The Project Gutenberg eBook, Das wandernde Licht, by Ernst von Wildenbruch


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Title: Das wandernde Licht


Author: Ernst von Wildenbruch



Release Date: September 19, 2017  [eBook #55580]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WANDERNDE LICHT***


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Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.
Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Vlker.
Zehnter Jahrgang. Band 3.

DAS WANDERNDE LICHT.

Novelle

von

ERNST VON WILDENBRUCH.






Stuttgart.
Verlag von J.Engelhorn.
1893.

Alle Rechte, namentlich das bersetzungsrecht, vorbehalten.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.




An der kleinen Station, die nicht weit hinter Breslau an dem groen
Schienenstrange liegt, der, Schlesien durchquerend, Berlin mit Wien
verbindet, war zu spter Abendstunde der Eisenbahnzug angekommen.

Es war keiner von den Kurierzgen; wenige Fahrgste nur saen in den
Wagen verteilt; auf der Station stiegen nicht mehr als zwei Reisende
aus. Dies waren zwei Mnner, von denen der eine, der bejahrter und
dicker als der andre war, sogleich von dem Gepcktrger des Bahnhofs in
Empfang genommen und begrt wurde. Er schien am Orte bekannt zu sein,
und das war natrlich genug, denn es war der Arzt, der in der kleinen,
etwa zwei Meilen hinter der Station landeinwrts gelegenen Stadt seinen
Wohnsitz hatte.

Ist der Wagen da? fragte er den Gepcktrger, dem er seine Reisetasche
anvertraute; er war offenbar nur zu einem kurzen Ausfluge von Hause fort
gewesen.

Is da, Herr Dukter, erwiderte jener; die Frau Dukter hat och den
Mantel fr'n Herrn mit eingelegt, wird aber nicht ntig sein, is
scheenes Wetter heut abend zur Nacht.

Jetzt wandte sich der Arzt an den Mitreisenden.

Wollen Sie nicht auch nach -- fahren? Und er nannte den Namen des
Stdtchens.

Der Angeredete bejahte. Er wollte am nchsten Tage noch weiter ins Land
hinein; darum hatte er die Absicht gehabt, in der Stadt zu bernachten.

Mit einem raschen Blick stellte der Doktor fest, da auer einem Koffer
nichts weiter an ihm hing.

Wenn's Ihnen also recht ist, meinte er, steigen Sie mit ein, und wir
fahren zusammen.

Das wurde angenommen, und bald darauf rasselte der Wagen mit seinen
Insassen durch das Gitterthor des Bahnhofgebudes auf die Chaussee
hinaus, die sich im Mondlicht wie ein weies flimmerndes Band in das
Land hinein verlor.

Es war, wie der Gepcktrger gesagt hatte, schnes Wetter heut abend zur
Nacht.

Man befand sich im Juli; zu beiden Seiten der Chaussee stand das
reifende Korn auf den Feldern; ber dem weiten, flachen Lande lag die
tiefe, se Stille der Sommernacht, nicht unterbrochen, sondern nur
eindringlicher gemacht durch das Gequak der Frsche, in das sich von
Zeit zu Zeit der dumpfe Ruf der Rohrdommel mischte.

Um die Fahrt zu verkrzen, bog jetzt der Kutscher von der Chaussee in
einen Weg ab, der quer durchs Land einen Bogen der groen Fahrstrae
abschnitt. Obschon man hier stellenweise durch sandigen Untergrund
hindurch mute, blieben die krftigen Braunen, die vor den Wagen
gespannt waren, in munterem Trabe, so da man gut vom Flecke kam.

Nach einer halben Stunde etwa tauchten vor den Reisenden die dunklen
Umrisse eines baumreichen Parks auf, und indem man nher kam, sah man
ber den Bumen ein Haus emporsteigen. Vielleicht war es das Dunkel der
Nacht, welches die Linien des Gebudes undeutlich machte -- jedenfalls
erschien es, von hier unten gesehen, auerordentlich gro, beinahe
kolossal.

Ist das das Schlo, das zu dem Park gehrt? unterbrach der zweite
Reisende, der im Lande fremd zu sein schien, die Stille, die bisher im
Wagen geherrscht hatte.

Jawohl, das ist das Schlo, erwiderte der Arzt. Ein gehriger Kasten!
Nicht wahr?

Die Bezeichnung traf zu. Einem ungeheuren finstern Kasten sah das
Bauwerk hnlich, wie es in seiner schweren Masse, lautlos, scheinbar
leblos, auf der Terrasse ber dem Parke lag, und mit den schwarzen,
lichtlosen Fenstern in die dunkle Nacht hinausstierte.

Indem die Blicke des Reisenden noch an dem merkwrdigen Bilde hafteten,
griff der Kutscher mit einem pltzlichen Ruck in die Zgel, so da die
Pferde zum Stehen kamen.

Herr Dukter, wandte er sich vom Bocke zum Wagen um, itze sucht er
wieder -- da!

Mit dem Peitschenstiele deutete er auf das Schlo hin; die Augen des
Arztes und seines Begleiters folgten der angegebenen Richtung.

In dem toten Hause war es lebendig geworden.

Hinter einem der dunklen Fenster, und zwar demjenigen, welches sich an
der uersten Ecke des Hauses befand, dmmerte ein Lichtschein auf, der
sich allmhlich verstrkte, so da es aussah, als kme eine Leuchte aus
dem hinteren Teile eines weitlufigen Gelasses langsam nach vorn.

Dann blieb das Licht stehen, flackerte eine Zeitlang hin und her, als
wrde die Leuchte von der Hand, die sie trug, im Kreise umhergefhrt;
alsdann verdunkelte sich das erste Fenster, das danebenliegende wurde
hell -- das Licht wanderte. Man konnte wahrnehmen, wie es aus dem ersten
Zimmer in das anstoende Gemach ging. Dort blieb es abermals stehen, und
der Vorgang von vorhin wiederholte sich. Aus dem zweiten wanderte es
in das dritte, und so die ganze lange Flucht von Zimmern entlang, und
jedesmal das flackernde Umherfahren, jedesmal aber hastiger, als wrde
die Hand, die die Leuchte trug, immer erregter, als suchte das Licht
etwas in den Ecken der Gemcher, und fnde nicht, wonach es suchte. Wie
das Ringen einer stummen, verzweifelten Seele, beinahe gespensterhaft
sah das alles aus.

Zwlf Fenster befanden sich in der langen Front des Schlosses; an allen
zwlf wanderte das Licht entlang, bis da es endlich in das letzte, von
dem ersten Zimmer entfernteste Gemach gekommen zu sein schien.

Hier wurden die Bewegungen noch ungestmer als zuvor, das Licht fuhr
herauf und herab, da es aussah, als suchte es am Fuboden umher.

Itze is er in ihrem Schlafzimmer, sagte der Kutscher, der kein Auge
von dem Vorgange verwandt hatte.

Ja, jetzt ist er in ihrem Schlafzimmer, besttigte der Arzt. In dem
Augenblick aber trat eine neue Erscheinung ein: das Licht, das ganz
tief am Boden umhergeglitten war, als suchte es unter Mbeln und Betten,
wurde pltzlich hoch gehoben und stand ruhig und still, ohne weiter
umherzuirren und zu flackern. Es sah aus, als wre eine andre, festere
Hand hinzugekommen, die es der ersten abgenommen hatte und emporhielt.
Dies dauerte einige Zeit, dann verdmmerte der Lichtschein nach dem
Hintergrunde des Zimmers, verschwand sodann vllig, und gleich darauf
lag das Schlo wieder finster und leblos da, wie es zuvor gelegen hatte.

Itze is der Johann gekommen und hat ihn geheien vernnftig sein,
sagte der Kutscher, indem er leise in sich hineinlachte, wie jemand, der
sich gegrauelt hat und froh ist, da der Spuk zu Ende ist.

Es scheint, erwiderte der Arzt, jetzt ist der Johann gekommen. Also
-- fahr auch zu.

Er lehnte sich zurck; der Kutscher schnalzte mit der Zunge, und
die Pferde zogen wieder an. Wenige Minuten spter lag das Schlo den
Fahrenden im Rcken.

Der zweite Reisende, der das abenteuerliche Schauspiel schweigend
beobachtet hatte, wandte sich jetzt an seinen Begleiter. Aus dem
Gesprche des Arztes und des Kutschers hatte er entnommen, da der
rtselhafte Vorgang ihnen verstndlich erschien.

Knnen Sie mir denn sagen, fragte er, was das alles fr eine
Bewandtnis hat?

Es erfolgte zunchst keine Antwort. Der Arzt sa in seiner Wagenecke
und brummte vor sich hin; er schien nicht recht aufgelegt, Auskunft zu
erteilen.

Sie sind wohl nicht aus der Gegend? fragte er dann zurck.

Nein -- warum?

Hm -- nu ja-- meinte der Arzt, weil sonst -- haben Sie nie von den
Fahrenwalds gehrt?

Fahrenwalds?

Nu ja -- die Freiherren von Fahrenwald.

Niemals gehrt, versicherte der Gefragte.

Der Arzt brummte wieder vor sich hin; es klang beinahe wie Mibilligung.
Als echter Schlesier konnte er kaum begreifen, da jemand von einem
Geschlechte, wie das der Fahrenwalds, nichts wissen sollte.

Gehrt denen das Schlo? fuhr der Reisende nach einer Pause fort.

Nu, das versteht sich, entgegnete der Arzt, der Baron, der jetzt da
oben sitzt, ist der letzte von ihnen.

Er drckte sich tiefer in seinen Sitz.

Aber wenn Sie fremd sind -- es sind Sachen -- man thut schon besser,
man spricht nicht viel davon.

Der andre wurde immer neugieriger.

Ist etwas los mit dem jetzigen Baron?

Nu -- was soll mit ihm los sein? sagte der Arzt, dessen Antworten
immer zgernder wurden, man knnte halt eben von ihm sagen: es blakt
bei ihm ein wenig.

Es -- blakt? fragte der Gefhrte. Was meinen Sie damit?

Der Arzt lachte in sein feistes Doppelkinn.

Nu, sehen Sie, das Gehirn der Menschen, damit ist's so ungefhr wie
mit den Lampen. Bei den einen brennt das ruhig und manierlich, bei den
andern flickert's und flackert's, und endlich gibt's welche, bei denen
die Lampe blakt.

Also -- irrsinnig?

Der Arzt schlug mit der Hand durch die Luft und wandte den Kopf nach der
andern Seite.

Eine lngere Pause entstand.

Dann fing der andre wieder an.

Und -- er hat also eine Frau?

Der Arzt warf den Kopf herum.

Wieso? fragte er.

Nun -- weil Sie doch vorhin sagten, da er jetzt in ihrem Schlafzimmer
wre.

Der Arzt stie einen schnaubenden Seufzer aus. Es war ihm offenbar
nicht lieb, da er so ausgeholt wurde, und er rgerte sich, da er schon
zuviel gesagt hatte.

Eine Frau, sagte er dann, kann ja sein, da er eine hat, oder
wenigstens gehabt hat. Aber das ist eine Sache, wo es schon am besten
ist, wenn man halt gar nicht davon spricht.

Er seufzte noch einmal; seine Stimme sank herab, da es wie ein
Selbstgesprch klang: Die Frauensleute -- das ist ja manchmal nicht
viel anders als die Schafe, die ins Feuer laufen, weil es glnzt.
Nachher, wenn sie drinnen sind, merken sie, da es auch brennt, aber
dann ist's zu spt.

Er schttelte die Achseln und reckte sich auf.

Aber, wie gesagt -- da wird alles Mgliche geredet -- denn wovon reden
die Leute nicht -- und wenn man nachher zusieht, wer etwas wei, ist
niemand, der etwas Sicheres wei. Darum mein' ich schon, es ist halt das
beste, man spricht nicht davon. Und ich fr mein Teil, ich meine, es
ist gut, wenn einer keine Verpflichtung hat, sich um gewisse Dinge zu
bekmmern. Dann soll er sich auch nicht darum bekmmern. Und ich habe
keine Verpflichtung, mich geht's nichts an -- also bekmmere ich mich
nicht drum.

Damit lehnte er sich tief in die Wagenecke zurck, wie jemand, der genug
gesagt hat und nichts weiter sagen will. Der andre schien es zu fhlen
und schwieg. Die Andeutungen des Arztes hatten ihm die Sache beinahe
noch dunkler gemacht, als sie gewesen war. Irgend ein Vorgang mute sich
da oben abgespielt haben, vielleicht sogar ein schrecklicher, aber was?

Immerfort sah er das stumme Licht hinter den Fenstern des toten Hauses
dahinwandern, von Zimmer zu Zimmer, wie ein schlummerloses bses
Gewissen, immerfort das zuckende Umherfahren der Leuchte, das Suchen in
den Ecken der Gemcher, am Fuboden entlang, unter Mbeln und Betten,
das wilde verzweifelte Suchen. Wer war der nchtliche Wanderer? Wen
suchte das Licht? Ein Schauder bedrckte ihm das Herz -- was mochte das
finstere Haus gesehen haben?

       *       *       *       *       *

In den Breslauer Gesellschaftskreisen war vor einiger Zeit eine
Persnlichkeit aufgetreten, deren Erscheinen in den Familien, denen
sie Besuch machte, jedesmal eine gewisse Aufregung, eine Mischung von
geschmeicheltem Stolz und von beklommener Sorge hervorrief. Das war der
Baron Eberhard von Fahrenwald.

Alle Welt kannte den Namen und den Reichtum des Geschlechts, alle Welt
aber munkelte auch, da es mit den Fahrenwalds nicht recht richtig sei.

Jahrelang nach dem Tode des Vaters war der Baron Eberhard unsichtbar,
wie verschwunden gewesen. Wo hatte er gesteckt? Einige behaupteten, er
htte Reisen um die Welt gemacht, andre, er wre gar nicht von seinem
Schlosse fortgekommen, sondern htte vergraben und verborgen unter
seinen Bchern gelebt, eine dritte Art von Berichterstattern endlich
wute zu erzhlen, da er ganz einfach in einer Anstalt untergebracht
gewesen sei. Anverwandte, von denen man Gewisses und Genaues htte
erfahren knnen, waren nicht vorhanden; die Fahrenwalds waren wie ein
alter, verdorrender Baum, der keine Aeste mehr treibt, von dem nur noch
der Stamm brig geblieben ist.

Und nun tauchte diese geheimnisvolle Persnlichkeit pltzlich auf,
machte Besuche und that alles das, wodurch Menschen anzudeuten pflegen,
da sie mit Menschen verkehren wollen. Und doppelt auffllig -- seine
Besuche galten vornehmlich den Familien, wo Tchter im Hause waren. Was
hatte das zu bedeuten? Etwa, da er daran dachte--? Man konnte es den
Eltern im Grunde nicht verdenken, wenn sie sich aufgeregt fhlten.

Einen Freiherrn von Fahrenwald zum Schwiegersohn zu besitzen, die eigene
Tochter als Gebieterin eines groen Vermgens, als Besitzerin eines
von aller Welt gepriesenen Herrensitzes zu wissen -- unter normalen
Umstnden wre es ja ein Ziel gewesen, aufs innigste zu wnschen. Aber
so -- wie nun einmal die Verhltnisse jetzt lagen--

Erklrlicherweise bemchtigte sich die Aufregung der Eltern in noch
strkerem Mae der Tchter selbst. Neugier mischte sich mit Grauen; es
war eigentlich ein noch nie dagewesener Gesellschaftsreiz.

Sobald es feststand, da der verrckte Baron -- denn unter dieser
Bezeichnung ging er kurzweg -- zu einer Gesellschaft eingeladen sei und
erscheinen wrde, flogen die jungen Damen auf, von Haus zu Haus, herber
und hinber, und es gab ein Gewisper und Geflster, ein Kichern und
Lachen, und ein wollstig wonnevolles Graueln.

Wie doppelt begehrenswert man sich erschien! Wie man sich gegenseitig
darauf ansah, auf welche von ihnen wohl der unheimliche Mensch die
Augen richten, nach welcher von ihnen er die Hand ausstrecken wrde! Die
blhenden Wangen beugten sich zu einander, die kleinen Hnde drckten
sich mit gegenseitigem Verstndnis -- es war wie ein erregter
Taubenschwarm, ber dem der Habicht in Lften steht.

Man kann sich hiernach vorstellen, wie eigentmlich und gepret der
Empfang war, der dem Baron Eberhard von Fahrenwald zu teil wurde, so oft
er in Gesellschaften erschien.

Seine persnliche Erscheinung und die Art seines Auftretens bestrkte
alles das, was ber ihn gemunkelt und geredet wurde.

Man wute, da er stets von seinem Diener begleitet wurde, der nie von
seinen Schritten wich und ihm zu jeder Gesellschaft folgte.

Dieser Diener war ein langer, hagerer, eisgrauer Mann, mit einem von
schweren Runzeln durchfurchten Gesicht, aus dem eine starke, gekrmmte
Nase hervorragte. Stets in schwarzem Frack und weier Krawatte, wie ein
versteinerter Ueberrest aus der Zeit, da es noch groe Herren und groe
Kammerdiener gab.

Nie hatte man ein Wort aus seinem Munde vernommen, kaum einmal hatte
man gesehen, da er nach rechts oder links blickte -- an einem einzigen
Gegenstande haftete sein Denken und Sinnen, das war sein Herr.

Jeden Abend, wenn er den Baron zu einer Gesellschaft begleitete,
wiederholte sich ein besonderer Vorgang: er stand hinter seinem Herrn
und nahm ihm mit schweigender Wrde den Mantel ab; whrenddem wandte der
Baron sich zu ihm um und sagte: Geh nach Haus, Johann, und hole mich
nachher ab. Jedesmal, so oft der Baron dieses sagte, verneigte sich der
alte Johann, feierlich wie ein Senator, nahm den Mantel seines Herrn an
sich und ging nicht nach Haus. Im Dienerzimmer setzte er sich nieder,
ernst, wrdevoll und schweigsam, und wartete, bis die Gesellschaft zu
Ende war. Sobald der Baron dann heraustrat, stand der Alte schon wieder
da, den Mantel in beiden Hnden, stumm, regungslos, wie eine Bildsule.
Natrlich hatten die Diener und Hausmdchen der Huser, wo die
Gesellschaften stattfanden, sich bemht, den komischen alten Kerl zum
Sprechen zu bringen und ber seinen Herrn auszuholen, aber sie hatten
ihre Versuche aufgeben mssen; sie htten ebensogut zu einem Stein
sprechen knnen; der Alte hatte nicht einmal gethan, als ob er sie
berhaupt vernhme.

Ein einziges Mal hatte er ein Lebenszeichen gegeben -- der Fall
war sorgfltig registriert worden -- als einmal ein schnippisches
Stubenmdchen in seiner Gegenwart gesagt hatte, nun wrde der Herr Baron
wohl nchstens heiraten und eine Frau Baronin nach Haus bringen. Er
wre so zusammengezuckt, erzhlte das Mdchen, als er das gehrt, da
es nicht anders ausgesehen htte, als wenn er sich schttelte, und
dann htte er sie mit einem Blick angesehen -- ganz grlich, sagte das
Mdchen. Und dann htte er die Achseln gezuckt, ganz hoch hinauf,
und alsdann wieder stumm dagesessen. Und das Achselzucken, das htte
ausgesehen, als wollte er sagen: Was redst du denn? Weit du denn
nicht, da er verrckt ist?

Seitdem stand es fr die Dienerschaft fest: der Baron von Fahrenwald
war verrckt. Der alte Johann war sein Wrter, und der Wrter hatte es
gesagt.

Und aus dem Dienerzimmer flsterte sich das, wie es ja stets geschieht,
in die herrschaftlichen Zimmer hinber: der Baron von Fahrenwald war
verrckt.

Und wer, der ihn ansah, htte zweifeln knnen, da es wirklich also war?

Wenn die Thr sich aufthat und er hereintrat mit langsam schleppendem
Schritt, ein langer, eckiger Mann, mit dunklem, fast schwarzem Haar,
das bleiche, beinahe marmorweie Gesicht von dunklem Barte umrahmt, dann
legte es sich unwillkrlich wie ein Alp auf die Anwesenden, Wirte und
Gste, Herren und Damen.

Und dieser Bann ging hauptschlich von den Augen des Mannes aus, die
ganz tief, wie zwei dunkle tiefe Lcher in dem bleichen Gesichte lagen,
und aus denen ein starrender, suchender, bohrender Blick hervorgekrochen
kam, langsam, beinahe wie ein Wurm.

Er sieht eigentlich kolossal interessant aus, hatte die junge Komtesse
Karmsdorf, als sie ihn zum erstenmal erblickte, hinter dem Fcher hervor
zu ihren Freundinnen gesagt, aber da man wei, wie es mit ihm steht,
ist es des Interessanten denn doch ein bichen zu viel.

Die Freundinnen hatten kopfnickend und kichernd besttigt, da es so
sei, und als der Baron Miene machte, auf sie zuzutreten, waren sie samt
und sonders, wie von einem panischen Schrecken erfat, nach einer andern
Ecke des Saales entwischt, und es hatte nicht viel gefehlt, so htten
sie laut aufgekreischt.

So erging es dem Baron Eberhard von Fahrenwald. Die Wirte, die ihn
eingeladen hatten, konnten sich seiner Begrung natrlich nicht
entziehen. Aber wenn er alsdann mit schwerer, eckiger Verbeugung auf
sie zutrat, sah man ihm an, wie wenig er in frhlich ausgelassene
Gesellschaft pate. Er versuchte, sein Gesicht zu einem verbindlichen
Ausdruck zurechtzulegen, zu lcheln, aber das Lcheln wollte sich so gar
nicht mit dem bleichen, schwermtigen Gesicht verstehen, es sah aus, als
thte es ihm weh.

Beim Tanze blieb er Zuschauer, am Kartenspiel nahm er nicht teil, so
blieb er einsam, und das wiederholte sich in jeder Gesellschaft, so da
man sich unwillkrlich fragte, wie lange er die zwecklosen Besuche und
Versuche fortsetzen wrde.

Offenbar fhlte er das selbst, denn der Ausdruck dumpfer Schwermut
in seinem Gesichte verstrkte sich von einem zum andern Mal, seine
Bewegungen wurden immer schleppender, es sah aus, als ermdete der Mann
unter der Last des Daseins.

So nherte sich der Winter seinem Ende. Ein groes Ballfest wurde
gegeben, dem der Baron, einsam und teilnahmlos wie gewhnlich,
beiwohnte.

Indem er, an den Thrpfosten des Nebenzimmers gelehnt, dem wirbelnden
Tanze zuschaute, der im Saale auf und nieder flog, richtete er pltzlich
das Haupt zur Seite -- es war ihm gewesen--

Auf einem Stuhle, dicht an die Wand gerckt, sa ein junges Mdchen. Sie
nahm nicht teil am Tanze, offenbar, weil sie nicht aufgefordert worden
war, ein Mauerblmchen, wie man zu sagen pflegt.

Wenn man sie ansah, begriff man das einigermaen; sie hatte etwas
Unscheinbares; sie war nicht besonders hbsch und, wie es schien, arm.
Ein schmaler Silberreif um den Hals, das war der ganze Schmuck des
jungen Krpers; ihr drftiges weies Tllkleidchen stach von den
Gewandungen ihrer reicheren, glcklicheren Altersgenossinnen ab.

Indem der Baron den Kopf nach ihr umwandte, bemerkte er, da sie ihn
schon lngere Zeit von der Seite betrachtet hatte. Er sah zwei runde,
nicht besonders schne, aber unendlich gutmtige Augen, die stumm
beobachtend, aber ohne Neugier auf ihm ruhten. Jetzt, da er zu ihr
hinblickte, senkte sie die Augen, und er gewann Zeit, sie von seiner
Seite zu betrachten.

Sie war in Verlegenheit etwas errtet; um den kleinen Mund, der sich ein
wenig nach vorn zuspitzte, war ein unmerkliches Zittern; dadurch
erhielt das ganze Gesichtchen etwas Trauriges, beinahe, als wenn es mit
verhaltenem Weinen kmpfte.

Er war also nicht der einzige Einsame heute abend; da war noch eine, und
er sah es ihr an, sie fhlte sich unglcklich. Solch ein junges Mdchen,
das zum Balle eingeladen, nicht zum Tanze aufgefordert wird und in der
Ecke sitzen bleibt, leidet ja in Wirklichkeit ganz bitterlich; alle
Qualen der Zurcksetzung lasten auf der armen jungen Seele.

Jetzt schrak die einsame Kleine leise auf, die Rte auf ihren Wangen
wich einer tiefen Blsse, ihre Hnde, die einen mageren Fcher im Schoe
hielten, preten sich zusammen -- der Baron Eberhard von Fahrenwald
hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte natrlich, wie alle andern, von
dem verrckten Baron erzhlen gehrt, und nun sa er pltzlich neben
ihr, nicht durch Zufall, sondern weil er sie aufgesucht hatte. Es wurde
ihr unheimlich zu Mute.

Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann, dem man das Unglck am
Gesicht ansah, an der Thr hatte lehnen sehen, war ihr Herz ganz von
tiefem Mitleid erfllt gewesen -- jetzt fhlte sie eine Angst, die ihr
die Nhe des unheimlichen Menschen verursachte.

Eine Zeit lang saen beide schweigend, dann erhob der Baron das Gesicht.

Es thut mir so leid, sagte er, da ich nicht tanze, gndiges
Frulein, sonst wrde ich um die Erlaubnis bitten, Sie dort hineinfhren
zu drfen.

Er hatte mit dem Kopfe nach dem Tanzsaale gedeutet; mit unwillkrlichem
Staunen wandte sie sich zu ihm um und sah ihm ins Gesicht. War das die
Stimme eines Verrckten?

Ein so tiefer, milder Wohlklang lag in den einfachen Worten; etwas so
Sanftes, so Warmes, so Gtiges kam von ihm zu ihr herber, da es
ihr war, als htte eine Hand ihre Hand erfat, mit liebem, trstendem
Drucke.

Schweigend blickte sie ihn an und war sich kaum bewut, da sie es
that. Schweigend hielt er die Blicke in die ihrigen gerichtet; in seinen
tiefen geheimnisvollen Augen erwachte etwas, wie eine sehnende Frage,
wie ein Hoffen, das sich nicht hervorgetraut, wie ein verstohlenes
Leuchten in lichtloser Nacht.

So saen die beiden, von niemand beachtet, nach niemand fragend, wie
zwei Leidensgefhrten, die unausgesprochenes Verstndnis zu einander
fhrt, und nach einiger Zeit schob er, ohne ein Wort zu sagen, die Hand
zu ihr hin, und ohne ein Wort zu erwidern, lste sich ihre kleine Hand
vom Fcher, den sie immer noch krampfhaft umspannt hielt, und senkte
sich zitternd in seine Hand. Und als sie nun den leidenschaftlichen
Griff fhlte, mit dem er ihre Finger zusammenprete, erschrak sie; aber
als sie dann fhlte, wie er sogleich, indem er ihren Schreck empfand,
den Druck migte, fate sie neues Vertrauen. Welche Aufmerksamkeit
sprach aus seiner Bewegung, welche Zartheit; es war, als streichelten
seine Finger ihre erschreckte Hand, als sprche seine Hand: Ich thue
dir nichts, frchte dich nicht.

Sie kamen dann ins Gesprch, und im Verlaufe desselben erfuhr er
Genaueres ber die Kleine.

Anna von Glassner hie sie und war eine Waise. Ihre Eltern hatten ihr so
gut wie nichts hinterlassen, und weil sie doch irgendwo bleiben mute,
war sie von einem entfernten Onkel, einem alten pensionierten Major und
dessen Frau aufgenommen worden. Bei denen wohnte sie in Breslau, und es
war nicht schwer, aus ihren Andeutungen zu entnehmen, da der Aufenthalt
ein ziemlich trbseliger war.

Die alten, krnklichen, kinderlosen Leute besuchten keine
Gesellschaften, weil sie sie nicht erwidern konnten; bei Gelegenheiten,
wie die heutige eine war, lieen sie das junge Mdchen allein gehen und
durch das Dienstmdchen aus der Gesellschaft abholen.

Wollten Sie mir sagen, fragte sie nach einiger Zeit den Baron, welche
Zeit es ist? Ich darf nicht zu spt nach Haus kommen. Der Baron sah
nach der Uhr. Sie raffte ihr dnnes Kleidchen zusammen. Dann mu ich
gehen.

So frh schon?

Mein Onkel und meine Tante schlafen so schlecht, erwiderte sie, und
haben es nicht gern, wenn ich sie so spt in der Nacht stre.

Sie erhob sich; zugleich mit ihr stand er auf.

Ich werde auch gehen, sagte er.

Sie senkte das Kpfchen und errtete.

Auf dem Flure drauen sa die Kchin, die sie erwartete. Eine Person
mit groben, mimutigen Zgen, der man ansah, wie wenig Vergngen es ihr
bereitete, da sie, neben der gewhnlichen Tagesarbeit, jetzt auch
noch durch die Winternacht laufen mute, um das Frulein nach Haus zu
bringen.

Ein Paar Gummischuhe standen neben ihr, die sie dem jungen Mdchen mit
nicht bermiger Verbindlichkeit zuschob. Whrend Anna ihre kleinen,
mit weien Atlasschuhen bekleideten Fe in die Ueberschuhe zwngte,
stand der Baron hinter ihr und sah zu. Die Kchin trat heran und gab ihr
den Mantel um, ein dickes, schweres Kleidungsstck von grobem, dunklem
Tuch, unter dem die jugendliche Gestalt ganz unkenntlich und unfrmlich
wurde. Jetzt wandte sich Anna, und da sie den Baron noch immer stehen
sah, wollte sie mit einer flchtigen Neigung des Kopfes an ihm vorber.

Mit einem hastigen Schritte war er an ihrer Seite.

Darf ich Sie um eine Gnade bitten? fragte er.

Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf.

Wollen Sie meinen Wagen benutzen, damit er Sie nach Haus bringt?

Nun erschrak sie wirklich.

Ach nein -- wie knnte ich das -- nein wirklich--

Er wich einen halben Schritt zurck; ihre Schchternheit erschien ihm
als Angst; sie frchtete sich also auch vor ihm. Als er so jhlings
verstummte, erhob sie unwillkrlich das Haupt. Sie sah, wie der Kummer
in seine Zge zurckgekehrt war.

Ich -- wei wirklich gar nicht -- begann sie stockend. Sie -- sind
wirklich -- so gut zu mir--

Wie neubelebt trat er wieder heran.

Ach, wenn Sie es annehmen wollten, flsterte er, wenn Sie wten, was
fr eine Freude Sie mir damit bereiten wrden.

Nun konnte sie nicht mehr nein sagen; mit einer leisen Neigung senkte
sie das Haupt.

Der Baron wandte sich rasch zurck. Hinter ihm stand der alte Johann,
den Pelzmantel seines Herrn in Hnden, regungslos wie eine Bildsule,
mit starren, sonderbaren Augen auf den Baron und das Frulein blickend.

Ist der Wagen da? fragte der Baron.

Der Alte verneigte sich mit schweigender Wrde. Hurtig fuhr der Baron in
den Mantel, dann bot er Anna von Glassner den Arm.

Darf ich Sie hinunterfhren?

Von ihm geleitet stieg das junge Mdchen die Treppe hinab; die Kchin
folgte hinterdrein.

Vor der Hausthr stand ein verdecktes Coup mit einem mchtigen Pferde
bespannt; zwei strahlende Wagenlaternen warfen ihr Licht in die Strae
hinaus.

Anna wich beinahe zurck -- in solch' eleganten Wagen sollte sie sich
hineinsetzen?

Der Baron aber hatte bereits den Schlag geffnet und bot ihr die Hand
zum Einsteigen. Indem er ihre Hand ergriff, zog er sie an die Lippen,
und sie fhlte, wie er den Mund darauf prete, einmal, zweimal,
leidenschaftlich.

Leben Sie wohl, sagte er leise, leben Sie wohl, ich sehe Sie wieder?
Nicht wahr, ich sehe Sie wieder?

Anna war keiner Antwort fhig. Wie in Betubung stieg sie in den Wagen
und sank in eine Ecke, nach ihr kam die Kchin, die sich gesperrt
und geweigert hatte, und erst auf ein nur zu des Barons sich zum
Einsteigen entschlo.

Der Baron lie sich Strae und Hausnummer angeben, rief sie dem Kutscher
zu, und im nchsten Augenblick rasselte der Wagen von dannen.

In ihren Mantel gewickelt sa Anna da und fragte sich, ob das alles ein
Traum sei, was sie erlebte.

Fr gewhnlich reichten ihre Mittel gerade zu einer Fahrt auf der
Pferdebahn -- und jetzt sauste sie durch die Straen von Breslau, da
das Pflaster unter den Rdern knatterte!

Die Kchin, die ebenfalls ganz sprachlos vor Staunen gewesen war, hatte
angefangen, mit tastenden Hnden den Stoff der Polster zu untersuchen,
auf denen sie sa. Jetzt seufzte sie in Bewunderung auf.

Du meine Gtte -- gn' Frulen, sagte sie, die reine Seide alles, die
reine Seide!

Die weibliche Neugier siegte ber Annas Befangenheit; sie zog den
Handschuh von der einen Hand und tastete ebenfalls auf den Wagenpolstern
herum. Die Kchin hatte recht gehabt. Alles Seide -- die Polster, die
Wnde des Wagens, alles Seide. Lautlos sank sie in ihre Ecke zurck. Was
bedeutete das alles und wohin ging das alles?

Sie, das arme, unscheinbare Mdchen, das sich zu Gesellschaften ein paar
armselige Fhnchen zusammenstckelte, um nur nicht gar zu erbrmlich
gegen den Reichtum der andern abzustechen, pltzlich, wie durch die Hand
eines Zauberers, mitten hineinversetzt in Flle, Glanz und Pracht!

Ihr, an der die Menschen auf der Strae vorbergingen, wie an einem
Nichts, die man auf Bllen in der Ecke sitzen lie, weil es sich nicht
der Mhe lohnte, mit ihr zu tanzen oder gar sie zu unterhalten -- ihr
nherte sich pltzlich ein Mann, einer der reichsten Mnner von ganz
Schlesien, und bat sie schchtern, ngstlich und demtig, ihm zu
erlauben, da er seinen Reichtum in ihren Dienst stellen drfe. Sie
schlo die Augen; war das Wirklichkeit, was ihr geschah? Dann aber
schrak sie innerlich auf: der Mann war ja ein Wahnsinniger; alle Welt
sagte es ja? Und also war es nur die Phantasie seines kranken Hirns, die
ihn zu alledem getrieben hatte, was er heute abend gethan? Aber, indem
der Schauder sie bermannen wollte, kam ihr die Erinnerung an den Ton
seiner Stimme zurck, die zu ihr gesprochen hatte, wie noch keines
Menschen Stimme je zuvor. Nein, nein, nein -- es war ja doch nicht
mglich; es konnte ja nicht sein!

Whrend Anna unter solchen wechselnden Empfindungen zu ihrer in der
fernen Vorstadt gelegenen Wohnung fuhr, wanderte der Baron Eberhard von
Fahrenwald, von seinem Diener gefolgt, zu Fu nach Haus.

Sein Haupt, das fr gewhnlich zur Erde hing, war aufgerichtet, seine
ganze Gestalt hatte etwas Aufatmendes, Befreites, ein Glcksgefhl wie
heut abend hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht empfunden.

Welche Wonne, da das Mdchen arm war! Immer wieder vergegenwrtigte
er sich den sen Augenblick, als sie in ihrer Bescheidenheit gezgert
hatte, den prchtigen Wagen zu besteigen -- und dieser Wagen war der
seinige! All die Behaglichkeit, all die weiche Ueppigkeit, die sie jetzt
umgab, kam ihr von ihm! Er lachte still glckselig vor sich hin. All
sein Denken und Thun war ein bestndiges brtendes Grbeln ber sich
selbst, ber seinen Zustand und ber das Verhngnis, das auf ihm lastete
-- zum erstenmal konnte er an etwas andres denken, an einen andern
Menschen; und dieser andre Mensch, dieses liebe Wesen konnte glcklich
werden durch ihn. Glcklich durch ihn, der sich wie ein zum Unglck
Geborener, wie eine Last der Menschheit empfand! Hatte er nicht den
dankbar erstaunten Ausdruck in ihrem bescheidenen Gesichtchen gesehen
und hatten ihre Augen ihm nicht gesagt, da er stark genug sei, um
Glck auf Menschen ausgehen zu lassen? Ja, ja, ja, es war so, und
unwillkrlich, indem er so seinen Gedanken nachhing, reckte er die
Arme aus, als wollte er dem Kraftgefhle Ausdruck geben, das ihn
durchstrmte.

Einige Schritte hinter ihm kam der alte Johann. Den Kopf weit
vorgebeugt, kein Auge von seinem Herrn verwendend, ging oder schlich
er vielmehr hinter dem Baron einher. In seiner ganzen Haltung war etwas
Beobachtendes, Lauerndes. Als er sah, wie der Baron die Arme ausreckte,
war er unhrbar mit einem Sprunge ganz dicht hinter ihn herangekommen,
das hagere Gesicht zu einer Aufmerksamkeit gespannt, die beinahe
feindselig aussah. Seine Hnde, die er in den Taschen des Ueberziehers
getragen, hatte er hervorgezogen und frei gemacht, so da es den
Anschein bekam, als bereitete er sich darauf vor, sich im nchsten
Augenblick auf seinen Herrn zu strzen, wie der Wrter eines
Wahnsinnigen sich auf seinen Schutzbefohlenen strzt, um ihn von irgend
einer schrecklichen That zurckzuhalten. Denn der Mensch da vor ihm war
ja ein Kranker, ein Wahnsinniger, Verrckter, das wute er ja wohl genau
genug, er, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, der ihn hatte
heranwachsen sehen und um ihn gewesen war zu jeder Zeit und an jedem
Orte. Und seit heute abend wute er ja auch, da er seine Aufmerksamkeit
verdoppeln und vervierfachen mute. Fr den unglcklichen Menschen da
vor ihm gab es nur eine Mglichkeit zum Leben, Ruhe, Ruhe und immerdar
Ruhe. Das hatte ihm vor Jahren der Arzt gesagt, und wenn es der Arzt
nicht gesagt htte, wrde sein Instinkt es ihm verraten haben. Ein Tag
mute sein wie der andre, gleichmig, immer, immer gleichmig. Und
heute abend hatte er mit ansehen mssen, wie dieser Mann anfing, sich zu
verlieben!

Verlieben! Wohl etwa gar heiraten?

Er war ganz wtend, er knirschte beinahe mit den Zhnen. So wenig also
kannte der unglckselige Mensch seinen Zustand? Na -- es war nur gut,
da er da war, der alte Johann; er wrde schon acht auf ihn geben, ja,
das wrde er, ja!

Und er schob die Hnde, indem er sie zu Fusten ballte, in die Taschen
seines Ueberziehers zurck, weil er sich berzeugt hatte, da der Baron
vorlufig nichts weiter Gefhrliches unternahm.

Am nchsten Vormittag, und zwar am ziemlich frhen Vormittag, klingelte
es an der Wohnung von Annas Onkel, und als die Kchin ffnete, ging ein
verstndnisvolles Grinsen ber ihre Zge; der Herr von gestern stand vor
der Thr, der Baron Eberhard von Fahrenwald.

Ein sprachloses Erstaunen bei dem Onkel und der Tante, ein glhendes
Errten bei Anna -- und im nchsten Augenblick, noch bevor man ihn
eigentlich hereingebeten hatte, stand er schon auf der Schwelle. Auch
wenn man ihn abgewiesen htte, er wrde sich nicht haben abweisen
lassen, das sah man ihm an. Seine Brust ging auf und nieder, und in dem
bleichen Gesicht glhten die Augen wie Kohlen.

Beinahe wie ein Spieler, der das letzte Geld auf eine Karte gesetzt hat,
so sah er aus.

Es kostete ihn Mhe, die uerlichen Regeln der Hflichkeit
innezuhalten; seine Blicke hingen an Anna, unverwandt, beinahe mit
angstvollem Ausdruck, als frchtete er, da sie hinausgehen, da sie ihm
entfliehen knnte.

Nachdem er den alten Major und dessen Frau begrt hatte, trat er auf
das junge Mdchen zu.

Darf ich Sie sprechen? fragte er. Darf ich Sie allein sprechen?

Seine Stimme war heiser vor innerer Erregung.

Anna stand gesenkten Hauptes mitten im Zimmer. Herz und Kehle waren
ihr durch die Angst wie zugeschnrt; sie hatte in diesem Augenblick die
sichere Empfindung, da sie es mit einem Wahnsinnigen zu thun hatte.
Etwas Aehnliches schienen auch der Onkel und die Tante zu empfinden, die
sich gegenseitig stumm fragend ansahen.

Der Baron bemerkte das alles. Pltzlich ging er auf die beiden alten
Leute zu, streckte beide Hnde aus und fate den Onkel an der linken,
die Tante an der rechten Hand.

Aengstigen Sie sich nicht, sagte er, und das Wort kam feierlich aus
der Tiefe seiner Brust; in seinen Augen war ein flammendes Leuchten.

Die beiden alten Leute sahen ihn ganz verdutzt an, machten eine
verlegene Verbeugung und zogen sich in das Nebenzimmer zurck.

Anna stand noch immer, wo sie gestanden hatte. Als sie sich jetzt mit
ihm allein sah, berkam sie die Angst so heftig, da sie sich nicht mehr
zu raten und zu helfen wute. Sie zog ihr Taschentuch hervor, drckte es
an die Augen und fing an zu weinen. Der Baron stand einige Schritte von
ihr entfernt und sah ihr schweigend zu.

Bin ich Ihnen so schrecklich? fragte er endlich. Der Ton klang wieder
so sanft und herzlich, da sie einigermaen zu sich selbst kam. Sie
steckte das Tuch in die Tasche und schttelte leise das Haupt.

Denken Sie denn gar nicht mehr an gestern? fuhr er fort. Gestern
abend waren Sie doch so -- so lieb und gut, denken Sie denn gar nicht
mehr daran?

Er war zu ihr herangetreten und hatte sie an beiden Hnden erfat; Anna
fhlte, wie behutsam er sie berhrte, trotzdem vermochte sie noch nicht,
das Gesicht zu ihm zu erheben.

Er behielt ihre Hnde in den seinigen.

Gestern abend, sagte er, bin ich so glcklich gewesen, und darum bin
ich heut so frh wiedergekommen. Bitte, seien Sie doch nicht bse darum.
Wenn Sie sich auch vor mir frchten, dann habe ich ja niemand mehr.

Seine Stimme war ganz leise geworden.

Denken Sie doch einmal, sprach er weiter, Sie gehen auf der Strae,
und indem Sie da gehen, sehen Sie einen Menschen am Wege liegen, dem
irgend ein Unglck geschehen ist, und der ruft Sie um Hlfe an. Und Sie
knnten ihm helfen, wenn Sie wollten, aber Sie frchten sich und laufen
davon -- glauben Sie nicht, da Sie sich einmal Vorwrfe machen wrden,
wenn Sie dann erfahren, da der Mensch zu Grunde gegangen ist?

Das alles war so einleuchtend, kein Vernnftiger htte es klarer
auseinandersetzen knnen. Sie wurde wieder schwankend, wieder ganz
verwirrt. Vor ihr stand ein Mann, der ber Reichtmer gebot, von denen
sie sich kaum eine Vorstellung machen konnte, und sagte ihr, da sie
ihm helfen knne, sie, die in der rmlichen Wohnung, in einem
fadenscheinigen Morgenanzuge, in Morgenschuhen mit abgestoenen Spitzen,
in aller Klglichkeit eines rmlichen, erbrmlichen Lebens steckte. War
es denn mglich, das alles?

Sie erhob das Gesicht und sah seine Augen mit dem fragenden, flehenden
Ausdruck vom gestrigen Abend auf sich gerichtet. Ja ja, es war ja
derselbe Mensch -- leise drckte sie seine Hnde, und indem sie es that,
leuchtete sein Gesicht auf.

Darf ich sprechen? flsterte er.

Aber ich -- Ihnen helfen-- stammelte sie -- wenn ich nur
begriffe--

Er zog sie an den Hnden zu einem Stuhle.

Kommen Sie, sagte er, kommen Sie, bitte, setzen Sie sich, ich will
Ihnen eine Geschichte erzhlen, eine ganz kurze.

Sie setzte sich nieder, er schob einen Sessel neben den ihrigen und
legte den einen Arm ber die Rcklehne ihres Stuhles, so da sein
Oberleib sich zu ihr hinberbeugte und sein Mund nahe an ihrem Ohre war.

Ich kenne einen Menschen, begann er, und seine Stimme war so gedmpft,
als wollte er verhten, da irgend jemand, auer Anna, seine Worte
vernhme, ich kenne einen Menschen, der in einem Boote auf einem Wasser
fhrt. Er sitzt ganz allein in dem Kahn, und das Wasser, auf dem er
fhrt, ist ein breiter Flu, und der Flu hat einen starken Strom, denn
er fliet einem Abhang zu, ber den er sich hinunterstrzen wird. Der
Abhang ist gar nicht mehr weit und er ist sehr hoch, so da man den
Donner des Wassersturzes bereits hrt. Und da treibt nun der Kahn hin,
in dem der Mann sitzt. Und obschon er wei, da er zerschmettert werden
wird, wenn er in den Sturz gert, lt er den Kahn dennoch treiben
und thut nichts, um ihn aufzuhalten -- ist das nicht sonderbar von dem
Mann?

Er unterbrach sich und blickte Anna von der Seite an. Sie sa
aufgerichtet, wie erstarrt, ihre Hnde hatten sich ineinandergeschoben,
ihre Augen blickten vor sich hin. Es ahnte ihr, wer der Mann war, von
dem er erzhlte.

Er beugte sich noch nher zu ihr.

Soll ich Ihnen nun sagen, warum er das thut?

Sie blieb regungslos; nur ihre bleichen Lippen bewegten sich.

Warum? fragte sie tonlos.

Sehen Sie, fuhr er fort, weil im Wasser neben dem Kahn etwas
einherschwimmt, und weil er nichts thun und nichts denken kann, als
immer und immer und immerfort auf das, was da neben ihm schwimmt,
hinzublicken.

Seine Stimme sank zu einem heiseren Flstern herab.

Und das, was da schwimmt, sehen Sie, das ist etwas Schreckliches,
etwas Grliches, das ist ein Ungeheuer, so etwa, verstehen Sie, wie die
Seeschlange, von der die Schiffer erzhlen, da sie ihnen auf der See
begegnet sei. So mssen Sie sich das denken. Mit einem schuppigen Leibe,
verstehen Sie, und ganz lang. Und das Schrecklichste an dem Dinge, sehen
Sie, das ist der Kopf. Der lt sich eigentlich gar nicht beschreiben,
aber er sieht so ungefhr aus, wie ein ungeheurer Papageienkopf. Ein
Schnabel ist daran, ein groer krummer Schnabel, und zwei Augen sind in
dem Kopfe--

Er verstummte. Anna vernahm, wie sich die Luft in seiner Kehle
zusammenprete, als fnde sie keinen Ausweg.

Die Augen, fuhr er fort, sehen Sie, die sind es, auf die der Mann in
dem Kahne immerfort hinschauen mu. Die Augen sind frchterlich, ganz
gro und ganz grn, wie die Augen von einem furchtbaren bsen Menschen.
Und die Augen blicken immerfort zu dem Manne herauf, und wenn sie ihn
ansehen, dann ist's wie ein Lcheln darin, wie ein grauenvolles, und
als wollten sie sagen: >ich habe dich, du entkommst mir nicht<. Und das,
sehen Sie, das ist es, was den Mann gefesselt hlt und gefangen hlt und
gebannt hlt, da er nichts thun und nichts denken und sich nicht helfen
und nicht retten kann, obschon er hrt, wie der Wassersturz immer nher
und nher kommt.

Abermals verstummte er, und da auch Anna, von Grauen versteinert, keinen
Laut hervorbrachte, herrschte eine Zeit lang ein beklommenes Schweigen.

Dann that er einen tiefen, seufzenden Atemzug und seine Stimme nahm
wieder den ruhigen, sanften Ton vom gestrigen Abende an.

Und nun, sehen Sie, nun kommt ein Augenblick, da gelingt es dem
Manne, einmal fr eine Sekunde den Blick ber das Ding da im Wasser
hinwegzubringen, und da sieht er am Ufer ein menschliches Wesen stehen.
Und das menschliche Wesen, sehen Sie, das ist eine Frau, ein junges
Mdchen, und er merkt, da sie ihm zugesehen hat, eine ganze Zeit lang,
und sich gewundert hat, was er da treibt. Und mit einemmal kommt ihm
der Gedanke: wenn du dahin gelangen knntest, wo die steht, wenn du ihre
Hand fassen knntest, da sie dir hlfe, aus dem Kahn und dem Wasser
herauszukommen, dann wrest du mit einemmal das Ding da los, das
grliche, und brauchtest nicht in den Wassersturz hinunter und wrest
gerettet! Und da, sehen Sie, fat er mit einemmal das Ruder und wendet,
und fhrt auf die Stelle zu, wo sie steht -- und dann, wie sie ihn
kommen sieht, fat sie der Schreck, weil sie denkt, er kme, um ihr ein
Leides zu thun, und sie wendet sich, um davonzulaufen -- und er sieht
das, und schreit ihr nach -- bleib doch, ich thue dir nichts! Sei doch
barmherzig! Ich komme ja nur, damit du mich rettest! Und da--

Mit einem Griffe hatte er ihre Hnde erfat, sein Gesicht war dicht
an ihrem Gesichte, so da sie seinen keuchenden Atem auf ihrer Wange
fhlte. Weiter bog er sich vom Stuhle und immer weiter zu ihr hinber,
bis da er pltzlich auf beiden Knieen vor ihr lag.

Anna -- was thut sie da? Anna -- luft sie dennoch fort? Luft sie
dennoch fort?

Sein totenbleiches Antlitz war zu ihr erhoben, kalter Schwei netzte
seine Stirn, seine Augen hatten den Blick eines Menschen, der den Spruch
ber Leben und Tod erwartet, und an ihren Knieen, an die seine Brust
sich prete, fhlte Anna das Herz in seinem Leibe pochen.

Ein namenloses Mitgefhl berschwoll ihr Herz. Ohne zu wissen, was sie
that, breitete sie beide Arme um sein Haupt, und indem sie in Thrnen
ausbrach, drckte sie das Gesicht auf sein Haupt.

O Sie armer, unglcklicher Mann, sagte sie schluchzend.

Ein Sthnen drang aus seiner Brust hervor. Du gehst nicht? Du lufst
nicht davon? Lufst nicht davon?

Nein, nein, nein, ich will nicht davonlaufen.

Jhlings fhlte sie sich von zwei gewaltigen Armen umfat. Er war
aufgesprungen und hatte sie, wie ein Kind, an seine breite Brust
gerissen.

Ach du -- mein Leben -- meine Seligkeit -- mein heiliges Heiligtum --
mein Alles!

Und er kte, kte und kte sie.

Endlich beruhigte er sich einigermaen, so da Anna wieder zu Atem kam.
Unter seinen Kssen und Umarmungen waren ihre Wangen ganz hei geworden,
so da sie hbscher aussah als zuvor. Der Baron war einen Schritt von
ihr hinweggetreten und blickte sie mit strahlenden Augen an, wie sie
verwirrt und verschmt vor ihm stand. Sie drehte den Kopf zu ihm herum.

Aber wenn ich nur wte, was ich thun soll?

Mit einer strmischen Bewegung hatte er sie an beiden Hnden erfat.

Gar nichts sollst du thun!

Sie schttelte langsam das Haupt.

Gar nichts thun soll ich?

Er lachte laut auf vor Vergngen.

Nur da sein sollst du und dir gefallen lassen, was ich thue.

Sie lchelte leise. Was wird denn das sein, was Sie vorhaben?

Nun legte er beide Arme um ihren Leib, so sanft, so vorsichtig, als
frchtete er, sie zu erschrecken oder ihr weh zu thun.

Dich glcklich machen, sagte er.

Das Wort kam so aus der Tiefe eines von Liebe erfllten Herzens hervor,
da das junge Mdchen unwillkrlich an seine Brust sank.

Du guter Mann, sagte sie. Ihre Augen suchten die seinen. Er hielt sie
in den Armen, seine Hnde strichen leise an ihren Seiten hinunter.

Siehst du, sagte er, indem ich dich so halte, ist mir, als wre der
ganze liebe Krper und alles, was darinnen ist, ein Gef, ein zartes,
zerbrechliches, und da es so zerbrechlich ist, das ist gerade das Gute
daran. Nun darf ich an nichts mehr denken, als da es in meinen Hnden
nicht entzweigeht, und das gerade ist ja so gut. Siehst du, nun will
ich in das Gef hineinthun alles, was der Mensch sich fr den Menschen
ausdenken kann an Gutem und Glcklichem. Und wenn wir da drauen auf
meinem Gute leben, das nun auch dein Gut ist, wir beide ganz allein,
jedesmal, wenn dann ein neuer Tag anbricht, will ich nach deinem lieben
Gesichte sehen; und du brauchst mir nie zu sagen, da du mich liebst,
das verlange ich nicht, nur ob du glcklich bist, will ich in deinem
Gesichte sehen, und wenn ich das sehe, siehst du, dann werde ich
glcklich sein, glcklich, o -- so glcklich.

Seine Worte erstarben in einem tiefen leisen Flstern. Sie hielt das
Haupt gesenkt, als wollte sie lauschen und immer lnger lauschen; als er
schwieg, richtete sie sich auf und wiegte das Haupt und legte beide Arme
um ihn her.

Wie, soll ich dir denn nicht sagen, da ich dich liebe, sprach sie,
und ihre Stimme war ruhig und fest geworden, da ich dich jetzt schon
liebe, von ganzer Seele, du teurer, du geliebter Mann.

Sie hielten sich schweigend umschlungen, dann richtete sie sich auf.

Komm, sagte sie, nun wollen wir den Onkel und die Tante rufen.

Sie fate ihn an der Hand und ging mit ihm an die Thr des Nebenzimmers,
die sie ffnete. Die alten Leute traten heraus und blieben verblfft
stehen, als sie Anna Hand in Hand mit dem Baron gewahrten.

Mit einem ruhigen Lcheln sah sie sie an.

Lieber Onkel, sagte sie, liebe Tante, ich teile euch mit, da ich
mich mit dem Herrn Baron von Fahrenwald verlobt habe.

Am Nachmittag erst verlie der Baron seine Braut und deren Angehrige.

Als er die Treppe hinunterstieg und den letzten Absatz erreicht hatte,
sah er im Hausflur einen Mann, der mit aufgeregten Schritten hin und her
ging; es war sein Diener, der alte Johann.

Verwundert blieb er stehen; in dem Augenblick hatte der Alte den Kopf
herumgedreht und seinen Herrn erkannt; er unterbrach seinen Gang und
stand wie angewurzelt.

Was soll denn das? fragte der Baron. Ich hatte dir doch gesagt, da
du mich nicht begleiten solltest.

Der Alte lftete den Hut, ohne die Augen von seinem Herrn zu lassen.

Gndiger Herr blieben so lange-- erwiderte er.

Der Baron lachte. Er war in so frhlicher Stimmung, da er sich ber
nichts gergert htte, am wenigsten ber die bertriebene Sorgfalt
seines alten Dieners.

Hast gedacht, mir wre ein Unglck passiert? meinte er. Na, du kannst
dich beruhigen.

Er ging die Stufen vollends hinunter und schlug ihn auf die Schulter.

Will dir eine Neuigkeit sagen, Johann, ich habe mich verlobt.

Der Alte ri die Augen weit auf und wich zwei Schritte zurck; der Mund
stand ihm halb offen.

Das Frulein -- da oben, im zweiten Stock? stotterte er.

Jawohl, das Frulein da oben, im zweiten Stock, erwiderte gutlaunig
der Baron. Und nchster Tage ist die Hochzeit.

Er wandte sich nach der Hausthr, und indem er ihm den Rcken drehte,
konnte er nicht sehen, was der Johann hinter seinem Rcken fr ein
merkwrdiges Gesicht schnitt. Er warf einen wtenden, geradezu giftigen
Blick nach der Treppe, die das Haus hinauffhrte, dann glttete er mit
dem Aermel seines Ueberrocks den Cylinderhut, den er noch in der Hand
hielt, und whrend er das that, neigte er das Haupt, wie jemand, der
sich pltzlich in eine schwere Notlage versetzt sieht und Mittel und
Wege berdenkt, die nun zu ergreifen sind. Dann stlpte er den Hut mit
einem Rucke auf, bi die Zhne aufeinander und folgte seinem Herrn.
Die Hausthr fiel schmetternd zu, weil der Alte sie wtend ins Schlo
geworfen hatte.

Am nchsten Tage ging bei Anna ein Brief ein.

Sie erhielt selten Briefe und zgerte ein Weilchen, den Umschlag zu
ffnen. Die Handschrift war ihr nicht bekannt und sah so sonderbar
aus; man htte kaum sagen knnen, ob sie von einem gebildeten oder
ungebildeten Menschen herrhrte.

Endlich entschlo sie sich, und nun las sie folgende Zeilen:

Haben Sie auch bedacht, was Sie thun? Sie wissen doch, da der Mensch,
mit dem Sie sich verlobt haben, ein Verrckter ist?

Ein Name stand nicht darunter. Der Brief war unterschrieben:

Ein Wissender.

Anna hielt das widerwrtige Blatt in den Hnden. Was sollte sie thun?

Das beste bei solchen Gelegenheiten ist ja, demjenigen, vor dem man
gewarnt wird, den anonymen Wisch ruhig zu zeigen, damit man kein
Geheimnis vor ihm behlt. Aber das war doch in diesem Falle nicht
mglich. Durfte sie den unglcklichen Mann lesen lassen, wie das, wovon
er sich an ihrer Seite zu befreien und zu erlsen hoffte, ihm in so
roher und gemeiner Weise auf den Kopf zugesagt wurde?

Sie fate sich kurz, ri den Brief samt dem Umschlage in Fetzen und
steckte sie in den Ofen. Die Sache war abgethan.

Eine Stunde spter kam der Baron, und nun pries sie ihren Entschlu. Er
sah so heiter aus, so klar; man merkte ihm an, wie in Annas Gegenwart
der dunkle Schleier sich hob und lftete, der seine Seele umdsterte.
Htte sie, deren Nhe ihm die Gesundheit bedeutete, ihn in sein Leiden
zurckstoen sollen, indem sie ihn daran erinnerte? Nimmermehr!

Heut brachte der Baron ihr den Verlobungsring mit, einen goldenen Reif,
der einen Brillanten umfate. Mit schchternem Errten lie sie sich den
Ring an den Finger stecken, und whrend sie die Hand hin und her drehte,
um das Licht in dem geschliffenen Steine aufzufangen, griff der Baron
schon wieder in die Rocktasche. Er holte ein Schmuckschchtelchen
hervor, das er vor ihren Augen aufspringen lie. Anna blickte hinein
und fuhr zurck. Ein goldenes Armband mit einem prchtigen Amethyst
leuchtete ihr entgegen.

Aber nein! erklrte sie, nein, nein, das geht ja nicht, da du mich
so berhufst! Das kann ich ja nicht annehmen!

Er sah glcklich lchelnd zu ihr hinber.

Aber Anna, sagte er, weit du denn nicht, da ich mich beschenke,
wenn ich dir ein Geschenk mache?

Sie mute es sich gefallen lassen, da er ihren Arm ergriff und ihr das
Armband umlegte. Die Haut an der Hand und dem Handgelenk war rot und
aufgesprungen; man sah es ihr an, wie schonungslos die Hnde des jungen
Mdchens in der Hauswirtschaft mitarbeiten muten. Anna deutete mit den
Augen darauf hin.

Sieh doch nur selbst, sagte sie: fr solche Hnde pat doch ein so
wundervolles Armband gar nicht.

Der Baron hob ihre kleine gertete Hand empor.

Das ist Anna von Glassner, sagte er. Dann schob er den Aermel ihres
Kleides so weit zurck, da die weie, zarte Haut des Armes sichtbar
wurde.

Und hier kommt die Baronin von Fahrenwald heraus, fgte er lchelnd
hinzu. In einigen Tagen sind auch die Hndchen so wei und zart wieder,
wie das. Er drckte die Lippen auf ihren entblten Arm und schob das
Armband so hoch hinauf, da es auf der weien Haut lag.

Siehst du, sagte er, wie gut es sich hier ausnimmt!

Sie mute lchelnd zugestehen, da er recht hatte, und dann siegte die
weibliche Freude am Schmuck ber alle ihre Bedenken.

Mit leuchtenden Augen fiel sie ihm um den Hals.

Du wirst mich noch so verwhnen, da ich ganz hochmtig und schlecht
werde.

Er hielt sie an sich gedrckt.

Sei was und wie du willst, nur sei glcklich.

Es wurde alsdann zwischen ihnen verabredet, da die Hochzeit mglichst
bald stattfinden sollte.

Wie ist es denn? fragte er, mchtest du eine Hochzeitreise machen?

Anna lchelte.

Nicht wahr, sagte sie, das ist doch dein Park, den sie das
Schlesische Paradies nennen?

Wirklich? erwiderte er, davon habe ich ja noch gar nichts gewut.

Ja, ja, versicherte sie, er soll ja auch wunderschn sein!

Nun, er ist gro genug, das ist wahr; nur vielleicht ein bichen
verwahrlost.

Sie legte die Hnde auf seine Schultern.

Und da fragst du mich, ob ich eine Hochzeitreise machen will? Nach dem
Schlesischen Paradies reise ich mit dir und da bleiben wir.

Das wolltest du? Wirklich? Man sah ihm die Freude an, die ihre
Entscheidung ihm bereitete.

Aber da du nur keinen Schreck bekommst, fuhr er fort, wenn du da
hinauskommst; es ist etwas einsam, verstehst du. Ich habe da ganz allein
mit meinem alten Johann gehaust.

Ach Gott, versetzte sie, das denke ich mir ja gerade so wunderschn!
Siehst du, ich bin ja auch mein Leben lang so allein gewesen, so an die
Einsamkeit gewhnt. Nun richten wir uns das alte schne Schlo ein, wie
es fr uns beide pat, dann gehen wir durch den Park, und nicht wahr,
den Park gibst du in meine Obhut? Ich denke mir das so kstlich,
Grtnerin zu sein!

Sie war ganz lebhaft geworden; ihr Gesicht glnzte. Der Baron sah sie
hingerissen an. Vor seinem Geiste erschien eine Reihe der lieblichsten
Bilder: er sah seine junge Frau durch die dsteren Rume des alten
Schlosses wandeln, wie den Geist des neuen jungen Lebens; er sah sie im
Park umherschalten, anmutig zur Arbeit aufgeschrzt, und Haus und Garten
wurden jung und lebendig und schn unter ihren Hnden und seine Seele
ward jung und freudig und stark in ihrer geliebten Nhe.

Alles soll so sein, wie du es sagst, rief er jauchzend, indem er sie
an sein Herz drckte, sobald das Wetter einigermaen wird, fahren wir
hinaus und ich zeige dir alles, und dann kommen wir zurck und kaufen
Tapeten und Mbel und Blumensamen und alles was der Mensch sich denken
kann. Und nachher, da leben wir da drauen zusammen, wie auf einer Insel
im weiten Meer. Wir beide ganz fr uns, und fragen nach keinem Menschen
und nach keiner Welt!

Er war wie trunken von Freude, als er sie endlich verlie, und auch
vor Annas Phantasie begann die Zukunft wie ein helles freundliches Land
emporzusteigen.

Am nchsten Tage aber erhielt ihre frhliche Stimmung einen Sto. Genau
zu der Stunde, an der gestern der anonyme Brief gekommen war, erschien
heute, von derselben Hand verfat, ein zweites Schreiben.

Gar nicht erst aufmachen, sondern ohne weiteres in den Ofen stecken, das
war Annas erstes Gefhl -- aber die Neugier war strker als die Wallung
der Vernunft, und sie folgte dem verhngnisvollen Triebe, der in uns
ist, Dinge, von denen wir wissen, da sie uns grlich widerwrtig sein
werden, da sie unsern Seelenfrieden stren werden, recht genau und in
der Nhe anzusehen.

Das, was sie heute las, war dies:

Haben Sie denn das Verhltnis noch nicht gelst? Noch immer nicht?
Bedenken Sie sich, es wird Zeit! Es wird hohe Zeit!!!

Diesmal war der Brief unterschrieben der Warner. Nun nachdem sie
gelesen, stand sie da und bereuete, da sie gelesen hatte. Es war ihr zu
Mute, wie einem Kinde, das man vor giftigen Beeren gewarnt hat und das
trotzdem genascht hat. Mochte sie das Geschreibsel auch zerreien und
in den Ofen stecken, vergessen konnte sie ja doch nicht, was darin
gestanden hatte. Dazu kam der sonderbare Ton und die Form des Briefes;
beides war so aufgeregt. Die drei Ausrufungszeichen am Schlu, und die
Unterschrift war mit ganz merkwrdigen Schnrkeln verbrmt und verziert.

Das Ende ihres Ueberlegens war, da auch dieser Brief in Fetzen ging und
in den Ofen wanderte.

Am darauf folgenden Tage aber lauschte sie schon mit aller Spannung, ob
heute auch der Brieftrger erscheinen wrde. Und richtig, als die Stunde
schlug, klingelte es, und ein dritter Brief lag in ihren Hnden. Heut
berlegte sie schon nicht mehr, ob sie lesen sollte, oder nicht, mit
einer Art von Heihunger fiel sie darber her.

Der unbekannte Verfasser betitelte sich heute Prfer von Herz und
Nieren; das, was er verkndete, lautete folgendermaen:

  Verblendete!! Das gefllt Ihnen wohl, da der unglckselige Mensch
  Sie mit Schmuck und Flitter berhuft? Wollen Sie denn mit Gewalt
  blind und taub sein? Daran sollten Sie doch merken, da er ein
  Wahnsinniger ist!! Ein Wahnsinniger!!!

Ein unheimlicher Schauder berlief Anna, als sie diese Worte las. Es
klang wie eine dumpfe Wut daraus, eine Wut gegen sie und zugleich gegen
ihn. Sie versank in Gedanken, und so geschah es, da der Baron
sie berraschte, bevor sie noch Zeit gefunden hatte, den Brief zu
vernichten. Sie hatte ihn gerade noch in die Tasche stecken knnen, als
er eintrat, und sie mute sich beinahe Zwang anthun, um dem Brutigam
unbefangen und heiter entgegenzugehen.

Als er aber jetzt, vergnglich schmunzelnd wie ein Kind, das jemandem
eine rechte Ueberraschung zugedacht hat, eine groe Schachtel zum
Vorschein brachte, und als sie darin ein prachtvolles Perlenhalsband
erblickte, fuhr sie zurck, und diesmal war es nicht Schchternheit noch
Bescheidenheit, was sie zurckfahren lie, sondern Schreck, wirklicher,
wahrhaftiger Schreck.

Die Worte des unbekannten Briefschreibers fielen ihr ein, und die
schrecklichen Worte hatten ja recht gehabt; so rasend verschwenden
konnte ja nur ein Wahnsinniger!

Mit hngenden Armen stand sie da und starrte, wie geistesabwesend, auf
den Schmuck, der ihr vom dunkelblauen Sammet, auf dem er gebettet lag,
entgegengleite.

Der Baron hielt den geffneten Schrein mit beiden Hnden vor sie hin und
lachte still in sich hinein. Er ahnte nicht, was in ihr vorging, und
sah in ihrer Starrheit nur das hlflose Staunen der Armut, die sich
pltzlich vom Reichtum berflutet sieht.

Aber Anna, sagte er endlich, als sie noch immer wie leblos vor ihm
stand, freust du dich denn gar nicht ein bichen?

Sie hrte wieder den Ton seiner Stimme, sie blickte auf und sah
sein Gesicht mit einem Ausdrucke unsglicher Gte und Liebe auf
sich gerichtet, und pltzlich brach sie in Thrnen aus und fiel ihm
schluchzend um den Hals.

Dieser Ueberschwall von Gebensfreudigkeit -- das sollte alles nur eine
Ausgeburt des Wahnsinns sein? Dieser Mensch, der sich auflste, nur um
ein Lcheln auf ihrem Gesicht hervorzurufen, das sollte ein Verrckter
sein? Nein, nein, nein! Und sie drckte das Gesicht an seinen Hals und
schttelte, wie in Verzweiflung, das Haupt.

Der Baron stand ratlos. Diese Thrnen sahen doch gar nicht wie Ueberma
von Freude, sondern wie echter Schmerz aus. Bevor er aber noch zu Worte
kommen konnte, fing sie an.

Eberhard, sagte sie, indem sie die Arme von seinem Halse lste,
siehst du, es ist ja so himmlisch gut von dir, und ich bin dir ja so
malos dankbar fr alles, aber ich bitte, ich beschwre dich, la es
genug sein, schenke mir nichts mehr.

Die Heiterkeit wich von seinem Gesichte.

Ich hatte geglaubt, sagte er langsam, es wrde dir Freude machen --
und nun willst du es gar nicht haben?

Er schickte sich an, den Schrein zu schlieen, und dabei sah er so
kummervoll aus, da ein reiender Schmerz durch ihre Seele ging.

Nein, nein, rief sie, ich will es ja nehmen, gern nehmen, und ich bin
dir ja so, so dankbar dafr, aber ich wollte ja nur sagen: dann nichts
mehr, Eberhard. La es damit genug sein, bitte, versprich es mir, bitte,
bitte!

Er drckte den Kasten ins Schlo und sah sie an, als begriffe er nicht,
was sie wollte.

Sie fate seine Hand mit beiden Hnden.

Siehst du, sagte sie, du mut doch bedenken, da ich an so etwas
nicht gewhnt bin; du weit ja doch, da ich ganz arm bin; ich habe
doch frher nie Schmuck getragen, und an so etwas mu man sich doch
allmhlich gewhnen. Und wenn das dann so mit einemmal, so massenhaft
kommt, siehst du, Eberhard, lieber guter Eberhard, das mut du dir doch
selbst sagen, da einen das geradezu ngstigt. Das erstickt einen ja und
erdrckt einen und das hlt man gar nicht aus.

Ihre Worte waren hastig erregt von ihren Lippen gekommen, aber sie
beruhigten ihn. Er entnahm daraus, da es wirklich nur die Armut in ihr
war, die vor dem pltzlichen Reichtum erschrak.

Du liebes, bescheidenes Kind, sagte er zrtlich, indem er den Arm um
sie legte, ich glaube wirklich, du hast vollkommen recht, und es war
falsch, da ich zu rasch gewesen bin. Aber du weit ja doch, warum ich
es gethan habe und bist mir nicht bse?

Ich -- dir bse sein-- erwiderte sie stockend, und die Thrnen
drngten ihr von neuem empor, so da sich ihr die Kehle zuschnrte.

Er stellte den Schmuckkasten auf den Tisch.

Also mag er da bleiben, sagte er, indem er seinen Ton zur Heiterkeit
anstrengte, und vorlufig genug damit.

Sie blieben dann noch eine Zeit lang bei einander, aber eine unbefangene
frhliche Stimmung wollte nicht mehr recht aufkommen. Der Vorgang von
vorhin wirkte in beiden nach, und zwischen ihnen, auf dem Tische stand
der verhngnisvolle Schmuckkasten, der an dem allen schuld war.

Am nchsten Tage blieb Anna verschont; es lief kein Brief ein. Als der
Baron indessen erschien, lag ein Schatten auf seinem Gesicht und in
seinen Augen war ein dumpfes Glhen.

Anna erschrak einigermaen, als sie ihn sah; sein Ausdruck war so anders
als an den vergangenen Tagen.

Sie forschte nach dem Grunde seines Mimuts, aber er wollte nicht mit
der Sprache heraus.

Bist du mir bse wegen gestern? fragte sie endlich, indem sie sich
neben ihn setzte.

Er strich mit freundlicher Hand ber ihr Haar.

Nein, gar nicht, lieber Engel, sagte er, verla dich darauf, gar
nicht.

Sie fragte nicht weiter, sie wollte nicht in ihn dringen, aber ihre
Augen blieben stumm besorgt an ihm hngen.

Ach weit du, sagte er endlich, indem er sich aus seinem Brten
aufraffte, es ist wirklich gar nicht der Mhe wert, und es ist unrecht,
da ich dich damit qule. Ich habe einen Auftritt mit meinem Diener
gehabt, das ist die ganze Geschichte.

Er war aufgestanden und ging im Zimmer hin und her. Anna folgte ihm von
ihrem Sitze aus mit den Blicken.

Mit deinem alten--

Mit meinem alten Johann, ja.

Aber ich denke, wandte sie ein, er ist dir so treu und ergeben?

Freilich ist er das, gab er zur Antwort, treu beinah bis zum
Ueberma, und das ist es ja eben-- er brach mitten im Satze ab und
wanderte wieder schweigend auf und nieder.

Siehst du, fuhr er nach einer Weile fort, solche alten Diener, die
man vom Vater berkommt, die einen als Kind auf dem Arm getragen haben,
die einen immerfort begleitet haben, sind ja einerseits ein Schatz,
und darum kann man sie nicht so aus dem Hause schicken, wie man es
vielleicht mit andern machen wrde.

Ein Zucken ging ber sein Gesicht und in seinen Augen flimmerte es, wie
die Erinnerung an einen schweren Grimm, den er durchgemacht hatte.

Du wirst doch nicht an so etwas denken! sagte Anna, indem sie
aufstand. Eine innere Stimme flsterte ihr zu, wie notwendig ihm die
stetige Begleitung eines treuen, mit seiner Natur vertrauten Menschen
sein mochte.

Ich denke ja nicht daran, versetzte er, nur das wollte ich sagen,
siehst du, solche alten Diener werden andrerseits auch manchmal zu
einer Art von Last. Sie wollen den Haushofmeister, gewissermaen den
Schulmeister spielen, und das -- na, indessen-- er brach wieder ab.
Lassen wir die dumme Geschichte; sie ist abgethan und, wie gesagt, gar
nicht der Rede wert.

Anna war zu ihm herangetreten und sah ihm bittend in die Augen.

Mir zuliebe, sagte sie, sei geduldig mit dem alten, treuen Menschen;
er meint es gewi so redlich und gut mit dir.

Der Baron blickte mit einem eigentmlichen Lcheln auf sie nieder.

Das sagst du, erwiderte er langsam. Seine Lippen bewegten sich,
als wollte er noch etwas hinzusetzen; aber er sprach es nicht aus.
Allmhlich aber, indem seine Augen auf ihrem Gesichtchen ruhten, kehrte
der Ausdruck stiller Zufriedenheit in seine Zge zurck.

Du bist ein Engel, sagte er, und so gut, wie du selbst es gar nicht
weit.

Bald darauf verlie er sie.

Es war, wie der Baron gesagt hatte; zwischen ihm und dem alten
Johann hatte es am Morgen dieses Tages einen Auftritt gegeben, einen
merkwrdigen, schrecklichen Auftritt.

In sein junges Glck versenkt, hatte der Baron nicht weiter acht auf den
Alten gegeben, sonst htte es ihm auffallen mssen, da dieser seit
dem Tag, als er mit ihm das Haus verlassen hatte, wo Anna von Glassner
wohnte, ein seltsames Wesen angenommen hatte.

Jeden Vormittag, wenn der Baron ausging, um sich zu seiner Braut
zu begeben, schlich der Alte geruschlos hinter ihm drein. Dem
Juwelierladen gegenber, in den er seinen Herrn eintreten sah, auf der
andern Seite der Strae, stellte er sich auf und wartete, bis der Baron
wieder herauskam; und wenn dieser zu Annas Hausthr gelangt war, ahnte
er nicht, da wenige Schritte hinter ihm sein Diener stand und ihn mit
Augen verfolgte -- mit Augen, die den lauernden Ausdruck eines wilden
Tieres hatten. Wenn er alsdann in die Behausung zurckgekehrt war, wo
er mit dem Baron wohnte und wo ihm ein gerumiges Zimmer angewiesen war,
setzte der Alte sich an den Tisch, der inmitten des Zimmers stand, und
dort sa er Stunden und Stunden lang. Er a nicht, er trank nicht, er
rauchte nicht; er war ganz versunken in dumpfes, stumpfes Brten. Die
einzige Thtigkeit, zu der er sich aufraffte, war, da er sich alsdann
erhob, eine groe Schreibmappe auf den Tisch legte, Tinte und Feder
herbeiholte und nun mit fanatischem Eifer zu schreiben anfing. Was er da
schrieb -- niemand sah es, denn niemand war dabei; jedesmal, bevor er an
seine Schreiberei ging, riegelte er sorgfltig die Thr seines Zimmers
ab. Es schienen jedoch Briefe zu sein; denn das Papier, worauf er
schrieb, waren Briefbogen, und jedesmal, nachdem er geendigt und das
Geschriebene wohl zehnmal mit gerunzelter Stirn und stumm glhenden
Augen durchgelesen hatte, steckte er den Bogen in ein Couvert, das er
mit einer Adresse und Postmarke versah. Leise schlo er alsdann seine
Thr wieder auf, steckte horchend den Kopf hinaus, und wenn er sich
berzeugt hatte, da niemand ihn hrte und sah, schlpfte er behutsam
aus der Wohnung, aus dem Hause, um den Brief in den nchsten Briefkasten
zu stecken.

Abends fand der Baron, wenn er nach Haus kam, die Lampen in seinen
Gemchern bereits angezndet, alles zu seinem Empfange bereit, und den
alten Johann, einmal wie allemal fertig, ihn des Mantels zu entledigen,
ihm den Thee zu bereiten und alles zu thun, woran er von jeher gewhnt
war. Was der Baron nicht beachtete, das waren die Blicke, mit denen der
Alte ihn lauernd beobachtete, und was er nicht sah, das war, da der
Alte, nachdem er sich zurckgezogen hatte, drauen auf dem Flur
stehen blieb, lautlos an die Thr gepret, hinter der sein Herr sa,
stundenlang horchend, lauschend, ob er nicht da drinnen pltzlich ein
verdchtiges Gerusch, irgend etwas vernehmen wrde, das ihn ntigte,
zuzuspringen und Hand anzulegen. Denn er wute ja doch, da da drinnen
ein Wahnsinniger sa und da es sein Beruf und seine Pflicht war, den
Wahnsinnigen zu bewachen.

An dem Vormittag dieses Tages nun, als der Baron gefrhstckt und darauf
dem Diener geklingelt hatte, damit er ihm beim Anziehen behilflich sei,
hatte dieser sich, im Bewutsein seiner Pflicht, ein Herz gefat und
beschlossen, mit seinem Herrn einmal ein Wort zu reden.

Es kam ihm nicht leicht an, denn er war ein echter Schlesier, und daher
steckte ihm ein knechtischer Respekt vor seinem Gebieter in Fleisch und
Bein. Aber es mute sein, es mute.

Den Pelz seines Herrn in den Hnden, trat er in das Zimmer ein; als der
Baron aber in den Mantel fahren wollte, lie der Diener ihn sinken.

Gndiger Herr wollen mir eine unterthnige Frage erlauben -- gehen
gndiger Herr wieder zu dem Frulein?

Der Baron sah sich berrascht um; ein Lachen zuckte ber sein Gesicht.

Interessiert dich das so? Allerdings gehe ich zu ihr.

Der Alte senkte das Haupt und stierte auf den Teppich.

Nun, was gibt's? Worauf wartest du? fragte der Baron, indem er ein
Zeichen machte, da er den Pelz anzulegen wnschte.

Gndiger Herr, wollen entschuldigen, erwiderte der Alte, ohne die
Augen zu erheben, ob gndiger Herr es sich nicht noch einmal berlegen
mchten?

Was soll ich mir berlegen?

Da gndiger Herr das Frulein wirklich heiraten wollen.

Der Baron machte auf dem Absatze kehrt, so da er seinem Diener
unmittelbar gegenberstand. Er war einen Augenblick ganz sprachlos vor
Erstaunen.

Was geht das dich an? stie er hervor. Was fllt dir denn ein?

Gndiger Herr wissen ja doch, murrte der Alte mit hohler Stimme von
unten herauf, da ich gndigen Herrn von Kindesbeinen her kenne -- da
ich vom seligen Herrn Baron--

Wei ich, wei ich, wei ich alles! rief der Baron, indem er
ungeduldig aufstampfte. Was gehrt das hierher?

Und da ich wei, was gndigem Herrn gut thut und gndigem Herrn nicht
gut -- weil ich wei, wie es steht.

Der Baron trat einen halben Schritt zurck.

Wie was steht?

Jetzt richtete der Alte das gesenkte Haupt so weit auf, da er einen
schrgen, lauernden Blick in die Augen seines Herrn bohren konnte. Seine
Stimme wurde dumpf und leise.

Wie es -- mit gndigem Herrn steht.

Das bleiche Gesicht des Barons wurde noch um eine Frbung bleicher, so
da es ganz wei aussah, und in dem weien Gesichte glhten die Augen
auf. Ein Zittern durchlief seine Gestalt, seine Hnde schlossen sich,
er konnte keinen Laut hervorbringen. So standen sich die beiden Mnner
stumm gegenber. Am Leibe des alten Johann regte sich keine Fiber, nur
seine Augen hafteten stieren Blicks an dem Baron. Er sah ja, da
der Mann dort unmittelbar vor einem Ausbruche von Tollwut stand, und
Tobschtige darf der Wrter nicht aus den Augen lassen.

Es dauerte geraume Zeit, bis da der Baron seine Fassung einigermaen
zurckgewann. Seine Brust keuchte, indem er zu sprechen begann; die
Worte kamen abgebrochen heraus.

Johann -- weil ich wei -- da du es gut meinst -- will ich dir
verzeihen, was du -- da eben gesagt hast. Aber, wenn du es noch einmal
thust, dann nimm dich in acht! Er hob den rechten Arm mit geballter
Faust empor. Nimm dich in acht! wiederholte er, nimm dich in acht!

Seine Stimme war immer lauter angeschwollen, so da sie zuletzt beinahe
brllend geworden war. Sein Krper schttelte sich wie im Krampf. Dann
pltzlich lie er den erhobenen Arm sinken, warf sich sthnend in einen
Sessel und legte beide Arme auf die Lehne, das Gesicht auf die Arme
drckend.

Regungslos stand der Alte; in seinen Augen war etwas, wie ein wilder
Triumph, indem er auf seinen Herrn niederblickte. Wer hatte nun recht
gehabt? War der Mann da, der unglckselige, etwa kein Wahnsinniger?

Zunchst sprach keiner von beiden ein Wort; eine schwle, bengstigende
Stille trat ein. Dann erhob der alte Johann wieder die Stimme.

Und wenn gndiger Herr heiraten, thut es gndigem Herrn nicht gut.

Der Baron erwiderte nichts; er gab berhaupt kein Zeichen, als htte er
gehrt.

Und wenn ein Frulein kommt, fuhr der Alte fort, und will den
gndigen Herrn heiraten, weil das Frulein Frau Baronin werden mchte
und reich werden mchte, weil sie selber nichts hat--

Jetzt richtete der Baron das Haupt auf; seine Hand griff in den
Stoffberzug des Sessels, man sah, wie sie sich hineinkrallte, seine
Augen drehten sich zu dem Alten herum, mit einem gefhrlichen Ausdruck.
Der Alte aber hrte nicht auf, wollte nicht aufhren; indem er des
Mdchens gedachte, war es, als berkme auch ihn eine dumpfe, schwlende
Wut. Seine Augen unterliefen rot. Dann ist das nicht recht von dem
Frulein, polterte er rauh und rcksichtslos heraus.

In diesem Augenblick rollte der Stuhl, auf welchem der Baron gesessen
hatte, bis mitten ins Zimmer; mit einem jhen Satze war der Baron
aufgesprungen.

Mach, da du 'rauskommst! brllte er den Alten an. Der Alte stand wie
an den Boden gewachsen.

Gndiger Herr drfen nicht heiraten, sagte er.

Halt 's Maul und mach, da du 'rauskommst! donnerte der Baron noch
einmal. Seine Hnde flogen, sein Krper erbebte konvulsivisch. Es
war aber, als wenn seine Aufgeregtheit den andern nur um so eisiger
erstarren machte.

Ein Arzt hat mir gesagt, der jetzt tot ist, wenn gndiger Herr
heiraten, werden gndiger Herr jemand umbringen.

Kaum da er das gesagt hatte, warf er jedoch den Pelz, den er immer noch
in Hnden hielt, ber den nchsten Stuhl und zog sich eilends nach der
Thr zurck. Der Baron hatte den schweren gepolsterten Sessel mit
beiden Hnden an der Lehne gepackt und mit einer Kraft, wie sie nur der
Paroxismus verleiht, emporgeschwungen. Es sah aus, als wollte er
den Alten im nchsten Moment zu Boden schmettern. Mit einer hurtigen
Bewegung ri dieser die Thr auf und verschwand.

Eine halbe Stunde spter, whrend er lautlos horchend in seinem Zimmer
gesessen hatte, vernahm er, wie der Baron aus seinen Gemchern trat und
mit schweren Schritten die Wohnung verlie. Er eilte an eines der
nach der Strae gehenden Fenster und blickte ihm nach. Richtig -- die
gewohnte Richtung, er ging zu seiner Braut. Also doch!

Der Alte kehrte in sein Zimmer zurck, warf die Mappe auf den Tisch und
gleich darauf sa er wieder vor seinen Briefbogen. Heute knirschte das
Papier unter seiner kratzenden Feder; seine Augen brannten, und die
Muskeln seines Gesichts spannten sich zu einem Ausdruck grimmiger
Verbissenheit, indem er schrieb.

Am Abende des Tages erhielt Anna von Glassner folgenden Brief:

  Zum letztenmal werden Sie gewarnt! Sie ruinieren ihn und gehen in
  Ihr Verderben! Heute war der unglckselige Mensch dicht daran, da
  er seinen Wrter und treuesten Begleiter totgeschlagen htte.

    Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!!!

      Der Pflichterfller.

Scheinbar beruhigt war der Baron von Anna hinweggegangen, in seinem
Innern aber sa die Erinnerung an das, was er mit dem alten Johann
erlebt hatte. Und diese Erinnerung war wie ein grender Keim in seinem
Blute, sie lie ihn nicht mehr zur Ruhe kommen.

Es erging ihm, wie es dem Menschen geht, wenn er sich mit einem andern
gestritten hat. Im Augenblick, da uns der Gegner seine Behauptung ins
Gesicht wirft und wir sie ihm leidenschaftlich zurckschleudern, sind
wir darber hinweg -- nachher, wenn die Leidenschaft verraucht
ist, kommt das Wort uns wieder, leise, schleichend und in seiner
Geruschlosigkeit eindringlicher als vorher, und nun kommt das Grbeln,
ob das Wort nicht vielleicht doch recht gehabt haben knnte.

Ich wei, wie es mit gndigem Herrn steht -- immer wieder war es da,
das Wort, immerfort und immerfort, wie der Wassertropfen, der unablssig
auf den Kopf des Gefolterten fllt. Und indem es in seinem Ohre
nachklang, war ihm, als kme das Ungetm wieder herangeschwommen, von
dem er Anna erzhlt hatte, als hbe es die grlichen grnen Augen
wieder auf, und das, was aus diesen Augen sprach, war ja nichts andres
als das: Ich wei, wie es mit dir steht.

Und, war es denn etwa so ganz unberechtigt? War nicht in ihm
selbst etwas gewesen, das ihn mit Schauder erfllte, wenn er daran
zurckdachte? Immer wieder hrte er eine frchterliche Stimme, die das
Zimmer durchtnte, und das war seine Stimme; der Mensch, der so gebrllt
hatte, war er selbst gewesen. Immer wieder empfand er den Krampf,
der pltzlich in seinem Rckenmark losgebrochen war, seine Glieder
durchschttelt, seinen Arm erhoben und seine Fuste geballt hatte. Es
lie ihn gar nicht los; immer und immer wieder mute er sich bis ins
einzelne vergegenwrtigen, wie das gekommen, wie ihm dabei zu Mute
gewesen war. Wie wenn etwas von auen ber ihn herfiele, so war es
gewesen, wie wenn ihn etwas ansprnge, sich seiner bemchtigte, eine
fremde, furchtbare Gewalt, beinahe wie ein wildes Tier, das jhlings
in ihn eingedrungen war und aus ihm hervortobte. Dazu diese pltzliche,
unbegreifliche Kraft, die er in den Armen gefhlt hatte. Wenn er jetzt
den schweren gepolsterten Sessel anschaute, begriff er gar nicht, wie es
ihm mglich gewesen war, ihn wie eine Keule emporzuschwingen. Und in
dem Augenblick war es doch so gewesen, und in dem Augenblick war ihm
das mchtige Ding so federleicht erschienen. Unwillkrlich schlo er die
Augen. Hatte er nicht gehrt und gelesen, da Menschen in der Tollwut
eiserne Stangen zerbrechen? Was war das gewesen, was ihm die Muskeln so
schrecklich gesthlt hatte? Brtend sa er in seinem Zimmer und wagte
sich nicht Antwort auf das zu geben, was in ihm fragte.

So also stand es mit ihm? Und wie viel hatte gefehlt, so htte er seinen
alten Johann niedergeschlagen und totgeschlagen. -- Freilich, der Alte
hatte ihn gereizt; aber wute er denn nicht, wie er an ihm hing, treu
wie ein Hund? Und er htte ihn beinahe umgebracht!

Und wie hatte der Alte von Anna gesagt? Wenn ein Frulein kommt und den
gndigen Herrn heiraten will, weil sie reich werden mchte--

Hier aber sprang er auf. Das war falsch und gelogen, das wute er, so
weit war er noch vernnftig. Das waren die Gedanken, wie sie in einer
Knechtsseele sich zusammenkleistern! Er wute ja doch, da er zu ihr
gekommen war, nicht sie zu ihm. Mit den Armen griff er in die Luft. Da
sie nur da gewesen wre in diesem Augenblick, da er sie an sich htte
pressen knnen! Denn mchtiger und bestimmter als je zuvor empfand er in
diesem Augenblick, da es nur ein Ziel und eine Rettung fr ihn gab, und
das war sie, an die er dachte, nach der er verlangte, Anna, Anna, Anna!

Wie eine Todesangst erfate ihn der Gedanke, da sie ihm doch noch
entgehen knnte, und mit krampfhafter Ungeduld sah er dem Tage entgegen,
da sie Hochzeit machen wrden, da sie ihm ganz gehren, immer und
allerorts bei ihm und mit ihm sein wrde.

Das nchste, was er darum zu thun beschlo, war, da er seine Braut zu
seinem Schlosse hinausfhrte. Sie sollte den Ort kennen lernen, wo sie
mit ihm zusammen sein wrde, die knftige Heimat.

Man befand sich zu Anfang April; der Winter war berstanden, aber noch
nicht berwunden, er kmpfte noch mit dem nahenden Frhling. Trotzdem
wollte der Baron nicht lnger warten. Es mute etwas geschehen, wodurch
Anna krperlich mit dem neuen Dasein verknpft wrde, und sie selbst
hatte Lust dazu. Auch in ihr war ein Bedrfnis, die Umgebung des
knftigen Lebens kennen zu lernen; daneben regte sich die Neugier, das
schlesische Paradies endlich einmal mit Augen zu sehen.

So wurde der Besuch denn fr einen der nchsten Tage beschlossen.

Mit seinem alten Diener hatte der Baron seit jenem verhngnisvollen
Vormittage kein Wort mehr gesprochen; schweigend waren sie umeinander
hergegangen; es war wie ein Waffenstillstand zwischen ihnen.

Als er damals seine Wohnung verlie, um zu Anna zu gehen, hatte Eberhard
von Fahrenwald ernsthaft erwogen, ob er den Alten nicht fortschicken
sollte. Es war das erste Mal, da ihm der Gedanke kam.

Er hatte ihn von seinem Vater ererbt und es bisher wie eine Art von
Naturnotwendigkeit empfunden, ihn fortwhrend um sich zu haben. An
dem Tage zum erstenmal erhob sich eine Stimme in ihm, die ihm zurief:
Schick' ihn fort! Er wrde ihm natrlich eine fr seine alten Tage
ausreichende, ja eine glnzende Pension zahlen, aber er wollte ihn los
sein.

Als er dann aber zu Anna gekommen war, und diese fr den Alten gebeten
hatte, war sein Entschlu wieder schwankend geworden. Er war sich nun
wieder bewut geworden, da er gegen den ausdrcklichen letzten Willen
seines Vaters handeln wrde, wenn er so thte, und er sagte sich, da
er es doch gewesen war, der durch seine Heftigkeit den widerwrtigen
Auftritt verschuldet hatte. Kampf mit sich selbst, das war ja nun
einmal die Aufgabe, die ihm vom Schicksal auferlegt worden war, und dazu
gehrte, da er auch den Widerwillen, den unheimlichen, niederkmpfte,
der sich in ihm gegen den Alten zu regen begann.

Also schwieg er; der alte Johann schwieg auch, und uerlich schien es,
als wre alles, wie es frher und immer gewesen war.

Jetzt, am Tage, bevor er mit Anna hinauszufahren beschlossen hatte,
befahl der Baron dem Alten, vorauszufahren und das Schlo einigermaen
zum Empfange vorzubereiten. Die Zimmer sollten gelftet, in den Oefen
und Kaminen sollten Feuer angezndet werden. In den Wegen des Parks,
die vom Tauwetter jedenfalls aufgeweicht sein wrden, hie er ihn Sand
aufschtten und an besonders morastigen Stellen Bretter legen. Endlich
sollte fr ein Frhstck gesorgt werden.

Alle diese Weisungen erteilte der Baron in kurzem, bestimmtem Tone; der
alte Johann nahm sie mit schweigender Unterwrfigkeit entgegen; er war
in diesem Augenblick nichts weiter, als der demtige, gehorsame Knecht.

Ein grauer, nasser Himmel lag ber der Erde, als der Baron am nchsten
Morgen mit seinem Wagen bei Anna von Glassner vorfuhr, um sie zum
Bahnhofe abzuholen.

Als er bei ihr eintrat, stand sie schon reisefertig in ihrem grauen
Reisemantel da. Lchelnd wickelte er einen Gegenstand, den er in Hnden
trug, aus dem umhllenden Papier; es war ein Paar nagelneuer, mit Pelz
geftterter Gummischuhe.

Das ist kein Schmuck, sagte er, das darfst du annehmen, und im Park
drauen wird es feucht sein.

Sie sah ihm dankbar ins Gesicht.

Auch an so etwas denkst du?

Sie setzte sich, um die Gummischuhe anzulegen, und dabei konnte sie
nicht verhindern, da er sich auf ein Knie vor ihr niederlie, um ihr
beim Anziehen behilflich zu sein.

Zrtlich drckte er ihre kleinen Fe.

Aber Eberhard! mahnte sie.

Er sprang auf, schlo sie in seine Arme und kte sie auf den Mund.

Komm, sagte er, heute fhrst du als Anna von Glassner hinaus; das
nchste Mal als Anna von Fahrenwald.

Nach einer Eisenbahnfahrt von etwa einer Stunde kamen sie an der kleinen
Station an, von der man zum Gute des Barons gelangte. Als der Zug
einlief, stand bereits ein grauhaariger Mann mit abgezogenem Hute und
gebeugtem Rcken auf dem Bahnsteige; es war der alte Johann.

Sieh, wie pnktlich und aufmerksam er ist, flsterte Anna, mit dem
Kopfe nach dem Alten deutend, dem Brutigam zu. Dieser erwiderte nichts,
und als Johann hinzutrat, um dem Frulein beim Aussteigen behilflich zu
sein, verhinderte er, da er sie berhrte.

Ist der Wagen da? fragte er kurz.

Der Wagen war da.

Indem sie dahin gingen, drckte sie mit leisem Vorwurfe den Arm des
Brutigams; er war so freundlich und gut, nur dem alten Diener gegenber
erschien er ihr so barsch.

Der Wagen war zugedeckt, weil es vorher geregnet hatte; jetzt aber hatte
der Regen aufgehrt.

Mchtest du ihn lieber offen haben? fragte der Baron.

O ja, bat sie. Es war ja eine neue Welt, in die sie kam, und die
will man doch gern ordentlich sehen knnen. Also wurde das Verdeck
zurckgeschlagen; im Wagen befanden sich Fuscke und Decken; zwei
prchtige Rappen stampften an der Deichsel. Der Ueberflu kam ihr
entgegen und breitete beide Arme aus.

Nachdem er sie in eine Wagenecke gepackt und sorgfltig in die Decken
gewickelt hatte, setzte er sich neben sie; die Pferde zogen an und der
Wagen rollte auf die Landstrae hinaus. Wege und Stege trieften von
Nsse, in den Feldern rechts und links standen breite Wasserlachen, so
da sie wie Smpfe aussahen; am Himmel, der kalt und grau wie Stahl war,
taumelten die Wolken, vom Aprilwinde gejagt, in dicken schwrzlichen
Ballen dahin. Alles in allem war es kein freundlicher Empfang, den die
neue Welt dem jungen Mdchen bereitete.

Der Baron sah sie von der Seite an und sah, wie ihr Stumpfnschen keck
und vergngt aus Hllen und Decken in die graue Luft ragte.

Ist dir kalt? fragte er.

Nicht im geringsten! erwiderte sie.

Aber schn ist es nicht?

Himmlisch, gab sie zur Antwort. Was denkst du denn? So eine
Stadtpflanze, wie ich; das ist ja die reine Wonne, so ber Land zu
fahren!

Er war ganz glcklich und legte den Arm um sie; durch die Decken und
Tcher, mit denen er sie umwickelt hatte, war sie aber ganz unfrmlich
geworden, so da sein Arm nicht um sie herumreichte. Sie kicherte vor
Vergngen.

Siehst du, sagte sie, wenn du mich so weiter verwhnst, werde ich
noch so dick werden, da du mich gar nicht mehr umarmen kannst -- es
fngt schon an damit.

Er hrte ihrem Geplauder zu. Wie ihn das beglckte, da sie so zufrieden
war! Wie wenig sie brauchte, um zufrieden zu sein!

Der Wagen war inzwischen von der Landstrae abgebogen und quer
durchs Land gefahren. Jetzt tauchten in einiger Entfernung die kahlen
Baumkronen eines weit ausgedehnten Parkes vor ihnen auf.

Pltzlich kam Annas Hand unter den Decken hervorgekrochen und erfate
die Hand des Barons.

Eberhard, fragte sie leise, indem sie sich zu ihm hinberbog, ist es
das?

Er sah ihr ins Gesicht.

Das ist es, erwiderte er.

Sie verstummte; ihre Augen wurden gro und ernst.

Gefllt es dir? fragte er nach einiger Zeit.

Es scheint ganz wundervoll, gab sie flsternd zurck. Dann zeigte sie
mit dem Finger nach vorn.

Und das da -- das ist das Schlo?

Ueber den Wipfeln des Parks stiegen die Mauern eines groen Gebudes
finster empor.

Das ist das Schlo, versetzte er.

Dann ergriff er ihre Hand, die langsam niedergesunken war. Gefllt dir
das auch?

Sie nickte gedankenvoll mit dem Haupte. Nachdem sie dann ein Weilchen
geschwiegen, schmiegte sie sich an ihn.

Eberhard, bat sie leise, knnten wir nicht am Park aussteigen und
durch den Park zum Schlosse geh'n?

Wre dir das lieber? fragte er.

Sie nickte wieder; sie htte kaum sagen knnen, warum, aber es war
ihr wirklich lieber. Vielleicht, da ihr das groe dstere Gebude
unwillkrlich einen Schreck einflte.

Der Park ffnete sich in das umgebende Gelnde; weder Mauer noch Zaun
schlo ihn ab.

Als jetzt der Wagen die Stelle erreicht hatte, wo die Parkwege sich mit
der Fahrstrae kreuzten, befahl der Baron, anzuhalten.

Also komm, sagte er zu Anna, wir wollen aussteigen und zu Fue
gehen.

Rasch entledigte sie sich ihrer Umhllungen, und auf seine Hand
gesttzt, sprang sie hinab.

Whrend der Wagen zum Schlosse weiterfuhr, schritten die beiden, Arm in
Arm, in den Park hinein.

Ihr Weg fhrte sie eine Allee entlang, die von hochstmmigen, uralten
Buchen gebildet wurde. In den bltterlosen Wipfeln brauste der Wind, der
immer strker angeschwollen und jetzt beinahe zum Sturm geworden war.
Die Bume neigten und beugten sich, die kahlen Aeste schlugen klatschend
aneinander, ein Chor von tausend seltsamen Lauten, ein Krachen, Pfeifen
und Heulen erfllte die Luft.

Unwillkrlich schlo Anna sich dichter an ihren Begleiter. Zum erstenmal
setzte sie den Fu auf Fahrenwaldschen Grund und Boden, und es war,
als wenn die Geister und Dmonen, welche dieses Gebiet bewohnten, sie
begrten.

Der Baron fhlte ihre ngstliche Bewegung; er sagte sich, da er sie
nun da hatte, wo er sie haben wollte, haben mute, aber es war wie ein
Gefhl des Unrechts in ihm. Er kam sich vor, wie ein Jger, der in einem
fremden Erdteile ein Wild gefangen und es in seine Heimat geschleppt
hat. Wird das fremde Geschpf sich an die Luft der neuen Umgebung
gewhnen?

In Gedanken verloren, waren sie schweigend frba geschritten. Dann fing
Anna an.

Siehst du, sagte sie, nun begreif' ich, warum sie deinen Park das
schlesische Paradies nennen; das find' ich so schn, da der Garten so
offen ist; da knnen die armen, mden Leute, wenn sie von den Feldern
drauen kommen, hereintreten und sich unter den schnen schattigen
Bumen erholen.

Gefllt es dir? fragte er zurck, das freut mich. Frher, verstehst
du, war ein Gitter rings um den Park herum; ich habe es wegnehmen
lassen.

Das hast du gethan?

Ja, sagte er einfach.

Sie ruckte an seinem Arm; beide blieben stehen.

Eberhard, sagte sie leise, indem sie ihm in die Augen sah, weit du,
was ich glaube? Da du der beste, gtigste Mensch bist, den es auf Erden
gibt.

Er wandte das Haupt zur Seite, als wolle er ihrem Blicke ausweichen.
Es gibt Menschen, die es nicht vertragen, da man sich mit ihnen
beschftigt; vielleicht auch, da er an den Vormittag zurckdachte, da
er nahe daran gewesen war, den alten Johann zu erschlagen, und da
ihr Lob ihm darum ungerechtfertigt erschien -- er erwiderte nichts und
drckte nur hastig ihre Hnde. Dann schlang er ihren Arm wieder in den
seinen und setzte den Weg mit ihr fort.

Von der Allee bogen sie in einen Seitenweg ab, und indem sich nun der
Park tief wie ein Wald vor ihr aufthat, sah und empfand Anna erst, wie
schn und herrlich er war.

O Eberhard, fuhr sie bewundernd heraus, wie mu das alles herrlich
sein, wenn es erst Frhling wird und alles in Laub und Blttern steht!

Nun warf er den Arm um sie her; sie fhlte seinen leidenschaftlichen
Druck.

Meinst du, da es schn sein wird? Glaubst du, da es dir gefallen
wird? da du glcklich sein wirst? Glaubst du's?

Ja doch, ja gewi, erwiderte sie, indem sie sich bemhte, ihn
den Schreck nicht fhlen zu lassen, den seine pltzliche
Leidenschaftlichkeit ihr eingejagt hatte.

Dann will ich dir etwas sagen, fuhr er fort, indem er sie eng an sich
prete, sprich nie von mir! Hrst du? Sag nie, da ich gut bin! Von
mir, siehst du, mu nie die Rede sein; das ist mir gerade recht, ist mir
das allerliebste! Nur du bist da, und du sollst glcklich und zufrieden
sein. Siehst du, ich will mal ein Bild brauchen, damit du's verstehst:
du bist fr mich wie die Sonne, und ich bin wie die Erde. Und wenn die
Sonne scheint, siehst du, dann ist die Erde glcklich, da sie sich um
die Sonne drehen kann. Und mehr will ich nicht und brauch' ich nicht.
Und darum gibt's fr die Sonne nur eine Verpflichtung: nmlich, da sie
da ist und leuchtet, weiter gar nichts. Und nun sag' mir, wirst du
daran denken? Und da sein fr mich und leuchten? Wirst du's? Versprichst
du's?

Was blieb ihr anders brig, als es zu versprechen? Aber whrend sie es
that, fhlte sie beklommenen Herzens, da es nicht immer leicht sein
mochte, nichts weiter als Sonne zu sein und immerdar zu leuchten.

Indem sie dem Schlosse nher kamen, lichtete sich der Park, das
Baumdickicht blieb hinter ihnen und der Weg fhrte an Rasenflchen und
Blumenbeeten vorber.

Anna ri sich vom Arme des Brutigams los und schlug in die Hnde.

O herrlich! rief sie, hier beginnt mein Reich!

Sie lief einige Schritte voraus und achtete nicht darauf, da ihre
Fe in dem aufgeweichten Boden beinahe bis an die Knchel einsanken.
Zwischen den kahlen Blumenbeeten ging sie auf und ab.

O Eberhard, rief sie, Eberhard, wie sieht das hier aus! Da bekomme
ich Arbeit! Da bekomme ich Arbeit!

Der Baron war hinter ihr stehen geblieben.

Geh nicht zu weit, warnte er scherzend, du ertrinkst mir am Ende
noch, bevor du an deine Arbeit kommst.

Jauchzend flog sie zu ihm zurck. Blumen gab es also auch hier in
dem verwunschenen Hause, und da wo Blumen sind, ist ja auch Licht!
Im Augenblick aber, da sie ihm in die Arme fallen wollte, blieb sie
jhlings stehen. Jetzt erst bemerkte sie, was sie vorhin nicht gesehen
hatte, da sie unmittelbar vor dem Schlo standen.

Auf einem Unterbau von mchtigen Granitquadern, der nur von wenigen,
engen, vergitterten Fenstern durchbrochen war, erhoben sich zwei
Stockwerke, deren jedes zwlf Fenster zeigte. Himmelhoch sah es von hier
unten aus, die Mauern ganz grau, beinahe schwrzlich, wie angeblakt vom
schweren Atem der Jahrhunderte; wie ein Gebirge lag es da, und obschon
keine Sonne am Himmel stand, war es, als wenn es einen schweren Schatten
ber die Menschen wrfe, die schweigend zu ihm aufblickten.

Du mut nicht erschrecken, sagte der Baron, als er in Annas Zgen den
Eindruck wahrnahm, den die dstere Behausung in ihr hervorrief, es
ist ein altes Komtureigebude, daher ist es so alt und sieht so finster
aus.

Aber weit du, erwiderte sie, indem sie sich in seinen dargebotenen
Arm hing, wenn du es mit frischer Farbe anstreichen lieest, wrde es
gewi viel freundlicher aussehen.

Er nickte zufrieden.

Siehst du, sagte er, das ist gleich ein vortrefflicher Gedanke. Ich
merke schon, es kommt mit dir ein neuer Geist ins alte Haus.

Er fhrte sie darauf durch eine Halle, die vom Garten nach dem Hofe
hindurchging, und als Anna, mit offenem Munde, stehen bleiben und
den groen, seltsam ausgeschmckten Raum bewundern wollte, zog er sie
weiter.

Komm, mahnte er, es ist kalt hier drin.

In dem schwachen Lichte, das durch enge Fenster hereinfiel, hatte
sie nur soviel sehen knnen, da die Wnde von oben bis unten
mit Jagdtrophen und Jagdgerten behangen waren. Hirschgeweihe,
Wildschweinskpfe und Kpfe von Elentieren, mit lang herabhngenden
Schnauzen, ragten aus den Mauern hervor; das Jagdgert und die Waffen
schienen uralt zu sein; ein riesiger Kamin, in dem kein Feuer brannte,
befand sich in der einen Wand.

Sie traten auf den Hof hinaus, den auf der einen Seite das Schlo, auf
der andern ein Wirtschaftsgebude umgab, und hier ffnete sich das Thor,
das zu den oberen Rumen fhrte.

Durch einen Vorflur, dessen Boden mit Steinfliesen belegt war, und wo
rechts und links zwei alte groe Bilder an den Wnden hingen, Pferde
in Lebensgre darstellend, die von Stallknechten in der Kleidung des
siebzehnten Jahrhunderts gefhrt wurden, gelangte man an die Treppe.

Es war eine Stiege von altem dunklen Eichenholz, mit so flachen Stufen,
da man das Steigen kaum gewahr wurde. Schwere Gelnder liefen zu beiden
Seiten hinauf.

Anna wute kaum, wie ihr zu Mute war, als sie in diese wuchtige, von
Jahrhunderten gesammelte und aufgespeicherte Pracht hineinschritt; die
Erinnerung an den Abend kam ihr zurck, als sie zum erstenmal in seinem
Wagen nach Hause gefahren war.

Der Mann an ihrer Seite aber prete ihren Arm und lie ihr keine Zeit
zum Besinnen.

Hast du gehrt, fragte er, indem er sie die Stufen hinaufzog, wie die
alte Treppe geknackt hat? Das ist eine gute Vorbedeutung; sie hat die
neue Herrin erkannt und sie begrt.

Stumm drckte sie ihm die Hand. Sie htte so gerne etwas Frhliches
erwidert, aber das fremdartige Neue, das sie umgab, lastete auf ihrer
Brust.

Es war ein altertmlich gebautes und verbautes Haus mit lichtlosen
Rumen. Die Treppe mndete in einen Flur, der keine Fenster hatte,
sondern nur durch eine hoch oben im Dache angebrachte Glasscheibe so
viel Helligkeit empfing, da man die Gegenstnde ringsumher erkennen
konnte. Eine schmalere Treppe leitete vom ersten zum zweiten Stockwerke
hinauf; der Haupttreppe gegenber ffnete sich ein Gang, an dessen
rechter, nach dem Hofe gelegener Seite sich eine Reihe kleiner, winklig
ineinander geschobener Gemcher befand; die eigentlichen Wohn- und
Staatszimmer lagen vom Eintretenden links, durch eine Glasthr vom Flure
getrennt.

Als der Baron mit Anna die Treppe bis zum ersten Stock hinaufgestiegen
war, ffnete sich die Glasthr und es erschien eine Gestalt, die Anna,
in dem Dmmer, der sie umgab, kaum zu erkennen vermochte. Es war der
alte Johann, der lautlos daran ging, seinem Herrn und dessen Begleiterin
die Mntel abzunehmen.

Hinter der Glasthr war noch ein Vorraum, und hier herrschte eine so
vllige Dunkelheit, da Anna nur tappend weiter zu schreiten vermochte.
Pltzlich aber brach Licht herein. Der Baron hatte eine Thr geffnet,
die Anna nicht gesehen hatte; an der Hand zog er sie ber die Schwelle,
und mit einem unwillkrlichen Ah -- des Staunens und der Bewunderung
stand sie mitten im Zimmer.

Der Raum, der sie umgab, war ein groer, viereckiger Saal, dessen Decke
in gotischen Spitzbogen gewlbt war und dessen Wnde von groen, vom
Fuboden bis an die Decke reichenden Bcherschrnken eingenommen
wurden. Die Schrnke waren durch dicke, rotbraune Holzsulen voneinander
getrennt, die kunstvoll, in Gestalt von Palmbaumstmmen ausgeschnitzt
waren. In den Schrnken drngte sich eine Masse von Bchern; vom Knaufe
der Decke, in dem die Spitzbogen des Gewlbes zusammenliefen, hing ein
schwerer, altertmlicher Kronleuchter herab und unter dem Kronleuchter,
inmitten des Raumes, stand ein Frhstckstisch fr zwei Menschen
zugerichtet.

Der Baron trat an den Tisch.

Du mut hungrig geworden sein, sagte er, wollen wir gleich
frhstcken?

Anna aber stand in Staunen befangen und erstarrt.

Nachher, erwiderte sie auf die Einladung des Barons, erst mu ich mir
das alles ansehen. Das ist ja zu merkwrdig!

Sie ging von Schrank zu Schrank, sie befhlte mit den Hnden die
geschnitzten Sulen und sah erst jetzt, welche Flle erfinderischer
Kunst dahineingelegt war. An den Palmen kletterten, in Holz geschnitzt,
Affen, Leoparden und andre fremdartige Tiere auf; in den Wipfeln, die
sich unter der Deckenwlbung ausbreiteten, sah man Papageien und andre
Vgel sich wiegen.

Wie wundervoll, sprach sie staunend vor sich hin, wie wundervoll.

Der Baron verfolgte schweigend ihr Umherwandern.

Das ist Holzschnitzerei aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts,
erklrte er.

Aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts -- Anna blieb stehen und
sah zu ihm hinber. Das war ja ein knigliches Besitztum -- und in
dem sollte sie gebieten? Sie, das drftige Gewchschen des neunzehnten
Jahrhunderts?

Sie trat vor den Kamin, in dem ein Feuer von mchtigen Holzscheiten
prasselte; dann ging sie an die Fenster und bemerkte, da sie auf den
Park hinausgingen und da sie sich hier am Ende der Schlofront befand.
Zu ihrer Rechten war die Thr geffnet, durch die man in die anstoenden
Gemcher blickte. Die Thren all dieser Zimmer standen offen, so da
sich der Blick in einer schier endlosen Flucht von Rumen verlor, aus
denen ein unbestimmtes Leuchten und Glnzen zu ihr drang. Sie ahnte,
da in allen diesen Gemchern eine gleiche Pracht wie in diesem ersten
herrschen mochte. Strker als Hunger und Durst war die Neugier.

O Eberhard, sagte sie leise, indem sie die Hnde zusammenlegte,
thu mir's zuliebe, zeig mir das alles erst. Frhstcken knnen wir ja
nachher.

Er war bereit, und an seiner Seite ging sie nun ber den spiegelglatten
Parkettboden in das nchste Zimmer und von da weiter.

Die Rume waren, wie man das in alten Husern findet, launenhaft
unsymmetrisch gebaut; bald in Form von langen, schmalen Gngen, bald zu
tiefen Gelassen ausgeweitet.

Allen gemeinsam aber war die reiche Pracht der Ausstattung. Ein
altertmlicher schwerer Prunk herrschte in dem Mobiliar. Tiefrckige
Sofas, mit vergoldeten, in Lwenkpfen auslaufenden Armlehnen;
Lehnsthle von schwarzem Ebenholz; dazwischen, einer jngeren
Epoche entstammend, kleine Sthle von zartem, vergoldetem Holz und
Rohrgeflecht. Dunkelroter Sammet in dem einen, dunkelblauer Sammet in
dem nchsten Zimmer, dann wieder Polster von goldgepretem Seidenstoff.
An den Wnden groe Spiegel in massiv goldenen oder silbernen Rahmen und
eine Flle von Bildern. Unter diesen, die smtlich von lteren Meistern
herrhrten, vielfach hervorragende Werke; wie denn berhaupt die ganze
Ausschmckung der Rume den Eindruck erweckte, da ein hochentwickelter
Kunst- und Schnheitssinn zur geistigen Erbschaft der Fahrenwalds
gehrte.

Am liebsten wre Anna vor jedem einzelnen Bilde stehen geblieben; aber
dann htte sie bis zum Abend stehen knnen, und heut abend wollten
sie doch wieder in Breslau zurck sein. Darum lie sie sich von ihrem
Begleiter weiterfhren, und nur in einem der Gemcher machte sie
unwillkrlich vor den Gemlden Halt.

Es war dies ein gangartiger Raum, ungefhr wie eine Galerie. Auf
der Tapete von dickem purpurrot gefrbten Leder hing eine Reihe von
Portrts, Mnner und Frauen darstellend, offenbar die hauptschlichen
Vertreter des Geschlechts.

Aus dem sechzehnten Jahrhundert kamen sie hervor und gingen bis in die
Neuzeit, eine gemalte Chronik der wandelnden Tracht und Kultur.

Die Augen des jungen Weibes hafteten an den Kleidungen, daneben
aber beschftigte es sie, den stark hervortretenden Zug von
Familienhnlichkeit wahrzunehmen, der die Gesichter innerlich verband.
Lauter edle, fein ausgearbeitete Physiognomieen, mit bleichen Zgen und
dunklen, schwermtigen Augen, eine Reihe von Menschen, von denen der
vorhergehende immer dem nachfolgenden die schwere Brde des Lebens
auf die Schultern zu legen schien, froh, da er sie nicht lnger zu
schleppen brauchte.

Annas Blicke gingen zu Eberhard hinber, dem letzten Fahrenwald, der mit
offenbarer Ungeduld an der Thr zum nchsten Zimmer ihrer wartete, und
sie stellte fest, da sein Aeueres ihn als echten Nachkommen seiner
Vorfahren verkndete.

Als sie seine Ungeduld bemerkte, ri sie sich los, um ihm zu folgen,
an der Thr zum Nebenzimmer aber hing ein Bild, das ihre Schritte wider
ihren Willen bannte.

Ein alter, weihaariger Mann, in langem schwarzen Rock, ber den am
Halse ein breiter, spanischer Spitzenkragen fiel, sa an einem Tische,
auf dem sich Phiolen, Retorten und all die Gerte befanden, wie sie vor
Zeiten die Alchimisten gebraucht hatten.

Das aber, was den Beschauer an das Bild fesselte, waren die Augen des
alten Mannes; diese Augen waren schrecklich. Stier und starr, mit einer
Wut im Ausdruck, die lebendig geblieben zu sein schien, nachdem der
Krper des Mannes lngst im Grabe zerfallen war, bohrten sie aus der
Leinwand hervor.

Whrend Anna sprachlos vor dem Gemlde stand, trat der Baron zu ihr
heran und fate sie, beinah heftig, am Arm.

Komm fort, sagte er. Der Ton seiner Stimme war rauh, wie nie zuvor.

Von dem unheimlichen Anblick gefesselt, stand sie noch immer.
Jetzt wandte er sich nach der Thr, durch welche sie in die Galerie
eingetreten waren.

Hatte ich dir nicht befohlen, das Bild fortzunehmen?

Sie drehte den Kopf -- zu wem sprach er?

In der Thr stand der alte Johann, der, wie es schien, lautlos hinter
ihnen drein gekommen war.

Sie sah, wie er langsam den Kopf vorstreckte und die Augen auf den Baron
richtete.

Gndiger Herr, sagte er, haben nichts davon befohlen.

In dem Augenblick fhlte Anna, deren Arm in dem des Barons lag, wie
ein Zucken durch dessen Krper ging. Seine Gestalt reckte sich in allen
Gelenken, so da er Anna um mehr als Kopfeslnge berragte.

Wenn ich's also wirklich noch nicht befohlen haben sollte, fuhr er
fort, indem er ber sie hinweg sprach, so befehl' ich es jetzt. Das
Bild kommt fort von der Wand! Gleich auf der Stelle! Jetzt!

Nun kam der alte Diener, immer den Kopf vorgestreckt, und immer die
Augen auf seinen Herrn gerichtet, zwei Schritte nher.

Das soll fort? Das Bild von dem alten Herrn?

Ja -- hast du mich nicht verstanden? erwiderte der Baron, und seine
Stimme rollte dumpf empor.

Wohin -- soll ich's denn bringen?

Der Baron berlegte einen Augenblick.

Oben hinauf, befahl er dann, in die grne Kammer.

In den Augen des alten Dieners zuckte ein grelles Licht auf; es sah aus,
als traute er seinen Ohren nicht.

Das Bild-- fragte er, beinah drohenden Tons, von hier fort? in die
grne Kammer?

Und jetzt geschah etwas, das Anna mit eisigem Schreck berlief; von dem
Mann an ihrer Seite, von dessen Mund sie bisher nur Tne sanftester Gte
vernommen hatte, kam pltzlich ein unbeschreibbarer Laut.

Wenn dir das also nicht pat, schrie er, dann also anders: auf den
Boden mit dem Bild!

Der alte Johann erwiderte nichts, rhrte sich aber auch nicht vom Fleck,
nur sein Mund that sich halb auf, da man die langen Zhne darin sah.

In der Brust des Barons stieg etwas herauf, gurgelnd und rauschend, wie
eine steigende Flut.

Auf den Boden damit, hast du mich gehrt?

Diesmal schrie er nicht, er brllte. Anna blickte auf; sein Gesicht war
verzerrt.

Ein furchtbares Entsetzen berkam sie.

Eberhard! kreischte sie auf.

Als er den Schrei vernahm, senkte er den Blick zu ihr. Sie stand
leichenbla, mit schlotternden Gliedern, die Hnde wie flehend und
zugleich wie abwehrend zu ihm erhoben. In dem Augenblick war es, als
knickte sein aufgestraffter Krper in sich zusammen, die lodernde Wut in
seinen Augen erlosch, um einem malosen Erschrecken zu weichen, und mit
einem dumpfen o mein Gott schlang er beide Arme um sie, ri sie an
seine Brust, und so, indem er sie an sich gepret hielt, zog er sie
aus der Galerie in das anstoende Gemach, wo er sie auf das Sofa
niedersinken lie.

Sobald sie Platz genommen, sank er knieend zu ihren Fen, das Haupt in
ihren Scho gedrckt, die Hnde um sie gelegt, als frchtete er, da
sie aufspringen und entfliehen wrde. Daran aber htte Anna wohl kaum
gedacht, sie fhlte sich von dem eben erlebten Schreck ganz kraftlos
und gebrochen. Sie mute die Zhne aufeinanderpressen, damit sie nicht
klappernd zusammenschlugen, ihre Glieder zitterten wie im Frost.

Als der Baron das Beben ihres Leibes versprte, hob er das Gesicht zu
ihr auf.

Aengstige dich nicht, flehte er, ngstige dich nicht.

Aber er sah ihre Augen mit stummem Grauen auf sich gerichtet.

Es war ja um deinetwillen, da ich so heftig wurde, fuhr er fort,
weil ich sah, da das Bild dich erschreckte.

Und als sie noch immer nicht im stande war, ein Wort zu erwidern,
drckte er das Haupt wieder in ihren Scho und schttelte es und fate
sie fester mit den Hnden.

Geh nicht von mir! sthnte er, verla mich nicht!

Bei diesem Worte wurde ihr wieder weich und warm. Schweigend breitete
sie die Arme um ihn her, senkte das Gesicht auf sein Haupt und ein Strom
von Thrnen, der lautlos aus ihren Augen brach, verkndete, da das Eis
geschmolzen war, das sich fr einen Moment um ihre Seele gelegt und sie
von ihm getrennt hatte.

So saen sie schweigend bei einander, lange Zeit. Das einzige Gerusch,
das man vernahm, war das Knistern des Holzes im Kamin, das in sich
zusammenfiel, um sich in Kohle zu verwandeln und danach zu Asche zu
werden. Sonst regte sich kein Laut, und es war, als hauchten die alten
Mbel, die Bilder an den Wnden die dumpfe Stille aus, die wie eine Last
im Zimmer lag. Es war, als thten sich geruschlos in Winkeln und Ecken
und in der Luft umher Augen auf, dunkle, schwermtig forschende Augen,
als blickten sie fragend auf die beiden in sich versunkenen Menschen
dort, und als blinzelten sie sich gegenseitig zu, Gedanken tauschend,
wie die Abgeschiedenen sie verstehen, die Lebenden aber nicht.

Endlich hatte Anna ihre Fassung wieder erlangt.

Komm weiter, sagte sie, indem sie sich vom Sofa erhob.

Er stand auf.

Nun wirst du wohl nichts mehr sehen wollen? fragte er.

Sie fhlte, da sie ihm Mut machen msse.

O ja, gewi, versetzte sie, du hast es mir versprochen, und
Versprochenes mu man halten.

Sie hing sich in seinen Arm, sie bemhte sich, einen leichten Ton
anzuschlagen und ihm zu zeigen, da alles berwunden und vergessen sei.

So fhrte er sie denn weiter, bis da sie am andern Ende der
Zimmerflucht in zwei kleinere, freundlichere Gemcher gelangten.

Siehst du, sagte er, stehen bleibend, dies, hatte ich gedacht, sollte
dein Wohnzimmer sein, und dort nebenan solltest du schlafen.

Anna blickte umher.

O ja, meinte sie, hier knnte es mir gefallen.

Sie ging ans Fenster.

Da hab' ich ja gerade meine Blumen vor mir, sagte sie, indem sie in
den Garten hinunterblickte. Das macht sich alles ganz vortrefflich.
Nur, weit du, was ich mchte? Da das Zimmer vielleicht eine andere
Tapete bekme.

Sie trat an die Wand und befhlte den dicken, dunkelbraunen Stoff, mit
dem sie bekleidet war.

Das ist ja alles ganz prachtvoll, fuhr sie fort, und die eingepreten
Goldmuster geradezu kostbar, aber siehst du, ich bin nun einmal ein
Kind unsrer Zeit und mchte es gern ein bichen heller haben und
freundlicher.

Der Baron machte ein Gesicht wie ein vergngtes Kind.

Aber Anna, rief er, das ist ja mein Gedanke gewesen von Anfang an!
Alle Zimmer miteinander mchte ich umtapezieren lassen, damit mehr
Licht in die alte Finsternis kommt. Und in Breslau habe ich ein Muster
gesehen, weien Untergrund mit goldenen und blauen Blumen, etwas reizend
Freundliches, den suchen wir uns, gleich morgen, nicht wahr?

Sie nickte ihm zu.

Gleich morgen, sagte sie.

Er ergriff ihre Hnde. Es sah aus, als wolle er sich bei ihr bedanken.

Und andre Mbel darf ich dir auch hineinstellen? Nicht wahr? Diese
alten, schweren Sessel mit den riesigen Lehnen, diese bauschigen Sofas,
das ist doch alles nichts fr dich? Nicht wahr? Etwas recht Zartes,
Luftiges und Duftiges suchen wir uns aus, das erlaubst du mir? Nicht
wahr? Hast du Rosenholz gern?

Sie sah ihm in die Augen und neigte das Haupt.

Alles, was dir gefllt, wird auch mir gefallen, und was du mir
schenkst, nehme ich gern.

Ein Freudenschein zuckte ber sein Gesicht. Er machte eine Bewegung,
um sie zu kssen, bevor er aber dazu gelangte, bog er den Kopf wieder
zurck. Der ngstliche Ausdruck, mit dem er sie ansah, verriet, da er
sich nicht getraute. Er dachte an den Auftritt von vorhin.

Anna schob langsam die Hnde an seinen Armen hinauf, bis da sie auf
seinen Schultern ruhten. Da stand er vor ihr, der Besitzer all dieser
Pracht und Herrlichkeit, der gegenber sie sich wie eine Bettlerin
erschien, da stand er, der starke Mann, in dessen Armen sie wie Glas
zersplittert wre, wenn seine Kraft sich gegen sie gewandt htte -- und
bat sie, demtig wie ein Knabe, ihr all seinen Reichtum zu Fen legen
zu drfen, und wie ein Schuldbewuter wagte er nicht, sie zu kssen. Und
worin bestand denn seine Schuld? Ein unaussprechliches Mitleid quoll ihr
im Herzen empor, die Thrnen drngten sich ihr in die Augen. Aber sie
wollte ihn keine Thrnen sehen lassen, sie zwang sich zum Lcheln, und
so, weil ihr trotz allem Widerstand die Augen dennoch bergingen, hob
sie sich auf den Fuspitzen empor, und unter Thrnen und Lcheln
suchte sie mit ihrem Munde seinen Mund. Aufatmend, wie nach tiefer
berstandener Qual, beugte er sich zu ihr herab, und der Ku, in dem sie
sich zusammenfanden, war wie ein gegenseitiges Versprechen, da sie nun
ein neues Leben begrnden wollten in dem alten, ausgestorbenen Hause.

Raschen Schrittes kehrten sie darauf zu dem Saale zurck, wo das
Frhstck angerichtet stand. Die warmen Speisen waren inzwischen kalt
geworden, aber das strte die Laune nicht. Auch war neben den warmen
Gerichten kalter Braten in gengender Flle da, um sich daran satt zu
essen. Whrend der alte Johann die Teller wechselte, schenkte der Baron
ihr Wein ein, und sie trank ein tchtiges Glas. Sie war nun ganz
heiter, ganz ihrem Berufe als Sonne treu, und der Baron, ihre Erde,
leuchtete in ihrem Lichte auf.

Das einzige, was sie einigermaen htte stren knnen, war der Anblick
des alten Dieners, der schweigend aufwartete und, whrend sie aen und
tranken, hinter dem Stuhle seines Herrn stand.

Unwillkrlich gingen ihre Blicke von Zeit zu Zeit zu ihm hin, und immer
sah sie ihn dann in einer ganz seltsamen Haltung, regungslos, den Kopf
wie in brtendem Sinnen zu Boden gesenkt, an seinem Platze stehen.

Offenbar dachte er immer noch darber nach, wie furchtbar und eigentlich
grundlos der Baron ihn vorhin angefahren hatte. Das that ihr so leid
um den alten Mann. Sie fhlte das Bedrfnis, ihm irgend eine kleine
Freundlichkeit zu erweisen. Zwischen Herrn und Diener war offenbar eine
Spannung; es wre ihr so lieb gewesen, wenn sie das Verhltnis zu einem
guten htte machen knnen; Menschen, die so einsam leben, wie sie drei
nun bald leben wrden, mssen sich doch verstehen, drfen nicht mit
feindseligen Gedanken umeinander hergehen.

Aber wissen Sie, Johann, fing sie mglichst unbefangenen Tones an,
indem sie den Kopf zu ihm erhob, ich mu Ihnen wirklich mein Kompliment
machen, wie das Schlo im Stande gehalten ist. Da ist ja kein Stubchen
und kein Fleckchen, und das Feuer in den Kaminen-- Sie brach im Satze
ab.

Der Alte, als er seinen Namen von ihrem Munde hrte, hatte langsam, wie
aus einem Traume zurckkommend, den Kopf erhoben und die Augen auf sie
gerichtet, und als sie seine Augen sah, konnte sie nicht weiter.

Was fr Augen waren das! Stierend, bohrend, als wollten sie sich durch
ihre Augen hindurch bis in das Mark ihres Lebens hineinwhlen. Dabei
that sich, wie sie es vorhin schon an ihm wahrgenommen hatte, sein Mund
halb auf, so da die langen Zhne sichtbar wurden, der Kopf schob sich
nach vorn, und das ganze Gesicht nahm einen Ausdruck an -- ja, was war
es nur fr ein Ausdruck? Anna begriff ihn zuerst gar nicht, dann kam ihr
das Bewutsein: das war ja Ha! Wtender Ha! Sie hing wie gebannt an
diesem Gesicht. -- Was hatte sie ihm gethan? War er so erbittert ber
sie, weil sie ahnungslos die Ursache gewesen war, da sein Herr so
heftig gegen ihn wurde?

Der Baron, der nervs aufgezuckt war, als sie sich an den Alten wandte,
hatte ihr pltzliches Verstummen bemerkt. Jetzt sah er ihr totenblasses
Gesicht und ihre verstrten Augen.

Ist dir etwas? fragte er.

Er fate nach ihrer Hand; ihre Hand war eiskalt.

Ist dir unwohl? wiederholte er hastig seine Frage.

Sie schttelte den Kopf. Von der Stuhllehne, an die sie zurckgesunken
war, richtete sie sich gewaltsam auf. Sie drckte seine Hand, als wollte
sie ihn beruhigen.

Nein, nein, nein, erwiderte sie. Ihre Stimme war gepret, ihre Augen
gingen zu den Bchern hinber und von den Bchern in irgend eine Ecke.
Es war, als flchteten sie sich, als wten sie nicht mehr, wo sie
hinblicken sollten. Aufzuschauen wagte sie nicht, denn da stand ja der
Alte; den Baron anzuschauen vermochte sie auch nicht, denn sie sprte,
wie die wilde Unruhe in sein Gesicht zurckkehrte. Der seltsame Raum, in
dem sie sich befand, die fremdartigen Tiergestalten in den geschnitzten
Palmen -- es war, als wenn das alles zu einem lautlosen, unheimlichen,
gespenstischen Leben erwachte, als wenn es wirklich ein verwunschenes
und verzaubertes Haus sei, in das sie sich tollkhn hineingewagt hatte,
und aus dem es nun kein Entrinnen mehr gab. Eine betubende Angst legte
sich auf sie, es war ihr zu Mute, als wrde ihr eine schwere bleierne
Haube ber den Kopf gezogen.

Jhlings stand sie auf.

Ach, weit du, sagte sie mit taumelnder Stimme, ich glaube, wir
mchten nach Haus fahren -- ich glaube, es wird Zeit.

Mit einem Sprunge war er neben ihr; er hatte gesehen, wie sie wankte;
er schlang den Arm um sie; mit lastender Wucht lehnte sie an seiner
Schulter.

Der Wagen soll vorfahren! herrschte er dem Alten zu.

Sobald dieser hinaus war, beugte er sich zu ihr.

Was ist dir? forschte er voller Besorgnis, ist dir etwas geschehen?
Hat dir jemand etwas gethan?

Sie suchte mit den Augen umher -- der Alte war fort. Ihre Lippen
bewegten sich lallend.

Er -- ich wei nicht, was ich ihm gethan habe -- hat mich so
schrecklich angesehen.

Der Johann?

Sie drckte das Gesicht an seine Brust.

Um Gottes willen bleib ruhig, bat sie. Schon hrte sie, wie die
steigende Flut in seiner Brust wieder zu rauschen begann; schon fhlte
sie, wie der Griff seiner Hand, mit der er sie umschlungen hielt, wieder
eisern wurde.

Ich schicke ihn fort! knirschte er.

Nein, flehte sie, nicht um meinetwillen!

Ich jage ihn fort! wiederholte er drohend.

Sie waren, indem er das sagte, auf den Flur hinausgetreten; er hatte so
laut gesprochen, da seine Worte durch den ganzen Treppenraum hallten.
Am Fue der Treppe stand der alte Johann; er hatte hren mssen, was der
Baron eben gesagt hatte. Und nun begab sich etwas Unerhrtes.

Indem der Baron mit Anna die Treppe hinabzusteigen begann, knickte der
Alte da unten in die Kniee und fiel zu Boden, beide Hnde nach oben
ausgestreckt. Das Haar hing ihm wirr bers Gesicht, seine Augen waren
ganz rot; seine Brust arbeitete und sein Mund war weit offen. Aber er
brachte nichts hervor, als ein dumpfes Keuchen; mit plattem Leibe warf
er sich auf die Treppe, so da sein grauer Kopf auf den Stufen lag.

Jesus, Gottes Sohn-- stammelte Anna, indem sie, von Grausen gepackt,
den Arm ihres Begleiters umklammerte und ihn zum Stillstehen zwang.

Jetzt fing der Alte mit dumpfer, heulender Stimme an: Gndiger Herr
wollen mich fortjagen -- und ich habe gndigen Herrn auf den Armen
getragen -- und ich bin immer mit gndigem Herrn gewesen -- und habe
immer nichts andres gedacht, als was gndigem Herrn gut wre und gesund
-- und gndiger Herr wollen mich fortjagen--

Annas Hand krallte sich in den Arm ihres Brutigams, sie wute
kaum mehr, was sie that; sie fhlte, wie die Ohnmacht ihre Augen zu
verdunkeln begann.

Sag ihm, da du ihn behltst, raunte sie mit fliegendem Atem; wenn du
mich lieb hast, sag ihm, da du ihn behltst!

Der Baron strich mit leiser Hand ber ihr glatt gescheiteltes Haar; die
Ruhe war ihm zurckgekehrt.

Steh auf, Johann, sagte er, du sollst bleiben, ich jage dich nicht
fort.

Schwerfllig raffte sich der alte Mann auf und trat an den Fu der
Treppe zurck. Er blickte nicht auf, seine Arme hingen herab, mit der
rechten Hand wischte er den Treppenstaub von seinem Rock.

Und hier, bei dem gndigen Frulein bedanke dich, fuhr der Baron fort,
indem er mit Anna bei ihm vorberschritt, k ihr die Hand, sie hat fr
dich gebeten.

Knechtisch gebeugten Hauptes trat der Alte auf Anna zu, um ihr die Hand
zu kssen. Solcher Bezeigungen ungewohnt, wollte Anna es nicht dulden.
Der Baron stie sie heimlich an.

Thu's, flsterte er ihr zu, es mu sein!

Nun berlie sie ihm ihre Hand, die der Diener, ohne die Augen zu
erheben, an den Mund fhrte.

Indem sie die gebrochene Gestalt vor sich sah, berkam sie ein wahres
Jammergefhl. Unwillkrlich drckte sie seine Hand.

Das alles wird vorbergehen, sagte sie mit wohlwollendem Trost, ich
wei ja, wie treu Sie dem Herrn Baron immer gewesen sind, und das sollen
Sie auch in Zukunft bleiben, und dann werden wir ganz gewi gute Freunde
werden, ganz gewi.

Sie vermochte nicht zu erkennen, welche Wirkung ihre Worte auf den Alten
hervorbrachten; ohne aufzublicken, zog er sich zurck, und gebeugten
Hauptes blieb er stehen, bis Anna mit ihrem Begleiter auf den Hof
hinausgetreten war. Sie stiegen ein; der Wagen rollte ab, und als das
Schlo hinter ihnen lag, fhlte Anna es wie eine Erleichterung. Aus dem
Bereiche der Gespenster und Dmonen kehrte sie zu den Menschen zurck.

Von den Aufregungen erschpft, die sie durchlebt hatte, lehnte sie bla
und schweigend in der Wagenecke; der Baron sa gleichfalls mit seinen
Gedanken beschftigt; so kamen sie auf der Bahnstation an, und als der
Abend einbrach, waren sie wieder in Breslau.

In seinem Coup brachte er sie zu ihrer Wohnung; im Hausflur nahmen sie
Abschied voneinander.

Du siehst so mde aus, sagte er, indem er sie in die Arme nahm. Wirst
du auch gut schlafen?

Sie nickte stumm.

Er stand noch immer und hielt sie umschlungen; sie fhlte, wie schwer
es ihm wurde, von ihr zu gehen. Es war, als wenn er noch eines guten
Wortes, eines Trostes bedrfte. Sie nahm sich zusammen und sah ihn
freundlich lchelnd an.

Ich werde gut schlafen, versicherte sie, sei ganz unbesorgt, und
morgen holst du mich ab, damit wir uns die Tapeten ansehen.

Das gab ihm das Leben wieder. Freudig drckte er ihre Hand.

Ja, ja, morgen komm' ich, und dann holen wir uns das neue Leben in das
alte Haus!

Als Anna zu dem Onkel und der Tante zurckkam, saen die beiden
alten Leute und spielten Rabouge, ein Kartenspiel ltester Art, das
heutzutage kaum jemand mehr kennt. Das war ihre Beschftigung, einen
Abend wie alle Abende. Von dem jungen Mdchen, das mit leisem guten
Abend zu ihnen eintrat, nahmen sie so gut wie keine Notiz. Man konnte
zweifeln, ob sie berhaupt wuten, da sie den Tag ber fortgewesen war.

Anna war daran gewhnt. Ohne weiter zu sprechen, setzte sie sich in
einiger Entfernung von den Spielenden nieder, so da die Lampe, die
auf dem runden Tisch stand, gerade noch genug Licht fr ihre Handarbeit
abgab, dann hkelte sie still vor sich hin und dachte nach.

Welch ein Kontrast! Heut am Tage das Fahrenwaldsche Schlo, und jetzt
hier diese Behausung! Da die Wohnung rmlich war, hatte sie wohl immer
gewut -- wie erbrmlich sie war, fhlte sie heut abend zum erstenmal
ganz. Als sie nach Haus gekommen war, hatte sie das Behagen empfunden,
da sie wieder in Sicherheit sei -- jetzt, da sie in Sicherheit sa,
fhlte sie, da diese gleichbedeutend mit Oede und Langeweile war.

Hier diese dumpfen, stumpfen alten Menschen, die vom Leben nichts mehr
wissen wollten, die kein Wort, kaum einen Blick fr sie brig hatten
-- und dort drben der Mann, der nur ein Verlangen hatte, aus Nacht
und Grauen ins helle gesunde Leben zu gelangen, der nach ihrer
Persnlichkeit lechzte, wie der Verschmachtende nach dem Wasser!

Als sie heute mittag auf Schlo Fahrenwald beim Frhstck gesessen
und das Todesgrauen empfunden hatte, mit dem all das Unverstndliche,
Unbegreifliche ber sie herfiel, war der Gedanke in ihr aufgestanden,
da es ihr unmglich sein wrde, dort in Zukunft zu leben, da sie
das Verhltnis mit Eberhard von Fahrenwald abbrechen msse -- jetzt
verblaten die Schrecken und das Schne blieb.

Sie dachte an den Park zurck, den herrlichen, walddunkeln, waldtiefen
Park, und vergegenwrtigte sich, wie schn es sein wrde, wenn er im
Frhling, Sommer und Herbst ihr zu Hupten rauschte. An die Rume des
Schlosses dachte sie, die schweigenden, feierlichen Gemcher, an die
Bilder der Mnner und Frauen, mit den edlen leidvollen Gesichtern. War
es ihr nicht, indem sie an sie dachte, als wenn sie die Lippen aufthten
und sprchen: Frchte dich nicht vor uns -- wir sind nur unglcklich,
nicht bse. War es nicht, als zeigten sie mit den stummen dunklen Augen
auf ihn, den Letzten ihres Stammes, und als sprchen sie: Hilf ihm --
nur du kannst ihm helfen -- und auch er ist nicht bse.

Ach -- ob sie es wute, da er nicht bse war!

Als sie am spteren Abende ihr Schlafkmmerchen aufgesucht hatte, lag
sie knieend vor ihrem drftigen Bett, die gefalteten Hnde in die Kissen
gesttzt, bitterlich weinend.

Es war ihr, als stnde er vor ihr und she sie an mit den schwermtigen,
bittenden Augen, als htte er in ihrem Herzen die Gedanken gelesen, die
ihm die Treue gebrochen hatten, und als mte sie ihm abbitten, alles
was sie gedacht.

Nein, nein, nein, ich will dich nicht verlassen! Furcht und Feigheit
sollen nicht strker sein in mir, als die Liebe in deinem gtigen,
geliebten Herzen! Was auch das Leben bringen mag, an deiner Seite will
ich ihm entgegengehen -- das will ich -- ja. Und whrend ihre Lippen
noch das beteuernde ja sprachen, sank ihr Kpfchen in die Kissen
zurck, und sanft und ruhig schlief sie ein.

Am nchsten Vormittage, seinem Versprechen getreu, erschien der Baron,
um Anna abzuholen.

Bei drei Tapetenhandlungen fuhr man vor, und alle drei Lager wurden von
oben bis unten durchstbert, bis man das Muster gefunden hatte, das fr
die beiden Zimmer als das passendste erschien; eine weie Tapete
mit blaugoldenen Frucht- und Blumenstcken fr das Wohngemach, eine
himmelblaue fr das Schlafzimmer; beide das Lieblichste, Freundlichste,
was man sich denken konnte. Anna war ganz erschpft, der Baron zeigte
keine Spur von Mdigkeit.

Jetzt, meinte er, sollten wir gleich noch an die Mbel denken.

Anna verweigerte lachend den Gehorsam.

Morgen, sagte sie, das hat Zeit bis morgen.

Gut, so wollen wir jetzt aber frhstcken.

Es half ihr nichts, da sie auf das nah bevorstehende Mittagessen
verwies.

Ach was, dein Onkel und deine Tante knnen auch ohne dich essen.

Er war ganz ausgelassen, ganz glcklich, da er das geliebte Wesen
einmal in seiner Gewalt hatte.

So mute sie ihm zu einem Restaurant folgen, und es war natrlich nicht
das schlechteste von Breslau. Dort tafelten sie.

Als sie auf die Strae hinaustraten und den Wagen wieder bestiegen,
glhte Annas Gesicht und ihr Kpfchen sank ganz schwer zurck.

Aber Eberhard, sagte sie, du hast mich ganz betrunken gemacht mit dem
vielen Champagner.

Sie lchelte, ihre Augen hatten einen schwimmenden Glanz; indem sie
sich lssig in die Wagenkissen zurcklehnte, war eine Auflsung in ihrer
ganzen Gestalt, wie er sie noch nie an ihr gesehen hatte.

Er schlang den Arm um sie und kte sie mit einer Glut, wie nie zuvor.

Weit du, sagte er, das ist kstlich. So wollen wir es jetzt alle
Tage machen; so reizend wie heut bist du mir noch nie erschienen.

Ihr Krper lag warm und weich in seinen Armen; das nachgiebige
Widerstreben des jungen Leibes verlieh ihm eine berauschende
Lebendigkeit; es war das erste Mal, da das Blut der beiden Menschen zu
einander zu sprechen begann.

Am nchsten Tage ging es in gleicher Weise durch alle Mbelhandlungen
der Stadt, und endlich war ein Mobiliar fr die beiden Zimmer ausfindig
gemacht, so zart und duftig, als wren die Gemcher fr eine Elfe
bestimmt. Das Frhstck durfte natrlich auch heut nicht fehlen, und so
folgte nun ein Tag dem andern.

Der Baron war unerschpflich in der Erfindung von Notwendigkeiten.

An Teppiche war ja noch gar nicht gedacht worden, und als auch diese
besorgt waren, fiel es ihm ein, da Portieren ber den Thren, Gardinen
und Vorhnge vor den Fenstern fehlten.

Anna ergab sich lachend. Der Rausch, der ihn erfllte, teilte sich ihr
allmhlich mit; die tglichen Rundfahrten und Einkufe fingen an, ihr
gar nicht bel zu gefallen. Es war ja, als wenn sie das Mrchen vom
Tischlein deck' dich leibhaftig erlebte; kaum da sie einen
Wunsch gedacht hatte, war er schon erfllt. Und wie unter seinen
leidenschaftlichen Kssen ihr Blut in immer heieren Wellen zu rollen
begann, war es, als reckte und streckte sich ihre ganze Persnlichkeit;
aus der unscheinbaren Hlse des kleinen Mdchens blhte die Jungfrau
auf.

An einem dieser Tage, als sie durch Blumen- und Samenhandlungen
gestreift waren, um Smereien fr den Garten zu kaufen, und nun wieder
im Wagen saen, rckte er, den Arm um sie geschlungen, dicht an sie
heran.

Weit du, flsterte er ihr ins Ohr, nun htte ich eine groe Bitte.

Sie lchelte vor sich hin; sie wute ja, da, um ihm etwas zu geben, sie
nur still zu halten brauchte und zu nehmen.

Was denn also? fragte sie.

Siehst du, ich habe mir das in meiner Phantasie so ausgedacht: Wenn ich
dich so in den Armen halte und an mir fhle, komme ich mir vor, wie ein
Grtner, der eine Blume gro zieht. Den Winter hindurch hat meine Blume
ihr altes, unscheinbares Gewand getragen, aber nun wird es Frhling,
siehst du, und da ist es doch in der Natur geboten, da sie sich anders
und reicher und schner kleidet? Nicht wahr?

Anna senkte die Augen und sah stumm an sich hernieder. Aermlich genug
war sie ja freilich angezogen.

Und siehst du, fuhr er fort, was ich dich nun bitten wollte: da
wir morgen in Kleiderhandlungen und Modemagazine gehen und uns Stoffe
aussuchen zu Kleidern fr dich, wie sie dir gefallen und am besten
stehen?

Sie errtete in Scham.

Aber Eberhard, erwiderte sie leise, fr seine Ausstattung mu doch
ein jedes Mdchen selbst sorgen!

Indem sie das aber sagte, fragte sie sich im stillen, wer denn ihre
Ausstattung besorgen sollte. Der Onkel und die Tante etwa? Oder
sie selbst, aus ihrem eigenen Vermgen? Ja, wo war denn ihr eigenes
Vermgen?

Nein, siehst du, nahm er wieder eifrig auf, das ist mit uns etwas
ganz andres. Das hab' ich dir ja gesagt, da du das Licht in meinem
Leben bist, und ein Licht, siehst du, das mu man sich selbst anznden.
Und sein Glck mu man sich selbst erschaffen, wenn's ein echtes Glck
sein soll und einem Kraft und Mut verleihen soll. Und darum, verstehst
du, wenn ich dich so von Kopf bis zu den Fen einkleide in Stoffe, die
ich dir geschenkt habe, dann wird mir zu Mute sein, als htte ich mir
die ganze geliebte Gestalt, die dann vor mir steht, selber erschaffen,
und das wird mir dann eine solche Kraft und Wonne und Seligkeit
verleihen, und das wirst du mir nicht verweigern. Nicht wahr? Nicht
wahr?

Sie vermochte nichts zu erwidern. Anfnglich, als sie nur Mitleid mit
dem Mann gefhlt hatte, der um ihre Liebe flehte, war nur ihre Seele
wach gewesen; jetzt, da er stark und frhlich war und sie am lebendig
klopfenden Herzen hielt, waren auch ihre Sinne erwacht. Sie hatte
angefangen, sich in ihn zu verlieben, und in dem groen Strome des
sen, unbestimmten Gefhls trieb sie willenlos dem Manne zu. Sie
drckte ihr erglhendes Gesicht an seinen Hals.

Thu, wie du willst, flsterte sie.

Und nun war es, als wren alle diese Besorgungen nur Vorbereitungen fr
das Eigentliche und Wahre gewesen.

Die Seidenwarenlager wurden frmlich geplndert, und als sie damit
fertig waren, wollte er sie in Wschehandlungen fhren. Dem aber
widersetzte sie sich.

Ich mte mich ja zu Tode schmen, wenn mich ein Mann dabei
begleitete.

Er fgte sich ihrem Willen. Aber sie mute versprechen, da sie sich
das schnste Linnen, die zartesten seidenen Strmpfe und das zierlichste
Schuhwerk kaufen wollte. Die Rechnungen sollten auf ihren Namen
geschrieben werden, er wrde sie bei ihr abholen und alles abmachen.

Wenn sie nicht gewut htte, da er reich war, so htte sie ihn fr
einen rasenden Verschwender halten mssen.

Ganze Ballen von Seidenstoffen und Leinen liefen nun bei Anna ein;
vierzehn Tage lang wurde geschneidert und geschustert, als glte es, den
Brautstaat einer jungen Knigin fertigzustellen; der Onkel und die Tante
gingen mit dumpf verblfften Gesichtern umher und wuten nicht, was sie
sagen sollten. Anna wute es selber kaum; die Welt war nicht mehr die
Welt.

Der Baron lie sich in diesen Tagen nur von Zeit zu Zeit sehen, und
wenn er kam, war er in fliegender Hast. Er war jetzt vielfach auf dem
Schlosse drauen, wo die Zimmer fr Anna eingerichtet wurden. So oft
er bei ihr in der Stadt erschien, wurde er rasch wieder
hinauskomplimentiert -- Frauen, die in solcher Thtigkeit stecken,
knnen Mnner nicht brauchen. Gegen Ende der vierzehn Tage aber, als sie
ihn auf den Flur hinausbegleitete, hielt sie ihn an der Hand fest.

Heute abend, sagte sie leise, mit lieblichem Errten, wird das
crmefarbige Seidenkleid fertig, das du so besonders gern magst. Es hat
einen sehr hbschen Schnitt und wird mir vielleicht leidlich stehen.
Sie beugte sich nher zu ihm.

Wenn du willst, kannst du morgen mittag kommen, und ich will mich dir
zeigen.

Er schlo sie an die Brust, als wollte er sie erdrcken.

Du Engel, erwiderte er.

Ein Glutstrom flo aus seinen Augen. Dann ri er sich los, eilte die
Treppe hinab, kehrte vom Absatz noch einmal zurck, schlo sie noch
einmal wie rasend in die Arme und scho dann zum Hause hinaus.

Anna begriff kaum, was ihn so erregt hatte; aber die Glut, die
ihn erfllte, setzte auch sie in Feuer, und als das Kleid am Abend
angekommen war, beschlo sie, sich am nchsten Vormittage recht schn
fr ihn herauszuputzen.

Es war das erste Mal im Leben, da sie sich in so kostbare Stoffe
hllte. Sie schlo sich in ihr Schlafkmmerchen ein und kleidete
sich von Kopf bis zu Fen um, weil es sie nun doch gelstete, die
neuangeschafften Sachen wirklich einmal zu probieren.

Wie das alles anders war als das, was sie bisher getragen hatte! Wie
grob das Hemd war, das sie auszog, und wie weich sich das neue zarte
Linnen um ihren Leib schmiegte! Und die seidenen Strmpfe, in die ihre
Fchen, nachdem sie die alten baumwollenen abgestreift hatte, beinahe
schchtern hineinschlpften, als wagten sie gar nicht zu glauben, da
sie wirklich da hinein gehrten! Sie sa ganz schamrot auf ihrem Stuhl
und kicherte vor sich hin, wie ein Kind, das etwas Unerlaubtes thut und
jeden Augenblick gewrtig ist, da es ertappt und ausgescholten werden
wird. In den Spiegel zu sehen, hatte sie noch kaum gewagt, auch befand
sich in ihrem Schlafzimmer nur ein kleiner Handspiegel, der ihr
nicht sagen konnte, ob das Kleid ihr sa. Dazu mute sie in das
Gesellschaftszimmer gehen, wo zwischen den Fenstern ein grerer
Wandspiegel angebracht war.

Als sie nun hier, die Bnder an ihrer Taille zurechtzupfend, vor dem
Spiegel, mit dem Rcken gegen die Thr stand, wurde diese von auen
aufgerissen und auf der Schwelle erschien der Baron. Sie sah, wie er
stehen blieb und ihre Gestalt mit den Augen verschlang; in seinem Blick
war eine verzehrende Gier. Anna sah wirklich niedlich genug aus.
Das Kleid war tief ausgeschnitten, am oberen Rande und an den
Aermel-Oeffnungen mit einem Spitzenbesatze eingefat, und aus den zarten
Spitzen quollen die runden, weichen Schultern, die nackten Arme in
jugendlicher Flle hervor.

Sie wollte ihn bedeuten, da er sich noch einen Augenblick gedulden
msse, aber bevor sie dazu gekommen war, stand er schon hinter ihr,
und gleichzeitig fhlte sie sich von seinen Armen umfat, vom Boden
emporgehoben und mit einer Gewalt, wie von einem Orkane, an seine Brust
gerissen. Ihre Schultern, ihr Nacken und ihr Hals loderten unter seinen
Kssen.

Du zerdrckst mir ja das ganze Kleid, wandte sie ein. Der Ueberfall
war ihr zu jh gekommen; sie strubte sich in seinen Armen, aber
er hrte nicht auf ihre Worte, achtete nicht auf ihre strubenden
Bewegungen; in der Art, wie er mit ihr umging, war etwas Gewaltsames.
Seine Liebkosungen hatten etwas Erstickendes, Erdrckendes,
Zermalmendes; seine Ksse fhlten sich an, als wenn er am liebsten in
Annas Fleisch hineingebissen htte.

Den einen Arm hatte er unter sie geschoben, so da sie halb darauf sa,
mit dem andern drckte er ihren Oberleib an seine Brust, ihr Gesicht an
sein Gesicht, und so, indem er sie in seinen riesenstarken Armen wie ein
Kind, wie eine Puppe, ein Spielzeug drckte, prete und trug, ging er
mit ihr im Zimmer auf und ab, dumpf abgerissene Laute von sich gebend,
wie trunken, beinah wie sinnlos.

Er merkte gar nicht, wie peinvoll dem jungen Mdchen die Lage wurde, in
der sie sich befand, wie keuchend ihre Brust sich hob und senkte, weil
sie, an ihn gepret, kaum noch Luft zum Atmen fand. Endlich warf sie mit
uerster Anstrengung den Kopf zurck, stemmte beide Hnde gegen seine
Brust und la mich los! stie sie wie in Verzweiflung hervor.

Der Ton kam so rauh, so zornig heraus, da er erschrak. Er hielt in
seinem Auf- und Niedergehen inne, sah ihr ins Gesicht und sah, da sie
die Augen geschlossen hatte.

Nun lie er sie aus den Armen gleiten; sie warf sich in den Lehnstuhl,
der ihr zunchst stand, drehte sich mit ganzem Leibe von ihm ab, legte
beide Arme auf die Lehne des Sessels, das Gesicht auf die Arme, und
brach in schluchzendes Weinen aus.

Der Baron stand totenbla vor ihr. Anna, stammelte er, was ist dir?

Sie gab keine Antwort und weinte immer heftiger.

Mitten im Zimmer lag einer von ihren kleinen seidenen Schuhen, der ihr
vorhin, als er sie vom Boden emporgehoben hatte, vom Fue geflogen war.
In seiner Ratlosigkeit hob der Baron ihn auf, als er sich aber zu Anna
niederbeugte, um ihr den Schuh wieder anzuziehen, ri sie denselben aus
seiner Hand und verbarg ihren Fu unter dem Kleide.

Nein! rief sie, fa mich nicht an! Du sollst mich nicht mehr
anfassen! Ich wei gar nicht, wie du bist!

Sie sprach aus, was sie empfand; sie konnte sich in der That die Art des
Mannes nicht erklren. Das war ja gewesen, als wenn ein wildes Tier sich
ber sie gestrzt htte.

Bei der zornigen Bewegung, mit der sie ihm den Schuh entrissen hatte,
war er einen Schritt zurckgewichen; jetzt stand er wie zerschmettert
da.

Aber Anna, fing er wieder an, bist du mir denn bse, da ich dich so
liebe?

Sie warf den Leib herum und heftete die verweinten Augen auf ihn.

Liebe? sagte sie zornig, ist das Liebe, wenn man jemand so anfat? so
behandelt? Fat man eine Frau so an?

Sie blickte an sich herab und strich mit bebender Hand das zerknitterte
und zerdrckte Kleid glatt, dann schlpfte sie wieder in den Schuh, und
als sie den Fu aufsetzte, stampfte sie beinah auf.

Du hast keine Achtung vor mir, fuhr sie fort, du denkst, weil du mir
all die schnen Sachen geschenkt hast, die ich da trage, ich gehre dir,
und du kannst mit mir machen, was dir beliebt! Und darum gehst du so
mit mir um -- und behandelst mich wie -- wie-- sie wollte von neuem in
Thrnen ausbrechen, aber sie kam nicht dazu. Indem sie die letzten
Worte dem Baron ins Gesicht schleuderte, sah sie, wie seine Gestalt
zusammenzuckte, als wenn ein Stich ihm mitten durch den Leib gegangen
wre.

Anna-- sagte er schweren Tones, das kannst du von mir denken?

Er war langsam in die Kniee gesunken, seine Augen waren den ihrigen nah
gegenber, und indem sie das namenlose Leid in seinen Augen gewahrte,
fhlte sie, da sie dem Manne mit hlichen Gedanken ein hliches
Unrecht angethan hatte.

Nein, Eberhard, sagte sie, was ich da eben gesagt habe, das war nicht
recht; ich fhl's, das war hlich; und ich bitte dich um Vergebung
dafr.

Nun legte er auch seinerseits die Arme um sie, aber so leise, als
frchtete er, sie zu zerbrechen, und ihr Kpfchen lag wieder an seinem
Halse.

Aber siehst du, fuhr sie zagend fort, wenn du so bist, wie vorhin, so
wild, so -- ich wei gar nicht, wie ich's nennen soll -- dann verstehe
ich dich nicht, und dann -- siehst du -- mu ich mich ja vor dir
frchten.

Sie hatte das letzte ganz leise, wie eine Beichte, ihm ins Ohr
geflstert, und wie eine solche nahm er es auf. Aber nicht ihre Schuld
war es, die sie ihm beichtete, es war die seine, seine Schuld, der
er nicht geachtet hatte auf die Scham, auf die Angst des lieben,
vertrauenden Geschpfes, der er nahe daran gewesen war, das Wesen,
das ihm Leben und Seligkeit bedeutete, in seinen wahnwitzigen Armen
zu zertrmmern, wie ein Knabe, der eine unersetzliche Kostbarkeit mit
thrichten Hnden zerstrt.

Von dem allen hatte er nichts gefhlt -- das alles kam ihm jetzt zum
Bewutsein.

Ein peinvoller Gram lagerte sich auf seinen Zgen, mit leiser Hand schob
er Anna von sich hinweg.

Armer Engel, sagte er dumpf und schwer.

Dann erhob er sich, trat von ihr hinweg, und mitten im Zimmer, den Kopf
nachdenklich gesenkt, blieb er stehen.

Eine schweigende Pause trat ein, und als sich Anna nach ihm umwandte,
sah sie ihn noch immer, in dsteres Sinnen verloren, an seinem Platze.
Ein Schatten berwlkte sein Gesicht; man sah ihm an, wie er mit den
finsteren Gewalten Zwiesprache hielt, die in seinem Innern emporstiegen.

Eberhard, rief sie ihn an, warum gehst du von mir fort?

Es war, als wenn er aus seinem Brten erwachte. Langsam kam er zu ihr
zurck. Er schob einen Sessel neben den Stuhl, auf dem sie sa, lie
sich nieder und verharrte dann abermals, den Blick zu Boden gesenkt,
in langem Schweigen. Endlich rckte er sich dichter an ihre Seite, aber
ohne aufzusehen, ohne sie zu berhren.

Anna, sagte er, ich mu dir etwas anvertrauen.

Wieder stockte er -- das Bekenntnis wurde ihm schwer. Er nahm ihre Hand
in seine Hand.

Anna -- ich hatte bis heute noch nie eine Frau berhrt -- heute war es
das erste Mal -- und du bist die erste gewesen, die ich gekt habe.

Sie drckte leise seine Hand.

Aber du hattest mich doch schon vorher gekt.--

Ja, versetzte er, und eine dunkle Rte frbte sein Gesicht, aber es
war mir noch nie so zu Mute gewesen, wie heute. Damals, siehst du, war
es noch weit bis zu unsrer Hochzeit, und jetzt steht es nahe vor der
Thr, da wir heiraten. Und darum -- siehst du -- als ich vorhin zu dir
hereintrat, war mir doch in dem Augenblick, als wre es schon so weit
und wir wren schon Mann und Frau. Und wie ich dich nun so stehen sah --
siehst du -- da berkam mich etwas--

Er verstummte, sein Oberleib bog sich vornber, als lge eine
Centnerlast auf seinem Rcken, langsam glitt er vom Stuhle, ihr zu
Fen, und seiner Gewohnheit nach drckte er das Gesicht in ihren Scho.

Ich kann's dir ja nicht beschreiben, murmelte er, was es war; und ich
kann dich ja nur anflehen, da du mir verzeihst; und wenn du jetzt
den Fu aufhbest und mich trtest, so geschhe mir ja nur recht; aber
siehst du, ich konnte nicht anders, und es war etwas so Wundervolles, so
rasend gttlich Herrliches, Himmlisches--

Er hatte beide Arme um ihre Kniee geschlungen und prete ihre Kniee
aneinander, als wollte er sie zermalmen.

Bleib ruhig, flsterte Anna.

Sie fhlte, wie die verzehrende Glut wieder in ihm aufstieg.

Ein wundersames Gemisch von Grauen und Lust schwoll ihr zum Herzen,
indem sie schweigend auf ihn hinabsah, auf den riesenstarken Mann, der
sich gebrochen zu ihren Fen wand.

Kein Weib hatte er noch berhrt -- sie war die erste, und sie war die
Brandfackel, die ihn verzehrte.

Vernunft und Gewissen sagten ihr, da sie aufstehen, ihn wecken mute
aus seiner Phantasie -- aber strker als Vernunft und Gewissen war
in diesem Augenblicke das Weib, das mit heimlicher, beinahe lsterner
Neugier zu erfahren begehrte, was fr einen Eindruck sie auf den Mann zu
machen vermocht hatte.

Sollte sie immer nur Arzt sein? Immer nur Wrterin? War sie nicht auch
ein Weib? Mit jungem, blhendem Fleisch und Blut? Stand nicht auch
sie zum erstenmal vor der dunklen, geheimnisvollen Flut, in die
alle Geschpfe der Erde hinein mssen, sei es zum Leben, sei es zum
Ertrinken, die man die Liebe nennt? War nicht die warme Welle des
groen Wassers auch zu ihr schon herangerollt und hatte ihr den Saum des
Kleides und die nackten Fe genetzt, leise winkend und rufend: Komm
herab -- steig herab!

Von der Stirn herab, ber Wangen und Hals und bis tief in die Brust,
die schwer atmend aus der seidenen Umhllung des Kleides hervorstrebte,
senkte sich purpurne Glut, als sie sich ber den Mann zu ihren Fen
herbeugte, die Lippen an sein Ohr andrckend.

Sag mir, hauchte sie, was du gefhlt hast, als du mich sahst?

Er beugte sich zurck, so da er ihr ins Gesicht sehen konnte. Warum
fragte sie? Als er jedoch ihr glutbergossenes Gesicht gewahrte, merkte
er, da der Dmon auch in ihrem Blute zu whlen begann. Rasch war er
vom Boden empor, auf seinem Stuhle, und nun saen sie, wie zwei
Schuldgenossen, die sich gegenseitig ein Geheimnis anvertrauen.

Siehst du, hob er leise an, indem er mit dem Kopfe nach dem Fenster
deutete, es ist doch heut ein grauer Tag, und nun denk dir, wie
merkwrdig: im Augenblick, als ich die Thr aufmachte und dich stehen
sah -- aber du mut nicht denken, da ich bertreibe oder in Bildern
rede -- war mir's, als wre hier im Zimmer heller Sonnenschein.
Richtiger Sonnenschein, siehst du, war es eigentlich nicht, sondern es
war wie eine Feuersbrunst, wie wenn das Licht, das im Zimmer war, von
Flammen herrhrte. Und mitten in den Flammen standest du drin. Aber
es war, als wenn sie dir nicht weh thten, denn es sah mir in dem
Augenblick so aus, als ob du mich anshest und die Arme nach mir
ausstrecktest und riefest: Komm herein.

Aber, Eberhard, unterbrach sie ihn, ich drehte dir doch den Rcken zu
und habe kein Wort gesagt?

Das wei ich ja, erwiderte er hastig, das wei ich ja, ich sage dir
ja nur, wie es mir in dem Augenblick erschien. Und als ich das sah,
siehst du, da mute ich hinzuspringen und dich in die Arme schlieen,
und nun war mir's, als stnde auch ich in der Flamme, und das Feuer
schlug in mich hinein, da ich fhlte, wie es in mir hinaufstieg, in die
Brust, in die Augen, ins Gehirn, da ich nichts mehr sah, nichts mehr
hrte und nur noch fhlte, da ich etwas in den Armen trug, etwas
Kstliches, Gttliches, Unbeschreibliches, wie ich es nie im ganzen
Leben noch gefhlt hatte, etwas Warmes und Weiches, und wie ich das so
an meinem Leibe fhlte, da berkam mich ein Verlangen--

Er brach pltzlich ab.

Anna wartete, da er fortfahren sollte, aber er schwieg.

Also-- forschte sie leise, da kam dir ein Verlangen--

Er wandte das Haupt zur Seite.

Nein, nein, sagte er, wie in Angst, frage danach nicht.

Sie blickte ihn von der Seite an; sie fate seine Hand und drckte
sie; dann schob sie ihre heie Wange an seine Wange; die Neugier war zu
mchtig in ihr geworden, sie mute erfahren, was fr ein geheimnisvolles
Verlangen das gewesen war.

Sag's mir doch, hauchte sie, sag's mir, ich bitte dich.

Er wandte den Kopf zurck und drckte ihn an ihre Schulter, als wollte
er sich verbergen, zugleich aber fhlte sie, wie seine Hnde sich an
ihren Leib preten.

Da berkam mich ein Verlangen, sagte er dumpf, dieses, was ich in
den Armen trug, dies Kstliche, dies Warme, Weiche in meinen Armen zu
zerdrcken, zu ersticken, zu zermalmen--

Seine Stimme, anfnglich dumpf und schwer, war immer lauter geworden;
sein Atem flog, und als er jetzt die flackernden Augen auf Anna
richtete, sah es aus, als wrde er sich von neuem ber sie herstrzen,
wie er vorhin gethan hatte. Von Annas Gesicht war die Rte jhlings
gewichen, unwillkrlich streckte sie, wie abwehrend, die Hnde gegen ihn
aus.

Eberhard-- prete sie hervor.

Im Augenblick, als er ihre erschrockene Stimme vernahm, lie der Taumel
von ihm ab; sein Krper sank kraftlos in sich zusammen. Er lie die Arme
an ihr niedergleiten, drehte sich im Sessel herum und legte das Gesicht
auf die Stuhllehne.

Warum fragtest du auch? sthnte er dumpf.

Anna stand vor ihm; sie fhlte sich so schuldig. Begtigend streichelte
sie ber sein Haar.

Eberhard, sagte sie, sei doch nicht so auer dir; es war ja alles nur
eine Einbildung.

Er gab keine Antwort, aber er schttelte das Haupt, da es aussah,
wie ein trostloses Nein. Dann sprang er auf, und beide Hnde an die
Schlfen gedrckt, ging er im Zimmer auf und ab.

Endlich blieb er stehen, pltzlich und wie mit einem Ruck. Sein Krper
richtete sich straff empor, beide Arme streckte er vor sich hin,
wagerecht und mit geballten Fusten.

Nein! sagte er laut, nein! nein!

Es sah aus, als sprche er mit irgend einem Unsichtbaren. Anna blickte
sprachlos zu ihm hinber, sie wagte nicht zu fragen, mit wem er sich
unterhielt.

Er lie die Arme sinken und wandte sich um. Als er ihren entsetzten
Blick gewahrte, kam er auf sie zu.

Aengstige dich nicht, sagte er, ich habe es in der Gewohnheit,
manchmal laut zu denken.

Er war vllig beruhigt, seine Stimme klang sicher und fest.

Sie schpfte wieder Mut.

Was dachtest du denn? fragte sie, zrtlich an ihn geschmiegt.

Ich habe mir das Versprechen gegeben, erwiderte er, da mir das nie
wieder begegnen soll. Das, was ich dir vorhin erzhlt habe, ist in mir
gewesen, ja. Aber es ist gewesen, verstehst du, und nun ist es nicht
mehr da. Nun kommt es nicht wieder, das verspreche ich mir, das
verspreche ich dir! Niemals!

Er hatte den Arm um sie gelegt, er stand neben ihr, stark und gesund,
wie einer, der Herr seiner selbst ist, wie ein ganzer Mann.

Siehst du, fuhr er fort, ich habe dir kein Hehl gemacht ber meine
Schwche, darum darfst du mir glauben, was ich dir jetzt sage: ich liebe
dich, Anna. Ich liebe dich so unsglich, da der Gedanke, es knnte dir
ein Leid geschehen, mich umbringt und vernichtet. Glaubst du mir das?

Er blickte auf sie nieder; ein Strom von tiefem, warmem Gefhl flo
ber sie hin; aus allen Schatten und Wolken, die unverstndlich,
unbegreiflich und unberechenbar in dieses Menschen Seele wogten, tauchte
immer wieder das edle, herrliche Herz wie ein leuchtender Stern empor.

Ja, Eberhard, versetzte sie, das glaube ich dir so sicher, da ich es
wei.

Sie legte die Arme um ihn und drckte die Lippen auf seine Brust.

Wo solch ein Herz ist, sagte sie, da ist ja alles andre ganz
gleichgltig. Darum glaube auch du mir, was ich dir sage: ich frchte
mich nicht vor dir, Eberhard, gar nicht. Ich liebe dich, Eberhard, wie
nur eine Frau einen Mann lieben kann.

Er kte sie auf den Scheitel, und die Berhrung seiner Lippen war
wie ein Hauch. Man fhlte, wie er nur seiner Seele noch Zutritt zur
Geliebten gestatten wollte und seinen Sinnen Einhalt gebot. Und so kam
nach der Erregung, die vorangegangen war, eine Stunde so tiefer Ruhe fr
die beiden Menschen, wie sie sie kaum je zuvor genossen hatten.

Als er dann aber von ihr ging und die Thr hinter sich geschlossen
hatte, so da Anna ihn nicht mehr sah, schwellte ein Seufzer seine Brust
-- der schwere Seufzer der Entsagung.

Inzwischen war es Mai geworden, und der Frhling hielt seinen
siegprangenden Einzug.

Eines Tages, als der Baron vom Schlosse drauen hereinkam, brachte er
Anna die Kunde mit, da auch im Fahrenwalder Parke der Lenz eingekehrt
sei, da die Kastanien blhten und der Flieder.

Auch in deinen Zimmern im Schlosse selbst, sagte er, ist es Frhling
geworden; sie sehen aus, wie zwei junge frhliche Augen in einem alten
Gesicht -- die Einrichtung ist fertig -- wenn du nun willst, so ist die
Zeit gekommen, da Frau von Fahrenwald ihr Reich betritt -- willst du?

Sie wollte.

Er hatte ihr seine Mitteilungen leise und beinahe feierlich gemacht,
wie jemand, der an eine groe Entscheidung herantritt. In derselben Art
hatte Anna sie hingenommen. Die Vorbereitungen zum neuen Dasein waren
vollbracht, nun kam das neue Dasein selbst; durch dunkle und helle
Stunden war sie hindurchgegangen, nun sollte es sich entscheiden, ob
ihr Leben fortan ein groes Licht oder ein groes Dunkel sein wrde.
Ein Schauer ging ber ihr Herz -- aber ihr Entschlu war gefat, sie
wollte.--

In verborgenster Stille, beinahe verschwiegen, fand die Hochzeit statt.

Der standesamtlichen Trauung folgte eine kirchliche Einsegnung im Hause,
wo Anna bei dem Onkel und der Tante gewohnt hatte. Anna fhlte kein
Bedrfnis, sich in einer Kirche ffentlich zur Schau zu stellen und die
klatschschtige Neugier zu Gast dazu zu laden.

Ihr Gesicht war kaum minder wei, als das weie Brautkleid, in dem sie
erschien; als sie, mit dem Myrtenkranze im Haare, vor dem Geistlichen
kniete und ihre Hand in die Hand des Brutigams legte, mochte mancher
von den wenigen Trauzeugen fr sich denken: Ein Opfer, das zum Altar
gefhrt wird.

Bla, schweigsam, mit einem Ausdruck unergrndlichen Ernstes in den
Zgen, stand Eberhard von Fahrenwald an ihrer Seite.

Ein leises Mittagsmahl, dem nur wenige Gste anwohnten, schlo die
Feierlichkeit ab. Reden wurden nicht gehalten; es lag wie ein Gewlk
ber der Versammlung. Bei jeder Hochzeit steht man wie vor einem
geschlossenen Vorhang. Hier aber war der Vorhang von dunkler Farbe und
geheimnisvolle Zeichen waren in ihn verwebt.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, kehrte Anna zum letztenmal dahin
zurck, wo sie als Mdchen gewohnt hatte. In aller Stille wollten sie
beide am Nachmittage nach Fahrenwald hinaus fahren. Koffer und Kisten
waren schon am Tage vorher vorausgegangen.

Nachdem sie den Brautstaat abgelegt und das Reisekleid angethan
hatte, erschien ihr Gemahl, um sie abzuholen. Bald darauf saen sie im
Eisenbahnwagen, und wieder einige Zeit darauf stampften die Rosse vor
dem Wagen, der sie zum Schlosse hinaustragen sollte -- heute fr immer.

Wie anders, wie viel schner sah sich heut alles an, als damals, da sie
zum erstenmal diesen Weg gefahren war. Der reiche Ackerboden, der so
lange unter Schnee und Regen begraben gelegen hatte, kochte frmlich
von Fruchtbarkeit; die jungen Saaten schossen empor, da es aussah, als
wollte ein Feld das andre im Wachstum berbieten; die Sonne, die sich
zum Untergange neigte, warf lange, warme, rotgoldene Lichter ber das
junge samtartige Grn.

Heute brauchte man keine Fuscke und keine Decken. Schweigend, Hand
in Hand, saen Anna und der Baron in ihrem Wagen, mit stillen Augen
hinausblickend in das stille Land, die Wangen von der linden Abendluft
umspielt, den Duft einatmend, der aus der frhlingsfeuchten Erde
emporstieg.

Die Dorfbewohnerschaft hatte das junge Paar mit schmetternder
Festlichkeit empfangen wollen; der Baron hatte alles abgelehnt
und, damit die Leute nicht um ihre Freude kmen, sich durch reiche
Geldspenden von dem geplanten Empfange losgekauft. Damit hatte er ganz
in Annas Sinn gehandelt. Auch ihr war nicht nach rauschendem Jubel
zu Mute; Arm in Arm mit ihm, wie sie es am ersten Tage gemacht hatte,
wollte sie auch heute durch den Park zum Schlosse gehen.

An der bewuten Stelle, wo die Parkwege sich mit der Fahrstrae
vereinigten, hielt darum auch heute der Wagen an und beide Fahrenwalds
stiegen aus.

Da lag er wieder vor ihr, der Park, an den sie so oft in stillen Stunden
gedacht, nach dem sie sich gesehnt, den sie so lieb gewonnen hatte, der
ihr wie ein Vermittler zwischen dem bisherigen und dem zuknftigen Leben
erschien; da lag er, und wenn die Bezeichnung, die er trug, jemals auf
ihn gepat hatte, so war es heute der Fall: das Schlesische Paradies.

An der Kreuzung der Wege blieb Anna stehen, beide Arme in kindlicher
Wonne ausbreitend.

O Eberhard! seufzte sie aus tiefster Brust, wie herrlich! wie schn!

Am Eingang des Parks, wie ein Grenzpfahl, stand ein mchtiger Eichbaum.
Am knorrigen Stamme, einige Fu ber dem Erdboden, war ein Kranz
aufgehngt, von bunten Bndern umflattert, in dessen Mitte sich eine
Tafel mit einer Inschrift befand.

Was ist denn das? fragte Anna.

Sie trat heran und las:

  Tritt gern herein, in Freuden bleib,
  Und sei mein Leben und mein Weib.

Sie wandte sich um.

Von wem ist denn das?

Eberhard von Fahrenwald stand ganz verlegen da.

Jauchzend flog sie ihm um den Hals.

Eberhard, du? Du hast das gedichtet?

Er hielt lchelnd ihr Haupt in seinen Hnden.

Gedichtet? erwiderte er, nun -- jedenfalls siehst du, ein groer
Dichter bin ich nicht.

Sie blickte ihm in die Augen.

Ach, siehst du, das ist nun wirklich ein ganz entzckender Gedanke
von dir! Auf so etwas, siehst du, kann wirklich nur ein so guter Mensch
kommen, wie du es bist! Nun aber mut du mir den Kranz herunterholen,
damit ich ihn bei mir aufhngen kann.

Aufhngen willst du ihn? Bei dir?

Ja! erklrte sie. Den hnge ich in meinem Zimmer, womglich in meinem
Schlafzimmer auf, und alle Abend, wenn ich zu Bette gehe, und jeden
Morgen, wenn ich aufstehe, lese ich, was du geschrieben hast.

Gut, versetzte er, heute bekomme ich ihn nicht herunter, dazu braucht
es eine Leiter, aber morgen soll er in deinem Zimmer sein.

Den Weg, den sie das erste Mal gegangen waren, die Buchenallee,
wandelten sie nun entlang. Heute war kein Aufruhr in der Natur wie
damals; das magere junge Laub hing still zu ihren Hupten; heute
brauchte sie sich nicht an ihn zu drngen in ngstlicher Beklommenheit;
alles war so friedlich, so ruhig, auch er, an dessen Arm sie ging. Ja --
er war so ruhig, da es beinahe wie eine leise Schwermut aussah.

In den Seitenweg bogen sie alsdann ein, und nun war es wirklich ein
Meer von wogenden grnen Wipfeln, das ihr entgegenrauschte. Die weien
Kastanien hatten schon abgeblht, aber wie versprengte Rubinen flammten
hie und da die Blten der roten im Bltterdickicht auf. Am Himmel lag
purpurner Wiederschein der gesunkenen Sonne, und alles war so gro, so
wunderbar und schn, da Annas Herz in tiefer, wonnevoller Seligkeit
berschwoll.

O Eberhard, flsterte sie, freust du dich denn auch so wie ich?

Er blickte zrtlich auf sie nieder und drckte schweigend ihren Arm. Sie
befanden sich gerade an der Stelle, wo er ihr damals gesagt hatte, da
sie seine Sonne sein sollte und da er die Erde wre, die sich um die
Sonne dreht.

Wie wild hatte er sie damals umfat -- wie sanft und ruhig war er heute.
Hatte sich etwas in ihm verndert seitdem? Nun -- jedenfalls war es
besser so, wie es heute war. Jetzt kamen sie in die Nhe des Schlosses,
und wieder blieb Anna mit einem Ausrufe der Ueberraschung stehen;
von oben bis unten war das mchtige alte Gebude mit frischem hellen
Farbenanstrich versehen.

Eberhard lchelte.

Es war eigentlich noch zu frh im Jahre zum Anstreichen, sagte er,
aber ich wollte, da dir das Haus ein freundlicheres Gesicht zeigen
sollte, als das erste Mal.

Sie neigte das Haupt in stummen Gedanken. Jeder ihrer Wnsche war in
seinem Gedchtnis niedergelegt, wie ein Wertstck in den Hnden eines
treuen Verwalters.

Durch die Halle mit den Jagdtrophen schritten sie hindurch, welche
heute abend durch zwei groe, in den Ecken aufgestellte Kandelaber
erhellt wurde, und eben solche Kandelaber standen im Flure am Fue
der groen Treppe. Groe, schwere, altertmliche Leuchter, mit steif
gestreckten Armen von Messing, mit dicken Wachskerzen besteckt.

Auf jedem Treppenabsatze stand ein solcher Kandelaber und in gleicher
Weise waren Flur und Gnge beleuchtet. Ein stilles, schweres, goldiges
Licht.

Heut gehen wir nicht durch die Bibliothek, sondern gleich in dein
Zimmer, sagte der Baron, als sie die Treppe erstiegen hatten. Er fhrte
sie den Gang entlang, der auf den Flur stie, dann that er eine Thr
auf, die sich von links auf den Gang ffnete, und nun schlug Anna,
geradezu entzckt, beide Hnde ineinander. Sie waren in ihren Gemchern
angelangt, die Fenster standen offen, und durch sie hinaus blickte man
in den Park und ber den Park hinaus in die weite grnende Landschaft.
Im Kamin, den Fenstern gegenber, flackerte ein lustiges Feuer von
Fichtenscheiten; der harzige Duft des brennenden Holzes vermengte
sich mit der einstrmenden Frhlingsluft zu einem feinen, kstlichen
Wohlgeruch. An den Wnden, die mit einer hellfarbigen, mit blaugoldenen
Mustern geschmckten Tapete bedeckt waren, hingen Landschaftsbilder, die
aus den nebenanliegenden Gemchern hierhergeschafft worden waren; ein
Schreibtisch in allerliebstem Schnrkelstile in einer Fensterecke,
Sthle mit silberdamastenen Polstern, und ein Ruhebett von dem gleichen
Stoffe; zwischen den Fenstern ein hoher Wandspiegel, in schwerem
goldbronzenen Rahmen, und das Ganze berflutet vom sanften Lichte eines
zierlichen, von der Decke herabhngenden Kronleuchters, und mehrerer,
in den Ecken verteilter Lampen, deren Glocken mit roter Seide umhllt
waren. Ein Aufenthalt, wie fr eine Fee, hergerichtet von einem guten
Geiste.

Der Baron ffnete die Thr zum Nebenzimmer, wo eine groe Glasglocke,
blau verschleiert, von der Decke schwebte und ein trauliches Licht
verbreitete. An der gegenberliegenden Wand, unter einem Zelte von
mattblauer Seide, stand ein Bett, kostbar und reich im Gestell,
schneewei leuchtend mit seinen Kissen und Linnen vom feinsten Gespinst.

Sprachlos, von Dankbarkeit berwltigt, hing Anna am Halse ihres Gatten;
so viel hatte sie von ihm empfangen, dies aber war doch das Hchste. So
beschenkt nur ein Mensch, dessen Seele uns nachgeht, ununterbrochen und
berall.

Ich denke, sagte der Baron, wir rufen jetzt deine Jungfer, damit du
die Reisekleidung abthust und es dir bequem machst!

Er lie den Blick umhergehen; auf Sthlen und Sofas des Schlafzimmers
lagen Annas eben ausgepackte Kleidungsstcke verstreut; eine Haus-
und Morgentoilette von rosarotem Wollenstoff lag obenan, zum Gebrauche
bereit.

Ich gehe unterdes zu mir hinauf, fuhr er fort, und wenn ich
wiederkomme, abendbroten wir, und wenn es dir recht ist, lassen wir hier
in deinem Zimmer anrichten, hier ist es gemtlicher, als da drben.

Zu mir hinauf, hatte er gesagt -- sie sah ihn fragend an.

Wo wohnst denn du eigentlich?

O -- ziemlich weit von hier, gab er zur Antwort, da oben im zweiten
Stock.

Er sah die Ueberraschung auf ihrem Gesicht; aber es war, als wollte er
weitere Fragen abschneiden. Er nahm ihren Kopf zwischen die Hnde, kte
sie auf den Scheitel und mit einem auf Wiedersehen ging er hinaus.

Von der Thr aus hatte er ihr lchelnd zugenickt. Bildete sie es sich
nur ein, oder war in seinem Lcheln etwas Gezwungenes gewesen?

Sie begab sich in ihr Schlafgemach, wo die Jungfer bereits auf sie
wartete. Es war ein Mdchen vom Dorfe, nicht bermig gebt in den
Knsten feinerer Bedienung. Schweigend, und nicht ohne Verlegenheit
wartete sie ihres Amtes. Kaum weniger verlegen aber war die Gebieterin
selbst. Es war das erste Mal, da Anna sich beim Aus- und Ankleiden
bedienen lie; mit innerlichem Lcheln gestand sie sich, da das
Prinzessinsein gelernt sein wollte.

Als sie in ihr Wohnzimmer zurckkehrte, stand inmitten desselben der
Tisch mit dem Abendbrote bereits angerichtet. Eberhard war noch nicht
wiedergekommen, sie war allein. Sie trat an eines der beiden Fenster,
kniete auf einen Stuhl und lehnte sich auf das Fensterbrett, in die
weiche dunkle Luft hinaustrumend.

Nachdem sie ein Weilchen so gelegen, fuhr sie auf und sah sich um -- und
richtig, da stand er hinter ihr in der Thr. Sie hatte ein Gefhl, als
htte er sie schon lngere Zeit schweigend betrachtet.

Er stand so regungslos -- in seiner aufgereckten Gestalt war eine Art
von lautloser Spannung, in seinen Gesichtszgen eine Art von Starrheit,
als htte ein Kampf getobt, der zur Ruhe gezwungen worden war.

Indem Anna sich aufrichtete, glitt ihr eines der braunsamtnen
Pantffelchen, die sie trug, vom Fue; jhlings neigte er sich herab und
kte sie auf die Fusohle, die nur noch vom seidenen Strumpfe bedeckt
war.

Ebenso rasch richtete er sich wieder auf.

Verzeih! sagte er. In Verwirrung trat er zurck.

Lachend warf sie sich an seine Brust.

Aber was soll ich dir denn verzeihen?

In seinen Augen flackerte es auf, um gleich darauf wieder zu erlschen.
Er kte sie, beinah wie abwehrend, auf die Stirn.

Ja, ja, sagte er heiser, nichts, nichts!

Dann rckte er ihr den Stuhl zurecht und setzte sich mit ihr an den
Tisch.

Das Abendessen zu zweien verlief in glcklicher Gemtlichkeit, man a,
man trank und plauderte. Als sie abgespeist hatten, sah Anna mit
einer gewissen Aengstlichkeit nach der Thr. Wrde nun der alte Johann
erscheinen, um abzurumen?

Eberhard schien ihre Gedanken erraten zu haben.

Der Johann wartet nicht mehr bei Tische auf, beruhigte er sie. Ich
denke, wir lassen alles, wie es ist. Wozu sollen wir uns stren lassen?

Damit war sie einverstanden. Sie lie sich von ihm Champagner
einschenken.

Aber du trinkst ja gar nicht! unterbrach sie sich.

Doch, doch, erwiderte er, und hastig leerte er sein Glas.

Sie hatte aber ganz recht gesehen; er trank nur sehr wenig. Er sa vom
Tische etwas abgerckt, und sah seine junge Frau an und sah, wie der
Wein ihr Blut zu erwrmen begann, so da ihr Gesicht sich leise
rtete und der junge Leib aus dem zarten rosafarbenen Morgenkleide
hervorzuatmen und herauszublhen schien.

Einen starren, beinah stieren Ausdruck nahmen seine Augen dabei an,
bis da er, wie pltzlich zu sich kommend, den Blick von ihr hinweg zur
Seite wandte.

Anna merkte nichts davon. Sie erzhlte von ihren Blumen, mit denen
sie gleich morgen anfangen wollte; daneben plante sie einen groen
Gemsegarten, der natrlich auch unter ihrer Obhut stehen sollte. Sie
war ganz vertieft in ihre Entwrfe und glcklich wie ein Kind.

Unterdessen sa der bleiche Mann schweigend ihr zur Seite. Ob er hrte,
was sie sprach? Ob er acht darauf gab? Es sah nicht so aus. Seine Seele
schien mit den dunklen Gewalten beschftigt, die wieder bermchtig ber
ihn wurden.

Es war spt geworden; die Stutzuhr auf dem Kaminsimse schlug elf Uhr.
Zeit zum Zubettegehen.

Anna wurde still, der Baron blieb stumm wie bisher -- es trat das
verlegene Schweigen ein, wenn zwei Menschen dasselbe denken und keiner
von beiden zu sprechen anfngt.

Annas Gesicht erglhte immer tiefer, ihre Hnde spielten mit den Quasten
der Schnur, mit der ihr Kleid gegrtet war; sie senkte die Augen in den
Scho und blickte verstohlen zu ihm auf. Jetzt erst bemerkte sie, wie
verschattet sein Antlitz war.

Noch eine Weile peinlichen Schweigens, dann erhob er sich. Seine
Bewegung hatte etwas Unsicheres, wie die eines Menschen, der nicht recht
wei, was er thun soll.

Langsam war auch Anna aufgestanden; nun stand sie mitten im Zimmer,
Nacken und Haupt schamhaft geneigt.

Sein unstter Blick ging rund im Zimmer umher, dann blieb er an ihr
haften, und der Ausdruck flackerte wieder darin auf, wie an dem Tage in
Breslau.

Wie sie vor ihm stand! Unbewut in keuscher Hingabe, wie eine demtige
Magd! Wie sie lieblich war, wie sie reizend, schn und entzckend war!

Ein dumpfer Laut rang sich aus seiner Brust; wie damals, als sie vor
dem Spiegel stand, umschlang er sie und ri sie an sich; mit dem Munde
drckte er ihr Haupt nach hintenber und dann whlten sich seine Lippen
auf ihren Mund, in ihr Gesicht, in ihren Hals.

Halb erstickt hing sie in seinen Armen; ihr Gesicht war ganz bla
geworden, ihre Augen geschlossen, unwillkrlich, wie damals, stemmte sie
die Hnde gegen ihn.

Eberhard, chzte sie.

Und nun geschah, was an jenem Tage geschehen war: jhlings lie er von
ihr ab, strzte ihr zu Fen und umschlang ihre Kniee.

Verzeih mir, sthnte er, verzeih mir und schlaf wohl, schlaf wohl,
schlaf wohl!

Mit einem Sprunge war er auf den Fen, an der Thr, und ohne sich
umzusehen, wie ein Gejagter, Verfolgter, zur Thr hinaus.

So rasch war dieses alles geschehen, da Anna nicht Zeit gefunden
hatte, ihm nachzurufen. Einsam blieb sie zurck, in vlliger dumpfer
Ratlosigkeit.

Sollte sie ihm nachgehen? Durch das fremde, dunkle Haus? Wo sie nicht
einmal seine Gemcher kannte? Es grauete ihr. Auch htte sie sich
schmen mssen.

Was also blieb zu thun? Zu Bette gehen.

Seufzend ging sie in ihr Schlafzimmer. Die Jungfer, die ihr beim
Entkleiden behlflich sein wollte, schickte sie hinaus; in der Stimmung,
in der sie war, brauchte sie keine fremden Augen, die ihr zusahen. Das
Bett mit dem schn verzierten Untergestell, das seidene Zelt darber --
wie prachtvoll alles. Aber in all dieser Pracht, welche Einsamkeit!
Die frischen Linnen des Betts berhrten sie mit frstelnder Khle; sie
huschte tief in die Decken und unter Thrnen schlief sie zum erstenmal
auf Schlo Fahrenwald ein.

Aber whrend sie schlief, war droben im zweiten Stock einer, der nicht
schlief, das war ihr Mann, der Baron Eberhard von Fahrenwald, der in
sein Zimmer gelangt war, die Thr verriegelt hatte und nun in seinem
Zimmer auf und nieder ging, ohne Aufhren und ohne Rast, wie ein wildes
Tier hinter den Stben des Kfigs.

Die Ruhe, die er sich den ganzen Tag hindurch aufgezwungen hatte, war
dahin, abgesprengt von seiner Seele, wie die Kruste, die sich auf die
Lava im Krater gelegt hat und die in alle vier Winde fliegt, sobald der
Vulkan da drunten lebendig wird. All die dunklen Gewalten, die in den
Tiefen seiner Seele brodelten, hatten Feuer gefangen, all die wilden
Instinkte, die da drunten, wie Ungeheuer im Tropenschlamme, vergraben
lagen, reckten pltzlich die Hupter; sie wollten sich nicht mehr
bndigen lassen, wollten nicht mehr dem befehlshaberischen nein
gehorchen, mit dem er sie damals fr einen Augenblick niedergezwungen
hatte, wollten nicht mehr; jetzt hatten sie ihn, jetzt schttelten sie
ihn, da ihm die Glieder am Leibe flogen, und wie mit feurigen Geieln
peitschten sie seine Phantasie. Immerfort sah er es vor sich, das Weib
da unten, das junge, blhende Weib, zu dem es ihn hinri. Jeden
ihrer Schritte begleitete er mit seinen Gedanken. Er sah, wie sie ihr
Schlafgemach betrat, wie sie langsam anfing, sich zu entkleiden. Ganz
deutlich, ganz handgreiflich sah er das. Stck nach Stck sank die
Gewandung herab; jetzt breitete sie die schneeweien Arme nach ihm, und
jetzt geschah etwas -- mitten im Zimmer blieb er jhlings stehen, die
Hnde an die Schlfen gedrckt, die Augen weit offen, wie fest gebannt
von einer furchtbaren Vision. War das er, den er da sah, der sich wie
ein reiendes Tier ber das hllenlose Weib herstrzte: Ja, ja, ja!
Wie hatte der Alte damals gesagt? Wenn er heiratete, wrde er jemanden
umbringen. So hatte der Alte gesagt, und das hatte ein Arzt dem Alten
gesagt. Also mute es so sein, und so war es ja auch, und nun wute er
ja auch, wer das war, den er umbringen wrde! Und also kam der Wahnsinn
doch! Und all das Kmpfen, all das Ringen, all das Sichzurwehrsetzen war
vergeblich gewesen, alles, alles?

An einem Sessel brach er in die Kniee; mit beiden Fusten griff er
sich ins Haar; er schlug die Stirn auf den Stuhl; ein heiseres Keuchen,
beinah wie ein dumpfes Geheul, brach aus seiner Kehle.

Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!

Dann lie der Sturm nach; gebrochen blieb er am Boden liegen, und nach
einer Stunde dumpfen kraftlosen Vorsichhinstarrens raffte er sich auf
und schleppte sich nach seinem Lager.

Whrend sich dies begab, war dort oben im zweiten Stock noch jemand
wach. Das war der alte Johann.

Er schlief nicht. Nein. Er wute ja, da er von jetzt an berhaupt nie
mehr schlafen durfte. Seit heute war die Einbrecherin im Schlo. Das
Unheil war eingezogen, jetzt hie es, Wache halten! Das war sein Amt,
seine Pflicht. Darum von nun an die Augen aufbehalten! Nicht mehr
schlafen! Nie mehr schlafen!

Der Baron hatte ihm verboten, sich zu zeigen, wenn er heute nachmittag
mit seiner jungen Frau ankommen wrde.

Natrlich hatte er gehorcht; alte Haushunde sind gehorsam, aber wachsam
sind sie auch. Und sie haben Zhne!

Er hatte auch ganz recht gehabt, der Herr Baron, da er ihn
fortschickte, da er die Person in Sicherheit vor ihm brachte, ganz
recht, ganz recht, ganz recht.

In seinem Zimmer eingeschlossen, drei Stunden lang und mehr war er
ununterbrochen hin und her gegangen, die knochigen Hnde reibend,
immerfort das eine Wort murmelnd ganz recht, ganz recht, ganz recht.

Ganz recht, da du mich nicht an sie heranlt -- denn wenn ich ihr zu
Leibe knnte-- Bei diesem wenn knirschten seine Zhne, seine Fuste
streckten sich in die Luft.

Dann, als es elf Uhr geschlagen, hatte er gehrt, wie jemand mit
hastigen Schritten, als wenn er liefe, als wenn er flchtete, die Treppe
drauen heraufgekommen war. Er hatte gelauscht, hatte gehrt, wie die
Thr zum Zimmer des Barons aufgerissen, schmetternd zugeworfen und dann
von innen verriegelt wurde.

Aha -- also, schon heut am ersten Abend fing es an! Das war der Baron,
den er da hatte kommen hren, der jetzt da drben in seinem Zimmer sa,
wie die Maus im Loch, wie die dumme Maus, der man Speck gestreut hat und
die genascht hat und jetzt dahinter kam, da der Speck vergiftet gewesen
war! Er grinste bers ganze Gesicht, er mute an sich halten, da er
nicht laut herauslachte, laut, da man's durchs ganze Haus hrte.

Die dumme, dumme Maus! Es war doch eigentlich zu komisch! zu lcherlich!

Dann war er ber den Flur geschlichen, an die Thr seines Herrn, hatte
sich mit dem Ohr an das Schlsselloch gebeugt und gehorcht, und wie er
da drinnen das Hin- und Hergehen, das Rasen, das Keuchen und Schnaufen
hrte, hatte er grinsend mit dem Kopfe genickt: Siehst du, siehst du,
siehst du wohl?

Die ganze Nacht htte er so stehen knnen und horchen, denn es
verursachte ihm ein namenloses Vergngen, zu hren, wie sein Herr da
drinnen litt. Das hatte er nun davon, der unglckselige, verrckte
Mensch, und das geschah ihm recht! Ein Glck nur, da wenigstens ein
Vernnftiger noch da war, einer, der noch zum Rechten sehen und die
verfahrene Geschichte wieder herausreien konnte. Und das war er, der
alte Johann; und er wrde sie wieder herausreien, ja, das wrde er!
Noch wute er nicht genau wie, aber fertig bringen wrde er es, das
wute er, das sagte er sich, indem er jetzt ber den Flur zu seinem
Zimmer zurckging, nicht mehr schleichend wie vorhin, sondern
hocherhobenen Hauptes. Denn ein Stolz erfllte seine Brust, da er sich
vorkam, als wre er jetzt eigentlich der Herr im Hause, als htte er zu
befehlen und kein andrer sonst.

Er konnte sich noch gar nicht entschlieen, in seine Kammer
zurckzukehren; es war ein Gefhl in ihm, als mte er noch irgend etwas
thun, etwas vollbringen; ein solches Kraftgefhl, da er am liebsten
laut gebrllt htte. Darum stieg er noch einmal die Treppe hinunter und
wandelte durch alle Gnge des Hauses, alles im Dunkeln, ohne Licht,
wozu brauchte er denn Licht? Er fand sich ja auch im Dunkeln zurecht in
seinem Hause. Sein Haus -- er drckte sich mit den Fingern die Lippen
zu, damit sein Kichern nicht zum lauten Gelchter ward. Als er endlich
zu seinem Zimmer zurckkehrte und ber die Schwelle trat, bckte
er sich. Er wute, da er pltzlich gewachsen war. Ja, ja, es war
merkwrdig, aber wahr, er war gewachsen, mindestens um einen Kopf, darum
mute er sich in acht nehmen, sonst wre er mit dem Kopfe oben an die
Thr gestoen.--

       *       *       *       *       *

Der Frhling that seine Pflicht. Zu allen Ritzen und Lchern des
Schlosses Fahrenwald schickte er am nchsten Morgen die Sonnenstrahlen
hinein, als wollte er dem alten Kasten bis in die finstersten Eingeweide
hineinleuchten und wrmen.

Als der Baron an das Fenster seines Zimmers trat und hinunterblickte,
sah er, da andre schon frher aufgestanden waren als er. Einen Strohhut
auf dem Kopf, das Kleid hoch aufgeschrzt, wandelte im Blumengarten
unten eine Gestalt zwischen den Beeten auf und ab, bald rechts sich
niederbeugend, bald links, so da der breitkrmpige Hut bedchtig auf
und nieder schwankte. Es war seine junge Frau.

Die Sonne hatte sie frh am Morgen geweckt und ihr keine Ruhe im Bette
gelassen.

Als er ihrer ansichtig wurde, war ihm, als snke die Nacht und alles,
was in der Nacht gewesen war, wie ein Spuk hinter ihm nieder, in eine
endlose Tiefe. Ohne sich zu besinnen, ri er das Fenster auf und Anna!
rief er laut hinunter.

Als sie seine Stimme vernahm, richtete sie den Kopf zu ihm auf, und als
sie ihn erblickte, hob sie die Hnde an den Mund und warf ihm Kufinger
zu. Ihr Antlitz, vom gelben Hute umrahmt, strotzend von Flle und
Jugend, sah aus wie eine Sonnenblume.

Komm herunter Eberhard, rief sie zu ihm hinauf, hier unten ist's
wundervoll.

Wie der Morgenruf der Lerche drang ihre Stimme an sein Ohr. Das Leben
war ihm wiedergegeben, und da unten stand es vor ihm, leibhaftig
verkrpert in dem geliebten Geschpf.

Er lehnte sich weit ber die Fensterbrstung hinaus. Gleich komm' ich,
gleich, sagte er; aber whrend er das sagte, blieb er ruhig im Fenster
liegen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr.

Sie stand und lchelte ihm zu und nickte; er nickte zurck. Dann zog
sie ihr weies Taschentuch hervor und wie mit einem Fhnchen winkte sie
hinauf.

Komm doch, rief sie wieder, komm doch endlich.

Nun erhob er sich, um sich anzukleiden, und jetzt erst sprte er, wie
schwer die Nacht ihn angegriffen hatte. Er taumelte beinah, und erst das
kalte Brunnenwasser, mit dem er sich berstrmte, brachte ihn wieder
zu sich. Als er aber in den Garten zu ihr hinunterkam, verga er seine
Schwche und alle Leiden. Bla war er freilich, aber das war sie ja an
ihm gewhnt; sie hpfte ihm entgegen; er fing sie in seinen Armen auf,
und als sie an seinem Herzen lag und die Liebe fhlte, die wie ein Strom
aus diesem Herzen ber sie dahinging, verga auch sie, da sie gestern
abend in Thrnen eingeschlafen war.

Der Tag blieb dem Morgen treu, heiter und schn bis zum Ende. Aber weil
er so schn war, wurde er fr Eberhard von Fahrenwald anstrengend. Anna
nahm ihn vollstndig in Beschlag und schleppte ihn vom Morgen bis zum
Abend im Park umher. Kaum da sie ihm zu den Mahlzeiten Ruhe vergnnte.

Der Park hatte es ihr angethan; sie war geradezu darein verliebt. Bisher
hatte sie ihn nur im allgemeinen kennen gelernt, nun sollte Eberhard ihr
alle Winkelchen und Eckchen zeigen. Sie war in der Stadt gro geworden;
die Natur, in die sie zum erstenmal hineinblickte, war fr sie wie ein
Mrchenbuch, das man vor den Augen des Kindes aufschlgt. Jeder kleinste
Vorgang darin war ihr ein Gegenstand des Staunens und Bewunderns. Unter
jedem Baume, in dem eine Nachtigall sa, mute Eberhard mit ihr stehen
bleiben und dem Gesange lauschen; wenn ein Buchfink ber den Weg
vor ihnen herhpfte, hielt sie ihren Begleiter am Arme fest, mit
ausgestrecktem Finger zeigend: Sieh doch nur, sieh! was fr ein
reizendes Tierchen! Sie war vollstndig zum Kinde geworden; sie
brauchte nichts weiter, verlangte nichts weiter, sie war glcklich.

Der gestrige Abend mit seiner schwlen Erregung, seiner dumpfen
Niedergeschlagenheit war in ihr ausgelscht. Sie hatte ja ihren
Gatten nicht recht begriffen, allerdings, aber sie hatte ja auch durch
Erfahrung gelernt, da man in solchen Augenblicken nicht in ihn dringen,
ihn nicht fragen durfte; also fragte sie nicht.

Eine sinnliche Natur war sie nicht. Es kamen wohl Stunden und waren
sogar dagewesen, wo ihr Blut heier wurde -- aber fr gewhnlich war
ihr das Verlangen der Sinne fremd, und es bereitete ihr keine
Schwierigkeiten, sich eine Ehe zu denken, in welcher die Eheleute wie
zwei gute Freunde nebeneinander hergingen.

Und sie begann sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, da ihr
beiderseitiges Verhltnis fortan in dieser Art weitergehen wrde.

Ob der Mann, der mden Schrittes hinter ihr drein kam, diese Gedanken in
ihrer Seele las? Vielleicht.

Er war etwas hinter ihr zurckgeblieben, denn weil er ihr zu langsam
ging, hatte sie sich von seinem Arme losgerissen. Nun sah er sie
vor sich dahintrippeln mit hastigen, frhlichen Bewegungen, den grn
bersponnenen Laubgang entlang, durch dessen Dach die Sonne ihr Licht
in verstreuten Funken herniederschickte, die junge Gestalt wie mit
Edelsteinen bersend.

Wie glcklich sie war! Und wie ihr Glck ihm die tiefste Seele erwrmte!

Aber wie harmlos auch, wie sorglos sie war! Wie so keine Ahnung sich in
ihr regte von dem, was gestern abend in ihm vorgegangen war, von all dem
Dunklen, Entsetzlichen!

War es nicht gut, da es also war? Freilich war es gut. Aber warum
seufzte er trotzdem innerlich auf?

Er fhlte, da er dieses alles vor ihr verstecken mute. Den einen
Menschen, der in ihm war, den gtigen, liebevollen, edlen Menschen, den
durfte er ihr zeigen, -- den andern mute die Nacht bedecken und das
Dunkel, da sie nie in sein Gesicht sah -- denn wenn sie es gesehen
htte-- Und also mute er stark sein und immer stark, und allein fr
sich tragen und schweigen.

Und so, indem er sie vor sich herschlendern sah, im Sonnenlichte
gebadet, sie selbst wie ein verkrperter Sonnenstrahl, kam er sich vor
wie das dunkle Gewlk, das hinter dem Lichte einherzieht, in dessen
Scho das Ungewitter brtet, der Untergang des Lichtes und sein Tod. Wer
war vorhanden, um das vertrauensvolle Licht davor zu bewahren, da das
Ungewitter es verschlang? Nur er selbst. Er selbst war ihre Gefahr
und sollte ihr Beschtzer vor ihm selbst sein. Indem er die furchtbare
Anforderung empfand, die von nun an jede Stunde und Minute, jeder
Anblick des ersehnten Weibes an seine Selbstbeherrschung stellte,
berlief es ihn wie ein Grausen.

Wrde er Kraft behalten? Immer? Es legte sich schwer auf seine Brust,
beinahe wie eine Todesangst.

Und dieses Angstgefhl verlie ihn nicht mehr; es wurde zu einer
bleibenden, krperlichen Beklemmung, und diese Beklemmung wuchs, je mehr
der Tag sich zum Ende neigte. Das Dunkel erschreckte ihn; er frchtete
sich vor der Nacht. Als er daher gegen Abend mit seiner Frau ins Schlo
zurckgekehrt war, lie er alles, was an Lampen aufzutreiben war,
anznden, damit Licht wrde, damit er sich das Tageslicht einbilden
knnte. Denn bei Tage, so schien es ihm, hatte der Dmon keine Gewalt
ber ihn. Nur hatte er dabei vergessen, da in dem Lichte, das jetzt,
aus allen Spiegeln widerstrahlend, die Gemcher fllte, auch die Gestalt
des Weibes um so leuchtender hervortreten mute. Und gerade vor ihr
frchtete er sich ja am meisten. Heute, im Laufe des Tages, als sie mit
ihm den Park durchtndelt hatte, war sie ihm wie ein kleines Mdchen,
wie ein Kind erschienen, dem gegenber die Sinne schweigen -- jetzt, da
die Nacht kam, wurde sie wieder zum Weibe. Jede Bewegung ihrer Glieder
wuchs in seiner Phantasie zu einer verstrickenden Umarmung, jedes
Rauschen ihres Kleides zu einem sinnbethrenden Lockruf.

Ich ziehe mir meinen Morgenrock an, hatte Anna gesagt, als sie ins
Schlo zurckkehrten, und es hatte ihm auf der Zunge geschwebt, zu
sagen, thu's nicht!

Aber er sagte es nicht. Was htte sie denken mssen? Wie htte sie es
verstehen knnen? Sollte er sagen, da er wahnsinnig sei? Er selbst? Er
lchelte.

Freilich, freilich; wir gehen wohl heute frh zu Bett? Du wirst dich
mde gelaufen haben?

Als er zu ihr zurckkam, stand sie vor einem Bilde, mit einer Lampe
hinaufleuchtend. Der weite Aermel des Schlafrocks war zurckgefallen,
der volle weie Arm kam bis ber den Ellbogen hervor. Alles vergessend,
wollte er mit einem Sprunge sich ber sie strzen -- da wandte sie sich
lchelnd um. Ein harmloses, ahnungsloses Kinderlcheln. Alles war fr
den Augenblick vorbei. Ruhig trat er zu ihr heran und nahm ihr die Lampe
ab.

Heute, nachdem sie zu Abend gespeist hatten, wartete er nicht, bis die
Uhr auf dem Kamin elf schlug.

Du bist mde? fragte er.

Sie nickte ihm mit traumverschleierten Augen zu.

In einem Armstuhl sa sie da, behaglich hintenber gelehnt, die Fe
weit ausgestreckt und bereinander gelegt.

Die Frhlingsluft macht so mde, sagte sie mit dmmernder Stimme, und
es ist so schn, einzuschlafen, whrend man die Nachtigallen singen hrt
-- horch doch nur, wie das klingt -- entzckend.

Er war an das geffnete Fenster getreten -- sie hatte recht. Wie
die Stimme des Frhlings drang der se Ton der Nachtigallen aus dem
nachtdunklen Parke herauf. Liebe war es, die ihren Gesang erweckte, und
es war, als riefen sie allen Geschpfen der Erde zu liebt euch, jetzt
ist die Zeit der Liebe. Und da stand er und durfte nicht lieben. Die
Qual, die er empfand, war so gro, da er lange Zeit lautlos am offenen
Fenster stehen bleiben mute. Dann trat er zu ihr.

Nun gute Nacht, sagte er. Er stand ber sie gebeugt; sie blickte
lieblich zu ihm auf.

Pltzlich griff er mit der Hand hinunter und ri ihr den einen Schuh vom
Fue.

Sie erschrak beinah.

Aber Eberhard.

Sie wollte nach ihrem Schuh greifen, aber er hielt ihn fest.

Ein Andenken, rief er, ein Andenken, er lachte dabei laut, beinahe
gellend, und dann, indem er den Schuh, in dem noch die ganze Wrme
ihres Fues war, an die Lippen drckte, scho er auf die Thr zu und war
hinaus. Kopfschttelnd sa Anna und sah ihm nach; dann erhob sie sich,
und den einen Fu im Schuh, den andern im Strumpfe, wanderte sie in ihr
Schlafgemach.

Eine Reihe von Tagen folgte, alle diesem Tage gleich. Luft und Himmel
voll Sonnenschein, das Laubgezelt des Parks immer dichter anschwellend
zum grnen, rauschenden Wald, von Dften durchflutet, von Vogelstimmen
durchtnt, und durch die grnende Wildnis dahinwandelnd die rosige
blhende Frau und der bleiche hohlugige Mann.

Immer grer wurde der Abstand, in dem sie gingen; immer weiter flog sie
ihm voran, immer mder blieb er zurck, und es kam auch schon vor,
da er sich auf eine Bank niedersetzte und sie allein auf Entdeckungen
ausziehen lie.

Die schlaflosen Nchte griffen ihn zu furchtbar an. Seine Nerven waren
des Morgens wie aufgeweicht, um sich dann im Laufe des Tages allmhlich
aufzustraffen, bis da sie am Abende wieder angespannt waren, wie die
Saiten eines Streichinstrumentes, jeden Augenblick zum Springen bereit.

Jeden Abend dann wieder das Aufsteigen des wtenden Verlangens und das
Niederkmpfen desselben, so da sein Inneres einem Schlachtfelde glich,
und jeden Abend die Wiederkehr einer Erscheinung, die er sich nicht zu
erklren vermochte, und die trotzdem vorhanden war, die er empfand, mit
Grauen empfand:

Jeden Abend, wenn er in sein Zimmer gekommen war, hatte er ein Gefhl,
als stnde etwas hinter ihm, irgend etwas, er htte nicht sagen knnen,
was. Etwas Frchterliches, das unablssig auf ihn hinblickte, mit grnen
Augen, mit einem wartenden Blick. So deutlich empfand er die Anwesenheit
dieses schrecklichen, unsichtbaren Etwas, da ihm manchmal geradezu
war, als hrte er ein leises, keuchendes Atemholen, so da er die Lampe
aufnahm und Winkel und Ecken seiner Zimmer durchstberte, bis da er die
Lampe wieder niedersetzte und sich sagte, da niemand da war und nichts,
da alles nur in ihm selbst war, ein Spukgebilde seiner Seele, der
Wahnsinn, der Wahnsinn.

Eines freilich sah er bei diesen Gelegenheiten nicht: wenn er mit der
Lampe in der Hand durch seine Zimmer stberte und der Thr nahe kam,
die zum Flur ging, dann sah er nicht, wie sich drauen an der Thr eine
hagere Gestalt aufrichtete, die bis dahin lauernd zum Schlsselloch
gebeugt, mit leise keuchendem Atemholen gestanden hatte und nun, wenn
sie seine Schritte nahen hrte, ber den Flur hinweg huschte und sich
in den Schatten des groen Schrankes drckte, der an der Wand des Flurs,
neben der Thr stand.

Anna hatte in den letzten Tagen sein bles Aussehen bemerkt und ihn
zrtlich besorgt gefragt, ob ihm etwas fehle. Aber er hatte hastig und
entschieden verneint, Gar nichts fehlte ihm, er war vollkommen wohl!
Und um sie zu beruhigen, hatte er sogleich einen weiten Spaziergang mit
ihr durch den Park gemacht.

Mit aller Gewalt hatte er sich zusammengenommen und zusammengerafft;
liebenswrdig und freundlich war er gewesen, wie nur je zuvor.

Da nur sie nichts merkte! Um Gottes willen, nur nicht sie!

Aber diese letzte gewaltsame Anspannung gab ihm den Rest.

Da er sich heute, seiner Versicherung nach, so wohl fhlte, hatte Anna
ihn wieder durch den ganzen Park mit sich genommen, herauf und herab,
die Kreuz und die Quer. Mehrere Vogelnester hatte sie entdeckt, die
noch im Bau begriffen waren, und das Treiben der Vgel dabei war doch zu
reizend, jedes einzelne mute sie ihm zeigen. Und nachdem das erledigt
war, hatte er ihr dahin folgen mssen, wo sie ihren Gemsegarten
anzulegen gedachte; sie hatte ihm die einzelnen Felder schon gezeigt,
wo Salat gebaut werden sollte, und Bohnen, Rben und Tomaten, und was es
alles gab.

Am Abend war sie daher schlfrig geworden wie ein Kind, das sich
tagsber mde gespielt hat.

Heute werde ich aber gehrig schlafen, sagte sie, als sie sich erhob,
um ihm gute Nacht zu wnschen.

Er war heut so besonders liebenswrdig gewesen, dafr war sie ihm Dank
schuldig. Zrtlich hing sie sich um seinen Hals, um ihn zu kssen. Wie
es jetzt in seiner Gewohnheit lag, richtete er den Oberleib steif auf,
als wollte er ihren Lippen ausweichen, aber sie hatte es sich in den
Kopf gesetzt, heute sollte er einmal seinen Ku bekommen. Lachend
versuchte sie, mit ihrem Munde an den seinen zu gelangen, und weil ihre
Krperlnge dazu nicht ausreichte, stieg sie mit den Fen auf seine
Fe. Indem sie sich auf den Spitzen erhob, reichte sie ihm bis an den
Mund, und nun erhielt er einen langen, warmen, liebevollen Ku.

Ihre Lippen lagen auf den seinen, ihr junger Leib drngte sich an ihn,
auf seinen Fen empfand er ihre warmen weichen Fchen.

In dem Augenblick war ihm zu Mute, als risse etwas in ihm, beinah, als
sprnge eine Saite, so da er das Nachsummen des Schlags in seinen Ohren
zu vernehmen meinte.

Er schob sie von sich.

Gehst du jetzt zu Bett? fragte er; der Ton seiner Stimme war lallend.

Freilich geh' ich zu Bett.

An der Thr des Schlafzimmers blieb sie noch einmal stehen und warf ihm,
traumselig nickend, Kufinger zu.

Kaum da sie dann ihr Lager erreicht hatte, war sie schon eingeschlafen.

Einige Zeit spter, sie htte kaum sagen knnen, ob Stunden oder nur
Minuten, wurde sie durch ein Gerusch geweckt, und als sie blinzelnd die
verschlafenen Augen ffnete, bemerkte sie, da ein Lichtschein im
Zimmer war. Wie kam das? Sie hatte doch vor dem Einschlafen alles Licht
gelscht?

Indem sie sich allmhlich ermunterte, sah sie, da das Licht von der
Thr herkam, und durch den blauseidenen Bettvorhang hindurch gewahrte
sie eine dunkle Gestalt, die in der Thr stand. Genau zu erkennen
vermochte sie nicht, wer es war.

Bist du's, Eberhard? fragte sie schlfrig.

Es erfolgte keine Antwort. Die Gestalt rhrte sich nicht. Sie richtete
sich auf den Ellenbogen auf.

Eberhard, bist du's? fragte sie noch einmal.

Jetzt kam die Gestalt mit einem Schritt heran, bis an das Fuende ihres
Bettes, schlug den Vorhang zurck -- ein Licht in Hnden, stand ihr
Gatte vor ihr, Eberhard von Fahrenwald.

Er gab keinen Laut von sich, seine Augen ruhten auf ihr, mit stierendem,
beinahe glsernem Blick.

Sie wute nicht, was sie denken sollte, verwirrt schaute sie ihn an.
Dann streckte sie den Arm nach ihm aus.

Aber Eberhard -- was machst du denn?

In dem Augenblick hatte er das Licht auf den Nachttisch gesetzt und
ihren Arm mit beiden Hnden ergriffen. Als wre ihr Arm in einen
Schraubstock gespannt -- so war es. Es wurde ihr unheimlich.

Aber -- so sprich doch nur ein Wort, bat sie leise.

Er sprach nicht; es war, als hrte er sie berhaupt nicht. Pltzlich
lie er ihren Arm fahren, griff sie mit beiden Hnden an den Schultern
und drckte sie in die Kissen zurck. Sie lag wie gefesselt unter seinen
Hnden, unfhig sich zu bewegen; ihre Augen blickten angstvoll in
sein Gesicht empor, das mit steinernem, rtselhaftem Ausdruck ber sie
gebeugt war.

Was thust du denn? stammelte sie; dabei warf sie die Schultern hin und
her und versuchte, sich seinem Griffe zu entwinden.

Als er die windenden Bewegungen ihres Krpers fhlte, bog er pltzlich
den Oberleib zurck, richtete sich auf, sein Anblick wurde wie der eines
wilden Tieres, das sich zum Sprunge auf die Beute anschickt.

Von Todesangst gepackt, fuhr sie auf und aus dem Bette. Keuchend stand
sie, zu ihm hinberblickend, der auf der andern Seite des Bettes stand.
In das Zimmer ihrer Jungfer zu gelangen, vermochte sie nicht, weil er
zwischen Bett und Thr war.

Als er jetzt aber eine Bewegung machte, als wollte er auf sie zu, stie
sie einen gellenden Schrei aus, und so wie sie war, mit nackten Fen,
nur im Hemd, rannte sie durch die Thr, durch die er gekommen und die
hinter ihm offen geblieben war, in ihr Wohnzimmer. Halb sinnlos
vor Angst drckte sie sich hinter dem Ruhebett nieder, das an der
gegenberliegenden Wand stand. Ein Augenblick verging -- dann erschien
der Verfolger auf der Schwelle, das Licht haltend, mit dem Lichte nach
ihr suchend.

Jetzt hatte er sie entdeckt -- und wieder sprang sie auf und flchtete
weiter, in das nchste Zimmer. Hinter ihr kam er her, mit langen
Sprngen. Aus dem zweiten Zimmer ging es in das dritte, in das vierte
und weiter, immer weiter, durch alle Zimmer hindurch, die Galerie
entlang, bis da sie endlich im Bibliotheksaale, am Ende der
Zimmerflucht angelangt war und sich bewut wurde, da es nun nicht
weiter ging, da sie gefangen war, verloren war. -- Mitten im Saale, die
entsetzten Augen auf ihn gerichtet, blieb sie stehen, beide Arme reckte
sie in die Hhe, -- ein verzweifeltes Geschrei -- und jhlings, mit
schwerem Fall schlug sie auf den Fuboden nieder, ohnmchtig, wie eine
Leiche anzusehen.

Als dies geschah, als er den Schrei vernahm und die weie Gestalt
zusammenbrechen sah, blieb der Mann stehen und sah sich einen Augenblick
wie verwundert um. Es sah aus, als mte er seine Erinnerung sammeln.
Dann kam er, das Licht hoch haltend, mit vorsichtigen Schritten da
heran, wo das da am Boden lag, das Weie. Er senkte das Licht und
leuchtete ber die regungslose Gestalt hin, richtete sich wieder auf und
trat einen Schritt zurck. Er setzte das Licht auf den Tisch, und auf
die Tischplatte niederstarrend, fing er wieder an, sich zu besinnen,
nachzudenken, nachzudenken. Dann erhob er die Augen, richtete sie dumpf
brtend den Fenstern zu, hinter denen die schwarze Nacht hing, und nun
war es, als kme aus weiter Ferne der Nacht ein Licht heran, ganz fern
erst, ganz klein, aber nher kommend, immer nher, bis da es sein
Gesicht erreicht hatte, bis da es in seine Augen gestiegen war. Und
nun begannen die Augen, die bis dahin glsern gestiert hatten, wieder zu
sehen, die Zge des verwandelten Gesichts wandelten sich wieder zurck,
und nun war es wieder Eberhard von Fahrenwald, der dort am Tische stand.

Mit einem Ruck, da die Gelenke in seinem Leibe krachten, richtete er
sich pltzlich in die Hhe, ergriff noch einmal das Licht und trat heran
-- im nmlichen Augenblick aber flog er rckwrts, als wenn ein Sto ihn
zurckgeworfen htte. Auf dem glatten Parkett des Fubodens schlug er
der Lnge lang hin, mit dem Gesicht am Boden, beide Hnde in den Mund
stopfend, mit den Zhnen in die Hnde beiend, da das Blut herabtroff.
Ein gurgelndes Rcheln, ein ersticktes Heulen whlte sich aus ihm heraus
und in den Fuboden hinein; dann kroch er bis zu dem nchsten Stuhle,
arbeitete sich mhselig an dem Stuhle auf, bis da er auf den Fen
stand, und nun, wie ein Mensch, der nicht mehr gehen kann, dem das
Rckgrat gebrochen ist, schleppte er sich, die Augen immerfort auf
die Gestalt am Boden dort gerichtet, bis an die Thr, die aus dem
Bibliotheksaale auf den Flur fhrte. An der Thrklinke hielt er sich
mit beiden Hnden aufrecht, das Haar klebte ihm im Gesicht, eine
dicke Feuchtigkeit -- war es Schwei, war es Blut, waren es Thrnen --
rieselte ihm vom Gesicht; es war, als wenn er weinen wollte, aber er
vermochte es nicht -- als wenn er etwas sagen wollte, aber er vermochte
es nicht -- nur ein Aechzen wurde vernehmbar: Anna -- Anna -- Anna und
diesen Namen wiederholend und fortwhrend, sinnlos wiederholend, schob
er sich zur Thr hinaus. Sobald er aber die Thr hinter sich hatte,
fhlte er sich von einem eisernen Arm umschlungen und aufrecht gehalten.
Der Mann war da, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, und dem
er nun wieder gehrte, der alte Johann.

Kommen Sie nur, gndiger Herr, sagte er mit starker, harter Stimme,
kommen Sie nur und lassen Sie mich machen. Jetzt wird sich alles wieder
geben.

Er fhrte den gebrochenen Mann, der hlflos, willenlos in seinem Arme
schwankte, die Treppe hinauf, in sein Zimmer; er brachte ihn zu Bett,
wie ein Kind; er deckte ihn zu.

Nun schlafen Sie, sagte er laut, beinah befehlend; dann sah er sich
noch einmal in den Zimmern um: kein Messer da? Keine Schere? Kein
Werkzeug irgend welcher Art? Nichts. Er rieb sich die Hnde; so stolz
war er! so vergngt! An den Fenstern machte er sich noch zu schaffen,
und es dauerte ziemlich lange, bis er damit fertig war; er hatte einen
Schraubenbohrer in der Tasche und Schrauben; smtliche Fenster in den
Zimmern des Barons schraubte er zu -- fr alle Flle -- man konnte ja
nicht wissen. -- Dann riegelte er die Rume seines Herrn von auen
ab und nun war er fertig, nun hatte er ihn da drin, nun hatte er ihn
sicher. Als er auf dem Flur drauen stand, reckte er sich lang auf. Ah
-- sagte er laut vor sich hin und jetzt brauchte er sich ja keinen Zwang
mehr anzuthun, jetzt konnte er lachen und er lachte, laut, immer lauter,
zuletzt brllend. Mit den flachen Hnden schlug er sich auf die Lenden;
wer hatte nun recht behalten?

Vom Augenblick an, als der Baron in der Nacht sein Zimmer verlassen
hatte und hinuntergegangen war, hatte er ja alles mit angehrt.

Jetzt kommt's, hatte er sich gesagt, indem er im Dunkel hinter
ihm hergeschlichen war. Dann hatte er den Ruf in Annas Schlafgemach
vernommen, das Jagen und Laufen durch die Zimmer, endlich den letzten
Schrei und das Fallen des Krpers im Bibliotheksaale.

Jetzt hat er sie totgeschlagen, hatte er sich gesagt, und er hatte an
sich halten mssen, um nicht schon da lachend herauszuplatzen. In
dem Augenblick war er ja noch Diener gewesen, da htte es sich nicht
geschickt.

Aber jetzt -- jetzt blieb nur noch zu thun, da er sich danach umsah, wo
der Leichnam lag. Zu dem Zwecke ging er jetzt nach dem Bibliotheksaal.

Einen dicken Stock trug er in der einen, eine brennende Laterne in der
andern Hand. Warum er den Stock mitnahm? Er hatte so ein Gefhl, als
knnte sich mglicherweise eine Gelegenheit bieten, -- er wnschte
sich eine Gelegenheit -- er hatte so ein Bedrfnis, auf irgend etwas
loszuhauen, irgend etwas zu zerschmettern, irgend etwas, am liebsten
aber menschliche Glieder und einen menschlichen Krper. Er hieb mit dem
Stock auf das Treppengelnder, da es krachte. Ah -- wie ihm das wohl
that! Wenn sie so vor ihm gelegen htte! Wenn er so auf sie htte
loshauen knnen, da ihre Glieder unter seinen Streichen zerflogen wren
wie Glas! Aber der Baron hatte ihm ja schon vorgearbeitet. Jetzt war
er nur noch neugierig zu sehen, wie er es gemacht haben, wie er sie
zugerichtet haben wrde. Mit der lsternen Begier der blutdrstigen
Natur, die dem Anblick von irgend etwas Grlichem entgegengeht, trat er
in den Bibliotheksaal ein, sah sich um -- und blieb enttuscht stehen.
Der Saal war ja leer?

Die Jungfer, die Thr an Thr mit ihrer Gebieterin schlief, war von
dem dumpfen Rumoren in Annas Schlafzimmer aufgewacht. Anfangs nur halb
ermuntert, war sie ganz wach geworden, als sie den gellenden Schrei
nebenan vernahm.

Rasch war sie aufgestanden, hatte Licht angezndet und war eingetreten.
Nun sah sie Annas zerstrtes Bett, von dem die Decken heruntergeworfen
waren, in dem die Kissen wst und wild durcheinander lagen. Sie sah
die Thr zum Nebenzimmer offen, und in dem Augenblick vernahm sie von
drben, aus der Ferne, Annas verzweifelten Schrei. Im ersten Augenblick
hatte sie in ihr Zimmer zurcklaufen und den Kopf unter die Bettdecke
stecken wollen. Aber dann hatte sie sich gesagt, da das nicht recht
wre, da der Frau Baronin etwas zugestoen sein mte, der armen jungen
Frau Baronin, die so gut zu ihr war, von der sie nie ein bses Wort zu
hren bekam, und da es ihre Pflicht sei, zuzusehen, was geschehen war.
Darum hatte sie sich rasch in die notdrftigste Kleidung gesteckt, und
zitternd, mit schlotternden Gliedern, war sie die Zimmerflucht entlang
bis nach dem Bibliotheksaale gegangen.

Wie sah es hier aus! Ein Leuchter lag am Fuboden; das Licht war nicht
erloschen, die Flamme hatte schon angefangen, ein glimmendes Loch in
das Parkett zu brennen, und einige Schritte weiter war noch etwas, etwas
lang Hingestrecktes, Weies, das sich jetzt sthnend zu regen begann,
die junge Frau Baronin, die nur mit dem Hemde bedeckt, mit aufgelstem
Haare ohnmchtig am Boden lag.

Bei dem Anblick brachen dem Mdchen die Thrnen aus den Augen. Sie hob
das schwlende Licht auf, kniete zu ihrer Gebieterin nieder und nahm
ihren Kopf in ihren Schoo.

Gndige Frau Baronin, sagte sie, Frau Baronin, Frau Baronin!

Anna schlug die Augen auf, und als sie die Jungfer erkannte, klammerte
sie sich um ihren Hals.

Hilf mir! seufzte sie, hilf mir!

Das Mdchen ri den Mantel ab, den sie um die Schultern geworfen hatte,
und verhllte damit die schutzlosen Glieder ihrer Gebieterin, dann
umfate sie sie unter den Achseln und half ihr aufstehen. Aengstlich
aneinandergeschmiegt wanderten die beiden Frauen nach Annas Schlafgemach
zurck.

Hier sank Anna auf einen Stuhl, wie in Betubung vor sich
niederstarrend. Das Mdchen holte ihre Kleidungsstcke heran und begann
sie anzuziehen; eine Ahnung sagte ihr, da man sich auf weiteres gefat
zu machen hatte und da man sich rsten msse. Anna lie sie schweigend
gewhren.

Wo ist denn mein Mann? fragte sie nach einiger Zeit.

Der Herr Baron? Ich wei nicht, versetzte das Mdchen. Soll ich
einmal nach ihm seh'n?

Ja, ja, sagte Anna.

Das Mdchen schlpfte hinaus, auf den Flur, die Treppe zum oberen
Stockwerk hinauf. Sie kam gerade zurecht, um zu sehen, wie der alte
Johann die Thr des Barons von auen verriegelte, wie er dann in sein
Zimmer ging und mit der Laterne in der einen, dem Stock in der andern
Hand wieder herauskam; unhrbar glitt sie die Treppe hinab, dann kam sie
zu Anna zurckgelaufen.

Gndige Frau Baronin -- eben hab' ich's geseh'n -- der Johann hat den
gndigen Herrn eingesperrt -- und ich glaube jetzt kommt der Johann
herunter -- und einen dicken Stock hat er mit sich -- und er sieht aus,
wie ich's gar nicht sagen kann -- gar so frchterlich -- o Herr Jeses
ne, Herr Jeses ne!

Sie war ganz auer sich, ihr Atem flog, zu Annas Fen niedergekauert,
umschlang sie sie mit den Armen. Hlflos, ratlos drckten sich die
beiden Frauen aneinander.

Nach einiger Zeit vernahmen sie ein dumpfes Gerusch; schwere Schritte
stampften vom Bibliotheksaale heran. Dazwischen hrten sie eine Stimme;
es sprach jemand ganz laut.

Das Mdchen beugte lauschend den Kopf vor.

Das ist der Johann, flsterte sie.

Anna sa, wie in Eis gebadet.

Mit wem spricht er denn nur?

Das Mdchen zuckte die Achseln und schttelte den Kopf.

Jetzt konnte man schon einzelnes von dem verstehen, was er sagte: Aber
tot mu sie sein! Mu sie sein! Lebendig aus'm Haus lass' ich sie nicht!
Lass' ich sie nicht!

Dann pltzlich blieb er stehen, und im nchsten Augenblick gab es einen
frchterlichen Krach; mit dem dicken Knotenstock hatte er in einen der
hohen Spiegel hineingehauen, die vorn in den Zimmern hingen.

Siehste du! kreischte er, und whrend das klirrende Glas zu Boden
rauschte, stie er ein Gelchter aus, da den beiden Frauen die Haare zu
Berge stiegen.

Weiter gingen die Schritte, Sthle flogen beiseite, Tische schmetterten
zu Boden, wie wenn ein Ungeheuer durch die Zimmer stapfte und alles
hinwegschleuderte, was ihm in den Weg kam. Im nchsten Zimmer war wieder
ein Spiegel zwischen den Fenstern -- klirr -- ging der Knppel hinein
und -- klirr -- kam das splitternde Glas herunter. Wieder kam das
siehste du! wieder das gellende Lachen und das wahnwitzige Schwatzen:
Tot mu sie sein! tot mu sie sein! mu sie sein!

Jetzt war kein Zweifel mehr, auf das Schlafzimmer kam er zu.

Frau Baronin! sagte das Mdchen, indem es, kreidewei im Gesicht, auf
die Fe sprang.

Anna sa wie leblos.

Frau Baronin! sie schttelte sie an den Schultern, um Jesus und aller
Heiligen willen, kommen Sie fort!

Mit einem Griff packte sie Anna um den Leib, ri sie vom Stuhle auf und
zog sie aus dem Schlafzimmer in ihre nebenanstoende Kammer, deren Thr
sie hastig von innen verriegelte.

Es war hchste Zeit gewesen.

Im Augenblick, als sie sich hinter die Thr gebracht hatten, erdrhnten
die Schritte in Annas Wohnzimmer, und im nchsten Augenblicke erschien
auf der Schwelle des Schlafgemachs eine grauenvolle Gestalt, die Gestalt
eines Wahnsinnigen, Tobschtigen, des alten Johann.

In der Linken hielt er die Laterne hoch, dann hrten die Frauen, die
sich drauen zhneklappernd an die Thr drngten, seine Stimme, die
jetzt pfeifend, in schneidenden Fisteltnen herauskam: Siehste du,
Kurnallje! Itze hab' ich dich!

Dann ein Sausen durch die Luft und ein schwerer schmetternder Streich;
sein Stock hatte mit aller Gewalt in Annas Bett hineingeschlagen. Die
gepolsterte Rolle die unter Annas Kopfkissen gelegen hatte, war
whrend des Kampfes verschoben worden und lag jetzt mitten im Bett. Die
lngliche runde Gestalt des Polsters tuschte seinen wahnsinnumnachteten
Sinnen vor, da die junge Frau selber vor ihm lge; auf sie hatte er
eingehauen.

Ein wtendes Lachen folgte dem Streiche.

Hat's gut gethan? Hat's gut gethan?

Dann wurde seine Stimme undeutlich und verworren, als htte er einen
Brei im Munde, den er nicht mehr zu Worten zu zerkauen vermochte, wie
die Stimme eines bsen Hundes, den die Wut so bermannt hat, da er
nicht mehr bellen kann.

Noch leben willst de? Noch mucken willst de? Tot mut de sein! Tot mut
de sein! mut de sein!

Und krach, krach und krach wie eine schaudervolle Begleitung
zu den schaudervollen Worten schmetterte der Stock wieder, wieder und
wieder in das Bett hinein.

Nun schien er befriedigt.

Ein langgezogenes so -- siehste itze war's recht, dann noch ein
wortloses unverstndliches Whlen und Rumoren, und dann vernahmen
die Frauen, wie er stampfenden Schrittes, so wie er gekommen war, das
Schlafzimmer wieder verlie.

Was that er jetzt? Wo ging er hin? Den Finger auf den Mund gelegt,
bedeutete das Mdchen Anna, da sie sich ruhig verhalten, da sie
zurckbleiben sollte, dann ffnete sie leise, leise, die Thr, streifte
die Schuhe ab und schlich barfu dem Alten im Dunkel nach. Nach lngerer
Zeit erst kam sie zurck.

Frau Baronin, sagte sie, Frau Baronin, kommen Sie schnell, seh'n Sie,
was er jetzt angibt.

Sie warf Anna einen Mantel um, dann ergriff sie sie an der Hand und ri
sie durch die dunklen Rume des Schlosses, ber eine Hintertreppe in den
Garten hinunter.

In einiger Entfernung vor ihnen schritt der Alte, die Laterne in der
einen, statt des Stocks jetzt einen Spaten in der andern Hand. Im linken
Arme trug er die weie Kopfrolle aus Annas Bett, die infolge seiner
Streiche mitten durchgeknickt war und in zwei bammelnden Enden ber
seinen Arm hing.

Er glaubt, das sind Frau Baronin, die er da trgt, stammelte das
Mdchen Anna ins Ohr.

Anna blickte starr.

Das Mdchen zog sie am Arme und bedeutete sie, weiterzugehen; aber
leise, mahnte sie, leise!

Mit angehaltenem Atem schlichen sie hinter dem Alten her, so weit
entfernt, da sie seine von der Laterne beleuchtete Gestalt gerade noch
zu erkennen vermochten.

Jetzt sahen sie, wie er vom Wege in das Gebsch abbog, und nachdem er
sich einige Schritte weit hineingearbeitet hatte, blieb er stehen. An
der Stelle, wo er sich befand, war eine kleine Lichtung im Dickicht,
einige Fu im Geviert. Er hing die Laterne an einen Ast, warf das
Polster zur Erde, spuckte sich in die Hnde und mit einem nu jetzt
aber 'mal stie er den Spaten in die Erde und fing an, eine Grube
auszuwerfen.

Die beiden Frauen hatten sich bis an den ueren Rand des Gebsches
herangemacht; sie verfolgten jede seiner Bewegungen.

Er arbeitete mit grimmiger Verbissenheit; ein dumpfes Grunzen begleitete
jeden Spatenwurf. Dann richtete er sich auf, so da das Licht der
Laterne sich in seinen blutunterlaufenen, grlichen Augen spiegelte. Er
raffte das Polster vom Erdboden auf, hob es mit beiden Armen empor und
dann mit aller Gewalt schleuderte er es in das ghnende schwarze Loch,
so da man den dumpfen Puff vernahm, mit dem es unten aufschlug.

Er stierte in die Grube hinunter.

Da gehste nein, sagte er, da bleibste und kommst all dein Lebtag
nicht wieder heraus!

Dann griff er wieder zum Spaten und schaufelte das Loch zu.

Frau Baronin, kommen Sie fort, flsterte das Mdchen. Der Alte hatte
sein Werk vollbracht, gleich wrde er jetzt zurckkommen, auf die Stelle
zu, wo die beiden standen. Sie wichen einige Schritte in dem dunklen
Laubgang zurck. Durch das Dickicht brach er sich hindurch und an ihnen
vorbei trottete er nach dem Schlo zurck.

Jetzt meint er, hat er Frau Baronin begraben, sagte das Mdchen.

Anna konnte nichts erwidern.

Die gutgemeinte aber plumpe Art, mit der ihre Begleiterin ihr all
das Schreckliche, was sie erlebte und sah, noch einmal wiederholte,
steigerte die Entsetzensqual, die auf ihr lastete, bis zum
Unertrglichen; der Atem versagte ihr, sie schluckte, schluckte und
schluckte noch einmal, dann taumelte sie und wre ohnmchtig zur Erde
gefallen, wenn sie nicht mit dem Rcken gegen einen Baumstamm gesunken
wre, und wenn nicht das Mdchen mit beiden Hnden zugegriffen und sie
aufrecht gehalten htte.

Erst allmhlich hob sich der Druck, der ihr wie ein eiserner Reif die
Brust umspannte. Endlich vermochte sie tief Atem zu holen, und nun brach
sie in einen endlosen Thrnenstrom aus.

Was soll ich jetzt machen? schluchzte sie, ins Schlo kann ich doch
nicht mehr zurck!

Vom Jammer berwltigt, kniete das Mdchen vor ihr nieder und umfing sie
mit den Armen.

Frau Baronin, sagte sie flehend, liebe, gutte, gndige Frau Baronin,
weinen Se och nich so! Gott is gutt, Gott wird Sie nicht verlassen! Ins
Schlo drfen Frau Baronin nicht zurck, das is ja klar; also will ich
Frau Baronin etwas sagen: Frau Baronin gehen mit mir, zu meinen Eltern
ins Dorf -- in ihrer Erregung hatte sie all ihr Hochdeutsch vergessen
und war wieder ganz das schlesische Landmdchen geworden--, meine
Eltern haben halt nur a paar kleene Stiebchen, aber 's sind gutte Leite,
gutte Leite! Frau Baronin knnen ganz gutt a paar Tage bei ihnen wohnen.
A Bett fr Frau Baronin find't sich schon und a Brinkel zum essen auch,
und murne is wieder a Tag, und da werden wir schon weiter seh'n, schon
weiter seh'n.

Mit diesen Worten hatte sie Anna unter den Arm gefat und fhrte sie,
die willenlos alles mit sich geschehen lie, durch den Park auf das
freie Feld hinaus und dann im weiten Bogen in das Dorf, zum Hause ihrer
Eltern, wo sie in tiefer nchtlicher Stunde an die Fensterlden klopfte
und die alten Leute aus dem Schlaf pochte.

Eine halbe Stunde spter lag Anna im Bette der alten Tagelhnersfrau,
whrend diese und ihr Mann sich mit ihrer Tochter, der Franzel, nebenan
in die Kche setzten und mit offenem Mund und Augen die frchterlichen
Dinge anhrten, die sich droben auf dem Schlosse begeben hatten.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen sa Eberhard von Fahrenwald oben in seinem Zimmer, in
einen Armstuhl geschmiegt, die Kniee mit einer wollenen Decke umhllt,
mde, gebrochen, wie ein pltzlich alt gewordener Mann.

Die Thr that sich auf, und der alte Johann erschien, eine Platte in
Hnden, auf der er ein Frhstck trug. Er setzte sie auf den Tisch neben
seinen Herrn.

Frhstcken Herr Baron jetzt! befahl er.

Seine ehemalige demtige Haltung war nicht mehr; er stand neben seinem
einstigen Herrn wie ein Aufseher bei einem Gefangenen.

Der Baron senkte die Augen, es sah aus, als frchtete er sich vor seinem
Diener.

Frhstcken Sie, gebot dieser noch einmal, und whrend Eberhard von
Fahrenwald einige Bissen zum Munde zu fhren versuchte, ging er, die
Hnde in den Hosentaschen, in den Zimmern auf und ab, die Fenster
und Thren untersuchend. Dann kam er zurck, um das Frhstck wieder
abzurumen.

Eberhard sah mit scheuen Blicken an ihm vorbei. Seine Hnde zupften an
der wollenen Decke; man merkte ihm an, da eine Frage auf seiner Seele
lag, die sich nicht ber die Lippen getraute. Endlich kam sie heraus:
Wo -- ist denn -- meine Frau?

Der Alte zuckte die Achseln, als verlohnte es sich nicht, auf solche
Frage berhaupt zu antworten, und ging auf die Thr zu.

Wo ist meine Frau? wiederholte Eberhard mit heiserer Stimme.

Jetzt drehte der Alte die Augen zu ihm herum, die giftigen Augen.

Denken Herr Baron denn immer noch daran? Wre abgethan, die Geschichte,
htt' ich gemeint. Wr' schon am besten, Herr Baron fingen an, an andres
zu denken.

Eberhard ruckte und zuckte in seinem Stuhl; es sah aus, als ob er
aufstehen wollte, aber der gefhrliche Blick des Alten hielt ihn am
Platze fest.

Beide sahen sich eine Zeitlang stumm in die Augen. Dann traten
Schweitropfen auf die Stirn des Barons; erst nur vereinzelt, dann immer
mehr, immer dicker, so da ihm der Schwei pltzlich ber das Gesicht
zu laufen begann. Er wollte sprechen, aber es sah aus, als wren seine
Kinnladen verrenkt.

Aber -- sie ist nicht--

Er kam mit der Frage nicht zu Ende.

Ja, versteht sich! fiel ihm der Alte mit wster Brutalitt ins Wort.
Was soll sie denn sonst auch sein? Da knnen Herr Baron warten, eh' die
wiederkommt!

Eberhard stierte ihn an.

Fortgegangen? fragte er tonlos.

Jetzt kam der Alte von der Thr zurck, setzte die Platte wieder auf den
Tisch und sah grinsend auf ihn herab.

Tot ist sie! Was haben Sie denn auch gedacht?

Eberhards Kniee zogen sich wie im Krampfe empor, sein Mund ging auf, als
wenn er nach Luft schnappte, er stopfte beide Fuste in den Mund,
dann fiel sein Oberleib vornber, so da seine Brust beinah die Kniee
berhrte. Ein konvulsivisches Zucken ging durch seinen Krper.

Wie ein Teufel stand der Alte neben ihm.

Das alles, sagte er mit eiserner Stimme, habe ich Herrn Baron zuvor
gesagt, Herr Baron haben nicht hren wollen.

Eberhard gab keine Antwort. Er hatte die Hnde unter den Kopf gesttzt,
er dachte nach. Merkwrdig -- mitten in der Zerrttung seiner Seele
fhlte er deutlich, da er ganz klar dachte. Der ganze gestrige Abend
war ihm gegenwrtig, alle Einzelheiten standen vor seiner Seele. Mit
einem Ruck warf er den Kopf auf.

Aber als ich sie zuletzt sah, war sie nicht tot, sagte er.

Es war ihm pltzlich in Erinnerung gekommen, da als er aus dem
Bibliotheksaale ging, Annas lebloser Krper sich zu regen begonnen
hatte.

Der Alte that einen Schritt zurck; seine herabhngenden Hnde ballten
sich. Wollte der elende, verrckte Mensch da sich unterstehen, ihm zu
sagen, da sie nicht tot wre? Es kam ihm vor, als sollte er um sein
gutes Recht bestohlen werden.

Eberhard hatte sich erhoben.

Wo ist meine Frau? fragte er keuchend.

Tot ist sie! brllte ihm der Alte ins Gesicht. Und das hab' ich Herrn
Baron immer gesagt, und Herr Baron haben nicht hren wollen, und nun
ist es gekommen, wie ich's gesagt habe! Und wenn Herr Baron mir nicht
glauben wollen, dann ziehen Herr Baron sich an und kommen mit hinunter;
will ich Herrn Baron zeigen, allwo da sie da unten liegt!

Eberhard drckte beide Hnde an den Kopf.

Gib mir meine Sachen! sagte er dann, gib mir meine Sachen!

In fliegender Hast kleidete er sich an.

Also jetzt, sagte er dann, vorwrts!

Schwankenden Schritts trat er auf den Flur, am Gelnder sich haltend,
wie ein Greis, arbeitete er sich, Stufe nach Stufe, die Treppe hinunter,
und so ging es weiter, bis in den Garten hinab.

Der Alte fate ihn unter den Arm, weil er seine hlflose Schwche sah.
Eberhard machte eine Bewegung, als wollte er es nicht dulden, aber die
Zeit war vorber, da er zu gebieten hatte.

Kommen Sie, sagte der Diener barsch. Jetzt hatte der gndige Herr zu
gehorchen.

Den Laubgang fhrte er ihn entlang, bis an das Gebsch, dann brach
er sich durch die Bsche hindurch, und einen Augenblick darauf stand
Eberhard vor dem frisch zugeworfenen Loch.

Als er das sah, fiel er mit einem heulenden Schluchzen nieder,
dann griff er mit den Hnden in das Erdreich und begann, die Erde
aufzuwhlen. Mit rauher Gewalt ri der Alte ihn fort.

Ah, was soll denn so etwas! sagte er.

Er nahm ihn wieder unter den Arm, noch fester als vorhin, ungefhr wie
ein Polizist, der einen Entsprungenen geleitet. So fhrte er ihn aus dem
Laubgange auf den Rasenplatz hinaus, in den Sonnenschein, und dort an
eine Bank.

Setzen Herr Baron sich hier, gebot er.

Eberhards Widerstandskraft war gebrochen, er lie sich nieder und
drckte sich in die Ecke der Bank.

Der Alte ging um den Rasen herum und dann, auf der andern Seite des
Platzes, so da er Eberhard fortwhrend unter Augen behielt, auf und
nieder. Mit dem Knppel, den er jetzt immer bei sich trug, schlug er in
den Erdboden, da der Kies raschelte. Dann setzte er sich auf eine Bank,
Eberhard gerade gegenber, und von dort aus stierte er unverwandt auf
diesen hin. Er htte tagelang so sitzen knnen, ohne sich zu langweilen.

Die Einbrecherin war beseitigt, er war wieder, was ihm von Gottes und
Rechts wegen zukam, der Wrter seines elenden, verrckten Herrn -- er
war zufrieden.

Und inzwischen sa der unglckliche Mann, die Augen zu Boden gesenkt,
weil er unablssig den frchterlichen Beobachterblick auf sich gerichtet
fhlte, erdrckt unter der Last seines Bewutseins, das ihm jede
Willens- und Widerstandskraft raubte, das ihn zum hlflosen Kinde in
den Hnden des grauenvollen Alten da drben machte. Er war ja ein
Verbrecher, ein Mrder! Was fr ein Recht hat ein solcher, sich
aufzulehnen? Er hat zu schweigen und dankbar zu sein, wenn man ihm das
Leben lt. Und warum lie man ihm das Leben? Weil man annahm, da er
verrckt sei. Also -- er war verrckt. Sein Kinn senkte sich auf die
Brust, sein Krper kroch frmlich in sich zusammen.

Und dann kam immer wieder das merkwrdige Bewutsein, da er trotzdem
ganz klar dachte. Er strubte sich beinah dagegen. Kann ein Verrckter
klar denken? Und dennoch war es so, und immer wieder und wieder tauchte
die Erinnerung auf, da sie sich zu regen begonnen hatte, als er aus
dem Bibliotheksaale ging. Wre nur der Alte nicht gleich bei der Hand
gewesen, der ihn fortri, so da er nicht mehr Zeit behielt, noch einmal
zurckzugehen und sich nach ihr umzusehen!

Und dennoch also war sie tot? So war sie wohl nachher gestorben, nachdem
er den Saal verlassen hatte? Er hatte ja die Grube mit eigenen Augen
gesehen, in der sie lag -- also tot war sie wirklich?

Und whrend er sich das alles sagte, kam immer und immer wieder ein
Gefhl, als sei alles nicht so, als wre sie nicht tot, nur irgendwo
versteckt. Von der Bank, auf der er sa, konnte er die Buchenallee
hinuntersehen, durch welche er damals mit ihr in den Park eingetreten
war, bis hinunter an den Eichbaum, an den er damals den Kranz gehngt
hatte. Immerfort gingen seine Augen die Allee entlang, immer war es
ihm, als wrde er dort unten am Ende der Allee pltzlich eine Gestalt
erscheinen sehen, von der Sonne umleuchtet, eine ersehnte, geliebte
Gestalt, als wrde er auf sie zustrzen und sie ihm entgegenfliegen,
als wrde er in ihren Armen aufwachen aus grlichem, grlichem Traume,
aufwachen als ein glckseliger Mensch zu neuem glckseligen Leben.

So stark war seine Einbildung, da er unwillkrlich von der Bank
aufstand. Im selben Augenblick aber war schon der Aufpasser an seiner
Seite. Er hatte die Blicke des Barons verfolgt, er sah in die Allee
hinein -- war da etwas? Nichts.

Kommen Herr Baron, sagte er, es wird Zeit, da Herr Baron etwas
essen. Er fate ihn unter den Arm und schleppte ihn ins Schlo.

So kam der Abend heran, und als es dunkel wurde, erfate eine qualvolle
Unruhe den gepeinigten Mann. War es denn wirklich wahr, da sie da
drauen in der finsteren Nacht in dem finsteren tiefen Loche lag? Nein,
nein, nein! Wenn er sich nur htte berzeugen, nur die Grube aufwhlen
und hineinschauen knnen, ob sie wirklich da unten war! Aber der Alte
stand hinter ihm; er fhlte, wie er ihn von hinten ansah; seine Blicke
lagen auf ihm wie Keulen. Wenn er den Versuch gemacht htte, in den
Garten hinauszukommen, wrde jener sich wie ein Bullenbeier auf ihn
geworfen haben. Es schauderte ihn, schweigend kroch er wieder in sich
zusammen.

Gehen Herr Baron jetzt zu Bett, sagte der Alte, indem er, mit dem
brennenden Lichte in der Hand, an die Thr des Bibliotheksaales trat.

Eberhard erhob sich, dann aber, mit einem pltzlichen Griff, entri er
dem Diener das Licht, und ehe dieser es zu hindern vermochte, strzte er
damit ins Nebenzimmer.

Anna! rief er laut und klagend, Anna! Anna!

So lief er durch die Galerie und so von Zimmer zu Zimmer, das Licht
emporhebend, im Kreise umherfhrend, mit den Augen umhersuchend in allen
Ecken, ob er sie nicht irgendwo entdecken wrde, irgendwo. Aber sie war
nicht mehr da.

So kam er in ihr Wohnzimmer, wo ihre Mbel standen und ihr Schreibtisch
und ihre Blumen, wo alles noch erfllt schien vom Dufte ihrer
Persnlichkeit, und so endlich in ihr Schlafgemach. Da stand noch
das Bett, in dem sie gelegen hatte, das einst so zierliche, jetzt so
verwstete Bett, und nun erfate es ihn wirklich wie Raserei, und er
fing an, mit dem Lichte unter die Sofas zu leuchten und unter das
Bett, als mte sie da irgendwo versteckt sein, als mte, mte er sie
finden.

In dem Augenblick aber ertnte hinter ihm die eiserne Stimme: Was soll
denn so etwas? Herr Baron stecken ja noch das ganze Schlo in Brand.

Die harte Faust des Alten ri das Licht aus seiner Hand und hielt es
hoch, so da es ruhig stand, dann zog er ihn vom Boden empor, nahm
seinen Arm unter seinen Arm, und indem er ihn wie in einer Zwinge
gefangen hielt, fhrte er ihn hinaus, die Treppe hinauf in sein Zimmer.
Er brachte ihn zu Bett, wie ein Kind, untersuchte noch einmal die
Fenster.

Nun schlafen Herr Baron, befahl er; dann riegelte er von auen die
Thr zu.

So verging Tag nach Tag, und so ein Abend nach dem andern. Jeden Tag das
stundenlange Sitzen am Rasenplatze auf der Bank, das stumme Suchen mit
den Augen in der Allee, jeden Abend das wandernde Licht von Zimmer
zu Zimmer, das Suchen und Suchen und Nichtfinden, und bei Tage und
am Abend, immerfort der Alte um ihn, hinter ihm, neben ihm, immer und
immerfort.

Im Dorfe und in der Umgegend verbreitete sich unterdessen die Nachricht,
da die junge Frau Baronin pltzlich gestorben sei, und dieser Nachricht
folgte ein Gercht, das man sich nur unter der Hand zuraunte: Der Herr
Baron hatte seine eigene Frau umgebracht.

Er war verrckt geworden, der Baron, und der alte Johann bewachte ihn.
Der brave alte Johann!

Er hatte immer groes Ansehen im Dorfe genossen, jetzt aber war er
geradezu eine imposante Persnlichkeit geworden. Eigentlich war doch er
jetzt der Herr vom Schlo.

Wenn er mit seinem dicken Stock die Dorfstrae entlang kam, flogen
die Mtzen und Hte von den Kpfen; er aber war ein stolzer Mann, er
erwiderte keinen Gru; wie ein Stier mit vorgestrecktem Kopf ging er
seines Wegs. Er hat jetzt halt so einen zornigen Blick, flsterten
sich die Leute zu, wenn er vorberging.

Ja, er hatte einen zornigen Blick, und besonders, wenn er bei dem
Taglhnershause vorbeikam, wo die Eltern des Mdchens, der Franzel,
wohnten.

Die Frau war tot und hin, das wute er ja, aber das Mdchen, das seit
dem Abende verschwunden war, wo war das Mdchen geblieben?

Jeden Vormittag, bevor er seinen Herrn herauslie, ging er durch das
Dorf und jeden Vormittag trat er bei den alten Leuten ein.

Wit ihr's immer noch nicht, wo da euer Mdchen ist?

Die alten Leute zitterten am ganzen Leibe.

Nein, gndiger Herr Johann, nischte wissen wir.

Das war die Antwort, die ihnen die Franzel eingelernt hatte, und
whrenddem sa diese auf dem Heuboden, unter dem Heu versteckt, zitternd
wie Espenlaub.

Anna war fort. Im Morgengrauen des Tages, der auf die schreckliche
Nacht folgte, war sie, von der Franzel begleitet, zu Fu nach der
Eisenbahnstation gegangen. In der Tasche ihres Kleides hatte sie ihr
Portemonnaie und in diesem ein paar Groschen Geld gefunden. So war sie
nach Breslau zurckgelangt und hatte bei dem Onkel und der Tante
wieder angeklopft. Wo sollte sie sonst bleiben? Und nun sa sie, eine
verheiratete Frau, da, wo sie als Mdchen gesessen hatte, in wahrhaft
jammervollem Zustande. Wie eine Prinzessin ausgezogen, war sie wie eine
Bettlerin zurckgekommen.

Dem Onkel und der Tante hatte sie erklren mssen, warum sie kam;
schweren Herzens hatte sie es gethan, denn indem sie die Ereignisse
jener Nacht andeutungsweise enthllte, war ihr, als beginge sie einen
Verrat an dem unglcklichen, trotz allem immer noch tief geliebten
Manne.

Der Onkel hatte nun mit einemmal von vornherein gewut und
vorhergesagt, da die ganze Geschichte Bldsinn sei und schlimm endigen
wrde. Er gab sich kaum die Mhe, Anna zu verheimlichen, wie lstig
ihre Anwesenheit ihm war, die er noch dazu, um nicht ins Gerede der
Leute zu kommen, vor aller Welt verschweigen mute. Der Zustand wurde
mit der Zeit schier unertrglich. Da eines Tags kam aus Fahrenwald ein
Brief fr Anna, mit plumpen Schriftzgen zusammengefgt, ein Brief von
der Franzel.

Im Dorfe war es ruchbar geworden, wie der Baron Tag fr Tag stundenlang
am Rasenplatze sa, in die Allee blickend, wie er am Abend mit dem
Lichte in der Hand durch die Zimmer lief und nach seiner Frau suchte und
nach ihr rief. Dies alles berichtete ihr die Franzel.

Als Anna dieses las, als sie erfuhr, wie er nach ihr verlangte, traf es
sie wie ein Vorwurf ins Herz. Sie kam sich wie eine Pflichtvergessene
vor, die von ihrem kranken Manne davongelaufen war, statt bei ihm
auszuharren. Ein Entschlu stand in ihr auf, von dem sie zu niemand
ein Wort sagte -- am nchsten Morgen war sie lautlos aus dem Hause des
Onkels und der Tante verschwunden.

       *       *       *       *       *

Es war um die Mittagsstunde. Die Sonne stand hoch, und im Sonnenschein
sa Eberhard von Fahrenwald, in Decken gehllt, auf seiner Bank. Ihm
gegenber, wie immer, der Alte als Aufpasser. Pltzlich sah dieser, wie
der Baron, die Augen in die Allee gerichtet, aus der einen Ecke der Bank
in die andre rutschte. Er schlug ein paarmal mit dem Stock in die Erde,
als wollte er dem da drben sagen, nimm dich in acht, ich passe auf.

Aber der Baron achtete nicht auf ihn.

Das war doch keine Tuschung, was er da eben gesehen hatte, da da
hinten eine Gestalt in hellem Kleide hinter den Bschen des Parks
entlang und hinter den Eichbaum geschlpft war, hinter dem sie sich
jetzt verbarg?

Und diese Gestalt -- war das nicht--?

Und jetzt bog sich ein Hutrand hinter dem Baumstamme vor, ein gelber
Hutrand, und unter dem Hutrande ein Gesicht--

Gerade aufgereckt wie eine Eisenstange stand er von der Bank auf --
in demselben Augenblick trat die Gestalt hinter dem Baume hervor und
breitete beide Arme aus--

Anna!! -- Es war Eberhard von Fahrenwald, der den Schrei ausgestoen
hatte, aber es hatte geklungen, wie wenn zehn Mnner aufschrieen.

Jetzt aber kam der Alte in Sprngen ber den Rasenplatz heran. Ein
Blick in die Allee -- ein momentanes Erstarren -- dann ein Geifern und
Knirschen wie von einem tollen Hunde. Die Allee entlang, gerade auf
den Rasenplatz zu kam eine geschritten -- und diese eine war sie --
die Tote! Jhlings, bevor Eberhard, der immer noch wie in Erstarrung
dastand, es verhindern konnte, strmte der Alte, mit gesenktem Haupte,
auf die Allee zu, Anna entgegen. Den Stock hatte er wie zum Schlage hoch
erhoben, ein Gebrll ertnte aus seinem Munde. Anna war unwillkrlich
stehen geblieben, jetzt wandte sie sich um und fing an, die Allee
zurckzulaufen. Endlich war Eberhard zu sich gekommen und zum Bewutsein
dessen, was sich begab. Mit einem Ruck schleuderte er den dicken
Ueberzieher ab, den ihm der Diener heute frh angezogen hatte. Dann kam
er gestreckten Laufes hinter dem Alten her.

Johann! donnerte er. Seine Stimme hatte wieder den Klang frherer
Tage, es war wieder die Stimme des Herrn.

Fr einen Augenblick regte sich in dem Alten wieder der Knecht; sein
Gebrll verstummte und einen Augenblick schwankte er auf die Seite.

Dann aber brach die Wut von neuem in ihm los.

Das ist nicht wahr, da sie lebendig sein will! Tot ist sie! Tot ist
sie! Tot ist sie!

Und jetzt mit verdoppelter Wut raste er hinter dem flchtenden Weibe
her.

Annas Kniee wankten und schwankten -- immer nher kamen die drhnenden
Schritte -- immer deutlicher vernahm sie das heisere Keuchen in ihrem
Rcken, das belfernde Schnappen -- ihre Krfte verlieen sie -- vor
ihren Augen wurde es dunkel -- ein schriller Schrei: Eberhard--

Und in dem Augenblick hrte sie hinter sich ein Gerusch, wie sie es
bis dahin nie gehrt -- und als sie zusammenbrechend gegen einen Baum
taumelte und sich umsah, erblickte sie Eberhard von Fahrenwald, der sich
in dem Augenblick ber den Alten gestrzt, ihn mit beiden Hnden an der
Gurgel gepackt hatte und mit einer Gewalt zu Boden schleuderte, da der
Krper sich um und um rollte und krachend in die Bsche flog.

Mit einem grlichen Schrei raffte der Alte sich auf, mit geschwungenem
Stock ging er seinem Herrn zu Leibe, und nun entspann sich zwischen den
beiden Mnnern ein Kampf wie zwischen zwei Bren.

Den Stock hatte ihm der Baron beim ersten Anprall entrissen, mit
fletschenden Zhnen drang der Alte auf ihn ein, mit beiden Hnden hielt
Eberhard ihn am Halse gepackt, um ihn am Beien zu verhindern. Und
nun straffte der Krper des Barons sich zu einer letzten ungeheuren
Anstrengung auf; mit einer Kraft, als wenn es glte, einen Baum aus der
Erde zu reien, schwenkte er den Alten von rechts nach links und von
links nach rechts, so da er zu taumeln begann und seine Fe den Halt
verloren, dann gab es einen schmetternden Krach, der Lnge lang fiel
der Alte zur Erde und im selben Augenblick kniete Eberhard auf seinem
Rcken, ihm die Hnde hinter dem Rcken zusammenpressend.

Ein Gebrll, das nichts Menschliches mehr hatte, ein Geblck, wie das
eines wtigen Stieres, brach aus der Brust des Alten; mit den Zhnen bi
er in die Erde; blulicher Schaum stand auf seinen Lippen.

In diesem Augenblick kamen mehrere Mnner, die auf den Feldern in der
Nhe beschftigt gewesen waren und die furchtbaren Tne im Innern des
Parks vernommen hatten, eilend die Allee entlang.

Hierher, Leute, hierher! rief Eberhard ihnen entgegen.

Als sie aber den Baron auf dem Johann knieen sahen, wurden sie stutzig
und blieben stehen. Sie glaubten nicht anders, als da der Wahnsinnige
seinen Wrter berwltigt hatte. Was sollten sie thun?

Jetzt trat Anna auf sie zu.

Helft dem Herrn Baron, lieben Leute, helft ihm!

Die Mnner prallten zurck -- die Frau Baronin? Aber die Frau Baronin
war ja tot?

Anna begriff ihr Zaudern und Stutzen.

Es ist nicht wahr, was euch der Johann gesagt hat! Ich bin nicht tot;
der Johann ist wahnsinnig, nicht der Baron, nicht der Baron!

Noch einen Augenblick standen die Mnner wie besinnungslos; ihre
schweren Gehirne konnten einen so vlligen Umschwung aller Verhltnisse
nicht so rasch fassen.

Dann aber kamen sie im Sturm heran; im nchsten Augenblick war der Alte
von zehn krftigen Hnden gepackt, weggerissen und unschdlich gemacht.

Bringt ihn ins Schlo, gebot Eberhard von Fahrenwald, noch atemlos,
aber mit ruhiger Sicherheit in der Stimme. In die Stube unten, neben
der Kche, mit den Eisengittern vor dem Fenster. Heute nachmittag fahre
ich selbst mit ihm nach Breslau und bringe ihn ins Irrenhaus.

Is gutt, gndiger Herr Baron, is gutt, kam es zur Antwort. Wer so
sprechen und befehlen konnte, war vernnftig, das war ihnen klar.

Die Mnner zogen mit dem Wahnsinnigen ab; Anna und der Baron blieben
zurck; an der Sttte, die eben von dem furchtbaren Lrm erfllt gewesen
war, trat eine tiefe Stille ein. Annas Kraft war zu Ende; sie sa am
Rande des Wegs, hatte ihr Taschentuch hervorgezogen und weinte still in
ihr Tuch hinein.

Ihr gegenber, mit dem Rcken an einen Baum gelehnt, stand Eberhard
von Fahrenwald. Seine breite Brust arbeitete noch von dem berstandenen
Kampfe; seine Augen ruhten stumm auf seiner Frau.

So verging geraume Zeit. Dann erhob sie langsam das Haupt und wandte es
zu ihm herum. Er that einen Schritt auf sie zu; es sah aus, als wollte
er etwas sagen, aber bevor er noch dazu gelangt war, sprang sie auf,
breitete die Arme aus und mit einem Schrei der Liebe flog sie an seine
Brust.

Umarme mich, sagte sie, ich will, da die Arme mich umfangen, die
mich vom Tode gerettet haben!

Als sie das sagte, brachen auch ihm die Thrnen aus den Augen,
unaufhaltsam, wie ein Strom. Ja -- er hatte sie zum Leben errettet; und
sie wute es und hatte es ihm gesagt.

Er drckte sie an sich, nicht mit der wilden Glut und nicht mit der
ngstlichen Scheu der frheren Tage, sondern mit der Sicherheit der
warmen bewuten Liebe.

Anna, sagte er leise und innig; und er kte ihr Gesicht, das
hingegeben zu ihm aufblickte.

Dann legte er die Arme um sie, und sie schlugen den Weg zum Schlosse
ein.

Siehst du nun, sagte er, wie es mir ergangen ist; dreiig Jahre bin
ich alt geworden, und heute ist der erste Tag, da ich lebe. Siehst du,
es ist wunderbar, wie sich einem das ganze Leben in einem Augenblick
zusammendrngen kann: solch ein Augenblick ist es fr mich gewesen,
als ich den Alten zu Boden gekriegt hatte und auf ihm kniete. In dem
Augenblick -- ich kann's mir nicht anders erklren -- ist der Bann
gebrochen gewesen, der mich dreiig Jahre lang gehalten hat. Der Alte,
siehst du, war mir gewissermaen von meinem Vater vermacht; darum ist er
von meiner Kindheit an fortwhrend um mich gewesen und ich habe wie an
etwas Unfehlbares an ihn geglaubt. Und weil er sich vom ersten Tage an
eingebildet hat, da er zum Wrter eines Wahnsinnigen bestellt wre, so
ist es ihm allmhlich zur fixen Idee geworden, da ich wahnsinnig sei
und nichts andres sein drfte.

Von der schrecklichen Vorstellung berwltigt, schwieg er. Dann prete
er sie leise mit dem Arm.

Mir ist das alles in dem einen Augenblick klar geworden. Kannst du es
dir vorstellen?

An seine Schulter gelehnt, mit ihm dahinschreitend, drckte Anna seine
Hand.

Ja, vollkommen, erwiderte sie, das was sich in dir geregt hat,
war die Gesundheit, die sich wider die Krankheit wehrte, die man ihr
aufzwingen wollte. Du warst vernnftig und bist bewacht worden von einem
Wahnsinnigen. Nun aber wollen wir leben!

Es war, als wenn ein frischer Lebensquell in ihr aufgesprungen wre; in
der Stunde, da sie auf der Schwelle des Todes gestanden und ihr Gatte
sie ins Leben zurckgerissen hatte, war sie zur Lebensgefhrtin ihres
Mannes gereift.

Sie betraten das Schlo.

An den Wnden hingen die zerschmetterten Spiegel, das Glas bedeckte noch
jetzt den Fuboden, Annas Schlafgemach stand noch in der Unordnung, in
der es sich befunden hatte, als sie damals das Schlo verlie -- ein
Bild der Verwahrlosung und Verwstung.

Anna blieb stehen und fate ihren Gatten an beiden Hnden.

Eberhard, sagte sie, wir mssen zu einem Entschlu kommen. Dein Vater
hat dir den alten Diener vermacht; er hat geglaubt, dir einen Segen
damit zu bereiten -- du hast erfahren, was es gewesen ist. Siehst du,
wie soll ich's dir sagen, ich meine, man kann nur leben, wenn sein Leben
einem gehrt; und dein Leben hat dir bis heute nicht gehrt. Du hast es
wie ein Erbteil empfunden, das zur Hlfte dir, zur andern Hlfte deinen
Vorfahren gehrte. Komm und la uns berlegen, wie wir's anfangen, da
wir nun wirklich unser eigenes Leben leben.

Er sah sie mit strahlenden Augen an.

Den Anfang dazu wei ich, versetzte er. Diese Ahnengalerie, die
hier seit Jahrhunderten gehangen hat und jetzt als eine Sammlung
Abgeschiedener immer noch mitten in unsren Wohnrumen hngt, lass' ich
hinaufschaffen in den oberen Stock. Da mgen sie hngen, als das, was
sie sind, als historische Reliquien. Denn die Erinnerung, scheint mir,
ist schlielich doch wie ein Leichnam im lebendigen Dasein, und
darum ist mir immer zu Mute gewesen, als lebte ich fortwhrend in der
Gesellschaft von Toten.

So ist's recht, erwiderte sie, und nun noch eins. Wir knnen ber die
Erinnerung an jenen bewuten bsen Abend nicht so hinweg, und wenn
wir's mit Gewalt versuchen, werden wir wieder krank. Du hast mich einmal
gefragt, ob wir eine Hochzeitreise machen wollten, ich hab's damals
nicht gewollt -- nun schlag' ich dir vor, Eberhard, wir wollen reisen,
und wenn wir wiederkommen, bringen wir die groe weite Welt in unsren
Seelen mit und schlieen uns nicht mehr, wie bisher, in unsrem Schlosse
ein, sondern denken und sorgen fr die Menschen um uns her -- und
wenn man fr Menschen zu sorgen hat, behlt man keine Zeit, sich vor
Gespenstern zu sorgen.

In tiefer Freude schlo er seine junge, kluge, mutige Frau in die Arme.

Heute nachmittag, sagte er, fange ich mit meinen Pflichten an, indem
ich den Alten nach Breslau in die Anstalt bringe, und morgen frh reisen
wir in die Welt. Reisen wir ganz allein?

Nur eine soll uns begleiten, erwiderte sie lchelnd, die gute treue
Franzel.

Und so geschah es.

Im August reiste der Freiherr von Fahrenwald mit seiner Gattin ab, und
als im Mai des nchsten Jahres der Frhling wieder in das schlesische
Paradies herabstieg, kamen sie zum Schlosse Fahrenwald zurck.

Heute stiegen sie nicht am Parkrande aus, heute fuhren sie durch das
Dorf, heute gingen sie nicht, einsam wie damals, vor der Welt versteckt,
durch den einsamen Park, heute durchschritten sie, Hnde schttelnd,
grend und lchelnd, die Bewohnerschaft des Dorfes, die sich festlich
gesammelt hatte und, den Schulzen an der Spitze, die Herrschaft
bewillkommnete.

Der Schritt des Barons war elastisch und frisch, der der jungen
Frau Baronin, die an seinem Arme hing, etwas gehemmt, und auf ihrem
freundlichen Gesichte lag eine leise schamhafte Rte.

Nu sag mir, Franzel, sagte am Abende nach der Ankunft die alte
Taglhnersfrau, die in der Zwischenzeit mit ihrem Manne die Obhut ber
das Schlo gefhrt hatte und jetzt auf ihm als wohlbestallte Verwalterin
eingesetzt war, nu sag mir. Mit unsrer Frau Baronin -- hm?

Die Franzel nickte und kicherte, und was die beiden sich mit halben
Worten unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatten, kam im
Juni ans Licht, als in dem Schlafgemache, zu dessen geffneten Fenstern
die Frhlingsluft hereinstrmte und der Sang der Vgel hereintnte,
unter dem blauseidenen Betthimmel ein reizender, rosiger, kleiner
Fahrenwald neben der blassen, glckseligen jungen Mutter lag.

Da du doch das Schenken nicht lassen kannst, du Unverbesserlicher,
sagte sie lchelnd zu dem Manne, der glckberstrmt neben ihr stand
und soeben einen groen kstlichen, mit einem Brillantenbande
zusammengebundenen Blumenstrau auf ihr Bett gelegt hatte.

Seit einem Jahr das erste Mal wieder, entgegnete er, indem er sein
Gesicht auf das ihrige niederbeugte und sie mit tiefer Seligkeit auf
Mund und Stirn und Augen kte.

Und wieder einige Zeit spter, als der Sommer in voller schwerer Wucht
auf der Erde lag, vernahm der Mann, der dort oben in seinem Bette eben
vom Schlaf erwachte, einen Ruf von unten, wie den Ruf der Lerche,
die zum Leben weckt. Aber es war nicht die Lerche und auch nicht die
Nachtigall, und als er ans Fenster strzte, sah er im Garten dort unten,
zwischen den Blumenbeeten wandelnd, seine Frau, seine Anna, die heute
zum erstenmal ins Freie gekommen war.

Das Kindermdchen ging hinter ihr, den Kleinen im Kissen tragend; und
als am Fenster droben das Gesicht des Vaters erschien, nahm Anna das
Kind in ihre Arme. Nicht mit dem Taschentuche wehte sie heute, heute
winkte sie mit dem Kinde: Komm herunter, Eberhard, hier unten ist's
wundervoll.

Und er kam, wie ein Sturmwind kam er hinunter zu Mutter und Kind, und es
war, wie sie gesagt hatte -- wundervoll -- wundervoll.


Ende.




=ENGELHORNS=

~Allgemeine~

~#Romanbibliothek#~.

Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Vlker.

Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.

Preis pro Band 50Pf. Elegant in Leinwand geb. 75Pf.


Als vor nunmehr zehn Jahren unsre roten Bnde ihren ersten Flug in die
Welt wagten, begegneten sie manchen Zweifeln, ob ihr Prinzip #billig und
gut# ihnen Bahn zu brechen im stande sein werde.

Bald aber zeigte es sich, da der Gedanke, dem deutschen Volke
die besten Erzeugnisse der Romanlitteratur aller Nationen zu einem
beispiellos billigen Preise bei guter und geschmackvoller Ausstattung
und in handlicher Form zu bieten, nicht nur lebensfhig, sondern
geradezu zndend war.

Seither hat sich unser Unternehmen mehr und mehr eingebrgert, und
auf Schritt und Tritt begegnet man den schmucken Bnden, die sowohl am
huslichen Herd, als auch auf der Reise und im Bade zum unentbehrlichen
Freund und Begleiter geworden sind.

Der bisher erzielte Erfolg ist uns nicht nur ein Sporn geworden, sondern
macht es uns auch mglich, nicht stillzustehen, vielmehr rstig auf der
betretenen Bahn weiterzuschreiten. Mit wachsamem Auge verfolgen wir die
Romanproduktion, und kein Opfer soll uns zu gro sein, wenn es gilt, ein
hervorragendes Werk fr unsre Sammlung zu erwerben.

Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgefhrten
Romane knnen fortwhrend durch jede Buchhandlung zum Preise von
#50Pf.# fr den broschierten und #75Pf.# fr den gebundenen Band
bezogen werden.


Erster Jahrgang.

  #Der Httenbesitzer.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Franzs. 2Bnde.

  #Aus Nacht zum Licht.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen.

  #Zro.# Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. ^Praed^. Aus dem
  Englischen.

  #Wassilissa.# Von ^Henry Grville^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Vornehme Gesellschaft.# Von ^H.Ad^. Aus dem Englischen.

  #Grfin Sarah.# Von ^G.Ohnet^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Unter der roten Fahne.# Von Mi ^M.E.Braddon^. Aus d. Englischen.

  #Abb Constantin.# Von ^L.Halvy^. Aus dem Franzsischen.

  #Ihr Gatte.# Von ^G.Verga^. Aus dem Italienischen.

  #Ein gefhrliches Geheimnis.# Von ^Charles Reade^. Aus d. Engl.
  2Bde.

  #Grards Heirat.# Von ^Andr Theuriet^. Aus dem Franzsischen.

  #Dosia.# Von ^Henry Grville^. Aus dem Franzsischen.

  #Ein heroisches Weib.# Von ^J.I.Kraszewski^. Aus dem Polnischen.

  #Eheglck.# Von ^W.E.Norris^. Aus dem Englischen. 2Bnde.

  #Schiffer Worse.# Von ^Alex. Kielland^. Aus dem Norwegischen.

  #Ein Ideal.# Von ^Marchesa Colombi^. Aus dem Italienischen.

  #Dunkle Tage.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen.

  #Novellen# von ^Hjalmar Hjorth Boyesen^. _Glitzer-Brita._ -- _Einer,
  der seinen Namen verlor._ Deutsch von _Friedrich Spielhagen_. --
  _Ein Ritter vom Danebrog._ Aus dem Englischen.

  #Die Heimkehr der Prinzessin.# Von ^Jacques Vincent^. Aus d.
  Franzs.

  #Ein Mutterherz.# Von ^A.Delpit^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.


Zweiter Jahrgang.

  #Der Steinbruch.# Von ^G.Ohnet^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Helene Jung.# Von ^Paul Lindau^.

  #Maruja.# Von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.

  #Die Sozialisten.# Aus dem Englischen.

  #Criquette.# Von ^L.Halvy^. Aus dem Franzsischen.

  #Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.# Von ^Adolf Wilbrandt^.

  #Die Illusionen des Doktor Faustino.# Von ^Valera^. Aus d. Span.

  #Zu fein gesponnen.# Von ^B.L.Farjeon^. Aus dem Englischen.
  2Bnde.

  #Gift.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.

  #Fortuna.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.

  #Lise Fleuron.# Von ^G.Ohnet^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Bageige.# Von
  ^Salvatore Farina^. Aus dem Italienischen.

  #Auf der Woge des Glcks.# Von ^Bernhard Frey^. (_M.Bernhard._)

  #Die hbsche Mi Neville.# Von ^B.M.Croker^. Aus dem Engl. 2Bde.

  #Die Verstorbene.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Franzsischen.

  #Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.# Von ^Hans Hopfen^.

  #Ihr rgster Feind.# Von Mrs. ^Alexander^. Aus d. Englischen. 2Bde.

  #Ein Frstensohn. -- Zerline.# Von ^Claire von Glmer^.

  #Von der Grenze.# Novellen von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.

  #Eine Familiengeschichte.# Von ^Hugh Conway^. Aus d. Englischen.
  2Bde.


Dritter Jahrgang.

  #Die Versaillerin.# Von ^Ernst Remin^. 2Bnde.

  #In Acht und Bann.# Von Mi ^M.E.Braddon^. Aus dem Englischen.

  #Die Tochter des Meeres.# Von ^Johanne Schjrring^. Aus dem
  Dnischen.

  #Lieutenant Bonnet.# Von ^Hector Malot^. Aus d. Franzs. 2Bnde.

  #Pariser Ehen.# Von ^E.About^. Aus dem Franzsischen.

  #Hanna Warners Herz.# Von ^Florence Marryat^. Aus d. Englischen.

  #Eine Tochter der Philister.# Von ^Hjalmar Hjorth Boyesen^. Aus dem
  Englischen. 2Bnde.

  #Savelis Bung.# Von ^Henry Grville^. Aus dem Franzsischen.

  #Die Damen von Croix-Mort.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Franzs.
  2Bnde.

  #Die Glocken von Plurs.# Von ^Ernst Pasqu^.

  #Fromont junior und Risler senior.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem
  Franzsischen. 2Bnde.

  #Der Genius und sein Erbe.# Von ^Hans Hopfen^.

  #Ein einfach Herz.# Von ^Charles Reade^. Aus dem Englischen.

  #Baccarat.# Von ^Hector Malot^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Mein Freund Jim.# Von ^W.E.Norris^. Aus dem Englischen.

  #Hanna.# Von ^Heinr. Sienkiewicz^. Aus dem Polnischen.

  #Das beste Teil.# Von ^Lon de Tinseau^. Aus dem Franzsischen.

  #Lebend oder tot.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen. 2Bnde.

  #Die Familie Monach.# Von ^Robert de Bonnires^. Aus dem Franzs.


Vierter Jahrgang.

  #Eine neue Judith.# Von ^H.Rider Haggard^. Aus d. Englischen.
  2Bde.

  #Schwarz und Rosig.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Franzsischen.

  #Das Tagebuch einer Frau.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Franzs.

  #Jahre des Grens.# Von ^Ernst Remin^. 2Bnde.

  #Gute Kameraden.# Von ^H.Lafontaine^. Aus dem Franzsischen.

  #Die Tchter des Commandeurs.# Von ^Jonas Lie^. Aus dem Norweg.

  #Zita.# Von ^Hector Malot^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Die Erbschaft Xenias.# Von ^Henry Grville^. Aus dem Franzsischen.

  #Kinder des Sdens.# Von ^Rich. Vo^.

  #Daniele Cortis.# Von ^A.Fogazzaro^. Aus dem Italienischen.
  2Bnde.

  #Die Herz-Neune.# Von ^B.L.Farjeon^. Aus dem Englischen.

  #Sie will.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Die Kinder der Excellenz.# Von ^Ernst v.Wolzogen^.

  #Um den Glanz des Ruhmes.# Von ^Salvatore Farina^. Aus dem Ital.

  #Der Nabob.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Franzsischen. 3Bnde.

  #Der kleine Lord.# Von ^F.H.Burnett^. Aus dem Englischen.

  #Der Proze Froideville.# Von ^Andr Theuriet^. Aus d.
  Franzsischen.

  #Stella.# Von Mi ^M.E.Braddon^. Aus dem Englischen. 2Bnde.


Fnfter Jahrgang.

  #Robert Leichtfu.# Von ^Hans Hopfen^. 2Bnde.

  #Der Unsterbliche.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Franzsischen.

  #Lady Dorotheas Gste.# Von ^Ouida^. Aus dem Englischen.

  #Marchesa d'Arcello.# Von ^Memini^. Aus dem Italienischen. 2Bnde.

  #Was der heilige Joseph vermag.# Aus dem Franzsischen.

  #Alessa. -- Keine Illusionen.# Von ^Claire von Glmer^.

  #Wie in einem Spiegel.# Von ^F.C.Philips^. Aus d. Englischen.
  2Bnde.

  #Schnee.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.

  #Jean Mornas.# Von ^Jules Claretie^. Aus dem Franzsischen.

  #Auf der Fhrte.# Von ^H.F.Wood^. Aus dem Englischen. 2Bnde.

  #Satisfaction. -- Das zersprungene Glck. -- La Speranza.# Von
  ^Alexander Baron von Roberts^.

  #Die Scheinheilige.# Von ^Karoline Gravire^. Aus dem Franzsischen.

  #Doktor Rameau.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Franzs. 2Bnde.

  #Frau Regine.# Von ^Emil Peschkau^.

  #Zwei Brder.# Von ^Guy de Maupassant^. Aus dem Franzsischen.

  #Mein Sohn.# Von ^Salvatore Farina^. Aus dem Italienischen. 2Bnde.

  #Dosias Tochter.# Von ^Henry Grville^. Aus dem Franzsischen.

  #Der Lotse und sein Weib.# Von ^Jonas Lie^. Aus dem Norwegischen.

  #Numa Roumestan.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Franzsischen.
  2Bnde.


Sechster Jahrgang.

  #Die tolle Komte.# Von ^Ernst v.Wolzogen^. 2Bnde.

  #Eine Sirene.# Von ^Lon de Tinseau^. Aus dem Franzsischen.

  #Jack und seine drei Flammen.# Von ^F.C.Philips^. Aus dem
  Englischen.

  #Mr. Barnes von New-York.# Von ^A.C.Gunter^. Aus d. Engl. 2Bde.

  #Gertruds Geheimnis.# Von ^Andr Theuriet^. Aus dem Franzsischen.

  #Wunderbare Gaben# und andere Geschichten. Von ^Hugh Conway^. Aus
  dem Englischen.

  #Letzte Liebe.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Franzsischen. 2Bnde.

  #Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.# Von
  ^Richard Vo^.

  #Mia.# Von ^Memini^. Aus dem Italienischen.

  #Diana Barrington.# Von ^B.M.Croker^. Aus d. Englischen. 2Bnde.

  #Der reine Thor.# Von ^Karl v.Heigel^.

  #Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.# Von ^H.Pontoppidan^. Aus dem
  Dnischen.

  #Die Knige im Exil.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus d. Franzs.
  2Bnde.

  #Die verhngnisvolle Phryne.# Von ^F.C.Philips^ u. ^C.J.Wils^.
  Aus dem Englischen.

  #Sergius Panin.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Franzsischen. 2Bnde.

  #Achtung Schildwache!# und andere Geschichten. Von ^Mathilde Serao^.
  Aus dem Italienischen.

  #Salonidylle.# Von ^H.Rabusson^. Aus dem Franzsischen.

  #Mr. Potter aus Texas.# Von ^A.C.Gunter^. Aus dem Engl. 2Bnde.

  #Ein gefhrliches Werkzeug.# Von ^D.C.^ u. ^H.Muray^. Aus d. Engl.


Siebenter Jahrgang.

  #Preisgekrnt.# Von ^Alexander Baron von Roberts^. 2Bnde.

  #Die Seele Pierres.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Franzsischen.

  #Zum Kinderparadies.# Von ^Andr Theuriet^. Aus dem Franzsischen.

  #Imogen.# Von ^Hamilton Ad^. Aus dem Englischen. 2Bnde.

  #Port Tarascon.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Fanzsischen.

  #Ein Mann von Bedeutung.# Von ^Anthony Hope^. Aus d. Englischen.

  #Ohne Liebe.# Von ^Frst Galitzin^. Aus dem Russischen. 2Bnde.

  #Die Erbin.# Von ^W.E.Norris^. Aus dem Englischen.

  #Die khle Blonde.# Von ^Ernst v.Wolzogen^. 2Bnde.

  #Mein Pfarrer u. mein Onkel.# Von ^Jean de la Brte^. Aus d.
  Franzs.

  #Der Mnch von Berchtesgaden# und andere Erzhlungen. Von ^Rich.
  Vo^.

  #Oberst Quaritch.# Von ^H.Rider Haggard^. Aus dem Engl. 2Bnde.

  #Noras Roman.# Von ^Emil Peschkau^.

  #Auf Vorposten# und andere Geschichten. Von ^F.de Renzis^. Aus dem
  Italienischen.

  #Versiegelte Lippen.# Von ^Lon de Tinseau^. Aus d. Franzs.
  2Bnde.

  #Aus den Papieren eines Wanderers.# Von ^Jeffery C.Jeffery^. Aus
  dem Englischen.

  #Mein Onkel Scipio.# Von ^Andr Theuriet^. Aus dem Franzsischen.

  #Wie's im Leben geht.# Von ^A.Delpit^. Aus dem Franzsischen.
  2Bde.

  #Verhngnis.# Von ^F.de Renzis^. Aus dem Italienischen.


Achter Jahrgang.

  #Irgend ein Anderer.# Von ^B.M.Croker^. Aus d. Englischen.
  2Bnde.

  #Frulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.# Von ^Julien Gordon^. Aus
  dem Englischen.

  #Knstlerehre.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Franzsischen.

  #In frischem Wasser.# Von ^Helene Bhlau^. 2Bnde.

  #Die geprellten Verschwrer.# Von ^W.E.Norris^. Aus dem
  Englischen.

  #Daphne.# Nach =A Diplomat's Diary= von ^Julien Gordon^, deutsch
  bearb. von _Friedrich Spielhagen_.

  #Ein Genie der That.# Von ^Ernst Remin^. 2Bnde.

  #Mischa.# Von ^Maguerite Poradowska^. Aus dem Franzsischen.

  #Der Thronfolger.# Von ^Ernst von Wolzogen^. 2Bnde.

  #Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.# Von ^Marchesa Colombi^. Aus d. Ital.

  #Eine Knstlerin.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Franzsischen.

  #Mi Niemand.# Von ^A.C.Gunter^. Aus dem Englischen. 2Bnde.

  #Marienkind.# Von ^Paul Heyse^.

  #Schwarzwaldgeschichten.# Von ^Hermine Villinger^.

  #Jack.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Franzsischen. 3Bnde.

  #Der schwarze Koffer.# Aus dem Engl.

  #Der Affenmaler.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Franzsischen.

  #Schwer geprft.# Von ^J.Masterman^. Aus dem Englischen. 2Bnde.


Neunter Jahrgang.

  #Im Schuldbuch des Hasses.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Franzs.
  2Bnde.

  #Meine offizielle Frau.# Von ^Col. Richard Henry Savage^. Aus d.
  Engl.

  #Sein Genius.# Von ^Claus Zehren^.

  #Ein Zugvogel.# Von ^B.M.Croker^. Aus dem Englischen. 2Bnde.

  #Violette Merian.# Von ^Augustin Filon^. Aus dem Franzsischen.

  #Frulein Kapitn.# Eine Eismeergeschichte von ^Max Lay^.

  #Ein puritanischer Heide.# Von ^Julien Gordon^. 2Bde. Aus d. Engl.

  #Das Stck Brot und andere Geschichten.# Von ^Franois Coppe^. Aus
  dem Franzsischen.

  #In der Prairie verlassen.# Von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.

  #Zwischen Lipp' und Kelchesrand.# Von ^Charles de Berkeley^. Aus dem
  Franzsischen. 2Bnde.

  #Mein erster Klient und andere Geschichten.# Von ^Hugh Conway^. Aus
  dem Englischen.

  #Auf steinigen Pfaden.# Von ^Lon de Tinseau^. Aus dem
  Franzsischen.

  #Heimatlos.# Von ^Hector Malot^. 3Bnde. Aus dem Franzsischen.

  #Baronin Mller.# Von ^Karl von Heigel^.

  #In guter Hut.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Franzsischen.

  #Das Kind.# Von ^Ernst Eckstein^.

  #Das Haus am Moor.# Von ^Florence Warden^. Aus d. Englischen. 2Bde.

  #Giovannino oder den Tod! -- Dreiig Prozent.# Von ^Mathilde Serao^.
  Aus dem Italienischen.

  #Des Seemanns Tagebuch.# Von ^Gustave Toudouze^. Aus d. Franzs.


Zehnter Jahrgang.

  #Das Geheimnis des Hauslehrers.# Von ^Victor Cherbuliez^. 2Bnde.

    Ein wirklich herzerfreuendes Buch ist es, das der beliebte Erzhler
    hier darbietet; ein Kunstwerk, bezaubernd in Form und Inhalt. Zwei
    reizvolle Vertreterinnen der heutigen Jugend hat er erwhlt, und mit
    Geist und Grazie wei er sie zu schildern.

  #Das wandernde Licht.# Von ^Ernst v.Wildenbruch^.

    Diese Novelle des berhmten Dichters ist das durchaus ungewhnliche
    Werk eines selbstndigen Geistes, voll Leben und dramatischer Kraft.


Die nachstehenden Romane sind auch in einer #zu Geschenken ganz
besonders geeigneten#

=Salon-Ausgabe=

auf #feines, extra starkes Papier# gedruckt und in #elegantem
Liebhaber-Einband# zum Preise von #M.2.-- fr den einfachen und M.3.--
fr den doppelten Band# erschienen.


Einfache Bnde:

  ^Burnett^, #Der kleine Lord#.
  ^Feuillet^, #Das Tagebuch einer Frau#.
  ^Paul Lindau^, #Helene Jung#.
  ^Vo^, #Kinder des Sdens#.
  #Was der heilige Joseph vermag#.
  ^v.Wolzogen^, #Die Kinder der Excellenz#.


Doppel-Bnde:

  ^Conway^, #Eine Familiengeschichte#.
  ^Croker^, #Die hbsche Mi Neville#.
  ^Hopfen^, #Robert Leichtfu#.
  ^Ohnet^, #Der Httenbesitzer#.
  ^v.Wolzogen^, #Der Thronfolger#.
        "       #Die tolle Komte#.




      *      *      *      *      *      *




Hinweise zur Transkription

Die Verlagsreklame wurde am Buchende zusammengefasst.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten,
einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Schoo"
-- "Scho",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 22:
  "." eingefgt
  (Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf.)

  Seite 42:
  "," eingefgt
  (Ich hatte geglaubt, sagte er langsam)

  Seite 68:
  "," gendert in "."
  (Stumm drckte sie ihm die Hand.)

  Seite 72:
  "," eingefgt
  (fuhr er fort, weil ich sah)

  Seite 90:
  "" entfernt hinter "Vermgen?"
  (Ja, wo war denn ihr eigenes Vermgen?)

  Seite 99:
  "," gendert in "."
  (ihre Kniee aneinander, als wollte er sie zermalmen.)

  Seite 109:
  "," eingefgt hinter "trug"
  (eines der braunsamtnen Pantffelchen, die sie trug, vom Fue)

  Seite 123:
  "Entsetz-ichen" gendert in "Entsetzlichen"
  (von all dem Dunklen, Entsetzlichen!)

  Seite 127:
  "," eingefgt
  (Bist du's, Eberhard? fragte sie schlfrig.)

  Seite 130:
  "" eingefgt
  (Aber Eberhard -- was machst du denn?)

  Seite 134:
  "," eingefgt
  (Hilf mir! seufzte sie, hilf mir!)

  Seite 141:
  "," gendert in "."
  (und in zwei bammelnden Enden ber seinen Arm hing.)

  Seite 155:
  "" entfernt vor "dreiig"
  (ergangen ist; dreiig Jahre bin ich alt geworden)

  im Reklameteil:
  "Fortsetzung siehe am Schlu dieses Bandes." wurde entfernt



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WANDERNDE LICHT***


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  License. You must require such a user to return or destroy all
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  works.

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Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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or entity providing it to you may choose to give you a second
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the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
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limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary 
Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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