The Project Gutenberg EBook of Htel Buchholz, by Julius Stinde

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Title: Htel Buchholz
       Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz

Author: Julius Stinde

Release Date: October 24, 2016 [EBook #53359]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Htel Buchholz.

  Ausstellungs-Erlebnisse
  der
  Frau Wilhelmine Buchholz.

  Herausgegeben

  von

  Julius Stinde.

  Berlin, 1897.
  ^Verlag von Freund & Jeckel.^
  (Carl Freund.)




Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.




Herrn August Scherl

zugeeignet.




Inhalt.


                                        Seite

  Groe Erwartungen                         1

  Sommeraussichten                          9

  Angriffsplne                            18

  Ein Damen-Ausflug                        25

  Der Hausbesuch regt sich                 35

  Ein Blick ber das Ganze                 46

  Das erste Lichtfest                      54

  Bei den Maschinen                        63

  Ueber Architektur und einiges Andere     72

  Ein freier Tag                           82

  Kindervergngen                          92

  Verwickelungen                          102

  Meine Einquartierung                    110

  Tuschungen                             119

  Eingeregnet                             130

  Nebenbuhlerei                           139

  In den Kunstalpen                       148

  Auswrtige und innere Angelegenheiten   157

  Provinz-Erlebnisse                      165

  Es kommt zum Klappen                    176

  Alt-Berlin                              188

  Spree-Afrika                            200

  Glckliche Leute                        210




[Illustration: Titel-Dekoration]




Groe Erwartungen.


[Illustration: Berliner Br]

Ich ging lange mit mir zu Rath. Sollte ich oder sollte ich nicht?
Aber es war zu verlockend, der Antrag, fr die offiziellen
Ausstellungsnachrichten auf mittlere Familien berechnete Berichte aus
meiner Feder abzulassen ber das groe Unternehmen im Osten Berlins,
die Gewerbeausstellung. Endlich, um sicher zu gehen, berlegte ich dies
Anerbieten mit meinem Mann, der ging auch nun lngere Weile mit sich zu
Rath und sagte:

Wilhelmine, ich frchte, die Arbeit wird zu anstrengend fr Dich, Du
mut doch Studien machen, und wenn's regnet...

Dann gehe ich in die Baulichkeiten. Karl, es ist ja eine ganze
Stadt im Treptower Park entstanden, so da die Ausstellung in
Inneres und Aeueres, sowie in Altes, Neuestes und Fremdlndisches
zerfllt. Und daran hngend der Vergngungstheil und zwischendurch
Erfrischungsanstalten. Wo ist da Arbeit?

Das Betrachten und genaue Ansehen greift an.

In einem weg besehen, darin gebe ich Dir Beifall. -- Aber es ist
von einer wissenschaftlichen Commission genau abgezirkelt, wohin
immer Getrnkunternehmen zu legen waren, den Nerven Beruhigungspunkte
zu bieten, und die sind auf den Zentimeter genau von beeidigten
Landmessern ausgerechnet.

Wer hat Dir das erzhlt, Wilhelmine?

Karl, nichts beleidigt mehr als unangebrachter Unglaube. Wenn die
Krausen Dir etwas beschwrt, ist es allerdings Deine Pflicht, mit dem
Gegentheil zu dividiren, und was dann herauskommt, damit sei auch noch
vorsichtig, es weiter zu verbreiten. Uebrigens brauchst Du ja nur
hinauszugehen und nachzumessen.

Wilhelmine, ich bitte Dich, schreibe nicht, bat mein Karl mit
Nachdruck. Wenn Du treuherzig bringst, was Hinz und Kunz Dir
aufbinden, fllst Du mit Glanz hinein.

Karl, entgegnete ich, Du redest wie das blinde Huhn von Anilin. Herr
Kriehberg ist nicht Hinz und Kunz.

Was ist das fr 'n Fremdling?

Er ist ein hchst talentbegabter Architekt, dessen Bekanntschaft ich
auf dem Ausstellungsgelnde machte, als ich mir das Ganze vorlufig
darauf ansah, ob es sich zum Ausschlachten fr mich eignete. Gerade
so wie drauen in Treptow denke ich mir die Schpfung beim Beginn:
noch keine Wege, keine Schutzleute zu fragen, wo's lang geht, kein
gedruckter Fhrer, Alles wst durcheinander, so zu sagen: erst in der
sich gestaltenden Idee.

Hbscher Ausdruck, sich gestaltende Idee, sagte mein Karl mit
verdchtiger Anerkennung. Hast Du den aus Dir selbst?

Nein, von Herrn Kriehberg. Der war nmlich so liebenswrdig, als ich
mich verlaufen hatte, sich meiner anzunehmen und mir ntzliche Winke
zu geben, weil man sich mit dem bloen Augenmae zurechtfinden mute
und dabei immer in die entgegengesetzten Anlagen gerieth. Er wute von
Allem Bescheid, was er als geaichter Architekt ja auch mu, und spter,
wenn ich ber die Baulichkeiten schreibe, hat er mir versprochen, das
Technische von den Stilarten zu liefern.

Das kann ja recht heiter werden.

Karl, er ist ein hochbedeutender junger Mann. Wenn es nach ihm
gegangen wre, htte die Ausstellung eine ganz andere Physiognomie
gewonnen, mehr an das zwanzigste Jahrhundert tippend. Aber sie hrten
nicht auf ihn und deshalb hat Manches nicht seine unbedingte Billigung.
Es ist ihm schon oft so ergangen. Weit Du, es giebt Menschen, die
ausgezeichnete Plne entwerfen und hoch erfinderisch sind, bei der
Konkurrenz nachher aber haben sie jedesmal die falsche Katze beim
Schwanz.

Hm. Und was stellt er jetzt vor?

Er ist Inspectorist.

Was inspectorirt er denn?

So beim Kalchlschen und was sonst beim Bauen verknippert ist. Ohne
ihn wrde das Meiste falsch ausfallen oder doch sehr aus dem Loth.

Auch nicht bitter. Wilhelmine, wenn Du besser nicht schriebest...

Ich warf meinem Karl einen Blick zu von der Sorte, bei der man auf
Nachbestellung verzichtet.

... ich meine nicht ber Architektur.

Die gehrt wesentlich dazu. Und sieh', Karl, selbst, wenn ich wollte
-- ich kann nicht mehr zurck. Ich habe schon drei Toiletten fr die
Ausstellung in die Mache gegeben, die ich Dir nicht zuwlze. Nein, mein
Karl, die schreibe ich mir zusammen, namentlich die eine mattstrohgelbe
mit geklppeltem Fichu, traumhaft gediegen, der Hut mit gelblichem
Kruselwerk und weie Handschuhe mit schwarzen Raupen. Du sollst sehen,
es wird verblffend.

Er war besiegt, der gute Karl, besiegt durch die unumstliche Gewalt
der Thatsachen, ohne Widerspruch und Rnke, wie so viele Frauen
anwenden, um ihren Willen durchzusetzen. Meine Seele war sauber wie ein
Dutzend unangebrochener Taschentcher direct aus dem Laden.

Gebude sind allerdings nicht leicht zu knacken, jedoch mit Kriehberg
berwinde ich sie. Er hat allerdings ber Vieles ein geradezu
vernichtendes Urtheil und merkwrdiger Weise meistens ber das, was
mir so gut gefllt, wogegen er furchtbar lobt, was meine Anschauung
unberhrt lt. Aber ich nehme wie aus zwei Kochrezepten von uns beiden
das Beste. Mnner allein sind stets einseitig.

Mit Onkel Fritz hatte ich leichten Kampf.

Schreib, Minchen, sagte er. -- Darauf sollte ich Nein antworten,
aber ich that ihm den Gefallen nicht. Haben wir Frauen erst mal
Prinzipien, sind wir auch nicht wieder herunter zu bringen, und mein
Prinzip lautet: Widerspruch giebts nicht mehr. Das heit nur, wenn er
nthig ist. Dann aber feste!

Nun hat Onkel Fritz es an sich, seine Nebenmenschen mit
Spitzfindigkeiten so lange zu triezen, bis er Recht kriegt, immer mit
Vergngtheit, aber mit Absicht. Um dies Spielwerk von vorne herein aus
dem Gang zu bringen, sagte ich: Ihr habt ja ausgestellt, Du und mein
Karl, und ich -- ich schreibe. Aber was ich von Euren Gegenstnden in
die Bltter setze, hngt von Eurem Betragen gegen mich ab.

Das ist Erpressung, rief Onkel Fritz.

Nothwehr! entgegnete ich. Du kannst mir dreist Zucker versprechen,
ehe meine Entschlsse wanken. Schlecht machen werde ich Euch nicht...

Das knnte Dir eklig in die Blusen regnen, warf Onkel Fritz ein,
jedoch nicht mit gewohnter Sicherheit. Er wurde schon klein.

Wei ich, fuhr ich unbeirrt fort. Wer sich Geschftsschdigung
zu Schulden kommen lt, kann mit mehr oder weniger Erfolg in
Anklagezustand erhoben werden. Aber was viel schlimmer ist und wogegen
keine Abhilfe mglich: ich kann Euch todtschweigen.

Hu, rief Onkel Fritz, aber es war ein ziemlich benautes Hu, ohne
jegliche komische Wirkung. Er fhlte, da die Druckerschwrze mir
Gewalt ber ihn gab. Kein Zeugnizwang vermag auch nur eine einzige
anerkennende Zeile aus mir herauszupressen oder selbst nur den bloen
Namen. Und das wei sowohl Fritz wie mein Mann. Und genannt wollen
sie sein. Es ist freilich viel Einbildung dabei, denn was ntzt
das Genanntwerden, wenn das Publikum kurz von Gedchtni ist, aber
ich lie sie dabei. Es puckerte ordentlich in mir, wie ich so das
Herrschergefhl versprte und Onkel Fritz an der Strippe hatte.

Natrlich werde ich mich nie zu solcher Gewaltthtigkeit entschlieen.
Eine wie die Maria Stuart'sche Elisabeth unterhaut Todesurtheile in der
eigenen Familie; in unserem Jahrhundert grassirt dagegen die Humanitt.
Nein, ich werde meines Karls Sachen gehrig herausstreichen und ebenso
Onkel Fritzens, wenn auch erst gegen Schlu der Ausstellung, damit sie
nicht zu frh wieder ppig werden. Drohen kostet nichts. Allerdings
hlt es auch nicht vor.

Mein Schwiegersohn, der Sanittsrath, ist Feuer und Flamme fr die
Ausstellung, soweit er brennbar ist. Er spitzt unbndig auf die
elektrischen Verkehrsverbindemittel zwischen Berlin und Treptow,
wohin er jedes Jahr einmal mit seinen medicinischen Vereinsbrdern
zum Krebsbundes-Essen reist: auf dem Schiff hin und in einem eigens
bestellten Nachtkremser zurck. Sie sind immer in vorwurfsfreiem
Zustande wieder in Berlin abgeliefert, weil der Weg so lang ist,
da sie sich ausheitern, bevor sie versuchen, ob die Hausschlssel
passen. Ob die raschere elektrische Befrderung mehr von ihrer
Vereinsthtigkeit verrathen wird, bleibt dahingestellt; aber da sie
diesmal ihr Krebsgelage auf der Ausstellung feiern wollen, wird
hoffentlich mehr Licht in die Sache kommen.

Er ist noch nie elektrisch gefahren und verspricht sich besonderen
Genu davon, worauf ich mir zu bemerken erlaubte: Wagen ist Wagen,
Herr Schwiegersohn.

Damit ist nichts gesagt, erwiderte er.

O doch. Es ist mit den elektrischen Wagen wie mit den Klen aus
Mahlmhlen-Mehl oder aus Dampfmehl: mehr als glitschen knnen
sie nicht. -- Er lachte beifllig, worber ich stutzte und die
nachfolgende Erluterung erwartete, die jedoch nicht von ihm ausging,
sondern von seiner Gattin.

Mama, fing Emmi verlegen an, Mama, Franz meint, namentlich sei es
beraus angenehm, da wir die elektrische Bahn nahe vor der Thr haben
und deshalb fter hinausfahren knnen.

So ist es recht, pflichtete ich bei. Die Ausstellung ist eine
Veranstaltung des Gemeinwesens, die man durch persnliches Erscheinen
nicht genug untersttzen kann. Wer Brgersinn hat, lege ihn hier klar;
die Gelegenheit ist gnstig.

Ja, Mama, das ist auch unsere Ueberzeugung. Aber siehste, da Du
Berichte schreibst, mut Du doch die Hnde voll Freibillete haben, die
Du nicht allein absitzen kannst...

Ih, seht einmal, rief ich. Aus diesem Perspectiv kuckt ihr? Nein,
mein Schatz, was Ihr Euch ausgedacht habt, ist nicht. Erstens giebt
es keine Freibillets, denn die Ausstellung ist kein klassisches
Theaterunternehmen, und zweitens, mit welcher Nothlage wollt Ihr Eure
Bedrftigkeit nachweisen? Nee, Kinder, fr Nichts ist Nichts. Die
Ausstellung liegt in Treptow und nicht in Nassau.

Dieser kalte Strahl verschnupfte. Emmi zog einen Flunsch, und bei ihm,
wo er sich schon als Persona gratis geschmeichelt hatte, wurde die
Heiterkeit so alle, als wre sie auf einem elektrischen Extrawagen
abgeblitzt.

Mama, sagte Emmi patzig, Du hast oft genug gepredigt, Kinder legten
Eltern Sparsamkeit auf, damit sie nicht als junge Armuthsraben in das
Leben flattern und nun wir fr unsere Kleinen nach Deinen Worten thun,
willst Du's nicht wahr haben.

An Euch sollt Ihr schinden, aber nicht an mir. Auerdem ist die
Ausstellung ein Bildungsmittel und wer seine Bildung vernachlssigt,
schdigt sich selbst.

Vergngen ist wohl nicht drauen? fragte er malizis.

Gewi, zur Belohnung fr die Bemhungen, die industrielle Entwicklung
der Kultur zu erfassen. Bewundert, was Menschenhnde geschaffen haben
und dann drft Ihr Euch strken. Wissenschaft als solche ist trocken.
Das sieht man an dem Flssigkeitsverbrauch der Studenten. Und deshalb
ist fr Alles gesorgt. Kinder, blo allein die lebensgroen Schiffe in
voller Natrlichkeit und eins inwendig trinkfhig. Und ein chemischer
Palast und ein Gebude fr Erziehung und Unterricht, fr Eure Knaben
wie geboren. Man wei nicht, wo anfangen und wo aufhren?

Ich denke bei Siechen, sagte der Rath.

Aus diesem Scherz merkte ich, da seine Mucksigkeit nur uerlich war
und er es auf etliche Mrker nicht ankommen lassen wird. Schn,
sagte ich, und damit Ihr seht, da ich nicht so bin, lade ich Euch
smmtlich zu einer Sitzung in dem Siechen-Ausschank ein mit Anblick der
Spree und Blasorchester. Ueberhaupt werden wir gemeinsame Wallfahrten
unternehmen, davon verspreche ich mir etwas.

Ich behielt jedoch bei mir, was ich im Sinn habe. Ich denke mir
nmlich, wenn wir ein grerer Anhang zusammen sind, die Krausen mit
bei und Andere aus der Bekanntschaft und wir gehen so herum, dann
deichsle ich die Fortbewegung unmerklich, da wir ungeahnt an dem
Pavillon des Lokal-Anzeigers vorbeikommen, der sie wegen seiner
Vornehmheit anhlt. Whrend sie ihn betrachten, lse ich mich von
ihnen ab und gehe die Treppe hinauf. Sie fragen dann: Herrjeh, Frau
Buchholz, wo wollen Sie hin?

Ich wende mich zu ihnen und sage: Entschuldigen Sie mich einen Momang,
ich habe Geschftliches: ich bin Presse.

Ich verweile einen Augenblick auf der Treppe, schneide ihnen eine
gndige Verbeugung zu und verschwinde redactionell.

Das Gesicht von der Krausen will ich sehen, wenn ich so dastehe
gewissermaen als Schwiegermutter der siebenten Gromacht -- denn das
ist und bleibt die Presse -- in meinem Strohgelben oder falls der
Wetterbericht es rth, in meinem neuen Marineblauen mit Crme. Sie soll
merken, da man Gewicht hat, trotz ihres naslcherigen Betragens, weil
ihr Mann Studirter ist und sie sich in jeder Gesellschaft das Meiste
dnkt. Wenn ich wieder erscheine, thu ich ganz wie gewhnlich mit
Schlichtheit und Selbstverstndlichkeit. Und sie hat den Aerger intus.
Den hat sie reichlich an mir verdient mit frheren Pikanterien und
Ueberhebung, sogar ber meinen Mann, der doch ganz anders einzubrocken
hat als ihr Mann mit den dicken griechischen Bchern und dem dnnen
Gehalt.

So verspreche ich mir viel Interessantes und Erhebendes von der
Ausstellung schon jetzt, wo sie aus dem Grbsten heraus den letzten
Schmuck angelegt kriegt. Wie viel tausend Hnde sich regen, das mu man
sehen, und Alle von dem einen Gedanken beseelt, ^da es schn wird^.

Solcher Anblick erfreut, wo so viel Zerstren in der Welt ist, so viel
Hader und Hliches. Hier soll es schn werden. Und das wird's auch.

Allein blos die Natur. Der Berliner ist ja schon vergngt, wenn er
einen Baum sieht. Desto grner er ist, desto besser, da er ihm
gefllt, und nun im Park die massenhaften Anlagen mit Bumen und
Gebschen, Teichen, Kanlen, Rasenflchen und Beeten, wie wird ihm dies
Alles zu Herzen sprechen.

Und in dem Waldartigen die verschlungenen Pfade und die einzelnen
Fachgebude, freundlich und lustig, bunt bemalt und frhlich geziert,
so im Grnen darin, als htte der Osterhase sie versteckt. Welche
Ueberraschung, wenn man immer wieder Neues entdeckt, wenn man beinahe
vorbeigetrabt wre und nach und nach inne wird, wie gro und bedeutend
die Ausstellung wirklich ist, und wie riesig mannigfaltig. Man mte
schon vier Beine haben und ein Dutzend Augen.

Bald fngt es an zu blhen, der groe Park wird zu einem Garten,
zu einem Paradies des Fleies und der Arbeit. Die Springbrunnen
pltschern, die Maschinen wirbeln, Fahnen flattern, Blumen duften,
auf dem Gewsser wiegen sich Gondeln, die Wilden lagern in Kairo,
Alt-Berlin wird lebendig. Musik erschallt, die Thore ffnen sich und
jubelnd ziehen wir ein, wir Alle miteinander aus Nah und Fern.

Und die Vgel sitzen auf den Zweigen und singen dazu.

Mein Karl fing aber noch einmal an: Wilhelmine, es werden
Sachverstndige ber die Ausstellung schreiben -- wo bleibst Du?

Darber beunruhige Dich nicht, viel eher frchte zu viel Sachkenntni.
Du willst wissen wie und weshalb? Das bleibt vorlufig mein Geheimnis.
Ich nenne Dir nur den einen Namen: Ottilie.

Er sah mich ganz perplex an der gute Karl.

Du wirst es schon erfahren!

[Illustration: Park]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Sommer-Aussichten.


[Illustration: Bellachinis Hut]

Das merkwrdigste von allen Organen des Menschen ist sein Gedchtni.
Ich habe bis vor Kurzem keinen rechten Begriff davon gehabt, aber ich
stelle mir es vor wie frher Bellachini's Hut -- Nichts ist darin und
ohne da man daraus klug wird, kommt die erstaunungswrdigste Fllung
zum Vorschein: Laternen, Blle, Becher und zuletzt ein Wickelkind, das
einen Heiterkeitserfolg erntet. Oeffentliche Wickelkinder sind immer
von durchschlagender Wirkung.

Ich mu mich an diesen Vergleich halten, um mir zu erklren, wieso mein
Karl und ich mit einem Male in dem Kopfe so sehr Vieler auftauchten,
die sich erinnern, da wir sie gebeten haben, uns zu besuchen, wenn der
Weg sie nach Berlin fhrte, und mit unserem Fremdenstbchen vorlieb zu
nehmen.

Da sind Verwandte von meinem Karl, die mit ihm blos durch hchst
zweifelhafte Urgromtter zusammenhngen und es vor Gott und der Welt
unverantwortlich finden, intimere Beziehungen so lange vernachlssigt
zu haben und ihre Saumseligkeit nur dadurch tilgen knnen, da
sie whrend der Ausstellung einige Tage bei uns weilen. Ablehnung
meinerseits ist nicht angebracht, denn keine Behandlung schmerzt den
Mann mehr, als wenn die Gattin seinen Angehrigen und Freunden das Haus
zum Eiskeller macht, und auerdem bin ich durch meine Seitenlinien in
gleiche Lage gedrngt. Als damals die Tante in Btzow starb, habe ich
mitgeerbt, und Erben legt Verpflichtungen auf. Sollen die Leute sagen:
den Draht schluckt die Buchholz, aber trotzdem sind die Familienbande
zerrissen. -- Nein!

Und dann die Geschftsfreunde, theils mit, theils ohne Hlften, die
sich bei unserer Silberhochzeit frmlich frstlich angestrengt haben
-- die eine Servante ist geradezu ein Schtzentempel werthvollster
Metallgaben -- und Jeder, der sich darin verewigte, ist zum
Ehrenmitgliede unseres Hauses ernannt, und die Ruppigkeit, die einmal
zuerkannte Ehre hinterher zu verweigern, haben wir nicht, selbst, wenn
sich Einiges auch blos als plattirt herausstellt. Beim Putzen schimmert
der Verdacht an den Kanten manchmal durch.

Bei jedem neuen Briefe mit dem Wunsche des Wiedersehens und der jetzt
erst mglichen Annahme der beraus liebenswrdigen Einladung vom so
und sovielten, Anno so und so, sagen wir Sehr schtzbar, aber wo
unterbringen? Denn das Fremdenzimmer habe ich ursprnglich fr Ottilie
bestimmt, die mit mir die Ausstellung studiren wird und ihr ungeheures
Wissen hineintrufelt, wo ich eine Zuthat nothwendig erachte.

Sie ist die Tochter einer Halbcousine von mir und geprfte Lehrerin,
womit sie sich ziemlich sorgenfrei ernhrt, soweit das Leibliche in
Betracht kommt. Mit dem Geistigen und den Nerven aber hat sie ihre
Molesten. Wer versteht sie in dem Nest? Vielleicht Einige, aber mit
denen geht sie unglcklicher Weise nicht um. Seit Jahren hat sie
unbndige Gelehrtheit in sich aufgespeichert, von der sie nicht
erleichtert wird, da sie nur in den Anfangsgrnden unterrichtet,
weshalb die Nerven unter fortwhrendem, wissenschaftlichem Druck
leiden. Sie schrieb mir, Berlin wre der einzige Ort, mit seinen
Kapazitten ihren Nerven aufzuhelfen, sie ginge zu Grunde in der
geistigen Einsamkeit und so kam ich auf den Gedanken, sie als
Ausstellungsvertraute heranzuziehen.

Mein Karl sagte: Es ist mir lieb, Dich drauen nicht allein zu wissen,
denn ich kann Dich nicht so oft begleiten, als Du wegen Deiner Berichte
Dich abstrappeziren mut. -- Aber wenn Ottilie das Fremdenzimmer
bezieht, wo bleiben wir mit den anderen Gsten?

Karl, sagte ich, Ottilie schlft bei mir.

Und ich? unterbrach er mich.

Du wirst in der Fabrik eingerichtet.

Danke! -- --

Danke nicht eher, als bis Du siehst, wie gemchlich Du es dort haben
wirst. Fabrik und Haus sind durch den Zwischengang ein und dasselbe.
Wollen wir die Kundschaft vor den Kopf stoen? Herr Ungermann hat
sich angemeldet, einer Deiner besten Abnehmer -- er widmete die groe
silberne Fruchtschale -- durch und durch echt -- und seine Frau
kommt mit. Und alle die Anderen! Wir mssen noch die gute Stube als
Logirzimmer hergeben. Wenn das Mdchen auf dem Boden bivuakirt, lt
sich ein einzelnes Wesen in ihrer Kammer beherbergen, wie zum Beispiel
Tante Lina. Kleinstdter sind anspruchslos.

Das kann ja reizend werden.

Karl, es mu sein.

Aber bedenke die Menge!

Es gehen viele Sardinen in eine Dose, wenn das Oel nur gut ist, ich
meine nmlich die Behandlung. Die Htels sind bis unter das Dach
bervlkert, also mu die Privatmildthtigkeit eingreifen. Freilich die
Krausen vermiethet fr Geld, ich glaube, sie nchtigt mit ihrem Mann in
seinem Schreibsecretair oder sonst, wo es unpassend ist, blos um Beute
zu machen. Kein Laster dnkt mich emprender, als diese Art von Wucher,
wo er doch die Jnglingsjahre ihr geopfert hat und in seinen alten
Tagen Bequemlichkeit beanspruchen darf.

Mit mir wird auch nicht viel anders umgegangen.

Nicht, da ich wte.

Kommandirst Du mich nicht aus meiner gewohnten Behaglichkeit in die
Fabrik?

Ich lchelte. Karl, wie kannst Du Dich mit Krause in eine Kompanie
reihen? Der Versuch allein schon ist verwerflich. Was wir thun,
geschieht aus Humanitt fr unsere Kunden, und nicht aus Mammonsgier.
Und das werden sie bei den Herbstbestellungen beherzigen und nicht
drcken, bis kaum noch das Maschinenfett verdient wird. Du sollst
sehen, wie die Ausstellung die Industrie hebt.

Mein Karl legte ein Fremdenbesuchs-Conto an, worin jeder Angemeldete
seinen Termin bekam, um Platzzwistigkeiten vorzubeugen. Dies war vom
theoretischen Standpunkte so glnzend einfach, da wir hoffnungsfreudig
in die Zukunft blickten, aber vom praktischen wollten sie so ziemlich
smmtlich Ende Mai eintreffen. Fr die folgenden Monate hatten sie
Badeaufenthalt oder sonstige hygienische Abstecher vor.

Nun ging es an ein Umlegen und Aendern und Hin- und Herschreiben, wobei
Einige sogar mit Bemerkungen antworteten, als fhlten sie sich in die
Ecke gesetzt. Einer schrieb, er htte geplant, das Geschftliche mit
dem Ausstellungsaufenthalt zu verbinden, schwerlich sei ihm dies im
August mglich. Er lie mit vieler Noth bis Mitte Juli herunter, aber
dadurch klemmte es sich mit meines Mannes Verwandten, dem Amtsrichter.
Und Gerichtspersonen sind leicht verletzt.

Mein Karl sah dies ein, aber er hatte die Hnde mit seinem Aufbau in
der Ausstellung voll -- geradezu berwltigend mit einem Reichsadler
aus schwarzen Socken nach dem Grundri eines akademisch vorgebildeten
Knstlers -- und schob mir den Besuchsschlachtenplan zu. Ich sa und
bebrtete ihn mit stundenlangem Nachdenken, ohne da jedoch eine
rettende Idee ausschlpfte; immer uns stets war der Amtsrichter im Wege.

Da wurde mir ganz unerwartet Hilfe in der Noth, obgleich sie
nicht so aussah, denn wenn die Bergfeldten, oder jetzt nach ihrer
Wiedervermhlung Frau Butsch, auf der Bildflche erscheint, taucht
irgend etwas Erbauliches im Hintergrunde auf, woran sie weniger Schuld
hat, als das ihr im Kalender des Lebens angestrichene Pech. Sie ging
zweckmig gekleidet, wie es einer Weibierwirthin vom Kietz geziemt,
wo Schleppen wegen der bergeschwappten Bodenfeuchtigkeit nicht
lokalgem sind. Sie arbeitet tchtig in Kche und Haushalt und da sie
merken, da sie etwas vor sich bringen, fassen sie Beide unverdrossen
an. Er zieht das Bier alleine ab mit inclusive Flaschensplen, wobei
er manchmal zwei Zentimeter uere Rundung verliert. Weil das gesund
ist, freuen sie sich Beide so darber, da sie ihm ein deutsches
Belohnungs-Beefsteak von Suppentellerumfang brt und er sich eine
Selbstanerkennungs-Weie gnnt oder auch mehrere -- genau wei sie es
nicht -- worauf die alte Dickditt berhaupt nicht weg gewesen zu sein
scheint.

Butschen, sagte ich, als sie mir dies erzhlte, msten Sie Ihren
Mann nur nicht auf den Schragen. -- Es schmeckt ihm immer so schn,
da kann ich doch nicht davor? Mein Seliger gab zuletzt das Essen auf
und da war's alle. Nee, Buchholzen, Hungerkuren sind ja hochmodern,
aber sie endigen ebenso tdtlich wie andere Millezin.

Dies verdro mich. Es ist anmaend fr beschrnktere Intelligenz, in
Familien mit einem Sanittsraths-Schwiegersohn, herabsetzend ber
arzeneiliche Sachen zu sprechen. Liebe Butschen, entgegnete ich daher
klarstellend, wenn jemand an einer Behandlung stirbt, so liegt es
stets an dem Patienten. Oder haben Sie vielleicht bei Virchow gehabt,
da Sie es besser wissen?

Nee, erwiderte sie verlegen. Hab' ich mich vielleicht mit 'ner
Ansicht vergallopirt? Wissen Sie, nehmen Sie's man nicht bel, ich
krieg die Zeitungen immer erst zwei Tage spter nach der Kche zu
lesen, da bleib ich denn wohl ein Bisken in der Bildung zurck. Und
eben deshalb komm ich zu Ihnen, Frau Buchholz, weil Butsch auch keine
Zeit fr die Anzeigen hat, -- wir haben nmlich ein Ausstellungszimmer
zu vermiethen --, vielleicht, da Sie mal was erfahren und uns
rekommandiren?..

Butschen, rief ich, alleweil sind Sie auf Ihrem Terrain; Medicin
ist dagegen fr Sie eine verrannte Sackgasse. Zimmer? Zu Mitte Juli
ganz sicher. Wie sind die Preise? -- Zwei Mark mit Frhstck -- Ist
das nicht etwas zu lindenhaft fr die Schulzendorferstrae? -- Wir
haben Alles machen lassen, ich sage Ihnen, einzig. Die Sthle sind im
empirischen Stil, der jetzt mchtig aufkommt, wie der Mbelfritze sagt.

Sind die Mbel bezahlt?

Die Butschen jetzt; ber das ganze Gesicht griente sie. Ja, sagte
sie. Wir haben's sauer verdient,... groschenweis. -- Sie seufzte
tief auf. War es ein Freudenseufzer oder mehr ein Aufstoen alter
Zeiten, wo sie doch, wenn sie irgendwo hintraten, ausschlielich in
Dalles und Rechnungen nicht anders kannten als schmerzhafte Papiere in
unquittirtem Zustande. Um mich zu berfhren, fragte ich: Und Ihnen
bekommt die Arbeit? Appetit gut? Schlaf gut? Augen gut? Gedchtni
gut? -- Nee, sagte sie und seufzte noch einmal, das Gedchtni
ist schlecht, es erinnert mich immer an so Vieles, was ich am besten
vergessen mchte. Aber ich will nicht klagen. Sie wissen ja selber, wie
ich mehr Schatten vom Leben gehabt habe, als Sonne.

Ihr darzulegen, da bei dieser Art Beleuchtung sehr viel davon
abhngt, welche Seite man der Menschheit zuwendet, wre nicht
angebracht gewesen, denn einmal hatte sie sich mit dem Zimmer von
einer wohlthuenden Seite gezeigt und hat zweitens im Laufe der Jahre
viel Blostellendes abgelegt. Die Krausen hingegen bleibt konstant
unverndert, obgleich in der Zoologie sich selbst Schlangen huten.

Der bekannte Stein, der schon so vielen vom Herzen gefallen ist,
obgleich ihn noch niemand gesehen hat, war herunter. Was sich auch
ereignete, wenn auch Zwei zusammenstieen: bei Butsch war fr den Einen
Unterkommen. Ich klingelte der Dorette, um ihr dies mitzutheilen.

Ein wahres Glck, sagte ich zur Butschen, da ich ein so zuverlssiges
Mdchen habe. Freilich, gleich nach der Ausstellung macht sie Hochzeit.
Ihr Brutigam setzt sich als selbststndiger Tapezier, und die
Trinkgelder, die es inzwischen giebt, bringt sie mit in die Ehe.

Baar Geld kann man nie genug haben, zumal wenn es Einem fehlt,
bemerkte die Butschen.

Ich wollte ihr sagen, da sie soeben ziemlichen Kaff geredet htte,
wenigstens in der feineren Gedankenfgung, als die Dorette endlich
antrat, aber nicht wie gewhnt rasch und adrett, sondern langsam in
Trauergefolgeschritt mit rothgeweinten Augen und zusammengewrungenem
Thrnentuch in der Hand.

Dorette? rief ich. Was giebt's denn? Was ist los?

Keine Antwort.

Ist Ihnen was Nahes gestorben?

Uh!

Wer denn, Dorette?

Sie schttelte verneinend mit dem Kopfe.

Was ist Ihnen denn?

So reden Sie doch.

Det -- kann ick -- Ihn'n -- man blos -- janz alleene sagen,
schluchzte Dorette und drckte das Taschentuch ins Gesicht.

Mit einem Takt, den sie frher nie hatte, stand die Butschen auf und
verabschiedete sich. Sie knnen das Zimmer jederzeit haben, wenn wir's
nur vorher wissen. Uebrigens hat Butsch seine Telephonnummer.

Ich zurck zur Dorette. Was hat sie? Was soll ich ohne sie anfangen
mit dem Haus voller Gste und ich selber halb auf der Ausstellung und
halb am Schreibtisch, nie voll und ganz fr den Hausstand? Eine neue
Philippine anbndigen, Berichte schreiben und dabei tadellose Wirthin
spielen -- das bersteigt meine Fhigkeit. Mehr als seine gewisse
Anzahl Pferdekrfte hat der Mensch nicht.

Ich also mir schleunig die Philippine vorgebunden und reinen Wein
verlangt. Sie aber immer gedruckst und mit Wortnoth behaftet, da ich
schon dicht daran war, fuchtig zu werden, als mein Karl kam, der im
Gegensatz zu ihrer Zurckhaltung sich in einer Lebhaftigkeit erging,
die mich erschreckte.


So hatte ich ihn noch nie schimpfen gehrt.

Als ich nach und nach erfuhr, worum es sich handelte, glaub' ich,
hab' ich auch einige unsanfte Aeuerungen dazu geliefert. War es denn
erhrt? Jetzt, wo die Ausstellung erffnet werden sollte, jeder Tag
ausgenutzt werden mute, jetzt warfen die Tapeziere die Arbeit nieder,
gerade jetzt, wo sie die letzte Hand anzulegen hatten, damit alles die
Vollendungsfalten und Fransen kriegte und den rothen Callicot um die
Tische und was sonst zu bekleben, zu benageln und zu betroddeln war.

Die Philippine weinte bei dieser Auseinandersetzung ganz schrecklich.

Ja, plrren Sie nur, schnauzte mein Karl sie an. Ihr Brutigam, der
mir sein Wort gab, meinen Stand rechtzeitig fertig zu stellen, ist auch
mit ausgerckt. Ist das der Dank, da ich ihm versprach, ihm bei seiner
Etablirung behilflich zu sein? Jetzt lt er mich sitzen.

Mir ooch, jammerte Dorette. Er sagte, hier knnte er sich von wejen
Undank nich wieder blicken lassen.

Kann er auch nicht, gab ich drauf.

Und mit Heirathen is et nischt. Er setzt Alles bei den Strike zu, ooch
wat ick ihm erspart habe.

Warum begeht er denn solche Gemeinheit und verloddert sein Glck, Ihr
Glck?

Er wollte ja ooch nich, ihn hat das Herz jeblut't, aber er mute ja.
Wat kann er alleene jejen die Uebermacht? Er jinge fr den Herrn und
die Frau durch den dicksten Kleister, aber er derf nich.

Wer macht mir nun den Adler fr meinen Aufbau?

Was? rief ich, der ist noch nicht da? Die Hauptkrone der ganzen
Ausstellung?

Vorlufig nur im Grundri.

Karl, her damit. Ich hole den Eiserkasten. Den bringen wir selbst auch
wohl noch zu Stande, der akademische Plan ist ja vorhanden und die
Socken dito.

Halt, Wilhelmine, nicht bereilt. Es sind Tapeziere von auswrts
verschrieben, die werden kommen. Was am Erffnungstage nicht fertig
ist, wird's vierzehn Tage spter sein.

Das werde ich besonders in meinen Berichten hervorheben, mein Karl. Du
sollst nicht wegen des Streikes zu kurz kommen. O nein. Ich werde fter
lobend auf Dich hinweisen, und wenn er erst an seinem Platze prangt,
auch auf den Sockenadler. -- Haben Sie sich man nicht so, Dorette, Sie
sehen, es geht auch ohne.

Ach, Madame, et is schon nich mehr scheen. Ick wee nich, wie't werden
soll.

Dorette, nahm ich strenge das Wort, wir haben diesen Sommer
doppelte, ja dreifache Arbeit, dabei mssen Sie durchaus auf dem Posten
sein.

Det kann ick nich versprechen.

Dann gehen Sie besser.

Det wollt' ick ooch nich.

Was wollen Sie denn, Dorette?

Blos en Bisken Nachsicht mit meine traurije Lage.

Das werde ich mir erst noch mal berlegen. Gehen Sie an Ihre Arbeit.

Sie ging.

Karl, sagte ich: die Ausstellung, ein Mdchen, auf das kein Verla,
die Berichte, oder gar ein unerfahrenes neues, das Haus voller Fremden,
weit Du, das sind Sommer-Aussichten, die ich mir doch etwas anders
gedacht hatte. So denkt man immer, sagte mein Karl.

[Illustration: Frau]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Angriffsplne.


Die Ausstellung war kaum erffnet, als der Herr Redakteur energisch
die versprochenen Berichte verlangte; es wre doch reichlich Stoff
vorhanden.

Als ob ich das bestritten htte? So weit mir bewut, niemals. Also
weshalb Vorwrfe? Womit soll ich anfangen und an welchem Ende, da
gerade, was sich zum Beginnen eignet, noch nicht fertig ist? Liegt die
Schuld etwa an mir?

Soll ich das Unterrichtswesen zuerst vornehmen? Was sagen dann die
Damen, die das Seidenkleiderige vorziehen oder die Juwelenabtheilung?
-- Oder das chemische Gebude? Ich habe mir ein Buch mit bunten
Ausstellungs-Ansichten gekauft, darin steht: Das Dach dieses Gebudes
hat eine eigenthmlich gewellte Form: ein Rundbogen verluft in einen
scharfen Kamm, als Andeutung gleichsam, da der Bau der Wissenschaften,
deren Pflege sich hier zeigt, immer hher und hher steigen werde. --
Wenn man dies nicht wte, wrde man dem Dache garnicht ansehen, was
fr ein schlaues Dach es ist. Manche sagen, sie shen es auch schon,
ich aber sehe mir es noch nicht darin, obgleich ich wiederholt das
Opernglas zu Hilfe nahm.

Ich holte Herrn Kriehberg darber aus. Er meinte, die Wissenschaft
als Rundbogen gedacht, wre sehr geistreich. -- Dann rummelt ja
die ganze Stadtbahn ber Wissenschaft weg, entgegnete ich, blos,
da in den Stadtbahnbgen, soweit mir bekannt, mehr die Gurgel als
der Geist genhrt wird. -- Sie laufen auch nicht in scharfe Kmme
aus, bemerkte er, darin liegt es. Der Kamm ist das Individuelle.
Htte man mich gefragt, ich htte ihn dreifach so scharf konstruirt,
wenn nicht noch schrfer, um die eminente Hhe der Wissenschaft durch
architektonische Lineamente auf das Allerschrfste zum Ausdruck zu
bringen.

Schade, da Sie es nicht waren, Herr Kriehberg, sagte ich, Sie
htten es gewi fr Jedermann aus dem Volke fabar hingemauert. --
Das versteht sich, versicherte er, und man sah ihm an, er htte es.

Wenn nun ein Gebude schon in seinem Aeueren so viel Unverstndliches
birgt, wie wird es dann erst drinnen sein, wo sie die gesammte
Wissenschaft losgelassen haben? Ich frchte, mit Frauen-Emancipation
allein bewltigt man die innere Bedeutung nicht, wenigstens nicht in
einigen Stippvisiten, und darum halte ich die Chemie mit den daran
hngenden Gruppen als Erstes nicht recht angrifflich. Vielleicht
wimmele ich in meine spteren Berichte hin und wieder einen Atzen
Chemisches, aber zum Ausspiel ist es mir zu riskant. Auch hoffe ich
Beistand von Ottilie, denn die ist auf Sauerstoff, Spectralismus,
Galvanistik und alle anderen neueren Bildungsmittel examinirt worden.
Nur Muth.

Wenn Ottilie blos erst kme. Beschreibe ich Sachen ohne sie, will sie
natrlich hinterher sich auch daran belehren, und ich versume die
Zeit, neue Eindrcke aufzusaugen whrend der Wiederholung des bereits
durch die Tinte Gezogenen. Aber sie kann noch nicht, ihre Schneiderin
hat sie auf das Sndhafteste vernachlssigt, indem sie zwischendurch
ein Brautkleid zurecht prnte. Hatte das denn solche Eile? Ich kenne
die Leute nicht und will auch keine Steine schleudern, aber den Vorwurf
der Rcksichtslosigkeit kann ich ihnen nicht ersparen; ihretwegen mu
ich mich vorlufig mit Ottiliens Photographie behelfen.

Sie sieht in Cabinetgre recht jugendlich aus, aber wie ist sie
frhmorgens ohne Retouche? Wenn es keine schwarze Tusche gbe, wie
Viele da wohl ohne Augenbrauen in den Albmern stchen?

Mein Karl fand sie passabel. -- Mehr nicht, Karl? -- Eher weniger
-- Karl, sie gehrt zu meiner Verwandschaft. -- Sie ist Dir aber
nicht im Geringsten hnlich. -- Das wollt' ich mir auch ausgebeten
haben. Nein, Karl, solche spitze Zge habe ich nie besessen, selbst
nicht in den Heranwachsjahren; und die Augen reit sie etwas gewaltsam
gro. -- Dafr zieht sie den Mund um so kleiner. -- Ich vermuthe,
sie kommt bedeutend unhnlicher an, als sie aussieht. -- Bezweifle
ich keinen Augenblick. -- Karl, Gelehrte sind nie bildschn, also
Gelehrtinnen erst recht nicht; das heit ihre Figur ist nicht bel.
-- Zeig' noch mal her das Bild. -- Nein, Du hast genug gesehen,
Ihr Mnner gebt viel zu viel auf den Wuchs und bedenkt nie, wie viel
Fischbein dabei ist. In dieser Beziehung kann ich Professor Rntgen
nicht hoch genug preisen; der dreht Euch endlich ein durchschauendes
Licht auf, und er nennt es auch sehr richtig X-Strahlen, weil alle
X-Beine dadurch ersichtlich werden. -- Hat sie welche? -- Wer?
-- Die Ottilie. -- Karl, selbst als Scherz betrbt diese Frage
mich tief. Ich habe ber Ottilien zu wachen, wie eine Mutter ber
dem Hhnchen aus dem Ei... -- Schon mehr Henne, lachte mein Karl
dazwischen. -- Wer? fuhr ich auf, wer ist die Henne? -- Nun, die
Ottilie, lachte er weiter, sie hat wirklich etwas hhnerhaftes in
ihrer Physiognomie. -- Photographieen treffen manchmal daneben, wies
ich ihn ab. Ueber meine Verwandtschaft spectakeln erlaube ich nicht.

Wre Ottilie, was man unter schn versteht, htte ich sie bei den
lieben Ihrigen gelassen oder nur auf flchtigen Besuch gebeten. Meine
beiden Tchter wrden es krumm nehmen, obgleich sie lngst ihre Mnner
haben, wenn pltzlich eine entfernte Cousine Aufmerksamkeit in den
Kreisen auf sich lenkt, die sie bis zum Jetztpunkt beherrschten, und
wenn die Mnner auch ehelich gut gezogen sind, wie leicht wird ein
Wort, eine nuttige Hflichkeit oder eine unbedachte Aufmerksamkeit
albern ausgedeutet und die Feuerwehr kann geholt werden. Ich sage
deshalb: Unschnheit hat so ihre Vortheile.

Und wenn eine gelehrt dazu gilt und studirt habend, vor der rcken
die Jnglinge aus, zumal solche, die das ihrige schon vergaen,
eh' sie es lernten. Dagegen ernste Mnner werfen sich heran und es
sprieen Gesprche auf, die den Geist erheben, ohne da man Bange
vor leichtsinnigen Anknpfungen zu haben braucht und kann Worte von
hherem Fluge fallen lassen, oder unbesorgt Musike hren, oder einen
kleinen Nick machen, je nach den nchtlichen Wrmegraden und den
Anstrengungen des Tages.

Die Abende drauen versprechen berirdische Befriedigung. Nun werde
ich sie mit Ottilien genieen. Wre sie blendend, kme es umgekehrt;
sie bildete dann die elektrische Lampe, von Dmmerungs-Verehrern
umschwrmt, und ich den Laternenpfahl dazu. Dafr dankt Wilhelmine
jedoch ergebenst.

Wenn ich nun auch noch nicht genau wei, welchen Zipfel der Ausstellung
ich fr meine Berichte anschneide, so wei ich doch bereits, wohin ich
die mir berantworteten Fremden geleite und zunchst Erika, um ihr das
Schnste zu zeigen, das ich bis jetzt entdeckt habe und zwar, wie bei
allen Forschungsreisen Mode ist, durch den Zufall.

Wie es im Leben berhaupt ohne Zufall ausshe, durch den noch jedesmal
das Weltbewegenste erfunden wurde, wie z. B. der Theekessel, auf den
sich die ganze Dampfmaschinenkraft sttzt, oder der Telegraph durch
Froschkeulen, obgleich mir dies nicht recht klar ist, weil man doch im
Allgemeinen mit Padde das Niedrige der Schpfung bezeichnet. Auch steht
nie dabei, wie es gemacht wurde und wie der eigentliche Kniff ist. Dies
mu Ottilie glatt legen; sie bringt ihre Bcher mit.

Mein Zufall uerte sich einfach, indem ich dem Baumeister Herrn Bauer
begegne und ihn frage Herrjeh! Sie hier?, obgleich seine Anwesenheit
auf dem Treptower Gelnde eine Sache von grter Natrlichkeit war.
Aber Gesprche und Kegelpartieen werden meistens mit Pudeln erffnet.
Um den Schnitzer zu bertnchen, frage ich weiter: Mit welchem Stil
werden Sie uns berraschen? Es ist ja Vieles da, vor dem man Kopf
stehen mchte... wie Onkel Fritz sagt.

Als wenn ich ihn reden hrte, lchelte er, indem er mich betrachtete,
wie ich mich wohl in dieser Stellung ausnehmen wrde. Interessirt Sie
mein Bau, treten Sie bitte nher.

Bei diesen Worten wies er auf das groe Kaiserschiff.

Nanu? entgegnete ich, seit wann legen Sie sich auf
Marine-Architektur? -- In Berlin machen wir Alles. Freilich ist
dies Schiff nur ein Modell, aber jedes Stck ist so gearbeitet, da es
nach der Ausstellung direct einem im Bau begriffenen Oceandampfer des
Norddeutschen Lloyd eingefgt werden kann. In den Grenverhltnissen
und seiner Einrichtung ist es im Inneren wie Aeueren die getreue
Wiedergabe der prachtvollen Riesendampfer Bremens und Hamburgs, auf
denen die Englnder und Amerikaner lieber fahren als auf ihren eigenen.

Ich bin ungemein fr Schiffe, erwiderte ich. Auf meiner Fahrt
nach dem Orient hab' ich sie kennen gelernt, englische, franzsische
und auch die Dampfer des Oesterreichischen Lloyds, an die ich nicht
mit Wohlgefallen zurckdenke, denn sie sind das undeutscheste, was
Oesterreich liefert. In Port Said lag der Bremer Dampfer >Baiern<,
den wir besuchten. Sehen Sie, Herr Baumeister, der schlug die anderen
Schwimmanstalten gewaltig, auf denen ich das Mittelmeer durchlavirt
hatte, und wenn mich einmal berseeisch gelstet, dann nur auf unsern
norddeutschen Fahrzeugen. Ich hab' doch lieber deutsche Bretter unter
meinen Fen und die deutsche Flagge ber meinem Haupte, als fr mein
Geld geduldet zwischen Fremden mit fremder Sprache, die nicht nthig
haben mir zu antworten, wenn sie mich nicht verstehen wollen. Diese Art
nationaler Dicknsigkeit hab' ich kennen gelernt. Ich bin fr eigene
Schiffe. Und das Geld bleibt im Lande.

So sprechend traten wir ein.

Der Kaiserdampfer ist nur die Hlfte eines Oceandampfers, aber welch'
ein Kasten! Hier bekommt man den Begriff von einem schwimmenden Hause
oder richtiger von einem Wasser-Htel.

Der vordere Theil ist als nautische Sammlung ausgestattet, mehr fr
Admirale und Capitaine und seefahrende Fachleute, die daran stoende
Kche wendet sich dagegen an das Allgemeinverstndni. Denn essen
wollen sie Alle, selbst die Gelehrtesten, die mitunter kiestiger sind,
als man ihnen zutraut. Ich kenne solche.

Die Propertt in der Kche sucht ihres Gleichen und dazu die listigen
Vorkehrungen, da nichts berluft, wenn das Schiff auf hoher See
schaukelt. Nachher liegen die Setzeier in der Asche und es riecht
verbrannt in den Salons, wo die Mbel eine Pracht entfalten, da
die Herrschaften immer erst um Entschuldigung bitten, ehe sie sich
niederlassen.

Die Treppen sind mit Lufern, das Holzgetfel ist auf das Zarteste
geschnitzt und wei lackirt, die blanken Messinggelnder sind
bildgieerisch hchst kostbar, aber doch nichts im Vergleich mit den
Kaiserlichen Gemchern, die nicht blos so heien, sondern es wirklich
sind.

Wenn der Kaiser die Ausstellung besucht, ist das Bremer Schiff sein
Absteigequartier, wo ein Speisesaal, ein Besprechungszimmer und ein
Rauchgemach bereit stehen und fr die Kaiserin Zimmer und Salons, deren
Deckengemlde von so lieblicher Schnheit sind, da sie eine Weide fr
die verwhntesten Augen bilden.

Wenn die Majestten abwesend sind, kann man diese Herrlichkeiten
betrachten, ebenso die vollkommen eingerichteten Kabinen erster und
zweiter Klasse, die Damen-, Speise- und Rauchzimmer, Capitainskabine,
Arztwohnung mit Apotheke, Lazareth, Badestuben und wei dann, wie ein
Personendampfer aussieht.

Klettert man hher auf das Promenadendeck und noch hher, wo der
Capitain steht, auf die Commandobrcke, dann ist das Schnste erreicht,
was ich Erika zeigen will.

Das Schiff ist so hoch wie ein vierstckiges Haus und liegt auf dem
Lande, wenn auch mit der Spitze in die Spree hineingebaut. Von hier
oben nun hat man eine Aussicht, die nicht zu beschreiben ist. Nach
Westen zu das groe, weite Berlin mit unzhligen Fabrikschornsteinen,
die qualmen und rahmen, und wenn die Sonne scheint, blitzt es ab und
zu goldigglnzend von einer Kuppel oder der Siegessule oder was sonst
auf blank gearbeitet ist. Nach Rechts, nach der Eierhuschengegend
und Sadowa, ist grnes Gefilde mit Waldbegrenzung, eine echte
Spreelandschaft, bildschn fr Einheimische, und fr Ausheimische eine
freundliche Bitte, die Berliner Umgegend nicht blos zu lesen und zu
hhnen, sondern zu betrachten und der Wahrheit die Ehre zu geben.

Und nun erst die Spree. Die Sdsee ist breiter, das gebe ich zu,
und die Elbe auch und, wie klein die Schiffe sind, das mit man
sofort durch Vergleiche mit dem Kaiserschiff ab, aber dies Leben,
dies Gondeln, diese Rhrigkeit zur Ausstellungszeit, das Alles ist
die Mrchenhaftigkeit der Wirklichkeit. Wenn die Bltter von den
Bumen fallen, schwindet auch dies lebendiges Bild aus dem Leben der
Grostadt. Und kommt nie wieder.

Deshalb soll und mu Erika hinauf auf die Commandobrcke des
Kaiserschiffes und ich will nichts weiter betrachten als ihre lieben
blauen Augen, die All dies Schne auftrinken und leuchten wie
Kinderaugen am Weihnachtsfest. Sie spricht dann nicht viel, weil
ihre Seele sammelt, aber im Winter, nach Jahr und Tag, bei rechter
Gelegenheit, fngt sie davon an und hilft unserm Erinnern auf, bis wir
wieder vor uns sehen, was uns Freude machte. Sie erzhlt keine lngere
Feuilletons, o nein. Ein kleiner Satz, oft nur ein Wort und fertig ist
die Laube, als se man darin und hrte die Nachtigall singen. Die
kleine Wilhelmine mu natrlich mit. Heut zu Tage kann die frheste
Jugend nicht genug anschauen; es ist mehr Wissen vorhanden, als das
Leben lang ist.

Onkel Fritz dagegen darf unter keinen Umstnden mit hinauf. Wenn der
dort oben steht und hat die Gegend ausgekundschaftet, er dann gerufen:
Herrjeh, ist das gegenber nicht Stralau? Und das links... das ist ja
Tbbecke! Und dann die Hnde als Sprachrohr an den Mund und geschrieen:

Kellneer, einmal grnen Aal! -- Nein, er bleibt irgendwo an einem
nlichen Orte; es giebt ja vorzgliche Weien drauen. Auerdem hnge
ich ihm Ottilie an die Rocksche.

Wie freue ich mich auf die kommende Zeit.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Ein Damen-Ausflug.


Ich hatte der Bergfeldten -- merkwrdig, da ich sie immer wieder nach
ihrem ersten Manne nenne, den sie doch eine Reihe von Jahren hinter
sich hat -- also richtiger der Frau Butsch versprochen, sie baldigst
nach der Erffnung mit nach der Ausstellung zu nehmen und ihr durch
meine allmhlich erworbene Platz-Plankenntni in krzester Zeit einen
Ueberblick beizubringen, da sie zu Hause Rechenschaft ablegen kann.
Denn dies ist die Hauptsache. Alle Kunden fragen in der Weibierstube,
wie es sich mit der Ausstellung verhlt und Herr Butsch hat nichts
gesehen und sie noch weniger und die Gste betrachten das Lokal
nachgerade als ein Nebengeschft der Idioten-Anstalt. Wer nichts von
der Ausstellung zu sagen wei, gilt allmhlich fr unbetheiligt an der
Civilisation.

Weil sie nun mir so freundlich mit dem Zimmer aushelfen will, bin ich
ihr auch gern wieder gefllig und schrieb ihr auf einer Fahrrad-Karte,
da ich sie zu einem gemthlichen Nachmittag erwarte.

Sie hat sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert. Verhltnisse
ndern zum Guten oder zum Schlimmen, je nachdem der Mensch
hineingesetzt wird. Herr Butsch lt sich wenig gefallen. Wenn man
so seine Statur betrachtet, da mu sie klein beigeben, wogegen Herr
Bergfeldt weder die Beamtenluft vertragen konnte noch die huslichen
Zustnde. Den tdteten die Sorgen, ehe er starb.

Wenn man mit Leuten im Leben Freud und Leid durchgemacht hat, Erzrnen
und Vertragen und, was die Zeiten so brachten, steht man sich
nher, als man oberflchlich zugiebt. Das jngere Geschlecht wchst
heran, dem Zukunftslichte zu und lt uns Aelteren in dem Schatten
der Vergangenheit. Aber wir sehen auch hinaus in das Helle, blos mit
dem Unterschied, da wir einen ganzen Kasten voll Erfahrungen haben:
Frchte des Lebens, die wir fter anbieten, als sie von der klgeren
Jugend abgenommen werden. Aber man knabbert selbst daran und freut sich
der Zeiten, als man sie sammelte.

So dachte ich mit der Butschen den Ausstellungsnachmittag zu
verbringen: das Neuere und Neueste bestaunen, Meinungen darber
austauschen, obgleich immer nur zwei Ansichten sein knnen, meine oder
die verkehrte, zwischendurch den Gastwirthen etwas zu verdienen geben
und whrend des Ausruhens vergangene Erlebnisse aufwrmen und in aller
Behaglichkeit vierugig Plaudern, mit einem Worte von seinem Dasein
etwas haben. Aber in der Butschen waltet immer noch die Bergfeldten.

Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was mute sie die Frulein
Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig bersehe, sobald sie mir
begegnet, da ich sie drei Schritt vom Leibe am liebsten habe. Und wenn
sie sich an die Butschen anklettet, mu die soviel Mumm haben, da sie
sagt: Frulein Pohlenz, ich glaube nicht, da Sie heute angebrachter
Maaen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute Freunde kann man ja
deutlicher sein, als gegen Fremde.

Ich durfte deshalb mein Mifallen nicht in passende Worte kleiden,
sondern mute die Pohlenz mit bernehmen, wie sie da war: aus dem
ersten Jugendtraume lngst erwacht, aber immer noch sich gehabt, wie
eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht ausstehen. Wer dumm geboren
ist, den entschuldigt man mit der Vorsehung, die wohl ihre Grnde
gehabt haben mag, aber wer sich dumm stellt, der hlt Andere fr noch
dmmer, und das ist eine Beleidigung.

Sie hat so'n Gieper auf die Ausstellung, sagte die Butsch, da
ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mdchen allein unter die
Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut verantworten.

Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Frulein Pohlenz, bemerkte ich.

Ach nein, sagte die mit niedergeschlagenem Blick aber drauen im
schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt.... Weiter kam
sie nicht, sondern hustete den Schlu ihrer Rede.

Frulein Pohlenz, entgegnete ich, der schlesische Busch hat mit
der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen Brder
sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die vollziehende
Straengewalt sorgt zu Pferde fr strengste Drauenverbleibung
smmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da gro an Ihnen
verdorben werden?

Sie suchte zu errthen und hustete.

Und aus den Schchternheits-Jahren ist sie, stand die Butschen
mir bei. Wenn ihr jedoch ja was geschieht, dann braucht sie blos
ordentlich schreien.

Ganz recht, bediente ich in derselben Farbe, die Kraft der Schwachen
liegt im Schreien. -- Damit wehr' ich mich auch immer gegen die
Mause, sagte die Butschen.

Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee drauen zu nehmen, bot ich
den Damen ein Glschen Maltonsherry, der ihnen derart mundete, da
sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht nthigen lieen,
dabei einen Posten von Kokusnumakronen, selbstgebackene Probe fr
den Sommerbesuch. Sie sollen billiger sein als aus Mandeln, aber ich
vermuthe, die Berechnung bezieht sich mehr auf die Breitengrade, wo die
Nsse umsonst wachsen. Von Geschmack fanden sie Beifall.

Ist Ihnen ein Krmel auf das unrechte Stimmband gerathen? fragte
ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete, einen sehr
aufbegehrenden Kehlkopf hatte, oder haben Sie sich erkltet?

Ein ganz klein wenig, gab sie zu.

Da mssen Sie vorsichtig sein. Vernachlssigte Erkltungen zersetzen
oft die Athmungsorgane.

Meinen Sie?

Ich nicht. Aber die medicinische Wissenschaft. Mein Schwiegersohn, der
Sanittsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es sei ein gefhrliches
Lungenwetter. Wer Symptome weg htte, bliebe am besten im Zimmer und
hielte sich warm. Wie lange husten Sie schon?

Die Pohlenz wurde ngstlich und besann sich.

So, dachte ich, noch ein paar Rathschlge und sie ist so vernnftig
und zoppt rckwrts nach Hause; dann htten die Butschen und ich
unseren Nachmittag reizend fr uns. Eben wollt' ich von einer Frau
erzhlen, die sich auch nicht warm gehalten und innerhalb dreier Tage
ihren trostlosen Gatten zum Wittwer gemacht hatte, als die Butschen
dazwischen fuhr: Mir sagten mal der Herr Sanittsrath, beim Husten nur
ja nicht die frische Luft abgewhnen.

Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu, entgegnete ich, aber
hier bei uns doch nicht.

Die Pohlenz wohnt ja in unserer Gegend, also mu sie an die Luft.

Dann wollen wir auch nicht lnger zgern, entschied ich und blickte
die Butschen mit tadelndem Kopfschtteln an, das sie natrlich nicht
begriff. Htte sie sonst gesagt: Ich halt es auch nicht fr schlimm.
Husten reinigt.

Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am Schalter mit
dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlazettel und wegen des
Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf der Stadtbahn. Sonntags wird
es jedoch engbrstiger zugehen.

Wir stiegen Bahnhof Treptow aus, gingen die Chaussee lang und nherten
uns dem Haupteingange. Die Pohlenz, naiv wie immer, wollte durch das
Central-Verwaltungsgebude eindringen, indem sie es fr ein Thorhaus
hielt. Meine Liebe, belehrte ich sie: Das Publikum theilt sich
rechts und links und geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf
dem Rckwege drfen Sie durch die Mitte, nachdem Sie sich durch die
Drehzhler gequetscht haben, die jedoch ohne Nummerwerk sind. -- Dies
bewunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen
auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo wenig
Verstand ist, mu man ihn fr wichtigere Aufgaben schonen.

Als unsere Eintrittsscheine richtig befunden waren, schlpften wir auf
das Ausstellungsgelnde. Die Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen
Ueberraschungsgefhlen Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet
ist, da man anfnglich nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine
die ein bischen mager zu Weihnachten bekommen hat. Die Bergfeldten war
inzwischen in Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jnglingen
gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme feil
zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit gesetzt
wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den Beiden so anstndig
zeigte, eins zu kaufen. Aber nein.

Wenn sie jedoch dachten, ich wrde den Groschen in's Allgemeine Beste
werfen, tuschten sie sich grndlich und deshalb winkte ich dito
Schippen.

Wir gingen nun rechts die knstliche Anhhe hinauf, die, genau besehen,
eine Brcke ber die elektrische Eisenbahn darstellt, und betraten nach
und nach die Hauptbetrachtungswrdigkeit, die Anlagen zwischen dem
Neuen See und dem Industriegebude. Meine Damen, sagte ich, sehen
Sie sich erst um, wenn ich vernehmlich rufe: Nu! So verfahren gewiefte
Reisende, wenn's wo schn ist. -- Ich schiele nicht, antwortete die
Butschen, hingegen fr die Pohlenzen bernehme ich keine Garantie
-- Woso? begehrte die auf -- Sie kann mit zugemachten Augenlidern
um die Ecke glupen, setzte die Butschen hinzu, und sieht mehrstens
gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher wei sie sonst Alles?

Um Zwistigkeit zu verhten, schritt ich rasch bis zum Bismarckstandbild
und machte Halt. Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf, befahl ich,
und begren Sie dieses Bildni aus Erz. Hier hat Berlin seinem
Ehrenbrger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm
gereicht. Wo der groe Mann gewirkt hat, ist noch alles zu Heil und
Segen ausgefallen. Ich wollte einige fernere Worte hinzufgen, aber
ein Programm verkaufender Jngling litt es nicht. -- Danke, wir sind
schon versehen, verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine angesichts
Bismarckens so lgen kann, ist mir unbegreiflich und mindestens das
Zeichen eines sehr fleckigen Charakters.

Nach etlichen Schritten rief ich: Nu!

Die Wirkung war, wie ich gedacht.

Die Meeresflche, im Hintergrunde mit dem weien Wasserthurm und dem
Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die Obelisken und dazu
Musik aus den Pavillons, das war wirklich wunderschn. Und dann
durch einfache Umdrehung des menschlichen Krpers der Blick auf das
Industriegebude mit der Kuppel und den Thrmen, deren Aluminiumkappen
in der Sonne glnzten wie nagelneue Suppentpfe und die Orangenbume
auf dem Dache des Vorbaues, der in zwei Wandelhallen ausluft, die das
Ganze in bersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte
verstummend auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben
gesehen hatten. Die Pohlenz that so berwltigt, da sie auf einen der
vielen Sthle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang stehen.

Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nahte, der zehn
Pfennige Stuhlmiethe verlangte. Sie sich gestrubt. Es half ihr aber
nichts und so kaufte sie fr einen Nickel Sitzgerechtigkeit, die fr
den ganzen Nachmittag gilt.

Dies war die Strafe dafr, da sie kein Programm gekauft hatte, worin
zu lesen steht, was per na ist, und was Auslagen verursacht.

Als ich nun fr angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte die
Pohlenz fr ihre zehn Pfennige weiter sitzen. Wie Ihnen beliebt,
bemerkte ich, aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein Glckszufall.
Kommen Sie, Butschen, wir gehen in's Caf Bauer.

Dieses erreichten wir unangefochten und nachdem wir einen Tisch mit
bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange.
Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen es
nicht anders und den Dreibund-Gebruchen mu man sich fgen.

Der Kellner brachte das Verlangte. Auch Gebck gefllig? fragte er
und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den Tisch.

Nee, rief die Butschen, nehmen Sie den man wieder mit. Wir haben
selber. Und ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte, sagte sie
zur Pohlenz: Nu man heraus mit den Gesangbchern, ich hab' Hunger.

Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen Packen
Klappstullen hervorgeholt, als wre Hungersnoth in Sicht. Wollen Sie
mit Wurst oder mit Kse? bot die Pohlenz mir an. -- Ich dankte. --
Es ist delinquente Schlackwurst und prachtvoll durcher Ramadour. --
Danke, lehnte ich nochmals ab, den hab' ich bereits gerochen.

War dies glaublich? In dem feinen Caf, wo die Kellner herumlaufen wie
die Ballherren whrend der Tanzpausen und der Zahlkellner es mit jedem
Brutigam aus der hchsten Noblesse aufnimmt, entbldeten die beiden
Weiber sich nicht, den Ekober zu entfalten, als machten sie eine
Landpartie nach der Wuhlheide. Und die spietschen Physiognomieen von
den Wienern. Und meine Angst, da Bekannte kmen. Ich frchte doch, die
Butschen wird in der Weibierstube ihres Mannes nach und nach gemischt.
Von der Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann ber seinen Horizont.

Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich die
Bemerkung der Pohlenz ber die kleinen Tassen garnicht hrte. Ob sie
Trinkgeld gegeben haben, wei ich nicht, mir war blos, als ob das Hab'
die Ehr'! den Beiklang eines Hinauscompliments hatte.

Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebude, was mir jedoch
insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der letzten
Krnung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte, allein, was
vermochte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf der Butschen Seite
stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? Ich folgte willenlos.

[Illustration: "Da raucht einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal."]

Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. Herrjeh, rief sie, das ist
ja eine ganze neue Mode: da raucht Einer aus zwei Cigarrenspitzen auf
einmal. -- Wo denn? -- Da ber dem Thrbogen der Kopp.

Nein, erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische ergrndet hatte,
das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm, der blst auf der
sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alterthum hieen. -- Da gehrt
aber eine tchtige Puste dazu, sagte die Pohlenz. -- In frheren
Zeiten waren die Lungen krftiger, gab ich ihr zu verstehen, aber man
schonte sich auch mehr bei Erkltungen und blieb zu Hause.

Wir traten ein, in der Vorhalle den Lwenbrunnen zu besichtigen, wobei
wir von einem Blumenmdchen anmuthig unterbrochen wurden. Sie war wei
gekleidet mit einer Achselschleife in den deutschen Farben, hatte aber
kein Glck mit uns. Auch einer schwarz gekleideten erging es ebenso.
Eine dritte, die dies sah, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch
nicht blumenkauferig.

Mein Karl hlt abgeschnittenen Blumenhandel ebenfalls fr unnthig.
Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galanteriejahren heraus.

Die Pohlenzen strebte vorwrts: sie htte so viel von dem Deckengemlde
in der Kuppelhalle gelesen, das mte sie betrachten. Gewi,
willigte ich ein, Gemlde bilden. -- Man sagt ja auch, Kinder wie
die Bilder, setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir
unerfindlich und wird wohl fr immer rthselhaft bleiben, denn, gerade
als ich nachfragen wollte, stie die Pohlenz einen Mordsschrei aus und
legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine Scheuklappe an die
Stirn.

Was ist Ihnen? fragte ich besorgt. -- Haben Sie sich den Fu
verknaxt? fragte die Butschen. -- Nein, nein, chzte die Pohlenz,
Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen... -- Was nicht?
-- O nein... nein... die Puppen. -- Was fr... -- Wir hielten
nun auch einen Rundblick und entdeckten an einer Ecke der Halle ein
paar Museumsriesen in der bekannten klassischen Auffassung, bei der
das Stoffliche vernachlssigt wird, weil doch die Marmorfiguren
aus dem sonnigen Griechenland entspringen und es im Alterthum
keine Confectionsgeschfte gab. Aber wegen der Gre und der
Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz sie wohl fr lebendig gehalten
haben und gedacht, sie thten ihr was.

Es sind ja nur gipserne, suchte die Butschen sie zu beschwichtigen.
-- Nein, nein, blieb die Pohlenz bei, ich kann so was nicht sehen.
-- Denn kommen Sie man raus, griff ich ein, drauen sind die
Blmelein und die rauschenden Gewsser und was sonst unerrthend ist.
Fr Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das Unbekleidete einmal so
an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?

Nein... nein. Aber nach den Marineschauspielen will ich, dazu hab' ich
ein Freibillet. -- -Wie kommen Sie dabei? Sie stach sich noch rther
an, und lispelte kaum verstehbar: Geschenkt.

Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhltnisse, sondern war
froh, da wir um die aus Strikegrnden unvollendete Ausstellung meines
Karls herum kamen, und fragte: Wann ist denn der Zauber? -- Das
wei ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen. -- Freilich
in dem Programm. -- Haben Sie eins? -- Nein. -- Sie auch nicht,
Frau Butschen? -- Ih, wo werd' ich!... Aber ich kann ja mal den
Kaffee-Kellner fragen.

Sie hin. Der Frackmensch sie mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet,
aber doch hflich geantwortet, sie mte sich wohl irren, von
Marineschauspielen wte er nur, da sie vor lngerer Zeit bei Kiel
stattgefunden htten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung
meinte, die wre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree gelegen.

Wir werden es schon finden, sagte die Pohlenz. Mir recht,
entgegnete ich. -- Bei dem Durchwandeln des Parkes konnte ich
wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten Tagen gearbeitet
worden war und wie die Ausstellung immer completer und schner wurde.
Es will eben alles seine Zeit haben, selbst der simpelste Hefenteig.

Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns Dreien
blieb immer irgendwo hngen und war nicht mit zu kriegen und, als wir
glcklich bei den Marineschauspielen anlangten, war die Vorstellung
justement vorbei.

Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, also die
Butschen und ich, htten absichtlich gebummelt, damit sie zu spt kme
und so wie ich htte mich gerhmt, Bescheid zu wissen und das schiene
doch nur sehr plundrig. Grade ihrem Husten htte die Marine-Seeluft
gut gethan. Aber man gnnte ihr nichts Gutes. In denselben Ton
verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es war, die am meisten
stehen blieb und berall hineinwollte, wo noch garnicht erffnet
wurde. Hocharistokratisch entgegnete ich daher: Mein Frulein, die
Ausstellung ist zu gro, als da sie auf ein- oder zweimal in den
menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die Gnietschigkeit, sich
kein Programm zuzulegen. -- Das knnten Andere sich nicht minder
zuziehen, schnatterte sie gegen in ihrer sticheligen Manier und bewies
dadurch wieder, wie sehr es ihr zwei Finger hoch ber der Nase fehlt.

Mir fiel sofort pltzlich ein, da ich meinem Karl versprochen
hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur
Butsch sagte: Sie bleiben wohl noch, machte ich eine absichtlich
gelenkarme Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken hat, und
verabschiedete mich. Mir war klar geworden, da es bei Ausstellungen
doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der man sie besucht.




[Illustration: Titel-Dekoration]

Der Hausbesuch regt sich.


[Illustration]

Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen. Wie kann ich auch?

Kaum haben nmlich die Herrschaften auswrts in den Zeitungen
gelesen, da die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie
sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kmen
erst spter. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit,
der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verstndigen, da Ungermann's
jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit
ihr zusammenstt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das
hinderte. Ungermann's mssen in die gute Stube und Tante Lina lt
sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist
der Amtsrichter unmglich mit der Mdchenkammer zufrieden. Das
Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das
Schlafen auf dem Boden.

Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein
einleuchtende Berichte ber die Gre der Industrie und das
Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That
Leistungen drauen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur
sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug
anzuerkennende ist in einem Seitenflgel angebracht. -- Jawohl, das
ist es! -- Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen
und laut zu verkndigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese
prachtvolle Qualitt und dauerhaft im Tragen. Und preiswrdig! Denn bei
den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschft machen
und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos
vorberrennt und seinen Flei, seine Arbeit, seine Tchtigkeit links
liegen lt.

Aber ich will's schon schieben.

Was Auswrtige nun unter nicht fertig denken, das wrden sie selbst
mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen knnen, da sie
ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig
ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrcke
giebt sie her, aber fr Viele thut sich ohne dies schon fast zu
reichlich. Auerdem hat bis jetzt noch keine groe Ausstellung ihren
Zeitpunkt innegehalten. Den ^letzten^ Pinselstrich hat wohl noch
Niemand gesehen, wie mein Karl meint.

Was ihn selbst betrifft... er will nicht in der Fabrik schlafen und
sagt: er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in
seiner Macht stnde, sich auch nicht ndern.

Karl, hielt ich ihm vor, die Aufgabe des menschlichen Geschlechts
liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man mu das Thierische,
das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen,
namentlich Gewohnheiten.

Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,
sagte er. Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten
wissen.

Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder
willst Du meine Vorfahren verchtlich machen? Karl, die liegen in
ihren Grbern und knnen sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie
Gorillas?

Mit keiner Silbe!

Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte ich mir fr
meine Ahnen, das waren Musterleute. Was mich selbst betrifft, bin ich
viel zu aufgeklrt, um zu leugnen, da ich nicht auch meine Fehler
htte.

Ganz sicher.

So; und welche wren das? Wie? Ich mchte sie wirklich kennen lernen.
Jawohl, das mchte ich. So nenne sie doch.

Er besah seine Fingerngel, als wren es Polizeiakten, aber es stand
nichts darauf.

Siehst Du, Karl, wie leicht etwas nicht bewiesen wird? Gesetzt den
Fall, ich wre nicht Deine Dich innig liebende Gattin, sondern Besuch
von Auerhalb und ginge Dich direct verklagen? Bedenke den Blam! Du in
allen Zeitungen, an jedem Biertisch gelesen und straffllig gefunden,
verurtheilt von der ffentlichen Meinung und nie -- nie Kommerzienrath.
Du urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unberlegt;
ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich
aufwallenden Blut liegt -- Du hast Dich auffallend gut konservirt --
aber wenn wir Fremde haben und Du lt Dich hinreien und schmetterst
in Deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkrnkungen hin wie eben... Karl,
hast Du die Folgen bedacht? Ich meine ^Folgen^, wenn ich Folgen sage...

Wilhelmine, ich wei nicht, wie Du mir vorkommst.

Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgni um Dich...

Aber Kind...

Karl, es ist das Beste,... Du schlfst in der Fabrik, dann kann so
etwas garnicht passiren.

Nein!

Und wenn's nachher zu spt ist? Wenn es sich erfllt, wie ich
voraussehe?

Fr das, was geschieht, bernehme ich, Karl Buchholz, die
Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?

Vollstndig. Gewi, mein Karl. Ich mchte den sehen, der Dir irgendwie
kme... Aber wenn Du in der Fabrik schlafen wolltest...

Was er sagte, als er das Lokal jetzt verlie, verstand ich nicht genau.
Ich glaube beinahe, er fluchte.

Aber er hat nun einmal das Prinzip, nicht in die Fabrik berzusiedeln
und Prinzipien sind um so eigensinniger, je hher sie gehalten werden.

Und doch... mein Karl mu in die Fabrik.

Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl, da mein
Mann nicht von mir weg wollte, und gleichzeitig verdrossen mich seine
Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte bewegten sich meine Gedanken,
als ich mich nunmehr hinsetzte, der Kliebisch Tag und Woche zu
schreiben, wann wir sie mit Gatten bei uns sehen knnten, und nebenbei
einige Andeutungen ber ihren Briefstil zu verabreichen, der mein
Mifallen erregt hatte.

Da die Kliebisch kommen wollte, war mir recht, wenn auch mein Karl
murrte.

Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewhnliche
Eisenbahnabtheils-Bekannte oder _Table d'hte_-Mitesser, sondern
mancherlei Erlebnisse brachten uns nher, Gefahren und glckliches
Entschlpfen, wie ich in dem Buche Buchholzen's in Italien
wahrheitsgem wiedererzhlt habe, von dem jedoch die Krausen hinter
meinem Rcken laut behauptet, ich htte es garnicht geschrieben,
sondern Jemand anders. Ganz derselben Meinung war frher die
Bergfeldten. Welche Mhe hat es mich gekostet, ihr diesen Wahnwitz
auszureden. Bergfeldten, fragte ich sie eindringlich, wie kann man
ein Buch ber etwas schreiben, wenn man nicht da war? Wie denken Sie
sich das? So aus heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an
den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder Rom
oder die Bevlkerung und, was sonst malerisch ist, ohne persnliche
Anschauung?

Und was antwortete sie darauf? Was?

Das Papier ist geduldig.

Hierauf wollte ich tdtlich werden, wie es sich auch eigentlich
gehrte, aber da ich krzlich vorher in der Familienbeilage unseres
Blattes gelesen hatte, da Langmuth und Unnachgiebigkeit herrlicher
von Erfolg gekrnt werden als Jhzorn mit Handhabungen, wendete ich
Nachsicht an und sagte, sie mchte doch um Alles in der Welt nicht ber
Dinge reden, die fr sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so
lange sie sich absichtlich der Wahrheit verschlsse.

Da gestand sie denn, da sie blos sagte, was die Krausen gesagt htte.
Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie spter, und
stand einigermaen ziemlich mit ihr, so da diese Offenbarung mir durch
und durch ging, weshalb ich rgte: Man mu sich nie als Sprachrohr
gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.

Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen sowohl wie
der Krausen mitten in's Gesicht beeidigen, da ich mit ihnen zusammen
in Italien war. Lgen mssen wie die Schwaben immerwhrend ausgerottet
werden, sonst dauern sie lebenslnglich.

Was mich in ihrem Schreibebriefe rgerte, das waren Bemerkungen. --
Wir haben hier auch das Abschreckungs-Plakat in dem Dorfkruge hngen,
schrieb sie, und hatten in Folge dessen anfangs gar keine Lust zur
Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der Erde sich brutal erhebt und
mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern droht, hatte fr mich etwas
Widriges, bis mein Hinnerich sagte, das Plakat stelle blos Berliner
Blau vor (weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer
bedeute die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer kme. Da haben
wir denn herzlich ber den Witz gelacht. Mein Mann macht mitunter
ganz brillante Witze und ist auch ringsum dafr bekannt. Unsere Anna
ist konfirmirt und mir eine rechte Sttze im Haushalt. Sie hat den
praktischen Sinn ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie
er und dabei seidenweich. Heinrich wei noch nicht, was er werden
will, wir lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er
sich entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig
verdient wird und ein junger Mann ohne groes Kapital zu lange bis zur
Selbststndigkeit warten mu. Henriette dagegen, unsere dritte, ist
idealer veranlagt, mit gutem Gehr und einer allerliebsten Stimme.
Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was fr den letzteren,
da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte ist,
seine Bedenken hat. Lene und Male...

Die unflgge Nachkommenschaft war fr mich wenig von Interesse, da
ich sie nicht kenne, aber ich empfing doch die Ueberzeugung, da die
Gegend dort zu den fruchtbaren gehrt. Auf den Ehesegen ging ich daher
nicht nher ein, wohl aber auf Herrn Kliebisch's Randglossen ber das
Ausstellungs-Plakat. Die hatten mich verdrossen.

Es freut mich, schrieb ich, da Sie Alle wohl und munter sind und
Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu Scherzen aufgelegt
ist. Was diese anbetrifft, mchte ich mir nur die Mittheilung erlauben,
da wir unsere Witze ber Berlin gewhnlich selber zu machen pflegen.

Das Plakat will verstanden sein. Es schliet sich der neueren
Kunstrichtung an, die den sogenannten schnen Schein als unnatrlich
meidet und in erster Linie darauf zielt, da von dem Kunstwerk
gesprochen wird. Wie? ist Wurst. Und das ist erreicht, sogar bei Ihnen
auf dem Lande. Sie haben sich gengstigt: wollen Sie noch mehr Wirkung?
Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in Italien sahen, hat die Kunst
unermeliche Fortschritte gemacht, da die alten Meister, wenn sie aus
ihren Grbern hochkmen, smmtlich umlernen mten. Wie Tag und Nacht
ist der Unterschied. Alles Braune und Dunkele gehrt in die Museen und
der Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte ist
modern und zulssig fr Ausstellungen. Dies mu man sich merken und
Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister nicht loben, das
nehmen die jngeren krumm. Wir werden ber Manches zu plaudern haben
und Vieles zu besichtigen, denn eine enorme Gemlde-Ausstellung ist
Treptow gegenber am anderen Ende der Stadt erffnet. Wir rechnen in
Berlin eben mit greren Entfernungen als in kleineren Orten und so ist
es auch mit dem Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehrt zu den
berlebten; ich bezweifle, da Ihr Mann Glck damit machen wird.

Als ich ber eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube nachsann,
kam die Dorette, und meldete, vor der Thre hielte eine Droschke mit
Massen-Gepck; ob das wohl Besuch fr uns wre?

Wir Beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke beladen wie
ein Mbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem Reisespinde,
da der Kutscher vllig unfallversicherungsreif daneben auf dem Bock
pendelte.

Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichni, das ich rasch zu
Rathe zog, Niemand. Aber da ffnete sich die Thr, eine junge Dame flog
auf mich zu mit den Worten: Ich bin es. Wie ich mich freue.

Ottilie? fragte ich.

Ja, Ottilie.

Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?

Ich wollte Sie berraschen, das hatte ich mir zu entzckend
ausgedacht. Ach es geht nichts ber Ueberraschungen, die sind zu
himmlisch.

Sie hatte es gut gemeint und so fgte ich mich denn, obgleich mir
genaue Anmeldung lieber gewesen wre, weil ich dann meine Anordnungen
getroffen htte.

Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der
Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reizvolles
und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur Geltung. Nun
ward mir auch mit einem Male klar, warum sie sich nicht glcklich in
ihrer Heimath fhlt und weshalb sie allerlei auszustehen hat. Sie ist
ber ihren Stand hbsch.

Ich hie sie willkommen und fgte hinzu: Wir haben ereignireiche Tage
vor uns, aber mit gutem Willen, verstndiger Anordnung und Flei werden
wir sie bewltigen.

Ach und recht oft in die Oper, rief sie, Oper ist zu himmlisch.
Ich mu die Sucher hren, sie soll als Isolde zu entzckend sein. Und
Zirkus. Ich schwrme fr Zirkus!

Ottilie, unterbrach ich sie, Zirkus ist eine Wintersache, also
jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal gehen. Die
Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. Haben Sie Bcher
mitgebracht?

Gewi, zwei Kisten voll.

Zwei Kisten? fragte ich entsetzt.

Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade einen schweren
Kasten die Treppe herauf. Das Praktische scheint ihr fremd zu sein,
dachte ich und fragte: Was sind denn das fr Bcher?

Zunchst Meyer, antwortete sie.

Was fr'n Meyer? Doch nicht das ganze Conversationslexikon?

Nun ja, darin steht Alles.

Ottilie, rief ich, den Meyer habe ich selbst; die Ueberfracht htten
Sie sparen knnen. Was sonst noch?

Ein franzsisches und ein englisches Lexikon, Daniel's groes Handbuch
der Erdkunde, Velhagen und Klasing's Atlas, Brehm's Thierleben, wegen
der Fischerei-Ausstellung, Krger's Physik...

Das scheint mir das einzig richtige. Haben Sie auch Chemie
mitgebracht?

Chemie? Nein, die hab' ich vergessen.

Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir das
chemische Industriegebude macht. Was fangen wir nun an? Wir mssen das
Buch schicken lassen.

Das geht nicht. Ich habe die Schlssel zu meinem Bcherspinde bei mir.

Ich seufzte. Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer fhren. Spter
ziehen Sie zu mir.

Ach wie reizend.

Der Droschkenmann wurde allmhlich befriedigt; die Ladung war nicht
billig. Auch machte er Seitenbemerkungen, als Dorette meinte, das
Heraufbefrdern von Gepck lge mit in der Taxe und sei mit zwei
Groschen hinreichend belohnt.

Denn mu das Freilein das nchste mal mit'n Rollwagen fahren, sagte
er. --

Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, legte er
sich auf's Rathen, fr wen es sei, kriegte es aber nicht heraus, weil
das Zunchstliegende stets das Schwierigste ist. Er wurde rgerlich
und grollte: Du willst Dich wohl zur Sphinx ausbilden, das ist das
einzige, was auf dem Ausstellungs-Kairo noch fehlt.

Hast Du so genau nachgesehen? -- Ja! -- Ohne mich? -- Du gehst
ja Deine eigenen Studirwege. -- Karl!

In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragdie, und das fhlte er, denn
er fragte Wo bleibt das Essen? Wenn Mnner ablenken, regt sich ihr
Schuldbewutsein.

Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert herumlaufen?
fragte ich durchbohrend. Ist das wahr?

Ich bin hungrig, Wilhelmine!

Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen. -- Wovon denn? -- Was
wei ich? -- Eben warst Du noch guter Dinge. -- Eben, ja. -- Bin
ich Schuld an Deiner Laune? -- Nein. -- Wer denn? -- Niemand.
-- Wilhelmine, willst Du mich erzrnen? -- Nein; ich bitte Dich,
was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage Zeuge tiefsten
Familienzwistes wird. -- Uebertreib' nicht, sei so gut. Also fr
Ottilie ist gedeckt... Wo bleibt sie aber? Ich mchte essen.

Sie macht Toilette.

Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich
Pnktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.

Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich mu Wochen
lang mit ihr auskommen. Und Du weit, sie hat Nerven.

Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhngen.

Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, wo die
Mnner borstig werden. Dorette, schleunigst die Suppe und Frulein
nochmal zu Tisch ansagen. Glcklicherweise hatten wir Kerbelsuppe,
die mein Karl schon fter fr sein Leibgericht erklrte, mit Ei und
gebratenem Brot. Er schlemmte ordentlich, so ausverkauft war sein Magen
gewesen und mit jedem Lffel ward er friedlicher. Wre jetzt Ottilie
nicht gekommen, htte er deren Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie
schon weniger.

Mein Karl war berrascht bei ihrem Anblick, ich noch berraschter. Er
stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie
frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was
hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stck wie meines und
eben solche crmefarbige Klppelarbeit und der Schnitt aus demselben
Modenblatt.

Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nmlichen
Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen
gleichartig aus Billigkeitsrcksichten, Gott wei, wo sie den Rest
gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neues an.

Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber da er Ottilie
mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen.

Das Gesprch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwrmte schon mchtig
fr Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher
nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater.

[Illustration: Fliegende Otilie]

Meine Liebe, sagte ich, was wird aber aus Ihren Nerven?

Oh, erwiderte sie, die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die
wird mir Flgel verleihen, Flgel des Geistes, sie wachsen mir jetzt
schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch. Dabei streckte sie Jedem von uns
eine Hand hin und sprach: Wie lieb Sie sind, mich so glcklich zu
machen.

Wir schlugen ein, weil sie so berrumpelnd war und mein Karl, das sah
ich, fand Vergngen an dem Hndedrcken.

Ottilie, bemerkte ich strenge, so lange Sie hier sind, vertrete ich
Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.

Sie htte nur bildlich gesprochen. -- Bei uns reden wir deutsch.

Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer facultativ nach. Dem
eigenen Ermessen freigestellt stand da.

Hierauf fragte ich meinen Mann: Karl, weit Du, was facultativ besagt,
in Bezug auf Ottiliens Nerven?

O ja, entgegnete er trocken, ihr freiert.

Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schlft bei mir. --
Ohne Widerrede, mein Karl.

Er redete auch nicht wider. Ottilie ist wirklich zu hbsch und ohne
Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hten.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Ein Blick ber das Ganze.


Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueberblick ber
die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem Fesselballon
hoch.

Nein, sagte ich. Vorlufig warten wir ab, ob er Zwischenflle
kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und leicht
beseitigt sind, steigen wir mit. Auch meine ich mit Ueberblick nicht
ein Hppsken Vogelschau, sondern das fest im Gedchtnis haftende
Terrain der Ausstellung, damit man wei, was vorhanden ist, wo es
liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeit man auf das Einzelne verwenden
kann. Es sind ber viertausend Aussteller und nun rechne aus, wenn
auf jeden nur fnf Minuten grndlicher Besichtigung fallen, wieviel
Arbeitstage Du im Ganzen gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden
angenommen?

Kopfrechnen erlauben mir meine Nerven nicht, antwortete Ottilie nach
einiger Anstrengung, als sie nicht mehr mochte.

Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche Du-Anrede,
die ich ihr bewilligte, da sie so allein steht und der Anschmiegung
bedrftig ist.

Nun, fragte ich, hast Du es?

Nein.

Also rund zweiundvierzig Tage. Das sind beinahe anderthalb Monate.
Von Alt-Berlin, Kairo, dem Vergngungspark, dem Theater, der
Diamantschleiferei, dem Panorama, der Stearinfabrik, Etzetera ist dabei
keine Rede und Du hast weder Na noch Trocken, noch Ausruhen, noch
Musikgenu, noch irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles
Vorgehen geboten. Heute ist Planschwetter, wir knnen nichts Besseres
beginnen, als uns vorzubereiten.

Sie seufzte. Ich wei nicht, ob meine Nerven... fing sie an. --
Ich wei, da es ihnen gut bekommt, entschied ich und breitete den
officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus.

Wie Du siehst, begann ich, wird das Gebiet durch die Treptower
Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der eine reichlich
noch mal so gro ist wie der andere, und dies Rthliche, was wie ein
Stiefelknecht aussieht, ist das Hauptgebude.

Ich meinte, es wre so sehr schn.

Dies ist ja nur der Grundri, dasselbe, was beim Zuschneiden das
Muster.

Ach so.

Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den echten
Gondolieren aus Venedig.

Wo sind die Gondoliere?

Drauen in Treptow, erwiderte ich sehr deutlich, denn die Hast, mit
der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, whrend sie eben
noch ihre Nerven berlegte und nicht die geringste Theilnahme zeigte,
verdro mich.

Singen sie auch das himmlische Lied: >Komm' nach der Piazetta,
Rosetta<?

Fr ein Trinkgeld gewi.

Fr Geld? Wie unpoetisch!

Gegenber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengnge dorthin sind mit
Tausenden von Lmpchen behangen, bei Tage wie die grte Eiersammlung
der Welt, an Erleuchtungsabenden feenhaft wie frher bei Kroll. Ist
das Wetter schn, wirst Du es erleben. Von hier kann man nun durch
das Spreewaldgehft, durch Chocolade und Thee, bis zur todten Katze
gelangen...

O, pfui!

Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist
kleinstdtische Geziertheit.

Aber ich hasse todte Katzen.

Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle ist die Katze
das ausgestopfte Motto eines stilvollen Brgerbru-Ausschankes in
Bauernmanier, und kletternder Weise am Vorgiebel angebracht, also
durchaus nicht Pfui sondern kennzeichnend fr den Volksmund, der stets
mit unerwarteter Sofortigkeit das Besonderliche in Worte formt.

Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps zu
verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile nie zurckhlt und
dadurch zum Stein des Anstoes wird, ja ich hielt es fr Pflicht,
bndigend einzugreifen, wie Goethe so treffend in Mey & Edlich's
letztem Abreikalender schreibt: Wenn wir die Menschen nur nehmen wie
sie ^sind^, so machen wir sie ^schlechter^; wenn wir sie behandeln, als
wren sie, was sie ^sein sollten^, so bringen wir sie dahin, wohin sie
zu bringen sind. -- Unser vorjhriger war mit Speisezetteln versehen,
aber weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben
sie als Morgenandacht keinen sittlichen Werth, wogegen man Sprche und
Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind ja auch die
Dichter und dergleichen.

Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung zu haben
oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch sein, da sie
Berlin mehr fr eine Amsirerholung hlt als fr ein Arbeitsfeld. Oder
hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als sie auf meine Vorschlge
einging, an den Ausstellungsberichten mit all' ihren wissenschaftlichen
Krften thtig zu sein und dafr angemessen entschdigt zu werden,
nicht nur durch Kost und Unterkommen und rcksichtsvolle Behandlung,
sondern auch durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe.
Man nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun.

Von Ottilie verlange ich ja nicht das Grbste -- das kann ich von
alleine -- sondern das wissenschaftliche und Gondoliere sind nicht
wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir.

Man kann aber auch, fuhr ich fort, stlich gehen, leicht abschwenken
und durch echt mrkische Sandpfade nach Alt-Berlin gelangen. Hast Du
den Weg?

Wo ist sdstlich?

Die Himmelsgegenden ermittelt man mit dem Compa.

Geht das?

Nun natrlich. Auf Reisen in Italien und im Orient fand mein Karl die
Wege stets mittels Compa und Plan; diese Kunst ist ebenso einfach, wie
unfehlbar, wenn man sich nicht irrt, und im Treptower Park durchaus
nothwendig, sobald das Dickicht sich so belaubt, da selbst das Auge
der Aufseher nicht durchdringt, um Jemand zu entdecken, der heimlich
den Bleistift zieht und notirt, Zeichnungen aufnimmt oder vielleicht
photographirt, worauf so gut wie Todesstrafe steht. Es ist nmlich
jegliches verpachtet und unerlaubt; deshalb Vorsicht, Ottilie, da Dich
die Wrter nicht anzeigen, von denen, dem Ton nach zu urtheilen, viele
auf der Unteroffizier-Akademie geschliffen wurden.

Ich werde mich in Acht nehmen.

Du kennst doch einen Compa? kehrte ich zu unserem Gegenstand zurck.

Und wie; sehr genau. Das heit, im Examen hab' ich ihn gehabt -- -- --
in der Hand noch nicht. Er wird im Norden vom Nordpol angezogen und im
Sden vom Sdpol und war bereits im Jahre 2133 vor unserer Zeitrechnung
den Chinesen bekannt.

Vergi die Jahreszahl nicht, die gebrauchen wir in unseren Berichten.
Die Leute sollen sich wundern. Selbst nachgezhlt hast Du wohl nicht?
Ich meine blos, wenn Einer es noch genauer wte und verlsterte uns
nachher ffentlich -- das mchte ich Onkel Fritzens wegen nicht. Der
hhnt gleich. Aber Du bist ja darauf geprft.

Wenn eine Kanonenkugel mit der Fluggeschwindigkeit von fnfhundert
Meilen in der Stunde sich von der Erde auf den nchsten Fixstern
zu bewegt, erreicht sie denselben erst nach vier Millionen
fnfmalhunderttausend Jahren, sagte Ottilie rasch und flieend.

Hilf daran denken, wenn wir ber das Riesenfernrohr schreiben,
obgleich ich fr meine Person es fr Unsinn halte, nach den Sternen zu
schieen, es sei denn aus rein wissenschaftlichen Zwecken. Da geschieht
ja manches. -- Hier hast Du den Compa, nun suche zunchst Norden.

Die magnetische Nadel machte ihr Spa, aber sie konnte sich nicht
daraus vernehmen und je mehr ich ihr es auseinandersetzte, um
so weniger fate sie es, bis ich zuletzt ebenfalls das feinere
Unterscheidungsvermgen verlor. Auf Reisen war es ja auch hauptschlich
mein Karl, der gleich die Richtung heraus hatte. Ottilie, sagte ich
deshalb, in unseren wissenschaftlichen Abhandlungen gehen wir um das
Magnetische bogenartig ausweichend herum. Im Park kann man am Ende
fragen. Auch stehen an vielen Orten Wegweiser.

Entzckend! rief Ottilie, und legte den Compa weit weg.

Ferner mssen wir Bedacht nehmen, da die Berichte umschichtig
gelingen. Erst die Haupthalle, dann Photographie, dann meinetwegen
Unterricht und Erziehung, hierauf Hagenbecks Affenparadies, das sich
an das Kindliche schliet. Gasindustrie kann mit Grtnerei abwechseln,
dann nehmen wir die vereinigten Destillateure, die Volkswohlfahrt, die
grte Kanne, Fischerei, Stufenbahn, Harzbahn, Volksbrausebad...

Ich kann keine Brause vertragen.

Nur ansehen.

Pfui!

Ottilie, ich habe Dich schon einmal ermahnt, diese Redensart zu
pensioniren. Sollen die Leute fragen, wer mag die junge Dame sein, die
so schwach mit Lebensart ist? Bei solcher Gelegenheit mte ich Dich
verleugnen und Dich wieder siezen.

Es ist das letzte Mal gewesen, ganz gewi, betheuerte sie.

Schn. Passirt es noch einmal, kommst Du nicht mit nach Kairo, das sie
so naturgetreu aufgebaut haben, als wre man leibhaftig in Egypten.

Ach ja, Sie waren ja dort. Wie himmlisch! Wie ich fr Kairo schwrme,
kann ich garnicht sagen. Diese Lotosblumen, die Palmen mit beschwingten
Papageien, die Muselmnner in goldgestickter Seide; alles Marmor und
Elfenbein im Glanze des Morgenlandes...

Halt' die Luft an, Ottilie, Du machst Dir eine total umgedrehte
Vorstellung. Die natrliche Echtheit ist das Bezaubernde; das
Zerfallene, die malerische Ungewaschenheit...

O, Pf... pfie, wie schade!

Na ja, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Du wirst die
Schnheiten Kairos schon unter meiner Leitung herausfinden und, soweit
ich das Arabische von damals her noch beherrsche, mit den Beduinen und
Fellachen, den Hndlern und Eseljungen in Dialog treten. Sie verstehen
uns nmlich bedeutend leichter als wir sie. Mit den Neu-Guinea-Leuten
am Karpfenteich, der halb die Spree und halb den stillen Ozean
vorzustellen hat, stehe ich jedoch in keiner sprachlichen Beziehung.

Gehen die Wilden wirklich wie abgebildet?

Ich glaube je nach der Witterung, wei es aber nicht genau.

Wollen wir sie nicht lieber auch umgehen?

Sie sind unvermeidlich als unsere Kolonialbrder. Wir mssen sie
kennen lernen und sie uns, damit ein brgerliches Gesetzbuch geschaffen
wird, das ebenso fr Klein-Popo und Kamerun klappt wie fr das groe
Berlin.

Die Gesetze werden doch mit den Menschen geboren! bemerkte Ottilie.

Deshalb sind sie auch danach, denn was wird nicht Alles verheirathet?
Er zu lang, sie zu kurz oder umgekehrt, und auch in der Breite
uneinig, jedoch wegen geistiger Vernachlssigung gegenseitig nichts
vorzuwerfen. Talent hchstens zum Abstze krummtreten; Literatur:
Litfasulen; Ideal: Wo's die grten Portionen giebt. Und solche Leute
insultiren die Lehrer, wenn ihre Kinder es nicht weiter bringen als zu
Sitzquartalisten und verlangen vom Staate garantirte Carrire fr die
Blasenkpfe. Darum ein vllig frisches Gesetzbuch von der gediegensten
Jurisprudenz verfertigt mit peinlichster Rcksicht auf die herrschenden
Zustnde, die manchmal schon keine mehr sind. Wie oft habe ich gehrt,
da das rmische Recht, wonach sie sich richten, mit dem deutschen
nicht stimmt, und das kann es unmglich. Was wuten die alten Rmer von
Clavierspielen nach zehn Uhr oder von Maulkrben oder von unlauterem
Wettbewerb? Ueberhaupt, was geht uns Rom an?

Sie waren dort ja auch! Sagen Sie, Frau Buchholz, macht Italien
wirklich den Eindruck eines Stiefels, wenn man darin herunterfhrt?

Nicht vllig, gab ich zur Antwort. Dann sagte ich langsam: Ottilie,
die Welt und die Bcher sind zweierlei, Du mut noch viel lernen und
viel vergessen.

Warum noch lernen? -- Ich habe mein Examen gemacht und Zeugnisse, da
ich genug wei. Die Qulerei hab' ich hinter mir. -- Aber ich meine, es
ging doch ausgezeichnet mit den vorhandenen Referendaren.

Mit den vorhandenen Gesetzen, wolltest Du sagen. Frher langten sie
vielleicht, aber seitdem wir uns kolonial ausbreiten, steigern sich
die Ansprche ungeahnt. Bedenke, wie schrecklich, da unsere wilden
Afrikabrder bis jetzt die Sonntagsruhe nie ordentlich gehalten haben,
da das Auswrtige Amt einen Extra-Sonderbefehl hinber senden mute,
alle Arbeiten bis auf die dringlichsten an den Sonntagen in Afrika,
so weit wir zu sagen haben, an den Nagel zu hngen. Die Missionare
haben sich beschwert wegen Radau. Nun lernen die Wilden auf der
Ausstellung die Berliner Sonntagsruhe aus eigenster Anschauung, wo sie
den vorberdrngenden Menschenstrmen ihre Tnze vorspringen mssen
und rudern und Matten flechten und fechten und was sie sonst auf der
Walze haben zur Verbreitung anthropologischer Studien. Ob sie solches
des Sonntags drfen, wenn sie retour gekommen sind, das steht auf einem
anderen Brett. Ich habe schon Herrn Kriehberg empfohlen, sobald seine
Ausstellungsthtigkeit beendet ist, nach Deutsch-Afrika berzusiedeln
und einen stilistischen Ausschank mit Vergngungsgarten zu erffnen,
womit er nach Einfhrung der Sonntagsruhe dort glnzende Geschfte
machen mu.

Was werden die Missionare aber dazu sagen?

Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches
Recht fr Alle. Geld erwerben am Sonntag ist groe Snde, Ottilie, aber
Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt
bist, als httest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.

Das verstehe ich nicht.

Gesetze sind eben schwer verstndlich fr den Mittelstand.

Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwhnten?

So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.

Wie entzckend! Ist er hbsch?

Ottilie, kennst Du die Jungfrau von Orleans?

Wieso?

Der war verboten, sich um die Herren zu kmmern, damit sie ihre
Aufgabe unentwegt erfllte. Als sie sich fr einen jungen Mann
interessirte und nicht mehr auf dem Posten war, lag sie drin.

Aber ich... 

Jawohl. So wie von Sachlichem die Rede ist, sind Dir Deine Gehrnerven
zu kostbar und jetzt, blos da Kriehberg's Name genannt wird, spannst
Du wie eine Elster. Ich warne Dich, Ottilie! Es kann lange dauern,
ehe Kriehberg's Wirthschaft mit Karussel und Schiestand hinter dem
Aequator blht, und wenn er auch sonst Gaben besitzt, die beste
Eigenschaft eines Mannes ist ein gesichertes Einkommen. Und die fehlt
ihm.

Ottilie machte ein langes Gesicht. Sie fhlte sich ertappt.

Ich brach die Vorstudien ab und gab ihr den Ausstellungs-Katalog zu
lesen. Der berhitzt ihre Phantasie wenigstens nicht.

Ich selbst aber frchte. Meine Phantasie malt mir allerlei
Unerfreuliches an die Wand.

[Illustration: Cafhaus-Szene]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Das erste Lichtfest.


Wie theile ich Ottilie ein?

Dies war die Frage, die mich wie eine Fliege piesackte, von denen
es nach meiner Selbstbeobachtung mehrere Sorten von Banditen giebt,
nmlich solche, die sich auf Ebares setzen, weshalb die Butschen ihr
Apfelmus stets mit Korinthen bestreut, sie durch die Aehnlichkeit zu
vertuschen, und solche, die sich mehr auf menschliche Verfolgung legen,
bis man die Bestie nach endlosem Vorbeigelingen getroffen hat oder
irgend etwas Zerbrechliches, das in der Ziellinie stand.

Ottilie kennt Berlin nur aus im zweiten Lebensjahre gewonnenen
Jugendeindrcken und wei besser in den spanischen Provinzen Bescheid,
als in der Reichshauptstadt nebst Umgebung, was man ihr auch nicht
verdenken kann, da sie in Geographie mit einem Einser siegte und zwar
besonders durch einen fehlerfreien Aufsatz ber Madrid, das sie fr ihr
Leben gern einmal sehen mchte, um zu vergleichen, ob es wirklich so
ist, wie sie es beschrieben hat.

Ich sagte: Ottilie, zwischen uns und Hispanien liegt zu viel
Landkarte. Und wenn auch Sevilla und Granada sehr gepriesen werden, in
diesem Sommer geht nichts ber Treptow. Damit Du jedoch nicht zu dem
Glauben verleitet wirst, Berlin bestnde blo aus Vergngungspartieen
nach der Ausstellung, ergiebt sich fr Dich die Nothwendigkeit, erst
die Residenz als solche zu ergrnden und natrlich Potsdam dazu und
ein paar Kilometer Charlottenburg oder bis zum Spandauer Berg,
wo man Aussicht auf ungeheuer viel Geld hat, auf den Juliusthurm
nmlich, worin die Millionen des Kriegsschatzes schlummern. Dieser
Anblick in Verbindung mit dem vorzglichen Bier ist beruhigend fr
den Staatsbrger und dessen Gattin, sobald sie ber das erforderliche
Verstndnis verfgt, denn das schnste Militair ntzt nichts ohne das
nthige Grogeld.

Gerade die Entzckendsten machen reiche Heirathen des Geldes wegen.
Aber sie werden schrecklich unglcklich ohne Liebe.

Wen meinst Du?

Die Offiziere.

Ach so. -- Ottilie, nimm Dir zur unbeugsamen Richtschnur: was in
Romanen steht, ist so gut, als htte die Krausen es Dir erzhlt, die
von der Wahrheit nur Gebrauch macht, um die Gefhle ihrer Nebenmenschen
zu verletzen. Ich empfehle Dir daher, des Morgens mit Dorette in die
Markthalle einholen gehen, damit Du Berlin vom Haushlterischen wie
vom Statistischen beurtheilen lernst. Es sind enorme Zahlen, die dort
umgesetzt werden, ohne was nicht umgesetzt wird, sondern nebenbei von
auswrts kommt und sich der Kontrolle entzieht, weil es nichts taugt
oder gesundheitsschdlich ist. Hier greift die Polizei in die Margarine
ein oder verschttet die Milch und beschlagnahmt lungenschtiges
Fleisch und erweist sich hochgradig ntzlich, denn siehst Du, heut zu
Tage geschieht Alles der Gesundheit wegen.

[Illustration: Offizier]

Wir leben in dem Jahrhundert der humanitatairen Bestrebungen,
verrieth sie ihre Kenntnisse auf diesem Gebiete.

Sehr richtig, und es wird noch tatrer mit der Zeit, wovon die
Ausstellung eine unvergeliche Probe liefert. Wohin Dein Auge sich
richtet, trifft es auf die Empfehlung von der Unfallstation. An den
Brckengelndern ist sie als Beruhigung festgenagelt: wenn Du Dir das
Bein zerstolperst, haben sie Syndektion, es wieder zu leimen. In den
Schnken, in den Kaffeehallen, in den Weinstuben, berall ermahnt
Dich die Unfallstation, wie unsicher das menschliche Dasein ist, und
gewissermaen schwebt die Carbolflasche am seidenen Fdchen ber
Dir, und es riecht auch danach, wo man essen und trinken will aus
sanittlichen Rcksichten hingegossen, da man lieber gleich wieder
geht. Wo die Hygiene aufdringlich wird, erregt sie Uebelkeit.

Dies wrde meine Nerven schrecklich angreifen.

Strke sie, Ottilie, strke sie, Du wirst es nthig haben, denn selbst
meine hatten verschiedene Anprlle zu berwinden. Denke Dir blos das
Leichenbrennhaus...

Ich hasse Leichen.

Ottilie, Du hast mitunter Ausdrcke an Dir, unter denen die deutsche
Sprache leidet. Du darfst sagen, sie erschttern Dich oder Du bebst
zurck oder Du trumst davon, aber doch nicht hassen. Wie bald werden
die Todten vergessen; gnne ihnen doch die Liebe, die ihnen bis zum
Grabe folgt und auch nicht unsterblich ist, so ewig sie sich gebrdet.

Wie ist es mit dem Leichenbrennhaus? lsterte Ottilie. Ist es
schrecklich zu sehen?

O nein, wie so 'ne Kapelle im Grnen, und unterscheidet sich von
den brigen Ausstellungsunternehmungen dadurch, da kein Ausschank
damit verbunden ist. Auch inwendig ist sie gediegen, mit kirchlichem
Fugetfel und Fenstergemlden und Sargkrnzen.

Werden welche verbrannt?

Es sind nur Probefchen vorhanden, und an den Wnden Abbildungen
von Verwesenden und was dazu gehrt, um das Begraben zu
verekeln und fr das Einschern zu gewinnen. Auch sieht man in
Silberstangen-Nachbildung, was das Todtbleiben an verschiedenen Orten
der Erde kostet, so da Jeder sich sagt, das Sterben ist zu theuer, es
mu billiger werden. Und dann steht da in einem Glashafen die Asche
eines neunzehnjhrigen jungen Mdchens.

Wie furchtbar!

Und von einem dreiundsechzigjhrigen alten Manne.

Pfui!

Ottilie! Was kann der alte Mann dafr, da seine Asche keine Ruhe
findet, indem die Besucher sie in die Hand nehmen und schtteln?
Vielleicht verdient er es, denn seine Asche ist schwrzlich, wogegen
die des jngeren, unschuldigen Mdchens beinahe Schneeweie erreicht.
Man sagt ja auch zuweilen: Einer taugt nicht bis in die Knochen. -- Und
Schwarz ist nun einmal verdchtig.

Haben Sie die Asche auch in der Hand gehabt?

Nun ja, ich hob den Glastopf, worin sie ist, und habe den alten Mann
auch 'mal geschttelt. Aber nachher hat es mich gereut.

Wieso das? Die leblose Asche ist doch aus dem Kreislauf des Seins
geschieden und ohne Nervenketten, die das Geistige auf animalischem
Wege vermitteln.

Es war nachher, als ich im Hauptgebude die trauernde Familie sah.

Wie interessant! Die Angehrigen des Verbrannten?

Wenigstens eine Familie in Schwarz und Schmerz, hinter Glas,
naturgetreu ausgestopft und der Herr Prediger lebenswahr in Wachs
photographirt, wie er sie erbaut und auf die Firma hinweist, wo
die Costme fr tiefste Trauer bis zum lila'nen Uebergang am
vortheilhaftesten bezogen werden. Mir gefiel besonders der eine Umhang
mit echt Jet; auch bemerkte ich, da die berlebensgroen Aermel nicht
mehr hochmodern sind. Gieb Acht, es wird wieder ganz eng und glatt
gegangen.

An Stoff wird man sparen.

Wer wei jedoch, welche Art Pliss sie aufbringen, wozu dann
ebensoviel dazu gehrt, wenn nicht mehr.

Und die Aenderungen kosten.

Deshalb mu man sich nie zu viel machen lassen. Dein marineblaues
Kleid ist mindestens berflssig, es lt Dich auch nicht ersten
Ranges; ich an Deiner Stelle wrde es in Berlin nicht tragen.

Meinen Sie? Ach, ich hatte mich so schrecklich darauf gefreut. Alle
fanden, es stnde mir entzckend.

Das Wasser trat ihr in die Augen, und sie wurde mit einem Male
kopfhngerisch, da ich erschrak und mich auf einen sofortigen
Nervenausbruch gefat machte. Sie that aber nichts dergleichen, sondern
blieb still und traurig.

Das bedrckte mich. Stilles Leid ist wehestes Leid, wie etwas Todtes,
das kein Beklagen und kein Getrste wieder in's Leben zurckruft.
Und wer hatte ihre Freude erschlagen, ihre Herzenslust an dem blauen
Kleide, wo sie so selten zu etwas Auergewhnlichem kommt, und es sich
erdarbte und in ihrer Gedankenwelt damit spielte wie ein Kind mit der
Puppe? Wer hatte diese Greusligkeit begangen?

Es war genau Diejenige-welche, -- die kurz vorher sich ber die giftige
Wahrheitsliebe der Krausen aufgehalten hatte und die nun selbst mit
ihrer Rede schmerzlich verwundete und das mit Erdichtung obendrein,
blos weil sie durch Verbreitung der Modenzeitung und der Stoffe ganz
dasselbe Kleid hatte und mit Ottilie nicht aus einem Topf auf der
Bildflche erscheinen wollte.

Es war keine Nothlge, sondern eine Eitelkeitsunwahrheit, der nun eine
Beruhigungsflunkerei folgen mute. Wer lgt, steigt in einen verkehrten
Zug und mu vorwrts und schlielich Strafe zahlen und hat zum Schaden
den Aerger.

Ottilie, begann ich daher langsam, nach Ausflchten angelnd, was ich
eben sagte, trifft wohl nicht eigentlich buchstblich zu. Es war auch
mehr als Turnbung fr Deine Nerven. Jawohl, nur deshalb. Wenn Du es so
mchtig gern hast, zieh es an. Ich lege mir ein Aehnliches zu, so gut
gefllt es mir. Du siehst doch ein, da Deine Nerven von Zeit zu Zeit
geknufft werden mssen, das ist Massage fr sie, heilkrftig, strkend
und aufmunternd. Nicht wahr, Du fhlst frmlich, wie gut es thut, da
ich eben ber das Blaue scherzte?

Es war jedoch nichts mit der Beruhigung. Sie mochte wohl merken, da
ich selbst nicht glaubte, was ich sagte. Kinder und Kranke haben feine
Fhlhrner an ihrer Seele.

Ottilie, Deine Augen verlieren ihre Blnke, wenn Du so weinst. Das
wre doch zu schade.

Auch dies half nicht, die Nerven wurden facultativ.

Ottilie, bist Du leidend? Geh' lieber in's Bett.

Ich, ich will nach Hause; ich mag nicht mehr in Berlin sein. Ich ha
es.

Stu! Wenn Du retour kommst und hast die Ausstellung nicht gesehen,
was wird man sagen?

Ach, da schmht man nicht den ganzen Tag und mkelt und hckelt nicht
-- in einemfort -- immerzu.

Wer thut denn das?

Ich will weg. Zu Hause fanden Alle mein Blaues ideal.

Ist es ja auch.

Nein. -- Sie mgen es nicht -- und nun -- mag ich -- es auch nicht
mehr.

Ottilie, so mut Du nicht mit den Thrnen aasen; das sind die ganzen
Lappen nicht werth, nahm ich strenge das Wort, weil sie sich immer
tiefer in ihren Kummer versenkte, der, bei richtiger Beleuchtung
besehen, eigentlich keiner war. Ist sie denn derartig vollkommen,
da unsereins bewundernd still sein soll wie 'ne dodige Pltze? O
nein. Die Wahrheit mu heraus... das heit, man mu sie vorher doch
einigermaen prfen, ob sie auch vertragen wird. Manche trinken
eine Flasche Bitterwasser und Andere haben von einem Weinglase
vollauf Beschftigung, weil eben die menschliche Kreatur auf das
Verschiedenartigste beschaffen ist. Was jeffen sie sich im Reichstage
gegenseitig fr vernichtende Grobheiten ber und ihnen fehlt nicht die
Bohne danach. Ich werde Ottilie auf die Tribne schicken, damit sie
ihre Zimperlichkeit einsieht und sich die Hrtigkeit der Landboten zum
Muster nimmt. Daraus wird jedoch nichts, falls es zum Bruch kommt und
sie abreist, nachdem sie kaum angelangte. Was hilft alles Kochen, wenn
das Ei hart ist? Es wird nicht wieder weich.

Es galt einen Entschlu fassen und obgleich mir durchaus nicht
ausstellerig zu Muthe war, sagte ich:

Ottilie, wenn Du vorziehst, Trbsal zu blasen, bleiben wir in der
Stadt und gehen heute nicht nach Treptow, wo die erste Illumination
stattfindet.

Wir wollten doch erst morgen hin, entgegnete sie mitrauisch mit
langsamer Eindmmung der Thrnenbche.

Zur wissenschaftlichen Durchforschung bei Tage, ganz recht,
antwortete ich mit einer neuen Verschiebung der Thatsachen, denn meine
Absicht war, die Beleuchtung erst in der Zeitung zu lesen, ob sie
glanzvoll gelungen oder mit welchem unverzeihlichen Fehler das Comit
sich beladen und zu erfahren, ob man die Mark Entree mit hinterheriger
Befriedigung verschwenden darf, um die nchste Wiederholung mit unserer
Gegenwart zu beleben. Hieraus mir einen Vorwurf zu machen, wre
unrecht, denn eine Sache findet bei uns doch nur erst dann begeisterte
Aufnahme, wenn sie bald nicht mehr wahr ist oder die Spatzen sie von
den Dchern ausschreien. Aus eigenem Antriebe einen Nickel riskiren
ist nicht Sitte, so sehr auch Unternehmungslust dadurch gelhmt
wird. Deshalb entschliet mein Karl sich nur nach lngerem Zgern zu
sogenannten hautes Nouveauts.

Zieh' Dein Blaues an, Ottilie; wir gehen. Das Wetter hlt sich; ich
habe tchtig gegen die Barometerscheibe geklopft.

Hilft das?

Wo doch. Blos um zu sehen, wohin der Zeiger sich rhrt. Er schnippte
einen halben Strohhalm breit nach Schn.

Wie entzckend!

Und munter war sie; aufgesprungen und ab, um sich zu schmcken. Der
Mensch ist doch eine ziemliche Wetterfahne.

Ich war zufrieden mit dieser Wendung zum Trocknen, und nahm mir
vor, gut zu machen, was ich Ottilien mglicherweise Leides gethan
haben konnte, indem ich ihren Erziehungsgang nicht hinreichend
bercksichtigte und unbewut schroff wurde, wie sie es nicht gewohnt
ist. Sie weinte zu sehr, das arme Ding. Es ist aber auch zu dumm, da
sie das nmliche Kleid hat. Vielleicht la ich meins schwarz besetzen
oder dunkelrothbraun, was auch nicht bel zusammenschattirt.

Wir fuhren mit der Stadtbahn hinaus und da Ottilie keine Ahnung von
der Anlage des Ganzen hat, zog ich sie mit mir nach der Spreeseite
in die groe grne Branntweinskirche, wo alle Verzehrungsgegenstnde
in sthetischer Zusammenstellung aufgethrmt sind. Solche Mengen und
Abarten von Bonbons hatte Ottilie noch nie gesehen, und auch ich konnte
nicht umhin, zu bemerken: Die Kinder wissen jetzt garnicht, wie
genureicher die Welt gegen uns geworden ist. Wir hatten Zuckerkante
und Huststangen und Rothe und Weie oder auch von den Dunkelbraunen,
jedoch nicht an die Neuerungen im Bonbonwesen zu denken von allen
Formen und Farben wie im Tuschkasten. -- Der Essig, die Likre,
Fruchtweine und Riesenwrste fesselten sie weniger.

Von hier begaben wir uns in's nasse Viereck und nahmen einen
Kaffee. Die Lampen brannten und Ottilie hielt diese Ecke fr die
vllige Ausstellung und schwrmte fr die vom Musikcorps des Kaiser
Alexander-Garde-Grenadier-Regiments No. 1 erzeugten Tne. So stromweise
himmlisch und entzckend, wie sie hier verzapfte, wurden mir schier
zu viel. Ich lie jedoch gewhren. Nur nicht krnken, nur nicht weh
thun. Sie hat wirklich Nerven.

Je mehr es dunkelte, um so bescheerungsaufgeregter ward ich. Hatte
Ottilie mich mit ihrer Ankunft berrascht, wollte ich Revanche nehmen
und sie wieder berraschen. Ein Kanonenschu krachte von der anderen
Seite her und neugierig, wie ich selbst war, sagte ich: Komm!

Ach, noch nicht gehen, bat sie.

Durch die dmmerigen Laubwege schritt ich mit ihr. Durch die
Lcken schimmerte hin und wieder farbige Gluth. Aha, dachte ich,
gerade recht, die Illumination brennt schon. Und dann ber die
flammeneingefate Brcke und grade, als die Musik auf's Neue begann,
standen wir vor dem See und rund um uns und vor uns und wohin das Auge
blickte Licht, Licht und Licht, Flammen und Flmmchen, wei und roth
und grn und auf dem See schwimmende Lichtboote und die Rasen mit
farbig leuchtenden Blumen und die weien Gebude in rother Feuergluth.
Ottilie klammerte sich an mich. Sie frchtete sich, so fest hielt sie
sich.

Ist Dir was, Kind? fragte ich.

Wo bin ich? flsterte sie. Wache ich oder ist es Traum? O wie schn,
wie schn.

Wir wandelten in die Lichtalleen hinein, in die Laubengnge und
schritten mit Tausenden zugleich unter den Lichtbgen um den See.
Rubinrothe Flammengehnge sumten ihn ein. Die hingen von grn
brennenden Weihnachtspergamiten herab und spiegelten sich im Wasser.

Und in all diesen Feuerzauber hinein sang eine Nachtigall.

Die Wandelnden blieben stehen und schaarten sich zu Hunderten um den
kleinen Snger.

Die haben wir auch zu Hause, sagte Ottilie. Nachtigall ist doch das
Allerschnste.

Das ist die Natur stets, entgegnete ich. Und darum ist die Kunst so
schwierig. Bedenke, was dazu gehrt, mit der Nachtigall zu konkurriren?

Ach bitte, bitte, nicht denken heut Abend. Nur genieen will ich all
das Schne: das Lichterfest, die Musik, den singenden Vogel, die vielen
vielen frohen Menschen. Wie schn, wie schn. Ach, Frau Buchholz, wie
hab' ich Sie lieb.

Nun war mir der Abend auch froh und lichthelle. Ganz froh.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Bei den Maschinen.


Es kommt mir mitunter der Gedanke, als wenn zum Berichten ber
die Ausstellung die menschliche Veranlagung doch vielleicht zu
kurz sei. Das Enorme, was dort aufgestapelt wurde, erdrosselt das
Einprgungsvermgen und wer ist mit so viel sachlicher Erkenntni
beglckt, da er ber das ihm Unverstndliche ein richtiges Urtheil
abgiebt? Und ich bin doch im Grunde genommen keine Fachfrau.

Wollte ich meinem Karl klagen, wie mir dies allmhlich aufgeht, sagt
der, ohne da ich fragen brauche: Wer sich mehr aufpuckelt, als er
tragen kann, sthnt. Darum schtte ich ihm meine Sorgen nicht aus.

Nun knnte ich es mir leicht machen und ber den Vergngungspark
schreiben und das Industrielle verabsumen, aber dagegen strubt sich
mein Berlinisches Empfinden.

Allerdings: Kein Fest ohne Vergngen. Ist jedoch die Ausstellung blos
zur Erheiterung der Mitbrger in die Welt gesetzt? Nein, sie will
zeigen, was Berlin als einzelne Stadt und zwar als die Hauptstadt
des Reiches in Gewerbe und Industrie zu leisten vermag. Sie legt
gewissermaen eine ffentliche Prfung ab, damit sie zur Einsicht
kommt, wo sie mit Glanz besteht und wo es noch nicht genau genug ist.
Wenn Einer fhlt, da er was kann, wchst ihm der Muth, noch mehr zu
knnen und es giebt Traute. Und wer sich berzeugt, da zugelernt
werden mu, findet auch den Lehrmeister. Mancher kmmert sich in Folge
dessen vielleicht weniger um Politik und Partei und gewinnt mehr Zeit
fr Vervollkommnung in seinem Fach.

In diesem Nachdenken strte mich Onkel Fritz mit einer Zeitung aus
London, worin zu lesen war: der Patriotismus des Deutschen bestnde in
der Vorliebe fr die Lnder anderer Vlker und shen diese noch so sehr
auf ihn herab.

Was soll ich damit? fragte ich.

Dir's zu Gemthe fhren.

Fritz, sie booen sich, da Deutschland in Handel und Industrie so
bedeutend und selbststndig geworden ist, da sie's spren. Wem aber
der schimpfliche Tadel pat, mag ihn sich anziehen und sehen, wie ihm
die Hausknechtsjacke sitzt. Es giebt ja leider Fremdlandslakaien.

Ich dachte, Du wrdest einen groen Transch machen.

Bitte, bleibe bedeckt. Was verschlgt das? Sie hren's ja nicht.
Aber weit Du, von Treptow aus weht ein frischer Wind in Deutschlands
Segel: pa acht, wie flotten Kurs es nehmen wird. Dann haben sie die
gebhrende Antwort.

Und doch hat sich nicht die gesammte Industrie Berlins betheiligt, es
fehlen viele groe Nummern.

Das nchste Mal machen Alle mit; das ganze Reich macht mit; die ganze
Welt macht mit.

Wenn Du meinst?

Jawohl, meine ich. Und Redensarten will ich mir verbeten haben.

Hab' ich was gesagt..?

Ei ja doch! Gerade wenn Du manchmal Nichts sagst, bist Du am
deutlichsten. Aber was weit ^Du^ von den mit der Ausstellung
verbundenen Schwierigkeiten, da Du auf Mkelbrder und Nrgelmeier
hrst, die natrlich reden, wie sie's nicht verstehen.

Sei milde, Wilhelmine. Nimm mich unter Deine Flchtel und gngle
mich mit Deiner Weisheit. Wie denkst Du ber eine Bierreise im nassen
Viereck? Ich habe gerade Zeit und Lust.

Bedaure. Ich habe die Maschinen vor und fr Getrnke keine Zeit.

Das ist dumm; fr Maschinen bin ich nicht anschlg'sch. Hingegen das
Moabiter Marinebru, das ist was fr meinen Vater seinen Sohn, ganz so
wie Faust sagt: zum Verweilen schn!

Es war nichts mit ihm anzufangen. Wenn er schon die Klassiker
verhohnackelt -- wozu der Faust Gottlob immer noch gehrt -- hat er vor
unsereins erst recht keine Ehrfurcht. Aus den einfachsten Aeuerungen
macht er Mnnerken, da man an der eigenen Klarheit zweifelt. Und das
ist doch kein Genu. --

Ich verabschiedete ihn und stadtbahnte mit Ottilie hinaus, die mir das
Elektrische verdeutschen sollte.

Wir nahmen unsern Eingang gleich unmittelbar bei dem riesigen
Kesselhause, das so zu sagen das Treibende vom Ganzen ist und, wie
Ottilie sagte, auf Oxydirung beruht. Die Kohle verbindet sich mit dem
Sauerstoff, der in Waldgegenden von bester Gte ist, so da schon aus
diesem Grunde Treptow als glckliche, wenn auch etwas entlegene Wahl
gut geheien werden darf. Hieraus entsteht wissenschaftlich Licht- und
Wrme-Erscheinung.

Wir nannten es sonst, glaube ich, Feuer, bemerkte ich.

Das gilt nicht im Examen. Feuer ist ja auch nichts Wirkliches, sondern
sieht nur so aus. Man kann es nicht wgen oder messen, weil es keine
Schwere hat. Es ist nicht greifbar.

Weil man sich daran verbrennt.

Weil es kein Krper ist.

Ottilie, die Wissenschaft in Ehren, aber wenn es eine bloe
Erscheinung wre, wie knnte man darauf kochen? Und es ist bewiesen,
da alle Erscheinungen Einbildung sind, wie Gespenster oder Spiritismus
oder sonstige Augentuschungen. Nein, ich bleibe dabei: Feuer ist
Feuer, nur da Coaks mehr Pltt-Hitze geben und Kien zum Beispiel wenig
austhut und sich besser zum Anmachen eignet. Und das ist ferner klar,
ohne Feuer kriegst Du keinen Dampf, und ohne Dampf geht keine Maschine.

Wir traten in die Halle.

Wenn man Maschinen sieht, entflieht Einem unwillkrlich der Vers: Da
hab' ich Respekt vor dem menschlichen Geist, namentlich mit groen
Schwungrdern und in hampelnder Bewegung. Stillstehendes dagegen
macht keinen Eindruck, weil man von allem Drehbaren erwartet, da es
schnurrt, und unbefriedigt vorberschreitet, wenn es sich nicht rhrt.
Das ist, als wenn man um Auskunft ersucht und wird keiner Antwort
gewrdigt.

Manches steht da unscheinbar, aber wenn es arbeitet, ist es von
hchster Schlue, zumal mit Erluterung vom Erbauer. Da fabriciren
zum Beispiel die Pappenfritzen eine billige Pappe mit so viel Stroh
und Sandstaub mang, da sie dem Buchbinder beim Biegen in der Hand
zerbricht. Was thut nun der Maschinenmensch? Der denkt so lange, bis
ihm ein Gerth einfllt, worin die brchige Pappe sich krmmt wie ein
Regenwurm und zur Verwunderung der gesammten Buchbinderei ganz bleibt,
die hierauf schleunigst die Maschine anschafft.

Aber auch der Pappmann sieht die Maschine. Aha, sagt er sich, noch
mehr Sand mang und noch mehr Stroh und der Buchbinder ist wieder
aufgeschmissen, denn wenn er noch billigere Pappe haben kann, wird er
nicht so thricht sein und bessere, theuere nehmen. -- Nun mu der
Maschinenmann wieder erfinden. Und so umzchig weiter, bis die Waare
sogar fr einen Fnfzig-Pfennig-Bazar zu lekrig gerth. Und dann ist
das Geschft aus.

Ottilie meinte, es mte bei Jedem dabei geschrieben stehen, was es
vorstellte, allein das wre zu viel verlangt. Zum Beispiel Rhren.
Der Rhrenmacher wei unmglich, wozu diese oder jene Rhre verwendet
wird, was hindurch laufen soll, und ob sie sich verstopft oder birst
und kann nicht fr jede Einzelne Lied und Beschreibung herausgeben, und
andererseits bedarf man z. B. bei Wring-Maschinen keiner Abhandlung.
Und doch sind vielleicht Neuerungen daran, die den Herrschaften zur
Geldausgabe und den Philippinen zur Erleichterung der Arbeit verhelfen.
Von den sogenannten technischen Verbesserungen des Hausgerthes hat
die Hausfrau das Wenigste, und ob die Kchendonnas Einem Dank wissen,
ist sehr die Frage. Sie struben sich gegen Neuerungen. Blos mit dem
Brutigam sind sie willfhriger.

Meine Dorette auch. Seitdem ihr Tapezier durch sinnlosen Streit seine
Arbeit verloren und ihre Spargroschen verthan hat, ist's mit ihm aus.
Ihr Kummer war heftig, aber vergnglich, und um ihrem Ehemaligen die
Rckkehr in das Kchenparadies fr ewig abzuschneiden, hat sie sich mit
einem Schutzmann verlobt, der dem Tapezier mit dem Schwert auf die
Finger klopft, wenn er herein will. Er ist ein groer, ansehnlicher
Mensch mit rothblondem Schnurrbart und grauen Augen, und wie Dorette
sagt, durchaus nicht stolz, obgleich er schon drei Einbrecher gefat
hat, und wenn es ihm glckt, einen Mrder zu packen, sprungweise
avancirt. Nach meinen Speisekammer-Wahrnehmungen it er Alles. Der
Tapezier ward zuletzt schon so kiestig, da Dorette unterschiedliche
Gerichte nur gezwungen auf den Tisch brachte.

Fleckweise ein Schutzmann im Hause ist rathsam. Er verbreitet fr
die Schlechten das Gefhl der Furcht, fr die Guten das Gefhl der
Sicherheit, und Dorette ist wieder brauchbar. Soviel Geschirr hat sie
zuvor nie geliefert, als in den Wochen des zerbrochenen Verlbnisses.

Genug, ich bin mit dem Tausch zufrieden und rechne die Kalbsbratenreste
als stillschweigendes Gehalt. --

Die Braupfannen, die Bierfilter, die Wasserreinigung regten uns
ungemein an und nicht minder die Nhmaschinen, die auf das Niedlichste
sticken und das junge Mdchen von frher vollkommen ersetzen, von
dem man Fertigkeit in jeder feineren Handarbeit verlangte. Auch eine
Handschuh-Nhmaschine sahen wir, die berwendlich naht. Wohin soll das
fhren? Die Fhigkeiten der Frau werden verschoben, sie begiebt sich
auf das geistige Gebiet, wo sie die Mnner verdrngt. Der Mann macht
Maschinen, die Frau wird immer unabhngiger, bis der Mann schlielich
nur noch den Dampfkessel zum Gesammt-Hausstandsbetriebe heizt, und
die Frau die Welt regiert. Dies werde ich, im Gegensatz zu der Pappe
und der Biegemaschine, die aufsteigende Linie nennen. Sind wir erst
mit Damen-Universitten und Mdchen-Polytechniken ausgerstet, ist es
Kleinigkeit, einen Standpunkt zu erreichen, von dem aus die Frau das
Ganze beherrscht, und ich glaube nicht, da dann noch viele Mnner bis
Mitternacht und darber in den Kneipen sitzen drfen. Die elektrische
Gasuhr wird einfach abgestellt und es giebt nichts mehr.

Unausstehlich, die Drehbnke, murrte Ottilie, als wir vorwrts
wandelten und Vieles Kurbelige nicht im Gange war.

Ottilie, antwortete ich besonnen, das Nothwendige kann wohl den
Eindruck des Unausstehlichen machen, ist es aber nicht. Die Bedrfnisse
der Menschen weichen eben stark ab. Was wolltest Du in der Sahara
mit Schlittschuhen und in Grnland mit einem Eisspinde, wogegen eine
Drehbank Dir vielleicht dringend fehlte.

Ich war ihr diesen kleinen Vortrag schuldig, weil sie doch vorhin
gewaltig mit Eindruck und Erscheinung um sich geworfen hatte. Hngt sie
Bilder heraus, ich hab auch 'ne Galerie.

Allmhlich gelangten wir an die Badezimmer mit Wasch- und
Reinlichkeitsvorkehrungen und zu den Kesseln und Oefen zum Desinficiren.

Was wute man vor einigen Jahren davon? -- Nichts.

Da erfand die Wissenschaft die Bacillen und das Karbol und haste
nicht gesehen: wohin der Mensch sich begiebt, berall Bacillen und
Sanittsgestank. Denn den knnen die Menschen kaum vertragen, viel
weniger die Mikroskobien, indem sie sich nicht zu entfernen vermgen
und in dem Dunst elendiglich krepiren.

[Illustration: Carbol]

Wie merkwrdig, sagte ich zu Ottilien, da solche kleine
Thiere Veranlassung zu so groen Apparaten geben. Welches Geld
mu jetzt ihretwegen versalicylt werden, das die Nationen vor
ihrer Errungenschaft sparten oder in Dmen anlegten oder sonstigen
Kunstdenkmlern aus dem Mittelalter als Reiseziele fr die Fremden.

Es ist die Addition des Kleinen, wie ja das ganze Universum aus der
Multiplication der Atome mit den Krften besteht und somit auf das
Gebiet der hheren Mathematik bergeht.

Das Mathematische nimmt allerdings einen geachteteren Stand ein,
setzte ich hinzu, um Ottilien bei ihrem Gedankengange zu erhalten.
Frher erzhlte man sich meistens Lcherliches von den Professoren,
wie sie statt des Hutes mit einem Topfdeckel unter dem Arm ins Colleg
gingen und thatschlich den in Gedanken stehengebliebenen Regenschirm
geschaffen haben.

Mir schien nmlich, als ob ein junger Mann absichtlich an denselben
Gegenstnden Antheil nahm, die wir betrachteten und besprachen, wodurch
ihm Aufklrung ward, die er bei den Saalwrtern schwerlich fand. Folgte
er aus Wissensbedrfni ... gut. Hatte er jedoch ein Auge auf Ottilie
geworfen, sollte er inne werden, da eine hhere Kulturschranke sie
umgiebt, die jeden Annherungsversuch abschlgt. In Ausstellungen gilt
zwar das Drngelrecht, aber es giebt auch geistige Ellenbogen.

Bei den Telephonanlagen hielten wir uns nicht auf, da wir selbst eins
haben, mit dem wir recht zufrieden sind und dessen Anschlu selten
versagt. Dagegen mute ich mit Ottilien in verschiedene himmlisch und
entzckend ausbrechen, als wir den elektrischen Theaterschmuck in
Thtigkeit sahen. Da waren Diademe, Halsperlen, Kronen, Blumenkrnze,
Grtel in einem Spinde, die in allen Farben erglhten, sobald sie durch
einen Druck mit der Leitung verbunden wurden. Besonders ein Strau
aus Grsern und Feldblthen war geradezu elfenhaft. Wie Aschenbrdel
stand er zwischen Silber und Gold und Edelgestein, mit einem Male aber
entzndeten sich die Mohnrosen und Gnseblmchen und die Kfer und
Schmetterlinge roth und blau und grn und sonnenstrahlig, schner als
ringsum alle kalte Pracht, eine wahre Gabe des Mrchenlandes, in Berlin
angefertigt.

An Deinem Polterabend kleide ich mich als Fee aus und gaukle mit
solchem Zauberstrau, rief ich hingerissen von dem Anblick, ohne
weiter etwas dabei zu denken.

Ottilie errthete und der junge Mann schlngelte davon.

Aha! ward mir klar, nun der verliebte Hecht von Polterabend gehrt
hat, glaubt er Ottilien in festen Hnden und macht sich dnne.

Ottilie seufzte.

Das Rasseln der Maschinen fllt mir auf die Nerven, begann sie nach
einer Weile, ich mchte ein wenig Ruhe.

Gewi, Kind. Meine Funerven sengern auch schon. Ich denke, wir nehmen
ein Glschen Bier dort in der Brauerei, die zur Rast einladet. Unser
Flei vertrgt nachgerade eine Belohnung.

Ottilie seufzte noch einmal und schaute sich nach dem Adonis um, der
jedoch nicht zu erblicken war. Nirgends kann man besser Versteck
spielen, als hinter den Ausstellungsaufbauten. Ein Schritt um die Ecke
und weg ist man.

Wenn ich Adonis sagen wollte, so war dies eine Nachwirkung der
Glhschmuckpoesie. Ich denke mir die Adonisse moderner in Zeug, und mit
sauberster Wsche und nicht mit Schirmmtze und mit ohne Manschetten,
wie es bei dem Menschen zutraf, der, wer wei wie, in die Ausstellung
gerieth, da ja mit den Eintrittskarten enorm geschmuggelt worden ist,
selbst bei solchen oberen Zehntausenden, die es nicht nthig haben.

Kaum saen wir an einem Tischchen und sahen dem Springbrunnen vor dem
Kesselhause zu und nippten an unserem Biere, als der junge Mann an
unseren Tisch trat, fragte, ob der freie Stuhl besetzt sei, und auf
Ottiliens Nein sich unverfroren hinplatzte.

Ottilien war dies ersichtlich wonnevoll. Wenn Eine noch so dumm ist,
den Anbeter wittert sie auf der Stelle. Und Ottilie ist gescheidt.

Schnes Wetter! warf der junge Mann hin.

Ehe Ottilie ein entzckend abfeuern konnte, sagte ich: Wegen
der Witterung sind wir nicht hier, sondern wegen Gruppe dreizehn:
Maschinenbau, Schiffbau und Transportwesen, sowie namentlich
Elektrotechnische Gruppe vierzehn.

Adonis machte ein mehr als begriffstutziges Gesicht.

Wissen Sie, was Elektricitt ist? fragte ich ihn.

Nein.

Ach, Ottilie, Du wolltest es mir ja erklren. Nicht wahr, das
Kesselhaus ist das Treibende?

Die Verbrennung, verbesserte sie, durch diese entsteht die
Dampfkraft mit unglaublich rascher Rotation mehrere Hundert Mal in der
Sekunde.

Da eine Maschine das so kann, schaltete ich ein, um Ottilien ber
eine Nachdenkpause wegzuhelfen. -- Und dadurch entsteht der Strom,
fuhr sie fort, den sieht man nicht, weil er unsichtbar ist. Leitet
man ihn durch einen Draht, verwandelt der sich an dem anderen Ende in
elektrisches Licht.

Einfacher, als man annehmen sollte, lobte ich sie. Wirklich sehr
einfach. -- Dann wandte ich mich herablassend an den jungen Mann, der
ganz verwundert dasa:

Haben Sie das verstanden?

Nein, lchelte er. Nein... ich bin nmlich Elektrotechniker.

Er lschte den Rest seines Durstes sehr rasch, stand auf, verbeugte
sich und schlug sich seitwrts ins Lokal.

Es war ein Schwindler, belehrte ich Ottilie.

Aber so hbsch!

Er gestand selbst, da er nicht wte, was Elektricitt sei, also.
Vielleicht ist er Ritzenschieber bei der elektrischen Bahn und rechnet
sich auf diese Weise verwandt mit Siemens und Halske.

O nein; er hatte so intelligente Hnde und einen Diamantring am
kleinen Finger.

Wird wohl Simili gewesen sein. Ottilie, was gehen Dich die Hnde der
Mannsbilder an? Traue keinem. Du hast jetzt ein Exempel, wie falsch sie
sind. Aber sei ruhig: dieser ist entlarvt; der wagt sich nicht wieder
heran.

Sie seufzte.

Komm, Ottilie. Die Maschinen und die Elektricitt sind erledigt, nun
wollen wir Musike hren. Deine Kenntnisse haben Dich vor einem Reinfall
bewahrt; danke Deinem Schpfer, da Du so grndlich studirt hast.

Sie seufzte noch einmal und nur langsam folgte sie mir.

Aber ich werde ihr schon Menschenkenntni beibringen.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Ueber Architektur und einiges Andere.


Nun ist Tante Lina auch da.

Aber ihre Handtasche nicht. Die reist ohne Fahrschein weiter und hat
sich bei der EisenbahnfundstelIe noch nicht angemeldet. Einer ist immer
unterwegs nach der Koppenstrae, entweder mein Karl oder Jemand aus dem
Geschft oder Dorette oder ich mit Ottilie und Tante Lina in eigener
Person.

Tante Lina kann den Verlust nicht berwinden, ihr Gedankengang fhrt
sie immer und immer wieder auf die Tasche. Dies ist ihr Morgen-, Abend-
und Tischgebet.

Waren denn Werthpapiere drin? fragte ich.

Nein.

Oder Goldsachen?

Meine Uhr habe ich zu Hause gelassen und meine Ohrringe auch. Die
werden den Leuten in Berlin ja auf offener Strae ausgerissen.

Mir neu!

Bcker Lorenz hat es erzhlt. Den haben sie in Berlin rein
ausgeplndert; in den Blttern stand es auch.

Liebe Tante, es ist wohl mit Kindern vorgekommen, aber mit erwachsenen
Bckermeistern noch nicht.

Die betuben sie. Wenn mir einer was zu riechen giebt, ich rieche
nicht.

Sehr vernnftig!

Ich hatte mein Eau de Cologne in meiner Tasche.

Wir kaufen frisches.

Nein, nein, ich bekomme meins zu Neujahr von Apotheker Bahnsen, der
setzt es selbst an. Es ist viel besser als das echte, viel krftiger.
Er hat sich jetzt wieder verheirathet, die erste Frau starb, mit
Erlaubni zu sagen, im Wochenbett. Nun sa der Mann da mit den drei
Kindern. Sie sagten, er wrde wohl die Schwester nehmen, aber die war
ja so gut wie versprochen mit dem Steuereinnehmer Mller, das ging
doch nicht und da nahm er dann die Aelteste von Kaufmann Milberg am
Markt. Ob sie in das Gewese hineinpat, darber sind die Ansichten
verschieden, ich will aber nichts gesagt haben, nicht das Leiseste, sie
kann sich ja noch gewaltig ndern. Und das wollen wir hoffen. Und wer
wei, ob es ein Glck fr Mller ist. Und Bcker Lorenz...

[Illustration: Mnner beim Kartenspiel]

Liebe Tante, ich habe ein Flschchen, unangebrochen, darf ich es Ihnen
anbieten?

Ach nein, das kann ich ja gar nicht verlangen, und das ist ja auch
nicht nthig, wenn ich meine Tasche wieder habe.

Vielleicht hat sie Jemand mitgenommen, der sie gebrauchen kann.

Oh, oh! das kann doch nicht angehn? ^Meine^ Tasche? Er wird doch
nicht, mit Erlaubni zu sagen, meine Zahnbrste gebrauchen?

Wir kaufen eine neue.

Nein, nein. Meine ist von Viedt in der Kuhstrae, ich bin nun mal an
Viedt seine gewhnt, schon beim alten Viedt. Der junge Viedt arbeitet
ebenso solide wie der alte Viedt. Der alte Viedt war gediegen, aber
der junge Viedt ist es auch. Das mu man ihm nachsagen. Ueberhaupt die
Viedt's: ich sage immer, solche Brsten wie Viedt's ihre findet man
nirgends in der Welt; sie halten Jahre. Was sage ich, Jahre? Jahrende.

Wenn die Tasche aber weg ist?

Sie findet sich wohl wieder an. Wir mssen blos das Nachfragen nicht
vergessen. Ist Jemand hin? --

Meinem Karl machte weder die Taschenjagd Vergngen, noch hatte er Sinn
fr Tante Linas chronisches Gedchtni. Sie wute von allen Verwandten
und Bekannten, wen sie geheirathet, wann sie geheirathet, wann und was
fr Kinder geboren, wann und wen die geheirathet und wer gestorben und
wann und wo, und ob etwas hinterlassen wurde oder Schulden, und von den
Cousinen kannte sie wieder die Cousinen und wen die geheirathet und
wann und mit wie viel.

Karl, sagte ich, als er brummte, jedenfalls ist die Behlterigkeit
der alten Dame anzuerkennen.

Wie so? Sie thut ja nichts, als sich mit Familienmuff vermffeln.

Lohengrin und sein Schwan kommen nicht in ihre Gegend, also was bleibt
ihr? Und auerdem hat sie Moneten. Und in ihren Briefen schrieb sie,
sie wollte Berlin gerne sehen, ehe sie ihr Testament machte. Das ist
ein Wink, Karl. Wenn man sie richtig nimmt, vermacht sie ihr Vermgen
den Enkeln, die doch studiren mssen.

Ich schleiche nich erb, lehnte er kurz ab. Die Tante mag sich bei
uns wohl fhlen, das wnsche ich, aber ihr Schwgerschaftsgeklne
auszuhalten, habe ich nicht kontraktlich. Und det sie mich noch einmal
mit Lieferanten aus der Kuh- und Klberstrae, werde ich auch de.

Wenn Viedt aber doch die besten Brsten macht?

Kommst Du mir auch schon mit dem? Ich verbitte mir Viedt ein fr alle
Mal.

Wer fngt von Viedt an? Du fngst von Viedt an. Und was geht mich
Viedt an? Warum fhrst Du nicht mit Tante Lina nach Treptow, ihr
Welteindrcke beizubringen?

Nein, mein Kind. In einem Coupee mit Tante Lina und Viedt und
Kompagnie und nicht herausknnen... ich wrde rasend.

Du rasest nie, mein Karl. Du bullerst selten genug auf. Ein Mann mu
geeignet dazwischen fahren, die Umgebung auf den Trab zu bringen.
Dorette wird obstinat, mein Karl, wegen Tante Linas Eigenheiten.

Ich meinte, sie wre anspruchslos.

Aeuerlich. Sie strubt sich allerdings mit vielem Gerede gegen
Umstndemachen, aber wenn nicht jegliches auf den Tippel nach ihrem
Kopf geht, nimmt sie's bel.

La sie knurren.

Sie bleibt immer gleichmig zurckhaltend und duldsam und zwirnt Dir
blos eine bezgliche Geschichte aus der Gevatterschaft vor, ganz lang
und ganz langsam mit Spitzen darin, ein Schleppkleid zu garniren. Du
hast Deine Pillen weg und weit nicht wie, und die alte Dame verzichtet
lchelnd auf Dank.

Das ertrgst Du kaltbltig?

Ich leide fr die Enkel, besonders fr Fritz, der schon jetzt
Anzeichen von Rechtsbewutsein uert, indem er sich nichts nehmen
lt. Und wer kann heutzutage Assessor studiren, ohne eine Erbtante in
der Hinterhand?

Warum kein Geschft ergreifen? Du siehst doch auf der Ausstellung, da
auer den Studirten auch noch Leute leben. Und wie hoch steht der Mann
da, der aus eigener Kraft der Stadt und dem Staate zur Ehre gereicht!

Der Jurist steht hher. In Moabit trifft sich zuletzt Alles. Die
Seelenseligkeit kriegst Du nur durch den Geistlichen und Dein Recht
nur durch den Juristen. Der Geistliche kriegt keinen Juristen in den
Himmel, aber der Jurist bringt den Geistlichen in's Loch, je wie die
Verhltnisse liegen. Nein, Fritz studirt Rechtsgelehrtheit, dann ist er
allen Stnden ber. Der Junge ist ja so s.

Er macht den Eltern mehr Verdru als Franz.

Weil sie den Knaben nicht verstehen. Wer sich Zwillinge leistet, darf
keinen von Beiden vorziehen. Gleiche Wsche und gleiche Liebe. Also was
haut Er Fritz?

Weil der Bengel sagte, ein Hund htte ihm die Hosen zerrissen, worauf
der Vater nach Biwunden sucht und findet, da Fritzchen gesohlt hat.
Warum log er?

Um von Jemand Strafe abzuwenden.

Von wem denn?

Nun von sich selbst. Ihm war das Malheurchen beim
Treppengelnderrutschen passirt, was sie ja eigentlich nicht sollen.
Aber anstatt sich ber das Talent des Kindes zum Advocaten zu freuen,
drauf losgedroschen, wie auf kalt Eisen. Und ich sage Dir, ehe Tante
Lina Berlin verlt, hat sie Fritzchen in ihr Herz und ihr Vermchtni
geschlossen.

Deine gromtterliche Verblendung geht zu weit. Warte doch ab, was die
Zeit bringt.

Die Zeit lt sich zu viel Zeit. Die Karre geht nur, wenn sie
geschoben wird. Nchstens machen wir eine groe Kinderpartie nach
der Ausstellung, Tante Lina als Mittelpunkt, damit sie Gelegenheit
hat, Fritzchen lieb zu gewinnen. Uebrigens frage doch wieder nach der
Tasche. Wie wre es, wenn der Knabe sie der Tante berreichte?

Mit einem Prolog? Wilhelmine, ich kenne Dich kaum noch. Was hast Du?

Karl, viele Freuden des Daseins machen erst dann Freude, wenn sie
glcklich berstanden sind. Die Ausstellung dauert noch bis zum
Oktober. -- Adje, sagt er.

Ein Glck, da er in der Fabrik schlft. Tante Lina steht schon um Vier
auf und Dorette mu heraus und ich mu heraus. Ottilie liegt wegen
ihrer Nerven durch bis sieben. Natrlich zweimal Kaffee trichtern.
Tante Lina it bei sich zu Hause um zwlf Mittag, wir essen um
dreien. Sie geht frh spazieren, traut sich aber nicht allein auf die
Strae. Ich mu mit nach dem Friedrichshain. Mein Mann trinkt den
Kaffee mit Ottilie. Er findet ihre Augen hbsch. Und dabei soll man
Ausstellungsberichte schreiben.

Aber wozu ist Kriehberg?

Ihn allein mit Ottilien durch die Gefilde Treptows streifen zu lassen,
das geht nicht, bewacht jedoch Tante Lina sie als Schutzgeist, kann ich
ruhig sein. Sie hat so runde betriebsame Augen, und hrt auch gut fr
ihre Jahre, die an den Fltchen im Gesichte kenntlich sind, namentlich
auf der Stirn. Auch marschiren kann sie rstig. Das regelmige Leben
in der Abgeschiedenheit macht alt und dauerhaft. --

Herr Kriehberg hat mir Beschreibungen von den Baulichkeiten der
Ausstellung gesandt, sogar mit Entwrfen, sauber ausgefhrt auf
Glanzleinewand, metergro, wofr ich ihm die Auslagen erstatte,
obgleich sie so nicht zu verwenden sind, es sei denn als
Hochzeitsgeschenk fr einen Baubeflissenen.

Anfangs tadelte Kriehberg sehr, jetzt ist er zu der Einsicht gelangt,
da die Bedingungen der freien Entfaltung Hemmschuh anlegten und selbst
er unter solchen Umstnden die schwierige Aufgabe nicht glcklicher
gelst haben wrde. Wo war auch wohl je auf einer Ausstellung ein
Gebude, durch das mitten hindurch eine garnicht mal nothwendige
elektrische Eisenbahn fhrt, wie durch den Riesenbau fr Unterricht und
Erziehungswesen, Gesundheitspflege und Wohlfahrtseinrichtungen und es
so zerschneidet, da man vom Vorderen zum Rckwrtigen ber eine Treppe
hinauf und hinab steigen mu? Hier wird gezeigt, wie elektrische Bahnen
angelegt werden knnen: immer durch die Huser, wo welche im Wege
stehen und nicht erst Tunnels unter der Strae buddeln oder Hochbahnen
an den Etagen vorber, da jeder sich scheniren mu, halb angezogen
ein Vorderzimmer zu betreten, wenn der Draht versagt und die Fahrgste
pltzlich vor den Fenstern halten und das Privatleben bekritteln.

Leicht falich war Kriehbergs Arbeit nicht, zumal er mit verschiedenen
Standpunkten kommt und massiv im Ausdruck wird. Was ihm unschn
erscheint, das fllt Tausenden nicht auf und warum Kunstblinde sehend
machen, da sie sich in ihrem Zustande wohlig fhlen? Wird nicht an
allen Ecken und Kanten hinreichend zur Unzufriedenheit aufgestachelt?
Dies ist nicht mehr gut genug und das taugt nicht mehr, dieses ist
veraltet, jenes unzeitgem, darum weg damit, als der Menschheit
unwrdig. Nun kommen die Gewaltsbeglcker mit ihren Plnen, die passen
wie ein Paar sechsfach patentirter Schuhe aus ausgesuchtestem Leder,
blos mit dem einen Fehler, da sie nicht nach Maa gearbeitet sind.
Wer darin vorwrts will, den kneifen sie und statt der versprochenen
goldenen Berge hat er eine Hhneraugenzucht. --

Die Spreu vom Weizen zu sondern braucht' ich Ruhe und Sammlung.

Tante Lina und Ottilie muten fr einige Stunden unschdlich gemacht
werden.

Sie gingen auf meinen Vorschlag ein, die Residenz in Augenschein zu
nehmen, die Denkmler, die Palais, die neuen Stadttheile und was sonst
fr Fremde in den Fhrern aufgezeichnet ist, vom Abgeordnetenhaus an
bis zum Zellengefngni. Ich verfrachtete sie in einen distinguirten
Taxameter und erklrte ihnen den Sprechanismus. Es gefiel Tante Lina
ungemein, da man keinen Nickel mehr zahlen braucht, als der Apparat
beziffert. Als ich in die Nhschule ging, sagte sie, bei Madame
Werner, die konnte so fein spinnen wie Seide, da hatten wir einen
Haspel, woran man sehen konnte, wann fnfzig Touren herum waren beim
Garnwinden. Wenn man nicht aufpate, gab es doppelte Strhnen und
dann schalt sie. Dies ist wohl auf die nmliche Art von dem nmlichen
Drechsler?

Der Kutscher versprach mir, die Damen auf das Sehenswerthe aufmerksam
zu machen und fuhr mit ihnen ab, zunchst nach der Koppenstrae wegen
der Tasche.

Ich athmete auf. Endlich Ungestrtheit, den Bericht ber
Ausstellungsarchitektur zu erledigen, wenn ich auch einsah, da
ich wenig von Kriehberg benutzen konnte, hchstens wo er sich in
Renaissance oder frhe und spte Gothik versenkt und von Risaliten
spricht und Fialenwerk, Profilirung, Friesen, Motiven, Originalitt,
Rabitzwnden, Stabilitt, Blenden, Dachreitern, Krabben u. s. w. Was er
in gewhnlichem Deutsch schreibt, darber lt sich streiten und ich
will mich hten, hinterher fr seine Ansichten verantwortlich gemacht
zu werden. Etwas mu ich von seiner Arbeit verwenden, denn es geht
ihm nicht besonders, da er nach Vollendung der Ausstellung mit einem
Viertelsposten vorlieb nehmen mu. So baronisirt er wenigstens nicht
gnzlich.

Ich war Willens, den Bericht mit sachlichem Ernst zu beginnen, aber du
lieber Gott, sonne Architektur! Man hat wohl Tinte in der Feder, schne
schwarze Tinte und stippt nochmal ein und nochmal, aber Bauliches
fliet nicht heraus. Man sinnt und stippt wieder ein. Allein schon
die Ueberschrift. Eine gute Ueberschrift ist der halbe Aufsatz. Soll
man sagen: Ueber Gebude oder Architektonische Wanderungen oder
Sommerwohnungen des Gewerbes oder Vom Palast zum Wigwam, um die
Wilden mit hineinzunehmen und gleich das Mchtige des Hauptrestaurants
anzudeuten? Nicht schlecht schien mir: Die Wunder des Gipses.

Nach langer Ueberlegung entschied ich mich fr Das Husliche auf der
Ausstellung, weil mit Haus alles bezeichnet werden kann, sowohl die
Moschee wie der Katalog-Kiosk und wollte grade losorgeln, als Tante
Lina und Ottilie zurckkehrten.

Schon? fragte ich.

Ueber eine Stunde ist genug, antwortete Tante Lina. Blos Geld
verfahren, dazu hat man es nicht.

Und wie gefllt Ihnen das neue Berlin?

Berlin? fragte sie nach. Man sieht ja nichts von Berlin. Nein, ich
kann nicht sagen, da ich was von Berlin gesehen htte.

Hat der Kutscher sie denn um die Stadt herum gefahren?

Das glaube ich nicht.

Und Du, Ottilie, Du freutest Dich doch so ungemein auf die Fahrt. War
sie denn nicht entzckend?

O ja, antwortete sie, als wre das Ja eine Gummistrippe.

Hat der Kutscher nicht beim alten Fritzen gehalten und bei Wrangeln
und den brigen Plastizitten?

Die Uhr ging ja auch weiter, wenn er hielt, sagte Tante Lina spitz.
Es ist Alles Betrug. Fr's Halten kann man doch nicht bezahlen?

Welche Uhr?

Das runde Dings am Kutscherbock. Wir haben genau Acht gegeben, nicht
wahr, Ottilie?

In einem fort.

Bis es mir zu theuer wurde, da mute er umwenden.

Also blos auf die Uhr haben Sie gesehen? fragte ich erregt. Blos auf
den Fahrpreisanzeiger und nicht rechts und nicht links? Da haben Sie ja
vllig nutzlos im Wagen gesessen! Fr mich fgte ich hinzu: Was sagt
Berlin zu solchen Kunden?

Immer wurden es zehn Pfennige mehr, warf Tante Lina mir vor. Wie
sich das ansummt.

Man wendet kein Auge von dem Zeiger, suchte Ottilie sich zu
entschuldigen, die meine Entrstung merkte, ob man will oder nicht.
Wie magnetisirt.

[Illustration: Blick auf den Fahrpreisanzeiger]

Gewi, sagte ich, dazu sind die Zhldroschken extra erfunden. Das
nchste Mal nehmt Ihr keinen Weilackirten, sondern einen einfach
Schwarzen.

Und dann fahren Sie mit, sagte Tante Lina, und zeigen uns Alles,
damit ich zu Hause erzhlen kann, wie Berlin eigentlich aussieht.
Die Zwei Mark vierzig heute sind rein weggeschmissen. Gut, da
Oberlehrer Kranz das nicht erfhrt, der behauptet immer, Frauen
knnen nicht rechnen. Seine Frau versteht es allerdings nicht, sie
giebt viel zu Unnthiges aus; ihr Vater machte bankerott; das Geld
lag in der Ofenrhre, und wer was brauchte, nahm welches, das konnte
nicht bestehen. Und mehr als knappe Aussteuer brachte sie nicht mit.
Kranz giebt ihr nie ber drei Mark, aber die Leute sagen, sie lt
anschreiben. Er htte sich besser mit Viedt's Tochter gestanden,
Viedt's stehen sich breit...

Bitte, entschuldigen Sie mich; ich mu in die Kche. -- Halb
verzweifelt flchtete ich ins Kontor.

Was ist? Was giebt's? fragte mein Karl bestrzt, als ich, dem Weinen
nahe, auf das Kanapee sank.

Viedt, sthnte ich.

Armes Weib.

Karl, eine Postkarte! Ich schreibe der Redaction: auf Architektur
mte sie Umstnde halber verzichten. Aber spotte nicht. Ich bin so
mrbe, so mrbe.

Minchen, weit Du 'was? Wir Beide ganz allein machen hinaus
nach Treptow. Ich habe im Weinhus'l einen vorzglichen Tropfen
ausbaldowert. Wir ganz allein, Minchen.

Ja, mein Karl. Sicherer wre am Ende nach dem Grunewald. Aber wie Du
willst.

Es giebt doch keinen heilenderen Balsam als ein liebendes Wort. Das
empfand ich so recht einmal wieder.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Ein freier Tag.


Wenn es gewittert, frchtet Tante Lina sich. Dann kriecht sie ins Bett.

[Illustration: Tante Lina kriecht ins Bett]

Ottilie sagt, der Strau macht es ebenso. Ich wei nicht, ob der sich
auch das Kopfkissen ber die Ohren zieht, um den Donner nicht zu hren
und bei jedem Blitz aufjucht wie Tante Lina, wrde es ihm jedoch
nicht bel nehmen, wenn er es thte, weil er als Wstenvogel fr die
neueren Erfindungen kein Verstndnis hat, wie man von Mitgliedern des
neunzehnten Jahrhunderts verlangen kann.

Tante Lina lebt und liest in der Jetztzeit und mte daher wissen, da
Gewitter auch im Kleinen mittels Elektrisirmaschinen hergestellt werden
knnen, wie Ottilie ihr beruhigungs- und aufklrungshalber aus Krger's
Lehrbuch der Physik vorgelesen hat, worin ein Papphuschen abgebildet
ist, das durch den positiven Funken auseinanderklappt.

Bei dem geringsten Gewitterverdacht bleibt sie daheim und bei dem
ersten fernen Grollen des Horizonts flchtet sie in die Federn.

Mein Karl findet das altfrnkisch; Ottilie meint, es wre Idiosynkrasie
gegen elektrische Spannungsverhltnisse, obgleich im Meyer unter diesem
Worte mancherlei steht, was ich von Tante Lina unmglich annehmen
kann und sich auch mehr in Widerwillen gegen Speisen uert, der
mir bis dato bei ihr nicht aufgefallen ist. Dorette beschwert sich
ber das mehrfache Bettenmachen, zumal wenn mehrere Gewitter am Tage
sind, und schilt Monologe. Ich fr meine Person behaupte, es ist das
Alleinstehende, das sie ins Bett treibt.

Wenn es so recht graulich wird, beinahe Nacht am Tage, und ein Blitz
fngt an, den anderen zu berbieten und das Rollen wird zum Knattern,
dann gehe ich zu meinem Karl, oder er kommt zu mir, und ich fhle mich
geborgen, denn ohne etwas Bnglichkeit ist man doch nicht, wenn Blitz
und Schlag eins sind und man sich sagen mu: es steht gerade ber uns,
mit den dunklen Wolken, den Schwingen des Todes. Gottlob, wenn sie
verschweben und der Himmel lichtet sich wieder.

Warum Tante Lina sich unvermhlte, danach frage ich sie nicht.
Vielleicht, da Solche warben, die weniger sie, als ihr Vermgen
begehrten, vielleicht, da sie sich zu lange jugendlich dnkte,
und als sie sich besann, mit Schrecken bemerkte, da sie bereits
zu den Kaltgestellten zhlte. Und dann ist das Assortiment der
Heiraths-Candidaten in kleinen Stdten meist nur gering kompletirt, und
ist keiner darunter, fr den das Herz schlgt: warum den Prediger zu
einer Traurede verleiten, die zum Hllensegen wird anstatt zur Segnung
irdischen Glcks?

Und darum geht Tante Lina ins Bett, wenn es donnert.

Man darf die Schwchen seiner Nebenmenschen eigentlich nicht ausnutzen,
aber wozu sind sie da, wenn sie nicht verwendet werden sollen? Als es
wieder hei und schwl war und Tante Lina ihre Zuflucht zur Baba nahm,
weil sie das Gerummel eines Bierwagens in Kinderberfahrgeschwindigkeit
fr die Stimme der erzrnten Vorsehung gehalten hatte, sagte ich zu
meinem Manne: Karl, sie liegt fest, ich habe frei. Was meinst Du,
wenn wir zwei Beide alleine gingen? Ottilie sucht die Tante Lina mit
dem Physikbuch zu bekehren und hat auch noch Briefe zu schreiben. In
den nchsten Tagen kommen Ungermann's und dann Kliebisch's ... Die
Gelegenheit ist heute gnstig.

Ich mu so wie so hinaus und nachsehen, ob der letzte Regen meiner
Ausstellung Schaden zugefgt hat. Der Reichsadler aus den schwarzen
Socken auf weiem Grunde reicht dicht bis an das Glasdach.

Und die Blauholz-Brhe luft in Strhnen herunter?

Nicht doch, die Strmpfe sind goldecht gefrbt.

Wie Dein Herz, mein Karl. Nein, Du stellst nichts Unredliches aus,
selbst nicht in der dekorativen Verzierung. Dir mte die Stadt eine
Statue setzen.

Unter einer halben Million thte die es schwerlich. Und noch leb' ich
ja, und heute wollen wir vergngt sein.

Nicht so laut, Karl! Du scheuchst Tante Lina auf. Seit einer
Viertelstunde bullert kein Wagen, der sie niederhielte. Aber weit Du
was...?

Ich hinaus nach der Kche und die Blechplatte geholt worauf ich
familire Konditorwaare backe, und die zum Gewittermachen gebraucht
wurde, wenn die Kinder Puppen-Theater spielten, wie Onkel Fritz ihnen
gezeigt hatte.

Karl, fa' es an den Ecken oben an und schttle es; erst langsam, dann
mit zunehmender Gewalt und dann ganz balbarisch.

Er bte einige Male bei verschlossener Thr, und als er es konnte,
brachte er auf dem Gange einen so natrlichen Donner heraus, da ein
staatlich angestellter Metereologe nicht im Stande gewesen wre, ihn
von einem echten zu unterscheiden.

Sogar Dorette eilte herbei und fragte, ob es eingeschlagen htte.

Ich reichte ihr das Blech und sagte, der Herr htte ein neues
Rostschutzmittel probirt, weil sie das Geschirr nach dem Aufwaschen
nie ordentlich austrocknete, worauf sie mit lnglicher Gesichtsbildung
abzog.

Wir haben aber gelacht, mein Karl und ich. Nein, wie haben wir gelacht!
Immer wieder, und uns Tante Lina ausgemalt, wie sie sich ins Bett
eingrbt und die Ohren verpanzert. Und lachenden Sinnes verlieen wir
das Haus wie die groen Kinder.

Wir hatten ja einen freien Tag.

Uns lchelte das Glck. An meines Karls Aufbau war der Regen
vorbeigeglitten, um einen Konkurrenten einzunssen; der Adler prangte
siegreich in seiner ganzen knstlerischen Schnheit. Wir betrachteten
die Sndfluth nebenan, denn kein Mensch ist so hartherzig, da ihn das
Migeschick seines Nchsten nicht zur Begutachtung einlde und als wir
den Schaden verhltnimig gering fanden, waren wir zufrieden. Es
htte uns ja das Nmliche blhen knnen.

In dem Hauptgebude naschten wir hier und da im Vorbergehen an den
gewerblichen Leistungen und strebten dem Freien zu. Im Grnen sitzen,
das schne Konzert der badischen Leibgrenadiere aus Karlsruhe anhren,
das war unser Plan. Sie spielen ausgezeichnet, auch ltere Stcke aus
altmodischen Zeiten, die mir besser gefallen, als welche die Jngeren
machen. Die fangen an, die Musik windet und krmmt sich, und wenn man
meint, nun kommt da 'was, ist die Geschichte aus.

Der Blick auf das weie E- und Trinkschlo mit dem Wasserthurm ist
bei Nachmittagsbeleuchtung einzig. Von der Sonne angeglht, hebt
es sich italienhaft von dem blauen Himmel ab, und spiegelt sich
in dem See, den Gondeln und Barken beleben. Auch die in den Park
hereingeleitete Spree mu verdienen helfen, und das thut sie, indem
Hunderte sich fr einige Nickel nach dem Karpfenteich hin und zurck
wricken lassen. Da ich ebenfalls Gelste uerte -- Wasserfahrt mit
Walkrenritt-Orchesterbegleitung ist eben zu ideal -- willigte mein
Karl ein, aber gerade, als er die Schwimmscheine fr uns lsen wollte,
redete ihn ein Herr an.

Endlich erwische ich Sie, sagte der.... Kommen Sie man gleich mit.
Sie haben mir versprochen, unseren Pavillon zu besuchen; jetzt hilft
kein Struben.

Mein Karl stellte ihn vor: Herr Schulz, stdtischer Beamter, Freund
vom Stammtisch.

Dieser Zusatz wirkte vergllend, denn alle Erfahrungen die ich bis
dato mit diesem Mbel gemacht habe, sind unerfreulich. Ich halte
den Stammtisch fr eine Art Magnet, der nichts Gutes an sich zieht,
wodurch die Besseren verdorben werden und sollte thun als wenn ich mich
geschmeichelt fhlte. Diesem zu entgehen sagte ich: Wir wollten gerade
ein wenig gondeln.

Das ist bei Abend viel schner, entgegnete Herr Schulz, und wir
machen um Achten zu. Gehen wir geflligst.

Sich mit stdtischen Beamten anlegen, halte ich fr riskant; ich fgte
mich daher, als htte das Gesetz gesprochen. Auch kam mir unwillkrlich
der Gedanke: sollte dieser Schulz wohl gar die Strafe fr den Unfug
sein, den wir mit Tante Lina getrieben?

Es giebt eine Nemesis, nur da der Eine frher hineinrennt, der Andere
spter. Aber gerannt wird.

Herr Schulz hakte meinen Mann unter und zog ihn wie einen Arrestanten
vorwrts. Ich folgte, bis vor einer Einbuddelung mit Mauerarbeit
gehalten wurde.

Nur heran, sagte Herr Schulz. Nur heran, Madamchen. Hier knnen Sie
sich mit dem Haupt-Kanalisationsrohr der Stadt Berlin anfreunden und
Ihre geehrten Vorurtheile gegen die Rieselfelder ablegen. Oder gehren
Sie schon zu denjenigen, welche eine hhere Stufe erklommen haben und
nichts gegen den Kohl einwenden, den wir bauen?

O nein, erwiderte ich mit einiger Anstrengung zu lcheln.

Schnecken. Womit die Stadt am meisten zu kmpfen hat, das ist der
Unverstand. Sehen Sie dieses Rohr aus besten Klinkersteinen -- bitte
treten Sie ein -- stellt die unterirdische Leitung dar, durch das die
Abwsser entfernt werden. Hier an der Seite die Hausanschlsse. In der
Mitte der Einsteigeschacht.

Wir also hinein in das Rohr. Es war trocken und propper, worauf es beim
Gebrauch allerdings keinen Anspruch macht, aber trotzdem war ich froh,
als wir es nach Herrn Schulz Meinung hinreichend kennen gelernt hatten.
Wir waren doch gekommen, um uns zu vergngen. Und Kanalisation ist kein
Vergngen.

Hierauf muten wir uns die Filteranlage gefallen lassen, woran der
Fachmann sieht, wie das Trinkwasser fr Berlin gereinigt wird.
Fr die Stadt und ihre Bewohner ist dies von grter Wichtigkeit,
Epidemien hngen davon ab und Armenpflege. Aber wenn man Lust hat,
fein zu speisen, schwindet das Interesse an den unterirdischen
Wohlfahrtseinrichtungen.

Mein Karl und Herr Schulz lagen bei der Besichtigung bald in
Meinungsverschiedenheiten und fochten, wie mir schien, alte
Stammtischscharmtzel ber die Stadtverwaltung aus.

Zuletzt legte ich mich ins Mittel und fragte, ob die Herren keinen
Durst versprten?

Erst das Geschft, entgegnete Herr Schulz, und dann die Weie. Sehn
Sie, Buchholz vertritt die Abfuhr an unserem Tisch...

Karl, nahm ich strenge das Wort, um Herrn Schulz darauf zu stoen,
da er Rcksicht auf meine weibliche Anwesenheit nhme, Karl, was geht
Dich die Politik an? Du gerthst noch so tief hinein, da wir von dem
schnen Abend nichts mehr haben. Verzeihen Sie, Herr Schulz, unsere
Absicht war, uns zu amsiren.

Sollen Sie auch. Kommen Sie man mit. Buchholz macht uns jedesmal
Opposition im Bezirksverein, das mu ihm ausgetrieben werden.

Ich war emprt. Aber ein stdtischer Beamter...!

Der Pavillon der Stadt Berlin gefiel mir. Auen ansehnlich und inwendig
luftig und sinnvoll gemalt, gestattet er dem Steuerzahler einen
Einblick in die Mhewaltung der Oberleitung fr das Gedeihen und die
Entwickelung der Residenz.

Sind dies Telephondrhte? fragte ich bei einem Plan, in den Stbe
gestochen waren, von denen feine Fden nach einzelnen Punkten gingen,
kurze und lngere.

Sehen Sie's man grndlicher an, forderte Herr Schulz auf. Das sind
nmlich die Schulwege, wieweit die Kinder zu laufen haben, bis sie an
die fr sie bestimmte Bildungskrippe gelangen.

Da haben manche eine gehrige Ecke.

Irgendwo wohnt man in der groen Stadt immer weit ab, sagte Herr
Schulz. Aber Sie sehn, wie durch solche Plne Licht in die Sache
dringt und darauf hin, wie es nur geht, Aenderung geschaffen wird.
Jedoch wird trotzdem auf die Verwaltung geschumpfen.

Fllt mir gar nicht ein, erwiderte mein Karl. Ich behaupte ja blos:
vom national-konomischen Standpunkt ist Abfuhr einbringlicher...

Karl, bist Du parlamentarisches Fractionsmitglied, da Du denselben
Ekel immer wieder aufrhrst? Also Schlu. -- Und was ist dieses?

Handarbeiten der Blinden, aus der stdtischen Anstalt.

Ich betrachtete die Sachen. Wie sauber das Geflochtene und Gehkelte
und die Pantinen und was sie Alles herstellen! In ewiger Nacht mit dem
Tastsinn gearbeitet! Und viele, viele, die ihr Augenlicht haben, sind
faul und ungeschickt. Fhrt sie her, da sie sich schmen.

Aus den verschiedenen Fortbildungsschulen sind Fachleistungen
ausgestellt. An die Stellen der Handwerksmeister sind Schulen getreten.
Wie die Zeiten sich ndern. Ich hatte keine Ahnung davon, wie die Stadt
in diesem Sinne sorgt und strebt. Gut, da man es hier gewahr wird,
wenn auch, wie es ja nicht anders durchfhrbar, blos in Proben.

Herr Schulz, sagte ich, wenn ich eben solchen Hut trge, wie mein
Mann, wrde ich ihn hochachtungsvoll abnehmen. -- Mein Karl lftete
pflichtschuldigst seinen spiegelblanken Cylinder, neu aufgebgelt,
ohne die kleinste Krampfader darin, den er zur Erhhung der Festfreude
aufgesetzt hatte.

Lassen Sie den Tintenproppen man sitzen, Buchholz, entgegnete Herr
Schulz. Besser reden Sie am Stammtisch weniger Unsinn.

Wenn Jemand Unsinn redet, liegt es am Hrer, fuhr ich auf.

Stimmt! Es giebt Horchlappen, die auf Vernunftgrnde nicht reagiren,
sagte Herr Schulz.

Wie die geehrten Ihrigen, wischte mein Karl ihm aus.

Ich wollte auch noch einen Satz hinzufgen, aber die Beiden sahen
sich an und lachten. Es war nur eine kleine Neckerei gewesen, ein
sogenanntes Wortgefecht ohne tdtliche Beleidigung, wie sie, hieraus
zu schlieen, unter sich gewohnt sind.

Herr Schulz erklrte uns das Rieselfeldmodell, die einzelnen
Ackerflchen, wo Getreide gebaut wird und wo Gemse und wie das
Pumpstationswasser durchsickert, da es klar und rein wird und selbst
Goldfischen zum Aufenthalt dient, ohne da sie an Typhus zu Grunde
gehen, wie zwei lebende Beispiele kund thaten. Fischen ist bekanntlich
in Gedichten und kleineren Erzhlungen immer wohl, allein wer sagt,
ob sie in Wirklichkeit nicht doch schon Leibschneiden oder Kollern
haben, da sie in eins weg blos Glupaugen machen? Ich kenne nichts
Melancholischeres als Goldfische.

Muntere Thierchen, nicht wahr? sagte Herr Schulz, als er sie wieder
wegthat.

Schon mehr Schlummerkpfe mit Flossen! wollte ich antworten, aber
ich nahm eine andere Wendung. So darf man stdtischen Beamten doch
wohl nicht kommen? Was ist dieses inmitten der Rben und Radieschen?
fragte ich, dies Rothe und Weie?

Wenn ich Ihnen das sage, das glauben Sie ja doch nicht.

Versuchen Sie's!

Das sind nmlich Rosen, Damascener Rosen und daraus wird hier in
Berlin in der >Rothen Apotheke< Rosenl destillirt.

Was Sie sagen!

Sehen Sie, wie ich schon wute, kein Deibel will's glauben. Und doch
ist es so. In Sachsen fingen sie mit den Rosenpflanzungen an und wir
versuchen es jetzt auch mit Erfolg. Denn das deutsche Rosenl wird in
Paris um die Hlfte theurer bezahlt als das beste trkische, weil es
mehr hergiebt, feiner ist und garantirt unverflscht. Was sagen Sie
nun?

Ich war stumm. Dann rief ich verwundert aus: Karl, was wir so nach
Osdorf rieseln, wird Rosenl! Das bersteigt die khnste Phantasie.

Einfache Ausnutzung der Naturkrfte durch Stadtverordnete, weiter
nichts, sagte Herr Schulz mit bescheidenem Stolz, der hier auch am
Platze war, wenn man bedenkt, da die Behrde aus Abscheu kstlichen
Rosenduft gewinnt, whrend die jngste Dichterrichtung das Leben aller
Krnze entkleidet und die Menschheit mit Sielschlamm begiet.

Die Riesen-Riesel-Kartoffeln, Kohlrabi, Salat, Hafer, Roggen- und
Weizenstauden fesselten uns ebenso sehr wie die goldverzierten
Flschchen mit der Rosenessenz und, eh' wir es uns versahen, war Schlu
des Pavillons. Wir dankten Herrn Schulz, der darauf bestand, uns zu
einer Weien einzuladen, die wir ihm als stdtischem Beamten nicht
abschlagen durften.

Mein Karl hatte eine kleine Verschwendung bei Dressel und Adlon nach
der Gondelung vorgehabt, die fiel jetzt in Weibier mit Slzcotelette
und Bratkartoffeln, was durstlschend und sttigend war, wenn auch ohne
die immense Vornehmheit, die wir uns dort unter den Spitzen Berlins
angethan htten.

Wir bauten daher bald ab. Herr Schulz erluterte uns noch die
Straenpflasterung und kam dabei wieder unter die Erde auf die
Rohrlegung, und die Kabbelei von vorhin stand vor erneutem Ausbruch.
Der Vernnftige aber zieht rechtzeitig vor dem Streit Leine. Ich sagte:
Wir gehen! Auf dem Heimwege fragte ich: Was Tante Lina wohl macht?
Das Wetter hat sich wundervoll gehalten.

Hoffentlich hat sie nichts gemerkt, sagte mein Karl.

Als wir zu Hause anlangten, war weder Tante Lina vorhanden noch
Ottilie. Dorette, rief ich, Dorette, wo sind die Damen?

Mit einen jungen Herrn ausjefahren. Was die Tante is, meinte, mit den
einen dollen Schlag wre das Gewitter wohl alle jewesen.

Wer war der junge Herr?

Kennen duh ick'n nich, aber die Freilein Ottilie, die schien als
wenn't en intimer Freind von sie sein dhte.

Es ist gut, Dorette, Sie knnen gehn.

Ob es der junge Mann von neulich war? Oder ein anderer? Tante Lina und
Ottilie haben sich auf ihren gemeinschaftlichen Gngen sehr aneinander
geschlossen. Man htte sie nicht ohne Aufsicht lassen sollen.

Karl, rief ich. Da haben wir uns was Schnes zusammengedonnert.

Deine Idee, Minchen.

Du thust sonst doch nie, was man Dir sagt. Warum denn gerade heute den
Unsinn?

Gute Nacht, Minchen. Weit Du, das Schlafen in der Fabrik hat doch
etwas fr sich.

Er ging. Ich wartete auf den rckstndigen Hausbesuch. Als sie endlich
kamen, that ich, als sei ich nicht im Geringsten neugierig. Ottilie
erzhlt mir von selbst bei Gelegenheit haarklein, was war. Und
verschweigt sie den jungen Mann, zwick ich ihn aus Tante Lina. Was zwei
Weiber wissen, ist so gut, als htte die Dritte es schriftlich.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Kindervergngen.


Als Gromutter ist man den Enkeln schuldig, ihre jungen Seelen mit
Geistessmereien frs Leben zu bestellen und, da ich ihnen von den
Lwen und Elephanten und den Eisbren erzhlt hatte, die, wenn sie auch
weniger ins Gewerbliche, so doch ins Verdienliche schlagen und deshalb
ausstellungsberechtigt sind, lieen die lieben sen Wesen keine Ruhe,
bis der Vater schalt: Hat sie Euch den Kopf voll geschwatzt, scheert
Euch zu ihr, ich gebe bei den schlechten Zeiten kein Geld fr Allotria
her.

Dies vernahm ich unbemerkt im Nebenzimmer sitzend, auf meine Tochter
wartend, die zu ihrer Schneiderin geeilt war, um bei der verabredeten
Kinderpartie ihren Stand tadellos zu vertreten. Und beispiellos billig:
einfach ein lteres Schwarzes aufgedoktert, mit einem maigrnseidenen
goldgestickten Schultereinsatz durchaus nicht auffallend knallig,
sondern hochdezent, nebst schwarzgarnirtem Hut, aus dessen Federn und
aufgerichteten Schleifen schmale, ebenfalls maigrne, mit Goldlitze
eingefate Sammetbndchen hervorlugen, so da durch die Mitwirkung
ihres rosigen Teints meine Tochter in dieser Zusammenstellung sich als
sogenannte Farbensymphonie sehen lassen kann.

Und dies Vergngen wollte der eigene Gatte stren, weil ihm die Lwen
zu theuer waren. Freilich kannte er das Kostm noch nicht, da sie
ihm wohlweislich nie mit der Kleiderfrage kommt, bevor sie drin
sitzt und er sein Wohlgefallen uert. Er mag es, wenn seine Frau
liebreizend aussieht, und, wenn sie ihm vorrechnet, wie sparsam sie
sich verschnert hat, giebt er ihr einen Ku extra.

Ich wollte mein Maisgelbes anziehen, Betti hatte sich fr helles
verwaschenes Blumenmuster entschieden, Ottilie, wie immer, in ihrem
Blauen, und Tante Lina Grnbrunlich-Changeant. Die Kinder waren
smmtlich in Wei gedacht, die Knaben mit Marinekragen, weil, wenn man
zufllig jemand aus magebenden Sphren anrennt, dieser sagt: Sieh
da, eine Familie, die die steigende Bedeutung des Seewesens erfat
hat. Wer mag das sein? -- Und man kann nicht wissen, ob solcher Zufall
dem Fortkommen der Enkel nicht von Vortheil ist? In den Schicksalen
berhmter Mnner liest man stets, wie hnliche Nebenthatsachen die
Wandlung zur Gre verursachten.

Und dann hatte ich Frau Butsch mit den beiden Stief-Kinderchen
eingeladen. Sie mchte ihnen gern mehr gewhren, als Herr Butsch
gestattet wegen ihrer Groschensiebe von Hnden und da dachte ich: nimm
sie auf Dein Konto, Wilhelmine, sie bertragen es auf die Stiefmutter,
und in das Wurachen um den Erwerb scheint ein Tag der Liebe hinein, an
dem die Herzen einander zublhen, wie Erika sagte, als ich ihr meine
Ansicht mittheilte und sie fragte, ob sie und klein Wilhelmine sich
anschlssen?

Sie hatte Lust, aber Onkel Fritz war verweigernder Meinung.

Mein Tchterchen ist noch zu harmlos, die Verdienste des
Arbeits-Ausschusses zu wrdigen.

Wird auch nicht verlangt, fr sie sind die brigen Schaustellungen.

Zu zart.

Die wilden Thiere.

Zu ngstlich.

Aber die Aeffchen im Affenparadies?

Die Affen berlt sie ihrem Vater.

Also Du willst nicht?

Nein!

Warum nicht?

Beantworte mir: Was bleibt dem Erwachsenen, wenn er als Kind schon
alle Reizmittel durchkostet, die zum Todtschlagen der Zeit geboten
werden? -- Uebersttigung. Man badet einen Sugling in der Wanne und
hlt ihn nicht unter den Rheinfall.

Seit wann bist Du so weise.

Seit ich Vater bin.

Er sprach das mit einem Ausdruck tiefinnerer Glcklichkeit, der alles
weitere Anpurren hinfllig machte. Seine Liebe ist es, die ber dem
Kinde schtzend die starken Arme ausstreckt. Und wenn Liebe bertreibt,
wer mchte sie darum schelten?

Erika heit stillschweigend gut, was er bestimmt oder vielmehr, er
vollfhrt, was ihr Denken und Sinnen ist, und das Tchterchen gedeiht
dabei; ein wahres Herzeken. --

Mein Grundsatz ist, wenn Kinder mitgenommen werden, sie erst tchtig
satt zu machen und am weitesten langt man mit Napfkuchen. Der ist
nahrhaft, stopft und hlt vor.

Es war ein liebliches Bild, als das halbe Dutzend Jugend um den
Tisch sa und den Kuchenteller meuchelte: Fritz und Franz, Betti's
Karla und Willi und Butschen's Peter und Edmund, alle in Wei. Wir
Aelteren tranken Kaffee, ebenfalls mit Napfkuchen, von dem Tante
Lina sich sogar das Rezept ausbat. Da sie sich in gehobener Laune
befand, betrachtete ich als eine Mahnung aus beren Regionen und als
Gutheiung meiner Absicht mit der verlorenen Tasche, die sich endlich
reumthig angefunden hatte. Die Zahnbrste und das Glschen Klnisches
Apothekerwasser hatten zum Besitzausweis gengt.

Tante Lina ahnte nicht, da ihr sehnlich vermites Handgepck im
Nebenzimmer auf das Wiedersehen harrte und erst als abgegessen und
ausgetrunken war, nahm ich Fritzchen nebenan, gab ihm die Tasche und
sprach: Wenn ich Dich rufe, kommst Du und berreichst sie Tante Lina
mit einem hflichen Diener und sagst: >Liebe Tante<.

Ich hab' ihr garnicht lieb.

Doch, mein Fritzchen. Tante Lina wird gromthig an Dir handeln.

Wir wollen bei die Lwen.

Erst giebst Du Tante Lina das Tschchen und sagst: >Liebe Tante, dies
hab' ich gefunden, nimm es freundlich hin.< Dann umarmt sie Dich und
kt Dich.

Will ich nicht.

Doch, Fritzchen. Nun sei artig; gleich rufe ich Dich.

Tante Lina erzhlte der Butschen gerade eine Geschichte von Viedt's.
Viedt's haben die schnen Lndereien und knnten viel mehr daraus
machen, aber sie sind mit Erlaubni zu sagen fr reichlichern Dung und
nicht fr das Auspowern der Aecker und sind so thtig im Geschft,
indem sie jede Kleinigkeit mitnehmen und dadurch das Ihrige erreichten.
Sie sagen nicht, wie viel sie haben, aber man wei es doch so ziemlich.

Rechnen Sie gern in Anderleuten Portemonnaie herum? fragte die
Butschen.

Tante Lina wurde spitznsig und dann glimmt es in ihr. Es war hchste
Zeit, den Vesuv auszutreten und deshalb sagte ich rasch: Liebe Tante,
bevor wir aufbrechen, wnscht Fritzchen Ihnen einen kleinen Beweis
seiner Verehrung darzubringen. Es war dies zwar nicht ganz zutreffend,
aber in der Eile entwegen die Stze leicht. Komm, Fritzchen.

Er kam nicht. Die Krte tckscht, dachte ich und ffnete die Thr. So
komm doch, Fritzchen!

Da kam er. Aber wie!

Ihm war wohl die Zeit lang geworden und neugierig, wie Kinder sind,
hatte er in Tante Lina's Tasche gekramt. Ihre Korkzieherlocken hatte er
sich ber die Ohren gehngt und ihr neues Gebi trug er in der flachen
Hand wie ein Vogelnest, die geffnete Tasche ber dem Arm. Und so schob
er seelenvergngt auf Tante Lina zu.

Meine Tasche! rief sie und aufgesprungen und die Schnheitsbeihlfen
an sich gerissen und weggestochen. Sie flog vor Aufregung und pustete.
Mir war der Vorfall mehr als peinlich. Liebe Tante! begann ich.

Schon gut! Schon gut! stie sie hervor. Das war ein starkes Stck.
Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich noch heute abreise?

Aber nein...

Aber ja, und dabei bleibt's. Und mir einen furchtbaren Blick
zuwerfend, fgte sie hinzu: Wir sind fr ewig geschieden -- Mein
bischen Hab und Gut vermach' ich dem Waisenhause, da sind artige
Knaben drin und, mit Erlaubni zu sagen, keine ungezogene Rangen.

Emmi wollte Petroleum ins Feuer gieen, weil sie doch die Range
nicht auf Fritzen sitzen lassen konnte, aber ich rief: Wenn Jemand
Schuld hat, bin ich es, und entfernte mich mit Tante Lina. Es half
jedoch kein Bitten und Beten, sie war zu aufgebracht und lie keine
Entschuldigung gelten.

Auf ihren Wunsch blieb Ottilie bei ihr, packen zu helfen, und wir
karawanten nach Treptow.

Unterwegs machten mir Emmi und Betti Beide Vorwrfe: Was der
Sanittsrath sagen wrde, wo ich doch htte wissen mssen, da die
Tante den Knaben unbedingt etwas ausgesetzt htte und sie deshalb
ganz anders zu behandeln gewesen wre. Die Butschen meinte, selbst
im Schauspielhause fielen Stcke durch, ich htte mir es wohl anders
gedacht, wie es hinterher kam.

Sie verstehen mich, Frau Butsch, entgegnete ich. Meine Absichten
waren lauter und rein.

Wieviel hat die Olle denn? fragte sie.

Ich war zu zerklftet, um sie zurechtzustoen.

Mama, sagte Emmi, denke Dir, ich habe meine Brse vergessen. Du bist
wohl so gut und legst aus?

Ich bezahle Alles! erwiderte ich ergebungsvoll. -- Durch diese
Versicherung wurden sie heiterer und dachten nicht mehr so nagend und
anhaftend an Tante Linas Testament. Und war es so bombensicher, da
sie die Enkel hineingenommen htte, auch wenn nichts passirt wre?
Denn erstens ist die Verwandtschaft nur weitmaschig und zweitens: wenn
irgend ein Viedt Wittwer wird... sie ist im Stande, in den heiligen
Ehestand hineinzuschliddern.

Betti und Emmi wollten erst nach dem Damenheim, wo die neuesten Moden
alle acht Tage wechseln, und dann mit den Kindern nach den wilden
Thieren; die Butschen hatte ihren Beiden versprochen, den Walfischkopf
in der Fischerei zu zeigen, worber Uneinigkeit auszubrechen drohte.

Unter lebhaftem Fr und Wider langten wir an. Ich lste die
Eintrittszettel. In Summa fnf Mark.

Oben von der Ueberbrckung aus gewahrten die Kinder sogleich den
Riesen-Elephanten, der als bewohnbares Symbol des Gregory'schen
Exportbieres dasteht, das in Hunderttausenden von Flaschen in die
heien Lnder versandt wird, wie die Inschrift besagt.

Merkwrdig, sagte die Butsch, da der Durst allerwrts derselbige
ist. Oder kriegen sie ihn erst, wenn das Bier hinkommt?

Es freute mich, hieran wahrzunehmen, da sie anfngt, sich auf
berseeische Kulturfragen zu werfen, was sie frher nie fertig
gebracht htte. Wegen der Kinder war jedoch eine grndliche Errterung
unstatthaft. Denn was ist, genau genommen, Durst? Wo fngt er an und wo
wird er strflich?

Gehen wir jetzt ins Damenheim? fragte Betti in einem Tone, als wenn
wir uns nach ihr richten mten. Ich verstand sie natrlich nicht und
sagte: Was meint Ihr zu einer Nordpolfahrt? Seht doch diese Gletscher
und Eishhlen, tuschend aus Gips geklackst, belehrend fr jedermann,
der keine Aussicht hat, je in seinem Leben den wirklichen Nordpol zu
erreichen.

Ich habe mir erzhlen lassen, bemerkte die Butschen, der Nordpol
wre blos, da einer sich berhmen kann, dagewesen zu sein, und Butsch
sagte, wenn man hinkommt, ist er es gar nicht! Ob sie dort auch wohl
solche Sitzbnke haben, die von selbst in'n Gang gehen?

Ich hatte mittlerweile fr Fahrscheine eine Mark vierzig abgeladen,
wir selbst luden uns auf die fahrbaren Bnke und sausten in den Gips
hinein mit der sich steigernden Besorgni: Wo ist die Umstrzecke?
Wir hatten mehr Glck als Vergngen, indem wir unzerbrochen landeten
und waren herzlich froh, diese Belustigung hinter uns zu haben.

Betti beantragte nunmehr die elektrische Rundbahn. Wir rasch zur
Haltestelle, fr eine Mark Nickel zusammengesucht, den Automaten
gefuttert, durch das Drehkreuz gezwngt und am Halteplatz waren wir.
Die Bahn kam; zwei Wagen voll. Wir sahen ihr mit gemischten Gefhlen
nach, als sie schnde davon fuhr.

Wir benutzen den nchsten Wagen.

Der war noch vller.

Dann kamen wieder zwei mit Platz, aber schlecht gemessen fr uns alle.

Der folgende Solowagen war auch zu klein.

Wir lassen uns unser Geld wieder geben, sagte Emmi rgerlich.

Von wem denn? Von dem Automaten? Der ist, wie die Steuer, nicht auf
Herausrcken eingerichtet.

Wir mssen suchen, einzelnt mitzukommen und treffen uns bei den wilden
Thieren, schlug die Butsch vor.

Und so geschah es, wenn auch nicht gleichmig hintereinander, sondern
je nach der Ueberfllung in mehrfachen Abstnden. Schlielich war
ich allein die letzte, die eine Stehgelegenheit auf der elektrischen
Ortsvernderung heranlauerte.

Die Fahrt war beharrlich genug, um an Tante Lina zu denken. So in
Bitterni scheiden.... das wurmte mich und gar zu gerne htte ich sie
wieder gut gehabt. Nicht wegen ihrer Groschen -- nein. Aber wer wei,
ob wir je wieder zusammenkommen und wir haben den Groll nicht begraben,
bis es zu spt ist. Ich htte doch wohl bei ihr bleiben mssen? Aber
ich hatte den Kindern doch auch den Nachmittag versprochen.

[Illustration: Seehund, der eine Pfeife raucht]

Die kleinen Lmmer -- sie waren in ihren weien Anzgen ganz wie Lmmer
-- freuten sich, als ich endlich anlangte. -- Wo bleibst Du, Mama?
schalt Emmi. Wir stehen hier wie die Narren. -- Kind, entgegnete
ich, warum verdrielich ber so kleines Ungemach? Es giebt Schwereres,
als ein bischen warten in schner, freier Natur. Aber kommt.

Der Hagenbeck'sche Thiercirkus war justement zu einer neuen Vorstellung
geffnet. Fr drei Mark fnfzig bekamen wir Pltze, von denen der groe
runde Kfig gut zu sehen war. Die Kinder saen vor uns und planschten
in Erwartungswonne. Und als es los ging, als drei Seehunde gebracht
wurden, die Pfeife rauchten, eine Wiege schaukelten und Pistolen
abschossen, brach heller Jubel bei ihnen aus.

Rauchen die Seehunde immer? fragte Franz.

Nur wenn sie mssen, sagte Emmi. Sie sind abgerichtet.

Ist Papa auch abgerichtet?

Dummes Zeug. Papa raucht zum Vergngen.

Die beiden Jungen warfen sich Blicke zu, aus denen ich entnahm:
Nchstens spielen sie Papa oder Seehund, je nachdem ihnen der Tabak
bekommt.

Vier Elephanten machten darauf ihre Kunststcke bewunderungswrdig.
Ich bin berzeugt, es giebt Menschen, die nie lernen, auf Weinflaschen
spazieren zu gehen, wie diese unvernnftigen Creaturen, oder es liegt
am Erziehungswesen, da sie hoffnungslos bleiben. Der Elephant kann
solche Kunst in seiner Heimath allerdings nicht verwerthen, aber man
sieht doch, was ihm beizubringen ist. Und wie viel mu der junge
Mann sich einrammen, ehe er einjhrig dienen darf. Und doch sollen
zuweilen Professoren sich anmaen, mehr wissen zu wollen als ein
Einjhrig-Freiwilliger.

Nun kam die Glanznummer. Hunde, schne deutsche Doggen, sprangen
herein. Drei Lwen folgten, zwei Tiger, zwei Jaguare, zwei Bren,
ein Eisbr. Die setzten sich in der Runde, jeder auf sein Brett
und der Bndiger ging mitten unter sie und lie sie arbeiten. Ein
ausgewachsener Knigstiger fuhr Zweirad, ein anderer lief auf einer
Kugel, ein Br tanzte aufrecht gehend Seil, kaum wiedererzhlbar
unwahrscheinlich und doch ohne Augenverblendung. Ein Lwe fuhr auf
einem Wagen, mit Krone und Purpurmantel angethan, von zwei Tigern
gezogen und zuletzt bildeten alle Thiere, auf Sulen vertheilt, eine
malerische Gruppe, worin der Eisbr oben lag, der vorher nie ruhig auf
seinem Platz blieb, sondern die anderen wohlerzogenen Mitwirkenden
strte und anschnauzte und von ihrer Pflicht abzulenken suchte.

Ich dachte mir mein Theil. Starker Wille und Unbeugsamkeit mit Gte und
richtiger Erkenntni zwingen selbst wilde Raubthiere zu friedlichem
Zusammenleben. -- Aber ohne einen Stnker geht es auch hier nicht ab.

Wir waren alle hochbefriedigt, nur die Kinder wnschten noch mehr
Lwen und Tiger, gaben sich jedoch, als es hie, nun gehen wir zu den
Aeffchen.

Neben dem Thier-Cirkus ist das Hagenbeck'sche Affenparadies.
Zweihundert Affen in einem Kfig, wo sie Holzpferde haben, russische
Schaukeln und Klettergerste, die Glieder geschmeidig zu halten. Und
nur eine Mark vierzig fr uns alle. Man athmete ordentlich ber die
Billigkeit auf, denn zuletzt kommt man sich auf der Ausstellung vor wie
in Umlauf gesetzte Scheidemnze.

Die Kinder waren glcklich, und es lt sich nicht leugnen, der Affe
ist possierlich. An dieser alten Wahrheit rttelt selbst der Ernst der
Zeit vergebens. Aber er ist auch boshaft. Ein kleines Aeffchen war, wie
man so sagt, drunter durch, wohin es kam, spielten die anderen Affen
ihm bel mit, da es gellend schrie und sich flchtete. An die Stbe
des Gitters floh es, als wenn es weit, weit hinweg mchte und bewegte
die Lippen und qukte und schalt und zog Falten vor der Stirn und die
blanken Augen flogen hin und her.

Da riefen die Kinder: Das ist Tante Lina! Das ist Tante Lina! Und
lachten und riefen: Tante Lina!

Ich verbot ihnen die Unart. Es half nichts. Wer das noch einmal
sagt, kriegt 'ne Abrundung, drohte Emmi mit einer entsprechenden
Handbewegung. Das steuerte etwas. Aber sie lachten innerlich Tante
Lina.

Ich dankte meinem Schpfer, da die Tante nicht zugegen war. Kinder
wissen ja nicht, wie grausam sie in ihrer Einfalt sind. Ich nahm Betti
abseits, gab ihr ein noch zum Versausen bestimmtes Zehnmarkstck und
sagte: Bleibt Ihr hier und amsirt Euch, ich mu nach Hause.

Wegen Tante Lina?

Ja. Sie ist gekrnkt, wenn auch das Donnern mehr Scherz war....

Welches Donnern?

Nichts! Nichts! Ich habe Eile! Geht mit den Kindern in die Milchhalle,
wenn sie hungrig werden, und habt gut acht auf sie! -- Ich eilte heim.

Ich nahm den hinkmmlichsten Omnibus so besetzt er auch war. Bitte,
sagte der Schaffner, mchten die Herren sich nicht auf das Blumenbrett
bemhen, worauf die Stehgste eine Etage hher stiegen. Ich blickte
den Fahrdirektor fragend an. -- Wenn ich >Deck< sage, antwortete
der, geht Keiner rauf, aber auf's >Blumenbrett< gehen sie, indem sie
sich dann hbscher vorkommen. Und nchstens werden die Decksitze auch
fr die Damen freigegeben. Blos da die Treppen noch die ffentliche
Sittlichkeit scheniren. Da mu was 'rum.

Da durchzuckte mich die Lsung der Gleichberechtigung. Einfach
Uniform, hallte es in mir. Wenn die Frau erst Reservelieutnant wird,
hat sie das Ziel erreicht. Und wie Mancher wrde das zweierlei Tuch
bezaubernd stehen. Blos auf Damen im Majorsalter wre Rcksicht zu
nehmen und ich fr meine Person, ich glaube, ich bleibe doch lieber
unten.

Tante Lina war nicht abgereist. Gottlob! Ottilie hatte ihr zugeredet.
Das werde ich ihr gedenken.

Mir war, mit Erlaubni zu sagen, die Galle hochgekommen, erklrte
Tante Lina ihren Zorn, und ehe ich reise, mchte ich, da etwas
Gewisses in die Reihe kommt. Sie sah mich scharf an und fragte:
Finden Sie nicht auch, da Herr Kriehberg ein sehr netter Mann ist? --

Kriehberg? Nein.

O doch, er erinnert mich etwas an Johannes Viedt. Und Ottilie ist ihm
geneigt.

Ottilie, rief ich, hinter meinem Rcken, wo ich Dich so gewarnt
habe?

Da ist nun nicht viel mehr bei zu machen, sagte Tante Lina scharf.
Htten Sie mehr Zeit bei uns brig gehabt, htte Herr Kriehberg uns
nicht herumzufhren gebraucht. Wenn junge Leute sich lieben, so soll
man ihr Glck nicht hintertreiben. Einmal verjagt, kommt es nimmer
wieder. Niemals. Nie.

Sie zog viele kleine Stirnfalten und auch ihre Augen glnzten bald mich
an, bald Ottilie.

Ein Glck, da die Kinder nicht da waren.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Verwickelungen.


Wo man nicht direct selbst dabei ist, werden Verkehrtheiten vollfhrt,
auf die man nach mehrtgiger Ueberlegung nicht gekommen wre. So auch
dieses Mal.

Bei meinem Schwiegersohn, dem Sanittsrath, hat es nmlich einen Krach
gegeben. Und worber? -- Ueber mich!

Betti hat mir es wiedererzhlt. Die hat es von ihrer Schwester, der
Frau Sanittsrthin, und htte auch wohl damit hinter dem Berge
gehalten, wenn wir nicht in einen Kampf wegen vier Mark fnfzig
gerathen wren, die sie als Auslagen fr die Kinder-Expedition nach
Treptow heraushaben wollte.

Betti, sagte ich, nachdem ich Unsummen fr Eintritte in's Ganze
und Sonderspecialitten und ein freiwilliges Zusatz-Zehnmarkstck
gespendet, verthut Ihr noch volle vier Mark und fnfzig auf mein Konto?
Das finde ich heftig. Und ein fr alle Mal -- ich zahle nicht. Fr
Gewaltsachen habe ich kein Gemth. Womit habt Ihr denn das viele Geld
verprezelt?

Die Kinder muten doch das Eismeerpanorama sehen!

Was war denn da los?

Denke Dir, Mama, eine riesige Eiskute.

Reelles Eis?

Warum nicht gar Vanille-Eis? Gott bewahre, aus Farbe, wie so Panoramen
berhaupt. Vorne Gewsser mit Seehunden und Mven und im Hintergrunde
mit mindestens elf Stck lebendigen Eisbren.

Betti, die Kinder hatten im Thiercirkus Bren genug gesehen und
Kunstgletscher vorher. Das war unnthig, weil verschwenderisch.

Und zwei Eskimos und eine Eskimofrau.

Was hatte die an?

Pelzjacke und Pelzhosen, gerade so wie die Mnner.

So weit sind sie schon da oben in der Aufklrung?

Und denke Dir, die Eisbren nahmen der Frau Fische aus dem Munde, ganz
zahm. Und kriegten was mit dem Stock auf den Rssel und rissen aus wie
die Hmmel.

Betti, sag' selbst, ist das noch Naturgeschichte? Wenn der Lehrer
den Kindern erzhlt, der Eisbr ist das gefhrlichste und grimmigste
Raubthier des Nordens, -- Ottilie hat den Brehm mitgebracht, da steht
es drin -- das den Menschen auf dem Lande und in Schiffen angreift
und nach blutiger Gegenwehr auffrit, lachen sie ihn ohne Frage aus,
weil sie den Gegenbeweis erlebt haben. Die Folge ist Nachbleiben,
Strafarbeit, schlechtes Zeugnis und elterliche Senge. Und dazu gebe ich
kein Geld her.

Betti murmelte etwas.

Wie meinst Du?

Du hattest uns doch eingeladen.

Du sagtest eingeladen? -- Ich verstand Blaak oder so hnliches.
Mit den zehn Mark konntet Ihr brigens gut rund kommen. Freilich
Extravaganzen hatte ich nicht vorgesehen!

Sollten wir mit den Kindern verhungern und verdursten?

Ich rieth Euch ja die Milchhalle an.

Aber ehe wir dahin fanden bei der Hitze! Die Butsch entdeckte eine
Weibier-Niederlassung und wir waren alle so erschpft, da wir ihr
folgten und ihren Falkenblick lobten.

Nun ja, Weibierglser kennt sie nachgerade auch von Weitem; aber es
kostet doch enorme Anstrengung, zehn Mark in Weien zu verprassen,
selbst mit hinzugerechneten Stullen!

Wer that denn das? brauste Betti auf. Und dann wurde Karussell
gefahren.

Das kann man Kindern nicht verweigern. Die sechs Groschen sind
bewilligt.

Die langen nicht. Wir fuhren doch alle.

Die Butschen auch?

Sie kriesch nur immer so furchtbar, weil die Sitze sich wieder um sich
selbst drehen wie ein Triesel. Mama, Du mut nchstens mal mitmachen.

Damit mein Gehirn verschoben wird? Nein. Jedoch ist es mancher
vielleicht heilsam, indem, was an der falschen Stelle sa, an den
richtigen Platz hinkreist. Mglich, da die Butsch sich aus unbewutem
Instinct in diese Drehkur begab.

Sie war so karmoisinvergngt mit den kleinen Butschens.

Schn, dann nehme ich das Karussell auf mich. Es bleibt aber immer
noch ein ansehnlicher Rest.

Der schmolz in der Milchhalle ein.

Was? rief ich entsetzt. Milch? Ihr habt Milch getrunken?

Wie Du uns anbefohlen hattest.

Kalte Milch auf das Weibier und Karussell fahren? War nicht noch
Gurkensalat bei der Hand, um die Speisefolge zu vervollstndigen?

Betti schwieg verlegen. Der war nicht mehr nthig, sagte sie dann
etwas bedrippt.

Sind die Kinder noch am Leben?

Meine ja. Emmis auch. Von den Butschens haben wir keine Nachricht,
antwortete Betti lchelnd.

Die haben abgehrtete Mgen, wenigstens wenn die Butschen noch so
kocht, wie sie es frher nicht gelernt hatte.

Gerade die fingen zuerst an. Sie hatten vorher auch am meisten
Napfkuchen vertilgt.

Mein Napfkuchen hat noch nie einen Menschen compromittirt, weil er von
Hause aus mit Citronat ist, das ich weglasse, weil es schwer liegt und
zweitens billiger kommt. Den knnen Sterbende essen, ohne da er ihnen
schadet. Na, also, Ihr mutet nach Hause. Wo blieb der Saldo von dem
Gelde?

Wrst Du bei uns gewesen, wrdest Du es wissen.

Wieso?

Mama, es mu ja fr alles drauen bezahlt werden.

Ja, ja! Kinder machen Sorge und Kosten, besonders bei ungesunder
Verpflegung; das merke Dir fr die Zukunft. Aber Fritz und Franz hatten
doch keine weitere Anfechtung?

Ich mchte fast annehmen, da Du Fritz bermig Napfkuchen zugesteckt
hattest...

Betti, was hast Du gegen Fritzchen? Was hat denn das Kind gegessen?
Knapp so viel als in einen hohlen Zahn geht.

Wenn Du Elephantenzahn meinst...

Betti, ich verbitte mir solche Scherze, selbst wenn wir allein sind.
Ich will wissen, ob der Knabe ernstlich in Gefahr schwebte?

Der Vater hat ihm Medicin verordnet und nicht schlecht gescholten.

Sein gutes Recht.

Er hat gesagt...

Was hat er gesagt? Heraus damit. Warum stockst Du? Also was?

O, nichts.

Ich kann mir's schon denken -- ber mich hat er raisonnirt -- hat er?
Sag', hat er? Nicht wahr -- er hat?

Nun ja. Aber sehr. Und dabei wei er noch nicht einmal, wie Du die
Kinder um Tante Lina's Erbschaft gebracht hast. Wenn er das erfhrt,
gerathet Ihr mindestens ein halbes Jahr auseinander.

Siehst Du, Betti, das hat man davon. Man opfert sich auf, man sucht
alles zum besten zu wenden und, wenn man das Resultat besieht, hat man
in Modder gegriffen. Ich geh' gleich und sehe, was der Junge macht.

Das wrde ich nicht thun.

Nicht den sen Engel auf seinem Schmerzenslager besuchen?

Der ist lngst wieder kreuzfidel. Aber der Rath mchte noch grollen.

Den lad' ich auf Krebse ein. Ausgesucht, lauter Hengste und er kriegt
die grten. Da wird er fromm. Und Du willst noch vier Mark fnfzig
heraus haben?

Ja, Mama. Soll ich Dir jeden Posten einzeln vorreiten?

Nein, nein, la nur. Aber merke Dir eins: Weibier und kalte Milch
vertragen wetterfeste Landbewohner kaum, viel weniger gebildete
Stadtkinder.

Ich gab ihr die Groschen, die sie schmunzelnd in ihr Portemonnaie
knippste, wobei ich sofort ahnte, da sie mich um eine heimliche
Provision berlistet hatte. Aber was hilft die richtigste Rechnung,
wenn sie nicht bezahlt wird? Ich lag drin, jedoch es blieb in der
Familie. --

Mit diesem Kummer hatte ich mich abgefunden, nicht aber mit dem
Verdru, den Ottilie mir durch ihre Neigung zu Kriehberg bereitet.
Nie wre es dahin gelangt, wenn ich sie straff unter meiner Aufsicht
gehalten htte, anstatt sie whrend meiner Abwesenheit Tante Lina
anzuvertrauen, von der ich alles erwartet htte, nur nicht die
Begnstigung eines Liebesverhltnisses, das, wenn auch nicht direct ins
Armenhaus, so doch nicht weit davon fhrt.

Denn die Sache liegt so.

Kriehberg hatte noch eine kleine, mit dem Bauwesen verknpfte Stellung,
Ausbesserungen zu leiten, wenn die Bedachung undicht geworden und was
es sonst gab, denn wenn auch alles ein Ende nimmt, die Reparaturen
an einem Neubau hren nie auf. Und die ganze Ausstellung ist ein
Riesengesammtneubau.

Man sagte mir, weil das richtigste bei einem vor der Verlobung
Stehenden ist, seine Verhltnisse zu erkunden, er wre nicht ohne
Fhigkeiten, aber die Huser, die er entwrfe, stnden schon irgendwo.
Mit der bloen Verlegung von Fenstern und Thren, da nachher die
Treppe nicht hineinpate oder ganz dunkle Rume erzielt wrden, sei
selbststndiges Fortkommen unmglich. Man wrde ihn seines Fleies
wegen in zweiter und dritter Linie beschftigen, wenn er nicht die
Manier htte, sobald er sich warm fhlte, alles besser wissen zu
wollen. Das knnte er ja auch, aber er mte seine Weisheit bei sich
behalten.

Was thut jedoch mein Kriehberg? Er nicht auf den Bureau-Maulkorb
geachtet und eigene Meinung gehabt und den Vorgesetzten und
beleidigende Scharaden gekommen.

Was hat er ber das Thorhaus zu quesen und zu sagen, es wre nicht viel
dahinter? Und wie sie ihn fragen, wie er sich erdreisten knne, einen
gothisch-romanisch-altdeutsch-renaissancenen Bau so zu despectiren,
hat er geantwortet, es wre auch nicht viel dahinter, nmlich blos ein
Stck Treptower Chaussee.

Da lie sich freilich wenig drauf antworten, weil die Eingangsfluren
zur Ausstellung einen berraschend nuttigen Eindruck machen, gegen den
das rechts und links verstreute Bedeutende stark zu kmpfen hat, um die
erste Enttuschung allmhlich zu verwischen.

Und auch was er ber die Drahtgeflechtthr beim Hauptportal geuert
hat, ist nicht ohne Berechtigung. Er sagt: fr einen Hhnerhof eignete
sie sich einigermaen, fr eine Ausstellung, die der Welt zeigen
sollte, was Berlin vermchte, sei sie belemmert. Diese Kritik haben sie
ihm besonders verargt.

Und dabei stehen in der groen Halle im Schatten, als vertrgen sie
weder Sonne noch Regen, die schnsten Thore, die man sich denken kann,
der Stolz der Berliner Kunstschmiede, deren Arbeiten es nicht nur
siegreich mit jeder Concurrenz des Auslandes aufnehmen, sondern auch
mit dem berhmtesten Mittelalter. Wie man sich so im Lichte stehen
kann! hat Kriehberg gesagt. Und da gaben sie ihm Feierabend.

[Illustration]

Und was sagte er da?

Es ist das Unglck der Comits, da sie die Wahrheit nicht hren
wollen.

Drauen war er.

Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wre eine
Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrcken liebliches Gekose ist. --
Und wenn sie sich auch noch so lieben. Von Butter allein kann man nicht
leben, es gehrt das tgliche Brot dazu...

Ich band mir Ottilie vor, sie mte Kriehberg abgeloben.

Sie htte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch vom Thurme herab,
als geschehe ihr wer wei welche Bezichtigung.

Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen geklappert?

Ich verstehe Sie nicht.

Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon ist die
Augensprache, die ist in allen Dialekten die nmliche. Ein Blick sagt
mehr als ein dickbndiger Briefsteller. Ich frage Dich, ob Du auf die
Art etwa zu viel geredet hast?

O Nein. Ich beschftige mich mit dem gewaltigen Pulsschlag des
Residenzlebens, der tglich Neues und Groes bringt und der geistigen
Frderung durch die entzckenden Darbietungen des Gewerbes und der
Industrie.

Doch wohl nicht ausschlielich. Reichliche Zeit verbringst Du, Dich zu
bewundern.

Wer sagt das?

Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er leidet und stets und
immer mit frischen Fuspuren. Das ist auch eine Sprache: Teppichsprache
nmlich.

Sie that schnippisch.

Du bist jung, Ottilie, Du weit noch nicht, ein wie theurer Lehrer die
Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an und verkriehberge Dich nicht.

Aber Tante Lina meinte, er msse gut sein, gerade so gut wie Johannes
Viedt, an den er sie erinnere, der nach Amerika gegangen ist, weil er
Eine nicht unglcklich machen wollte, die er liebte, und ohne den Fluch
der Eltern nicht die Seine nennen durfte.

Ob sie das selber gewesen ist?

Ich glaube fast.

Die Alten haben keinen Brstenbinder als Schwiegersohn gemocht;
natrlich, so liegt der Roman. Ottilie, fuhr ich warnend fort, und
Kriehberg ist nicht mal Brstenbinder ... er ist augenblicklich
garnichts.

Er hofft.

Ich auch. Ich hoffe, da er einsehen wird, wie es keine grere
Selbstsucht giebt, als wegen kurz verkter Flittervierzehntage ein
leichtglubiges Mdchen mit sich in endloses Elend zu ziehen. Das Leben
ist lang, Ottilie, und die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du
nicht einheizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. Liebst
Du Kriehberg wirklich? Mchtest Du um seinetwillen blos in Kattun gehen
und nie nach der Mode, immer denselben alten Mantel?

Das wrde er doch nicht verlangen?

Er nicht; aber die Noth und die ist unerbittlich. Man kann sie
miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, ohne eigene Schuld und
fest und innig verbunden den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber
Uebereilung ist eigene Schuld.

So redete ich und sie hrte zu, aber mich dnkte, sie war klger
als ich. Wenn jemand eine Unterhaltung nicht behagt, besieht er die
Zimmereinrichtung und Ottilie lie ihre Blicke wandern, als wren alle
Stuhllehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt.

Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl mu Kriehberg aufs Dach
steigen und ich -- ich nehme Tante Lina in die Beichte.

Dies mu geschehen, ehe Ungermann's eintreffen, denen ich mich zu
widmen habe. Ungermann ist, wie es in der Geschftssprache heit, ein
groartiger Kunde. Der mu warm gehalten werden.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Meine Einquartierung.


[Illustration: Hausflur]

Ungermann's wohnen in der guten Stube, Tante Lina rastet immer noch im
Fremdenzimmer, Ottilie theilt mein Schlafgemach mit mir, mein Karl ist
in die Fabrik verdrngt ... wo bleibe ich mit Kliebisch's?

Es ginge, wenn ich ebenfalls in die Fabrik ziehe, Ottilie in die
Mdchenkammer verfgt wird und Dorette auf dem Boden schlft. Das
will sie aber nicht, und da sie vermehrte Arbeit hat, kann ich ihr
schlaflose Nchte nicht zumuthen. Sie sagt, es wre auf dem Boden
nicht richtig, mit schleichenden Schritten im Dunkeln, da sie
kein Auge zukriegte und lieber ginge, als sich krank graulte. Auf
Schudderigkeiten htte sie sich nicht vermiethet.

Dorette, sagte ich, Spuk ist berwunden. In unserer aufgeklrten
Zeit kommt er nicht mehr vor, er ist wie weggeblasen durch den
Fortschritt, durch Telegraph und elektrisches Licht.

Uf'n Boden is et duster, entgegnete sie.

Nun kann ich Kliebisch's doch nicht schreiben, die schwarzen Pocken
wren bei uns ausgebrochen, oder was sonst Mieths-Contracte aufhebt,
und sie nebenan bei Betti einquartieren, das scheitert sowohl an ihr,
wie an ihrem Manne. Sie hilft mit Lagersttten aus und was drauf und
drunter gehrt, aber ber ihre Schwelle steigt kein Fremdling.

Ich bin nicht so bldsinnig, ein Hotel aufzumachen, sagte sie
theilnehmend.

Damit hatte sie das Rechte getroffen. Wir sind Hotel! Aber doch nur
aus Geschfts- und Freundschafts-Rcksichten mit Hinblick auf das
Allgemeine. Jeder Einzelne ist fr die Ausstellung verantwortlich, und
fr den Besuch kann nicht genug gethan werden, theils da er heran-,
theils da das Unternehmen herauskommt. Berlin kann doch nicht alle
Eisbren und Rutschbahnen alleine bezahlen.

Ungermann's sind, soweit ich beurtheilen kann, zufrieden. Am ersten
Morgen sagte sie: Mein lieber Mann ist noch ein Kopfkissen mehr
gewohnt, und er sagte, meine liebe Frau frhstckt Cacao, wenn es
Ihnen keine Mhe macht, und so einen kleinen Wunsch nach dem anderen,
bis sie es hatten, wie sie wollten. Mich rhrte diese Zrtlichkeit,
denn sie sind Beide keine Jnglinge mehr, namentlich vermuthe ich sie
ihm im Taufschein bedeutend ber, dagegen ist er wrdevoller, als
Mnner in seinen Jahren zu sein pflegen. Er betrachtet die Welt vom
ernsten Standpunkt, hat sich aber vorgenommen, Berlin zu durchforschen,
selbst wenn er Elemente nicht vermeiden knnte, deren Berhrung zu
falschen Schlssen Anla gbe. Die sociale Frage zu studiren, sei die
Aufgabe eines jeden, der das Wohl des Staates im Herzen trge.

Wir kennen einen Polizeilieutenant a. D., sagte ich, der wird Ihnen
angeben, wo Sie Bauernfnger an der Quelle beobachten knnen, und das
Asyl fr Obdachlose und Pltzensee und die Armenpflege und was sonst
gefllig ist.

Ich danke Ihnen sehr. Das ist, was ich will. Ja, ja, das ist es. Unser
Brgermeister ist noch jung. Sehr jung. Wir Stadtrthe mssen gut
unterrichtet sein, damit wir die Brgerschaft vor Migriffen schtzen.

Sehr edel gedacht, Herr Stadtrath, erwiderte ich.

Wenn mein lieber Mann nicht wre, es ginge drunter und drber, nahm
Frau Ungermann das Wort. Aber wir bilden uns nichts darauf ein und
berlassen Anderen den Vortritt, wenn das Einkommen auch nicht so gro
ist. Man wei ja doch, was man ist.

Ganz meine Meinung, Frau Stadtrthin.

Die Frau Brgermeisterin kme ja sehr gern nach Berlin, aber es wird
den Leuten zu kostspielig. Sie mssen im Winter reprsentiren und da
bleibt fr den Sommer hchstens ein billiger Landaufenthalt. Ja, ja,
jeder Stand hat seine Last. --

Herr Ungermann besuchte die Ausstellung fleiig, aber immer nur das
Gewerbliche; das Vergngliche verurtheilte er stark. Sie, die Frau,
hatte weder Sinn fr das Eine noch das Andere. Es ist ihr zu weitlufig
drauen und zu mhsam.

Endlich und endlich kam sie jedoch mit ihren Anliegenheiten heraus,
wozu sie mich ausersehen hatte.

Ich lie sie sich ruhig aussalmen, und als sie mich fragend anblickte,
sagte ich: Meine verehrte Frau Stadtrthin, das geht nicht. Eine
Schneiderin ins Haus nehmen, ist schon lngst nicht mehr an der
Tagesordnung.

Aber man kann selber mithelfen, und es kommt wesentlich billiger.

Es fehlt mir an Platz.

Das groe Ezimmer ist doch da.

Im Berliner Zimmer wird _table d'hte_ gehalten, wie Sie selbst
wissen.

Es ist ja bald wieder aufgerumt.

Dazu hat das Mdchen keine Zeit. Nein, wollen Sie sich ausstaffiren,
sehen Sie sich in der Ausstellung die ber alle Begriffe schne Gruppe
>Bekleidungs-Industrie< an, wo Sie die herrlichsten Sachen finden, vom
einfachsten Hauskleide bis zur Galarobe im Preise von achtzehntausend
Mark.

Ich mchte nicht in Toiletten erscheinen, die Parade gestanden
haben und aller Welt bekannt sind. Auerdem habe ich meinen eigenen
Geschmack.

Den hat sie allerdings, aber er ist auch danach. Was sie anzieht,
sieht alles so versonntglicht aus, so besuchsmig, und sitzt
dabei doch nicht ordentlich zu Ma. Aus ihrem Gesprch entnahm ich
indes so viel, da sie wohl fhlt, nicht auf der Hhe zu stehen,
und die Frau Brgermeisterin keineswegs aussticht, wie sie mchte.
Die geht vielleicht ganz simpel, aber schick, und was sie anhat,
lt sie reizend, und das verdriet die Ungermann, die die erste
Toiletten-Violine spielen will. Wie manches Kostm ist im Schaufenster
eine stille Pracht, aber so bald eine sich hineinbegiebt, verlieren
Beide, das Kleid sowohl als der innewohnende Rumpf. Sich wirklich
kleiden ist eine Begabung. Nachdem ich gengend berlegt hatte, sagte
ich: Kaufen Sie fertig, da wissen Sie, was Sie haben.

Nimmermehr. Nein, meine Figur opfere ich nicht der Schablone.

Ich sah mir ihren Umri an. Wie ein solches Gestell sich noch lange mit
Figur betituliren mag, finde ich khn. Und ist es hbsch, sich neu zu
behngen, um Aergerni zu verbreiten? Und war es rcksichtsvoll, mir
eine fremde Person zuzumuthen, wo ich nicht aus noch ein wei? So viel
ward mir klar: die Ungermann bleibt vier Winter.

Meine Liebe, begann ich daher trocken, das Fertige sitzt am besten.
Wollen Sie jedoch nicht das Hochmodernste, werden Sie in einem groen
Geschft nach ihren eigenen Angaben immer rascher bedient, als im
Hause. Besehen Sie mit Ottilie die Leistungen auf der Ausstellung, das
regt die Phantasie an, und Sie knnen sich nach den vorhandenen Motiven
etwas bauen lassen, da die Frau Brgermeisterin platt hinfllt.

Sie miverstehen mich, sagte sie slchelnd. Die Dame ist viel zu
erhaben, als da ich nur daran dchte, ihr zu imponiren. Ach nein. Aber
mein lieber Mann wnscht, da, wenn ich doch einmal in Berlin bin,
ich meine Toilette wahrnehme. Und warum auch nicht? Wir knnen es ja.
Fr wen sollen wir sparen? Wenn wir mal todt sind, mein lieber Mann
und ich, fllt unser Bischen einem Neffen zu, der es gar nicht einmal
gebraucht. Der bernimmt die Fabrik meines Bruders.

Was kommt es denn auf die paar Mpse mehr an? Ich empfehle Ihnen
Gerson.

Es verdro sie sichtbar, da ich mich nicht erweichen lie, aber
als Hotelverwaltung mu man sich einen Marmorbusen zulegen. Saueren
Herzens schwamm sie mit Ottilie und Tante Lina ab, zu Dritt sich in die
Confection zu strzen.

Aus Tante Lina ward ich in den letzten Tagen nicht mehr klug. Sie war
rein versessen auf die Ausstellung, und war schon drauen, wo die
Morgenstunde vor zehn eine Mark im Munde hat, wahrscheinlich um das
Frhaufstehen mit erhhtem Eintritt zu bestrafen. Was wollte sie dort
und warum war sie so ausgewechselt, da sie mehr schwieg als erzhlte
und trumend da sa? Und dann wieder war sie ganz aufgeregt. Und einen
Sto Zeitungen hatte sie bei sich zu liegen, die sie in allschlafender
Nacht durchbuchstabirte. Sie hatte sich heimlich Kerzen gekauft, damit
wir es nicht merken sollten, aber Dorette kam gleich dahinter und
fragte, ob wir nicht einen Eimer Wasser vor Tante Linas Thr stellen
wollten, sie lse am Ende das Bett noch in Brand.

Und zum Abreisen nicht die schwchste Anstalt.

Ich verhrte Ottilie. Die sagte, sie wren mit Herrn Kriehberg in
Kairo gewesen und als Tante Lina das Kairo-Kleine-Journal, worin die
Musiknummern stehen, durchgesehen htte, wre sie mit einem Male bla
geworden und wie ohnmchtig. Und seit dem Abend htte sie es. Am
liebsten se sie auf einer Bank im Wandelgang und rhrte sich nicht
vom Fleck, immer nur die Vorbergehenden anstarrend, ganz wie Leonore,
die um's Morgenroth fhrt, wie Kriehberg sich geuert htte.

Sehr unpassend, schalt ich. Wer das Alter nicht schont, ist auch
anderer Unmoralitten fhig. Wie stehst Du mit ihm?

Sie schwieg.

Genickt hast Du, aber hoffentlich nicht Ja gesagt. Ottilie, Kriehberg
paddelt noch; hngst Du Dich an ihn, geht er unter in dem Strome des
Lebens. Warte wenigstens, bis er auf dem Trocknen ist. Binde nicht
Dich, binde nicht ihn. Und wenn er geht, was bist Du fr ihn gewesen?
Eine Sommerliebe, die um's Morgenroth flattern kann.

Nein, nein. So schndlich kann er nicht sein.

Schndlich nicht, aber leichtsinnig. Er hlt ja nirgends aus, also
auch nicht bei Dir. Und Tante Lina hat ihn auch erkannt; er hat sie
nmlich grlich angelogen.

Nein, nein!

Das hat sie mir selbst gesagt.

Wie ungerecht. Ich war ja dabei.

Na also.

Das kam so. Er erzhlte uns, wie kolossal der Betrieb im
Hauptrestaurant sei. Da sind fnfundvierzig Kche und fnfzig
Splfrauen und gegen zwanzig Messer- und Silberputzer und ber
vierundvierzigtausend Tischtcher und Mundtcher und, denken Sie sich,
achttausend tiefe, neunzigtausend flache Teller und achtzehntausend
Beitellerchen und zwlftausend Messer und Gabeln. Und das wollte Tante
Lina nicht glauben. Durchaus nicht.

Sie htte sich ja blos berzeugen brauchen.

Sie sagte, so viel Geschirr gbe es berhaupt nicht und das nahm er
selbstverstndlich bel.

Wann war das?

An demselben Abend.

Jetzt verstehe ich. Sie hat auf ihn gehalten und glaubt, sich in
ihm getuscht zu haben und bereut, da sie seine Annherung an Dich
begnstigte. Sehr einfach.

Aber Kriehberg hat nicht gelogen.

Wenn Du eine kleine Stadt ausschttelst, fallen nicht so viel
Teller heraus, als im Hauptrestaurant tglich gebraucht werden, das
ist klar. Und deshalb hlt Tante Lina solche Porzellan-Anhufungen
fr kalten Aufschnitt. Es giebt eben Wahrheiten, die manchmal keine
sind. Kriehberg fehlt es an Welterfahrung und das ist bei einem Manne
schlimm. Am Schlimmsten aber fr die Frau, denn Dmlichkeit des Gatten
ist kein Scheidungsgrund.

Doch: Rathet mir gut, aber rathet mir nicht ab sagt die Braut im
Sprichwort. Ich verkndete darum gewissermaen prophetisch: Ja, es ist
wahr, die Liebe ist blind, aber sie merkt es erst, wenn sie hinterher
den Schaden besieht. --

Mein Karl sucht eine auswrtige Stellung fr Kriehberg, ihn aus Berlin
weg zu untersttzen. Das wre fr ihn gut und noch guter fr mich.
Ottilie stelle ich die Wahl zwischen ihm und einem billigen, aber
geschmackvollen Lodenanzug des Vereins Berliner Damenmode. Ich denke,
sie nimmt den Anzug. --

Und deshalb machte ich mich auf, den Dreien nach, die in
Costmbetrachtungen schwelgten. Wenn die Ungermann sagt: Solches wrde
ich mir machen lassen und jenes und das noch dazu und das und das
und das, erwacht in Ottilie gleiches Begehren und sie lt mit sich
handeln. Ich kenne das. Was die eine hat, will die andere auch haben.
Geht man in ein Geschft und der junge Mann versichert, dies wird viel
genommen... schwapp hat man's.

Es ist mit Brutigmmen ganz dasselbe. Hat eine einen, ruht die andere
nicht, bis sie ebenfalls einen Verlobten unterrmelt, und wenn sie sich
blos einbilden mu, ihn zu mgen. --

Ich traf sie in der Moden-Abtheilung. Ottilie und die Ungermann, die
an allem, was sie sah, zu tadeln fand. Gefiel ihr der Stoff, verwarf
sie den Schnitt, was gelb war, sollte roth sein und was mit Besatz
war, wollte sie gesteppt haben. In mir siedeten bereits Bemerkungen,
die ich nur unterdrckte, weil sie bei uns hotelisirt. Wre sie die
Butschen gewesen oder gar die Pohlenz... ich htte einen Ton geredet,
wie das Nebelhorn an der Spree, bei dem ltere Leute einknicken, wenn
es unangemeldet lostutet.

Wo ist denn Tante Lina? fragte ich, da ich sie nicht gewahrte.

Die wird wohl drauen auf ihrer Bank in der Wandelhalle sitzen.

Dann helfe ich ihr spazieren sehen, entgegnete ich, drehte mich kurz
um und dampfte ab. Ich kann viel vertragen, nur keine Besserwisserei
aus Dnkel.

Tante Lina sa richtig auf der Bank. Ich beobachtete sie aus einiger
Entfernung eine ganze Weile.

Sie sa und sah. So merkwrdig selbstvergessen sa sie da, wie todt
und jeden Vorbergehenden schaute sie forschend an, mit den Augen, die
allein lebend waren, scharf und fragend und hell.

Ich setzte mich zu ihr. Sie merkte es nicht.

Tante Lina, sagte ich.

Sie schrak ein wenig zusammen. Ach Sie sind es, sagte sie und sah
wieder wie abwesend in die vorberwogende Menge.

Auf einmal berkam sie heftiges Zittern, ihr Athem ging rasch und
hrbar. Was ist Ihnen? rief ich besorgt und war schon auf dem Sprung,
die Sanittswache zu alarmiren.

Ein Herr ging daher, ihm zur Seite in einem Zhluhrfahrstuhl eine Dame.
Sie sprach zu ihm, er neigte sich und antwortete freundlich auf ihre
Fragen. Es war abendkhl. Er legte ihr seinen feinen, seidengeftterten
Paletot ber die Fe.

Sie lchelte ihm Dank zu. Eine recht nette Frau und ein stattlicher
Mann, schon etwas weilich an den Schlfen, aber das kleidete ihn gut.

Als das Paar in unserer Nhe war, rief Tante Lina: Johannes. --
Johannes!

Der Herr wandte sich um. Hatte ihm der Ruf gegolten, der so weh klang
und erstickt, als htte ein verlassenes Kind nach der Mutter geweint?

Er blickte mich an, er blickte Tante Lina an. Dann schttelte er leicht
sein Haupt und schritt weiter.

Tante Lina war zusammengesunken; die Kunstlocken hingen vornber und
beschatteten ihre Augen. Es durchzuckte sie ruckweise, wie groe Qual
den Menschen durchbebt.

Tante Lina, um Gotteswillen, was ist Ihnen?

Er war es, flsterte sie. Er.

Wer denn, Tante Lina?

Johannes. Johannes Viedt. Es war wohl seine Frau, die neben ihm? -- Es
war seine Frau.

Sie mssen sich geirrt haben, wo soll denn der herkommen?

Er ist es. Ich las seinen Namen unter den Besuchern des Tempels, die
sich einschreiben, ganz deutlich: Johannes Viedt aus St. Louis. Ich
hab' in allen Zeitungen die Fremdenlisten nachgesehen, sein Hotel
herauszubringen, ich fand ihn nicht. Da habe ich auf dieser Bank
gewartet, jeden Tag. Ich wute, er wrde kommen.

Und das that er auch.

Er sah mich und ich sah ihm in die Augen, wie damals, als er ging. Er
hat mich nicht wieder erkannt. Nicht wieder.

Sie weinte. Stille Thrnen, schwere Thrnen.

Tante Lina, wollen wir nach Hause?

Ja. Und morgen reise ich. Ich habe Alles in Ordnung: mein Sterbekleid
liegt im Schubkasten unten im groen Spinde. Und Tischler Grawert wei
Bescheid, blos ein einfacher Sarg, ganz einfach. Alles in Ordnung.

Nicht doch, Tante Lina. Ich lasse Sie nicht eher, als bis Sie wieder
froh und heiter sind. Weg mit so trben Gedanken. Sehen Sie, wie schn
und golden die Sonne auf die Kuppeln und Thrme scheint.

So? fragte sie theilnahmslos. Ich hatte eine Sonne, hier drinnen,
die ist untergegangen. -- Ob er wohl glcklich ist mit seiner Frau? --
Ob wohl Kinder da sind? -- Viedt's haben mir nie gesagt, da er sich
verheirathet hat. Sie wollten mir's wohl verheimlichen. Ja, Viedt's
sind gut und Johannes ist der Beste.

Sie erhob sich mde und wankend.

Liebe Buchholz, sagte sie sanft. Haben Sie Dank, da ich bei Ihnen
sein konnte, da ich ihn noch einmal sah. Ihm geht es gut; ich bin
zufrieden.

Wir verlieen die Ausstellung und nahmen eine Droschke. Das Gewhl auf
der Eisenbahn war nichts fr Tante Lina.

Sie sprach unterwegs kein Wort. Ich glaube, sie begrub die
Vergangenheit.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Tuschungen.


Was dem Menschen im Buche des Schicksals angekreidet steht, das wird
ihm besorgt. Fr mich stand eine Nhmamsell drinn und ich habe sie.
Hinter meinem Rcken hat die Ungermann sie gedungen und in Thtigkeit
gesetzt, als ich pflichtgem auer Hause war. Und wer hat ihr dabei
geholfen? Die Krausen.

Htte ich die Beiden doch nur nicht miteinander bekannt gemacht. Aber
es mute so kommen.

Die Ungermann beschwabbelte mich, mit ihr noch einmal die Costme zu
begutachten und ich ging darauf ein, weil ich spter selbst darber
sachgem berichten mu, obgleich ich nicht kapabel bin, mich in die
confectionelle Schreibweise hineinzuzwngen, wodurch die Modeberichte
immer ihre Pompsitt kriegen. Ich wei nmlich nicht, wo ich die
Fremdworte alle aufgabeln soll, die kunstvoll in die Stze vernht
werden, damit sie etwas hergeben.

Und schlielich: was ist Mode? -- Es ist dasjenige, weswegen man
ausgelacht wird, wenn man es nicht mitmacht, und das man auslacht, wenn
es nicht mehr mitgemacht wird. So denke ich darber.

Man sieht es ja. Kaum nehmen die Damen bei dem Trachten-Panoptikum
von Moritz Bacher Aufstellung: heiter werden sie und schmunzeln und
kichern und machen sich lustig ber ein Jahrhundert Mode und halten
es fr unmglich, da verstndige Menschen sich jemals so zu Schauten
machten, auer auf Maskenbllen. Das Ungreiflichste ist ihnen die
Krinoline, aber damals, als sie aufkam, hielt es jeder fr heiligste
Pflicht, das Birnenhafte den Franzosen nachzuffen und in allem Ernste
schn zu finden.

[Illustration: Mode]

Wie wohl nach hundert Jahren ber unsere Mode gespottet wird? Aber es
geht nun einmal nicht anders. Anhaben mu der Mensch etwas. Barfu bis
unter die Arme, wie die alten Griechen, ist nur Statuen erlaubt.

Da sieht man, auf was fr Fahnen die Damen verfielen, um ihre
Nebenbuhlerinnen zu rgern, sagte ich zur Ungermann, die diesen Stich
nothwendig versetzt haben mute, weil sie doch nichts weiter sinnt,
als sich mit ihrer Kleedage beneiden zu lassen. Ob sie Glck haben
wird? Kaum. Grn mit erdbeercremefarbigem Besatz erregt meiner Ansicht
nach hchstens Bedauern. Und das nennt sie eigenen Geschmack. Sie
aber gethan, als htte sie nicht verstanden. Gottlob, da wir nicht
in so ordinrer Vergangenheit leben, sagte sie, wir schreiten eben
vorwrts; auch die weien Rcke kommen ab. Haben Sie den Unterrock von
gelb und blau chinirter Seide gesehen? Solchen schaffe ich mir an, er
ist wie ein Gedicht.

Aus der goldenen Hundertzehn, ergnzte ich ihre Schwrmerei und
dachte, ob sie wohl vorhat, den Leuten das Nhmaschinengedicht auf dem
Thurmseil vorzudeclamiren, worber ich in lchelnde Stimmung gerieth,
in der ich den Antrag auf Verweilung im Freien stellte, mit einem
Tchen Eis-Schocolade bei Hildebrand. -- Wurde angenommen.

Wie wir nun unterwegs das groe Becken betrachten, worin der
Lichtspringbrunnen emporlodern soll, stt Ottilie mich an und
flstert: Da ist er.

Wer?

Ich hingesehen und richtig, da steht der Adonis von neulich in
Lebensgre und giebt einem Arbeiter Anweisungen aus einem Taschenbuch.
Er wird uns gewahr, zielt scharf herber und eilt auf uns zu.

Herrjeh, Tante Ungermann, ruft er, Du in Berlin? Also tuschte ich
mich nicht, als ich Onkel krzlich im Olympia-Theater zu sehen glaubte.

Tante und Neffe begrten sich und sie stellte ihn vor.

Rudolph Brauns, mein Schwestersohn.

Ich verneigte mich gemessen. Ottilie errthet.

Wo kommst Du denn her? fragte die Ungermann.

Ich bin als Elektrotechniker engagirt, antwortete er. Papa meinte,
ich sollte es annehmen: bei den kolossalen Anlagen hier knnt' ich mich
nur vervollkommnen.

Elektrotechniker? redete ich ihn mitrauisch an. Als wir vor
einiger Zeit, wie der Zufall es so fgte, an ein und demselben Tisch
in Unterhaltung geriethen, sagten Sie doch selbst, Sie wten nicht
einmal, was Elektricitt sei.

Das wei auch noch Niemand! entgegnete er unbefangen. Kein Gelehrter
kann bis heute sagen, was sie ist. Wir kennen ihre Erscheinungsformen.
Alles andere ist Theorie. -- Ich dachte ihn zu berfhren, aber wenn
die Sache liegt, wie er sagt, dann war unmglich richtig, was Ottilie
ber das Wesen der Elektricitt vortrug. Mir dmmerte so etwas wie
Blamirung auf.

Ottilie war ganz roth geworden, stark lippenpomadenroth.

Tante und Neffe erkundigten sich gegenseitig nach ihren Erlebnissen
seit dem letzten Zusammensein; Ottilie und ich gingen voran zur
Schocolade, die jedoch mit Hindernissen verbarrikadirt war, und zwar
in Gestalt von Herrn und Frau Krause und Butsch und Gattin, die auf uns
zu stieen.

Die Krausen hochelegant. Mein erster Gedanke war, wie kommt sie
dabei? und ehe ich einen zweiten fassen konnte, sie mir vortriumphirt,
da sie alles vermiethet htte mit Verpflegung und fabelhaft verdiente.
Ich zog natrlich gleich die Hlfte ab.

Feine Leute, schwaddronirte sie, und so zufrieden mit allem, Geld
spielt gar keine Rolle. Nun sie merken ja auch gleich, da sie es mit
Bildung zu thun haben. -- Sie sind doch auch so schlau, zu vermiethen?
Oder haben Sie noch Zimmer leer?

Alles besetzt, gab ich zur Antwort. Mein Mann schlft sogar in
der Fabrik. -- Und das war der Wahrheit gem. -- Wir persnlich
schrnken uns auch ein, fuhr sie fort.

Das sieht man Herrn Krause an, warf ich ihr vor. Ich, an Ihrer
Stelle, wrde den Fremden nicht alle die krftigste Bouillon allein
geben oder lieber ein halbes Pfndecken Fleisch mehr nehmen, damit der
Mann auch was hat.

Auf diese Enthllung aus heiterem Himmel war sie nicht vorbereitet,
vergebens fischte ihr Geist nach Wiedervergeltung. Aber ich hatte
polizeilich beglaubigte Besttigung ihrer Mierigkeit, indem Doretten's
jetziger Brutigam eine Cousine bei Krauses zu dienen hatte.
Schaudervoll geht es her. Von einem halben Pfund Beilage, dreitgige
Brhe gekocht und den Zampel mit Rosinensauce aufgetischt, da der Mann
seine eigene Haut als Ueberzieher brauchen knnte, wenn sie zu knpfen
ginge und deshalb gab der Schutzmann das Familienverhltni auf. Wo die
Herrschaft selber Ammi spielt und die Knochen abgnabbelt, hlt kein
Geliebter aus, da wird die Kche bald zum Kloster mit der Krausen als
Aebtissin, worauf das Mdchen sofort kndigt. Warum hat sie sonst alle
halbe Jahre eine neue?

Dies hat mir Dorette hinterbracht, die es von ihrem Verlobten wei, und
Schutzleute lgen nie. Als ich fragte, ob die Krause'sche Philippine
auch eine wirkliche Cousine von ihm gewesen sei, wurde sie patzig
und sagte, er htte seinen Diensteid darauf gegeben, da es keine
Stiefliebste war: ob ich Lust htte, mich in Unannehmlichkeiten zu
strzen? Worauf ich nicht weiter auf den Fall einging.

Die Butschen hatte meinen Sieg ber die Krausen nicht bemerkt. Sie
schwamm am Arm ihres Mannes in Festtagslust. Er sah auch gentil aus mit
der ihm angeborenen und mit Weibier weiter gepflegten Stattlichkeit
und schwarzblank neu in Kleidung, wozu Herr Bergfeldt sich nie
aufschwingen konnte, weil immer nur mit Ach und Krach ersetzt wurde,
worauf lngst Ventilationsklappen gehrt htten, womit sie ihn nicht
gut gehen lassen konnte.

Butsch wollte erst gar nicht, erzhlte sie, um damit da nichts
im Geschft passirt, wenn er weg ist und irgend so'n Besoffsky Radau
macht, denn gerade in der Abwesenheit erlebt man gewhnlich den
mehrsten Verdru...

Aber meine Olle mir keine Ruhe gelassen, nahm Herr Butsch das Wort,
bis ich mich bewogen fhlte, zu sagen, wenn es so brllend schn
ist, wie Deine Beschreibung unbegreiflich, denn man hin. Und ich mu
gestehen, blos um das Ausgefallenste zu betrachtigen gehren minimumst
Zweie.

Nicht wahr? freute sich die Butsch. Und so raffinant. Das
Industriegebude und die Hauptrestauration ganz natrlich wie sonne
Pendants.

Ungermann's merkten bereits auf und damit die Butschen als meine
Bekanntin nicht auf grenzenlosester Kunstunwissenheit ertappt wrde,
sagte ich: Beides in italienischer Phantasie stilisirt. Gehen wir.

Die Krausen aber spitzlistig gefragt: Was verstehen Sie unter
Pendants, meine Beste?

Die Butschen wies erst auf den weien Wasserthurm und dann auf die
blanke Kuppel und sagte grundehrlich: Na, auf der einen Seite ein
Thermometer und auf der anderen ein Barometer, wie es unsere gute Stube
auch in der Mode hat.

Kein bler Gedanke, rief der junge Herr Brauns, damit liee sich
in der Metall- und Galanteriewaarenbranche vielleicht ein Geschft
machen. Wollen Sie mir die Idee berlassen? Wir theilen den Gewinn.
Ich bernehme die Musterschutzkosten und die Abmachungen mit den
Fabrikanten. Ein paar tausend Mrkelchen knnen dabei herausschauen,
Notabene wenn wir Glck haben.

Meine Frau willigt ein, sagte Herr Butsch. Olle, Olle, bist Du
helle! rief er und kte sie inmitten der Menschheit und sie stand
ganz verlegen und glcklich. So glcklich.

Und wenn's nur ein paar hundert Mark werden, fuhr Herr Busch fort,
es wre auch schon schn. Kathinka, es kommt in die Sparkaste und
bleibt Deine. Ich habe ja immer gesagt, wer meine Frau fr dumm kauft,
der schmeit sein Geld weg.

[Illustration: Trme]

Die Krausen zipperte mit den Ewinkeln. Die Butschen, die sie
verdunkeln wollte, strahlte in Glorie. Das verdro sie schmhlich.

In diesem Zustande war Eis-Schocolade fr sie wie von der Vorsehung
angerhrt. Herr Butsch lie sich nicht nehmen, die ganze Runde auf die
Erfindung seiner Frau hin zu erledigen. Herr Brauns gab eine zweite
dagegen.

Ich finde es abscheulich, da der junge Mann die Butschen so zum
Besten hat, raunte die Krausen mir zu. So ihre Bornirtheit zu
verspotten.

Erlauben Sie, es war sein voller Ernst.

Das glauben Sie selber nicht. Auerdem halte ich an die
Oeffentlichkeit treten fr unweiblich.

Man mu es nur knnen.

Aber wie wenige vermgen das? Und dann ist es auch nur Zufall, wenn
mal etwas gelingt. Wirklich Denkende, wie mein Mann, halten es mit der
Wrde ihres Standes unvereinbar, ihre Geistesschtze auf dem Markt zu
profaniren. Gelehrsamkeit ist eben keine Kuh, die Einen mit Milch und
Butter versorgt.

Er kriegt wohl blos amerikanisches Schmalz, entgegnete ich. Das mute
ich ihr einreiben, erstens wegen ihres Dnkels und zweitens, weil sie
mich meinte. Und um ihren Hochmuth ein fr alle mal zu dmpfen und
neben der Butschen, die doch meine langhergebrachte Freundin ist,
nicht wie die Krausen als Nachtschatten betrachtet zu werden, sondern
ebenfalls als lebende Magnesiafackel, sagte ich: Jetzt wird gerade
gedruckt; wir sehen uns das Innere des Lokalanzeigers an, wo die
Ausstellungsnachrichten entstehen. Da kommen die hchsten Herrschaften
und Minister und Excellenzen und alles, was von Bedeutung ist, wie
heute unsere liebe Butschen, die einen gewaltigen Schritt in das
Erfinderische gethan hat.

Mssen wir, pflichtete Herr Butsch bei. Willst Du auch einen Cognac
auf das kalte Zeug, Kathinka?

Nee, nee, dankte sie. Mir ist so hei, ich wei nicht wie.

Die Setzmaschinen in der Druckerei und wie sie das Geschriebene
in runde Metallplatten verwandeln, das ist direkt rthselhaft und
die Pressen sind so gerieben ausgedacht, da wir sie nur so lange
verstanden, als Herr Brauns sie uns erklrte. Das Papier an sich ist
doch ganz vernunftlos, aber in der Presse wird es lebendig und geht
seine Wege, wie auf dem Exercierplatz kommandirt und kommt unten als
Zeitung heraus. Immer klapp, klapp, klapp ist eine Nummer nicht nur
lesbar, sondern auch gefaltet. Dies fesselt stets auf's neue, so oft
man es auch anstaunt.

Und nun fhrte ich meinen Plan aus, gerade jetzt durch die Krausen
gereizt.

Meine Herrschaften, sagte ich so verstndlich in dem
Maschinen-Gerusch wie mglich: Sie verweilen wohl einen Augenblick,
ich bin gleich wieder zurck.

Sie nickten Einverstndni.

Ich habe nmlich auf der Redaction zu thun.

So?

Weiter nichts als gleichgiltiges So. Die Krausen that, als wollte sie
in die Walzen hineinkriechen. Das war Neid. Sie wollte nicht hren. Sie
ahnte etwas.

Ich mu mir nmlich die Correcturen von meinem Bericht holen.

Dann eilen Sie sich man, sagte die Butschen.

Konnte sie nicht loswundern und einen Strahl ber mich als Presse
reden? Ih Gott bewahre. Der Effect war vorbei gegangen und die Krausen
beleidigend gleichgltig gethan. Aber ihre Blicke hohnlachten.

Ich verabsentirte mich. Der Redacteur war bereits sich erholen oder
Beobachtungen machen gegangen, was man nie genau unterscheiden kann,
aber ein Umschlag mit den Abzgen, an mich gerichtet, lag zum Absenden
da, den ich an mich nahm. Ich behielt ihn in der Hand. Sehen muten die
Anderen ihn. Noch war die Bataille nicht verloren.

Auf die Frage, wo Abendbrot genieen, empfahl Herr Brauns die Brauerei
von Berliner hinter der Maschinenhalle und wie manches so hintrifft,
kamen wir an denselben Tisch, an dem Ottilie und ich Herrn Brauns
erste Bekanntschaft machten. Es wurde angebaut und da gute Prepelung
aufheitert, wurden wir bald recht fidel.

Herr Butsch war der Vergngteste und hielt die Kellnerkrfte in
Bewegung. Kathinka, trink, forderte er sie auf. Trockene Freude ist
halber Schmerz. Trink, Kathinka. Ich geb' noch einen aus. Kellnr!

Aber Butsch, bedenke, was Du schon losgeworden bist.

Wenn't nich Geld genug gekostet hat, gehn wir noch mal wieder her,
lachte er. Was kann das schlechte Leben helfen, n't Vermgen ist doch
bald alle. Kellner, zwei Cognac, aber ohne Fubad.

Ich hatte den Schreibebrief auf den Tisch gelegt, dicht vor Herrn
Krause, aber er sah nicht hin. Er a und trank und es schmeckte ihm. Es
war ja auch eine strkende Unterbrechung der Suppenfleischklopse, an
denen er langsam vermickert. Aber es soll thatschlich Naturen geben,
die sich an Vergiftung gewhnen.

Sie, die Krausen, brannte auf den Brief. Sie fate ihn ganz
unabsichtlich an, tndelte damit und warf ihn wieder hin. Aber sie
konnte und konnte nicht davon bleiben.

Was ist darin? fragte sie endlich.

Correcturen von meinem nchsten Bericht. Es hat so leicht Keiner eine
Ahnung, wie mhsam die sind.

Das kann ich mir garnicht denken. Wenn Sie es fertig bringen, ist es
doch unmglich so schwer?

Versuchen Sie. Da ist ein Bleistift. Zeichnen Sie einmal einige Fehler
an.

Ich werde doch nicht das Ganze durchstreichen, sagte sie und
meckerte. Das sollte ein Witz sein.

Rasch hatte sie den Umschlag aufgerissen. Da waren die
Correcturstreifen. Sie las. Ihre Zge verklrten sich, als sie
weiter schnffelte. Ah, dachte ich, sie wird bezwungen von Deiner
Schreibung, Wilhelmine. Sie ist doch am Ende nicht so schlecht und
aller hheren Empfindung bar, wie man leider manchmal angenommen hat.
-- Gerade dieser Bericht war mit besonderer Hingabe abgefat, sozusagen
mit Begeisterung und doch wieder mit dem sachlichen Pflichtgefhl des
hohen Berufes der Presse.

Darf ich vorlesen? fragte die Krausen.

Vorlesen! lechzten die Anderen frmlich. Vorlesen!

Wenn es Ihnen Vergngen macht, gestattete ich bescheiden und sah auf
das Tischmuster. Vorgelesen werden sollen ist hnlich wie in einer
Schaukel, nicht schn und doch wieder sehr schn.

Die Krausen rusperte sich und las laut: Der Glanzpunkt der gesammten
Ausstellung, wie noch niemals da war und die Augen der Nationen auf
sich lenken wird, befindet sich links im Hauptgebude. Es ist dies
ein aus diamantschwarzen Strmpfen auf weiem Grunde knstlerisch
hergestellter Reichsadler, unter Garantie absolut farb- und waschecht
mit verstrkten Spitzen und verstrkten Fersen, ein groer Theil der
Qualitten auerdem mit verstrkten Sohlen eine Musterleistung des
Hauses Buchholz und Sohn.

Die Krausen hielt inne. Darf ich weiter lesen? fragte sie. Ist es
Ihnen auch recht?

Gewi! erlaubte ich ihr, da alle mit gespannter Aufmerksamkeit
lauschten. Sie lchelte mir teuflisch zu und las mit erhobener Stimme.

Die Gte der Waare fechten wir keineswegs an, aber Glanzpunkt ist
zu viel gesagt, in Anbetracht hervorragenderer Objecte, und ber das
Knstlerische des Adlers liee sich diskutiren, mehr als wir Raum in
unserem Blatte fr Erwiderungen zur Verfgung haben. Wir ersuchen Sie,
einen anderen Eingang zu schreiben. Ganz ergebenst die Redaction. --
Das steht hier mit Tinte am Rande. Ihr Glanzpunkt aus Strmpfen ist
dick blau ausgestrichen. Sehen Sie, meine Damen.

Wie ich da sa, war mir wie weit weg im Nebel. Was ich sagte, war wie
hohles Echo. Ich hatte es so gut mit meinem Karl gemeint, und seine
Ausstellung ist auch der Glanzpunkt. Und der Adler ist von einem
frheren jungen Akademiker entworfen, also knstlerisch. Kann man sich
denn nicht mehr auf die Akademie verlassen?

Die grten Schriftsteller haben ihre ersten Entwrfe oft genug
umgearbeitet, sagte Herr Brauns, und in unserem Fach ist der erste
Plan meist nur ein Anhalt. Wir alle mssen corrigiren.

Pah! sagte die Krausen, ich mchte um nichts in der Welt ein Genius
sein. In meine Sachen redet mir kein Zweiter hinein, das ist mein
Ehrgeiz.

Der Anfang war auch nicht gut, sagte ich, mich aufraffend. Mir
fehlte es an Zeit und Ruhe. Der, den ich jetzt schreibe, wird besser.
Und das wissen Sie alle: ber knstlerisch und unknstlerisch gehen
augenblicklich die Ansichten quer auseinander. Der Adler ist mehr
nach der alten Schule, und der Redacteur gehrt wahrscheinlich zu
den Modernen. Wer von den Beiden den Vorsitz hat, kugelt den anderen
hinaus. Somit werden meine Ansichten durchaus nicht berhrt.

Herr Brauns gab dem Gesprch eine andere Wendung, mehr nach launigen
kleinen Geschichten hin, bis Herr Butsch durch das viele Freudenbier zu
aufgerumt wurde.

Als wir aufbrachen, versicherte die Krausen, sie htte lange keinen
gemthlicheren Abend verlebt, als den heutigen; wann wir uns wieder
treffen wollten?

Nchstens, entgegnete ich, aber lassen Sie's mich vorher wissen.

An dem schadenfrohen Lcheln ihrer Larve sah ich, da sie erkannte, wie
ich es meinte, nmlich nicht in die _la main_. Nun war sie zufrieden,
nun sie wute, da ich durch ihre Spinnenumgarnung hineingelegt worden
war, und machte sich an die Ungermann, mit der sie ein Herz und eine
Seele wurde. Da hat sie ihr, mir zum Schabernack, auch noch die
Nhmamsell nachgewiesen. Meine Zuversicht ist: der liebe Gott sieht
durch die Finger, aber nicht ewig.

Zu Hause angelangt, fragte ich Ottilie, warum sie so gnsehaft
dagesessen und nicht ihre wissenschaftliche Unterhaltungsgabe in die
Bresche geworfen htte, der Krausen den Giftschnabel zu stopfen?

Ach, seufzte sie, Herr Brauns ist zum Verzweifeln schn.

Der geht Dich nichts an, Du hast Dich ja schon fr Kriehberg
entschieden. Troll Dich, Du bist mde. Dir fallen ja schon die Sehluken
zu. Ich habe noch stundenlang zu arbeiten.

Sie verduftete seufzend und ich setzte mich vor das Papier, aber es
wollte mir nicht gelingen, den vorherigen Schwung zu erreichen. Ins
Wasser gefallen ist der stolzeste Adler, ebenso klatrig, wie ein
nasser Spatz. Ich marterte mein Gehirn umsonst. Und dazu die letzten
Erlebnisse. Es kribbelte nur so in mir.

Mein Mann kam. Wilhelmine, willst Du Dich ganz aufreiben? Es ist
nachtschlafene Zeit. Sei vernnftig, Kind, und leg' Dich.

Bette mich in Daunen vom Zephyr, was die Krausen mir angethan hat,
hlt mich wach wie Distel und Dorn, selbst im Grabe. Die Person ist
noch mein Tod.

Mir ist sie auch eine gruliche Prise, aber la sie laufen. Denke
vornehmer als sie, Wilhelmine. -- Das thu' ich lange. -- Beweis
es mit der That und rgere Dich nicht. -- Ueber so Eine nicht im
Geringsten. -- Das ist recht. Ein edles Gemth vergiebt.

Gut, ich will vergeben, aber Du, Karl, Du vergi es nicht. Man kann
nie wissen, wie es kommt.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Eingeregnet.


Verliere Deine Geduld nicht, es hebt sie Niemand auf, sagte mein Karl.

Ich versuchte freundlich zu sein. Allein mehr als wie beim Photographen
kam nicht heraus und auch nicht lnger. Irgendwo las ich einmal
etwas von Lachgas. Das wre die einzige Strkung fr mich gewesen,
aber Dorette kam mit leerem Flschchen wieder und sagte, in der
Drogenhandlung htten sie es nicht, ob ich nicht Nelkenl nehmen
wollte, das wre auch gut gegen Zahnschmerzen.

Zahnschmerzen! Wenn man ihre Nothwendigkeit auch nicht einsieht, sind
sie doch zu bewltigen; wo aber wohnen Aerzte, die Einem den Kummer
ausziehen und Aerger und Verdru?

Ich hatte mich recht auf Kliebisch's Eintreffen gefreut und, da Tante
Lina sich in ihre Heimath versammelt hatte, -- sie war beim Abschied
wehmthig wie an einem Begrbnitage -- stand das Fremdenzimmer wieder
frei, den Amtsrichter Buchholz zu beherbergen, der, als zu meines Karls
Linie gehrig, doch auch Anrecht auf verwandtschaftliche Unterkunft
hat, zumal das ihm bei Butschen's ausgemachte Logis drei Herren zum
Massenquartier dient. Kliebisch's brachten jedoch ihr Tchterchen Anna
mit, die Aelteste, und meinten, eine Sophaecke fr das Kind fnde sich
wohl an. Im Uebrigen wrde sie mir zur Hand gehen, da sie fr husliche
Arbeit auergewhnlich veranlagt sei.

Was war zu thun? Herr Kliebisch bekam das Fremdenzimmer, sie die
Kliebischen mit Tochter bernahm das Vorderzimmer neben Ungermann's,
die sich mit der guten Stube behelfen. Im Berliner Zimmer wird
geschneidert. Ich bin machtlos. Mein Karl sitzt voller Auftrge, da
die Fabrik nicht ausreicht, und unser Schwiegersohn und Compagnon
Schmidt auf Reisen gehen mute, um mit Lieferanten abzuschlieen; er
kann sich dem Besuch nicht widmen. Und das wre auch nichts fr seine
Gesundheit, zu so unmglichen Tageszeiten kommen die Herren nach Hause.
Auf meine Bemerkung, da der Schlaf vor Mitternacht der heilsamste sei,
entgegnete Herr Ungermann, er wre aufgeblieben, um die Brodtrger am
frhen Morgen statistisch zu kontrolliren, da von der Umgestaltung des
Bckereigewerbes die sociale Verbesserung aller Stnde erwartet wrde.
Herr Kliebisch lachte kurz auf, als wenn er zweifelte. Ich hielt es mit
Kliebisch.

Dorette hat mir nmlich erzhlt, da wenn Ungermann's unter sich sind,
die Frau ihren Mann blos mit Brummsuppe regalirt und ihn sogar mit
Liederjahn traktirt.

Dorette, beschnigte ich, sie wird wohl Biedermann gesagt haben, wo
er sie doch stets mit >meine liebe Frau< belegt und sie ihm nie anders
als mit >mein lieber Mann< entgegentritt.

Det is man so duhn, bestand Dorette. Wat er der Ungermann is, er is
'n richtijer oller Schlieker, und wat sie vorstellt, sie is 'n oller
Satan.

Dorette, unterstehen Sie sich nicht, in solchem Tone ber meinen
Hausbesuch zu schandiren. Geschieht das noch einmal, wissen Sie, wo die
Luft am frischesten ist.

Ick jeh lieber jleich, indem ick't bis zum Ersten schwerlich aushalte.
Is denn det ne Zucht, dettse bei den jetzigen Sauwetter de janze Strae
in die jute Stube tritt, viel wenijer, dettse Morjens eigenhndig den
Klatthammel abrubbelt un de Plschmbeln in Erdreich verjraben sind? Un
denn mir vorjeworfen von jrndlich Reinemachen? Nee, et is hier schon
nich mehr scheen.

Dorette, wenn es regnet, wird leicht etwas Schmutz ins Haus getragen,
das ist naturgesetzlich.

Sonne Jesetzer stimir ick nich. Wat boddert se mit de Schleppe in'n
dicksten Lehm? Und sind de Flicken und de Fusseln in't Berliner Zimmer
ooch Jesetz? Nee, da is de Schneiderei dran Schuld und ick hab' de
Arbeet von. Ent- oder weder, die Ungermann zieht oder ick.

Dorette, ich lege Ihnen zu. Ueberdies haben Sie ja jetzt Hilfe an
Frulein Kliebisch.

Dorette lachte. Komm die Frau 'mal mit, sagte sie vertraulich und
fhrte mich in Herrn Kliebisch's Zimmer. Det hat se von alleene
besorgt. Seh een Mensch blos det Bett an. Und da soll der eijene Vater
drin jeschlummert werden. Det is ja Umjehung von's vierte Jebot, >auf
da es Deine Eltern wohljehe und se lange leben uf Erden.<

Es war in der That nicht ersten Ranges, was das Kind vollfhrt
hatte. Das Bett glich einem Gebirge mit Thlern und Schluchten, die
Morgenschuhe standen auf der Kommode, den Vorleger hatte sie unter das
Spinde gefegt.

Un ausjejossen hat se jar nischt, hhnte Dorette. Un det nennt det
Wurm en fertijet Schlafzimmer.

Sie ist noch jung, nahm ich der Abwesenden Partei, und das sind wir
Alle gewesen.

Aber man nich in solchen Jrade. Will des Frulein Thuverkehrt mir
dajejen in der Kche helfen, bin ick nich abjeneigt, ihr Anleitung
zur Vervollkommnung in's Kartoffelschlen zu jewhren. Seit wir die
Kliebischen's in Kost haben, sind mir die Hnde schon en Endecken
krzer jeworden.

Sie hatte nicht Unrecht, Kliebisch's alle Drei leisten Bedeutendes in
Erdfrchten. Ob es davon kommt oder woher sonst, wei ich nicht, aber
die Kliebischen ist bequem geworden, wie sie frher nicht war. Und
alleweil verzagt.

Wie wird es werden? Die Zeiten sind so schlecht und die Kinder wachsen
heran, klagt sie, aber rhren ist nicht und thtig eingreifen und
Tchterchen zurechtstoen auf Geschicklichkeit und Brauchbarkeit, wie
ich meine Beiden nie versumt habe. Wo die Tage gleichmig auf- und
untergehen, wird der Mensch zuletzt auch flachweg und fett und sitzt,
wo er sitzt. Mich wundert, da sie sich aufraffte, ihren Schwerpunkt
nach Berlin zu verschieben.

Den groen gerucherten Schinken, den sie mitbrachte, und den Korb Eier
und das Geflgel nahm ich als lndliche Zartsinnigkeit von ihr dankend
entgegen. Ein Sack Kartoffeln, der als Handgepck zu umstndlich war,
ist als Angebinde seinerseits noch unterwegs. Dorette behandelt
Kliebisch's daher mit mittlerem Wohlwollen. Was sie ber Ungermann's
sagt, mag zutreffen, obgleich sie wei, da ich das Threnhorchen nicht
haben will. Indes kann ich der Ntherin, wenn sie mit Dorette zusammen
ist, nicht den Mund verbieten. Die hat gesagt, die Ungermann mte viel
Geld haben, so viel Watte wre an ihr; wegen ihrer Figur htte sie
knapp einen Mann gekriegt oder er htte sie schleunigst wieder retour
gegeben. Und so eitel! Alles sollte sitzen, als wre sie im Loth wie
eine Probiermamsell Nummer Gelbstern.

Nun war mir erklrlich, warum das Anpassen immer abgeriegelt geschieht
und ohne meinen Rath.

Ob der Mann solche vertrauliche Ausputzer wirklich verdient? Halb
Liebe und halb Geld giebt eine gute Ehestandsbowle, wenn ein bischen
Schnheit als Zucker nicht fehlt. Aber blos Geld und keine Liebe und
nicht eine Spur Sigkeit, da ist das Fest mit der Hochzeit aus.

Spielt sie Komdie, hat er es von ihr gelernt. Sie giert, in der
Gesellschaft zu prunken, er strebt, in der Stadtleitung hervorzuragen.
Htten sie ein Kind gehabt, wrden sich ihre Ksse auf dem
Engelsmndchen begegnet haben und das kleine Bndel Liebe wre zum
Talisman gegen die bsen Geister des Hauses geworden. Es war aber keins
da.

Mein Karl theilt meine Ansichten nicht. La' sie sich haken, sagte
er, das kommt in den besten Familien vor.

Doch nicht bei uns?

Dazu gehren zwei. Ich passe.

Also ich? Mich mit meiner geradezu unerlaubten Sanftmuth stimirst Du
als Zanktippe? Karl, Du verwilderst, seit Du in der Fabrik schlfst.
Aber warte, die alte Ordnung kehrt wieder.

Er lachte: Ich sehne mich nach ihr. Alles nimmt ein Ende, blos
Ungermann's knnen das ihre nicht finden.

Hat er denn schon bestellt?

Noch nicht. Die Waare gefllt ihm, bis auf die Preise. Er versucht
abzuhandeln.

Das darf er nicht. Die gute Stube mu neu gemacht werden, sagt
Dorette, und dazu die Nherei, und mess' mal Deinen Weinkeller nach.
Nein, drcken darf er nicht. Das wre unanstndig. Er mu mindestens
doppelt so viel nehmen als sonst. Und Du schlgst auf. Verstehst Du?

Mit dem Weinkeller sah es trbe aus. Je mehr Wasser vom Himmel strzte,
um so weniger wurde der Wein; der Regen zwang zur Huslichkeit und
geselligem Beisammensein und mein Karl ist nobel.

Ungermann hatte gleich die beste Sorte heraus, seine Zunge merkte das
Unabgelagerte sofort, als ich unsern Tischwein in die Lafitte-Flaschen
umgegossen hatte. Kliebisch versteht sich nicht in gleichem Maae
auf Jahrgnge, ihm schmeckt der Billige wie der Theure, so lange
eingeschenkt wird.

Ich gnne es ihm. Wenn er einen Kleinen sitzen hat und man bringt ihn
nicht darauf, vergit er die agrarischen Kalamitten und es ist ihm
einerlei, ob die Margarine blau oder grn gefrbt werden soll oder
garnicht. Dann ist der Ausstellungs-Musterstall sein Trost, den er mit
Vorliebe beschreibt als das Erfreulichste fr den Landwirth.

Da liegt Poesie darin, sagte er. Ein Pferd bleibt doch immer ein
Pferd. Oder haben Sie schon einmal ein Vollblut-Fahrrad gesehen? Kann
denn ein Cavalier sich auf solches mit einer Leberwurst beschlagenes
Spinnrad klemmen, ohne sich und seinem Stand etwas zu vergeben?

Die Industrie denkt anders, entgegnete Herr Ungermann. Der durch das
Fahrrad hervorgerufene Umsatz ist ein gewaltiger und wird sich immer
mehr steigern, trotz der Spttelei der Feudalen.

Ich gehre nicht zu den Feudalen, wehrte Kliebisch ab.

O doch, Hinnerich, sagte die Kliebisch. Hattest Du nicht auch einen
Karbunkel im vorigen Jahre, gerade als der Landrath einen hatte, nur
da von seinem mehr geredet wurde, weil er gefhrlicher war als Deiner?

Und das Radfahren soll sehr gesund sein, bemerkte die Ungermann.

Das Reiten ist noch gesunder.

Das Rad ist das Ro des armen Mannes, begann Herr Ungermann wieder.
Auch der Minderbemittelte vermag sich eins zusammenzusparen und
braucht kein Geld fr Heu und Hafer auszugeben.

Und das befrworten Sie? brauste Kliebisch auf. Wovon soll denn die
Landwirthschaft leben, wenn die verwnschten Maschinen die Pferde
verdrngen? Gerade am Hafer wird verdient. Hrt das auch noch auf --
gute Nacht Ackerbau. Weizen kommt mehr als zuviel aus Argentinien
und Indien. Ist die Eisenbahn erst fertig, ersuft uns Sibirien mit
Getreide. Und das Heu? Es laufen allerdings Ochsen genug herum, aber
die fressen es nicht.

[Illustration: Radfahrer und Reiter]

Was sich nun ausbreitete, war Verlegenheit. -- Der Regen klatschte
gegen das Fenster. -- Die Herren rauchten.

Ich mchte Rad fahren, sagte Ottilie.

Ich halte es fr ungeeignet, nahm ich das Wort. Ist es eine Dame
oder ein Herr, was an einem vorberstrampelt? Man unterscheidet es
kaum. Und manche Radlerin sieht nach der Tour tuschend aus, wie in
acht Tagen nicht rasirt. Dagegen zu Pferde grfinnenhaft und elegant.

Prost! Frau Buchholz, rief Kliebisch und leerte ein volles Glas auf
mein Wohl. Welch ein Staat, die prachtvolle ungarische Radautzstute im
Musterstall; das ist ein Damenpferd; schlank, feiner Kopf, elastische
Fesseln, vorzglich gepflegtes schwarzes Haar. Darauf mchte ich
Sie sehen, mein Frulein, und nicht auf der Chausseestaubmhle mit
verbogener Figur in Pluderhosen...

Wollen wir den Gegenstand nicht lieber fallen lassen? unterbrach ihn
die Ungermann mit verletztem Anstandsgefhl.

Immerzu fallen lassen. Ein Schauspiel fr Gtter, lachte Kliebisch,
dem im Eifer der Wein zu Kopf stieg. Ich riskir' ein Auge daran.

Aber Mann! rief seine Frau ihn zur Ordnung.

Ach was; wie eine sich vorreitet, wird sie taxirt. Wenn sie sich auf
dem Stahlhengst tummelt, mag es sie befriedigen, aber schn sieht
anders aus. Mglich ist jedoch, da die Schenkel sich mehr ausbilden,
wenn eine keine hat...

Hinnerich, Du bist hier nicht im Kruge, fuhr die Kliebisch dazwischen.

Der Ungermann ward dies Gesprch sichtlich fatal. Sie mit ihren Grten
hat natrlich gegen Sport, bei dem es auf einigermaen Plastik ankommt,
solche Abgeneigtheit, da sie nicht mal darber reden hren mag.

Man mu bedenken, da fr Radfahrer neue Trachten geschaffen werden;
schon jetzt beginnt ein gewisser Luxus in besseren und besten langen
Strmpfen sich bemerkbar zu machen, sagte Herr Ungermann.

Karl, hast Du gehrt? rief ich. In besserer Waare. Nein, wenn die
Industrie dadurch gehoben wird, bin ich sehr fr die Maschinenreiterei.
Knnte die Regierung nicht gesetzlich befehlen, da alle
Reichsangehrige radfahren mssen und in einem Nebenparagraphen unsere
Wollsachen amtlich verordnen? Wrde das den socialen Frieden nicht
gewaltig schren?

Jawohl, schrie Kliebisch. Da haben wir wieder den Krmergeist. Die
Industrie mu untersttzt und gefrdert werden; die Landwirthschaft
darf verhungern, das ist ihr angestammtes Recht. Aber wer soll den
Herren Industriellen ihre Erzeugnisse abkaufen, wenn der Landmann kein
Geld hat? Nur so weiter. Die Pferdezucht auch noch ruinirt und ber
das verarmte Land rollt die alleinseligmachende Industrie auf einem
gottverdammten Unglcksrad in ihr eigenes Verderben. Zum Kuckuck mit
den Dingern. Verboten mssen sie werden.

Wie Sie auch schelten, wandte sich Herr Ungermann an Kliebisch,
das Rad ist dennoch von groer volkserziehlicher, sogar ethischer
Bedeutung. Der Radfahrer mu sich auf seinen Ausflgen der grten
Nchternheit befleiigen; beherrschen ihn die Geister des Weines, ist
er nicht im Stande, sein Fahrzeug zu beherrschen und wird sich selbst
und anderen gefhrlich.

Das ist er schon ohne Kmmel, hhnte Kliebisch ausfallend.

Ich bleibe dabei, das Fahrrad steht im Dienste der Migkeit, gegen
die leider zu oft gesndigt wird.

Das mochte Kliebisch sich wohl als persnliche Bemerkung zugezogen
haben oder sonst wie, genug, er blickte Ungermann spttisch an und
sagte: Tugendpredigen und den Weg der Tugend wandeln ist zweierlei.
Mir ist der Musterstall zehntausendmal lieber als hundert Musterknaben
und wenn auch blos Gule drinn sind und keine Stadtvter. Wer auf die
Landwirthschaft schimpft, dem dien' ich.

Mein Karl erhob sich, ging an die Uhr und wand sie auf. Wir wissen
althergebracht, da dies der Wink zum Aufbruch ist, den die Gste jetzt
auch ziemlich pltzlich begriffen.

Ottilie holte die verschiedenen Leuchter, die Kerzen wurden angebrannt
und unter mehr und minder wohlgemeinten angenehmen Ruhewnschen
vertheilte sich die Einquartierung in ihre respectiven Gemcher.

Ich rumte zusammen, der Dorette die Morgenarbeit zu vereinfachen.

Was hat Kliebisch gegen Ungermann? fragte mein Karl.

Ich wei es nicht. Seine Frau hat mir auch nichts gesagt.

Der Streit und namentlich der hanebchene Ton haben mich verdrossen,
ich kann noch nicht schlafen. Mir ist nichts zuwiderer als solcher
Zank.

Und Kliebisch's Wrterbuch! Aber das bauert auf dem Lande so hin
und wird etwas sehr gerade aus. Du httest ihm nicht immer wieder
einschenken mssen. Herrn Ungermann lobe ich, der rhrte den Wein kaum
an und Du mit gutem Beispiel an der Spitze desgleichen, mein Karl.

Die letzte Flasche schmeckte nach dem Kork.

Und das hat Kliebisch nicht gemerkt?

Er war zu sehr in Rage ber die Rder und ber Ungermann's
salbungsvolles Geschwtz.

Geht da nicht die Thr von der guten Stube?

Wir lauschten.

Auch die Hausthr wurde vorsichtig geffnet und geschlossen.

Ungermann, flsterten wir Beide wie aus einem Munde.

[Illustration: Braut und Brutigam]

Er hat wohl noch Durst, sagte mein Karl.

Nach halbzwei, wo die Lokale zu sind?

Nicht alle. Wenn er nur die Hausthr nicht offen lt.

Sei unbesorgt, Dorettens Schutzmann pat auf unser Haus. Sie nimmt
sich neuerdings viel heraus, weil sie ihre Unentbehrlichkeit entdeckt
hat, aber ich be Nachsicht, allein schon wegen der Sicherheit. Ist es
nicht romantisch, wie in der Ritterzeit, da der Brutigam die Burg
bewacht, die seine Braut als theuersten Schatz birgt?

Vollstndig ebenso. Nur die Zugbrcke fehlt. Und das ist ein Glck fr
Ungermann. Oder wrdest Du sie herablassen, wenn er in aller Nacht Luft
schpfen wollte?

In dem Regen? Es giet ja mit Mollen. Weit Du Karl... ich trau ihm
nicht mehr recht.




[Illustration: Titel-Dekoration]




Nebenbuhlerei.


[Illustration: "Otilie ist eine gebrochene Lilie."]

Wie viel Wahres im Reimen liegt, das habe ich so recht an einem
eigengemachten Verse erfahren, der folgendermaen geht:

        Ottilie
    Ist eine gebrochen Lilie.

Fr gebrochen htte ich gern ein hinziehenderes Wort, da sie noch
zusammenhlt. Entblttert wre insofern treffender, als sie die Krfte
ihres Geistes unter den Tisch fallen lt und die Perlen des Wissens
nicht mehr in die Unterhaltung rollen.

Sonst, wenn jemand blos Telegraph sagte, sie gleich: Wenn alle
Linien aneinandergeknpft wrden, umgrtelten sie die Erde
siebenunddreiigmal und keiner widersprach. Denn woher hatte sie es?
Und ebenso mit den Gestirnen und entlegendster Geographie und was
Professoren so aushecken. Das ist ja das Schne bei Wissenschaft: Wer
kann sie bestreiten? Wer wickelt den Draht um den Erdball? Wer streut
den Kometen Salz auf den Schwanz? Einen Braten wiegt man nach. Obst ist
schon schwieriger. Geflgel geht nach Gutdnken, aber Wissenschaft ist
gnzlich Vertrauenssache.

Der junge Herr Brauns, der hat Ottiliens Zuversichtlichkeit ins Wanken
gebracht. Wir waren zusammen in dem Chemie- und Instrumentengebude.
Herr Brauns fhrte uns. Es war schrecklich. Ich meine nicht das Gebude
und nicht, was drin ist. Nein, aber das Licht, das uns aufging.

Herr Brauns machte seine Aufwartung und wurde als Ungermann's Neffe
freundlich empfangen. Wirklich ein lieber Mensch, man meint nach einer
Viertelstunde, man htte sich seit Jahren gekannt, so offen und frisch
und klar ist sein Wesen. Und so hbsch. Jung und breitschultrig, ein
Krper, der sich gegen Arbeit stemmt und sie meistert und es mit dem
Tag aufnimmt, was er auch bietet. Dabei leicht in der Bewegung und
deshalb steht ihm die Hflichkeit so gut, so ungezwungen.

Ich gehe hauptschlich nach den Augen. Blicke ich forschend hinein
und sie antworten mit sonnigem Lcheln, wei ich, da drinnen steht
das Paradies der Kindheit noch in Blthe. Sind die Augensterne
verschleiert, weichen sie aus und senken sich die Lider, dann ist der
Garten des Herzens nicht gut gehalten, dann ist Unkraut drin, auch wohl
Schierling.

Eine ltere Frau darf einem jungen Mann in die Augen schauen, jungen
Mdchen ist es nicht erlaubt. Sie thun es aber doch -- gerade so wie
Ottilie -- und wenn sie einen Blick in den Rosengarten gethan haben,
vergessen sie ihn nie wieder und trumen davon bei Tag und bei Nacht
und versumen alles andere, die Wissenschaft und das Husliche und
sind ein lebendiger Wunsch geworden, in jenem Garten unter den Rosen
hinzuknieen in anbetender Seligkeit.

Und er, der junge Mann, er war bereit, ihr das Schlsselchen zu dem
Thore seines Herzens zu schenken. Man sah es ihm an. Er wurde noch
einmal so hbsch in Ottiliens Nhe, die Wangen rtheten sich tiefer,
die Augen strahlten und lchelndes Glck ffnete die Lippen, da sie
auch ohne Worte redeten.

Ein Paar wie gemalt, mute ich mir eingestehen, wenn ich sie
nebeneinander sah, und ein goldener Rahmen dazu, denn er kann ihr
eine glnzende Zukunft bieten. Und nun darf sie ihm nicht sagen, wie
sie ihn liebt und mu ihn abweisend behandeln und darf den Schlssel
nicht nehmen, der die Pforte zu den Rosen erschliet, weil es dem
unglckseligen Kriehberg erging wie dem vielgenannten Csar: -- sie kam
-- er sah und wurde gefangen Und nun hackt er.

Er hat sich zu fest an sie geklammert, aber doch nur, weil sie auf mich
nicht hren wollte und Tante Lina so lange ehestiftete, bis die Kiste
vernagelt war.

Briefe haben sie sich geschrieben und Kriehberg rckt ihre nicht
heraus. Seit er Herrn Brauns zuweilen mit uns sieht, plagt ihn die
Eifersucht und er drngt auf Verlobungskarten.

Ich beauftrage sie nicht, sagte ich. Sie knnen doch unmglich als
>Stellesuchender< darauf prangen?

Als Architekt.

Was besagt so'n Fremdwort? Und Baumeister sind Sie nicht. Also --
fragen Sie nach mehreren Jahren mal wieder vor.

Damit ein Anderer sie mir raubt? O nein. Ich weiche Keinem. Er stelle
sich mir gegenber, drei Schritt Barriere und Kugelwechsel, bis einer
liegt.

Herr Kriehberg, einen solchen blutwrstigen Dietrich htte ich nie in
Ihnen gesucht, und er pat Ihnen auch nicht. Zu komisch.

Ich lachte. Er wurde frchterlich vergrtzt aussehend.

Ich dulde keinen Hohn, rief er. Keinen, und von Niemand.

Wollen Sie mich am Ende fordern?

Sie nicht, aber Ihren Gatten.

Der hat so seine Ansichten ber das Duell, mit dem werden Sie wohl
kein Glck haben.

Ein Gewisser aber, ein gewisser Jemand entgeht mir nicht. Der Gigerl,
der sich an Ottilie heranpirscht, der Laffe, der Schafskopf...

Erlauben Sie, Herr Brauns ist durchaus kein Gigerl!

Also Brauns heit die Canaille? Der soll mir vor's Messer. Ich danke
Ihnen fr die Adresse!

Herr Kriehberg, trinken Sie ein Glas Selters, Sie sind aufgeregt.

Mein Blut ist kalt.

Dann giebt es keine Entschuldigung fr Sie. Und nun ist unsere
Zwiesprache zu Ende; es kommen Leute.

Diese Unterredung fand in der Ausstellung des Buchgewerbes statt,
wo bei schnem Wetter die einsamste Einsamkeit herrscht, da die
Literaturhelden des deutschen Vaterlandes Einem blos den schimmernden
Rcken zeigen und ahnungslos dahin verschlagenes Publikum merkwrdig
rasch es ebenso macht.

Also Sie weisen mich ab? knirschte er.

Nehmen Sie Vernunft an, dann sprechen wir weiter.

Was reden wir noch lange? Sie haben mir meine Ausarbeitungen bezahlt;
gut. Von der Verstmmelung meiner Geisteskinder schweige ich, sie war
haarstrubend. Ich war in Noth... Sie beuteten mich aus...

Nehmen Sie die Backen man nicht zu voll. Ich wende Ihnen zu, was
mir die Zeitung bezahlt, und Sie werfen mir Wucher vor? Und was Sie
aufgesetzt hatten, war Quatsch, dreimal destillirter Quatsch. So, nun
wissen Sie's.

Wer hat das gesagt? Hat er das gesagt? der _p. p._ Brauns? Ei warte,
mein Junge!

Nein, das sage ich. Denn was man nicht verstehen kann, ist Quatsch.
Warum schreiben Sie kein regulres Deutsch? Und Ihre Plne knnen Sie
wieder abholen lassen, die waren berflssig und sind berflssig und
werden ewig berflssig bleiben. Fr Ihre weiteren Klamottenberichte
danke ich. Und nun denke ich, sind wir miteinander fertig.

Er antwortete nicht.

Mtterlich hab' ich es mit Ihnen gemeint, weil sie so allein standen
und mit Ihnen herumgestoen wurde, woran Ihre Ueberzogenheit Schuld
ist und Durchdrungenheit am verkehrten Platz. Aber ausbeuten?... Pfui,
schmen Sie sich.

Dies ging rasch und hastig und halblaut, weil schon Volks uns
einkreiste, sich an Skandal zu weiden, anstatt Goethen und Schillern
und den andern Prachtwerken nher zu treten.

Kriehberg prete die Kiefer aufeinander. Dann brachte er mhsam heraus:
Ich glaube,... Ihnen... Ihnen habe ich Unrecht gethan. Ich wei es
nicht. Ich... ich kann und kann den Andern nicht ausstehen; ich hasse
ihn; ich kenne mich nicht mehr. Ich darf nicht an Ottilie denken: ich
sehe ihn neben ihr, er spricht mit ihr, er ist hbscher als ich, ich
mu es ihm lassen. Ich werde rasend. Fr uns Beide ist die Erde zu
klein, viel zu klein. Er war nach und nach so schreiig geworden, da
immer mehr Gaffgesichter sich ansammelten.

Mit uns ist es aus und damit Basta, rief ich und bahnte mich durch
die Menge.

Wat sagte sie von'n Paster? hrte ich ein Weib.

Natrlich Scheidung, sagte eine andere. Et nimmt selten en
frhlichet Ende, wenn ne Olle sich'n Konfirmanden heranheirathet.

Jeschieht ihr janz Recht.

Ich floh an den Mbelkojen vorbei, als htte ich einen Etisch
gestohlen oder einen Kronleuchter in die Tasche gesteckt, so
unglaublich kam ich mir vor.

Ich bin auch wohl mal eiferschtig gewesen in grundloser Dummheit
unerfahrener erster Ehestandsjahre, aber mit Weinen und Abbitte und
in wachsender Liebe zu meinem Karl, nie nicht mit Rachgierigkeit
und Mordgelst. Meinen Mann fordern! Lachhaft! Wenn er kommt, mein
Karl ihm eine Backpfeife verabreicht, da sie in Stcke fliegt. Aber
Herr Brauns, der kann sich in Acht nehmen. Kriehberg ist ja toll,
so verrckt, da sie ihn in Dalldorf garnicht einlassen. Und mich
fr wahnwitzig halten... ich Kriehberg's Gattin. Giebt es keinen
Schandpfahl fr Weiber, die einem solche Verleumdungen nachschleudern?
Freilich, man ist wei wie der Schwan, der blos untertauchen braucht,
wenn Gemeinheit ihn mit Stiefelwichse bewarf. Wo aber ist die
reinigende Fluth fr den mit Unwahrheit bekleckerten Menschen? Wo
tauche ich unter, die Beschimpfung abzusplen?

Wasser that es nicht. Doch ich wei einen stillen See, der nimmt alle
Krnkung, allen Unglimpf hinweg und ist nicht grer, als da er mich
gerade umfngt. Meines Karls Brust ist es, an die flchte ich und er
schliet mich in seine Arme und ich tauche in seine Liebe. Dann kann
ich ihm alles sagen und, wenn ich Federn htte: um neben mir nicht
abzufallen, mte mancher Schwan nach Spindler.

Ich eilte mich und kam gerade rechtzeitig, Frau Kliebisch und Ottilie
in dem Stelldichein-Zelt zu treffen. Und wer war bei ihnen in
schlichtem hechtgrauem Anzug wie angegossen mit blendender Wsche,
weiem Schlips, worin ein vornehmer Brillant, und grauem Htchen,
das die braunen Augen und den schwarzen Schnurrbart noch eine Nummer
dunkler abstachen? Herr Rudolph. Was beginnen? Ihm von Kriehbergs
Nebenbuhlerkoller sagen, ihm Ottilien's Verplemperung mittheilen und
den Keim vernichten, worin das Glck zweier schner Menschenkinder
dem Lichte zustrebt? Nein. Wenn aber Kriehberg angefaucht kme? Die
Schierhren sind ja billig und berall feil, da schon Klippschler
sie zur Vertheidigung ihrer Ehre aus dem Maikberverdienst anschaffen.
Also hat Kriehberg sicher Pulver und Blei in der Westentasche.

[Illustration: Duell]

Die geistige Volkskche im Chemiegebude, wo ich letzt mit Ottilie
einem Vortrage ber die Entwickelung des Klavierbaues beiwohnte, ist
ein trefflicher Platz, jemand zu vermeiden, aber nur von Sechs bis
Sieben. Der Klavierbau war sehr interessant. Ich fragte Ottilie, ob
sie spielen knnte? Sie sagte nein, aber sie thte es doch manchmal.
Das machen Viele so, erwiderte ich, aber jetzt, da sie zum Drehen
eingerichtet worden, sind Klaviere nicht mehr die Qual der Kinder und
die Plage der Nachbarschaft. Alles Ueben ist schrecklich, nur nicht das
Ueben der Tugend. -- Ich gebe ihr zeitweilig solche Inschriften zum
Einmerzen ins Gedchtnis, aber seit Rudolph Brauns sind sie bei ihr
weggeworfen.

Herr Brauns lud uns zu einer Fahrt im Motorboot ein. Ich schtzte
sofortige Seekrankheit vor.

Das war doch in Italien nicht? Wissen Sie noch in Venedig? sagte die
Kliebisch.

Auf Salzwasser kann ichs ab, flunkerte ich in meiner Angst.

Und Rudolph, der feinfhlige, verstand im Nu, da ich eine Absicht
hatte und schlug die fr den Ackerbau hoch wichtigen metereologischen
Apparate vor. -- Pfeif' ich drauf, sagte Kliebisch. Mein groer
Schafbock ist der beste Wetterprophet. Greif ich ihm in die Wolle und
sie ist klammweich, wird's regnen, ist sie hingegen trocken, kann
ich einfahren. Ich denke, wir besichtigen die landwirthschaftlichen
Maschinen.

Das ging nicht. Kriehberg schnob ja Wuth im Hauptgebude, wo die Milch-
und Butterfsser sich langweilten.

Deshalb rief ich: Ottilie, Du hast doch so unendliche Neigung fr
Physikalisches.

Rudolph Ottilien den Arm geboten und ab. Ich rmelte seine andere Seite
unter und hielt meinen Sonnenschirm als Barrikade gegen den Todfeind
vor sein Gesicht. Befreiungsversuche waren erfolglos, bis wir im
Chemiegebude aufathmen durften.

Was hat er uns Alles erklrt! Er wei was und noch ein Ende mehr. Und
bei manchem sagte er trotzdem, da jahrelanges Studium dazu gehrte,
um es voll zu verstehen und zu wrdigen. Wo bleiben wir Frauen,
wenn ein Mann wie Brauns offen bekennt, ohne Mhe und Arbeit in
verschiedene Gebiete nicht eindringen zu knnen? Was Ottilie gelernt
hat, verschwindet gegen sein Wissen, wie ein Talglicht gegen den
Scheinwerfer. Und nun ich gar, die ich noch aus der examenlosen Zeit
stamme. Wie konnte ich so vermessen sein, Berichte zu bernehmen und
von Sachen schreiben zu wollen, die mir viel zu klug sind? Freilich
sollte Ottilie helfen, aber sie langt nicht, indem, was sie wei,
keinen rechten Zusammenhang hat, sondern mehr auswendig gelernt und
blos so hergesagt. Und in Kriehberg tuschte ich mich grndlichst. Der
hat sich zu einem netten Alligator ausgewachsen.

Herr Brauns machte uns auf den berhmten Spektralapparat aufmerksam,
durch den die Gelehrten wahrnehmen, was auf anderen Weltkrpern
gekocht wird und zwar merkwrdigerweise mit Gas, wenn ich ihn recht
verstand. Mir waren ja noch smmtliche Pulse in Aufruhr. Und zu den
Sternphotographieen fhrte er uns. Millionen weie Tippel, aber in
Wirklichkeit viel grer als die Erde.

Sind die alle bewohnt? fragte ich.

Wenn nicht alle, so doch gewi viele.

Von Wesen, so wie wir? Giebt es da auch Rauhbeine, die auf Mord und
Todschlag sinnen?

Aber Tante! rief Ottilie. Wie schrecklich!

Glcklich, wer frei von Schuld ist, sagte ich beziehungsvoll, und
sich nicht auf einen entfernten Himmelsglobus zu wnschen braucht, wenn
es los geht.

[Illustration: Chemiker]

Ottilie zuckte die Achseln; Herr Brauns trat an den nchsten Schrank.
Sehen Sie diese Wage, sagte er, darauf kann man den zehnten Theil
eines Flohbeines wiegen.

Wird denn so was in Ausschnitt verkauft? fragte ich.

Er lchelte. Ich wollte Ihnen nur andeuten, wie empfindlich solche
Wagen sind, mit denen die Chemiker ihre Analysen machen. Und sehen Sie
hier dieses Jenaer Glas, eines der ruhmvollsten Resultate deutscher
Wissenschaft und Technik.

Ich sehe nichts daran. Wodurch ist es so hervorragend?

Jede Sorte hat ihre vorherberechnete Brechung.

Die hngt doch von den Philippinen ab; manche zerbrechen viel, manche
gehen schonender mit den feinen Glsern um. Sehr gerissen, das Alles
vorher zu berechnen.

Unter Brechung verstehen wir die Dispersion des Lichts, und da
eben diese Glassorten verschiedene Brechungscofficienten besitzen,
lassen sich achromatische Linsen von erstaunlicher Leistungsfhigkeit
schleifen. Frher war Deutschland in optischen Apparaten von Frankreich
und England abhngig, jetzt sind sie unsere Kunden. Und nicht wahr, das
freut Sie doch auch?

Als wenn Sie meine Gedanken gelesen htten, gab ich zurck.

Und einen solchen Prachtmenschen will Kriehberg umbringen.

Mir war der Boden hei, auf dem ich wandelte. Mein einziges Trachten
war: weg, sobald als mglich weg!

Auf mein dringendes Befrworten fuhren wir mit dem nchsten
Schiffe stadtwrts, ich und Ottilie und er. Ich hielt unter diesen
Verhltnissen die Spreedampfer fr weniger lebensgefhrlich als das
Ausstellungsgebiet mit Kriehberg als Kain und Herrn Brauns als Abel,
weil sie so schn leer waren.

Ich sah ihm an, da er nur eine Gelegenheit abwartete, eine Frage an
Ottilie zu richten und sah ihr an, da sie die Frage frchtete. Und so
kam es zu keiner Nherung. Sie war einsilbig bis zur Unart und mute so
sein.

Deshalb ist Ottilie eine gebrochene Lilie. Und dabei verhehle ich ihr
das Schlimmste, nmlich Kriehberg's Verrcktheiten.

Wenn ich nicht vorsichtig die hchste Schlue aufbte und die Pfade der
Unvernunft sperrte, ich glaube, wir lgen schon alle miteinander auf
dem Kirchhof.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




In den Kunstalpen.


Warum ich immer noch nicht in das Hochgebirgspanorama, das
am grnen Strand der Spree seine Schneegipfel in die von
Maschinenhaus-Schornsteinen erzeugten Rauchgewitterwolken streckt und
von innen Tausend Fu hher sein soll als von auen, gelangte, das ist
einfach zu sagen: Ich hatte zu viel Verdru und trbe Aussicht in die
Zukunft, war fr die Alpen daher ungeeignet.

Und nun kam ich doch dazu. Morgens beim Kaffee fallen meine Blicke
nmlich auf eine Anzeige: Gesucht ein Architekt, guter Zeichner, mit
praktischen Erfahrungen fr N 44 Kpenickerstrae Nr. so und so.

Mein sofortiger Gedanke lautete Kriehberg. Seine Bauplne waren
noch gegenwrtig. Ich sie eingepackt und mit einem Schreiben durch
einen Dreiraddienstmann an Ort und Stelle gesandt. Ein wundervolles
Schreiben, worin ich ihn so dringend empfahl, da er genommen werden
mute, falls der N 44 nur ein paar Millimeter menschliches Rhren sein
eigen nannte. Er mute, es war nicht anders denkbar.

Und an Kriehberg ebenfalls einen Eilbrief gerichtet mit dem Schluwort:
Melden Sie sich; wer wartet, an dem rennt das Glck vorbei, man mu
ihm, wie bei der Pferdebahn, entgegengehen. Auf der Haltestelle ist der
Andrang zu gro. Vertrdeln Sie die Wendung Ihres Lebens nicht. Ich
wnsche Ihnen das beste Fortkommen.

Ob ich es wnschte! -- Wr' er nur erst weg.

Was man so recht von Herzen hofft, kommt Einem vor, als wre es schon
geschehen. Ich sah Kriehberg bereits in seiner neuen Thtigkeit,
von Arbeit derart breitgedrckt, da er an Ottilie zu denken selbst
Sonntags keine Zeit mehr hatte, von seinem Brotherrn alsbald anerkannt.
Der hat natrlich eine Tochter, die ihn anfangs bersieht, schlielich
aber durch den Vater auf Kriehberg's Tchtigkeit hingewiesen, ihn
von Fabrikwegen heirathet. Er schickt mir die Verlobungsanzeige, ich
schreibe ihm einen noch wundervolleren Brief mit dem Motto: Arbeit ist
die beste Lotterie, die ihn in den ersehnten Glckshafen gelotst hat
und fhre zwischen den Zeilen aus: welcher Esel er gewesen wre, wenn
er Ottilie gezwungen htte, mit ihm die schmale Leiter der Karrire zu
besteigen, auf der er alleine schon die Sprossen durchtrat. Zum Schlu
dann, schne, gediegene Segenswnsche mit dem scherzhaften Hinweis auf
Gevatterstehen bei dem ersten Kriehberg jun., der frhlich heranwachsen
mge, seinen Eltern zur Freude und der Menschheit zum Zierrath.

Aber man mu sich keine Tischrede eher ausdenken, als man zu Gast
gebeten ist. Vorlufig hatte Kriehberg noch nicht einmal die
Stellung und ich wollte schon taufen. Ich mute ja mit Kriehberg's
Charakter rechnen, der im entscheidenden Augenblicke auf gesunden
Menschenverstand verzichtet. Mir kam deshalb der Gedanke, persnlich
selbst den Y 44 mit diplomatischen Reden zu bearbeiten, bis er froh
wrde, eine Kraft wie Kriehberg zu gewinnen. Mein Karl war jedoch
uneinverstanden.

Du hast mit Deinem Empfehlungsbrief des Guten schon zu viel
gethan, sagte er. Richtiger wre gewesen, ich htte ihm ein Attest
ausgestellt. Zeugnisse schreiben ist Mnnersache.

Das wre Schablone geworden. Ihr fangt immer an: >Ein Sohn frommer
aber ehrlicher Eltern, ohne einen Groschen in der Tasche geboren,
hat der Betreffende durch Flei und Ausdauer sich Kenntnisse in
seinem Fache erworben, die ihn befhigen, einen Posten selbststndig
auszufllen u. s. w.< So was lt kalt. Ich hingegen habe den alten
Ypsilon angewrmt, sag' ich Dir, wie es nur eine Frau im Stande ist,
die etwas durchsetzen will. Noch ein paar mndliche Angriffe und er ist
erlegt.

Und wenn Kriehberg sich nachher unzulnglich erweist, wer trgt die
Verantwortung?

Das geht mich im Geringsten gar nichts an. Der Mann mu wissen, wen er
sich aufladet. Uebrigens glaube ich, da Kriehberg sich zusammen nimmt
und der wrdige Fabrikherr gewinnt ihn lieb wie einen Sohn. Im Grunde
ist Kriehberg nicht schlecht.

Das Wenigste, was von einem anstndigen Menschen verlangt wird. Nicht
schlecht ist lahmes Lob und heit in Wahrheit >taugt nichts.<

Da irrst Du Dich, mein Karl. Es giebt aber verschiedernerlei Gte, wie
beim Beefsteak. Wo kriegst Du auf Reisen wohl gutes? Und wie preist Du
Dich glcklich, wenn es wirklich nicht schlecht ist? Kriehberg ist noch
jung und er hat seine guten Seiten.

Hat er? Und die wren? Bitte heraus damit.

In diesem Augenblick und so mit Gewalt kann ich mich nicht darauf
besinnen.

Wre es nicht besser, ich redete einen Ton mit ihm?

Nein, nein, Du nicht. Gereizt wird er gefhrlich. Bedenke, wenn er
Dich zum Zweikampf forderte.

Das wrde mir riesigen Spa machen.

Karl, rief ich entsetzt. Weit Du denn nicht, wie ungesund das Duell
ist? Der eine kommt todt und der andere auf die Festung. Ist da Sinn
drinn?

Nein, Unsinn. Uebrigens, was willst Du mit dem Zweikampf besagen? Ist
er eine bloe Idee von Dir oder steckt etwas dahinter?

Dahinter? Wieso? Gott bewahre. Ich dachte nur, weil sich so viele
abknallen; man liest ja tglich, da der, der keine Schuld hat,
immer der ist, der fllt, wodurch die Ehre des Beleidigers vllig
wiederhergestellt wird, und da junge Leute wild darauf los rempeln,
sei es wegen einer Dame oder da die Getrnke zu stark waren, -- je
betrunkener, um so reizbarer ist das Ehrgefhl -- oder da einer
nicht falsch gespielt haben will... und wie Ehrensachen meistens so
Unehrensachen sind...

Wilhelmine, Du quasselst. Und das ist kein Wunder. Du strengst Geist
und Krper zu sehr an. Das Beste fr Dich wre eine Erholungsreise.

Was wird aus unserm Hotel, wenn ich feige fliehe? Wer verhtet Mord
und Todtschlag, wenn ich nicht als Schutzgeist zwischen den Parteien
walte?

Du phantasierst.

Du giebst mir Dein dreimal heiliges Ehrenwort, Dich unter keinen
Umstnden zu schieen?

Mit wem?

Zum Beispiel mit Kriehberg.

Dem haue ich eine herunter, da ihm vier Wochen der Hut nicht pat.

So habe ich mir es auch ausgemalt, ganz hnlich gerade so. Das
beruhigt mich. Und wie erquickend wird der Winter, wenn der
Ausstellungsrummel vorbei ist und wir uns selbst wieder angehren. Viel
wollen wir nicht mitmachen, aber auf das Fest des Alpenvereins gehen
wir. Hast Du Dich schon etwas im Bayerischen vervollkommnet, mein Karl?
Auf der Ausstellung bietet sich die schnste Gelegenheit dazu.

Es ist wagenladungsweise Bayerisches vorhanden, sowohl Getrnk, wie
Nationalspeisen und -Trachten, die theils von Kellnerinnen getragen
werden, theils von Natursngern, theils vom Wurzelsepp, der am
unverflschtesten umhergeht und jeden mit dem im Hhenklima zuhausenen
Du anredet, worauf der als Steifmeier verschrieene Norddeutsche sofort
zeigt, da er sddeutsche Gemthlichkeit nicht nur dem Namen nach
kennt, sondern, da sie hauptschlich in der herzlichen Sprache liegt,
sie auch auszuben versteht und womglich gleich losjodelt.

Auf dem Alpenvereinsfeste kommen Berliner vor, die von gelernten
Tirolern nicht zu unterscheiden sind: die Damen ganz Oberammergau'sch
und die Herren mit bloeren Knieen, als mitten im Winter gesund ist,
nur das Tirolerische radebrechen sie, da die Gemsen abstrzen,
wenn sie's hren. Warum hat noch niemand ein Bchlein verfat:
Oberbayerisch in vierundzwanzig Stunden zu beherrschen, das viel
Segen stiften wrde und zur Ausstellung fertig htte daliegen mssen,
die Risse zwischen Sden und Norden zu verleimen? Das Trinken der guten
Brue allein vershnt nicht, das gegenseitige Verstndni, das einigt
und mein Karl hat die Erlaubni, mit den Mnchener Kellnerinnen sich
fr den nchsten Alpenball im Plauschen zu vervollkommnen, denn es
sind armforsche ltere Jahrgnge, fleiig und eifrig im Bedienen, da
es mit dem Anbandeln nichts ist.

[Illustration]

Karl, sagte ich, wenn Du berall in Deine Reden, das heit mit
Auswahl, ein freundliches a hineinsetzt, gelingt das Bayerische
bildschn und anheimelnd. Lieber Bube heit zum Exempel liabr Bua.
Danach mut Du Dich richten und statt gren sagst Du gra'n und
Landsbergastra'n und Mauastra'n und Zimmastra'n, hingegen wiederum
Jagastra'n, die geht unregelmig. Und dann sagst Du zwischendurch
>schau< und >guat< und was niedlich ist, kriegt ein rl hintendran,
wie >Klimbimberl<, wenn man a Ulkerl macht, wodurch Hrten gemildert
werden, wie Potsdamerl oder Stieferl und nicht gleich duellirt werden
braucht.

Schon juat, Schatzerl, unterbrach er mich.

Schau, Karl, eben hast Du ein Fehlerl g'macht. Das g wird nicht
Rosenthalerthorisch betont, sondern hrtlich, wie im Schillertheater.
Janserl wre z. B. total verkehrt. Ganserl mut Du sagen und immer
gemthlich, sehr gemthlich, so mit dem Brustton der Gemthlichkeit.

Ich werde mir Mhe mit dem Hofbruhausdialekt geben, aba wundra die
net, wann i fta mit an Rauscherl ham komma.

Punktum!

Woso?

Auf Dein Komma gehrt ein Punktum. Schau, ham komma thu, htte es
heien mssen.

I dank schn fr Kalaua, rief er. Alte, Du hast a Klapserl. --

Das war der richtige Akzang. Karl, besorge die Karten zum
Alpenfest rechtzeitig, sie werden zu rasch alle. Mit Deinen unteren
Tanzbein-Muskeln nimmst Du jeden wattirten Wettbewerb auf, kommt die
sprachliche Echtheit dazu, erregst Du Bewunderung.

Und als was willst Du gehen? Weit Du, wir sehen uns die Bayerischen
Madln in der Ausstellung an und was Dir am besten gefllt, das
lt Du Dir schneidern. Komm, Alte, wir machen eine Bergfahrt ins
Alpenpanorama, die ist gut gegen Deine Grillen. Und die Gedanken an das
Fest im Winter zerstreuen Dich.

Ich berlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden
Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und
aufheiternd. Mir recht, willigte ich ein. --

Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen
lnger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen
der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbsten,
Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf
die Groschen zielt. Da drfen sich die Unternehmer nicht wundern,
wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre
Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltren zu bethtigen und der
Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet.

Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fhrt man
ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel
hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thler hinab, auf
Ortschaften, Fluren, Flsse, Wlder und ferne Gebirge, als wre man
wirklich im Zillerthal, da man nicht wei, ob es Natur oder Kunst ist,
woran die Bergbahn vorberfhrt. Und der Fhrer im Wagen erklrt Alles
und die Reisenden sind entzckt und rufen Oh und Ah und Herrlich und
Groartig und, wer persnlich in den Gegenden gewesen ist, erzhlt, es
wre wirklich so, wie es ausshe und zeigt die Gipfel, die er erklommen
und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut
und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh,
wodurch die Tuschung ins Fabelhafte gesteigert wird.

Fr die Schnheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die
Fahrt schier zu kurz, man mchte mehr und mehr haben. Aber schon ist
der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Fhrer
lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher
Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klfte
und wie man an ihnen vorbeirast.

Karl, sagte ich, wenn der Strick reit, schmettern wir in den
Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.

Keinen Zoll bewegen wir uns, lachte er. Die gemalten Berge am
Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug
ist eine optische Tuschung.

So'n Schwindel! rief ich emprt.

Nicht doch. Panoramen sind auf schnen Schein berechnet. Danken wir
den Knstlern fr ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins
Hochgebirge zu versetzen, als wren wir da. Wie viele, die nie nach
Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im
Gedchtni! So, und nun sind wir oben.

Der Fhrer ffnete die Thr an der anderen Seite, wir querten hinaus,
-- queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen -- querten
durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des
Ochsners.

Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Hhen,
hoch wie die Wolken. Wie gro, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserflle
und Tannen und Gestrpp; ein Rundblick ber Nahes in die Ferne, in die
Alpenwelt, da man alle Sorgen vergit.

Whrend wir in dem Hinblick der Alpen schwelgten, erzhlte ein
Mann, da ein Verein im Werden begriffen sei, der sich als
Rettungsgesellschaft in den Bergen niederlassen wolle, den
Abgestrzten erste Hilfe zu bringen. In den Schutzhtten sollen
Tragbahren, Verbandksten, Arm- und Beinschienen, Universalpflaster,
Doctorschriften und alles was nthig ist, Verunglckte einigermaen
wieder einzurenken, gelagert werden, da die Kletterer mit grerer
Beruhigung auf die unzugnglichsten Gipfel fexen knnen. Wenn sie
fallen, fallen sie der Medicin in die Hnde.

Mir grauste, als ich dies hrte. Warum mu der Mensch sich unnthig in
Lebensgefahr begeben? Wegen der Ruhmredigkeit, auf einem Zacken der
Erdoberflche gesessen zu haben, auf dem ein anderer nie zuvor gehockt
hat? Mit Halsbrechgefahr ber eine Eisspalte zu turnen, ber die
berhaupt kein Weg geht, blos um zu sagen, ich that es? Ist denn das
eine Ehre, mit dem Tode zu spielen um ein Nichts?

[Illustration: Absturz im Gebirge]

Wie beim Duell -- um ein Nichts, scho es mir durch. So schn
die Welt, wie thricht, eines Wahnes willen, auf ewig die Augen zu
schlieen und nichts mehr zu schauen, nichts. Keine Sonne, kein
Alpenglhen, keinen Baum, keinen Strauch, nie mehr das Rauschen der
Wasserflle hren, keinen Vogelsang, keinen Glockenklang. Nur noch
in den Zeitungen gemeldet und nicht einmal bedauert, sondern der
Vergessenheit mit der Grabrede bergeben: Er hat selber schuld. --
Nicht schn das.

Wir verlieen die gemalten Alpen. Man wird feierlich und ernst
gestimmt. Mir war ernster als ernst zu Muthe.

Beim Ausgange erwartete uns jemand, froh und freudestrahlend und
begrte uns herzlich in lieber Freundschaft. Es war Rudolf Brauns. Er
stand im hellen Sonnenlichte, ein Bild des Lebens und der Jugend, mit
rothen Lippen und gesunden Wangen und glnzenden Augen.

Ich sah Sie abfahren, leider war der Zug besetzt, sagte er, aber
hier mute ich Sie treffen. Ich wollte Ihnen nur mittheilen, ein wie
groes Vergngen es mir macht, Ihnen gefllig sein zu knnen. Ihr
Schtzling wird angenommen, wenn seine Ansprche nicht allzuweit gehen.

Mein Schtzling? fragte ich. Wen meinen Sie damit?

Nun den Architekten, den Sie mir so warm empfohlen haben.

Ich Ihnen einen Architekten? Ihnen? Nicht da ich wte.

Nun ja doch. Auf meine Anzeige sandten Sie mir eine Rolle Zeichnungen
mit einem Begleitschreiben...

Sie sind doch nicht Ypsilon 44?

Ypsilon 44. Ich suche einen Zeichner fr unsere Fabrik...

Allmchtige Gte! rief ich. Nun geht der Ballon den verkehrten Weg.
Nein, nein.

Aber mit Vergngen. Heut Abend stellt er sich mir vor.

Wei er, da Sie es sind?

Nein.

Mir ward graublau vor den Augen. Ich sah Herrn Brauns als erschossene
Leiche liegen und Kriehberg mit blutigem Revolver daneben. Was war zu
thun. So verbiestert wie jetzt, hatte ich mich noch nie.

Heute nicht, stotterte ich. Heute empfangen Sie ihn nicht. Denn...
denn... heute bleiben Sie bei uns... zum Abendbrot. Nicht wahr...
Morgen ist es auch noch Zeit?

Ich bin fr Pnktlichkeit... was ich einmal versprochen habe, halte
ich.

Sie kommen mit. Dann wandte ich mich an meinen Mann: Karl, wollte
Ottilie nicht bermorgen abreisen?

Mir hat sie nichts gesagt.

Nicht wahr, Herr Brauns, Sie geben uns keinen Korb. Ich glaube, Ihre
Tante wrde sich sehr freuen?

Wenn man einer Tante eine Freude machen kann, darf man nicht nein
sagen, lachte er.

Mein Karl sah mich an, als gefiele ihm mein geistiger Zustand nicht.
Ich mute schweigen. Nur Zeit wollte ich gewinnen. Brauns und sein
Todfeind drfen sich nicht begegnen. Wo aber ist ein Ausweg?

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Auswrtige und innere Angelegenheiten.


Wenn dem Chinesen hei ist, wedelt er sich Khlung mit dem Fcher
zu, sprt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen
solcher-Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen
auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen
dnken sich hoch ber uns, weil wir keinen hngen haben. Wo liegt nun
die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fcher uerlich, der Andere,
wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkhlung ist,
das nmliche.

Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken ber Asien
und Europa. Er hlt es nmlich mit dem Zopf, natrlich blos, um mir
zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule ber die Chinesen
gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles
machen und Pudelbraten mit Ricinusl essen und nicht 'mal das Alphabet
knnen, sondern fr jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen
Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschlu und keine
Sonntagsruhe. Wie schaudervoll: in dem groen himmlischen Reiche kann
jeder arbeiten, wann und wo es ihm pat, und seine Steuern erwerben
und kein heimlicher Schnffler petzt und kein Streber zeigt ihn an
und kein Richter verknackt ihn. Welch' grlicher Anblick, solche
Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Migschlendern der Straf-Organe.

Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens
kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug.

Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben, sagte ich.

Ich dito stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. Denke Dir,
Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfchen anerzogen htten, da Du
nur eben watscheln knntest.

[Illustration: Mandarin und Untergebene]

Gehrt hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund
geworden.

Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegluft.

Wie grausam!

Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.

Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz,
ich bin sehr, sehr unglcklich!

Was giebt's? Bist Du Deines Mannes berdrssig? Hast Du zuviel neue
Richtung gelesen und willst mitmachen?

Scherz bei Seite, Fritz, ich wei nicht aus noch ein! Und nun
erzhlte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns.

Was geht denn das Dich an? fragte Onkel Fritz. La doch die jungen
Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.

Ich kann kein Blut sehen.

Klumpatsch! Du hast natrlich nicht bedacht, da Menschen keine
Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was
sagt denn Dein Mann dazu?

Das Schlimmste wei er nicht?

Dann mu die Sache sehr mulmig sein.

Ist sie auch, Menschenglck und Menschenleben hngen davon ab, wie sie
endigt.

Zunchst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen,
nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.

Wer? Ottilie?

Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der
verloren, schlieen sich alle Thren, bis auf die Pforte des Todes, die
ffnet sich umsonst.

Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zhe und Verlobungen
gehen tglich zurck.

Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.

Dann la sie ihn heirathen.

Sie liebt aber den anderen.

Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden
zusammengekobert?

Wenigstens stark nachgeholfen.

Dann wre es ihre Pflicht wieder auszufdeln, was sie eingefdelt hat.
Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst
hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie
so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie
wei ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.

Geschehen mu etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins, Fritz, sprich
mit Niemand ein Sterbenswort. Was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich
abwesend bin?

Das luft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es
ohne Dich schwerlich. -- Fritz!

So heie ich! Ohne Umstnde mache Schlu, so bald wie mglich. Du
siehst schon ganz spack aus.

Meine Talje wird mir zu weit.

Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich
an Deiner Stelle karriolte morgen ab.

Kann ich nicht. Es ist das groe Fest zu Ehren Li-hung-Schangs,
des chinesischen Vice-Knigs. Das mu ich beschreiben. Es wird
einzig. Alles mit Theekisten-Inschriften, und auf dem Neuen See eine
mit rothem und gelbem Kattun berzogene Barke und eine Pagode mit
echten Porzellanvasen von Rex und die Lmpchen blau und gelb in der
chinesischen Wappenkulr.

Wenn das den braven Schang nicht zu Thrnen rhrt, ist er das Entree
nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhht?

Versteht sich. Die Kosten mssen gedeckt werden.

Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, da
China deutsche Industrie und deutsche Leute begnstigt? Ich nicht. Ich
kenne die Onkels durch mein Exportgeschft. Es sind Gemthsathleten sag
ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern -- noch lange nicht.

Oho! Man erwartet, da er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt...

Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.

Und Rieseneinkufe macht. Auerdem soll er ein hervorragender
Politiker sein.

Weit Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wre, die
Deutschen schlssen feste Freundschaft unter sich, als da sie in der
Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte
Nachlaufen, das ist unser Elend. Wir beleuchten in allen mglichen
Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.

Warum nicht, da wir doch andere Vlker mit Oellampen ehren?

Weil es kein schwarzes Licht giebt, und Wei und Roth nicht langt.
Sonst thten sie es aus lauter Hochachtung. Wenn sie knnten, fren
sie uns auf -- vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu
zerreien und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es
lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.

War es denn halbtodt?

Es trumt zuviel und beim Trumen hlt es die Augen nicht offen.
Augenblicklich trumt es chinesisch. --

Am Feste regnete es, da die gelben und blauen Lampen sich in
Vogelnpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankndigung der
Illumination in den Zeitungen begngen mute, die laut posaunten, da
er fr fnfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft htte.

Alle hinausgestrmte Welt ergo sich in die Gold- und Silberabtheilung,
wo es whrend des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem
Nationalgefhl die kstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und
Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn
auch nirgend wo daran stand fr China erworben. Einige sagten, es
wren fnfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt
wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede
Minute ein Zwanzig-Markstck hinunterschlucken, ohne da er was merkt.
So erzhlte man und beglckwnschte die Juweliere zu dem groartigen
Geschft und pries den Arbeits-Ausschu als Hupter vom Ganzen und die
Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, da Handel und Wandel
so aufblhten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern wrde,
als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste
drauen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest,
um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt
goldener Zeiten verkndete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der
Menschheit. Es war ein groer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu
sehen. Es triefte zu sehr. --

Einige Abende darauf wurde die Beleuchtung wiederholt, wenn auch
mit ohne Schang. Es soll sehr schn gewesen sein, allerdings mit
herabgesetzter Freudenempfindung, denn im ganzen hatte Schang fr
nuttige dreitausend Mark Brillanten eingehandelt und war nach England
und Frankreich gereist, Kanonen und Panzer anzusehen und hnliche
Einkufe zu machen. Konkurrenz schrinkt. Doch steht zu erwarten, da er
sie ebenso einseift. Und das lindert den Schmerz wieder.

Fast mchte ich glauben, unser Schulmeister hat die Chinesen nicht so
gekannt, wie sie uns kennen, und da Onkel Fritz Bescheid wei. Man
irrt sich in nichts leichter als in auslndischen Vlkern.

Seinen Rath, Tante Lina zu besuchen, nahm ich an. Ich mute.

Denn dieser Kriehberg -- man sollte es nicht fr denkbar halten --
wurde herausfordernder als je. Er htte Aussicht auf feste und dauernde
Stellung, schrieb er mir, und kein Grund lge vor, ihm Ottilie lnger
zu verweigern.

Herr Brauns brachte jenen Abend bei uns zu, an dem Kriehberg fllig war
und vor verschlossenen Thren antrat. Eine sofortige Pustkarte, da
N 44 verreist sei und ihm nach seiner Rckkehr Bescheid geben wrde,
sandte ich schleunigst im Geheimen an Kriehberg ab. Und darauf hin
pocht er auf Aussichten. Unglaublich.

Ottilie war mit der Ungermann und Kliebisch's in ein Theater gegangen,
so da Herr Brauns, mein Karl und ich allein beim Abendbrod saen. Ihm
fehlte Ottilie; mir nicht.

Wir unterhielten uns ber viele, verschiedene Dinge; das Gesprch kam
nicht in Flu. Wie wre es auch mglich, auf die Dauer Theilnahme fr
Gleichgiltiges zu heucheln, wenn sich die Gedanken mit Lebensfragen
beschftigen? Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte sich
nicht lnger bezwingen.

Und wie er erst zgernd begann und errthete und sagte, wie er auf uns
zhlte, namentlich auf meine Aufrichtigkeit -- er wute ja nichts von
meiner so eben abgelassenen Rohrpostlge -- und dann immer lebhafter
wurde, je mehr er den Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht
hatte, gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie
gesehen, das klang so gewinnend und innig, da ich ihm freundlich
zunickte. Und da sagte er, sie mte die Seine werden, so liebe er sie.

Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu sagen.

Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig, wandte ich ein. Sie
mssen erst vertrauter werden.

Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.

Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.

Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.

Sie ist arm.

Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wchst von Jahr zu Jahr,
unser Betrieb dehnt sich aus. Was mein Vater begrndete, fhren wir
gemeinschaftlich weiter, ich bin nicht nur sein einziger Sohn, sondern
sein geschftlicher Mitarbeiter. Meine Eltern wollen mein Glck und
mein Glck ist Ottilie; meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben,
was ihr Wnschen begehrt.

Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind, sagte mein Karl,
sehe ich nicht ein...

Karl! rief ich, nicht zu hastig. Hast Du Verstndni von einem
Mdchenherzen? Ottilie mu doch erst gefragt werden!

Das ist Herrn Braun's Sache. Wenn die jungen Leute einig sind, sehe
ich nicht ein...

Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schchtern und
gewissermaen vom Lande, und Herr Brauns kommt mit der Thr in's Haus
gefallen und will Dich heirathen, natrlich schreist Du und lufst
weg oder Du giebst in Verwirrung Dein Wort und sitzest hernach da und
weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche und ein
Jahr darauf liegst Du mit gebrochenem Herzen in wei Atlas im Sarg.

Gott soll mich schtzen, lachte mein Karl und sah mich verwundert an,
und fragte mit seinen Blicken: Alte, was hast Du?

Herr Brauns lachte nicht. Der war bla geworden und schwieg ernst,
furchtbar ernst. Ihm mochte wohl aufdmmern, da etwas nicht in Ordnung
sei und sein Glck wie Edelwei an einem Abgrund blhte, und ich sollte
der Fhrer sein und weigerte mich aus Sachgrnden.

Er brach auch bald auf. -- Wie that er mir leid.

Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie zitterte leicht. So mchtig
war der Aufruhr in ihm, da er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und
Stahl brach, wenn er wollte.

Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit dem Ellbogen und
der rechten Fusohle, zurckzubleiben.

Gewhren Sie mir drei Tage, sagte ich. Ich mu verreisen; wenn ich
wiederkomme, dann... dann sind wir... lter. -- Aber Ottilie geht?

Vorlufig nicht; ich sagte nur so.

Ein Freudenschimmer berflog seine Zge.

Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?

Thorheit? lchelte er, Thorheit? Nein.

So ist's recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein junges Mdchen hei
und verzehrend liebt, dann frchtet es sich vor der Entscheidung. Es
ist, als sollte sie in Gluth und Feuer springen und schliet die Augen
und betrgt sich wie blind.

Verstehe ich Sie recht? -- Adieu, Herr Brauns. --

Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die Angelegenheit zu
berlassen. Heirathen sei Frauenaufgabe. -- Darin ergab er sich.

Ungermanns und Ottilie kamen spt nach Hause.

Mein Karl fragte: Ottilie, wrden Sie Herrn Brauns Ihre Hand geben,
wenn er sie verlangte?

Sie sah ihn starr an, dann mich -- Ungermanns hatten sich gottlob
zurckgezogen -- als htte sie nicht recht gehrt.

Er will Sie zur Frau.

Karl! rief ich.

Es war zu spt. Ottilie lag ohnmchtig auf dem Teppich. Die Wahrheit
war ihr zu viel gewesen.

Karl, wie konntest Du?

Einmal mu Euren Heimlichkeiten ein Ende gemacht werden. Ich will
nicht, da Du mir draufgehst.

Wie egoistisch, Karl.

Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe zu legen und
wrterte an ihrem Bette, bis sie schlief. --

In der Nacht hrte ich sie weinen.

Ottilie, sprach ich, es kann ja noch Alles gut werden.

Ich wollte, ich wre todt, schluchzte sie.

Da beschlo ich mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es geschah. Und seinen
Rath, Tante Lina vor das Messer zu nehmen, befolge ich.

Wenn Jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante Lina. Nichts ist
verderblicher, als das Heirathstiften, zumal von lteren Jungfern, die
nur in der Theorie Bescheid wissen.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Provinz-Erlebnisse.


Geschftsreisen sind keine Vergngungs-Ausflge. Freilich kann eine
Geschftsreise sich zur Quelle reinster Freuden gestalten, wenn
der Absatz fluscht, neue Kunden anbeien und die alten die Waare
auftraggebender Weise loben. Anerkennung in Worten klingt sehr schn
und befriedigt Dichter und Knstler, zumal in gedrucktem Zustande, aber
mit Aufblhung ist dem einfach civilen Brger nicht gedient; der hat
Wechsel einzulsen, Fabrikanten zu zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und
Arbeiter zu lohnen, der mu umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld
bleibt egal Mode. In keiner Konfession sind die Menschen orthodoxer,
als in der Anbetung des Geldes.

Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebni seiner letzten Tour stolz
sein, als er zurckkehrte. Er war vergngt und mein Karl war so
vergngt, da er mich mit in das Geschftliche hineinzog, was er nur
selten thut, wie ich ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schssel
ins Gesicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich wirklich
Billiges, lcherlich unter dem Einkaufspreis erworben habe. Gewhnlich
berechnet er nach, da er trotzdem viel zu hoch kam. Neulich kaufte
ich auch etwas. Es sah aus wie eine Kneifzange und war patentirt und
von zwei Mark auf fnfzig Pfennige herabgesetzt, blos es lie sich
nirgend wozu gebrauchen. Mein Karl drohte, das nchste Mal kme ich
unter Kuratel. Ich entgegnete: Wer eine Mark fnfzig sparen kann und
es nicht thut, versndigt sich; brigens die Frau soll noch geboren
werden, die einem Ausverkauf widersteht. Also was brummst Du?

Jetzt hatte ich Verwendung fr den Gegenstand, indem ich ihn nebst
anderen Niedlichkeiten als Aufmerksamkeit fr Tante Lina mitnahm. Kann
sie auch nichts damit anfangen, so freut sie sich doch ber den guten
Willen, der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich.

Ob ich auf einer Geschftsreise war, als ich in der Eisenbahn sa und
nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht bestimmt zu beantworten,
eine Vergngungspartie war es jedoch nicht. Wrde ich meinen Zweck
erreichen? Vielleicht. Blieben meine Bemhungen fruchtlos, waren
Fahrkarte, Zeit und Spesen der Katze geweiht. Aus der Fllung des
Abtheils machte ich mir nichts, die Stadtbahn-Straffahrten nach Treptow
hatten mich abgehrtet, und schon lngst hatte ich den Unterschied
zwischen Hringen und Berlinern herausgefunden. Die Hringe werden
nmlich mit Salz gepkelt und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen.
Die Verpackung ist dieselbe.

Bei der herrschenden Sommerwrme zog ich die dritte Klasse der
gepolsterten zweiten vor, und das hatten smmtliche Mitleidensgenossen
aus demselben Grunde gethan, wie sie sagten, als das allgemeine
Gesprch mit Bahnbeschwerden erffnet wurde. So mchtig wird stets
ber die Leitung des Ganzen geurtheilt, da sie aus dem Ohrenklingen
gar nicht herauskommen, und deshalb natrlich keinen vernnftigen
Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrckisches Zhneknirschen hat
gar keinen Einflu, ebenso wenig wie das Anblaffen der unschuldigen
Schaffner etwas an den Bahngesetzen ndert. Man gebe der Verwaltung
mehr Ferien unter der Bedingung, sie abzureisen. Das wrde ihr gut thun.

So und hnlich uerten die Herrschaften sich, und nachdem die
Eisenbahn ihre Wischer weghatte, kam Berlin daran.

Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeuerungen nicht zu
hemmen.

Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine lie an Berlin kein
gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, wenn man jedoch genau
hinhrte, gingen die meisten Klagen aus dem Geldbeutel hervor. Die,
die Alles hatten sehen und genieen wollen, ohne da es etwas kosten
sollte, waren bse, die Anderen, die sich gesagt hatten, da, wer
Vieles in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, als
zu Hause in einer bis verschiedenen Wochen, waren zufrieden. Kann
Berlin etwas dafr, da die Straen so lang sind?

Die Droschken waren ihnen zu theuer.

Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wren oder Omnibus?

Wer wute denn, wo man damit hinkme?

Man brauchte nur zu fragen.

Um sich Grobheiten auszusetzen?

Wo das der Fall gewesen wre? Der Berliner gbe gern und willig
Auskunft.

Damit liefe man den Bauernfngern in die Arme.

Jawohl, rief ich dazwischen, wenn man nmlich ein Bauer ist.

Sie sind wohl aus Berlin und wissen Alles besser? entgegnete der
Mann. Wie ist es einem Herrn gegangen, den ich zufllig kennen gelernt
hatte? Er machte nmlich die Bekanntschaft von einem Grafen und der
Graf fhrt ihn in hhere Zirkel ein und es ist auch sehr nett da, blos
da die Gesellschaften immer so spt in der Nacht stattfanden. Doch
dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich amsirte mit ungarischen
Grfinnen und Comtessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein.
Und da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt wurde,
haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, sondern auch die Uhr;
und wie er sie am nchsten Abend einlsen will, hat die Polizei die
ganze noble Gesellschaft ausgehoben.

Hat er seine Uhr wieder? fragte Jemand.

Nicht doch. Wenn er sich meldet, mu er als Zeuge aussagen und das
pat ihm nicht wegen seiner Stellung. Wenn sein Name in der Zeitung
steht und wie die Frauenzimmer ihn hineingelegt haben und da der Graf
ein entlassener Heilgehilfe mit Vorstrafen war: die Blamage ist zu
enorm.

Was man nicht Alles mit guten Freunden erlebt, bemerkte ich. Die
brigen lachten und tuschelten und einer rief: Der gute Freund sind
Sie doch nicht am Ende selber?

Wrd' ich die Geschichte dann erzhlt haben?

Na, na! zweifelte ein Herr. Es mag nett zugehen, wo Sie her sind!

Ich bin es wei Gott nicht, suchte er sich herauszureden. Sie knnen
es mir glauben.

Wer glaubt, wird selig.

Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen auch den Namen nennen,
es war ein gewisser Ungermann.

Ein kleiner untersetzter Herr mit durchgewachsenem Schdel? fragte
ich erstaunt.

[Illustration: Herr Ungermann]

Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?

Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.

Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Grfinnen als wir?
argwhnte der Herr und fixirte mich.

Ich wurde verlegen.

Und wo die Uhr geblieben ist?

Mein Herr! fuhr ich auf.

Ich kenne Berlin, hhnte er.

Berlin bei Nacht, gab ich ihm zurck, gerade so wie Ungermann.
Jawohl! Den hat die gerechte Strafe fr seine Aushusigkeit und
Duckmuserei ereilt. Hoffentlich sind seine Genossen nicht leer
ausgegangen. Sagten Sie nicht, er wre ein guter Freund von Ihnen?

Ich verbitte mir jede Anspielung.

Ich mir dito!

Uebrigens wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt-Berlin mit dem
Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch fr Fremdenverkehr, da treffen
sich eben die Fremden.

Dagegen sagte keiner etwas. Voller Aufregung suchte ich nach
meinem Riechsalz, wobei die merkwrdige Zange herausfiel, die mein
Schrg-_-vis_ aufhob und prfend betrachtete, anstatt sie mir
hflichst zu berreichen.

Erlauben Sie, was ist das fr ein Instrument? fragte er.

Das wei ich nicht.

Merkwrdig!

Wieso?

Man fhrt doch keine Brechzangen bei sich, ohne zu wissen, wozu sie
gebraucht werden?

Ach so? Eine Brechzange ist es, erwiderte ich. Mir sehr angenehm,
das zu erfahren.

Was denn sonst? Man schiebt das Ding zwischen die Thr, knack, und auf
springt sie.

Alle blickten mit neugieriger Abscheu erst auf das Instrument und dann
auf mich. Die neben mir saen, rckten zur Seite, so gut es ging.

Ich lachte und wandte mich an den Herrn, der mir die Zange noch nicht
wiedergegeben hatte: Darf ich mir mein Eigenthum geflligst ausbitten?

Er sah mich an, mit so unverkennbaren Criminalaugen, da ich eine
Gerichtsperson auf Ausstellungsurlaub in ihm witterte und von
pltzlicher Angst erfat, zurckfuhr. Darauf sah er mich noch
durchbohrender an und sagte: Dieses verfngliche Gerth mu der
Polizei eingeliefert werden.

Meinethalben, fr mich hat es keinen Werth.

Und doch kann es Ihnen theuer zu stehen kommen.

Wollen Sie mir jetzt mein Besitzthum wiedergeben? Oder soll ich
klagbar werden?

Er zgerte.

Nun ich fhlte, da ich Oberwasser kriegte, gewann ich Muth: Besehen
Sie sich es genau, wenn Sie lesen knnen. Da steht D. R.-P. darauf,
Deutsches Reichs-Patent. Glaubt denn ein vernnftiger Mensch, das
Deutsche Reich patentire Einbrechzangen und Diebgerth?

Warum nicht? Patentirt wird vieles.

Die Frau scheint mir Recht zu haben, rief ein jngerer Mann aus einer
Ecke.

Hab' ich immer! stimmte ich ihm bei.

Und ich finde es nicht schn, sofort gleich zu verdchtigen, wo
garnichts vorliegt. Hat die Frau denn schon eingebrochen? Und wenn sie
einbrechen will, seit wann ist die Absicht strafbar? Auerdem fragt
sich, ob das Ding wirklich zum Einbrechen taugt? Mir scheint es fr
diesen Zweck viel zu schwach gearbeitet. Ein Geldspinde bringt sie
nicht damit auf. Das ist meine Meinung.

Aber wozu dient das Instrument denn?

Mir scheint es ein Briefbeschwerer, sagte eine Dame.

Das sieht man doch im Dunkeln, klammerte ich mich an diesen
Rettungsstrohhalm. Giebt es etwas unnatrlicheres als Briefbeschwerer?
Dazu nimmt man alte Schuhe, Hufeisen, Beile, Aepfel und Birnen, Tpfe
aus Metall und Stein und worauf das Kunstgewerbe sonst verfllt.

Das ist wahr, besttigte mein Nachbar zur Linken.

Wer die Ausstellung betrachtete, der hat auch Briefbeschwerer
gesehen, sagte ich. Aber wer blos nach Berlin ging, um zu schwiemeln,
wei von nichts. Geben Sie mir meinen Kunstgegenstand. -- Danke!

Whrend ich das Unglcksgeschirr wegstopfte, begann der Herr, der
sich als Ungermann's Freund verrathen hatte, auf die Ausstellung zu
raisonniren: Wer kann Alles sehen? Die Vergngungen erdrcken die
Industrie. -- Und was der nicht wute, ergnzten Andere.

Als sie es jedoch zu schlimm machten, bildete sich Gegnerschaft,
die immer mehr in's Loben kam und gut fand, was vorher getadelt und
herabsetzte, was in den Himmel gehoben war.

Ich verhielt mich zuhrend; ich war zu zerknittert, einzugreifen.
Hingegen war mir klar: Allen recht zu machen, ist selbst
Kommerzienrthen unmglich.

Mit wahrer Aufathmung begrte ich meinen Aussteige-Haltepunkt,
verlie die Gesellschaft mit deutlicher Nichtbeachtung und suchte
den Postwagen auf, der mich weiter befrdern sollte. Im Wartesaal
nahm ich einen kleinen Trosttropfen; nur einen. Dem genossenen Aerger
nach htte ich Grund gehabt, mich dem Alkohol grndlichst zu ergeben
und begriff, wie fortgesetzter Verdru einen Menschen schlielich
ins Delirium treiben kann. Welche Charakterfestigkeit gehrt dazu,
Ausstellungscomit zu sein, das tglich aufgembelt kriegt und doch nie
molum gesehen wurde!

In solchem gelben Stephans-Kasten war ich noch nicht gefahren; er ist
ja auch im Absterben und deshalb waren die englischen Mehlkutschen, die
weiter nichts sind als eine Kreuzung von Omnibus und Post, in Berlin,
wenn es hoch kam, nur mit einer Person bevlkert. Wir haben unsere
billigeren flinken Droschken erster Gte, was sollten wir mit den
Noah-Archen auf Rdern? Sie hier unbertrefflich halten, weil sie von
England kamen? Ueber solchen Mumpitz sind wir lngst hinweg.

[Illustration: Unterwegs mit dem Wagen]

Ich war allein in dem Wagen auf der langsamen Strae mit Feldern
auf beiden Seiten, Drfern in der Ferne und Gehften, an denen man
vorberfuhr in lndlicher Stille. Wie viele Menschen doch auerhalb
Berlins glcklich sind. Und doch meinen die Meisten, das Glck sei
nur in der groen Stadt zu Hause. Aber was ist Glck? Das einzige,
was der Mensch sucht, wenn er es gefunden hat. Denn es giebt keinen
Zufriedenen.

Wie glcklich htte ich jetzt sein knnen, wenn ich mich weder mit
Kriehberg noch Ottilien beschwert htte. Waren denn Ruhe und Frieden
und meine Huslichkeit nicht Glck genug? Was hatte ich Noth, mich in
die Schreibtinte zu begeben? Nun sa ich drinn. Ohne die Beiden wre
ich nicht auf der Spritztour nach Tante Lina, die sehr verhngnivoll
htte werden knnen. Der Mann, der mich mglicherweise fr das
Ehrenmitglied einer Einbrecherbande hielt, war nahe daran, mich der
Obrigkeit zu berantworten. Man wei ja nie, mit wem man fhrt, welch'
unbewutes groes Thier er ist und was er einem anthun kann?

Und dieser Ungermann! So ein Nachtbruder. Und bei Tage wie neugeborne
Unschuld. Den werd' ich abmalen!

Mit dieser Absicht drusselte ich ein und erwachte erst, als der
Postillon sein Stckchen blies. Ich trumte gerade, Ungermann winselte
um Gnade, so klang das Geblase.

Wir rumpelten ber holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und
waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie
aufzufinden ging ohne Adrekalender.

Sie freute sich nur mittelmig, als ich bei ihr eintrat mit den
Worten: So, da bin ich. Sie knnen sich wohl denken, da ich wegen
wichtiger Angelegenheiten komme. Wie geht es Ihnen, Tante Lina?

Ganz gut, erwiderte sie. Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte,
setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit
Erlaubni zu sagen, drei Stcken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth
es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen
konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wre.
Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie
nichts brauchte, schlug, mit Erlaubni zu sagen, innerliche Gedrmgicht
dazu und in fnf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, da sie es
drei Huser weit gehrt haben.

Wer lange Rhabarber it, kann alt werden, sagte ich, nur um etwas zu
sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte.

Will ich auch, entgegnete sie. Ich will noch vom Leben haben, was es
mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt
mir und zu sorgen hab' ich fr Niemand mehr, fr Niemand. Der, auf den
ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich;
darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.

Aber Tante Lina!

Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie
brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten.
Das hat Johannes auch gemut.

Sie knnen ber das Ihrige verfgen, wie Ihnen gut dnkt, Tante Lina,
aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?

Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben,
sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen kme. Warum
drfen die jungen Leute nicht glcklich werden?

Wovon sollen sie existiren?

Sie sind ja noch jung. Es verheirathen sich so viele und sind
glcklich.

Doch blos nicht in Berlin! Was kostet ein Haushalt in Berlin? Allein
die Miethe. Und er hat nichts.

Oh, so viel wird er wohl haben.

Aber nein. Nicht so viel, die bescheidenste Wohnung zu nehmen mit
Kche, eben gro genug, eine Karmenade auf einmal zu braten. Tante
Lina, da haben Sie nicht gut gerathen.

Sie lieben sich.

Wissen Sie das so genau? Ich bin anderer Ansicht. Er allerdings will
Ottilie...

Und sie ihn. Und ich gab ihnen meinen Segen und sprach, werdet
glcklicher als ich und da verlobten sie sich mit Liebe und Treue fr
alle Ewigkeit.

Welcher Leichtsinn. Arme Ottilie. Tante Lina, haben Sie ihnen wirklich
nichts versprochen? Garnichts? Reinigen Sie Ihr Gewissen, von Ihnen
wird einst Rechenschaft gefordert, wenn die Beiden in Elend zu Grunde
gehen.

Sie mimmelte mit den Lippen. Nun ja, begann sie zgernd, ich warf so
hin, da, wenn sie sich brav hielten, ich Ottilie in meinem Testamente
bedenken wrde, und das will ich auch.

Nun Sie ihr Vermgen fr immer weggegeben haben?

Meine Sachen sind wie neu, blos in der einen Kommode ist der Wurm.

Aber Kriehberg rechnet entschieden auf Geld.

Wie sie alle; alle miteinander. Sie blickte mich an, als wenn sie
sagen wollte und Du auch!

Ich besann mich kurz. Ich will Ihnen die Beiden schicken; sie knnen
sich hier verheirathen und bei Ihnen wohnen, damit Sie das von Ihnen
eingerhrte Glck aus erster Hand mit verzehren. Ich habe fr so etwas
keinen Platz.

Ich auch nicht. Was wrden die Leute dazu sagen?

Was Leute immer sagen, wenn Zweie zusammengeredet worden sind und
hinterher ihre Ohren abreien mchten, mit denen sie nach all den
schnen Worten hingehorcht haben.

Und was sagen die Leute immer?

Gut, wer damit nichts zu thun hat. Das sagen sie!

Was kann ich aber dabei machen?

Viel, sehr viel. Nur einige Zeilen an mich, da weder Ottilie noch
Kriehberg Baares von Ihnen zu erwarten hat.

Nein.

Ja! Und zwar eine Bescheinigung von Ihrem Renteninstitut. Es mu sein.

Mu?

Tante Lina, ein Leben mit unerfllter Liebe ist groes Weh -- Sie
wissen es. Doch, ohne Liebe mit Wort und Schwur gebunden sein, das ist
gebranntes Leid. Nur wenn Kriehberg sein Wort zurckgiebt, wird Ottilie
frei. Und sie liebt einen anderen. Dies Ihnen zu sagen, bin ich hier.
Das Glck zweier Menschen liegt in Ihrer Hand. Knnen Sie noch zaudern?

Sie schwieg geraume Zeit. Wie ist das gekommen? fragte sie.

Ich erzhlte ihr Alles und sie gab genau Acht; dann sagte sie: Ich
will ihn bitten, ihn, Johannes, da er sich Kriehberg's annimmt.
Vielleicht da er drben sein Fortkommen besser findet, als hier.
Johannes wird es mir nicht abschlagen. Er ist ja glcklich. Aber
Verantwortung habe ich keine. Nein. Nein!

Wir blieben zusammen, bis am Sptnachmittage die Post wieder abging.
Ihr Rechtsanwalt schrieb den Schein, worin er beglaubigte, da sie ihr
Capital auf Leibrente gegeben htte und nachdem diese Angelegenheit
erledigt war, spendete ich das Mitgebrachte. Eine Tasse mit der
Berolina darauf war ihr genehm, desgleichen eine Medaille zur
Erinnerung an die Ausstellung; der Briefbeschwerer fand dagegen weniger
ihren Beifall, obgleich sie nichts sagte.

Es ist das Neueste in Nippsachen, pries ich ihn an.

O nein! wehrte sie ab. Viedt's haben gerade solchen in ihrem Laden
und knnen ihn nicht los werden; von ihrem Lieferanten in Berlin, zur
Probe. Es ist, mit Erlaubni zu sagen, ein Reise-Taschenstiefelknecht.

Zum Glck kam das Mdchen und meldete, die Post ginge gleich. Tante
Lina hatte das Geschenk sichtlich bel genommen und wer wei, ob ich
sie herumgekriegt htte, wre ich ihr gleich zu Anfang mit den Spenden
gekommen.

Guter Wille zieht nur dann, wenn er mit guter Laune zusammentrifft.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Es kommt zum Klappen.


Es war mir eine wahre Wohlthat, von Tante Lina ab, wieder nach
Berlin hin zu streben, obgleich ich mich auf den nchsten Tag gefat
gemacht und das Erforderliche mitgenommen hatte. An einem so wenig
bleibwrdigen Platze sich lnger als gezwungen aufzuhalten, rechne ich
zu den Vergeltungen der Vorsehung, die man fr bereits grasbewachsene
Thaten aufgebrummt kriegt, -- vielleicht da man mal zu heftig gewesen
ist oder Nebenmenschen es besorgt hat -- mit Ausnahme der Krausen
-- oder was sonst nicht mehr zu ndern war, aber doch noch zu Buch
steht. Gut, da ich nichts auf dem Kerbholz hatte und mit der Post den
Anschlu erreichte. Und Kriehberg sollen die Heirathsgedanken schon
vergehen, wenn der Weg zum Traualtar nicht mit Markstcken gepflastert
ist, wie er sich einbildet. Liebt er Ottilie wirklich und will er sie
aufrichtig glcklich machen, giebt er ihr das Jawort zurck.

Und wie nette Reisegefhrten traf ich in der Bahn. Das waren Leute,
die sich auf den Besuch der Ausstellung freuten, weil sie schne und
bildende Beschreibungen darber gelesen hatten, nicht die bliche
Schlechtmacherei von Schreibmenschen, die nur herunterreien, weil das
Aufbauen so seine Mucken hat. Wer nie backt und braut, dem mirth
allerdings auch nichts. Und Fehler -- wo ist vllig Vollkommenes? Man
mu das Mangelhafte von dem Gelungenen absubtrahiren und das Gute
gehrig zusammenaddiren und dabei bercksichtigen, da Jeder seinen
Privatgeschmack hat, dann ergiebt sich das richtige Exempel.

Sie fragten mehr, als ich beantworten konnte und ob es nicht doch zu
stark ins Geld ginge, wenn man Alles mitnehmen wollte.

Ich sagte: Berechnen Sie die Summen, wenn Sie nach Kamerun reisen
mten, um Wilde und ihre Drfer zu beaugenscheinigen, oder nach Kairo
oder nach Spitzbergen, wo die Eisbren sich Gutenacht sagen, oder nach
dem Zillerthal, und wo giebt es Rundreisebillets in die Vergangenheit,
da doch Alt-Berlin aufgebaut wurde, wie es nach dem dreiigjhrigen
Kriege erbrmlich war und noch keine Ahnung hatte, wie es nach
Einundsiebzig anschwellen wrde.

Da flgen so viele blaue Scheine als jetzt Pfennige. Und die ganze
groe Gewerbe-Ausstellung haben Sie als Beilage, nebst Musik und
Beleuchtungseffekten, Gartenanlagen und Dod und Deibel.

So verursachte ein Wort das andere und auch wegen der Verkstigung
fragten sie, und ob in der Fischhalle an einem Sonntag wirklich ber
hundert Zentner Seefische vermbelt worden wren?

Gewogen hab' ich sie nicht, war meine Antwort, aber es wird schon so
sein, es stand ja in den Zeitungen an der Stelle, wo sie das Glaubhafte
hindrucken. Ueberhaupt, versumen Sie die Fischerei nicht, da schwimmen
Regenbogenforellen und die seltensten Fische, vom einfachen Steckerling
bis zum Caviar lebendig herum und Hummer in unreifem Zustande, noch
ganz blaugrn und junge Fische werden ausgebrtet und als Gegensatz zur
Kinderbrutanstalt ist eine Krebswochenstube da, an der man nichts sieht
als Drainrhren, die aber hchst naturhistorisch ist, wenn gerade einer
von den Amphibienrthen Zeit hat und die Erklrung dazu leistet. Und
wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich an Fischen satt essen,
die groe Portion dreiig Pfennige ohne Kellnerschmuhgroschen; mit:
vierzig.

Da gehen wir hin, hie es. Ich lasse mir zweimal geben, sagte ein
langer Magerer, das ist ja enorm billig.

In der Volksernhrung kriegt man es noch umsonster, untersttzte ich
seine guten Absichten, und in der vegetarischen Eanstalt bekommen Sie
fr zwanzig Pfennige ein Gericht saure Linsen, da sie Ihnen schon aus
den Ohren heraustrudeln, ehe Sie den letzten Lffel voll hinter haben.

Dies erheiterte sie und warum soll man sich nicht scherzhaft geben in
aufthauender Gesellschaft, obgleich die Vornehmheit verlangt, sich im
Coup wie eine beschftigungslose Padde zu verhalten?

Mit Wohnung waren sie schon versorgt, indem sie sich an Stangen gewandt
hatten, der Zimmer massenweise an der Hand hat. Viele schlpfen bei
Bekanntschaften unter, sagte ich. -- Das wrde doch wohl lstig,
meinte eine Dame. -- Ich seufzte.

Haben Sie Erfahrungen darin? fragte die Dame weiter. Die kommen
noch, entgegnete ich und dachte an das Huhn, das ich mit Ungermann zu
pflcken hatte. Was sage ich Huhn? Mindestens einen Auerhahn. Und fr
sie, die Ungermann, setzt es auch was; zunchst um ihren neuen Hut. Wie
ein Schlittenpferd. Es werden schon Federn fliegen.

Je mehr wir in nchtliche Dunkelheit geriethen, um so dmmeriger wurde
auch die Unterhaltung, die sich zuletzt darauf beschrnkte, da die
Herren uns ihre Zigarren vorrauchten. Was es fr Unkraut war, kann ich
nicht sagen, aber sie selbst ffneten von Zeit zu Zeit die Fenster, um
nicht zu ersticken. Ich schtzte es auf eine Art von Mottentod.

Dank der Unermdlichkeit der Lokomotive kamen wir Berlin immer nher
und als sie noch lange nicht pfiff, holte jeder sein Handgepck
heran und belstigte sich und die Nachbarn. Aber das ist einmal so
in dem Verlangen begrndet, rascher anzukommen, wie man ja auch
lebensgefhrlich dicht an den Schienen dem Zug entgegensieht, damit er
sich eilt, wenn man mit will.

Wir wnschten uns gegenseitig viel Vergngen und waren auseinander, als
die Thr kaum offen stand. Ich sah weiter kein Vergngen vor mir, als
meinen Karl zu berraschen, da ich erst Morgen erwartet wurde.

Ich hinein in eine Droschke und los. Es war bereits gegen Mitternacht,
aber in der Lindengegend und in den Hauptstraen noch ein Treiben wie
bei Tage, die Cafs und Bierpalste im hellsten Lichte und auch noch
Lden geffnet. In der Provinz liegen sie schon zum zweiten Male auf
der rechten Seite, dachte ich, und strken sich mit gesundem Schlaf
und drehen sich bald zum dritten Male im Bewutsein hherer Soliditt.
Aber wer bildet das nchtliche Publikum in Berlin? Die Fremden. Und wo
sind die her? Aus der Provinz. Wenn sie zu Hause so schwudderten? Ei
weih!

Na, Ungermann wird sich ber sein Abgangszeugni aus der Residenz
freuen.

Der Kutscher schien mich fr auerhalbsch zu halten, indem er mit
seinem Zossen auf Zeitfahrt losbummelte, bis ich ihm zurief: Geben Sie
dem ollen Asphaltschoner mal'n bisken langen Haber, er tritt sich ja
auf die eigenen Hacken.

Der Droschkenlenker hielt an und wandte sich um. Det Ferd, sagte
er und deutete mit der Peitsche auf das Fell voll Knochen, det war
frher Rennpferd, der braucht keenen Dreschflegel. Im brigen is er nu
jlcklich so weit umdressirt, det er allens dhut, wat er will.

[Illustration: Droschkenpferd]

Na, wat will er denn? erwiderte ich im Volkstone.

Nach'n Stall will er.

Also dalli!

Nee, nu nich, weil et seine contrair entjejenjesetzte Richtung is.
Se sollten blos nach'n Wedding jewollt haben, da htten Se'n kennen
jelernt; uff'n Nachhauseweg schlgt er jeden elektrischen Strom um
mehrere Nasenlngen. H! Schimmel.

Obgleich der jetzt folgende Galopp nicht rascher ging als der bisherige
Schritt, erhob es mich sehr, wie die modernen Kulturerrungenschaften
allmhlich in der Bevlkerungsdenkweise Wurzel schlagen, whrend doch
feststeht, da die Griechen Elektricitt und Telephon und Photographie
und Hygiene nicht einmal dem Namen nach hatten. So frit die Bildung
sich immer weiter in die Massen und greift die Aufklrung um sich,
wozu Ausstellungen schichtenweise beitragen, je nachdem Volks- oder
Elite-Tage sind. Elite ist theurer, sonst ganz dasselbe. Ein groes
Jahrhundert, worin wir leben.

Als wir die Landsbergerstrae gewonnen hatten, war das Haus duster.
Alle in der Bucht, sagte ich mit innerlicher Zufriedenheit, gab dem
Droschkong einen Uebernickel fr das Ro und gedachte durch die Fabrik
oben zu gehen, meinen Karl zu interwieven ohne zu stren, und mein
Gemach aufzusuchen, wo Ottilie wahrscheinlich nach Schlaf schmachtete.
Ich konnte ihr Beruhigung bringen, die gesnder hilft als Morphium oder
sonst was, wonach man noch krnker wird.

Aber mein Schreck, als ich das Hausthor unverschlossen fand.
Ungermann, war mein erster Gedanke, mein zweiter wo ist der
Schutzmann als Sicherheitswchter? Ich sah die Strae lang, kein Helm
zu entdecken, nichts als die langsam abzuckelnde Klapperkiste mit dem
verkehrsmden Wettklepper a. D.

Ob ich mich hineinwagte? Wenn ein Mrder auf der Treppe lauerte?
Oder blos ein Pennbruder, auf den ich im Dunkeln trat? Das ist schon
schauderhaft. Ob ich schrie?

Nein. Listig vorwrts, ganz leise. Dann ber den Hof. Der Hausschlssel
pat zur Fabrik. Hinauf getastet bis an meines Karls Thr. Ich horchte.
Keinerlei Schnarchung.

Schlfst Du, mein Karl! rief ich halblaut. Erschrecke nicht, ich bin
es, Deine Wilhelmine, Deine treue Gattin. Tante Lina lt gren.

Keine Antwort. Ich klopfte an. Es brennt nicht, rief ich, es ist
auch nicht eingebrochen. Mach' auf, mein Karl.

Er rhrte sich nicht.

Karl, mach' auf!

Ich klopfte strker. Karl, wenn Du nicht aufmachst, werde ich bse.
Sehr bse; verstehst Du mich?

Ich holte mein Schlsselbund hervor, aber erst der letzte ging hinein.
Und der schlo nicht. Nach einigen vergeblichen Versuchen brach er ab.
Da mein Karl nicht von dem Gerusch aufwachte, mute er abwesend sein.
Aber wo? Natrlich im Berliner Zimmer.

Auf dem dunklen Gange nach der Wohnung stie ich gegen Weiches, da
mir das Blut in den Adern stockte. Es krabbelte jedoch nicht in die
Hhe, sondern fhlte sich als Waarenballen heraus. Aha, Ungermann's
Bestellung. Ganz hbscher Posten, aber es knnte mehr sein. Die
Zwischenthr war eingeklinkt und in der Kche noch Licht; die oberen
matten Scheiben waren hell. Ich und eintreten war eins.

[Illustration: Dorette und Schutzmann]

Die Dorette kriesch auf; ich sagte blos Ha!. Der Schutzmann aber
strammte sich kerzengerade hin und salutirte. Dorette suchte die
Lampe auszublasen, unsere Tischlampe, jedoch zu spt, ich hatte genug
gesehen. Aufgedeckt war, mit Brot und Butter und kaltem Braten und
Wein von dem Sonntags-Lafitte und Kse und ein Hafen Kompott und die
Cognacflasche und was sonst gut und geniebar war.

Wo ist der Herr? fragte ich strenge.

Aus.

Und das Hausthor steht offen? Nennen Sie das Bewachung, Schutzmann?

Ick habe heute keenen Dienst! entgegnete er.

Er ist ja mein Breitijam, sagte Dorette, un als solcher hat er doch
seine Pflichten. Warum ooch kommt die Frau so unprezise retour?

Um zu sehen, was whrend meiner Abwesenheit vorgeht. Wir reden morgen
weiter. Und der Brutigam ist hoffentlich satt und kann gehen.

Er schnallte sein Seitengewehr um. Leuchten Sie ihm, Dorette, und
schlieen Sie das Haus. Ich nahm die Lampe und den Cognac an mich. Es
hatte tchtig geschafft.

Weinend ging Dorette voran. Sie fhlte sich schuldbeladen. Angemessene
Verpflegung war ihr gestattet, aber keine Orgien. Und mit Lafitte
fangen Orgien an!

Also mein Karl war aus. Recht heiter!

Nun zu Ottilien.

Sei froh, Kind, rief ich beim Eintritt, auf Regen folgt
Sonnenschein, ich bring' ihn mit fr Dich.

Keine Antwort. Ich leuchte hin: Ottiliens Bett war unberhrt. Sie wird
sich wohl alleine gengstigt haben und nchtigt bei der Kliebisch. --
Ich hin nach dem Vorderzimmer und klopfe an. Kein Ton.

Dies war mir sonderbar. Alle miteinander aus? Nein, auf dem Sopha lag
Anna Kliebisch und sgte schaudervoll. Das ist wahr, schlafen hat sie
heraus. Selbst bei Tage, wenn sie so dasitzt, mchte man ihr immer
zurufen: Gute Nacht, Anna. Doch ein bischen zu sehre Drmlade, das
Kind.

Nach verschiedenen Mierfolgen rttelte ich sie endlich lebendig; sie
plierte mich glasugig an, sagte nichts und schlief wieder ein.

Dies war mir zu dumm. Ich sie gehrig geschttelt, bis sie endlich
wieder zu sich kommt. Aber nicht viel mehr als vorhin.

Wo ist Mama? fragte ich.

Wo Mama ist? wiederholte sie traumig und nickte wieder ein.

Anna, werde doch munter. Wo Mama ist? frage ich.

Im Bett.

Unsinn, da ist sie nicht. Wo ist sie? Und wo ist Ottilie?

Im Bett.

O Du Demel, brach ich aus. Du bist doch'n lieben Gott sein grtes
Bhschaf. Dussele weiter und vergi morgen blos das Aufwachen nicht.

Mir blieb als letzter Anker der Vernunft nur noch die Ungermann. Die
war aber auch nicht vorhanden, im Gegentheil komplet abwesend mitsammt
Schlokorb und Schachteln. Ab nach Kassel. Ihre Sachen standen noch da.

Ich war wie erschossen. Knieewankend setzte ich mich. Was war
geschehen? Kein Mensch im Hause als das unzurechnungsfhige Schlafkind
und Dorette. Da kam sie gerade wieder herauf.

Dorette, rief ich, hier herein ins Berliner Zimmer und nun nicht
lnger gewimmert, sondern ohne Mogeln erzhlt, was vorgefallen ist.
Erstens die Ungermann?

Die hat sich verzogen mit'n Mittagszug. Un Trinkjeld hat se nich
jejeben. Det haak ihr jleich anjeahnt, als se kam. Det war eene von de
Billijen.

Gut. Und zweitens die Frau Kliebisch?

Die kommt bis sptestens bermorjen retour.

Von wo?

Det hat se nich jesagt. Et war ja jroer Ufstand, wie der junge Herr
heut Nachmittag kam un er sagte: Ottilie, ick lasse Dir nich, un sie
sagte nein, nein, ick derf nich, ick wollte, ick wre bejraben oder so.
Jenau konnt ick't nich verstehn...

Also wieder an der Thr gehorcht. Und was sagte Herr Kriehberg?

Der? Der sagte jarnischt.

Der mute doch wieder antworten.

Nee, det konnt er nich. Der war ja jarnich da.

Der nicht? Welcher junge Herr dann?

Jotte doch, der mit die braunen Plschoogen. Ach hat der 'n Blick
an'n Leibe! Wenn ick nich so derbe verlobt wre, in den knnt ick mir
verkieken.

Dorette, bleiben Sie sachlich. Also Herr Brauns war hier und sich
Ottilien erklrt und sie ihn abgewiesen...

Se hat schrecklich jebarmt.

Und er weggerannt?

Na ja, wat man so langsam wegrennen nennt. Aber doch erst spter, un
wat die Kliebischen is, mit ihn.

Unsinn! Und Ottilie blieb zurck?

Die war janz verdreht. Se lachte und dann weente se, un mir fiel se um
den Hals un kte mir un sagte, Dorette sagte se, es kann nich sind un
es ist doch; so oder so hnlich. Wat Verrckte sagen, det is schwer zu
behalten.

Und was that mein Mann... was that der Herr dabei?

Die Herren waren schon vor Mittag nach Treptow rausjemacht. Un ick
alleene blos mit die Anna; die hab' ick Abendbrot jejeben un da ward
se mde. Un wenn mein Breitijam nicht antrat, ick htte mir zu Tode
jeforchten. Nee, hier in'n Hause is et nich mehr scheen.

Darber habe ich zu urtheilen, ich ganz allein. Verstanden? Und wenn
Ottilie sich ein Leid angethan hat, kommen Sie vor den Richter.

Och Jotte nee!

Nicht heulen. Dazu ist Zeit, wenn Sie im Loch sitzen. Geben Sie Acht,
was Ihnen blht. Warum haben Sie nicht aufgepat?

Se war ja nachher janz vernnftig, blos mit eenmal weg un nich zu
finden!

Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann luft nicht hinterher und
setzt die Polizei in Bewegung? Und schwemmen ihn mit Lafitte an? Den
zieh ich Ihnen vom Lohn ab.

Et war ja keen Anderer da.

Wozu ist denn die Wasserleitung?

Da jeht keen Schutzmann ran.

Ich sprang auf. Kommen Sie, wir wollen suchen, ob Ottilie nichts
Schriftliches hinterlassen hat, keinen Abschiedszettel oder irgend ein
Zeichen.

So viel wir auch stberten. Nichts. Nichts und nirgends.

Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, ick jloobe sojar,
se sagte, vergi es nich oder Vergimeinnich oder so, wie man so bei's
letzte Lebewohl sagt.

Die wei von sich selber nichts, viel weniger von Ottilie.

Det kann wohl sind. Se sa da so misepeterig und da sagte mein
Breitijam, en Grogh wrd' ihr wohl nich schaden, da kriegte se de
richtige Bettschwere nach un wre unter de Fsse aus.

Und Sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten dem Kinde einen
Grogh?

Zwee.

Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gnzlich...?

Ick sage ja, et is hier nich mehr scheen in'n Hause.

Was ntzte es? Aus dem Kinde war nichts herauszubringen, das hatte
ich eben vergebens versucht und was Dorette erzhlte, war so klar
verwickelt, da ich klug blieb wie zuvor. Wenn nur Ottilie nicht zu
Wasser gegangen war? Das wre grauenvoll. Aber was ging die Kliebisch
mit Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Handkfferchen
mitgenommen. Man ertrnkt sich doch nicht mit Gepck? Wohin konnte sie
geflohen sein und warum?

Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Brennscheere war weg und ihr
Morgenanzug und ihr Regenmantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht
gehabt.

Dorette, sagte ich, selbst wenn Alles gut abluft, einen anderen
Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie hoffentlich selber ein?

Bis zu'n Frhjahr. Dann wollten wir Hochzeit machen, et kann sind,
ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verndern? Det wird die Frau mir
doch nich anmuthen sind bei die ville Arbeed mit 'n Besuch? Die Frau is
ja so jut.

Sie weinte so reuevoll, da ich sagte: Es hngt von Ihrem ferneren
Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.

Ich setzte mich wartend in's Berliner Zimmer im Reiseanzug, innerlich
und auswendig aufgelst. Waren das Zustnde. Kaum wendet man den Rcken
und die Welt geht unter.

Und mein Karl, gerade da er nothwendig nicht weichen durfte, macht
blau. Ob ich hinber ging nach Betti, ihr mein Herz auszuschtten?
Ich kannte ihr Mitgefhl im Voraus: Mama, warum hast Du das Hotel
eingerichtet?

Endlich kam etwas die Treppe heraufgepoltert und in die Wohnung herein.
Ich richtete meine Blicke fest auf die Thr.

Sie lachten drauen. Wir heben noch Einen, sagte jemand, Ihr Cognac
ist gut. -- Das war Kliebisch's Stimme.

Mir recht. Das war mein Karl.

Nur um mich nicht auszuschlieen, sagte der Dritte. Das war Ungermann.

Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Unschuld von Mann schwankend
zwischen Kliebisch und Ungermann.

Ich erhob mich. Meine Herren! sagte ich. Weiter nichts. Aber der
Schreck.

Du hier, Wilhelmine?

Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, ich will es nicht
wissen. Dein Zustand verrth genug. Ich danke Ihnen, meine Herren,
namentlich Ihnen, Herr Ungermann, da Sie als knftiger Stadtvater
so vterlich fr meinen Mann gesorgt Und ihn auf Ihre Studienfahrten
mitgenommen haben, whrend ich weg war.

Ungermann verfrbte sich. Wir waren ein bischen vergngt, zum
Schlu... weil ich morgen abreise, stammelte er.

Dummes Zeug, Du bleibst, sagte mein Karl.

Herr Ungermann reist, entschied ich, Du hrst, er will es. Und Sie,
Herr Kliebisch, Sie als mehrfacher Familienvater, helfen meinen Mann
verfhren? Das htte ich nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts
mehr. Ich nahm die Flasche und schlo sie ein.

Aber Mienchen, es war so schn auf der Ausstellung.

Die ist lngst aus.

Ich habe mit Ungermann Brderschaft getrunken und wir wollen noch
fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.

Wie knnte ich das? Ottilie liegt vermuthlich tief in der Spree, und
Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durchgegangen.

Was ist das?

Ein Sturzbad konnte nicht eisiger wirken als meine Worte, und als ich
ihnen tropfenweise mitgetheilt hatte, was ich fr sie geeignet hielt,
war ihre Antubung so gut wie verflogen.

Vorlufig lt sich nichts beginnen, sagte ich, die Einzige, die
etwas wei, die Anna, ist nicht vernehmungsfhig.

Der Schmerz ber die Mutter, sthnte Kliebisch.

Sie mu ihn erst ausschlafen, versetzte ich ihm. Und nun gute Nacht,
meine Herren. Komm, Karl, Du gehst mit mir, ich habe Dir noch sehr viel
mitzutheilen.

Ich schlafe doch in der Fabrik.

Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der Schlssel ist
abgedreht. Komm nur.

Ein zerknirschteres zu Bett schleichen habe ich noch nie erlebt. Aber
in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest Brme. Das mgen die Herren
bedenken, wenn sie nicht nach Hause finden knnen.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Alt-Berlin.


Als ich zum ersten Male Alt-Berlin betrat, wurde mir ganz
nachtwandlerisch. Das war vor der Baumblthe zur Bauzeit mit der
Gestattung, die werdenden Herrlichkeiten im Voraus zu besichtigen. Die
Stadt stand schon. Eine ganze Stadt mit Straen und Pltzen, einer
Kirche, einem Rathhause, mit Festungswllen, Thrmen und Thoren,
Brcken, Gchen, Ecken und Winkeln, eine Stadt aus vergangener Zeit.
Berlin vor dreihundert Jahren, ebenso klein, armselig und gering.

Photographieen von damals sind nicht vorhanden, weil sie noch kein
Collodium hatten und Zeichnungen und Gemlde wegen Mangels illustrirter
Zeitungen ebenfalls nicht, so da die Phantasie aufbauen mute, was
die Zeit langsam und die Menschen gewaltsam zerstrten. Aber alle
sagen sie, gerade so htte Berlin um's Jahr 1650 ausgesehen, und wenn
Kliebisch meint, es wre mehr ein Abgu von Kottbus und Angermnde,
mu er erst beweisen, was er sagt. -- Fr mich ist es Berlin, schon
allein, weil richtige vorzeitliche Thran-Latichten an den Tauen ber
den Straen hngen.

Als ich im Maien-Sonnenschein durch die Stadt schritt -- ganz allein
-- verga ich vllig, wo ich war. So still die Straen, da ich mich
besinnen mute, ob wirklich schon Pferdebahnen erfunden seien und ob
die Stadtbahn, auf der ich vor kaum einer halben Stunde nach Treptow
toste, nicht ein Spiel meiner Einbildung gewesen wre. Wohin waren
die Menschen verschwunden, die hier wohnten? Ausgewandert? Verjagt?
Verstorben?

Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berhren: das alte
Gemuer, die Balken und Pfosten und durch grne Scheiben hineinsehen in
niedrige Stuben, und Kfterchen. Die standen alle leer.

In solchen Rumen hatte einst Glck gewohnt und ber solche Schwellen
war einst Unglck geschritten, da aus dem frhlichen Heute ein
trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mute in ruhelosem
Wechsel. Denn in den Husern lebten Menschen.

An den Schildern lie sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben
wurden. Es mu eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das
alte Berlin, so viel Schnken, Wirthshuser und Trinksttten entdeckte
ich. Selbst das Rathhaus war ausschlielich auf Getrnk eingerichtet.
Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskrnze und in die
Biergrten, in denen jedoch Niemand sa. Es war spukhaft am hellen
Tage. Und doch so traulich und wehmthig, wie eine vergessene Schachtel
Spielzeug aus den Kindertagen.

Ich schritt langsam durch die Straen: berall die gleiche
Verlassenheit. Du trumst, Wilhelmine, sagte ich zu mir. Gleich
fllst Du irgendwie und wachst auf.

Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer
Leiter mit Pinseln und Farbtpfen; der malte an einem alten Dache.

Sie! rief ich, ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin
ich eigentlich?

In der Bolings-Gasse, antwortete er.

Hab' ich nie von gehrt! 'Ne neue Strae?

Nee, uralt. Schon lngst vom Erdboden verwischt. Er kam herunter in
seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung.

Es hat wohl durchgeregnet? fragte ich.

Nee, vorlufig nicht. Wie finden Sie das Moos?

Welches Moos?

Na, das ich da eben hingemalt habe. Wirklich eminent echt, was? Feines
Grn? Wie?

Ach so. Danke Ihnen. Nun wei ich wieder Bescheid. Ich meinte aber
wirklich, ich wre in vergangenen Jahrhunderten.

Machen wir; blos mit Farbe. Das Uebrige ist Holz, Leinewand und Gips.
Wenn Sie's interessirt, zeig ich's Ihnen.

Er fhrte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als
wenn sie kaum den Sommer ber halten wrden. So wie aber Farbe darauf
sitzt, schwrt man, sie htten vom Groen Kurfrsten an gestanden.
Darber sprach ich meine Verwunderung aus.

Machen wir, sagte er. Ich habe einen diebischen Spa daran, Alles zu
fingern, als wre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.

Sie sind wirklich ein Knstler!

Er lchelte, aber es war ein bitteres Lcheln. Das sagen Sie, sprach
er, meine Kollegen denken anders.

Haben denn die das Moos gesehen?

Mehr als das. Ich habe fleiig studirt, bin auf der Akademie mit
Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt...

Und jetzt streichen Sie Huser an?

Was bleibt mir? In der Kunst-Ausstellung hat man fr meine Arbeiten
keinen Platz. Da hngen sie allen mglichen Schmierkram aus Frankreich
und Belgien, Holland und wer wei sonst noch von wo her an die Wnde,
bis das Lokal vollgestopft ist und sagen zum Deutschen: Du kommst bei
internationalen Bestrebungen an den Katzentisch oder bleibst besser
ganz zurck. Ja, wenn die Auslnder blos Meisterwerke schickten, gut,
dann hat die Kunst den Oberbefehl. Aber wenn sie ihren Abhub mit
einpacken, begreift man nicht, warum unsereins verzichten mu, dem
Publikum seine Leistungen vor Augen zu fhren, die es mit den Fremden
dreimal aufnehmen. Und wo ist sonst Gelegenheit, an das Urtheil des
Publikums zu appelliren als auf den groen Ausstellungen? Die Akademie
wird vom Staate erhalten, hat man sie durchgemacht und will vorwrts,
heit es, die staatlich begnstigte Ausstellung bedauert, keine Ecke
fr Dich zu haben, nicht die kleinste. Dagegen nehmen sie Schinken, die
ein verrckter Norweger sudelt, auf, weil... weil so was international
ist. Darum male ich jetzt Dachpfannen und Moos und quaste Mauern an und
verdiene damit. Ich geh' berhaupt zum Handwerk; von Kunstgenossen,
die nicht mehr knnen, als ich, mich bevormunden zu lassen, bin ich zu
stolz.

Ich sagte: Jeder mu wissen, was er thut; und das ist wahr, an
tchtigen Professionisten fehlt es. Wenn Sie sich gesetzt haben,
schicken Sie mir Ihre Geschftskarte, unsere Malerarbeit bekommen Sie.

Nein, rief er, so meine ich es nicht. Ich widme mich dem
Kunsthandwerk. Frher ersann jeder Handwerker sich seine Muster selbst.
Heute ahmen sie nach, was vorhanden ist. Ich will Neues schaffen. Und
ich kann es, habe ich doch im Geiste der alten Zeit ohne Muster jetzt
gearbeitet und meine Schaffenskraft erkannt. Im Geiste der Neuzeit
ersinne und zeichne ich weiter. Machen wir.

Darauf zeigte er mir Verzierungen und Geranke, Beschlge und vielerlei,
was er erfunden und gemalt. Es lebe Alt-Berlin, rief er, als er sah,
wie ich mich daran ergtzte, von ihm aus geht mein Lebensweg.

Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt, fiel ich ein, nur Muth und
Selbstvertrauen.

Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Knnens. Das Handwerk
ist heute freier als die Kunst, die sich in Mode und Klickenwesen
enge Zunftschranken zieht. Und verhungern, weil einige Leithmmel zur
Vernderung sich auf drre Haide verrannt haben? Danke. Ich will leben
und verdienen. Und das machen wir.

Sehr vernnftig, sagte ich. Gut, wenn junge Leute zur Einsicht
kommen; alten ntzt sie meist nichts mehr.

Er erklrte mir noch manches Alterthmliche, wie das Rathhaus und die
Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da muten die Verbrecher
zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anstndigen Brgern
ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber sich gescholten
und gehauen hatten, hing der Bttel ihnen einen Stein um den Hals
und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein
spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit muten sie sich gegenseitig
prickeln, was umso besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei
besonderen Fllen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das mu ein Spa zumal
fr die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an
Schrecklichem freut. Gottlob, da solche Strafen abgeschafft worden
sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete. Wenn
zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt
htten, welche der andern wohl mit dem Nagel ber gewesen wre? Der
Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen mchte ich es doch
nicht. Lieber wre mir ein Hochzeitstag auf der Strae. Der Maler
sagte, spter wrden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevlkern.

Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei
Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem
Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das
Spandauer Thor und ber die Brcke in den Ausstellungspark.

Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der
Erinnerung. --

Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet,
nmlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit
Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's
sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurckgezogen
hatten.

Ungermann's Abgang war hchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl
Kopfschmerzen aus frherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem
Brderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht
erlebt. Ihm saen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit
war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler
Lagerung. O Karl, warst Du krank!

Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner
Gattin strte ihn verhltnimig rechtzeitig auf. Noch keine
Nachricht von meiner Frau? fragte er bekmmert. -- Nein, entgegnete
ich, und ein Glck, da sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr
Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen
an solchem Portrait finden wrde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?

Ausstellung, brachte er hervor. Dressel... Alt-Berlin. --

Sonst nirgends? -- Er seufzte leidend. -- Ich schenkte ihm Kaffee
ein. Den trank er. Brtchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und
klagte er wieder nach seiner Frau.

Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmhlich so weit
beisammen haben, da sie Auskunft geben kann, sagte ich. Heute Nacht
war sie bermde. -- Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied
verlassen haben?

Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rcksichten. Keine! rief er
bitter. Berlin ist ein schrecklicher Ort, berall Verfhrung.

Das mssen Sie selbst am besten wissen, warf ich ihm khl vor.
Meinen Mann so zuzurichten. Schmen Sie sich.

Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause zu kriegen. Wenn ein
Mann einmal seine langentbehrte Freiheit genieen kann...

Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrieden stiften, Eheglck
ruiniren? Glauben Sie, das mit einem Sack Kartoffeln gut machen zu
knnen? Doch bei mir nicht?

Die Anlappung verschchterte ihn. -- Htte er eine Ahnung gehabt, da
er lstig fiele, wre er garnicht gekommen, sagte er mucksch, und das
Beste wre wohl, er ginge gleich.

Ich entgegnete, ich allein knnte nicht ab- noch zureden, in unserem
Hause htte mein Mann die Oberleitung, der wre vollkommen frei in
seinem Willen, augenblicklich jedoch zu unwohl, um gefragt zu werden.

Gut, sagte er, ich gehe mit meinem Kinde. -- Ich schwieg.

Er hin und Anna'chen geweckt und es gehetzt, sich reisefertig
anzuziehen. Jedoch dies Packen konnte ich nicht mit ansehen, das war
purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend eingriff. Die Kleine war noch
schlafhaft. Anna, fragte ich, hat Mama Dir nichts gesagt, als sie
ging? -- Nein. Auch Ottilie nicht? -- Nein. -- Besinne Dich
doch. -- Ja, einen Brief gab sie mir. -- Wohin hast Du den gelegt?
Auf den Tisch? -- Das wute sie nicht. -- Unter's Kopfkissen? --
Ich glaube.

Wir suchten. Kein Brief zu finden. Hat Mama Dir wirklich nichts an
mich aufgetragen? -- Mama meinte, Ottilie wrde Alles schreiben, ich
behielte es wohl nicht richtig.

Sie kennt Dich, scheint's. Kind, einen Rath geb' ich Dir: geh' nie
allein aus die Strae, ^Du^ kommst unter'n Leichenwagen.

Darber entsetzte sie sich und fing an zu flennen. Nun war nichts mehr
herauszubringen. Zum Verzagen.

Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr hflich und gemessen
mit dem Wunsche, da die Beziehungen der beiden Huser die
altbewhrten bleiben mchten. Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets
schtzenswerth sein, sagte ich, und ich hoffe, da Sie mit dem
zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Grfinnen verkehren
leider nicht bei uns, dafr sind Uhr und Kette sicher.

Er versuchte zu lcheln, es war aber danach. Ich verlasse Berlin
mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen, erwiderte
er. Man wird meine Bemhungen an rechter Stelle anerkennen, auf
Miverstndnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind
nicht ausgeblieben.

Nun lchelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter.

Um Zwlfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es fr meine
Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befrdern, und fuhr bis
zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, whrend ich
die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu
verlieren. Sie weinte, der jhlingse Luftwechsel war ja auch so seltsam
fr sie.

Dann stiegen sie ein. Anna, fragte ich noch einmal, Kind, kannst Du
Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast? -- Ich glaube in der
Tasche -- Dann her damit. -- Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte.
-- Kein Brief. -- Er ist in dem anderen Kleide. -- In welchem? --
Das ist unten im Koffer.

Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern,
dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr
unglcklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder
aus alkoholischen Grnden von gestern, oder wegen der Zukunft seiner
Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schlielich heirathet
es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und
nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung
nach rckwrts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus;
hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was
sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blhte. Gerade
in diese Unruhe fiel der Amtsrichter.

Der Mann war jedoch gleich so gemthlich, da ich Stab und Sttze
in ihm hatte. Der Vetter hat die Bier-Influenza, sagte er, meines
Karls Zustand verstndig durchschauend, und wenn ich Ihnen, verehrte
Cousine, ungelegen komme, nur keine Schchternheit. Ich ziehe sofort
nach der Putsch oder wie sie heit.

Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das
Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.

Um die Weitlufigkeit der Verwandtschaft abzukrzen, betitelten wir uns
vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte
gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrhrte,
aus einem Eigelb, einem Theelffel Salz, ebenso viel Pfeffer und
Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und
Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend
sind. Auch meinem Karl ntzte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann
auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack wrgte.

Whrend mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr
Vetter sich huslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber
der Aufstand, als sie Gatten und Tchterchen abgereist vorfand. Und
keine Erklrung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum
Glck hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im
Hause, so da die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als uerlich
angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht.

Wegen Ottilie mute der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit
Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte,
mein Mann mte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren
htte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: Zeuge hat
nicht nthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen. Mein Karl athmete
erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn
der Amtsrichter sich das Lachen verbi.

Die Kliebisch kam nach und nach so weit, da sie nicht mehr ganz
vorbei antwortete und sagte, es msse Alles in dem Briefe stehen, den
Ottilie geschrieben hatte, whrend sie mit Herrn Brauns gegangen war,
Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Brosche und was Ottilien
sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaen nicht als
Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie htte den
Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet
und der Dank dafr sei die Vertreibung ihres Mannes und Kindes. Ob
ich es verantwortet htte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu
lassen? Er wre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da htte sie nach
Feuer und Licht sehen mssen.

Also Rudolph hatte sein Mdchen entfhrt.

Sehr recht, sagte mein Karl. Er ist nicht der Mann, lange zu
zappeln. Ich htte es eben so gemacht.

Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein
gestriges Betragen.

Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh,
endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hrte
auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.
Schlielich dankte ich der Kliebisch noch, da sie mit Rudolph und
Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die knftige
Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so
vieler Finsterni. --

Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar
ein vergngtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend.
Erstens hatte er Verstndni und zweitens Durst immer zur rechten Zeit,
nicht wie Kliebisch, der an den Zapfsttten schwer vorbei zu bringen
war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen
auer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanittsrath und Frau.

Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit.
Wie von einem Jahrmarkt berschwemmt lieen die Gassen; Verkaufstisch
an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stck 'ne Mark. Das war
nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen
und der Landsknechte. Und in den Husern Kneipe an Kneipe mit und ohne
Musik, und Kostmtrompeter auf den Pltzen, da eine heftige Art von
Lustigkeit herauskam.

Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschnke zu
dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. Machen Se
man, dett Se wieder raus kommen, schrie der Wirth uns an, Se sehen
doch, dett hier anstndige Leute sitzen. -- Hierbleiben! schrieen
die Gste. -- Rin mit der Schwiegermutter, rief der Wirth, die fehlt
noch in meinem Museum. Da grhlten sie Alle: Wir brauchen keine
Schwiegermama -- ma. Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten
wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, da wir die Thr frei machten,
da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen
gesessen hatte. Brllendes Gelchter belohnte den handgreiflichen
Scherz. -- Ob es wohl in der groen Kurfrstenzeit hnlich so herging?
Ich will hoffen, da dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin
verbreitet. Das wre eine ble Ausstellungserbschaft.

Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der
historische Festzug. Es waren Mnner und Frauen, wie vom Theater ins
Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Brten und Perrcken
und was Helden und Knappen und Ruinenfruleins und ihre Zofen so um
Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz
annehmbar, in der Nhe und bei Tage jedoch zu ungediegen.

Entweder ganz echt oder gar nicht, meinte der Amtsrichter. -- Oder
wenigstens komisch, erwiderte ich. Die Ritter z. B. mit Ofenrhren
und Theekesseln, da man lachen knnte.

Hier scheint etwas zum Lachen zu sein, sagte er. Gehen wir hinein in
die Singspielhalle?

Ich frchte, es ist zu rauchig drin fr die Damen, weigerte sich mein
Karl. Das fiel mir auf. Wir hinein. Ich voraus.

[Illustration: Ritter]

Ein groer Raum, am Ende eine Bhne. Auf der Bhne vergoldete Sthle
und auf den Sthlen ein gutes Dutzend Sngerinnen. Alle in kurzen
Kleidern, wenn man, was sie anhatten, noch ein Kleid nennen will. Dies
ist ja ein Tingeltangel, sagte der Sanittsrath, gehen wir. -- Den
hab' ich lngst einmal sehen wollen, entschied ich, bleiben wir.

Nun sang eine nach der anderen. Immer von Liebe mit Zubehr. Stimme
meist nicht vorhanden. Dafr um so mehr Mimik. Mir wurde siedehei, wie
sie sich betrugen. Aber die Herren in den Vorderreihen johlten Beifall
und die Frauenzimmer lachten ihnen zu und machten Augen. Und was fr
welche! Nun wute ich, wieso Ungermann seine multerigen Bekanntschaften
in Alt-Berlin gemacht hatte, dies war sein Stammlokal gewesen und
meinen Karl hatte er auch hingelockt. Warum wollte der sonst sich
drcken?

Unsere Herren waren verlegen, da wir Damen einmal sahen, wie ein
Tingeltangel beschaffen ist, bis auf den Amtsrichter, der sich
amsirte. Der durfte, der war unverheirathet.

Was sagst Du dazu? fragte ich Betti. Sie antwortete nicht. Sie war
bleich und sa kerzengerade, wie frher immer, wenn sie in tiefer Seele
litt. Ihre Blicke ruhten fest auf ihrem Mann, als suchte sie auf seinem
Antlitz zu lesen. Er war ja auch einst flott gewesen, wie die jungen
Leute da vorne, die den Sngerinnen Champagner auf die Bhne reichten.
Gedachte sie vergangener Zeiten?

Komm, sagte ich. Sie stand auf und nahm meinen Arm. Ohne rechts und
links zu sehen, zog sie mich auf die Gasse, durch die Menschenmenge zum
Georgenthore hinaus in die grnen Buschwege des Parkes.

Was hast Du, Betti? -- Sie athmete schwer auf. Es war ein bser
Traum, sagte sie mhsam. Ich will nie wieder an ihn denken. Nie
wieder nach Alt-Berlin.

Kind, Alt-Berlin ist so schn.

Aber die Menschen darin! Mama, wo ist mein Felix?

Er kam mit den Anderen.

Unrecht hatte Betti nicht. Was die Knstler schaffen, verdirbt der
Ungeschmack. Aber es soll doch nur Geld verdient werden.

[Illustration: Dekoration]




[Illustration: Titel-Dekoration]




Spree-Afrika.


Ein zu allerliebster Mann, der Amtsrichter. Wenn ich nur erst eine
Frau fr ihn htte. Ich habe freilich meinem Mann geloben mssen, nie
wieder Menschen in ihr Glck zu strzen, aber um den Amtsrichter wre
es ewig schade, wenn er als Junggeselle verbraucht werden sollte, und
mit zarten Blumenstengeln auf die Annehmlichkeiten einer liebevollen
Huslichkeit hinweisen, liegt in dem Gelbni doch wohl nicht mit darin.

Und ich hoffe, er bekehrt sich noch, allein schon wegen der
Gaskochmaschinen, mit denen es eine wahre Lust sein mu, einen
Hausstand zu begrnden. Von der elektrischen Kche will ich gar nicht
reden: man stellt die Pfanne auf einen beliebigen Tisch, dreht die
Schraube und der Eierkuchen ist fertig. Es ist erstaunlich, wie weit
die Verfeinerung der Menschheit jetzt reicht. Vergleicht man hiermit
die Wilden, glaubt man kaum in demselben Jahrhundert mit ihnen zu leben.

Fr nur dreiig Pfennige Thoreinla treten wir in unsere Kolonieen, am
Karpfenteich zwischen den Gebschen malerisch gelegen, und knnen eine
Vorstellung von unseren Erwerbungen in Afrika gewinnen.

Viele sind gegen Kolonialbesitz, viele dafr. Mein Karl war bisher
der Meinung, er koste nur und brchte nichts ein. Onkel Fritz
behauptet, wir mten ihn haben, weil in absehbarer Zeit Deutschland so
bervlkert wrde, da kein Platz mehr wre. Fritz, sagte ich, sie
nehmen das Tempelhofer Feld zu. -- Worauf sollen dann die Paraden
abgehalten werden? entgegnete er. Daran hatte ich nicht gedacht.
Kolonialpolitik hat doch so ihre Eier.

Die Htten der auswrtigen Eingeborenen sind fr das
Stralau-Rummelsburger Klima nicht geeignet, dagegen nach der
afrikanischen Bauordnung einwandsfrei. Wie die Schwarzen froh sein
werden, wenn sie sich wieder an der heimathlichen Sonne wrmen knnen
und ihre Kultur-Sendung in Treptow erfllt haben, und verwilderter
zurckkehren als sie kamen.

Fr mich ist es schier unmglich, die einzelnen Stmme auseinander
zu halten, welche die Suaheli sind und welche die Massai oder Dualla
oder Papuas oder wie sie sonst geschrieben werden, zumal wenn sie
sich mit rother Farbe geschminkt haben und wie anglhende eiserne
Oefen aussehen. Seitdem ich obendrein wei, da die Papuas arg nach
Menschenfleisch sind, geh' ich nicht dichte ran. Nchstenliebe mit
Einbeien ist nicht mein Fall.

Der Amtsrichter ist dem Kolonialischen geneigt und hat sich eingehend
damit beschftigt, schon allein, weil mit der Zunahme der Verbrecher
doch vielleicht die Einrichtung von Strafprovinzen nothwendig wird.

Herr Vetter, fragte ich, angenommen den Fall, Sie verdammen einen
unverbesserlichen Rufti, dessen Geschft in Messerstechen und hnlichem
Frevel besteht, nach Papuanien und die dunklen Reichsbrder essen ihn
auf, wre das nicht eine verschmitzte Art Hinrichtung mit Umgehung des
Gesetzbuches und zge Ihnen Anklage zu?

Vorlufig noch nicht, entgegnete er. Aber es kann so kommen; dem
grnen Tisch ist Alles mglich.

Warum wird er nicht anders bezogen? Wenn die alte Kulr nicht taugt,
her mit einer frischen.

Das Grn frit sich doch immer wieder durch, sagte er. Es ist der
Grnspan des Staates, alt und ehrwrdig.

Aber giftig.

Er lchelte. Ein gesunder Organismus berwindet ihn. -- Aber er
spuckt. -- Das Recht hat er. -- Hat er doch etwas. -- Was das
Volk kneift, thut dem werdenden Geheimrath nicht weh, sagte Onkel
Fritz.

Unter diesen Gesprchen gelangten wir zu der Festung Qui-kuru qua Siki.
Das ist ein heimtckisches Werk von auen und noch heimtckischer von
innen. Die Wlle, dick und fest aus Palissaden und Lehm, sind mit
hohen Stangen besteckt und obendrauf weigebleichte Todtenschdel, die
grinsen: Kommt nur heran, auf diese Manier wird hier frisirt. -- Geht
man durch das enge Thor und sieht die Grben und Gnge, wie in einem
Irrgarten, hat man nur einen Gedanken: hier wird abgemurkst! Entrinnen
ist nicht. Immer tiefer flchtet man in die Mausefalle hinein und
findet den Ausweg nicht wieder. Und nun fangen sie an zu schieen. Bums
hier, bums da aus den kleinen Lchern in den Wnden und schleichen
hervor mit Beilen und Lanzen und massacriren die Eindringenden. Hchst
schaudervoll.

[Illustration: Explosion]

Obgleich diese Festung nur ein Stck Nachbildung der echten ist,
kann man begreifen, da solche Verschanzung fr die Eingeborenen
unberwindlich war und selbst unseren Truppen nicht beim ersten
Anrennen erlag. Aber wir kriegten sie und als sie sich nicht mehr
halten konnte -- Krupp vertrug sie nicht -- da gab es einen Mordsknall.
Der Huptling Sike, ein unangenehmer Herr, der sich unseren humanen
Sklavereiaufhebungsbestrebungen widersetzte und nebenbei Branntwein
trank, hatte sich mit seiner Familie und seinen Schtzen auf ein
Pulverfa gesetzt und in die Luft gesprengt. Vier Tage hat die
Festung gebrannt, mit Erdl getrnkt. Der Sieg war unser und die
Kriegsentschdigung wurde in Elfenbein ausgezahlt. Aus dem Elfenbein
werden Klaviertasten gesgt und die Klaviere gehen wieder nach Afrika
zur Verbreitung der Kultur, die erst ihren Gipfelpunkt erreicht, wenn
die Tchter der Wilden ebenso auf dem Piano herumrudern knnen, wie
unsere.

Doch das hat noch gute Wege, denn von erhhter Bildungsarbeit haben
sie keinen Dunst. Ihre Hauptbeschftigung ist herumlaatschen und sich
die Zeit mit Langweile vertreiben. Man liest ja auch, da verschiedene
Stmme unter Tnzen und Freuden dahinleben, ohne die Sorge des Lebens
zu kennen. Und das ist wahr, viel Sorgen machen die Weiber sich nicht.
Wenn sie kochen, besteht ihre Maschine aus ungehobelten Feldsteinen und
um ihr Geschirr zu scheuern, greifen sie beliebig in den neben ihren
Fen befindlichen Erdboden, nehmen eine Handvoll und klarren Pfannen
und Kessel damit aus. Wenn das nicht sorglos ist, wei ich nicht,
was sonst! Vielleicht ihre Kleidung? Was die Kinder anbetrifft, die
haben blos Natur an. Sonst sind sie s. Es mu an den Augen liegen.
Kinderaugen sind doch wohl auf der ganzen Welt dieselben.

Es war eine Mutter vor einer Htte. Sie sa im Grase und spielte
Pitsche-Patsche mit ihren Kleinen. Die jauchzten vor Lust und das junge
Weib strahlte vor Glck. Ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lchelten
und die weien Zhne schimmerten beneidenswerth. Ich glaube, die Liebe
ist auch dieselbe, so weit die Erde rund ist.

Wir gebildeten Europer standen an dem Gehege und sahen zu. Manche
riefen Redensarten, die sie gottlob nicht verstanden, aber mir schien,
als wenn die Frau unter ihrer Wangenschwrze errthete, wenn den
Schnodderigkeiten wieherndes Gelchter folgte. Sie erhob sich und
blickte die Weien an. Was sie wohl dachte? Dann nahm sie ihre Kinder
an der Hand und verzog sich in die Htte. Und wir verzogen uns auch.

Die wren richtig weggegrault, sagte Onkel Fritz. Haben sie Dir
gefallen, Erika? -- Seine Frau schwieg. Nach einer Weile sprach sie:
Die Frau that mir so leid.

Von groem Interesse waren uns die Zauberhtte und die Gtzenbilder,
weil Niemand Gewisses darber wei. Gerade das Geheimnivolle reizt.
Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklrte
er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke
betreten und vor allen Dingen nicht die groe Trommel erblicken, auf
der sie das erzeugen, was als Heidenlrm bekannt ist. Solche Furcht
haben sie vor ihr, da sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert
wird. Ja, sie glauben, sie mten sterben, wenn sie die Trommel blos
shen. Solchen Aberglauben haben die Mnner ersonnen, damit sie
ungestrt ihre Feste und Schmausereien feiern knnen und keine Frau sie
von den Gelagen heimholt.

Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden, sagte ich. Aber die Vergeltung
rhrt sich schon. Wie denken Sie ber Frauenemancipation, Herr Vetter?

Ich bin fr die Freiheit der Frauen, entgegnete er hflich.

Siehst Du, stie ich Onkel Fritz an. -- Eben deshalb heirathet er
nicht, sagte der.

Ich berhrte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn
noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von
Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebuden
und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. Wir mssen
festhalten, was wir haben, sagte der Vetter, ich freue mich, einen
Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Htte die
Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es
wre genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert Tage.

Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der
Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europers
in unsern Schutzgebieten, vom Auswrtigen Amte hingebaut. Und sollte
man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit
lgefllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriegen und
Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien
Durchzug, die Fieberdnste wegzuwehen.

Drinnen die Mbel sind zum Theil aus dem schnen Neuguineaholz,
ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben
zusammengehalten; ebenso sind Schlsser und Schlssel aus Messing wegen
des Rostens. Jegliches ist fr das Klima ausgetiftelt und zwar in
Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer
mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die kstlichen Frchte
lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein
Riesenfcher, den an der Tafel Sitzenden Khlung zuzuwehen. An den
Wnden die Gemlde schilderten die Gegenden, die Jagden und die
Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe
ausdrcken lt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt
und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig.
Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer
selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts
die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: Wen das Gewissen nicht sticht,
der schlummert auch ohne Gazevorhnge. Gegen Wilde sei man milde.

Du sollst in der letzten Zeit mchtig unruhig liegen, sagte Onkel
Fritz mir leise. -- Ich wte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen
htte? gab ich zurck. -- Auch nicht nthig, ich seh Dir doch an,
da Du nicht in Deiner gewohnten Gemthsverfassung bist. Ist Kriehberg
endlich beseitigt?

Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spie braten. Er wankt nicht. Er
behauptet, wir lgen ihm vor, da Tante Lina ihr Geld fest verankert
htte und will auf Entschdigung klagen, wegen des Aufwandes, den er
machen mute, um standesgem mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.

La ihn klagen. --

Fritz, Alles -- nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter
knnen zu reizend sein, wie der Vetter, aber hngt ihnen den Talar um
und sie sind unsicher. Pa acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans
Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten. Wie das
noch endet, wei ich nicht. Mir steht der Verstand still.

Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?

Der hat Ferien und will sich amsiren. --

Wer sagt denn, da er sich nicht darber amsirt? --

Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns
sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind
Ferien ohne jegliche Thtigkeit ungesund.

Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in
fremder Umgebung verlaufen hat und sieht pltzlich ein Wirthshaus. Wir
eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses
in Augenschein nahmen.

Bei all dem Obst und den Fieberlften, den Ameisen und Gewrmen und
Kmpfen knnen Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der
Deutsche Frauen-Verein fr Krankenpflege in den Kolonieen, der in
hilfreichster Weise fr die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo
nichts zu haben ist, was Leidende benthigen. Wie es in den Kolonieen
zugeht und wie die Frauen hier nun thtig sind, das erfhrt man aus
der Vereinsschrift Unter dem Rothen Kreuz, die ich sofort bestelle.
O, wie viel knnen wir da wirken fr unsere Landsleute und fr die
Schwarzen. Gte bindet fester als Gewalt.

Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmckten
Tannenbaum entdeckt. Er stand gro und breit zwischen den anderen
Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn fr putzende
Grnigkeit hielten. Der Baum war ein knstlicher aus Gedrath und grnen
Stoffnadelzweigen, tuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein
zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbchse verpackt, nicht
grer als ein einigermaener Regenschirm, da er sicher verlthet,
bis mitten in Afrika hinein versandt werden und berall um die
Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche
weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht
wchst. Und ein Flschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den
Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrchte hngen daran und
in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht,
deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen,
was es bedeutet? Deutsche Sitte, wird ihnen gesagt. Kommt und feiert
mit uns das Fest der Liebe.

Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt htten, wir wren achtlos
vorbergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel
Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hieen C. Nicolai Shne
und wohnen in Hamburg. Er will berseeischen Geschftsfreunden solche
Tannenbume verehren. Er wei, was er thut.

Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es mu wohl
so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Mnner, Weiber,
Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie
orientalische Musik berhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft
werden und Einer lernt Clarinette dazu.

Nun, Schwager? fragte Onkel Fritz. Wie gefallen Dir die
Kolonialbrder und Schwestern? -- Gar nicht, sagte mein Karl, was
haben wir von ihnen?

[Illustration: Raucher]

Sieh doch nur genau hin, mich dnkt, die Strmpfe, die ihnen an
den Stellen herunterhngen, wo sonst die Waden sitzen, knnten aus
Deiner Fabrik stammen. -- Mein Karl prfte. Es sind von meinen
halbwollenen, sagte er, die rothblaue Borde ist ein Versuch, der
nicht recht einschlug. -- Das ist eben der Segen der Kolonieen,
wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert
Meilen hinter dem Leipzigerstraengeschmack zurck. -- Ganz zu
verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht, erwiderte mein Mann.
-- Karl, sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger,
wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann
der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen
durchgestochen.

Seit dieser Beobachtung ist mein Karl fr Afrika etwas geneigter. --

Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es
zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und
ein ber das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im
Pharaonenlande, wo wir unvergeliche Wochen zubrachten? So getreu
ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern,
Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten
ber jedes, das wir als lieb Bekanntes begren konnten. Es war mein
einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn
aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfllt.

Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten
sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefhr
als wenn im Opernhaus groes Galla-Ballet neu ist. Sie wuten nicht,
da der Orient allmhlich untergeht, zerbrckelt und zerfllt, und
ahnen nicht, da die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehrt, ihn zu
vergolden. Ich sagte: Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's
drin. Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefate
irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer -- es ist
ja Horde die Bande, aber komisch und unverwstlich -- seine rasch
gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?

Ackerstrae, sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefrbt
wren.

Es wird eben so viel geflscht, da die Leute bald an nichts Echtes
mehr glauben.

So etwas verdriet. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht
die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstrae mit einem Tarbusch
auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen.

Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war
wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit
den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergngen. Ich
zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. -- Arme Frauen, sagte
Erika.

Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie
daherstrmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel
Fritz meinte: Hier knnte Renz auf die hohe Schule gehen. Und der
Hochzeitszug mit Kameelen und Snften und dem farbigen Egyptervolk. Wer
das sah, kann sagen, er hat ein Stck Orient gesehen.

Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. Wo jetzt
die Moscheen stehn und die krummen Straen Kairo sich hinziehen,
grnen im nchsten Frhjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet
rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin,
dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter
ber die mrkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die
Egypter bei den ihrigen und erzhlen von Berlin Kebir, dem groen
gewaltigen Berlin, und wir erzhlen uns von der Mrchenstadt am Nil,
die zu Besuch war an der Spree.

[Illustration: Schieender Araber]

Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Da sie mit Sack und
Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere
Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu berbieten? Denn
mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht.




[Illustration: Titel-Dekoration]




Glckliche Leute.


[Illustration]

Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte Gast, der
Vetter Amtsrichter, mu wieder in Dienst. Da ein so liebenswrdiger,
hochgebildeter Mann von Verbrechen leben mu! Aber andererseits, wenn
blos Edles auf Erden begangen wrde, wren die gesammte Jurisprudenz
brodlos, und es she fr reich betchterte Familien noch flauer aus
als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten
immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zhlbarer werden. Da
steckt es.

Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr
zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf lngere Wochen.
Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird
eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze
Stunden. Kaum hatten wir uns ber das erste Grn gefreut, und nun
fielen schon gelbe Bltter hier und da. Und doch war der Sommer nicht
eigentlich hei gewesen, ausgenommen fr mich. Mir war nicht schlecht
eingekachelt worden.

Doch das war vorbei.

Ottilie schrieb mir reumthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was,
durchzubrennen, whrend ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren
aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich ber
sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntni ihrer
Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift
an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel
ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn bse sein?

Verliebte sind unzurechnungsfhig, und Rudolph mute man lassen, da
er verhltnimig vernnftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht
benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten.
Schne Gestalt hat groe Gewalt.

Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph,
sondern mehr mit Geldnebengedanken.

Ich fragte den Vetter Amtsrichter: Wenn Einer von Einer schriftliche
Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen,
der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe spter
kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht
entbldet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe
das?

Der Vetter entgegnete: Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte
Cousine.

Das wundert mich, ich gab mir doch Mhe, Amtsstil zu reden.

Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als da
sie daraus klug wrden. Aber wenn Sie die Gte haben, mir den Fall in
der gewhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft
geben zu knnen. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und
ohne Beschnigung.

Zu beschnigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.

Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.

Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch fr Rudolphen, und von dem hab'
ich kein Sterbens-Atom erwhnt.

Ahem! sagte der Vetter. Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter.
Also zunchst der genannte Kriehberg. In welchem Verhltnis stehen Sie
zu ihm?

Herr Vetter, solche Fragen mu ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt
Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stnde,
als mit ihm.

Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?

Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die
Freundschaft! Und nun erzhlte ich ihm von den Berichten und von
Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in
ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien,
als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens
Entfhrung und Kriehberg's Herausforderungsgelsten, die sich sogar bis
auf mein Lamm von Mann erstreckten. Warum ist es nicht mglich, das
Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten? fragte ich.

Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die hher steht als das
Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtcke ist der Zweikampf.
Wer sich an die Ehre wagt, wisse, da er sein Leben auf's Spiel setzt.

Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.

Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des
Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen
oder das seinige lassen als Shne. Wie es sich fgt.

Die Antwort htte ich mir denken knnen; die Schmisse des Herrn Vetter
-- sie stehen ihm nicht bel zu Gesicht -- sagen ja offenkundig, da er
schon als Jngling mannhaft fr sich eintrat.

Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der
technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb
fragte ich: Es existiren doch Festungen. Ist keine frei fr Kriehberg,
ehe er beleidigt und zwar mit lebenslnglicher Bekstigung?

Nein, sagte der Vetter, die Freiheit eines Menschen einzuschrnken
ist nicht gestattet.

Aber wenn man doch wei, da er Unheil anrichten wird?

Auch dann nicht.

Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals sa die
Senge loser als heute.

Sie machen sich unnthige Sorge. Wenn das Frulein die Verlobung
rckgngig machen will, werden wir ausreichende Grnde finden. Er
vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet
auf geistige Strung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter
nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.

Ist das sehr etwas Schlimmes?

Bei einem Anhnger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem gengt
schon eine dmliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte
Glied.

Das ist Alles recht schn; aber wer hindert ihn, das Glck der Beiden
durch seine Unvernunft zu stren? Und da Ottilie nicht frei von Schuld
ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine
Behauptung. Und solche Verbrechen an Glck und Freude sind straflos?

Dies sah der Vetter ein. Glck mu rein sein, sonst ist es kein Glck.

Er lie sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu
erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. -- Von jedem
etwas, sagte ich halb sauer und halb mit Essig. --

Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klger, aber auch
nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurcktreten und
Ottiliens Briefe herabrcken.

Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen.
Wer sonst?

Ottilie verfgte nicht ber so viel. Und Rudolph konnte doch unmglich
seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen.

Oder Tante Lina.

Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran.

Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: Genau
genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.

Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte
es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft
zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, da ich Unheil von ihnen zu
wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rckkehr.

Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen
zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden.

Und wenn wir rufen: Hoch lebe das Brautpaar! und Kriehberg strzt
herein und vollfhrt Aufruhr? Oder schiet gar? Und keiner mag an
die Stunde zurckdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung
in's Leben hineinstrahlt, wenn trbe Tage kommen. Weder Rudolph noch
Ottilie. Und knnen sie auch nicht vergessen.

Ich setzte mich hin und weinte.

Dorette meldete Besuch.

Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migrne.

Det pat jrade. Der Herr is ooch wat Feines.

Mein Mann ist im Kontor.

Nee, er will bei Madame, sagte Dorette und hielt mir die Karte hin.

Dorette hatte die Thr halb aufgelassen. Verzeihen Sie, wenn ich
ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.

Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch bekannt. Wo hatte
ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes
Viedt.

Sie kommen von Tante Lina? fragte ich, ohne die
Vorstellungsfrmlichkeiten zu erledigen.

Ich bringe Gre von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten,
einem jungen Manne in seinem Fortkommen drben behilflich zu sein,
einem Architekten...

Ja, ja, unterbrach ich ihn. Kriehberg heit er, eine
auerordentliche Kraft...

Freut mich zu hren. Fr einen tchtigen Baumeister ist bei uns ein
lohnendes Feld. Ich selbst habe groe Unternehmungen vor in St. Louis.
Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.

Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.

Sonderbar, und doch kmpft er mit Schwierigkeiten?

Wo soll er hier seine Krfte entfalten? Aber drben in dem freien
Lande wird er Bedeutendes leisten.

Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm... wie eine
Mutter.

Das fiel mir nie auf. Aber wer wei?

Er schwieg.

Sie spricht nicht ber ihre Vergangenheit, fing ich an. Und doch
sprt man aus Allem, da sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb
ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist
es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen... ich wrde ihn erfllen,
wenn es an mir lge... so bald wie mglich... vielleicht ist es die
einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies
nachfhle.

Das macht Ihrem Herzen Ehre, sagte Herr Johannes Viedt.

O, bitte. -- Wie er sich wohl meine Errthung deutete?

Wo ist der junge Mann? Von Ihnen wrde ich Auskunft erhalten...

Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen
Herrn Kriehberg senden.

Kaiserhof, Zimmer fnfundvierzig.

Soll geschehen.

Ich danke Ihnen.

Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg.
Glcklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune.
Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen.

So weit sind Sie herunter und doch noch zu Pferde? rffelte ich ihn
an. Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach
dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Nabbbern, Sie
mitzunehmen zum Cementanrhren und was Sie sonst vom Bau los haben.
Aber so knnen Sie nicht antreten....

Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?

Nee, sagte ich, aber wir knnen sie einlsen.

Wrden Sie das?

Gewi, aber erst her mit Ottiliens Briefen.

Sie legen mir eine Falle!

Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das
erbrmlichste Elend -- dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden.
Und sie zgern auch nur eine Minute? Ich zhle bis drei. -- Mit drei
ist unwiderruflicher Schlu. Also: Eins!

Er rhrte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thr zu.

Zwei! -- Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in
Thtigkeit! -- Ich fate den Thrgriff.

Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und...

Halt!

Na, sehen Sie!

Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die
Miethe wurde erledigt.

Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld lie aus der Wechselei
mit seinen Hausleuten?

Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut -- Ob das
Bramsigkeit war den Leuten gegenber oder Unverfrorenheit, da er sich
solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich lie ihn ohne
Antwort stehen. Mit dem war ich fertig.

[Illustration: Briefe]

Aber er war noch lange nicht ber das Wasser. Wenn Herr Viedt ihn
nicht mitnahm?

Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften.

Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich berschwnglich mit
himmlisch und entzckend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten
und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Bchern, ebenso wie
ihre Wissenschaften eine bloe Behaltssache mit dem Kopfe; nichts
Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich
in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit
belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine
Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck
zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang
frbt ab.

Und doch der Schreck, als Kriehberg am Sptnachmittage erschien...
Natrlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoen und der Tanz beginnt von
Neuem, war meine feste Ueberzeugung.

Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen
Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und
von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken.

Herr Kriehberg, sagte ich, da Sie glauben, mir Dank schuldig zu
sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich
Ihren Dank nicht. Was ich fr Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie
werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars whlen. Wir haben
blos geschftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie
weder Sitz noch Stimme.

Wenn Sie wten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese
selbstschtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von
jeher, die mich nie verstanden hat...

Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, da Sie berall gegen
rennen. Sie wollen mehr fr Ihr Bischen Knnen haben, als es werth
ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder
verstanden werden.

Das mochte er nicht hren, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung
und verschwand. --

Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fhlte ich mich
erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzhlt
hatte. Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,
schlo ich, an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.

Der Vetter lchelte. Keine mchtigere Gunst als Frauengunst, sagte
er. Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder
angebracht werden mu, da er selbst sich meistens unmglich macht. So
einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm
gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren
und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die
Gnnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und
hilft ihm vorwrts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!

Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir
she; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg lngst verscherzt. Aber sagen
Sie selbst, htten Sie es ber sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu
behindern? Schlielich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch
ndern.

Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.

Fr seine Zuknftige wre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder
auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen,
wie sie's anfngt --

Mein Karl mute noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich
Ottilie bei mir hatte.

Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wute, ob
es Schelte gbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Brutigam. In
seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede fr fhig zu halten, traute sie
mir nicht wohl zu, aber wre inhaltlose Hflichkeit nicht eben so hart
gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie frchtete, ob
ich doch nicht...

Nein. Als sie zgernd dastand und ihre Blicke schchtern baten,
breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.

Kind, Kind, es ist Alles gut, sagte ich und flsterte ganz leise:
Alles, Alles.

Sie mute verstanden haben, was ich meinte. Nun lie sie mich erst
recht nicht los.

Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben, wandte ich mich an Rudolph.
Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu
begehen -- ja, das haben Sie -- und kaum bin ich aus der Sehatmosphre,
entfhren Sie Ottilie.

Das war doch keine Thorheit.

Als er das sagte, lachte er ber das ganze Gesicht. Und ich... ich
lachte mit. --

Herrn Braun's Eltern waren im Htel de Rome abgestiegen, mein
Pfuschhtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm
gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger
Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und
gediegen und dafr lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich
nette Leute. Obgleich so reich, mute ihr Sohn von der Pike auf dienen,
arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als
htte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit
nach seinem Herzen zu whlen. Er konnte etwas und stand auf eigenen
Fen.

[Illustration: Bren]

Und dabei die Ungermann, des lteren Herrn Brauns' Schwester.
Familienpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber
Ungermann hat sie schdlich angewhnt. Der ist nach keiner Richtung
empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen greren Posten zu
kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle
verregnete Waare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas
gehrt sich nicht. --

Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergngens wegen,
sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim
einzurichten, und wo konnte das Zubehr besser ergrndet und beschafft
werden, als da, wo das Beste und Schnste nahe bei einander war?

Das hchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie
hatte es erreicht. Die Plne waren bereits entworfen, die Ausstattung
stand fertig in den Hallen der Ausstellung. Wir brauchten blos
aussuchen. Brauns _senior_ bezahlte.

Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstnde erscheinen, wenn sie
erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen
ermden. Und Mbel haben wir gewhlt: propper! Die Villa wird kostbar.
--

Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid
als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz
mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer
Wnsche zu erfllen, selbst den weitesten. Wenn sie nur nicht verwhnt
wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr
unter aus freien Stcken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder.

Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rckkehr
sagte ich: Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthr auf.

Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Pckchen Papiere hin und
fragte: Kennst Du diese?

Meine Briefe! rief sie verlegen.

Deine Jugend-Dummheit. Von ihr soll nichts bleiben, als Staub und
Asche. Weg und aus!

Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: Schade, da wir
Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen knnen, oder ergiebst Du
Dich ihnen auch noch ferner?

Nein, nein! erwiderte sie rasch.

Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im
Wege ist. Du mut Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und
Dienstmdchen regieren und...

Meinen Rudolph glcklich machen.

Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.

Sie faltete unwillkrlich die Hnde und senkte schweigend das Haupt.
Ich kte sie.

Wenn ein Engel durch das Gemach flog, wei ich wohin er ging mit dem
stillen Gebet um Liebe. --

Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant
statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden,
dort wollte Rudolph uns alle an seinem Brutigamsglck theilnehmen
lassen. Wir kamen auch smmtlich -- Sanittsraths hatten eigens nur
drftig zu Mittag gegessen -- und Butsch und Frau hatte er gebeten,
war sie doch sein Compagnon. Da heit Antheil wollte er nicht, das war
Scherz gewesen, dagegen die Barometer-Idee der Butschen hatte er beim
Patentamt gehit. Zweitausend und hundertundfnfzig Mark hatte sie nach
Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und fr spter waren Procente
in Aussicht.

Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte.
Wer htte das fr mglich gedacht? sagte sie, aber es ist so. Butsch
will, da ich noch ein Mdchen halte und blos noch sitze und erfinde.

Haben Sie denn schon wieder etwas?

Ach nee und wenn ich noch so bldsinnig nachdenke. Und Butsch thut es
auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.

Wie so?

Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum
Hacken.

Da er nur sein Geschft nicht darber versumt. Am Vorbei-Erfinden
ist schon mancher zu Grunde gegangen.

Ach nee, da pat er auf. Seine Weie ist die Beste berall in der
Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als mu. Er will
nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch wei,
was er der Ehre Berlins schuldig ist.

Ja, ja, sagte ich. Es hat so jeder seine Ehre.

Wie meinen Sie das?

Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die
Fragen der socialen Gesellschaft zu lsen muthe ich Ihnen nicht zu und
wenn Sie noch drei Mdchen nhmen. Auch ist hier nicht der Ort fr
dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch. Wir werden vergngt sein, so
recht von Herzen vergngt.

Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefhle Anderer mitten auf den
Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen mchte, bin ich es. Blos ich habe
Bange, da Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. Passen Sie auf, er
singt.

Wir aen und tranken und waren froh. Es war zu hbsch. Und so schn
auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das
schnste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem
Glck.

Als es dunkelte, begann drauen die Illumination. Wir traten an
die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den
Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebude, das wie ein Riesenschlo in
feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Tne der Musik
drangen herauf in jubelnden Weisen.

Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung, sagte der alte Herr Brauns.
Mge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des
Vaterlandes.

Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefllte Glser mit
Dressel's bestem Rheinwein.

Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein! rief er, Ihr gilt dieses
Glas. Und dann noch eins:

Auf das, was wir lieben!

Und Herr Butsch stimmte an:

Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!

[Illustration: Zum Wohl!]


Lippert & Co. (G. Ptz'sche Buchdr.), Naumburg a/S.




Notizen des Bearbeiters:

  Gesperrter Text wird markiert durch   ^...^

  Antiqua-Text wird markiert durch   _..._

  Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.

  Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend
  gendert.

  Bildbechreibungen wurden vom Bearbeiter eingefgt.





End of the Project Gutenberg EBook of Htel Buchholz, by Julius Stinde

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