*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 *** #################################################################### Anmerkungen zur Transkription Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1898 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom Bearbeiter erstellt und an den Anfang des Buches gesetzt. Wie in den anderen Ausgaben dieser Buchreihe, erscheint im Original der Titel ‚Geleitspruch des deutschen Spielmanns‘ nicht als Überschrift, wurde aus Gründen der Vereinheitlichung aber dennoch in das Inhaltsverzeichnis übernommen. Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet: unterstrichen: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~ #################################################################### Der deutsche Spielmann Eine Auswahl aus dem Schatz deutscher Dichtung * für Jugend und Volk * Herausgegeben von Ernst Weber Mit Bildern von deutschen Künstlern Band V: Meer München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns: Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H. Meer Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht, * * * * wie es lockt und schreckt * * * * Gesammelt von Ernst Weber Bildschmuck von J. V. Cissarz [Illustration] München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns: Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H. Druck von Georg D. W. Callwey in München. Inhalt Seite Geleitspruch des deutschen Spielmanns 7 An das Meer (Leuthold) 8 Der Freund (Eichendorff) 8 Der junge Schiffer (Hebbel) 9 Norderney (Heine) 10 Am Strande (Grün) 14 Der kleine Hydriot 15 Seefahrt (Goethe) 16 Auf offener See (Eichendorff) 17 Der Seemorgen (Lenau) 17 Frieden (Heine) 18 Meerfahrt (Freiligrath) 19 Meeres Stille (21) Ich seh’ von des Schiffes Rande ... (Eichendorff) 21 Sturm mit seinen Donnerschlägen ... (Lenau) 22 Glückliche Fahrt (Goethe) 22 Der goldene Tod (Avenarius) 23 Teerspitterchens Tochter (Blüthgen) 24 Der Klabautermann (Kopisch) 32 Wanderer und Wind (Lenau) 35 Nun kommt der Sturm (Seibel) 36 Das Meer (Heine) 37 Leander und Selin (Ew. v. Kleist) 37 Die Vergeltung (v. Droste-Hülshoff) 39 Konquistadores (C. F. Meyer) 42 Eine Seeräubergeschichte (Seibel) 45 Das Haus am Meer (Hebbel) 49 Nis Randers (O. Ernst) 51 Das Wrack (F. W. Weber) 52 Meeresstrand (Storm) 55 Meeresrauschen (Masius) 55 Der Gesang des Meeres (C. F. Meyer) 56 Ostern (Storm) 57 Geistesgruß (Goethe) 58 Turmwächterlied (F. de la Motte Fouqué) 58 Am Turme (v. Droste-Hülshoff) 60 Old Mütterchen (Kopisch) 61 Der Riese im Sturm (Kopisch) 65 Flut und Ebbe (C. F. Meyer) 66 Die Stadt (Storm) 69 Spruch (Eichendorff) 70 [Illustration] [Illustration] Vom Meer will ich Euch künden, Vom endlos großen Meer, Von seinen Wellenschlünden, Den Fluten grimm und schwer, Von seiner tiefen Stille, Die kaum den Odem regt, Bis ein gewalt’ger Wille Den Sturm darüber fegt. Es ist seit alten Tagen Das Meer der Sehnsucht Ziel; Es klingt durch unsre Sagen Der Wogen rauschend Spiel. Die alten Spielmannsrecken, Herrn Volker und Horand, Das Meer mit seinen Schrecken, Es hielt sie nicht am Strand. Sie haben ihm entrungen Die königliche Braut; Es hat ihr Mund gesungen, Was ihm das Meer vertraut. Ist die bewegte Welle Doch recht der Seele Bild, Bald düster und bald helle, Bald träumend und bald wild. Und wo in unsern Reigen Von ihr ein Raunen schwebt, Da ist uns wohl zu eigen, Als hätten wir’s erlebt. — So rausche denn und ruhe, Wir stehen hoch am Strand, Und wirf aus dunkler Truhe Uns Perlen in die Hand! Der deutsche Spielmann. An das Meer. Gruß dir, frührotschimmerndes Meer! Gewaltig Haucht dein herber Odem mich an, und wieder Tragen aufwärts mich die des Fluges entwöhnten Schwingen der Seele. Dir im Schoß ruhn Tempel vergessner Götter, Ruhn versunkne Städte, es ruhen neben Völkerketten untergegangner Reiche Kronen im Schoße dir. Tyrus alten Glanz und den Stolz Karthagos, Romas Weltherrschaft und Venedigs Größe Deckst du zu mit deiner Gewässer dunkel rollendem Bahrtuch. Tiefgeheimnisvoll, wie des Weltenschicksals Stimme tönet dein Donnergebrüll ins Ohr mir Ehern, rauh, hohnlachend, so vieler Völker Wiegen- und Grablied. Oft wie Atemzüge des großen Weltgeists Weht’s aus deinen Tiefen; mir ist, als hört’ ich Heil’ge Laute, welche der Schöpfungssagen Rätsel mir lösen. Fritz Leuthold. Der Freund. Wer auf den Wogen schliefe, Ein sanft gewiegtes Kind, Kennt nicht des Lebens Tiefe, Vor süßem Träumen blind. Doch wen die Stürme fassen Zu wildem Tanz und Fest, Wen hoch auf dunklen Straßen Die falsche Welt verläßt: Der lernt sich wacker rühren, Durch Nacht und Klippen hin Lernt der das Steuer führen Mit sichrem, ernstem Sinn. [Illustration] Der ist vom echten Kerne, Erprobt zu Lust und Pein, Der glaubt an Gott und Sterne, Der soll mein Schiffmann sein! Jos. v. Eichendorff. Der junge Schiffer. Dort bläht ein Schiff die Segel, Frisch saust hinein der Wind; Der Anker wird gelichtet, Das Steuer flugs gerichtet, Nun fliegt’s hinaus geschwind. Ein kühner Wasservogel Kreist grüßend um den Mast, Die Sonne brennt herunter, Manch Fischlein, blank und munter, Umgaukelt keck den Gast. Wär’ gern hinein gesprungen, Da draußen ist mein Reich! Ich bin ja jung von Jahren, Da ist’s mir nur um’s Fahren, Wohin? Das gilt mir gleich! Friedr. Hebbel. [Illustration] Norderney. Es geht ein starker Nordwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den Sturm zu beschwören wissen, wie es denn überhaupt auf allen nordischen Meeren viel Aberglauben gibt. Die Seeleute behaupten, manche Insel stehe unter der geheimen Herrschaft ganz besonderer Hexen, und dem bösen Willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten begegnen. Als ich voriges Jahr einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unseres Schiffes, die Hexen wären besonders mächtig auf der Insel Wight und suchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur Nachtzeit aufzuhalten, um es alsdann an Klippen oder an die Insel selbst zu treiben. In solchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch die Luft sausen und um das Schiff herumheulen, daß der Klabotermann ihnen nur mit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wer der Klabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: „Das ist der gute, unsichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß den treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überall selbst nachsieht und sowohl für die Ordnung wie für die gute Fahrt sorgt.“ Der wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlicherer Stimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsraume hören, wo er die Waren gern noch besser nachstaue, daher das Knarren der Fässer und Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das Dröhnen unserer Balken und Bretter; oft hämmere der Klabotermann auch außen am Schiffe, und das gelte dann dem Zimmermann, der dadurch gemahnt werde, eine schadhafte Stelle ungesäumt auszubessern; am liebsten aber setze er sich auf das Bramsegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder sich nahe. Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur Antwort, nein, man sehe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen solchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt, aber von andern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann vom Bramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm untertan sind; doch wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze er sich auf das Steuer, zeige sich da zum ersten Male und verschwinde, indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, die ihn in diesem furchtbaren Augenblicke sähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den Wellen. Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte, lächelte so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdienenden Gesichte nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vor fünfzig oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaube an den Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immer auch ein Gedeck für denselben aufgelegt und von jeder Speise etwa das Beste auf seinen Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geschehe das noch jetzt. Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher seemännischen Wundersagen. Die anziehendste derselben ist wohl die Geschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgespannten Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aussetzt, um den begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht zu besorgen weiß, da sie an längst verstorbene Personen adressiert sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Märchens von dem Fischerknaben, der am Strande den nächtlichen Reigen der Meernixen belauscht hatte und nachher mit seiner Geige die ganze Welt durchzog und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die Melodie des Nixenwalzers vorspielte. Diese Sage erzählte mir einst ein lieber Freund, als wir im Konzerte zu Berlin solch einen wundermächtigen Knaben, den Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielen hörten. Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel. Das Wetter muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhnlich gestalten, und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen und in den Himmel sehen und allenfalls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen murmeln alsdann allerlei wunderliches Zeug, allerlei Worte, woran liebe Erinnerungen flattern, allerlei Namen, die wie süße Ahnung in der Seele wiederklingen. Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt, als ob man sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat das Begegnen fremder Schiffe auf dem Meere etwas Unheimliches; man will sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jahren nicht gesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie auf immer. Ich liebe das Meer wie meine Seele. Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen, so kommen zuweilen auch wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele und duften und leuchten und verschwinden wieder. Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist, hätten einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meer habe sie plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen die Schiffer noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, und mancher habe dort in der Sonntagsfrühe sogar ein frommes Glockengeläute gehört. Die Geschichte ist wahr; denn das Meer ist meine Seele — „Eine schöne Welt ist da versunken, Ihre Trümmer blieben unten stehn, Lassen sich als goldne Himmelsfunken Oft im Spiegel meiner Träume sehn.“ (Wilh. Müller.) Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahrenden Schiffe einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißen Segel aufgespannt, so sehen sie aus wie vorbeiziehende große Schwäne. Gar besonders schön ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbeisegelnden Schiffe untergeht, und dieses wie von einer riesigen Glorie umstrahlt wird. Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren. Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen. Der Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung den Menschen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung. Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Kollegen losdrücken, so empört sich dawider mein Blut. Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen, ging ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, die gar zu sicher umherflatterten und doch nicht bestimmt wissen konnten, daß ich schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen, sich ein anderes Mal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen; aber mein Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwe tot zu schießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den armen kleinen Möwchen geworden, die, noch unbefiedert, im Sandneste der großen Düne liegen und ohne die Mutter verhungern müßten! Mir ahndete schon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeschick treffen würde: ein Hase war mir über den Weg gelaufen. Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich allein in der Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen, vor mir das wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige Krystallkuppel, — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so meilenweit. Die hohe Einfachheit der Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten Titanengebet strebte immer höher, als die gotischen Pfeiler, und wollte immer hinausbrechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roßtrappe haben mir beim ersten Anblick die kolossalen Felsen in ihren kühnen Gruppierungen ziemlich imponiert; aber dieser Eindruck dauerte nicht lange; meine Seele war nur überrascht, nicht überwältigt, und jene ungeheuren Steinmassen wurden in meinen Augen allmählich kleiner, und am Ende erschienen sie wie geringe Trümmer eines zerschlagenen Riesenpalastes, worin sich meine Seele vielleicht komfortabel befunden hätte. Heinr. Heine. Am Strande. Auf hochgestapelte Ballen blickt Der Kaufherr mit Ergötzen; Ein armer Fischer daneben flickt Betrübt an zerrißnen Netzen. Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff, Manch morsches Wrack im Sande! Der Hafen hier und dort das Riff, Jetzt Flut, jetzt Ebb’ am Strande. Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort; Hier Schweigen, dorten Lieder, Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort; Die Segel auf und nieder! Zwei Jungfraun sitzen am Meeresstrand; Die eine weint in die Fluten, Die andre mit dem Kranz in der Hand Wirft Rosen in die Fluten. Die eine, trüber Wehmut Bild, Stöhnt mit geheimem Beben: „O Meer, o Meer, so trüb und wild, Wie gleichst du so ganz dem Leben!“ Die andre, lichter Freude Bild, Kost selig lächelnd daneben: „O Meer, o Meer, so licht und mild, Wie gleichst du so ganz dem Leben!“ Fortbraust das Meer und überklingt Das Stöhnen wie das Kosen; Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt Die Tränen wie die Rosen. Anast. Grün. [Illustration] Der kleine Hydriot. Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein, Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein, Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand, Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand. Ein Silberstückchen warf er dreimal ins Meer hinab, Und dreimal mußt ich’s holen, eh’ er’s zum Lohn mir gab. Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn, Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn, Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht, Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht. Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff, Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff. Ich saß auf hohem Maste, sah über Meer und Land, Es schwebten Berg’ und Türme vorüber mit dem Strand. Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug, Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug; Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Flut, Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut, Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht — Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht. — Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot: „Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot!“ — Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand, Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland. Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn: Mir war’s, als tät sein Auge hinab ins Herz mir sehn. Ich hielt mein Schwert gen Himmel und schaut’ ihn sicher an Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter als ein Mann. Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot: „Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“ Wilh. Müller. Seefahrt. Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet; Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden, Mir Geduld und guten Mut erzechend, Ich im Hafen. Und sie waren doppelt ungeduldig: Gerne gönnen wir die schnellste Reise, Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle Wartet drüben in den Welten deiner, Wird Rückkehrendem in unsern Armen Lieb’ und Preis dir. Und am frühen Morgen ward’s Getümmel, Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose, Alles wimmelt, alles lebet, webet, Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen. Und die Segel blähen in dem Hauche, Und die Sonne lockt mit Feuerliebe; Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken, Jauchzen an dem Ufer alle Freunde Hoffnungslieder nach, im Freudentaumel Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens, Wie der ersten hohen Sternennächte. Aber gottgesandte Wechselwinde treiben Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab, Und er scheint sich ihnen hinzugeben, Strebet leise, sie zu überlisten, Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege. Aber aus der dumpfen grauen Ferne Kündet leise wandelnd sich der Sturm an, Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer, Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder, Und er kommt. Vor seinem starren Wüten Streckt der Schiffer klug die Segel nieder; Mit dem angsterfüllten Balle spielen Wind und Wellen. Und an jenem Ufer drüben stehen Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen: Ach, warum ist er nicht hier geblieben! Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke! Soll der Gute so zu Grunde gehen? Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter! Doch er stehet männlich an dem Steuer; Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen; Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe, Und vertrauet, scheiternd oder landend. Wolfg. v. Goethe. Auf offener See. Ade, du Küste mit den falschen Sorgen, Furcht, Glück und Not, sinkt unter in das Meer! Nun bin ich frei, jetzt bin ich erst geborgen, Kein eitles Hoffen langet bis hierher. Wie still, wohin ich auch die Blicke wende, Wie weit und hoch und ringsum ohne Ende! Gestirne, Wolken gehen auf und unter Und spiegeln sich im stillen Ozean, Hoch Himmel über mir und Himmel drunter, Inmitten wie so klein mein schwacher Kahn! Walt’ Gott, ihm hab’ ich alles übergeben, Nun komm nur, Sturm, ich fürcht’ nicht Tod noch Leben. Jos. v. Eichendorff. Der Seemorgen. Der Morgen frisch, die Winde gut, Die Sonne glüht so helle, Und brausend geht es durch die Flut, Wie wandern wir so schnelle! Die Wogen stürzen sich heran; Doch wie sie auch sich bäumen, Dem Schiff sich werfend in die Bahn, In toller Mühe schäumen: Das Schiff voll froher Wanderlust Zieht fort unaufzuhalten, Und mächtig wird von seiner Brust Der Wogendrang gespalten; Gewirkt von goldner Strahlenhand Aus dem Gesprüh der Wogen, Kommt ihm zur Seit’ ein Irisband Hellflatternd nachgeflogen. So weit nach Land mein Auge schweift, Seh’ ich die Flut sich dehnen, Die uferlose; mich ergreift Ein ungeduldig Sehnen. Daß ich so lang euch meiden muß Berg, Wiese, Laub und Blüte! — Da lächelt seinen Morgengruß Ein Kind aus der Kajüte. Wo fremd die Luft, das Himmelslicht, Im kalten Wogenlärme, Wie wohl tut Menschenangesicht Mit seiner stillen Wärme! Nik. Lenau. Frieden. Hoch am Himmel stand die Sonne, Von weißen Wolken umringt; Das Meer war still, — Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes, Träumerisch sinnend, — und halb im Wachen Und halb im Schlummer, schaute ich Christus, Den Heiland der Welt. In wallend weißem Gewande Wandelte riesengroß Er über Land und Meer; Es ragte sein Haupt in den Himmel, Die Hände breitete segnend Er über Land und Meer; Und als ein Herz in der Brust Trug er die Sonne, Die rote, flammende Sonne; Und das rote, flammende Sonnenherz Goß seine Gnadenstrahlen Und sein holdes, liebseliges Licht, Erleuchtend und wärmend, Weit über Land und Meer. Glockenklänge zogen feierlich Hin und her, zogen wie Schwäne Am Rosenbande das gleitende Schiff, Und zogen es spielend ans grüne Ufer, Wo Menschen wohnen in hochgetürmter, Ragender Stadt. O Friedenswunder! Wie still die Stadt! Es ruhte das dumpfe Geräusch Der schwatzenden, schwülen Gewerbe; Und durch die reinen, hallenden Straßen Zogen Menschen, weißgekleidete, Palmzweigtragende; Und wo sich zwei begegneten, Sahn sie sich an, verständnisinnig; Und schauernd in Lieb’ und süßer Entsagung, Küßten sie sich auf die Stirne Und schauten hinauf Nach des Heilands Sonnenherzen, Das freudig versöhnend sein rotes Blut Hinunterstrahlte; Und dreimal selig sprachen sie: Gelobt sei, Jesu Christ! Heinr. Heine. Meerfahrt. Da schwimm ich allein auf dem stillen Meer; Keine Welle rauscht, es ist eben und glatt. Auf dem sandigen Grunde prächtig und hehr Glänzt die alte, versunkene Stadt. In alter verschollner Märchenzeit Verstieß ein König sein Töchterlein; Da lebt es über den Bergen weit Im Walde bei sieben Zwergen klein. Und als es starb durch des Giftes Kraft, Ihm eingeflößt von der Mutter arg, Da legt es die kleine Genossenschaft In einen krystallenen Sarg. Da lag es in seinem weißen Kleid, Bekränzt mit Blumen, duftend und schön; Da lag es in seiner Lieblichkeit, Und sie konnten es immer sehn. So liegst du in deinem Sarg von Krystall, Du geschmückte Leiche, versunknes Julin! Der spielenden Flut durchsichtiger Schwall Zeigt deiner Paläste Glühn! Die Türme ragen düster empor Und geben schweigend ihr Trauern kund; Die Mauer durchbricht das gewölbte Tor, Es schimmern die Kirchenfenster bunt. Doch in der schauerlich stillen Pracht Keines Menschen Tritt, keine Lust, kein Spiel; Auf Straßen und Märkten ungeschlacht Treibt sich das frische Gewühl. Sie glotzen mit glasigen Augen dumm In die Fenster und in die Türen hinein; Sie sehn die Bewohner schläfrig und stumm In ihren Häusern von Stein. Ich will hinunter, ich will erneun Die versunkene Pracht, die ertrunkene Lust! Die Zauber des Todes will ich zerstreun Mit dem Odem meiner lebendigen Brust! Hinab! — nicht rudert er fürder! Schlaff Und reglos sinken ihm Arm und Fuß: Über seinem Haupte schließt sich das Haff; Er entbietet der Stadt seinen Gruß. Er lebt in den Häusern der alten Zeit, Wo die Muschel blitzt, wo der Bernstein glüht. Unten die alte Herrlichkeit, Oben ein Fischerlied. Ferd. Freiligrath. Meeres Stille. Tiefe Stille herrscht im Wasser, Ohne Regung ruht das Meer, Und bekümmert sieht der Schiffer Glatte Fläche rings umher. Keine Luft von keiner Seite! Todesstille fürchterlich! In der ungeheuern Weite Reget keine Welle sich. Wolfg. v. Goethe. Ich seh’ von des Schiffes Rande Tief in die Flut hinein: Gebirge und grüne Lande Und Trümmer im falben Schein Und zackige Türme im Grunde, Wie ich’s oft im Traum mir gedacht, Das dämmert alles da unten Als wie eine prächtige Nacht. [Illustration] Seekönig auf seiner Warte Sitzt in der Dämmrung tief, Als ob er mit langem Barte Über seiner Harfe schlief’; Da kommen und gehen die Schiffe Darüber, er merkt es kaum, Von seinem Korallenriffe Grüßt er sie wie im Traum. Jos. v. Eichendorff. Sturm mit seinen Donnerschlägen Kann mir nicht wie du So das tiefste Herz bewegen, Tiefe Meeresruh! Du allein nur konntest lehren Uns den schönen Wahn Seliger Musik der Sphären, Stiller Ozean! Nächtlich Meer, nun ist dein Schweigen So tief ungestört, Daß die Seele wohl ihr eigen Träumen klingen hört: Daß im Schutz geschlossnen Mundes Doch mein Herz erschrickt, Das Geheimnis heil’gen Bundes Fester an sich drückt. Nik. Lenau. Glückliche Fahrt. Die Nebel zerreißen, Der Himmel ist helle, Und Äolus löset Das ängstliche Band. Es säuseln die Winde, Es rührt sich der Schiffer. Geschwinde! Geschwinde! Es teilt sich die Welle, Es naht sich die Ferne; Schon seh’ ich das Land! Wolfg. v. Goethe. Der goldene Tod. Kein Wind im Segel, die See liegt still — Kein Fisch doch, der sich fangen will! So ziehen die Netze sie wieder herein Und murren, schelten und fluchen drein. Da neben dem Kutter wird’s heller und licht Wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht, Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut: „Ei, drollige Menschlein, ich mein’s mit euch gut — Ich gönn’ euch von meiner Herde ja viel, Doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel, Den mußt’ ich doch hüten, ich alter Neck, Drum jagt ich sie all miteinander weg — Doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus, So werft nur noch einmal das Fangzeug aus: Der schönste ist mein Söhnchen klein, Das übrige mag euer eigen sein!“ Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See! Ho, kaum, daß ihr’ Lasten sie brachten zur Höh’! Wie lebende Wellen, so fort und fort Von köstlichen Fischen, so quoll’s über Bord. Und patscht und schnappt und zappelt und springt — Und bei den Fischern, da tollt’s und singt. Nun plötzlich blitzt es — seht: es rollt Ein Fisch über Bord von lauterem Gold! Eine jede Schuppe ein Geldesstück! Wie edelsteinen, so funkelt’s im Blick! Die Kiemen sind aus rotem Rubin, Perlen die Flossen überziehn, Mit eitel Demanten besetzt, so ruht Auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut, Und fürnehm wispert’s vom Schnäuzlein her: „Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!“ Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an, Die Fischer, und tasten und stieren ihn an. „Laßt mich ins Meer!“ Sie hören nicht drauf. „Laßt mich ins Meer!“ Sie lachen nur auf. Sie wägen das goldene Prinzlein ab, Sie schätzen’s und klauben ihm Münzlein ab — Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold! Sie denken nichts weiter, — sie denken nur Gold. Und seht: ein Goldschein überfliegt Jetzt alles, was von Fisch da liegt, Und wandelt’s, daß es klirrt und rollt: Seht: +all+ die Fische werden Gold! Sinkt das Schiff von blitzender Last? „Schaufelt, was die Schaufel faßt!“ ... Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher — Dann rauscht über alles zusammen das Meer. Ferd. Avenarius. Teerpitterchens Tochter. Fern im Norden, woher die häßlichen Winterstürme kommen, welche durch die dicksten Fausthandschuhe wehen und alle Nasen und Ohren zwicken, daß sie rot und blau werden, da liegt die Ostsee. Sie besteht aus lauter Wasser, aber trinken kann man es nicht, denn es schmeckt salzig wie Heringe. Wenn du so auf dem gelben Ufersande stehst, den die See ausspült und der Wind zu Bergen aufweht, dann liegt es vor dir, weit, weit, — alles Wasser, wie in den blauen Himmel hineingemalt; höchstens daß du ein fernes Schiff darauf erblickst mit braunen, teergetränkten Segeln. Von weitem her schießen die blitzenden Wogen auf dich los, aber es vergeht viel Zeit, ehe sie herangerauscht sind und zu deinen Füßen zischend auseinander stieben. Gar oft müssen sie Anlauf nehmen, und jedesmal, wenn sie recht hoch gekommen sind, so schwitzen sie weißen Gischt vor Anstrengung, und dann lassen sie sich wieder fallen und ruhen einen Augenblick aus. Es gibt auch kleine Jungen und Mädchen an der See, das sind meist Fischerkinder; und wenn die an den Strand gehen, so können sie die schönsten kleinen Höhlen in die Sandberge kratzen und Teppiche von Seegras hineintragen, oder sie können Muscheln und Bernsteinstückchen suchen, welche die See auswirft. In den Bernsteinstückchen sind manchmal tote Mücken und Fliegen, und die sind dann steinalt, viel tausend Jahre. Des Abends aber, wenn die Sterne sich im finstern Wasser spiegeln und einander zunicken, dann sitzen die Fischer und erzählen sich die herrlichsten Märchen von der Welt: vom Heringskönig mit dem silbernen Mantel und der roten Weste, der aus Versehen seine Krone verschluckt hatte, von der Bernsteinhexe, die in jeder Neumondnacht dicke gelbe Bernsteintränen weint und die Leute, welche sie trösten wollen, bei den Beinen in das Wasser zieht, vom Klabautermann und der versunkenen Stadt Julin. Manchmal erzählten sie auch vom kleinen Teerpitterchen, welches die Wolken macht. Man wird gar nicht müde zuzuhören. [Illustration] Der kleine Wilm hat auch einen Vater, welcher Fischer war. Der stand in der Nacht auf und ging in hohen Transtiefeln zum Strande hinunter, wo sein Boot lag, und dann fuhr er damit in das Meer hinein und fing Heringe, Flundern und Hornfische. Am Tage aber nahm die Mutter den kleinen Wilm mit an den Strand; sie wusch die Netze und hing sie zum Trocknen auf, und der Junge spielte bis er müde war, dann legte sie ihn in das Boot auf das Segeltuch, daß er schliefe. Da streichelte der Sonnenschein sein rotes Gesichtchen, und der Wind blies in seine gelben Haare. Wie er einmal so lag, sah er im Schlaf etwas sonderbares, nämlich ein kleines Männchen, das war das Teerpitterchen. Es hatte Kleider aus dickgeteertem Segeltuch an, dazu ein Paar hohe Stiefel und auf dem Kopfe eine Kappe. Das merkwürdigste aber waren seine Haare und sein Bart, die waren grünes Seegras. Es saß auf einem Stück Segeltuch, welches auf den Wellen schwamm; einen Zipfel hatte es an einem Faden wie ein Segel vor sich und blies hinein, daß seine Backen so dick waren wie zwei runde Apfelsinen. „Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte das Teerpitterchen und hielt bei dem Boote an, in welchem der kleine Wilm lag. „Du kannst ein bißchen mitkommen zu meiner Anning; sie ist eine lustige kleine Dirne.“ „Ich kann ja nicht fort, weil ich schlafe,“ antwortete Wilm. „Das schadet nichts, deine Seele kann immer fort; das geht ganz leicht,“ sprach das Teerpitterchen. „Aber wenn meine Mutter mich wecken will, dann kann ich nicht aufwachen.“ „O wenn sie das will, trage ich dich so rasch wieder her, wie man Amen sagt. Sie soll gar nichts merken.“ „Wenn sie nur nichts merkt,“ sprach der kleine Wilm nachdenklich, und da sah er schon, daß er neben dem Teerpitterchen auf dem Segeltuch stand. „Grüß Klein-Anning von mir,“ sagte eine Stimme, und wie er sich umwandte, war es die Segelstange auf seines Vaters Boot, die hatte das Segel umgeschlagen wie ein Plaid und machte tiefe Verneigungen; und das Boot hatte ein Gesicht bekommen und blinzelte ihm lustig zu und sagte auch: „Grüß Klein-Anning von mir,“ und dabei wippte das Boot immer auf und nieder. Im Boote sah er sich selber schlafen; das kam ihm spaßhaft vor. Wie er sich aber nach seiner Mutter umschaute, dünkte es ihm, als seien ihre Augen auf ihn gerichtet, und da wurde er ängstlich und rief: „Sie sieht mich schon, sie sieht mich schon.“ „Träterätätä,“ sagte das Teerpitterchen, eine Seele kann man nicht sehn, und jetzt geht die Fahrt ab.“ Darauf hob er einen anderen Zipfel aus dem Wasser heraus und blies, daß seine Backen so groß wurden wie runde Turmknöpfe, und wenn er einmal vorbei blies in das Wasser, so flog ein weißer Nebel auf und stieg in die Luft; das war dann eine Wolke. Wie sie ein Stück gefahren waren, hielt das Fahrzeug an, und das Teerpitterchen pfiff auf zwei Fingern. Da kamen zwei Seehunde, die waren gesattelt und gezäumt und wedelten mit den Hinterfüßen, denn einen Schwanz hatten sie nicht. „Steig auf, kleiner Wilm,“ sprach das Teerpitterchen, und schon saß er selber im Sattel und hing sich das Segeltuch wie einen Reitermantel um. Rutsch! da fuhren sie durch das grüne Wasser. Es glänzte wie Glas, und der kleine Wilm konnte sich nicht genug verwundern, daß er gar nicht naß wurde. Er wußte nicht, daß eine Seele niemals naß wird. Endlich ritten sie in einen hellen Glanz hinein, der alles Wasser goldig färbte, und nun hielten sie vor Teerpitterchens Hause, das so leuchtete, weil es aus lauter Bernstein gebaut war; das Dach aber war obendrein mit Perlmutter belegt. „Brrr!“ sagte das Teerpitterchen und da stand auch schon ein kleiner Hummerkrebs, nahm in jede Schere einen Zügel und wartete bis die zwei abgestiegen waren. Dann führte er die Seehunde fort in den Stall. Das Männlein aber rief einen alten Kinderspruch: „Anning, min Anning, Wat heww ik’n Gör! Kann tanzen un speelen As Müs’ op de Deelen; Anning, min Anning, Wat heww ik’n Gör!“ „Da bin ich schon,“ sagte Klein-Anning und stand mit einem Male bei ihnen. Sie war ein süßes kleines Ding und hatte keine garstigen Seegrashaare wie ihr Vater, sondern gerade so einen Flachskopf wie die Anna, das Nachbarskind, mit welcher der Wilm Sandhäuser baute und Sandkuchen buk. Das Schönste aber war ihr Kleid, denn es war mit lauter Fischschuppen benäht. „Jetzt wird’s lustig,“ nickte sie und faßte Wilm bei den Händen; „ich bin froh, daß du gekommen bist, denn du mußt wissen, daß ich heute Geburtstag habe. Mit den dummen Fischen ist gar nichts anzufangen; sie sprechen kein Wort und lassen sich alles gefallen. Ich mag keinen leiden, der sich alles gefallen läßt. Kannst du dich mit mir zanken?“ „Je, warum nicht?“ sagte Wilm. „Aber nicht gleich. Das muß erst zuletzt kommen. Jetzt darfst du ein Stück Geburtstagskuchen essen.“ Und sie zog ein Stück aus der Tasche, das aß Wilm, und es schmeckte wie lauter Fruchtbonbon. „So, nun komm mit.“ Damit zog sie ihn auf eine hübsche kleine Seegraswiese, um welche lauter hohe Wasserpflanzen wuchsen, wie Bäume so hoch. Einige davon waren fast durchsichtig, grün oder rot gefärbt, die sahen am niedlichsten aus. Fische schossen hindurch, große und kleine, manche rund wie Kugeln und rings mit Stacheln besetzt, andere ganz platt wie Scheiben oder auch schlank und dünn wie ein Rohrstöckchen. Alle hatten runde Glotzaugen, und bei einigen standen die Augen gar auf Hörnern, welche sie überall hin drehen konnten. „Wir wollen tanzen. Du kannst es doch ordentlich?“ fragte Klein-Anning. „Ein bißchen,“ antwortete Wilm. „Ich will dir zeigen, wie man es machen muß,“ sprach sie und schlang ihre Ärmchen um Wilm. Und nun ging das in die Höhe, und immer auf und nieder im Wasser, und es war Wilm, als wäre er eine Mücke und tanzte auf und ab unter seines Vaters Apfelbaum. Die Fische schwammen herzu und sahen sich die Sache von weitem an; sie hätten gewiß gern mitgetanzt, aber sie wagten es nicht vor lauter Respekt, denn es hatte sie niemand dazu aufgefordert. Klein-Anning aber jauchzte und drehte Wilm so rasch im Kreise herum, daß ihm Hören und Sehen verging. „Plumps,“ sagte sie dann und ließ ihn fallen. Da lag er im Grase und zog ein verdrießliches Gesicht und sie lachte. „Du bist dumm,“ sagte der kleine Wilm. „Höre du!“ meinte sie warnend, „jetzt darfst du noch nicht zanken. Wir haben ja erst angefangen zu spielen. Ich will dir einmal etwas ins Ohr sagen.“ Und sie setzte sich zu ihm in das Gras und sprach in sein Ohr: „Wir gehen jetzt spazieren und besuchen unser Schloß.“ „Das wird ein schönes Ding sein.“ „Jawohl ist es schön; aber du darfst dich nicht fürchten vor den Tieren unterwegs.“ „Ich fürchte mich gar nicht.“ Da faßte sie seine Hand, und nun ging es durch die Wasserpflanzen hin und dann auf dem Meeresboden weiter, und die Fische zogen in hellen Haufen hinterher. Bei ihren Füßen kribbelten und krabbelten große Würmer, Krebse und Seespinnen, daß der kleine Wilm immer glaubte, er müsse eines tot treten; aber er fürchtete sich wirklich gar nicht. Die Muscheln öffneten die Schalen und machten „klipp, klapp“ wie die Dreschflegel auf der Tenne. Helle Bernsteinstücke lagen umher, manche so groß wie die Backsteine. Alle Fische aber, welche herbeigeschwommen kamen, schlossen sich hinten dem Zuge an; die meisten davon waren Heringe. Zuletzt kamen sie wieder in einen Wald von durchsichtigen Wasserbäumen; alles um sie herum schimmerte im herrlichsten Grün und die Spitzen der Bäume wedelten hin und her wie Fahnen. Mitten im Walde aber lag ein schwarzer alter Holzbau, das war ein versunkenes Schiff. Es sah recht trübselig aus. Stücke von den Masten waren umhergestreuet, und die Bretter klafften überall, daran saßen Muscheln und Wassermoos. Zu den Fenstern aber schlüpften die Fische aus und ein. Ein Brett war weiß, daran standen Buchstaben, die niemand mehr lesen konnte, so verwischt waren sie. Es war ein recht verwittertes altes Schiff. „Hier ist unser Schloß,“ sagte Klein-Anning. „Das ist zu schlecht,“ antwortete Wilm, „das ist gar kein Schloß; da hinein gehe ich nicht.“ „Warte nur, ich will es neu anstreichen,“ meinte Klein-Anning. Sie hob eine Muschel auf und strich über das Holz, und mit einem Male glänzte das ganze Holz wie lauter Perlmutter. „So, nun wollen wir hineinsteigen. Du bist der Prinz und ich die Prinzessin, und wir werden Hochzeit halten.“ „Wenn du Hochzeit halten willst, mußt du einen Kranz haben; ohne Kranz kann ich dich nicht heiraten,“ sagte Wilm. „Das ist schade,“ meinte Klein-Anning und sah sich um; endlich bückte sie sich und zog ein paar grüne Ranken herauf, welche unter dem Schiffe vorwuchsen, die schlang sie sich durch das Haar um den Kopf. „Ist das nun gut?“ fragte sie. „Nein, es müssen Blumen darin sein.“ „Ich will aber keine Blumen!“ rief sie zornig und machte so böse große Augen, daß dem Wilm ganz ängstlich wurde. Aber sie war gleich wieder vergnügt und umfaßte ihn, und wie der Blitz fuhren sie aufwärts und standen schon auf dem Verdeck des Schiffes. Sie kletterten die Schiffstreppe hinab und kamen in einen weiten Saal, in welchem sich noch Tische und Stühle befanden. Der Saal war ganz mit Muscheln tapeziert, und auf den Stühlen wuchsen kleine grüne Wasserpflänzchen, daß sie wie mit grünem Plüsch überzogen aussahen. „Komm,“ sagte Klein-Anning, „wir wollen erst den Musikanten holen.“ Sie zog Wilm in eine Tür hinein, in ein finsteres Kämmerchen. Da lag ein Mann und rührte sich nicht; aber wie Klein-Anning ihn anfaßte, machte er die Augen auf. „Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte er. „Wer bist du?“ fragte Wilm. „Kennst du mich nicht? Ich bin ja dein Onkel, der immer mit dem Schiff gefahren ist nach Amerika und noch weiter. Lebt denn der Kakadu noch, den ich dir mitgebracht habe? Puh, es ist so naß hier unten. Ich weiß nicht, wie viel Wasser ich schon geschluckt habe, seit ich hier auf dem Schiff untergegangen bin, aber es muß sehr viel sein.“ „Du sollst uns geigen,“ sprach Klein-Anning ungeduldig; „du mußt wissen, daß wir Brautleute sind.“ Wilm war nachdenklich geworden und sagte: „Ich möchte lieber nach Hause. Meine Mutter wird kommen und mich wecken wollen. Kannst du meine Mutter nicht sehen, Prinzessin?“ „O ja, Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte die Hand über die Augen. „Sie sitzt an der See und spült das große Netz.“ Da gab sich Wilm zufrieden, und sie gingen beide in den Saal; der Mann aber hatte eine Geige genommen und kam hinterher. Die Fische guckten zu den Fenstern herein; denn sie sind immer sehr neugierig. „Ihr dürft nicht herein,“ rief Klein-Anning; „bloß zusehen dürft ihr. Ihr seid nicht schlank genug zum Tanzen. Aber die Heringe können kommen.“ Und die Heringe kamen denn auch, immer mehr und mehr, und stellten sich auf die Schwänze und knixten, und dazu schnappten sie immer mit den Mäulern, als ob sie etwas sagen wollten, aber es kam nichts heraus als Luftblasen. Klein-Anning nickte dem Spielmann zu, und da fing der an zu geigen, und nun nickte auch Wilm, denn er kannte das Lied schon; der Onkel hatte es immer gegeigt, wenn er heimgekommen war, und es war sehr schön, bloß ein wenig traurig. Dann kam die Trauung. Wilm faßte Klein-Anning bei der Hand, und der Onkel legte seine Hand auch dazu und sagte: „Alama kalalama itzehuatiputzli; habt ihr’s verstanden?“ „Ja,“ sprach Klein-Anning, und da sagte Wilm auch „ja“; und die Heringe klappten die Mäuler auf und zu, als wollten sie ebenfalls „ja“ sagen. Es war gewiß sehr feierlich anzusehen. „Schön,“ meinte der Onkel; „jetzt gebt euch einen Kuß, dann ist alles in Ordnung, und wir können tanzen.“ Sie gaben sich wirklich einen Kuß, und Klein-Anning biß Wilm dabei in die Lippen und lachte ihn dann aus. Nun kamen alle Heringe und gratulierten; man konnte es dabei sehen, daß sie die Augen verdrehten, indem sie heranspazierten, und daß sie noch mehr schnappten als vorher. Wilm aber wurde mit einem Male wieder unruhig. „Prinzessin,“ sprach er, „du kannst mir noch einmal sagen, was meine Mutter macht.“ „Ja, mein Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte wieder die Hand über die Augen. „Sie zieht eben das Netz auf den Strand hinauf.“ „Dann habe ich noch Zeit,“ sagte Wilm. Sie setzten sich auf die beiden größten Stühle, und der Onkel mit der Geige stieg auf einen Tisch und fing an so lustig zu geigen, daß jedem das Herz im Leibe lachen mußte. Die Heringe faßten sich mit den Flossen an und tanzten, daß der ganze Saal blitzte. Und am Ende fing der Onkel auch an auf seinem Tische herumzuspringen, und Klein-Anning jauchzte dazwischen und zappelte mit den Füßchen, und die Tische und Stühle hoben auch die Beine und sprangen umher, sogar die beiden großen, auf denen die Neuvermählten saßen. Zuletzt hörte der Onkel auf, da war mit einem Male alles ruhig. Der kleine Wilm aber machte zum dritten Male ein ängstliches Gesicht und fragte zum dritten Male: „Prinzessin, was macht meine Mutter?“ „Ei, sie steht bei den Pfählen und hakt’s Netz ein.“ „Bring mich hin,“ rief Wilm und sprang vom Stuhle; „jetzt kommt sie gleich an das Boot und will mich mitnehmen.“ „Du sollst hier bleiben,“ sagte Klein-Anning. „Ich lasse dich nicht fort.“ „Ich will aber fort, du dumme Dirn.“ Sie wollte seine Hand fassen, aber er riß sich los. Da stampfte sie mit den Füßen; alle Fische, die draußen gewesen, kamen herein und schwammen mit offenen Mäulern auf ihn los, und die grünen, durchsichtigen Wasserpflanzen wuchsen durch die Fenster und wurden dichter und dichter, so viel auch der kleine Wilm von ihnen zerriß. Er sah schon Klein-Anning nicht mehr, aber er hörte sie neben sich kichern, und der Onkel mußte wieder seine Geige genommen haben und lustig darauf herumkratzen — — Mit einem Male gab es einen Knack, daß das ganze Schiff zitterte. Die Decke spaltete sich, und der Wilm fuhr nach oben, hinaus in das klare Wasser. Über dem Wasser aber schwebte eine weiße Möwe, die schrie: „Krieh! Krieh!“ Und als der kleine Wilm auftauchte, faßte sie ihn mit den Krallen und trug ihn in das Boot. Da war es nicht mehr der Vogel, sondern das kleine Teerpitterchen, was bei ihm war. „Adieu, kleiner Wilm,“ sagte es und nickte ihm freundlich zu; dann war es verschwunden. Da fühlte Wilm auch schon, daß ihn seine Mutter am Ärmel zupfte und schlug die Augen auf. Die Sonne schien heiß in das Boot; am Himmel aber standen ein paar finstere Regenwolken. „Hast du was gemerkt, Mutting?“ fragte er und blinzelte schlau zu ihr hinauf. „Was soll ich denn gemerkt haben? Komm rasch mit nach Hause, sonst werden wir tüchtig naß werden.“ — Viktor Blüthgen. Der Klabautermann. Flink auf! die lustigen Segel gespannt! Wir fliegen wie Vögel von Strand zu Strand, Wir tanzen auf Wellen um Klipp’ und Riff, Wir haben das Schiff nach dem Pfiff im Griff, Wir können, was kein andrer kann: Wir haben einen Klabautermann. [Illustration] Der Klabautermann ist ein wackerer Geist, Der alles im Schiff sich rühren heißt, Der überall, überall mit uns reist, Mit dem Schiffskapitän flink trinkt und speist, Beim Steuermann sitzt er und wacht die Nacht, Und im obersten Mast, wenn das Wetter kracht. Ist’s Wetter klar, und die Fahrt gelingt, So nimmt er die Geige und tanzt und springt, Und alles muß auf dem Deck sich schwingen. Unzählige selige Lieder singen, Nicht Sturm, nicht Wurm, ihn ficht nichts an; Wir haben den wahren Klabautermann. Hei, klettert er, sei die See auch groß, Klabautermann läßt kein Takelwerk los, Er läuft auf den Raaen, wenn alles zerreißt, Er tut, was der Kapitän ihn heißt — Und wißt ihr, wie man ihn rufen kann? Kourage heißt der Klabautermann. Aug. Kopisch. Wanderer und Wind. Herbstwind, o sei willkommen, Fünf Tage lag das Meer So still, so bang beklommen, Kein Lüftchen zog daher. O Wind, nach deinem Rauschen Sehnt’ ich mich auf der See, Wie einst mein Jägerlauschen Im Wald nach Hirsch und Reh. Wie geht es meinen Wäldern Am frischen Neckarfluß? Den heimatlichen Feldern? Bringst du mir keinen Gruß? „Entlaubt hab’ ich die Wälder „Im raschen Wanderzug, „Nahm durch die Stoppelfelder „Den ungehemmten Flug. „Nun ich durch Feld und Auen „Mein Wanderliedlein pfiff, „Komm’ ich nach euch zu schauen „Im Emigrantenschiff. [Illustration] „Weil alter Liebesbande „Das Schifflein müd und matt, „Jag ich’s vom Mutterstrande „Dahin, ein welkes Blatt!“ Nik. Lenau. Nun kommt der Sturm. Nun kommt der Sturm geflogen, Der heulende Nordost, Daß hoch in Riesenwogen Die See ans Ufer tost. Das ist ein rasend Gischen, Ein Donnern und ein Schwall, Gewölk und Abgrund mischen All ihrer Stimmen Schall. Und in der Winde Sausen Und in der Möwe Schrei’n, In Schaum und Wellenbrausen Jauchz’ ich berauscht hinein. Schon mein’ ich, daß der Reigen Des Meergotts mich umhallt, Die Wogen seh’ ich steigen In grüner Roßgestalt. Und drüber hoch im Wagen, Vom Nixenschwarm umringt, Ihn selbst, den Alten, ragen, Wie er den Dreizack schwingt. Emanuel Geibel. Das Meer. I. Der Wind zieht seine Hosen an, Die weißen Wasserhosen; Er peitscht die Wellen so stark er kann, Die heulen und brausen und tosen. Aus dunkler Höh’, mit wilder Macht Die Regengüsse träufen; Es ist, als wollt’ die alte Nacht Das alte Meer ersäufen. An den Mastbaum klammert die Möwe sich Mit heiserem Schrillen und Schreien; Sie flattert und will gar ängstiglich Ein Unglück prophezeien. II. Der Sturm spielt auf zum Tanze, Er pfeift und saust und brüllt; Heisa, wie springt das Schifflein! Die Nacht ist lustig und wild. Ein lebendes Wassergebirge Bildet die tosende See; Hier gähnt ein schwarzer Abgrund, Dort türmt es sich weit in die Höh’. Ein Fluchen, Erbrechen und Beten Schallt aus der Kajüte heraus; Ich halte mich fest am Mastbaum Und wünsche: Wär’ ich zu Haus. Heinrich Heine. Leander und Selin. Leander und Selin, zwei Freunde, die Ein gleiches Herz und gleicher Edelmut Verbanden, traten in Geschäften einst Zusammen eine Fahrt durchs Weltmeer an. Die Winde wehten erst der Gegend zu, Die schon die Reisenden im Geiste sahn. Das Ufer floh, und bald erblickten sie Ringsum nur Luft und Meer. Das Firmament War heiter und voll Glanz. Sie segelten In seinem Widerschein geruhig fort Und nahten sich bereits der Reise Ziel, Als schnell ein reißender Orkan erwacht; Der peitscht das Meer, durchwühlt den tiefen Grund, Treibt, Bergen gleich, die hohen Wogen fort Und schleudert mächtig gegen einen Fels Das Schiff. Es scheitert. Jeder sucht dem Tod Auf Trümmern von dem Schiffe zu entfliehn. Den beiden Freunden ward ein Brett zu Teil; Allein es war zu klein für seine Last. „Wir sinken,“ sprach Selin, „das Brettchen trägt Uns beide nicht. O Freund, leb’ ewig wohl! Du mußt erhalten sein; an dir verliert Das Wohl der Welt zu viel, und ohne dich Wär’ mir das Leben doch nur eine Qual.“ „Nein,“ sprach Leander, „nein, ich sterb’, o Freund!“ Allein Selin verließ zu schnell das Brett Und übergab dem nassen Grab Der Wasserwogen sich. Die Vorsehung, Die über alles wacht, sah seine Treu’ Und seine Großmut an und ließ das Meer Ihm nicht zum Grabe sein. Mitleidig trägt’s Auf seinen Wellen ihn zum Ufer hin. Er fand Leandern schon daselbst. — O! wer Beschreibt die namenlose Freude, die Sie fühlten? Sie umarmten sich Mit einer Tränenflut. Leander sprach: „O allzuteurer Freund, in was für Qual Hat deine Freundschaft mich gestürzt! Ich hab Um dich zehnfache Todesangst gefühlt. Was du tat’st, wollt’ ich tun; denn ohne dich Wünscht’ ich das Leben nicht.“ „Geliebtester, Was wär’ ich ohne dich?“ versetzt’ Selin. „Der Himmel sei gelobt, der dich mir schenkt! Komm, lass’ uns ihn, der uns vom Tod befreit, Verehren und ihm ganz das Leben weihn!“ Sie knieten nieder an das Ufer hin Und dankten dem, der sie errettete, Und ihr Gebet drang durch die Wolken, drang Zu Gott. — Leander teilte mit Selin, Der arm an Geld, doch reich an Tugend war, All’ seine Schätze, die Selin nur nahm, Weil sich sein Freund dadurch beglückter fand, Und Segen kam auf sie und auf ihr Haus, Und lange waren sie der Nebenmenschen Glück. Ew. v. Kleist. Die Vergeltung. I. Der Kapitän steht an der Spiere, Das Fernrohr in gebräunter Hand, Dem schwarzgelockten Passagiere Hat er den Rücken zugewandt. Nach einem Wolkenstreif in Sinnen Die beiden wie zwei Pfeiler sehn. Der Fremde spricht: „Was braut da drinnen?“ „Der Teufel,“ brummt der Kapitän. Da hebt von morschen Balkens Trümmer Ein Kranker seine feuchte Stirn, Des Äthers Blau, der See Geflimmer, Ach, alles quält sein fiebernd Hirn! Er läßt die Blicke, schwer und düster, Entlängs dem harten Pfühle gehn, Die eingegrabnen Worte liest er: „Batavia. Fünfhundertzehn.“ Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn, Gezisch, Geheul ans wüstem Grunde, Die Bohlen weichen mit Gestöhn. „Jesus, Marie! wir sind verloren!“ Vom Mast geschleudert der Matros, Ein dumpfer Krach in aller Ohren, Und langsam löst der Bau sich los. Noch liegt der Kranke am Verdecke, Um seinen Balken festgeklemmt, Da kömmt die Flut, und eine Strecke Wird er ins wüste Meer geschwemmt. Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne, Das leistet ihm der starre Krampf, Und wie ein Narwal mit dem Horne Schießt fort er durch der Wellen Dampf. Wie lange so? — er weiß es nimmer, Dann trifft ein Strahl des Auges Ball, Und langsam schwimmt er mit der Trümmer Auf ödem, glitzerndem Krystall. Das Schiff! — die Mannschaft! — sie versanken. Doch nein, dort auf der Wasserbahn, Dort sieht den Passagier er schwanken In einer Kiste morschem Kahn. Armsel’ge Lade! sie wird sinken, Er strengt die heisre Stimme an: „Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“ Und immer näher schwankt’s heran, Und immer näher treibt die Trümmer, Wie ein verwehtes Möwennest; „Kourage!“ ruft der kranke Schwimmer, „Mich dünkt, ich sehe Land im West!“ Nun rühren sich der Fähren Ende, Er sieht des fremden Auges Blitz, Da plötzlich fühlt er starke Hände, Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz. „Barmherzigkeit! Ich kann nicht kämpfen.“ Er klammert dort, er klemmt sich hier; Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen, Am Balken schwimmt der Passagier. Dann hat er kräftig sich geschwungen Und schaukelt durch das öde Blau, Er sieht das Land wie Dämmerungen Enttauchen und zergehn in Grau. Noch lange ist er so geschwommen, Umflattert von der Möwe Schrei, Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen, Viktoria! nun ist er frei! II. Drei kurze Monde sind verronnen, Und die Fregatte liegt am Strand, Wo Mittags sich die Robben sonnen, Und Bursche klettern übern Rand; Den Mädchen ist’s ein Abenteuer, Es zu erschaun vom fernen Riff, Denn noch zerstört, ist nicht geheuer Das greuliche Korsarenschiff. Und vor der Stadt, da ist ein Waten, Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill, Da die verrufenen Piraten Ein jeder sterben sehen will. Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert, Hat man den Galgen, dicht am Meer, In wüster Eile aufgezimmert. Dort dräut er von der Düne her! Welch ein Getümmel an den Schranken! „Da kömmt der Frei — der Hessel jetzt — Da bringen sie den schwarzen Franken, Der hat geleugnet bis zuletzt.“ — „Schiffbrüchig sei er hergeschwommen,“ Höhnt eine Alte, „ei, wie kühn“ Doch keiner sprach zu seinem Frommen, Die ganze Bande gegen ihn. Der Passagier, am Galgen stehend, Hohläugig, mit zerbrochenem Mut, Zu jedem Räuber flüstert flehend: „Was tat dir mein unschuldig Blut? Barmherzigkeit! so muß ich sterben Durch des Gesindels Lügenwort, O, mög die Seele euch verderben!“ Da zieht ihn schon der Scherge fort. Er sieht die Menge wogend spalten — Er hört das Summen im Gewühl — Nun weiß er, daß des Himmels Walten Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel! Und als er in des Hohnes Stolze Will starren nach den Ätherhöhn, Da liest er an des Galgens Holze: „Batavia. Fünfhundertzehn.“ Annette v. Droste-Hülshoff. Konquistadores. Zwei edle Spanier halten Wacht Und einer spricht zum andern: „Sennor, mir deucht, der Teufel lacht, Wie wir ins Leere wandern! Das Segel bauscht, es rauscht der Kiel, Noch keines Strandes Boten — Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel, Wir fahren zu den Toten! Wer einem Genuesen traut, Hat den Verstand verloren! Die Klugen hat er schlecht erbaut, Da lockt’ er alle Toren — Rund sei die Erde, log er mir, Wie Pomeranzenbälle, Doch unermeßlich flutet hier Nur Welle hinter Welle!“ Der andre blickt ins Meer hinaus Und runzelt finstre Brauen: „Sennor, mich zog Columb ins Haus, Ließ mich die Karten schauen, Was er dociert, verstand ich nicht, Ich ließ es alles gelten — Sein übermächtig Angesicht Verhieß mir neue Welten! Ist er ein Narr und haben wir Uns in das Nichts verlaufen, Ein räud’ger Hund, Sennor, wie Ihr, Darf fröhlich mit ersaufen!“ — „Sennor, da betet Ihr nicht gut! Zurück Euch in den Rachen Den räud’gen Hund! Ihr raucht von Blut Und risset aus den Wachen!“ „Sennor, ich dolcht ein falsches Weib, Bekenn’ ich unverhohlen! Nicht hab’ dem Bäcker einen Laib Vom Brett ich weggestohlen! Sennor, Ihr seid ein Galgenstrick!“ — „Sennor, Ihr seid nicht besser!“ Sie ziehen mit entflammtem Blick Und kreuzen blanke Messer ... Da zwischen ihre Messer walzt Im tollen Freudensprunge, Mit ölgetränkten Fingern schnalzt Miquel, der Küchenjunge. Er drückt die Lider blinzelnd ein Mit schlauem Wimperzwinken, Bald hüpft er auf dem rechten Bein, Bald hopst er auf dem linken, In Lüften bläht sich sein Gewand, Es puffen ihm die Hosen — Neugierig kommen hergerannt Soldaten und Matrosen. Der Junge redet kunterbunt, Als ob’s im Kopf ihm fehle, Dann öffnet er den großen Mund Und singt aus voller Kehle: „Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt, Stimmt Laudes an und Psalmen! Und wenn’s mir nicht vor Freude stirbt, Bald weidet’s unter Halmen! Ich schwör’ es euch bei Gottes Haupt: Es atmet duft’ge Weiden, Es wittert Wälder dichtbelaubt Und unermeßne Heiden! Erlauchte Herren, gebet acht, In meinem engen Räumchen Hat unsre Meerfahrt mitgemacht Ein andalusisch Heimchen — Mitnahm ich’s aus dem Vaterland, Mich scheidend zu beschenken, Ich fing’s mit flinkem Griff der Hand Zu seinem Angedenken. Da wir zu Schiffe stiegen dort, Die Zierden aller Lande, Zirpt’ Heimchen mir im Busen fort, Als weidet’s noch am Strande. Das grüne Vorgebirg verschwand, Dem Heimchen ward es schaurig, Beklommen saß es an der Wand Und wurde faul und traurig. So darbt’s und dämmert’s lange Zeit, Schon gab ich es verloren, Und nun, bei meiner Seligkeit, Ist Heimchen neugeboren! Bedenkt, es hockte gram und lahm An Dielen und an Wänden, Jetzt jubelt’s wie ein Bräutigam Und kann nur gar nicht enden!“ Miquel ist fort und wieder da, Die Fingerspitze zeigend: Da sitzt es ja! Da singt es ja! Die Spanier lauschen schweigend — Dann sinnen sie der Sache nach, Den Lustgesang im Ohre, Sie schütteln sich die Hände jach Und schrei’n im wilden Chore: „Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt! Bald schwelgen wir in Beute! Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt! Wir sind gemachte Leute! Die Küste winkt! Das Gold erblinkt, Davon die Sagen melden! Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt! Wir sind berühmte Helden!“ C. F. Meyer. [Illustration] Eine Seeräubergeschichte. Wir hatten Öl geladen und Korinthen Und segelten vergnügt mit unsrer Fracht Von Malta auf Gibraltar, Jochen Schütt, Der Lüb’sche Kapitän, mit fünf Matrosen, Und ich, Hans Kiekebusch, als Steurmann. Der Wind blies lustig, und wir waren schon Sardinien vorbei, als hinter uns Nordosther ein verdächtig Segel aufkam, Das wie mit Siebenmeilenstiefeln lief. Bedenklich guckte Jochen Schütt durchs Glas Und schüttelte den Kopf und guckte wieder, Und immer länger ward sein schlau Gesicht. „Verdammte Suppe!“ brach er endlich los, „Der Haifisch soll mich schlucken, wenn das nicht Tuneser sind, Spitzbuben, die’s auf uns Und unsern schmucken Schoner abgesehn! Bei Gott, jetzt heißt es: Alles Weißzeug los Und stramm gesegelt!“ Leider war’s zu spät. Ein Viertelstündchen noch, da wußten wir, Daß Flucht unmöglich. Gleich darauf auch ließ Das Kaperschiff die rote Flagge schon Vom Topmast fliegen, und ein Schuß befahl Uns beizulegen. An Verteidigung War nicht zu denken. Sieben waren wir, Die höchstens Sonntags mal im Lauer Holz Mit Schrot geknallt, und drüben an die vierzig, Verwegnes Raubvolk insgesamt, auf Mord Und Totschlag eingeübt wie wir aufs Kegeln. Mit einer einz’gen Salve hätten sie Uns weggefegt; drum hieß uns Jochen Schütt Geruhig bleiben und ihn machen lassen. Ein Stückchen, meint er, hab’ er ausgedacht, Das uns vielleicht noch aus der Tinte hilfe. Zwar spielt’ er auf ~Va banque~ damit, indes Am Ende sei’n wir Christenmenschen doch, Und Gott im Himmel könnt’ ein Einsehn haben. So brümmelnd stieg er zur Kajüt’ hinab Und nahm die andern mit; nur mir befahl er Auf Deck zu bleiben und dem leidigen Besuch, als käm’ er auf ein Frühstück bloß, Mit Höflichkeit zu ihm den Weg zu weisen. Mir schlug das Herz bis an den Hals, als nun Mit jeglicher Minute der Korsar Uns näher rückte. Bald erkannt’ ich schon Die Fuchsgesichter mit den Rattenzöpfen, Das Negervolk, das in den Tauen hing. Jetzt sah ich, wie solch rotbekappter Schuft Den Enterhaken hob, jetzt machten’s ihm Zehn andre nach und jetzt — ein einz’ger Schlag, Ein ungeheurer Ruck, und Bord an Bord Mit dem Tuneser lagen wir. Ein Mohr, Die breite Kling’ im Maule, sprang zuerst Auf unser Schiff, dann kam der Hauptmann selbst, Einäugig, stachelbärtig wie ein Kater, Am grünen Bund den Halbmond von Rubin, Und dann die andern, meist ein quittengelb, Zerlumpt Gesind’l, doch mit langem Rohr, Mit Beil und Messer Mann für Mann versehn. Mir lief’s den Rücken kalt wie Eis hinab. Doch macht’ ich nach des Kapitäns Geheiß Den schönsten Bückling und, verbindlich dann Den Weg anzeigend, fuhr ich wie ein Kellner In Sprüngen die Kajütentrepp’ hinab. Auch poltert’ es alsbald mit schwerem Tritt Mir nach und, ein Pistol in jeder Hand, Trat Meister Einaug’ in die Tür, doch blieb er, Als er sich umsah, wie ein Zaunpfahl stehn. Denn vor ihm saß, den Hut auf einem Ohr, Aus kurzer Pfeife Dampf und Funken paffend, Auf offner Pulvertonne Jochen Schütt, Und rings umher lag wie ein Zauberkreis Ein breiter Streif von Pulver aufgestreut. Wir standen hinter ihm und mucksten nicht; Er aber, ruhig sitzen bleibend, tat, Als wüßt er gar von keinem Harm und sah Den Türken an und sagte: „Guten Tag! Was steht zu Diensten, wenn ich bitten darf?“ Und als nun der sich wie ein Puterhahn Aufplustert und in seinem Kauderwelsch Zu kollern anfängt und, wie das nicht fleckt, Die Zähne weist und mit Geberden droht, Sagt Jochen Schütt: „Ja, (Türkisch versteh’ ich nicht) Mein lieber Herr; doch ~parlez-vous français~?“ Und dazu pafft er toller stets und macht Den Meerschaumkopf wie einen Schornstein sprüh’n, Daß mir, bei Gott, schon deucht, wir fliegen auf. Das schien denn unserm Rinaldini auch Ein schlechter Spaß, er wurde grün vor Wut, Und plötzlich macht er Kehrt und schoß hinaus. Nun ging ein heftig Schnattern droben an, Und dann ein Poltern, Schieben, Ziehn und Winden, Als kehrten sie vom Schiffsraum bis aufs Deck Das Unterste zu oberst, während wir In tausend Ängsten wie die Hühner uns Um unsern Kapitän zusammendrückten, Der keine Silbe sprach und langsam nur Fortqualmte. Zwar die Ladung, wußten wir, War gut versichert, doch wir fürchteten, Die Heiden würden, wenn sie’s ausgeraubt, Das Schiff aus purer Bosheit sinken machen, Und dann, ihr Lüb’schen Türme, gute Nacht! So ging ein langes, banges Stündlein hin. Da plötzlich hörten wir durch all den Lärm Die Botsmannspfeife kreischen; ein entsetzlich Gedräng’ entstand an Bord, wie Flucht beinah, Und kurz darauf geschah ein Stoß und Rauschen, Als riss’ ein Donnerwetter Schiff von Schiff; Und dann mit eins war’s still. Wir warteten Ein Weilchen noch und horchten, doch es pfiff Auch nicht die Maus im Loch; kein Zweifel mehr, Sie waren fort. — „Was nu?“ sprach Jochen Schütt, „Die Luft an Bord scheint wieder klar zu sein, Ich denk’, wir sehn uns mal den Schaden an!“ Und stieg hinauf ans Deck und wir ihm nach. Da sah’s denn gräulich aus. Im großen Stall Der Arche Noäh war nicht solch ein Wust, Als aller Welt Getier das Schiff geräumt. Packstroh und Scherben rings, Korinthenfässer, Ölpiepen, Werkzeug, Zwiebeln, Kochgerät, Im tollsten Wirrwarr alles durcheinander, Als wär’ in allerbester Arbeit just Das große Plünderfest gestört. Und so Verhielt sich’s auch. Denn von Nordosten kam Indes der Türk’, wie ein gejagter Habicht, Nach Süden fortschoß, eine englische Fregatt’ heran mit vollem Wind und ließ Die blaubekreuzte Flagge lustig wehn. Das gab ein Jubeln, ein Umarmen jetzt! Der Schiffsjung fiel auf seine Knie, der Koch, Der letzt in Portsmouth überwintert, schwang Die Zipfelmütz’ und sang: „~God save the king!~“ Doch Jochen Schütt nahm eine Zwiebel auf Und roch daran und niest’: ich merkt’ es wohl, Wir sollten ihn nicht weinen sehn. Dann zog er Den Hut und sprach: „Nun danket alle Gott! Heut’ tut mir’s leid, daß ich nicht singen kann, Weil ich beim alten Haase Schulen lief. Den Engelsmann schickt uns der Himmel selbst. Auch keinen roten Sechsling gab ich mehr Für unser Leben, blieb er aus. Nun lief’s Noch gnädig ab.“ — „Ein wahrer Segen auch,“ Sagt’ ich, „Kap’tän, daß Euch das Pulver einfiel, Sonst kam uns selbst der Engelsmann zu spät.“ Ja, Pulver!“ lacht’ er, und die Schlauheit blitzt Ihm aus den Augen, „Pulver! Hat sich was! Wir haben keine zwanzig Schuß an Bord. Das schwarze Zeug, wovor der Heidenkerl Die Angst gekriegt, war — Rübsaat aus Schwerin, Und mein Kanarienvogel frißt davon. Ein richt’ger Mann muß sich zu helfen wissen, So hilft ihm Gott auch wohl. — Und nun seht nach, Ob uns das Volk auch überm Rum gewesen. Ich denk’, ein Schluck soll gut tun auf den Schreck.“ Eman. Geibel. [Illustration] Das Haus am Meer. Hart an des Meeres Strande Baut man ein festes Haus; Als sollt’ es ewig dauern, So heben die trotz’gen Mauern Sich in das Land hinaus. Mächtige Hammerschläge Erdröhnen schwer und voll; Die Sägen knarren und zischen, Verworren hört man dazwischen Der Wogen dumpf Geroll. Durch das Gebälke klettert Ein rüst’ger Zimmermann; Der Wind der sich erhoben, Zerreißt mit seinem Toben Das Lied, das er begann. Ich bin hineingetreten; Daß solch ein Werk gedeiht, Das ist an Gott gelegen, Zu beten um seinen Segen, Nehm’ ich mir gern die Zeit. Die Fenster gehen alle Hinaus auf die wilde See; Noch sind sie nicht verschlossen, Eine Möwe kommt geschossen Durch das, an dem ich steh’. Hier will der Bewohner schlafen; Schon wird in dem luft’gen Raum Die Bettstatt aufgeschlagen; Da ahn’ ich mit stillem Behagen Voraus gar manchen Traum. Doch wende ich mein Auge, Fällt’s auf gar manches Riff, Ich sehe des Meeres Tosen, Drüben im Grenzenlosen Durchbricht den Nebel ein Schiff. Wer ist’s denn, der am Strande, Am öden, sein Haus sich baut? „Ein Schiffer; seit vielen Jahren Hat er das Meer befahren, Nun ist’s ihm lieb und vertraut. Dies ist die letzte Reise, Ich fühl’ mich alt und müd’, Daß ich mein Nest dann finde, Hobelt und hämmert geschwinde! So sprach er, als er schied. Jetzt kann er stündlich kehren, Er ist schon lange fort, Drum müssen wir alle eilen!“ Des schwellenden Sturmwinds Heulen Verschlingt des Zimm’rers Wort. Die Wolken ballen sich dräuend, Riesige Wogen erstehn, Aufgerüttelt von Stürmen, Schrecklich, wenn sie sich türmen, Schrecklicher, wenn sie zergehn. Das Schiff dort, kraftlos ringend, Ihr Spiel jetzt, bald ihr Raub, Muß gegen die Felsen prallen, Schon hör’ ich den Notschuß fallen, Was hilft es? Gott ist taub. Ich fürchte, das ist der Schiffer, Dem man dies Bett bestellt, Der Zimm’rer mit dem Hammer Befestigt die letzte Klammer, Während das Schiff zerschellt. Friedr. Hebbel. Nis Randers. Krachen und Heulen und berstende Nacht, Dunkel und Flammen in rasender Jagd — Ein Schrei durch die Brandung! Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut: Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich’s der Abgrund. Nis Randers lugt — und ohne Hast Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast; Wir müssen ihn holen.“ Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein! Dich will ich behalten, du bliebst mir allein, Ich will’s, deine Mutter! Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn; Drei Jahre verschollen ist Uwe schon, Mein Uwe, mein Uwe!“ Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach! Er weist nach dem Wrack und spricht gemach: „Und +seine+ Mutter?“ Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs: Hohes, hartes Friesengewächs; Schon sausen die Ruder. Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! Nun muß es zerschmettern! ... Nein: es blieb ganz! ... Wie lange? Wie lange? Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer Die menschenfressenden Rosse daher; Sie schnauben und schäumen. Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt! Eins auf den Nacken des andern springt Mit stampfenden Hufen! Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt! Was da? — Ein Boot, das landwärts hält — Sie sind es! Sie kommen! — — Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ... Still — ruft da nicht einer — Er schreit’s durch die Hand: „Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“ Otto Ernst. Das Wrack. Die Flut verrinnt! Auf ebbetrocknem Strande Liegt dort das Wrack tiefeingewühlt im Sande; Zerborsten klafft das Deck, der Kiel zerbrach. Ein Schoner einst! Wie alle Wimpel flogen, Als er zuerst durchschoß die blauen Wogen! Der greise Kaufherr sah ihm lächelnd nach. Bayard, des Werftes Stolz, der kühnste Renner, Am Bord neun Friesen, seegebräunte Männer, Mit stillem Aug’ und eisenfester Hand. Zum Ost und West ging manche gute Reise, Zum fernen Süd, durch beide Wendekreise, Den bunten Gürtel, der die Welt umspannt. Dann kam der Schicksalstag. Das lang geschlafen, Losfuhr das Wetter nah’ dem Heimathafen. Zerspellte Rumpf und Rah’ mit wilder Wucht, Zersprengte Brass’ und Tau gleich Fadennetzen Und warf Gebälk und Trumm, wertlose Fetzen, In dieses Eilands sturmgepeitschte Bucht. — [Illustration] Dort liegt das Wrack! Es sitzt auf seinen Planken Ein alter Mann verloren in Gedanken, Gebückt, den breiten Hut tief im Gesicht. Verstürmt auch er? — Wer weiß, auf welchen Meeren? — Er schreibt. — Ein Lied wie dies? — Harm soll man ehren; Geht sacht an ihm vorbei und stört ihn nicht. F. W. Weber. [Illustration] Meeresstrand. Ans Haff nun fliegt die Möwe, Und Dämmrung bricht herein; Über die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein. Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her; Wie Träume liegen die Inseln Im Nebel auf dem Meer. Ich höre des gärenden Schlammes Geheimnisvollen Ton, Einsames Vogelrufen — So war es immer schon. Noch einmal schauert leise Und schweiget dann der Wind; Vernehmlich werden die Stimmen, Die über der Tiefe sind. Theodor Storm. Meeresrauschen. Mehr noch als der Anblick des Meeres überrascht seine +Stimme+. Sie wird überall vernommen auf hoher See und am Strande, und immer wechselnd bewegt sie in immer neuer Weise das Gemüt. Bald erbraust sie in erhaben-gleichförmigem Rhythmus; es ist die Sprache der Wasserwüste, das Nachtönen des „Werde!“, welches die Schöpfung ins Dasein rief. Bald glaubt man ein tiefes Atemholen der Flut zu hören oder ein träumerisches Murmeln und dann wieder ein Klatschen und Schmettern mit langgezogenem Widerhall, bis die Stunde des Sturmes kommt, da das Element in entfesselter Größe überschwillt und mit seinen rollenden Donnern die Erde zittern macht. Aber die empörten Wogen kehren wieder in ihre Bahn zurück, und nun scheint ihre Stimme nicht mehr zürnend, sondern voll klagenden Gesanges. Das Ohr unterscheidet allmählich auch die leiseren Töne in dem Riesenorchester, das Flüstern und Klingen der einzelnen Wellen, und in das Spiel der Phantasie verloren, vermeinen wir wohl die Bäche und Bächlein der Heimat wieder zu vernehmen, die im Ozean nach langer Wanderung ein Ziel gefunden haben. Auch das sind Meeresszenen voll tiefen, fast feierlich-sehnsüchtigen Reizes, der freilich dann am ergreifendsten wirkt, wenn im Dufte des unendlichen Horizontes die Gestirne der Nacht aufsteigen oder versinken vor dem Auge des Schiffers. Herm. Masius. [Illustration] Der Gesang des Meeres. Wolken, meine Kinder, wandern gehen Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen! Eure wandellustigen Gestalten Kann ich nicht in Mutterbanden halten. Ihr langweilet euch auf meinen Wogen, Dort die Erde hat euch angezogen: Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer! Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer. Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften! Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! Traget glüh’nden Kampfes Purpurtrachten! Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen! Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen! Braust in Strömen durch die Lande nieder — Kommet, meine Kinder, kommet wieder! C. F. Meyer. [Illustration] Ostern. Es war daheim auf unsrem Meeresdeich; Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten, Zu mir herüber schoß verheißungsreich Mit vollem Klang das Osterglockenläuten. Wie brennend Silber funkelte das Meer, Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel, Die Möwen schossen blendend hin und her, Eintauchend in die Flut die weißen Flügel. Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand War sammetgrün die Wiese aufgegangen; Der Frühling zog prophetisch über Land, Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. — Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft, Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen, Und alles treibt, und alles webt und schafft, Des Lebens vollste Pulse hör’ ich klopfen. Der Flut entsteigt der frische Meeresduft; Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle; Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle. O wehe fort, bis jede Knospe bricht, Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde; Entfalte dich, du gottgebornes Licht, Und wanke nicht, du feste Heimaterde! — Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln, Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht, Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln. Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben; Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer — Das Land ist unser, unser soll es bleiben! Theodor Storm. Geistesgruß. Hoch auf dem alten Turme steht Des Helden edler Geist, Der, wie das Schiff vorübergeht, Es wohl zu fahren heißt. „Sieh, diese Sehne war so stark, „Dies Herz so fest und wild, „Die Knochen voll von Rittermark, „Der Becher angefüllt; „Mein halbes Leben stürmt’ ich fort, „Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh, „Und du, du Menschen-Schifflein dort, „Fahr’ immer, immer zu!“ Wolfg. v. Goethe. Turmwächterlied. Am gewaltigen Meer, In der Mitternacht, Wo der Wogen Heer An die Felsen kracht, Da schau’ ich vom Turm hinaus. Ich erheb’ einen Sang Aus starker Brust Und mische den Klang In die wilde Luft, In die Nacht, in den Sturm, in den Graus. [Illustration] Dringe durch, dringe durch Recht freudenvoll, Mein Lied von der Burg In das Sturmgeroll! Verkünd’ es weit durch die Nacht, Wo schwanket ein Schiff Durch die Flut entlang, Wo schwindelt am Riff Des Wanderers Gang, Daß oben ein Mensch hier wacht! Ein kräftiger Mann, Recht frisch bereit, Wo er helfen kann, Zu wenden das Leid, Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand. Ist zu schwarz die Nacht, Ist zu fern der Ort, Da schickt er mit Macht Seine Stimme fort Mit Trost über See und Land. Wer auf Wogen schwebt — Sehr leck sein Kahn — Wer im Walde bebt, Wo sich Räuber nahn, Der denke: Gott hilft wohl gleich! Wen das wilde Meer Schon hinunterschlingt, Wem des Räubers Speer In die Hüfte dringt, Der denk’ an das Himmelreich! Friedr. de la Motte Fouqué. Am Turme. Ich steh auf hohem Balkone am Turm, Umstrichen vom schreienden Stare, Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare; O wilder Geselle, o toller Fant, Ich möchte dich kräftig umschlingen Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand, Auf Tod und Leben dann ringen! Und drunten seh ich am Strand, so frisch Wie spielende Doggen, die Wellen Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch Und glänzende Flocken schnellen. O springen möcht’ ich hinein alsbald, Recht in die tobende Meute, Und jagen durch den korallenen Wald Das Walroß, die lustige Beute! Und drüben seh ich ein Wimpel wehn, So keck wie eine Standarte, Seh auf und nieder den Kiel sich drehn Von meiner luftigen Warte; O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff, Das Steuerruder ergreifen Und zischend über das brandende Riff Wie eine Seemöwe streifen. Wär ich ein Jäger auf freier Flur, Ein Stück nur von einem Soldaten, Wär ich ein Mann doch mindestens nur, So würde der Himmel mir raten; Nun muß ich sitzen so fein und klar, Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich lösen mein Haar Und lassen es flattern im Winde! Annette v. Droste-Hülshoff. Old Mütterchen. O schöner Wintersonnenschein, Du lockst ins Freie groß und klein! Old Mütterchen läßt man im Haus allein! — Old Mütterchen zählt an hundert Jahr; Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar. Ihr Ruhebett war so gestellt, Daß schauen sie konnt’ in Gottes Welt: Und — wie sie so durchs Fenster sah In die Husumer Bucht, was sah sie da? Die Ufer waren von Schnee so weiß, Die See stand fest als blankes Eis, Und über das weit gefrorene Meer Jagt alles auf Schlittschuh’n hin und her; Ein jeder schwingt sich auf seine Weise, Die ganze Stadt schien auf dem Eise. Es war ein Gewimmel und ein Gelauf, Man stellte Zelt’ und Buden auf; Auch fuhren auf Schlitten die Knaben die Frauen, Die waren geputzt wie zum Feste zu schauen. Das muntre Volk im jubelnden Reigen Bedünkt Old Mütterchen gar eigen: Wo neulich noch schlugen und tobten die Wogen, Ward wie mit Flügeln auf Spiegeln geflogen; Wo sonst nur schwammen Schiff und Fische, Stellte man heute Bänke und Tische; Man schmauste und trank und sang und sprang, Es wurde keinem die Weile lang. Da dacht’ in ihrer Einsamkeit Old Mütterchen längst vergangner Zeit, Wo sie die gleiche Lust erfahren, Eh sie gelangt zu zitternden Jahren, Wie mancher junge schmucke Gesell Sie einst gefahren im Schlitten schnell. Sie dacht’ auch des Gatten und ihrer Knaben, Die ungestümes Meer begraben, Wie heimgegangen all’ ihre Lieben Und sie zuletzt so einsam blieben. Da seufzte sie: Gott vergisset mein Und läßt mich hier ganz seelenallein, Ich muß hier als ganz unnütz sein, Den Fremden schaff’ ich nur Beschwerden, Was soll ich noch fürder auf dieser Erden? Doch wie Old Mütterchen das spricht, Der Ratschluß Gottes ist verborgen, Straft sie ihr Herz: o sündige nicht: Laß ihn allein bestimmen und sorgen. In solchen und anderen Gedanken Blickt weiter sie auf das Schwingen und Schwanken, Und spricht zu sich selber: tun doch heute, Als wär’ Meer Land, die tollen Leute; Ist wohl so gesichert die weite Fläche, Daß hie und da das Eis nicht breche? Und wie sie dem nachsinnt, nicht lange, Pocht ihr das Herz in der Brust so bange, Als könne solch ein Unglück geschehn, Als solle sie bald Entsetzliches sehn. Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel In fernster Ferne ein Wölkchen am Himmel, Ein weißes, und spricht: das deutet Sturm, Und niemand läutet doch heut vom Turm. Kommt Sturm mit der springenden Flut im Bunde, Zerbricht er das ganze Eis in der Runde, Und alle die fröhlichen seligen Leute Versinken in Schollen und Schäumen heute. Ich will doch rufen, daß einer warnet, Eh alle des Todes Netz umgarnet. Sie ruft: Ist keiner, der hören will? Sie ruft; doch alles ist totenstill. Es ist wohl niemand, niemand im Haus. Da müht sie sich aus dem Bett heraus Und kriecht zum Fenster auf Händen und Füßen; Da muß der Frost es fest verschließen. Das Volk darf auf dem Eise nicht bleiben! Sie hat keine Rast, sie zerschlägt die Scheiben, Sie ruft hinaus — sie winkt — sie schreit — Zu schwach, zu matt! ach, alle sind weit! Herr Gott, was fang vor Leid ich an, Wenn ich das Volk nicht warnen kann; Die Wolke wird größer, o bange Pein, Sie werden alle verloren sein; Ich kenne das Sturmgewölk genau Als leiderfahrne Schiffersfrau. Allmächtiger Gott! o Herre mein! Laß hören doch mein schwaches Schrein. Denn zögert das Warnen noch wenig Minuten, Versenkt sie alle das Rollen der Fluten. Da hört sie ein Knabe; doch der lacht und läuft, Weil, was sie ruft, er nicht begreift. „Ach, alle, alle eilen zur Freude Und wissen nicht, wie bald zum Leide! Wie rett’ ich, wie helf’ ich! Gott, gib Licht! Ich bin zu schwach, ich treffe das nicht.“ Da zuckt ein Gedank’ ihr durch den Sinn, Sie müht sich kriechend zum Herde hin Und faßt einen Brand und entzündet das Stroh Im Bett: das brennet lichterloh. Sie rief: „So schaff’ ich ein Feuerzeichen, Bald wird der Brand das Dach erreichen.“ Indem der Qualm das Zimmer füllt, Ergreift sie den Mantel und flieht verhüllt; Doch kann sie vor Alter nicht schnell von der Stelle, Nur langsam erreicht sie der Türe Schwelle. Da schlägt die Lohe zum Dach hinaus. „Leb wohl, geliebtes Vaterhaus. Und kann ich nur das Volk erretten, Mag Gott mich selbst im Himmel betten.“ Doch gibt der Herr, der alles schafft, Den schwachen Gliedern fürder Kraft; Sie erreicht die Straße und ruht am Stein, Da gewahren von weitem die Leute den Schein Und sagen: dort muß ein Feuer sein! Und rennen herzu. Old Mütterchen schreit: „Laßt das! Mit dem Feuer hat’s gute Zeit, Ich lockt’ euch mit dem Feuer herbei, Daß ihr vernähmet, was ich schrei. Laßt brennen mein Haus und eilt zum Turm, Seht dorten die Wolke, und läutet Sturm, Daß alles Volk zum Lande kehr’, Eh Sturm erregt das wilde Meer!“ Da schauen die Leute die Wolke erschreckt Und sagen: die Frau hat Gott erweckt! Und rennen in Eile hin zum Turm Und läuten aus Leibeskräften Sturm. Der Qualm, das Läuten ruft alle herbei, Man eilt zum Strande mit bangem Geschrei, Und alles ruft: „Geschwind, geschwind!“ Da floh das Husumer Volk vor dem Wind. Sie gaben die Zelte, die Buden preis, Denn fernher kam das Meer schon weiß, Hoch über dem jagenden, flüchtenden Volke Verbreitet sich fliegend des Sturmes Wolke. Die Husumer zeigten jenen Tag, Wie man auf Schlittschuh’n fliegen mag: Der ganze Schwarm wie weggeblasen, Dicht, dicht dahinter des Sturmes Rasen. Hei! wie es die leichten Buden, die Zelte Hinwarf und zerspellt in die Welt hinschnellte! Sturmvögel kamen mit Schreien geflogen, Der ganze Himmel schwarz umzogen, Darunter im Sturm der Springflut Wogen. Man hörte sie schon bis her zum Strande, Und als der letzte Mann am Lande, Hob wie aufatmend das Meer in der Bucht Weithin mit Gedonner des Eises Wucht. Wie von springenden Rossen ein wildes Heer, Sprang Brandung Sturz auf Sturz daher, Und wogte zu Trümmern den Spiegel, der eben Noch trug des Volkes fröhliches Schweben, Zerbrach ihn und türmte und rollte im Lauf Ein Gebirg von Schollen am Ufer herauf. Und wieder stürzt es zurück ins Gebraus, Und wieder warf es das Meer heraus. So tobte der Sturm die ganze Nacht Und schwieg erst, als Gott Tag gemacht; Und als die Sonne stieg empor, Da sammelte sich das Volk zum Chor, Und sangen Lieder und priesen Gott, Der sie errettet aus solcher Not. Old Mütterchens Haus war niedergebrannt; Doch als ihre Tat war stadtbekannt, Da sah man das ganze Volk hinkommen, Wo gute Leute sie aufgenommen. Der Bettler, der Bürgermeister nicht minder, Sie nannten sich alle Old Mütterchens Kinder. War ohne sie doch alles verloren, Sie hatte sie alle neu geboren, Drum wollt’ ihr jeder ins Auge blicken, Sie laben und herzen und süß erquicken, Und brachten ihr für ihre Habe Viel tausend neue schöne Gabe. Old Mütterchen aber in Freudentränen Sprach: „Niemand soll aus der Welt sich sehnen Und sei er noch so hoch betagt Und siech und matt! Wer weiß, wer sagt, Wozu der droben Ihn aufgehoben? Laßt uns den Herrn des Himmels loben!“ Aug. Kopisch. Der Riese im Sturm. Was schreit das viele Volk am Strand? — Der Inselriese will ans Land. Man sieht ihn kommen durchs wilde Meer; Doch Well’ an Welle rollt einher, Und mühsam ist im Sturm sein Gang, Denn immer wächst der Wogen Drang! — Ausging er bei noch heitrer Zeit; Jetzt wird es dunkel: der Sund ist breit. — Dem Bauernvolk das sehr behagt; Es höhnt den Kühnen, der sich plagt. Unmöglich scheint, was er beginnt; Drum lacht darob Mann, Weib und Kind. Und wenn eine Wog’ ihn weiß umhüllt, Wird bittrer Schimpf ihm zugebrüllt. Er hört das lange nicht im Schwall Und trotzt der donnernden Wasser Fall; Doch wie der Elemente Macht Er endlich weicht, wird laut gelacht. Ihm trägt der Wind den Schall ins Ohr; Da reckt’ er sich aus der Tief’ empor, Schaut unter seiner Hand zum Strand, Und — als er die kleinen Leut’ erkannt, Langt er hinab in den Meeressand, Wo er ein kleines Steinchen fand; Das warf er lachend nebenhin. — Da sah man entsetzt die Bauern fliehn; Denn in der Nähe war’s so groß, Daß leicht es trüg’ ein ganzes Schloß! — Der Sunddurchwandler aber rafft Zusammen seine Hünenkraft, Vollendet trotzend seinen Gang Und schreitet sanft den Strand entlang Und lacht: das Volk ist all’ nach Haus Und guckt den ganzen Tag nicht aus. — — Man sagt, der Riese zog von da Hinüber nach Amerika; Nun zeigt das Völkchen aller Welt Im Stein des Riesen Griff für — Geld. Aug. Kopisch. Flut und Ebbe. In einem fernen umbrandeten Land Spielen die Mädchen ein Spiel an dem Strand, Schreiten im Reigen, heiter gesinnt, Wann zu steigen die Flut beginnt, [Illustration] Weichen zurück in gemess’ner Flucht Aus der schwellenden Meeresbucht. In den Gewässern ruhigklar Werden sie krause Gestalten gewahr, Rollt eine Woge, sie sehen ein Roß, Sehn einen Reiter, bis er zerfloß. „Schauet den Meermann! Garstig Gesicht! Grinzende Larve, du haschest mich nicht!“ Aber das Meer, es wächst und naht — „Fliehet, ihr Schwestern! Sonst wird’s zu spat!“ Alle sie stürzen im hastigen Lauf, Gleiten, und reißen die Strauchelnden auf Bis zu der Bank, wo die Ebbe beginnt, Wo, wie sie wissen, das Wasser zerrinnt, Dort ist gelagert der flüchtige Chor, Zieht an dem Felsen die Füße empor, Fleht in den Himmel mit brünstigem Schrei’n: „Götter! ihr lasset die Unschuld allein?“ Aber die Flut, da den Raub sie berührt, Hat das Verhängnis des Ebbens gespürt, Und, wie erschreckt durch das maidliche Ach, Gleitet sie nieder und fällt gemach! — Gegen die Zieh’nde mit drohendem Arm Hebt sich verfolgend der blühende Schwarm: „Höhnet die Feigen! Sie fliehn aus dem Krieg! Kränzet die Locken und feiert den Sieg!“ Also vergnügt sich das sterbliche Heer Mit dem gelassnen, dem ewigen Meer. C. F. Meyer. Die Stadt. Am grauen Strand, am grauen Meer Und seitab liegt die Stadt; Der Nebel drückt die Dächer schwer, Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt. Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai Kein Vogel ohn Unterlaß; Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, Am Strande weht das Gras. Doch hängt mein ganzes Herz an dir, Du graue Stadt am Meer; Der Jugend Zauber für und für Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, Du graue Stadt am Meer. Theodor Storm. Spruch. Drüben von dem sel’gen Lande Kommt ein seltsam Grüßen her, Warum zagst du noch am Strande? Graut dir, weil im falschen Meer Draußen auf verlornem Schiffe Mancher frischer Segel sinkt? Und vom halbversunknen Riffe Meerfey nachts verwirrend singt? Wagst du’s nicht draufhin zu stranden, Wirst du nimmer drüben landen! Jos. v. Eichendorff. [Illustration] Der deutsche Spielmann herausgegeben von +Ernst Weber+, verlegt von +Georg D. W. Callwey-München+, nennt sich ein dichterisches Sammelwerk für Jugend und Volk. +Das Beste+ der gesamten deutschen Literatur in Poesie und Prosa, insoferne die Stücke kinder- und volkstümlich genannt werden können, will er geben. Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem Künstler illustriert erscheint, dessen Eigenart dem Charakter des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Obgleich auch einzeln erhältlich, eignet sich doch die ganze Folge wie kaum ein zweites Werk der Vergangenheit und der Gegenwart zur Anschaffung für öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Unterrichts in den Schulen und für die Familienbücherei; +sie hofft, auch zum eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden+. Denn der deutsche Spielmann huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten. Es liegen folgende Bände vor: Band 1 Kindheit, illustriert von Ernst Kreidolf „ 2 Wanderer, „ „ J. V. Cissarz „ 3 Wald, „ „ W. Weingärtner „ 4 Hochland, „ „ Franz Hoch „ 5 Meer, „ „ J. V. Cissarz „ 6 Helden, „ „ W. Weingärtner „ 7 Schalk, „ „ Julius Diez „ 8 Legenden, „ „ G. Ad. Stroedel „ 9 Arbeiter, „ „ Georg Osk. Erler „ 10 Soldaten, „ „ Georg Osk. Erler „ 11 Sänger, „ „ Hans Röhm „ 12 Frühling, „ „ Hans v. Volkmann „ 13 Sommer, „ „ Edm. Steppes „ 14 Herbst, „ „ Karl Biese „ 15 Winter, „ „ Karl Biese „ 16 Gute alte Zeit, „ „ Rud. Schiestl „ 17 Himmel und Hölle, „ „ Julius Diez „ 18 Stadt und Land, „ „ J. V. Cissarz „ 19 Bach und Strom, „ „ E. Liebermann „ 20 Heide, „ „ Adalb. Holzer „ 21 Arme und Reiche, „ „ J. Widnmann „ 22 Abenteurer, „ „ Rud. Schiestl „ 23 Germanentum, „ „ Hans Röhm „ 24 Mittelalter, „ „ Hans Schroedter „ 25 Zeit der Wandlungen, „ „ Carl Roesch „ 26 Neuzeit, „ „ Angelo Jank „ 27 Gespenster, „ „ Julius Diez „ 28 Tod, „ „ Math. Schiestl „ 29 Blumen u. Bäume, „ „ Rud. Sieck „ 30 Nordland, „ „ Ludw. Koch-Hanau „ 31 Italien, „ „ Hans Volkert „ 32 Hellas, „ „ Karl Bauer „ 33 Fremde Zonen, „ „ Hans Volkert „ 34 Vaterland, „ „ Wilh. Roegge jun. „ 35 Tierwelt, „ „ Ludwig Werner „ 36 Menschenherzen, „ „ Rud. Schiestl „ 37 Glück und Trost, „ „ Hans Schwegerle „ 38 Tag und Nacht, „ „ Otto Bauriedl „ 39 Riesen und Zwerge, „ „ Rud. Schiestl „ 40 Fabelreich, „ „ Ernst Weber Jeder Band kostet kartoniert Mk. 1.— Ausführlicher Prospekt ist durch jede Buchhandlung erhältlich oder vom Verlage Georg D. W. Callwey in München. Eine Anzahl von Bändchen, die sich inhaltlich gewissermaßen ergänzen, wurden zu Sammelbänden vereinigt. So entstanden, zum Preise von je Mk. 4.50: _Das deutsche Jahr_, umfassend die Bändchen: Frühling, Sommer, Herbst, Winter. _Deutsches Volk_, umfassend die Bändchen: Gute alte Zeit, Schalk, Arbeiter, Soldaten. _Deutsches Land_, umfassend die Bändchen: Bach und Strom, Wald, Heide, Hochland. _Deutsche Gestalten_, umfassend die Bändchen: Arme und Reiche, Sänger, Helden, Abenteurer. _Deutsche Geschichte_, umfassend die Bändchen: Germanentum, Mittelalter, Zeit der Wandlungen, Neuzeit. _Deutscher Glaube_, umfassend die Bändchen: Legenden, Gespenster, Tod, Himmel und Hölle. _Fremde Welt_, umfassend die Bändchen: Nordland, Italien, Hellas, Fremde Zonen. _Deutsche Heimat_, umfassend die Bändchen: Vaterland, Tag und Nacht, Stadt und Land, Meer. _Deutsches Leben_, umfassend die Bändchen: Kindheit, Wanderer, Menschenherzen, Glück und Trost. _Deutsche Natur_, umfassend die Bändchen: Blumen und Bäume, Tierwelt, Riesen und Zwerge, Fabelreich. Von der warmen, begeisterten Aufnahme, die dem deutschen Spielmann seitens der gesamten deutschen Presse, der politischen wie der literarischen und pädagogischen, zuteil wurde, mögen folgende Kritiken Zeugnis geben. =Jugendschriften-Warte=, Organ der vereinigten deutschen Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften: — Die Auswahl macht dem Herausgeber alle Ehre, es ist ein fruchtbarer Gedanke, nach Kategorien zusammenzustellen. Im deutschen Dichterwald sind der Klänge zu viele, sodaß die Gefahr der Monotonie sehr ferne liegt. Ich empfehle die Bücher für größere Kinder sehr. Herm. L. Köster, Vorsitzender des Hamburger Prüfungsausschusses. Die Bände 1–30 wurden bisher in das „+Verzeichnis empfehlenswerter Bücher für die Jugend+“ aufgenommen, das die +vereinigten deutschen Prüfungsausschüsse für Jugendschriften+ herausgeben. Die übrigen werden noch geprüft. =Augsburger Postzeitung=: „... Der deutsche Spielmann ist ein deutsches Hausbuch, an welchem Alt und Jung sich warmlesen können, aus welchem deutsches Wesen und deutsche Art hervorsprudelt und das einen Ehrenplatz in allen Büchereien verdient.“ =Leipziger illustrierte Zeitung=: „Für die neu erschienenen Bände des dichterischen Sammelwerkes „Der deutsche Spielmann“ genügen wenige Worte ... Sie haben bisher bei Presse und Publikum eine so begeisterte Aufnahme gefunden, daß eine nähere Charakterisierung überflüssig ist.“ =Bremer Nachrichten=: „... Eine eigentliche Jugendschrift ist der „Deutsche Spielmann“ nicht, will er auch nicht sein, bezeichnet er sich doch selbst als „eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk.“ Er ist eben .. ein Familienschatz, in welchem die Jugend etwa vom 9. Jahre an, wie auch der Erwachsene immer eine Fundgrube edelster Unterhaltung finden wird. Ich kann auch allen Interessenten nur empfehlen, sich mit der Zeit die ganze Sammlung zuzulegen ....“ =St. Gallener Blätter=: „... Daß sie in Masse unter das Volk kämen, zu allen Empfänglichen, diese Spielmannsbüchlein mit all ihrem Singen und Sagen von Freud’ und Weh’, mit all ihrer hellen und dunkeln Kunde von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsträumen des Menschseins! ...“ =Mecklenburger Schulzeitung=: „Das ist mal was Schönes! Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, jeder Band bildet ein geschlossenes Ganze und bietet das Beste aus der gesamten deutschen Literatur. Jede Bibliothek sollte diese, auf den Massenabsatz berechneten Hefte anschaffen. Der Preis ist unglaublich billig, die Ausstattung vorzüglich ....“ =Xenien=: „Nach den mir vorliegenden Bändchen des Spielmann darf man das Unternehmen geradezu als vorbildlich bezeichnen! Weitesten Kreisen von Jung und Alt die besten Schöpfungen der Vergangenheit und Gegenwart, nach lebensbeherrschenden Gedankenzentren geordnet, für Mk. 1.— den Band, zugänglich gemacht: welcher Bildungswert fürs Volk! Dürfte man hoffen: auch welcher Abbruch für das Hintertreppenschrifttum! ...“ =Allgemeines Literaturblatt=, Wien: „Der unglaublich billige Preis bei vorzüglicher Ausstattung ermöglicht es und läßt es wünschen, daß diese Bücher tief ins Volk dringen, dem nach all der parfümierten Unkunst der Moderne ein Zurückgreifen auf die, wenn auch manchmal derbe, doch ehrliche und stets gesunde Volkskraft und auf die Natur nur frommen kann. +Eine Anthologie nach diesen Gesichtspunkten, mit dieser Bilderbeigabe, in dieser Ausstattung, zu diesem Preise verdient die wärmste Empfehlung.+“ *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 ***