The Project Gutenberg EBook of Eine Reise nach Freiland, by Theodor Hertzka

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Title: Eine Reise nach Freiland

Author: Theodor Hertzka

Release Date: September 26, 2017 [EBook #55633]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE REISE NACH FREILAND ***




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                                  Eine
                          Reise nach Freiland.


                                  Von
                            Theodor Hertzka.


                                Leipzig
                Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




                                Vorwort.


Zunchst das Gestndnis, da dieses Bchlein eine Tendenzschrift im
schlimmsten Sinne des Wortes ist. Unter dem Deckmantel der Unterhaltung
und Belehrung will sie den Leser nicht blo fr eine bestimmte Meinung,
sondern geradezu fr bestimmte Handlungen gewinnen, sie hat es nicht
blo auf seinen Geist und sein Herz, sondern auf seine Entschlsse und
seinen Geldbeutel abgesehen.

Wohl drften die meisten -- an diese Stelle angelangt -- mit berlegenem
Lcheln sich sagen, der allzu gewissenhafte Autor htte diese Warnung
sparen knnen; die Gemter sowie die Geldbeutel seien heutzutage viel zu
gut verwahrt, als da es noch so aufdringlicher Tendenz leichthin
gelingen knnte, sich ihrer zu bemchtigen. Wenn ich hinzufge, da das
Unternehmen, zu welchem ich thatkrftige Mitwirkung durch diese Schrift
gewinnen will, nicht mehr und nicht weniger ist, als die Schaffung eines
Gemeinwesens der socialen Freiheit und Gerechtigkeit, d. i. eines
solchen, welches jedermann den vollen und ganzen Ertrag der eigenen
Arbeit bei unbedingter Wahrung seines freien Selbstbestimmungsrechtes
gewhrleisten soll, dann wird wahrscheinlich besagtes berlegene Lcheln
eine leise Beimischung von Mitleid erhalten, und wenn ich vollends
gestehe, da dieses Eldorado in den Hochlanden Afrikas just unter dem
quator geplant ist, so drfte es wohl wenige geben, welche die
Zumutung, sie knnten derart berspannte Phantasien ernsthaft nehmen,
nicht als beleidigenden Zweifel in ihre Bildung, in ihren gesunden
Menschenverstand, ja in ihre Zurechnungsfhigkeit auffassen wrden. Der
Autor mge nur ruhig sein, so hre ich sie ausrufen; Utopien dieser Art
liest man -- falls sie unterhaltend geschrieben sind -- um sich ber
eine mige Stunde hinwegzuhelfen, und damit holla!

Aber der verstndige Leser irrt! Ich spreche aus Erfahrung! Dieses
Bchlein ist nmlich nicht das erste, das ich zu gleichem Zwecke
geschrieben. Vor vier Jahren verffentlichte ich Freiland, ein sociales
Zukunftsbild, von welchem er vielleicht dunkle Kunde bereits vernommen.
Nun denn, die bisher erschienenen neun deutschen und zahlreichen
fremdsprachlichen Auflagen dieses Werkes verlockten tausende und
abertausende von Mnnern und Frauen aus allen Teilen der bewohnten Erde
und aus allen Stnden, vom reichsunmittelbaren Frsten bis zum einfachen
Arbeiter zu dem Entschlusse, auszufhren, was in ihm geschildert ist; in
achtundzwanzig Stdten Europas und Amerikas haben sich Vereine zum
Zwecke der freilndischen Propaganda gebildet, Gelder wurden zur
Verfgung gestellt, eine Vereinszeitschrift[1] gegrndet, an der
ostafrikanischen Kste sind der Gesellschaft zur Anlage von
Etappenstationen geeignete Lndereien geschenkt worden und alle
Vorbereitungen zu praktischer Inangriffnahme des groen Werkes sind im
Zuge.

Und die Erklrung dieses seltsamen Unterfangens, die Traumgebilde eines
Buches zu verwirklichen? Sie liegt darin, da dieses Traumgebilde den
Stempel hchster innerer Wahrhaftigkeit trgt, da es buchstblich
verwirklicht werden kann, sofern sich nur eine gengende Anzahl
thatkrftiger, von Mitteln nicht allzusehr entblter Menschen in diesem
Entschlusse zusammenfindet und da damit vollbracht wre, was
Jahrtausende hindurch den edelsten Geistern unseres Geschlechts als Ziel
all ihres Denkens, Kmpfens und Leidens vorgeschwebt. Der Verfasser von
Freiland mat sich nicht an, weiser, scharfsinniger oder mutiger zu
sein als diese groen Vorfahren, indem er zur That machen will, was jene
blo ersehnten; aber er zeigt, da und warum nunmehr mglich, ja
notwendig geworden, was im bisherigen Verlaufe der menschlichen
Entwickelungsgeschichte unmglich gewesen. Freiland, so behauptet er,
ist nichts anderes, als das Schlukapitel jenes groen Erlsungswerkes,
an welchem die Menschenfreunde aller Generationen mitgearbeitet.

[Funote 1: Freiland, Organ der Freilandvereine, Wien VIII., Lange
Gasse 53.]

Fr diese erlsende That neue Helfer zu gewinnen, das ist die
ausschlieliche Absicht auch des vorliegenden Bchleins. Der Leser wird
darin nach Freiland gefhrt, als ob es schon bestnde, in der Erwartung,
da die Einrichtungen, die ihm dort vor das geistige Auge treten, den
Entschlu in ihm erwecken, das Seinige zu mglichst rascher und
groartiger Verwirklichung dieses Gemeinwesens der Freiheit und
Gerechtigkeit beizutragen. In welcher Weise diese Verwirklichung vor
sich gehen soll, oder vielleicht schon vor sich geht -- denn mglicher-,
ja wahrscheinlicherweise sind die ersten freilndischen Pioniere bereits
unterwegs, wenn die Reise nach Freiland die Presse verlt --, mu in
meinem oben erwhnten frheren Werke[2] nachgelesen werden; nur so viel
sei hier nochmals versichert, da der uere Schauplatz wie die innere
Begrndung der im nachfolgenden geschilderten, beraus einfachen
Begebenheiten in allen Stcken der nchternsten Wahrheit entspricht. Die
Alpenlandschaften des Kenia sind thatschlich jenes irdische Paradies,
als welches sie sich hier dargestellt finden, und die Menschen, die ich
handelnd und redend auftreten lasse, sie handeln und reden zwar
einstweilen nur in meiner Phantasie, aber alles, was sie thun und was
sie sprechen, folgt den Gesetzen der nchternsten Notwendigkeit.
Freiland ist zur Stunde, wo ich dies schreibe, noch nicht gegrndet;
aber wenn es gegrndet sein wird, kann in ihm nichts wesentlich anderes
geschehen als was die Reise nach Freiland ihren Lesern erzhlt.

Und zum Schlusse noch eines.

Ich habe in meiner Geschichte einen Professor der Nationalkonomie als
Kritiker der freilndischen Einrichtungen auftreten und seine
Bemngelungen durch meine Freilnder widerlegen lassen. Es knnte nun
scheinen, als ob in dieser Figur ein Popanz vorgefhrt wrde, der
mglichst durchsichtige Irrtmer eigens zu dem Zwecke vorzubringen habe,
um der freilndischen Sache zu wohlfeilen Siegen zu verhelfen; dem ist
jedoch nicht so. Zwar die Person besagten Professors lebt nur in der
Vorstellung des Verfassers, dagegen ist alles, was er sagt, wrtlich in
den gegen Freiland gerichteten gelehrten Kritiken zu lesen. In der
Vorrede zu meinem erwhnten frheren Buche hatte ich nmlich in
Anbetracht des Umstandes, da selbiges in erzhlender Form ein Bild der
wirklichen socialen Zukunft zu bieten den Anspruch erhebe, die
fachmnnische Kritik aufgefordert, es in allen seinen Teilen der
strengsten Prfung zu unterziehen. Dieser Aufforderung wurde denn von
seiten meiner Fachgenossen in ausgiebigstem Mae entsprochen; zahllose
Artikel in den groen Tagesblttern, in gelehrten Fachzeitungen und
Broschren haben sich mit Freiland teils zustimmend, teils tadelnd
beschftigt, und was ich nun meinem Professor Tenax in den Mund lege ist
nichts anderes, als eine Bltenlese aus den gegnerischen Recensionen.
Dabei darf ich versichern, da es nicht die schlechtesten, sondern die
besten Argumente der Gegner sind, die sich hier behandelt finden; ich
habe nichts bergangen, was irgend durch das persnliche Gewicht des
Kritikers oder durch den leisesten Anschein innerer Berechtigung
Anspruch auf Bercksichtigung haben mochte, und ebenso nichts
aufgenommen, was nicht unter dem einen dieser beiden Gesichtspunkte
Beachtung erforderte. Ich habe nichts erdichtet und nichts verschwiegen,
und wenn der unbefangene Leser finden sollte, da die Angriffe, die mein
Professor Tenax gegen die freilndische Sache richtet, durchaus danach
angethan sind, deren Unanfechtbarkeit erst recht in helles Licht zu
setzen, so wird dies ein Erfolg sein, den ich nicht mir, sondern meinen
Kritikern verdanke.

[Funote 2: Freiland, ein sociales Zukunftsbild von Theodor Hertzka.
Erste vollstndige Ausgabe bei Duncker und Humblot, Leipzig; die
folgenden Ausgaben bei E. Pierson, Dresden und Leipzig.]

_Wien_, 1893.

                                                      Theodor Hertzka.




                            Erstes Kapitel.

                         Warum ich auswanderte.


Jetzt hlt mich nichts mehr; mein Entschlu steht fest; ich ziehe nach
Freiland!

Warum? -- Meine guten Freunde sagen, weil ich ein berspannter Phantast
sei, ja, ich vermute, da es, wenn ich nicht dabei bin, krzer und
einfacher heit: weil er ein Narr ist.

Ob sie nicht vielleicht recht haben?

Wenn in allen Stcken anders denken, als alle andern, nrrisch sein
heit, dann bin ich ein Narr. Denn ich denke wirklich in allen, zum
mindesten in allen wichtigen Stcken anders, als meine Bekannten und
Freunde, deren ich, da ich reich bin, eine erstaunlich groe Zahl
besitze. Und sie alle halten mich fr glcklich, beweisen mir tglich
mit unwiderleglichen Grnden, da ich es sei, whrend ich -- und das ist
eben meine fixe Idee -- mich tief unglcklich fhle. Nicht etwa, da ich
den Spleen htte; bewahre! Ich bin voll Lebensdrang und von Natur aus
heiteren Gemtes; dabei jung, gesund und wie schon gesagt, reich,
besitze ein angenehmes uere und meine Erfolge in der Gesellschaft
lassen so wenig zu wnschen brig, da ich bis vor wenigen Stunden der
vielbeneidete Brutigam eines der schnsten, gebildetsten und
liebenswrdigsten Mdchen aus einer der ersten Familien unserer Stadt
war.

Wenn der scharfsinnige Leser hier die Schlufolgerung zieht, da ich zur
Stunde, wo ich dieses schreibe, nicht mehr Brutigam dieser schnen,
gebildeten und liebenswrdigen Dame aus vornehmem Hause sei, so hat er
richtig geraten; wenn er aber weiter kombinieren sollte, da vielleicht
dieser Verlust mich in so weltschmerzelnde Stimmung versetze, so irrt
er. Mein Weltschmerz trgt die Schuld, da ich meine Braut verlor, aber
der Abschied, den mir meine Braut gab, ist ganz und gar unschuldig an
meinem Weltschmerz. Im Gegenteil; ich darf behaupten, da ich mich
ruhiger, hoffnungsvoller fhle, seitdem mich mein zuknftig gewesener
Schwiegervater fr einen unverbesserlichen Faselanten erklrte, der sich
hinfort seine Tochter aus dem Kopfe schlagen mge, und diese Tochter,
unter Thrnen, aber deshalb nicht minder entschieden, ihm Zustimmung
genickt hatte. Aber auch gegen die Auffassung mu ich mich verwahren,
als ob mir meine Braut gleichgltig gewesen, es sich zwischen ihr und
mir wohl gar um eine bloe Konvenienzehe gehandelt, bei welcher
gesellschaftliche Stellung und Vermgen die Hauptsache, die Personen
bloes Beiwerk gewesen. Zwar auf der andern Seite -- darber gab ich
mich keinen Augenblick einer Tuschung hin -- waren meine ueren
Glcksumstnde wohl stets das ausschlaggebende; meiner Braut und ihrer
ganzen Familie wre es sicherlich nicht beigefallen, an eine Verbindung
mit mir zu denken, auch wenn ich tausendfach klger, hbscher, gelehrter
wre, als thatschlich der Fall, dabei aber nicht gengendes Vermgen
bese; indessen gerade der Anla des Bruches beweist, da ihnen denn
doch auch meine persnlichen Eigenschaften nicht ganz gleichgltig
erschienen, denn nur um diese, nicht um meine Glcksumstnde hatte es
sich bei der Lsungskatastrophe gehandelt. Und was vollends _meine_
Gefhle betrifft, so kann ich mit gutem Gewissen versichern, da
dieselben stets nur den persnlichen Tugenden und Reizen meiner
Verlobten galten. Fr ewig hatte ich meine Liebe selber niemals
gehalten; doch wer mir gestern gesagt htte, da ich auf dieses
schnheitstrahlende Geschpf verzichten knnte, ohne in gelinde
Verzweiflung zu verfallen, den htte ich fr einen schwarzen Verlumder
erklrt. Aber Thatsache ist eben, da mich der Bruch dieses Verlbnisses
wunderbar gleichgltig lt, ja da ich eine sonderbare Genugthuung und
Beruhigung darob empfinde. Mir ist zu Mute, als ob ich einer Fessel
ledig wre, als ob ich meinem ureigensten Selbst wiedergegeben sei und
jetzt erst thun knne und msse, was ich lngst htte thun sollen und
eigentlich, ohne mir selbst klar darber geworden zu sein, lngst
gewollt.

Doch mit all dem habe ich immer noch nicht gesagt, worin mein Unglck,
oder das, was ich dafr halte, zu suchen sei. Es ist -- fast schme ich
mich, es zu gestehen -- das Elend anderer Leute. Ich leide, weil
Menschen, die mich offenbar gar nichts angehen, hungern und frieren, in
Not und Entwrdigung schmachten. Ich werde den Gedanken nicht los, da
es meine Pflicht wre, ihnen irgendwie zu helfen, trotzdem sie durchaus
keinen andern Anspruch auf mein Mitgefhl besitzen, als die Thatsache,
von einem menschlichen Weibe geboren zu sein, gleich mir. Und das ist
nicht etwa ein khler, nchterner Gedanke, der durch die Vorstellung,
da sich diesen Elenden eben nicht helfen lasse, leicht zum Schweigen zu
bringen wre, sondern ein brennendes, strmisches Begehren, welches
allen Einschlferungsversuchen standhlt. Der leckerste Bissen wird mir
vergllt, wenn ich, indem ich ihn zum Munde fhre, zufllig daran denke,
da Mitmenschen, die durchaus fr meinesgleichen zu halten ich mir nun
einmal in den Kopf gesetzt habe, Mangel am Notwendigsten leiden, whrend
ich prasse. Meine krankhafte Phantasie gaukelt mir in solchen Momenten
allerlei aberwitzige Vorstellungen von hohlugigen, verschmachtenden
Mnnern, Weibern und Kindern vor, und gesellt sich dazu noch die
Einbildung, da diese rmsten vielleicht gerade diejenigen sind, die den
Schwei ihres Angesichtes und das Mark ihrer Knochen daransetzen muten,
dasjenige hervorzubringen, was zu genieen ich mich anschicke, so wird
mir, als rche ich diesen Schwei, als schmecke meine Zunge das Mark --
und mit dem behaglichen Genieen ist es natrlich vorbei. hnlich ergeht
es mir mit all den guten und schnen Dingen, die ich mir kraft meines
Reichtums verschaffen kann, und deren sich andere, normal veranlagte
Menschen harmlos erfreuen; mir grinst aus ihnen allen die Marter um ihr
Recht am Leben betrogener Mitmenschen entgegen.

Und wenn es dabei noch sein Bewenden htte! Aber der Qulgeist in meinem
Gemte macht mich verantwortlich fr die Laster und Verbrechen anderer.
Jener Dieb, den sie heute eingefangen, so raunt er mir zu, htte sich
niemals gegen die Gesetze vergangen, wenn ihm diese die Mglichkeit
lieen, sich und die Seinen ehrlich zu ernhren; du aber bist es, der
Vorteil aus diesen Gesetzen zieht. Der Raubmrder, den sie morgen henken
werden, er hat seine That aus Not begangen; du mit den deinen, ihr
schuft seine Not! Das Mdchen dort an der Straenecke, das seinen Leib
um Geld feil hlt, es wre glckliche Gattin und Mutter, httet ihr den
Mann, der sie liebte, nicht gehindert, eine Familie zu grnden!

Und so erfolgreich waren diese unablssigen Einflsterungen, da der
Dmon mich endlich dahin brachte, Redensarten wie: Liebe deinen
Nchsten wie dich selbst oder: Was du nicht willst, da man dir thu',
das fg' auch keinem andern zu, buchstblich zu nehmen und mich mit dem
Gedanken ihrer Ausbung zu beschftigen, als ob nicht jeder Gebildete
wte, da sie nur da sind, damit empfindsame Gemter sich an der
Erhabenheit ihres Inhaltes erbauen, nicht aber, damit man danach handle.
Wohin kmen wir, wollten wir unsern Nchsten wirklich lieben _wie uns
selbst_? Wir leben im Zeitalter der Humanitt und leisten an
Nchstenliebe ohnehin das Menschenmgliche; aber: wie sich selbst, das
hiee ja: wie ein Wesen derselben Art, desselben Rechts an das Leben,
wie wir, also nicht wie unsere Haustiere, die wir ausntzen, als bloe
Mittel zu unseren Zwecken behandeln. Oder: Andern nicht zufgen, was
man nicht wolle, das einem selber geschehe! Kann ich wollen, da andere
mich zum Tragen ihrer Lasten gebrauchen? Sicherlich nicht. Also drfte
ich auch andere nicht zum Tragen meiner Lasten gebrauchen?

Zum Entsetzen all meiner wohlgesinnten Freunde schrecke ich selbst vor
dieser uersten Konsequenz nicht zurck. Die erprobtesten
Vernunftgrnde scheitern an meiner Verblendung. Das mge dem Ideale der
Gerechtigkeit entsprechen -- so wird mir vorgehalten --, wenn wir aber
allesamt an der Last dieser Welt gleichmig mitzutragen htten, dann
wre das unvermeidliche Ergebnis, da wir allesamt hart beladene, arme
Teufel blieben, was nicht blo ein schlechter Tausch fr die Wenigen
wre, die in der angenehmen Lage sind, ihre Last den Vielen aufzubrden,
sondern schlielich auch fr diese Vielen selbst. Denn allgemeine Armut
bedeute ja Stillstand der Kultur, Barbarei; die Kultur aber sei es, was
uns die Mittel zu Erleichterung der Lasten des Lebens an die Hand gebe,
mit andern Worten, der ausgebeutete Arbeiter der Kulturwelt sei immer
noch besser daran, als der Wilde.

Und was antworte ich auf diesen grundgelehrten, von tiefster Einsicht in
den Zusammenhang aller Dinge Zeugnis ablegenden Vorhalt? Bin ich gerhrt
vom Opfermute jener Edlen, die sich lediglich im Interesse des
Kulturfortschrittes dazu hergeben, zu genieen, was das Ergebnis der
Arbeit anderer ist? Keineswegs. Ich frage mit teuflischem Hohne, wozu
wir denn all die herrlichen Erfindungen der Neuzeit, auf die wir so
stolz sind, gemacht htten, wenn nicht dazu, den _Elementen_ jene Last
aufzuerlegen, die wir gesttzt allein auf die eigene Kraft allerdings
nicht ohne Schaden fr die Kultur gerecht verteilen knnten? Ob wir den
Wolken ihren Blitz, der Unterwelt ihr Feuer blo deshalb geraubt, damit
aus zahllosen Schloten mglichst dichter Kohlendampf als ser Opferduft
gen Himmel steige? Ob das vielleicht der Weihrauch sei, mit dem wir
unserem Gtzen Mammon rucherten? Denn einen andern Zweck unseres
sogenannten Fortschritts vermochte ich bisher nicht zu entdecken. Keines
arbeitenden Menschen Plage sei zur Stunde durch die Riesen Dampf und
Elektrizitt erleichtert worden, ja das Elend von Millionen werde nur
desto ingrimmiger und bitterer, je hher unsere Kunst wachse, berflu
zu erzeugen. Und ob denn die Menschheit wirklich so bldsinnig geworden
sei, das alles fr selbstverstndlich und unabnderlich zu halten, eine
Gedankenlosigkeit, von welcher frhere Jahrhunderte und Jahrtausende
frei gewesen. Zwar, da Elend und Knechtschaft notwendig seien, habe man
vor Zeiten ebenso geglaubt als gegenwrtig, aber man habe wenigstens
gewut, warum man das glaubte und auch recht klare Vorstellungen darber
genhrt, was geschehen mte, damit Elend und Knechtschaft berwunden
wrden. Schon Plato und Aristoteles htten gelehrt, da die Knechtschaft
in dem Unvermgen begrndet sei, Reichtum und Mue fr alle zu erzeugen.
Wenn das Weberschiffchen ohne Weber luft und der Pflug ohne Stier sich
bewegt, dann werden alle Menschen frei und gleich sein -- erklrte
Aristoteles. Und ganz im gleichen Sinne, nur viel bestimmter noch, habe
sich zwei Jahrtausende nach dem groen Griechen Bacon von Verulam, der
Begrnder der modernen Naturwissenschaften, ausgesprochen. Er habe
prophetischen Blicks die Zeit kommen sehen, wo die Elemente alle grobe
aufreibende Arbeit fr den Menschen verrichten wrden, und als
selbstverstndliche Folge davon vorhergesagt, da Knechtschaft und Elend
aus der Welt verschwinden. Nun denn, diese Zeit sei gekommen, das
Weberschiffchen bewege sich ohne den Weber, der Pflug ohne den Stier,
die Elemente seien bereit, alle grobe aufreibende Arbeit fr den
Menschen zu verrichten; das Geschlecht aber, das all das erlebt und das
dreimal selig zu preisen wre, wenn es zu ntzen wte, was ihm zu teil
geworden, es verschliee seine Augen gegen die einzig vernnftige
Bedeutung des unermelichen Heils, glaube noch immer der Knechtschaft zu
bedrfen und verurteile sich damit selber zum Elend.

Nur freilich, wie man es anzustellen habe, um die Menschheit dieses
Heils teilhaftig werden zu lassen, darber hatte ich, trotz meines
Dmons, lange Zeit keinerlei klare Vorstellung. Da die kommunistischen
und anarchistischen Weltverbesserungsplne nichts taugten, begriff ich.
Die einen htten die Erde in ein groes Zwangsarbeitshaus verwandelt,
die zweiten unmittelbar der Barbarei berantwortet. Ich wollte weder die
Freiheit noch die Ordnung missen -- wie beide zu vereinbaren wren,
wute ich nicht, so felsenfest auch meine berzeugung war, da es
geschehen msse und daher geschehen werde.

Da erstand Freiland, der Weg der Freiheit und Ordnung war gefunden und
mchtig drngte es mich, ihn zu betreten. Aber mein Wille war nicht
stark genug, um die Bande zu zerreien, die mich hier festhielten. Ich
htte eine alte Mutter und als diese gestorben war, eine reizende Braut
zurcklassen mssen; zu beidem fand ich nicht den Mut und nicht die
Kraft. Jetzt aber bin ich frei, frei wie der Vogel in der Luft, und das
ist folgendermaen gekommen. Man erwarte hier keine hochromantische
Verwickelung; alles, was sich begab, ist so alltglich als mglich, und
was fr mein Verlbnis zur trennenden Katastrophe geworden, wrde die
meisten in meiner Lage sehr gleichgltig gelassen haben. Doch zur Sache.

Nach all dem, was ich dem Leser schon gebeichtet, wird er es erklrlich
finden, da es meinem Geschmacke nicht entsprach, als vornehmer
Miggnger zu leben, wie mir mein Reichtum ermglicht htte. Nicht da
ich mir einbildete, durch welche Thtigkeit immer innerhalb des Rahmens
der bestehenden Gesellschaft das Unrecht, welches deren Unterlage ist,
gutmachen oder auch nur mildern zu knnen. Ich wollte arbeiten,
ernstlich arbeiten lediglich aus dem Grunde, weil mir der Miggang
verchtlich erschien. Ich whlte daher einen Beruf und zwar den eines
Ingenieurs und bewarb mich nach beendigten Studien um eine entsprechende
Stellung. Meiner Verlobten und deren Eltern war das nicht recht, denn
sie meinten, da fr einen jungen Mann meines Reichtums und meines
gesellschaftlichen Ranges, wenn er schon durchaus arbeiten wolle, ein
anderer Beruf passender gewesen wre. Indessen, da ich auf meinen Willen
bestand, lie man mich gewhren. Aber die Anstellung verzgerte sich; es
verstrichen zwei Jahre und immer noch kam das erwartete Dekret nicht. Da
mengte sich der Vater meiner Braut in die Sache: Sicherlich htte ich --
als unpraktischer Idealist, der ich nun einmal sei -- alles so verkehrt
als mglich angefat, da andernfalls ganz und gar unbegreiflich wre,
da man einen Mann von meinen Konnexionen so lange auf eine so
bescheidene Stelle warten lasse. Darauf antwortete ich, da meine
Konnexionen mit meinem Anstellungsgesuche nichts zu thun htten. Der
Amtsvorstand, mit dem ich in der Sache verkehrte, kenne mich nicht
nher, und da mein Familienname zu den hufig vorkommenden gehrt, so
vermute der gute Mann offenbar nicht im entferntesten, da es der
vornehme, reiche N. sei, der ihm die Ehre anthun wolle, unter seiner
Leitung Plne zu zeichnen und Maschinen zu konstruieren.

Dieses Gesprch hatte vorgestern stattgefunden. Heute morgens brachte
mir ein Amtsdiener mein Bestallungsdekret ins Haus. Freudig berrascht
eilte ich in die Anstalt, um dem Direktor meine Dankesvisite
abzustatten. Er empfing mich mit freundschaftlichen Vorwrfen darber,
da ich gleichsam inkognito mich um ein Amt beworben und entschuldigte
sich geradezu, mich so lange warten gelassen zu haben. Htte Ihr
zuknftiger Schwiegerpapa mich nicht mit seinem Besuche beehrt, meinte
er schmunzelnd, so wte ich heute noch nicht, wer Sie sind.

Mich rgerte das nicht wenig. Ich hatte mir geschmeichelt, durch meine
Zeugnisse, die Beweise meines Fleies und meiner Kenntnisse, etwas
erlangen zu knnen und sah mich nun durch meine Konnexionen ins Amt
gebracht. Allein die Sache war einmal geschehen und so machte ich denn
leidlich gute Miene zum bsen Spiel. Ich verabschiedete mich unter den
blichen Hflichkeitsphrasen und hatte nur die Absicht, meinem
schwiegervterlichen Freunde einige Vorwrfe wegen seiner unerbetenen
Einmischung zu machen. Allein es sollte anders kommen.

Im Begriffe fortzugehen, stie ich im Wartezimmer des Direktors auf
einen Kollegen, den ich schon wiederholt hier getroffen und der, wie ich
wute, gleichfalls auf Anstellung wartete -- nur, zum Unterschiede von
mir, nicht seit zwei, sondern schon seit vier Jahren. Ich erzhlte ihm,
da ich soeben eine Stelle erhalten htte und bezeichnete dieselbe auf
Befragen genauer. Da verfrbte sich der Mann pltzlich und wre, htte
ich ihn nicht rasch aufgefangen, zu Boden gesunken. Peinlicher Ahnungen
voll forschte ich nach der Ursache dieses auffallenden Benehmens und
erfuhr denn, da die mir zuteil gewordene Stelle gerade diejenige sei,
auf die man ihn seit Jahr und Tag vertrstete. Nun wute ich, da der
Bedauernswerte frher einmal schon Angestellter des nmlichen Instituts
gewesen, seinen Dienst auch zu voller Zufriedenheit versehen und nur
deshalb entlassen worden war, weil die Abteilung, in welcher er
beschftigt gewesen, aufgelst wurde. Dabei war der Mann verheiratet,
Vater von vier Kindern und whrend der langen Wartezeit allgemach ins
tiefste Elend geraten. Die letzte Habe war bereits gepfndet und die
Familie stand unmittelbar vor dem Hungertode. Das alles erzhlte er mir,
mhsam die Worte hervorwrgend, und in seinen Augen flimmerte es seltsam
unheimlich, wie von Gedanken an Rasiermesser, Kohlendunst oder sonstige
Mittel des Selbstmordes.

Mein Entschlu war sofort gefat. Ich ersuchte den rmsten, mich zu
erwarten und lie mich neuerlich beim Direktor melden. Diesem erklrte
ich in kurzen, drren Worten, was ich erfahren, gab ihm mein Dekret
zurck und forderte ihn auf, die Anstellung dem lteren, besser
berechtigten Bewerber zuzuwenden. Er lachte mich aus. Wenn Sie es nicht
werden, so giebt es andere Aspiranten in Flle, die Ihrem Schtzling
vorangehen. Ich selbst bedauere den armen Teufel, aber was soll ich
machen? Nicht weniger als sieben Bewerber um dieselbe Stelle werden von
unterschiedlichen einflureichen Persnlichkeiten protegiert und sie ist
nur aus dem Grunde bisher nicht vergeben worden, weil diese
verschiedenen Einflsse sich gegenseitig die Wage hielten. Ihre
Konnexionen gehen denen aller anderen entschieden vor; dies hat dem
Schwanken ein Ende gemacht. Sie blicken mich verchtlich und
zornsprhend an? Ja, vermuten Sie denn, da mir Protektionskinder lieber
sind als verdiente Kollegen? Bin ich denn der Herr hier? Hnge ich nicht
selber ab von jenen Einflssen, die bei dieser Anstellung spielen? Liee
ich mir beifallen, gegen diese Gnnerschaften anzukmpfen, sie wrden
sehr bald mich selber hinwegfegen. Glauben Sie mir, junger Freund, mit
den Wlfen mu man heulen, und wer es nicht ertragen kann, Hammer zu
sein, der wird sich gar bald als Ambos finden, auf den die anderen
loshmmern. Wenn Sie das nicht einsehen, taugen Sie nicht fr unsere
Verhltnisse, und ich kann Ihnen nur den Rat geben, uns mglichst bald
den Rcken zu wenden.

Ich erklrte dem weltklugen Geschftsmann, dem ich im brigen nicht
unrecht geben konnte, er mge es mit der Stelle halten wie er wolle und
knne, ich fr meinen Teil verzichte endgltig auf dieselbe. Meinem
Mitbewerber erzhlte ich drauen, was vorgefallen und hndigte ihm eine
Summe ein, gengend gro, um ihn und seine Familie fr lngere Zeit vor
Not zu bewahren, gab ihm aber den wohlgemeinten Rat mit auf den Weg,
sein Bndel zu schnren und nach Freiland auszuwandern.

Eine halbe Stunde spter hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem Vater
meiner Verlobten. Ich wollte ihm seine unberufene Einmischung vorhalten;
kaum aber hatte er erfahren was geschehen, als er den Spie umkehrte und
mich mit den heftigsten Vorwrfen berschttete. Ich sei ein durchaus
unzurechnungsfhiger, fr den Ernst des Lebens schlechthin
unbrauchbarer Mensch; lngst schon habe er es bereut, seine Einwilligung
zur Vermhlung seines Kindes mit solchem Faselanten erteilt zu haben;
nunmehr aber wre seine Langmut zu Ende; ich mge mich zum T.....
scheren und meine Menschenfreundlichkeit anderswo an den Mann bringen.

Der Engel, dem ich mich hatte verbinden wollen, war Zeuge dieser Scene.
Einen Augenblick lang hoffte ich, die Erwhlte meines Herzens fr mich
Partei nehmen zu sehen. Es geschah nicht; im Gegenteil, sie stand auf
Seite des Vaters und versuchte blo schchtern, auf mildernde Umstnde
fr mich zu plaidieren. Ich sei noch jung, meinte sie, eine
augenblickliche Gefhlswallung habe mich wohl bermannt und man drfe
die Hoffnung nicht aufgeben, da ich, durch Schaden klug geworden,
hinknftig derlei Thorheiten unterlassen wrde. Als ich aber erklrte,
mit gutem Vorbedachte gehandelt zu haben, als ich hinzufgte, ich mte
mich verachten, wenn ich jemals anders handeln knnte, da kehrte sie mir
geringschtzig den Rcken.

Als sie sah, da ich mich, ohne Bue zu thun, zum Abschied anschicke,
machte sie zwar noch einen Versuch, mich unter Thrnen und Beschwrungen
festzuhalten. Aber der Kehrreim all ihrer Bitten war immer und immer
wieder, ich mge doch endlich ein vernnftiger Mensch werden,
aufhren, mich um fremder Leute Angelegenheiten zu kmmern. Der Zauber,
der mich an das anmutige Geschpf bis dahin gebunden, war grndlich
zerstrt; ich erkannte, da es eine gemtlose Puppe gewesen, der ich
gehuldigt. Was ich anfangs als Opfer meiner berzeugungstreue angesehen
-- der Bruch mit ihr -- das nahm, je mehr sie sprach und weinte, mehr
und mehr die Gestalt einer Belohnung an. Ich sah, meine Handlungsweise
hatte mich davor bewahrt, Opfer eines Irrtums zu werden, den ich bei
Auswahl meiner zuknftigen Gattin begangen. Das merkte endlich der
Gegenstand meiner einstigen Zrtlichkeit selber; ich erhielt unter
zornigen Worten meinen Abschied.

So ist das letzte Band, das mich festhielt, gerissen. Meine
Angelegenheiten hier werden in wenigen Tagen geordnet sein und dann auf
nach Freiland!




                            Zweites Kapitel.

                               Die Reise.


Ich whlte fr die Reise nach Freiland ein freilndisches Schiff. Es
flte mir zwar einiges Bedenken ein, da auf den Riesendampfern, welche
dieser Staat seit einer Reihe von Jahren zwischen der ostafrikanischen
Kste und den Haupthafenpltzen Europas wie Amerikas laufen lt,
keinerlei Klassenunterschiede bestehen, denn da diese Schiffe in der
Regel von mehr als tausend Auswanderern benutzt werden, so hegte ich
hinsichtlich der Bequemlichkeit dieser gleichfrmigen Unterkunft einige
Zweifel und ich war einen Augenblick lang versucht, die Seereise mit den
franzsischen _Messageries maritimes_ oder mit der englischen _P. & O.
Company_ zu machen. Indessen, schlielich berwog der Wunsch, das
freilndische Wesen so frh als mglich kennen zu lernen, und so meldete
ich mich denn bei der nchsten freilndischen Agentur fr den am 2. Mai
von Triest abgehenden Dampfer Urania an.

Ich hatte diese Wahl nicht zu bereuen. Wir waren unser nicht weniger als
1160 Passagiere, aber die freilndischen Schiffe sind so eingerichtet,
da alle Mitfahrenden in zwar kleinen, aber netten, bequem
ausgestatteten Kabinen gesonderte Unterkunft finden. Tagsber nehmen
gewaltige, luftige Speise- und Gesellschaftssle die Reisenden auf, fr
die Nacht hat jedermann und jede Familie gesonderte Schlafrume. Da
insbesondere whrend der Fahrt durch das rote Meer die Hitze mitunter
sehr gro ist, so wird durch krftige Ventilationsapparate, die allen
Rumen des Schiffes frische Luft zufhren, fr ausreichende Abkhlung
gesorgt. Die Verpflegung ist einfach, aber vortrefflich, die
Reinlichkeit ber jedes Lob erhaben.

Die Erlebnisse der Seefahrt will ich bergehen. Am 8. Mai passierten wir
den Suezkanal, am 19. desselben Monats warf die Urania in der Reede
von Lamu Anker.

Dieser Ort, noch vor sieben Jahren, als Freiland gegrndet wurde, ein
unansehnliches Arabernest, ist jetzt eine groe, mit allen Behelfen des
modernen Verkehrs ausgestattete Handelsstadt. Die Englnder, die hier
herrschen, haben die Vorteile, die ihnen das freilndische Hinterland
gewhrt, trefflich auszunutzen verstanden.

Die Einwanderung nach Freiland, die mit verschwindenden Ausnahmen die
Richtung ber Lamu und die Tanamndung nimmt, hat im Vorjahre die Ziffer
von 500000 Seelen nahezu erreicht und ist in stetem Wachstum begriffen;
der Warenhandel betrug im selben Jahre 92 Millionen Pfund Sterling in
der Ausfuhr und ebenso viel in der Einfuhr. Dieser Handel ruht zwar in
den Hnden des freilndischen Gemeinwesens, aber die Englnder und die
ganze Kstenbevlkerung haben selbstverstndlich kolossale Vorteile
davon, wie sich am rapiden Wachstum Lamus und dem sichtlichen Wohlstande
der dortigen Bevlkerung deutlich zeigt.

Der grere Teil von uns Einwanderern stieg in Lamu ans Land, wo groe,
Freiland gehrige Hotels uns aufnahmen. Blo ein kleiner Teil -- nicht
ganz zweihundert -- bestiegen sofort in der Reede einen kleinen Dampfer,
der, das Vorgebirge von Ras-Schaga umschiffend, durch die Bay von Ungama
direkt in die Tanamndung einluft. Diese direkte Einfahrt in den Strom,
der auch uns spter als Weg in die neue Heimat diente, ist mitunter,
wenn der Wind nicht gerade gnstig weht, nicht ungefhrlich, denn der
Tana bildet an seiner Mndung eine Barre, die frher beinahe ganz
unpassierbar war und auch jetzt, nachdem Baggerungen vorgenommen worden
sind, der Schiffahrt ernstliche Hindernisse bereitet. Man mu die
Brandung passieren, die dabei in recht hlicher Weise ber Deck zu
splen pflegt, wird aus diesem Anlasse jedenfalls gehrig hin- und
hergeworfen, und das ist, insbesondere wenn man gerade eine
siebzehntgige Seereise glcklich hinter sich hat, nicht jedermanns
Sache.

Die Mehrzahl, und darunter auch ich, zog es -- wie gesagt -- vor, die
Tanabarre auf dem Landwege zu umgehen. Lamu liegt auf einer Insel, vom
Festlande durch einen schmalen Kanal getrennt. Dieser Kanal bildet Lamu
gegenber eine tief in das Land hineinreichende Bucht und vom uersten
Endpunkte dieser Bucht, wo die Ortschaft Mkonumbi liegt, haben die
Englnder eine Eisenbahn an den untern Tana gebaut, die wir dann
benutzten.

In Engatana, wo wir den Tana erreichten, nahmen uns freilndische
Fludampfer auf, und zwar standen zu diesem Behufe fr die
signalisierten neunhundert Passagiere fnf Dampfschiffe bereit. Der Tana
ist ein mchtiger Strom, so breit und tief als der Rhein bei Kln oder
die Donau bei Wien, und ich konnte daher nicht begreifen, warum man es
nicht vorzieht, grere Schiffe zu bauen. Spter, als wir nach
vierzehnstndiger Bergfahrt Odaboruruwa erreichten, wurde mir das Rtsel
gelst. Der Tana teilt sich von da ab in zahlreiche Arme, die so
mannigfaltig verschlungen und gewunden sind, da grere und
insbesondere lngere Schiffe leicht steckenbleiben knnten; deshalb
zieht es die freilndische Verwaltung vor, kleinere Schiffe gehen zu
lassen, die dafr den Vorzug haben, die Reisenden, ohne da ein
Umsteigen ntig wre, bis Hargazzo befrdern zu knnen, wo die
Stromschnellen und Katarakte beginnen und alle Schiffahrt ein Ende hat.

Auch die zwanzig Stunden dauernde Stromreise auf dem Tana, von Engatana
bis Hargazzo, will ich kurz bergehen. Bis Odaboruruwa war die Fahrt
ziemlich einfrmig. Die Ufer des herrlichen Stromes sind auf beiden
Seiten von Gebschen und Waldungen eingesumt, die das Hinterland dem
Blicke vollstndig entziehen. Hufig zwar sind diese Uferwaldungen von
ppigen, mitten in denselben eingebetteten Ansiedelungen, sei es der
schwarzen Ureinwohner, sei es weier Einwanderer, unterbrochen; aber
diese Ansiedelungen gleichen mit ihren netten, von Bananen beschatteten
Huschen, mit ihren ppigen Feldern und Obsthainen einander so sehr, da
sie schon nach wenigen Stunden die Aufmerksamkeit nicht mehr erregen.
Ganz anders wird die Scenerie von Odaboruruwa an. Hier bieten die
zahllosen Inseln und die Krmmungen des Flulaufes stets neue und
entzckende Ansichten, dabei beginnt der Flu, der von da ab uerst
fischreich ist, eine beraus belebte Tierwelt zu zeigen. Flamingos und
anderes Wassergevgel besetzt zu Myriaden alle seichten Uferstellen; die
Flupferde sind an einzelnen Pltzen so zahlreich und dichtgedrngt, da
es fast scheint, als wrden sie den Schiffslauf aufhalten; doch sind die
ungeschlachten Gesellen stets, bevor sie der Dampfer erreicht,
untertauchend verschwunden, um mit einer Behendigkeit, die man ihnen gar
nicht zutrauen sollte, erst in weiter Entfernung wieder aufzutauchen.
Nicht so eilig haben es in der Regel die Krokodile, die gleichfalls in
groer Zahl an allen sonnigen Uferbnken lagern und im Vertrauen auf
ihren Panzer die Dampfschiffe unbesorgt herannahen lassen.

Nach Mitternacht erreichten wir Hargazzo, die Umschlagstation zwischen
Tanaschiffahrt und freilndischer Eisenbahn. Hier haben die Freilnder
ihre erste Ansiedelung gegrndet, die jedoch noch auerhalb ihres
eigentlichen Gebietes liegt. Sie ist dazu bestimmt, den Reisenden
Unterkunft zu bieten, und eine groartige Land- und Gartenwirtschaft
dient dazu, die fr den Empfang der zahllosen, tglich wechselnden
Ankmmlinge erforderlichen Bedarfsartikel an Ort und Stelle zu erzeugen.
Die Fruchtbarkeit ist hier eine auerordentliche, alle Vorstellungen
berflgelnde. Die oberhalb dieses Ortes beginnenden Stromschnellen
ermglichen die reichliche Bewsserung des fetten Humusbodens, die
glhende quatoriale Sonne -- denn Hargazzo liegt blo einen halben
Breitegrad sdlich vom quator -- bringt jegliche Frucht in fabelhaft
kurzer Zeit zu ppigster Reife, so da einhundertzwanzig- bis
einhundertfnfzigfache Ernte vom geseten Korn hier zweimal im Jahre die
Regel ist.

Ich habe mich in Hargazzo nur einen Tag lang aufgehalten und mu
erklren, da ich trotz der quatorialen Lage und trotzdem die Seehhe
des Ortes nicht ganz dreihundert Meter ist, von absonderlicher Hitze
wenig bemerkte. Die Gegend beginnt hier schon gebirgig zu werden, khle,
schattige Thler verlaufen sich bis unmittelbar an den Flu und da es in
der Nachbarschaft keine Smpfe giebt, so halte ich den Ort auch fr
durchaus gesund. Trotzdem betrachten die Freilnder Hargazzo nicht als
dauernden Ansiedelungspunkt. Die Bewohner verweilen hier immer nur kurze
Zeit und werden lngstens nach Jahresfrist durch Ersatzmnner abgelst.
Die Freilnder haben nmlich die Erfahrung gemacht, da die, wenn auch
nicht bermige, so doch andauernde Hitze, die berall im quatorialen
Tieflande herrscht, den meisten Europern auf die Lnge der Zeit nicht
zutrglich sei. Einige Monate, ja selbst Jahre hindurch ertrgt man sie
ohne Beschwerde, dann aber stellt sich leicht Appetitlosigkeit in
Verbindung mit lstigen Leberleiden ein. Und da die Freilnder es nicht
ntig haben, ihre Gesundheit zu gefhrden, um reichlichen
Lebensunterhalt zu finden, so vermeiden sie es, einen der Ihren auch nur
der entfernten Mglichkeit solcher Gefahren auszusetzen.

Nach eintgigem Aufenthalte dampfte ich mit der freilndischen Eisenbahn
nordwestwrts dem Kenia zu. Der Ausdruck dampfen ist jedoch hier blo
figrlich zu nehmen, denn diese Linie wird nicht durch Dampf, sondern
durch Elektrizitt betrieben. Die Stromschnellen und Katarakte des Tana
liefern hierfr, wie fr eine Menge anderer Verkehrs- und
Industrieanlagen Freilands, die elektrische Kraft. Um das begreiflich zu
finden, mu man wissen, da der Strom von Hargazzo bis Kikuja eine
ununterbrochene Kette von Schnellen und Wasserfllen bildet, deren
Groartigkeit in der ganzen brigen Welt nicht ihresgleichen hat. Der
Tana besitzt auf dieser rund 200 Kilometer langen Strecke ein Gefll von
ber 5000 Fu und einzelne der Katarakte haben eine Fallhhe von 300
Fu. Es ist also hier eine motorische Energie von vielen Millionen
Pferdekrften verfgbar und trotzdem Freiland bisher schon fr die 2
Millionen seiner derzeitigen Einwohnerzahl diese Kraftquelle recht
ausgiebig angezapft hat, so ist fr fernere Zwecke noch immer genug
vorhanden.

Also der Tana war es, der, auch nachdem wir ihn verlassen, unsere
Befrderung weiter besorgte. Die Schwerkraft, die sich in seinen Wssern
auf ihrem Wege vom Kenia zum Thale gleichsam aufgestapelt hatte, dient
nun dazu, in Elektrizitt verwandelt uns bergauf durch alle Windungen
der mchtigen Gebirgswelt, in die wir jetzt eintraten, dem Kenia
entgegenzuheben.

Unser Zug brauchte fr die 280 Kilometer der Tana-Keniabahn zwlf
Stunden. Vom Schlusse des nchsten Jahres ab, wenn die bereits im Bau
begriffene neue Tana-Keniastrecke vollendet sein wird, drften fr den
gleichen Weg vier Stunden gengen. Die derzeit noch im Betriebe
befindliche Linie ist ein provisorischer Bau, den Freiland im zweiten
Jahre seines Bestandes in Angriff genommen und vollendet hatte. Es giebt
da eine Menge sehr scharfer Krmmungen und steiler Steigungen; die
Brcken und Viadukte sind zum Teil aus Holz gezimmert, was alles
notwendig macht, da langsam gefahren werde.

Die groartige Romantik der Hochgebirgswelt, in welche wir bald nach
Hargazzo eindrangen, spottet jeder Beschreibung. Die Bergriesen, an
deren Fu und Seite der Zug emporkletterte, haben bis zu 12000 Fu Hhe;
ihre Lehnen sind teils von undurchdringlichem, majesttischem Urwalde
bestanden, teils von parkartigen Wiesen bedeckt, teils aber starren sie
uns in unheimlicher, wilder Schroffheit entgegen. Die Mittagsrast
hielten wir in einem Thale, dessen lachende Lieblichkeit an die
schnsten Landschaften der oberitalienischen Alpenwelt erinnert; eine
Stunde spter rollte der Zug durch eine Felsenwildnis von schauriger
de, in welcher kein Grashalm, kein Tier die Starrheit des Todes
unterbrach. Und abermals eine Stunde spter durchmaen wir ein ppiges
breites Fluthal, welches von ungezhlten Schaaren friedlich weidender
Antilopen, Zebras und Bffel, Rhinocerosse und Elefanten gleichsam
erfllt schien.

Alles bis dahin Gesehene trat jedoch weit in den Hintergrund, als um die
vierte Nachmittagsstunde der Zug den Kamm des zwischen Tana und Kenia
gelagerten Gebirgsstockes erklommen hatte und nun die Gletscherwelt des
Kenia sich urpltzlich unseren entzckten Blicken darbot. Zugleich
machte die bis dahin herrschend gewesene ziemlich drckende Schwle
einer erfrischenden Khle Platz, hervorgerufen offenbar durch die vom
Kenia herabwehenden Brisen. Wir hatten die Hochebene von Freiland
erreicht und liefen um fnf Uhr nachmittags in die erste freilndische
Station, Washington geheien, ein.

Mit der Schilderung auch dieses Ortes will ich mich nicht aufhalten. Um
acht Uhr abends langten wir in Edenthal, der Hauptstadt Freilands, an.
Der Bahnhof und alle Straen, die ich auf dem Wege nach dem Gasthofe
durchfuhr, waren mit elektrischen Bogenlampen taghell erleuchtet. Von
Husern sah ich auf dieser ersten Fahrt durch Edenthal so gut wie
nichts, denn die Straen sind von mehrfachen Palmenalleen eingesumt,
die Huser selber liegen allesamt inmitten ppiger Grten, so da alles,
was man von ihnen wahrnehmen konnte, das Blinken einzelner beleuchteter
Fenster war. Desto deutlicher sagte mir mein Ohr, da Edenthal keine
ausgestorbene Stadt sei. Aus zahlreichen Grten, an denen ich
vorberfuhr, tnte mir Musik, Becherklang und frhliches Lachen
entgegen.

Ich war brigens zu mde und erschpft von der Reise, um die Versuchung
zu spren, irgend wie an der allgemeinen Frhlichkeit heute schon
teilnehmen zu wollen. Der Omnibus, den ich am Bahnhof mit sieben anderen
meiner Reisegefhrten bestiegen, setzte uns nach einviertelstndiger
Fahrt vor einem jener groen Gasthfe ab, die von besonderen
freilndischen Gesellschaften unterhalten werden.

Nachdem ich ein einfaches Mahl genommen, suchte ich mein Bett auf und
trotz der fieberhaften Erwartung, mit welcher ich dem nchsten Tage
entgegensah, umfing mich alsbald tiefer, erquickender Schlaf.




                            Drittes Kapitel.

                Wo Freiland liegt und was Freiland ist.


Nachdem mir der gtige Leser bereitwillig bis in die Hauptstadt von
Freiland gefolgt ist, wird es an der Zeit sein, ihm etwas ausfhrlicher
zu sagen, wo sich diese Stadt und dieses Land befinden, was es mit ihnen
fr eine Bewandtnis hat und was ich eigentlich hier suche. Ich habe
bisher vorausgesetzt, da er das alles so gut wei, wie ich selber. Und
in der That hat seit sieben Jahren Freiland und die von ihm vertretene
Sache der wirtschaftlichen Gerechtigkeit viel von sich reden gemacht;
aber wenn ich es bei Lichte besehe, so schreibe ich denn doch gerade fr
diejenigen, die all das noch nicht oder wenigstens nicht ganz genau
wissen, und es ist daher durchaus notwendig, zur Klarlegung des
uerlichen und innerlichen Schauplatzes der sich in den folgenden
Kapiteln abspielenden, im brigen hchst einfachen Begebenheiten zu
schreiten.

Also Freiland ist ein socialer Freistaat, der vor sieben Jahren von ein
paar tausend Enthusiasten auf den Hochlanden des Kenia begrndet wurde.
Verfolgt man auf der Karte von Afrika die Ostkste vom Kap Guardafuy
nach Sden zu genau bis zum quator und geht dann der durch diesen
gebildeten Linie westwrts ins Innere des Kontinents nach, so wird man
in der Luftlinie nicht ganz 500 Kilometer von der Kste des indischen
Oceans entfernt den Kenia finden, einen Berg, der zu den groartigsten
und merkwrdigsten des ganzen Erdballs zhlen wrde, auch wenn die
Freilnder nicht auf den Gedanken geraten wren, sich an seinem Fue
anzusiedeln. Es ist das kein vereinzelter Gipfel, sondern ein gewaltiger
Gebirgsstock, dessen centrale Spitze nahezu 6000 Meter hoch in die
Region des ewigen Eises und Schnees hineinragt. Das eigentmliche des
Kenia aber ist, da er sich, unhnlich dem etwa 500 Kilometer weiter
sdlich gelegenen, ihm an Mchtigkeit im brigen hnlichen
Kilimandscharo, nicht unmittelbar aus der Tiefebene erhebt, sondern
rings um sich her, viele Hunderte Kilometer weit nach allen Seiten, ein
1200 bis 2200 Meter ber dem Meeresspiegel sich erhebendes Hochplateau
vorgelagert hat. Und dieses Hochplateau, unterbrochen von zahlreichen
mehr oder minder mchtigen hochromantischen Gebirgszgen und bewssert
von mannigfaltigen, teils dem Kenia selber, teils den Riesen der
Vorberge entspringenden Flssen, Strmen und Seen, bildet das Gebiet von
Freiland.

Soviel ber die Geographie meiner nunmehrigen Heimat. ber ihre
politische und sociale Verfassung will ich einstweilen nur soviel sagen,
da durch dieselbe verwirklicht worden ist, was seit dritthalb
Jahrtausenden das Ideal der Menschheit gewesen, nmlich die vollkommene,
sich auch auf das wirtschaftliche Leben erstreckende Gleichberechtigung.
Die Freilnder sind keine Kommunisten, sie gehen nicht von der Ansicht
aus, da alle Menschen schlechthin gleich seien, anerkennen vielmehr
deren Verschiedenheit nach Fhigkeiten sowohl als nach Bedrfnissen;
aber sie halten alle Menschen fr gleich_berechtigt_, und unter
Gleichberechtigung verstehen sie nicht blo die allen Menschen
gleichmig zuerkannte Befugnis, Abgeordnete zu whlen, Steuern zu
zahlen, eingesperrt zu werden und sich fr das Vaterland totschieen zu
lassen, sondern auch das allen gleichmig zu sichernde Recht, zu leben.
Sie behaupten, da demjenigen, der auf den guten Willen anderer
angewiesen ist, um die eigenen Krfte zur Fristung seines Lebens
gebrauchen zu knnen, alle anderen noch so freigebig erteilten
Freiheiten nicht das geringste ntzen, da er vielmehr ein Knecht
desjenigen bleiben mu, von dessen gutem Willen seine Existenz abhngt.

Aber die Freilnder haben sich des ferneren nicht begngt, dieses Recht
auf das Leben im Prinzipe zu verknden; sie sind weiter gegangen und
haben jedermann auch jene Mittel gesichert, die notwendig sind, um
dieses gute angeborene Menschenrecht praktisch auszuben. Nicht etwa in
der Weise, da jedermann von Gesamtheitswegen mit dem, was er zur
Fristung seines Lebens braucht, versehen wrde; sie denken nicht daran,
die Gesamtheit fr den einzelnen sorgen zu lassen, meinen vielmehr, da
es jedermanns Sache sei, fr sich selber zu sorgen. Jedem das Seine,
ist ihr Wahlspruch, ganz hnlich dem Wahlspruche der brgerlichen Welt,
mit dem Unterschiede aber, da dieses jedermann gebhrende Seinige nach
freilndischer Auffassung das ist, was jedermann selber hervorbringt,
whrend es nach brgerlicher Auffassung dasjenige ist, was sich
jedermann auf welche Weise immer anzueignen vermag, sofern er nur dabei
die ber Mord, Raub, Diebstahl und Betrug geltenden Satzungen nicht
verletzt.

Des ferneren aber glauben die Freilnder beileibe nicht, da zur
Einrichtung der menschlichen Wirtschaft auf diesen soeben entwickelten
Grundstzen eine besonders knstliche Organisation vonnten sei. Auch in
diesem entscheidenden Punkte haben sie mit den frheren Socialisten oder
Kommunisten nichts gemein, halten sich vielmehr an den Grundsatz der
brgerlichen Welt, da sich durch das freie Spiel der wirtschaftlichen
Krfte die mglichste Harmonie aller wirtschaftlichen Interessen ganz
von selber einstelle. Um Vorsorge dafr zu treffen, da alle Bedrfnisse
der Gesamtheit in der denkbar vollkommensten Weise befriedigt werden,
sei nichts anderes notwendig -- so sagen sie -- als jeden einzelnen
mglichst ungestrt unter der Triebfeder der ihm angeborenen natrlichen
wirtschaftlichen Beweggrnde handeln zu lassen. Die Meinung, es knne
irgendwie notwendig sein, von Staatswegen dafr zu sorgen, da jene
Dinge erzeugt werden, deren man gerade bedrfe, laufe auf dasselbe
hinaus, als ob man es fr notwendig hielte, das Wasser eines Flusses in
Fssern und Tonnen thalab zu befrdern, aus Angst, da es andernfalls
bergauf flieen wrde. Wo jedem gehre, was er erzeuge, und wo ein
freier Markt bestehe, auf welchem die eigenen Erzeugnisse gegen die
Gter des eigenen Bedarfs umgetauscht werden, dort verstehe es sich ganz
von selbst, da jedermann erzeugen werde, was dem allgemeinen Bedarfe
entspricht, weil er ja nur unter dieser Voraussetzung den eigentlichen
Zweck seiner Thtigkeit erreichen knne, der in nichts anderem besteht
als in der Absicht, bei mglichst geringer Plage die eigenen Bedrfnisse
mglichst reichlich zu befriedigen. Das knne aber jedermann nur, wenn
er solche Dinge verfertige, wie sie dem Bedarfe entsprechen, und den
Eigennutz der Arbeitenden frei gewhren lassen, sei daher die beste
Methode, die Produktion in einer dem allgemeinen Wohle entsprechenden
Weise zu organisieren.

Man sieht, das ist Punkt fr Punkt die Lehre, welche schon vor
anderthalb Jahrhunderten Adam Smith verkndet hat und deren Richtigkeit
nicht erst bewiesen zu werden braucht. Seltsam ist nur, da man bisher
von der Meinung ausging, diese zur hchsten wirtschaftlichen Harmonie
fhrende Wirkung des freiwaltenden Eigennutzes habe zur Voraussetzung,
da nicht alle, sondern blo einige wenige Menschen thun und lassen
knnen, was ihnen ihr Eigeninteresse vorschreibt. Die groe Mehrzahl --
so glaubte man -- msse gezwungen sein zu thun, nicht was ihr selbst,
sondern was anderen ntzt, dann erst sei sicher, da geschehen werde,
was allen ntzlich ist. In Freiland nimmt man die Lehre Smiths
buchstblich; man rumt die der freien Bethtigung des Eigeninteresses
entgegenstehenden Hindernisse fr alle hinweg und hlt sich daraufhin
erst recht berzeugt, da der Erfolg dem Interesse aller entsprechen
werde.

Knstliche Manahmen und Einrichtungen welcher Art immer zu gedeihlicher
Fortfhrung der Arbeit erachten die Freilnder schon aus dem Grunde fr
berflssig, weil sie behaupten, da die bei ihnen geltenden
wirtschaftlichen und socialen Satzungen durchaus der menschlichen Natur
entsprechen, ein vollkommen natrlicher Zustand der Dinge sich aber am
besten aus sich selber heraus erhalte und fortentwickle. Bekanntlich
sagt das nmliche auch der brgerliche Liberalismus; auch er erklrt,
der wirtschaftliche und sociale Zustand, wie er ihn aufrecht erhalten
wolle, entspreche der menschlichen Natur. Und auch er zieht daraus die
Schlufolgerung, da seine Wirtschaft am besten gedeihen und sich
entwickeln wrde, wenn man sie ohne jeden gewaltsamen Eingriff sich
selber berliee. Auf welcher Seite die Wahrheit liegt, ist -- fr mich
zum mindesten -- klar wie das Sonnenlicht. Ich glaube, es entspricht der
menschlichen Natur, zu arbeiten, damit man selber, nicht aber damit
andere genieen, was man hervorgebracht hat, und nicht dem geringsten
Zweifel unterliegt es in meinen Augen, da die brgerliche Wirtschaft
sich auch nicht einen Tag lang erhalten knnte, berliee man sie sich
selber, d. h. entzge man ihr den Schutz der Staatsgewalt. Sich den in
der brgerlichen Welt geltenden socialen Satzungen zu fgen, dazu mssen
neun Zehnteile aller Menschen gewaltsam gezwungen werden, denn diese
Satzungen widersprechen ihren wichtigsten, ureigensten Interessen. Die
freilndische Wirtschaft dagegen bedarf eines solchen Schutzes zu ihrem
Fortbestande wirklich nicht, weil in ihr die Interessen aller
gleichmig gewahrt sind. Um hier die Ordnung zu stren, mten einzelne
die Macht besitzen, ihren Willen den anderen aufzuerlegen; diese Macht
aber besitzen sie eben infolge der vorweg hergestellten wirklichen
Gleichberechtigung aller, nicht, sie kann ihnen niemals zuteil werden,
so lange die freilndischen Einrichtungen fortbestehen, denn niemals, so
lange dies der Fall ist, kann es geschehen, da irgend ein Freilnder
abhngig wird vom guten Willen oder von der Laune eines Nebenmenschen.
Es kann geschehen und geschieht auch in Freiland jederzeit, da der
eine, weil er geschickter, fleiiger oder sparsamer ist als der andere,
reicher wird als dieser; aber diesen seinen hheren Reichtum kann er
stets blo dazu benutzen, mehr zu genieen als dieser, niemals aber
dazu, sich dessen Krfte dienstbar zu machen. Denn auch der
ungeschickteste, nachlssigste, sorgloseste Freilnder ist in der
Verwertung seiner Arbeitskraft auf die Mittel anderer nicht angewiesen,
da alles, wessen er zu diesem Behufe bedarf -- nmlich Boden und Kapital
-- ihm unter _allen_ Bedingungen zu uneingeschrnkter, freier Verfgung
steht.

Dies die Grundzge der freilndischen Einrichtungen. Man sieht,
dieselben laufen dem Wesen nach auf nichts anderes hinaus, als auf die
Verwirklichung gerade jener Prinzipien, welche die brgerliche
Gesellschaft stets als die ihrigen verkndet, niemals aber befolgt hat.
Freiland ist die endliche Bewahrheitung all dessen, was die Kulturwelt
sich bisher selber vorgelogen; es thut gar nichts anderes, als was stets
gethan zu haben, der moderne Liberalismus von sich selbst behauptet.

Es verkndet die Gleichberechtigung -- das thut die brgerliche Welt
auch; aber Freiland macht die Gleichberechtigung zur Wahrheit, die
brgerliche Welt lgt sie blo; was sie verwirklicht, ist die
Ausbeutung.

Es verkndet die Freiheit -- die brgerliche Welt desgleichen; aber die
Freiheit Freilands ist Wahrheit, die der brgerlichen Welt eine Lge mit
dem richtigen Namen Knechtschaft.

Es verkndet den Eigennutz als Triebfeder der Arbeit -- genau so die
brgerliche Welt; aber in Wahrheit kennt blo Freiland Arbeit zu eigenem
Nutzen des Arbeitenden, whrend die brgerliche Welt den Eigennutz als
Triebfeder ihrer Arbeit erlgt; was _sie_ kennt, ist Arbeit zu fremdem
Nutzen, oder Nutzen aus fremder Arbeit.

Die Art und Weise, wie alle diese Prinzipien in Freiland ihre praktische
Durchfhrung finden, wird sich aus dem nachfolgenden ergeben; schaden
jedoch kann es nicht, wenn ich zu vorlufiger Orientierung das
freilndische Grundgesetz hier im Wortlaute wiedergebe. Dasselbe besteht
blo aus fnf Abstzen, welche lauten:

1. Jeder Bewohner Freilands hat das gleiche unveruerliche Anrecht auf
den gesamten Boden und auf die von der Gesamtheit beigestellten
Produktionsmittel.

2. Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfhige haben Anspruch auf
auskmmlichen, der Hhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden
Unterhalt.

3. Niemand kann, sofern er nicht in die Rechtssphre eines andern
greift, in der Bethtigung seines freien individuellen Willens gehindert
werden.

4. Die ffentlichen Angelegenheiten werden nach den Entschlieungen
aller volljhrigen (mehr als zwanzigjhrigen) Bewohner Freilands ohne
Unterschied des Geschlechts verwaltet, die smtlich in allen, das
gemeine Wesen betreffenden Angelegenheiten das gleiche aktive und
passive Stimm- und Wahlrecht besitzen.

5. Die beschlieende sowohl als die ausbende Gewalt ist nach
Geschftszweigen geteilt und zwar in der Weise, da die Gesamtheit der
Stimmberechtigten fr die hauptschlichen ffentlichen Geschftszweige
gesonderte Vertreter whlt, die gesondert ihre Beschlsse fassen und das
Gebaren der den fraglichen Geschftszweigen vorstehenden
Verwaltungsorgane berwachen.




                            Viertes Kapitel.

     Wer mir in Freiland die Stiefel putzte und wie es dort in den
             Straen aussieht. Das Eigentum an Wohnhusern.


Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als ich am ersten Morgen meines
Aufenthaltes in Edenthal erwachte. Trotzdem war es noch recht khl, und
erfrischend wehte die balsamische Luft zum offenen Fenster herein, so
da ich die behagliche Wrme der mir am Abend durch ihre Dichte und
Schwere aufgefallenen Bettdecken wohlig empfand. Edenthal liegt gerade
unter dem quator, es sollte mich nicht wundern, wenn derselbe
mathematisch genau just durch mein Zimmer hindurchzieht; man wre also
versucht zu meinen, da es hier stets gleichfrmig hei sein msse und
da besondere Verwahrungen gegen die Nachtkhle zu den denkbar
berflssigsten Dingen gehren. Dem ist jedoch nicht so; ein in der Nhe
des Bettes angebrachtes Minimal- und Maximalthermometer zeigte, da die
Temperatur des Nachts bis auf 9 Grad Celsius gesunken war und auch jetzt
-- es war bereits acht Uhr morgens -- erst 16 Grad Celsius erreicht
hatte.

Den Sonnenaufgang, der in diesen Breiten jahraus jahrein pnktlich um
sechs Uhr stattfindet, hatte ich also um zwei Stunden verschlafen. Das
rgerte mich, denn ich war ungeduldig, die Stadt und mehr noch die
Einrichtungen Freilands kennen zu lernen, und so beschlo ich denn,
rasch aufzustehen.

Der Drcker einer elektrischen Klingel zu meinen Hupten deutete darauf
hin, da hier -- was mich allerdings Wunder nahm -- auf Wunsch Bedienung
zu haben sei. Wenige Sekunden, nachdem ich geklingelt hatte, betrat ein
Mann das Gemach, der sich in seiner Kleidung sowohl als in seinem
brigen Auftreten in nichts von jenen anderen Freilndern unterschied,
die ich auf der Reise bis dahin zu sehen Gelegenheit hatte. Er fragte in
hflichem, aber sichergeschftlichem Tone nach meinem Begehren.

Sie entschuldigen -- so leitete ich die Konversation ein -- da ich
Sie zu mir bemht habe. Ich wei sehr wohl, da hier in Freiland
Gleichheit herrscht, da es keine Herren und Diener giebt; aber diese
Klingel hier verlockte mich, von ihr Gebrauch zu machen, und so bitte
ich Sie denn, mir unerfahrenem Fremdling zu erklren, erstens, wozu es
in freilndischen Hotelzimmern Klingeln giebt, und zweitens, wo ich die
zum Reinigen meiner Kleider erforderlichen Utensilien erhalten kann.

Ihre Vermutung bezglich der Klingel hat Sie nicht getuscht, war die
lchelnd abgegebene Entgegnung. Ich bin einer der sechs Hoteldiener,
die abwechselnd hier Tag und Nacht zur Verfgung unserer Gste stehen.
Dagegen mache ich Sie darauf aufmerksam, da Sie, um die Kleider
gereinigt zu erhalten, hinknftig besser thun werden, dieselben schon am
Abend an den zu diesem Behufe vor Ihrer Thr angebrachten Haken zu
hngen. Denn jedes Luten kostet Geld, nebenbei bemerkt, genau halb so
viel, als die Benutzung des Zimmers fr einen ganzen Tag, d. i.
fnfundzwanzig Pfennig, whrend, wenn Sie die soeben angedeutete
Vorsicht gebrauchen, Ihre Kleider und Ihr Schuhwerk ohne weiteres von
den Kleiderreinigern abgeholt und zeitig morgens an der gleichen Stelle
hinterlegt werden. Auch das kostet fnfundzwanzig Pfennig tglich, aber
Sie ersparen doch die unntze Ausgabe fr mich.

Also Sie sind eine Art Kellner und es giebt hier auerdem noch
Hausknechte zum Putzen der Kleider und Stiefel? Wie vereinbart sich das
mit der freilndischen Gleichheit? Und warum kostet das einmalige
citieren Ihrer Person so viel, wie der doch jedenfalls anstrengendere
Dienst des Hausknechtes, und beides zusammen so viel wie der Tagespreis
dieses ganzen so nett eingerichteten Zimmers? konnte ich mich nun nicht
enthalten zu fragen.

Die Gleichheit, wie wir sie in Freiland verstehen, leidet nicht im
geringsten darunter, wenn ich und meine Kollegen von der >Gesellschaft
fr persnliche Dienstleistungen< uns zur Befriedigung Ihrer Wnsche zur
Verfgung halten und wenn andere Kollegen von derselben Gesellschaft
Ihre Kleider reinigen. Wir sind eben Geschftsleute, Arbeiter, die in
solcher Weise ihren Erwerb suchen. Wird Ihre persnliche Wrde Schaden
nehmen, wenn Sie morgen fr uns Kleider oder Stiefel verfertigen, Huser
bauen oder Bcher schreiben? Jeder leistet eben, was er kann und was am
besten seinem Nutzen entspricht, und einen Unterschied kennen wir nur
insoweit, als schwierige, unangenehme oder besondere Fhigkeiten
erfordernde Arbeiten besser entschdigt werden mssen als leichte,
angenehmere, alltgliche. Ich z. B. knnte ebensogut auch als Grtner
oder als Schreiber in irgend einem Bureau meinen Verdienst suchen; aber
in der Grtnerei wrde ich, weil dort die Arbeit leicht und angenehm
zugleich ist, blo dreieinhalb Mark stndlich erwerben, die sitzende
Lebensweise in einem Bureau gefllt mir nicht, und so habe ich denn mein
derzeitiges Geschft gewhlt, wo ich nahezu fnf Mark stndlich
verdiene, ausreichende Bewegung mache, was mir sehr dienlich ist und
mitunter recht interessante Bekanntschaften anknpfen kann, was meinen
Neigungen gleichfalls in hohem Grade zusagt. Dabei halte ich mich fr
einen Gentleman und alle meine Mitbrger halten mich dafr; htte
ich nur sonst das Zeug dazu, so wrde sich wegen meiner
Beschftigung niemand in Freiland besinnen, mir seine Stimme fr ein
Abgeordnetenmandat zu geben, wenn ich mich darum bewrbe. Genau
das nmliche gilt natrlich von meinen Kollegen aus der
Kleiderreinigungsbranche; niemand fllt es auch nur im Traume ein,
zwischen ihrer Arbeit und derjenigen eines beliebigen anderen irgend
welchen Unterschied zu machen. Wohin kmen wir auch, wenn dies geschhe?
Gezwungen kann man hier zu keiner Arbeit werden, es steht einem jeden
von uns die Wahl zwischen allen Berufen frei, insofern man zu deren
Ausbung geeignet ist; wrde nun irgend welchen besonderen
Dienstleistungen auch nur der geringste Makel in der ffentlichen
Meinung anhaften, so wrde sich natrlich niemand finden, sie auszuben.
Dann wren z. B. Sie gentigt, Ihre Kleider selber zu reinigen, Ihr
Zimmer selber aufzurumen u. s. w., whrend Sie vielleicht ein Gelehrter
sind, dessen Zeit weit ersprielicher mit anderen Gedanken, oder ein
Geschftsmann, dessen Zeit weit ntzlicher mit anderen Verrichtungen
ausgefllt ist.

Was aber die Preise unserer Dienstleistungen anlangt, so richten sich
diese, wie die Preise aller Dinge in Freiland, nach dem erforderlichen
Arbeitsaufwande. Es ist wahr, die Erledigung eines kleinen Auftrages,
den Sie mir etwa erteilen mgen, kostet scheinbar weniger Zeit als das
umstndliche und gewissenhafte Reinigen Ihrer Kleider, aber das ist eben
nur scheinbar so. Ich mit meinen engeren Kollegen mu mich fr jeden
Ihrer zuflligen Wnsche jederzeit bereit halten, selbst nachtsber, da
es ja immerhin mglich ist, da Sie aus irgend einem Grunde, z. B. wegen
eines pltzlichen Unwohlseins, auch des Nachts unser dringend bedrfen;
deshalb sind fr dieses Hotel sechs Aufwrter angestellt, die
abwechselnd Tag und Nacht Dienst haben, und Sie werden es nur gerecht
finden, da uns auch die Wartezeit vergtet werden mu. Das
Kleiderreinigen dagegen kann zu bestimmten Stunden fr alle
Hotelbesucher gleichzeitig vollbracht werden, und da dabei sehr
sinnreiche Maschinen Verwendung finden, so ist der Zeitaufwand fr die
damit beschftigten Arbeiter verhltnismig gering. Und die Zimmermiete
vollends ist ja nichts anderes als jene Summe, die erforderlich ist, um
die Herstellungskosten des Zimmers whrend der ganzen Dauer seiner
Benutzbarkeit abzutragen. Fnfzig Pfennig tglich machen, wenn man
dreihundert Miettage im Jahre rechnet, einhundertundfnfzig Mark
jhrlich: das gengt reichlich, um das hineingesteckte Kapital bis zum
Zeitpunkt seiner Abnutzung abzutragen und etwa erforderliche Reparaturen
und Neuanschaffungen zu decken.

Ich kann nicht verschweigen, da mir die Sicherheit, auch in Freiland
meine Stiefel nicht selber putzen zu mssen, trotz aller meiner
Begeisterung fr Gleichberechtigung einen kleinen Stein vom Herzen
wlzte. Zwar hatte ich das auch whrend der ganzen Reise nicht ntig
gehabt, auf dem Schiffe so wenig als in Lamu und in Hargazzo; aber ich
hatte mir das eben damit erklrt, da auerhalb Freilands das
freilndische Wesen auch von der freilndischen Verwaltung selber noch
nicht in aller Reinheit gehandhabt werde. Diese Meinung wurde
insbesondere dadurch bestrkt, da es in Lamu und Hargazzo Neger waren,
die ich mit der Bedienung der Reisenden beschftigt fand. Und ich hatte
mir eingebildet, da diese Neger von den Freilndern zu Hantierungen
benutzt oder doch zugelassen wrden, denen sie sich selber nicht
unterziehen wollen. Dies erwies sich nun als Irrtum und ich will
nebenbei bemerken, da die schwarzen Diener in Lamu und Hargazzo ebenso
zu einer Association vereinigt und ganz nach denselben Grundstzen
organisiert sind, wie ihre kaukasischen Berufsgenossen in Freiland.

Nachdem ich mich angekleidet und im Hotelsaale mein Frhstck
eingenommen hatte, welches aber nicht von der Hotelgesellschaft selber,
sondern von der Edenthaler Speisenassociation hergestellt wird -- die
Hotelgesellschaft besorgt blo Bau und Einrichtung der Gebude und
beschrnkt sich im brigen auf die Beaufsichtigung des ganzen Betriebes
-- betrat ich die Straen der Stadt.

Es war jetzt -- die Uhr zeigte nahezu die zehnte Stunde -- schon
ziemlich warm, 22 Grad Celsius im Schatten. Ich will hier gleich
bemerken, da die Hitze in der Regel um ein Uhr ihren Hhepunkt
erreicht; an diesem ersten Tage, gegen Ende des zu den minder heien
Monaten des Jahres zhlenden Mai, betrug das Temperaturmaximum 28 Grad
Celsius; das berhaupt vorkommende Jahresmaximum ist 33 Grad Celsius,
also eine ganz respektable Hitze, die jedoch nur selten eintritt,
keineswegs hufiger, wie in Europa mit vielleicht alleiniger Ausnahme
von England, Norwegen und des nrdlichen Ruland. Von jener Qual fr
Mensch und Tier, die im gemigten Europa heie Sommertage in der Regel
mit sich bringen, wei man jedoch hier unter dem quator in 1700 Meter
Seehhe nichts, und zwar aus verschiedenen Grnden. Erstens ist die Luft
so rein und dnn, da jenes Gefhl des bengstigenden Druckes, welches
in unseren Breiten groe Hitze zumeist hervorbringt, gar nicht entstehen
kann; zum zweiten wehen hier in Edenthal gerade whrend der heien
Tagesstunden stets die erfrischenden Brisen vom Kenia herab; drittens
aber und hauptschlich wei man sich hier vortrefflich gegen die
Sonnenhitze zu schtzen. In den Mittagsstunden arbeitet niemand im
Freien und auch in den gedeckten, khlen und luftigen Werksttten werden
um diese Tageszeit nur wenige Betriebe im Gang erhalten. Von zwlf Uhr
vormittags bis drei Uhr nachmittags speisen, baden, lesen und ruhen die
Freilnder. Auch die Straen sind in diesen Stunden minder lebhaft
besucht, trotzdem hier die berall vorhandenen mehrfachen Palmenreihen
mit ihren tiefen, khlen Schatten jede wirkliche Belstigung durch die
Hitze fernhalten.

Diese prachtvollen Alleen und die wunderlieblichen Grten, welche sie
auf beiden Seiten einsumen, verleihen ganz Edenthal sein
charakteristisches Geprge. Jede freilndische Familie bewohnt ihr
eigenes Wohnhaus und jedes derselben ist von einem 1000 Quadratmeter
groen Garten umgeben. Diese Huschen sind Privateigentum der Bewohner
und dienen, gleich den dazu gehrigen Grtchen, zu deren Privatgebrauch.
Die Freilnder anerkennen zwar im allgemeinen keinerlei Grundeigentum,
gehen vielmehr von der Anschauung aus, da der Boden jedermann zur
beliebigen Verfgung anheimgegeben sein msse, was im buchstblichsten
und weitesten Sinne des Wortes so zu verstehen ist, da jeder Freilnder
jeden ihm beliebigen Boden jederzeit bearbeiten drfe. Aber das bezieht
sich eben nur auf Boden, der zur Bearbeitung, nicht aber auf jenen, der
zum Bewohnen bestimmt ist. Da es jedermann gestattet ist, seine
Arbeitskraft wo immer zu verwerten, schliet nach freilndischer
Auffassung nicht aus, da jedermann das Recht beanspruchen drfe, ein
Stckchen Erde, wo er ungestrt von anderen seinen Wohnsitz aufschlagen
knne, fr sich allein zu beanspruchen. Auch die Tiere besitzen ja ihre
Hhlen und Nester fr sich, teilen diese mit niemand und wissen trotzdem
nichts von Grundeigentum. Der Unterschied zwischen ursprnglichem
Naturrecht und freilndischem Recht in dieser Beziehung besteht blo
darin, da sich die Tiere nach Laune und Zufall ihre Wohnsttten whlen,
whrend die Freilnder bereingekommen sind, hinsichtlich des Ausmaes
und der Anordnung der zur Anlage ihrer Wohnsitze dienenden Bodenflchen
eine feste Ordnung aufzustellen, eine Art Baupolizei, deren Handhabung
Sache ihrer Behrden ist. Die Baubehrde hat zu bestimmen, welcher Boden
zu bebauen sei und welcher nicht, sie parzelliert die Bauflchen, sorgt
fr Anlegung von Straen, Kanlen u. dergl. und berwacht insbesondere,
da auf keiner Bauparzelle mehr als ein Wohnhaus entstehe. Es ist zwar
niemand verboten, auf brachliegendem Boden auch ohne ausdrckliche
Zustimmung der Baubehrde sein Wohnhaus zu errichten, aber er hat es
sich dann nur selber zuzuschreiben, wenn vielleicht spterhin andere
Leute denselben Boden zu anderen Zwecken benutzen wollen, woran sie zu
hindern er, auf sich allein angewiesen -- und das wre er natrlich in
diesem Falle -- weder das Recht noch die Macht besitzt. Um sich dagegen
zu schtzen und um Anspruch auf volle Entschdigung fr den Fall zu
erlangen, da der zu einem Wohnhause ausersehene Boden vielleicht
nachtrglich zu anderen Zwecken in Anspruch genommen wird, mu die
Zustimmung der in dieser Frage durch die Baubehrde vertretenen
Gesamtheit eingeholt werden, d. h. man mu zu seinen Bauzwecken entweder
solche Grundflchen benutzen, die von vornherein durch die Baubehrde zu
diesem Behufe vermessen und angewiesen sind, oder man mu doch die
Genehmigung dieser Behrde einholen, wenn man irgendwo bauen will. Eine
Abgabe fr die Benutzung des Baugrundes wird nicht erhoben.

Endlich ist zu bemerken, da das ausschlieliche Benutzungsrecht blo
unter der Voraussetzung gilt, da der Baugrund eben nur zur Errichtung
der eigenen Wohnsttte benutzt werde. Wer sich etwa ein Geschft aus dem
Bauen und Vermieten von Husern machen wollte, den wrde niemand daran
hindern, aber der von ihm zu solchem Zwecke benutzte Boden fiele damit
ganz von selber wieder der allgemeinen Benutzung anheim, ja, da er zu
derartigen Bauzwecken die Zustimmung der Baubehrden nicht erhalten
htte, so bese er auch gar keinen Ersatzanspruch fr den von ihm
gemachten Bauaufwand, wenn andere Leute sothanen Boden benutzen wollten.
Natrlich giebt es in Freiland keine Miethuser im Privatbesitz.
Gesellschaften, welche das Vermieten von Wohnrumen zu ihrem Geschfte
gemacht haben, sind allerdings vorhanden; da aber jedermann jederzeit
das Recht hat, diesen wie allen anderen freilndischen Gesellschaften
beizutreten, so gilt fr den von diesen bebauten Boden genau dasselbe,
wie von anderem Boden in Freiland: er kann von jedem benutzt werden, der
dazu Lust hat.

Doch darber nheres spter. Hervorheben will ich hier nur noch, da es
keinem Freilnder einfllt, sein Wohnhaus, etwa in der Weise der
Hinterwldler in Nordamerika, selber zu bauen. Das lt er durch
Baugesellschaften besorgen, die er dafr und zwar je auf Wunsch entweder
auf einmal oder in Jahresraten bezahlt, welch letztere aber -- nebenbei
bemerkt -- in diesem Falle vom Kufer nicht den Baugesellschaften,
sondern dem Staate geschuldet sind, indem die Baugesellschaften, wie
alle freilndischen Associationen, ihr Betriebskapital vom Staate
vorgestreckt erhalten. Natrlich gehren die kuflich erworbenen
Huschen jedem zu freiem Eigentum. Er kann sie verkaufen, verschenken,
vertauschen, vererben, ganz nach seinem Belieben.

Die Edenthaler Huschen zeigen, entsprechend der Verschiedenheit in den
Ansprchen der Eigentmer, mannigfaltige Unterschiede hinsichtlich ihrer
Gre und Ausstattung. Es giebt welche, die nicht mehr als fnf
Wohnrume aufweisen, und welche, die bis an zwanzig Wohnrume zhlen.
Einige sind sehr einfach, andere mit viel Geschmack und Luxus
ausgestattet. Ihr Alter kann man hier allen Husern ziemlich genau am
uern ablesen. Die ltesten, aus den zwei ersten Jahren der Grndung
von Freiland herrhrenden sind Holzbaracken; doch giebt es deren nur
noch sehr wenige, wie mir mitgeteilt wurde, in ganz Edenthal blo sechs,
whrend alle anderen Bauten aus jener Epoche lngst schon durch neuere,
schnere und behaglichere ersetzt worden sind, denn der Reichtum der
Freilnder ist in ununterbrochenem rapidem Aufschwunge begriffen, und
derzeit besitzt der einfachste Arbeiter des Landes ein Einkommen,
gengend gro, um ihm den Luxus eines geschmackvollen, schnen
Wohnhauses zu gestatten. Seit fnf Jahren baut man in Edenthal nur noch
aus Backsteinen, Stein und Eisen; die Ausfhrung wird von Jahr zu Jahr
vollendeter und reicher. Wie es im Innern der Edenthaler Privathuser
aussieht, darber werde ich wohl noch zu sprechen haben.

Von ffentlichen Gebuden giebt es in Edenthal eine groe Menge. Die
hervorragendsten sind: der Volks- und Regierungspalast, die Centralbank,
die Universitt, die Akademie der bildenden Knste, drei ffentliche
Bibliotheken, vier Theater, die groe Centralwarenhalle -- ein vier
Hektare deckender Riesenbau -- eine groe Anzahl von Schulen u. s. w.
Was bei den meisten dieser ffentlichen Gebude auffllt, ist der ganz
auerordentliche Luxus, der an ihre Ausschmckung gewendet wird; es ist
klar, da die Freilnder groen Kunstsinn haben und diesen in erster
Reihe bei ihren ffentlichen Einrichtungen bethtigen; sie gleichen in
diesem Punkte den alten Athenern, deren Huslichkeiten ja auch
verhltnismig bescheiden eingerichtet waren, whrend fr die schne
Ausstattung ffentlicher Bauten kein Aufwand als zu gro erachtet wurde.
Wie ich spterhin erfahren habe, beschftigt die freilndische
Verwaltung nicht blo eine groe Anzahl von Knstlern, die auf
Bestellung arbeiten, sondern kauft auch jedes Kunstwerk, das ihr
angeboten und von den Kennern als geeignet zur Ausschmckung irgend
eines ffentlichen Gebudes oder Platzes erachtet wird. Welchen
Aufschwung unter solchen Verhltnissen die groe Kunst nehmen mu, wird
der Leser erst dann voll zu ermessen in der Lage sein, wenn ich auf die
ungeheueren Mittel zu sprechen kommen werde, welche der Verwaltung von
Freiland zur Verfgung stehen.

Ganz auerordentliches geschieht auch fr die Pflege der ffentlichen
Reinlichkeit und Gesundheit. Die Edenthaler Wasserleitungen drften
heute schon kaum irgend wo in der Welt ihresgleichen haben und immer
noch wird an ihrer Erweiterung gearbeitet; die Abfuhr des Unrats erfolgt
mittels eines Systems pneumatischer Aufsaugung; die Straen sind
durchweg makadamisiert, von Schmutz oder Staub ist auf ihnen keine Spur
zu sehen; sie sind nach allen Richtungen von einem Netze elektrischer
Bahnen durchzogen, die auch alle Vororte mit der Stadt in Verbindung
setzen. Smtliche Fabriken Edenthals sind in diesen Vororten
untergebracht, so da in der Stadt nirgends lstiges Gerusch die nur
durch Vogelgesang und Kinderlachen unterbrochene idyllische Ruhe strt.
Auch Pferdegetrappel ist nirgends zu hren; es werden zwar Wagen
benutzt, doch nicht durch Tiere, sondern durch mechanische Kraft --
meist Elektrizitt -- in Bewegung gesetzt. Im brigen fehlt es in
Edenthal, wie berhaupt in Freiland, keineswegs an Pferden; die
Freilnder sind sogar leidenschaftliche Reiter, doch werden Pferde nur
zu Ausflgen auerhalb des Weichbildes der Stadt benutzt und die
Stallungen befinden sich nicht in den Privathusern, sondern in Hnden
von groen Transportgesellschaften, deren Stall- und Wartepersonale
seinen Dienst nicht in der bei uns blichen Weise, sondern -- wie fast
alles in Freiland -- beinahe durchwegs mit Hilfe von Maschinen
verrichtet, so da ein Arbeiter im Durchschnitt fr die Wartung von
fnfzig Pferden gengt. Das Halten dieser Tiere ist dementsprechend ein
Luxus, den sich jeder freilndische Arbeiter gnnen kann, wenn es seinem
Geschmacke zusagt, trotzdem selbstverstndlich die Stallknechte
denselben Arbeitslohn beanspruchen und finden, wie durchschnittlich
jeder andere freilndische Arbeiter.




                            Fnftes Kapitel.

     Wie ich in Freiland einen Beruf whlte und im Speisehause mein
                         Mittagessen bezahlte.


Nachdem ich meiner Neugierde durch Besichtigung der hervorstechendsten
Sehenswrdigkeiten von Edenthal einige Stunden lang Genge gethan hatte,
wobei die mir begegnenden Freilnder bereitwilligst das Amt der Fhrer
und Erklrer bernahmen, entschlo ich mich, vorlufige Orientierung
ber jene Schritte einzuholen, die ich behufs meiner zuknftigen
Beschftigung in Freiland fr notwendig erachtete. Da hier alle Arbeit,
soweit sie nicht, wie z. B. Post, Telegraph, Eisenbahn, Staatssache ist,
in Hnden groer Produktivgesellschaften ruht, die ihre Ertrge an ihre
Mitglieder verteilen, und das jedermann das Recht hat, sich einer
solchen Gesellschaft anzuschlieen, wute ich, und es galt daher nur,
eine meinen Fhigkeiten und Interessen entsprechende Wahl zu treffen.
Ebenso war mir bekannt, da dafr Sorge getragen ist, dem Publikum alle
Behelfe zugnglich zu machen, die behufs richtiger Berufswahl nur immer
erforderlich sein mgen. Man hatte mir jedoch den Rat gegeben, mich der
Bequemlichkeit halber zunchst an das Auskunftsbureau des statistischen
Centralamtes zu wenden, und so lenkte ich denn meine Schritte diesem zu.

Der Beamte, der mich empfing, fragte, welchem Arbeitszweige ich mich
zuzuwenden gedchte. Meine eigentliche Spezialitt war bisher das
Maschinenwesen, soweit es in das Bereich des Eisenbahnbetriebes gehrte.
In diesem Fache, so erfuhr ich, sei der den Ingenieuren eingerumte
Verdienst derzeit um ein Kleines geringer als in den anderen
Maschinenwerksttten. Das soll Sie natrlich nicht abhalten, fgte der
Beamte hinzu, sich trotzdem dieser Branche zuzuwenden, wenn Sie
glauben, gerade in ihr besonders Tchtiges leisten zu knnen, denn in
diesem Falle knnen Sie darauf rechnen, durch raschere Befrderung den
anfnglichen Minderertrag Ihrer Arbeit sehr schnell auszugleichen.

Darauf mchte ich mich denn doch nicht verlassen, entgegnete ich in
unbewuter Nachwirkung meiner europischen Erfahrungen. Wer wei, ob es
mir so sicher gelingen wrde, meine Fhigkeiten zur entsprechenden
Geltung zu bringen?

Sie scheinen zu vergessen, da es fr alle Flle eine _freilndische_
Gesellschaft ist, in welche Sie hier eintreten wollen, entgegnete
lchelnd der Beamte. Damit hier Ihre Fhigkeiten -- vorausgesetzt
natrlich, da Sie wirklich solche in hherem Mae besitzen -- nicht zur
Geltung gelangen, mten Sie dieselben absichtlich geheim halten. Da
hervorragende Fhigkeiten unbeachtet bleiben, ist hier ganz und gar
ausgeschlossen. Zwar wird es von den Vorgesetzten abhngen, ob Sie an
die Ihnen gebhrende Stelle befrdert werden, aber diese Ihre
Vorgesetzten selber sind insofern abhngig von ihren Untergebenen, als
sie ihre Stellung einer jederzeit widerruflichen Wahl verdanken und
dieser Widerruf ganz gewi stattfinden wrde, bemerkte man, da die
Direktoren sich bei ihren Entscheidungen durch andere als rein sachliche
Beweggrnde leiten lassen.

Und wer brgt dafr, so fragte ich, da diese Untergebenen sich
meiner annehmen, fr den Fall, da mir Unrecht geschieht?

Nun, zunchst deren eigenes Interesse. Diese Untergebenen sind ja keine
mit festem Lohn abgefundenen Sldlinge, sondern gleichberechtigte
Teilnehmer des Geschftes, und die Hhe des Anteils, welchen sie aus dem
Unternehmen ziehen, hngt stets von der greren oder geringeren
Geschicklichkeit ab, mit welcher diese Geschfte besorgt werden. Knnen
Sie nicht auch in Europa berall dort, wo der Eigentmer des Geschftes
der oberste Leiter desselben ist, darauf rechnen, an die richtige Stelle
gesetzt zu werden, sowie nur der Herr erkannt hat, wo er Sie am besten
fr sich verwerten kann? Nun denn, in Freiland werden Ihre Kollegen, Sie
mgen wo immer eintreten, eben diese Herren des Geschftes sein.

Es versteht sich von selbst, da mich diese Auseinandersetzung sehr
wesentlich beruhigte; indessen stellte ich doch -- wenn auch nur zu
meiner Belehrung -- die Frage, ob denn auch Sicherheit dagegen vorhanden
wre, da nicht etwa meine zuknftigen Vorgesetzten in bereinstimmung
mit meinen zuknftigen Kollegen, ja vielleicht sogar in deren
ausdrcklichem Auftrage mich chikanieren wrden, um mir die
Teilhaberschaft an ihrem Geschfte zu verleiden.

Damit das mglich sei, lautete die Auskunft, mte ein solcher
Auftrag ganz im geheimen nicht blo erteilt, sondern auch ausgefhrt
werden, d. h. es drfte niemand in ganz Freiland merken, da in der
fraglichen Gesellschaft derlei Absperrungsgelste vorwalten. Denn unser
Grundgesetz gebietet, da der Eintritt in jede Association jedem
freistehen msse, der dazu geeignet sei. Die Direktoren oder wen sonst
die Generalversammlung der Genossen mit diesem Amte betraut, haben
allerdings das Recht, ber die thatschliche Verwendung der sich
Anmeldenden zu entscheiden; sie knnen ihres Erachtens ganz Unfhige
auch gnzlich unverwendet lassen oder allenfalls zu bloen
Handlangerdiensten gebrauchen. Gewinn aus dem Unternehmen zieht nun
jedermann blo nach Magabe seiner thatschlich geleisteten Dienste, und
wen man daher nicht dazu gelangen liee, etwas zu leisten, der htte
wenig oder nichts von seinen Fhigkeiten. Sowie aber die ffentliche
Meinung dahinter kme, da man fhige Bewerber planmig fernhalte,
wrde sie derartigen Umtrieben sehr rasch ein Ende machen.

Wieso? -- fragte ich. Die Gesellschaften sind doch ganz unabhngig,
der Staat enthlt sich jeder Einmischung und es bleibt, wenn ich recht
unterrichtet bin, den Genossen anheimgegeben, ber alle Angelegenheiten
des eigenen Betriebes zu entscheiden?

Da sind Sie ganz recht berichtet. Aber Sie vergessen, da jeder
Freilnder das Recht hat, Genosse jeder beliebigen freilndischen
Gesellschaft zu werden; es bedarf zu diesem Behufe blo einer einfachen
Anmeldung, denn die Direktoren entscheiden blo ber die Verwendung der
Mitglieder, nicht aber ber die Mitgliedschaft selber. Nun werden Sie
einsehen, da es niemand in Freiland gleichgltig mit ansehen knnte,
wenn irgend eine freilndische Gesellschaft sich gegen die Grundlage
aller unserer socialen Einrichtungen, die volle Freizgigkeit der
Arbeitskrfte, versndigte. Jedermann mu jederzeit die Mglichkeit
haben, jede seinen Fhigkeiten entsprechende Arbeit zu ergreifen; ganz
Freiland wei, da die gewissenhafte Beachtung dieses Grundsatzes die
Voraussetzung ist, auf welcher sich unsere Freiheit wie unser Wohlstand
aufbauen. Wenn man also merken wrde, da irgendwo dieser Grundsatz
verletzt wird, so wrde sich sofort die halbe Arbeiterschaft von
Freiland in einer solchen Gesellschaft anmelden, blo zu dem Zwecke, um
durch ihr Votum in der Generalversammlung die Direktion zu beseitigen.
Das alles ist so selbstverstndlich, da nur Thoren auf den Gedanken
geraten knnten, derartige Experimente zu versuchen, und am
allerwenigsten giebt es einen Direktor, der sich dazu bereit finden
liee.

Ich bin vollkommen beruhigt, antwortete ich. Aber Sie gestatten wohl,
da ich nun das entgegengesetzte Bedenken uere. Da es so gefhrlich
ist, fhige Bewerber abzuweisen und die Meinungen ber Fhigkeit und
Unfhigkeit doch sehr weit auseinandergehen knnen, so meine ich, da
unsere Direktoren um ihrer eigenen Sicherheit willen Krethi und Plethi
anstellen werden. Das kann doch unmglich fr die Tchtigkeit des
Betriebes frderlich sein?

Richtig, schmunzelte der Beamte. Dabei knnte kein vernnftiger
Betrieb bestehen; aber gerade weil es so ist, versteht sich ganz von
selbst, da die Direktoren die ffentliche Meinung nicht zu frchten
brauchen, sofern sie nur ihre Entscheidungen vor dem eigenen Gewissen zu
verantworten vermgen. Denn gerade so, wie jeder Freilnder wei, da
die Freizgigkeit die Grundlage unserer gesellschaftlichen Ordnung ist,
ebenso wei er, da vernnftiger, geordneter Betrieb aller
Gesellschaften die Grundlage unseres Reichtums ist. Und da gerade wegen
unserer Freizgigkeit, die es jedermann ermglicht, die Sttte des
hchsten Verdienstes aufzusuchen, das Gedeihen jeder einzelnen
Gesellschaft in jedermanns unmittelbarem Interesse liegt, so hat auch
jedermann ein unmittelbares Interesse, alles zu vermeiden, was diesen
gedeihlichen Betrieb stren knnte. Man htet sich also vor
leichtfertigen Eingriffen in das Verfgungsrecht der Betriebsleitungen.
Es wird keinem Freilnder beifallen, fr Sie Partei zu ergreifen gegen
einen Direktor, der Sie nicht Ihren Wnschen entsprechend verwendet, Sie
mgen noch so groen Lrm in den Zeitungen darber schlagen, ja es mag
Ihnen sogar gelingen, zahlreichen Personen glaubhaft zu machen, da Ihr
Direktor es an richtigem Verstndnisse fr Ihre Talente habe fehlen
lassen. Auch diejenigen, die Ihnen das glauben, werden sich doch sagen,
da es nicht angehe, sich in solchen Fragen zum Richter ber die
Betriebsleitung aufzuwerfen. Ja selbst, wenn sich die Meinung verbreiten
sollte, da der fragliche Direktor ganz unfhig sei, die Eigenschaften
seiner Untergebenen richtig zu beurteilen, wird noch immer kein
auerhalb der fraglichen Gesellschaft stehender freilndischer Arbeiter
sich anmaen, helfen zu wollen, da er sich sagen wird, ber die
_Tchtigkeit_ der Direktoren zu wachen, sei ausschlielich Sache der in
der fraglichen Gesellschaft thatschlich beschftigten Arbeiter. Kurzum,
damit sich die ffentliche Meinung Freilands fr Sie interessiere, dazu
ist nicht blo notwendig, da Sie einen Irrtum, sondern da Sie bsen
Willen der Betriebsleitung nachweisen und da berdies die Meinung
entstehe, die Majoritt Ihrer Genossen sei mitschuldig an diesem bsen
Willen. Erst in einem solchen Falle bemchtigt sich die ffentliche
Meinung der Frage und die Entscheidung erfolgt dann in einer
Generalversammlung der solcherart angeklagten Gesellschaft, an welcher
Generalversammlung jedermann teilnimmt, der sich fr die Sache
interessiert.

Der Beamte sagte mir hierauf noch, da ich nhere Anhaltspunkte ber
alles, was mir fr die Wahl meiner zuknftigen Arbeitssttte ntzlich
wre, aus den berall erhltlichen und insbesondere auch in den
ffentlichen Leseanstalten und Bibliotheken aufliegenden Ausweisen des
statistischen Centralamtes, sowie in den auf Grund dieser Ausweise
gemachten Auszgen und Erluterungen der unterschiedlichen Fachbltter
ersehen knne. Ich verabschiedete mich daher und begab mich zunchst, da
die Speisestunde herangenaht war, in eine jener groen Speiseanstalten,
in denen alle Freilnder, welche nicht eine eigene Haushaltung fhren
oder es aus irgend welchem Grunde vorziehen, einmal auer Hause zu
speisen, ihre Mahlzeiten zu halten pflegen. Diese Restaurants werden --
durchaus fabrikmig -- von groen Gesellschaften betrieben, und auch
die Haushaltungen beziehen ihren Bedarf beinahe vollstndig aus dieser
Quelle. Die Speisekarte wird tglich in den Zeitungen verffentlicht und
jede Hausfrau bestellt per Telephon die ihr zusagenden Gerichte. Zu
diesem Zwecke eigens eingerichtete Wagen befrdern die Speisen von Haus
zu Haus und man versichert mich, da dies nicht blo wesentlich
wohlfeiler, sondern auch weitaus besser sei, als wenn jede Familie
daheim kochen wrde.

Von beidem konnte ich mich sofort berzeugen: die Speisen waren
durchwegs aus dem auserlesensten Materiale mit -- ich mchte beinahe
sagen -- knstlerischer Vollendung bereitet und der Preis stellte sich
auf ungefhr die Hlfte dessen, was ich im letzten europischen
Restaurant fr eine gleich reichliche Mahlzeit htte zahlen mssen.
Diese Wohlfeilheit ist allerdings zum Teil die Folge davon, da die
Preise aller Rohmaterialien hier am Kenia infolge der unbeschreiblichen
ppigkeit der Natur fabelhaft billig sind; aber sie erklrt sich wohl
auch dadurch, da sich durch die Fabrikation im groen die
Zubereitungskosten, trotz aller Sorgfalt, die darauf verwendet wird,
unverhltnismig niedrig gestalten. Ein Kchendirektor, fnf Aufseher
und zwanzig Arbeiter -- so erfuhr ich -- kochen im Tagesdurchschnitt fr
27000 Personen. Allerdings stehen ihnen dabei Apparate und Maschinen zur
Verfgung, von denen man selbst in den grten europischen oder
amerikanischen Gasthfen keine Vorstellung besitzt und die daher sehr
viel kosten; aber was hat das gegen die auerordentliche
Arbeitsersparnis zu bedeuten, insbesondere hier, wo menschliche
Arbeitskraft das Wertvollste unter allen Dingen ist!

Nachdem ich gespeist hatte, brachte mir einer der Aufwrter die
Rechnung, und da er bemerkte, da ich ein neuer Ankmmling sei, der ber
die hiesigen Gepflogenheiten noch nicht vollkommen unterrichtet sein
drfte, so bedeutete er mich, ich mge meinen Namenszug darunter setzen.

Wozu das? fragte ich.

Nun, als Beleg fr die Centralbank.

Speist man denn hier auf Generalunkosten? Was hat die Bank mit meinen
Tischrechnungen zu thun?

Die Bank wird natrlich den Betrag auf Ihr Konto setzen.

Aber ich habe kein Konto bei der Bank.

Nun, dann werden Sie es sich erffnen lassen, denn hier hat jedermann
sein Bankkonto, wo ihm alles gutgeschrieben wird, was er verdient, und
alles zu Lasten geschrieben, was er ausgiebt.

Und wenn ich nun beispielsweise mich hier blo auf der Durchreise
aufhalte und mir gar kein Konto erffnen lassen will, oder wenn ich hier
zu bleiben und trotzdem nichts zu arbeiten beabsichtige? Wer zahlt dann
fr mich?

Darauf lassen wir es getrost ankommen. Im brigen habe ich noch nichts
davon gehrt, da jemand, der einmal in Freiland war, wieder fortgezogen
wre, oder da ein krftiger Mann hier nicht arbeiten wollte; und wer
wirklich nichts arbeiten will, mit dem haben wir allzuviel Mitleid, als
da wir ihn verhungern lieen. Doch gleichviel, wenn Sie aus irgend
welchem Grunde Ihr Konto nicht begleichen, so wird das ein Verlust sein,
den wir verschmerzen. Wegen solcher Kleinigkeiten belstigt sich niemand
in Freiland mit dem Einnehmen und Ausgeben von Bargeld. Ebensowenig, als
Sie irgendwo hier bare Zahlung erhalten werden, ebensowenig wird irgend
jemand bare Zahlung von Ihnen verlangen.

Ich dankte dem Mann fr die Belehrung, unterfertigte die Rechnung und
verabschiedete mich.

Da es erst zwei Uhr nachmittags war und ich daher nicht erwarten konnte,
irgend eine Direktionskanzlei geffnet zu finden, so suchte ich zunchst
eine der ffentlichen Bibliotheken auf. Es war das ein gewaltiges
Gebude, in dessen Hofraum sich eine groartige Gartenanlage befindet,
nach welcher hin alle Leserume mnden. Man sitzt solcherart halb im
Freien, halb im gedeckten Raume, und an der groen Menschenmenge, welche
hier teils lesend, teils plaudernd versammelt war, lie sich sofort
erkennen, da die Freilnder ihre Bibliotheken mit Vorliebe als
ffentliche Versammlungsorte zum Gedankenaustausch und zu mannigfaltigen
Unterhaltungen benutzen. Auf der einen Seite des den Hofraum
einschlieenden Rechtecks herrschte tiefe Stille, denn dort befinden
sich die Studiersle fr jenen Teil des Publikums, welcher nicht der
Unterhaltung, sondern der Belehrung wegen herkommt; im brigen aber war
allenthalben in den luftigen hohen Slen und in den blo durch einen
Sulengang von diesen getrennten schattigen Gartenanlagen das
lebhafteste Treiben.

Ich erfragte den Saal, in welchem die technischen Fachschriften
aufliegen, und war bald in den mich zunchst interessierenden
Gegenstand, nmlich in die Vergleichung der letzten Ertrgnisse der
verschiedenen Maschinenbauanstalten des Landes, vertieft. Dabei bemerkte
ich sofort, da die Zeitschriften in ihren Artikeln sowohl die
Bedrfnisse der gelehrten technischen Fachwelt als die der
Arbeiterschaften bercksichtigen. Wer Lust und Verstndnis dafr hat,
der kann, insbesondere wenn er das in den Ausweisen des statistischen
Centralamtes gebotene Urmaterial mit zu Rate zieht, sich ber alles, was
auf dem Gebiete seines Produktionszweiges nur irgend vorgehen mag, bis
in die kleinste Einzelheit unterrichten. Oberster Grundsatz in Freiland
ist, da jedermann, also auch jedes Institut, thun und lassen knne, was
ihm beliebt, da aber die ffentlichkeit ber alles unterrichtet werden
msse, was in der Produktion vorgeht. Die Gesellschaften sind daher
verpflichtet, ihre gesamte Buchhaltung ffentlich zu fhren. Einkaufs-
und Verkaufspreise, Reingewinn und Arbeiterzahl mssen in bestimmten,
von der Centralstelle je nach deren Ermessen festgesetzten Zeitrumen
mitgeteilt werden, hierauf wird das einlangende Material gesichtet und
mit solcher Beschleunigung verffentlicht, da ich z. B. aus den mir
vorliegenden Tabellen ganz genau ersehen konnte, wie viel Stunden
whrend der abgelaufenen Woche von dem gesamten dort beschftigten
Personale in jenem Institute gearbeitet worden war, auf welches der
Beamte des statistischen Centralamtes meine Aufmerksamkeit gelenkt
hatte, wie viel von diesen berhaupt geleisteten Arbeitsstunden auf die
Handlanger und auf die geschulten Arbeiter, wie viel auf das
Aufsichtspersonal und auf die Techniker entfielen und wie hoch sich der
auf jeden einzelnen entfallende Gewinnbetrag stelle. Tuschungen sind
ganz und gar ausgeschlossen, nicht blo aus dem Grunde, weil jedermann
das Recht hat, in die Bcher jederzeit Einsicht zu nehmen, sondern weil
alle Ein- und Auszahlungen durch die Centralbank gehen, die mit dem
statistischen Amte in steter Verbindung steht, so da die von diesem
letzteren geforderten Mitteilungen eigentlich mehr den Zweck haben, eine
doppelte Kontrolle der so beraus wichtigen, mit zu den Grundlagen der
freilndischen Arbeitsorganisation gehrigen Ausweisungen zu
ermglichen.

Den statistischen Tabellen kann jeder Arbeitende auf den ersten Blick
entnehmen, wo fr ihn momentan der hchste Verdienst zu finden sei.
Allerdings ist damit allein noch nicht alles gesagt, denn dieser hchste
Verdienst kann in Umstnden begrndet sein, die manchen abschrecken
mgen. Es kann z. B. das Leben in der betreffenden Gegend langweilig
oder die Gelegenheit zur Erziehung der Kinder mangelhafter sein als
anderwrts in Freiland; das gengt, um freilndische Arbeiter, die ja
nicht in Verlegenheit sind, ihre Arbeitskrfte auch unter angenehmen
Bedingungen hoch zu verwerten, davon abzuhalten, einer solchen
Arbeitsgelegenheit zuzuziehen, auch wenn dort bei gleicher Anstrengung
einige Hundert Mark im Jahre mehr zu erzielen wren. Aber es versteht
sich von selbst, da auch darber in den Ausweisungen Auskunft zu holen
ist, ja einzelne der Fachschriften gruppieren die verschiedenen
industriellen und landwirtschaftlichen Gewerke geradezu unter solchen
Gesichtspunkten und es ist mir z. B. eine Darstellung zu Gesicht
gekommen, in welcher eine Wellenlinie anzeigt, wie sich die an den
verschiedenen Orten zu erzielenden Gewinste zur Beschaffenheit und Nhe
der Theater verhalten. Da in der That der Gipfelpunkt der Gewinnlinie
sich mit dem Tiefpunkte der Theaterlinie schneidet, d. h. da momentan
in Freiland jene Arbeiter die hchsten Gewinne erzielen, welche keine
Gelegenheit haben, irgend ein Theater zu besuchen, erwhne ich blo
nebenbei und will auch nicht untersuchen, ob das wirklich auf besondere
Schaulust der hiesigen Bevlkerung zurckschlieen lasse, oder nicht
etwa ein bloer Zufall sei.

Die Gewinnlinie, die mich persnlich interessierte, nmlich die fr
Maschineningenieure, zeigte, wie mir bereits bekannt war, bei
jenem groen Institute, welches sich mit der Herstellung von
Eisenbahnbetriebsmitteln beschftigt, eine Einsenkung. Da jedoch
dieselbe nicht sehr gro war, so entschlo ich mich, bei meiner
ursprnglichen Absicht zu beharren und dieser Gesellschaft
-- sie fhrt den Namen Erste Edenthaler Maschinen- und
Transportmittel-Baugesellschaft -- beizutreten. Drei Uhr war inzwischen
vorber und ich konnte daher sofort zur Ausfhrung schreiten.




                           Sechstes Kapitel.

      Das Statut einer freilndischen Erwerbsgesellschaft und die
                            Arbeitsertrge.


Die elektrische Bahn brachte mich in zehn Minuten vor den gewaltigen
Gebudekomplex, welchen in einem der sdlichen Vororte Edenthals die
Erste Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft
einnimmt. Eine Orientierungstafel wies mir den Weg zum
Aufnahmebureau dieser Anstalt und kurze Zeit darauf stand ich vor dem
Vorstandsmitgliede, welches ber die vorlufige Verwendung der sich
Anmeldenden zu entscheiden hat.

Nachdem ich meinen Wunsch vorgetragen, dem Ingenieurkorps der
Gesellschaft zugeteilt zu werden, fragte mich der Direktor zunchst, ob
ich ber Zeugnisse oder sonstige Papiere verfgte, in denen meine
Befhigung nachgewiesen wre. Ich habe zu diesem Behufe natrlich nichts
als die Zeugnisse der technischen Hochschule, doch diese sind
vorzglich, und so erklrte mir denn der Direktor, nachdem er dieselben
sorgfltig geprft, es sei gut, diese Papiere berhben ihn der
Notwendigkeit, mich zuvor einer Prfung unterziehen zu lassen, er wolle
mich sofort der Abteilung fr Maschinenkonstruktion zuweisen. Zuvor
jedoch msse ich Einsicht nehmen in die Statuten der Gesellschaft, da es
ja immerhin mglich sei, da irgend ein Paragraph derselben meinen
Erwartungen nicht vollkommen entspreche. Dies knne sich natrlich -- so
fgte er hinzu -- nur auf bestimmte Einzelheiten der Gewinnverteilung
beziehen, denn in den Grundzgen glichen sich die Statuten aller
freilndischen Associationen. Ich mge das mir hiermit bergebene
Blttchen sorgfltig durchlesen und erst wenn mir dessen Inhalt
vollkommen zusage, meine Unterschrift unter dasselbe setzen.

Wozu verpflichtet mich denn diese Unterschrift, wenn ich sie einmal
gegeben habe? so fragte ich.

Streng genommen, zu nichts oder doch zu so viel als nichts. Sie
erklren damit einfach Ihren Beitritt zu unserer Gesellschaft und sind
von da ab Mitglied derselben. Sie bernehmen zwar, wie Sie aus dem
Paragraph 6 ersehen werden, die Haftung fr die Darlehen unserer
Anstalt, jedoch, wie derselbe Paragraph sagt, nur nach Magabe Ihrer
Gewinnbeteiligung, und da Sie am Gewinn nur nach Magabe Ihrer
geleisteten Arbeit teilnehmen, so haften Sie, so lange Sie nicht
gearbeitet haben, thatschlich fr nichts und auch spter stets nur in
jenem Verhltnisse, in welchem Ihr aus unserm Institute bezogener
Gewinnanteil zur Gesamtsumme der seit Beginn der Schuldentstehung fr
die Gesamtheit aller Mitglieder erwachsenen Gewinne sich stellt. Unsere
derzeit aushaftenden Verpflichtungen dem freilndischen Gemeinwesen
gegenber belaufen sich insgesamt auf rund 2 Millionen Pfund Sterling,
aber die Gewinne, welche unsere Mitglieder seit dem Bestehen dieser
Schulden bisher bezogen haben, summieren sich mit nahezu acht Millionen
Pfund Sterling und vermehren sich natrlich mit jedem Tage und mit jeder
Stunde des fortlaufenden Betriebs. Wenn Sie also, sagen wir
beispielsweise: nach Monatsfrist aus irgend einem Grunde austreten und
inzwischen 60 Pfund Sterling Gewinnanteil bezogen haben, so sind Sie --
im Momente Ihres Austrittes -- bis zur Hhe von 20 Pfund Sterling fr
unsere Auenstnde mitverhaftet und diese Ihre Haftung erlischt, auch
wenn Sie uns verlassen, erst dann vollstndig, wenn unsere
Verpflichtungen, und zwar wohlverstanden jene unserer Verpflichtungen,
die whrend der Zeit Ihrer Mitgliedschaft entweder schon bestanden oder
neu eingegangen wurden, vollstndig abgezahlt sind. Sollte, bevor dies
eingetreten ist, das Unternehmen aus irgend einem Grunde sich auflsen
mssen und aus dem Verkaufe der vorhandenen Maschinen und sonstigen fr
die Schuld verhafteten Werte diese nicht volle Deckung finden, so wrden
Sie, auch wenn Sie dann nichts mehr mit uns zu thun haben, doch zur
Tragung des auf Sie entfallenden Schadenanteils herangezogen werden.
Einige materielle Bedeutung hat also diese Unterschrift immerhin, auch
wenn Sie augenblicklich zu nichts verpflichtet, und die Gefahr mglicher
zuknftiger Opfer, welche Ihnen schlimmsten Falls auferlegt werden
knnten, eine sehr geringe ist. Doch es ist fr alle Flle notwendig,
vorher zu erwgen, was man unterschreibt, und ich wiederhole daher meine
Aufforderung, das in Ihren Hnden befindliche Statutenexemplar bedchtig
durchzulesen.

Ich mu gestehen, da ich trotz dieser Aufklrung, ja gerade infolge
derselben die Empfindung einer wirklichen greifbaren Verantwortung, der
ich mich durch unmittelbares Unterschreiben der Statuten unterziehen
knnte, nicht im geringsten hatte. Da ich jedoch selbstverstndlich
begierig war, den Inhalt eines freilndischen Gesellschaftsstatuts nher
kennen zu lernen, so leistete ich der an mich ergangenen Aufforderung
ohne weiteres Folge. Der Wortlaut des Statuts war der folgende:

1. Der Beitritt in die E. E. M. u. Tr.-Baugesellschaft steht jedermann
frei, gleichviel ob er zugleich Mitglied anderer Gesellschaften ist oder
nicht; auch kann jedermann die Gesellschaft jederzeit verlassen. ber
die Verwendung der Mitglieder entscheidet die Direktion.

2. Jedes Mitglied hat Anspruch auf einen, seiner Arbeitsleistung
entsprechenden Anteil am Nettoertrage der Gesellschaft.

3. Die Arbeitsleistung wird jedem Mitgliede im Verhltnis der
geleisteten Arbeitsstunden berechnet, mit der Magabe jedoch, da
lteren Mitgliedern fr jedes Jahr, um welches sie der Gesellschaft
lnger angehren als die spter Beigetretenen, ein Alterszuschlag von
zwei Prozent eingerumt ist. Vormnner und Gieer erhalten einen
Zuschlag von zehn Prozent; ebenso wird Nachtarbeit um zehn Prozent hher
angerechnet.

4. Die Arbeitsleistung des technischen Personals wird mit einem Werte
von zehn bis fnfzehn Stunden tglich berechnet und ist es der Direktion
berlassen, innerhalb dieses Spielraumes den Gehalt jedes einzelnen
dieser Angestellten zu bemessen. Die Bezge der Direktoren werden bei
Wahl derselben durch die Generalversammlung im Wege einer mit jedem
einzelnen derselben zu treffenden Vereinbarung einer bestimmten Anzahl
tglich geleisteter Arbeitsstunden gleichgesetzt.

5. Vom gesellschaftlichen Ertrage gelangen zunchst die
Kapitalrckzahlungen und nach diesen die Abgabe an das Gemeinwesen in
Abzug. Der verbleibende Rest wird an die Mitglieder verteilt.

6. Die Mitglieder haften fr den Fall der Auflsung oder Liquidation der
Gesellschaft nach Magabe ihrer aus den gesellschaftlichen Ertrgen
bezogenen Gewinnanteile fr die kontrahierten Darlehen, welche Haftung
sich bezglich der noch aushaftenden Betrge auch auf neueintretende
Mitglieder bertrgt. Auch erlischt mit dem Austritte eines Mitgliedes
dessen Haftung fr die schon kontrahiert gewesenen Darlehen nicht.
Dieser Haftbarkeit fr die Schulden der Gesellschaft entspricht im Falle
der Auflsung, der Liquidation oder des Verkaufes der Anspruch der
haftenden Mitglieder an das vorhandene Vermgen oder die zum Verkaufe
gelangenden Bestandteile desselben.

7. Oberste Behrde der Gesellschaft ist die Generalversammlung, in
welcher jedes Mitglied das gleiche Stimmrecht und das gleiche aktive und
passive Wahlrecht ausbt. Die Generalversammlung fat ihre Beschlsse
mit einfacher Stimmenmehrheit; zu Statutennderungen und zur Auflsung
und Liquidation der Gesellschaft ist dreiviertel Majoritt erforderlich.

8. Die Generalversammlung bt ihre Rechte entweder direkt als solche,
oder durch ihre gewhlten Funktionre, die ihr jedoch fr ihr Gebahren
verantwortlich sind.

9. Die Leitung der gesellschaftlichen Geschfte ist einem Direktorium
von drei Mitgliedern bertragen, die von der Generalversammlung bis auf
Widerruf gewhlt werden. Die untergeordneten Funktionre der
Geschftsleitung werden von den Direktoren ernannt.

10. Die Generalversammlung whlt jhrlich einen aus fnf Mitgliedern
bestehenden Aufsichtsrat, der die Bcher, sowie das Gebahren der
Geschftsleitung zu kontrollieren und darber periodischen Bericht zu
erstatten hat.

Was mir in diesem Statut sofort auffiel, war der Mangel einer jeden
Bestimmung ber das Vermgen der Gesellschaft. Da dieses Vermgen doch
offenbar aus jenen Anlagen besteht, die mit Hilfe des vom freilndischen
Gemeinwesen entlehnten Kapitals errichtet werden, und da es die
Mitglieder der Association sind, welche dieses Kapital aus den ihnen vom
Reineinkommen gemachten Abzgen bezahlen, so schien es mir das einzig
Gerechte, da besagtes Vermgen den Mitgliedern gehren msse, was ich
denn auch dem Direktor unverhohlen sagte.

Sie irren, war dessen Antwort. Die Abzahlungen auf das
Associationskapital werden nicht von den Mitgliedern, sondern vom
konsumierenden Publikum geleistet. Es ist doch offenbar, da der auf
jedes erzeugte Gut entfallende Bestandteil der Kapitalbenutzung in
dessen Preise Bezahlung finden mu. Geschhe es nicht, so wrde den
Mitgliedern weniger als der dem durchschnittlichen Werte der Arbeit in
Freiland entsprechende Gewinn verbleiben und die selbstverstndliche
Folge wre, da zahlreiche Arbeitskrfte das von einem solchen Zufalle
betroffene Institut verlieen; dadurch wrde sich das Angebot der
fraglichen Waren vermindern und die Preise mten insolange steigen, bis
das Gleichgewicht der Arbeitsertrge hergestellt wre. Es ist das ja im
brigen nichts Freiland allein eigentmliches; auch in der brgerlichen
Welt da drauen wird der Amortisationsbetrag fr die zur Herstellung
eines Gutes erforderlichen Maschinen, Werkzeuge und sonstigen
Einrichtungen in die Herstellungskosten eingerechnet, und der
Unterschied zwischen Freiland und der brgerlichen Welt besteht in
diesem Punkte blo darin, da sich infolge der Freibeweglichkeit unserer
Arbeitskrfte und der durch diese so beraus erleichterten und
vervollkommneten Ausgleichung der Reinertrge aller Arbeit dieser Proze
hier viel pnktlicher und sicherer vollzieht als drauen. Diese
berwlzung der Kapitalabzahlung auf die Konsumenten kann nur dann nicht
stattfinden, wenn eine Association schlechte, berflssige Maschinen
angeschafft hat, die zur Herstellung der von ihr fabrizierten Gter und
zur Deckung des Bedarfes nach denselben nicht oder nicht in dieser Weise
notwendig sind. Derartige Maschinen amortisiert das Publikum allerdings
nicht, die Mitglieder mssen dies thun, d. h. sie sehen durch die
Kapitalabzahlung ihren Gewinnanteil unter den Vollwert von Arbeitskraft
sinken. Aber derartige Maschinen sind gerade infolge dessen unbrauchbar,
sie mssen verkauft werden, und sofern das geschieht und die Haftbarkeit
der Mitglieder fr den erwachsenen Schaden nun wirklich ins Leben tritt,
bergehen sie ja, wie Paragraph 6 sagt, in ihr Vermgen, d. h. der beim
Verkaufe erzielte Erls wird ihnen in Anrechnung gebracht. So lange aber
das Kapital, d. h. das Vermgen einer Gesellschaft _arbeitend_ thtig
ist, kann und soll es im Sinne unserer Einrichtungen niemand gehren,
sondern jedermann zu beliebiger, seinen Fhigkeiten entsprechender
Benutzung verfgbar sein.

Ich war ber diesen Punkt zufriedengestellt und ging nun zur Errterung
jener Bestimmung unserer Statuten ber, die mein persnliches Interesse
unmittelbar berhrt.

Ich setze voraus -- erklrte ich -- da Sie mich als Neuling zunchst
in die unterste Gehaltsstufe des Ingenieurcorps einreihen werden; meine
Tagesarbeit wird also der zehnstndigen Arbeit eines gewhnlichen
Arbeiters gleichgesetzt sein. Den statistischen Ausweisungen zufolge, in
welche ich bereits Einsicht genommen, sind auf die Stunde gewhnlicher
Arbeit hier in der letzten Zeit durchschnittlich fnf Mark entfallen,
ich wrde sohin bis auf weiteres fnfzig Mark tglich beziehen. In
welcher Form und in welchen Zeitabschnitten -- tglich, wchentlich oder
monatlich -- wird mir nun mein Gehalt ausgezahlt? Da man hier kein
Baargeld zu zahlen pflegt, wei ich bereits; erhalte ich vielleicht von
der Kasse des Institutes Anweisungen auf die freilndische Centralbank?

Wir haben keine Kasse und Sie erhalten von uns mit Bezug auf Ihren
Gehalt gar nichts. Alles, was wir mit den Zahlungsangelegenheiten zu
thun haben, beschrnkt sich darauf, da wir die Centralbank pnktlich --
und zwar geschieht dies Woche fr Woche -- von der Arbeitsleistung aller
unserer Mitglieder verstndigen. Dort wird Ihnen dann der auf Sie
entfallende Ertrag gutgeschrieben; ebenso werden alle Ihre Ausgaben von
den Geschften, bei denen Sie Ihre Bedrfnisse beziehen, der Centralbank
mitgeteilt. Diese fhrt Buch ber Ihr Konto und sendet Ihnen Woche fr
Woche einen Auszug.

Und wie steht es um das zeitliche Ausma der von mir zu leistenden
Arbeit? Es werden mir zehn, spter vielleicht mehr Stundenwerte
angerechnet; wie lange habe ich thatschlich zu arbeiten?

Sechs Stunden tglich, von neun bis zwlf Uhr vormittags und von drei
bis sechs Uhr nachmittags. Sonntags wird gefeiert und auerdem haben wir
fnfzehn verschiedene Festtage. Durch zwei Monate genieen Sie, wie
jeder Freilnder, alljhrlich Ferien, ber deren Zeitpunkt Sie sich mit
Ihren Kollegen ins Einvernehmen zu setzen haben. Es besteht kein Zwang
zur Einhaltung der Ferien, denn da nicht alles gleichzeitig, sondern in
vereinbarter Reihenfolge Urlaub nimmt, so kann derjenige, der kein
Bedrfnis oder keine Lust zum Feiern hat, ruhig weiter arbeiten.
Natrlich ist in der Ferialzeit auch der Verdienst unterbrochen; Zahlung
wird, sofern man nicht Versorgungsrecht geniet, hierzulande nur fr
wirklich verrichtete Arbeit geleistet.

Wrden Sie es mir wohl nicht als Unbescheidenheit auslegen, so fuhr
ich nun fort, wenn ich Sie frage, nach welchen Grundstzen Ihr und der
anderen Vorstandsmitglieder Gehalt festgestellt wird? Giebt es dafr
bestimmte Regeln oder hngt es von Ihnen ab, was Sie fordern?

Das Fordern hngt, was meinen Gehalt anbelangt, durchaus von mir, und
was den Gehalt meiner Kollegen betrifft, von diesen ab; aber das
Bewilligen ist Sache der Generalversammlung.

Und ist nicht gerade in diesem Punkte Ihre Abhngigkeit von denjenigen,
denen Sie vorstehen sollen, mit gewissen Unzukmmlichkeiten verknpft?
Leidet die Disciplin nicht darunter?

Wie das? Die Generalversammlung bewilligte mir ja meinen Bezug -- er
betrgt fnfundzwanzig Stundenwerte tglich -- nicht nach Laune und
Gunst, sondern nach Notwendigkeit, d. h. nach demjenigen, was die
Genossen fr notwendig und ntzlich in ihrem eigenen Interesse
erachteten. Ich erhalte so viel, als die Mitglieder unserer Association
bezahlen mssen, um einen Mann an ihre Spitze zu bekommen, wie sie ihn
brauchen. Es ist ja mglich, da sie sich ber meine Befhigung nach der
einen oder nach der andern Seite in einem Irrtume befinden, mich
berschtzen oder vielleicht nicht hoch genug schtzen; aber von dieser
ihrer Meinung ber das Ausma meiner Geschicklichkeit und nicht von
ihrer Gunst hnge ich ab. Die Direktorengehalte richten sich, wie alle
wirtschaftlichen Angelegenheiten Freilands, ausschlielich nach dem
Gesetze von Angebot und Nachfrage. Glauben Sie denn, da _Ihre_ Bezge
deshalb ungefhr zweifach so hoch als die eines gewhnlichen Arbeiters
bemessen werden, weil es irgend jemandes Absicht ist, Ihnen mehr
zuzuwenden als jenem? Erhielten wir Leute von Ihrer Befhigung zum
selben Preise wie gewhnliche Arbeiter, so mten und wrden Sie sich
mit demselben Gewinn zufrieden geben. Ihre Kraft ist die seltenere, d.
h. wohlverstanden trotz des geringeren Bedarfes nach solcher Kraft noch
immer verhltnismig die seltenere und deshalb wird Ihnen gezahlt, was
gezahlt werden mu. Genau das nmliche gilt fr mich. Wenn Mnner meiner
Erfahrung und Geschftskenntnis um denselben Preis zu haben wren wie
gewhnliche Handlanger, so mte ich mich mit dem Gewinn eines
Handlangers zufrieden geben.

Sie wrden aber -- so meinte ich nun -- auch in diesem Falle
vorziehen, die Direktionsgeschfte zu leiten, statt gewhnliche
Handlangerdienste zu verrichten; ebenso wrde ich meinen Beruf
demjenigen eines Handarbeiters vorziehen, auch wenn dabei nicht der
geringste materielle Mehrgewinn fr mich herausshe, und ich glaube
deshalb, da es sehr wohl mglich wre, alle Unterschiede des Einkommens
zu beseitigen, wenn nur grundgesetzlich bestimmt wrde, da mit Bezug
auf die Gewinnbeteiligung niemand vor dem andern etwas voraus haben
drfe.

Letzteres ist vor allem unrichtig, antwortete der Direktor. Damit
htten Sie blo die verschiedenen Fhigkeiten, nicht aber die
verschiedenen Grade des Fleies auf denselben Gewinn gesetzt. Oder
halten Sie es vielleicht auch fr notwendig, den Faulen und den
Fleiigen gleich zu bedenken? Wollen Sie etwa damit helfen, da Sie den
Ertrag mechanisch nach der bloen Dauer der Arbeit bemessen? Wer wrde
dann ohne Zwang die schwereren, unangenehmeren Arbeiten leisten? Oder
ziehen Sie solchen Zwang der Ungleichheit vor? Sie schtteln den Kopf;
warum wollen Sie dann den Klugen und den Einfltigen zwangsweise auf
dieselbe Stufe stellen? Aber zugegeben selbst, da dies gerecht wre, so
ist es doch nicht mglich, zum mindesten nicht mglich, ohne den
Wohlstand aller in einer solchen Weise zu schdigen, da auch die
Ungeschickten bei aller Gleichheit um vieles schlechter fhren als bei
der thatschlich herrschenden Ungleichheit. Ich bemerke vor allem, da
es durchaus nicht so ausgemacht ist, da sich alle Geschickten um
verantwortliche Stellungen sonderlich lebhaft bewerben wrden, wenn
dabei nichts zu erlangen wre, denn eine Schande ist bei uns auch
ordinre Handarbeit nicht. Jedenfalls ist der dem Geschickteren
eingerumte hhere materielle Vorteil das sicherste Mittel, ihn an jene
Stelle zu setzen, wo er den grten Nutzen stiften kann. Es giebt ja
schlielich auch verschiedenartige Ehrenstellen, und ich wei z. B. fr
meinen Teil wirklich nicht, ob mir eine Lehrkanzel an unserer
technischen Hochschule nicht lieber wre als diese meine Direktorstelle.
Es scheint aber, da mein Organisationstalent hier zu besserer
Verwertung kommt als dort der Fall wre, und der hhere Gewinn, den mir
unsere Association zugesichert hat, ist das einzige Mittel, um mich in
dieser Stellung, wo ich ntzlich bin, festzuhalten.

Dem allen sei jedoch wie immer: zwangsweise herbeigefhrte Gleichheit
widerspricht jedenfalls dem Grundsatze der Freiheit. Mit welchem Rechte
soll die Gesamtheit verbieten, da eine Vereinigung freier Mnner die
Ergebnisse ihrer Arbeit solcherart untereinander teile, wie sie es ihrem
Interesse am besten entsprechend erachtet, wenn sie nur dabei niemandes
Recht krnkt? Meine Genossen finden ihren Vorteil darin, da gerade ich
an ihrer Spitze stehe; wer darf sie hindern, dafr, da ich ihren
Vorteil wahrnehme, auch ihrerseits mir einen Vorteil einzurumen?

Da es meinem freundlichen Chef sichtlich Vergngen zu machen schien,
meine Zweifel zu zerstreuen, so nahm ich mir den Mut, noch eine Frage an
ihn zu richten.

Da auch zwischen den Leistungen der gewhnlichen Arbeiter Unterschiede
gemacht werden, ist mir nach dem soeben Gehrten vollstndig
begreiflich, und ber die Zuschlge fr Vormnner und Gieer, die
entweder anstrengendere oder schwierigere Verrichtungen haben mgen als
die anderen, ist nichts weiter zu bemerken. Ebenso leuchtet mir ein, da
Nachtarbeit hher honoriert werden mu, sofern man berhaupt ihrer
bedarf, da sich ja andernfalls niemand zu ihr herbeiliee; aber in dem
Alterszuschlage, so gerechtfertigt derselbe auch sein mag, scheint mir
eine Gefahr zu liegen. Da die Statuten, wie mir bekannt ist, in den
Generalversammlungen gemacht werden, so liegt es in der Hand jeder
Arbeiterschaft, dadurch, da sie diese Alterszuschlge recht hoch
feststellt, den Zuzug neuer Arbeitskrfte zu erschweren. In unserem
Statut sind zwei Prozent fr das Jahr angesetzt; das ist jedenfalls
gerechtfertigt, denn um mindestens zwei Prozent wchst von Jahr zu Jahr
die Geschicklichkeit und Erfahrung eines Arbeiters; ein Mann, der
fnfundzwanzig Jahre bei uns thtig war, erhlt zwar solcherart um
fnfzig Prozent mehr als der an seiner Seite arbeitende Neuling, aber es
unterliegt keiner Frage, er leistet auch entsprechend mehr. Wie aber,
wenn es etwa unseren Arbeitern pltzlich beifiele, den Alterszuschlag
von zwei auf fnf, vielleicht auf zehn Prozent oder darber jhrlich
festzusetzen? Dann bekme ein Mann, der zehn Jahre hier ist, zweimal so
viel, und wenn er zwanzig Jahre hier ist, dreimal so viel als ein
Neuling von im brigen gleicher Fhigkeit. Und das wrde meines
Erachtens dieselbe Wirkung haben, als ob sich unsere Arbeiter gegen
jeden neuen Zuzug abschlssen. Wer hindert unsere selbstherrlichen
Arbeiter an solchen Beschlssen?

Niemand, war die Antwort. Es wre ganz gut denkbar, da in einer
unserer nchsten Generalversammlungen ein solcher Beschlu gefat wird;
doch verlassen knnen Sie sich darauf, da er nicht lange in
Kraft bestehen wrde, denn so gut eine morgen einzuberufende
Generalversammlung beschlieen kann, da der Alterszuschlag zehn Prozent
fr das Jahr zu betragen habe, ebensogut kann eine bermorgen
einberufene Generalversammlung diesen Beschlu wieder umstoen und Sie
knnen leicht erraten, was fr eine Majoritt es wre, die diesen
Widerruf beschlsse. Die freilndische Freizgigkeit bietet Schutz auch
gegen derartige Ausschreitungen des fessellosen Eigeninteresses. Im
brigen liegt es sogar im Interesse der lteren Arbeiter selbst, den
Alterszuschlag nicht so hoch zu bemessen, da dadurch der Zuflu neuer
Arbeitskrfte unterbunden werde. Der Alterszuschlag hat doch nur dann
berhaupt Sinn und Bedeutung, wenn er denjenigen, die ihn genieen,
einen Vorzug vor anderen einrumt, die seiner noch nicht oder nicht im
selben Mae teilhaftig sind. Nehmen wir an, da eine Million unter
tausend Genossen zu verteilen ist, so bleibt es sich fr dieselben ganz
gleich, ob sie bestimmen, da jeder _eine_ Einheit erhalten solle, oder
ob sie sich ein jeder zwei Einheiten zu diktieren. Im erstern Falle wird
die Einheit tausend, im zweiten fnfhundert sein. Erst wenn mit dem
Hinzutritt neuer Genossen die zu verteilende Summe entsprechend
gewachsen ist, hat es einen Sinn, wenn den lteren Teilnehmern ein
Vorzug eingerumt wird. Die alten Arbeiterschaften sehen also schon im
eigenen Interesse darauf, bei der Bemessung ihrer Vorzugsrechte gegen
das, was im Sinne der ffentlichen Meinung fr recht und billig gilt,
nicht zu verstoen.

Doch nun ist's genug geplaudert. Ich will Sie jetzt Ihrem zuknftigen
Bureauvorstande vorstellen und Sie knnen dann, wenn es Ihnen pat,
morgen schon Ihre Arbeiten beginnen. Damit erhob sich mein freundlicher
Chef und lud mich mit einer Handbewegung ein, ihm zu folgen.




                           Siebentes Kapitel.

      Warum Freiland so viel Maschinen verwendet und woher es sie
                                 nimmt.


Wir durchschritten eine Reihe von Korridoren und betraten endlich das
Arbeitskabinett des Oberingenieurs der Anstalt. Derselbe machte auf mich
den Eindruck eines Menschen, mit dem ich vor kurzem noch vertrauten
Umgang gepflogen haben mute; doch pate der Bart und das uere Wesen
nicht ganz zu meinen Erinnerungen, so da ich nicht recht wute, wo ich
den Mann unterbringen solle. Er aber erkannte mich sofort, und mich mit
einem Freudenrufe in die Arme schlieend, erklrte er dem Direktor: Das
ist derselbe Robert N., von dem ich Ihnen schon wiederholt erzhlte, da
sein Enthusiasmus es gewesen, was zuerst in mir die Begeisterung fr die
sociale Freiheit erweckte und was mich schlielich hierherbrachte. Es
sind jetzt vier Jahre her, da wir auf der Polytechnik voneinander
Abschied nahmen; er hat sich gar nicht verndert, aber ich bin
inzwischen wohl stark verfreilndert, so da er mich nicht sofort
erkannte.

Der Direktor, der seine fernere Anwesenheit fr berflssig hielt, nahm
mit einigen herzlichen Worten bald Abschied. Ich blieb mit meinem
Freunde allein. Schon seit langem -- so wandte er sich an mich --
habe ich dich erwartet. Da du kommen wrdest, war mir unzweifelhaft,
und regelmig durchforschte ich die von unserm statistischen Amte
verffentlichten alphabetisch sowohl als nach Berufen und Ursprungsorten
geordneten Listen der Einwanderer. Dein Absteigequartier wirst du
natrlich sofort verlassen und bis auf weiteres unser Gast sein. Du mut
nmlich wissen, da ich seit zwei Jahren verheiratet bin. ber meine
Frau erzhle ich dir nichts, du wirst sie sehen. Jetzt aber la uns hier
unsere Geschfte erledigen und dann so rasch als mglich heim zu meiner
Wera, die lngst begierig ist, dich kennen zu lernen. Also zunchst
Vorstellung bei den Kollegen, dann kurze Besichtigung der Werksttten.
Doch halt; beinahe htte ich vergessen, dein Reisegepck aus dem Hotel
in unsere Wohnung schaffen zu lassen. Dein Hotel ist? --

Ich nannte den Namen und hrte, wie mein Freund -- wir wollen ihn mit
seinem Taufnamen Karl nennen -- der Edenthaler Transportgesellschaft
telephonisch den Auftrag gab, den fraglichen Umzug zu bewerkstelligen.
Dagegen Einsprache zu erheben, htte ich angesichts des Umstandes, da
wir einst die innigsten Freunde gewesen und da diese Freundschaft in
der Zwischenzeit nicht erkaltet zu sein schien, fr berflssige
Ziererei gehalten.

ber den Empfang, der mir von meinen nunmehrigen Kollegen zu teil wurde,
will ich mich nicht weiter verbreiten, sondern nur bemerken, da mich
dessen ausnehmende und sichtlich aufrichtig gemeinte Herzlichkeit sehr
angenehm berraschte. Auf eine Bemerkung, die ich diesfalls Karl
gegenber machte, nahm er mich lchelnd bei der Schulter und meinte:
Ja, Herzbruder, wir sind eben in Freiland. Warum sollten sich die
Jungens nicht freuen, einen Kollegen zu erhalten, dem man's am Gesichte
absieht, da er ein prchtiger Mensch ist? Braucht sich hier einer zu
frchten, da ihm deinetwegen der Brotkorb hher gehngt wird? Brauchen
sie in dir ein Protektionskind zu wittern, das ihnen den Rang abluft?
Kann ja sein, da der eine oder der andere sich sagt: >Der sieht mir
ganz danach aus, als ob er's weiter bringen wrde als ich.< Aber was
schadet das ihnen? Je tchtiger du bist, desto besser fr uns alle. Hier
wirst du niemand zum Feinde haben, es sei denn, da du ihm wirklich
etwas zuleide thust, wozu aber wieder fr dich kein Anla vorliegen
wird.

Was mich in den Werksttten, die wir hierauf betraten, mit staunender
Bewunderung erfllte, das war weniger ihre Groartigkeit an sich als die
Vollendung der maschinellen Einrichtungen in Verbindung mit geradezu
raffinierter Vorsorge fr Bequemlichkeit, Gesundheit und Sicherheit der
Arbeitenden. Gleich groe Gewerke giebt es vereinzelt auch in Europa,
aber es giebt auerhalb Freilands keines, in welchem die Maschinenkraft
so durchgngig die menschliche Kraft steigert und ersetzt. Die Apparate,
die ich hier sah, verhielten sich zu den besten, die ich bis dahin
kennen gelernt, ungefhr hnlich wie diese zu der Einrichtung einer
gewhnlichen Maschinenschlosserei. Der Mensch war hier in Wahrheit nur
der Aufseher, welcher die Arbeit der Elemente berwachte und leitete.

Auf eine Bemerkung, die ich diesfalls Karl gegenber machte, meinte er:
Das ist ja ganz natrlich; derart vollkommene Maschinen kann es in
Europa gar nicht geben, weil sie dort unrentabel wren, genau aus dem
nmlichen Grunde, der z. B. ein englisches oder franzsisches
Etablissement in China unrentabel machen wrde. Was sind denn Maschinen?
_Ergebnisse_ vergangener Arbeit, mit deren Hilfe gegenwrtige und
zuknftige Arbeit erspart werden soll. Nun besteht in Europa zwischen
dem Werte des Arbeitsergebnisses und demjenigen der Arbeitskraft ein
bedeutender Unterschied, denn die gegenwrtige und zuknftige Arbeit,
welche durch die Maschine erspart werden soll, erhlt blo nackten
Arbeits_lohn_, whrend an der Maschine, dem Ergebnisse vergangener
Arbeit, auer dem zu ihrer Herstellung erforderlich gewesenen
Arbeitslohne auch noch Unternehmergewinn, Grundrente und Kapitalzins
haften. Bei uns existiert dieser Unterschied nicht, hier hat der
Arbeitstag, den ich erspare, fr mich genau den nmlichen Wert wie der
Arbeitstag, den die Maschine zu ihrer Herstellung beanspruchte, denn
beide sind so viel wert, wie das durch sie hergestellte Erzeugnis, und
fr mich rentiert sich daher die Verwendung jeder Maschine, die
berhaupt technisch brauchbar ist, d. h. die mehr menschliche
Arbeitskraft erspart, als sie zu ihrer Herstellung selber in Anspruch
nimmt, whrend in Europa blo jene verhltnismig wenigen Maschinen
rentabel sind, die so viel mehr Arbeit ersparen, da durch dieses Mehr
der Unterschied im Werte zuknftiger und vergangener, bereits in
Warenform krystallisierter Arbeit aufgewogen wird. Sieh z. B. hier diese
Wgemaschine! Sie kostet 12000 Pfund Sterling und mu binnen zehn Jahren
amortisiert sein, sie beansprucht also jhrlich 1200 Pfund Sterling;
aber sie ersetzt die Arbeit von zehn Menschen und ist daher fr uns hoch
rentabel, denn zehn Freilnder -- und wren es auch blo ganz
gewhnliche Handlanger -- beanspruchen per Mann mindestens 350 Pfund,
zusammen also 3500 Pfund Sterling im Jahr, die Maschine erspart uns
folglich reine 2300 Pfund jhrlich. Unsere Konkurrenzinstitute in Europa
hingegen knnen diese Maschine nicht verwenden; sie wrden zu Grunde
gehen, wenn sie es thten; denn sie knnen unmglich 1200 Pfund Sterling
jhrlich aufwenden, um zehn europische Jahreslhne zu ersparen,
sintemalen diese zehn Jahreslhne nach europischem Zuschnitt, hoch
gerechnet, 600 bis 700 Pfund Sterling jhrlich beanspruchen und es doch
nicht angeht, 1200 Pfund aufzuwenden, um 600-700 Pfund zu ersparen. In
China ist es natrlich noch rger; dort kann man, um zehn Arbeiter zu
ersparen, nicht einmal 60-70 Pfund im Jahre aufwenden, denn dort
betragen zehn Jahreslhne nicht einmal 60-70 Pfund Sterling.

Da das den Thatsachen vollkommen entsprche, mute ich zugeben, wie
denn berhaupt erst dieser Gesichtspunkt erklrt, warum gerade die
Lnder mit den miserabelsten Arbeitslhnen in der groen
Fabriksindustrie die geringste Konkurrenzfhigkeit besitzen. Es ist also
einleuchtend, da das Gesetz, welches mir hier mein Freund entwickelte,
richtig sein mu. Aber ich glaubte doch, behufs vollstndiger
Klarstellung des Sachverhalts, die Einwendung machen zu drfen, wie mir
scheine, da die Lnder mit hherem Arbeitslohne die Maschinen teuerer
in Hnden haben mten als diejenigen mit billigem Arbeitslohne. Die
Maschine, so meinte ich, ist doch selber das Ergebnis menschlicher
Arbeitskraft, und wo die Arbeitskraft hohe Entlohnung findet, dort mu
das, was durch sie hervorgebracht wird, eben teuerer sein.

Das Gegenteil ist richtig, erklrte Karl. Zunchst bitte ich dich zu
bedenken, da, wie ich bereits hervorgehoben habe, am Preise der
Maschine in Europa auer dem Arbeitslohn auch noch Grundrente,
Kapitalzins und Unternehmergewinn haften; du mut dem Eigentmer des
Bodens, auf welchem das Erz und die Kohle geschrft, das Holz geschlagen
wurde, fr die hierzu erteilte Erlaubnis Rente zahlen, du mut dem
Kapitalisten das zur Herstellung der Maschine erforderlich gewesene
Kapital verzinsen und auerdem selber Zins bezahlen oder dir selber Zins
anrechnen fr das in die Maschine gesteckte Kapital, und schlielich
will auch der Unternehmer, der sogenannte Arbeitgeber, in Europa seinen
Gewinn haben. Diese verschiedenen Zuschlge zum Arbeitslohn sind
_verhltnismig_ desto grer, je geringer der letztere ist, und das
erklrt, warum die Erzeugnisse von Lndern mit billigem Arbeitslohne im
Durchschnitt doch nicht billiger sind als diejenigen der Lnder mit
hohem Arbeitslohne; der Wert des Produktes ist in beiden derselbe, aber
dieser Wert wird nach anderem Verhltnisse zwischen den Arbeitern und
den Ausbeutern geteilt, die letzteren erhalten mehr, wo die ersteren mit
wenigerem zufrieden sind ...

Also glaubst du -- unterbrach ich hier den Freund -- da die
besitzenden Klassen in den Lndern, wo miger Arbeitslohn herrscht,
besser daran sind als dort, wo der Arbeitslohn hoch ist? Das scheint mir
den Thatsachen zu widersprechen, denn in China z. B. sind auch die
Besitzenden rmer als in England.

Richtig, antwortete Karl. Und das erklrt sich daraus, da in England
viel mehr produziert wird als in China. Vom einzelnen Stcke derselben
Ware haben freilich Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer in China
mehr als in England, aber auf _ein_ Stck, welches sie erzeugen und
absetzen knnen, kommen in England zehn, was gleichfalls
selbstverstndlich ist, wenn man sich nur daran erinnert, da zehnfach
besser bezahlte Arbeiter zehnfach mehr konsumieren und da zehnfacher
Konsum zehnfache Produktion voraussetzt. Und deshalb, weil sie einen
zwar verhltnismig geringeren Gewinnanteil, diesen aber von einer so
vielfach greren Menge von Gtern erzielen, sind die Besitzenden
in England reicher als in China, abermals nichts mehr als
selbstverstndlich, wenn man erwgt, da aller Besitz der Besitzenden
der Hauptsache nach aus dem Eigentum an den Produktionsmitteln besteht
und da dort, wo die Massen mehr konsumieren, die Reichen
notwendigerweise mehr Produktionsmittel besitzen.

Doch lasse mich fortfahren, wo du mich unterbrachst. Bei uns in
Freiland giebt es berhaupt keine besitzende Klasse, die davon lebt, was
sie den Arbeitenden vom Vollertrage ihrer Arbeit vorenthlt, und hier
braucht deshalb der Preis der verfertigten Gter erst recht nicht hher
zu sein. Aber was mehr ist, er kann in der Regel sogar niedriger sein,
und trotzdem entfllt auf unsere Arbeitenden nicht blo soviel, wie auf
die Arbeitenden und die Besitzenden zusammengenommen in Europa, sondern
noch wesentlich mehr. Denn genau das nmliche, was von den Dingen gilt,
die wir mit Hilfe dieser Maschine hier herstellen, da wir nmlich zu
ihrer Erzeugung viel mehr und vollkommenere Maschinenkraft aufwenden
knnen, als in Europa mglich ist, genau das nmliche gilt ja auch bei
Herstellung dieser Maschine selbst; auch sie wurde hier hergestellt
unter Aufwendung von weit mehr und vollkommenerer Maschinenkraft, als in
Europa mglich gewesen wre. Wie ich dir gesagt habe, kostet diese
Maschine 12000 Pfund Sterling; sie wurde vor zwei Jahren gekauft und zu
jener Zeit war der durchschnittliche Jahreslohn eines freilndischen
Arbeiters 300 Pfund Sterling. Sie mitsamt den zu ihrer Herstellung
erforderlich gewesenen Rohmaterialien und Betriebsmitteln ist also das
Jahresprodukt von vierzig freilndischen Arbeitern gewesen. In Europa
htte man nun wesentlich greren Arbeitsaufwand zu selbem Zwecke
notwendig gehabt, und du siehst also, da diese Maschine hier billiger
verkauft werden kann als in Europa, auch wenn die dabei beschftigten
Arbeiter ein Vielfaches dessen bezgen, was in Europa Arbeiter,
Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer zusammengenommen erhalten.
Wir erzeugen im Durchschnitt viel wohlfeiler als Europa, aber wir
erzeugen unendlich mehr, und alles, was wir erzeugen, gehrt uns, den
Arbeitern.

Nachdem wir eine Reihe von Werksttten durchschritten hatten, forderte
mich mein Freund auf, die Anstalt nicht durch den Haupteingang, sondern
von rckwrts zu verlassen, da er unterwegs nachsehen wolle, ob bei den
dort im Zuge befindlichen Erweiterungs- und Neubauten alle seine
Anordnungen pnktlich befolgt wrden.

Wir sind nmlich im Begriffe, fgte er erluternd hinzu, unsere
Anlagen wesentlich zu erweitern.

Auf der Bausttte angelangt, erregten die mannigfaltigen, in Europa ganz
ungebruchlichen maschinellen Hilfsvorrichtungen, die ich hier
allenthalben von Maurern und Steinmetzen verwendet sah, mein Erstaunen.
Auf elektrischen Bahnen wurden die Ziegel herbeigerollt, durch
bewegliche elektrische Krahne unmittelbar aus den Waggons in die
verschiedenen Stockwerke gehoben und dort durch automatisch bediente
Paternosterwerke den Arbeitern zugefhrt, so da diese im Grunde
genommen die Maschinen blo zu beaufsichtigen hatten, whrend der Bau
der Hauptsache nach von diesen vollfhrt wurde. Zugleich aber fiel mir
die Groartigkeit der Neuanlagen auf. Da stecken wir aber ein schnes
Geld hinein, interpellierte ich Karl, und das alles liefert das
Gemeinwesen; von wo dieses die erforderlichen Summen nur nehmen mag?

Aus dem Ertrage unserer Abgaben, lieber Freund. Im Vorjahre haben
650000 freilndische Arbeiter Gter im Werte von rund 360 Millionen
Pfund Sterling produziert und davon hat das Gemeinwesen nicht weniger
als 125 Millionen Pfund Sterling fr seine Zwecke zurckbehalten.
Auerdem haben die Associationen als Abzahlung auf die in frheren
Jahren empfangenen Darlehen ungefhr zwanzig Millionen Pfund Sterling
geleistet, so da alles in allem 145 Millionen in die Kassen unseres
Staates flossen. Natrlich kann nur ein Teil dieser Summe fr Neuanlagen
verfgbar sein, da doch das Gemeinwesen auch seine eigenen Aufgaben zu
erfllen hat; aber du begreifst, da sich aus solchen Betrgen schon
etwas leisten lt.

Allerdings, entgegnete ich. Aber da, wie ich wei, jeder Association
das Recht zusteht, zu verlangen, was sie nur immer will, ist mir doch
nicht klar, wie selbst mit solchen Riesensummen das Auslangen gefunden
wird, denn die Wnsche sind ja grenzenlos und alle Einknfte haben denn
doch eine, wenn auch noch so weit gesteckte Grenze.

Jawohl, antwortete Karl, die Wnsche sind grenzenlos, aber nur dann,
wenn man seine Wnsche nicht zu bezahlen braucht. Wir bekommen ja die
Kapitalien nicht geschenkt, sondern nur vorgestreckt, zwar zinslos
vorgestreckt, aber doch gegen Rckzahlung.

So leicht bringst du mich nicht zum Schweigen, entgegnete ich. Ihr
werdet, da ihr es abzahlen mt, gewi kein Kapital zu unvernnftigen
Zwecken, wenigstens nicht absichtlich, verlangen; aber jede Maschine,
die menschliche Arbeitskraft erspart, ist doch, wie du mir soeben
auseinandergesetzt hast, hierzulande rentabel, und wenn ich daher
fordern kann, so viel ich will, mache ich mich anheischig, die 2900
Millionen Mark eueres derzeitigen Jahresbudgets fr ein einziges groes
Institut zu verbrauchen.

Das mchtest du wohl bleiben lassen, lieber Freund, lachte Karl. Du
vergit die Kleinigkeit, da Anlagen und Maschinen, um rentabel zu sein,
nicht blo Arbeitskraft ersparen mssen, sondern da sich auch
Verwendung fr die durch sie erzielten Produkte finden mu. Wrdest du
diesen Neubau da befrworten, wenn du nicht darauf rechnen drftest, da
die Waren, die du in ihm erzeugen willst, sich verkaufen lassen? Frage
doch die Millionre und Milliardre in Europa und Amerika, ob sie alles
bauen knnen, wozu sie Kapital haben, und du wirst die Antwort erhalten,
da ihnen das ganz und gar unmglich sei, weil sie sich in ihren Anlagen
nach dem Absatze richten mssen. Nun wissen die Wackeren seltsamerweise
allerdings noch immer nicht, da ihr Absatz blo deshalb so
jmmerlich gering ist und bleiben mu -- so lange die brgerliche
Wirtschaftsordnung nicht ber den Haufen geworfen ist -- weil die
proletarischen Massen der brgerlichen Welt von steigender Ergiebigkeit
keinen Vorteil haben, also ihren Konsum, d. h. ihre Kaufkraft nicht
erhhen knnen. Bei uns wchst die Kaufkraft schritthaltend mit jeder
Verbesserung der Produktion, aber deshalb ist es auch bei uns nicht
minder richtig, da die Produktion nur schritthaltend mit dem Verbrauche
wachsen kann, d. h. da Anlagen, fr deren Ergebnisse die Abnehmer nicht
gegeben sind, ein Unsinn wren. Ja, was mehr ist, bei uns ist diese
Harmonie zwischen Wachstum des Absatzes und der Produktion eine noch
viel vollkommenere als in der brgerlichen Welt. Denn dort lassen sich
die Unternehmer, gerade weil sie nicht wissen, was sie mit ihrem
Kapitale anfangen sollen, hufig doch zu Anlagen verleiten, die niemand
braucht, in der Hoffnung, da es ihnen gelingen werde, den Konkurrenten
die Kunden abzujagen. Hufen sich solche Unternehmungen, so ist eine
Krisis die Folge. Bei uns ist das nicht denkbar, hier kann niemand
absichtlich berflssige Anlagen frdern oder errichten, weil ja niemand
in Verlegenheit ist, wie er Kapital anwenden soll. Hier plant man nur
solche Werke, deren Erzeugnisse Abnehmer finden, und diese Abnehmer
fehlen natrlich, wenn das zur Herstellung der Anlagen erforderliche
Kapital die Mittel der Gesamtheit bersteigt, weil ja in diesem Falle
die Anlage auf Kosten des Konsums vor sich gehen mte und ein solcher
Versuch darauf hinausliefe, mehr zu erzeugen, weil man weniger
gebrauchen kann.

Also bestreitest du -- fragte ich -- jede Mglichkeit, da zu
Anlagezwecken mehr verlangt werden knnte, als berhaupt verfgbar ist?
Wie kommt es dann, da in der brgerlichen Welt der Zinsfu mitunter so
enorm steigt? Hat das nicht darin seinen Grund, da die Kapitalnachfrage
zeitweilig das Kapitalangebot berwiegt? Du wirst wohl nicht leugnen,
da es in Europa und Amerika hufig nur dieses Steigen des Zinsfues
ist, was dem ferneren Wachstume der Kapitalnachfrage eine Grenze zieht
und dadurch wieder das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf
dem Kapitalmarkte herstellt. Uns in Freiland fehlt dieses
Sicherheitsventil des Zinsfues; wie soll ich mir erklren, da trotzdem
gerade hier das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem
Kapitalmarkte nicht gestrt werden kann, sondern da hier unter allen
Umstnden die Verwendung gerade jenes Kapitals rentabel sein mu,
welches eben vorhanden ist? Denn wenn es unmglich sein soll, mehr
Kapital zu verlangen, als verfgbar ist, so mu es umgekehrt auch
unmglich sein, weniger zu verlangen. Wie ich mich auf der einen Seite
frage, ob nicht durch bertriebene Kapitalansprche die
Leistungsfhigkeit unseres Gemeinwesens berschritten werden knnte, so
drngt sich mir auf der andern Seite die Frage auf, was wir, wenn
weniger Kapital gefordert wird, mit den berschssigen Ersparnissen
machen?

Ich will dir zunchst die Frage beantworten, mit welcher du geschlossen
hast, weil damit eigentlich auch schon die Antwort auf alle frheren
Fragen der Hauptsache nach gegeben sein wird. Wir knnen niemals mehr
Kapital haben, als beansprucht wird, weil unsere Kapitalansammlung nicht
dem Zufall berlassen ist, sondern planmig in Form einer
Abgabenerhebung vom Staate vorgenommen wird. Die Hhe dieser Abgabe ist
ja nichts unwandelbar von der Natur Gegebenes und es ist
selbstverstndlich, da die Steuer stets so bemessen wird, um den
gesamten Bedrfnissen des Gemeinwesens, unter denen eben die
Kapitallieferung mit inbegriffen ist, zu gengen. Unsere
Vertretungskrper machen auf Grund der an sie gelangenden Anmeldungen
und der durch Erfahrung gegebenen Anhaltspunkte ihre Voranschlge ber
den voraussichtlichen Bedarf und bemessen danach die Hhe der Steuer.
Nun sind dabei allerdings Irrtmer mglich, die Eingnge berschreiten
in dem einen Jahre den Bedarf um einige Millionen, in einem andern
knnen sie hinter dem Bedarfe zurckbleiben; aber solche Ungleichheiten
haben eben nur zur Folge, da im erstern Falle die berschsse auf das
nchste Jahr bertragen werden, und im zweiten Falle ein Bruchteil der
Anlagen um einige Wochen verschoben wird. Also ein Zuviel an verfgbarem
Kapital ist unmglich, da es doch ganz ersichtlich ausschlielich von
unserem Belieben abhngt, nicht mehr zu verlangen, als wir brauchen.

Gestatte, da ich dich einen Moment unterbreche. Ich sehe ein, da
unser freilndischer Staat niemals -- von ganz vorbergehenden
Ungleichheiten abgesehen -- ber mehr Kapital verfgen kann als
gebraucht wird; aber das Kapital kann sich ja in den Hnden des
Publikums aufhufen. Was geschieht mit dem, was die einzelnen erzeugen
und nicht verzehren?

Das ist jedes einzelnen Sache; wer mehr erzeugt, als er gebrauchen will
oder kann, der mag selber zusehen, was er mit dem berschusse anfngt.
Er wird ihn verschenken, in welchem Falle ihn eben ein anderer, der
Beschenkte, verzehren drfte, oder aufstapeln, in welchem Falle er fr
zuknftigen Verzehr bereitliegen wird, ja, er kann ihn, wenn er will,
auch zu Kapitalanlagen im Auslande benutzen, so lange es ein solches
Ausland giebt, d. h. so lange nicht alle Welt unsere Einrichtungen
angenommen hat. Mit _unserm_ Kapitalmarkte haben die Privatersparnisse
unter keinen Umstnden etwas zu thun, denn da hier der Kapitalbedarf,
soweit er nur berhaupt vorhanden ist, durch die Gesamtheit zinslos
gedeckt wird, so giebt es hierzulande niemand, der dem Kapitaldarleiher
irgend einen Vorteil einrumen wrde, und ohne einen solchen entuert
sich doch niemand seines Besitzes. Es giebt zwar auch hier eine Art von
Privatersparnissen, die dem Kapitalmarkte in der nmlichen Weise
zugefhrt werden, wie das Ertrgnis der allgemeinen Steuer; es sind das
die Einzahlungen bei unserer Versicherungsanstalt, die du ja kennen
lernen wirst. Aber gerade weil dieses vom Staate verwaltete Institut
seine Prmieneinnahmen dazu verwendet, um einen Teil des Kapitalbedarfs
zu decken, werden diese Prmieneingnge bei Zusammenstellung unserer
staatlichen Voranschlge ebenso bercksichtigt wie die Steuereingnge,
d. h. ihr voraussichtlicher Betrag wird vorweg beim Steuersatze in Abzug
gebracht. Also auf unserm Kapitalmarkte kann unter keinen Umstnden das
Angebot grer sein als die Nachfrage. Damit ist aber der Hauptsache
nach auch die Frage beantwortet, warum bei uns jener Kapital_mangel_
nicht eintreten kann, der sich zeitweilig in der brgerlichen Welt
zeigt. Denn beachte wohl, auch dort ist der Kapitalmangel eine blo
zeitweilige Erscheinung, hervorgerufen durch den Umstand, da die dem
Zufall berlassene Kapitalbildung der Zeit nach nicht immer genau
Schritt hlt mit dem Bedarfe, zu dessen Deckung sie bestimmt ist. Wir
berlassen die Kapitalbildung nicht dem Zufall, und wenn daher der
Bedarf steigt, so bilden wir eben mehr Kapital, d. h. wir erhhen den
Steuersatz in entsprechender Weise.

Schlielich aber mchte ich mich dagegen verwahren, als ob der Sinn
meiner Behauptungen dahin ginge, es sei ganz und gar und unter allen
Umstnden undenkbar, da bei uns mehr Kapital gebraucht werden knnte
als das Gemeinwesen beizusteuern vermag. Es ist allerdings richtig, da
Arbeitsinstrumente, fr deren Ergebnisse keine Abnehmer vorhanden wren,
unrentabel sind und daher gar nicht gefordert werden; ebenso richtig
aber ist es, da auch die Herstellung solcher Arbeitsinstrumente, fr
deren Erzeugnisse die Abnehmer gegeben wren, das Vorhandensein eines
gewissen Ausmaes von Reichtum zur Voraussetzung hat. Und es fragt sich
daher immer, ob die erste oder die zweite Grenze der Kapitalbeschaffung
praktisch zu bercksichtigen ist. Wenn ich eine Fabrik bauen will, so
handelt es sich auf der einen Seite fr mich darum, ob ich darauf
rechnen darf, Abnehmer fr meine Erzeugnisse zu finden, und ich werde
gewi nicht bauen, wenn diese Abnehmer fehlen; ebenso aber handelt es
sich auf der andern Seite fr mich darum, woher ich das Kapital fr
meine Fabrik nehmen soll, auch wenn die Abnehmer fr deren
Erzeugnisse vorhanden wren. Welche Frage ist nun die praktisch zu
bercksichtigende? Fr den reichen Mann die erste, fr den armen die
zweite. Wir sind jetzt so reich, da uns die Beschaffung aller wirklich
rentablen Arbeitsinstrumente keinerlei Sorge mehr machen kann; das
uerste, wozu eine grere Anspannung unserer Unternehmerthtigkeit
fhren mag, ist eine vorbergehende Erhhung des Steuersatzes; und unter
allen Umstnden gilt jetzt fr uns der Grundsatz, da die Steuer sich
nach dem Kapitalbedarfe zu richten hat. Fr den Anfang, als wir noch arm
waren, verhielt es sich aber thatschlich umgekehrt; damals war unsere
Leistungsfhigkeit so gering, da wir selbst bei hchster Anspannung
unserer Sparkraft nicht alles mit einem Schlage herstellen konnten, was
damals schon rentabel gewesen wre; wir muten uns folglich damals an
den entgegengesetzten Grundsatz halten, die Anlagen nach unserer
Leistungsfhigkeit einrichten.

Und wie thatet ihr das?

Indem wir fr die Zeit des berganges, nmlich bis zu dem Zeitpunkte,
wo unsere Leistungsfhigkeit die Hhe jedes irgend zu erwartenden
Bedarfes nach rentablen Kapitalanlagen erreicht haben wrde, unseren
Behrden das Recht einrumten, unter den von den Associationen
geforderten Krediten eine Auswahl zu treffen.

Und fhrte das nicht zu Reibungen zwischen den durch Kapitalbewilligung
begnstigten und den durch Kapitalverweigerung benachteiligten
Gesellschaften?

Nein. Unsere freilndische Freizgigkeit trgt in ihrem Schoe das
Heilmittel selbst fr solche scheinbare Abweichungen von dem allgemeinen
Grundsatze der Gleichberechtigung. Da jedermann das Recht hat, jeder
beliebigen Gesellschaft beizutreten, so war es den durch die
Kapitalbewilligungen scheinbar begnstigten Gesellschaften unmglich,
den daraus erwachsenden Vorteil fr ihre zuflligen Mitglieder allein zu
behalten. Zunchst sorgte schon unsere Centralverwaltung dafr, die
Auswahl der bewilligten Kredite derart zu treffen, da die Ausgleichung
der dadurch bewirkten einseitigen Produktionssteigerungen mglichst
glatt vor sich gehen knne. Es wurde z. B., wenn nur irgend mglich,
darauf gesehen, da stets die Gesellschaften des gleichen Arbeitszweiges
gleichmig behandelt wurden. Das heit z. B., da es nicht mglich war,
die Landwirtschaft und die Industrie gleichzeitig mit verbesserten
Maschinen auszustatten, so bewilligte man die zur Anschaffung dieser
verbesserten Maschinen erforderlichen Kredite nicht einzelnen Landwirten
und einzelnen Industriellen, sondern in erster Linie blo den Landwirten
und zwar auch diesen nicht in der Weise, da zuerst die eine
landwirtschaftliche Gesellschaft vollkommen mit allem ausgestattet
wurde, was sie verlangte, und dann erst die anderen an die Reihe kamen,
sondern derart, da man beispielsweise zuerst allen die Mittel zur
Anschaffung des gleichen verbesserten Pfluges, dann die Mittel zur
Anschaffung verbesserter Dreschmaschinen u. s. f. bewilligte. Das hatte
zur Folge, da die Produkte der begnstigten Gesellschaften, also sagen
wir die landwirtschaftlichen Produkte, im Preise entsprechend
zurckgingen, derart, da die scheinbar Hintangesetzten zwar ihre
Produktion nicht zu steigern vermochten, whrend dies bei den
Begnstigten der Fall war, da aber die Tauschkraft des da und dort
erzielten Tagesproduktes doch die nmliche blieb. Hatte z. B. frher ein
Paar Schuhe den Wert eines Metercentners Getreide gehabt, weil beide zu
ihrer Erzeugung je einer Tagesarbeit bedurften, so erhielt nun der
Schuster fr sein Paar Schuhe zwei Metercentner, weil die Schuhe noch
immer einer Tagesarbeit fr das Paar bedurften, whrend in der
Landwirtschaft auf das Tagwerk zwei Metercentner entfielen. Aber
durchweg lie sich natrlich mit dieser Form der Ausgleichung nicht das
Auslangen finden. Strungen derselben durch den Einflu des Auenhandels
auf die Preise waren nicht zu vermeiden und ebensowenig konnte der
Grundsatz streng eingehalten werden, die Gesellschaften des gleichen
Arbeitszweiges in allen Stcken gleichmig zu behandeln. Hier half nun
zunchst das Zu- und Abstrmen von Arbeitskraft. Aber auch dieses Mittel
htte unter Umstnden nicht volle Abhilfe geschaffen, zum mindesten
nicht, ohne den Nutzen aus den ins Werk gesetzten Anlagen mitunter recht
empfindlich zu beeintrchtigen. Wir konnten z. B., als im dritten Jahre
des Bestehens von Freiland die Anlage elektrischer Kraftleitungen
beschlossen wurde, diese unmglich auch nur fr die ganze Landwirtschaft
gleichzeitig vornehmen, sondern es mute notwendigerweise eine
Reihenfolge auch unter den Landwirtschaftsgesellschaften eingehalten
werden. Wenn ich mich recht erinnere, war die Gesellschaft von Obertana
diejenige, die zuerst die elektrische Leitung, gespeist vom groen
Kilolumifall, erhielt. Das setzte sie in den Stand, auf ihrem Gebiete
mit zweitausend Arbeitern soviel zu erzeugen, als zuvor mit viertausend
Arbeitern erzeugt worden war. Um jedoch diesen Vorteil voll auszunutzen,
mute sie ein Mittel finden, die bei ihr berschssig gewordenen
zweitausend Arbeiter zum Wegziehen zu veranlassen. Zwingen konnte sie
die Leute dazu nicht; sie htten, wenn sie geblieben wren, allerdings
nicht unbeschftigt bleiben mssen, man htte die berschssige Kraft
dazu benutzt, um viermal zu pflgen, wo frher zweimal gepflgt wurde,
die Felder sorgfltiger einzuhegen, zu bewssern u. s. w.; aber es ist
natrlich, da damit nicht sonderlich viel zu gewinnen gewesen wre.
Doch nicht genug daran; da die viertausend landwirtschaftlichen Arbeiter
von Obertana infolge der elektrischen Kraftleitung immer noch mehr
verdient oder sich weniger geplagt htten als landwirtschaftliche
Arbeiter in den anderen Gesellschaften des Landes, so htte das sogar
einen neuen Zuzug von Arbeitskraft dorthin gelockt, bis durch diesen
neuen Zuzug der Arbeitsertrag auf das in Freiland dazumal, d. h. also
ohne elektrische Kraftleitung erzielbare Ma gesunken wre. Dieser
allgemeine Durchschnitt htte sich zwar hher gestaltet, da ja die in
den anderen Associationen zurckgebliebenen Arbeiter dort pro Mann und
Stunde etwas mehr htten erzeugen knnen als zuvor; aber dieser Zuwachs
wre keineswegs so gro gewesen, wie die auf der andern Seite
hervorgerufene Kraftvergeudung. Um dem vorzubeugen, gab es kein anderes
Mittel, als da die Leute von Obertana ganz aus freien Stcken dazu
schritten, die aus der elektrischen Kraftleitung fr sie erwachsenden
Gewinne zwischen sich und den anderen landwirtschaftlichen
Gesellschaften zur Aufteilung zu bringen. Demselben Beispiele folgten
die anderen begnstigten Gesellschaften in der Reihenfolge der
Begnstigung, die sie erfuhren, insolange, bis diese Begnstigung
aufhrte, eine einseitige zu sein. Einige Industrien zogen es vor, die
in hnlicher Weise erzielten berschsse an die Kasse des Gemeinwesens
abzufhren, aber nirgends hatte das Gemeinwesen den geringsten Anla,
sich in diesen Ausgleichungsproze einzumischen, da es im ureigensten
Interesse der Beteiligten selber lag, von dem ihnen zuteil gewordenen
Vorteil nicht mehr zurckzuhalten, als ohne Heraufbeschwrung strender
Arbeiterzuflsse mglich war.

Also es gab auch fr uns eine Zeit, wo wir nicht jedem Kapitalbedarfe
entsprechen konnten; das war damals, als die Ausrstung mit
arbeitsparenden Maschinen erst noch zu vollbringen und gerade deshalb
unsere Leistungsfhigkeit noch sehr beschrnkt war. Jetzt ist unsere
Ausrstung mit kraftersparenden Maschinen der Hauptsache nach
durchgefhrt, es kann sich nun blo darum handeln, diese Maschinen zu
verbessern und zu ergnzen; unsere Leistungsfhigkeit aber ist gerade
dadurch unermelich gro geworden.

Wenn du also siehst, da wir von der >Ersten Edenthaler Maschinen- und
Transportmittel-Baugesellschaft< im Begriffe sind, neuerlich dreiviertel
Millionen Pfund Sterling in Gebuden, Maschinen und Werkzeugen
anzulegen, so verlasse dich darauf, das geschieht nicht deshalb, weil
wir diese dreiviertel Million wie unser briges Anlagekapital zinslos
vorgestreckt erhalten, sondern weil die Auftrge, die uns teils schon
zugegangen, teils nach dem Aufschwunge des freilndischen Verkehrswesen
mit Sicherheit zu erwarten sind, dringend nach solchen Neubauten
verlangen.

Doch jetzt trachten wir heimzukommen!




                            Achtes Kapitel.

           Ein freilndisches Hauswesen und das freilndische
                           Versorgungsrecht.


Die elektrische Bahn befrderte uns mit Blitzesschnelle nach Edenthal
und da Freund Karl sein Huschen mit Rcksicht auf mglichste
Bequemlichkeit der Verbindung gewhlt hatte, setzte uns unser Waggon
unmittelbar vor demselben ab. Wenige Sekunden spter eilte uns die
Hausfrau entgegen, die offenbar durch das Anhalten des elektrischen
Wagens auf die Ankunft ihres Mannes aufmerksam gemacht worden war. Die
Vorstellung erforderte nicht viel Zeit und da mich Karl in der That
seiner Gattin gegenber sehr oft erwhnt hatte, so waren wir bald gute
Freunde.

Wir betraten das Haus, wo mir dessen verschiedene Rume gezeigt und die
fr mich bestimmten angewiesen wurden. Ich habe, so erklrte mir Karl,
gleich bei Anlage des Baues fr etwas Nachwuchs vorgesorgt, und wir
haben daher jetzt, wo sich dieser Nachwuchs auf einen Knaben von
vierzehn Monaten beschrnkt, noch berflssigen Raum. Du erhltst also
ein Schlafgemach nebst Badezimmer, einen Empfangssaal und eine
Gartenterrasse zu deinem ausschlielichen Gebrauch.

Nun fiel mir pltzlich ein, da es in Edenthal keine Dienstboten gbe,
und es tauchten in mir Skrupeln auf, ob ich nicht vielleicht meine
Gastgeber gewaltig belstigen wrde. Doch meine ber diesen Punkt Frau
Wera gegenber vorgebrachten Entschuldigungen hatten das Migeschick,
von ihr nicht verstanden zu werden.

Robert -- so erluterte Karl ironisch -- scheint zu besorgen, da ich
oder du ihm die Kleider werden putzen mssen.

Gegen diese Auslegung meiner Bedenken protestierte ich denn doch
energisch, nicht ohne Genugthuung auf meine diesfalls schon im Hotel
gewonnenen Erfahrungen mich sttzend. Ich kann mir wohl denken, meinte
ich, da das Kleiderreinigen auch in den Privathusern von Angestellten
der Gesellschaft fr persnliche Dienstleistungen besorgt wird; aber es
mag vorkommen, da man anderer Dienste bedarf; was thut man, um sich
solche zu verschaffen?

Dasselbe, was du in diesem Falle im Hotel gethan httest. Man klingelt
und binnen lngstens zwei Minuten steht ein dienstbeflissener Geist zur
Verfgung.

Und wo hlt sich dieser dienstbeflissene Geist vor dem Klingeln auf, um
so rasch zur Hand zu sein?

In einer der Wachtstuben, welche die soeben von dir genannte
Gesellschaft in allen Stadtteilen unterhlt und mit deren einer alle
Schellen eines jeden Edenthaler Hauses in Verbindung stehen. Jedes
Gemach hat sein elektrisches Lutewerk, und wenn irgendwo gelutet wird,
zeigt ein in der Wachtstube befindlicher Apparat die Hausnummer, ein
anderer im Vorraum jedes Hauses die Nummer des Zimmers an, in welchem
gelutet worden ist. Dein Klingeln wird uns also gar nicht stren, ja
von uns nicht einmal gehrt werden. Einer der wachthabenden Angestellten
der Gesellschaft eilt auf dem Velocipede herbei, sieht im Vorraume deine
Zimmernummer und begiebt sich dann direkt zu dir. Im brigen wirst du,
wenn du nicht sehr bequem bist, diese Klingel wenig gebrauchen. Denn die
meisten regelmig wiederkehrenden Bedrfnisse, wie Suberung der
Kleider und Zimmer, Bereitung des Bades (das wir Freilnder nebenbei
bemerkt tglich zu nehmen pflegen), Herrichten des Frhstcks-, Mittags-
und Abendtisches u. dgl. werden von dieser Gesellschaft, ohne da wir
uns darum zu kmmern brauchen, mit grter Pnktlichkeit besorgt. Ich
habe die Direktion schon davon verstndigt, da ein neuer Gast in mein
Haus gezogen ist; binnen kurzem wird einer ihrer Beamten bei dir
erscheinen und dich einem eingehenden Kreuzverhr ber alle deine
Gewohnheiten, Bedrfnisse und Wnsche unterziehen; hast du dem Manne
einmal Rede und Antwort gestanden, so kannst du dich darauf verlassen,
hier besser bedient zu werden als in irgend einem europischen
Gasthause.

Das ist ja wunderbar, mute ich gestehn. Ihr habt solcherart die
vortrefflichste Bedienung ohne unsere europische Domestikenmisere. Aber
teuer mu die Sache sein, denn natrlich verlangen alle diese
Angestellten und Arbeiter der Gesellschaft fr persnliche
Dienstleistungen jene Bezahlung, wie sie in Freiland allgemein blich
ist?

Das ist natrlich, erklrte Frau Wera. Aber teuer finde ich diese
Dienstleistungen trotzdem nicht; wir haben im Vorjahre alles in allem
zweiunddreiig Pfund Sterling fr Bedienung gezahlt.

Wie ist das mglich? fragte ich. So hoch kommt ja in Europa trotz der
miserablen Lhne der letzte Diener zu stehen.

Weil ein europischer Diener -- erklrte Karl -- alles mit seinen
Hnden verrichtet, whrend unsere Leute alles durch Maschinen besorgen.
Diese Maschinen gehren teilweise zur Einrichtung des Hauses, teilweise
werden sie von den Angestellten der Gesellschaft mitgebracht, teilweise
nehmen diese die Gegenstnde mit sich und vollbringen deren Reinigung in
ihrer Anstalt vermittelst der dort vorhandenen Apparate.

Ich bin jetzt ganz darauf gefat, zu hren, sagte ich, da diese
allgegenwrtige Gesellschaft fr Dienstleistungen Ihnen, verehrte Frau,
auch die Last der Wartung und Pflege Ihres Kindes von den Schultern
nimmt.

Mit Verlaub, das besorge ich in der Regel doch selbst, war die
Antwort. Aber vllig auf mich angewiesen bin ich dabei keineswegs, und
wenn ich wollte, knnte ich die ganze Mhe von mir abwlzen. Es besteht
nmlich auch eine Gesellschaft weiblicher Pflegerinnen eigens zu dem
Zwecke, um Frauen, die infolge von Krankheit oder Schwche auf weibliche
Untersttzung angewiesen sind, solche jederzeit bieten zu knnen. Diese
Gesellschaft ist der Hauptsache nach geradeso organisiert, wie die
Association fr persnliche Dienstleistungen; sie hat ebenfalls ihre
Wachtstuben, man kann sich auch mit ihr wegen regelmiger
Dienstleistungen in Verbindung setzen, und ich brauchte mich daher um
mein Kind nicht mehr zu kmmern, als dies, wie ich aus meiner Kindheit
wei, europische Damen zu thun pflegen. Dies widersprche jedoch meinen
Neigungen. Bis vor wenigen Monaten hatte die Frauengesellschaft
allerdings ziemlich viel auch in unserem Hause zu thun, und wenn es Sie
interessiert, kann ich Ihnen mitteilen, da mich die zur Wartung meines
Knaben in dessen erstem Lebensjahre in Anspruch genommene Hilfe
siebenundzwanzig Pfund Sterling kostete; jetzt aber haben diese
Helferinnen so gut als nichts bei mir zu thun; das Pflegen und Warten
meines Kindes ist _mein_ Geschft.

Also tragen Sie Ihr Kind, das ja mit vierzehn Monaten noch schwerlich
weite Ausflge machen kann, bei Ihren Ausgngen, oder schieben Sie es im
Rollwgelchen vor sich her? fragte ich.

Bewahre! Wozu htten wir denn die Krippe und den Kindergarten in der
Nachbarschaft? Wenn ich ausgehe, gebe ich meinen Kleinen dorthin, wo er
unter vortrefflicher Pflege und Aufsicht steht. Doch auch, wenn ich zu
Hause bin, lasse ich Paulchen tagsber sehr viel dort, denn man will,
man sei noch so zrtliche Mutter, etwas fr sich selber thun, lesen,
sich unterhalten, am ffentlichen Leben teilnehmen u. s. w., wobei
Kinder stren; aber den grten Teil der Zeit behalte ich ihn unter
meinen eigenen Augen.

Sie sprachen vorher von den Mitgliedern der Frauengesellschaft, die
solcherart Geld verdienen; wie ich zu wissen glaube, haben alle Frauen
Freilands Anspruch auf Versorgung durch das Gemeinwesen -- wozu brauchen
also die fraglichen Frauen derartigen Verdienst?

Freilich besitzt jede freilndische Frau Versorgungsrecht; aber unter
diesem Titel wird nicht mehr gezahlt, als drei Zehntel des
Durchschnittsverdienstes eines freilndischen Arbeiters und es giebt
eben Frauen, die mehr haben wollen; auerdem mag bei vielen der Wunsch
ausschlaggebend sein, sich irgendwie auer Hause zu beschftigen, und da
es nicht jedem gegeben ist, dies auf dem Gebiete geistiger Thtigkeit zu
thun, so liegt den meisten Frauen nichts nher, als die Pflege
hilfsbedrftiger Mitschwestern und Kinder. Jene Frauen, die das Zeug zu
geistiger Thtigkeit in sich verspren, whlen mit Vorliebe den Beruf
der Lehrerin, was natrlich nicht ausschliet, da alle anderen Berufe
ihnen eben so offen stehen.

Unter diesen Gesprchen war es sieben Uhr abends geworden und es
erschien ein Angestellter der Speisegesellschaft mit der Meldung, da
das Abendmahl angelangt sei.

Wir begaben uns auf eine in den Garten hinausfhrende Terrasse, wo der
Tisch gedeckt war, und nahmen an der Tafel Platz. Von Speisen war nichts
zu sehen, bis Frau Wera einen Wandschrank ffnete, der sich im Bereiche
ihrer Hnde befand, und demselben eine dampfende Suppe, dann einen
kalten Fisch entnahm; diesem folgte ein Gemse, hierauf ein Braten und
den Schlu bildete ein Dessert, bestehend aus Kse und mannigfachen
Obstsorten. Die Hausfrau erklrte mir, da dieser Wandschrank auch von
der andern Seite, nmlich vom Vorraume aus, zu ffnen sei und da in ihm
die von der Speisegesellschaft gebrachten Gerichte hinterlegt wrden;
diese gebrauche dabei besondere Apparate zum khl- oder warmerhalten der
Speisen; auf Wunsch der Kunden wrden einzelne Gerichte, die den
Transport schlecht vertragen, von den Angestellten der Gesellschaft an
Ort und Stelle gargekocht. Es befnden sich zu diesem Behufe in den
meisten Husern kleine Kchen mit elektrischen fen, die im Bedarfsfalle
augenblicklich in Glut gebracht werden knnen. Ebenso besorgen, wenn es
gefordert wird, die Angestellten der Gesellschaft das Aufwarten bei
Tisch, was jedoch sehr teuer, und mit Ausnahme besonders festlicher
Gelegenheiten, in Freiland nicht blich sei. Sie zum mindesten empfinde
die Anwesenheit fremder Personen in traulichem Kreise stets als eine
Strung.

Whrend des Tafelns kam das Gesprch abermals auf die Frauenfrage,
insbesondere auf das den Frauen durchwegs eingerumte Versorgungsrecht.
Man mu nmlich wissen, da der bereits mitgeteilte zweite Punkt des
Grundgesetzes: Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfhige haben
Anspruch auf auskmmlichen, der Hhe des allgemeinen Reichtums billig
entsprechenden Unterhalt, derart gehandhabt wird, da ein wegen Alter
oder Gebrechen arbeitsunfhig gewordener Mann vier, jede Frau
drei Zehntel des vom statistischen Amte jeweilig erhobenen
Durchschnittswertes der freilndischen Arbeit vom Gemeinwesen ausgezahlt
erhlt; mit Kindern gesegnete Familien beziehen whrend der Unmndigkeit
der Sprlinge einen Zuschlag von einem Zwanzigstel des jeweiligen
Arbeitswertes fr jedes Kind; dieser Zuschlag erfhrt fr den Todesfall
des einen der Eltern eine Verdoppelung, und Waisen werden gnzlich in
Verpflegung des Gemeinwesens genommen, wo sie eine Wartung und Erziehung
erhalten, die in allen Stcken der in freilndischen Familien blichen
ebenbrtig ist. Da im Vorjahre der durchschnittliche Arbeitsverdienst in
Freiland sich mit 360 Pfund Sterling berechnete, so entfielen als
Versorgungsanspruch auf einen arbeitsunfhigen Mann 144 Pfund Sterling,
auf jede Frau 108 Pfund Sterling, der Kinderzuschlag betrug 18 Pfund
Sterling fr das Kind, wenn beide Eltern lebten, und sechsunddreiig
Pfund Sterling fr das Kind einer Witwe oder eines Witwers. Da die
Preise aller wichtigeren Lebensbedrfnisse in Freiland auerordentlich
wohlfeil sind, so ist der wirkliche Wert dieser Versorgungen wesentlich
hher als der jener Pensionen, welche europische Staaten ihren
bestgezahlten Beamten oder deren Witwen und Waisen gewhren; sie gengen
nicht blo, um die also Bedachten vor Not zu schtzen, sondern
ermglichen ihnen auch, an allen jenen Annehmlichkeiten und Vergngungen
teilzunehmen, die jeweilig in Freiland, dem allgemeinen Stande des
Reichtums entsprechend, blich sind. Da die Bezge nicht in festen
Summen, sondern in Bestandteilen des Arbeitsverdienstes bemessen werden,
so erhhen sie sich mit jedem Wachstume der durchschnittlichen
Arbeitsergiebigkeit, und es ist solcherart dafr gesorgt, da auch der
Nichtarbeitende teilnehme an allen Fortschritten des allgemeinen
Wohlstandes.

Als ich mich anschickte, die in diesen Bestimmungen zum Ausdruck
gebrachte Gromut zu loben, unterbrach mich Freund Karl mit der
Bemerkung, da hierzulande niemand Gromut in einer Handlungsweise sehe,
die nichts anderes sei, als einfache Erfllung einer Pflicht, die
Anerkennung eines Rechtes, welches auch die Arbeitsunfhigen an dem
allgemeinen Reichtum haben.

Das scheint mir denn doch etwas zu weit zu gehen, meinte ich. Ich
billige es, wie gesagt, durchaus, da auch den Hilflosen mglichst
ausgiebige Untersttzung zu teil wird; aber da die Gesamtheit der
Arbeitenden zu sothaner Hilfeleistung verpflichtet sei und da die in
solchem Umfange Versorgten ein _Recht_ auf ihre Bezge besen, vermag
ich nicht einzusehen. Was ihnen zu teil wird, ist ja doch das Ergebnis
der Arbeit anderer, die Arbeitsfhigen haben es aus eigenen Krften
hervorgebracht und knnten es also, wenn sie nur das strenge Recht ben
wollten, ausschlielich fr sich behalten.

Meinen Sie das wirklich? -- unterbrach mich Frau Wera mit blitzenden
Augen. Nach allem, was mir Karl ber Sie erzhlte, kann ich gar nicht
glauben, da das Ihre letzte wohlerwogene Ansicht sei. Sie stehen
offenbar noch teilweise unter dem Banne jener Wahnvorstellungen, die
unzertrennlich verknpft sind mit den schrecklichen Verhltnissen, denen
Sie erst krzlich entrannen. Ich habe eine sehr hohe Meinung von meinem
Manne, aber da er das, was er leistet, aus eigener Kraft hervorbringe,
da die Lehrstze der Geometrie und Algebra, die er anwendet, von ihm
ersonnen seien, da die Dampfmaschinen, die er konstruieren lt, seinem
Geiste entsprangen, scheint mir denn doch eine allzuweitgehende
Schmeichelei. Ich glaube, mein lieber Karl wrde, wenn er wirklich blo
darauf angewiesen wre, was er kraft seiner eigenen Fhigkeiten
hervorzubringen vermchte, als armseliger Wilder nackt in den Wldern
umherstreichen, und ich bezweifle, da es irgend einem von uns besser
ginge. Alles, was wir haben und sind, verdanken wir der Vorarbeit
ungezhlter Generationen, und daraus, so glaube ich, folgt, da die
Strkeren und Geschickteren unter uns, welche die Errungenschaften der
Vorfahren allein zu handhaben vermgen, deshalb noch kein alleiniges und
ausschlieliches Anrecht auf die Frchte dieser ihrer Arbeit haben, denn
diese ihre Arbeit wird erst mglich auf Grund jener Behelfe, die unser
aller gemeinsames Eigentum sind. Oder meinen Sie vielleicht, da Watt
die Dampfmaschine und Stephenson die Lokomotive nur fr Sie und meinen
Mann, nicht aber auch fr mich und mein Kind oder fr den Greis und den
Krppel erfunden haben? Ein solcher Gedanke kann nur entstehen in einer
Welt, die den Nutzen aller Erfindungen einigen wenigen Privilegierten
zuspricht. Wo man sieht, da die ungeheuere Mehrzahl aller Menschen
ausgeschlossen ist vom Mitgenusse der Ergebnisse wachsender
Arbeitsergiebigkeit, und von denjenigen, die im Alleinbesitze allen
Reichtums der Menschheit sind, blo das zu kmmerlicher Fristung ihres
Lebens Erforderliche als Lohn dafr zugemessen erhlt, da sie die von
den Vorfahren berlieferten Reichtmer fr jene wenigen nutzbar macht --
dort allerdings mu auch die Vorstellung entstehen, da jene, die
arbeitsunfhig sind, gar keinerlei Recht genieen. Man fttert doch blo
ntzliche Haustiere, die nutzlosen haben keinen Anspruch auf Stall und
Futterraufe, und wenn ihnen diese trotzdem zu teil werden, so ist es
eben das _Gnaden_brot, das man ihnen zumit. Hier hat jedermann, sofern
er berhaupt der menschlichen Familie angehrt, ein _Recht_ auf alles,
was Eigentum der menschlichen Familie ist. In Freiland werden bei
Beurteilung des Ausmaes dieser Rechte dieselben Grundstze in Anwendung
gebracht, die auch in Europa und Amerika zur Geltung gelangen, wenn es
sich darum handelt, den Fruchtgenu einer reichen Erbschaft unter den
Erben zu verteilen. Stellen Sie sich vor, da es sich um die Fabrik
eines Mannes handelt, der mehrere Kinder hinterlie, unter denen einige
arbeitsfhig, andere arbeitsunfhig sind; werden die ersteren das ganze
Erbe erhalten, weil sie allein dasselbe nutzbringend zu verwerten
vermgen? Sie werden sich, wenn sie den Geschwistern kein Geschenk
machen wollen, ihre Mhewaltung vergten lassen, sie werden einen
greren Anteil fordern; aber als frechen Hohn wrde es jedermann
betrachten, wollten diese Tchtigen sich als die alleinigen Erben und
ihre Geschwister als Bettler hinstellen, denen man bestenfalls im
Gnadenwege ein Almosen hinwerfen msse.

Beschmt gestand ich der tapferen kleinen Frau, da sie mich vollstndig
berwunden habe, wenn berhaupt das Widerlegen eines mit den eigenen
Grundstzen gar nicht bereinstimmenden Vorurteiles berwinden genannt
werden darf. Und aus Eigenem fgte ich dann hinzu, da die in Freiland
gebte Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Arbeitsunfhigen
in dem schlielichen Interesse selbst der Arbeitenden lge. Denn Not und
Elend, Entwrdigung und Schande seien ein fressendes Geschwr, das,
unerbittlich um sich greifend, endlich den ganzen Organismus zerstren
msse, wenn ihm nur irgendwo am Krper der Gesellschaft Raum gelassen
werde. Gleichwie eine vornehme Familie nicht dulde, da eines ihrer
Mitglieder der Entwrdigung verfalle, so drfe auch eine zu wirklicher
Vornehmheit emporgediehene ganze Gesellschaft nicht dulden, da wer
immer aus ihrer Mitte in seiner Menschenwrde gekrnkt werde. Auf sich
selbst, auf eigenem Recht mu in einer solchen Gesellschaft jedermann
stehen, sonst kann die Wrde und das Recht der anderen nicht ungefhrdet
bleiben.

Ein anerkennender Blick aus Frau Weras Augen belohnte mich. Indessen
hielt mich dies nicht ab, eine andere Frage zur Errterung zu bringen,
die mir im freilndischen Versorgungswesen trotz des Vorhergegangenen
noch nicht ganz klar geworden war. Warum, so fragte ich, haben in
Freiland alle Frauen ohne Ausnahme Versorgungsrecht? Man knnte hierin
sogar eine Art Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes erblicken.
Vermgen denn die Frauen wirklich nichts zu leisten und knnen sie
zugeben, da solches grundstzlich von ihnen vorausgesetzt werde? Oder
hlt man vielleicht hier die europische >Dame< fr das Frauenideal,
jene Dame, die, um durchaus und in allen Stcken als solche zu gelten,
selbst den entferntesten Verdacht, da sie zu irgend etwas in der Welt
ntze sei, von sich fernhalten mu?

Frau Wera protestierte energisch. Wir freilndischen Frauen wollen uns
ntzlich machen und wir thun es auch. Aber wir meinen, und unsere Mnner
teilen diese Anschauung, da uns die Natur der Hauptsache nach auf einen
Beruf angewiesen hat, der fernab von Erwerbsthtigkeit liegt. Wir sind
zunchst die Gebrerinnen und die Erzieherinnen unserer Kinder, dann
aber die Vertreterinnen des Schnen und Edlen in der Gesellschaft; zu
diesem Berufe werden wir erzogen und erziehen wir uns fortgesetzt
selber. Wir haben das Recht, auch jeden beliebigen andern Beruf zu
ergreifen, aber wenn wir mit Bezug auf die Sicherung einer unabhngigen
Existenz auf diese andern Berufe angewiesen wrden, so wre das im
Prinzip vielleicht sehr schn, wrde aber der bergroen Mehrzahl von
uns Frauen nicht das geringste ntzen. Sehen Sie z. B. mich; ich knnte
zwar ganz gut als Modellzeichnerin mein Brot verdienen, aber ich thte
es eben nicht, auch wenn ich kein Versorgungsrecht gensse; weder mir
noch meinem Manne und am allerwenigsten meinem Kinde wrde das passen.
Ich wrde also thatschlich nichts verdienen und wre auf die Gnade
meines Herrn und Gebieters angewiesen. Das Schlimmste aber ist, da ich
hchst wahrscheinlich auf diese Versorgung durch den Mann gewartet, da
ich also in der Ehe eine Versorgung gesehen htte, whrend ich gesttzt
auf mein freilndisches Versorgungsrecht, ausschlielich dem Zuge meines
Herzens folgen konnte. Und auch das ganze Eheverhltnis nimmt bei uns in
Freiland gerade wegen dieser durchgngigen Unabhngigkeit der Frauen
einen ganz anderen Charakter an, wie in Europa. Wir stehen nicht unter
der Vormundschaft unserer Mnner und deswegen haben wir niemals das
Gelste, sie unter unsern Pantoffel zu bringen. Die europische Frau ist
der Hauptsache nach ja doch nur eine Sklavin, und wenn sie
Freiheitsgelste sprt, so mu sie dieselben auf Schleich- und Umwegen
zu bethtigen trachten; sie mu, da sie eigenen Willen nicht haben darf,
bestrebt sein, sich den Willen ihres Mannes unterthan zu machen. Bei uns
ist das alles anders. Hier ist mein Mann weder der Herr noch der
Versorger, sondern ausschlielich -- hier traf den also Angeredeten ein
zrtlicher Blick aus den schnen Augen, der auch sofort gleich feurige
Erwiderung fand -- der Geliebte; ich glaube, das ist wohl das Beste,
und zwar nicht blo fr mich, sondern auch fr ihn. Aber es ist nicht
blo gut so, das Gegenteil wre auch ungerecht. Kann ich erwerben, wenn
ich mich meinem Kinde und meinem Hause widme, kann ich es zum mindesten,
ohne eine berbrdung auf mich zu laden, von welcher der Mann in
Freiland nichts wei? Oder ist vielleicht meine Leistung als Mutter und
Hausfrau minder ntzlich, als beliebige Erwerbsthtigkeit? Aber
alleinstehende Frauen, so werden Sie vielleicht einwenden, knnten doch
erwerben, ohne sich zu berbrden. Richtig, und zahlreiche thun es auch.
Aber sie dazu _ntigen_ wollen, wre unklug und ungerecht zugleich.
Ersteres, weil die Mdchen dadurch von ihrem eigentlichen Berufe
abgelenkt, ihre Ausbildung in falsche Bahnen gedrngt wrde; letzteres,
weil damit gerade jene Frauen, deren Erziehung die richtige, dem
weiblichen Berufe entsprechende bliebe, zu wirtschaftlicher Abhngigkeit
verurteilt wrden. Jetzt mten sie erst recht Versorgung in der Ehe
suchen, und das, diese Entwrdigung des schnsten heiligsten Gefhls der
Menschenbrust -- der Liebe nmlich -- zu einer Sache des Erwerbs, das
ist es, was zu verhten vornehmster Zweck des freilndischen
Versorgungsrechts der Frauen ist.




                            Neuntes Kapitel.

       Die Centralbank, das Geldwesen und das Lagerhaus. ber die
                         Freiheit in Freiland.


Ich hatte meine Stellung als Ingenieur in der Ersten Edenthaler
Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft angetreten und mich
rasch in derselben zurecht gefunden. Meine Lebensweise richtete ich, so
unabhngig ich auch in allem war, im Wesen doch nach derjenigen meiner
Gastgeber und der Freilnder berhaupt. Es wird hier ziemlich allgemein
bald nach Sonnenaufgang, d. h. also nach sechs Uhr Morgens, aufgestanden
und zunchst ein khles husliches Bad genommen. Hierauf folgt ein
erstes Frhstck, bestehend zumeist aus einer Tasse Schokolade, Kaffee
oder Thee, und diesem ein Spaziergang entweder durch die Straen und
groartigen ffentlichen Anlagen der Stadt oder wohl auch auf eine der
umliegenden Hhen, welche durch elektrische Bahnen in zehn bis fnfzehn
Minuten zu erreichen sind. Dieser Spaziergang, unterbrochen in der Regel
von etwas leichter Lektre findet seinen Abschlu durch ein kompakteres
Frhstck, und darauf begiebt man sich an sein Geschft. Um zwlf Uhr
sucht man entweder sein Haus oder eines der zahlreichen und groartig
eingerichteten Badehuser auf, die an den Ufern des Tana und des
Edensees erbaut sind. Um ein Uhr wird gespeist, jedoch nicht
allzureichlich, da die eigentliche Hauptmahlzeit in Freiland erst nach
Erledigung aller Geschfte, also des Abends, gehalten wird. Man begngt
sich des Mittags mit einer Warmspeise, Kse und Obst; nur besonders
starke Esser legen noch ein Gericht zu. Nach dem Mittagessen sind die
meisten Freilnder, sofern sie nicht ein Schlfchen vorziehen, in den
ffentlichen Bibliotheken und Leseslen zu finden, die Verheirateten
meist in Begleitung ihrer Frauen, die dort Bekannte treffen, lesen, und
die ffentlichen Angelegenheiten des Landes besprechen gleich den
Mnnern. Um drei Uhr wird wieder ans Geschft gegangen und bis sechs Uhr
gearbeitet. Hierauf lassen diejenigen, die nicht schon vor Tisch gebadet
haben, ein zweites Bad im Edensee oder Tana folgen, doch giebt es viele
Freilnder, die morgens, mittags und abends baden, ein Vergngen, das,
wenn die einzelnen Bder nicht zu lang ausgedehnt werden, in diesem
Klima als der Gesundheit sehr zutrglich gilt. Um sieben Uhr wird die
Hauptmahlzeit eingenommen, bestehend in der Regel aus drei bis vier
Gerichten. Dann macht oder empfngt man Besuche, besucht die Theater
oder Konzertsle, hrt irgend einen wissenschaftlichen Vortrag, kurz,
geht allerlei Vergngungen oder Belehrungen nach, an denen in Edenthal,
wie berhaupt in Freiland, nirgends Mangel ist. Die Sonntage sind des
Vormittags ernster Lektre, bei fromm angelegten Gemtern wohl auch
Andachtsbungen gewidmet, die Nachmittage gehren meist dem Vergngen.
Man veranstaltet Ausflge, Picknicks, bei denen musiziert und vom jungen
Volke leidenschaftlich getanzt wird.

Ich benutzte natrlich meine freie Zeit mit Vorliebe zur Besichtigung
der ffentlichen Anstalten Freilands, unter denen die Centralbank und
das Centrallagerhaus mein besonderes Interesse erregten. Da erstere der
Bankier des ganzen Landes ist, angefangen von der ffentlichen
Verwaltung und den groen Produktionsgesellschaften bis zum letzten
Arbeiter, ja bis zum letzten Kinde, die allesamt ihr eigenes Konto in
den Bchern besitzen, habe ich bereits mitgeteilt. Natrlich unterhlt
die Bank Zweiganstalten in jedem greren Orte des Landes. Man wrde
aber irren, wollte man glauben, da diese sich auf alles erstreckende
Buchfhrung einen sonderlich groen Apparat von Angestellten und sehr
verwickelte Schreibereien notwendig mache. Gerade weil alles durch die
Bank geht, ist deren Gebarung eine beraus einfache. Jedes Guthaben des
einen entspricht genau der Verpflichtung irgend eines anderen
Foliobesitzers; Zinsenberechnungen existieren nicht und auerdem sind
die meisten Ein- und Austragungen so gleichmiger Art, da in
vorgedruckte Formulare blo die Ziffern eingetragen zu werden brauchen.
Die Folge davon ist, da siebzehnhundert Bankbeamte gengen, um fr den
freilndischen Staat, fr nahezu zweitausend Associationen und fr 2
Millionen einzelne Menschen Buch zu fhren, und die Fachmnner sind der
berzeugung, da mit dem Wachstume der Bevlkerung die Gebarung sich
verhltnismig noch vereinfachen wird.

Da in Freiland niemand mit Bargeld zahlt -- ich habe in den acht Wochen
meines bisherigen Aufenthaltes hier auer den Barmitteln, die ich selbst
mitbrachte, noch kein Geldstck zu Gesicht bekommen -- wunderte es mich
anfnglich, warum die Freilnder berhaupt das Gold beibehalten haben
und nach demselben rechnen. Ihre Hauptmnze ist nmlich das Pfund
Sterling, jedoch nicht das englische, welches 25 Franken 22,15 Centimes
wert ist, sondern ein Pfund in genauem Goldfeingehalte von franzsischen
25 Franken. Dieses Pfund wird in 20 Mark und die Mark in 100 Pfennige
geteilt. Ich erklrte mir die Sache durch die Bedrfnisse des
Auenhandels, den Freiland in sehr bedeutendem Umfange mit fremden
Lndern treibt, beschlo aber doch, mir an magebender Stelle Auskunft
zu holen und machte mich zu diesem Zwecke mit dem Leiter der
freilndischen Bank bekannt, der dieselbe Lesehalle wie ich zu besuchen
pflegte.

Dieser gemtliche, schon etwas ltere Herr war mit Vergngen bereit,
mich zu belehren, und so erfuhr ich denn, da man in Freiland
hauptschlich aus dem Grunde das Gold als Geld beibehalten habe, weil es
der beste aller derzeit mglichen Wertmesser sei, Freiland aber eines
guten Wertmessers noch viel dringender bedrfe als irgend ein anderes
Land.

Ist denn nicht Arbeit der beste Wertmesser? Tauschen wir die Dinge
nicht im Verhltnis des zu ihrer Herstellung erforderlichen
Arbeitsaufwandes gegeneinander? fragte ich. Wenn dieses Buch fnf Mark
und jener Tisch zehn Mark kostet, so heit das doch nichts anderes, als
da die Herstellung des Buches so viel Arbeit erfordere, wie die
Herstellung des in fnf Mark enthaltenen Goldes, und die Herstellung des
Tisches so viel Arbeit, als die des in zehn Mark enthaltenen Goldes.
Wre es nicht viel einfacher, den Arbeitsaufwand, der in Buch und Tisch
enthalten ist, direkt zu bezeichnen und das Gold ganz aus dem Spiele zu
lassen, etwa zu sagen: Das Buch ist eine Stunde und der Tisch ist zwei
Stunden Arbeit wert?

Ich kann Ihnen das Lob nicht vorenthalten, mein junger Freund,
antwortete verbindlich der Bankmann, da Sie gerade durch die
zutreffende Art und Weise, mit welcher Sie das Wesen des Geldes
auseinanderlegten, mir den Nachweis, da Gold ein guter, der
Arbeitsaufwand aber der denkbar schlechteste Wertmesser ist,
auerordentlich erleichtert haben. Wenn wir sagen: das Buch kostet fnf
und der Tisch zehn Mark, so haben wir damit allerdings den Wert nicht
fr alle Zukunft bezeichnet, denn das Buch kann nach Jahresfrist
ebensogut vier als sechs Mark und der Tisch neun oder elf Mark wert
werden, wenn sich nmlich das wechselseitige Verhltnis des in Buch,
Tisch und Mark enthaltenen Arbeitsaufwandes zwischenzeitig verndert.
Geschieht dies aber auch, so spricht mindestens die Vermutung dafr, da
die Ursache nicht im Golde, sondern im Buche oder im Tische gelegen sei,
d. h. wir knnen voraussetzen, da, wenn z. B. ein solches Buch im
nchsten Jahre blo vier Mark kostet, dies nicht deshalb der Fall sei,
weil nunmehr zur Herstellung von vier Mark Gold eine Stunde erforderlich
geworden sei, wie frher zur Herstellung von fnf Mark, whrend zur
Herstellung des Buches nach wie vor eine Arbeitsstunde erforderlich ist;
vielmehr wird unsere Vermutung dahin gehen, da nach wie vor fnf Mark
Gold in einer Stunde fabriziert werden knnen, der zur Fertigstellung
eines solchen Buches erforderliche Arbeitsaufwand aber sich um ein
Fnftel verringert habe. Und zwar vermuten wir das nicht etwa aus dem
Grunde, weil dem Golde irgend eine mystische Eigenschaft der
Wertbestndigkeit innewohnen wrde, sondern deshalb, weil der Wert aller
anderen Dinge der Hauptsache nach von jenem Arbeitsaufwande abhngt, der
augenblicklich zu ihrer Herstellung erforderlich ist, whrend beim Wert
des Goldes, von welchem seiner groen Haltbarkeit wegen im Verlaufe der
Jahrhunderte und Jahrtausende sich groe Vorrte aufgestapelt haben,
dieser Einflu einer nderung des Arbeitsaufwandes nur verhltnismig
langsam vor sich geht. Der Wert des Goldes ist also etwas zum mindesten
verhltnismig Bestndigeres als der Wert der anderen Dinge, und da es
im Wesen der Sache liegt, da man zum Messen des Wertes besser solche
Dinge gebrauchen kann, deren eigener Wert mglichst bestndig bleibt, so
ist Gold zwar kein absolut guter, aber doch unter allen Dingen der
verhltnismig beste Wertmesser. Das wird Ihnen auch allen anderen
Dingen gegenber von Anbeginn eingeleuchtet haben. Es bedarf keines
tieferen Nachdenkens, um einzusehen, da der Wert jedes Dinges viel
besser, sicherer, dauernder bestimmt ist, wenn man ihn in gewissen
Mengen Goldes ausdrckt, als wenn man es in bestimmten Mengen einer
beliebigen anderen Ware thte. In tausend Mark besitzen Sie doch
offenbar einen unvernderlicheren Wert, als beispielsweise in hundert
Centnern Getreide. Denn Sie werden im groen und ganzen mit diesen
tausend Mark alle Ihre Bedrfnisse im nchsten Jahre ziemlich genau so
gut decken knnen, wie heute, whrend, wenn heuer eine gute und im
nchsten Jahre eine schlechte Ernte ist, dieselben hundert Centner
Getreide Ihnen im nchsten Jahre die Deckung der doppelten Gesamtsumme
von Bedrfnissen ermglichen wie heuer.

Unter allen mglichen Dingen aber wre der Arbeitsaufwand der denkbar
schlechteste Wertmesser. Denn whrend alle andern Dinge ihren Wert, d.
i. ihre Tauschkraft der Gesamtheit der andern Lebensbedrfnisse
gegenber nur _mglicherweise_ verndern knnen, verndert menschliche
Arbeit ganz gewi fortwhrend ihre Tauschkraft der Gesamtheit der
Lebensbedrfnisse gegenber, denn mit jedem Fortschritte der Kultur
sinkt der zu Beschaffung der Gesamtheit aller Bedarfsartikel
erforderliche Arbeitsaufwand. Dieser Tisch z. B. wird, wenn er in diesem
Jahre zweistndigen Arbeitsaufwand zu seiner Herstellung erfordert, im
nchsten Jahre wahrscheinlich in 1-9/10 Stunden, abermals nach einem
Jahre in 1-8/10 Stunden, nach zehn Jahren vielleicht in einer Stunde
herzustellen sein. Und da es sich durchschnittlich mit allen andern
Dingen ebenso verhalten drfte, so folgt daraus, da, wenn ich Ihnen
tausend Arbeitsstunden schuldig bin, diese meine Verpflichtung nach zehn
Jahren den doppelten Wert erlangt hat, whrend es doch meine und Ihre
Absicht bei Feststellung unseres Schuldverhltnisses ist, Vorteil und
Last desselben mglichst dauernd zu bestimmen, was am besten dadurch
geschieht, da wir dieses Schuldverhltnis nicht in Arbeitsstunden,
sondern in Gold feststellen, also nicht sagen: ich bin Ihnen tausend
Arbeitsstunden, sondern: ich bin Ihnen fnftausend Mark schuldig. Ich
will dies an einem Beispiele erlutern. Sie sind Mitglied der Ersten
Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft, welche
Association in unsern Bchern mit 2 Millionen Pfund Sterling belastet
ist. Diese Schuld entspricht zum heutigen Arbeitswerte ziemlich genau
zehn Millionen Arbeitsstunden; zur Zeit jedoch, wo diese Darlehen
aufgenommen wurden, war der Wert der Arbeitsstunde viel geringer. Die
Herstellung der Gebude und Maschinen, welche Sie heute benutzen, hat
weit ber zwanzig Millionen Arbeitsstunden verschlungen, weil der
Arbeitsaufwand zur Herstellung der nmlichen Dinge ein desto grerer
war, je weiter wir in der Reihe der Jahre zurckschreiten. Wre es nun
nicht die schreiendste Ungerechtigkeit, ja, wre es berhaupt mit dem
Bestande Ihrer Association vereinbar, wenn sie zwanzig Millionen
Arbeitsstunden schuldig wre und zahlen mte, whrend doch nach den
heutigen Arbeitsverhltnissen in zwanzig Millionen Arbeitsstunden ihre
gesamten Gebude, Maschinen und Werkzeuge zweimal hergestellt werden
knnten? Und nach ferneren zehn Jahren wrden vielleicht zwanzig
Millionen Arbeitsstunden gengen, um jene Anlagen viermal zu erneuern.
Da wir in Gold rechnen, seid ihr 2 Millionen Pfund schuldig und das ist
so ziemlich der Betrag, um welchen euere Einrichtungen auch heute zu
erneuern sind und nach zehn Jahren wahrscheinlich zu erneuern sein
werden. Eine Verschiebung kann ja Platz gegriffen haben und in Zukunft
Platz greifen; aber wenn es der Fall ist, so wre das eine blo
zufllige Verschiebung, gegen die sich nichts machen lt und die
keineswegs besonders groe Tragweite besitzt; die Verschiebung des
Arbeitswertes dagegen wre eine notwendige, gewaltige, und ein
Zahlungsverhltnis auf Grund des Arbeitswertes aufbauen, hiee den
Verpflichteten von vornherein und absichtlich ruinieren.

Aber das ist noch nicht alles. Unsere ganze Wirtschaft wrde in der
Luft schweben, wenn wir den Wert der Dinge nach dem in ihnen steckenden
Arbeitsaufwande bestimmen wollten. Denn der erste und wichtigste Zweck
des Wertmessers ist ja, den Wert der Arbeit selber zu messen. Wieviel
das Buch, der Tisch, das Getreide oder das Eisen wert sein mgen, das
sind Fragen von untergeordneter Bedeutung; worauf es uns zunchst
ankommt, das ist, jederzeit genau zu wissen, wieviel die auf eine Sache
gewendete Arbeit wert ist. Wten wir _das_ nicht, von wo sollten wir
wissen, worauf wir unsere Arbeit zu wenden haben? Oberste Aufgabe jeder
Wirtschaft ist doch, da jene Dinge erzeugt werden, auf welche sich der
Bedarf richtet, und das vollzieht sich in der Weise, da die Arbeiter
sich jenem Produktionszweige zuwenden, in welchem sie bei gleicher
Anstrengung den ihren Fhigkeiten entsprechenden hchsten Ertrag fr die
aufgewendete Mhe finden. Das heit z. B.: dieser Tisch wurde aus dem
Grunde produziert, weil die zehn Mark, die er wert ist, den mit seiner
Produktion beschftigten Arbeitern fnf Mark fr die Stunde abwarfen,
womit sie zufrieden waren. Diese zehn Mark fr den Tisch oder fnf Mark
fr die Stunde erhielten sie blo, weil Nachfrage nach Tischen war;
htten sich der Tischlerei mehr Arbeiter zugewendet, als der Nachfrage
nach Tischlereiprodukten entsprach, so wre der Preis des Tisches
gesunken, die mit seiner Herstellung beschftigten Arbeiter htten
weniger erhalten, als dem Durchschnittswerte der Arbeit entsprach; das
htte sie veranlat, ein anderes Gewerbe aufzusuchen, nach dessen
Produkten verhltnismig strkere Nachfrage herrschte, und gerade
dadurch wre das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
wiederhergestellt worden. Wenn aber der Wert des Tisches nicht in Geld,
sondern in dem zu seiner Herstellung erforderlichen Arbeitsaufwande
ausgedrckt wrde, dann erhielten die Tischler, gleichviel ob man ihre
Erzeugnisse braucht oder nicht, unabnderlich den gleichen Preis,
nmlich zwei Stunden, solange ein Tisch zweier Stunden zu seiner
Herstellung bedarf, weniger nur dann, wenn der Arbeitsaufwand zur
Herstellung des Tisches sinkt, und unter allen Umstnden fr den
gleichen Arbeitsaufwand den gleichen Wert, ihre Erzeugung mag dem
Bedrfnisse entsprechen oder nicht. Dann bliebe uns nur zweierlei
Mglichkeit offen: entweder mten wir uns damit zufrieden geben, da
Dinge erzeugt werden, die niemand braucht, whrend an Dingen, die
dringend gesucht werden, der grte Mangel herrschen knnte; oder wir
mten an die Stelle der Freiheit in der Berufs- und Arbeitswahl
obrigkeitlichen Zwang setzen. Unsere Behrden htten dann darber zu
bestimmen, was erzeugt werden soll, was natrlich zur ferneren Folge
htte, da die Behrden die ganze Leitung der Produktion in die Hand
nehmen mten. Um das zu vermeiden, giebt es kein anderes Mittel, als
den freien Markt mit wirklich brauchbarem, d. h. mglichst
wertbestndigem Wertmesser; ein solcher ist das Gold und deswegen haben
wir am Goldgelde als Wertmesser festgehalten.

Und warum werden einzelne Leistungen hier doch nach Arbeitsstunden
bemessen? fragte ich.

Weil wir bei diesen Leistungen -- wie Gehalte, Versorgungsansprche u.
dgl. -- haben wollen, da ihr Wert _nicht_ unvernderlich bleibe,
sondern schritthaltend mit dem Wachstume der Arbeitsergiebigkeit
zunehme.

Ich dankte fr die empfangene Belehrung, fragte aber des ferneren, wie
man in Freiland ber jene aberglubische Angst denke, welche die meisten
Socialisten Europas und Amerikas vor dem Golde empfinden.

Wir halten dies -- so war die Antwort -- fr ein bloes
Miverstndnis. Ob Gold oder irgend etwas anderes, meinethalben selbst
der Arbeitsaufwand das Wertma wre, bliebe sich mit Bezug auf jene
Gefahren, die dem Gelde nachgesagt werden, mit diesem aber nicht das
Geringste zu thun haben, ganz gleichgltig. Nehmen Sie an, man wrde in
Europa nicht nach Geld, sondern nach Arbeitscertifikaten rechnen; wrde
dadurch die Macht der groen Kapitalisten geringer werden, wenn sie
statt ber so und so viele Millionen Mark, Franken oder Pfund ber so
und so viele Millionen Arbeitsstunden oder Arbeitstage verfgen wrden?
Das bel der ausbeuterischen Welt liegt darin, da der Arbeitende nicht
den vollen Wert dessen erhlt, was er erzeugt, sondern den Lwenanteil
an Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer abtreten mu. Oder glauben
die europischen Socialisten, da, wenn beispielsweise ein Centner
Getreide statt mit zehn Mark mit zehn Arbeitsstunden bezahlt wrde,
diese zehn Arbeitsstunden dem Arbeiter gehren wrden, der das Getreide
hervorgebracht hat? Um das zuwege zu bringen, ntzt die nderung des
Wertmessers nicht das Geringste; Boden und Kapital mu den Arbeitern
zugnglich gemacht und ihnen dadurch die Mglichkeit geboten werden, den
Arbeitsproze zu eigenem Nutzen zu betreiben; dann gehrt ihnen das
Produkt, gleichviel wie dessen Wert ausgedrckt wird, und damit, da
ihnen dieser Wert gehrt, ist grndlich geholfen. Die Furcht vor dem
Gelde gleicht dem Zorne des Kindes, das den Fuboden schlgt, auf dem es
gestrzt, vermeinend, dieser Boden sei schuld an seinem Sturze; lat
dieses Kind einmal das Gehen erlernt haben und es wird desto sicherer
auf seinen Fen stehen, je fester der Boden ist, auf dem es sich
bewegt.

Um die freilndischen Lagerhuser kennen zu lernen, stattete ich den in
Edenthal gelegenen in Begleitung Karls einen Besuch ab. Auch die
Lagerhausverwaltung unterhlt, trotzdem ihr Betrieb einheitlich fr das
ganze Land zusammengefat ist, in den meisten greren Orten besondere
Zweiganstalten, die dazu bestimmt sind, auf der einen Seite die
Erzeugnisse der rtlichen Produktion aufzunehmen und an die Centrale
abzugeben, auf der andern Seite fr den rtlichen Bedarf die Erzeugnisse
des ganzen Landes verfgbar zu halten. Nicht minder geht der Auenhandel
durch die Hnde der Lagerhausverwaltung. Es mag hier sofort bemerkt
werden, da Freiland beinahe ausschlielich blo solche Gter
fabriziert, bei deren Produktion Maschinenkraft eine hervorragende Rolle
spielt, whrend jene Gter, die ihrer Natur nach hauptschlich durch
Handarbeit hervorgebracht werden mssen, vom Auslande eingefhrt werden.
Denn die freilndischen Arbeiter wren vermge ihrer hheren Intelligenz
und krperlichen Tchtigkeit wohl auch in Handarbeit den ausgemergelten
Knechten der brgerlichen Welt in allen Stcken berlegen; trotzdem kann
freilndische Handarbeit ihres hohen Wertes halber, der im Durchschnitt
ungefhr das fnfzehnfache europischen Tagelohns betrgt, mit
brgerlicher Handarbeit nicht konkurrieren: unsere Konkurrenzfhigkeit
beginnt erst, wenn wir unsere sthlernen Sklaven eintreten lassen knnen
fr die Knechtesarbeit der brgerlichen Tagwerker. Denn diese unsere
Sklaven sind noch gengsamer als die Knechte des Auslandes, die doch zum
mindesten Kartoffeln zur Fllung ihres Magens und einige Lappen zur
Bedeckung ihrer Blen verlangen, whrend die unserigen durch die
Elemente beinahe kostenlos gespeist werden und ein wenig Schmierl
gengt, um ihre Glieder gelenkig zu erhalten. Freiland nimmt solcherart
im Auenhandel gleichsam die Rolle des groen Fabrikherrn, das Ausland
die Rolle des Taglhners ein, ganz dasselbe Verhltnis, welches, wenn
auch nicht in so ausgesprochenem Mae, im Auenhandel aller Lnder
stattfindet, deren Arbeitslhne verschieden sind. So ist es z. B. die
englische Fabriksindustrie, welche fr China, und die chinesische
Handarbeit, welche fr England produziert.

Das freilndische Lagerhaus berechnet den Produzenten nichts fr
Einlagerung und Verkauf der Waren; die Gebhr wird aus der allgemeinen
Steuer gedeckt und gelangt solcherart in der einfachsten Weise zur
Verteilung an alle Produzenten. Der Verkauf der Massenartikel geschieht
im Wege von Auktionen, in welchen die groen Kunden, das sind die
freilndischen Associationen und das Ausland, ihren Bedarf decken. Doch
auch die Gegenstnde des Einzelbedarfs werden in der Regel von der
Lagerhausverwaltung der Gte nach klassifiziert und der Preis fr
dieselben nach dem von der statistischen Centralstelle und der Bank
mitgeteilten durchschnittlichen Kostenbetrage angesetzt, welcher
Kostenansatz jedoch keineswegs als etwas Unabnderliches gilt, sondern,
so oft die Nachfrage das Angebot zu berflgeln sich anschickt,
entsprechend erhht, im umgekehrten Falle entsprechend ermigt wird.

Als wir die Mbelabteilung des Lagerhauses durchschritten, wo tausende
und abertausende der verschiedenartigsten Einrichtungsstcke
bersichtlich geordnet und mit Preisangaben versehen ausgestellt waren,
fiel uns vor einem besonders kunstreich ausgefhrten Schrank, in tiefe
Gedanken versunken stehend eine Gestalt auf, in der wir alsbald
Professor Tenax, unsern einstigen Lehrer der Nationalkonomie -- wir
hatten nmlich beide whrend unserer technischen Studien dieser
Wissenschaft zwei Semester an der Universitt unseres Geburtsortes
gewidmet -- erkannten. Wir begrten freudig den grundgelehrten, bei all
seinen Schlern beraus beliebt gewesenen Mann und wollten ihn eben
fragen, was ihn hierher gefhrt und wie lange er sich in Freiland
aufzuhalten gedenke, als er, diese Auseinandersetzung kurz abwehrend, in
die zornigen Worte ausbrach: Und das nennt man das Land der Freiheit!
Seht her, Ihr jungen Leute, dahin mu es kommen, wenn man gegen die
Grundstze der Wissenschaft verstt! Dieses wundervolle Stck hier,
welches in Europa seine guten tausend Mark wert ist, mu sich gefallen
lassen, hier unter allerlei miserable Marktware gemengt fr fnfhundert
Mark feilgehalten zu werden. Ist das nicht der Tod aller hervorragenden
Geschicklichkeit, wenn solcherart die Produzenten gezwungen werden, ihre
Erzeugnisse nach der unberechenbaren und unkontrollierbaren Laune einer
allmchtigen obersten Behrde abschtzen zu lassen?

Aber, mein verehrter Lehrer, so wagte Karl schchtern einzuwenden, es
zwingt ja niemand die Erzeuger dieses Schrankes, sich der Abschtzung
der Lagerhausverwaltung zu fgen; wenn ihnen diese unzutreffend
erscheint, wenn sie glauben, mehr erhalten zu knnen, so steht es ihnen
frei, einen beliebig hohen Preis anzusetzen. Wenn sie sich mit
fnfhundert Mark fr ein Stck begngen, welches in Europa allerdings
den doppelten Preis htte, so liegt dies nur daran, da man hier alles
mit Maschinen, in Europa dagegen zumeist durch bloe Handarbeit
fabriziert. Sie werden dieselbe verhltnismige Wohlfeilheit auch bei
den anderen Mbeln finden. Der Preisansatz der Lagerhausverwaltung
entspricht offenbar dem wirklichen Werte des Stckes.

Es war die Eigenheit unseres geschtzten Lehrers, eine Widerlegung,
gegen welche er nichts Stichhaltiges vorzubringen vermochte, damit zu
beantworten, da er eine ganz neue Frage aufwarf; und so meinte er denn
mit einem verchtlichen Achselzucken: Und ist es vielleicht >Freiheit<,
da man hier jeden Menschen zwingt, sich in irgend eine groe
Association einschachteln zu lassen, wenn er irgend etwas arbeiten
will?

Auch dazu wird ja niemand gezwungen, nahm nun ich das Wort.

So? -- fragte ironisch Professor Tenax. Dann sagen Sie mir einmal,
Sie junger Alleswisser, wer in Freiland auf eigene Faust, allein auf
sich gestellt, arbeitet?

Niemand, gab ich zu. Aber das unterbleibt nur, weil niemand Lust dazu
hat.

Wundervoll! hhnte Tenax. Es hat niemand Lust dazu, weil niemand es
wagen darf, ein solches Gelste zu zeigen. Ist es etwa nicht wahr, da
ihr die Benutzung jedes Fleckchens Boden und die Bewilligung jedes
Produktionskredits an die Bedingung knpft, da alle Welt an der mit
Hilfe dieses Bodens und dieses Kredits in Gang gesetzten Produktion
teilzunehmen das Recht haben msse?

Allerdings, erklrte ich. Aber abgesehen davon, da ich darin, wenn
an die Benutzung einer aller Welt gehrigen Sache die Bedingung geknpft
wird, deren Gebrauch msse aller Welt zugnglich sein, kein Unrecht zu
erblicken vermag, abgesehen davon ist es gar nicht das, was irgendwen
hindert, auf eigene Faust zu arbeiten Sollte sich ein Sonderling finden,
der Lust bezeugte, eine Arbeit fr sich allein zu betreiben, so wrde
wohl alle Welt hier ber ihn verwundert den Kopf schtteln, sich aber
schwerlich jemand finden, der sich ihm zu dem Zwecke aufdrngte, an
seiner Thorheit teilzunehmen.

Was man nicht alles lernt, wenn man alt genug wird! rief Professor
Tenax. Also auf eigene Faust zu arbeiten, ist eine so unermeliche
Thorheit, da hier in diesem Lande der alles durchdringenden Vernunft
sich niemand findet, der derselben fhig wre? Merkwrdig nur, da wir
da drauen all die Jahrtausende unserer bisherigen Kultur hindurch just
das Gegenteil von dem vor uns sahen, was hier mit einemmale als das
einzig Mgliche hingestellt wird. Mchten Sie mir nicht erklren, woher
dieser Umschwung in den Anschauungen und Neigungen der Menschen hier so
urpltzlich eingetreten ist?

Es ist das kein Umschwung der Anschauungen und Neigungen, sondern ein
solcher der ueren Existenzbedingungen, antwortete Karl. Auch da
drauen wrde jedermann lieber mit vereinten Krften mehr und besseres,
als vereinzelt weniger und schlechteres erzeugen, wenn er nur die Mittel
dazu htte, nmlich das zu groer Produktion erforderliche groe
Kapital. Hier wo diese Mglichkeit fr jedermann gegeben ist, zwingt den
Arbeiter sein eigener Vorteil, sich einer groen Vereinigung von
Arbeitskrften anzufgen, weil er nur in dieser Vereinigung jene
groartigen Arbeitsbehelfe handhaben und ausnutzen kann, die den Ertrag
seiner Arbeit verzehnfachen und verfnfzigfachen.

Abermals wechselte Professor Tenax das Thema und fragte, schon
einigermaen gereizt, ob wir denn auch rechtfertigen knnten, da
Produzenten, die unter allem erdenklichen Aufwande von Flei und
Geschicklichkeit ihr Geschft in Blte gebracht htten, durch die
sogenannte Freizgigkeit der Arbeitskrfte gezwungen wrden, jeden
Unhold in ihrer Mitte aufzunehmen, der ihnen die Ehre erweisen wolle, an
den Frchten ihrer Arbeit teilzunehmen. Wenn ich nicht einmal das Recht
habe, mir die Genossen meiner Arbeit nach meinem Geschmacke auszuwhlen,
so ist das nicht Freiheit, sondern Galeerensklaverei.

Also whlen sich in der brgerlichen Welt die Arbeiter ihre Genossen
nach ihrem Geschmacke? fragte nun ich, Spott mit Spott zurckgebend.
Davon habe ich in europischen Fabriken nichts bemerkt.

Aber in Europa hat wenigstens der Arbeitgeber oder dessen
Stellvertreter das Recht, sich die Leute anzusehen, bevor er sie
aufnimmt.

Richtig. Doch thut er dies nicht auf ihre Liebenswrdigkeit und ihre
geflligen Umgangsformen hin, sondern sieht sie blo darauf an, ob sie
ihm fr die Arbeit, zu welcher sie sich anbieten, geeignet erscheinen
oder nicht; das thun unsere Direktoren auch, und der Unterschied liegt
blo darin, da diese unsere Direktoren, welche zwar nicht ber die
Aufnahme, wohl aber ber die Verwendung jeglicher Arbeitskraft zu
entscheiden haben, Beauftragte nicht eines den Arbeitern fremd und kalt
gegenberstehenden Arbeitgebers, sondern der Arbeiter selbst sind.
Schlimmer also, als in der brgerlichen Welt, ist es bei uns in diesem
Punkte auf keinen Fall.

Aber auch nicht um vieles besser, knurrte Professor Tenax; und ihr
rhmt euch doch, die beste aller Welten eingerichtet zu haben.

Da ich nicht wte, erklrte Karl. Wir glauben, die den derzeitigen
Existenzbedingungen der Menschheit entsprechende best_mgliche_ Ordnung
eingefhrt zu haben; das absolut Beste, an und fr sich Vollkommene zu
erreichen, berlassen wir den Gttern. Solange die Menschen nicht Engel
geworden sind -- und wir maen uns nicht an, sie dazu machen zu knnen
-- werden sie etwaige Folgen ihrer Fehler zu ertragen haben. Und wenn
daher einzelne Genossen nicht in allen Stcken _eines_ Herzens und
_eines_ Sinnes mit den brigen sind, so mssen das beide Teile als etwas
Unabwendbares hinnehmen, ohne sich das Recht anzumaen, um dieser
mangelnden vollkommenen Harmonie willen den andern Teil in seinem Rechte
zu krnken.

Aber begreifen Sie denn nicht, rief Professor Tenax, da es unter
Umstnden geradezu unleidlich werden kann, sich an Personen gekettet zu
sehen, die einem -- gleichviel aus welchem Grunde -- nun einmal zuwider
sind?

Es fragt sich nur, was Sie unter diesem >aneinander gekettet sein<
verstehen. In mein Haus, in meine Familie, in meinen gesellschaftlichen
Verkehr werde ich nur Menschen zulassen, die mir angenehm sind; aber in
der Fabrik handelt es sich ja nicht um geselligen Umgang, sondern um
Produktion, und damit diese eintrchtig von statten gehe, gengt es, da
mein Nebenmann die Arbeit verstehe, auch wenn er keinerlei Verstndnis
und Sympathie fr meine geistigen oder gemtlichen Regungen besitzt.
Insbesondere im modernen Grobetrieb tritt die Persnlichkeit des
Arbeitenden so sehr in den Hintergrund vor der Gewalt der Maschine, da
nur einigermaen vernnftige Disciplin vollauf gengt, um alle aus
persnlichen Gegenstzen herrhrenden Mihelligkeiten von vornherein
unmglich zu machen. Wenn wir uns das Recht anmaen wollten,
unsympathische Personen von unsern Fabriken fernzuhalten, warum sollten
wir sie dann in unseren Stdten dulden? Unangenehme Gewohnheiten,
Anschauungen oder Neigungen eines Menschen sind mir viel unbequemer,
wenn ich mit ihm denselben Wohnort, als wenn ich die Arbeitssttte mit
ihm teilen mu. Denn nur in dem ersteren habe ich mit ihm als Menschen,
in der letzteren hauptschlich als Gtererzeuger zu thun. Wenn Sie also,
geehrtester Professor, ein Feind der Freizgigkeit sind, weil sie uns
mit jedem beliebigen >Unhold< in Verbringung bringen kann, dann sollten
Sie in erster Linie gegen die _politische_ Freizgigkeit zu Felde
ziehen, die aber, wie ich sehr gut wei, obenan steht auf dem Programme
gerade jener politischen Richtung, zu deren Zierden Sie gehren, nmlich
der liberalen.

Mit Fanatikern gleich euch ist nicht fertig zu werden, brach jetzt
Professor Tenax das ihm unbequem gewordene Gesprch ab, was ihn jedoch,
da er von Natur guten Herzens ist, nicht hinderte, Karls Einladung,
whrend seiner Anwesenheit in Edenthal recht hufig unser Gast zu sein,
bereitwilligst anzunehmen.




                            Zehntes Kapitel.

        Unmglichkeit von Krisen in Freiland. Die freilndische
                          Rentenversicherung.


Ich hatte sehr rasch begreifen gelernt, warum der Grundsatz der
Freizgigkeit, der in nichts anderem als in der Hinwegrumung jedes dem
wohlberatenen Eigennutze entgegenstehenden Hindernisses besteht, zur
Harmonie aller wirtschaftlichen Verhltnisse fhren msse; um
Unklarheiten, die sich mir in diesem Punkte aufdrngen mochten, vollends
zu beseitigen, gengte es, wenn ich die groen Klassiker der
nationalkonomischen Wissenschaft, insbesondere Adam Smith zu Rate zog,
deren Lehre ja in allen Stcken auf der Durchfhrung dieses Grundsatzes
beruht und die bei ihren Schlufolgerungen blo darin irrten, da sie
vermeinten, die _politische_ Freiheit allein knne gengen, um die der
freien Bethtigung des Eigennutzes Aller entgegenstehenden Hindernisse
zu beseitigen. Nur eines wurde mir nicht vllig klar, die Frage nmlich,
ob denn nicht unter Umstnden auch ber Freiland eine jener Krisen
hereinbrechen knne, eine jener allgemeinen Absatzstockungen, von denen
die brgerliche Welt periodisch heimgesucht wird. Die Arbeitsertrge
gleichen sich in Freiland unter dem Einflusse der Freizgigkeit in der
Weise aus, da es den Arbeitern ermglicht ist, der Sttte des jeweilig
hchsten Ertrages zuzuziehen. Das ist nun in der brgerlichen Welt
allerdings nicht mglich, denn die Arbeiter haben dort nicht die Macht,
sich ihre Arbeitssttten auszuwhlen; sie mssen warten, bis der
Unternehmer ihrer bedarf. Aber der Nutzen der Unternehmer ist es, was in
der brgerlichen Welt -- zum Teile wenigstens -- den freiwaltenden
Eigennutz der Arbeitenden ersetzt; wenn es den Unternehmern schlecht
geht, entlassen sie Arbeiter, wenn es ihnen gut geht, nehmen sie welche
auf, und man sollte also meinen, da -- langsam zwar, aber schlielich
doch in der gleichen Weise wie in Freiland -- die Gewinne sich
ausgleichen, jede Absatzstockung vermieden werden mte. Da dies in der
brgerlichen Welt nicht der Fall ist, ja, da mehr und mehr allgemeine
Absatzstockung, d. h. berproduktion zur Regel wird, so suchte ich lange
vergeblich nach dem letzten Erklrungsgrunde fr den Unterschied, den
ich so sinnfllig vor Augen sah und von welchem eine innere Stimme mir
sagte, da er sich als notwendig begrnden lassen msse. Der Vorsteher
des Lagerhauses brachte mich bei einem Besuche, den ich ihm krzlich in
geschftlichen Angelegenheiten meiner Gesellschaft abstattete, mit
wenigen Worten auf die rechte Spur.

Als ich ihn fragte, ob sich nicht gelegentlich eine allgemeine
berfllung der Lagerrume infolge zum mindesten vorbergehender
allgemeiner Absatzstockung einstelle, antwortete er mir mit der
verwunderten Gegenfrage: Ja wozu sollten denn in einem solchen Falle
alle hier aufgestapelten Waren produziert worden sein? Ihr von der
Edenthaler Transportmittel-Gesellschaft erzeugt doch die Maschinen,
welche ihr hersendet, nicht, weil es euch Vergngen macht, mit Eisen und
Stahl zu hantieren, sondern weil ihr mit dem Ertrage eurer auf diese
Maschinen gewendeten Arbeit eure unterschiedlichen Bedrfnisse decken
wollt; das nmliche gilt von den Gesellschaften, welche die der
Lagerhausverwaltung eingesendeten Mbel, Kleidungsstoffe, Nahrungsmittel
u. dgl. erzeugt haben; alle verkaufen sie blo, um zu kaufen, und es
kann sich daher stets nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge
erzeugt worden sind, jene Dinge nmlich, auf welche sich die Nachfrage
der Verkufer, welche zugleich Kufer sind, richtet, und damit das
zuwege gebracht werde, dafr sorgt eben unsere Freizgigkeit. Da im
allgemeinen mehr erzeugt werde, als man braucht, dazu wre erforderlich,
da unsere Produzenten nicht arbeiten, um zu genieen, sondern um der
Plage der Arbeit willen. Und als ich des ferneren einwendete, da das
alles auch in der brgerlichen Welt gelte und trotzdem berproduktion
dort sogar die Regel sei, meinte der Lagerhausverwalter lchelnd: Sie
bersehen, da sich all das in der brgerlichen Welt eben _nicht_ so
verhlt; zwar arbeiten auch dort die Leute, nicht um sich zu plagen,
sondern um zu genieen, aber sie mgen um noch so vieles mehr erzeugen,
sie knnen deswegen doch nicht mehr genieen, weil ja der Ertrag ihrer
Arbeit nicht ihnen, d. h. nicht den Arbeitenden, sondern einer
Minderheit, den Arbeitgebern, gehrt.

Richtig. Aber diese letzteren wollen doch genieen, was die anderen
hervorbrachten?

Nein, auch diese wenigen knnen und wollen nur zum Teil genieen, was
jene hervorbringen; sie knnen es nur zum Teil, weil sie ja schlielich
auch nur je einen Magen und je einen Krper haben; sie wollen es nur zum
Teil, weil sie es vorziehen, einen andern Teil der ihnen gehrigen
Arbeitsertrge nicht als Genumittel, sondern als Machtmittel
anzuwenden.

Sie meinen, die Arbeitgeber wollen einen Teil der Arbeitsertrge
kapitalisieren? entgegnete ich. Kapitalisieren heit aber den
Arbeitsertrag in ein Instrument neuer Arbeit verwandeln. Und ob nun die
Arbeitgeber Spitzen und feine Weine, oder ob sie Maschinen,
Fabrikseinrichtungen und Werkzeuge kaufen, bleibt sich in dem Punkte, um
welchen es sich hier handelt, ganz gleichgltig; sie wollen immer fr
das, was sie verkaufen, etwas anderes kaufen. Und immer wieder sollte es
sich nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge erzeugt werden,
nicht aber darum, ob berhaupt Dinge in gengender Menge auf dem Markte
gesucht werden.

Ja, wenn die brgerlichen Arbeitgeber neben Spitzen und Weinen nur
Maschinen, Werkzeuge und Fabrikseinrichtungen auf dem Markte suchen
wollten oder knnten, dann gbe es freilich auch in der brgerlichen
Welt kein allgemeines Miverhltnis zwischen Angebot und Nachfrage; aber
darin liegt's eben: sie knnen und sie wollen keine Werkzeuge und
Maschinen kaufen, weil sie keine Verwendung fr diese haben, d. h.
wohlverstanden, keine ber ein gewisses, sehr eng begrenztes Ma
hinausgehende Verwendung. Man kann doch keine neuen Spinnereien bauen,
wenn der Verbrauch an Gespinsten nicht zunimmt, keine neuen
Schuhwarenfabriken errichten, wenn nach wie vor die groe Masse der
Menschen barfu oder in zerrissenen Stiefeln umherlaufen mu. Den
Arbeitgebern bleibt nichts brig, als ihre sogenannten Ersparnisse dazu
zu verwenden, um bereits bestehende Fabriken, Eisenbahnen und sonstige
Anlagewerte zu kaufen, d. h. den Preis derselben wetteifernd in die Hhe
zu treiben. Damit aber, da eine bereits bestehende Fabrik oder
Eisenbahn oder die ber diese Fabrik oder Eisenbahn im Umlauf gebrachten
Besitztitel im Preise steigen, wird keinerlei Nachfrage auf dem
Gtermarkte hervorgerufen; die Kapitalisten der brgerlichen Welt sind
also regelmig in der Lage, zwar alle ihnen gehrigen Erzeugnisse
verkaufen, aber nur fr einen Teil des Erlses andere Erzeugnisse auf
dem Markte kaufen zu wollen; das ruft natrlich ein Miverhltnis
hervor, welches man mit dem Namen berproduktion belegt hat, und
welches, wenn es strkeren Umfang erreicht, Krisis heit.

Diese einfache Darlegung machte mir klar, warum hierzulande ein
derartiges allgemeines Miverhltnis zwischen Angebot und Nachfrage
gnzlich ausgeschlossen ist. Da es unzweifelhaft einem allgemein
geltenden Gesetze entspricht, da niemand produziert zu anderm Zwecke,
als um fr den Erls seiner Produktion irgend etwas einzutauschen, und
da es hier nichts anderes als Erzeugnisse menschlicher Arbeit giebt, die
man eintauschen kann, so mu immerwhrendes Gleichgewicht herrschen,
etwas, was bekanntlich die groen konomisten auch fr die brgerliche
Welt als notwendig hingestellt haben, ohne sich selbst klar zu sein,
warum es, wie ihrem Scharfsinne niemals vollstndig entging, doch
thatschlich nicht zutraf. Auch der Freilnder kann dasjenige, was er
erzeugt, wenn er will in irgend einer Form beiseite legen, ersparen;
aber die Form, in der er das thut, kann unter keinen Umstnden eine
andere sein, als da er dem Markte irgend ein Erzeugnis menschlicher
Arbeit entnimmt. In ein Machtmittel, in einen verbrieften Anspruch auf
zuknftige Arbeitsergebnisse anderer Menschen vermag er in Freiland sein
Arbeitsergebnis niemals zu verwandeln und er kann daher niemals das
Gleichgewicht des freilndischen Marktes stren, indem er im Austausch
fr seine Erzeugnisse statt der _Erzeugnisse_ anderer, solche
_Machtansprche_ ber andere zu erwerben sucht. So lange es fr Freiland
ein Ausland giebt, geschieht es, da freilndische Sparer auslndische
zinstragende Werte kaufen; aber auch das kann natrlich nur auf dem
fremden, nicht aber auf dem freilndischen Markte ein Miverhltnis
zwischen Angebot und Nachfrage nach Waren hervorrufen; denn in diesem
Falle sind es eben freilndische Erzeugnisse, die fr auslndische
Besitztitel hintangegeben werden; es vermindert sich also in einem
solchen Falle allerdings die Nachfrage, ebenso aber auch das Angebot von
Waren in Freiland.

Ebensowenig vermag der Auenhandel das Gleichgewicht zwischen Nachfrage
und Angebot in Freiland zu stren. Da es doch offenbar ist, da uns das
Ausland nichts schenkt, sondern stets nur Ware gegen Ware tauscht, so
steht notwendigerweise den zum Verkaufe bei uns angebotenen fremden
Waren eine entsprechende Nachfrage aus dem Erlse freilndischer, im
Auslande verkaufter Waren gegenber. Der Auenhandel bewirkt blo, da
wir unsern Bedarf an solchen Gtern, die vorteilhafter im Auslande als
im Inlande erzeugt werden, nicht direkt durch die Selbsterzeugung dieser
Dinge, sondern dadurch decken, da wir an ihrer Statt solche Dinge
hervorbringen, die vorteilhafter bei uns als im Auslande produziert
werden knnen, was natrlich zur Folge hat, da wir diesen Teil unseres
Bedarfes besser und reichlicher zu decken vermgen, als wenn wir die
fraglichen Dinge unmittelbar selber herstellten. Dagegen lt sich
allerdings nicht leugnen, da die Handelsbeziehungen mit dem von
hufigen und heftigen Produktionsschwankungen heimgesuchten Auslande
hufigere und heftigere Schwankungen des Gleichgewichtes unserer eigenen
Produktionsertrge hervorrufen, als durch die Schwankungen unserer
eigenen Produktions- und Nachfrageverhltnisse von Haus aus bedingt
wre. Es kommt mitunter vor, da das Ausland gewisse Gter, die auch bei
uns selbst erzeugt werden, zu Schleuderpreisen bei uns verkauft, was
dann zur selbstverstndlichen Folge hat, da auch unsere eigenen Preise
und damit die Ertrge unserer eigenen davon zunchst betroffenen
Produktionen herabgedrckt werden; allein solche Ungleichheiten werden
dank unserer Freizgigkeit leicht und ohne tiefergehende Schdigung der
dabei Beteiligten berwunden. Wollten wir uns gegen das Ausland
absperren, so knnten wir uns gegen solche Schwankungen schtzen; aber
da dies auf Kosten der internationalen Arbeitsteilung und folglich auf
Kosten unseres Wohlstandes vor sich ginge, indem wir solcherart dauernd
gentigt wren, statt jener Dinge, die wir mit dem grten Vorteil
produzieren, jene Dinge zu erzeugen, die wir unmittelbar selber
verbrauchen, so lt sich hier niemand beifallen, derartige
Absperrungsmaregeln zu befrworten.

Eine ganz besondere Art von Hinterlegung der Produkte gegenwrtiger
Arbeit fr zuknftigen Gebrauch findet durch Vermittelung der
Versicherungsabteilung unserer freilndischen Centralbank statt. Wie
bereits erwhnt, hat jeder Freilnder fr den Fall seiner
Arbeitsunfhigkeit Anspruch auf Versorgung durch die Gesamtheit; doch
betrgt dieser Versorgungsanspruch blo vier Zehntel des
durchschnittlichen Ertrages freilndischer Arbeit fr Mnner und drei
Zehntel fr Frauen; das gengt zwar fr behbiges, ja reichliches
Auskommen, nicht aber unter allen Umstnden, um den Beteiligten die ganz
unvernderte Fortfhrung jener Lebensweise zu gestatten, an die sie sich
whrend der Zeit ihrer Thtigkeit gewhnt haben mgen. Die
Versicherungsabteilung bietet nun denjenigen, die im spteren Alter fr
sich und ihre Frau mehr als den allgemeinen Versorgungsanteil haben
wollen, das Mittel, diesen ihren Zweck zu erreichen. Wer eine nach
Altersklassen abgestufte Prmie zahlt, kann seine Versorgungsrente
beliebig erhhen.

Das eigentmliche dieser freilndischen Versicherung besteht darin, da
fr die eingezahlten Prmien zwar keine Zinsen angerechnet werden, dafr
aber die gesamte Verrechnung nicht in Geld, sondern in Arbeitswerten vor
sich geht. Es ist dies folgendermaen zu verstehen. Europische oder
amerikanische Versicherungsanstalten bezahlen z. B. einem Manne
bestimmten Alters, der bis zu einem vorher bestimmten Zeitpunkte
jhrlich fnfhundert Mark einzahlt, nach diesem Zeitpunkte -- sagen wir
-- jhrlich tausend Mark als Rente; die freilndische Versicherung zahlt
einem solchen Manne fr je hundert Stundenwerte, die er jhrlich bis zu
eintretender Arbeitsunfhigkeit als Prmie entrichtet, von da ab eine
Jahresprmie von zweihundert Stundenwerten; nun betrgt aber der
Stundenwert gegenwrtig in Freiland fnf Mark; er drfte bei Eintritt
des hier ins Auge gefaten Rentenbezuges vielleicht zehn Mark betragen
und bis zum Tode des Bezugsberechtigten auf zwlf Mark steigen; unser
Mann htte also eine allmhlich von fnfhundert bis zu tausend Mark
steigende Jahresprmie gezahlt und sich dafr eine von zweitausend auf
zweitausendvierhundert Mark steigende Rente gesichert. Der Zweck dieser
Einrichtung ist, Leistung wie Gegenleistung mit der Leichtigkeit der
Einzahlung einerseits und mit dem durch den allgemeinen Reichtum
bedingten Wachstume der Bedrfnisse anderseits in Einklang zu bringen;
wenn der Wert der Arbeit in Freiland steigt, sollen, gleich den
allgemeinen Versorgungsansprchen, auch die von der Versicherung
gezahlten Renten steigen.

Da die Versicherungsanstalt in Freiland natrlich keine Zinsen machen
kann, so ist das solcherart eintretende Wachstum der Versicherungsrenten
streng genommen nach versicherungstechnischen Grundstzen
ungerechtfertigt; die Versicherten erhalten im Durchschnitt wesentlich
mehr, als ihrer Einzahlung entspricht, und der Unterschied mu natrlich
von der Gesamtheit getragen werden. Aber man ist in Freiland der
Ansicht, da hierin keine Ungerechtigkeit liegt. _Zinstragend_ kann die
Versicherungsanstalt die Einzahlungen der Versicherten allerdings nicht
anlegen, aber sie legt sie eben doch und zwar durch Vermittelung der
Centralverwaltung _fruchtbringend_ an, sei es in Form dem allgemeinen
Nutzen dienender Bauten, sei es in Form der den Associationen gewhrten
Kredite. Das Gemeinwesen ist es, welches den Vorteil aus allen diesen
Anlagen hat, und zwar nehmen daran nicht blo die Einzahlenden und ihre
Zeitgenossen, sondern auch die kommenden Geschlechter teil; die
Versicherten haben aus ihren Ersparnissen der Gesamtheit fr Gegenwart
und Zukunft Instrumente fruchtbarer Arbeit zur Verfgung gestellt, und
wenn ihnen nun bei Bemessung der Rente auer den eingezahlten Betrgen
selbst noch ein Teil des kraft dieser Einzahlungen erzielten Zuwachses
der Arbeitsertrge vergtet wird, so ist dies nicht mehr als billig.

Nebenbei bemerkt erwchst fr die Gesamtheit einstweilen und wohl noch
auf Jahrzehnte hinaus aus dieser Versicherungseinrichtung
keinerlei Last, im Gegenteil ermglichen die Eingnge aus den
Versicherungsprmien, da dem Kapitalbedrfnisse der Gesamtheit
entsprochen werden kann, ohne da die allgemeine Steuer jene Hhe
erreichen mte, die andernfalls zur Aufbringung der erforderlichen
Betrge notwendig wre. Es bersteigen nmlich derzeit die
Prmieneinzahlungen weitaus die Renten, und das wird insolange whren,
als infolge der Neuheit dieser Einrichtung einerseits und des rapiden
Wachstums der Bevlkerung anderseits die Menge der zahlenden
Versicherten so vielfach grer ist als die Menge der Zahlung
Empfangenden. Spter einmal wird sich das ndern; aber wenn es
geschieht, wird inzwischen die Ergiebigkeit der freilndischen Arbeit
und zwar unter Mitwirkung der von den Versicherten beigesteuerten
Kapitalien so gewaltig gewachsen sein, da eine allfllige geringfgige
Erhhung des Steuersatzes leicht zu ertragen sein wird.

Zum Schlusse will ich noch erwhnen, da diese ganze Einrichtung sich
lediglich auf Altersrenten, nicht aber auf die Versorgung von Kindern
bezieht. Letzteren gengt unter allen Umstnden ihr unveruerlicher
Anspruch auf den Fruchtgenu des Gesamtreichtums. Da die Zukunft zu
Gunsten von Menschen belastet werde, die in der Vergangenheit noch
nichts geleistet haben, halten die Freilnder fr unsinnig. ber die
Ergebnisse seiner eigenen Arbeit kann jedermann nach seinem Belieben im
Leben wie fr den Todesfall verfgen; es steht ihm also frei, seinen
Kindern zu hinterlassen, was er ersparte -- mehr aber nicht.




                            Elftes Kapitel.

     Eine Ferienreise in Freiland. Der landwirtschaftliche Betrieb.
                   Verteilung von Boden und Kapital.


Da Karl die eine Hlfte seiner Ferienzeit fr den Monat August
vorgemerkt hatte -- es werden nmlich in der Regel die blichen zwei
Ferienmonate nicht in einem Zuge, sondern in zwei verschiedenen
Abschnitten genossen -- so beschlo ich, auch meinen Urlaub in der
gleichen Zeit zu nehmen. Im allgemeinen gilt es als Sitte, da die
jngeren Kollegen sich in Bezug auf die Verteilung der Ferien den
Wnschen der lteren anbequemen, in der Art, da diesen die Wahl
gelassen ist und die jngeren erst Urlaub nehmen, wenn jene
zurckgekehrt sind. Ein Zwang in dieser Beziehung besteht nicht, aber
ich hatte bald bemerkt, da Sitte und Gepflogenheit hier eine Macht
ausben, die derjenigen der strengsten Gesetze gleichzuachten ist. Es
ist das brigens nichts Freiland Eigentmliches, sondern eine Erfahrung,
die, wenn auch selbstverstndlich nicht im selben Mae, schon die
brgerliche Welt berall gemacht hat, wo das in ihr berhaupt mgliche
Ma von Freiheit zur Geltung gelangte. Ich htte mich also im August,
der als Ferienmonat stark begehrt wird, nicht frei machen knnen, wenn
nicht einer der lteren Kollegen aus Rcksicht auf mein
freundschaftliches Verhltnis mit Karl freiwillig zurckgetreten wre
und dafr die mir zugefallene Ferienzeit, den September, in Tausch
genommen htte.

Die Ferien werden von den Freilndern zumeist zu Reisen benutzt. Man
durchwandert die Gebirgswelt des Kenia oder der 70 Kilometer von diesem
westwrts gelegenen Aberdarekette, unternehmendere Touristen dehnen ihre
Ausflge bis an den 350 Kilometer nordwestlich gelegenen Gebirgsstock
des Elgon aus, der zwar keinen einzigen dem Kenia auch nur annhernd an
Mchtigkeit ebenbrtigen Gipfel aufweist, dessen einzelne Hhen jedoch
gleichfalls bis in die, hier unterm quator bei 14000 Fu Seehhe
beginnende Schneeregion hineinragen. Andere steigen ber Uganda zum
Ukerewesee herunter, dessen 4000 Fu ber dem Meeresspiegel gelegene
Uferlandschaften in der khlen Jahreszeit einen sehr angenehmen
Aufenthalt und Gelegenheit zu groartigem Ruder- und Segelsport bieten.
Alle diese Ausflge sind durch ein zwar noch in den Anfngen
begriffenes, fr europische Begriffe aber doch schon stark entwickeltes
Straen- und Eisenbahnnetz ungemein erleichtert und an den best- und
schnstgelegenen Punkten haben verschiedene freilndische
Baugesellschaften Gasthfe und Villen errichtet, in denen die Reisenden
je nach Geschmack entweder in idyllischer Einsamkeit oder zu greren
Gesellschaften vereint zu den billigsten Preisen Unterkunft finden. Da
der Personentransport auf den Eisenbahnen durch ganz Freiland gar nichts
kostet, sondern -- gleich Post, Telegraph und elektrischer Kraftleitung
-- vom Gemeinwesen unentgeltlich geleistet, d. h. aus der allgemeinen
Auflage gedeckt wird, so stellt sich das Reisen in Freiland kaum
wesentlich hher als der Aufenthalt am stndigen Wohnorte. Fr fnfzig,
hchstens achtzig Pfennige den Tag erhlt man berall ein bequem
eingerichtetes Hotelzimmer, eine ganze, aus drei bis acht Wohnrumen
bestehende Villa fr fnfzehn bis vierzig Mark die Woche; Lebensmittel
sind berall zu fabelhaft migen Preisen zu haben, und nur die
Bereitung der Speisen verursacht in den einsamer gelegenen Villen etwas
grere Kosten. Ich habe whrend unseres einmonatlichen Umherwanderns
vom Kenia bis zum Ukerewe nicht mehr als zweihundertundzwanzig Mark
ausgegeben und von dieser Summe kamen reichlich drei Vierteile nicht auf
die Deckung der gewhnlichen Lebensbedrfnisse, sondern auf den Aufwand
fr Bergfhrer, Ruderboote, eine Segelyacht, Reitpferde u. dgl.; htten
wir drei, nmlich Karl, seine Frau und ich, die kostspieligeren Ausflge
nicht fr uns allein, sondern in grerer Gesellschaft unternommen, so
wre ich ganz gut mit der Hlfte dieser Summe und, falls ich mich auch
in Speise und Wohnung eingeschrnkt htte, mit etwa dem vierten Teile
ausgekommen.

Es bedarf wohl keiner ausdrcklichen Versicherung, da mich auf diesen
Ausflgen neben der berwltigenden Schnheit der Naturscenen in erster
Linie die Einrichtung der verschiedenen freilndischen Industrien und
insbesondere der landwirtschaftlichen Gesellschaften interessierte,
deren in unmittelbarer Nhe Edenthals nur zwei kleinere, hauptschlich
den Gemse- und Obstbau betreibende, vorhanden sind.

Staunenswert ist, wie in allen freilndischen Gewerken, so auch in den
landwirtschaftlichen, die alles umfassende Anwendung von Maschinenkraft.
An der Spitze der landwirtschaftlichen Associationen steht in dieser
Beziehung derzeit die Gesellschaft von Obertana, die auf 600
Quadratkilometern oder 30000 Hektaren nicht mehr als 2400 Arbeiter
stndig beschftigt hat, welche allerdings in der Saat- und Erntezeit
Wochen hindurch von aus den verschiedenen Industrien der Umgebung
zuwandernden 5000-10000 Arbeitern untersttzt werden. Und man glaube
nicht etwa, da die Bewirtschaftungsmethode eine oberflchliche, auf
unvernnftigen Raubbau gerichtete ist. Im Gegenteil, es wird hier der
Boden mit hchster Sorgfalt bestellt, weit sorgfltiger und intensiver,
als -- vielleicht mit Ausnahme einzelner Gegenden Chinas -- in irgend
einem Teile der Welt; aber die Elemente sind es eben, die, in den Dienst
des Menschen gezwungen, neunundneunzig Hundertteile all dieser Arbeit
verrichten. Ein groartiges Bewsserungssystem fhrt dem Boden von der
Saat bis zur Ernte unausgesetzt reichliche Feuchtigkeit zu, so da
Fehlernten beinahe gnzlich ausgeschlossen sind; das Ackern, Sen, Eggen
und Walzen, das Schneiden, Binden, Dreschen, Reinigen und Einspeichern
des Getreides besorgen von Elektrizitt getriebene Maschinen; zahllose
Schienenstrnge durchziehen nach allen Richtungen die Felder, und zwar
dient dieses Schienennetz nicht blo zum Befrdern von Lasten, sondern
auch zur Fortbewegung und Handhabung der elektrischen Kraftmaschinen. So
nur ist es mglich, da hier zweimal im Jahre je 1 Millionen
Metercentner, im Jahre also drei Millionen Metercentner Getreide und
auerdem durchschnittlich eine Million Metercentner anderer Feldprodukte
im Gesamtwerte von ungefhr fnf Millionen Pfund Sterling unter dem
Einsatz von nicht ganz dreizehn Millionen Arbeitsstunden erzeugt werden,
was fr die einzelne Arbeitsstunde einem Rohertrage von acht Mark und
nach Abzug der Kapitalrckzahlungen und der Abgabe an das Gemeinwesen
einem Reinertrage von nahezu fnf Mark entspricht.

Wir besichtigten die Anlagen von Obertana auf der Heimreise und hatten
dort ein Stelldichein mit Professor Tenax, der, gleichgltig gegen
Naturschnheiten, es abgelehnt hatte, uns auf unsern Ausflgen in die
Gebirge und an den groen See zu begleiten. Er war, als wir seiner
ansichtig wurden, so zerstreut, da er die blichen Begrungen kaum
beantwortete, und man sah es seinem Mienenspiele an, da ihm auf seinen
Kreuz- und Querzgen durch die verschiedenen Gewerke Freilands whrend
der letzten Wochen eine ganze Reihe neuer Bedenken und Einwendungen
aufgetaucht sein msse, die an den Mann zu bringen es ihn drngte. Frau
Wera, die den Professor ob seiner groen Gelehrsamkeit und harmlosen
Gutmtigkeit in allen Fragen, die seine orthodoxen Prinzipien nicht
berhrten, rasch liebgewonnen hatte, machte sich nichtsdestoweniger
bisweilen das Vergngen, ihn dadurch, da sie scheinbar seine Partei
nahm, zu uerster Entfaltung all seiner Spitzfindigkeit und
dialektischen Kunststcke anzufeuern. Als er uns daher mit der ironisch
gemeinten Frage begrte, ob wir vielleicht hierher gekommen seien, um
unser freilndisches Bodenrecht geltend zu machen, und da wir dies nicht
sofort verstanden, hhnend hinzufgte: Hier gehrt ja der ganze Boden
einem jeden; ihr seid offenbar da, um mit der Verwaltung von Obertana
Proze anzufangen, weil sie euch bisher an ihren Dividenden nicht
teilnehmen lie, -- schaltete Frau Wera mit heuchlerischer Betrbnis
ein, auch ihr habe es immer Kopfzerbrechen gemacht, was denn darunter zu
verstehen sei: der Boden wre frei wie die Luft, jeder knne ihn nach
Gutdnken benutzen.

Ein Unsinn ist es, sehr geschtzte Frau, entgegnete voll Eifer der
Professor. Die Luft kann man aller Welt freigeben, weil sie in
unbegrenzter Menge vorhanden ist, nicht aber den Boden, von welchem doch
jedenfalls weniger da ist, als der menschlichen Begehrlichkeit
entspricht, und der, selbst wenn er in unbegrenzter Menge zu haben wre,
doch schon wegen der Verschiedenheit seiner Gte zu Streitigkeiten Anla
gbe, wenn es jedem berlassen bliebe, sich nach Laune und Lust das
beste Stck auszusuchen.

Professor, entgegnete ich, glauben Sie wirklich, da wir danach
Verlangen tragen, Bodenbebauer zu werden? Kann ich gleichzeitig Plne
zeichnen und den Pflug lenken? Ich bleibe bei meinem Geschfte, obwohl
ich hier das zweifellose Recht bese, an der Bodenbenutzung
teilzunehmen, weil ich dabei besser meine Rechnung finde, und das ist
der Fall, weil nach den Ergebnissen meiner Arbeit am Zeichenbrett
grerer Begehr ist als nach denen meiner Arbeit hinter dem Pfluge. Ganz
das nmliche gilt fr alle jene Arbeiter Freilands, die bessere
Entlohnung ihrer Arbeitskraft finden, wenn sie anderes thun, als den
Boden bestellen. Und deren mu es natrlich stets eine schwere Menge
geben, weil ja die menschlichen Bedrfnisse nicht auf Bodenprodukte
allein gerichtet sind und also stets Bedarf nach den Erzeugnissen auch
anderer Arbeit vorhanden sein wird. Die Sorge, da alle Welt
thatschlichen Gebrauch vom Rechte der Bodenbearbeitung machen knnte,
htte also nur dann Begrndung, wenn man vermutete, da es den Leuten
nicht darum zu thun ist, Dinge zu erzeugen, die Abnehmer finden, sondern
da sie allesamt eine Leidenschaft fr landwirtschaftliche Arbeiten
erfat, eine Art Landhabsucht, die nicht auf den Erfolg, sondern nur auf
die Art der Arbeit sieht.

Was _ntzt_ euch aber dann euere sogenannte Bodenfreiheit? Was haben
Sie und Karl und was hat Frau Wera davon, da ihr Boden bearbeiten
knntet, wenn ihr wolltet, da, wie Sie mir soeben auseinandergesetzt
haben, Ihr eigener Vorteil Sie dazu antreibt, von diesem Rechte keinen
Gebrauch zu machen? Ist es dann nicht fr die bergroe Mehrzahl der
freilndischen Bevlkerung ganz das nmliche, ob der Boden ein
paar Tausend Grundbesitzern oder ein paarmal Hunderttausend
landwirtschaftlichen Arbeitern gehrt?

Wenn der Boden hier jenen >gehren< wrde, die ihn bearbeiten, dann
htten Sie allerdings recht. Dann knnte es den andern allen ziemlich
gleichgltig sein, ob es viele oder wenige sind, welche die Erde mit
Beschlag belegt haben. Aber vergessen Sie nicht daran: wir, die wir hier
stehen, haben genau das nmliche Recht auf Benutzung des Bodens, wie die
Arbeiter, welche dieses Benutzungsrecht thatschlich ausben. Den
letzteren _gehrt_ also der Boden nicht, sie drften uns nicht
verbieten, ihn zu benutzen, wenn wir Lust dazu htten, und die Folge
davon ist, da sie den Vorteil der Bodenbenutzung mit uns teilen mssen,
d. h. da unsere Arbeit den nmlichen Gewinn abwerfen mu, wie die
ihrige, da ja insolange, als dies nicht eingetreten wre, die
Arbeitskraft sich aus allen andern Produktionen in die Bodenwirtschaft
zge. Also: das freilndische Bodenrecht hat nicht zur Folge, da alle
Welt Bodenwirtschaft treibt, wohl aber hat es zur Folge, da der Ertrag
von Bodenwirtschaft sich mit demjenigen aller andern Produktionsarten
ins Gleichgewicht setzt.

Sie haben mir noch nicht beantwortet, welche mystischen Beweggrnde den
einen Teil der freilndischen Bodenbearbeiter veranlassen, mit
schlechteren Grundstcken vorlieb zu nehmen, whrend vielleicht dicht
daneben andere Leute bessere Grundstcke bearbeiten? beharrte Professor
Tenax.

Die Kraft, die sie dazu veranlat, hat nichts Mystisches an sich, war
Karls Entgegnung; ihr Name ist >Eigennutz<. Sie selber haben uns
seinerzeit gelehrt, da der Ertrag der Arbeit auf Boden
_verhltnismig_ desto geringer wird, jemehr Arbeit man dem Boden
zuwendet; zweihundert Arbeiter werden z. B. auf einer gegebenen
Bodenflche nicht zweimal soviel erzeugen, als hundert, sondern
vielleicht blo einundeinhalb Mal soviel, weil die Arbeit des zweiten
Hunderts nicht mehr so notwendig ist wie die des ersten. Wenn also dem
besseren Boden, und sei er noch so vielfach fetter, fruchtbarer,
gnstiger gelegen, verhltnismig zu viel Arbeitskraft zustrmte, so
wrde der einzelne Arbeiter von besagtem besseren Boden geringeren
Ertrag seiner Arbeitskraft erzielen, als auf minder stark besetztem
schlechten. Der Eigennutz des Arbeitenden verlangt aber nicht, da er
seine Kraft auf mglichst fettem Boden, sondern da er seine Kraft mit
mglichst hohem Ertrage verwerte, und es ist daher klar, da man die
Leute blo frei whlen zu lassen braucht, damit sich ganz von selbst
dasjenige einstelle, was der wirtschaftlichen Vernunft und Gerechtigkeit
gleichmig entspricht, nmlich da sich die Arbeitskrfte ber allen
Boden, er sei nun besser oder schlechter, derart verteilen, da auf die
einzelne Arbeitskraft berall der nmliche Ertrag entfalle.

Unser hartnckiger Widerpart konnte sich, geschmeichelt wohl durch die
Berufung auf seine eigenen Lehren, eines zustimmenden Kopfnickens nicht
enthalten, fate aber, durch Frau Weras Schelmerei aufgestachelt,
alsbald neuen Mut zu der triumphierenden Tones aufgeworfenen Frage, was
denn geschehen wrde, wenn andere Arbeiter hier, wo z. B.
Kaffeepflanzungen sich dehnen, Baumwolle anbauen wollten; wer dem
erstbesten Ankmmlinge verwehren knnte, die Kaffeebume auszurotten und
solcherart die Frucht jahrelanger Arbeit anderer zunichte zu machen?
Hat euere freilndische Weisheit eine Panacee auch gegen solche
Ausschreitungen des >freiwaltenden< Eigennutzes?

Allerdings, erklrte Karl. Vor allem mchte ich Ihnen zu bedenken
geben, da Sie ber den Vorgang, der bei einem solchen Kulturwechsel
eingehalten werden mte, nicht ganz im klaren zu sein scheinen. Nicht
die ersten besten neuen Ankmmlinge haben das Recht, hier nach ihrem
Gutdnken zu schalten und zu walten, sondern dieses Recht steht unter
allen Umstnden der Majoritt all jener zu, welche Lust an den Tag
legen, den Boden dieser Association zu bewirtschaften. Es mte also
eine neue Majoritt entstehen, damit das geschehe, was Sie befrchten.
Dies jedoch nur zur Aufklrung darber, da es nicht die zufllige Laune
des >Erstbesten< ist, welcher Erstbeste ja auch ein Narr sein knnte,
wovon die Verwendung der Bodenflchen in Freiland abhngt. Von dieser
letzteren Erwgung abgesehen, bliebe es sich dem Wesen nach ganz gleich,
ob es viele oder wenige sind, welche eine derartige Neuerung zu
beschlieen haben, denn sie kann unter allen Umstnden nur unter der
Voraussetzung beschlossen werden, da durch sie der Vorteil aller dabei
Beteiligten Rechnung findet. Wer in die Wirtschaft dieser Association
eintritt, nimmt Teil an allen ihren Lasten und Vorteilen, und wenn er
also die Kaffeepflanzungen ausrottet und an deren Stelle Baumwolle baut,
so kann er dies nur thun, wenn der Nutzen des Baumwollbaues so gro ist,
um den durch die Zerstrung der Kaffeepflanzungen verursachten Schaden
wettzumachen. In diesem Falle aber ist es ja auch der Nutzen der frher
beschftigt gewesenen Arbeitskrfte, da ein so rationeller
Kulturwechsel stattfinde. Setzen wir den Fall, da hunderttausend
Arbeitsstunden an diese der Zerstrung geweihten Kaffeepflanzungen
gewendet worden waren und da die an deren Stelle tretenden
Baumwollpflanzungen gleichfalls hunderttausend Arbeitsstunden
beanspruchen, so wrde der Nutzen aus dieser neuen Baumwollkultur unter
zweihunderttausend Arbeitsstunden verteilt werden mssen, und daraus
geht hervor, da man die Kaffeebume nur dann durch Baumwollstrucher
ersetzen wird, wenn dieselben nicht nur die an ihre eigene Anpflanzung,
sondern auch die an die Anpflanzung der zerstrten Kaffeeplantagen
gewendete Arbeitskraft vergten.

Und wenn es ein ganz anders gearteter Arbeitszweig ist, fr welchen
Boden beansprucht wird? Wenn z. B. hier auf dem Gebiete der
Landwirtschaftsgesellschaft von Obertana Fabriken gebaut werden
sollen, wer hat dann darber zu entscheiden, ob sich das die
Landwirtschaftsgesellschaft gefallen lassen mu oder nicht? fragte
Professor Tenax.

Auch darber entscheidet in letzter Linie der gleichlaufende
Nutzen beider Teile, nmlich der landwirtschaftlichen und der
Industriearbeiter, antwortete Karl. Da es eine notwendige Folge der
freilndischen Freizgigkeit ist, da die Arbeitsertrge sich berall
ins Gleichgewicht setzen, so ist es ganz unmglich, da industrielle
Arbeiter wnschen knnen, eine Fabrik dort zu errichten, wo durch die
Inanspruchnahme frher zu anderen Zwecken bestimmt gewesenen Bodens
anderen Arbeitern ein Schaden zugefgt wrde, der grer ist als der
Nutzen, der diesen anderen Arbeitern durch die Errichtung einer Fabrik
in ihrer Mitte erwchst. Nutzen und Vorteil jedes wirtschaftlichen
Vorganges kommt hier am Arbeitsertrage zum Ausdruck, und der
Arbeitsertrag gestaltet sich infolge der Freizgigkeit fr alle Arbeiter
gleichfrmig. Es ist also nicht mglich, da die Arbeiter einer Fabrik,
die etwa hier an dieser Stelle erbaut wrde, den landesblichen
Durchschnittsertrag ihrer Arbeit finden, wenn benachbarte Arbeiter in
ihrem Durchschnittsertrage geschdigt werden. Man kann folglich im
eigenen Interesse keine Fabrik errichten, wo dies zum Schaden der
Nachbarn geschehen mte. Thatschlich giebt es auf dem Gebiete der
Bodenwirtschaft von Obertana nicht weniger als siebzehn groe
industrielle Werke, die zum Teil recht bedeutende Bodenflchen fr sich
beanspruchen; aber Sie knnen sich darauf verlassen, da alle diese
Werke nur errichtet wurden, weil die Einbue, welche sie der
Landwirtschaftsgesellschaft durch Inanspruchnahme des Bodens zufgten,
mehr als aufgewogen wurde durch anderweitige Vorteile. Diese
anderweitigen Vorteile knnen sehr verschiedener Art sein; sie bestehen
teils darin, da die Bodengesellschaft vermehrte Abnehmer ihrer eigenen
Erzeugnisse findet, teils darin, da sie Nachbarn erhlt, welche sie zum
Ausbessern, Instandhalten oder Erneuern ihrer Maschinen braucht,
hauptschlich aber darin, da in der Zeit der Ruhe in den
landwirtschaftlichen Arbeiten die landwirtschaftliche Bevlkerung
leichtere Gelegenheit zu nutzbringender Verwertung der eigenen,
zeitweilig berschssigen Arbeitskraft findet, und umgekehrt, in der
Zeit der Saat und Ernte der vorbergehend stark anschwellende Bedarf an
landwirtschaftlicher Arbeitskraft leichter durch Zuzug aus den
umliegenden Fabriken befriedigt werden kann. Mit einem Worte, die
Errichtung eines solchen Werkes mute ein Gewinn fr die
Bodengesellschaft von Obertana sein, sonst konnte es dazu nicht kommen.

Aber es mu doch jemand da sein, der darber zu entscheiden hat, ob in
einem solchen Falle Gewinn oder Verlust zu besorgen ist, und wer ist
dieser Jemand? fragte der in die Enge getriebene Professor.

Dieser >Jemand< ist eine Majoritt, die sich aus den beiderseitigen
Interessenten, d. h. aus den landwirtschaftlichen und industriellen
Arbeitern bildet. Dabei bitte ich Sie aber zu beachten, da bei einer
solchen Majorittsbildung sich nicht die Arbeiter des alten Werkes auf
der einen und die des neuen Wertes auf der andern Seite als zwei
gesonderte Parteien gegenberstehen. Das wre nur der Fall, wenn der
Vorteil der einen Hand in Hand gehen knnte mit dem Schaden der andern.
Da dem nicht so ist, da Vorteil und Nachteil in beiden Lagern auf das
nmliche hinauslaufen, so kann es hier niemals Interessengegenstze,
sondern blo Meinungsverschiedenheiten geben. Ein Teil der Landwirte
wird die Errichtung des neuen Werkes fr ntzlich, ein anderer Teil fr
schdlich halten, und ebenso wird es Industriearbeiter geben, die dafr
sind, da man das Werk an dieser Stelle errichte, und andere, die
dagegen sind; die sich solcherart bildende Majoritt kann irren, aber
ihre Absicht mu und wird immer sein, zu thun, was beiden Teilen
gleichmig ntzt. Und wenn Sie den eigentlichen Sinn unseres
freilndischen Bodenrechtes unbefangen wrdigen, so mu Ihnen von
Anbeginn klar sein, da dies gar nicht anders mglich ist. Denn da sich
dank unserer Freizgigkeit der Nutzen jeglicher Art von Bodenbenutzung
gleichmig auf alle verteilt, so kann es sich bei uns gar niemals darum
handeln, zu wessen Gunsten der Boden benutzt werden soll, sondern blo
darum, welche Art der Bodenbenutzung dem Nutzen aller am besten
entspricht. Der Boden gehrt fr alle Flle allen. Wir sind also unter
allen Umstnden gleichsam in der Lage von Compagnons, die ihr Geschft
zu gemeinsamem Vorteil betreiben, und die daher in einzelnen Fllen wohl
darber in Meinungsverschiedenheit geraten mgen, welche Art der
Geschftsfhrung dem gemeinsamen Nutzen am besten entspreche, niemals
aber darber, ob der Nutzen dieses oder jenes Geschftsteilhabers dem
der anderen vorangehen oder hintangesetzt werden solle. Ich wiederhole,
es giebt bei uns auch in den Fragen der Bodenbenutzung wohl
Meinungsverschiedenheiten, aber keine Interessengegenstze.

Am Ende behauptet ihr das nmliche auch bezglich der
Kapitalverteilung! Ist es euch Freilndern ebenso gleichgltig, wer das
von euch beigesteuerte Kapital erhlt? Denn das Kapital, welches euer
Gemeinwesen an die unterschiedlichen Associationen verteilt, rhrt ja
von einer Abgabe her, zu welcher jedermann beisteuern mu, gleichviel ob
er will oder nicht, gleichviel ob er Kapital braucht oder dessen
berflssig genug hat. Man wird also hier zur Sparsamkeit gezwungen, und
zwar unter Umstnden zu einer Sparsamkeit fr fremden Nutzen. Ist auch
das gerecht?

Das wre sehr ungerecht, erwiderte Karl, aber es geschieht nicht.
Hier wird niemand zur Sparsamkeit gezwungen, jedermann steuert nur
soviel Kapital bei, als er selbst gebraucht, und wenn er kein Kapital
gebrauchen will, so braucht er auch nichts beizusteuern. Denn die
Abgabe, in welcher allerdings der zur Kapitalverleihung bestimmte Anteil
mit enthalten ist, wird ja nicht auf die Personen, sondern auf den
Arbeitsertrag gelegt; es zahlt sie also nur derjenige, welcher arbeitet,
und zwar ein jeder Arbeitende genau im Verhltnis seiner
Arbeitsleistung; wer aber arbeitet, der benutzt Kapital und zwar genau
im Verhltnis seiner Arbeitsleistung. Ich drfte z. B. dreimal soviel
Steuer zahlen, als der Feldarbeiter dort, jedoch nur aus dem Grunde,
weil ich den dreifachen Ertrag aus meiner Arbeit ziehe und folglich
dreifach so starken Vorteil von der Kapitalbenutzung habe.

Aber, Verblendeter! rief Professor Tenax, es ist doch nicht das
Kapital, zu welchem Sie beisteuern, aus welchem Sie Vorteil ziehen, und
nicht das Kapital, aus welchem jener Landmann Vorteil zieht, zu welchem
er beisteuert; Sie zahlen vielleicht fr ihn oder er fr Sie. Wie ich
gehrt habe, seid ihr von der >Ersten Edenthaler Maschinen- und
Transportmittel-Baugesellschaft< gerade im Begriffe, dreiviertel
Millionen Pfund Sterling zu verbauen; was hat der Mann hier davon? Und
doch ist es seine Steuer so gut als die Ihrige, welche dazu herhalten
mu, Ihrer Gesellschaft dreiviertel Millionen Pfund zu borgen. Das ist
eine Ungerechtigkeit, die sich auf die Dauer unmglich anders als durch
den gehssigsten Zwang aufrecht erhalten lt.

Der Landmann dort, erklrte Karl, hat von den dreiviertel Millionen
Pfund, die unsere Gesellschaft verbaut, genau so viel wie ich, d. h.
wohlverstanden im Verhltnis seiner Arbeitsleistung genau so viel wie
ich. Ich habe vorausgesetzt, da jener den dritten Teil meines
Arbeitseinkommens bezieht, folglich steuert er zu unseren Anlagen den
dritten Teil dessen bei, was ich zahle, und es ist klar wie das
Sonnenlicht, da ebenso auch sein Gewinn aus der Anlage den dritten Teil
des meinigen betrgt. Dafr, da das geschehe, sorgt die Freizgigkeit;
_sein_ Nutzen kann dadurch zum Ausdruck gelangen, da der Preis von
Maschinen infolge unseres vermehrten Angebotes sinkt, oder dadurch, da
die Getreidepreise infolge der durch uns bewirkten Vermehrung der
Verkehrsmittel steigen, oder dadurch, da die Arbeitsertrge sich heben,
oder vielleicht auch blo dadurch, da unsere Anlagen ein Sinken der
Arbeitsertrge verhindern, welches ohne dieses eingetreten wre. Fr
alle Flle verteilt sich das schlieliche Endergebnis gleichmig auf
alle Arbeitenden Freilands, und so wahr es ist, da in Freiland niemals
Streit entstehen kann ber die Frage, wem der Gewinn aus der Benutzung
einer bestimmten Bodenflche gehren solle, ebenso wahr ist es, da auch
mit Bezug auf einen gegebenen Kapitalbestandteil niemals fraglich ist,
_wem_, sondern stets nur, _in welcher Verwendungsart er allen_ am besten
nutzbar zu machen sei. Die Kapitalien sind hier geradeso wie der Boden
Gemeingut, sie gehren unter allen Umstnden allen Arbeitenden, und der
Mann dort benutzt daher die Gebude und Maschinen, die wir bauen,
geradeso, wie ich die Speicher und Maschinen benutze, die wir hier in
Obertana vor unseren Augen sehen.

Ich will ber diesen Punkt nicht weiter mit euch streiten, murrte der
Professor. Aber das eine sagt mir noch, da ihr eine Antwort auf alles
habt: mit welchem Rechte verbietet ihr hier den Leuten, Kapital, das sie
allenfalls auf eigene Faust erspart haben mgen, nutzbringend
anzulegen?

Wer verbietet denn das? nahm nun ich das Wort. Es findet sich hier
nur niemand, der einem Kapitalbesitzer dasjenige gewhren wrde, was Sie
unter nutzbringender Verwendung von Kapital verstehen, nmlich Zins.
Niemand wird Ihnen verwehren, so hohe Zinsen zu verlangen als Sie nur
immer wollen, aber freilich wird Ihnen kein Freilnder weder hohen noch
niederen Zins bewilligen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil ihm
jederzeit zinsloses Kapital von seiten des Gemeinwesens zur Verfgung
steht. Um dem zu gengen, was Sie in diesem Punkte Gerechtigkeit nennen,
mte man die Leute _zwingen_, Zins zu zahlen, und das thut Freiland
allerdings nicht.

Ja thut man es denn in Europa? rief erregt Professor Tenax. Solch
grundlose Verdchtigungen und Unterstellungen beweisen in meinen Augen
nichts anderes als die Schwche euerer Sache. Der Zins ist das Ergebnis
eines durchaus freien Verhltnisses von Angebot und Nachfrage, darin
Zwang zu sehen, legt von Selbstverblendung oder bsem Willen Zeugnis
ab.

Wenn dem so ist, wie unser lieber Professor sagt, erklrte jetzt Frau
Wera, so kann ich ihm nur recht geben. Wenn in Europa die Arbeitenden
es vorziehen, Zins fr die Benutzung von anderer Leute Kapital zu
zahlen, anstatt da sie ihr eigenes verwenden, so halte auch ich es fr
unbillig, wenn man da von Zwang spricht.

Diese Leute, welche in Europa anderer Leute Kapital benutzen, thun dies
nicht aus Vorliebe fr fremdes Kapital, belehrte Tenax seine
hinterlistige Freundin, sondern deshalb, weil sie kein eigenes haben.

Das sind also wohl leichtsinnige Verschwender und Prasser, die alles
vergeuden, was sie verdienen, oder Faulpelze, die nichts arbeiten
wollen, whrend die anderen, bei denen sie dann um Kapital betteln
mssen, die Sparsamen und die Fleiigen sind?

So ganz richtig ist auch das nicht, schne Frau, docierte der
Professor, der nun zu merken begann, da ihn seine Freundin -- wie er
glaubte, allerdings ganz unschuldigerweise -- da arg aufs Eis gelockt
habe, der aber doch zu ehrlich und zu verstndig war, um die Frage
kurzweg zu bejahen. Es giebt zwar unter den von Kapital Entblten auch
Verschwender, Trunkenbolde und Miggnger, gleichwie es unter den
Kapitalbesitzern sparsame und fleiige Leute giebt; aber im allgemeinen
kann man doch nicht eigentlich sagen, da dieser Unterschied dasjenige
erklre, worauf es hier ankommt. Ich will sogar zugeben, da im
Durchschnitt die Reichen bei uns mehr verzehren und weniger arbeiten als
die Armen. Jedoch .....

Sonderbar, hchst sonderbar, rief Frau Wera mit erstaunter Miene. Wie
kommt es dann, da jene die Armen und diese die Reichen sind?

Nun, Sie mssen wissen, die Armen haben eben nichts als ihre
Arbeitskraft, und diese allein ist unfruchtbar, whrend den Reichen
dasjenige gehrt, was zur Befruchtung der Arbeitskraft erforderlich ist;
folglich haben sie das Recht, von den Armen dafr, da sie ihnen die
Mittel zur Arbeit geben, Anteil vom Nutzen zu verlangen, und dieser
Anteil vom Nutzen, der sich in ihren Hnden aufhuft, ist es, was sie
reich macht, whrend jene arm bleiben mssen.

Ja, das verstehe ich schon, Herr Professor; jene sind arm, weil sie
nichts haben, und diese sind reich, weil sie viel haben -- das leuchtet
mir ein. Aber Sie entschuldigen schon die Begriffsstutzigkeit einer
Frau, die in frhester Jugend Ihr gesegnetes Europa verlassen hat und
sich in dessen Zustnden und Rechtsgrundstzen nicht mehr ganz genau
zurechtfinden kann. Das, was die Reichen den Armen gegenber
voraushaben, die Mittel zur Arbeit, das sind doch wohl Felder und
Wiesen, Gebude, Maschinen und Gerte, nicht wahr? Da hat also wohl der
liebe Gott die Felder und Wiesen in Europa eigens fr die Reichen
erschaffen, die Huser, Maschinen, und Werkzeuge aber haben die Reichen,
weil sie die Klgeren sind, angefertigt und lassen sich nun all das von
jenen Leuten bezahlen, die wegen ihrer Gottlosigkeit ausgeschlossen sind
vom Besitze der Erde und die berdies dumm genug waren, blo
Nahrungsmittel, nicht aber auch Arbeitsinstrumente zu erzeugen?

Der Professor merkte nun freilich, wo Frau Wera mit ihm hinauswolle und
fing daher an, rgerlich zu werden. Das ist alles hchst
unwissenschaftlich, was Sie da sagen, verehrte Frau, erklrte er. Ob
Gott einen Unterschied zwischen arm und reich macht oder nicht und ob
die Armen es sind, welche die Arbeitsgerte erzeugten, gerade so gut als
die Nahrungsmittel thut hier nichts zur Sache; irgend jemand mu doch
die Erde und die Arbeitsinstrumente besitzen, und das sind eben die
Reichen.

Professor, Professor, sagte nun Frau Wera, die scherzhafte Miene
ablegend und Tenax mit ihren groen, klaren Augen voll anblickend, Sie
bewegen sich da in einem hlichen Cirkel; die Knechtschaft erklren sie
aus der Armut und die Armut aus der Knechtschaft. Wenn es richtig ist,
da die Arbeitenden den Gewinn abtreten mssen, weil ihnen die
Arbeitsmittel fehlen, und wenn ihnen diese fehlen, weil sie den Gewinn
abtreten mssen; dann, so sollte man meinen, versteht es sich doch von
selbst, da der Gewinn ihnen gehrt, wenn sie im Besitze der
Arbeitsmittel sind, und da diese ihnen gehren, wenn sie den Gewinn fr
sich behalten. Oder hat der Gedanke der Freiheit und Gleichberechtigung
etwas gar so Abschreckendes fr Sie, da Sie sich, aller Logik zum Hohn,
gegen ihn struben?

Der Professor wurde purpurrot und antwortete halb flsternd, mit
gesenkten Augen: Sie drfen mit einem alten Manne nicht so schwer ins
Gericht gehen, wenn er sich strubt, berzeugungen abzulegen, die er
durch ein ganzes arbeitsvolles Leben in sich aufgenommen. Soll ich mich
so leicht entschlieen, als unsinnig zu verwerfen, was ich ein
Menschenalter hindurch Tausenden und Abertausenden von Zglingen als
Quintessenz allerhchster Weisheit angepriesen? Auch kommt mir der
Umschwung zu pltzlich, er widerstreitet meinen Vorstellungen von der
Notwendigkeit organischer historischer Entwickelung aller menschlichen
Dinge. Man macht doch schlielich eine neue Gesellschaftsordnung nicht
wie eine neue Maschine in der Fabrik und ich kann an dieses Freiland
nicht glauben, da es eine knstliche Schpfung ist, das Werk von
Menschen, die sich eigens zu dem Zwecke vereinigten, die Sache so und
nicht anders einzurichten, whrend meine Weltanschauung mich lehrt, da
nur das organisch Gewordene vernnftig und dauerhaft sein kann.

Auch dieses Bedenken ist nur die letzte Schanze Ihres Vorurteils,
antwortete unerbittlich die junge Frau. Da gesellschaftliche
Neugestaltungen, um vernnftig und dauerhaft zu sein, nicht knstlich
gemacht, sondern organisch entwickelt sein mssen, ist allerdings
richtig; aber welcher Organe soll sich denn der Genius der Menschheit
bedienen, wenn er eine dem Untergang verfallene, berlebte
Gesellschaftsform in eine neue, lebensfhige hinberfhren will, wenn
nicht der Menschen? Verstehen Sie unter natrlichem Werdeproze in der
menschlichen Entwickelungsgeschichte nur solche Gestaltungen, die sich
ohne Zuthun der Menschen ins Werk setzten? Soll wirklich nur die
Dummheit, die trge Gedankenlosigkeit, die geduldig das Heute trgt,
weil es dem Gestern gleicht, soll _sie_ die einzig berechtigte Kraft in
der menschlichen Geschichte sein? Ich verstehe den Satz von der
Notwendigkeit organischer Entwickelung gesellschaftlicher Neubildungen,
dahin, da die Neubildungen das natrliche und vernnftige Ergebnis
genderter Existenzbedingungen der Menschheit sein mssen. Aber dieses
Ergebnis mu trotz alledem und alledem durch Menschen herbeigefhrt
werden; es wchst nicht gleich den Bumen des Waldes oder den Blumen der
Wiese, so wenig, als die Gestaltungen euerer brgerlichen Weltordnung
ohne das Zuthun von Menschen zu stande kamen und sich in Kraft erhalten.
Oder sehen Sie etwa als notwendiges Erfordernis gedeihlicher
gesellschaftlicher Neubildung an, da sie mit Blut begossen, durch den
Donner der Kanonen eingelutet werde? Widersetzt euch nur fernerhin
demjenigen, was zu thun unbefangenes Nachdenken und gesunder
Menschenverstand von euch fordern, und ihr werdet bei euch da drauen
der Feuer- und Bluttaufe wahrlich nicht entgehen. Wir aber halten unsere
Schpfung deshalb fr nicht minder lebensfhig, weil sie auf friedlichem
Wege zu stande gekommen, und wenn wir, um dies zu ermglichen, Gebiete
aufsuchten, wo Unverstand und bser Wille uns nicht hindernd in den Weg
treten konnten, so haben wir auch damit nur gethan, was thatkrftige,
entschlossene Menschen in hnlichen Verhltnissen alle Jahrtausende
hindurch thaten und wofr als letztes groartigstes Beispiel die
Grndung der Vereinigten Staaten von Nordamerika in der Geschichte
verzeichnet steht.

Professor Tenax hatte den letzten Teil dieser sich ber sein Haupt
ergieenden Strafrede schweigend, in tiefe Gedanken versunken, angehrt.
Nach einer Weile reichte er uns allen die Hand, nahm darauf Frau Weras
Arm unter den seinen, und wir schlugen den Weg nach dem Bahnhofe von
Obertana ein, um den nach Edenthal gehenden Zug zu besteigen.




                           Zwlftes Kapitel.

                       Eine Grndung in Freiland.


Wer vom freilndischen Gemeinwesen Land und Kapital zur Inswerksetzung
eines Unternehmens haben will, der mu, er mag nun allein sein oder
Genossen seines Planes bereits gefunden haben, der Centralbank all seine
Wnsche und Absichten bekannt geben; diese verffentlicht die ihr
gewordene Mitteilung und ruft daraufhin eine Generalversammlung ein, an
welcher jedermann teilnehmen kann, der sich fr das Unternehmen
irgendwie interessiert. Es war nun letzthin in den Blttern die
Ankndigung zu lesen, da ein krzlich aus Amerika eingewanderter
Ingenieur mit einer Anzahl Genossen, die sich ihm teils schon in
Amerika teils in Freiland angeschlossen, zur Grndung einer
Luftschiffahrtgesellschaft 600000 Pfund Sterling verlangte. Seine Ideen
waren von verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften Europas und
Amerikas fr undurchfhrbar erklrt worden und auch die freilndische
Verwaltungsbehrde fr gemeinntzige Unternehmungen mitsamt dem dazu
gehrigen Vertretungskrper, denen er sein Projekt vorgelegt, hatten
sich ablehnend verhalten. Er beschritt daher den Weg der Selbsthilfe,
verffentlichte eine umstndliche Beschreibung seiner Erfindung und
forderte diejenigen, die gleich ihm an die Mglichkeit einer praktischen
Verwirklichung des Gedankens glaubten, auf, sich ihm anzuschlieen.

Mich interessierte die Sache sowohl um ihrer selbst willen als auch weil
ich bei diesem Anlasse sehen wollte, wie sich die freilndischen
Einrichtungen einem so gewagten Unternehmen gegenber bewhren wrden,
und ich beschlo daher an der Generalversammlung teilzunehmen.

Die Idee des Erfinders war sinnreich, aber sie leuchtete mir nicht in
allen Einzelheiten ein, und angesichts der Hhe des zu dem Experimente
geforderten Betrages fand ich es ganz begreiflich, da unsere Behrden
die Verantwortung scheuten, eine solche Summe aus den Mitteln des
Gemeinwesens zu bewilligen. Dagegen fand ich es nicht mehr als billig,
da dem Manne Gelegenheit geboten werde, mit Hilfe der ffentlichen
Meinung seinen Gedanken zu erproben, und ich war entschlossen, mich
selbst an dem Versuche zu beteiligen.

Bei der Generalversammlung fanden sich nahe an zweitausend Personen ein,
die alle durch ihr bloes Erscheinen Stimmrecht in derselben besaen.
Whrend aber bei allen andern Arten von Generalversammlungen keinerlei
Unterschied zwischen den Teilnehmern gemacht wird, ist es bei den
Grnderversammlungen Grundsatz, da diejenigen, welche die Gefahr der
Grndung auf sich nehmen wollen, dies ausdrcklich erklren; ihre Stimme
hat deshalb nicht greres Gewicht als die der andern Mitglieder der
Generalversammlung, diese Bestimmung aber ist ntig, damit das
Gemeinwesen sowohl als die sich fr den Gegenstand interessierende und
durch die andern Mitglieder der Generalversammlung vertretene
ffentliche Meinung sich ein Urteil darber bilde, welche Deckung das
Gemeinwesen fr die geforderten Kredite unter allen Umstnden finden
werde, falls das Unternehmen zu Grunde gehen sollte, noch bevor es zu
arbeiten begonnen oder gengend zahlreiche Genossen seiner Arbeit
gefunden, um den Schaden der Auflsung decken zu knnen. Denn im Sinne
des  6 der freilndischen Gesellschaftsstatuten wird bekanntlich der
Schaden unter die Mitglieder jeder Association nach Magabe des auf ein
jedes entfallenden Gewinnes verteilt. Wenn nun ein Unternehmen zu Grunde
geht, bevor es berhaupt Gewinne zur Verteilung gebracht hat, oder wenn
diese Gewinnverteilung unter einer so geringen Anzahl von Personen
stattgefunden haben sollte, da die vom Schaden Betroffenen auer stande
wren, Ersatz zu leisten, so htte das Gemeinwesen das Nachsehen, das
Unternehmen wre thatschlich nicht auf Kosten der Unternehmer, sondern
auf Kosten der Gesamtheit ins Werk gesetzt. Eine solche Vorsorge ist
umso notwendiger, als es Grundsatz der freilndischen Kreditgebarung
ist, da niemand wegen welcher Kapitalverluste immer zu einer hheren
jhrlichen Abzahlung an das Gemeinwesen verpflichtet werden knne, als
dem Werte einer Jahresstunde entspricht. Das heit mit anderen Worten:
es darf niemand wegen Verschuldung an das Gemeinwesen eine Last
aufgebrdet werden, welche dem Werte nach die tgliche Mehrarbeit einer
Stunde bersteigt. Da nun der durchschnittliche Stundenwert derzeit fnf
Mark betrgt und auf das Jahr zweihundertundfnfzig Arbeitstage
gerechnet werden -- es kommen nmlich von den dreihundertfnfundsechzig
Tagen des Jahres die zwei Ferienmonate und die Feiertage in Abzug -- so
stellt sich das Maximum der Abschlagszahlungen, zu denen ein Freilnder
wegen Verlustes von ihm beanspruchter Kapitalien angehalten werden kann,
derzeit auf zwlfhundertundfnfzig Mark im Jahre.

Bei Neugrndungen ist es also notwendig, da sich eine dem geforderten
Kapitale entsprechende Menge von Teilnehmern finde, die von vornherein
erklren, da sie ohne Rcksicht darauf, ob ein spterhin entstehender
Verlust durch die Gewinnanteile der Beteiligten Deckung fnde oder
nicht, dem Gemeinwesen fr die Abtragung der geforderten Summe haften --
welche Haftpflicht natrlich erlischt, sowie die Verteilung
des Verlustes im Sinne des Absatzes 6 des freilndischen
Gesellschaftsstatuts mglich wird, ohne irgend einen der Betroffenen mit
mehr als dem Werte einer Jahresstunde zu belasten.

Da es sich im vorliegenden Falle um zwlf Millionen Mark handelte, die
nach der Beschaffenheit der geplanten Anlagen in zwanzig Jahren
amortisiert werden sollten, so htten sich 240 grndende Mitglieder
melden mssen, damit die geforderte Summe von vornherein Deckung finde.
Das war nun thatschlich nicht der Fall; es meldeten sich nur 85
Personen, die so viel Vertrauen in die Durchfhrbarkeit des Planes oder
so viel Enthusiasmus fr die ihm zu Grunde liegende Idee besaen, um
sich der Gefahr auszusetzen, zwanzig Jahre hindurch mit einer 1250 Mark
erreichenden Ersatzpflicht belastet zu werden. Auch hatte das
Unternehmen in der Versammlung zahlreiche energische Gegner, die
haarscharf bewiesen, da der ganze Plan theoretisch und praktisch
unsinnig sei und da es thrichte Vergeudung der ffentlichen Mittel
wre, sie an die Verwirklichung eines derartigen Hirngespinstes zu
setzen. Wenn sich -- erklrten diese Gegner -- 240 Thoren gefunden
htten, um ihre eigenen Krfte fr die Sache einzusetzen, so mte man
sie zwar bedauern, knnte aber nichts dagegen vorkehren, da es natrlich
jedermanns Recht sei, mit seinen eigenen Mitteln anzufangen, was ihm
beliebt; da dies jedoch glcklicherweise nicht geschehen, so mge der
Erfinder das Publikum fernerhin mit seinen Chimren nicht in Versuchung
fhren. Ich konnte dieser Beweisfhrung, trotzdem sehr tchtige
Fachmnner sie vertraten, nicht in allen Stcken beipflichten. Wie
bereits zugegeben, bezweifelte ich einigermaen die Richtigkeit aller
Voraussetzungen des Erfinders, aber zwingende Beweiskraft vermochte ich
auch den Argumenten der Gegner nicht zuzuerkennen, und ich erinnerte
mich daran, da es Fachmnner waren, die Galilei zum Widerruf gezwungen
und den Erfinder des Dampfschiffes, Foulton, fr einen Narren erklrt
hatten. Ich war der Ansicht, da die Groartigkeit der Idee in einem so
reichen Gemeinwesen, wie es Freiland ist, eines Versuches wohl wert sei
und fhlte mich in dieser Ansicht umsomehr bestrkt, als ich sah, da
unter den fnfundachtzig Genossen des Erfinders sich einige Mnner
befanden, deren Urteil in Sachen der Flugtechnik mir denn doch zum
mindesten beachtenswert erschien. Ich trat also nicht blo den Grndern
bei, sondern schlo mich, als es zur Abstimmung kam, denjenigen an, die
trotz der mangelnden Kapitaldeckung doch dafr waren, da die geplante
Gesellschaft den geforderten Kredit erhalte; es war die Majoritt, die
sich in diesem Sinne aussprach.

Die Folge eines solchen Beschlusses ist nach freilndischem Rechte, da
die Sache zunchst vor die Verwaltungsbehrde und den Vertretungskrper
fr gemeinntzige Angelegenheiten kommt, d. h. wohlverstanden nur, wenn
es sich, wie im vorliegenden Falle, um eine Grndung handelt, deren
Kapitalbedarf nicht volle Deckung gefunden hat. Andernfalls wre die
Sache mit dem Beschlusse der Generalversammlung erledigt gewesen, die
Verpflichtung der Centralbank zur Gewhrung der erforderlichen Kredite
unmittelbar in Kraft getreten. So aber, wie die Dinge hier lagen, muten
die gewhlten Vertreter des Gemeinwesens sich ber den von der
Generalversammlung gefaten Beschlu aussprechen. Stimmen sie ihm zu, so
ist die Grndung vollzogen; lehnen sie ihn ab, so haben die Grnder das
Recht, eine neuerliche Generalversammlung zu fordern, in welcher dann
die ffentliche Meinung endgltig ihr Urteil abgiebt. Im vorliegenden
Falle geschah das letztere. Der Vertretungskrper fr gemeinntzige
Angelegenheiten sprach sich infolge des ihm von der Verwaltungsbehrde
unterbreiteten Gutachtens gegen die Gewhrung des geforderten Kredites
aus und es kam thatschlich zu einer neuen Generalversammlung.
Inzwischen hatte sich die Zahl der haftenden Genossen des Erfinders
auf 152 erhht und die von nahezu 8000 Personen beschickte
Generalversammlung besttigte mit berwltigender Mehrheit den Beschlu
ihrer Vorgngerin. Es war offenbar, das freilndische Volk wollte etwas
daran wagen, um eine so groartige Erfindung zu erproben, und ich will
hier nur nebenbei erwhnen, da der Erfolg der Volksstimme nachtrglich
Recht gab. Der Gedanke des Erfinders bewhrte sich zwar nicht vollkommen
in der von ihm vorausgesehenen Weise, sein Unternehmen milang, aber die
bei den angestellten Versuchen gemachten Erfahrungen waren so wichtiger
und so einschneidender Art, da der nmliche Vertretungskrper, der
wenige Monate zuvor den Versuch hindern wollte, einstimmig einen Antrag
annahm, der darauf hinauslief, den Grndern das ganze Unternehmen
verlustlos abzulsen und die begonnenen Experimente auf Kosten des
Gemeinwesens fortzufhren; der von der Majoritt seiner Fachkollegen
noch krzlich als unzurechnungsfhiger Querkopf behandelte Erfinder
wurde von diesen nmlichen Fachkollegen zum obersten Leiter dieser
wichtigen Versuchsanstalt ernannt.

Unser Freund Tenax, der sich mehr und mehr als Freilnder zu fhlen
begann und auch nach Mglichkeit an allen ffentlichen Angelegenheiten
teilnahm, dabei aber sein Rsonnieren den smtlichen freilndischen
Einrichtungen gegenber noch nicht lassen konnte, war bei den zwei
Generalversammlungen mit dabei gewesen, hatte in der ersten eifrig gegen
den Erfinder gesprochen und gestimmt, in der zweiten dagegen sein Votum
fr ihn abgegeben. Als ich mich damals nach den Beweggrnden seiner
Handlungsweise bei ihm erkundigte, meinte er, er habe den Mann
ursprnglich fr einen Gauner gehalten, der blo darauf ausginge, der
freilndischen Centralbank 600000 Pfund Sterling zu entlocken und sich
dann aus dem Staube zu machen. Denn das -- so rief er triumphierend --
ist einer der wunden Punkte Eueres Kreditsystems. Ihr habt an alles
gedacht, nur daran nicht, da es auch Spitzbuben in der Welt giebt, und
da wollte ich denn nach Mglichkeit vorbeugen.

Seien Sie ruhig, Professor, trstete ich den alten Herrn, Spitzbuben
vermgen unserer Bank nichts anzuhaben.

Oho! rief Professor Tenax, bekommt hier nicht jedermann Geld, soviel
er will und zu welchem Zwecke immer, ohne das Euere Centralbank auch nur
das Recht hat, bei der Verwendung des Geldes dem Schuldner auf die
Finger zu sehen?

Vor allem, verehrter Freund, bekommt jedermann, wie Sie soeben zu sehen
Gelegenheit hatten, fr eigene Rechnung unbedingt nur soviel, als er
vernnftigerweise abzuzahlen in der Lage ist; fordert er mehr, so hat
unsere Centralbehrde bereits das Recht, sich seine Zwecke etwas nher
anzusehen, und der Betreffende mte es besonders schlau anstellen, wenn
er diese Behrde mitsamt der ffentlichen Meinung so grndlich hinters
Licht zu fhren vermchte. Will jemand eine grere Summe haben, so mu
er sich Genossen suchen und es hat auerdem fr alle Flle jedermann das
Recht, sich ihm sowohl als seinen Genossen jederzeit anzuschlieen.
Diese Genossen berwachen ihn, nehmen Einblick in alle seine Schritte,
setzen ihm Kollegen in der Leitung an die Seite, was an sich schon
gengt, um verbrecherische Plne eines einzelnen zu durchkreuzen. Aber
setzen wir selbst den Fall, da jemand ein ganzes Konsortium von Gaunern
auf die Beine bringt. Nehmen wir beispielsweise an, da alle die
hundertzweiundfnfzig, die sich dem Erfinder da angeschlossen haben,
geriebene, abgefeimte Schurken wren; was ntzt das den Leuten? Sie
haben jetzt einen Kredit von 600000 Pfund, aber zu welchem Zwecke und in
welcher Weise? Glauben Sie, da die Centralbank den Herren 600000
Pfund Sterling auf den Tisch zhlt? Die Centralbank wird
den Baugesellschaften, welche die Fabriksanlagen der neuen
Luftschiffahrtsgesellschaft errichten, den Maschinenwerksttten, die ihr
die Einrichtungen liefern, Zahlung leisten; wo ist da Raum fr Betrug?
Ich gebe Ihnen zu, da die Leute vielleicht Maschinen im Auslande
bestellen und bei dieser Gelegenheit durch betrgerische Machenschaften
mit betrgerischen Fabrikanten irgend etwas auf die Seite bringen
knnten; im groen Stile drften sie das schwerlich betreiben, ohne den
ffentlichen Verdacht auf sich zu lenken, womit dann natrlich -- immer
ohne die geringste Einmischung der Centralverwaltung -- ihr Spiel rasch
ein Ende htte. Doch sehen wir selbst davon ganz ab, nehmen wir an, die
Herren stellten es so schlau an, da niemand ihnen hinter ihre Schliche
kme, trotzdem sie einen recht namhaften Teil des ihnen erffneten
Kredits unterschlagen htten -- _wem_ unterschlagen sie das? Doch nur
sich selbst; mehr, als wofr sie haften, wird ihnen zu stehlen gewi
nicht gelingen. Oder meinen Sie vielleicht, da die Gauner, wenn sie
einen Fischzug gemacht haben, das Weite suchen knnten, in welchem Falle
dann das Gemeinwesen trotz der Haftpflicht der Unternehmer das leere
Nachsehen htte? Halten Sie es fr mglich, da es zurechnungsfhige
Menschen giebt, die, um eines solchen Gewinnes willen Freiland den
Rcken kehren und sich der brgerlichen Welt berantworten? Die Sache
lst sich in ein ganz einfaches Rechenexempel auf. Was knnen die Leute
hier stehlen? uerstenfalls den Wert _einer_ Stunde; und dafr sollten
sie auf die fnf, sechs andern Stunden ihres Arbeitswertes verzichten?
Denn sowie sie Freiland den Rcken kehren, haben sie diesen Wert selbst
vernichtet oder doch zum mindesten auf jenes Ausma des Elends
herabgedrckt, wie es in der brgerlichen Welt der Anteil des
Arbeitenden ist. Menschen, die dessen fhig wren, knnten keine
Schlaukpfe, sondern nur Tlpel sein, die nicht einmal ber das
Einmaleins hinaus sind, und solche sind -- als Betrger zum mindesten --
nicht gefhrlich. Aber ich bestreite, da selbst der rgste Tlpel,
sofern nur ein Rest von Menschentum in ihm steckt, um welchen Preis
immer dazu zu haben wre, die freie Atmosphre dieses Landes mit der
Kerkerluft der brgerlichen Welt zu vertauschen.

Nun ereifern Sie sich nur nicht wieder, begtigte mich Professor
Tenax. Wenn es Ihnen Vergngen macht, gebe ich zu, da meine
Besorgnisse nach dieser Richtung berflssig gewesen. Betrger sind die
Herren von der Luftschiffahrtgesellschaft nicht, dafr aber sind es
herzlich unpraktische Leute. Sehen Sie, ich bin doch ein Kathedermensch
und habe mit Geschften eigentlich niemals etwas zu thun gehabt; aber
eine solche Gefahr einzugehen, wie das die hundertundzweifnfzig thun,
und dabei nicht den geringsten Vorteil fr sich auszubedingen, aller
Welt das Recht offen halten, am Gewinne, den ich unter Einsatz meiner
Mittel ermglicht habe auf gleichem Fue teilzunehmen, das wre doch
nicht nach meinem Geschmack. Nebenbei will ich auch bemerken, da es in
meinen Augen gerade kein Zeugnis fr die hier herrschende
Gerechtigkeitsliebe ist, da man eine solche Verteilung von Gefahr und
Gewinn als etwas Selbstverstndliches betrachtet.

Ich kann Sie auch in diesem Punkte beruhigen, entgegnete ich. Haben
Sie nicht bemerkt, da jener Absatz des Gesellschaftsstatuts, in welchem
vom Alterszuschlage der Genossen die Rede zu sein pflegt, in dem soeben
zur Annahme gelangten Statut der Luftschiffahrtsgesellschaft offen
gelassen wurde?

Allerdings, und das ist es gerade, was ich so beraus thricht finde;
die Leute verzichten selbst auf jenen geringfgigen Zuschlag, den
berall die lteren Teilnehmer einer Gesellschaft genieen, whrend ich
in der Ordnung finden wrde, da hier, wo mit der Grndung so groe
Gefahr verknpft ist, der Vorzug der ersten Teilnehmer grer sei als
sonst der Alterszuschlag.

Das finden wir hundertzweiundfnfzig ersten Teilnehmer der
Luftschiffahrtgesellschaft auch und gerade deshalb haben wir diesen
Punkt einstweilen offen gelassen; wir wissen noch nicht, was wir fordern
sollen, und haben es daher fr das Beste gehalten, darber einstweilen
zu schweigen. Gelingt das Unternehmen, lt sich ber Bedeutung und
Tragweite eines in die Statuten aufgenommenen Zuschlagrechtes ein Urteil
bilden, dann werden wir Grnder mit unseren Forderungen hervortreten.

Und das nennen Sie praktisch, das nennen Sie vernnftig? Diese heutige
Generalversammlung, bei welcher auer den Grndern niemand zugegen war,
der sich am Unternehmen thtig beteiligen wrde, wre geneigt gewesen,
jeden beliebigen Alterszuschlag zu votieren; nach Jahresfrist, wenn das
Unternehmen dann gelungen sein sollte, wenn es sich herausstellt, da
hier Tausende von Arbeitern lohnende Beschftigung finden, dann mit
diesen Arbeitern, die auf ihre Kosten euch ersten hundertzweiundfnfzig
etwas bewilligen sollen, ber das Ausma dieser Bewilligung verhandeln,
ist doch jedenfalls sehr unklug.

Diese Frage hat auch mir einen Moment lang zu denken gegeben, aber die
Antwort liegt ziemlich nahe. Uns Grndern htte es auf der einen Seite
nichts gentzt, wenn uns diese erste grndende Versammlung welchen
Zuschlag immer bewilligt htte, weil jede folgende ihn widerrufen kann;
und wir brauchen auf der andern Seite nicht zu frchten, da sptere
Generalversammlungen, in denen die Genossen den Ausschlag geben, uns in
dem, was die ffentliche Meinung dazumal fr billig halten wird,
verkrzen werden, weil die Freizgigkeit uns in solchem Falle Hilfe
schfe. So gut sich hier bei dieser ersten Gelegenheit Tausende
eingefunden haben, um eine Gesellschaft, welche sie interessiert,
begrnden zu helfen, ebenso wrden spterhin sicherlich Tausende sich
bereit finden, helfend in eine Generalversammlung einzutreten, wo man
billige Ansprche von Personen miachten wollte, die unter dem Einsatz
ihrer Mittel die Verwirklichung einer gemeinntzigen Idee ermglicht
haben. Nehmen Sie an, da die zuknftigen Flugmaschinen zwar im Prinzipe
gelungen, aber doch so geartet sind, da sie praktisch nicht sehr groe
Verwendung finden knnen, so wird der Absatz des Unternehmens ein
geringfgiger bleiben und selbst ein verhltnismig hoher Zuschlag
nicht viel tragen; stellen Sie sich umgekehrt vor, da Zehntausende von
Arbeitern notwendig werden, um dem Bedarfe nicht nur von Freiland,
sondern der ganzen Welt nach diesem zuknftigen Flugapparate zu gengen,
dann htte auch ein geringfgiger Grnderzuschlag enormen Wert. Setzen
wir nun den Fall, da man, auf einen migen Absatz rechnend, einen
zehnprozentigen Grnderzuschlag durch -- sagen wir -- zwanzig Jahre
heute fr billig halten wrde und es stellte sich dann heraus, da
dieser zehnprozentige Zuschlag, statt wenige Tausende Mark im Jahre zu
tragen, Hunderttausende von Mark jhrlich erreicht, glauben Sie dann,
da es billig wre, diese hundertzweiundfnfzig Personen dafr, da sie
schlimmsten Falls 1250 Mark im Jahre aufs Spiel setzten, mit je 100000
Mark jhrlich zu belohnen? -- Ebenso unbillig, als es umgekehrt wre,
wenn man unter der Voraussetzung, da der Absatz sehr gro sein werde,
einen sehr migen Grnderzuschlag festgestellt htte und sich dann
herausstellte, da dieser Zuschlag in Wahrheit ein Bettel sei, der nach
unten zu auer Verhltnis steht mit der bernommenen Gefahr. Wir Grnder
thun also ganz wohl daran, uns auf die ffentliche Meinung zu verlassen;
wir werden unter allen Umstnden erhalten, was diese als billig
erachtet.




                          Dreizehntes Kapitel.

         Die Verfassung von Freiland; die freilndische Steuer.


Im Monat September finden hier die Wahlen fr die verschiedenen
Vertretungskrper statt. Die freilndische Verwaltung ist nmlich in der
Weise eingerichtet, da jeder Zweig des ffentlichen Dienstes fr das
ganze Land in je _einer_ obersten Centralstelle zusammengefat ist, die
verschiedenartigen Verwaltungszweige dagegen durchaus unabhngig
voneinander arbeiten und auch deren berwachung nicht durch einen
einheitlichen, sondern durch gesonderte Vertretungskrper vor sich geht.
Es giebt zwlf solcher unabhngiger Verwaltungszweige, nmlich:

    1.  Prsidium.
    2.  Versorgungswesen.
    3.  Unterricht.
    4.  Kunst und Wissenschaft.
    5.  Statistik.
    6.  Straenbau und Verkehrswesen.
    7.  Post und Telegraph.
    8.  Auswrtige Angelegenheiten.
    9.  Lagerhaus.
   10.  Centralbank.
   11.  Gemeinntzige Unternehmungen.
   12.  Gesundheitspflege und Justiz.

Dementsprechend bestehen zwlf oberste Verwaltungsbehrden, mit je einem
Vorstande an der Spitze, und zwlf Vertretungskrper, aus deren Mitte
die Verwaltungsvorstnde gewhlt werden, die dann ihrerseits ihre
Unterbeamten ernennen.

Jeder volljhrige Freilnder -- Mann oder Weib -- hat das Wahlrecht fr
smtliche Vertretungskrper; nur ben die wenigsten dieses ihnen
zustehende Recht fr alle zwlf Vertretungen aus, vielmehr giebt
jedermann seine Stimme nur in jenen Wahlkrpern ab, fr deren
Angelegenheiten er sich interessiert und Verstndnis zu besitzen glaubt.
Die Frauen z. B. kmmern sich zumeist um die Wahlen fr die
Lagerhausverwaltung oder fr die Centralbank nicht, stimmen auch fr
Straenbau und Verkehrswesen, Post und Telegraph nur in geringer Zahl,
whrend z. B. bei Wahlen fr das Unterrichtswesen ihre Stimmen in der
Regel den Ausschlag geben. Man geht hier nmlich von dem Grundsatze aus,
da es zwar jedermanns Pflicht sei, sich um die ffentlichen
Angelegenheiten zu kmmern, aber eben nur um diejenigen, fr welche man
Interesse und Verstndnis besitzt; es gilt fr unehrenhaft, sich dem
ffentlichen Leben fernzuhalten, aber fr ebenso unehrenhaft, sich in
Angelegenheiten zu mengen, von denen man nichts versteht. Die Folge
davon ist, da alle ffentlichen Angelegenheiten in den Hnden
Sachverstndiger ruhen und da beinahe berall diejenigen den Ausschlag
geben, die bei den Entscheidungen, um die es sich jeweilig handelt,
zunchst interessiert sind.

Das wre in den Staaten der brgerlichen Welt ein ungeheueres Unglck.
Denn da dort jedermann bestrebt ist und bestrebt sein mu, seinen
Vorteil auf Kosten anderer zu suchen, so htte eine derartige
Machtverteilung zu bedeuten, da das Publikum wehrlos den
Ausbeutungsgelsten derjenigen berantwortet wre, die irgendwie in der
Lage sind, sich auf seine Kosten zu bereichern. Man stelle sich einmal
ein europisches Land vor, in welchem die Fabrikanten ber Fabrikation,
die Landwirte ber Landwirtschaft, die Bankleute ber Bankwesen Gesetze
zu machen und deren Ausbung zu berwachen die Macht besen, ohne da
sie den Widerstand der nicht direkt Beteiligten zu frchten
brauchten! Hier in Freiland sind hnliche Ausbeutungsgelste ganz
undenkbar. Was wrde es z. B. freilndischen Fabriks- oder
Landwirtschaftsgesellschaften ntzen, ihre Erzeugnisse durch Schutzzlle
zu verteuern? Sie htten damit den anderen das Produzieren erschwert,
die Arbeit von den von Natur aus ertragreichsten auf minder ertragreiche
Arbeitszweige gelenkt, ohne die Sondervorteile aus den geschtzten
Produktionen fr sich behalten zu knnen. Da hier jedermanns Nutzen mit
dem aller Welt notwendigerweise in bereinstimmung bleiben mu, so kann
man in allen Stcken die Wahrung des allgemeinen Nutzens denjenigen
berlassen, die sich auf ihren Nutzen aus einer gerade in Frage
stehenden Angelegenheit am besten verstehen, und das sind natrlich
allemal diejenigen, welche bei der fraglichen Sache am unmittelbarsten
interessiert sind. Setzen wir z. B. den Fall, da es sich in Europa um
den Bau einer neuen Eisenbahn handle; wre es dort mglich, diesen Bau
von der Meinung derjenigen abhngig zu machen, deren Lndereien und
Gewerke von der neuen Linie berhrt werden sollen? Sie wrden fr den
Bau stimmen, auch wenn die Vorteile desselben fr die Gesamtheit in gar
keinem Verhltnisse zu den Lasten stnden, sofern nur die fr sie selbst
aus diesem Bau erwachsende Last durch den fr sie selbst daraus
erwachsenden Vorteil bertroffen wird. In Freiland dagegen knnen auch
die unmittelbar Beteiligten nicht wnschen, da eine Bahn gebaut werde,
die der Gesamtheit weniger ntzt als sie kostet, weil sich hier Nutzen
wie Kosten unter allen Umstnden gleichmig auf alle Mitglieder des
Gemeinwesens, auf ein jedes nach Magabe seiner Arbeitsleistung,
verteilen, und der einzige Unterschied zwischen den zunchst Beteiligten
und allen anderen Bewohnern von Freiland besteht in diesem Punkte blo
darin, da die ersteren am besten in der Lage sind, den Nutzen der in
Frage stehenden Anlage richtig zu beurteilen und abzuwgen.

Daraus geht aber des ferneren hervor, da es sich hierzulande bei allen
Wahlen niemals darum handeln kann, einer bestimmten politischen Richtung
zum Siege zu verhelfen, sondern immer nur darum, sachverstndige Mnner
zu whlen. Es kann daher wohl Meinungsverschiedenheiten ber die Eignung
verschiedener Bewerber um eine zu vergebende Stelle, niemals aber
Interessengegenstze und Parteikmpfe geben. Auch in Freiland geschieht
es, da der eine fr ntzlich hlt, was der andere fr schdlich
erachtet, aber es ist immer der nmliche Nutzen beider, ber welchen
diese Meinungsverschiedenheiten entstehen mgen und beide Teile mssen
daher stets in dem Wunsche bereinstimmen, die Entscheidung den
Klgsten, Bestunterrichteten, Sachverstndigsten in die Hnde zu geben.

Die Ausbung des freilndischen Wahlrechtes ist nicht an den Nachweis
eines lngeren Aufenthaltes im Lande geknpft; ich war schon Whler,
obgleich ich noch nicht ganz vier Monate in Freiland weilte. Aber da mir
als Neuling die Kandidaten fr die anderen Vertretungskrper noch fremd
waren, so beschrnkte ich mich darauf, meine Stimme fr die mir
bekannten Bewerber um die Mandate fr Straenbau und Verkehrswesen und
fr gemeinntzige Unternehmungen abzugeben. Nebenbei will ich noch
bemerken, da der erstere Vertretungskrper 120, der letztere 146
Abgeordnete zhlt, wie denn berhaupt die zwlf Vertretungskrper sehr
verschieden an Zahl sind. Sie halten alle gesondert ihre Beratungen und
zwar meist in verschiedenen Sitzungsperioden. Die zwlf Verwaltungschefs
beraten die wichtigeren Angelegenheiten gemeinsam, vertreten sie aber
gesondert vor ihren Parlamenten; doch haben auch diese das Recht,
gemeinsame Beratungen zu fordern, was allemal dann geschieht, wenn sich
der eine Vertretungskrper fr Angelegenheiten interessiert, die vor
einem andern zur Beratung stehen. Da der bloe Wunsch welches
Vertretungskrpers immer nach solch gemeinsamer Behandlung, die
fragliche Angelegenheit der bereinstimmenden Entscheidung beider oder,
wenn es zufllig mehrere Vertretungskrper sein sollten, die mit bezug
auf die nmliche Angelegenheit einen solchen Wunsch uern, aller
sich fr denselben Interessierenden unterwirft, so sind
Kompetenzstreitigkeiten zwischen den _Vertretungs_krpern gnzlich
ausgeschlossen. Allenfalls auftauchende Kompetenzfragen der
_Verwaltungs_krper entscheidet das Prsidium.

Bei der Einteilung der freilndischen Verwaltungszweige wird dem
Auslnder zunchst auffallen, da jene zwei Aufgaben der ffentlichen
Verwaltung, die in den europischen Lndern die grte Kraft und die
grte Aufmerksamkeit des Staates fr sich beanspruchen, nmlich Finanz-
und Militrwesen, gar nicht vertreten erscheinen.

Was nun zunchst das fehlende Finanzministerium anlangt, so vertritt
dessen Stelle in Freiland hchst wirksam die Centralbank. Sie ist es,
die alle Einnahmen aller Bewohner des ganzen Landes noch vor diesen
selbst in Hnden hat; es bedarf daher keiner Steuereinnehmer, um die
Abgaben einzutreiben; es gengt zu diesem Behufe, da die Centralbank
sie den Abgabepflichtigen zu Lasten und dem Gemeinwesen zu gunsten
schreibe.

Auch das Fehlen eines Kriegsministeriums darf nicht dahin ausgelegt
werden, als ob es Freiland an allen militrischen Vorkehrungen zur
Wahrung seiner Sicherheit nach auen fehle. Die Freilnder haben eine
Armee und zwar, wie ich glaube, heute schon, trotzdem die
Bevlkerungszahl zweiundeinhalb Millionen Seelen noch nicht
berschritten hat, eine geradezu formidable Armee, die jeden, auch den
mchtigsten Feind, der es wagen wrde, Freiland anzugreifen, mit
Leichtigkeit zerschmettern knnte. Nur ist es nicht eine
Kriegsverwaltung, sondern -- dem Auslnder mag das seltsam erscheinen --
die Unterrichtsverwaltung, welche mit dieser Armee zu thun hat. hnlich
wie bei den alten Griechen nimmt nmlich in der Jugenderziehung die
Ausbildung jeglicher Art krperlicher Tchtigkeit und darunter denn auch
der Tchtigkeit in der Handhabung von Waffen eine hervorragende Stelle
ein. Von der Mittelschule angefangen werden in eigens dazu
eingerichteten groartigen Anstalten die Knaben und Jnglinge Freilands
tglich durch mindestens zwei Stunden im Turnen, Schwimmen, Reiten,
Fechten und Schieen gebt, die Zglinge der technischen Hochschulen
auch in der Bedienung von Geschtzen. Wenn man nun bedenkt, da es hier
keine ausgemergelten, herabgekommenen Proletarier giebt, sondern da
jeder freilndische Jngling die Vollkraft all seiner geistigen wie
krperlichen Anlagen entwickeln kann, und sich vergegenwrtigt, welcher
Vollendung ein solches Menschenmaterial durch von Jugend auf gebte,
planmige Ausbildung fhig ist, so wird man mir glauben, wenn ich
versichere, da die aus diesen Schulen hervorgehenden freilndischen
Schtzen, Reiter und Kanoniere denen der besten europischen Armee genau
im selben Mae berlegen sind, wie die Zglinge der griechischen
Gymnasien den Barbarenhorden Persiens berlegen waren. Zwar hatte ich
natrlich keine Gelegenheit, Freilnder im Ernstkampfe zu sehen, denn
bisher war Freiland der Notwendigkeit eines ernsten Kampfes enthoben;
aber ich sah sie bei ihren Waffenspielen, wo in der Regel mit scharfer
Ladung nach sinnreich hergerichteten und meist auch beweglichen Zielen
geschossen wird; ich konnte also die Wirkung freilndischen Einzel- und
Rottenfeuers beobachten und ich wage khnlich die Behauptung, da
solchem Feuer keine europische Truppe auch nur wenige Minuten lang zu
widerstehen vermchte.

Die der Schule entwachsenen Jnglinge besitzen zum Zwecke der
Fortfhrung der Waffenbungen eine freiwillige Organisation unter
selbstgewhlten Fhrern und alljhrlich werden groe Gau- und
Landesbungen von ihnen abgehalten, in denen sowohl Einzelkmpfer als
ganze, bis zu Tausendschaften vereinigte Abteilungen sich um
unterschiedliche Preise bewerben, die zwar in nichts anderem bestehen
als in einfachen Lorbeerzweigen, die aber deswegen nicht minder hei
umstritten werden, wie einst die lzweige der isthmischen Spiele bei den
alten Griechen. Nun denn, ich war Zeuge eines solchen Kampfes und
konstatiere, da die siegreiche Tausendschaft den Preis zuerkannt
erhielt auf Grund eines Schieergebnisses, welches 6780 Treffer bei zehn
auf tausend Meter Distanz binnen einer Minute abgegebenen Salven
aufwies. Nun wei ich wohl, da es ein Unterschied ist, ob man an
wehrlose hlzerne -- nebenbei bemerkt genau mannsgroe -- Zielscheiben
oder auf das Feuer erwidernde Feinde seine Schsse abgiebt. Aber es ist
ja nicht gerade ntig, da tausend Mann in einer Minute die sechs- bis
siebenfache Zahl niederschieen, um sie schlechterdings unnahbar fr
jeden Feind mit menschlichen Nerven zu machen. Und wer dies Resultat
vielleicht fr unglaublich hlt, der mge bedenken, da auch im
bisherigen Verlaufe der Geschichte noch stets der harmonisch entwickelte
Vollmensch ber herabgekommene Knechte den Sieg davongetragen hat, mag
das Zahlenverhltnis da und dort noch so ungleich gewesen sein. Nicht
das Feldherrngenie des Miltiades war es, was bei Marathon, und eben so
wenig das des Pausanias, was bei Plata den Ausschlag gab, sondern die
unwiderstehliche Waffengewandtheit der in den Gymnasien von Athen und
Sparta ausgebildeten griechischen Mnner, gegenber den hilflosen Horden
asiatischer Sklaven. Was sollte also Wunderbares daran sein, wenn die
Zglinge der freilndischen Gymnasien eine hnliche berlegenheit jenen
Horden gegenber an den Tag legen wrden, welche die brgerliche Welt
gegen sie aufzubieten vermchte?

Zu erklren wre auch noch, warum in Freiland Gesundheitspflege und
Justiz in _einem_ Verwaltungskrper zusammengefat sind. Es spricht dies
zunchst fr eine Geringschtzung der Gerechtigkeitspflege, die berall
in der brgerlichen Welt geradezu als die Grundlage der gesamten
gesellschaftlichen Ordnung hingestellt und als solche auch ganz
besonderer Frsorge gewrdigt wird. Der Unterschied liegt eben darin,
da hierzulande die Gerechtigkeit in den _allgemeinen_ Einrichtungen
liegt und da man es demnach nicht notwendig hat, sie durch _besondere_
Einrichtungen erzwingen zu wollen. Die brgerliche Welt, die auf dem
Unrechte beruht, indem sie neun Zehnteile aller Menschen zwingt, ihren
eigenen Vorteil dem Vorteil der Gesamtheit oder dem, was man dafr hlt,
aufzuopfern, sie mu natrlich sehr umstndliche Vorkehrungen treffen,
damit die solcherart zur Preisgebung ihres eigenen Vorteils Gezwungenen
sich dem Gebote der Allgemeinheit fgen. In Freiland wird von niemand
gefordert, zu thun, was ihm schadet, zu unterlassen, was ihm ntzt, hier
steht der Nutzen der Allgemeinheit in vollstndigstem Einklange mit
jedermanns Eigeninteressen; es ist also berflssig, dieses vom
unbersteiglichen Walle der gesamten Einzelinteressen umgebene
Gesamtinteresse noch durch besondere Schutzvorkehrungen zu verteidigen.
Wir haben also hier schlechterdings keine Polizei und keine Gerichte im
europischen Sinne. Es kommen zwar Streitigkeiten hie und da vor, aber
diese werden durch freiwillig und unentgeltlich ihres Amtes waltende
Schiedsrichter geschlichtet. Ebenso giebt es auch in Freiland
Verbrecher; doch betrachtet man diese als geistig oder moralisch Kranke
und behandelt sie dementsprechend, d. h. man bestraft sie nicht, sondern
sucht sie zu bessern. Und rzte, nicht Richter sind es, denen die
Leitung und berwachung des Besserungsverfahrens obliegt. Letzteres ist
der Grund, warum das Justizwesen mit der Gesundheitspflege in einer Hand
zusammengefat ist, wobei bemerkt werden mu, da diese Behandlung der
geistig und moralisch Kranken Freiland geringe Sorge bereitet, da es
verhltnismig nur sehr wenige sind, die ihr unterzogen werden mssen.

Auch darin liegt durchaus nichts Wunderbares; die Freilnder sind weit
entfernt, Engel zu sein. Es ist zwar zu hoffen, da in nicht allzu
ferner Zeit und jedenfalls nach Verlauf einiger Generationen das Fehlen
fast aller Anreize zu gesetzwidrigen Handlungen eine wohlthtige
Umwandlung auch in der Anlage und in der Natur der Menschen hier
hervorrufen wird. Gleichwie krperliche Organe, die andauernd nicht
gebt werden, verkmmern mssen, so gilt dasselbe auch fr die Organe
des Seelenlebens. Auch der schlechteste Mensch thut, sofern er nur
zurechnungsfhig ist, nichts Bses ohne Anla, und auch der Beste kann
zum Verbrecher werden, wenn der Anreiz dazu bermchtig wird; aber
deshalb ist es doch nicht minder wahr, da gute sowohl als schlechte
Handlungen von Einflu auch auf den Charakter des Menschen sind;
schlechte Handlungen machen schlecht, gute Handlungen gut. Es ist also
zu erwarten, da die Menschen hier, wo ihnen jeder Anla, schlecht zu
handeln, fehlt, stets besser und besser werden drften. Aber bis sich
diese Veredelung der Charakteranlagen vollzieht, wird wohl noch geraume
Zeit vergehen, und einstweilen -- ich wiederhole es -- kann ich die
Freilnder nicht, ihrem innersten Kerne nach, als bessere Menschen
anerkennen, wie unsere Mitbrder da drauen. Nichtsdestoweniger behaupte
ich, da die ganz auerordentliche Seltenheit von Verbrechen hier nichts
Wunderbares sei. Morden, stehlen, betrgen denn die Leute da drauen aus
purer Bosheit und zu ihrem Vergngen? Sie thun es -- zu neunundneunzig
Hundertteilen mindestens -- blo aus Not oder Verfhrung. Nun, diese Not
oder Verfhrung giebt es hier nicht. Es fehlt also jeder Anla zu
neunundneunzig unter hundert Verbrechen, die da drauen begangen werden,
und das ist der Grund, warum sie hier nicht begangen werden.

Natrlich ist das soeben betonte Fehlen von Not und Verfhrung nicht so
zu verstehen, als ob der Unterschied zwischen Freiland und dem Auslande
blo darin bestnde, da die Leute hier satt, dort hungrig sind. Auch
die Satten begehen -- wenn auch nicht so hufig wie die Hungrigen -- in
der brgerlichen Welt Verbrechen genug; aber sie thun es, weil sie sich
gleichsam in stetem Kriegszustande mit allen ihren Mitmenschen befinden
und weil man es im Kriege naturgem mit Recht oder Unrecht nicht so
genau nimmt wie im Frieden und unter guten Kameraden. Man bedenke, da
es selbst unter den Verworfensten, unter den Gaunern und Banditen in der
brgerlichen Welt, eine Art Standesehre giebt, die nichts anderes ist,
als die Scheu, denjenigen zu verletzen, von welchem man voraussetzt, da
er uns nicht verletzen wrde und da er darauf vertraut, da wir sein
Recht achten. Wenn also die Freilnder ihre Rechte gegenseitig ohne
Ausnahme achten, so knnte man beinahe behaupten, da sie in diesem
Punkte gar nichts anderes thun, als was, von verschwindenden Ausnahmen
abgesehen, in hnlicher Lage der Verworfenste in Europa auch thte: sie
verschonen die Kameraden. Und der Unterschied liegt blo darin, da die
Freilnder alle Kameraden sind, whrend die Angehrigen der brgerlichen
Welt sich in der Regel als Feinde betrachten und behandeln.

Nachdem ich meine Stimme fr die zwei mich interessierenden Wahlen
abgegeben hatte, beschlo ich, gefhrt von Freund Karl, die im selben
Gebude -- dem freilndischen Volkspalaste nmlich -- gelegenen andern
Wahllokale in Augenschein zu nehmen, um mir das Treiben dort zu
betrachten.

Als wir den Sitzungssaal des Vertretungskrpers fr die freilndische
Centralbank betraten, wo die Whlerversammlung des betreffenden
Wahlkrpers zu tagen pflegt, tnten uns unwillige Rufe entgegen und wir
bemerkten, da sich die Menge um einen Redner gruppierte, dessen
Ausfhrungen sichtlich diese Unruhe hervorriefen. Nher tretend sahen
wir unsern Freund Tenax, der, wie ich nachholen mu, uns vor einigen
Tagen mitgeteilt hatte, er trage sich trotz der mannigfachen Gebrechen
des freilndischen Gemeinwesens mit der Absicht dauernder Ansiedelung in
unserer Mitte und der hier offenbar einen ersten Versuch machte, sein
Scherflein zur Verbesserung irgend eines der gergten Gebrechen
beizusteuern. Als solches entwickelte er, wie wir uns alsbald
berzeugten, seinen augenblicklichen Hrern die exorbitante Hhe der
freilndischen Steuer.

Freiland will doch -- so rief er -- von Grundrente und Kapitalzins
nichts wissen; wenn man euch aber fnfunddreiig Prozent Steuer vom
gesamten Einkommen zahlen lt, so steckt darin schon reichlich Rente
wie Zins und ihr seid noch bler daran als die Leute da drauen, die
doch im Durchschnitt nicht mehr als vier bis fnf Prozent unter beiden
Titeln, zusammen also, wenn es hoch kommt, zehn Prozent bezahlen
mssen.

Zu unseres Professors groer berraschung verfehlte dieses schlagende
Argument gnzlich seine Wirkung, rief vielmehr bloe Heiterkeit hervor.
Zwar hatten einzelne Mitglieder der Versammlung nicht bel Lust, die
Sache tragischer zu nehmen und sich ber die Behauptungen unseres
Freundes ernsthaft zu rgern; es waren das einige erst krzlich vom
Auslande eingetroffene Neulinge, die jedoch von der Majoritt der
lteren Freilnder alsbald beruhigt wurden, indem man ihnen bedeutete,
hier msse jedem gestattet sein, seine Meinung frei zu uern.

Als der Professor den unerwarteten Heiterkeitserfolg seiner Rede
wahrnahm, war seine Verlegenheit gro, dermaen, da einer der
Anwesenden, sichtlich blo, um dem sonderbaren Gaste die Beschmung zu
ersparen, da man seine Auseinandersetzungen nicht einmal einer Antwort
wrdige, zu einer kurzen Erwiderung das Wort nahm.

Freunde -- so rief er -- dieser Mann meint es wahrscheinlich ganz
ehrlich mit uns und nicht seine Schuld ist es wohl, wenn er, den Kopf
noch voll Grillen, die da drauen knstlich gezchtet werden, hier bei
uns den Wald vor lauter Bumen nicht sehen kann. Vielleicht gehen ihm
die Augen auf, wenn ich ihn an zweierlei erinnere. Erstens daran, da da
drauen Grundzins wie Kapitalzins von der Summe des Kapitals gezahlt
werden, whrend hier die Steuer vom Einkommen erhoben wird. Ich habe
drauen in einer Fabrik gearbeitet, von welcher ich mich noch ganz wohl
erinnere, da die fnfprozentigen Zinsen des darin steckenden Kapitals
im Jahresdurchschnitt ziemlich genau so viel betrugen, als die gesamten
Lhne der dabei beschftigten Arbeiter, den Direktor und das
Aufsichtspersonal mit inbegriffen. Und mein Vater war Groknecht bei
einem Pchter, der jhrlich zweimal soviel Pachtzins zahlen mute, als
die Lhne seines gesamten Personals betrugen. Das Zweite aber, was ich
ihm sagen mchte -- und das ist in meinen Augen die Hauptsache --
besteht darin, da der Zins da drauen anderen Leuten gehrt und von
diesen zu ihrem Vorteil verwendet wird, whrend die Steuer in Freiland
uns gehrt und bis auf den letzten Heller fr uns verwendet wird. Mir
kommt es nicht blo darauf an, wie viel ich zahle, sondern auch wovon
und wofr ich es zahle; da drauen war ich ein armer Teufel, der den
letzten, berhaupt entbehrlichen Heller hergeben mute, damit sich
andere bereichern -- hier bin ich ein reicher Mann, der dafr zahlt, da
er noch reicher werde. Und diesen Unterschied hat eben unser neuer
Freund vergessen.

Den Grad der Beschmung unseres guten Professors kann nur derjenige
ermessen, der da wei, wie sehr den meisten Lehrern das widerspruchlose
Docieren vom Katheder herab zur zweiten Natur geworden ist. Auch lie
sich nicht verkennen, da er die Berechtigung der ihm zu teil gewordenen
Lektion im innersten Gemte empfand; und so strten wir ihn denn nicht
als er, ohne von uns Abschied zu nehmen, sich wortlos in der Menge
verlor.




                          Vierzehntes Kapitel.

           ber Geselligkeit, Liebe und Religion in Freiland.


Die beiden Regenzeiten, deren grere im Juli und deren kleinere im
Oktober zu Ende geht, sind in Freiland der Karneval. Man darf sich unter
diesen Regenzeiten keine Epochen ununterbrochener atmosphrischer
Niederschlge vorstellen, ebensowenig als unter der trockenen Zeit eine
Epoche ununterbrochener Drre; es giebt in Afrika das ganze Jahr
hindurch Regen, sowohl als schnes Wetter, nur berwiegt in der
Regenzeit ersteres, in der Trockenzeit letzteres in ausgesprochenem
Mae. Indessen gilt selbst dieser Gegensatz nur fr das quatoriale
Tiefland in voller Schrfe, whrend die Berg- und Alpenlandschaften am
Kenia und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft denen der gemigten
Erdstriche hnlichere Witterungsverhltnisse aufweisen. Damit aber, da
es in den beiden Regenepochen beinahe tglich ausgiebige Niederschlge
giebt, hat es auch hier seine Richtigkeit; die Vormittage sind meist
schn und klar, gegen die Nachmittagsstunden aber ziehen sich um die
Gipfel des Kenia dichter und dichter Wolken zusammen, die dann des
Abends und meist die halbe Nacht hindurch in Form von Gewittern
niedergehen, von deren Heftigkeit man in Europa schwerlich eine
Vorstellung hat. Die Nchte sind um diese Zeit fr den Aufenthalt im
Freien schlechterdings ungeeignet, und danach hat sich denn das Volk von
Freiland auch in seinen Vergngungen gerichtet.

Whrend es in der schnen Zeit blich ist, die balsamischen Nchte,
soweit sie nicht dem Schlafe gewidmet sind, zu Ausflgen und zu allerlei
anderen Unterhaltungen im Freien zu benutzen, vergngt man sich in der
Regenzeit vorwiegend in gedeckten Rumen und dabei spielt der Tanz eine
hervorragende Rolle. Jeder freilndische Ort hat ein oder mehrere
Vergngungskomitees, welche die Veranstaltung ffentlicher Blle in die
Hand nehmen, und daneben finden sich die Familien mit erwachsenen
Tchtern regelmig zu kleineren Tanzvergngungen im Freundeskreise
zusammen. Nur darf man sich unter diesen ffentlichen und Hausbllen
beileibe nicht das vorstellen, was in Europa darunter verstanden wird.
Man kommt hier nicht zusammen, um sich durch den Putz gegenseitig
auszustechen, einander zu verlstern und sich gegenseitig ber einander
zu rgern, sondern ausschlielich des Vergngens halber und ohne irgend
welchen andern Hintergedanken. Juwelen sind hier unbekannt; nicht etwa,
da die Freilnder und Freilnderinnen der Eitelkeit gnzlich entbehren
wrden; im Gegenteil, sie legen sehr groen Wert auf die Schnheit der
uern Erscheinung und insbesondere die Frauen sind eifrig bemht, ihre
krperlichen Vorzge zur Geltung zu bringen. An den Mitteln zur
Anschaffung von allerlei Kostbarkeiten wrde es den Freilndern nicht
fehlen, aber sie legen eben keinen Wert auf dieselben und zwar aus dem
Grunde, weil die Kostspieligkeit einer Sache an und fr sich hier nicht
gengt, um sie irgend wem wnschenswert zu machen. So sonderbar es
klingen mag, die Freilnderinnen ziehen Blumen als Schmuck den Juwelen
vor. Dahinter vermutete ich anfangs irgend welche demokratische Tendenz,
wurde aber von den Frauen, mit denen ich mich darber in ein Gesprch
einlie, alsbald eines besseren belehrt.

Da Blumen schner sind wie noch so knstliches und kostbares
Geschmeide, wird vom Standpunkte unbefangener sthetik jedermann wohl
zugeben; wenn man trotzdem in Europa letzteres hher schtzt, so hat
dies seinen Grund nur darin, weil es kostbar ist und weil der Besitz
kostbarer Sachen in der brgerlichen Welt als Bescheinigung bevorzugter
Lebensstellung gilt. Das Juwel ist dort gleichsam eine Art Adelszeichen,
es beweist, da sein Trger nicht zu den Knechten, sondern zu den Herren
gehrt, da er das Recht hat, fremde Arbeit fr sich auszunutzen, und
darum, um diesen Adelstitel zu erlangen, verkaufen Tausende und
Abertausende ihr und der Ihren Glck und Ehre.

Glauben Sie wirklich, so fragte mich auf einem der hiesigen Blle die
Frau eines der Direktoren unserer Anstalt, da man Diamanten schtzt,
weil sie _schn_ sind? Ich kann Sie versichern, da ich, als ich noch in
Europa weilte, Diamanten von gewhnlichen Glaskrystallen so wenig zu
unterscheiden vermochte, als ich es jetzt vermchte; trotzdem war damals
meine Sehnsucht, ein Brillantenhalsband zu besitzen, whrend ich die
Zumutung, ein Halsband aus Glaskrystallen anzulegen, mit Entrstung von
mir gewiesen htte.

Wodurch erklren Sie sich das?

Ich wollte mich eben weniger schmcken, als vielmehr durch irgend etwas
ausgezeichnet sein vor der groen Menge: ich bin fest berzeugt, wenn es
in Europa das Vorrecht der sogenannten hheren Klassen wre, einen
Nasenring zu tragen, so wrde jede Frau, die Wert auf gesellschaftliche
Stellung legt, ihr uerstes daran setzen, um einen Nasenring tragen zu
drfen. Nun denn, Diamanten zu tragen ist, weil sie teuer sind, in
Europa der Vorzug der mchtigen, einflureichen Klassen, deshalb erwirbt
man sie um den Preis weit angenehmerer, ntzlicherer und schnerer
Dinge. Und wenn es hier ebenso wre, ich versichere Sie, trotz der
Umwandlung, die mit mir in manchen Stcken hier vorgegangen ist, ich
wrde auch hier Diamanten tragen. Aber hier in Freiland wrde der
Diamant nicht zeigen, da ich zu den Einflureicheren, Mchtigeren,
sondern da ich zu den Thrichteren gehre, nicht da ich fremden
Schwei an die Erfllung meiner Launen zu setzen vermag, sondern da ich
eigenen Schwei oder den Schwei der Meinen statt an ntzliche und
angenehme, an nutzlose und gleichgltige Dinge wende. Ich wrde Bedauern
statt Neid erregen, und das allein -- Sie sehen, ich mache mich nicht
besser als ich bin -- ist der Grund, warum ich den Strau hier an meiner
Brust der kostbarsten Brosche, die Rosen hier im Haar allen Steinen der
Welt vorziehe.

Genau die nmlichen Verhltnisse sind auch der Grund, warum die Mode in
Freiland ihre tyrannische Herrschaft verloren hat. Man kleidet sich hier
lediglich zu dem doppelten Zwecke der Verhllung und Verschnerung; sich
entstellen, um dadurch die andern zu verdunkeln, glte hier als der
Gipfelpunkt der Lcherlichkeit. In Befolgung dieses Grundsatzes ist hier
in der That die Tracht, insbesondere die der Frauen, entzckend schn.
Es wird sehr groe Sorgfalt auf sie verwendet ja, wie ich in Erfahrung
gebracht, verschmhen es selbst groe Maler und Bildhauer nicht, den
Kleiderknstlern ein wenig ins Handwerk zu pfuschen. Aber da es sich bei
Auswahl der Stoffe niemals um die Kostbarkeit, bei Feststellung der
Kleiderschnitte niemals um Neuheit oder Seltsamkeit, sondern bei beiden
ausschlielich um die Kleidsamkeit handelt, so lt sich der Eindruck,
den solch ein freilndischer Ballsaal mit der Flle der sich in ihm
zwanglos bewegenden, selbstbewuten, edlen Gestalten hervorruft, in
Worten kaum schildern.

Was jedoch der freilndischen Geselligkeit ihren ganz besonderen Reiz
verleiht, ist die geradezu kindliche Frhlichkeit, die einem aus allen
Gesichtern entgegenstrahlt. Man bewegt sich hier nicht blo unter lauter
Leuten, denen es wohl ergeht, sondern, was mehr ist, unter Leuten, die
mit absoluter Sicherheit darauf rechnen knnen, da es ihnen stets
wohlergehen wird. Dem Kampf ums Dasein sind die Freilnder nicht
entrckt und jedermann ist hier fr das grere oder geringere Ausma
seines Wohlergehens selber verantwortlich; gnzlich unbekannt aber ist
den Freilndern die hliche, qulende Sorge um das tgliche Brot, um
die Sicherung der wirtschaftlichen Existenz. Es ist ja mglich, da die
Genossenschaft, bei welcher man beteiligt ist, schlechte Geschfte macht
und sich auflsen mu; aber das kann wohl Verluste, niemals aber eine
Gefhrdung des weiteren Fortkommens im Gefolge haben, denn
unveruerlich ist jedes Freilnders Eigen, sein Anrecht an der
Mitbenutzung des unermelichen Reichtums seines ganzen Landes. Diese
frhliche Zuversicht in Verbindung mit dem Bewutsein, sich, man mag mit
wem immer verkehren, stets unter guten Kameraden zu befinden, deren
Vorteil unser Vorteil, deren Schaden unser Schaden ist, verleiht der
Geselligkeit hier eine Aufrichtigkeit, Herzlichkeit und vornehme
Sicherheit, derengleichen in der brgerlichen Welt nirgends zu finden
ist und auch gar nicht gefunden werden kann, denn dort kmpfen die
Menschen den Kampf ums Dasein nicht _mit_einander, sondern
_gegen_einander, dort ist der Nchste nicht der Genosse im gemeinsamen
Kampfe gegen die Natur, sondern der Feind, gegen den mit allen Waffen
der List und Gewalt sich zu schtzen die Selbsterhaltung fordert.

Bezeichnend ist die freilndische Auffassung ber diesen Unterschied in
den geselligen Verhltnissen hier und in der brgerlichen Welt. Was
wollen Sie, so sagte mir letzthin ein Freilnder, mit welchem ich
diesen Gegenstand errterte, wir sind nicht besser als die Tiere, ja
sogar als die Raubtiere; wir haben nur aufgehrt, uns gegenseitig
aufzufressen, wie das die Angehrigen der humanen brgerlichen
Gesellschaft thun, und sind zurckgekehrt zur Ethik der Bestien. Sie
werden sagen, da der Tiger den Ochsen und der Wolf das Lamm frit; das
thun wir auch -- nur gegenseitig verschonen wir uns. Wir sind also keine
bermenschen geworden. Die Wahrheit ist, da wir frher _unter_ den
Bestien standen oder, wenn Ihnen das minder verletzend klingt, die
schlimmsten aller Bestien waren.

Ist nun schon ganz im allgemeinen das Verhltnis des Menschen zum
Menschen hier ein herzerhebendes, so mu ich das Verhltnis der
Geschlechter geradezu bezaubernd nennen. Die Natur hat jedem gesund
veranlagten Manne ein tief eingewurzeltes mchtiges Wohlgefallen am
Weibe und jedem gesund veranlagten Weibe ein eben solches Wohlgefallen
am Manne als obersten aller Instinkte eingepflanzt; in der brgerlichen
Gesellschaft aber wird dieser mchtige Instinkt vergiftet. Das Weib ist
dazu verurteilt, im Manne den herrischen Unterdrcker zu sehen, und der
Mann wieder mu im Weibe die rebellische Sklavin frchten. Die
brgerliche Jungfrau ist durch die Verhltnisse dazu gedrngt, mit ihren
Reizen den Versorger anzulocken, der sie dafr schadlos halten soll,
was die Gesellschaft ihr versagt, und in ihren Mitschwestern sieht sie
Konkurrentinnen bei diesem unschnen Ringen um die zuknftige Existenz.
Offenheit und Wrde sind von vornherein ausgeschlossen bei den
Beziehungen zwischen Mann und Weib gerade in jenem ersten Stadium, wo
sie doppelt vonnten wren, weil es doch gilt, eine Wahl fr das ganze
zuknftige Leben zu treffen, bei welcher, sollen nicht beide Teile zu
Schaden kommen, beide sich geben mssen, wie sie sind. Und was das
rgste ist: da in der brgerlichen Welt in den Augen jeder Jungfrau
jeder Mann in erster Reihe als einer der zuknftigen Ernhrer und
folglich als ein Objekt der Eroberung, umgekehrt in den Augen jedes
Mannes jede Jungfrau als mgliches Objekt zuknftiger Ernhrung und
dementsprechend als auf Eroberung und berlistung ausgehende
Mnnerjgerin sich darstellt, so besteht eigentlich zwischen beiden
Geschlechtern ein immerwhrender Zustand des Mitrauens, der Heuchelei
und Vorsicht.

Ganz anders all das in Freiland; hier ist der Mann dem Weibe und das
Weib dem Manne nichts anderes, als wozu sie die Natur freinander
bestimmt hat; sicher steht das Weib auf seinem eigenen Rechte, es bedarf
des Mannes nicht zum Leben, sondern nur zum Lieben, es wird daher blo
zu erobern trachten, wo sein Herz selber schon erobert ist oder sich
doch zum mindesten danach sehnt, erobert zu werden. Das wei der Mann
und kann sich, wo sein Gefallen erregt wird, ohne Mitrauen dem schnen
Gefhle hingeben. Da er nicht gebraucht wird, so darf er sicher sein,
nicht mibraucht zu werden. Und da ebenso auch die freilndische
Jungfrau sicher ist, da derjenige, der sie umwirbt, dabei nicht ihr
Vermgen, ihre Verbindungen, nicht ihre gesellschaftliche Stellung,
sondern ausschlielich ihre Person im Auge hat, so wird sie ebensowenig
dem Manne Mitrauen entgegenbringen, als sie sein Mitrauen erregt. Und
vor allem: sie mu nicht um jeden Preis heiraten, sie mu nicht jeden
Mann darauf ansehen, ob nicht etwa er der zuknftige Versorger sei.
Sie wei recht gut, da unter den Tausenden junger Mnner, die ihr
begegnen, nur einer der Erwhlte sein kann, und sie wartet daher ruhig,
bis die Stimme ihres Herzens ihr diesen Erwhlten bezeichnet. Die
Beziehungen der Geschlechter sind daher zwanglos und rein zugleich,
Jnglinge und Jungfrauen verkehren als gute Kameraden. Insbesondere aber
befleiigen sie sich einer Wahrhaftigkeit und Offenheit, die in gewisser
Beziehung sogar das in Freiland allgemein bliche Ma bersteigt. Nicht
minder naturgem und glcklich sind die freilndischen Eheverhltnisse.
Thatschlich ist die Ehe hier beraus fest und Scheidungen kommen fast
gar nicht vor; rechtlich dagegen beruht das Eheband lediglich auf der
freien bereinkunft der beiden Gatten. Da man in Freiland berhaupt zu
nichts gezwungen werden kann, was nicht in die Rechtssphre eines andern
eingreift, und da ein Recht auf die Person des Menschen hierzulande
unter keinen Umstnden anerkannt wird, so gilt die Ehe als freier
Vertrag, der zwar nur unter Zustimmung beider Teile geschlossen, aber
durch den Willen auch nur eines Teiles sofort gelst werden kann. Dies
leidet selbst dann keine Ausnahme, wenn Kinder vorhanden sind, welche in
diesem Falle der Mutter gehren, es sei denn, da diese selbst einer
andern Anordnung zustimmt. Da es Vermgensrechte der Kinder, zu deren
Schutze doch allein das starre brgerliche Eherecht geschaffen wurde, in
Freiland entweder gar nicht oder doch nur von untergeordneter Bedeutung
giebt, so versteht sich diese Anerkennung des natrlichen Mutterrechts
eigentlich von selbst. Und ebenso selbstverstndlich ist es, da gerade
diese vollstndige Vernichtung allen Ehezwanges eine ganz besondere
Festigkeit der freilndischen Ehe zur thatschlichen Folge hat. Es
entspricht dies durchaus den Erfahrungen auch der brgerlichen Welt, wo
die Innigkeit des Ehebundes in umgekehrtem und die Hufigkeit der
Ehescheidungen berall in geradem Verhltnisse steht zu den
Schwierigkeiten, welche der Ehescheidung gesetzlich bereitet werden.

Standesunterschiede kennt die freilndische Gesellschaft nicht.
Insbesondere gilt dies fr die jungen Leute, die ihre Erziehung schon im
Lande selbst genossen haben. Knaben und Mdchen erhalten hier allesamt,
die ersteren bis zum zurckgelegten achtzehnten, die zweiten bis zum
zurckgelegten sechzehnten Jahre die nmliche Erziehung, die ungefhr
derjenigen in den besten deutschen Mittelschulen entspricht. Der
Unterricht in den klassischen Sprachen wird nur denjenigen erteilt, die
dies wnschen, im brigen aber erhlt die gesamte freilndische Jugend
eine grndliche Gymnasialbildung. Erst nachdem diese Bildungsstufe
erledigt ist, scheiden sich die Berufe; diejenigen, die sich irgend
einem hheren gelehrten oder knstlerischen Fache widmen, besuchen die
Hochschule oder die Kunstakademie, die andern eine der zahlreichen
Gewerbeschulen, in welchen sie theoretische sowohl als praktische
Anweisung fr ihr zuknftiges Geschft erhalten. Das selbstverstndliche
Ergebnis dieser Schulung ist, da der einfachste Arbeiter nicht blo den
ganzen Zusammenhang seines Gewerbes, von den mechanischen Handgriffen
angefangen bis zur Kenntnis der Bezugsquellen und Absatzmrkte
vollstndig inne hat, sondern auch ber ein recht ansehnliches Ma
allgemeiner Bildung verfgt. Diese freilndischen Arbeiter sind keine
gedankenlosen, einseitigen Automaten, deren Interesse ber ihre
jeweiligen Handreichungen nicht hinausragen wrde; sie sind jederzeit
vollkommen in der Lage, den gesamten gewerblichen Organismus, dem sie
gerade angehren, zu beurteilen, was natrlich dazu beitrgt, die Wahlen
in den Generalversammlungen sachverstndig und vernnftig zu gestalten;
sie knnen auerdem jederzeit eine sich in verwandten Gewerben
darbietende gnstige Konjunktur durch bertritt zu diesen praktisch
ausnutzen, was wieder dazu beitrgt, die Gleichmigkeit der Ertrge in
allen Produktionszweigen in der denkbar vollkommensten Weise zu
gewhrleisten; und sie sind schlielich allesamt Kulturmenschen im
hhern Sinne des Wortes, die teilnehmen knnen an allen menschlichen
Angelegenheiten, die fr ffentliches Leben, Wissenschaft und Kunst
lebhaftes Verstndnis und reges Interesse an den Tag legen. Damit soll
natrlich nicht gesagt sein, da jeder freilndische Arbeiter sich
wirklich um alle hheren menschlichen Angelegenheiten kmmert; es giebt
viele unter ihnen, die fr alles, was nicht ihr persnlichestes
Interesse berhrt, ebenso gleichgltig sind -- wie zahlreiche Angehrige
der gelehrten Stnde; denn die Teilnahme an der allgemeinen Kulturarbeit
der Menschheit hngt eben nicht blo vom Ausmae des Wissens, sondern
auch von persnlichen Neigungen und Anlagen ab; wo letztere fehlen,
ntzt ersteres nichts. Es soll hier nur gesagt sein, da in diesem
Punkte der Unterschied des Berufes in Freiland nicht ausschlaggebend
ist.

Ebenso selbstverstndlich ist, da in Freiland jedwede ehrliche Arbeit
von der ffentlichen Meinung gleichgeachtet wird. hnliches pflegt zwar
auch die brgerliche Welt von sich zu behaupten, es ist dies jedoch
nichts anderes, als eine der vielen Lgen, mit denen man sich da drauen
selbst tuscht. Arbeit ist auerhalb Freilands ganz im allgemeinen eine
Schande, und zwar mit Recht; denn der Arbeitende in der brgerlichen
Welt ist ein hriger Mensch, Werkzeug fr die Zwecke anderer, abhngig
von deren gutem Willen, ein Knecht mit einem Worte, und kein Moralgesetz
der Welt wird die Ehre des Knechtes gleichstellen mit der des freien,
unabhngigen Menschen. Naturgem giebt es da drauen auch verschiedene
Abstufungen in der Schande der Arbeit; je vollstndiger die Ausnutzung,
deren Gegenstand der Arbeitende ist, d. h. je grer die Plage und je
geringer der Lohn, desto vollstndiger auch die Verachtung; volle Ehre
aber geniet da drauen blo derjenige, der gar nichts arbeitet, sondern
andere fr sich arbeiten lt. Hier, wo jeder fr sich selber arbeitet,
hier, wo niemand als Mittel zu Zwecken anderer mibraucht werden kann,
hier kann es auch keinen Unterschied machen, ob der Arbeitende diese
seine selbstherrlichen Zwecke in der einen oder der andern Weise
verfolgt. Es ist dies aber schon aus dem Grunde schlechterdings
unmglich, weil sich in Freiland eine strenge Scheidelinie der Berufe
gar nicht ziehen lt. Der einfachste Handarbeiter kann morgen, durch
das Vertrauen seiner Genossen zu leitender Stellung berufen, in die
Reihe der Kopfarbeiter vorrcken. Doch ganz abgesehen davon, findet in
Freiland eine stete Durchdringung von Kopfarbeit und Handarbeit dadurch
statt, da zahlreiche Kopfarbeiter es vorziehen, in gewissen
Zwischenpausen fr lngere oder krzere Zeit irgend eine Handarbeit zu
betreiben. Sie vergeben sich dadurch nicht das Geringste und erzielen
damit eine gesunde und unter Umstnden sogar angenehme Unterbrechung
ihrer sitzenden Lebensweise. Ich habe hier krzlich einen hheren
Beamten der Centralbank kennen gelernt, der sich jhrlich zwei Monate
der Landwirtschaft und Grtnerei widmet; ein Lehrer meiner Bekanntschaft
arbeitet alljhrlich durch einige Wochen in irgend einer Fabrik. Ja, so
allgemein ist diese Gepflogenheit in ganz Freiland, da alle Bureaus und
mter sich auf dieselbe einrichten, d. h. gefat sein mssen, regelmig
einer nicht gerade geringen Zahl der Angestellten Urlaub zum Zwecke
solcher Abwechselung in den Berufsgeschften zu geben. (Es versteht sich
von selbst, da whrend des Urlaubs die Gehalte aufhren.)

All das hat zur Folge, da man sich hier im geselligen Verkehr um
Berufsunterschiede gar nicht kmmert. Man whlt sich seinen Umgang
ausschlielich nach den persnlichen Eigenschaften der Menschen, und
wenn es auch natrlich ist, da die mit gleichen geistigen Anlagen,
Neigungen und Interessen Ausgestatteten sich enger aneinander schlieen,
so hat das doch mit dem, was man in Europa gesellschaftliche Stellung
nennt, nicht das Geringste zu thun.

Einstweilen strt allerdings der Zuzug neuer, zum Teil noch auf ziemlich
niedriger Stufe der geistigen Entwickelung stehender Einwanderer diese
durchgngige gesellige Gleichheit; aber mit jedem Jahre vermindert sich
stufenweise dieser Unterschied. Die Einwanderer hegen mit verschwindend
geringen Ausnahmen den brennenden Wunsch, sich geistig zu heben, und der
Wohlstand wie die Mue, die ihnen hier ausnahmslos zu teil werden,
ermglichen es ihnen in berraschend kurzer Zeit, das in den Jahren der
Knechtschaft Versumte nachzuholen. Zudem erlangt der in Freiland
erzogene Nachwuchs mehr und mehr das bergewicht ber die zugewanderten,
noch nicht vollkommen vom freilndischen Wesen durchtrnkten Elemente,
und mit Sicherheit lt sich darauf zhlen, da, ehe ein Menschenalter
vergeht, die heute schon geltende rechtliche Gleichheit durch eine
ebenso vollstndige gesellschaftliche ergnzt werden wird.

Zum Schlusse hier noch einige Worte ber die religisen Verhltnisse
Freilands. Auch diese stehen unter dem Einflusse des Grundsatzes der
absoluten persnlichen Freiheit und Gleichberechtigung. So wenig sich
die Gesamtheit anmat, die Arbeit des Einzelnen zu leiten und zu
berwachen, ebensowenig kmmert sie sich um dessen Glauben. Thatschlich
besitzen alle groen Religionsgenossenschaften Anhnger in Freiland und
zahlreiche derselben haben sich zu religisen Gemeinden zusammengethan,
die es mit ihrem Gottesdienste halten, wie ihr Gewissen ihnen
vorschreibt. Dagegen, da die Diener dieser unterschiedlichen Religionen
sich in die politischen oder gesellschaftlichen Verhltnisse der
Gesamtheit mengen, bietet die allgemein verbreitete Bildung und
Aufklrung mehr als ausreichenden Schutz. Im brigen mu rhmend
anerkannt werden, da die Priester hier ohne Ausnahme frei sind von
jener Herrschsucht, die in der brgerlichen Welt das hervorstechende
Merkmal ihrer Kaste ist. Auch sie sind ja Menschen, welche sich der
Geistesstrmung nicht zu entziehen vermgen, inmitten derer sie sich
befinden. In der brgerlichen Welt, welche wahre Freiheit nicht kennt,
wo jedermann nur die Wahl hat, ob er herrschen oder beherrscht sein
will, entscheiden sie sich natrlich, wie die anderen alle, die in der
gleichen Lage sind, fr das erstere; hier, wo niemand herrscht und
Herrschaft duldet, fllt es auch ihnen nicht ein, eine Ausnahme zu
machen. Es ist daher kein Beispiel bekannt geworden, da das
freilndische Gemeinwesen durch priesterliche Herrschsucht oder
Unduldsamkeit behelligt worden wre; liee sich irgend ein
Religionsdiener derartige Gelste beikommen, so knnte man es getrost
seiner engeren Gemeinde berlassen, ihn zur Vernunft zu bringen.




                          Fnfzehntes Kapitel.

         ber die Tchtigkeit der gewhlten Betriebsleitungen,
         knstlerische Produktion, Kommunismus und Anarchismus,
       Staatsbetrieb, allgemeine Anwendbarkeit der freilndischen
              Grundstze und die Furcht vor bervlkerung.


Professor Tenax will sich um eine Lehrkanzel fr Nationalkonomie an der
hiesigen Universitt bewerben. Die letzten Monate hat er dazu verwendet,
die bereinstimmung der richtig verstandenen Lehrstze der klassischen
konomie mit den freilndischen Grundstzen nach allen Richtungen zu
erforschen, und das Ergebnis seiner Untersuchungen und seines
Nachdenkens war im allgemeinen ein gnstiges. Doch hlt es der
gewissenhafte Mann fr notwendig, eine Reihe von Bedenken, mit denen er
aus eigener Kraft noch immer nicht fertig geworden ist, im Wege der
Disputation mit hiesigen Fachgenossen zur Klrung zu bringen. Er hat
deshalb zwei der hiesigen Volkswirtschaftslehrer gebeten, sich in ein
abschlieendes Wortgefecht mit ihm einzulassen, und mir erwies er die
Ehre, Zeuge dieses Geistesturniers sein zu drfen. Schauplatz desselben
war die Wohnung des einen der hiesigen Professoren und heute der Tag, an
welchem es zur Austragung kam.

Ich mu vor allem -- so leitete Professor Tenax die Schlacht ein --
bemerken, da ich bezglich eines Teiles meiner Bedenken selber ganz
gut wei, da dieselben durch den bisherigen Verlauf der freilndischen
Entwickelung thatschlich Widerlegung fanden; aber ich bin Theoretiker
und nicht Praktiker, ich will wissen, ob das, was ich hier sehe, aus
inneren Grnden so sein mu, oder ob es vielleicht blo zufllig so ist.
Um also mit dem nchstliegenden zu beginnen, frage ich, welche Garantie
dafr vorhanden ist, da selbstherrliche Arbeiter sich allezeit die
geschicktesten, tauglichsten Personen zur Leitung ihrer Geschfte
aussuchen werden und nicht diejenigen, die durch tnende Worte und
verlockende Phrasen sich in ihre Gunst schmeicheln. In Europa zum
mindesten hat man die Erfahrung gemacht, da an der Spitze der
Arbeiterparteien in der Regel Personen stehen, die gewaltig in
Verlegenheit gerieten, wenn sie die von ihnen gefhrten Massen zu
ntzlicher Produktion anleiten sollten.

Die Arbeiter der brgerlichen Welt -- so antwortete ruhig der eine der
freilndischen Professoren -- haben ganz recht, wenn sie nicht
geschickte Geschftsleute, sondern geschickte Agitatoren an ihre Spitze
stellen, denn fr sie handelt es sich ja nicht ums Produzieren, sondern
ums Agitieren. Ebensowenig als daraus, da ich mir fr den Fall eines
Krieges den tchtigsten Haudegen zum Fhrer whle, folgt, da ich
demselben Manne auch als Rektor unserer Universitt meine Stimme geben
wrde, ebensowenig kann man daraus, da agitierende Arbeiter die
tchtigsten Agitatoren, oder sagen Sie immerhin: die energischesten
Schreier an ihre Spitze stellen, folgern, da sie es hnlich halten
werden, wenn es sich um die Leitung ihrer Arbeit handelt. Die Arbeiter
verstehen sich im Durchschnitt auf ihren Vorteil ganz gut und sind nicht
so dumm, um zu bersehen, da zur Leitung einer Fabrik andere
Eigenschaften erforderlich sind, wie zur Leitung einer politischen
Bewegung oder eines Ausstandes. Im brigen sorgt gerade die Freiheit
dafr, da etwa begangene Migriffe sehr rasch gut gemacht werden. Denn
eine belgeleitete Gesellschaft wird am Beispiele der besser geleiteten
Nachbargesellschaften klug, und geschieht dies nicht mit der gehrigen
Beschleunigung, so sieht sich eine solche Gesellschaft im Handumdrehen
von Mitgliedern entblt und mu liquidieren. Das ist der Kampf ums
Dasein, wie _wir_ ihn verstehen und bei welchem das Unfhige, Untchtige
naturnotwendigerweise vom Besseren, Tchtigeren abgelst wird.

Professor Tenax neigte zustimmend das Haupt und ging zu einer andern
Frage ber.

Wie kommt es, da die freilndische Arbeit durch Mivergngte und
Unruhestifter nicht zu leiden hat? Verkannte Genies giebt es doch
offenbar berall in der Welt und ebenso mangelt es nirgends gnzlich an
Dummkpfen, welche an diese verkannten Genies glauben. Was geschieht,
wenn hier solch ein Stnkerer mit seinem Anhang auftaucht? Ist nicht zu
besorgen, da er Verwirrung in die bestgeordnete Gesellschaft bringt?

Durchaus nicht, war die Antwort. Gegen solche verkannte Genies haben
wir eine unwiderstehliche Waffe, und diese besteht in nichts anderem,
als in dem hier jedermann offenstehenden Rechte, seine Ideen zur
Ausfhrung zu bringen. Es ist in der That wiederholt vorgekommen, da
Hohlkpfe Parteiungen versuchten; sie haben klein beigeben mssen, so
wie man ihnen nahelegte, ihre groen Worte zur That zu machen. Die
Mittel der Gesamtheit wren ihnen dafr zur Verfgung gestellt worden,
so gut wie den bestehenden Gesellschaften, natrlich sofern sie Helfer
bei praktischer Verwirklichung ihrer Ideen gefunden htten; diese Helfer
aber fanden sich eben beinahe niemals, so wie es galt, zur Ausfhrung zu
schreiten. Htte man die Leute zwingen wollen, vernnftig zu bleiben, so
htten sie ber Gewalt geschrieen und des Rsonnierens wre kein Ende
gewesen; da es nur von ihnen abhing, welche Dummheit immer zu begehen,
so lieen sie es weislich bleiben und das Rsonnieren hatte ein Ende.
Die Freiheit hat sich auch in diesem Punkte als die beste Gewhr der
Ordnung erwiesen.

Abermals gab Professor Tenax seine Zustimmung zu erkennen und fuhr dann
fort: Ich kann mir jetzt der Hauptsache nach das nun folgende Bedenken
selbst beantworten, nmlich die Frage, ob denn nicht von politischen und
insbesondere socialpolitischen Parteiungen Zerwrfnisse zu erwarten
seien. Wer z. B. ein Fanatiker der absoluten Gleichheit ist und sich
dadurch gekrnkt fhlt, da seinem Direktor die Arbeit hher angerechnet
wird als ihm selbst, dem steht es frei, sich -- immer unter der
Voraussetzung, da er Genossen findet -- einen Direktor zu suchen, der
mit fnf oder sechs Stundenwerten tglich zufrieden ist. Aber derlei
Versuche knnten, wenn sie hufiger vorkommen, doch strend werden; wie
erklren sie, meine geschtzten Kollegen, da solche radikale
Gleichheitsduselei hier meines Wissens berhaupt gar nicht vorgekommen
ist und da ebensowenig anarchistische Experimente in Freiland
unternommen wurden?

Das erklrt sich unseres Erachtens sehr einfach dadurch, da die
absolute Gleichheitsidee nichts anderes ist, als eine Hallucination des
Hungerfiebers. Die Menschen sind so offenbar und sinnfllig weder an
Fhigkeiten noch an Bedrfnissen gleich, da nur ein Wahnsinniger auf
den Gedanken geraten knnte, diese der menschlichen Natur
zuwiderlaufende absolute Gleichheit zu erzwingen -- wenn der Hunger
nicht da wre. Satt werden wollen alle Menschen, in diesem Punkte sind
wir thatschlich alle gleich, und in einer Gesellschaft, wo schmutziges,
brutales Elend an der Tagesordnung ist, dort erklrt es sich, da
gleichmige Teilung verlangt wird. Zeigt sich aber, da jedermann, wenn
ihm nur die Mittel zur Bethtigung seiner Krfte zugnglich sind, bei
miger Arbeit nicht blo das Notwendige, sondern auch das berflssige,
das Angenehme und das Schne erlangen kann, handelt es sich nicht mehr
darum, das Brot, sondern den Braten und das Konfekt zu verteilen, dann
wre es schlechthin albern, zu verlangen, da jedermann die gleiche
Portion erhalten msse, gleichviel, ob er danach Verlangen trgt oder
nicht.

Und was den Anarchismus anlangt, das Bestreben, zugleich mit der
Herrschaft auf wirtschaftlichem Gebiete, auch alle staatliche Ordnung
ber den Haufen zu werfen, so erklrt sich auch dieser blo aus dem
Hasse gegen eine bestimmte Form der staatlichen Ordnung, welche die
Mehrheit dazu verurteilt, die Fortschritte der Kultur anderer mit den
eigenen Entbehrungen zu bezahlen. Wo _alles_ teilnimmt an den Frchten
fortschreitender Kultur, dort fllt es niemand bei, jene Ordnung
anzutasten, die Voraussetzung des Kulturfortschrittes ist.

Bevor ich, nahm nun wieder Professor Tenax das Wort, zu den zwei
groen Prinzipienfragen bergehe, die den Schlu meiner Zweifel
enthalten, mchte ich noch die Nebenfrage geklrt sehen, ob sich mit dem
Grundsatze der Freizgigkeit alle erdenklichen Arbeitszweige vereinbaren
lassen. Wie hlt man es zunchst mit knstlerischen Leistungen? Soll es
sich ein Maler gefallen lassen, da beliebige Personen sich ihm als
Helfer aufdrngen, und was kann er hierzulande thun, um sich solch
unwillkommene Genossen vom Leibe zu halten?

Den Maler, so war die Antwort, schtzt vor solchen Genossen schon die
Thatsache, da er zu seiner Arbeit der Mittel der Gesamtheit nicht
bedarf und da also bei ihm jene Voraussetzung fehlt, an welche die
Pflicht geknpft ist, sich Genossen der Arbeit gefallen zu lassen. Doch
nehmen wir selbst an, da es sich anders verhielte; setzen wir den Fall,
da ein Maler oder ein Bildhauer fr seine Arbeit im eigenen Hause nicht
Platz hat und da auch die Materialien zur Vollendung derselben so groe
Mittel erfordern, da er den ffentlichen Kredit in Anspruch nimmt;
jetzt ist er der Freizgigkeit unterworfen. Aber glauben Sie, da die
ffentliche Meinung eine Strung seiner Arbeit durch unberufene
Eindringlinge dulden wrde? Sowie sich der leiseste Versuch zu
derartigem Beginnen zeigt, hat unser Mann nichts anderes ntig, als eine
Generalversammlung einzuberufen, sich von dieser zum bevollmchtigten
Direktor ernennen zu lassen und dann sich meldende Genossen entweder zu
Handlangungen oder, wenn er auch dieser nicht bedarf, berhaupt nicht zu
verwenden. Wollen Bswillige ihn vergewaltigen, so stehen ihm jederzeit
ausreichende Stimmen seiner Mitbrger zur Verfgung, um derartige
Versuche zu vereiteln. Unsere oberste Herrin, die ffentliche Meinung,
mengt sich zwar ungefragt in nichts und lt jeden treiben, was er mag;
sofern aber irgend jemandes Treiben die Rechte anderer krnkt, ist sie,
gerade weil sie zu unntigem und berflssigem Eingreifen niemals
herangezogen wird, sofort hilfsbereit. Hier kann nur Unrecht unter der
Voraussetzung geschehen, da es sich der davon Betroffene schweigend
gefallen lt.

Ich bin auch hierber beruhigt, erklrte Professor Tenax. Mchten Sie
mir nun erklren, welches Mittel Freiland anwendet, um die Gerechtigkeit
in solchen Fllen zu handhaben, wo die Freizgigkeit auer stande ist,
das Gleichgewicht der Arbeitsertrge herzustellen, oder wo sie dies zum
mindesten nicht thun knnte, ohne die Wirtschaftlichkeit der Produktion
in hohem Mae zu beeintrchtigen? Es ist nicht richtig, da der Wert
_jeder_ Ware vom verhltnismigen Arbeitsaufwande abhngt oder davon
abhngig gemacht werden kann, und zwar ist dies aus dem Grunde
unrichtig, weil es Waren giebt, die nicht durch menschliche Arbeit,
sondern durch die freiwillige Thtigkeit der Natur hervorgebracht sind,
Waren, die der Mensch nicht erzeugt, sondern blo einheimst. Der Baum im
Walde ist nicht das Produkt desjenigen, der ihn fllt, und im Werte des
Holzes wird daher nicht die Arbeit des Holzfllers, sondern der
Hauptsache nach die unentgeltliche Leistung der Natur bezahlt. Dasselbe
gilt vom Erze eines reichen Bergwerks, in welchem regelmig nicht die
Arbeit des Bergmannes allein, sondern daneben auch noch die davon
unabhngige Seltenheit des Vorkommens bezahlt werden mu. Ja, ein
solcher durch die natrlichen Verhltnisse bedingter Seltenheitswert
kann in der Mehrzahl aller Produktionszweige vorkommen. Nun gebe ich zu,
da die Freizgigkeit, wenn man sie ins Extrem treiben will, die
Ausgleichung aller Ertrge zu bewerkstelligen vermchte. Bleiben wir bei
dem Beispiele mit dem Bergwerke, so werden sich der ergiebigeren Mine
insolange vermehrte Arbeitskrfte zuwenden, bis der auf die einzelne
Arbeitskraft entfallende Ertragsanteil sich berall ins Gleichgewicht
setzt; aber das wird unter Umstnden nur derart mglich sein, da die
Leistung der einzelnen Arbeiter der ergiebigeren Mine beschrnkt wird.
Auch dagegen kann man sich helfen, indem die ergiebigere Mine die
berschsse ihres Ertrages ber den landesblichen Durchschnitt an das
Gemeinwesen oder an verwandte Minen zur Verteilung und solcherart eine
billige Ausgleichung der Ertrge zuwege bringt. Aber wie mir scheint,
hlt man in Freiland selbst diese letztere Methode nicht berall fr
ausreichend oder doch nicht fr die zweckmigste, denn ich sehe, da
einzelne Arbeitszweige, und zwar insbesondere Bergwerke und Forste, in
Staatsbetrieb genommen werden. Liegt hierin nicht das Gestndnis einer
Mangelhaftigkeit des Prinzipes der Freizgigkeit?

Durchaus nicht. So wenig es eine Verletzung des in der brgerlichen
Welt geltenden Grundsatzes der Privatwirtschaft ist, wenn der
brgerliche Staat selbst Privatwirtschaft betreibt, ebensowenig ist es
eine Verletzung des Prinzips freivergesellschafteter Wirtschaft, wenn
der Staat sich selbst wirtschaftend den freien Vergesellschaftungen
anreiht; in beiden Fllen ist das Prinzip gewahrt, sofern nur der Staat
selbst nicht von demselben abweicht. Eine Verletzung der brgerlichen
Wirtschaftsordnung wre es nur, wenn sich etwa der brgerliche Staat
beifallen liee, in den von ihm betriebenen Wirtschaftszweigen andere
als die brgerlichen Grundstze gelten zu lassen, und ebenso knnte
unser Prinzip nur dann als verletzt gelten, wenn unser Staat brgerliche
oder kommunistische Grundstze bei den von ihm betriebenen Wirtschaften
einschmuggeln wollte -- oder auch nur knnte. Er kann es ebensowenig,
als der brgerliche Staat nach unseren Grundstzen zu arbeiten
vermchte. Worauf es ankommt, das ist einzig der Gesichtspunkt, nach
welchem die in solchen Staatswirtschaften Beschftigten fr ihre
Thtigkeit entlohnt werden; in der brgerlichen Welt geschieht dies
unter Gewhrung des landesblichen _Arbeitslohnes_, d. h. des je nach
Ort und Zeit zur Fristung des Lebens fr notwendig Erachteten, bei uns
unter Gewhrung des landesblichen _Vollertrages_ von menschlicher
Arbeit. Gleichwie der brgerliche Staat seinen Angestellten so viel
bezahlen mu, als dem blichen Existenzminimum entspricht, weil er
andernfalls die ntigen Arbeitskrfte nicht fnde, und gleichwie er
ihnen nicht mehr gewhren kann als dieses Existenzminimum, weil er
andernfalls mit Arbeitsanerbietungen berflutet wrde -- ebenso mu
unser Staat seinen Angestellten in welchem Zweige der von ihm
betriebenen Wirtschaft immer den nmlichen Vollertrag von Arbeit
gewhren, wie ihn die anderen Arbeitenden des Landes genieen, und er
kann ihnen nicht mehr gewhren, weil ihm erst recht das Mittel fehlen
wrde, dem Zudrange von Arbeitskraft eine Schranke zu ziehen. Um es kurz
zu sagen: der Staat ist bei uns so wenig als in der brgerlichen Welt
von aller wirtschaftlichen Thtigkeit ausgeschlossen, aber bei uns wie
in der brgerlichen Welt steht seine Wirtschaft unter der zwingenden
Gewalt des gesellschaftlichen Grundprinzips, welches dort die
Ausbeutung, hier die Gerechtigkeit ist.

Ich komme nun, so nahm Professor Tenax abermals das Wort, zu der
ersten, der bereits angedeuteten groen Prinzipienfragen. Glauben Sie,
da es mglich ist, die fr Freiland zur Anwendung gebrachten Grundstze
auf die ganze Menschheit anzuwenden; wenn Sie das glauben, halten Sie es
fr mglich, da dies berall unter Schonung aller erworbenen Rechte
geschehen kann, und gleichviel ob Sie letzteres glauben oder nicht,
warum haben Sie zur Verwirklichung Ihrer menschheitserlsenden Ideen
diesen entlegenen Winkel im Innern Afrikas ausgesucht und es nicht
vorgezogen, dieselben unter den civilisierten Nationen Europas oder
Amerikas durchzusetzen?

Die Bejahung des ersten Punktes dieser Frage versteht sich eigentlich
von selbst, lautete die Antwort. Da die freilndischen Grundstze
durchaus in der menschlichen Natur fuen, so lt sich kein erdenklicher
Grund absehen, warum man sie nicht berall anwenden und damit nicht die
nmlichen Erfolge erzielen knnte, wie wir hier in Freiland. Denn wir
setzen ja von den Angehrigen unseres Gemeinwesens nichts anderes
voraus, als jenen frwahr sehr migen Grad von Bildung, die dazu
erforderlich ist, um den handgreiflichen eigenen Vorteil zu verstehen.
Unsere Arbeiter bedrfen keines tieferen Verstndnisses fr
volkswirtschaftliche Fragen; sie brauchen blo zu begreifen, da es
besser ist, bei gleicher Anstrengung fnf Mark als vier Mark zu
verdienen. Auch besondere Tugenden fordern wir von den Menschen nicht;
Freiheit und Gerechtigkeit haben die Kraft, die Menschen zu verbessern,
aber damit Freiheit und Gerechtigkeit eingefhrt werden, ist es durchaus
nicht notwendig, da die Menschen besser seien, denn nicht Gemeinsinn,
sondern freiwaltender Eigennutz ist das leitende Prinzip der Wirtschaft
in Freiland.

Aber die wirtschaftliche Freiheit und Gerechtigkeit ist nicht blo
berall mglich, ihr Sieg ist unvermeidlich, soll anders nicht aller
Kulturfortschritt ein Ende finden. Denn seitdem es dem menschlichen
Geiste gelungen, die grenzenlose Kraft der Elemente in den Dienst der
Arbeit zu zwingen, ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
aus einer grausamen zwar, aber unvermeidlichen Kulturnotwendigkeit --
was sie Jahrtausende hindurch gewesen -- zu einem Kulturhindernis
geworden. Es giebt jetzt, sofern die arbeitenden Massen ausgeschlossen
bleiben vom Genusse des Vollwertes ihrer Arbeit, keine Verwendung mehr
fr die Ertrge wachsender Produktion, und da unverwendbare Dinge, weil
sie wertlos sind, nicht erzeugt werden knnen, so erstickt die
Ausbeutung jenen Reichtum im Entstehen, der sich sofort einstellen
wrde, sowie nur Verwendung fr denselben vorhanden wre. Die
Knechtschaft ist zur alleinigen Ursache des Elends geworden, und da
Elend Barbarei und Ohnmacht ist, so mu und wird es dem Reichtum
weichen, der Kultur und Macht bedeutet.

Also unsere Grundstze knnen nicht blo, sie mssen berall zur
Verwirklichung gelangen. Und zwar knnte dies berall geschehen ohne
Verletzung erworbener Rechte. Gleichwie die buerlichen Lasten und das
Eigentum an den Sklaven seinerzeit in vielen Staaten friedlich abgelst
wurden, so knnte das auch mit dem ganzen Grundbesitze und mit den
Arbeitskapitalien geschehen. Das unermeliche Wachstum des Reichtums,
welches die mit naturgesetzlicher Notwendigkeit eintretende Folge des
zwischen Produktionskraft und Konsumtionskraft hergestellten
Gleichklanges wre, bte mit spielender Leichtigkeit die Mittel zu allen
diesen Leistungen, und da die bisherigen Besitzer mit den ihnen
zugesprochenen Ablsungssummen ohnehin keine Zinsen mehr machen, sondern
dieselben lediglich zu allmhlichem Verbrauche benutzen knnten, so
wrde es nicht schwer fallen, die Abzahlungen auf eine lngere Reihe von
Jahren zu verteilen und solcherart selbst fr den Anfang jede
berbrdung der neuen Wirtschaft aus diesem Titel zu vermeiden. Ja, es
lge sogar im Interesse der neuen Ordnung der Dinge, da dieselbe
berall unter Schonung aller erworbenen Rechte durchgefhrt werde, da
nur solcherart Erschtterungen und Strungen vermieden wrden, die
unmglich ohne Nachteil auch fr die Zukunft bleiben knnen. Aber wir
bezweifeln trotzdem, da sich der unvermeidliche bergang von der
ausbeuterischen zur freien Wirtschaft allerorten oder auch nur in den
meisten civilisierten Staaten in so schonender, ruhiger Weise vollziehen
wird. Damit dies geschhe, mten die Besitzenden die friedliche
Revolution selbst in die Hand nehmen, ihr wenigstens zustimmen, so lange
sie noch ein Restchen Macht in Hnden haben. Und das werden sie
voraussichtlich nirgends thun. Da aber eine gegen den Widerstand der
Machthaber durch Gewalt zum Siege gelangte Revolution schonend verfahre,
ist nicht zu erwarten. Von der Zhigkeit der Besitzenden drfte es
voraussichtlich berall abhngen, ob ber ihre Ansprche mit grerer
oder geringerer Rcksichtslosigkeit zur Tagesordnung bergangen wird; je
hartnckiger sie sich dem Rade der Zeit entgegenstemmen, desto sicherer
und grausamer werden sie unter demselben zermalmt werden. Ich fasse also
die Antwort auf den zweiten Punkt der Frage dahin zusammen: der bergang
zur socialen Freiheit und Gerechtigkeit knnte sich berall unter
vollkommenster Schonung der erworbenen Rechte vollziehen; er wird aber
wahrscheinlich in den meisten Lndern unter teilweiser oder gnzlicher
Nichtbeachtung dieser Rechte, ja unter blutigen Verfolgungen vor sich
gehen.

Damit ist aber der Hauptsache nach schon der dritte Punkt beantwortet.
Der Herr Fragesteller scheint zwar zu meinen, da die Grnder von
Freiland, auf die Gefahr hin, dadurch blutige Verwickelungen
heraufzubeschwren, den Hebel inmitten der brgerlichen Gesellschaft
htten ansetzen sollen, weil sie dadurch die Befreiung der enterbten
Massen der Welt, auf die doch grerer Nachdruck gelegt werden msse als
auf die Schaffung eines Asyls, in welchem jedenfalls nur einige
Millionen Platz finden, rascher und sicherer erreichen wrden. In der
That ist der oberste Zweck, der auch uns hier vorschwebt, die Befreiung
all unserer unter Ausbeutung seufzenden Mitmenschen; wir waren und sind
jedoch berzeugt, durch die Grndung Freilands mehr fr die Befreiung
der Welt geleistet zu haben, als durch noch so wirksame Agitation in den
Staaten Europas und Amerikas. Denn da es keiner Frage unterliegt, da
die Besitzenden, welche ja allenthalben die Macht in Hnden halten, sich
unseren Bestrebungen widersetzt htten, so ist es ebenso unfraglich, da
wir uns auf das Agitieren htten beschrnken mssen, whrend wir hier zu
handeln vermochten. Und die Beredsamkeit der Thatsachen ist eine
unendlich gewaltigere als die noch so wohl durchdachter und
wohlgesetzter Worte. Gleichwie jene englischen Independenten, die im
siebzehnten Jahrhundert den Grundstein zu den Vereinigten Staaten von
Nordamerika legten, damit mehr und besseres fr die politische Freiheit
der Welt thaten, als wenn sie in ihrer englischen Heimat verblieben
wren und dort fr die nmliche Sache vergeblich geduldet htten, so
glauben auch wir, mehr fr die wirtschaftliche Freiheit geleistet zu
haben, indem wir hier handelten, statt anderwrts thatenlos zu dulden.

Sie sind also gleich mir der berzeugung, so nahm nun Professor Tenax
abermals das Wort, da Freiland bestimmt ist, seine Einrichtungen ber
die ganze Welt zu tragen und da es diesen seinen obersten Zweck frher
oder spter erreichen wird. Damit aber werden Not und Elend ihren
Abschied von der Menschheit nehmen. Glauben Sie, da das geschehen kann,
ohne da bervlkerung die notwendige Folge wre, und besorgen Sie
nicht, da bervlkerung wieder zu Not und Elend fhren mu? Malthus hat
bewiesen, da die Bevlkerungszunahme das stetige Bestreben habe, ber
den Nahrungsspielraum hinauszuwachsen, und da endloser Vermehrung eben
nur durch den Nahrungsmangel eine Grenze gezogen werden knne. Nun
bewahrt die brgerliche Wirtschaftsordnung zum mindesten eine Minderheit
der Menschen vor den unvermeidlichen Endergebnissen der Not; gelangt
aber die wirtschaftliche Gleichberechtigung zu allgemeiner Anwendung,
dann mu, wenn abermals Not hereinbricht, diese allgemein werden und das
wre gleichbedeutend mit allgemeinem Kulturrckschritte, mit Barbarei.

Malthus hat das, was Sie soeben darlegten, antwortete der eine der
freilndischen Professoren, und was thatschlich von der ganzen
brgerlichen Welt einem unumstlichen Dogma gleich geachtet wird, nicht
bewiesen, sondern nur behauptet. Und da man diese, den
augenscheinlichsten Thatsachen hohnsprechende, in der Luft schwebende
Behauptung ein volles Jahrhundert hindurch fr einen vollgltigen Beweis
nahm, ist nur ein Zeugnis mehr fr die voreingenommene Verblendung
dieser merkwrdigen Zeit, die ber dem erfolgreichen Bestreben, der
Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, den groen Zusammenhang aller
natrlichen und menschlichen Dinge gnzlich aus dem Auge verlor. Es ist
allerdings wahr, da die Vermehrung der Menschen, wie berhaupt aller
lebenden Wesen, irgend eine Grenze haben msse, und es ist ebenso wahr,
da Hunger und Entbehrungen unter Umstnden zu einer Grenze der
Volksvermehrung werden; unwahr aber ist, da die Menschen sich unter
allen Umstnden vermehren, bis sie der Hunger decimiert, vielmehr zeigt
selbst der oberflchlichste Blick auf die Thatsachen jedem durch
Vorurteile nicht vollends verblendeten Beobachter, da als groe Regel
das Gegenteil stattfindet, da die Menschen sich nirgends oder doch
beinahe nirgends bis an die Grenzen ihres Nahrungsspielraums vermehren
noch jemals vermehrt haben. Wre es anders, so mte ja bervlkerung
die allgemeine Regel sein, whrend thatschlich die Erde mit
Leichtigkeit die hundertfache Menschenzahl ernhren knnte.

Malthus beruft sich zur Erhrtung seines Lehrsatzes auf die Natur; auch
dort findet als Regel das Gegenteil von dem statt, was er aus ihr
herauslesen will; in der Natur herrscht nicht Mangel, sondern
grenzenloser berflu; selbst jene Arten, deren Fruchtbarkeit die
strkste ist, vermehren sich doch nirgends oder doch nur in hchst
vereinzelten Ausnahmefllen auch nur annhernd bis an die Grenzen ihres
Nahrungsspielraumes. Da Malthus auf die aberwitzige Idee geraten
konnte, die Menschen hungerten und htten alle Zeit gehungert, weil
ihrer zuviel seien, ja, da er auf die noch aberwitzigere
Wahnvorstellung geriet, allenthalben in der Natur herrsche der nmliche
Zustand des regelmigen Hungers, erklrt sich blo daraus, da er den
Hunger in der Menschheit als Thatsache vor sich sah, die richtige
Erklrung desselben -- da die Massen hungern, weil ihnen vorenthalten
wird, womit sie sich sttigen knnten -- nicht zu entdecken vermochte
und deshalb zu dem Auskunftsmittel griff, welches sich berall
einstellt, wo richtige Erklrungen fehlen, nmlich ein Naturgesetz
aufzustellen, wo nichts anderes vorliegt, als eine verkehrte menschliche
Einrichtung. Die Wahrheit ist, da die Natur auer dem Hunger noch eine
ganze Reihe von Mitteln besitzt, um das Gleichgewicht in der
Fortpflanzung jeglichen Lebewesens aufrecht zu erhalten; die Vermehrung
_fnde_ eine Grenze im Hunger, wenn sie im brigen grenzenlos wre; da
sie aber letzteres nicht ist, da andere Naturgewalten das Gleichgewicht
zwischen Fortpflanzungsvermgen und Sterblichkeit lange vor Erreichung
der Hungergrenze herstellen, so kann der Hunger hchstens ausnahmsweise
die ihm von Malthus als Regel zugeschriebene Wirkung uern.

Aber die hohe Bedeutung, welche der Malthusschen bervlkerungslehre
von der brgerlichen Welt beigemessen wird, wre selbst dann
ungerechtfertigt, wenn dieser Lehrsatz an und fr sich auf Wahrheit
beruhen wrde. Da die Kohlenfelder der Erde in absehbarer Zeit
erschpft werden mssen, wenn mit ihrem Verbrauche in der bisherigen
Weise fortgefahren wird, ist doch fr alle Flle viel sicherer,
unzweifelhafter, als da die Erde fr die Menschheit zu eng werden
mte, wenn man den Arbeitenden gestatten wrde, sich zu sttigen; warum
ngstigt sich die brgerliche Welt nicht vor dem Versiegen der
Kohlenminen, sondern berlt die Sorge um die Beschaffung zuknftigen
Brennstoffes getrost den kommenden Generationen, whrend sie sich
unablssig den Kopf dieser nmlichen Generationen wegen der
bervlkerungsgefahr zerbricht? Es steckt hier ein gutes Stck bewuter
oder unbewuter Heuchelei verborgen; man sucht nach Grnden fr eine
Handlungsweise, von welcher man instinktiv empfindet, da sie nicht zu
rechtfertigen sei. Der bervlkerungstheorie liegt in Wahrheit gar
nichts anderes zu Grunde, als die nur zu berechtigte Scham darber, da
wir ungezhlte Millionen gleichberechtigter Mitgeschpfe dem
jmmerlichsten Elende preisgeben, whrend wir doch die Mittel besen,
ihnen allen ein menschenwrdiges Dasein zu ermglichen.

Hiermit hatte diese interessante Auseinandersetzung ihr Ende erreicht.
Nicht leicht zuvor sah ich jemals einen Besiegten und vollends einen im
Wortkampfe besiegten Professor, der ob seiner Niederlage so froh gewesen
wre, wie diesmal mein einst so zher Lehrer und Freund Tenax. Er
schttelte beim Abschiede seinen zwei erfolgreichen Widersachern so
freudig bewegt die Hnde, als ob es nur von deren gutem Willen
abgehangen htte, ihm dem bertritt nach Freiland zu ermglichen oder zu
verwehren.

Jetzt bin ich mit der Vergangenheit fertig; meine ganze Zukunft gehrt
der Verbreitung jener Ideen, die ich hier in mich aufgenommen -- das
waren des Professors Worte, als wir uns trennten.




                            Schlu-Kapitel.


Ich schliee hiermit das Tagebuch ber meine Erlebnisse in Freiland und
zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil meine Zeit, die bisher zwischen
Arbeit, Belehrung und Vergngen geteilt war, derzeit durch Gefhle,
Gedanken und Handlungen ausgefllt wird, die sich allesamt in _einem_
Kreise bewegen, in dessen Mittelpunkt ein weibliches Wesen steht, das
fr mich der Inbegriff alles Edlen, Schnen und Guten ist. Das heit mit
andern Worten: ich bin verliebt.

Der Leser besorge nicht, da ich ihn mit Ergssen meiner Liebe
behellige; dieses Schlukapitel soll nichts anderes sein als eine
mglichst trockene Verlobungsanzeige. Nur eines mu ich noch erzhlen,
weil es bezeichnend ist fr die Denkungsart der freilndischen Mdchen.

Als ich mich mit meiner Braut verlobt hatte und die Einrichtung unseres
zuknftigen Heims zur Sprache kam, erwhnte ich, da ich in Europa ein
sehr bedeutendes Vermgen zurckgelassen, ber welches ich allerdings
teilweise bereits zu gunsten des freilndischen Gemeinwesens verfgte,
von welchem jedoch immerhin noch genug vorhanden sei, um uns hier den
Luxus eines besonders schn und behaglich eingerichteten Hausstandes zu
gestatten. Da verfrbte sich meine Braut und bat mich dringend, auf
diesen Gedanken zu verzichten. Als ich nach dem Grunde forschte und zu
wissen begehrte, warum ihr meine Absicht so hochgradigen Widerwillen
einfle, erklrte sie mir zgernd, es wre ihr geradezu unheimlich,
einen Luxus zu genieen, der aus Not und Jammer unterdrckter
Mitgeschpfe erwachsen. Mir wrde zu Mute -- so meinte sie -- als ob
ich Menschenfleisch genieen mte; so wenig eine in Europa
aufgewachsene Frau es ertragen knnte, wenn in ihren Hausstand eine
Anzahl fetter Menschen eingeschlachtet wrde, ebensowenig kann ich, die
ich seit meiner Kindheit Freilands Luft geatmet, es vertragen, etwas zu
genieen, was entstanden ist, indem menschliche Geschpfe durch
beranstrengung und Entbehrung zu Tode gehetzt wurden.

Und dabei blieb es; auch der Rest meines in Europa von meinen Vorfahren
nach den dortigen Begriffen redlich erworbenen Vermgens ist in die
Kasse der freilndischen Behrde fr auswrtige Angelegenheiten
gewandert, welche derartige Einzahlungen reicher Genossen -- in
Verbindung natrlich mit den zu gleichen Zwecken aufgewendeten Mitteln
unseres Gemeinwesens -- dazu bentzt, um stets greren und greren
Massen auslndischer Proletarier die bersiedelung nach Freiland zu
ermglichen.

                                 Ende.




                          Inhaltsverzeichnis.


                                                                   Seite
   Vorwort                                                             3
    1.  Kap.  Warum ich auswanderte                                    7
    2.  Kap.  Die Reise                                               18
    3.  Kap.  Wo Freiland liegt und was Freiland ist                  25
    4.  Kap.  Wer mir in Freiland die Stiefel putzte und wie es       32
                 dort in den Straen aussieht. Das Eigentum an
                 Wohnhusern
    5.  Kap.  Wie ich in Freiland einen Beruf whlte und im           42
                 Speisehause mein Mittagessen bezahlte
    6.  Kap.  Das Statut einer freilndischen Erwerbsgesellschaft     52
                 und die Arbeitsertrge
    7.  Kap.  Warum Freiland so viel Maschinen verwendet und          64
                 woher es sie nimmt
    8.  Kap.  Ein freilndisches Hauswesen und das freilndische      81
                 Versorgungsrecht
    9.  Kap.  Die Centralbank, das Geldwesen und das Lagerhaus.       92
                 ber die Freiheit in Freiland
   10.  Kap.  Unmglichkeit von Krisen in Freiland. Die              108
                 freilndische Rentenversicherung
   11.  Kap.  Eine Ferienreise in Freiland. Der                      117
                 landwirtschaftliche Betrieb. Verteilung von
                 Boden und Kapital
   12.  Kap.  Eine Grndung in Freiland                              134
   13.  Kap.  Die Verfassung von Freiland. Die freilndische         145
                 Steuer
   14.  Kap.  ber Geselligkeit, Liebe und Religion in Freiland      156
   15.  Kap.  ber die Tchtigkeit der gewhlten                     168
                 Betriebsleitungen, knstlerische Produktion,
                 Kommunismus und Anarchismus, Staatsbetrieb,
                 allgemeine Anwendbarkeit der freilndischen
                 Grundstze und die Furcht vor bervlkerung
              Schlukapitel                                          182




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 7]:
   ... gebildetsten und liebenswrdigsten Mdchens aus einer der ...
   ... gebildetsten und liebenswrdigsten Mdchen aus einer der ...

   [S. 16]:
   ... verzichte entgltig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzhlte ...
   ... verzichte endgltig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzhlte ...

   [S. 23]:
   ... Unser Zug brauchte fr die 280 Kiliometer der Tana-Keniabahn ...
   ... Unser Zug brauchte fr die 280 Kilometer der Tana-Keniabahn ...

   [S. 33]:
   ... denn, mir unerfahrene Fremdling zu erklren, erstens, wozu ...
   ... denn, mir unerfahrenem Fremdling zu erklren, erstens, wozu ...

   [S. 35]:
   ... es nur gerecht finden, da uns auch die Wartezeit vergte ...
   ... es nur gerecht finden, da uns auch die Wartezeit vergtet ...

   [S. 51]:
   ... Orten zu erzielenden Gewinste zur Beschaffheit und Nhe ...
   ... Orten zu erzielenden Gewinste zur Beschaffenheit und Nhe ...

   [S. 55]:
   ... durch die Generversammlung im Wege einer mit jedem ...
   ... durch die Generalversammlung im Wege einer mit jedem ...

   [S. 66]:
   ... Nun besteht in Europa zwischen dem Werte des
       Arbeitergebnisses ...
   ... Nun besteht in Europa zwischen dem Werte des
       Arbeitsergebnisses ...

   [S. 67]:
   ... zehn Jahreslhne nicht einmal 60-70 Pfund Sterling. ...
   ... zehn Jahreslhne nicht einmal 60-70 Pfund Sterling. ...

   [S. 86]:
   ... auf jede Frau 108 Pfund Sterling, der Kinderzuschlage ...
   ... auf jede Frau 108 Pfund Sterling, der Kinderzuschlag ...

   [S. 87]:
   ... Rechtes, welches auch die Arbeitsunfhigen an den allgemeinen ...
   ... Rechtes, welches auch die Arbeitsunfhigen an dem allgemeinen ...

   [S. 100]:
   ... bemessen fragte ich. ...
   ... bemessen? fragte ich. ...

   [S. 114]:
   ... seine Versorgungerente beliebig erhhen. ...
   ... seine Versorgungsrente beliebig erhhen. ...

   [S. 114]:
   ... des Bezugberechtigten auf zwlf Mark steigen; unser Mann ...
   ... des Bezugsberechtigten auf zwlf Mark steigen; unser Mann ...

   [S. 124]:
   ... hunterttausend Arbeitsstunden beanspruchen, so wrde ...
   ... hunderttausend Arbeitsstunden beanspruchen, so wrde ...

   [S. 129]:
   ... verbietet ihr hier den Leuten, Kapital, da sie allenfalls
       auf ...
   ... verbietet ihr hier den Leuten, Kapital, das sie allenfalls
       auf ...

   [S. 131]:
   ... die Begriffsttzigkeit einer Frau, die in frhester Jugend
       Ihr ...
   ... die Begriffsstutzigkeit einer Frau, die in frhester Jugend
       Ihr ...

   [S. 136]:
   ... derzeit auf zwlhundertundfnfzig Mark im Jahre. ...
   ... derzeit auf zwlfhundertundfnfzig Mark im Jahre. ...

   [S. 137]:
   ... wre, sie an die Verwirklichung eines derartigen
       Hingespinstes ...
   ... wre, sie an die Verwirklichung eines derartigen
       Hirngespinstes ...

   [S. 143]:
   ... sollen, ber das Auma dieser Bewilligung verhandeln, ist ...
   ... sollen, ber das Ausma dieser Bewilligung verhandeln, ist ...






End of Project Gutenberg's Eine Reise nach Freiland, by Theodor Hertzka

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE REISE NACH FREILAND ***

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