The Project Gutenberg EBook of Einige Gedichte
by Johann Christoph Friedrich von Schiller

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Title: Einige Gedichte

Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller

Release Date: October, 2004  [EBook #6649]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EINIGE GEDICHTE ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
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Einige Gedichte

Friedrich von Schiller


Inhalt:

Abschied vom Leser
Amalia
An den Fruehling
An die Astronomen
An einen Moralisten
Bittschrift
Das Geheimnis
Das Glueck der Weisheit
Das Lied von der Glocke
Das Maedchen aus der Fremde
Das Maedchen von Orleans
Das Spiel des Lebens
Das verschleierte Bild zu Sais
Der Abend
Die Antiken zu Paris
Die schoenste Erscheinung
Die Weltweisen
Epigramme Friedrich Schiller
Forum des Weibes
Odysseus
Sehnsucht
Spinoza
Thekla
Triumph der Liebe
Weibliches Urteil
Winternacht
Zum Geburtstag der Frau Griesbach



Abschied vom Leser


Die Muse schweigt.  Mit jungfraeulichen Wangen,
Erroeten im verschaemten Angesicht,
Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen;
Sie achtet es, doch fuerchtet sie es nicht.
Des guten Beifall wuenscht sie zu erlangen,
Den Wahrheit ruehrt, den Flimmer nicht besticht;
Nur wem ein Herz, empfaenglich fuer das Schoene,
Im Busen schlaegt, ist wert, dass er sie kroene.

Nicht laenger wollen diese Lieder leben,
Als bis ihr Klang ein fuehlend Herz erfreut,
Mit schoenern Phantasien es umgeben,
Zu hoeheren Gefuehlen es geweiht;
Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben,
Sie toenten, sie verhallen in der Zeit.
Des Augenblickes Lust hat sie geboren,
Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen.

Der Lenz erwacht, auf den erwaermten Triften
Schiesst frohes Leben jugendlich hervor,
Die Staude wuerzt die Luft mit Nektardueften,
Den Himmel fuellt ein muntrer Saengerchor.
Und jung und alt ergeht sich in den Lueften
Und freuet sich und schwelgt mit Aug und Ohr.
Der Lenz entflieht!  Die Blume schiesst in Samen,
Und keine bleibt von allen, welche kamen.



Amalia


Schoen wie Engel voll Walhallas Wonne,
Schoen vor allen Juenglingen war er,
Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne,
Rueckgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.
Seine Kuesse--paradiesisch Fuehlen!
Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie
Harfentoene in einander spielen
Zu der himmelvollen Harmonie--
Stuerzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen,
Lippen, Wangen brannten, zitterten,
Seele rann in Seele--Erd' und Himmel schwammen
Wie zerronnen um die Liebenden!
Er ist hin--vergebens, ach!  vergebens
Stoehnet ihm der bange Seufzer nach!
Er ist hin, und alle Lust des Lebens
Wimmert hin in ein verlornes Ach!



An den Fruehling


Willkommen schoener Juengling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkoerbchen
Willkommen auf der Flur!

Ei!  Ei!  Da bist du wieder!
Und bist so lieb und schoen!
Und freun wir uns so herzlich,
Entgegen dir zu gehen.
Denkst auch noch an mein Maedchen?
Ei, lieber, denke doch!
Dort liebte mich das Maedchen,
Und 's Maedchen liebt mich noch!

Fuers Maedchen manches Bluemchen
Erbat ich mir von dir--
Ich komm und bitte wieder,
Und du?--du gibst es mir?

Willkommen schoener Juengling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkoerbchen
Willkommen auf der Flur!



An die Astronomen


Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen!
Ist die Natur nur gross, weil sie zu zaehlen euch gibt?
Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume;
Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht.



An einen Moralisten


Was zuernst du unsrer frohen Jugendweise
Und lehrst, dass Lieben Taendeln sei?
Du starrest in des Winters Eise
Und schmaelest auf den goldnen Mai.

Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest,
Ein Held des Karnevals den deutschen Wirbel flogst,
Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest
Und Nektarduft von Maedchenlippen sogst--

Ha Seladon!  wenn damals aus den Achsen
Gewichen waer der Erde schwerer Ball,
Im Liebesknaeul mit Julien verwachsen
Du haettest ueberhoert den Fall!

O denk zurueck nach deinen Rosentagen
Und lerne: die Philosophie
Schlaegt um, wie unsre Pulse anders schlagen;
Zu Goettern schaffst du Menschen nie.

Wohl, wenn ins Eis des kluegelnden Verstandes
Das warme Blut ein bisschen muntrer springt!
Lass den Bewohnern eines bessern Landes,
Was nie dem Sterblichen gelingt.

Zwingt doch der irdische Gefaehrte
Den gottgebornen Geist in Kerkermauren ein,
Er wehrt mir, dass ich Engel werde,
Ich will ihm folgen, Mensch zu sein.



Bittschrift


Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
Die Tobaksdose ledig,
Mein Magen leer--der Himmel sei
Dem Trauerspiele gnaedig.

Ich kratze mit dem Federkiel
Auf den gewalkten Lumpen;
Wer kann Empfindung und Gefuehl
Aus hohlem Herzen pumpen?

Feu'r soll ich giessen aufs Papier
Mit angefrornem Finger?--
O Phoebus, hassest du Geschmier,
So waerm auch deine Saenger.

Die Waesche klatscht vor meiner Tuer,
Es scharrt die Kuechenzofe.
Und mich--mich ruft das Fluegeltier
Nach Koenig Philipps Hofe.

Ich steige mutig auf das Ross;
In wenigen Sekunden
Seh ich Madrid--Am Koenigsschloss
Hab ich es angebunden.

Ich eile durch die Galerie
Und--siehe da!--belausche
Die junge Fuerstin Eboli
In suessem Liebesrausche.

Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust
Mit wonnevollem Schauer,
In i h r e n Augen Goetterlust,
Doch in den s e i n e n Trauer.

Schon ruft das schoene Weib Triumph,
Schon hoer ich--Tod und Hoelle!
Was hoer ich?--einen nassen Strumpf
Geworfen in die Welle.

Und weg ist Traum und Feerei--
Prinzessin, Gott befohlen!
Der Teufel soll die Dichterei
Beim Hemdenwaschen holen.


Das Geheimnis


Sie konnte mir kein Woertchen sagen,
Zu viele Lauscher waren wach;
Den Blick nur durft ich schuechtern fragen,
Und wohl verstand ich, was er sprach.
Leis komm ich her in deine Stille,
Du schoen belaubtes Buchenzelt,
Verbirg in deiner gruenen Huelle
Die Liebenden dem Aug der Welt.

Von ferne mit verworrnem Sausen
Arbeitet der geschaeft'ge Tag,
Und durch der Stimmen hohles Brausen
Erkenn ich schwerer Haemmer Schlag.
So sauer ringt die kargen Lose
Der Mensch dem harten Himmel ab,
Doch leicht erworben, aus dem Schosse
Der Goetter faellt das Glueck herab.

Dass ja die Menschen nie es hoeren,
Wie treue Lieb uns still beglueckt!
Sie koennen nur die Freude stoeren,
Weil Freude nie sie selbst entzueckt.
Die Welt wird nie das Glueck erlauben,
Als Beute wird es nur gehascht,
Entwenden musst du's oder rauben,
Eh dich die Missgunst ueberrascht.

Leis auf den Zehen kommt's geschlichen,
Die Stille liebt es und die Nacht,
Mit schnellen Fuessen ist's entwichen,
Wo des Verraeters Auge wacht.
O schlinge dich, du sanfte Quelle,
Ein breiter Strom um uns herum,
Und drohend mit empoerter Welle
Verteidige dies Heiligtum!



Das Glueck der Weisheit


Entzweit mit einem Favoriten,
Flog einst Fortun der Weisheit zu:
"Ich will dir meine Schaetze bieten,
Sei meine Freundin du!

Mit meinen reichsten, schoensten Gaben
Beschenkt ich ihn so muetterlich,
Und sieh, er will noch immer haben
Und nennt noch geizig mich.

Komm, Schwester, lass uns Freundschaft schliessen,
Du marterst dich an deinem Pflug;
In deinen Schoss will ich sie giessen,
Hier ist fuer dich und mich genug."

Sophia laechelt diesen Worten
Und wischt den Schweiss vom Angesicht:
Dort eilt dein Freund, sich zu ermorden,
Versoehnet euch!--ich brauch dich nicht."



Das Lied von der Glocke


Vivos voco.  Mortuos plango.  Fulgura frango.

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muss die Glocke werden,
Frisch, Gesellen!  seid zur Hand.
Von der Stirne heiss
Rinnen muss der Schweiss,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.
Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fliesst die Arbeit munter fort.
So lasst uns jetzt mit Fleiss betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muss man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ists ja, was den Menschen zieret
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spueret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken lasst es sein,
Dass die eingepresste Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei,
Schnell das Zinn herbei,
Dass die zaehe Glockenspeise
Fliesse nach der rechten Weise.

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hilfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wirds in spaeten Tagen
Und ruehren vieler Menschen Ohr,
Und wird mit dem Betruebten klagen,
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhaengnis bringt,
Das schlaegt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiter klingt.

Weisse Blasen seh ich springen,
Wohl!  die Massen sind im Fluss.
Lasst's mit Aschensalz durchdringen,
Das befoerdert schnell den Guss.
Auch von Schaume rein
Muss die Mischung sein,
Dass vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange
Begruesst sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im Zeitenschosse
Die schwarzen und die heitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen--
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Maedchen reisst sich stolz der Knabe,
Er stuermt ins Leben wild hinaus,
Durchmisst die Welt am Wanderstabe,
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmels Hoehn,
Mit zuechtigen, verschaemten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da fasst ein namenloses Sehnen
Des Juenglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Traenen,
Er flieht der Brueder wilden Reihn.
Erroetend folgt er ihren Spuren,
Und ist von ihrem Gruss beglueckt;
Das Schoenste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmueckt.
O!  zarte Sehnsucht, suesses Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit,
O!  dass sie ewig gruenen bliebe,
Die schoene Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen braeunen!
Dieses Staebchen tauch ich ein,
Sehn wir's ueberglast erscheinen
Wirds zum Gusse zeitig sein.
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prueft mir das Gemisch,
Ob das Sproede mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum pruefe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
Lieblich in der Braeute Locken
Spielt der jungfraeuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach!  des Lebens schoenste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem Guertel, mit dem Schleier
Reisst der schoene Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht,
Die Liebe muss bleiben,
Die Blume verblueht,
Die Frucht muss treiben.
Der Mann muss hinaus
Ins feindliche Leben,
Muss wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muss wetten und wagen
Das Glueck zu erjagen.
Da stroemet herbei die unendliche Gabe,
Es fuellt sich der Speicher mit koestlicher Habe,
Die Raeume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die zuechtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im haeuslichen Kreise,
Und lehret die Maedchen,
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn Ende
Die fleissigen Haende,
Uend mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn.
Und fuellet mit Schaetzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglaetteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und fueget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.
Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Ueberzaehlet sein bluehend Glueck,
Siehet der Pfosten ragende Baeume,
Und der Scheunen gefuellte Raeume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
Ruehmt sich mit stolzem Mund:
Fest wie der Erde Grund
Gegen des Ungluecks Macht
Steht mfr des Hauses Pracht!--
Doch mit des Geschickes Maechten
Ist kein ew'ger Bund zu flechten,
Und das Unglueck schreitet schnell.

Wohl!  Nun kann der Guss beginnen,
Schoen gezacket ist der Bruch.
Doch, bevor wir's lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stosst den Zapfen aus!
Gott bewahr das Haus.
Raudlend in des Henkels Bogen
Schiessts mit feuerbraunen Wogen.

Wohltaetig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezaehmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser;
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
Waelzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Stroemt der Regen,
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!
Hoert ihr's wimmern hoch vom Turm!
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel,
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getuemmel
Strassen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersaeule,
Durch der Strassen lange Zeile
Waechst es fort mit Windeseile,
Kochend wie aus Ofens Rachen
Gluehn die Luefte, Balken krachen,
Pfosten stuerzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Muetter irren,
Tiere wimmern
Unter Truemmern,
Alles rennet, rettet, fluechtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet,
Durch der Haende lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Spruetzen Quellen, Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht,
Prasselnd in die duerre Frucht
Faellt sie, in des Speichers Raeume,
In der Sparren duerre Baeume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reissen, in gewaltger Flucht,
Waechst sie in des Himmels Hoehen
Riesengross!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Goetterstaerke,
Muessig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehn.
Leergebrannt
Ist die Staette,
Wilder Stuerme rauhes Bette,
In den oeden Fensterhoehlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.
Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurueck--
Greift froehlich dann zum Wanderstabe,
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein suesser Trost ist ihm geblieben,
Er zaehlt die Haeupter seiner Lieben
Und sieh!  ihm fehlt kein teures Haupt.

In die Erd ist's aufgenommen,
Gluecklich ist die Form gefuellt,
Wirds auch schoen zu Tage kommen,
Dass es Fleiss und Kunst vergilt?
Wenn der Guss misslang?
Wenn die Form zersprang?
Ach, vielleicht indem wir hoffen
Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunkeln Schoss der heilgen Erde
Vertrauen wir der Haende Tat,
Vertraut der Saemann seine Saat
Und hofft, dass sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rat.
Noch koestlicheren Samen bergen
Wir traurend in der Erde Schoss,
Und hoffen, dass er aus den Saergen
Erbluehen soll zu schoenerm Los.
Von dem Dome
Schwer und bang
Toent die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschlaege
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.
Ach!  die Gattin ists, die teure,
Ach!  es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fuerst der Schatten
Wegfuehrt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schar,
Die si.e bluehend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust--
Ach!  des Hauses zarte Bande
Sind geloest auf immerdar,
Denn sie wohnt im Scha.ttenlande,
Die des Hauses Mutter war,
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr,
An verwaister Staette schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkuehlet
Lasst die strenge Arbeit ruhn,
Wie im Laub der Vogel spielet
Mag sich jeder guetlich tun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht
Hoert der Bursch die Vesper schlagen,
Meister muss sich immer plagen.

Munter foerdert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathuette.
Bloeckend ziehen heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte glatte Scharen
Kommen bruellend,
Die gewohnten Staelle fuellend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Strasse werden stiller,
Um des Lichts gesellge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schliesst sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde,
Doch den sichern Buerger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Boesen graesslich wecket,
Denn das Auge des Gesetzes wacht.
Heilge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Staedte Bau gegruendet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesellgen Wilden,
Eintrat in der Menschen Huetten,
Sie gewoehnt' zu sanften Sitten
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleissge Haende regen,
Helfen sich in munterm Bund
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kraefte kund.
Meister ruehrt sich und Geselle
In der Freiheit heilgem Schutz.
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Veraechter Trutz.
Arbeit ist des Buergers Zierde,
Segen ist der Muehe Preis,
Ehrt den Koenig seine Wuerde,
Ehret uns der Haende Fleiss.

Holder Friede,
Suesse Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich ueber dieser Stadt!
Moege nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben,
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Roete
Lieblich malt,
Von der Doerfer, von der Staedte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebaeude,
Seine Absicht hats erfuellt,
Dass sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock soll auferstehen
Muss die Form in Stuecken gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbaechen
Das gluehnde Erz sich selbst befreit!
Blindwuetend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Hoellenrachen
Speit es Verderben zuendend aus;
Wo rohe Kraefte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Voelker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schoss der Staedte
Der Feuerzunder still gehaeuft,
Das Volk, zerreissend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocke Straengen
Der Aufruhr, dass sie heulend schallt,
Und nur geweiht zu Friedensklaengen
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit!  hoert man schallen,
Der ruh'ge Buerger greift zur Wehr;
Die Strassen fuellen sich, die Hallen,
Und Wuergerbanden ziehn umher,
Da werden Weiber zu Hyaenen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zaehnen,
Zerreissen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es loesen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute raeumt den Platz dem Boesen,
Und alle Laster walten frei.
Gefaehrlich ists den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zuenden
Und aeschert Staedt und Laender ein.

Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet!  wie ein goldner Stern
Aus der Huelse, blank und eben,
Schaelt sich der metallne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielts wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein!  herein!
Gesellen alle, schliesst den Reihen,
Dass wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name sein,
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sie die liebende Gemeine.
Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf :
Hoch ueberm niedern Erdenleben
Soll sie in blauem Himmelszelt
Die Nachbarin des Donners schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schoepfer wandelnd loben
Und fuehren das bekraenzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stuendlich mit den schnellen Schwingen
Beruehr im Fluge sie die Zeit,
Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefuehl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der maechtig toenend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
Dass sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft.
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt,
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Gelaeute.



Das Maedchen aus der Fremde


In einem Tal bei armen Hirten
Erschien mit jedem jungen Jahr,
Sobald die ersten Lerchen schwirrten,
Ein Maedchen, schoen und wunderbar.

Sie war nicht in dem Tal geboren,
Man wusste nicht, woher sie kam,
Und schnell war ihre Spur verloren,
Sobald das Maedchen Abschied nahm.

Beseligend war ihre Naehe,
Und alle Herzen wurden weit,
Doch eine Wuerde, eine Hoehe
Entfernte die Vertraulichkeit.

Sie brachte Blumen mit und Fruechte,
Gereift auf einer andern Flur,
In einem andern Sonnenlichte,
In einer gluecklichern Natur.

Und teilte jedem eine Gabe,
Dem Fruechte, jenem Blumen aus,
Der Juengling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus.

Willkommen waren alle Gaeste,
Doch nahte sich ein liebend Paar,
Dem reichte sie der Gaben beste,
Der Blumen allerschoenste dar.



Das Maedchen von Orleans


Das edle Bild der Menschheit zu verhoehnen,
Im tiefsten Staube waelzte dich der Spott;
Krieg fuehrt der Witz auf ewig mit den Schoenen,
Er glaubt nicht an den Engel und den Gott;
Dem Herzen will er seine Schaetze rauben,
Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben.

Doch, wie du selbst aus kindlichem Geschlechte,
Selbst eine fromme Schaeferin wie du,
Reicht dir die Dichtkunst ihre Goetterrechte,
Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu.
Mit einer Glorie hat sie dich umgeben;
Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben.

Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwaerzen
Und das Erhabne in den Staub zu ziehn;
Doch fuerchte nicht!  Es gibt noch schoene Herzen,
Die fuer das Hohe, Herrliche entgluehn.
Den lauten Markt mag Momus unterhalten,
Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten.



Das Spiel des Lebens


Wollt ihr in meinen Kasten sehn?
Des Lebens Spiel, die Welt im kleinen,
Gleich soll sie eurem Aug erscheinen;
Nur muesst ihr nicht zu nahe stehn,
Ihr muesst sie bei der Liebe Kerzen
Und nur bei Amors Fackel sehn.

Schaut her!  Nie wird die Buehne leer:
Dort bringen sie das Kind getragen,
Der Knabe huepft, der Juengling stuermt einher,
Es kaempft der Mann, und alles will er wagen.

Ein jeglicher versucht sein Glueck,
Doch schmal nur ist die Bahn zum Rennen:
Der Wagen rollt, die Achsen brennen,
Der Held dringt kuehn voran, der Schwaechling bleibt zurueck,
Der Stolze faellt mit laecherlichem Falle,
Der Kluge ueberholt sie alle.

Die Frauen seht ihr an den Schranken stehn,
Mit holdem Blick, mit schoenen Haenden
Den Dank dem Sieger auszuspenden.



Das verschleierte Bild zu Sais


Ein Juengling, den des Wissens heisser Durst
Nach Sais in Aegypten trieb, der Priester
Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
Stets riss ihn seine Forschbegierde weiter,
Und kaum besaenftigte der Hierophant
Den ungeduldig Strebenden.  "Was hab ich,
Wenn ich nicht alles habe?" sprach der Juengling,
"Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glueck
Nur eine Summe, die man groesser, kleiner
Besitzen kann und immer doch besitzt?
Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang
Das schoene All der Toene fehlt und Farben."

Indem sie einst so sprachen, standen sie
In einer einsamen Rotonde still,
Wo ein verschleiert Bild von Riesengroesse
Dem Juengling in die Augen fiel.  Verwundert
Blickt er den Fuehrer an und spricht: "Was ists,
Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?"
"Die Wahrheit", ist die Antwort.--"Wie?" ruft jener,
"Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
Gerade ist es, die man mir verhuellt?"

"Das mache mit der Gottheit aus", versetzt
Der Hierophant.  "Kein Sterblicher, sagt sie,
Rueckt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand
Den heiligen, verbotnen frueher hebt,
Der, spricht die Gottheit--"--"Nun?"--
"Der sieht die Wahrheit."

"Ein seltsamer Orakelspruch!  Du selbst,
Du haettest also niemals ihn gehoben?"
"Ich?  Wahrlich nicht!  Und war auch nie dazu
Versucht."--"Das fass ich nicht.  Wenn von der Wahrheit
Nur diese duenne Scheidewand mich trennte--"
"Und ein Gesetz", faellt ihm sein Fuehrer ein.
"Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
Ist dieser duenne Flor--fuer deine Hand
Zwar leicht, doch zentnerschwer fuer dein Gewissen."

Der Juengling ging gedankenvoll nach Hause,
Ihm raubt des Wissens brennende Begier
Den Schlaf, er waelzt sich gluehend auf dem Lager
Und rafft sich auf um Mitternacht.  Zum Tempel
Fuehrt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,
Und mitten in das Innre der Rotonde
Traegt ein beherzter Sprung den Wagenden.

Hier steht er nun, und grauenvoll umfaengt
Den Einsamen die lebenlose Stille,
Die nur der Tritte hohler Widerhall
In den geheimen Grueften unterbricht
Von oben durch der Kuppel Oeffnung wirft
Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
Und furchtbar wie ein gegenwaertger Gott
Erglaenzt durch des Gewoelbes Finsternisse
In ihrem langen Schleier die Gestalt.

Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
Schon will die freche Hand das Heilige beruehren,
Da zuckt es heiss und kuehl durch sein Gebein
Und stoesst ihn weg mit unsichtbarem Arme.
Ungluecklicher, was willst du tun?  So ruft
In seinem Innern eine treue Stimme.
Versuchen den Allheiligen willst du?
Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
Rueckt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
"Sei hinter ihm, was will!  Ich heb ihn auf."
(Er rufts mit lauter Stimm.)  "Ich will sie schauen."
Schauen!
Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiss es nicht.  Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fussgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen und erfahren,
Hat seine Zunge nie bekannt.  Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riss ein tiefer Gram zum fruehen Grabe.
"Weh dem", dies war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestueme Frager in ihn drangen,
"Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."



Der Abend (Nach einem Gemaelde)


Senke, strahlender Gott--die Fluren duersten
Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet,
Matter ziehen die Rosse--
Senke den Wagen hinab!

Siehe, wer aus des Meers kristallner Woge
Lieblich laechelnd dir winkt!  Erkennt dein Herz sie?
Rascher fliegen die Rosse,
Tethys, die goettliche, winkt.

Schnell vom Wagen herab in ihre Arme
Springt der Fuehrer, den Zaum ergreift Kupido,
Stille halten die Rosse,
Trinken die kuehlende Flut.

An den Himmel herauf mit leisen Schritten
Kommt die duftende Nacht; ihr folgt die suesse
Liebe.  Ruhet und liebet!
Phoebus, der liebende, ruht.



Die Antiken zu Paris


Was der Griechen Kunst erschaffen,
Mag der Franke mit den Waffen
Fuehren nach der Seine Strand,
Und in prangenden Museen
Zeig er seine Siegstrophaeen
Dem erstaunten Vaterland!

Ewig werden sie ihm schweigen,
Nie von den Gestellen steigen
In des Lebens frischen Reihn.
Der allein besitzt die Musen,
Der sie traegt im warmen Busen,
Dem Vandalen sind sie Stein.



Die schoenste Erscheinung


Sahest du nie die Schoenheit im Augenblick des Leidens,
Niemals hast du die Schoenheit gesehn.
Sahst du die Freude nie in einem schoenen Gesichte,
Niemals hast du die Freude gesehn!



Die Weltweisen


Der Satz, durch welchen alles Ding
Bestand und Form empfangen,
Der Kloben, woran Zeus den Ring
Der Welt, die sonst in Scherben ging,
Vorsichtig aufgehangen,
Den nenn ich einen grossen Geist,
Der mir ergruendet, wie er heisst,
Wenn ich ihm nicht drauf helfe--
Er heisst: Zehn ist nicht Zwoelfe.

Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt,
Der Mensch geht auf zwei Fuessen,
Die Sonne scheint am Firmament,
Das kann, wer auch nicht Logik kennt,
Durch seine Sinne wissen.
Doch wer Metaphysik studiert,
Der weiss, dass, wer verbrennt, nicht friert,
Weiss, dass das Nasse feuchtet
Und dass das Helle leuchtet.

Homerus singt sein Hochgedicht,
Der Held besteht Gefahren,
Der brave Mann tut seine Pflicht
Und tat sie, ich verhehl es nicht,
Eh noch Weltweise waren;
Doch hat Genie und Herz vollbracht,
Was Lock' und Des Cartes nie gedacht,
Sogleich wird auch von diesen
Die Moeglichkeit bewiesen.

Im Leben gilt der Staerke Recht,
Dem Schwachen trotzt der Kuehne,
Wer nicht gebieten kann, ist Knecht;
Sonst geht es ganz ertraeglich schlecht
Auf dieser Erdenbuehne.
Doch wie es waere, fing der Plan
Der Welt nur erst von vorne an,
Ist in Moralsystemen
Ausfuehrlich zu vernehmen.

"Der Mensch bedarf des Menschen sehr
Zu seinem grossen Ziele,
Nur in dem Ganzen wirket er,
Viel Tropfen geben erst das Meer,
Viel Wasser treibt die Muehle.
Drum flieht der wilden Woelfe Stand
Und knuepft des Staates daurend Band."
So lehren vom Katheder
Herr Puffendorf und Feder.

Doch weil, was ein Professor spricht,
Nicht gleich zu allen dringet,
So uebt N a t u r die Mutterpflicht
Und sorgt, dass nie die Kette bricht
Und dass der Reif nie springet.
Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhaelt,
Erhaelt s i e das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.



Epigramme


Unsterblichkeit
Vor dem Tod erschrickst du?
Du wuenschest unsterblich zu leben?
Leb im Ganzen!
Wenn du lange dahin bist, es bleibt.

Theophanie
Zeigt sich der Glueckliche mir,
ich vergesse die Goetter des Himmels;
Aber sie stehen vor mir,
wenn ich den Leidenden seh.

Das Kind in der Wiege
Gluecklicher Saeugling!
Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege,
Werde Mann,
und dir wird eng die unendliche Welt.

Der beste Staat
"Woran erkenn ich den besten Staat?"
Woran du die beste Frau kennst!
daran, mein Freund,
dass man von beiden nicht spricht.

Das Unwandelbare
"Unaufhaltsam enteilet die Zeit."
Sie sucht das Bestaend'ge.
Sei getreu,
und du legst ewige Fesseln ihr an.

Zeus zu Herkules
Nicht aus meinem Nektar
hast du dir Gottheit getrunken;
Deine Goetterkraft war's,
die dir den Nektar errang.



Forum des Weibes


Frauen, richtet mir nie des Mannes einzelne Taten;
Aber ueber den Mann sprechet das richtige Wort.



Odysseus


Alle Gewaesser durchkreuzt, die Heimat zu finden, Odysseus;
Durch der Scylla Gebell, durch der Charybde Gefahr,
Durch die Schrecken des feindlichen Meers, durch die Schrecken des Landes,
Selber in Aides Reich fuehrt ihn die irrende Fahrt.
Endlich traegt das Geschick ihn schlafend an Ithakas Kueste--
Er erwacht und erkennt jammernd das Vaterland nicht.



Sehnsucht


Ach, aus dieses Tales Gruenden,
Die der kalte Nebel drueckt,
Koennt ich doch den Ausgang finden,
Ach, wie fuehlt ich mich beglueckt!
Dort erblick ich schoene Huegel,
Ewig jung und ewig gruen!
Haett ich schwingen, haett ich Fluegel,
Nach den Huegeln zoeg ich hin.

Harmonieen hoer ich klingen,
Toene suesser Himmelsruh,
Und die leichten Winde bringen
Mir der Duefte Balsam zu,
Goldne Fruechte seh ich gluehen,
Winkend zwischen dunkelm Laub,
Und die Blumen, die dort bluehen,
Werden keines Winters Raub.
Ach wie schoen muss sich's ergehen
Dort im ew'gen Sonnenschein,
Und die Luft auf jenen Hoehen,
O wie labend muss sie sein!
Doch mir wehrt des Stromes Toben,
Der ergrimmt dazwischen braust,
Seine Wellen sind gehoben,
Das die Seele mir ergraust.

Einen Nachen seh ich schwanken,
Aber ach!  Der Faehrmann fehlt.
Frisch hinein und ohne Wanken!
Seine Segel sind beseelt.
Du musst glauben, du musst wagen,
Denn die Goetter leihn kein Pfand,
Nur ein Wunder kann dich tragen
In das schoene Wunderland.



Spinoza


Hier liegt ein Eichbaum umgerissen,
Sein Wipfel taet die Wolken kuessen,
Er liegt am Grund--warum?
Die Bauren hatten, hoer ich reden,
Sein schoenes Holz zum Bau'n vonnoeten
Und rissen ihn deswegen um.



Thekla (Eine Geisterstimme)


Wo ich sei, und wo mich hingewendet,
Als mein fluecht'ger Schatte dir entschwebt?
Hab ich nicht beschlossen und geendet,
Hab ich nicht geliebet und gelebt?

Willst du nach den Nachtigallen fragen,
Die mit seelenvoller Melodie
Dich entzuecken in des Lenzes Tagen?
Nur solang sie liebten, waren sie.

Ob ich den Verlorenen gefunden?
Glaube mir, ich bin mit ihm vereint,
Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden,
Dort, wo keine Traene wird geweint.

Dorten wirst auch du uns wieder finden,
Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht;
Dort ist auch der Vater, frei von Suenden,
Den der blut'ge Mord nicht mehr erreicht.

Und er fuehlt, dass ihn kein Wahn betrogen,
Als er aufwaerts zu den Sternen sah;
Denn wie jeder waegt, wird ihm gewogen,
Wer es glaubt, dem ist das Heil'ge nah.

Wort gehalten wird in jenen Raeumen
Jedem schoenen glaeubigen Gefuehl;
Wage du, zu irren und zu traeumen:
Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.



Triumph der Liebe


Selig durch die Liebe
Goetter--durch die Liebe
Menschen Goettern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer--die Erde
Zu dem Himmelreich.



Weibliches Urteil


Maenner richten nach Gruenden;
des Weibes Urteil ist seine Liebe:
wo es nicht liebt,
hat schon gerichtet das Weib.



Winternacht


Ade!  Die liebe Herrgottssonne gehet,
Grad ueber tritt der Mond!
Ade!  Mit schwarzem Rabenfluegel wehet
Die stumme Nacht ums Erdenrund.

Nichts hoer ich mehr durchs winternde Gefilde
Als tief im Felsenloch
Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde
Geheul des Uhus hoer ich noch.

Im Wasserbette ruhen alle Fische,
Die Schnecke kriecht ins Dach,
Das Huendchen schlummert sicher unterm Tische,
Mein Weibchen nickt im Schlafgemach.

Euch Bruederchen von meinen Bubentagen
Mein herzliches Willkomm!
Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen
Um einen teutschen Krug herum.

Im hochgefuellten Deckelglase malet
Sich purpurfarb die Welt,
Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet
Vergnuegen, das kein Neid vergaellt.

Im Hintergrund vergangner Jahre findet
Nur Rosen euer Blick,
Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet
Der truebe Gram von euch zurueck.

Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute
Stoert ihr im Zeitbuch um.
Und zaehlt nunmehr mit federleichtem Mute
Schweisstropfen im Gymnasium.

Wie manchen Fluch--noch moegen unterm Boden
Sich seine Knochen drehn--
Terenz erpresst, trotz Herrn Minellis Noten,
Wie manch verzogen Maul gesehn.

Wie ungestuem dem grimmen Landexamen
Des Buben Herz geklopft;
Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen,
Der helle Schweiss aufs Buch getropft.--

Wo red't man auch von einer--e--gewissen--
Die sich als Frau nun spreisst,
Und mancher will der Lecker bass nun wissen,
Was doch ihr Mann bass--gar nicht weisst.

Nun liegt dies all im Nebel hinterm Ruecken,
Und Bube heisst nun Mann,
Und Friedrich schweigt der weiseren Peruecken,
Was einst der kleine Fritz getan--

Man ist--Potz gar!--zum Doktor ausgesprochen,
Wohl gar--beim Regiment!
Und hat vielleicht--doch nicht zu frueh, gerochen,
Dass Plane--Seifenblasen sind.

Hauch immer zu,--und lass die Blasen springen;
Bleibt nur dies Herz noch ganz!
Und bleibt mir nur--errungen mit Gesaengen--
Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz.



Zum Geburtstag der Frau Griesbach


Mach auf, Frau Griesbach!  Ich bin da
Und klopf an deine Tuere.
Mich schickt Papa und die Mama,
Dass ich dir gratuliere.

Ich bringe nichts als ein Gedicht
Zu deines Tages Feier;
Denn alles, was die Mutter spricht,
Ist so entsetzlich teuer.

Sag selbst, was ich dir wuenschen soll;
Ich weiss nichts zu erdenken.
Du hast ja Kuech und Keller voll,
Nichts fehlt in deinen Schraenken.

Es wachsen fast dir auf den Tisch
Die Spargel und die Schoten,
Die Stachelbeeren bluehen frisch,
Und so die Reineclauden.

Bei Stachelbeeren faellt mir ein:
Die schmecken gar zu suesse;
Und wenn sie werden zeitig sein,
So sorge, dass ich's wisse.

Viel fette Schweine maestest du
Und gibst den Huehnern Futter;
Die Kuh im Stalle ruft muh!  muh!
Und gibt dir Milch und Butter.

Es haben alle dich so gern,
Die Alten und die Jungen,
Und deinem lieben, braven Herrn
Ist alles wohlgelungen.

Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank!
Musst's auch fein immer bleiben;
Ja, hoere, werde ja nicht krank,
Dass sie dir nichts verschreiben!

Nun lebe wohl!  Ich sag ade.
Gelt, ich war heut bescheiden?
Doch koenntest du mir, eh ich geh,
'ne Butterbemme schneiden.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Einige Gedichte,
von Friedrich von Schiller.





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