einst mit dem unwissenden Mdchen sa; ber uns gilbten in der
Augustdmmerung spte Akazienblten, der kleine Hain bebte raunend, und
das unwissende Mdchen blies mir aus geweiteten Nstern Glut entgegen
....

Unter jedermanns Herzen wacht eine alte Traurigkeit, ein vergessener
Traum, die fahlgewordene Freude. Wohin fhrt uns das entflammte Auge,
wenn wir Tne entschlummerter Gesnge hren?

In umgrtender Linie stoen einander die groen Berge, hier und dort hat
einer seine Hhe zum Gipfel aufgeworfen, auf dsterer Schneeberge Haupt
strahlt der blaue Himmel, Schnee und Eis blinken hart im Sonnenglast;
blitzende Gletscher stehen und warten in der stummen Helle. Es flammt
die Sonnenkugel auf den Gipfeln der Schneeberge, rollt mit ihren
Lichtspeichen durch blaue Tler, durch weie Schluchten, reit Schleusen
der Strahlen zu meerartigem Gischt auf und bringt mit seiner
Zauberberhrung die auf den Kuppen der Gletscher erstarrten Eisglocken
zum Tnen. Jungfrulicher Gesang sickert von den Gefilden der Weie
herber ... lt dein mdes Herz mit Freude erbeben, umarmt den
schlaffen Daumen mit Ermunterung. In deinem gebrochenen Auge blht
Andacht auf, und wir spielen im Zelt der Einsamkeit mit der nicht
kommenden Liebe, mit schwerem Alpdrcken: begeistert ein Aberglaube oder
Gott sich ber uns? vermchte ein heier Atem des Weltgeheimnisses die
jahrtausendealten Eisfelsen zu schmelzen? woher kommt der Weg, der aus
dem Scho der Zeit in den Scho meiner Mutter gefhrt? Im strahlenden
All summen die Eisriesen, eine ungeheuere Hand trumt auf der
Angstorgel: Tne, dahinflieend wie das Quellen von Liebespaaren, hllen
unser bebendes Herz ein; zerren meinen zitternden Krper wach,
besinnungraubend, wie die Augenblicke des Taumels in der Minute des
Lebensabschieds.

Es seufzt, singt das werdende Tongesumme, noch breiten sich fransige
Melodienebel um unser Herz, doch meine verlassene Krperlichkeit bebt,
fhlt um sich herum bereits beklommen, ringend anderer Leute
Lebensnervositt, und mein besonnter Blick gleitet auf die Bewohner des
verandaartigen Kfigs hinab; das krinolinetragende, runzlige Tantchen
blinzelt mit den Augen, streift den Seidenrock gerad und lacht lchelnd,
neben ihm trommelt das Mnnlein im Jgeranzug mit seinen rundlichen
Fingern, trommelt unentwegt und lacht gierig; die tauigen Jungen, Hand
in Hand, wie die Keilhaue vereinigt, lcheln gekitzelt, und ihnen
gegenber sitzt an einem verwaisten Tisch ein buckliger Mann, bewegt
sich steif und lacht, lacht, lacht. Vor meinen verwirrten Augen flimmern
Regenbogen, flattern auf die gekrmmten Ohren des Buckligen, laufen ber
sein knochiges, sommersprossiges, groes Gesicht, tollen auf seinem
lachenden verbitterten Mund; auf den glnzenden Buchen und spitzen
Lippen der Weinflaschen zechen Sonnenstrahlrosen, auf dem ovalen weien
Bart des kleinen Mannes im Jgeranzug tndeln Sonnenstrahlen, schaukeln
auf seinem seligen roten Antlitz, und Sonnenstrahlen hpfen auf seinem
runden, grnen Hut, auf dem Stiel der Fasanfeder; mit trichtem Raten
flstert jemand um mich:

Dies ist Stssi, der Flurschtz ...

Stssi, der Flurschtz ...

hat vielleicht das krinolinetragende Tantchen etwas gesagt? jetzt bewegt
sich der spttelnde Mund des Buckligen: entpurzeln ihm Worte? alle, die
hier auf der Veranda des Lichtes sitzen, verstehen einander, schtteln
sich pltzlich vor Lachen. Ihre Blicke begegnen einander mit
solidarischer Botschaft,

und ich mu fremd auerhalb ihrer Gemeinschaft bleiben?

hat vielleicht der Alpenjger etwas Wild-drolliges gebrummt? haben
vielleicht die Jungen etwas von ihrer ungelenken Freude verraten? die
Lippen bewegen sich, die Augen verschrumpfen in des Lachens grauen
Ringen;

ich hlle mich in die verwachsenen Kleider der Scham und der
Verteidigung, verzerre die Linien des Lchelns und schleudere mein
verschrecktes Gesicht vor die Menschen hin ...

Hier gebe ich es, gebe es euch; der mde Zickzack belebt meine
gesprungenen Lippen, grinst stutzend (wie in trostlosen Husern das
Lcheln armer Leute, deren letzter Gedanke es ist, da ihnen der liebe
Herrgott aus dem hngenden Kopf den Verstand gesogen), zeigt sich
duckmuserisch, auf da ihr mir glaubet, um meine Schande nicht wisset
und mich (den die Larve des Lchelns verbirgt) in meiner verfolgten
Einsamkeit in Ruhe lasset.

Die Larve des Lchelns verbirgt mich ... ber kecke, lebensstolze
Menschen flutet Sonnenschein dahin, auf meine verschreckten Augen wirft
die Gnade ihr Strahlenband und jagt mit meinem vergessenden Blick in
ungestmer Hast auf die Gefilde des Gefunkels; mit Flehen, in dem das
Herz der Traurigkeit pocht, taste ich nach meinen zerzausten Gesngen
... Lichtgarben lohen im Glast wie Glockenzungen auf, und die in Licht
getauchten Glocken ertnen, wie einst allabendlich daheim zur Litanei
des weien Primas. Ich stand auf der Schlotreppe, alle Sonnenblumen
wandten ihre Gesichter in diese Richtung, die pausbckige Sonne lie den
abendlichen Himmel errten, unten schwitzte die Insel zwischen
Smaragdgrsern, und im breiten Tal der Donau hub das Glockenspiel an;
schlanke, buchige Glocken tnten durcheinander, der weie Primas begab
sich mit Kardinalsschritten zum Gebet.

Mein bezaubertes Auge betrachtet den bestrmten Sonnenglast ... ein
dahingleitender groer Pfau hebt seine seltsamen Flgel, und alles
spiegelt sich bis zur opalenen Gemarkung darin. Wie schn ist dieses
Glockenspiel, wie mder Atem schwingt zitternd das leise Summen der
Marktkirche her, sorglos, wie frischer Kindermund, singt vom
Kalvarienberg die kleine Glocke der Rosalienkapelle, die traurigen
Glockentne der Franziskaner schlngeln sich dick herber, und ihre
abgestumpften Fransen flattern hier unter der Schanze. Das Luten der
Klosterkirche seufzt, hnlich dem Flstern vertrockneter Nonnen, wenn
sie der flammugige Domherr zur Beichte besucht; tiefergriffene,
hocherfreute Tne singen schwirrend, schwimmen aus der Weite herbei; aus
dem Tal langt leise ein ohnmchtiger Arm empor. In die harfenbeschwingte
Stille klingt, tnt, drhnt die groe Glocke der Basilika. Wie ein
strmender Samum, so erfat der aufgepeitschte Ton-Orkan meinen Krper,
und ich sphe zusammengekauert vom Chor der Basilika in schttelnder
Hitze. Unten, auf dem Goldthron wird der kleine Primas beweihruchert,
ber meinem benommenen kleinen Kopf rauschen die Tore der Orgel auf,
Stimmen blasser, brtiger Mnner tnen erzlos, auf reinen Lippen
bleicher Mdchen dsen lateinische Lamentationen. Von der strahlenden
Hhe der Kuppel schaut St. Hieronymus, ein groes Buch in den vom Mantel
verhllten Armen, aus der Weihrauchwolke mit dsteren Augen auf mich
nieder ... auch ich war einst im Chor, auch ich sang an Feiertagsabenden
im Gotteshaus; in den schattigen Bnken gerieten die alten Juden in
Bewegung, schoben die Gebetbcher mit schwacher Hand beiseite, hoben
ihre zitternden weien Kpfe zur Umfriedung empor, mein erschrockenes
Kinderherz pochte mchtig und blieb in der Stille stehn, triumphierend
allein, und ich entlie das Lied auf seinen Weg:

Mi adir ...

mit seiner grnberingten, pergamentnen Hand winkte der rote Bischof
Segen; auf dem groen Altarbild breiteten sich die Flgel der weien
Taube aus ...

der hebrische Gesang entflog meinem warmen Mund ...

Wie war meine Stimme? ... sie schmettert, tnt, luft um meine Ohren
herum, mein kleiner Krper strafft sich elastisch, meine frische Brust
wlbt sich aus der engen Weste hervor, mein weier Hals wird statuesk,
und mit einemmal wird mein Gehirn, mein Auge, mein Herz von Glut erfat;
herausgeschmettert ist meine Stimme; sie jauchzt, fllt ab, wie der
vollkommene Augenblick, in dem Mann und Weib ineinander Leben
berstrmen lassen; bis hierher hre ich sie ... heraustnend aus dem
Dickicht, das mich nunmehr mit altem Laub umwchst, und herber winkt zu
mir die Jugend, wie wenn den auf dem Ufer Lungernden von den sich
entfernenden weien Segeln einer Jacht Abschied gewinkt wird ...

Wie war meine Stimme? ...

O Stimme, die die meine gewesen, deren Klingen ich gehrt, die keuchend
gejammert wie der Kummer, der mit seinen Ranken die Meinen ewig
gedrosselt; o Stimme, die die meine gewesen, glserner Gartenglocken
Erbeben, das mit allmhlichem Ersterben in Trostlosigkeit untergeht; wie
war meine Stimme? ...

Mein Gesicht zuckt ...

Drauen, um meine Krperlichkeit herum, an weien Tischen ein Zickzack
von Menschen. Sie werfen mit ihrer tonlosen Freude, mit ihrem
verschwisternden Rausch, dessen Fhler mich in die fremde Gemeinsamkeit
rufen, werfen so ihre Harpune nach mir aus.

Auf meinem Gesicht Larve des Lchelns, ich zeige sie unwillkrlich,
diese schlechte Maske der Frhlichkeit; mein abgewandtes Bewutsein
trumt von Linderung, doch meine ausgelieferte Krperlichkeit ist
zwischen Menschen geklemmt und bernimmt aus unermelicher Ferne ihre
Wildheit ...

Auf meinem starren Gesicht zuckt das Lcheln; mein Mund krmmt sich,
mein Auge wird klein, mein Kinn rundet sich lchelnd ...

Worber freuen sich eigentlich die Leute?

Den Diamantscho dem Sonnenlicht geffnet, mit schtzender Gte von den
Strahlen gestreichelt, so empfindet mein mich versuchendes Kinderherz
sprieende Frhlingsbume, im Regen des Bltenfalls ...

Verzerrt ist mein Gesicht, absichtsloses Lcheln hpft mit
hinterlistigen Krhenfen um meinen Mund herum.

Der Bucklige rkelt sich an dem mimosengeschmckten Tisch hoch, sein
eingefallener Krper hebt und senkt sich, sein rtliches, groes Gesicht
strahlt im Sonnenschein, sein herber Mund zuckt unter der
sommersprossigen Nase, er lacht selbstvergessen,

was haben die Leute gesagt? ...

Auf dem Hut des Stssi zittert die Fasanfeder, in der Goldluft hpft der
weie Bart, das ovale Gesicht luft flach zusammen, zieht sich dann
lnglich aus; das Lachen wogt, in das hbsch rote Gesicht Grbchen
grabend ...

In meine betroffenen Augen schlngelt sich hastend das Lachen,

weshalb lachen die Leute? ...

Es baumelt der schmale Kopf des krinolinetragenden Tantchens, der
Schildkrotkamm glitzert aufgeregt in dem gebrannten Haar, der dicke
Privatier, auf dem Dromedarkrper einen Strahlenmantel, zerplatzt bei
seinem Tiroler Wein, die girrenden Jungen sinken mit hochzeitlichem
Schaudern gegeneinander, fahren auseinander, jedes Gesicht zittert,
jeder Mund speichelt, jede Nase stlpt sich, jedes Auge zwinkert,
berall herrscht das Lachen mit seinen flutenden Wellen,

und es ergiet sich schmetternd ber mein erschrecktes Gesicht;
schlngelnde Linien zerschneiden mein Antlitz, schmerzliche Grimassen
krampfen sich mir zwischen Stirne und Kinn, mein ringender Mund tropft
vor Lachen ... es dreht mich, schttelt mich das Lachen.

Worber lachen sie?

Was haben sie zueinander gesagt? ...

Der Bucklige wei es ...

Der Stssi wei es ...

Der Zerplatzende wei es ...

Und weshalb lache ich? ...

Das Lachen glotzt mir aus den Augen, das Lachen lt meine Zhne
gegeneinander schlagen, krampft mein schmerzendes Herz zusammen:

Ruberisches Leben, wozu kommst du zu mir, zu dem Ausgeraubten ...

Was willst du von mir? ...

Was bin ich denn? ...

Eines anderen Gedanke freut sich an Freude, und ich lache ... Eines
anderen Gefhl badet in Freude, und ich lache ... Eines anderen
blitzendes Auge spricht mit dem Auge des anderen Sprechenden, und ich
lache ... Lache mit fortgerissener Demut; ich lache, und kein Gedanke
lebt in meiner lachenden Stimme, kein Gefhl in meiner erstickenden
Stimme, meine beiden trnenfeuchten Augen taumeln blind in ihren Hhlen
...

Was bin ich denn? ... Ein Spielzeug aus Papier ... das von ichschtigen
Hnden hin und her gezerrt wird? Ein seelenloses Geschpf, das von den
Strkeren hin und her gezerrt wird? Ein abgefallenes Blatt, das von den
Vorbeigehenden mit der Schleppe fortgefegt wird? Dienender Schemel der
Auserkorenen, der getreten wird?

Was bin ich denn? ... Ruberisches Leben ...

Vor meinen umflorten Augen tnzelt grhlend der Bucklige.

Sein hungriges, groes Kinn hpft nach dem Hals, sein zersprungener,
wtender Mund klafft erstickend, noch whrend ihn das Lachen schttelt,
fhrt er zusammen, fhrt auf, stutzt, richtet sich steif auf, richtet
mit seinen langen, knochigen Fingern die Weste, zieht auf seinem
gewlbten Hemd tndelnd die verschobene Krawatte breit, bringt eilends
die Flgel seines Jacketts in Ordnung, rafft seinen schiefen Kopf immer
wieder und immer wieder zurck; der Arme ... weshalb schmt er sich? was
verbirgt er? ...

Und wie oft schwindelt es ihn vor dem geheimen Gedanken, der mit Gott
hadert? ... O, wenn jeder Mensch bucklig wre? ... Wie oft erhebt sich
in seiner umengten, verwaisten Einsamkeit dieses Phantom?: der Mensch
wrde so geboren, auf der Brust ein Buckel, auf dem Rcken ein Buckel,
wre jedes Menschen Hals kurz, zwischen Krper und Kopf vom Adamsapfel
abgegrenzt? jeder Mensch wre so, und der Bucklige knnte auf den
lenzlichen Straen promenieren wie die brigen Menschen, knnte unter
den Menschen sitzen wie die brigen Menschen, stnde vor dem Chef wie
die brigen Menschen, badete auf dem Lido wie die brigen Menschen? ...

Und der Hinkende? ... Der Hinkende? ... Ob wohl auch auf dem gehpften
Lebenspfad mitunter der spielerische Traum aufbebt? ... Gott schuf den
Menschen ... Wenn Gott es so machte, da bei jedem Menschen das eine
Bein krzer wre, als das andere? Und jeder hinkte? Ich eile auf der
Strae dahin, und auf der Strae hinkt jedermann? Die Soldaten hinken,
die Buchhalter hinken? Um die groe, blonde Frau herum hinkten alle
Mnner? Niemand spielte Fuball, niemand liefe Schlittschuhe, niemand
sprnge auf die Elektrische? ...

Wenn jeder Mann klein wre? Der Krakeeler klein wre? Der raufende
Gentry klein wre? Der betrunkene Husar klein wre? Jeder Christ klein
wre? Jeder Zylinderhut, jeder Winterrock klein wre? ... O, wenn jeder
Mensch eine groe Nase htte? Wenn jeder Mensch stotterte? ...

Und der Blinde? der blo die schwarzen Schleier lst und niemals den
Lichtvorhang erreicht? Sendet auch er, in heimlicher Traumversunkenheit,
Fchervgel der Sehnschte aus? Wenn die Menschen das Schlechte nicht
shen, ihnen nur die Berhrung der Hand still verriete, ob Feind? treues
Weib, guter Bruder? ... Wenn sie die Sterne nicht shen, und die
Dmmerung auf dem dunklen Vorhang mit herzversunkenen Farben auftauchte?
...

Und die brigen? ...

Fehlerhafte Pflanzen des bunten Menschengartens? ...

alle Traurigkeit der hlichen Welt beugt mir den Kopf.

Der verschlossenen Mysterien sehnsuchtsschwere Vorhnge, o, knnte ich
sie doch zurckschlagen ...

Schwer keucht meine Brust in der blutenden Mitte der geoffenbarten Welt.
Leben, Mensch, ewiges All zeigen sich mir im Abgrundwirbel der Minute,
und die Februarsonne schreibt klirrende Buchstaben auf meines Herzens
Wand ...

Siebzehnter Februar.

Tag meiner Geburt.

Freude, Traurigkeit, fremdes Ringen, bin nun alldies ich?

Ist mein dargebotenes Herz die drhnende Grenze, wohin jetzt die sich
entwirrende Erkenntnis pilgert, die durch das Tor des Augenblicks
sichtbare Vergangenheit, die aus ferner Weite herbeischwingende Zukunft?

Sind meine beiden Augen mit Balsam verzaubert? und suche ich, mit
entsetztem Schrei, mit der Qual der Sehnsucht, mich?

Wer bin ich? ...

Heute Nacht wird es neununddreiig Jahre, da ich zur Welt gekommen.

Und bisher habe ich nicht gelebt?

Und die Zeit, da die mich hervorrufende Zelle aus dem Unbekannten
aufgebrochen, auf da sie den sich erfreuenden Krper meiner Mutter
berhre?

Und die Zeit, da ich mit meiner Mutter zusammen gewesen, da mein Herz
ihr Herz, mein Blut ihr Blut gewesen?

Heute Nacht wird es neununddreiig Jahre, da ich zur Welt gekommen.

Ich fhle diese Nacht.

Als ich meiner Mutter Worte zu verstehen begann, erfuhr ich alsbald, da
meine Geburt in einer hochwasserbedrohten Nacht erfolgt war. Bei den
Inselgrenzen hatte das Hochwasser die Dmme durchbrochen, das Volk
warnende Mrser und Glocken hatten meine leidende Mutter geschreckt, die
in dieser Nacht vor der stetig wachsenden Flut von ebener Erde ins
Stockwerk gebracht worden war.

Ich ruhte noch ohne Leben im schtzenden Krper meiner Mutter, hatte
aber ber die rmste bereits lange Krankheit gebracht.

Kaum da meine beiden groen Kinderaugen sahen, was sie erblickten,
begegnete ich ber meinem Kopf, in den engen Straen, auf den gelben
Wnden allerhand Marmortafeln, auf diesen steife, kalte Finger, die auf
eine Linie und auf ein Datum zeigten: 1876. 17. Februar ...

Heute Nacht wird es neununddreiig Jahre, da ich zur Welt gekommen.

Und ich fhle diese Nacht.

Ein grmlicher, schattiger Abend war's, die Petroleumlampe dste mit
halber Flamme, meine ins Bett gefllte Mutter wartete feige zwischen den
heien Kissen, in der Klemme dolchartiger ngste.

O, wohlbekannt ist mir die grausame, die zrtliche, die strmische, die
andchtige Phantasie ...

Sie bricht auf dem Lager der Schmerzen zusammen, eine Blutwelle
erdrosselt den erwachenden, kampflustigen Gedanken, doch taumelt ihr
Bewutsein auf, und das pochende Herz fragt:

Bub oder Mdchen? ...

berall schwarze Flaggen der Armut gehit, und auf den trockenen Lippen
zuckt die verstummte Glocke:

Wieder ein Kind ...

Schon wieder ein Kind ...

Aus ihren Qualen sthnt das Gefhl auf:

Wenns nur kein Mdchen wre ...

Ein feuchtes, hliches, jammervolles Mdchen ...

In ihrem wirren Kopf verschwimmen geschwcht Fieber, Vorstellung; der
Angst matter Schatten kreist ber ihrem leidenden Krper, und sie hofft
zagend:

Wenn Gott es so beschieden ...

Wenn Gott es so will ...

Es mge hier bleiben ...

In ihrem Auge zuckt ungestme Verstndigkeit, und sie schaut, tiefe
Leidenschaft im geweiteten Blick, nach der benachbarten Stube.

Jenseits der Tre, im Zimmer, luft ein kleiner Mann umher, eilt auf und
ab und entflieht, wenn ihn meiner Mutter sthnende Stimme anjammert. In
seinem schnen, runden Kopf hetzen ziellose Spekulationen, der Wunsch
blitzt auf:

Vielleicht wird es doch kein Bub sein ...

Wenngleich der Konditor gesagt hat, da er auf Kredit Torte gibt,
Likr, anderes ...

Doch ist das nicht gewi ...

Wir sind ihm noch von der vorigen Geburt her schuldig ...

Des Mnnleins magere Hnde zucken nervs in den Hosentaschen, fahren mit
klavierspielender Unruhe flink umher, spielen mit roten
Vierkreuzerstcken:

Die zwei Fa Wein hab ich doch nicht verkaufen knnen ...

Die Phylloxera ttet die Weinberge ...

Man mte es in einem anderen Beruf versuchen ...

Meine Mutter schreit auf, das Mnnlein stutzt,

lauscht mit aussetzendem Atem dem Abfallen der Stimme, es wischt von der
hohen Stirne den Schwei, und des Schmerzes Laute jammern wieder auf ...
das Mnnlein steht still, zgert, luft von Winkel zu Winkel, betet ...
und drauen drhnen die Mrser auf, heulen die Glocken; das
umherrennende Mnnlein schielt nach dem Fenster, lauscht aus der
Stubenecke auf die Panik ...

Mrser drhnen, Glocken tollen, mit herzzerschlagenden Schreien klagt
meine Mutter, und in der Schreckensnacht betet angstzitternd, vernichtet
mein Vater:

Was hab ich getan ...

Was hab ich getan ...

Nacht vor neununddreiig Jahren ... zu der die heutige Nacht sich
zurckneigt.

Und frher habe ich nicht gelebt?

Es mochte ein geschftiger, schenkender, die Gebetsandacht des Abends
vorbereitender Tag gewesen sein ... Jahrmarktstag. In der morgentlichen
Luft hpften die rtlichen Klblein, braune Bauern schleppten
Weizenscke, aus schattigen Zelten glnzten wohlriechende, faltige
Stiefel, glockenrckige Buerinnen feilschten keifend vor den
Kurzwarenstnden, auf dem feuchten Brgersteig bunte Blumenbeete, im
Sonnenschein nickten Goldregen, Stiefmtterchen; aus den Garkchen
wehten Fisch- und Bratengerche von gaumenanreizender Fettigkeit hervor.
Am Saume des Marktes, in aufgewirbeltem Staub, wurden Fohlen, stolze
Rosse geschirrt; hier rannte mit feilschender Aufregung, mit
verschmitztem Eifer, rgerte sich, scherzte erleichtert, mein
arbeitsamer Vater. Und er schickte das rote Kalb zum Metzger, bestimmte
die fnf Sack Weizen fr den Getreidehndler, kaufte fr den Gastwirt
Enten, Schafe, und bis zum Abend haben sich die flinken Sechserln, die
schwerflligeren, selteneren Gulden angesammelt; da nur endlich der
milde, schmeichelnde Abend gekommen ist.

Sabbat Abend ...

Braune Schatten engen die kleine Stube ein, aus ihrem Scho flattern,
zittern Alkoholflammen auf dem Tisch, violette Kmme beben auf, in der
Hhe wird Goldlicht angezndet, von gaffenden Augen bis an den Tisch
reichender Kinder blinkend gespiegelt; ein verbrmter, versteckender
Kfig ist nun die kleine Stube, auf den Schattenteppichen spaziert und
singt mein Vater, unter des Fensters Baldachin sitzt und schweigt meine
strahlende Mutter.

Mein Vater singt.

Krnt summend die Gebetzeilen ab, seine Stimme rastet mit andchtiger
Mattigkeit, er geht mit seligen Schritten in der Dmmerung auf und
nieder, sein gehetztes Gehirn spielt mit dem Frieden, das hebrische
Lied lockt abermals seine Stimme hervor, und er singt, jammert, wie die
vielen, vielen alten Leute, die zueinander die gottesfrchtigen Freuden
hinbersingen, diese von Traurigkeit verngsteten Melodien.

Spazierend singt mein Vater, seine Stimme schwillt an, bebt vom Feuer
der heiligen Kantoren, das Verstndnis des Gelehrten verkostet einzeln
die gejammerten hebrischen Worte; seine gehetzte Phantasie streift
flatternd Geheimnisse der heiligen Bcher und berhrt druende Schrecken
der erschtternden Sorgen; mein Vater singt. Die Qual des Morgens, die
Verheiung der Schmach, der Schrecken der Phylloxera, sieghafte
Intriguen der geschickteren Feilschereien, Ungemach, Schmerz und
ngstliche Feigheit spuken auch jetzt bsartig in der weien Betubung,
doch zieht mein Vater ber sein verwirrtes Herz das Gebet, singt
sehnsuchtsvoll, flehentlich:

Friede mit euch, Selah ...

Friede mit euch, Selah ... Erschlaffe, schmerzende Ungewiheit,
besnftige dich, sinnlose Drohung, zerstreue dich, niedersinkende
Dsterheit, Geld, Unheil, Schreck, greint lallend, in armer Leute Heim
rastet friedlich der Abend; auf dem Tisch zucken die ersterbenden
Flammen; der duftende Alkohol, die dumpfen Muskaten, des lbaumes
silbriger Zweig flattern verschlungen ber dem Opfertischchen, in der
Abenddunkelheit zngeln Flammen in die Hhe, mein Vater singt munter,
selbstvergessen heiter:

Der Du erschaffen die duftenden Gewrze ...

Seine Stimme gurgelt, schwingt auf:

Gelobet sei Dein Name ...

Die zwei jungen, schweren Hnde ber die Flammen ausbreitend, mit er
mit taumelnder Mdigkeit des Kfigs Ferne, mit und mit; von stlichen
Gewrzen singt mein Vater, ber den aneinandergeschmiegten Leuten wlbt
sich ungarischer Duft, am Fenster, in staubendem Regen des Essigbaums,
sitzt meine trumende Mutter, Duftgewnder um den schnen, schlanken
Krper. Feiertag, Abschied ist meines Vaters Gesang, im vertieften
Schatten sinken seine Hnde wie mde Vgel nieder; die geflochtene
Wachskerze lodert, flackert, ihr spitzenzackiger Kopf wird einschlfernd
in die auf dem Tisch whlenden Flmmchen getaucht; mein Vater singt, die
Stimmchen der Kinder zirpen kreisend auf, es summt der Bienenstock, im
verbrmten Nest erfreuen sich zwitschernde Kindlein; auf dem
Opfertischchen entflammt, verlscht das behende Licht, flackert noch
einmal auf, der ringende Glanz verkriecht sich, und der Abend
verschliet sein Braun. Meines betenden Vaters langsame Hnde segnen
streichelnd.

Schlummernde Nacht schtze deine Geheimnisse, Dunkelheit verdichte deine
Schleier; jemandes krperloses Leben geistert bereits auf dem
Lebensvorhang.

Ineinanderfunkelnde Sterne tummelt euch, umherirrende Sommerwinde weht
raunend ineinander, reife Bume, offene Kelche, Blten schwebt seufzend
ineinander, heiliger David auf dem blassen Thron, spiel, spiel diese
Nacht schne jdische Psalmen, denn heute segnet reine Freude zwei
betrte Menschen. Blut, das sich an der Wrme des Euphrat gewrmt,
Phantasie, vom Flstern der Lotusblume erhitzt, Herz, das auf der
Galeere des Stolzes, der Traurigkeit, der Schmach geschwommen,
entbrennet; versunkenes Ahnentum, grougige Hohepriester,
Beduinenheiden, Ghettotrumer brechet auf; aus gttlicher Geheimnisse
Scho schiet zitterndes Leben hervor.

Trampelt sorglos zwischen eueren kinderduftigen Kissen, auf eueren
Traumschaukeln, ihr, meine kleinen Geschwister.

Ich komme, komme.

Einst sah ich einmal, und sah damals zum letzten Mal meiner Mutter
Heimatsdorf Rd; das damalige Kinderaug lebt auch jetzt noch in meinem
Auge. Eine zusammengetakelte, baufllige Htte, kitzelnder, schwerer
Stallgeruch auf dem Hof, in einem niedrigen, mit kalter Erde
gepflasterten Stbchen zgern sehr alte Leute, und neben dem Herd noch
ltere, eine mtterchenartige Frau und ein Riesengreis dsen, am Ende
des Hofes ein Hang, und noch weiter etwas wie ein Garten, lauter
Pflaumenbume; dichte Pflaumenbume, ihre obsttragenden Kronen neigen
sich ineinander und wurzeln mit waldiger Ferne in der Wiese; wie war
dieses Dickicht ber mir? Ich vermag es nicht zu sagen.

Wie ein zischender Augenblick, wenn wir das in die Sonne staunende Auge
schlieen und um uns herum der Abend mit wildem Tumult, mit wunderlichen
Bildern niedersinkt, wie die Blendung, wenn wir zum erstenmal japanische
Stiche kennen lernen und Laubkronen der japanischen Bume unsere sich
fortsehnende Neugierde zu Traumreisen verlocken, wie die Decken kleiner
Bauernkapellen, von denen in dicken Wogen die himmelblauen Gipswolken
herabhngen ... Oft hatte hier meine Mutter geweilt, wenn sie strmische
Traurigkeit von meinem Vater fortfhrte, und auf den schattigen Pfaden
der Rder Pflaumenbume sind wir Kinder, im schlummernden Nichtsein,
wahrlich alle dahingewandelt, wenn wir ber unsere Mutter Unheil
gebracht hatten.

Reife Laube, die sich ber der mden Phantasie wlbt, o, wie oft hat sie
meine Mutter umschlossen? Hat die kraftlose Frucht, der sich loslsende
Gedanke meine Mutter in der verzckten Stille des blauen Schattens
begleitet? Zeigt die heilige Traumversunkenheit immer nur die Armut, die
ihre Verlobten mit dem Zauber des Leids aufsucht? Spielt der besuchende
Traum immer nur mit seinen Fragen-Prismen, die der Erwhlten Bewutsein
stets lhmen? ...

Armut, schwarzer Blitz ber dem Elterngefhl, entfernst du dich denn
niemals? und umrankst deinen Diener, wie das Fleisch den Knochen, wie
der Atem die Lebenssehnsucht? Bebst du dster im Spiegel der Augen auf,
wenn sie sich selbstvergessen ffneten? Gibst Scherben durch Schreck aus
unvorsichtigem Lachen? Und drohst grollend geheimer Tiefe des heiteren
Augenblicks? ...

Meine Mutter trumt, und ber weitem Horizont ihrer Phantasie schwingen
die trgen Gedankenvgel:

Was macht jetzt mein Mann? ...

Werde ich immer so leben mssen? ...

O, wenn er jetzt hier wre ...

Immer zanken wir ...

In unserer Familie kommen alle Frauen wieder nach Hause ...

Elend, Zank, Zorn berall ...

Wie schn andere Familien leben ...

Bei uns nur Zank, Zorn ... immer nur Zorn ...

Wir knnten einander tten ...

Die Schmach ... diese Schmach ...

In unserer Familie war dies immer so ...

Wird in unserer Familie dies immer so sein? ...

Unter hngenden Kronen der Pflaumenbume, auf den verschwindenden Pfaden
der sich blau frbenden Laube tappt ein Riesengreis dahin.

Immer ... immer wird es so sein? ...

Auch ich werde so alt werden? ...

Werde auch ich hundert Jahre leben? ...

In unserer Familie werden alle alt ...

Hundert Jahre ...

Hundert Jahre weinen, traurig sein ... Hundert Jahre immer nur
Schlechtes ... Nur Sorgen, Elend ... Hundert Jahre so leben ...

Mein Gott ...

Hundert Jahre ...

Und das Kind, das noch um nichts wei, aber schon mit mir hier ist ...
wird auch das alt werden? ...

Sich abqulen, weinen ... Hundert Jahre lang sich immer nur schmen
...

Wre nicht besser der kleine Holzsarg? ...

Wre nicht besser unter blauen Blmlein zu ruhn? ...

Und wenn es ein Mdchen wird? ...

Ein hliches, altes Mdchen ... das in der Sylvesternacht Blei giet,
zur Schlafenszeit in sein Hemd beit? ...

Nein, nein, es wird kein Mdchen sein ...

Widerstand ringt die kreisenden Gedanken nieder, meine Mutter hadert
verwirrt, ereifert sich im Heraufbeschwren schicksalsschwerer
Geheimnisse; die dichte Pflaumenpflanzung sperrt wie ein Tor das Licht
aus, und in meiner Mutter Gehirn spukt es auf:

Man hat uns verflucht ...

Hat uns verflucht ... Mein Vater ... Mein Grovater ...

Jetzt fluchen wir ... Wie mein Vater ... Mein Grovater ...

Als er dort am Fenster stand ...

Er betete am Fenster, die weie Kappe glitt auf seinem Kopf zurck, er
schlug sich mit seinem umriemten Arm auf die Brust, und sein betender
Mund verfluchte uns ...

Und jetzt fluchen wir ...

Wenn die Armut uns qult, stets fluchen wir ...

Und das Entsetzen schnrt meiner Mutter Hirn zusammen. Ihr gehetzter
Atem setzt aus, sie schwankt auf dem schwerer gewordenen Weg, und
jemand, dessen Seele bereits in ihrer Seele loht, beklemmt ihr Herz; der
Mensch, der ich war und der ich meiner Mutter Herzblut getrunken habe.
Die Hlle, die mich einst umschlieen wrde, hat bereits den Platz
meines Herzens festgelegt; es erwacht schon zum Sein, ffnet die
verlangenden Lippen nach Leben, und meiner Mutter Herzschlag nhrt treu
ihren Spro.

Meiner Mutter Herz ...

einsame Glocke, die beim Gespensterspuk bser Gefhle erschrocken tnt,

voller Kelch, den Gottes Hand mit Unerbittlichkeit der Schpfung an die
Quellen ewigen Leids fhrt,

umwolkter Stern, der jauchzend auffunkelt und von lauernden Schleiern
der Dsterheit verdeckt wird,

meerugige Trne, die winkend blinkt, doch quellt in ihrer Tiefe bereits
sprudelndes Weinen,

Leben, Tod, Sonnenglast, Schatten, alles, erlebte Vergangenheit,
unbekannte Zukunft, alles, alles: meiner Mutter Herz ...

wie oft schon hat in seinem geschlossenen, schwlen, kleinen Hof die
Bahre gestanden? ...

An der Schwelle flgger Jahre, ihr winziges, frisches Herz, als es zum
erstenmal gezuckt? ... Vielleicht im dumpfen, kranken Stbchen, zwischen
aufbegehrenden Menschen, die einander bis ans Grab lieben und von der
Armut gehetzt miteinander hadern, Fluch, kreischende Hlle, gehobene
Faust, sich selbst zerfleischender Ha, der die Sonne verdstert ...
Eine lngst versunkene Winterdmmerung, drauen heulen die Berge vom
Kanonengedrhn, die flchtige Familie harrt des klirrenden Urteils ber
Gebetbcher gebeugt, und zur Tre herein strzt, mit blutendem Kopf, ein
Kossuth-Honvd ... meiner Mutter Herz sieht ihn ... Der Wunderrabbi ist
gestorben, der schwarze Tod hat ihn fortgerafft, wahnsinnige Menschen
graben in hllender Nacht den Heiligen aus der Kalkgrube, waschen ihn,
kleiden ihn an, sprechen ber ihn die berlieferten Worte, und es kommt
in der rechenschaftfordernden Nacht der Rcher und schlgt mit fegenden
Fransen seiner furchtbaren Schleppe auch meiner Mutter Herz ... Das
trostlose Heim, in dem die Eltern bereits geschwcht umherlungern, die
Kleinen angstzitternd erlahmen, auf das die Barmherzigkeit nicht mehr
niederblickt, wo der Zusammensturz die einander anstarrende Familie eng
zusammenschnrt ... Doch schlgt das Terno ein, das Lotterieterno,
schmckt mit seinen Strahlen die gebrochenen Augen, behngt die
ohnmchtigen Phantasien mit ausgelassenen Khnheiten, und die Freude,
die reine, unbekannte Freude zieht bei den armen Leuten ein, und bei dem
freundlichen Zusammentreffen ist auch meiner Mutter Herz zugegen ...
Bittere, schwere Schmach ist der lange Fasttag, da sie in den Tempel
gehen, meine Mutter neben ihrer Mutter Rock, doch steht in der Tre
bereits der Tempeldiener, es sei drinnen kein Platz, den Reichen gehre
das Vorrecht, die Armen mgen drauen auf dem Hof beten ... Als
mannbares Mdchen, da meine Mutter schn war wie Maiflieder, von
Palmenwuchs; ihre traurigen, sammetschweren Augen, ihr stolzer Mund, ihr
scharfes, klares Gesicht lieen die Jnglinge komplimentieren, und die
Schwindschtigen, die Hlichen, die Mausugigen heirateten alle vor
ihr, sie aber stand mit ausgebreitetem Herzen auf dem Markt, und es
pochte ihr ins Gehirn:

Ein armes Mdchen sollte nicht geboren werden ...

Fr arme Mdchen sind die blauen Blmlein da ... dort im Friedhof,
recht tief unter der Erde ...

Und die Zeit des Genusses? da ihr Herz wie ein sich ffnender Mund um
die vollkommene Liebe sich krmmte, und in ihre traumversunkenen
girrenden Worte das wache Leben hineinwtete:

Wieder eine Lizitation! ...

Pfui, ist das ein Leben? ...

Deine Kinder sind bei Handwerkern in der Lehre ...

Was wird man in Rd sagen ... Ich kann mit den Rangen heimgehen ...

Erhalten wir eine Kerbe nach der anderen? von tndelnden Bewegungen
schaffender Finger, derweil sie unseres Herzens Gebude bauen, es mit
Glckspflanzen beforsten, Schmerz einschneiden und Trume sen? ...

Meiner Mutter Herz fhlt nun mich ...

taucht das Sein von morgen, das mich bereits ruft, in den Schicksalen
berlieferter Leben unter? altes Leid, umnebelter Schmerz, in Gott
mndender Aberglaube, matte Freude, verngstigter Wille: bumt sich dies
alles jetzt auf?

meiner Mutter Herzblut ergiet sich ber mein aufkeimendes Herz ...

Erstes versunkenes Evo, das mir entgegenweht, meiner Mutter Evo; aus
welcher Pfeife des orgelnden Wissens ist es erklungen?

Schiet in die Hhe, bejahrte Pflaumenbume, streckt euere ppigen
Kronen in den Himmel; blaue Luft, welle befreiend auf. Meine Mutter
steht in gestraffter Schlankheit unter Gott, steht im Kranz reifer
Frchte bezaubert-bezwungen und lchelt; ihr funkelnder Blick schweift
in die Unendlichkeit, und Lcheln blht auf ihrem schnen, weien
Gesicht,

ich poche unter ihrem warmen Herzen auf.

Ausgesandter Page der schnaubenden Zukunft, mein ins Leben geschwungenes
kleines Herz, in dunkler Sendung pocht es bereits, flattert im glhenden
Weltall, und in Blut und Kot beschwren schon welterschaffende
Strmungen die Gefhls- und Gedankenkeime.

Wenn der Zauber innehielte, und ich nichts anderes wrde, als ein
versunkenes Herz, das unwissender und schaudernder Weg des Blutes von
den Urbchen zu neuen Lebensmeeren wre? nichts anderes denn ein
trumendes Pochen, in dem Seufzen aller versunkenen Leben atmet? eine
Harfe im Freien, die vom Wehen wandernder Schmerzen und Freuden gleich
ertnt?

kein Gefhl erzwnge Trnen, denn kein Licht flammte auf meine Augen?
kein Beben schwnge bis zum Gedanken empor, denn noch hat die Phantasie
mein Herz nicht berhrt?

wenn ich so verschlossen, in badendem Blut, umarmt vom Fleische in ser
Wiege entschliefe, in mich weder Erwachen, noch Erkenntnis kme?

wenn mein kleines, verheimlichtes Herz, tik-tak, tik-tak, blo mit
flinker Emsigkeit pochte?

wenn aus Dampfdickicht des Blutes meine beiden Pupillen nicht aufugten?
keine Verstndnisschnre der blinden Instinkte Nebelvorhnge belichtend
auseinander zgen?

Wachsames Mysterium des Ursprungs, dsteres Wunder, vor dessen
versperrender Schwelle die drhnende Seele niedersinkt, woher, wohin
treibst du mich, im Laufe der Zeit?

spriet aus Zellenmyriaden dampfender Kelche tatschlich mein Leben
hervor? ...

Ich wei nicht, ist es Wirklichkeit, ist es Traum ... hinter lngst
geschlossenen, tausendfachen Gardinen, hinter der Dichtesten,
Entferntesten, zeigt sich mir in abendlicher Dmmerung die Gestalt einer
kleinen Bauernmagd.

So blond, rtlich-glden, warm-glnzend ist an ihr alles, da selbst aus
ihrem appetitlichen Fleisch, aus ihren scharfen, kleinen Augen, aus
ihrer geschwtzigen, seligen Stimme jauchzende Blondheit strahlt; sie
hat kein ausgeprgtes Gesicht, keine bestimmte Form, blo auf die
gespannten pfel ihrer offenen Brust schimmert von ihrem ausgestreckten
Hals das hin- und herpendelnde goldene Kreuz, und sie erzhlt. Im Kreise
sitzen auf niedrigen Schemeln die Kinder, und sie verrichtet die
Abendarbeit; ihre emsig-harte Faust verschwindet in den Zugstiefeletten,
in ihrer rechten Hand geht die breitrckige, groe Glanzbrste taktmig
auf und ab; sie schwingt den Arm und brummt mit verschmitzter,
erschreckender Stimme:

Liebes, schnes Mgdelein ...

Die Glanzbrste schwingt ein zweites Mal, und sie zeigt den schnen
kleinen Gesichtern ein entsetztes Gesicht:

ffne mir dein Kmmerlein ...

S-ppig steigt der Schuhwichsgeruch in der Luft auf; in dem kleinen
Kreis spiegeln sich in ermdet aufflammenden Augen die blankgeputzten
schwarzen Schuhe, schlafbefallene Menschlein kriechen schaudernd,
verstohlen ins Bett ...

Meine Mutter umfngt mit Andacht die Traumgesichte der erschrockenen
Herzlein, breitet ihre Liebe ber die Betten aus und singt ihrem
verngstigten Volk:

Blas, blas zu, mein Schferlein ...

Prinzessin war auch ich einmal ...

Ihre langen Wimpern schlagen auf wie ein schwrmerischer Ku, in der
grnen Tiefe ihres Auges brtet Staunen, ihr Blick strahlt in die Ferne,
wo das Neue, die Aufregung, in Untiefen kommender Nchte, dster wartet;
meine Mutter summt es, singt, beschwichtigt:

Blas ... blas zu ...

Kleine, kleine Ahornflte ...

hartumfriedetes Leid? bses Versprechen auf hundert Jahre?
armausgebreitete Sehnsucht nach der entzogenen Rast? zucken sie jetzt
ber den meertiefen Horizont ihrer Augen??

Prinzessin war auch ich einmal ...

Ihre kindliche, anmutige Stimme klingt matt ... Erschliet sich ihrem
Gehirn der verborgene Gedanke? begegnen einander Leben, Tod, Zukunft im
Herzen meiner Mutter? denkt sie im losgerissenen Wirbel ihrer
rauschenden Schmerzen und erschtterten Vorstellungen: an mich?

Mein Schferlein ...

Brennt ihr ungelenk ringender Verstand? hat ihre aufrhrerische Seele
die Schleusen fortgerissen? fngt ihr trumender Blick die Geheimnisse
auf? und fhle, bernehme ich ihr durstiges Auge? ihre an Abgrundgrenzen
taumelnde Phantasie?

Schlgt mich der Blick, wie das Licht die im Ozean versunkene Koralle
trifft, die ihren tastenden Kranz ffnet, wenn die aus der Dunkelheit
auftauchende Sonne sie mit Auferstehung bestrahlt? ...

Und ich werde schon gerufen, wie Straenstaub von Gottes Hauch ...
heult, lauscht, versengt, erstarrt, umarmt, zerstckt um mich herum
bereits das Leben? werde ich, noch mit der Nabelschnur verknotet,
bereits erweckt? Ich wehre mich mit meinen Armen im treuen Krper meiner
Mutter:

Nicht wissen ... Nicht erwachen ...

Nicht wissen, was schlecht ... Nicht wissen, was gut ...

Fern bleibe mir Gedanke, nicht versuche mich Gefhl ...

Ein Ringen hebt an, zwischen uns beiden Scheidenden.

Fern bleibe mir Wille, wenn ich feig ...

Nicht erfasse mich Ekel, wenn ich Schnes sehe ...

und der Krampf, die Qual reien mich durch verbannende Fgung von meiner
Mutter Leib.

Leben?! ... Leben?! ... damit ich den Tod erkenne! ...

Der Orkan, der aus der Zeit kommt und nicht inne hlt, ehe die Erde zu
keimen vermag, hebt meiner lieben Mutter armen Krper; Blut, Schaum,
Flut aus ihrem heiligen Fleisch ...

Und nun sitze ich hier am See, mit aufgekeulter Phantasie, in der
Blendung, unter meinen zwei verschlossenen Ohren regt sich kein
menschliches Leben, kein menschlicher Ton, doch strahlt mein Herz von
sonatenhafter Leidenschaft ... o! wenn jeder Mensch hinkte, o! wenn
jeder Mensch bucklig wre ...

In trauriger, verwaister, wartender Lautlosigkeit stoen klirrend Sonne
und Gletscher gegeneinander.





End of the Project Gutenberg EBook of Beethoven, by Bla Rvsz

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEETHOVEN ***

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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

