*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79333 *** ======================================================================= Anmerkungen zur Transkription. Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ und =fett gedruckte= so. ======================================================================= =~Reise~= in das ~Morgenland~ in den Jahren 1836 und 1837 von +Dr.+ Gotthilf Heinrich von Schubert. Zweiter Band. Erlangen, =1839= ~bei J. J. Palm und Ernst Enke.~ ~Reise~ in das =Morgenland= in den Jahren 1836 und 1837. Zweiter Band. Erlangen, gedruckt bei C. H. Kunstmann Vorrede. Ich kann mich freilich, bei dem verspäteten Erscheinen des zweiten Bandes dieser Reise in das Morgenland nicht auf das alte Sprichwort berufen: »was lang währt das wird gut,« wohl aber auf die Nachsicht jener Leser, welche es wissen, daß auch die liebste schriftstellerische Arbeit den Werken unsres näheren, erdbürgerlichen Berufes nachstehen müsse. Den dritten (letzten) Band hoffe ich im Verlaufe des eben beginnenden Sommers zu vollenden. Möge derselbe zu einer Sommerfrucht gedeihen, der man die Wärme anmerken könne, durch die sie getrieben und gezeitigt wurde. Denn vor allem dieser dritte Band sollte es dem Leser in dem Heimathlande des pilgerlichen Sehnens: in Palästina, welches der zweite Band nur erst betrat, recht heimathlich werden lassen. Eben jener letzte Band wird auch durch eine kleine Landcharte den ganzen Weg der Reise anschaulicher machen und überdieß mit einem Plan von Jerusalem ausgestattet werden, der zum Verständniß der Beschreibungen des zweiten Bandes fast unentbehrlich ist. Der Inhalt meiner Reiseberichte von Aegypten an bis nach Jerusalem hielt sich öfters an die Hand eines treuen, guten Führers, an ~K. von Raumers Palästina~ (zweite Auflage 1838). Auch der Inhalt der weiteren Berichte über Palästina, im dritten Bande wird dieses thun und hoffentlich auf die Specialcharte desselben Verfassers sich beziehen dürfen, deren öffentliches Erscheinen nicht mehr lange anstehen kann. München am 27sten April 1839. ~Der Verf.~ Inhalt des zweiten Bandes. =I. Der Aufenthalt in Aegypten S. 1-228.= Ueberblick S. 1-2. ~Briefe aus Kairo.~ ~Erster Brief~ S. 3-25. Rückerinnerungen S. 3, 4; Einzug in Kairo S. 5; Unsre Wohnung S. 6, 7; Nächtliches Wachen S. 8; Gesang der Wächter auf den Minares S. 9, 10; ein Langschläfer S. 11; Das Reiten auf Eseln S. 12, 13; Handel und Wandel S. 14, 15; die Kameltreiber S. 16; Arabisches Frühstück S. 16, 17; Geschäftigkeit der Morgenstunden S. 18; Vorsorge für den Magen zur Zeit des Ramadan S. 19-22; Nacht des Rathschlusses S. 23; Kontrast des Türkischen Ramadans mit dem strengen Fasten der Kopten S. 23, 24. ~Zweiter Brief~ S. 25-68. Die Kahirinischen Frauen S. 25-28; Lehre des Islams über die Seele der Frauen S. 29, 30; Bauart der Häußer und ihre innre Ausstattung S. 31-34; Abschiebung der Frauen S. 35; Erziehung der Tochter S. 36, 37; Heirathsverhandlungen und Hochzeitsgebräuche S. 37-42; Loos der Neuvermählten 43; Ehescheidungen 44; Festlichkeiten und Gebräuche bei der Geburt der Kinder 45-47; Fest der Beschneidung 48-50; Kochkunst der Kahirinerinnen S. 51, 52; Gebräuche beim Essen 53, 54; äußerliche Beschäftigungen des Harems S. 55; innerliche, mit allerhand Phantasiegebilden des Aberglaubens 56; Der Glaube an Genien 57-60; Furcht vor dem misgünstigen Auge 61; die Aegyptischen Zauberer 62-66. -- Eltern- und Kinderliebe 67; Begräbniß eines Hündleins 68. ~Dritter Brief~ S. 69-132. Innre Gestalt von Kairo 69, 70; Abschließung der einzelnen Stadtquartiere und nächtliche Wachen 71; Zahl der Einwohner 72; Gewerbfleiß 73. Der Sklavenmarkt 74, 75. Die Kinderschulen und ihre Lehrer 76-78; der kluge Schulmeister 79, 80. -- Briefpost der Hadschis 81. Ausrufsarten der Waaren 82, 83; der Popanz Mustapha Kaschif 83. Silenische Begeisterung 84; das Tollhaus 85; die hiesigen Moscheen 85; Bettler 86; die Asharmoschee und ihre Hochschule 87; die Blinden 88; Zutritt der Fremden zu den Moscheen 89; kirchliche Gebräuche der Mohamedaner 90-94. Beschreibung der Citadelle und die Aussicht die ihre hohe Lage gewährt 94-99; der Josephsbrunnen 100; Audienz bei Mehemed Ali 101-108. Beschreibung des Bairamfestes, seiner Hoffeierlichkeiten und Volksbelustigungen 109-113; Klopffechter und Tänzer 114; Aegyptische Musik 115; Schlangenbeschwörer und Possenreiser 116; Taschenspieler und Zigeuner 117; abgerichtete Thiere 118; Romanzenerzähler 119-123. Besuch der Gräber am Bairamfeste 123, 124. Blick auf die Lehren und Gebräuche des Islams in Beziehung auf den Tod 124; das Sterbebett 125; die Klageweiber und Gebetsprecher 126; Leichenbestattung 127; Todtengericht 128, 129; Bau der Gräber 129; der Todtenlehrer 130; Tänze am Grabe 131. Die Gräberstadt der Großen 131. Schlußbemerkung 132. ~Vierter Brief~ S. 132-172. Nächste Umgegend von Kairo 132, 133. Der Nilstrom 134-136; sein Einfluß auf die klimatische Beschaffenheit des Landes 137; die Zeit des Chamsims und der Pest 138; die Nacht des Tropfens 138; Anschwellen des Stromes und Gebräuche dabei 139-142; Festlichkeiten beim Durchstechen des Dammes 142, 143; der Jahreslauf durch den Nil geregelt 144. -- Die Kopten. Ihre kirchlichen Gebräuche 145, 146; ihre Zahl und innre wie äußere Stellung 147-150. Altkairo. Die Amramoschee 151; Bauernhütten 152; die Insel Ruda 153. Familienbegräbniß des Vizeköniges 154. Der Mokkatamberg 155-158; der Garten zu Schubra 159, 160. Ausflug nach Heliopolis; ein Soldatenlager am Bairamfeste 161, 162; der Weg nach Abusabel und Heliopolis 163, 164. Abusabel und seine Anstalten 165; der Obelisk von Heliopolis 166; Rückblicke auf die alte Geschichte des Ortes 167-170. Matarieh und seine Legende 171, 172. ~Fünfter Brief~ S. 172-208. Der Markt bei Fostat 173; das blühende Nilfeld 174, 175; der liegende Koloß 176; Erinnerungen an den Tempel und Dienst des Phtha 177, und des Apis 178, 179; Rückblicke auf Vergangenes 180. Sakkara und sein freundliches Obdach 181. Pyramiden von Daschur und Sakkara 182; Grabeskammern der alten Aegypter und ihr Inhalt 183-185; das Landvolk der Umgegend 187, 188; vormalige Grausamkeiten der Landrichter 189. Der Abend in Sakkara 190. Das Mumienfeld der Vögel und andrer heiligen Thiere 191, 192; Pyramiden von Abusir 193; der Sphinx des Thotmes 194. Die Pyramide des Saophis oder Cheops 195; Besteigen ihres Gipfels 196, 197; ihres Innren 198, 199; ihre Raumverhältnisse 200, 201; alte Taglöhnerrechnung 202. Pyramide des Cephren 203; des Mykerinus, nebst den kleineren Pyramiden 203, 204. Mumiengräber 205. -- Die Brutöfen in Ghizeh 206; neuere Lotophagen 207. ~Sechster Brief~ S. 208-228. Vorbereitungen zur Weiterreise 208; unsre Reisegesellschaft durch die Wüste 209, 210; Reisegeräthschaft 211. Gleichzeitige Fortbewegung der Hadschis 212. Geistige Diebereien und Selbsttäuschungen 213, 214. Pilgertrieb nach Mekka hin 215, 216; Prozession des Machmils 217; Beschreibung des Auszugs der Pilgrime 218-221; Gefühl des Zuschauers 222. Dankbarer Rückblick auf die Freunde in Kairo 223. Gobat und seine Gemahlin 223, 224; Dr. Pruner 225; Mrs. Holyday 226; Clot Bey 227; Laurin 228. =II. Die Reise durch die Wüste S. 229-364.= ~Reise über Bessatin, Suez und Tor nach dem Sinai~ S. 229-355. Abschied von Kairo 229, 230; Nachtlager bei Bessatin 231; der erste Ritt auf dem Kamel 233; beschwerlicher Anfang 234; Eintritt in die Wüste 235; Beschreibung der Gegend 236; erstes Nachtlager in der Einöde 237, 238. Allgemeine Schilderung einer Wüstenreise 239-242. Geschichtliche Erinnerungen 243, 244. Beschreibung der zweiten Tagreise 245, 246. Ein Verirren in der Wüste; sorgenvolle Nacht in Ghendely 247-250; vergebliches Suchen nach dem Verirrten 250, 251. Beschreibung der dritten Tagreise 252; Nachtlager am Oweibe 253; getäuschte Hoffnung 254; endliches Wiederfinden des Verlorenen 255; kurze Beschreibung seiner Irrfahrt 256. Anblick des Attakaberges 257, 258; des rothen Meeres 259; Bir Suez 260; Lage der Stadt Suez 261; Nachtlager am reichen Meeresstrand 262, 263. Ein Tag in Suez 264-266; die Welttheilnachbarn 267; Ueberfahrt über die Meerenge 268; Wiederbegrüßen von Asien 269. Der Sonntagmorgen an den Brunnen Mosis 270-272. Die Wüste Sur 273; Marahs bittrer Quell 274, 275; Dschebel Pharaun 276; Elim 277; das Taibethal 278; Nachtlager an seiner Mündung 279. Eine Gebirgsansicht 280; Mündung des Wadi Nasseb, Höhenzüge des Wadi Mokkateb 281; Nachtlager am Meere 282; Hinüberblick nach der Aegyptischen Küste 283; die Trümmer gescheiterter Schiffe 284; die Freuden des Sammlers 285; Nachtlager in der Ebene Kaa 286, 287; Hammam Musa 288; Ankunft in Tor 289. Beschreibung des Oertleins 290; der geplagte Garteninspector 291; die Umgegend von Tor und ihre Naturerzeugnisse 292-294; die Einsiedlerhöhlen am Heman 295; das Mosesbad 296; naturgeschichtliche Acquisitionen 297, 298; beschwerliches Nachtlager 299. Weiterreise nach dem Fuß des Serbalgebirges 300; Nachtlager daselbst 301; Reise durch das Engthal Hebran 302; Gebirgspaß 303; Nachtlager im Thale Slaf 304. Das Garbathal 305; Anblick des nahen Horeb 306. ~Aufenthalt am Sinai~ S. 307-355. Ankunft im Garten und Gebäude des Katharinenklosters 307, 308. Die Moseskapelle 309; die Klosterveste 309, 310. Der Ruhetag 311. Hinansteigen zum Horeb und Sinai; die Sangariusquelle 312; Horebgipfel und Eliasgrotte 313, 314; die Mosiskluft 315; der Sinaigipfel und seine Aussicht 316-322. Sage von Mohameds Aufenthalt am Sinai 323. Viele Christenkirchen unter einem Dach und selbst noch eine Moschee dabei 324, 325; die Hauptkirche »der Verklärung« 325; die Begräbnißstätte und das Beinhaus der Mönche 326, 327. Frühere und jetzige Zahl der Christen auf der Halbinsel 328, 329. Die Lebensweise der Mönche 330; ihre Geschäftigkeit 331; Reinlichkeit im Kloster 332; Spaziergang im Klosterthale 333. Wanderung nach dem Kloster Erbain. Das Bostan- oder Gartenthal 334, 335; das Ledschathal 336; der Moses-Sitz und Moses-Felsen 337; der Garten und das Kloster Erbain 338; der Garten im Gartenthal 339. Der Sonntagmorgen und das Gespräch im Garten des Sinai 340-345. -- Ein Schauspiel der Wüste 346; das Sinaitische Manna 347-349. Ankunft der Kamele für die Weiterreise 350. Bemerkungen über das Klima 351, wie über die Pflanzen 352, 353, und Thierwelt des Sinai 354. Abschied vom Kloster und seinen Bewohnern 355. ~Die Reise vom Sinai nach dem Berge Hor~ S. 355 bis 486. Das Scheikhthal 356; Abu Szucir 356; Abschiedsblick auf den Sinai 358; Wadi Sal 359; der Saum der Wüste Tyh 360; Zugvögelwolken 361; das Thal Hadhra 362; Wadi Samghi 363, 364. Das Bosseyrathal 365. Anblick des Ailanitischen Meerbusens 366; Nuäbe 367, 368; Nachtlager vor dem Abu Burka 369. Magaiat 370, 371; Dschebel Scherafe und Lagerplatz jenseit demselben 372-375; Sturmesgewalt 376. -- Jezirat Pharaun und Ezeongaber 377-379. Ankunft in Akaba 379; der schmutzige Hofraum 380; Lager und nächtliches Wachen im Palmenwald am Meere 381; unerwartete Hemmung 382; Wanderung nach Kassr el Bedawy 382, 383; ein Bild des Landes und seiner Geschichten 384, 385. Beduinen der Umgegend 386; Uebungen in den Waffen und in der Geduld 387; das Kastell von Akaba 388; seine Ein- und Umwohner 389. Morgenstunde im Palmenwald 390, 391. Lästige Unterhandlungen wegen der Weiterreise 391, 392. Aufsicht nach dem Tyhgebirge 393. Sorgen und Tröstungen 394, 395. Abreise von Akaba 396; neue Beduinen-Bekanntschaften 397; Reise durch das Thal der Araba 398, 399; Besuch im Beduinendorfe der Araba, bei den Zelten des Scheikh Salem 400. Festlichkeiten des Korban Bairam 401-403; Erinnerungen an den Zug der Israëliten durch diese Gegenden 404, 405. Die nächste Umgegend und das Dorf 406; gesellige Unterhaltungen 407. Weiterreise; ein Orkan in der Wüste 408-410. Der Palmensonntag in der Wüste 411; blinder Lärmen 412; Anblick des Hor 413; Lagerplatz an der Mündung des Wadi Musa 414; Arabischer Gewitterregen 415; Wandrung durch Wadi Musa 416-418. Der Gipfel des Hor 419, 420. Besuch bei Aarons Grabe 421-423; Aussicht vom Hor 424. Hinabweg nach Petra und erster Eindruck desselben 425-428; Beschreibung dieser Gräber- und Felsenstadt 429-432. Das Obdach der Grabeshöhlen 433; Erquickung am frischen Wasser 434; eiliger Aufbruch 435; Mondscheinscene 436. ~Reise durch das Ghor nach Palästina~ S. 436-445. Früher Ausmarsch 436; Erwartung eines feindlichen Angriffes 437, 438; Streitigkeiten in der Karawane 439. Das alte Jordansbette? 440, 441; der Brunnen Wuäbe 441; der prophetische Stein 442; das Wüstenthal Birsaba 443; die Gegend des alten Kades 444; Nachtlager am Madara 445. =III. Die ersten zwölf Tage in Palästina S. 446-591.= ~Reise durch die Wüste von Süd-Judäa nach Hebron~ 446-462. Der grüne Donnerstags-Morgen 446; beschwerlicher Gebirgsweg 447; der Madaragipfel 448; Kalla el Kurnup 449. Der erste Abend im gelobten Lande 450, 451. Der stille Freitag 452; Bir Milh oder Meleth 452; vermuthliche Stätte von Malatha 454; Dschebel Chalil 455; Naturerzeugnisse 456; Ruinen von Araad 457; Nachtlager bei Samua 458, 459; Thäler von vaterländischer Form 460; Anblick von Hebron 461. ~Hebron~ S. 462-484. Alter der Stadt 462, 463; gastliche Aufnahme bei den deutschen Israëliten 464, 465. Der Ostervorabend 466, 467; Ostermorgen 468, 469; Blick auf die vormalige St. Abrahamskirche 470-473; Türkische Sagen 474; Glasfabriken 475, 476. Abners Grab 477; Pistaziengarten 478; Abrahams Brunnen und Jesses Grab 479, 480. Der zweite Ostertag auf Hebrons Bergen 481-484. Die letzte Nacht vor Jerusalem 484; der Morgen der Abreise 485. ~Reise von Hebron nach Jerusalem~ S. 486-499. Abrahams sogenanntes Haus bei Mamre 486; Nathans Grab 487; die Stätte von Bethsur 488; Weiterreise zu Fuße 489; Salomons Gärten 490; Aussicht auf das Feld der Hirten 491. Der erste Besuch in Bethlehem und seiner heiligen Grotte 491-494; beflügelte Schritte 495; Fernanblick von Jerusalem 496; das Ziel der Reise 497; Eingehen in das Thor von Jerusalem; freundlicher Empfang im Lateinischen Kloster 498; Einzug in das neue Pilgerhaus oder die +Casa nuova+ 499. ~Die erste Woche in Jerusalem~ S. 499-591. Der erste Morgen auf dem Dache des Pilgerhaußes 499, 500; das Geräusch der Gassen 501, 502; Vorplatz vor der h. Grabeskirche 502; historische Bemerkungen über die Oertlichkeit des heiligen Grabes und Golgathas 503-507; der erste Besuch und die Prozession in der h. Grabeskirche 508-512. Ein Jubelchor der christlich-festlichen Erinnerungen in Jerusalem 512-514. Der Schmerzensweg (die +via dolorosa+) 514-516. Anna's Haus und der Teich Bethesda 516, 517. Gethsemane 517-518; die Höhen des Oelberges mit der Auffahrtskirche 519, 521. Geistige und leibliche Aussicht vom Oelberg 521, 522. Pilgerliche Erinnerungszeichen 523; das Thal Josaphat mit seinen Grabmählern und prophetischen Andeutungen 523-525; erster Vorübergang an der Südseite der Stadt 526; Besuch im Griechischen Kloster 527; die Aussicht vom Schutthügel bei Anna's Hauße 528. Ein Grab der Gräber 529; der Geruch zum Leben und zum Tode 530. Betrachtung des äußren Umfanges der Stadt 531 u. f. Das Pisanerkastell oder der Thurm Hippikus 532; die jetzigen Mauern von Jerusalem 533, 534; der Lauf der alten vormaligen Mauern im Norden um die Vorstadt Bezetha 535. Rückblick auf die Belagerung und Eroberung der Stadt durch die Kreuzfahrer 536-539; Gründe der Vergänglichkeit des christlichen Herrscherreiches 540, 541; Ostseite der Stadt 541-544; Südseite des Stadtumfanges; Tyropöonthal 545; Stätte von Herodes Pallast 546; Westseite des Stadtumfanges 547; Genauere Beschreibung des Innren der h. Grabeskirche 548-552; die Hüter des Grabes und der andere heiligen Stätten 553. Bemerkungen über die Israëliten in Jerusalem 554-556; Alt- und neugläubiges Judenthum 557, 558. Besuch im Armenischen Kloster 559-561; das Coenaculum 562-564; die Grotte des Petrus 565. Der Sonnabend Abend am Oelberge 565-567. Der Sonntagsmorgen in Jerusalem und Bethanien 565-572; Siloah und sein Quell 573; die unterirdischen Wasserbehältnisse von Jerusalem 574-576. Der Sonntagsabend im Thal Ben Hinnoms 577. Ausflug nach der nördlichen Umgegend von Jerusalem 577; die Stätte von Bezetha und dem Thurm Psephinus 578; Besuch und Beschreibung der Königsgräber 579, 580; Gräber des Sanhedriums 580; die Stätte von Gibea Saul; Bozez und Senne? 581-583. Mislungener Versuch auf den Vorhof der Omarmoschee vorzudringen 583, 584. Petri Gefängniß 584; Kloster der Kopten, das Johanniterhospital, Armenhaus der Lateiner 585; Pilgerherberge, Hospital und Armenküche der Kaiserin Helena 585, 586; die Magdalenenkapelle, St. Johanneskirche, Grotte des Jeremias 587; alte Steinbrüche; Ort der Begegnung Alexanders des Großen mit dem Hohenpriester Jaddus 588. Erzählungen vom letzten Aufstand gegen Ibrahim Pascha 589. Gedanken, am Schlusse der ersten Woche in Jerusalem 589-591. I. Der Aufenthalt in Aegypten. Das was der Beschreiber dieser Reise von Aegypten sahe und genauer kennen lernte, das war nur ein einzelner Abschnitt des Nilthales; dem Rauminhalte nach ein geringer, der Kraft und Bedeutung nach aber von hohem Werthe. Denn jener Landstrich, welchen die Höhen des Mokkatam beherrschen, umfasset von dem alten Aegypten nicht nur ein Altes, sondern das Aelteste; von dem neuen nicht nur ein Neues, sondern das Neueste. Die mächtigen Pyramiden bei Ghizeh geben uns eine Kunde, von welcher die Kunde der ältesten bis zu uns gelangten Geschichte des Landes und seiner Bewohner nur eine Urenkelin ist; eine Urenkelin, die den Nachhall von den Thaten der Ahnen nur noch aus weiter Ferne, wie eine Stimme der Gräber vernahm. Die hehren Werke der Kunst, bei dem einst hochgebietenden Theben sind der tiefste, mächtigste Umfang eines Stammes, welcher den Wuchs seiner Aeste und Zweige vormals über Griechenland und Rom ausdehnte und noch jetzt über die Länder von Europa fortsetzet; dagegen raget das vielleicht um ein halbes Hundert der Menschenalter frühere Werk der Pyramiden einsam und ohne Erben seiner Kraft, wie aus einer Zeit der Titanen herüber, auf deren hochfahrende Rede nur der Donner des Sinai antwortet, welcher sich am Hor und Nebo zu einem Ruf der Wächter, mächtig wie das Brausen der Sturmwinde gestaltet, bei Zions Burg aber und über der Höhe des Morijah in einen Ton der Posaune, über Bethlehems Felde und auf Nazareths Auen in den lieblichen Klang der Asore wie der Flöte verwandelt. Der Pilgrim, welcher den Weg der alten Thaten Gottes über die Länder eines geistigen Aufganges verfolgen will, der weile zuerst, ehe er auf die Stimme der Donner vom Sinai aufhorchet, am Fuße der Pyramiden; nachsinnend über das Räthsel, das hier der Sphinx ihm aufgiebt; jener, dessen Auge geöffnet ist für den Weg der neuen Thaten, zu denen die Geschichte des Ostens so eben sich rüstet, der weile betrachtend an dem Felde der Lebenskeime, welches sich hier in Cairo über die Haufen des alten Schuttes hinbreitet; er merke auf das Rauschen der Todtengebeine, welches sich mitten in dem jetztlebenden Volke der Hauptstadt des Morgenlandes vernehmen lasset. Der Beschreiber dieser Reise, deren eigentlicher Anfang bei Kairo erst beginnt, möchte seine Leser gerne zu beiden Betrachtungen: zu jener des noch fortwährend durch sichtbare Werke uns redenden ältesten und zu der des neuesten Aegyptens mit sich nehmen. Denn wie Kairo ein Sammelplatz der Pilgrime die nach Mekka ziehen, so sollen uns jene Betrachtungen ein Sammelpunkt der Gedanken werden, welche den Fußtapfen der größesten Geschichten nachgehen wollen die der Geist des Menschen kennt. Ich knüpfe den Faden der Berichte an das Nächste an und führe meine Mitwanderer zuerst in das Volksgedränge der großen Hauptstadt ein, indem ich hierbei zum Theil einige Briefe aus Kairo in der Sprache der unmittelbaren Anschauung reden lasse. Briefe aus Kairo. Erster Brief. =Anfang des Taglaufes.= Kairo am 21. Januar 1837. Mein langer Brief an Dich aus Symi und Alexandria, meine liebe, einzige Schwester, schwimmt vielleicht mit dem Oesterreichischen Schiffe, das ihn zur Besorgung übernahm noch auf dem Adriatischen Meere herum, und doch kann ich dem Drange nicht widerstehen schon jetzt wieder einen Brief an Dich anzufangen. Mehr als seit langer Zeit habe ich hier im Geiste mit dir gelebt; Dein Andenken hat mich begleitet auf meinen Wanderungen durch die Herrscherstadt der alten Kalifen und durch die noch immer fortbestehenden Erinnerungszeichen an die Sagenwelt und Heldenzeit des Reiches der Fatimiden und Eyubiten. Und wie hätte dies anders seyn können, Du liebe Schwester! Warst Du es doch, die mich zuerst in das helle Mondscheinlicht jener tausend und einen Nächte einführte, wo über dem Thau der Arabischen Gewürzgärten, welcher gleich Demanten funkelt, ein Reich der Genien hinschwebt, das in die Geschichte und Thaten der Menschen allenthalben seine Wunderkräfte einmischet; in jenes Mondscheinlicht der morgenländischen Dichtungen, das mit den Träumen und Vorstellungen der Kindheit in so lieblichem Einklange stehet. Du wirst Dich noch erinnern, wie ich, als kleiner Knabe, im unvergeßlichen Elternhause öfters kaum die Stunde der Abenddämmerung erwarten konnte, in welcher Du, meine nur um sieben Jahre ältere aber schon mehr als siebenmal klügere Schwester mich hinwegruftest vom Spiele, um mir, wie Du mirs öfters schon am Morgen versprechen mußtest, etwas zu erzählen. Das was Du, Du älteste Lehrerin meiner Kindheit, damals in meine Seele einpflanztest, das war freilich zunächst und vor allem jener Grundton des elterlichen Hauses, der wie ein Lied, welches von ewigem Frieden singt, mich auf allen meinen Wanderungen durch die bunte Welt des Wissens und der Erfahrungen begleitet hat und auch wohl bis ans Grab begleiten wird, aber Du verstundest es gar gut das geistig Nährende und Starke mit jenem Lieblichen zu vermischen, das meinen leichtzerstreuten Sinn, wie der Honig die Biene, zum besseren Aufmerken herbeilockte; Mährchen, wie späterhin Grimm und Hebel sie erzählten, ergötzten mich oft. Unter allen aber, was Du mir als Nachtisch vorsetztest waren mir orientalische Reisegeschichten so wie die Dichtungen im Geiste von tausend und einer Nacht das Anziehendste und Liebste. Ich konnte nicht satt werden diese zu hören, und wenn es meinem kindischen Verlangen nach gegangen wäre, ich hätte zu der Geschichte der einen Nacht auch sogleich die der andren tausend vernehmen mögen. Ich weiß nicht mehr welche Deiner Erzählungen oder Reisegeschichten mich damals so lebendig nach Aegypten, zu Saladins Burg und zu Kairos zinnenreichen Mauern führte, der Eindruck muß aber ein sehr fester gewesen seyn, denn bei dem ersten Anblick der hohen Granitsäulen von Saladins Königshallen, bei dem Hinabschauen auf die (sogenannte) Gräberstadt der Kalifen, waren es nicht die Züge der Geschichte aus den Büchern die ich als Jüngling und als Mann gelesen, sondern jene, die Dein lebendiges Wort durch kindliche Erzählungen meiner Seele einprägte, welche mir das Gesehene in einem so all und wohlbekanntem Lichte erscheinen ließen als hätte ich schon als Kind hier unter den hohen Granitsäulen gespielt und bei den hohen Domgebäuden der Mameluckenkönige mich ergangen. Es ist nun Zeit, daß ich auch Dir für Deine Gaben etwas wiedergebe, und daß ich vor allem ~Dir~ etwas erzähle aus der mir nun ganz nahe gerückten Welt die Du mir einst in dem magischen Spiegel Deiner Mährlein und Geschichten mit so zauberischem Glanze zeigtest. Es wird am besten seyn, wenn ich Dich zuerst mit mir hineinführe in den schönen Ruhesitz, den ich hier im Fremdlingslande gefunden habe und dann Dich mit mir nehme auf ein und die andere der Tagwanderungen durch die große, neue wie alte Herrscherstadt des reichen Aegyptens. Da wir, vor etlichen Wochen, hereinzogen zum Thore von El Esbekieh, vorüber an dem nun vereinsamten Pallast des verstorbenen Defterdars, durch die Alleen der Sykomoren, welche den jetzt trocken liegenden Teich von El Esbekieh beschatten; da wir hineintraten durch das kleine Pförtlein, in die engen, dunklen Gäßchen des Koptenquartieres, in welchem unsere künftige Wohnung seyn sollte, da hätte ich kaum gedacht, daß es mir hier so überaus wohl und heimathlich zu Muthe werden könnte, als mir es gleich von dem ersten Tage an geworden ist. Aber wem möchte es auch nicht wohl werden in einem Hause, das mit den meisten Bequemlichkeiten des heimathlichen Europa's die Vorzüge eines Aegyptischen Obdaches vereint, und vor dessen Thüre uns schon die Liebe und Gastfreundschaft seines Bewohners, unsers theuren Landsmannes ~Lieder~ empfieng, der uns bei seinem Herde das Vaterland, mit all seinen geistigen und leiblichen Erquickungen finden ließ. Das Haus, welches wir hier bewohnen, hat ein Engländer erbauen lassen, und noch jetzt gehört es den Engländern, welche in ihm eine wohleingerichtete Knabenschule und ein Schullehrerseminar unterhalten. Mir und meiner lieben Hausfrau hat die Güte der Freunde das schönste, größeste Zimmer, in einem Flügel des Gebäudes eingeräumt, der an den geräumigen Hof und Garten angränzt; wenn wir zu unsern Fenstern, die an Höhe, weil sie nahe vom Boden bis zur Decke hinanreichen, manchen deutschen Kirchenfenstern gleichen, hinausschauen, da sehen wir vor uns einige hohe, schlanke Dattelpalmen, unter uns den Garten, in welchem blühende Mimosenbäume und eine Fülle der Blumen und Rankengewächse ihren Duft verbreiten und eine Schaar von Lachtäublein ihre Stimme vernehmen lässet, welche hier mitten in der Zeit unsers Winters, schon von den Freuden und Herrlichkeiten des Frühlings redet. Aber ich führe Dich lieber zuerst zu dem schönsten Theile unserer Wohnung; durch den großen Vorsaal hindurch und hinan zu dem platten Dache des Hauses, auf welchem ich gar manche liebe Stunde zugebracht habe. Die Aussicht, die man da genießt, ist an eigenthümlicher Kraft des Eindruckes schwerlich wohl mit irgend einer andern auf Erden zu vergleichen; dort, fast im Westen, sieht man die alten Denksteine einer übermächtigen Vorwelt, die großen Pyramiden von Ghizeh; sie stehen am Saume der gelblichgrauen Wüste, deren Ende das Auge nicht abreichet; nahe bei ihren Füßen breitet sich aber gegen Süden und noch mehr gegen Norden das gesegnete Nilthal aus, mit seinen grünenden Auen und reichen Palmenwäldern; gegen Osten pranget am Rande des Mokkatamberges die Burg des Saladin -- die Herrscherveste der Stadt und zu ihren Füßen liegt die große Stadt mit ihren dem Auge des Fremdlinges unzählbar erscheinenden Thürmen und Mauerzinnen. Am Morgen, und in der späteren Nachmittagszeit habe ich hier auf diesem Dache öfters im Strahle der Sonne gestanden und gesessen, der mir dann nur lieblich wärmend, wie bei uns im Frühling erschien; in den mittleren Stunden des Tages aber war selbst im Januar die Hitze so groß, daß ich mein Schreibtischlein sammt dem Stuhle in den Schatten eines Dachansatzes stellte, dessen Einrichtung und Bestimmung für uns Nordländer freilich etwas Neues und Ungewohntes sind. Ich meine den Molkof oder Windfang, dessen weite Oeffnung so gestellt ist, daß sich die Nord- und Nordwestwinde, die hier zu Lande eine öftere Erquickung der heißesten Monate sind, unter seiner schräge aufstehenden Bretterdecke fangen und ihren kühlenden Hauch hinab in alle Theile des Hauses ergießen müssen. Einer Frau, wie Dir, ist es erlaubt von unsrem hohen Dache hinabzublicken auf die niedrigeren Dächer, sonderbaren Vorbaue und Höfe der Nachbarhäuser und die Beschäftigungen der Frauen zu betrachten; ich als Mann habe mich hierinnen den Sitten des Landes bequemt und mein Auge lieber an der Aussicht in die reiche Ferne, als an dem Beschauen der armseligen Nähe geweidet. Ich muß Dich aber doch, damit Du recht einheimisch bei uns wirst, wieder von der hehren Aussicht des Daches hinunterführen in die beengtere unsers Zimmers und Dich von dort aus mit mir nehmen in unser tägliches Treiben und Herumwandern. Ich fange dabei, recht hübsch breit, mit dem Bericht sogar über unsere hiesigen Morgenstunden -- die köstlichsten des Tages -- an. Ich weiß nicht woher es kommt, daß ich hier in Kairo, auf unserm so bequemen und zur Ruhe einladenden Lager immer so frühe aufwache. Und doch kann ich nicht sagen, daß mir dieses Wachsein in der stillen ägyptischen Finsterniß lästig wäre. Es giebt so Vieles zu besinnen, von Gestern herüber auf das Heute; die Gedanken haben so manche Wege zu machen in die Höhe und Tiefe, in die liebe Ferne und in die bedeutungsvolle Nähe, daß mir die Zeit keinesweges lang wird. Dazu hat, wenn auch das Auge nichts sieht, in der dunklen Nacht das Ohr eine Unterhaltung und Belustigung, an welcher ich mich fast täglich von neuem freue. Noch lange vorher ehe der Morgenwind in den Zweigen der nahe an unserm Fenster stehenden Palme rauscht, höre ich den wohltönenden Gesang der Mueddins auf den Madnehs oder Minares der Moscheen. Mich dünkt ich habe diese Leute nirgends auf unsrer Reise so schön singen hören als hier in Kairo. Wenn man, etwa am Tage, nahe bei einem solchen Madneh stehend den Gesang vernimmt, dann erscheinen die vollen, kräftigen Töne der Kinder der Wüste unserm Ohre fast zu laut; so aber, aus einiger Ferne erklingen sie überaus lieblich. Durch einen Sprach- und landeskundigen Mann wurde auch mir der Inhalt der nächtlichen Gesänge jener »Wächter auf der Zinne« in einer Uebersetzung mitgetheilt und ich gebe Dir hier einige Stellen dieser Uebersetzung, welche Dir zeigen werden, daß der Geist des Sehnens nach Gott auch den Kindern Ismaëls Worte der Andacht in den Mund legte, die das Herz des Christen gern nachsprechen mag. Auf den Madnehs der größeren Sultansmoscheen läßt der Gebetausrufer auch in der Nacht, noch vor dem Rufe zum Morgengebet, zweimal seine Stimme vernehmen, zum Troste derer, welche wach sind auf ihrem Lager. Das erste seiner Lieder, das er bald nach Mitternacht singt, heißt ~Ula~. Es beginnt mit den Eingangsworten des gewöhnlichen Morgenrufes aller Minares: Gebet ist besser denn schlafen. Dann, nach dem allgemeinen Glaubensbekenntniß des Islams wiederholt der Mueddin noch dreimal den Ruf: es ist kein Gott außer Gott, und singt weiter: »Er hat Keinen der Ihm gleich wäre; Ihm gebührt die Herrschaft, Ihm gebühret Preis. Er giebt das Leben und sendet den Tod; Er aber lebet und stirbet nie. In Seiner Hand ist Fülle des Segens, denn er ist allmächtig. -- Es ist kein Gott außer Gott und wir wollen Keinen anbeten außer Ihn, dienend Ihm in aufrichtiger Gottesfurcht.« -- -- »O Herr« (+Ja Rubb+, diese Worte werden dreimal mit sehr lauter Stimme gesungen) »deine Güte hat kein Ende; du bist voll Erbarmen gegen den Abtrünnigen und beschützest ihn; du bedeckest das Niedrige -- -- lässest deine Milde walten auch über den Knecht und befreiest ihn aus den Banden seiner Knechtschaft, o du Gütiger. O Herr« (dies wieder dreimal), meiner Sünden, wenn ich ihrer gedenke, sind viele, aber die Gnade meines Gottes ist noch mehr. Ich denke nicht an das Gute das ich gethan, sondern am meisten an die Gnade Gottes. Erhaben sey der Ewige; Er hat in Seinem weiten Reiche Keinen der Ihm gleich ist[1]. Auch in dem andren Nachtrufe, welcher »Ebed« (der Ewige) heißt, kommen einige gar schöne Stellen vor. Er beginnt mit dem dreimaligen Absingen der Worte: Ich bezeuge den unbegrenzten Ruhm Gottes, des Ewigen, des Einen, Ewigen. -- -- Er ist Gott, welcher weiß was vorhin war, weil er zum Seyn rief Alles das gewesen; Er aber ist Derselbe der Er war. -- -- Ich verkünde den unbegränzten Ruhm Dessen, der alle Geschöpfe schuf, sie zählte und ihnen ihren Unterhalt bestimmte; der die Schicksale seiner Knechte ordnete; der durch seine Macht und Größe es verschaffte daß reines Wasser floß vom Stein des Felsen. Er sprach mit Moses auf dem Gebirge, das aus Furcht vor Ihm zu Dampf und Staube ward; gepriesen sey der Name des Einigen, Alleinigen. -- -- Nach diesem zweiten, ziemlich langen Gesange, den ich öfters in der Stille der Nacht hörte, folgt wieder eine Pause von länger als einer Stunde, dann hebt, bei Tagesanbruch von den Minare's aller, auch der kleineren Moscheen, der eigentliche Frühgesang (Subh) an, welcher nach dem Eingang: »Beten ist besser als Schlafen« die Größe und Einheit Gottes bezeuget und zuletzt, als Adan oder Gebetsruf die Gläubigen ermahnt zu beten und einzukehren in der Sicherheit (Wohnung des Friedens). Erst einige Zeit nachdem der Adan verklungen, erhebe ich mich von meinem Lager, denn ein frühes Aufstehen würde zwar mir, nicht aber unserm Ibrahim gefallen. Dieser, unser arabischer Knecht, der uns von Alexandria hieher begleitete, vertritt zugleich mit dem gesammten Hof- und Hausdienst die Stelle eines Tabakh oder Koches. Aber der sonst so vortreffliche Mann, ist gegen die Sitte der gemeinen Araber, von denen man sagt, daß sie gerne früh aufstünden, ein Langschläfer, dergleichen ich noch Keinen zur Bedienung gehabt habe. So lange wir auf dem Schiffe waren hielt ich ihn leicht in Ordnung, da schlief er neben dem Reis oder Bootskapitän vor der Thür unsrer Kajüte, ich rief dann in meinem notdürftigen Arabisch hinaus »Saheh Ibrahim« (aufwachen, Ibrahim) und wenn das nicht half, zog ich ihn ein wenig beim Arm, bis er sich erhub. Hier aber sobald er des Abends sein Essen hat, sagt er als gute Nacht seine »el wakt rah« es ist spät, und begiebt sich zur Ruhe, ich weiß selbst nicht in welchem Winkel des vorderen, jenseit des Hofes gelegenen Hauses. Wenn ich dann am Morgen Wasser haben oder in der Küche nach dem Frühstück mich umschauen will, da ist kein Ibrahim zu sehen und zu hören, obgleich man ihm, am Abend, besonders dann, wenn für den nächsten Tag eine Wanderung in die Umgegend der Stadt beschlossen ist, mehrmalen die Worte, »gum gawam« (aufstehen balde) zugerufen hat. Wenn ich mich dann lange mit dem Anzünden der Kohlen, im irdenen Monckod oder Kochöfchen vergeblich geplagt habe, da kömmt er, eingehüllt in sein wollenes Tuch geschlichen und sagt statt jeder Entschuldigung bloß »bard, bard« (kalt, kalt). Bei solcher Gelegenheit ist mir schon einige Male der Faden der Gedult gerissen und da mein weniges Arabisch nicht ausreicht um ihn mit Worten zurecht zu weisen, habe ich ihm, an seinen Schultern rüttelnd, mit den Händen den Text gelesen; ein Text, zu welchem ich gewöhnlich bald nachher, statt eines Commentars das Geschenk eines halben oder ganzen Piasters (nach unserm Gelde ein oder zwei Groschen) fügte, so daß der Pursch mit der Erklärung immer wohl zufrieden war, ohne sich übrigens den Text sonderlich zu Herzen zu nehmen. Die Morgen sind jetzt im Januar, auch in Kairo kühl, wir haben mehrere Male bei Sonnenaufgang nur 5 Grad R. einmal sogar nur einen Grad Wärme gehabt; sobald aber die Sonne zu den hohen Fenstern hereinblickt, wird es so lieblich warm, wie bei uns an einem schönen Maienmorgen. Wenn ich, wie öfters, am Morgen durch die schattigen Gassen gehe oder reite, könnte ich wohl den Mantel vertragen, sobald ich aber zum Pförtlein hinaustrete auf den freien sonnigen Platz von El Esbekieh, wird mir es selbst in Sommerkleidern warm und in den Mittagsstunden suche ich so sorgsam den Schatten auf, wie bei uns in den heißen Junitagen. Ich sprach vorhin vom zu Fuße gehen. Das thue ich wohl auch aus alter Neigung, übrigens aber muß ich Dir gestehen, daß Dein hochmütiger Bruder hier in Kairo schon mehr geritten ist und mehr reitet, als beinahe früher in seinem ganzen Leben. Die Eselein aber auf denen hier der Mittelstand, zu welchem ich gehöre, und selbst ein Theil der vornehmen und eleganten Welt reitet, sind auch gar zu anziehend; schön aufgeschirrt, mit bequemem Sattel, so stark dabei und so schnell, daß man kaum meinen sollte, daß sie zu derselben Art der Thiere gehören, die man bei uns Esel nennt. Fast an allen Straßenecken stehen welche bereit und bei ihnen ein Seis oder Eseltreiber, der einem beim Auf- und Absteigen behülflich ist und zugleich das Durchkommen durch das Menschengedränge der volkreichen Straßen erleichtert. Denn wenn man mitten in diesem Gedränge steckt, so daß man weder vor noch rückwärts einen Ausweg sieht, da läuft der bewundernswürdige Seis bald neben bald vor seinem Homar oder Esel her und schreit »Jeminak« -- »Schimilak« (weiche zur Rechten, zur Linken), oder, wenn das Thier einem und dem andern aus dem Volke in gar zu trauliche Nähe kommt »dahrak« (dein Rücken), »riglak« (deine Ferse), »gembak« (deine Seite). Dabei redet der feine Seis jeden vornehmen Türken oder Franken, den er zum Ausweichen bewegen möchte, noch mit den liebkosenden Worten »Ja Effendi« (o Herr), junge Frauenzimmer mit »Ja Arusch« (o Braut) und selbst alte Bettelweiber mit »Ja Bint« (o Tochter) an, und man erregt auf diese Weise, wenn man ein einziges Mal in der gedrangvolleren Zeit des Tages durch eine der Hauptstraßen von Cairo reitet, mehr Lärmen und Spektakel als man wohl sonst, sein lebenlang anzurichten gesonnen war. Ich kann Dir indeß nicht helfen, ich muß Dich, Du stille und verborgene Seele einmal mit hineinnehmen zu all dem Getümmel der ägyptischen Hauptstadt und ich wollte ich könnte dieß in meiner Beschreibung so lebendig thun, daß Dir es vorkäme, als wärst Du leiblich und wirklich auf unsern Wanderungen mitgewesen. In den meisten Fällen gehe ich, wenn ich keinen weiteren Ausflug vor mir habe, von unsrer Wohnung aus bis zur Musky oder Frankenstraße zu Fuße und nehme, je nachdem ichs bedarf, erst dort einen Reitesel, weil man da die besten findet. Mein Weg zieht sich dann entweder innerhalb des Stadtviertels der Kopten nach der Wohnung und durch den Garten des mir freundlich gewogenen französischen Leibarztes des Mehemed Ali, des Clot Bey hin, oder ich gehe am Rande des Freiplatzes von Esbekieh und dann an dem wohleingerichteten englischen Gasthaus vorbei nach dem schon frühe geöffneten Kaufladen eines gar wackren Landsmannes, des Herrn Baumgärtner, bei dem sich fast alle Deutsche, hiesige so wie bloß durchreisende, tagtäglich zusammenfinden. Hier ist mein Geschäftsbüreau; denn hier stehe ich oft in der Zeit des Vormittages stundenlang und lauere den Landleuten oder Fellahs auf, welche mitunter Sachen, besonders Thiere zur Stadt verkäuflich bringen, die für unsre Münchner Sammlung von großem Werthe sind und die man da zu Lande um unglaublich geringen Preis bekommt. Kannst Du doch hier in Kairo bei den armen Fellahs eine Sprache der großmüthigen Freigebigkeit finden, die man auch bei unsren reichsten Kaufleuten vergebens suchen würde. Denn wenn Bauern oder Bäuerinnen (Fellahahs) bei Herrn Baumgärtners Laden vorbeikommen, mit Nilschildkröten oder Nilenten in der Hand und man ruft sie heran und fragt »bekam dih« (wie viel kostet das) da antworten sie nicht selten ich schenke dir es, womit sie eigentlich nur sagen wollen es ist spottwohlfeil. Fragt man aber darauf, den eigentlichen Sinn ihrer Rede verstehend, noch einmal um des Preis, dann verlangen sie bei allen Dingen die keinen polizeilich festgesetzten Werth haben so viel, daß mein guter Landsmann Baumgärtner, der meinen Unterhändler macht, gewöhnlich ihnen die Hälfte, oder noch weniger bietet, worauf der Fellah ein Geschrei des Unwillens erhebt und eine rasche Bewegung des Vorwärtsgehens macht, die aber eben so rasch in eine Bewegung des Rückgehens umschlägt, weil in der Regel der Handel gar bald abgeschlossen ist, indem der Eine noch etwas zulegt (»seine Hand weiter aufthut«), der Andere noch ein wenig nachläßt. Unter den Sachen, welche meine Handelsleute vom Nilufer und aus der nachbarlichen Wüste, von denen Manche mich schon gut kennen, auf meine Fragen, was sie heute haben, nennen, ist mir eine Art von Fischen die verhaßteste, welche »Ma fisch« heißet. Denn dieses Wort bedeutet so viel als »Nichts da« und wenn ich zuweilen stundenlang gestanden bin und es kommt nun endlich eines und das andere mir bekannte, schwarzbraune Fellahsgesicht, schaut mich lächlend an, so daß ich die besten Hoffnungen schöpfe und hat dann dennoch nichts als nichts oder ma fisch, da möchte ich das Fischessen auf lange verreden. Doch giebt es hier in der Hauptstraße, deren letztes Ende auch noch durch die Frankenstraße geht, wo Herr Baumgärtner wohnt, immer eine Unterhaltung, auch wenn man müßig dasteht und vor sich hinschaut. Ich habe auf meinen Reisen öfters, in den Städten wie im Freien meine Aufmerksamkeit auf das stufenweise Munterwerden und Hervorgehen der Menschen so wie der Thiere des Feldes gerichtet und darauf acht gegeben wie sich ein Geschäft der Häuser und Straßen nach dem andren anspinnt; hier in Kairo habe ich die Blumenuhr der allmälig, eines nach dem andren aufwachenden Stände, Geschlechter und Gewerbe der Menschen wie der Thiere mit ganz besondrem Interesse betrachtet. Wie bei uns zu Lande die Krähe und der Rabe, so wacht hier zuerst die Tagesgeschäftigkeit des Beduinen (Bedawih) und seines Kameles auf; wenn die Gassen am Morgen noch fast ganz leer sind, findest du auf ihnen wenigstens die Kameltreiber, welche als Sackahs oder Wasserträger den Häusern das Wasser des Nils oder welche ihnen Holz und andre Haus- und Lebensbedürfnisse zuführen. Das Kamel ist ein dummgutes und dabei höchst respektables Thier; es erinnert mich oft, wenn es sein im ganzen unbedeutendes (schafmäßiges) Haupt so scheinbar stolz in die Höhe hält, an manche unsrer, ebenfalls respektablen Büreauschreiber, die, ohne viel zu denken, dennoch, selbst gegen ihr Wissen Vieles und Wichtiges für das allgemeine Wesen thun. Wer sollte einem solchen Thiere, diesem Schiff der Wüste, nicht gut seyn, das, selber mit Wenigem zufrieden, den Haushaltungen des Land- wie des Stadtvolkes alles zuträgt, was sie bedürfen: Mehl und Oel, Wasser und Holz. Ich muß Dir gestehen es befremdet mich nicht und kommt mir sogar rührend vor, wenn die hiesigen Frauen selbst am Todtenbette des Gatten oder Hausvaters laut ausrufen: »o du mein Kamel; o du Kamel des Hauses« (Ja Ghemel el beyt). Nach dem Geschäft der Kamele und ihrer Treiber, denen sich vom frühesten Morgen an auch die Eselverleiher, die Pfeifenausputzer und die Tagwerker aus der Stadt und vom Lande zugesellen, wird am ersten das Geschäft der Verkäufer des Frühstückes (Fatur) wach und lebendig, denn das arme Volk will, ehe es zur Arbeit geht, essen. Da macht denn der Verkäufer des Ful mudemmes oder Saubohnengerichtes seine zugekitteten Töpfe auf, die er, die ganze Nacht hindurch in der heißen Asche des Ofens eines öffentlichen Bades oder Bäckerladens hat dämpfen lassen; für wenige Pfennige reicht er davon Jedem der es begehrt ein beckenartig rundliches Schüsselchen voll, träufelt ein wenig Rübsenöl, auch wohl Citronensaft daran und die Käufer verzehren dies ohne Löffel, Gabel und Messer. Auch die Verkäufer des Eesch oder Brodes (von kuchenartiger Form) öffnen ihre Läden; man tunkt das Brod in Duck-ckah, was eine Mischung von Salz, Pfeffer, Schwarzkümmel und andren ähnlichen Ingredienzien ist und findet es so vortrefflich. Fast gleichzeitig mit den Bäckerläden thun sich an der Blumenuhr der Kahirinischen Gassen die Kaffeeläden (Kawehs) auf, deren Zahl auf tausend geschätzt wird; die gemeineren etwas früher, die vornehmeren später. Man ist hier in dem Lande des sehr guten Kaffees, nirgends habe ich auch dieses Getränk von Vornehmen und Geringen mit solchem feierlichen Wohlbehagen schlürfen sehen als in der Aegyptischen Hauptstadt. Hat es doch hier eine Zeit gegeben, wo der Kaffee in den Kirchen (Moscheen), namentlich in der Asharmoschee ausgeschenkt und getrunken wurde. Denn nachdem der heilige Scheikh Omar, der sich, während einer Verfolgung seiner Sekte mit einer Schaar seiner Jünger aufs Gebirge geflüchtet hatte, durch den Aufguß von Kaffeebeeren, den er in Ermanglung andrer Nahrungsmittel genoß, so wunderbarlich erquickt worden war, wollten auch die Schaaren der Derwische und Fakirs an der heiligen Berauschung Theil haben, und die Trinklust dieser Frommen bemächtigte sich bald nachher auch des übrigen Volkes, das jetzt kaum ohne Kaffee leben könnte. So vortrefflich übrigens auch die Eingebornen das Getränk finden mögen, weiß ich doch nicht, ob Du in ihren ungetheilten Beifall einstimmen würdest. Denn so einladend das aussieht, wenn man sich aus einem arabischen Kaffeeladen bedienen läßt und wenn jetzt der Buab oder Thürhüter den Azkih (das Kohlenbecken) mit dem Bokrag oder der Kaffeekanne, ein andrer auf einer Art von Präsentirteller das kleine Fingan oder Täßlein bringt, das sich seinem zierlichen Zurf oder metallenen Untersatz gar hübsch ausnimmt, so sehr findet sich dennoch unsre europäische Zunge anfänglich beleidigt, wenn sie das Getränk kostet, das nicht nur ohne Zucker und Milch genossen, sondern öfters auch durch den Zusatz von Chabhan (Cardamom) oder Ambra entstellt ist. Uebrigens finden sich auch hier in der Nachbarschaft europäisch eingerichtete Kaffeehäuser und wer Hunger hat, der mag sich an den neubackenen Fatirehs oder Butterkuchen, mit oder ohne Honig und an den Eesch bi lahm ein Gütliches thun, deren Blätterteigmasse mit gehacktem Fleisch, namentlich von den Fettschwänzen der Schaafe gefüllt ist. Während wir uns so, wenigstens an der Beschreibung eines guten, arabischen Frühstückes gesättigt haben, ist das Gedräng und Leben auf der Straße immer stärker geworden. Die Kaufmannsläden haben sich aufgethan, die Esrefs oder Geldwechsler sitzen wieder an ihren Tischchen; man hört aus der Ferne die Hämmer der Kupferschmiede und andrer Handwerker die hier nicht, wie bei uns, in ihren Häusern, sondern in den offnen Läden ihrer Suks oder Marktplätze arbeiten. Allmälig läßt sich nun auch die vornehmere Welt der Stadtbewohner unter dem Trosse der Andren sehen; reitend auf Eseln und zierlich aufgeschirrten Maulthieren. Unter den Maulthierreutern zeichnet sich der gelehrte Ulema durch seinen Muckleh oder Turban, mit dickem, weit hervortretendem Bunde und durch den schönen Sechschadeh oder Gebetsteppich aus, der über dem Sattel liegt; sein Stallknecht, im blauen Hemde springt voraus, ein andrer Knecht trägt die lange, durch ihr kostbares Bernsteinmundstück werthvolle Pfeife seines Herrn. Ueberhaupt geht der bemittelte Türke oder Araber, wenn er nicht gerade auf dem Wege zur Moschee ist, niemals ohne das Geleite seines Schibuk oder Tabakspfeife aus, die dem Vornehmeren ein Diener nachträgt. Doch habe ich dieses in den ersten Tagen meines Hierseyns auch anders gesehen. Damals war noch Ramadan oder Fastenzeit, wo die Anhänger des Islams vor Sonnenuntergang nicht rauchen und selbst keinen Tropfen Wasser in den Mund nehmen dürfen; da giengen denn die guten Leute ganz traurig und verdrießlich statt mit den Pfeifen mit kleinen Stöcklein in der Hand herum oder spielten mit den Kugeln ihres Sebchah (Rosenkranzes) und sahen jedem Christen und Juden, welcher ungestört seinen Schibuk rauchte, mit unverkennbarer Gemüthsbewegung zu. Uebrigens darfst Du sie, wegen der Strenge ihres Ramadan nicht zu sehr bedauern, jene guten Leute. Ohnehin sind von der Pflicht des Fastens alle Kranke, Fußreisende und Soldaten auf dem Marsche ausgenommen, und wenn auch wirklich dem gemeinen Volke, das am Tage seine Arbeit zu verrichten hat, die Einrichtung ein wenig schwer fallen mag, so verschlafen dagegen die Wohlhabenderen den Tag und schmaußen des Nachts. Manche nehmen auch wohl, wie unser Freund Hassan auf dem Schiffe schon am Tage heimlich manches respektable Bröcklein zu sich, und, wenn sie ja, dem Gesetz gehorsam, kein Wasser trinken, so kosten sie doch dabei einen Schluck Wein[2]. Und selbst abgesehen hiervon kann man sagen, daß man gewiß nirgends eine so zärtliche Sorgfalt für den liebwerthen Magen finden wird, als während des Ramadans bei den hiesigen Muselmännern. Wenn sich am Nachmittage die Gassen allmälig wieder mit Leuten aus dem wohlhabenderen Mittelstande und der vornehmen Welt füllen, da ziehen zwar Manche ehrenhalben nach der Hhosseynsmoschee hin, sie werfen aber schon vorläufig im Vorbeigehen gar bedeutsame Blicke auf die allmälig sich öffnenden Läden der Kuchenbäcker, Scherbetverkäufer und Köche. An der Moschee stehen dann bereits, nur auf den günstigen Augenblick wartend, die Austheiler des Brodes unter das arme Volk, so wie die von Gaben der Frommen bezahlten Chemalehs oder Wasserschenken, welche die Wohlthat des frischen Wassers in Trinkschalen an Jeden spenden der es begehrt und dabei, während man trinkt ein Liedlein singen, worinnen dem Trinker die Freuden des Paradieses verheißen werden. Noch darf Keiner weder essen noch trinken noch rauchen; jetzt aber verkündet, vier Minuten nach Sonnenuntergang der Knall der Kanone die Zeit des Abendgebetes und nun solltest Du die Freude sehen. Der Arme außen vor der Moschee fällt nach einem kurzen Stoßgebet über das dargebotne Brod her und trinkt beim Gesange des paradiesischen Liedleins sein »Moie helba« (frisches Wasser); in jedem Privathause steht schon auf einer Art von rundem Schemel ein Gericht von »Nockl« oder getrockneten Früchten, dabei der »Kahk« oder honigsüße Kuchen und die »Kullehs« oder Krüglein, gefüllt mit Scherbettrank. Das erste was der zu Hause sitzende Gläubige, nach vernommenem Kanonenschuße thut, ist, daß er Eins trinkt, dann betet er eben so wie die Leute draußen ein ziemlich kurzes Gebet, greift hierauf nach den getrockneten Früchten und zugleich nach der Pfeife auf deren Tabak schon die glühende Kohle bereit liegt. Der Schibuk ist noch kaum ausgeraucht da dampfen schon die Schüsseln mit den Gerichten der ersten Mahlzeit, welche man ehrenhalber Frühstück (Fatur) nennt. Sobald man dieses eingenommen hat, macht man Besuche bei Freunden oder in den Kaffeehäusern, welche eben so wie die Läden der Köche beleuchtet sind, selten in den Moscheen, obgleich auch diese der Glanz unzähliger Lampen erhellt. Auf die Entbehrung des Tages läßt man es sich jetzt ganz besonders wohl seyn, man ißt, raucht und trinkt und hört dabei die fröhligen Weisen der Musikanten sowie die Mährchen der Romanzenerzähler. Doch nun kommt, nach dem Abendgebet, das Sachur oder die Hauptmahlzeit. Damit ja kein Gläubiger, der etwa aus alter Gewohnheit, weil es Nacht ist eingeschlafen seyn könnte, den günstigen Augenblick versäume, seinen Magen in die rechte, kräftige Haltung gegen den morgenden Fasttag zu setzen, hat man in jeder Gasse oder kleinem Stadtdistrikt einen Musachir bestellt, den man eben so gut einen Magenwächter als einen Nachtwächter nennen könnte. Der gute Mann, welcher, wenn er mit dem zu hoffenden Trinkgeld beim Ende der Fastenzeit sein Glück machen will, ein Erzähler von Schwänken seyn muß, beginnt seine Aufwartung vor den Häusern der Wohlhabenderen schon zwei Stunden nach Sonnenuntergang und singt da aus dem Stegreife eine gereimte oder ungereimte Lobrede auf die vortrefflichen Bewohner des Hauses ab. Die Weiblein drinnen, welche ja nicht mit zu Besuche oder in die Kaffeehäuser gehen dürfen, warten schon längst auf sein Erscheinen; sie werfen, sobald das Loblied geendet ist, dem Sänger aus den vergitterten Fenstern einige ägyptische Kreuzerlein (fünf Fuddahstücke) oder Sechskreuzer (Piaster) hinunter, die, wie mans auch bei uns zu halten pflegt in ein Papierstücklein gewickelt sind das man vor dem Hinabwerfen anzündet, und begehren dafür, daß der Musachir ihnen ein frommes Fathah (das erste Kapitel des Korans) hersage. Aber auf das Fathah allein ist es dabei nicht abgesehen, das weiß der Schelm von Magenwächter recht gut. Denn kaum hat er, in ziemlicher Schnelle, denn er hat noch weiter zu gehen, sein Fathah hergeplappert, da fängt er an ihnen Geschichtlein, in Reimen oder Prosa zu erzählen, welche bei uns zu Lande gerade nicht für sehr anständig gelten würden. Indeß die Frauen und Fräulein stehen dabei hinter den stark vergitterten, dunklen Fenstern, man kann also nicht wissen ob sie nicht, wie wir dies hoffen und wünschen wollen, gleich nach dem Gebeth des Fathah sich zurückgezogen haben. Bald nach dieser Function des Lobpreisens, Fathahbetens und Schwänkeerzählens, die, weil sie an mehreren Häußern sich wiederholt, keine ganz kurze ist, beginnt nun die wichtigste Amtsverrichtung des Musachirs. Anderthalb Stunden vor dem Imsak, das ist die Zeit des Morgens wo die Tagesfasten beginnt, pocht er an die Thüre jedes einzelnen Haußes so lange an, bis man ihm drinnen antwortet und warnt zugleich Alle vor der möglichen Gefahr des Hungerns. Damit aber die Leute ja, wenn sie etwa wieder einschlafen sollten, nicht versäumen mögen, den Magen auf Vorrath zu füllen, kommt noch ein Mann von untergeordneterem Range, der Thorhüter des Stadtviertels hinterdrein und ermahnt nochmals die Leute doch ja, ganz gewiß und ohne Säumen, so viel als möglich zu essen. Auch das Morgengebet der Mueddins, der Adan wird in dieser Zeit früher als gewöhnlich gesungen um die Moslimen an das Einnehmen des Sachurs (Mahlzeit) zu erinnern und noch 20 Minuten vor dem grausamen Augenblick des Imsak oder Fastenbeginns ertönt ein Adan, so laut als möglich. Sobald aber, bei Tagesanbruch der unverbrüchliche Augenblick der Enthaltung gekommen ist, dann ruft der Mickatih oder Gebetankündiger sein lautes Ir-fa-uh, das heißt thut hinweg (eure Speisen) was indeß viele neugläubige, jetztlebende Moslimen des aufgeklärten Kairo so verstehen, als sollten sie ihre Honigkuchen und Fleischpasteten nur in einem Winkel des Zimmers verstecken an dem man während des Tages zuweilen vorbeikommt. Die ganze Einrichtung der moslemitischen Fasten soll eigentlich nur eine Vorbereitung auf die recht andächtige Feier der Nacht des (göttlichen) Rathschlußes (Lailet el Kudr) seyn, in welcher der Koran dem Menschengeschlecht herabgesendet wurde; denn »diese Nacht sey besser als tausend Monate.« Die Altgläubigen, deren in Cairo nur noch wenige seyn mögen, meinen, daß in dieser segensreichen Nacht auf einmal alles salzige Wasser süß werde, sie setzen deshalb, wenn sie die letzten Nächte des Ramadan, etwa in der Hosseynsmoschee betend hinbringen, eine Schaale mit gesalzenem Wasser vor sich hin und wenn ihrer schlaftrunkenen Zunge einmal in einer dieser Nächte das Wasser minder salzig (süß) schmeckt, dann halten sie dafür daß heute die Nacht der Segnungen, die Nacht der sehr erhörlichen Gebete sey. Neben dem eben nicht sehr schweren, sogar lustigen Ramadan der Mohammedaner erscheint freilich die Fastenzeit ihrer christlichen Mitbürger und Landsleute in Kairo und ganz Aegypten: die der Kopten von ungleich schwererem Gewichte. Dieses Volk der ernsten Trauer, an welchem jeder Ton der Harfe wie eine innigtiefe Klage tönet; das arme Volk, dessen Glaube wie ein gelähmter Greis an Krücken geht[3] hat nicht bloß jährlich einmal, sondern vor jedem großen Feste eine so strenge Zeit des Fastens, daß die Zeit der lieblichen Erwartung ihm zu einer Zeit der Beschwerde und Angst werden muß. Wenn der Kopte fastet darf er entweder, wie dies Viele vor dem Anfang der großen Fasten drei Tage und Nächte lang aushalten, gar nichts essen und trinken, oder er muß sich wenigstens aller Nahrung vom Abend an bis nach Beendigung der Kirchengebete am nächsten Mittag enthalten und darf auch dann keine Speise die von thierischer Natur ist, weder Fleisch noch Fisch, noch Eier, noch Milch, Butter und Käse, sondern nur Brod mit Dockckah (Pfeffersalz) oder Bohnen und andere Früchte genießen. Solcher Fasttage hat aber der Kopte nicht nur fast jede Woche zwei, sondern während seiner großen, österlichen Fastenzeit 55; vor Pfingsten wie vor Mariä Himmelfahrt 15, vor Weihnachten 28, so daß für ihn die bei weitem größere Hälfte des Jahres eine Zeit der Enthaltung ist. Und doch ist auch diese bei den meisten Kopten nur scheinbar, denn obgleich sie strenger an der buchstäblichen Erfüllung ihres Gesetzes haften, als ihre Moslimitischen Mitbürger, setzen sie dennoch sich für die Entbehrung der Speisen durch Branntweintrinken schadlos. So müht sich die edle Menschennatur, getrieben von einem ihr inwohnenden, unabweisbaren Sehnen allenthalben ab, das Ziel eines ewigen Friedens, das sie sich bald höher, bald niedrer gesteckt hat, durch die That des eignen Armes zu erringen. Der Ernst ist gut und löblich; das Ziel das zu erringen ist wäre jedes Opfers, selbst des Lebens werth, und der Leib selber ist uns ja zu einer Opfergabe geschenkt und bestimmt; läge nur nicht dem ganzen Beginnen der Irrthum des unmündigen Kindes zu Grunde, das nach dem Monde oder den Sternen greift; der Irrthum daß Etwas das von der Natur des Geistes nur vom Geiste erfaßbar ist, durch das Fleisch und seine eigengesetzlichen Geschäfte erlangt und ergriffen werden könne. Zweiter Brief. =Leben der hiesigen Frauen, Beschreibung des innren Haushaltes, wie der innren imaginären Welt der Kahiriner.= Am 24. Januar. Ich habe Dich, Du liebe Schwester, in meinem letzten Brief nach einer kurzen Sättigung, welche die Beschreibung eines Frühstückes gab, in eine lange Fastenbeschreibung hineingeführt, und dabei noch immer, in einer der ersten Morgenstunden des Tages vor oder in dem Laden des Herrn Baumgärtner, in der Frankengasse von Kairo stehen lassen. Während ich Dir aber so erzählte ist die Sonne höher gestiegen, der Tag ist weiter vorgerückt mit all seinen Mühen, Zerstreuungen und Freuden; an der großen Blumenuhr der hiesigen Stände, Geschlechter und Gewerbe sind nun auch jene Blüthen erwacht, welche, wie die Skorzoneren unsrer Wiesen und Felder erst kurz vor Mittag ihre bunten Blätter öffnen. Da taucht denn auch eine Sitteh, eine Dame aus dem wohlhabenden Mittelstande, aus dem Gedränge des Volkes auf, umgeben von mehreren dienstbaren Begleitern und Begleiterinnen. Sie selber reitet auf einem schönen Esel, der sich durch sein reicher aufgeputztes Geschirr und den schönen Teppich vor den Thieren ihrer beiden, hinter ihr reitenden Dienerinnen auszeichnet; vor ihr sitzt ein etwa zweijähriges Knäblein. Betrachte nur die abentheuerliche Verhüllung unsrer Sitteh. Die ganze, etwas breite Gestalt steckt in dem gräumigen, violet seidenen Sebleh oder Ueberrock mit unmäßig weiten, fast am Boden aufschleifenden Ermeln; das Oberhaupt bedeckt der schwarzseidene Chabarah, der sich weit über den Rücken und die Seiten hinabbreitet; das Gesicht, unmittelbar unter den Augen verhüllt der weiße, bis an die Füße und ihre gelben Babuschen reichende Schleier oder Burko. Freilich ist dieß alles nur die Schaale unter der sich die eigentliche Kleiderpracht unsrer vornehmen Aegyptierin verbirgt, namentlich der Robtah oder Frauenturban, unten mit kostbaren Tüchern umwunden, der Kuhrs oder Kranz von Gold, mit Edelsteinen verziert, der Tarchah oder goldgeschlickte Schleier des langlockigen Hinterhauptes und der Schläfe; der Dschibbeh oder Umwurf und der langermelige Jelek oder Hausüberrock, sammt den weiten, seidnen Beinkleidern. Aber selbst an der verhüllten Gestalt fallen die seltsam schwarzumrandeten Augen und, so weit sie sichtbar werden, die orangegelb gefärbten Finger und Handflächen auf. Denn auf den Kopfputz, auf die allein über den Schleier hervorblickenden, von Natur meist sehr schönen Augen und auf die ebenfalls bei Gelegenheit sichtbar werdenden Hände wendet die Kahirinische Dame eine ganz besondere Sorgfalt. Für den Kopfputz hat jede wohlhabende Frau so wie ihr Eheherr einen eigenen Stuhl, denn diese Stühle, meist die einzigen im Haushalt, sind nicht zum Ruhesitz für Menschen, sondern nur zum nächtlichen Ablagerungsort, der eine für den Robtah oder weiblichen Hauptschmuck, der andre für den Emameh oder männlichen Turban bestimmt. Die Augenlider schwärzt sich die ägyptische Schöne, wenn sie Zeit dazu gewinnen kann, am Morgen mit dem Kuleh: Pulver von verbranntem Weihrauch und Gummi, oder Rus von verbrannten Mandeln, worin der mit Rosenwasser befeuchtete Stift eingetaucht wird; die Unterhände und Fingernägel aber werden durch einen Brei der Blätter des Hhennastrauches (+Lawsonia inermis+) den man eine Nacht hindurch auf der Haut liegen läßt, für mehrere Wochen dauerhaft rothledergelb gefärbt, damit das Wenige, das man vom Körper zeigen darf, desto greller und schreiender in die Sinne falle. Neben der so sorgfältig aufgeputzten oder doch reich verhüllten Dame nimmt sich freilich das schmutzige Knäblein, das vor ihr sitzt, recht contrastirend aus. Die abergläubige Mutter hat nämlich aus Furcht, daß ihr Kind von einem misgünstigen Auge könne beschädigt (beschrieen) werden, den armen Kleinen in seinem schlechtesten Aufzuge mitgenommen und nur die Goldstücklein die am gesegneten Aschura-Tage von Bekannten und Unbekannten erbettelt, und eben weil man ihnen abwehrende Kräfte gegen das mißgünstige Auge zuschreibt um den rothen Tarbusch (Mützchen) genäht worden sind, bezeichnen das Kind wohlhabender Eltern. Man pflegt bei uns, wenn man als Gast in ein Haus oder in eine Gesellschaft eingeführt wird, vor allem der Dame vom Hauße vorgestellt zu werden, und mit dieser, durch einige begrüßende Worte sich bekannt zu machen. So will ich auch Dich, meine liebe Schwester, gleich beim Eintritt vor allem andren mit der weiblichen Welt der Stadt und des Landes bekannt machen, nicht zunächst deshalb, weil sie als Deines Geschlechtes, Dich näher angeht, sondern weil mir der Schlüssel zum Verständniß des Glaubens und Lebens des ganzen hiesigen Volkes in der Stellung und Behandlung des Weibes zu liegen scheint. Ich enthalte mich vorerst aller Bemerkungen und erzähle Dir blos, was ich von den Töchtern des Landes gesehen, gehört und erfahren habe. * * * * * Des selbst Gesehenen ist äußerst wenig, denn ich hatte nur einige Male Gelegenheit, namentlich im Hauße eines hiesigen vornehmen Franken, als mich dieser seiner kranken Gemahlin als einen »Arzt« vorstellte, vornehme Araberinnen, die sich gerade hier zum Besuch befanden, ohne die gespenstische Verhüllung des Sebleh und Chabarah, übrigens noch immer verschleiert genug zu sehen; mein Arabisch konnte sich in keine Conversation mit ihnen einlassen, das reicht nur zum Handel und Wandel mit den Eselverleihern, Käuflersleuten und Kaffeschenken hin, ich kann Dir daher nur das wiedergeben, was ich aus der guten Quelle meiner hier lebenden, zuverläßigen Freunde empfangen habe. * * * * * Die Aegyptierinnen werden als sehr schön gepriesen und ich selber habe unter den unverschleierten Gesichtern der Frauen und Mägdlein des gemeinen Land- und Stadtvolkes einzelne sehr wohlgebildete gesehen. Der bräunlichen Haut merkt man allerdings die Kraft der Sonne an, mehr aber als diese natürliche, dunkle Färbung entstellt das Einätzen von allerhand Figuren (das Tättowiren) das Angesicht und die Arme der hiesigen Weiber. Die Schönheit, deren man sie rühmt, ist von sehr vergänglicher Dauer; ihre Blüthe fällt in die Zeit zwischen dem 14. und 20. Jahre, das vierzigste findet gewöhnlich an dem welken, runzlichen Angesicht nichts mehr zu verheeren, weil dann alles Verheerbare, ausser dem Glanz der dunklen Augen, schon verschwunden ist. In einem vorzüglichen Maße scheint demnach von den zartesten Schönheiten dieses Volkes und Geschlechtes der alte Vergleich mit den Blumen des Feldes zu gelten, welche im Thau des Morgens lieblich erblühen, dann aber schon am Abend wie Heu verdorren. * * * * * Es dürfte uns nicht wundern, wenn hie und da unter den Stimmführern des Volkes und Augenzeugen des schnellen Wechsels der Vergleich noch weiter getrieben würde; wenn man diesen flüchtigen Erscheinungen auch nur eine solche bald sich verflüchtigende Seele zuschriebe als die ist, welche in den Blumen lebt. Und wirklich macht sich unter den Moslimen hie und da das Sprüchwort laut, »daß im Weibe keine Seele sey.« Mit diesem Sprüchwort ist es indeß nicht so ernst gemeint. Denn der Koran verheißt nicht allein den Frauen, wenn sie treue Bekennerinnen sind, die ewigen Freuden des Paradieses, sondern verspricht auch den gläubigen Männern dort jenseits eine Wiedervereinigung mit den Frauen die sie hier auf Erden hatten, wenn sie anders dieses begehren, »und der Gute (so fügt der Koran hinzu) wird immer nach den guten verlangen.« Auch in den Gesängen und Gebeten bei manchen religiösen Gebräuchen, namentlich bei dem Fest der Beschneidung, kommen Ausdrücke vor, welche sich auf den Glauben an eine unsterbliche Seele des Weibes gründen, denn bei dem letzteren Feste redet das Chor der Schulknaben, welches vor der Ceremonie mit eingeführt wird in die innern Zimmer des Haußes, die Mutter des Knaben, der jetzt zum Moslem geweiht werden soll und im Namen desselben an: »du meine Mutter, empfange meinen Dank, für deine Sorgfalt um mich vom Morgen bis zum Abend; Gott gebe, daß ich dich möge sehen einst sitzend im Paradiese, begrüßt von Maria[4], Zeynet und Fatime« (der Tochter des Propheten). Was hilft es aber den armen Weiblein, daß man ihnen den Besitz einer unsterblichen Seele zugesteht, wenn man sie fast durchgängig wie eine gestohlene, seelenlose Waare betrachtet, die der Dieb, aus Furcht es möchte sie jemand bei ihm entdecken, im innersten Winkel seines Hauses verbirgt. Sind doch die Frauen der Bekenner des Islams wirklich etwas Gestohlenes, das man der Welt und dem Leben dem sie angehörten entwendet und dem man zugleich selber das Edelste das in ihm war: den Anspruch der Seele auf höhere, geistige Belebung und Bildung entzogen hat. Denn nicht einmal in der Moschee dürfen die Bewohnerinnen von Kairo zur Zeit des öffentlichen Gebetes erscheinen; in der Regel gestattet man ihnen den Eintritt dahin nur außer den Zeiten des täglichen Gottesdienstes, und auch an andern Orten, wo diese Beschränkung nicht statt findet, müssen sie streng von den Männern abgesondert ihr Gebet verrichten. Doch möchte dieses noch eher erträglich seyn, wenn man nur nicht auch bei jeder andern Gelegenheit Dein Geschlecht hier zu Lande wie ein fein geschnittenes Kraut behandelte, das man mit Salz gemischt in ein gut verpichtes Faß hineinsteckt, wo es nothwendig in seiner eigenen Sauçe gähren und sauer werden muß. * * * * * Ist doch zur Bereitung dieses menschlichen Sauerkrautes Alles eingerichtet; auf sie ist der Bau der Häußer, die Art der Zimmer, auf sie sind Sitten und Gebräuche des bürgerlichen Lebens, Staatsverfassung und Gesetzgebung abgemessen und berechnet. Der Bau der hießigen Häußer, die noch auf alte Weise eingerichtet sind, hat wirklich für das Auge des Europäers etwas Komisches. Es ist als wenn da nicht bloß die einzelnen Flügel und Nebengebäude des Haußes, sondern auch die einzelnen Zimmer und sogar Theile des Fußbodens mit einander in Zank und Uneinigkeit wären, so daß immer eins über das andre sich erhebt, ohne deshalb zum ruhigen, ungestörten Besitz der Herrschaft zu gelangen. Hinter dem Schutz und Schirm der Hauptgebäude, die nach der Straße und dem Freien herausstehen, erheben sich öfters im Hofraume die Nebengebäude, eines höher, das andre niedriger, jedes mit seinem platten Dache versehen, auf welches man aus den Zimmern der Ruba oder obern Etage heraustreten kann. Da können dann die Weiblein des Haußes der Luft genießen; hier sitzen die der mittlern Klassen mit untergeschlagenen Beinen auf ihren Binsenmatten oder Matratzen und besorgen manche Geschäfte des Haußes, ohne Furcht, daß ein fremdes männliches Auge sie sehe, denn man würde es, wie ich schon in meinem ersten Briefe sagte, einem Manne sehr übel nehmen, wenn er, besonders in einer Gegend der Stadt wo lauter Moslimen wohnen, auf dem höheren Dache seines Hauses stehen und auf die Nachbarschaft gaffen wollte; auch hat man diese Neugier nicht von den Mueddins oder Gebetausrufern zu fürchten, welche freilich auf ihren hohen Minares die weiteste Aussicht genießen, denn man stellt zu diesem Amte meist Blinde an. Und damit die fremden Männer nicht durch die Sorglosigkeit und unbeschäftigte Lebensweise des ehelosen Standes zu solcher Neugier verführt werden, nimmt man in vielen Gegenden der Stadt nicht leicht einen Unbeweibten ins Logis, sondern solche Leute müssen öfters ihr Unterkommen in den Wekalehs oder Absteigequartieren der Kaufleute suchen. Ich mag es übrigens den armen, so bald verwelkenden Blümlein der mohamedanischen Frauen recht gerne gönnen, daß sie auch an ihrem Hauße einen Ort finden wo sie Luft und Licht genießen, denn in den Zimmern drinnen haben sie schon auf Erden einen Vorschmack vom Reiche der Schatten. Beim Aufführen und Zusammenstellen der Häußer einer Gasse ist nämlich das ein beständiges Augenmerk der Baumeister, daß kein Vorübergehender oder Vorüberreitender und daß kein Nachbar dem andren in die Fenster schauen kann. Darum liegen die kleinen Fensterlein im untern Stock des Haußes überaus hoch und sind noch dazu mit dichtem, hölzernem Gitterwerk verwahrt. Ein solches, oft gar prächtig geschnitztes Gitter verdeckt auch den größten Theil der Fenster der oberen Etagen, und damit man selbst zwischen den kleinen Oeffnungen des Schnitzwerkes das Licht des Tages nicht ganz frei passiren lasse, dämpft man seine Helle noch durch die bunten, blauen, rothen und gelben Glasscheiben (Roschan) die sich in vielen der älteren Häußer finden und zum Theil recht hübsche Blumenfiguren darstellen. So wird in den Zimmern und Häußern auch am Tage ein künstliches Helldunkel herbeigeführt, bei welchem es schwer ist über die rohen architektonischen Malereien der Wände, in denen man meist den Tempel zu Mekka oder das Grab des Propheten darstellt, einen kritischen Ausspruch zu fällen. Und doch bedürfen wir, an die hiesige Bauart ungewohnten Europäer in manchen jener alten Häußer mehr Licht als gewöhnlich, um nicht bald da bald dort zu stolpern und anzustoßen. Zwar an die Meublen, wie Tische, Stühle und Schränke stößt sich da Keiner, denn dergleichen sind in einem eigentlichen, ägyptischen Haushalte nicht zu finden. Statt der Stühle dienen die Polster des Divans, die an den drei Wänden, der Thüre gegenüber, hingelegt sind; statt des Tisches ein kleiner niedriger, öfters zierlich mit Perlmutter ausgelegter Schemel, auf welchen man, wenn man sich etwa beim Essen seiner bedienen will, eine im Verhältniß zu der Zahl der Personen, die dann herumkauern, sehr kleine, rundliche Tischplatte stellt; statt der Schränke das Suffeh: ein von Bögen gestütztes Gemäuer, daß wie über unsern Kaminen an der Wand etwa eines Vorzimmers oder auch der Wohnzimmer angebracht ist und auf, so wie unter welchem die Krüge, Trinkschalen, Kaffeekannen und Tassen aufgestellt sind. Auch die eigentlichen, aus Palmenblattstielen zusammengefügten Bettstellen oder Serihr, über welche bei den Vornehmen und Reichen, bei denen sich wohl auch schon wie in Italien ein eisernes Gestell findet, das Namusijeh oder Fliegennetz gespannt wird, sind in der Mehrzahl der Haushaltungen nicht zu finden, man schläft da auf einer Turrachah oder Matratze, im Sommer nur unter der dünnen Decke (Heram) im Winter unter dem Lehaf (einer genähten wollenen Decke), und am Tage nimmt man den ganzen Schlafapparat vom Divan weg, rollt ihn zusammen und bringt ihn hinaus in das Khuzneh, eine Art von Alkoven oder kleines Nebenzimmer. Ein Ofen ist auch nicht da, denn wenn man ja einmal frieren sollte, bedient man sich zur Erwärmung des Zimmers eines mit Kohlen gefüllten, leicht tragbaren Beckens oder Kochöfchens. Wenn man aber auch nicht Gefahr läuft an den Hausgeräthen anzustoßen oder über sie zu fallen, kann man dieß doch desto leichter an den häufig mit einander wechslenden Erhöhungen und Vertiefungen des Hausplatzes und des Innern der Zimmer. Denn die Gemächer liegen hier nicht etwa, so wie bei uns in gleicher Ebene, sondern von einem zum andern hat man bald einige Stufen hinauf, bald wieder hinunter zu steigen, und auch der Boden der einzelnen Zimmer ist keinesweges eben, sondern jedes ächt arabische Gemach hat eine Art von erhöhter Bühne: den sogenannten Livan, der einen Fuß hoch und darüber über die Diehle des Zimmers, auf die man beim Hereinkommen zur Thüre tritt, erhöht ist und auf welcher die Polster des Divans und vor ihnen Teppiche oder Matten liegen. Wer sich auf die landesübliche Höflichkeit versteht der zieht, ehe er auf die Bühne des Livans hinaufsteigt und den Hauswirth begrüßt, seine Schuhe oder Pantoffel aus und naht sich in den ledernen Unterschuhen oder Socken. In der Regel ist das untere Stockwerk der Häußer, wenn es keine Kaufmannsläden enthält, von den Männern bewohnt; die Frauen sind in den Ruba's oder obern Stockwerken versorgt und aufgehoben. Da darf ja kein fremder Mann hinauf, und wenn auch der Buab oder Thürhüter einem beim Hineintreten in die Hausthür gesagt hat »fok« oder oben, oder wenn der Besuchende weiß, daß außer einer alten Mutter oben nichts vom Hausherrn aufbewahrt wird, ruft er dennoch beim Hinaufgehen mehrere Male mit lauter Stimme »destur,« mit Erlaubniß, oder »Ja Satir« o mein Schützer, damit ja die Fräulein, wenn etwa eines von ihnen auf dem Platze wäre, sich noch zeitig genug zurückziehen und verstecken können. Ja selbst der eigne Mann darf am Tage über nicht ohne vorher anfragen zu lassen hinauf ins obere Stockwerk des Harems, weil es ja leicht seyn könnte, daß fremde Frauen bei der seinigen zu Besuche wären, die er nicht sehen darf. Geht doch die strenge Abschließung selbst noch über das Sterbestündlein hinaus, denn nach einer sonderbaren Etikette der Begräbnißplätze werden auch in den Grabgebäuden der Familien die Leichname der Frauen durch dazwischen gezogene Mauern von denen der Männer abgeschieden und in Medinah ist es nicht erlaubt, daß ein männlicher Pilgrim in jene domartige Grabeshallen hineintritt in denen Särge der Frauen aus der Verwandtschaft des Propheten beigesetzt sind. Man sollte meinen ein so sorgfältig aufbewahrtes und verschlossenes Leinenzeug wie die hiesige Weiblichkeit müsse sich recht weiß und rein erhalten. Ich wollte um ihrer selber willen es wünschen, daß es so wäre, aber leider ist es ganz, ganz anders. Es ist als hätte dieses arme, gewaltsam sich selber geraubte und seiner Natur entfremdete Geschlecht kein gutes Gewissen bei jener Rolle des Versteckenspielens die man ihm aufgedrungen und angelernt hat; darum wagen es die Weiblein niemals ihr Gesicht, mit dem vielleicht Vieles verrathenden Mienenspiel sehen zu lassen und wenn das Mägdlein eines armen Fellahs oder Bauern, das bis ins fünfte oder sechste Jahr ganz unbekleidet ging, zum ersten Mal ein Läpplein Leinwand oder anders Zeug geschenkt bekommt, wendet sie dieses nicht an um den übrigen Körper sondern nur um das Gesichtlein zu verhüllen. »Mein Gesicht,« so sagen die Arabischen Frauen zum Arzte, gegen welchen sie sonst ohne allen Rückhalt sind, »darfst du nicht sehen, denn sonst siehst du mein ganzes Herz,« und wenn es ja die Art der Krankheit unumgänglich nöthig macht das Angesicht, welches des Herzens Spiegel ist, sehen zu lassen, dann wird erst die eine, dann die andre Seite desselben, nicht das Ganze zugleich gezeigt. Armselige Furcht und Schaam, die, ohne sich dessen selber bewußt zu werden, durch ihr Benehmen es verräth, daß sie mehr vor dem eignen Selbst sich zu fürchten und zu schämen habe, als vor etwas Aeußerem und Fremden. Wir wollen aber nicht bloß außen stehen bleiben, ich will Dich so gut ich dieß nach den Berichten meiner hiesigen Freunde und zum Theil doch auch aus eigner Anschauung vermag hineinführen ins Innere, des Haushaltes wenigstens, wenn auch nicht des Herzens der Kahirinerinnen. Was soll denn aus so einem armen Kinde werden, das von seiner Geburt an nur hinter dem Gitter gehalten, oder als vermummtes Gespenst durch die Gassen geführt und getragen wird. Je vornehmer das Mägdlein ist, desto schwerer ist in solcher Hinsicht sein Loos; denn die kleinen Fellachahs oder Bäuerinnen spielen doch noch mit anderen Kindern in freier Luft, auch die Mägdlein des Mittelstandes besuchen an manchen Orten mit den kleinen Knäblein zugleich die öffentliche Schule; bei den Vornehmern aber nährt und schmückt sich die verarmte weibliche Seele von Jugend an mit nichts Andrem als mit Empfindungen, Gedanken und Künsten des Harems. Denke Dir nur die Erziehung der Mohamedanischen Frauen, um so recht dankbar inne zu werden, was es dem Weibe heißt unter Christen geboren zu seyn. Nach dem Gesetz, das der Prophet gab, soll jedes Kind in seinem siebenten Jahre beten können. Was heißt aber dieses Beten; es heißt nichts als ein Herplappern der Worte des kurzen Glaubensbekenntnisses (es ist kein Gott außer Gott und Mohamed ist sein Prophet) wozu noch Worte und Sprüche gefügt sind die der jungen Seele von frühe an hochmüthige Einbildung auf ihren Alleinglauben und Haß gegen alle Andersgläubigen, zu denen auch ganz besonders wir gehören, einhauchen. Ihre Religion lehrt sie uns fluchen; wohl uns, daß die unsrige uns lehrt sie zu segnen, denn man hat dabei ein besseres Gewissen und braucht sein Angesicht nicht hinter dem Schleier zu verstecken. Weiter lassen nun, wenn die Mägdlein ein und das andere Gebet hersagen können, die bemittleteren und nach ihrem Maaße schon gebildeteren Eltern eine Scheikhah oder Schulmeisterin in den Harem kommen die den Kleinen einzelne Kapitel des Koran vorsagt und so auswendig lernen macht, auch wohl sie schreiben und lesen lehrt. Dazu kommt noch später eine M'allimeh oder Lehrerin im Nähen und Sticken. Bald aber naht die Zeit wo das Mädchen das eilfte oder zwölfte Lebensjahr erreicht hat; sie wird nun ein Gut dem die Diebe nachtrachten, man denkt daran die Pflanze aus dem Glashaus des elterlichen Hauses in das Dungbeet der Ehe zu bringen. Da wohnt etwa in der Nachbarschaft eine Frau, welche einen fünfzehn oder sechszehnjährigen Sohn hat; vielleicht eine nähere oder fernere Verwandtin des Haußes, dann hat sie das Mädchen bei Besuchen im Harem gesehen und kennen gelernt, oder, wenn das nicht ist, machte sie ihre Bekanntschaft an dem gemeinsamen Begegnungsort der Frauen des Mittelstandes: in einem öffentlichen Bade. Das Mädchen scheint sich zu eignen zu einer Verbindung mit dem jungen Menschen, man erkundigt sich, wenn man in keiner nähern Bekanntschaft mit dem Hauße steht, nach der Khatibeh oder Unterhändlerin, welche für jenes Harem die Einkäufe und Verkäufe sowie andere auswärtige Geschäfte besorgt; von dieser eingeführt macht jetzt die Mutter oder eine andre nahe Verwandtin des jungen Purschen einen Besuch bei den Verwandtinnen des Jungfräuleins. Man begrüßt sich, man labt sich mit allerhand Süßigkeiten, man schwatzt zusammen, und wenn der vermutliche Freier einigermaßen von gutem Stand und Vermögen erscheint, kann sich seine Abgesandtin darauf verlassen, daß sie alle Mägdlein des Haußes in ihrem schönsten Schmuck und Staate zu sehen bekommt. Das ist nun der guten Frau gerade das Erwünschteste, denn sie möchte heute gern wissen was die künftige Braut an dergleichen Sachen mit ins Haus ihres Sohnes bringen wird. Ist nun das, was sie hier sieht von der Art, daß sie ohne sich weiter zu bedenken oder ohne sich nach andern ähnlichen Waaren umzuschauen die Unterhandlung anzuknüpfen beschließt, so rückt sie mit der eigentlichen Absicht ihres Besuches, die freilich längst errathen war, heraus; wo nicht so empfiehlt sie sich wieder. Im ersteren Falle, wenn man den Faden der künftigen Verbindung vorläufig gleich anspinnen will, nimmt nun auch die Khatibeh oder Unterhändlerin das Wort, sie wendet sich an das Mägdlein, dessen Einwilligung, wenn es nicht noch ganz unmündig ist, ehrenhalber auch nachgesucht wird und rühmt aufs Höchste die Vorzüge des künftigen Bräutigams, welcher jung, bartlos und gar schmuck und zierlich sey, Gold habe in Menge, seiner künftigen Frau Alles kaufen werde was ihren Augen gefiele, nicht viel ausgehe, sondern gern zu Hause sitze bei seiner Liebsten. Die andren Frauen besprechen dann auch noch Mancherlei Nöthiges, vor allem erkundigt sich die Mutter des Freiers wie viel das Jungfräulein Kleider und Schleier, Schuhe und Küchengeräthe, Matratzen und Decken mitbringen werde, ob und welche Schmucksachen sie habe, und wenn das was man da erfährt nicht genug scheint, sagt man sich ungenirt seine Meinung. Wenn dieß Alles in Ordnung ist, beginnt nun der zweite, wichtigere Akt des Handels, der des Bräutigams um die Braut. Die Mutter kommt nach Hauße, sie beschreibt dem Sohne das Mädchen, ahmt dabei öfters die Mienen, Stellung, Bewegung desselben nach und man sagt, die Aegyptischen Mütter vermöchten dieß so meisterhaft treu, daß der Jüngling gewöhnlich seine Künftige besser aus den mütterlichen Beschreibungen kennen lernt, als dieß aus dem gelungensten Portrait möglich wäre. Man sendet oder geht nun zum Sachwalter der Braut (ihrem Vater oder Vormund) und fragt, wie hoch man das Mägdlein im Preiße halte. Der Sachwalter oder Wekil begehrt aufs Mindeste, von einem Bräutigam mittleren Standes 1500 Riyals, oder nach unserm Gelde 390 Gulden als Morgengabe, der Abgeordnete des Purschen sagt das sey zu viel für ein Mädchen das kein eignes Haus und nicht viele Juwelen habe und bietet 500. Der Wekil äußert über das geringe Gebot sein lautstimmiges Erstaunen, läßt aber aus Gefälligkeit 100 Riyals an seiner Forderung nach und der andere legt eben so viel zu bis sie zuletzt in der Mitte, etwa bei 1000 Riyals oder 260 fl. zusammentreffen und eins werden. Reichere Leute fordern und empfangen übrigens auch größere Summen, ärmere eine geringere. An einem der nächsten Tage nach Abschluß des Handels geht dann, meist um Mittag der Bräutigam mit einigen Freunden ins Haus der Braut um dem Vekil die versprochene Morgengabe zu überbringen. Einen Theil hiervon behält indeß der Bräutigam in Händen; dieser wird der künftigen Frau, wenn der Mann früher stirbt oder wenn er sich von ihr scheidet, nachgezahlt. In Gegenwart zweier Moslim, als Zeugen, lassen sich der Bräutigam und der Vekil auf ein Knie nieder, reichen sich die Hände, deren Daumen sich aneinander lehnen und über welche man ein Tuch breitet. Hierbei werden Stellen aus dem Koran hergesagt, welche die Herrlichkeit des Ehestandes preisen; der Bräutigam verspricht vor den gegenwärtigen Zeugen seine künftige Frau gut zu versorgen und zu beschützen; alle Anwesenden sagen darauf »Preis sey Gott, dem Herrn aller Creaturen« und beten zum Beschluß ein Fathah. In der Regel muß jetzt der Bräutigam noch 6 bis 10 Tage warten bis er seine junge Braut sehen darf, in dieser Zeit schickt er ihr mehrmalen allerhand Eßwaaren und Süßigkeiten, auch wohl einen schönen Schawl; im Hauße der Braut aber macht man die Ausstattung fertig, zu welcher gewöhnlich die vom Bräutigam empfangene Summe und auch wohl noch mehr als diese betrug verwendet wird. Dies gilt indeß nur von bemittelteren Stadtleuten, denn bei den armen Fellahs oder Bauern behält der Vater des Mädchens die Kaufsumme desselben für sich und giebt nur etwas Korn oder sonstige Früchte des Landes dafür her. Wir haben es indeß jetzt nur mit den Städtern zu thun, bei denen es, wenn nun die Zeit des Heimholens der Braut naht, wozu man meist den Donnerstag oder Sonntag Abend wählt, gar lustig hergeht. Denn die Gegend der Stadt, wo der Bräutigam wohnt, ist öfters schon einige Abende vorher mit Laternen beleuchtet, an denen roth- und grünfarbige Fähnlein prangen; die Gäste werden allmählig eingeladen und kündigen ihre Bereitwilligkeit zum Fest zu kommen durch Geschenke an Zucker, Kaffee, Reis, Wachslichtern und andern solchen Sachen an, die man auf kupfernen Platten, mit schöngestickten Tüchern bedeckt über die Gasse ins Haus trägt. Zu gleicher Zeit lassen sich jetzt aber auch die Verwandten der Braut sehen; die Khatibeh (Unterhändlerin), die Vorsteherin des Bades und die Amme oder Wärterin des Mägdleins mit einem golddurchwirkten Tuche oder Schawl über der linken Schulter, reiten, von Musikanten begleitet, deren Tambourins und Trommeln weit durch die Straße tönen, umher und laden in allen befremdeten Häußern die Frauen ein, sie möchten die Braut auf ihrem Festzuge ins Bad begleiten. Für diesen Zug wird gewöhnlich einer der vorletzten Tage vor der Hochzeit bestimmt; die Braut vom Kopf bis zu den Füßen in einen scharlachrothen Schawl gehüllt, aus welchem dennoch hie und da der Schmuck der Juwelen hervorschimmert, reitet oder geht unter einem seidnen Baldachin, hinter ihr die Brautjungfern in weißseidnen Schawls, vor und nachher Musikanten, zwischen deren lautem Spiele man die sonderbar trillernden Jubeltöne der Frauen die den Zug begleiten oder ihm begegnen vernimmt, jene Jubeltöne, welche Zugharit genannt werden und die bei dem Hochzeitgepränge der Aermeren die Stelle der Musik vertreten. Das Bad, welches, wo die Umstände es erlauben für den heutigen Nachmittag ganz gemiethet und in Beschlag genommen ist, wird nun zu einem Ort der festlichen Belustigung, man ißt da, man trinkt Scherbet und Kaffee, man hört die lieblichen Gesänge der Almehs oder Sängerinnen, begiebt sich dann zum Abendessen ins Haus der Braut, und hört hier von neuem die Liebeslieder der Almehs. Zuletzt naht sich die Braut, mit einem Stücklein des färbenden Hhennateiges in der Hand, in welches die Freundinnen und Mitgenossinnen der Festlichkeit, jede ein Goldstück hineinstecken. Der Teig wird dann ins Wasser gelegt, das Geld herausgenommen, der Braut aber neuer Hhennabrei an ihre Hände gebunden um diese recht schön zu färben, darum heißt diese Nacht die Nacht der Hhenna (Leylet el Hhenna). Während dieser Zeit giebt man auch vor dem Hause des Bräutigams Musik und das Spiel der Possenreiser zum Besten und aus dem Lärmen des heutigen Tages kann man schon vorläufig einen Schluß machen auf den Lärmen und die Pracht des Zeffeh el Arusch oder Brautzuges, am Tage der Hochzeit. Dieser Zug nach dem Hauße des Bräutigams beginnt schon bald nach Mittag und geht so langsam und durch so viele Umwege vorwärts, daß er drei und mehrere Stunden dauert. Dabei zeigen unter dem Getöne der Musik und der Zugharits allerhand Gaukler und Klopffechter ihre Künste. Einige Stunden nach Sonnenuntergang begiebt sich der Bräutigam in die Moschee, um und mit ihm zahlreiche Begleiter mit brennenden Pechpfannen (Meschals) und Fackeln; auf dem Rückwege stimmt ein Chor der Sänger und Musikanten Loblieder des Propheten an. Jetzt bekommt der Bräutigam zuerst das Angesicht seiner Braut zu sehen und die lauten Jubeltriller der Frauen verkünden, daß er sie annehmen und behalten will. Die männlichen Gäste werden bei diesem Feste unten, in den Zimmern und Räumen des Erdgeschosses bewirthet; die weiblichen im oberen. Aber nun beginnt sogleich die Zeit der schweren Entsagung für die arme Neuvermählte. Sie darf, nach der strengeren Etikette der höheren Stände ihre Mutter und Verwandtinnen weder besuchen noch von ihnen besucht werden; nur der Vater darf sie sprechen; da wo sich im Hauße, wie dieß in vielen der besser eingerichteten der Fall ist, ein eignes Bad befindet, fällt auch jede andere Gelegenheit zum Verkehr mit den Freundinnen und Versorgerinnen der Kindheit hinweg; in manchen Häußern dauert diese Abscheidung so lange fort, bis das junge Weib zum ersten Male Mutter wird. Indeß ist das arme Kind fast ausschließend auf den Umgang ihrer Schwiegermutter, welche zugleich ihre Chamah oder Ehrenwächterin ist, und vielleicht einiger Sklavinnen beschränkt; der Mann, der selber meist dem ungezogenen Bubenalter noch kaum entwachsen, mancherlei Launen an ihr übt, kann wohl schwerlich ersetzen, was sie verlor. Oefters fällt es solch einem bubenhaften Männlein ein seine junge Frau (wenn diese noch nicht Hoffnung hat Mutter zu werden) zu verstoßen; diese kehrt dann mit dem für sie noch aufbehaltnen Theile des Brautschatzes und mit allem was sie mit sich ins Haus des Mannes brachte, ins Haus der Eltern zurück, muß aber dort drei Monate lang warten ehe sie sich wieder vermählen darf, weil öfters der Mann seine Uebereilung bereut und sie zurückfordert. Zweimal kann der Eheherr seine Frau verstoßen und wiederfordern, verstößt er sie zum dritten Male dann darf er sie nach der Ordnung des Islams nicht wieder nehmen, sie sey denn vorhin an einen Andern vermählt gewesen. Zuweilen spricht der junge Mann in der Aufwallung des Zorns: ich verstoße dich dreimal und dieß gilt dann eben so, als hätte er sie dreimal aus seinem Hauße verwiesen; er kann sie jetzt bloß wieder bekommen, wenn sie die Geschiedene oder Wittwe eines Andern geworden ist. Da jedoch auch in solchen Fällen die Reue zuweilen nachkommt, pflegt man irgend einen armen Diener des Haußes etwas dafür zu bezahlen, daß er die Verstoßene zur Frau nehme und am andern Tage sie wieder entlasse. Bei dieser Gelegenheit geschahe es auch einmal, daß ein armer, einäugiger Mann sich gegen eine versprochene Belohnung von vierzig Piastern eine solche junge, im Zorne dreimal verstoßene Frau anvermählen ließ; als man aber am Tage nach der Hochzeit von ihm verlangte, er solle sich wieder von ihr scheiden, antwortete er: »ich sehe nicht ein, warum ein Gläubiger seine Frau, mit welcher er in einer zwar kurzen, aber glücklichen Ehe gelebt hat, ohne Grund verstoßen sollte. Die Frau gefällt meinen Augen wohl; behaltet ihr eure vierzig Piaster und ich behalte mein Weib, welche weder eine Ungläubige noch eine Widerspenstige (Naschizeh) ist. Und was ist nun der Zeitvertreib, was die Beschäftigung und das Leben der armen Frau, in ihrem vergitterten Käfich? -- Wohl ihr, wenn sie, was übrigens bei dem geringeren Volke und selbst im Mittelstande meist der Fall seyn soll, die einzige oder doch wenigstens die erste und darum geehrteste Gemahlin, (die sogenannte große Frau: es Sitt el Kabireh) ihres Mannes ist und wenn der Mutterlosen nicht dieses Recht durch eine Nebenbuhlerin, welche den Erben gebahr, entzogen wird. Wenn dagegen, wie dies in den höheren und reicheren Häußern so oft der Fall ist, ein Kebsweib, die man hier Durrah oder Papagey nennt, oder vielleicht mehrere mit ihr die Gunst und Aufmerksamkeit des Mannes theilen, dessen Ehebruch leider durch das Gesetz gebilligt ist, dann ist das Loos der Vereinsamten ein sehr schweres, obgleich man, wo es möglich ist, dafür sorgt, daß jede der Frauen ihre besonderen Zimmer bewohnt. Wir wollen uns indeß den glücklichsten Fall denken, welcher der Neuvermählten von höherem Stande oder wenigstens durch ihre Verbindung in höheren Stand Gehobenen begegnen kann: jenen nämlich, daß sie bald zur Hoffnung gelange Mutter zu werden. Nicht bloß, daß sie dann der launige Gemahl nicht mehr verstoßen kann, beginnt auch für sie mit dem Mutterwerden ein ganz neues, schöneres Leben; die Geburt des Kindes ist ein Freudenfest für das ganze Haus, am meisten für die Mutter. Gleich am Morgen nach der Niederkunft verkündigt ein Chor der Tänzer oder Sänger, vor der Thüre des beglückten Haußes auch der Nachbarschaft was sich drinnen Angetragen habe. Bald sieht man Diener gehen, welche die bei solcher Gelegenheit häufig bereiteten Gerichte: das Muffetuckah, Kischk und Libaheh an die Nachbarn und Freunde austragen, auch wohl an die Armen vertheilen. Das erstere, das Muffetuckah, ein gar berühmtes Aegyptisches Gericht, wird in diesem Falle nicht wie in manchen andern aus zerstoßenen oder ausgehülsten, in Butter gerösteten Mistkäfern und Honig bereitet[5], sondern statt der Käfer nimmt man bloß geröstete Haselnüsse, Honig, Sesamöl (Sirei), ein wenig Semn oder zerlassene Butter und Gewürzkräuter; das Kischk ist eine dicke, mit Hühnerfleisch gedämpfte Waizengraupenbrühe; das Libaheh besteht aus gekrümmelten in Butter geröstetem Brod, mit Honig und Rosenwasser. Unter allerhand häuslichen Festlichkeiten kommt jetzt der Yom es Subua: der siebente Tag nach der Entbindung herbei, an welchem die Mutter Besuche von ihren Freundinnen, auch von ihrer, in manchen Fällen, seit der Vermählung nicht wieder gesehenen Mutter empfangen darf. Sängerinnen oder Koranbeter (die letztern im untern Theile des Hauses) sind zur Verherrlichung des Festes herbeigerufen; Kaffee und eingemachte Früchte, Scherbet und das Gericht Muffetuckah werden in Menge gespendet; die Wöchnerin sitzt zur guten Vorbedeutung, damit sie seiner bald wieder bedürfe, auf dem Stuhl der Dayeh oder Hebamme. Jetzt bringt man das Kindlein, eingehüllt in einen Schawl oder köstlichen Stoff; eine der dienenden Frauen nimmt den Hon oder ehernen Mörser und schlägt mit der Mörserkeule daran, damit das Kindlein sich frühe an lautes Getös gewöhne. Jetzt bringt man ein Sieb, darein legt man das Kind und schüttelt es ein wenig hin und her, denn das soll vortrefflich für den Magen seyn; dann trägt man es, wo deren mehrere sind, durch alle Zimmer des Harems, begleitet von einigen Weibern oder Mädchen, davon jede auf einem Teller mehrere, in Hhennateich steckende, angezündete Wachslichter trägt und zugleich streut die Dayeh oder Hebamme Salz, mit Schwarzkümmel gemischt auf den Boden jedes einzelnen Zimmers hin indem sie ausruft »el Milh si eyn el Hhasid« (das Salz in das Auge des Neidischen), ein Ausruf, welcher den giftigen Einfluß des mißgünstigen Auges der Durrahs oder andern Frauen auf das Kind verhindern soll. Die Frauen wissen auch schon wie man sich benehmen und was man sprechen muß, um jeden Verdacht, als habe man mit dem Auge Schaden gethan, von sich wegzulenken. Denn wenn jetzt das Kleine, aufgewickelt auf eine kleine Matratze oder einen silbernen Teller gelegt, ihnen gezeigt wird, sagen sie nicht, wie man etwa bei uns sagen würde: ei was ist das für ein hübsches Kind -- dieß wäre in Aegypten eine höchst gefährliche, giftige Rede, sondern sie schauen ihm ins Gesicht und sagen: »O Gott sey huldreich unserm Propheten Mohamed. -- Gott gebe dir langes Leben« und legen dann als Geschenk ein gesticktes Schnupftuch mit einer Goldmünze zu des Kindes Haupt. Auch der Dayeh, welche, wenn der Umzug durch das Harem geendigt ist, mit einem Gefäß voll Wasser, das sie die Nacht vorher zu den Häupten des Kindes gestellt hatte, umhergeht, werden von den anwesenden Frauen Geldstücklein zum Geschenk in das Wasser geworfen und hierauf begiebt man sich von neuem, beim Gesange der Alimehs, ans Essen und Trinken. Während denn die Frauen oben im Harem sich so ergötzen, hat auch der Mann unten eine Gesellschaft von Freunden bei sich, welche auf ihre Weise vergnügt ist. Wenn die Nifahs -- die vierzig Tage der Wöchnerinnen vollendet sind, besucht die junge Mutter zum ersten Male wieder, in Gesellschaft der Freundinnen und Verwandtinnen ein Badehaus. Sie ist nun zu Hauße glücklich und vergnügt mit ihrem Kinde. Denn im Allgemeinen kann man es wohl von den Aegyptierinnen sagen, daß sie zärtliche Mütter sind; ist es doch auch leicht vorauszusehen, daß das Herz einer Frau, die nichts Näheres und beständiger ihr Angehörendes hat als das Kind, sich mit ganz besondrer Stärke an dieses anketten müsse. Es ist ein Herkommen von gesetzlicher Gültigkeit, daß die Mütter ihre Kinder bis zur Vollendung des zweiten Jahres stillen müssen, wenn der Vater nicht selber ein früheres Entwöhnen, im 12ten oder 18ten Monat erlaubt. Der Tag der Entwöhnung, noch mehr aber jener, wo man dem Kind zum ersten Male sein Haar verschneidet, ist abermals ein Familienfest; man schlachtet ein Lamm, dessen Fleisch an die Armen vertheilt wird, oder giebt so viel an Gewicht Almosen, als das abgeschnittne Haar schwer war. Es dauert nun mehrere Jahre, dann kommt, wenn das Kind ein Knabe ist, ein neues Familienfest, eben so wichtig und pomphaft als das einer Hochzeit: das Fest des Sirafeh oder der Beschneidung. Der Knabe gelangt erst im 5ten oder 6ten Lebensjahr zu der Ehre ein Motahir zu werden, den man durch jene Ceremonie den Bekennern des Islams zugesellt. An diesem ersten öffentlichen Ehrentage seines Lebens ziert sein Haupt ein rother, mit dem Kaschemirschawl umwundener Turban, die übrige Kleidung ist mädchenhaft; vor den Mund hält er ein gesticktes, golddurchwirktes Schnupftuch. Eltern vom Mittelstande, um den Aufwand zu sparen, richten es gewöhnlich so ein, daß der Aufzug dieses Familienfestes mit dem Aufzug einer Braut aus einer befreundeten Familie zusammenfällt, dann zieht der kleine Motahir (zuweilen sogar zwei zugleich auf einem Esel oder Pferde) dem Brautzug voran, vor ihm aber schreitet, sehr prosaisch der Barbierknecht mit seinem Hheml oder kurzvierbeinigem Kasten auf den Schultern her; hinter dem Motahir gehen einige weibliche Verwandte. Bei den Kindern der Vornehmen, der Reichen und der Gelehrten von Kairo, zu denen auch die Fiki's oder Schulmeister gehören, ist jedoch die Ceremonie noch viel feierlicher. Da ziehen die Schulkameraden des Motahir, in ganz schönen, eignen oder zu diesem Ehrentag geborgten Kleidern kurz vor der Mittagsstunde in eine der drei großen Moscheen, wohin auch der Motahir mit seinen Verwandten sich verfügt. Selbst der prosaische Barbierknecht mit seinem Hheml stellt sich ein; man wartet das Mittagsgebet ab. Hierauf beginnt der Zug nach dem Elternhause des Motahirs; voraus der Barbierknecht, dann etliche Paare von Fickis oder Schulmeistern, welche das Muwesch Schah, einen Lobgesang auf den Propheten absingen; dann folgen, je zwei oder je vier die Schulknaben, welche in Wechselchören gegen einander singen: 1) o Nächte der Freude, Nächte der Wonne; 2) Wohlgefallen und Lieblichkeit wo Freunde einträchtiglich beisammen sind. 1) Sey huldreich o unser Gott dem hellscheinenden Lichte; 2) Mohamed (Achmed) dem Erwählten, dem Ersten der Apostel. -- Hinter dem Zug der Knabenchöre gehen die männlichen Verwandten des reichen Motahirs, dann folgen wieder sechs Knaben mit silbernen Flaschen in denen Rosen- und Orangenwasser enthalten ist, das sie auf die Begegnenden und Zuschauer sprützen, und mit einem silbernen Rauchfaß (Mibkarah), aus welchem köstliches Rauchwerk duftet. Zu ihnen ist ein Sackhah oder Wasserträger gesellt, welcher den Armen Wasser (meist versüßtes) austheilt, dann kommen einige Diener mit der Kaffeekanne im Kohlenbecken und einem silbernen Präsentirteller mit Tassen, welche einer von ihnen, so oft er dem Laden eines Kaufmannes und bemittelten Bürgersmannes sich nahet oder einem wohlhabend Gekleideten begegnet, vollschenkt und jenen darreicht, wofür er das Geschenk eines halben Piasters erwartet und annimmt. Nach den Kaffeespendern kommt wieder ein Knabe, der die schön aufgeschmückte Schreibtafel des kleinen Motahirs an seinem Nacken hängen hat, dann dieser selber in der Mitte zweier Knaben und dahinter die dem Hauße angehörigen oder sonst befreundeten Frauen, welche, wie bei Hochzeitszügen die Jubeltriller des Zugharit vernehmen lassen, während zugleich eine hinter ihnen drein geht, die beständig Salz, als Mittel gegen das mißgünstige Auge, herumstreut. Angelangt bei der Hausthüre der Eltern des Motahirs singen die Wechselchöre der Knaben: 1) du bist eine Sonne; 2) du bist der Mond; 1) du bist das Licht der Lichter; 2) o Mohamed, mein Freund, du mit den dunklen Augen. -- Ein Theil der Knaben geht nun mit hinauf in die Rubah, wo sie unter anderm auch den Dank an die Mutter singen, dessen ich schon früher gedachte; das Fest endet mit Geschenken an den Schulmeister, der dem kleinen Motahir schreiben und lesen lernte und durch eine Bewirthung der begleitenden Knaben mit allerhand Süßigkeiten; nach acht Tagen, wenn man den Motahir ins Bad führt, folgt abermals eine kleine Gastung. Indeß die Festlichkeiten sind nicht immer; wie die vielen Zwischenzeiten in der langen Weile des Harems ausgefüllt werden mögen, das ist kaum zu begreifen. Doch kann man in dieser Beziehung den Kahirinerinnen im Allgemeinen zu ihrem Lobe nachsagen, daß sie sich zu beschäftigen und dadurch zu unterhalten wissen. Abgesehen von den Aermeren, welche die Noth zum arbeiten treibt, nehmen viele, auch der Wohlhabenderen, sich selber des Hauswesens und der Küche an, und man rühmt ihre Geschicklichkeit in der Kochkunst. Ich muß Dir doch, die Du selber in dieser Kunst Meisterin bist, Einiges aus den Küchengeheimnissen der hiesigen Frauen verrathen und Dir als Laye etliche Gerichte nennen, deren einige, wenn man sie genauer zu beschreiben wüßte, wohl werth wären, daß sie Freund v. Rumor in sein originelles Kochbuch aufnähme. Man kocht eigentlich in den Häußern, auch der hiesigen bemittelten Bewohner, täglich nur einmal, zum Ascha oder Abendessen, das man kurz nach Sonnenuntergang zu sich nimmt; das was von dieser Hauptmahlzeit des Tages übrig bleibt, wird zum Ghuda oder Mittagsessen für den andern Tag benutzt. Eine der gewöhnlichsten Speisen, die man auch bei den Garköchen häufig zu sehen und zu genießen bekommt ist das Kebab: Lammfleisch das in kleinen Stückchen am Spieß gebraten ist; Yucknih nennt man ein gedämpftes Fleisch mit einer Zwiebelsauce oder auch mit einer durch Annab (Jujuben) und Zucker versüßten Brühe; ein wohlschmeckendes und leicht verdauliches Essen ist das Waruck Mahschih, eine Art von Kohl- oder Endivienblättern, die man mit einer angenehm gewürzten Mischung von gehacktem Fleisch und Reis gefüllt hat. Man füllt dieses Maschih auch in kleine Kürbisse oder Karakusch. Ueberhaupt liebt die Aegyptische Kochkunst die wechselseitige Ueberkleidung, jetzt der Gaben des Pflanzenreiches mit denen des Tierreiches, dann wieder umgekehrt dieser durch jene, denn nicht selten kommen Hühner oder Aegyptische Enten aus denen man die Knochen herausnahm mit Rosinen, Pistazien, gekrümelten Brod und Petersilie gefüllt, auch wohl ganze Lämmer mit Pistazien ausgestopft auf die Tafel, dazu noch Kunafeh oder Nudeln, versüßt mit Honig und Zucker mit Rosenwasser, oder die süße, aus gekochten Rosinen und etwas Rosenwasser bereitete Sauçe Khuschaf. So ungewohnt auch unserm Gaumen und Magen diese beständig in der Küche des Orients wiederkehrenden Süßigkeiten sind, erschienen sie mir doch erträglicher als die Badingans oder Früchte von verschiedenen Solanumarten und die schleimigen Fruchtkapseln des eßbaren Hibisch (+Hibiscus esculentus+) oder die Bamiyehs. Denn das Süße hat in der Regel durch einen Zusatz des Gewürzhaften einen ernsteren Charakter angenommen und stimmt bei einem Volke, dem der Wein und alle geistige Getränke versagt sind, gut zum Wasser und bittern Kaffee, weshalb man auch ohne Ueberdruß zu empfinden nach dem Genuß der süßen Gerichte noch den Scharab el tut (Scherbet von schwarzen Maulbeeren) oder den grünlichen Veilchenscherbet (Scharab el benefseg) und die liebliche Dattelnconserve zu kosten vermag oder andre Arten des Scherbet und der eingemachten Früchte, auf deren Zubereitung die Araberinnen sich meisterhaft verstehen[6]. Alles muß hier wo möglich sehr weich und leicht zertheilbar bereitet seyn; denn da man sich beim Essen keiner Messer und Gabeln und auch beim Zerlegen, z. B. der Hühner nur der Hände bedient, indem der Eine diesen der Andre jenen Fuß oder Flügel anfaßt und beide zugleich, mit geschickter, schneller Wendung diese Theile ablösen, würde ein Gericht, das nicht vollkommen weich wäre, nicht gut auf den Tisch des Kahirinischen Bürgers passen. Uebrigens mußt Du dir, um dieß im Vorbeigehen zu erwähnen, die hiesige Art zu essen, ohne Messer und Gabel, ja zum Theil ohne Löffel, dessen Stelle dann ein Stücklein rinnenartig zusammengebogenes Kuchenbrod vertritt, nicht so gar abschreckend vorstellen. Ehe man sich zur Mahlzeit niederkauert wird jedem der Gäste das Tischt und das Ibrick gereicht; jenes ist ein musterhaft eingerichtetes (metallenes) Waschbecken mit doppeltem Boden, davon der obere, etwas gewölbte, siebartig durchlöchert ist, so daß das Wasser durch ihn abfließt auf den untern Boden; das andre ist eine Wasserkanne aus welcher der Diener, indem er dem Gast zugleich ein Stück Seife darreicht, Wasser auf die Hände schüttet, dann das Handtuch (Futah) zum Abtrocknen hingiebt. So pflegt der Morgenländer überall, wo er es haben kann, sich vor und nach dem Essen mit Wasser und Seife zu waschen und in der Wüste dient ihm der Sand zur Reinigung. Es gewährt eine eigne Unterhaltung den hiesigen wohlhabenden Bürgersmann essen zu sehen. In einigen Haushaltungen speißt der Hausvater mit all den Seinigen; in andren, und nur bei solchen kann der Europäer Augenzeuge seyn, essen die Männer in ihrem untern Zimmer allein; die Frauen und kleinen Kinder halten ihre Mahlzeit oben im Harem. Wo nur Wenige zusammenessen sitzt man mit untergeschlagenen Beinen auf dem Divan oder der Matratze; wo Mehrere, da wird der niedre Tischschemel oder Kursi, von dem ich schon sprach, mehr in die Mitte der Zimmerbühne (Liwan) hingestellt, die runde Platte (Siniyeh) darauf gelegt und nun ist der kleine Eßtisch oder Sufrah, an welchem auf unsre Weise zu sitzen kaum drei Personen Raum hätten, für neun bis zehn Gäste bereit. Jetzt legt der Diener oder Sohn des Haußes die kuchenartigen Brode und Stücklein zerschnittner Zitronen hin, dazu hie und da Löffel von Buxbaum oder Elfenbein, dann bringt man auf kupfernen oder irdenen Platten die Gerichte. Die Gäste lassen sich auf das linke Knie nieder, auf dem rechten, stehenden, liegt die Serviette, man streift die Aermel auf, der Hausherr sagt Bis millah (in Gottes Namen) und fängt zuerst an zu essen, dann die Gäste. Kommt ein Fremder dazu, so lädt ihn der Wirth mit den Worten »tasud-dal« iß mit mir, ein, Jener, wenn er nicht mitessen will, muß darauf antworten »Heni an« (möge es wohl bekommen) und darf ja den Leuten nicht zu sehr in die Schüssel oder auf den Mund sehen, weil man sonst gleich die Gefahr vor dem mißgünstigen Auge fürchten würde. Bei und nach dem Essen kommen die Trinkschalen mit Nilwasser, das durch die Poren der Krüge hindurchgeseiht und durch die schnelle Abdünstung der feuchten Oberfläche angenehm gekühlt, dabei auch noch mit Orangenblüthwasser versetzt ist. Man sagt zu dem, welcher trinkt heni an, (unser »wohl bekomm es«) und Allah-jehen-nik, Gott segne dirs. Zum essen bedient man sich immer nur der rechten Hand; mit Hülfe eines halb zusammengerollten Stückes Brod oder des Löffels holt man sich einen Theil des Gerichtes aus der Schüssel heraus, legt es auf eine Brodscheibe und genießt es so. Sobald einer fertig ist mit dem essen sagt er El hamdu lillah (Preis sey Gott), steht auf und geht davon. Einige Neugläubige von höherem Stande trinken dann wohl auch, wenn die Andern sich entfernt haben, Wein; eine Sitte welche mehr und mehr überhand nimmt. Wie ich vorhin die Geschicklichkeit mancher (doch nicht aller und vielleicht auch nicht der meisten) Bürgerinnen der ägyptischen Hauptstadt in der Kochkunst rühmte so muß ich auch noch jener in manchen weiblichen Arbeiten, besonders im Nähen und im Sticken der schönen, bunten, golddurchwirkten Schnupftücher und Tabaksbeutel gedenken, die man so oft in den morgenländischen Kaufmannsläden sieht. Die Katibeh oder Unterhändlerin, welche die Einkünfte für das Harem besorgt, übernimmt zugleich die Ausführung und den Verkauf der in ihm gefertigten Arbeiten. Zuweilen verräth sich in solchen Arbeiten eine gute natürliche Anlage zum Zeichnen. Auch Musik und Gesang übt das arme, eingekerkerte Volk, es vergnügt sich, wenn es unter sich ist beim Schall der Darabuckeh (Trommel) und des Tar (Tambourins) mit Tanzen; viele rauchen Tabak aus eleganten Pfeifen mit korallenen Mundstücken oder sie kauen Ladanum. Der Besuch der Bäder von denen manche bloß für Frauen, andre wenigstens am Nachmittag ausschließend für dieselben bestimmt sind, ist für jene Weiber und Töchter, denen die Hausherrn ihn gestatten, ein großes Vergnügen; eben so der gegenseitige Besuch der Frauen eines Harems bei denen eines andern, wobei die Leutlein öfters einen ganzen Tag ungestört sich ihrem Vergnügen überlassen können, da selbst der Herr des Haußes dann keinen freien Zutritt in die Gemächer seines Harems hat. Aber bei alle dem frage ich nochmals, wie füllt sich der edle Menschengeist, der sich ja in seinem unabweisbaren Sehnen nach einer ewigen und geistigen Befriedigung überall gleich bleibt, bei jenen armen Eingeschlossenen den Mangel aus, zu dem er von der Geburt seines Leibes an verurtheilt ist? Eigentlich sind wir Alle, so lange wir im Leibe wallen eingeschlossen in einem zerbrechlichen Hauße, das über und neben sich, auf allen Seiten von einer ewigen und unvergänglichen Welt der geistigen Kräfte umgeben ist, welche, wie die Luft, in das Häuslein hereindringt. Bei einigen der Eingeschlossenen ist das innre Auge für die Welt des geistigen geöffnet; das Haus worinnen sie wohnen hat Fenster, durch welche man bemerken kann was draussen sich bewegt und sehen wer die sind, deren Stimmen man bald näher, bald ferner drinnen vernimmt. Wo aber nun, wie bei den verarmten Seelen der vernachläßigten Frauen der Moslemen das kerkerartige Haus gar kein Fenster hat durch das man hinausblicken kann, da hört man wohl drinnen die Töne und Stimmen der großen Welt die das Gehäuße umgiebt, aber das Rollen des Donners im hohen Gewölk des Himmels wird für ein Rasseln auf der Straße gehalten; zu den Stimmen denkt man sich Gestalten, welche von den wirklichen die draussen wandeln sehr verschieden sind. Und so ergeht es den Moslemen, vor allem ihren Frauen, mit jener oberen, allen Menschenseelen nahen Welt des Geistigen, in welche uns der Glaube den Blick eröffnet; diese wird ihnen, weil sie dieselbe nicht sehen, sondern bloß die mannichfachen, dem Ohr verworren erscheinenden Töne und Stimmen derselben hören, zu einer Welt des Gespenstigen. Das was noch fast allein eine Art von geistigem Reiz und Aufregung in den dumpfen, blos auf das Sinnliche beschränkten Kreis der Vorstellungen der hiesigen weiblichen Seelen hineinbringen kann, ist der Aberglaube an eine Welt der Genien und magischen Kräfte, welche gleichsam vor allen Thüren steht und anklopft; bereit alsbald hereinzudringen, sobald sich, mit oder ohne unsern Willen die Thüre öffnet. Dort, die hohen Pyramiden und alle die riesenhaften Werke des Aegyptischen Alterthumes, welche man in der Umgegend von Kairo und anderwärts sieht, sind nach der Meinung des Volkes durch den Riesenkönig Gan Ibn Gan erbaut, den letzten Herrscher eines geisterhaften Geschlechtes der Dschinn oder Genien, welches vor Erschaffung des Adam auf der Erde wohnte und waltete[7]. Das Geschlecht der Genien, das seiner Natur nach zwischen den Menschen und Engeln mitten innen steht, und nicht wie der Mensch aus Erde, sondern aus Feuer geschaffen wurde, ist keineswegs ausgestorben, sondern es wandelt noch immer, bald sichtbar bald ungesehen unter den Menschen herum, denn es ist ihm die Macht verliehen, jetzt sich unsichtbar zu machen, dann aber die Gestalt von Menschen, von Thieren oder allerhand Ungeheuern anzunehmen. Seinen Hauptsitz hat das Reich der Genien auf und in dem Gebirge Kaf, das die Ebene des Erdkreises gegen den Ozean hin umgürtet; viele von ihnen, und zwar meist nicht die gutartigen, bewohnen als Effrieds oder Gespenster das Innere der Pyramiden, der Gräber und andrer alter Gebäude, so wie die dunklen und unreinen Stellen der Wohnhäußer. Da sie aber auf den Wirbelwinden reiten und mit der Schnelle des Blitzes sich fortbewegen können, ist man nirgends und in keinem Augenblick vor ihrer Annäherung sicher. Die Genien essen und trinken; sie vermählen sich sowohl unter einander als mit Menschen, und erhalten hierdurch ihr Geschlecht fortdauernd auf der Erde; sie sind auch wie wir Menschen dem Tode unterworfen, nur mit dem Unterschiede, daß ihr Leben Jahrhunderte, statt der einzelnen Jahrzehnte des unsrigen dauert. Ein Theil dieser halb geisterhaften Wesen bekennt sich zum Islam und dieser ist den Gläubigen hold; ein andrer Theil ist ungläubig, dieser ist von zweideutiger oder selbst von Gefahr drohender Natur und öfters schleudert die Gottheit gegen diese Abtrünnigen ihre Geschosse, die man bei Nacht als Sternschnuppen herabfahren sieht. Da man niemals wissen kann, ob nicht ein Dschinni in unsrer Nähe ist, welcher uns sieht, obgleich man ihn nicht bemerkt, muß man sich sehr in Acht nehmen ein solches gar leicht zu reizendes Feuerwesen zu verletzen. Wenn deshalb der Ofenheizer eines Bades oder einer Bäckerei mit seinem Werkzeug in das Ofenloch hineinstößt, oder wenn einer das Messer oder Beil in die Höhe hebt, versäumt er nicht vorher zu rufen destur (mit Verlaub oder Entschuldigung); wenn der Lastträger seine Last zu Boden wirft, ja wenn man nur Wasser oder besonders wenn man Unreinigkeiten ausschüttet sagt man destur, damit ja nicht etwa ein solcher Unsichtbarer verletzt oder beschmutzt werde. Denn diese lassen es oft darauf ankommen; sie weichen dem Unhöflichen, der sich nicht bei ihnen entschuldigt, absichtlich nicht aus, lassen sich lieber ein wenig quetschen oder beschmutzen, nur um eine Ursache der Feindseligkeit gegen den Menschen zu finden. Und wer kann wissen unter welcher Gestalt er einen Genius bei sich im Hauße hat. Besonders als schwarze Katzen finden sie sich öfters in den Wohnungen ein; man hat zuweilen eine solche Katze lange, hält sie immer für eine gewöhnliche, auf einmal, wenn sie gelegentlich bei der Nacht Besuche von ihres Gleichen empfängt, hört man, daß die vermeintlichen Thiere unter einander reden wie Menschen; doch von so gräßlichen, gespenstischen Dingen, daß einem die Haare zu Berge stehen; das beste Mittel einen solchen Gast, wenn man ihn entdeckt hat, los zu werden ist es, wenn man ihn höflich ersucht, er möge doch einen und den andern Schatz aus den verborgenen Grüften des Gan Ibn Gan ins Haus bringen; er merkt dann ohne doch eigentlich beleidigt worden zu seyn, daß er entdeckt ist, verschwindet und läßt sich niemals wieder sehen. Hat doch jedes Stadtviertel seinen eigenen Trutz- und Schutzgenius oder Agathodämon, der sich meist in die Form einer Schlange verkleidet und manche Frau glaubte schon einen lieblich singenden Vogel vor oder in ihrem Zimmer zu hegen, der sich auf einmal durch Wort und Handlung als ein Dschenni kund that. Ein Hauptzeitpunkt im Jahre, an welchem die Genien, vor allem die mildthätigen und guten den Gläubigen erscheinen und sie beglücken, sind die ersten zehn Tage des ersten Monates: des Moharrems. In früherer Zeit als noch der alte Sarcophag, den die Franzosen von dort hinwegnahmen und der sich jetzt im Brittischen Museum befindet, in der Gasse es Salibeh, im südlichen Stadtviertel stund, hielten die Dschinn vor jenem Sarcophagen in den ersten zehn Tagen des Jahres einen Markt, wo sie, in Gestalt gewöhnlicher Fakihanis oder Fruchtverkäufer, oder als Zeijats die mit Butter, Käse, Honig und Oel handeln, manchen Menschen sichtbar wurden. Wer so glücklich war, diese Handelsleute zu sehen und bei ihnen zu kaufen; der fand beim Hinwegtragen seiner Waaren diese auf einmal, wie in dem Mährchen vom Rübezahl, in Gold verwandelt. In andern Fällen machen es jene wohlthätigen Halbgeister den Menschen, die sie bereichern wollen, noch leichter, indem sie ihnen ihre Gaben, besonders am Tage des Aschr, wo jeder Gläubige reichlich Almosen giebt (und sie sind ja auch zum Theil Gläubige) selber ins Haus bringen. Einige kommen dann bei stiller Nacht in Gestalt eines Bughlet oder Maulesels, der sein Annähern durch den Klang der Schellen zu erkennen giebt, mit denen er behängt ist. Man schaut hinaus vor die Thür; aber wer nicht Muth hat der fährt zurück, denn am Sattel des Maulesels hängt das Haupt eines todten Mannes. Wer jedoch entschlossen genug ist der packt getrost die Ladung des Thieres ab, denn seine beiden Satteltaschen sind gefüllt mit Gold, statt dessen der Empfänger Kleien oder Spreu hineinfüllt und den guten Buglet laufen läßt. Auch als Sack-cka oder Wasserträger klopft der Genius in jener Nacht an die Zimmerthür, fragt wohin er das Wasser schütten solle und man sagt getrost: »in den großen Krug,« denn am andern Morgen findet man in diesem eine reiche Ladung Goldes. Man hat zuweilen behauptet, die Bewohner der südlicheren, mehr vom hellen Tage bestrahlten Länder, wären der Furcht vor dem nächtlichen Spuck der Gespenster weniger unterworfen, als die Bewohner des dämmernden Nordens. Auf die Aegypter wenigstens paßt diese Behauptung nicht, denn diese glauben stärker denn unsre Nordländer an das Erscheinen der Efrids, unter denen auch die Seelen verstorbener Menschen begriffen sind; an Vampyre oder Menschenfresser (Guhls) und ähnliche Spuckgeschichten. Und was ist im Grunde die Furcht vor der Wirkung des mißgünstigen Auges anders, als eine gespenstige. Darf doch keiner ein Kind oder ein schönes Kamel, oder edles Füllen nur scharf ansehen ohne daß man die Vergiftung durch sein Auge fürchtet; niemand darf sich des Ausdrucks bedienen, dies ist schön, sondern Mesch allah, »der Wille Gottes.« Eine Frau bewunderte in ihrer Einfalt zwei ungewöhnlich große Wasserkrüge, die ein Kamel trug, und sogleich fiel der eine davon herunter und zerbrach; ein andrer bewunderte die schöne Schischi (ein Apparat zum Tabakrauchen, bei welchem der Rauch durch das Wasser einer Glaskugel hindurchgeleitet wird) seines Nachbarn, und das Glas zersprang. Als in neuerer Zeit die Metzger zum Theil ihr Fleisch auf europäische Weise heraushiengen um es den Käufern zu zeigen, wollten viele Gläubige keines kaufen, weil es durch die magische Kraft des Auges eines vorübergehenden Hungrigen schädlich könne geworden seyn. Gute Mittel nun, gegen das Beschreien oder Vergiften durch Blick und Rede sind die Amulete, die man nicht bloß den Menschen sondern auch den Thieren anhängt. Ein solcher Talisman sind die sieben Namen der Siebenschläfer und ihres Hundes, die man deshalb auch auf die kupfernen Teller, Tischplatten und Trinkschalen schreibt; ein andres probates Mittel ist ein Verzeichniß von dem Nachlaß des Propheten Mohamed, in welchem namentlich seine beiden Sebhhahs oder Rosenkränze, das Büchschen mit dem schwarzen Augenpulver, der weiße Maulesel Dul-Dul und das Leibkamel Abda aufgeführt sind. Nächst diesen ein Verzeichniß der 99 Eigenschaften Gottes; Stücke aus dem Koran, oder wenn mans haben kann ein Muschhaf, das heißt eine Abschrift des ganzen Buches. Bei Kamelen sollen die sogenannten Otternköpfchen (die kleinen Kauriscypräen) die man auch bei uns am Geschirre der Pferde sieht, vor dem Beschreien schützen, dessen schon beginnende Folgen durch das Räuchern mit Mejah oder Storax, der unter gewissen Ceremonien gekauft und gesegnet war, so wie selbst mit verbrennenden Lumpen wenigstens gelindert, wo nicht gar gehoben werden. Außerdem giebt es hier noch eine unzählige Menge abergläubischer Gebräuche, die man ganz öffentlich kann üben sehen, und welche gegen Augenkrankheiten, gegen Schwäche der kleinen Kinder in den Füßen, sowie gegen viele andre Krankheiten helfen sollen. Und wer unter den Moslims der Hauptstadt sollte nicht von den Wunderkräften des heiligen Wassers aus dem Brunnen Zem Zem in Medina, so wie der kleinen Pasten, ähnlich denen unsrer +terra sigillata+, gehört haben, welche aus dem Staub vom Grabe des Propheten und aus dem Speichel der dortigen Imams bereitet werden und die, wenn man sie ißt, von großer heilender Wirkung sind. Beide Mittel, so wie mehrere ähnliche, bringen die Hadschis von ihrer Pilgerreise nach Mekka mit. Auch die Aloëpflanze, die man öfters vor den Hausthüren aufgehängt sieht, wo sie dann, auch vom Boden getrennt und entwurzelt noch mehrere Jahre grünt und sogar blüht, ist nicht bloß in der Blumensprache des Morgenländers ein Sinnbild der Gedult, weil sie bitter, aber auch unversiegbar an innerer Lebenskraft ist wie die Gedult; sondern sie trägt auch für den im Hauße wohnenden zur Lebensverlängerung das ihrige bei. Eine den Giften widerstehende Kraft wird dem Rhinozeroshorn zugeschrieben. Und wenn man nun vollends alle die magischen Künste erwähnen wollte, wodurch man das Verborgene und Zukünftige erräth oder einen Blick in weite Ferne empfängt, Todte beschwört und das Bild der Lebendigen, auch wenn sie in fernen Lande wohnen, klar und deutlich vors Auge ruft, dann könnte man lange erzählen. Viele dieser Künste scheinen schon in uralter Zeit ihren Ursprung und ihr Vaterland in Aegypten gehabt zu haben, aus welchem sie, in verschiednen Formen, über andre Länder sich verbreiteten. Dahin gehört die Anwendung der Punktirtafeln, das Geschäft der Traumausleger und der Tagewähler, welche nicht bloß, was alles Volk weiß, den Sonnabend jeder Woche für einen ungünstigen zum Beginnen oder Verrichten eines bedeutenden Geschäftes, und namentlich den letzten Mittwoch im Monat Sufar für einen so unglückbringenden halten, daß es rathsam wäre an diesem Tage gar nicht auszugehen; sondern welche nach ihrer großen Kunst auch für andre, gemeine Tage die Voraussicht stellen, ob sie Glück oder Unglück bringend seyn könnten. Ein hiesiger, noch immer fort sich erhaltender Stand solcher Tausendkünstler erinnert übrigens wirklich, durch seine schwer zu erklärenden und zu begreifenden Fertigkeiten an die Seher, Geisterbeschwörer und Zauberer des frühesten Alterthumes. Von diesen habe ich in Kairo Dinge berichten hören, die ich kaum nacherzählen möchte, wenn nicht ein trefflicher Beobachter und Kenner der jetzigen Aegypter, der Engländer Lean beinahe dieselben oder ganz ähnliche Thatsachen bekannt gemacht hätte. Ohne hier ins Einzelne gehen zu können erwähne ich nur daß diese Leute bei ihren Beschwörungen sich einer Art von Spiegel bedienen, der in der Regel nur eine schwarze Flüssigkeit ist, welche in die Hand eines unschuldigen Knäbleins, oder einer Jungfrau oder einer Mutter, die in der Hoffnung ist, geschüttet wird; denn nur auf diese drei eben genannten Arten von Personen kann die Sehergabe übergetragen werden. Dem Knaben oder wer sonst die Erscheinung sehen soll, wird geboten unverwandt in diese spiegelnde Flüssigkeit hineinzuschauen. Wenn dann der Geisterbeschwörer seine vorbereitenden Künste gemacht hat, unter welche auch starke Räucherungen gehören, fragt er den Knaben ob er nichts sehe? Das erste Gesicht, was diese Frage nach einigen Augenblicken hervorruft, ist die Erscheinung eines Mannes der mit einem Besen den Boden kehrt. Eine junge Engländerin, die aus Neugier sich den Ceremonien des Geisterbeschwörers unterworfen hatte, erblickte auch in dem Spiegel der Tinte, welche der Beschwörer ihr in die rechte Hand geschüttet hatte, einen Besen welcher kehrte, erschrak aber hierüber so heftig, daß sie die Tinte wegschüttete und davon lief, und auch die kleinen Knaben, welche man willkührlich von der Gasse hereinruft und zum Geschäft des »Sehens« gebraucht, pflegen bei dieser ersten Erscheinung zu erschrecken und zu zittern. Hierauf nennt der Magier seinem Seher allerhand diesem wohlbekannte Dinge, Fahnen, Zelte, Soldaten, Leute welche einen Ochsen schlachten und sein Fleisch verzehren, und indem er die Bilder dieser Dinge in der Phantasie des Kindes aufregt, läßt er sie wie im Spiegel der Tinte erscheinend sehen. Wenn auf diese Weise der Rapport zwischen dem Geisterbeschwörer und dem Seher bis zu einem gewissen Grad gesteigert ist, heißt jener die Anwesenden eine (ihnen bekannte) nahe oder weit entfernte, lebende oder verstorbene Person nennen, von welcher sie wünschen, daß sie sich im Spiegel zeigen solle. Einer nannte den berühmten Nelson und als der Knabe, nach einigen vergeblichen Versuchen den ihm ganz fremden Namen nachgesprochen hatte, sahe er eine Gestalt im Spiegel die er so beschrieb, daß man sogleich Nelson in ihr erkennen mußte, nur daß er dieselbe in jener Stellung erblickte, wie man sich selber oder andre Gegenstände im Spiegel sieht, so daß das was rechts ist links erscheint. Denn er berichtete, daß dem Manne im Spiegel der linke Arm fehle und der linke Ermel über die Brust gelegt sey; während Nelson den rechten Arm verloren hatte und gewöhnlich den rechten Ermel über die Brust angesteckt trug. In einem andern Falle beschrieb ein solcher Seherknabe den Vater eines an der ganzen Sache ungläubigen, anwesenden Engländers, den außer dem Frager Keiner unter allen Gegenwärtigen kannte, so genau mit seinem steifen Knie, mit seiner, wegen des fast beständigen Kopfwehes vor die Stirne gehaltenen Hand, daß jener die Thatsache, so unglaublich sie ihm war, nicht mehr läugnen konnte. Ich halte dafür, daß in solchen Fällen etwas Aehnliches geschehe, als bei den Erscheinungen des magnetischen Hellsehens: die Gedanken und Vorstellungen der einen Seele werden in den Kreis der Wahrnehmungen der andern hinübergetragen, so daß diese das, was bei jener ein Innerliches ist wie etwas Aeußerliches erscheinen sieht. Dieß mag auch noch für solche Fälle gelten in welchen, wie dieß einst im Hauße des Generalconsul Salt geschahe, von dem Seherknaben der Thäter eines vor Kurzem verübten Diebstahles so genau beschrieben wurde, daß der, welcher die Frage nach dem Dieb stellte, ihn erkannte, denn vermutlich war das Bild der verdächtigen Person ganz so in der Seele des Fragenden, oder auch des Magiers, wie der Seher in seiner Hand es abgespiegelt erblickte. Auch jene Aeußerungen des Ferngesichts, durch welche es dem Schwarzkünstler möglich wird das genau anzugeben, was eben jetzt in dem entfernten Hauße und in der Familie eines der Anwesenden geschieht, lassen sich an schon bekannte Erscheinungen des Hellsehens anreihen; manche andre Dinge aber, die auf eine reelle, sinnlich sich äußernde Wirkung in die Ferne hindeuten, gehören zu einem nicht leicht erklärbaren Kreise, der uns in der Geschichte der »Zaubereien« des Alterthums nicht selten begegnet. Alle solche Dinge, behaupten die Magier, geschähen durch den Beistand und die Hülfe der guten oder der bösen Genien, deren Hülfe sie anrufen, wobei sie häufig, erinnernd an ein verwandtes Verfahren bei den sympathetischen Kuren, welche unser Volk verrichtet, aufgeschriebene Sprüche aus dem Koran anwenden. Es werden wenig Haushaltungen in Kairo seyn, wo nicht im Harem, unter den Frauen, denn da treiben solche Phantasieen ganz vorzüglich ihr Spiel, ein und der andre talismanische, von allerhand abwehrenden oder heilenden Kräften besessene magische Zettel aufbewahrt und bei Gelegenheit gebraucht würde. So haben sich hier die Menschenseelen in ihrer geistigen Wüste statt einer wahren Welt eine Scheinwelt erschaffen, ähnlich jener der Fata morgana, welche dem getäuschten Auge des durstigen Wanderers in der leiblichen Wüste Bilder von Wasserströmen und Teichen, beschattet von üppig grünenden Bäumen vorstellt, die, wenn er sich ihnen nahen und an ihnen erquicken will, alsbald zerrinnen und verschwinden. In der That diese Mittelwelt der Genien ist der träumenden Seele ein dürftiger Ersatz für die Welt der Seligen und Engel, wohin vielleicht die armen Frauen auch keinen sonderlichen Zug haben können, wenn der Koran ihnen lehrt, daß sie auch da jenseits die Liebe des Gemahles mit 72 himmlisch-schönen Jungfrauen des Paradieses theilen werden, welche dort jeden Gläubigen begleiten, und wenn auf diese Weise ihr armes Herz niemals zu der Hoffnung eines Zustandes sich erheben lernt, wo nicht mehr seyn wird freien noch sich freien lassen. So bedauernswürdig ich jedoch auch durch und durch die Frauen der hiesigen Moslemen finde, scheinen sie mir dennoch durch Eines glücklich: durch die Liebe ihrer Kinder, besonders durch die der Söhne, in deren Hauße und Pflege sie nach dem Tode des Vaters bleiben. Die treue Erfüllung des vierten Gebotes ist einer der wenigen gesunden Flecken im Glauben und Leben der Bekenner des Islam, und wie ich an eine unausbleibliche, wörtliche Erfüllung der mit dem Gesetz zugleich gegebenen Verheißungen glaube, so bin ich überzeugt, daß die Moslemen, wenn es ihnen, wie die Erfahrung lehrt, in allen Ländern die sie eingenommen haben noch immer so andauernd äußerlich wohl ergeht, hierbei die Kraft der Verheißung zu genießen haben, welche dem treuen Gehorsam gegen das vierte Gebot, »du sollst Vater und Mutter ehren,« beigefügt ist. Der Ungehorsam gegen die Eltern wird für eine eben so große Sünde gehalten als Götzendienst, Mord, Meineid, Berauben der Waisen und Flucht im heiligen Kriege. Die Söhne, auch der bemittelten und vornehmeren Eltern sitzen, essen, rauchen nie in Gegenwart ihres Vaters bis dieser es ihnen geheißen. Besonders pflegt die Aussaat der Liebe, welche die einsame Mutter dem Kinde, das ja lange Zeit ihre einzige Unterhaltung und Freude war, in den ersten Lebensjahren erwieß, im späteren Alter Früchte der zärtlichsten Erwiederung zu tragen und mein Freund Lieder erzählte mir, daß ein hiesiger, in ansehnlichem Amte stehender Mann seine Eltern, die von geringem Stande sind, nicht bloß täglich besuche und reichlich versorge, sondern auch ohngeachtet seines hohen Standes, niemals sich setze, bis die Eltern mehrmalen ihn dazu eingeladen haben, ja daß er dann mit kindlicher Bescheidenheit und Gedult, so weit er es kann, alle neugierigen Fragen der alten Mutter beantwortet und ihre Bemerkungen mit Achtung anhört. So fällt doch wenigstens auf die letzten Lebenstage der hiesigen Mütter ein erquickender Abendsonnenstrahl der Liebe, der, wenn sie seine Bedeutung recht verstünden, ihnen Zeugniß geben könnte von dem Daseyn einer Liebe, welche über dem aufgehenden, künftigen Leben als Morgenglanz leuchtet. Die Mutter ist glücklich in und durch ihren Sohn. Darum kann mich die Geschichte jener kinderlosen Wittwe in Kairo ganz rühren, die ihr verarmtes Herz an ein treues Hündlein gehangen hatte, das sie wie ein Kind des Hauses pflegte. Das Hündlein stirbt; ihr scheint der Gedanke unerträglich, daß es wie andre todte Hunde hingeworfen und den Geiern zur Speise werden sollte, sie bestellt eine Bahre, miethet einige blinde Jemenijehs und eine Anzahl Schulknaben die vor dem Sarge hergehen und singen; sie selber, mit einigen gemietheten Klageweibern geht hinter der Bahre her und jammert. Da begegnet dem Leichenzuge eine Nachbarin. -- Wen willst du begraben, fragt diese? -- Ach mein armes Kind, antwortet die Andere. Die Nachbarin aber, welche wußte daß die Wittwe kinderlos sey, entdeckt den Betrug. Die arme, einsame Frau! sie kannte nicht jene Liebe die sich dem Menschen genaht hat in menschlicher Gestalt, um ihrem Herzen ganz und in überschwenglich reichem Maaße die Stelle des Vaters und der Mutter wie des einzigen lieben Kindes zu ersetzen, weil sie selber die Gestalt und Weise des liebenden Kindes, wie die Macht und Würde des weislich regierenden, liebevoll führenden, allversorgenden Vaters an sich nahm und trug. Dritter Brief. =Das öffentliche Leben der Kahiriner.= Wir haben in meinem letzten Briefe den Bewohnern der großen Aegyptischen Hauptstadt in den innersten Räumen und Gemächern ihrer Häußer einen neugierig freundschaftlichen Besuch gemacht; in der Stadt selber sind wir aber noch wenig von der Stelle gekommen. Es wird nun Zeit daß ich Dich, meine liebe Schwester, auch ein wenig in das Volksgedränge der Gassen und zu einigen der namhaftesten Plätze führe, wobei sich noch ein und das andre nachträglich auch über die Bewohner wird sagen lassen. Auf das jetzige Kairo passen selbst die Beschreibungen solcher Reisenden, welche vor wenig Jahrzehenden hier waren, nicht mehr vollkommen, noch weniger die solcher Reisenden, welche vor mehreren Menschenaltern die Stadt besuchten. Zwar die Straßen sind noch immer ungepflastert wie zu Clarkes Zeiten; der lästige Staub und Schmutz aber, über welchen damals die Fremden sich beklagten, ist sehr vermindert; nirgends sieht man mehr, auch in den abgelegenen Gegenden der Vorstädte, das Aas eines todten Thieres und bei ihm die Schaaren der verwilderten Hunde; selbst ein großer Theil der Schutthaufen, welche eine Reihe von Jahrhunderten außen vor der Stadt abgelagert hatte, und von welchen zur Zeit der Stürme ganze Staubwolken über die Stadt sich ergossen, ist unter der jetzigen Regierung, vorzüglich durch Ibrahim Pascha's Vorsorge, in Gartenanlagen und Felder verwandelt worden. Zwar sind die meisten Straßen noch immer sehr eng und winklich, doch ist das Durchkommen der Fußgänger und Reiter dadurch vielfach erleichtert, daß auf Mehemed Alis Befehl in den engen Straßen die hohen steinernen Bänke oder Mustubahs, die sonst vor den Häußern angebracht waren, ganz hinweggenommen, in den weiteren aber schmäler gemacht worden sind. Jene Decken, welche vormals, auf Stangen ruhend, die von den Dächern der einen Reihe der Häußer einer engen Gasse auf die der andern gegenüberstehenden hinüberreichten, einen düstern Schatten auf die Straßen verbreiteten, haben sich zwar in einigen Gegenden der Stadt, wo die Häußer noch von bedeutenderer Höhe sind erhalten, sind aber sonst an den meisten andern Punkten hinweggenommen oder besser eingerichtet worden. Da wo man jetzt Häußer neu aufbaut oder reparirt, wird nur noch selten die ältere Bauart angewendet, die ich in meinem vorigen Briefe beschrieb, sondern man fängt allmälig an sich der modernen, Europäischen Bauart zu nähern; gemeine Glasfenster statt der künstlich geschnitzten, hölzernen Gitter und ebne Fußböden einzuführen. Nur noch wenige Menschenalter mehr in solcher fortschreitender Bewegung, und Kairo hat seinen Charakter einer alten Sarazenischen Stadt ganz oder wenigstens zum größten Theil verloren. Und doch, ich läugne dieß nicht, thut mirs überall wohl, wo ich in den Gassen noch die alte, so oft von den Reisenden beschriebenen Formen der Häußer sehe. Diese vorspringenden Erker, die zierlichen Zinnen und Mauerkränze; die schön geschnitzten Thüren; die vielen Brunnen in den Vorhöfen und selbst Vorzimmern der Häußer, Alles das zusammen macht auf mich in seiner Art einen ähnlichen Eindruck, als etwa manche alte, deutsche Stadt, namentlich Nürnberg in mir weckte. Selbst die vielen Thore im Innern der Stadt, wodurch die eine Gasse mit ihren Nebengäßchen von der andern Straße und ihren Töchtergassen abgegränzt, und bei Nacht förmlich abgeschlossen ist, sind durch den Reiz der Neuheit höchlich interessant[8]. Am Tage merkt man kaum auf diese Abscheidungen des einen Stadttheiles vom andren, wodurch es kommt daß oft ein Nachbar, der von seinem platten Dache aus ganz gemächlich mit diesem sprechen könnte, dennoch, um zur Hausthüre des andern zu gehen länger als eine Viertelstunde Zeit braucht. Neulich aber als ich von der Audienz bei Mehemed Ali und seinem Minister zurückkehrend mit zwei Freunden erst nach neun Uhr am Abend durch die Stadt ritt nach unserm Koptenviertel hinüber, da sahe ich recht, wie viele Thorsperren mitten in der Stadt zu beseitigen sind um von einem Ende derselben zum andern zu kommen. So oft wir wieder an ein solches Thor kamen und unser Janitschar daran pochte, rief die Wache »Kim dur o« (wer ist das), der Pocher antwortet »Ibn Beled« ein Bürger der Stadt, oder nennt wohl auch, wenn er einen fränkischen Consul geleitet, den Stand des vornehmen Mannes der mit ihm ist. Im erstern Falle, wenn es noch auf alte Weise mit Frage und Antwort hergeht sagt die Wache »Wach hid Allah« (bezeuge daß ein Gott sey); der draußen muß dann das Glaubensbekenntnis »Es ist kein Gott außer Gott« sagen, weil man vormals wenigstens meinte kein Dieb oder andrer Mensch, der ein böses Gewissen habe, könne das aussprechen. Unser Janitschar aber sprach nebst einigen donnernden Worten der Ungedult sein Glaubensbekenntniß nur durch eine kleine Silbermünze aus, die er der Wache gab. Wenn man am Tage durch eine der Hauptstraßen geht und da das Gedränge nicht bloß sieht, sondern an seinen Rippen fühlt, kömmt man fast in Versuchung den früheren Angaben über die große Volksmenge der Stadt Glauben zu schenken. Freilich hat Kairo noch immer wie sonst, außer den Lehmhüttchen der Vorstädte über 30000 Häußer, aber es ist viel gesagt, wenn man im Mittel auf ein Haus acht Bewohner rechnet, denn die Gesammtzahl der Bewohner beläuft sich gewiß nicht über 240000; ja sie ist vielleicht noch geringer. Unter dieser Zahl, so sagt man, sind fast vier Fünftheile Aegyptische Moslemen, mehr denn ein Siebentheil Türken, Franken und andre Fremde, nur noch etwa ein Zwanzigtheil Koptische Christen und nicht viel mehr denn ein Sechszigstheil Juden. Bei einem solchen Uebergewicht der Zahl der Moslemen über die Bekenner der andern Religionen sollte man beständige Reibungen und Belästigungen für uns Europäer fürchten und es ist auch noch nicht so gar lange her da mußte jeder Franke, wenn er einem vornehmen Türken begegnete von seinem Eselein (denn auf einem Rosse durfte sich damals noch kein Christ blicken lassen) absteigen, und der selige Stephan Schulze wäre einmal in dieser Stadt von den Gassenbuben, die in ihm, ohngeachtet seiner orientalischen Kleidung dennoch den Franken erkannt hatten, beinahe gesteinigt worden, wenn er nicht, zu seinem Glück auf den Einfall gekommen wäre, sich wie ein Derwisch im Kreise herum zu drehen. Kaum hatte er aber diese Drehungen angefangen da riefen einige ältere Männer den bösen Buben zu sie sollten ablassen von dem heiligen Manne. Jetzt kommt man auch ohne sich zu drehen und zu tanzen unangefochten durch alle Gassen und Winkel von Kairo; der Franke bleibt in seiner europäischen Kleidung, sogar die Frauen behalten dieselbe bei, ohne daß irgend ein hiesiger Einwohner einen Anstoß daran nimmt; der fanatische Widerwille der Moslemen gegen die Christen und Juden der vormals grob äußerlich heraustrat, während aus dem Innren mancher erfreuliche Zug von Wohlwollen und Gastfreundlichkeit, wie ein Sonnenstrahl aus dichtem Gewölk hervorleuchtete, ist bei der Mehrzahl durch äußre Gewalt ins Innre zurückgedrängt worden, wo er stärker vielleicht als sonst fortglühet, während Mienen und Geberden den Anschein der zuvorkommendsten Höflichkeit und Nachgiebigkeit gegen die hochgeehrten Franken an sich tragen. Doch gilt dieß nicht von Allen. Es hat sich wirklich hie und da eine bessere Beachtung und Anerkennung der Christen und ihrer geistigen Vorzüge wo nicht vollkommen entwickelt, so doch angesponnen und vorbereitet. Dieß ist der allgemeine Eindruck, den das jetzige Kairo auf den Europäer macht, welcher etwa noch das Bild des vorigen, aus ältern Beschreibungen in sich trägt. Laß uns nun auch eine und die andre Parthie desselben im Einzelnen betrachten. Man hat es hier leicht einen Ueberblick über den Kunst- und Gewerbfleiß der Einwohner zu bekommen, weil die Arbeiten und Waaren der einen Art, meist in eignen Märkten (Sucks), unter denen man sich freilich nicht gerade freie Plätze, sondern nur Gassen zu denken hat, beisammen gefunden werden. So begreift ein Theil der Hauptstraße den Markt der Kupferschmiede (Suck en Nahhassin); in einer andern Gegend die ihren Namen von einer benachbarten Moschee Ghunijeh führt, findet man die Läden der Juweliere. Die meisten und wohl auch kostbarsten Waaren sind jedoch in den Wikabehs oder Kaufmannshöfen enthalten, deren Hallen und Läden nach einem Hofe herausgehen, welcher einen, zuweilen auch mehrere Ein- und Ausgänge hat, die bei Nacht verschlossen und durch eigne Thürhüter bewacht werden. Dergleichen Kaufhöfe oder Hallen giebt es gegen dreihundert in der großen, vormals von so reichen Kaufleuten bewohnten Stadt; unter die ansehnlichsten darunter gehören jener worinnen auf Rechnung des Viceköniges der Kaffee verwahrt, gebrannt, gestoßen und an die Bewohner der Stadt und des Landes verkauft wird, so wie jene in denen man Edelsteine und andre kostbare Schmucksachen und Kleiderstoffe feil bietet. Ich weiß Dich aber doch noch in einen andern zu führen, in welchem nicht nur etwas Kostbares, sondern das Kostbarste zu verkaufen ist, das man in Kairo zu Markte bringt. Ich meine damit nicht die schönen Felle von Löwen, Tigern, Panthern, Antilopen und allerhand andern Thieren des heißen Afrika's, auch nicht die Straußenfedern die in den Läden jenes Kaufhofes gesehen werden, sondern die armen, da am Boden auf Binsenmatten oder Teppichen sitzenden Kinder und Jungfrauen der Abyssinier und Neger, die man hier wie andre Waare verhandelt. Sieh' nur wie bitterlich mehrere der kleinsten Kinder weinen; vielleicht noch über die thierische rohe Mißhandlung ihrer Dschellabs oder Sklavenhändler, vielleicht auch aus Sehnsucht und Heimweh nach ihren Müttern und väterlichen Hütten, aus denen man sie raubte. Andre, unter den größeren Mägdlein und Knaben, sitzen freilich auch neben jenen Weinenden, welche lachen und ganz vergnügt mit einander schwatzen, wer kann aber wissen ob nicht diese schnell verfliegende Fröhlichkeit nur eine Wirkung des berauschenden Haschisch (Hanfextraktes) ist, das der Dschellab ihnen beibrachte. Da tritt etwa ein vornehmer Türke näher, seine Begleitung, vor allem der Kabasch (Janitschar) mit silbernem Stockknopfe, lassen auf seinen Stand, der prächtige, um den Turban gewundene Kaschemirschawl und die Pfeife mit dem von Diamanten besetzten bernsteinenen Mundstück oder Turkibeh, welche ein Diener trägt, auf seinen Reichthum schließen. Er deutet, gegen seine Begleitung gewendet, auf eines und das andre der kleinen Negerkinder, geht dann gravitätisch vorüber und steigt wieder auf sein Pferd. Die Mägdlein werden nun wahrscheinlich in den Harem seiner Gemahlin auf etliche Tage zur Probe hingesendet, damit man sehe ob sie keinen Hauptfehler an sich haben. Unter solche Hauptfehler gehört es namentlich auch, wenn eines der armen, ermüdeten Kinder des Nachts im Schlafe schnarcht, oder spricht, oder mit den Zähnen knirscht, denn bei allen solchen Dingen denkt man gar leicht an die Mitwirkung eines Effried oder Spuckgeistes und der Sklavenhändler muß die Kleinen wieder zurücknehmen[9]. Aber es geht Deinem leise fühlenden Herzen bei dem Anblick jener Schmerzenskinder wie mir; Du kannst ihn nicht lang ertragen; darum laß uns aufbrechen von hier und ein andres Schauspiel aufsuchen, welches uns gerade auf dieses da am meisten wieder zu erheitern vermag. Wir treten, einige Gassen weiterhin, nahe bei einer Moschee in eine Kutab oder Kinderschule ein, deren Ficki oder Schulmeister uns Franken bekannt und befreundet ist, weil er öfters für Franken etwas Arabisches abschreibt und von ihnen besser dafür bezahlt wird, als von seinen Landsleuten[10]. Laß Dich das Geschrei der lautstimmigen Büblein und ihre sonderbaren Verbeugungen bei jeder Silbe nicht verwundern; der Araber kann nicht mit schweigender oder leiser Stimme lesen oder lernen und das Verneigen des Leibes jetzt zur Rechten, dann zur Linken, vorwärts und rückwärts hält man beim Lernen für eine ganz besondre Erleichterung des Gedächtnisses. Jeder der Knaben, die mit untergeschlagnen Beinen auf den Binsenmatten am Boden dasitzen, hat eine Schreibtafel vor sich, darauf seine heutige Lektion: bei den kleinsten etliche einzelne Buchstaben, bei den Größeren etwa einige von den 99 Namen oder Eigenschaften der Gottheit, geschrieben stehet, da schreit nun freilich der Eine dieß der Andre jenes, so daß man sein eignes Wort nicht hören kann. Jetzt giebt aber der ernste, in einer Ecke, auf einem Gebetsteppich kauernde Ficki ein Zeichen; der Arif oder älteste Schulknabe eröffnet eine Art von Chorus oder Zikr, wobei man die Eigenschaften Gottes, dann den Fathah oder das erste Kapitel des Korans mit singendem Tone hersagt. Die kleinen Leute sind schon gar gelehrt, sie stimmen fast alle in den Zickr ein und nach dem Herschallen des ersten Kapitels geht man sogleich an das Absingen des letzten, wobei schon ein ziemlicher Theil der kleinen Schulmannschaft schweigend zurückbleibt, noch Mehrere aber, wenn es zum vorletzten kommt. Es wird indeß bald unter ihnen, besonders wenn sie in eine höhere Schule vorrücken, Manche geben, deren glückliches Gedächtniß, worauf sich die Araber mit Recht etwas zu Gute thun können, den Marsch des Chorgeschreies vom Anfang des Korans zum Ende und vom Ende wieder vorwärts zum Anfange mitmachen kann, denn nach hiesiger Sitte lehrt man der Jugend gleich nach dem Fathah oder ersten Kapitel das letzte, dann das vorletzte, hierauf das vorvorletzte und so geht man in rückwärtsschreitender Bewegung bis zum zweiten, mit welchem, als dem längsten von allen der Beschluß gemacht wird. Bilden sich doch selbst die Erwachsnen noch auf diese in den Schulen erworbene Gelehrsamkeit so viel ein, daß man öfters in einem Kaffeehause oder in irgend einer anderen Gesellschaft von Männern einen unter ihnen, mitten unter den gleichgültigsten oder zum Koran gar nicht passenden Gesprächen ein oder etliche Kapitel desselben hersagen hört; die Andern schweigen, bewundern dann, wenn der Koranbeter ein vornehmer Mann war, und fahren, wenn er fertig ist, im Gespräch wieder fort wo sie stehen blieben. Oefters pflegt auch der Geringere den Zorn des Höheren zu beschwichtigen oder ihn zu irgend einem erwünschten Entschluß zu bringen, indem er seinem Gespräch irgend eine passende Stelle des Korans einwebt. Da kannst Du auch sehen wie man hier zu Lande Briefe schreibt. Ein an der offenstehenden Schulhalle Vorübergehender hat sich dem ernsthaften, langbärtigen Ficki genaht und halblaut mit ihm gesprochen. Wahrscheinlich begehrt er von ihm, daß er einen Kaufbrief für ihn schreibe. Der Ficki rückt sein Dawajeh oder Schreibzeug, das er beständig an seinem Gürtel trägt, zurecht, legt ein Stücklein dickes Papier in seine linke Handfläche, welche ihm die Stelle des Schreibtisches vertritt, taucht dann seine Rohrfeder in die aus Sepia bereitete, mit Gummi verdickte Tinte und schreibt nun leicht und flüchtig den Brief, den der Andre mit seinem Khatim oder Siegelring, welchen er am kleinen Finger der linken Hand trägt, unterzeichnet, indem er zuerst mit dem am Munde befeuchteten Finger das Papier berührt, dann mit einem andern Finger Tinte an den mit seinem Namenszuge bezeichneten Ringstein bringt und den Abdruck davon auf die befeuchtete Stelle macht. Der Lohn den der Ficki für das Schreiben des Briefes bekommt ist freilich ein sehr geringer; doch scheint dieser mit seinem Nebenverdienst vergnügt und hält sich wohl überhaupt für einen der ansehnlichsten Männer in der Stadt, denn jeden Donnerstag bekommt er von den einzelnen Knaben einen halben Piaster (drei österreichische Kreuzer Silbergeld) und außer dem, wie uns auch heute sein neuer, rother Tarbusch mit der halb seidenen Quaste daran erinnert, zur Zeit des Ramadan aus dem allgemeinen Schulfond eine neue Tuchkappe (Tarbusch), ein Stück Muslin um dieselbe zum Emameh (Turban) aufzustutzen, ein Stück Leinwand und ein Paar neue Schuhe. Außerdem werfen auch die Beschneidungs-, die Hochzeit- und Leichenbegängniß-Ceremonien noch Manches ab, und würden dieß auch thun, wenn er nicht Lesen und Schreiben, sondern nur den Koran und die gewöhnlichen Gebete auswendig gelernt hätte. Denn zu dem hohen Grade von Gelehrsamkeit wie hier der unsrige, haben es nicht alle Schulmeister in Kairo gebracht. So erzählt man namentlich von einem, der war eben Ficki geworden, konnte aber weder lesen noch schreiben. Der Mann, der sich zu helfen weiß, sagt zu dem ältesten Schulknaben (Arif): »höre du, mir thun die Augen weh, laß du einmal die andern Knaben schreiben;« er selber aber der Ficki, welcher nicht bloß die 99 Eigenschaften Allahs, sondern auch die gemeinen Gebete des Islams und den ganzen Koran auswendig weiß, leitet dabei scheinbar dennoch den ganzen Unterricht, denn wenn ein Knabe einen Spruch oder ein Wort falsch sagt, berichtigt er es, so daß die Leute meinen er könne das lesen was die Kinder auf ihre Schreibtafeln geschrieben haben. Eines Tages kommt aber eine Bürgersfrau zu dem Ficki. Sie hat einen Brief von ihrem Sohne bekommen, der sich als Hadschi auf der gefahrvollen Pilgerreise nach Mekka befindet; sie bittet den Herrn Schullehrer, er möge ihr den Brief lesen. Dieser nimmt ihn in die Hand und blickt ihn so lange schweigend und mit sehr ernsthafter Miene an, daß es der guten Frau ganz angst wird. Sie fragt zuletzt: »soll ich schreien?« er antwortet: »ja, schreie nur;« sie fragt weiter »soll ich mein Gewand zerreißen?« er sagt: »ja, zerreiße es.« Die Frau, welche nicht anders meint als der Brief enthalte die Nachricht vom Tode ihres Sohnes, erhebt mit lauter Stimme den Wilwal (das Klagegeschrei), zerreißt ihr Gewand und geht nach Hause, wo alle ihre Nachbarinnen mit in die Weheklage einstimmen. Wenig Tage nachher tritt der Sohn gesund und wohlbehalten zu seiner Mutter ins Haus herein. Sie, nach den ersten lauten Ausbrüchen der erstaunten Freude fragt ihn, warum er sie denn mit der falschen Nachricht von seinem Tode habe so betrüben lassen. Ich dich betrüben, spricht der Sohn, habe ich dir denn nicht geschrieben, daß ich gesund und schon auf dem Rückwege begriffen sey? -- Die Frau geht darauf wieder zu dem gelehrten Ficki hin und fragt diesen, warum er sie neulich beim Lesen des Briefes so in Angst und Schrecken gesetzt habe, da doch ihr Sohn darinnen nur von seiner Rückkehr aus Mekka schrieb? »Wie?« sagt der Ficki, »bin ich denn Gott? Konnte ich denn vorauswissen, daß dein Sohn, nachdem er freilich aus Mekka ein Stück Weges herausgekommen, auch noch den Weg der Wüsten glücklich und unverletzt zurücklegen würde? Konnte er nicht selbst in den letzten Tagen der Reise noch sterben und war es nicht besser dich auf das Schlimmste vorzubereiten, als dir eine Hoffnung zu machen, die so leicht fehlschlagen konnte?« -- Und siehe, die Umstehenden bewunderten die weisliche Rede des frommen Mannes, dessen Ansehen bei den Nachbarn durch jenen Vorfall eher stieg als abnahm. So hatte es jener guten Frau wenig genützt, daß der tröstliche Brief ihres Sohnes wirklich in ihre Hände gekommen war, was bei der bisherigen Einrichtung gerade nicht bei allen Briefen der Mekkapilgrime der Fall seyn mochte. Denn der Seltsamkeit wegen beschreibe ich Dir nur die alte Art, wie man die Briefe der Hadschis zu expediren pflegt. Wenn nämlich im Monat Sufar die Hauptcaravane der Pilgrime auf der Heimkehr ist, da reitet ein Offizier (der Schawisch el Hadsch) nebst zwei Arabern auf schnellen Dromedaren voraus, so daß er vier bis fünf Tage vor der Caravane in der Stadt eintrifft, wo er jedem ihm Begegnenden sein »Sallih an nebih« (segne den Propheten) laut zuruft und dann an die schleunigste Besorgung der ihm mitgegebenen Briefe denkt. Dabei verfährt er folgendermaßen. Er sieht auf den Adressen oder Ueberschriften nach, welche der Briefe an besonders vornehme oder reiche Leute lauten, diese, weil sie ein sichres, gutes Botenlohn abwerfen, behält er für sich. Die andern Briefe aber theilt er in einzelne, gleich große Päcktlein ab und verkauft jedes dieser Päcktlein um einen Dollar oder Speziesthaler an die Leute. Die Käufer einer solchen kleinen Briefsammlung sehen die Ueberschriften an, tragen die Briefe aus und machen sich für ihre Auslage durch das Botenlohn meist gut bezahlt, doch mag es auch schon manchmal geschehen seyn, daß eine solche Masse von Pilgrimsbriefen in die Hände eines andern Käufers -- etwa eines Europäers kam, der diese Gelegenheit benutzte um seine Sammlung von neu Arabischen Vulgärhandschriften zu vermehren, wo dann freilich die Nachrichten, die der Hadschi den Seinigen gab, nicht so leicht an den rechten Ort kommen konnten. Ich kann eben nirgends mein Handwerk verleugnen, darum habe ich mich auch so lang und breit hier bei meinem Kollegen, dem Schulmeister niedergelassen; es ist aber Zeit, daß ich Dich weiter führe. Wir begrüßen den Herrn Ficki, wie es uns Franken geziemt, mit dem Teimineh-Gruß, indem wir die rechte Hand an die Brust legen[11] und dabei den Kopf ein wenig vorwärts beugen. Denn den Friedensgruß »Selamun aleykum« dürfen eigentlich bloß die »Gläubigen« (die Moslemen) den Gläubigen zurufen, welche dann darauf antworten: mit euch sey der Friede (Aleykum es Selam), während sie, wenn ein Christ sich solches Grußes anmaßt, entweder gar nicht, oder im Fall sie der alten Sitte folgen, mit den Worten antworten: »Friede sey mit uns und mit allen rechten Gottesverehrern.« Da kommen wir nun wieder einmal, in der Hauptstraße, recht in das Bewegen des Volkshaufens hinein. Höre nur die sonderbare Art in welcher hier die Verkäufer ihre Waaren ausrufen. Der mit den süßen, lieblichen Orangen (ich habe sie noch niemals so süß gegessen als hier) schreit »Honig, o Orangen, Honig« (Asal ja Burtukan, Asal) und doch hat der gute Mann wenig für sein Geschrei, denn er verkauft zwei Dutzend seiner guten Burtukans um sechs Kreuzer Münze; eine um einen Pfennig. Der Verkäufer der Tirmis oder Lupinenkerne, der noch weniger für seine Waare einnimmt, schreit eben darum noch lauter sein Meded ja Imbabeh, Meded, d. h. Hülfe o Imbabeh, Hülfe, womit er darauf anspielt, daß seine Tirmis daher sind, wo die beßten ihrer Art gebaut werden: von der Gegend des Grabmahles eines moslemitischen Heiligen Namens Imbabeh und des gleichnamigen Dörfleins. Ein junger Mensch, welcher Wollenzeug verkauft das mit einer Maschine gefertigt wird, die ein Ochse treibt, ruft: »Schukt es tor ja Benat,« d. h. das Werk eines Ochsen, o Töchter; der Verkäufer der Zitronen singt mit heller Stimme, »Gott mache sie leicht o Citronen« weil er wahrscheinlich die Last seines Korbes, den er auf dem Kopfe trägt, lieber ganz als halb los wäre. Am lautesten von all diesen Verkäufern schreien aber zwei arme Kerle, denen man es ansieht, daß aus ihnen der bittre Hunger mitschreit: der Ausbieter von Libb oder von gerösteten Melonenkernen und der von einer Art von Scherbet, das meist nur aus einem mit Süßholz verzuckertem Wasser besteht. Jener brüllt in tiefem Baßtone »o Tröster der Betrübten, o Melonenkerne,« dieser läßt sich dazwischen in einem hohen, gellendem Tone vernehmen: »für einen Nagel o Süßmeth,« weil nämlich der Lohn für einen Trunk seines Süßholzwassers gewöhnlich in einem alten Nagel oder in einem andren Stücklein alten Eisens besteht, das die Arabischen Dienstboten und Gassenbuben, die im Vorübergehen sich hier laben im Schutt und Kehrich gefunden oder entwendet haben. Der Verkäufer von Kunafeh oder Nudeln, dort im gegenüberstehenden Laden, hört, ganz ruhig seine Pfeife rauchend, diesen Schreiern zu, und meint mit Recht seine Waare werde sich wohl stillschweigend verkaufen, auch kann der gute Mann jetzt ganz ruhig seyn, seitdem der große Popanz Mustapha Kaschif todt ist[12]. Und hier, an dem etwas freieren Platze, bei der Moschee, siehst du auch jene Attars oder Droguisten, welche unter andrem die berauschenden Zubereitungen aus Hanf und Opium (Afijun) verkaufen. Der Mensch, wenn ihm auf seinen Irrsalen der Weg zu dem Quell der ächten, wahren Begeisterung zu fern oder gar verschlossen ist, sucht eben dafür die Pfützen der falschen, bestialischen Begeisterung auf. Die, welche sich durch das Käuen oder Rauchen der Hanfblätter und der aus ihnen gemachten Zubereitungen in lustige und dabei dennoch Gefahr drohende Tollwuth versetzen, heißen Haschaschin; ein Name, aus welchem jener der berüchtigten Assassinen hervorgieng. Eine, meist mit Zucker, gleich unsern Ingwertafeln zusammengeschmolzene Masse von Opium, Hanf, Nieswurz und allerhand Gewürzen wird in vier bis fünferlei Sorten verkauft, davon die eine bloß als Arzneimittel gegen die gewöhnlichsten Folgen der Erkältung des Unterleibes gerühmt wird, die andre aber, wie man sagt zum Singen, eine dritte zum fröhligen Schwatzen, eine vierte zum Tanzen aufregen soll, während die fünfte Denjenigen der sie genießt mit lieblich-wunderlichen Visionen beglückt[13]. Wir kommen hier an dem Tollhaus, in der Nachbarschaft einer Moschee vorüber, welches zwar jetzt besser eingerichtet ist, als alle ähnliche von mir im Morgenlande gesehene Anstalten, dennoch aber, im Vergleich mit unsern Europäischen, Vieles zu wünschen übrig läßet. Die Zellen, deren Fensteröffnungen mit eisernen Gittern verwahrt sind, gehen auf den Hof heraus, unter deren Säulengängen man herumwandelt. Am meisten rührte mich ein junger, äußerlich sehr wohlgebildeter Türke, der auf einem halbzerstörten Saiteninstrument -- einer Art von Rabah oder Violine -- wenigstens scheinbar sich Musik machte und dazu mit rührender Stimme sang; denn er schien noch ein Gefühl seines Elendes zu haben, während einige Frauen, die ohne Aufhören jenen glucksenden oder trillernden Jubellaut hören ließen, den man wie ich im vorhergehenden Briefe erzählte, so häufig bei Hochzeiten und andern Freudenfesten vernimmt, wohl schwerlich noch eine Spur jenes Gefühles hatten. Ich erzähle Dir nun auch noch etwas von den hiesigen Moscheen, deren einige bei den Bekennern des Islam in einer besonders hohen Achtung stehen, weil, wie man sagt, die ersten Kalifen aus dem Hauße der Fatimiden, vor allem Moez, die Gebeine und Ueberreste einiger Nachkommen des Propheten, namentlich das Haupt des Hhosseyn, Mohameds Enkel, die Reste der Seijideh Zeyneb, Mohameds Enkelin, der Sekineh seiner Ur- und der Nefisch seiner Ur-ur-enkelin, hieherbrachten und in den nach ihnen benannten Moscheen beisetzten. Die berühmteste, wenn auch nicht die schönste von allen ist dennoch die Dsjamea el Ashar oder die Ashar-Moschee. Hier in der Nähe begegnet man freilich, wie an andern dergleichen Orten zuerst der Dürftigkeit. Ein armes Gesindel sonnt sich da und wartet auf Gaben der Mildthätigkeit; die Fakire schreien: »O Erwecker des Mitleides, o Herr Gott« (Ja Mohannim ja Rub) oder um Gottes Willen ihr Mitleidigen (Lillah ja Moheinin), doch gehen sie seltner die Franken an und die jetzige polizeiliche Einrichtung der Stadt hat ihren Zudringlichkeiten sehr bedeutenden Einhalt gethan. Ohnehin sind diese halbnackten Bettler nicht immer so hülfsbedürftig als sie aussehen, wie dieß vor mehreren Jahren die Geschichte eines blinden Mannes vom Lande bewieß, der sich, wie dieß bei Gelegenheit des Diebstahles herauskam, den ein andrer blinder Bettler an ihm verübte, eine Summe von nahe 5000 fl. unsers Geldes erbettelt und, in kleine Goldstücke verwechselt hatte, die er in einem Topf verwahrte. Die Asharmoschee, von der ich vorher sprach, ist ein weitläufiges steinernes, aus mehreren verschiedenartigen Theilen zusammengesetztes Gebäude, welches sich fast nur durch seine Minares als Moschee zu erkennen giebt. Wenn man in das Innre hineintritt, sieht man da, wie in vielen hiesigen Moscheen, nichts als einen viereckten, nach oben offenen Hofraum, um welchen bedeckte Säulengänge herumlaufen. Die breiteste und ansehnlichste dieser Säulenhallen ist die an der Südostseite; denn hier in der Richtung nach Mekka, befindet sich der Versammlungsort zum Gebet, das Wandgehäuße für den Koran und die Kanzel des Freitagspredigers. Die drei andren Säulengänge, welche den Hof umgeben, sind ungleich schmäler, weil hier der größere Theil der Seitengebäude zu Wohn- und Lehrzimmern für Lernende und Lehrer benutzt sind. Denn mit der Asharmoschee ist eine Hochschule verbunden, die noch jetzt bei den Moslemen des Morgenlandes in größester Achtung steht, weil sie von ihnen als der Hauptsitz der Arabischen Gelehrsamkeit und wissenschaftlichen Bildung betrachtet wird. Man zählt an dieser Hochschule noch immer gegen 1200 Mugawirin oder Studenten aus den verschiedensten Gegenden Aegyptens und der angränzenden Länder, unter den Professoren derselben finden sich einige in ihrer Art gelehrte Männer, denen aber auch das Ansehen, welches ihre Wissenschaft ihnen giebt und die Hoffnung, etwa bei Gelegenheit in die einträgliche Stelle eines Ulema oder eines Kadi einzurücken, fast ihr einziger äußrer Lohn seyn muß, da sie, statt der Besoldung nur auf den Ehrenlohn angewiesen sind, welchen sie von ihren Zuhörern empfangen. Dieser mag aber sehr gering seyn, denn der bei weitem größeste Theil der Studirenden ist bettelarm, so daß er sich, um das tägliche Brod zu haben, mit den Fickis oder Schulmeistern in den kleinen Verdienst theilen muß, den das Herbeten des Korans in Leichenhäußern wie bei andern Gelegenheiten und (wenn er dies vermag) das Abschreiben desselben zu talismanischem Gebrauche abwirft. Ohnehin werden die meisten dieser Studenten Fickis oder widmen sich dem Handel, den auch manche ihrer Lehrer nebenher betreiben; wenige von ihnen, welche zu diesem Zwecke längere und gründlichere Studien machen, gelangen zu höhern Aemtern bei öffentlichen Gerichten oder als Nasir d. h. Quardian bei den Moscheen. Vor Errichtung der trefflichen medicinischen und chirurgischen Bildungsanstalten in und um Kairo unter Clot Bey's Leitung gieng aus der Ashar-Hochschule auch eine Klasse jener Afterärzte hervor, die entweder als Attars oder Droguisten allerhand sogenannte Arzneimittel verkauften, oder auch wohl solche angebliche Heilkünste trieben, wobei man auf einen Teller gewisse Koransprüche und Worte von magischer Bedeutung schreibt, die dann mit Wasser abgewaschen werden, welches man dem Kranken zu trinken giebt, während man andre Male die nämlichen magischen Zeichen in fester stehender Weise auf Trinkschaalen ätzt oder einschreibt. Die gesammte Gelehrsamkeit einer solchen Arabischen Hochschule, mit ihrer Rhetorik, Logik, Algebra und Zeitrechnungskunde erscheint mir, in ihrer sarazenisch-mittelalterlichen Starrheit gleich der Inschrift an einem jener magischen Trinkbecher, aus welchem sich schon längst keiner der Gäste mehr den Rausch der Begeisterung trank, dessen trübem Wasser aber, so meint man, die bloßen Namen der Wissenschaften, die da angeschrieben stehen, eine Kraft verleihen. Ein ganz besondrer Anhang zu der Asharuniversität ist die Schule der Blinden, welche in einem ostwärts von der Moschee stehenden Gebäude enthalten ist. Einige Hundert solcher Unglücklichen werden hier auf öffentliche Kosten erhalten und in allen Wissenschaften der Hochschule unterrichet, so daß schon Namhafte arabische Gelehrte aus ihnen hervorgingen, während freilich der größere Theil derselben nur für die Stellen der Gebetsausrufer auf den Minares verwendet wird, oder nach dem Austritt aus der Schule unter jene Chöre der Fakirs (Bettler) sich begiebt, die man unter andrem bei Leichenbegängnissen, zum Hersagen des Glaubensbekenntnisses dingt oder auch umsonst mit Almosen versieht. Wer sollte es aber meinen, daß diese blinden Studenten nicht bloß nebst den schwarzen, neumuhamedanischen Sklaven die fanatischsten und undultsamsten gegen alle Bekenner anderer Religionen, sondern auch die aufrührerischsten sind; die eigentlichen Dämagogen von Kairo. Zwar hat Mehemed Alis polizeiliche Strenge auch diesem »jungen Kairo« kräftigen Zaum und Gebiß angelegt, doch ist es nicht so gar lange her, daß jene blinden Studenten einen ihrer Lehrer, von dem sie sich beleidigt wähnten, gemißhandelt haben und früher waren sie, geführt von einigen Sehenden, bei allen Volksaufständen wo nicht die Anfänger doch Theilnehmer. Weil wir da einmal bei einer Moschee der Aegyptischen Hauptstadt verweilen, füge ich noch einige Worte im Allgemeinen über diese Gebäude und über die in ihnen statt findenden Gebräuche bei. Man kann hier leichter denn vielleicht in allen mohamedanischen Städten des Morgenlandes gegen ein Trinkgeld an den Buab oder an den Iman den Eintritt in das Innre mancher Moscheen erhalten, nur bei solchen wie die des Hhosseyns möchte es Schwierigkeiten machen. Selbst die Fränkische Kleidung ist hiebei kein Hinderniß, wenn man zur Befriedigung seiner Wißbegier solche Tage und Stunden wählt, die nicht gerade Tage eines hohen Festes oder Stunden des Gebetes sind. Am leichtesten hat man den Eintritt zu der ansehnlichen, alten Amra-Moschee in Altkairo oder Fostat, deren Innres, wie bei der Ashar ein offner, viereckter, von hohen Säulengängen umschlossener Hof ist, oder bei einigen der schönsten Moscheen in der Gräbervorstadt der Kalifen, bei deren einer der Buab den neugierigen Fremden zugleich schöne Stücke Aegyptischen Jaspis zum Verkauf anbietet. Die meisten Gebäude der Art sind aus Quaderstücken des hiesigen (Nummuliten-) Kalksteines aufgeführt und streifig roth und weiß angestrichen. Zu der mächtig großen Hassan-Moschee, in der Nähe des Citadellenplatzes, wie zu allen ihren Nebengebäuden und Ringmauern, ist das Baumaterial von einer einzigen jener kleinsten Pyramiden entnommen, welche neben den drei großen von Ghizeh wie Püppchen neben erwachsenen Menschen dastehen[14], Nicht alle Moscheen sind Game's oder wie wir bei uns sagen würden Sonntagskirchen; manche sind nur den Kapellen der christlichen Länder ähnlich, welche von einzelnen Betenden besucht werden, und, weil in ihnen irgend ein moslemitischer Heiliger oder ein Kalif begraben liegt, ihre besondre Jahresfeier haben. Game's sind die, welche zum Versammlungsort der Moslemen am Freitage dienen, denn der Freitag wurde von Mohamed »dem Propheten« zum Wochensabbath gewählt, weil an einem Freitag der Mensch geschaffen wurde, und nach einer alten Sage des Orients Adam auch an einem Freitage starb; weil, so sagt der Islam weiter, auch die Auferstehung der Todten und das jüngste Gericht an einem Freitag seyn wird und mithin es immer rathsam seyn möchte, sich, weil man den Tag nicht weiß, wenn der Richter kommt, im Gebet finden zu lassen. Uebrigens halten die Bekenner des Islams ihren Sabbathstag keinesweges so heilig wie die gläubigen Israëliten und etliche christliche Länder den ihrigen; denn nach und außer den Stunden des Gebetes treiben sie ihren Alltagsverkehr: ihren Kauf- und Verkauf, so wie ihre gewöhnlichen Geschäfte gerade so fort, wie in den andern Wochentagen. Ueberhaupt sind die jetzigen Kahiriner schlechte Kirchengeher die sich am Freitag den Besuch der Moschee ersparen, weil man ja auch an einem andern Tag hineingehen kann, und in der Woche, weil vielleicht der Freitag besser wäre; auch sieht man in den Säulenhallen der Moscheen außer den Stunden des Gebetes gar verschiedne Leute die da essen, trinken, schlafen, und sich von dem Buab oder Iman Parfümerieen und andre Waaren kaufen, weil meist jeder dieser Leute einen kleinen Handel treibt. Wir wollen jedoch hier ausnahmsweise noch einen der (seltenen) Altgläubigen zu seinen gottesdienstlichen Verrichtungen begleiten. Er geht, nach seinem Eintritt in die Moschee zu der Fontäne oder dem Wasserbehältniß, das meist in der Mitte des Hofes ist, und sagt: Ich will die Abwaschung zum Gebet verrichten. Hierauf wäscht er dreimal die Hand mit den Worten: »im Namen Gottes des Gnädigen, des Erbarmenden. Preis sey Allah, der uns das Wasser zur Reinigung gab und den Islam als Licht und Führer zu Deinen Gärten, den Gärten des Vergnügens und zu Deiner Wohnstätte, der Stätte des Friedens.« Hierauf spült er dreimal den Mund aus und sagt: »o Gott stehe mir bei im Aussprechen der Worte deines Buches, bei dem Gedanken Deiner und bei dem Danke den ich dir darbringe in der Schönheit deiner Wohnung.« Darauf wird auch die Nase dreimal ausgespült und der Betende sagt: »O Gott, lasse mich riechen die Wohlgerüche deines Paradieses, nicht den Gestank der Hölle.« Zum dreimaligen Waschen des Gesichtes spricht er: »O Gott, mache mein Angesicht weiß, am Tage wenn du das Angesicht deiner Freunde verklären wirst; nicht schwarz wie das deiner Feinde.« Beim Waschen des Kopfes: »o Gott, bedecke mich mit deiner Gnade.« Bei den Ohren: »lasse mich hören was gesagt wird und dem Wort gehorchen;« beim Waschen der Füße: »mache meinen Fuß fest und sicher auf dem Sirat[15].« Wenn man, auf der Reise durch die Wüste zu diesen Waschungen, deren ganze Reihenfolge ein geübter Moslim in zwei bis drei Minuten vollendet, kein Wasser hat, kann man eben so gut Sand dazu nehmen, und eine solche Reinigung mit Sand heißt Teyem mum. Bei den übrigen Gebeten, welche der Moslim in oder auch außer der Moschee (nach geschehenen Abwaschungen) verrichtet, bedient er sich einer Art von Rosenkranzes (Sebchah) an welchem 99 und drei Kügelchen, meist aus wohlriechendem Aloëholz gefertigt, sich befinden. Denn er muß zuerst 33 Male die Worte wiederholen Unbegränzter Preis sey Gott; dann einmal die Worte: unbegränzter Preis sey Gott, dem Großen, und ewiges Lob. Hierauf wieder 33 Male: Preis sey Gott, dann einmal: Erhoben sey seine Majestät; es ist kein Gott außer Ihm. Zuletzt noch einmal: Gott ist der Mächtigste an Größe, und Preis sey Gott überall und zu aller Zeit. Wenn in diesen 99 und drei Ausrufungen der Betende sich durch kein Gespräch mit einem Nachbarn oder irgend ein andres Begegniß stören läßet, -- denn in diesem Falle muß er die Reihe seiner Gebetlein wieder von vornen anfangen, kann er ganz wohl in drei bis vier Minuten damit fertig werden, dann steht er wieder auf, zieht seine am Eingang oder unterhalb der Stufen stehen gebliebenen Pantoffeln wieder an und geht zu seiner Tabakspfeife oder zu seinem Geschäft. Von dem jetzigen Herrscher in Aegypten, von Mehemed Ali hat mir ein zuverlässiger Freund erzählt, daß er sich vom englischen Consul die heiligen Schriften der Christen, in der Türkischen Uebersetzung bringen und sich öfter (am Abend) daraus vorlesen ließ, weil, wie er sagte, er gerne wissen wollte, was doch seine vielen christlichen Unterthanen eigentlich glaubten. Sollten wir uns deshalb schämen auch darnach zu fragen und zu sehen, was der Glaube der Millionen Bekenner des Islams und was die Aeußerung dieses Glaubens sey; da ja auch das Sehnen ihrer Seele mit dem großen Fragezeichen endet, welches die Antwort herausfordert von welcher nur Jene wissen, die den Frieden selber erfuhren, mit dem auch der Islam seine Gläubigen zu grüßen gebeut. Was übrigens die 99 und drei Ausrufungen, so wie vieles Aehnliche im Gottesdienst der Moslemen betrifft; so erinnern sie mich, im günstigsten Falle an eine Lerche unsrer grünenden Felder und Auen. Ich kann bei diesem Hermurmeln der Gebetlein nicht ins Menschenherz sehen, kann nicht wissen, ob die Seele dabei wirklich, vom Boden hinweg, zum Gedanken an ein Göttliches erhoben wird. Ist diesem aber also, so geschiehet ihr wie der Lerche, die, wenn sie über unsre grünenden Felder singend emporsteigt, öfter vielleicht als 99 und dreimal dieselben Töne trillert und wirbelt und dabei wirklich, das zeigt die That, von dem Drange eines Emporschwunges ergriffen ist, den ich nach seinem Maaße mit dem Gefühl der Andacht vergleichen möchte. Indeß ist es doch etwas ganz Andres dieses Trillern aus der thierischen Seele der Lerche, als das kindliche Sprechen mit Dem der oben ist, aus dem Geist des Menschen. Nur dieser, der Geist, ist ein ewig bleibendes; die Seele des Thieres, von sterblicher Natur, entfleucht, wir wissen nicht wohin. So waltet auch im Wesen des Islam das Sterbliche und Vergängliche vor; in jenem des Christenthums herrschet ein Unsterbliches und Ewiges. Das Sterbliche aber kann und wird anziehen das Unsterbliche und von ihm überkleidet werden, wenn nur erst der Islam statt seiner falschen Schamhaftigkeit, welche nur das Angesicht verstecken und verhüllen will, die rechte lernet, die den unbekleideten Zustand fühlt. Endlich komme ich denn auch dazu Dich an den Ort zu führen, der im doppelten Sinne die ganze Hauptstadt beherrscht; durch die Macht dessen, der da wohnt und durch seine Aussicht: zu der auf einem Vorsprunge des Mokkatamberges gelegnen Akropolis oder Citadelle. Jusuf Salahedin (Saladin) der berühmte Herrscher aus dem Hauße der Ejubiten begründete diesen mächtigen, aus den verschiedenartigsten Theilen wunderlich zusammengesetzten Bau; spätere Herrscher fügten und veränderten daran was ihnen gut dünkte. Unser Weg führt uns an der großen, schönen Moschee des Sultan Hassan vorbei zuerst nach dem freien, am Fuße des Citadellenhügels gelegenen Platze Rumeyleh oder Romeli, an welchen im Süden der lange Ckara Meydan-Platz angränzt. Wir steigen die breite, mit Steinpflaster belegte Straße hinan, gelangen dann zum Asab Burgthor (Bab el Asab). Hier oben, links ist die Menagerie des Pascha, in der sich mehrere schöne lebende Löwen und Löwinnen befinden. Noch bemerkt man zwar bei dem Eintritt in die innren Räume der Citadelle die Spuren der alten Abtheilungen in den Bezirk des Pallastes des Pascha, in die Caserne der Janitscharen und in die der Asabs, ein großer Theil jedoch der alten Mauern des Innren ist durch die Pulverexplosion im Jahr 1824, ein noch viel größerer durch die Umgestaltung zur modernen Burgveste, in Europäischer Weise, welche der jetzt regierende Pascha der Sarazenischen Citadelle gab, hinweggenommen worden. Anjetzt findet sich innerhalb des Umkreises der Akropolis die Aegyptische »hohe Pforte,« das heißt jener Diwan el Khidiwi oder oberste Gerichtshof, bei welchem der Pascha oder in seiner Abwesenheit sein Kikkya (Stellvertreter) der Habib Effendi präsidirt. Diesem obersten Gerichtshofe sind als Theile unter- und zugeordnet der Staatsrath, Kriegsrath und Handelsrath, so wie die Geschäfte des Oberrichters oder Kadi's der Stadt, der zu seinem Amte, das nur ein Jahr dauert, von Konstantinopel bestellt und früherhin wenigstens von hier aus zu der gleichen Würde in Medinah befördert wurde. Wir haben jedoch hier oben, im allüberblickenden Haupte der Aegyptischen Hauptstadt vorerst noch andre Dinge zu beachten, als die neuen Gebäude und Befestigungswerke; die Aussicht von da ist es werth, daß man sich ihr auf einige Momente ganz hingiebt. Sie ist noch eine ungleich gewaltigere als die vom Dache unsrer Wohnung und in ihrer Art eine einzige in der Welt. Wir besuchen zuerst den vormaligen Burgbezirk des Asabs und treten über die Haufen der Trümmer und des Schuttes hinein zwischen die vereinzelten Granitsäulen von Saladins Herrscherpalast, dann vorwärts auf die Plattform und an ihre Balustrade. Auch hier übt zuerst die Region der Pyramiden ihre magnetisch anziehende Kraft auf das Auge aus, jenseit dem grünumsäumten Nil in West und Südwest liegt diese in ihrer ganzen Ausdehnung vor Augen. Es sind hier nicht mehr allein die drei großen Pyramiden von Ghizeh mit ihren sechs kleinen Gesellen, welche wir erblicken, sondern zur Rechten (im Norden) derselben erscheint wie ein kleiner, unförmlicher Hügel der Tumulus, oder wie man gewöhnlich annimmt, die zusammengestürzte Pyramide von Abu Roasch, dann folgen, in einem Abstand von einer geographischen Meile, unsre vom Hausdach so oft gesehenen Pyramiden von Ghizeh, die jetzt eben vom hellsten Strahle der Sonne beschienen so weiß erglänzen als Schnee; dann kommen zur Linken (südwärts) von ihnen die Gruppe der minder bedeutenden Pyramiden von Abusir, endlich noch weiter nach Süden die auch aus solcher Ferne noch scharf und entschieden hervortretenden Pyramiden von Sakkarah. Nach einer alten Sage sollte der Königsadler einen todtenstarren Stein in seinen Horst tragen und zu seinen Eiern hineinlegen. Während dann das von mütterlicher Liebe schlagende Herz, brütend über den Eiern wie über dem Steine, in jenen das muntre, thierische Leben aufregt und bekräftigt, weckt sie in diesem geistig magische Kräfte einer andern Art. So erzeugte sich hier bei dem uralten Königssitze des Nilthales der Geist des Lebens auf der einen Seite das grünende und blühende Paradies des Thales mit den Schaaren seiner Bewohner, daneben aber, am Saume der Lybischen Wüste erschuf er sich diese Gebilde voll magisch reizender Kraft; die Reihe der Pyramiden. Während die jungen Adler nach wenig Monaten sich zum Fluge ihres eignen sterblichen Lebens erheben und den Horst verlassen, bleibt der Adlerstein in unzerstörbarer Festigkeit darinnen liegen und macht von hier, mit schützender Kraft die vergängliche Brut der Geschwister begleitend, den für das Auge unmerklichen, magischen Ausflug. So stehen auch die Pyramiden, mitten in dem vorübereilenden Fluß der Zeiten zwar unbeweglich da, wenn man sie aber hier von der fernen Höhe in dem weißen Gewande womit der Sonnenstrahl sie bekleidet über die Ebene sich hinziehen sieht, da ist es als nähme der aufmerkende Geist in dieser Adlerbrut aus Stein emporhebende Kräfte wahr, auf deren Schwingen er selber, der Menschengeist, hinaufgetragen wird, in eine Heimath, die, wie der blaue Aether oberhalb des Zuges der Wolken, unwandelbar dieselbe ist. Wie majestätisch führt da der Nil seine Wogen zwischen Ghizeh und Altcairo vorüber; wie lieblich grünen, neben den noch in der Ebene stehenden Seen die Felder jenseits des Stromes, und diesseits die Gartenanlagen des Ibrahim Pascha; von den mehr als sechs Millionen Dattelpalmen, welche man (nach den Tabellen der jährlich von ihnen erhobenen Abgaben) in ganz Aegypten zählt[16] ist es kein unansehnlicher Bruchtheil, den man hier auf und abwärts im Nilthale überblicket. Wir rufen jedoch das Auge von seiner Wanderung in die Ferne zurück, zu dem Anblick des Nahen. Da zu unsern Füßen breitet sich die Aegyptische Hauptstadt aus, Kairo, wie dieser Name bedeutet, die siegreiche und zugleich auch, wie eine andre Nebenbedeutung des Namens aussagt die (oft) geplagte und beunruhigte. Nach Süden gränzt die Ckarafehgräberstadt an ihre Mauern, mit der Moschee des »heiligen« Imam Esch Schafee, dessen Mulid oder Geburtsfest an einer der ersten Mittwochen des Monates Schaaban ein großes Volksfest ist; unter den Haufen des Schuttes zeigt sich weiter zur Rechten das Grabmahl des heiligen Abu Soud; aus dem Dunkel der Scene glänzt das Familienbegräbniß des Vizeköniges hervor; die Aussicht gen Süden begränzt, jenseits dem herrlich gelegnen Torrah mit seinen Klostergebäuden und Burgruinen, der Anfang der Höhenzüge, welche den Lauf des Nils durch Oberägypten an seiner rechten Seite begleiten. In Südwesten sieht man den alten Aquädukt, welcher das Wasser vom Nil herführt; im südlichsten Theile der Stadt die uralte, nach dem Plane der Kaaba in Mekka erbaute Moschee Taylun, mit der schneckenartig ansteigenden Stiege[17], dann folgt weiter nach West, Nord und Nordost die mächtige, über die Strecke fast einer Quadratmeile ergoßene Stadt, deren viele, während der Stromschwelle mit Wasser gefüllte Teiche anjetzt trocken liegen; deren vielfache (äußre und innre) Mauern, Moscheen, unter ihnen vor allen die nahe des Sultan Hassan, mit den zwischen den Häußchen hervortretenden Palmenbäumen ein buntes Gemälde bilden. Eine hiervon verschiedene Aussicht öffnet sich auf einer andren, nördlichen oder nordöstlichen Seite der Burg. Hier sieht man nach Nordost, nahe bei den äußern Mauern der Stadt, die große Begräbnißstätte von Bab en Nusr mit ihren zahlreichen, domartig gewölbten Familienbegräbnissen; weiterhin und neben dem großen Todtenfelde dehnt sich, am Abhange des Mokkatam die Gräberstadt der Mamelucken-Könige aus mit ihren Moscheen und hohen Gebäuden, untermischt mit den niedern Wohnungen der Vorstadt Beladinsan. Die Länge dieser alten Gräberstadt beträgt wenigstens drei Viertelstunden Weges; jenseit derselben sieht man die weite Ebene, auf deren meist nackter Fläche hie und da grünende Oasen von Datteln-Tamarisken und Sykomorenwäldern, untermischt mit weißen Gebäuden sich hervorheben. Von Nord in Ost bemerkt man als äußerste Gränzpunkte des Gesichtsfeldes den hohen Obelisken von Heliopolis und, wenn mein Auge sich nicht täuschte, den Hügel jenseits Abusabel, mit den Ruinen der Judenstadt. Nach Ost und Südost schließt sich mit den grotesken Formen ihrer zerrissenen Hügel die Wüste an. Noch auf zwei Gebäude muß ich im Vorbeigehen aufmerksam machen; auf das neueste und älteste im ganzen Umfange der Burg. Jenes ist die schöne neue Moschee, welche Mehemed Ali in der Nähe der Ruinen von Saladins Pallaste bauen läßt. Das Baumaterial ist großentheils ein prächtiger Alabaster, der in den nachbarlichen Höhen gefunden wird; die ganze Anlage des Gebäudes, dessen untrer Theil schon halb vollendet ist, verspricht dem Auge der künftigen Beschauer großen Genuß. Das andre Gebäude, welches ich noch nennen wollte, ist der oft erwähnte Josephsbrunnen, der seinen Namen vom ersten Herrscher aus der Dynastie der Ejubiten: von Jusuf, mit dem bekannteren Beinamen Saladin führt. Dieser Kalif, der die Anlage der jetzigen Burg begründete, mag da freilich schon die Reste uralter Bauwerke angetroffen haben; zu diesem gehörte auch, wie man mit Recht vermuthet, jener Brunnen, den Saladin nur erweitern und reinigen ließ von dem Sand der Wüste, mit welchem die Reihe der Jahrhunderte seit Zerstörung des einst hier gelegenen Liui Tkeschromi ihn erfüllt hatten. Der Brunnen ist keinesweges so enge und schachtartig gebaut wie unsre Brunnen, sondern er ist eine weite, trichter- oder sackartige Eintiefung die in den Felsen hineingehauen wurde. Man steigt auf einem schneckenartig an seinem innern Umfange hinablaufenden Gange, wenn man will bis zu seiner untersten Tiefe, welche gegen 250 Fuß beträgt, hinunter. Hier ist der Teich des Brunnenwassers, das aus dem Nil eindringt; die Wärme der Luft wie die des Wassers beträgt da unten 18 Grad des Reaumurschen Thermometers; wir würden eine solche Temperatur bei uns zu Lande lau nennen, obgleich sie dem Gefühl, während der heißen ägyptischen Sommertage, als eine kühle erscheinen mag. Der Brunnen besteht eigentlich aus zwei Abtheilungen: einer obern weiteren und einer unteren engeren; am Boden der ersteren treiben etliche Ochsen jene Räder, welche das Schöpfwerk in Bewegung setzen. Aber ich habe unter den Merkwürdigkeiten, welche die Citadelle umfasset, vor allem noch eine zu erwähnen: das ist der Mann der sie und von ihr hinab eine Weite der Länder beherrscht: der Vicekönig ~Mehemed Ali~. Ich erzähle Dir zuerst von der Antritts-Audienz die ich bei ihm hatte, und nehme Dich dann im Geist zu einem andren Besuche des Residenzpallastes mit, bei welchem wir, am Bairamfeste, den Herrscher von aller Pracht seines Hofstaates umgeben finden. Schon am dritten Tage nach meiner Ankunft in Kairo, am 6ten Januar, wurde ich zur Audienz bei dem Vicekönige gerufen, dem ich namentlich durch das k. k. Oesterreichische Consulat sehr gütig empfohlen war. Es war damals noch Ramadan; die Stunde ward auf Abends acht Uhr angesagt. In Begleitung des Mannes der sich mir hier in Kairo auf jedem meiner Schritte als ein treuer Freund und einsichtsvoller Führer bewährt hat: des österreichischen Herrn Consuls Champion und meines theuren Lieder ritt ich durch die große Stadt, die ich damals noch nie bei Nacht gesehen hatte; mit uns war zum Schutz und Trutz des kleinen Zuges ein stattlicher Janitschar, während mehrere Diener mit ihren Leuchten nebenher giengen. Wie ganz verschieden ist der Anblick der Aegyptischen Hauptstadt von dem jeder eben so großen Stadt in Europa zur Zeit der Nacht. Es war doch jetzt Ramadan; jener Monat des Jahres in welcher der Moslim, wie ich Dir schon erzählte, die Nacht zum Tage macht; die Zeit seines Faschings. Wie lebhaft ist es bei solcher Gelegenheit, Abends um acht Uhr auf unsern Münchner Straßen und anderwärts in den europäischen Städten. Hier aber hatte sich die Menge des Volkes fast ganz verlaufen; es war so still wie bei uns kurz vor Mitternacht; außer den Leuchten auf den Madnehs und dem Lampenlicht das aus einigen Moscheen und Brunnenhäußern hervorschimmerte, erhellte kein Licht die dunklen Straßen; nur in den Buden und Läden der Kaffeeschenken und Köche war noch Leben; alle andre Läden und Häußer waren geschlossen; auf den stillen Straßen begegneten uns nur sehr wenige, mit Laternen versehene Menschen. Diese nächtliche Stille, welche dem Europäer in den meisten morgenländischen Städten anfangs so auffällt, ist theils eine Folge des Naturells der Morgenländer, welche die Nacht gern unter dem Obdach der Häußer und Mauernwände zubringen, theils aber der polizeilichen Zucht und Strenge. Anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang darf sich, außer den Blinden, niemand ohne Laterne auf den Straßen blicken lassen; ein Polizeiofficiant (der Zabit), begleitet von mehreren Soldaten macht mehrmalen die Runde durch die Gassen seines Stadtviertels; einer seiner Begleiter trägt ein Bündel von brennbarem Gestrüpp, das in seiner Mitte glimmt und durch eine Schwenkung leicht zur hellen Flamme entzündet werden kann; sobald dem Zabit irgend ein verdächtiger Gegenstand aufstößt, läßt er diese Leuchte entflammen, obgleich nur selten auf diese Weise Diebe, auf deren Entdeckung die Runde vorzüglich ausgeht, ertappt werden, weil diese, im eigentlichen Sinne des Wortes, die Lunte von weitem riechen. Selbst in das Innre der Kaffeehäuser erstreckt sich die nächtliche Aufsicht des Zabit, der sich hierbei öfters der begnadigten Diebe zu seinen Kundschaftern und Aufpassern bedient. Da bei solchen Gelegenheiten vor allem das ärmer gekleidete Volk, welches vielleicht nicht einmal mit einer Papierlaterne sich versehen kann, den leicht zu erregenden Verdacht des Zabits auf sich ziehen kann, bleibt dieses, bald nach Sonnenuntergang, lieber in seiner Hütte, oder sucht sich sein Lager in irgend einem Hofraum der Karawanen. Wir kamen jetzt in die Nähe der Residenz. Hier wurde es heller; einzelne Pechpfannen und Laternen erhelleten den Weg hinan zum Schloßhofe und das Innre seiner Thore. Noch heller waren alle Eingänge und Treppen zum Pallast des Viceköniges, so wie die Säle des Pallastes beleuchtet. Da wir unten in diesen hineintraten und die breite, steinerne Treppe hinanstiegen, tönte uns ein von ferne lieblich lautender Gesang von Männerstimmen entgegen; ich glaubte es sey Conzert im Schlosse, es war aber der Gesang der Leibwache den diese beim Gebet des Eschi, oder der völlig eingetretenen Finsterniß anstimmte. Ich hatte zu meiner heutigen Audienz einen ganz besonders merkwürdigen Tag getroffen. Die ganze hohe, islamitische Geistlichkeit von Kairo, Muftis und Ulemas, so wie andre Vorstände der einzelnen Sekten und geistlichen Orden saßen in einem der großen Vorsäle auf Polstern versammelt, um dem Vizekönige ihre Ramadansvisite zu machen; in dem Saale wandelten vornehme Araber und Türken zum Theil vermischt mit orientalisch gekleideten Franken durcheinander; denn es waren Abgeordnete aus Mekka da, die sich durch die gelbe Farbe ihrer Kleidung, durch den großbauschigen Turban, und, wie mein Freund bemerkte, durch den grimmig verächtlichen Blick auszeichneten, den sie im Vorübergehen auf uns fränkisch gekleidete Christen fallen ließen. Es war aber überdieß heute ein Botschafter des Großsultans aus Konstantinopel angelangt; dieser hatte eben eine geheime Audienz bei Mehemed Ali, bei welcher nicht einmal der gewöhnliche Dolmetscher desselben, der Artin Bey zugegen war. Wir durften nicht lange im Vorsaal stehen; ein vornehmer Diener der den Oesterreichischen Konsul kannte, führte uns hinein in das Zimmer des Artin Bey, der uns freundlich empfieng, zum Niedersitzen auf die Polster nöthigte und mit Kaffee und Tabak bewirthete. Wir fanden hier den Leibarzt des Vizeköniges: den um die Bildungsanstalten so wie um das Medicinalwesen des Landes hochverdienten Clot Bey. Nach etwa einer Stunde wurde der Artin Bey abgerufen; auch wir traten wieder hinaus in das für mich sehr unterhaltende, bunte Gedränge der Vorsäle. Die lange, geheime Audienz war endlich geschlossen; der Türkische Botschafter, empfangen von dem Geleite hoher Offiziere und seines eignen Gefolges trat heraus. Jetzt begrüßte der Leibarzt auf einige Minuten seinen Herrn, dann erhielten die Abgeordneten von Mekka einen kurzen Zutritt, dann einen noch kürzeren die hohe Geistlichkeit der Stadt, welche unter vielfachen Ceremonien und wie mir schien in strengster Rangordnung ein und austrat und beim Fortgehen sehr ehrfurchtsvoll von der Dienerschaft und den Soldaten begrüßt wurde. Jetzt kam denn auch, nach einer kleinen Pause die Reihe an uns; der Artin Bey führte uns hinein in den Audienzsaal, zum Vicekönig. Dieser saß rechts, in einer Ecke des Saales, auf dem prächtigen Divan; neben ihm, in derselben Ecke, doch auf dem Divan der andern, nicht derselben Wandseite wurde mir der Ehrensitz angewiesen. Mein Freund Champion hatte mich von den einfachen Gebräuchen der Begrüßung unterrichtet; sobald ich mich gesetzt hatte, bezeugte ich mit Auflegung der rechten Hand auf die Brust dem gnädigen Herrn meine schweigende Ehrfurcht und wartete nun auf das, was er durch den vor uns stehenden Artin Bey zu mir sagen würde. Den schönen morgenländischen Gruß des Viceköniges, »Preis sey Gott« (el hham du lillah) »für deine glückliche Ankunft bei uns,« übersetzte der Artin Bey auf Französisch »Seine Kön. Hoheit freuen sich über Ihre glückliche Ankunft in Kairo,« und so stachen auch die Türkischen Ausdrücke des Vizeköniges im übrigen Verlauf des Gespräches wie mir dieß später mein sprachkundiger Freund Lieder weiter auseinandersetzte, sehr gegen die Worte der französischen Uebersetzung ab. Ehe ich jedoch in meinem Bericht über den Inhalt des Gespräches fortfahre, muß ich Dir doch den äußren Eindruck beschreiben, den der Mann welcher jetzt mit mir sprach, auf mich machte und auch die Art der Bewirthung, die mir und meinen beiden neben mir sitzenden Begleitern während des Sprechens widerfuhr. Mehemed Ali ist ein wohlgebildeter, kräftiger Greis, mit durchdringend blickenden Augen. In seinen Mienen spricht sich das Gefühl, nicht allein der äußren Macht aus die ihm verliehen ist, sondern auch jener inneren, welche das Talent und der feste, entschiedene Wille dem einen Menschen über viele andre giebt. Ich dachte bei dem Anblick des Mannes an Vieles das ich von ihm gelesen und gehört hatte; es war mir als sagten seine Mienen: ihr beachtet den eisernen Pflug der die Furchen durchschneidet, nicht aber die Hand, die auf dem Pfluge ruhet. Wir hatten uns kaum gesetzt, da bot uns ein Page auf prachtvollem Präsentirteller ein Glas frisches Wasser und allerhand eingemachte Früchte an; ein andrer reichte die lange Pfeife, auf deren Tabak schon die glühende Kohle lag, doch ruhte der Kopf derselben, um die kostbaren Teppiche des Fußbodens zu schonen in einem eignen Untersatz. An der Pfeife, welche ich erhielt, war das große, bernsteinene Mundstück so reich mit Demanten, das Rohr mit anderem Schmuck verziert, daß, wie mir Herr Champion auf dem Heimwege sagte, ihr Werth zu 8000 Dollars (Speziesthalern) anzuschlagen war, und Mehemed Ali habe noch wertvollere Pfeifen. Gleich nachdem wir die Pfeife empfangen bot uns ein dritter Page den Kaffee an. Sobald man eine dieser Gaben genossen hat wendet man sich gegen den Wirth und bezeugt seinen Dank durch Auflegen der rechten Hand, zuerst an den Mund, dann an die Stirne; dieß thaten wir auch hier bei unsrem hohen Wirthe. Während uns denn die eben beschriebenen Höflichkeiten widerfuhren entwickelte sich die ziemlich lange Unterhaltung. Zuerst sprach der Aegyptische Herrscher auf sehr rühmliche Weise von unserm König Ludwig von Bayern. Da er sich beständig den Inhalt der europäischen Zeitungen mittheilen läßt und in seinem glücklichen Gedächtniß viel von diesem Inhalt behält, wußte er ziemlich gut Bescheid über das was bei uns geschahe; er wußte, daß wir in Bayern eine Eisenbahn haben (die er sich freilich viel weiter ausgedehnt zu denken schien als sie damals wirklich war) und daß man an einem Verbindungskanal zwischen zwei großen Flüssen (Donau und Rhein) arbeite, und erzählte mir bei dieser Gelegenheit, daß auch er damit umgehe eine Eisenbahn und einen großen Kanalbau zu begründen. Auch daß wir bei uns sehr schöne neue Gebäude haben, wußte er und fragte mich, ob ich schon die Arbeiten an der neuen Moschee gesehen habe, welche er nahe bei seinem Pallaste anlegen lasse, eine Frage, die ich damals noch nicht bejahen konnte. Er fragte mich nach dem Alter unsres Königes und da er hörte, daß dieses noch ein so wenig vorgerücktes sey und wußte, daß Seine Majestät erst ein Jahr vorher Griechenland und Kleinasien besucht hätte, äußerte er den Wunsch den Monarchen einmal in Kairo zu sehen, das noch schöner sey als Smyrna. Auch über König Otto von Griechenland fragte und sprach er Vieles; schien von den dortigen politischen Verhältnissen gut unterrichtet und äußerte sich mit Theilnahme. Darauf wendete sich das Gespräch auf meine Hieherreise und zu der Einrichtung der Dampfschifffahrt auf der Donau. Was die Zahl der dort im Gange begriffenen Dampfschiffe, und den Verkehr derselben mit beiden Ufern betraf, so wußte er darüber, wie mir aus seinen Fragen schien, fast besser Bescheid als ich selber. Zuletzt gab es denn auch noch Gelegenheit auf mich selber, auf meine wissenschaftliche Beschäftigung und den Zweck meiner Reise zu sprechen zu kommen und die Bitte anzubringen, Seine Königliche Hoheit möchten mir zu der Reise durch die Wüste und durch Syrien die nöthigen Empfehlungen, vor allem einen kräftigen Firman zukommen lassen. Zu dem ersteren schwieg seine Hoheit, doch gab mir bald nachher das Geschenk eines lebenden Löwen und eines lebenden Caracals, das ich von ihm erhielt, die Ueberzeugung, daß er das was ich sagte beachtet hatte; zu der Bitte um seinen Schutz nickte er bejahend. Der gefällige Herr hatte jetzt weder noch etwas Weiteres zu fragen noch zu sagen; wir dankten für die empfangene Gnade, bezeugten mit schweigendem Gruße unsre Ehrfurcht, stunden auf und entfernten uns. Freund Champion sagte mir später, daß der Vizekönig, als er in so langes Gespäch mit einem deutschen Professor sich einließ, für diesen ganzen Tag (denn er hält die Gebräuche des Ramadans ziemlich streng) noch gar nicht gegessen und wenigstens schon seit vier Stunden, zuerst seinen Ministern, dann den fremden Abgeordneten Audienz gegeben hatte; und dennoch war weder seinen Mienen noch seinen Gesprächen eine Ermüdung anzumerken. Zehn Uhr war längst vorbei, als wir aus dem Palast hinaustraten und unsre Thiere bestiegen und dennoch schlug Herr von Champion es vor, wir sollten jetzt auch noch den ersten Minister, den Habib Effendi besuchen. Als wir in den Pallast dieses vielbeschäftigten Mannes eintraten, konnten wir freilich aus keinem einzigen Anzeigen bemerken, daß es bereits so spät sey. Da gab es im Vorsaal noch Kläger und Beklagte und viele Andre, welche bei der obersten Behörde etwas anzubringen hatten. Wir wurden dennoch -- denn der Oesterreichische Consul steht hier in großer Achtung -- sogleich eingeführt ins Audienzzimmer, das voller Leute war, wurden zum Niedersitzen auf dem Divan genöthigt und mit Tabak und Kaffee bewirthet. Der Minister war sehr zuvorkommend freundlich; als ihm Herr von Champion sagte, daß ich das Glück gehabt habe ein Lehrer Sr. Majestät des Königes Otto von Griechenland zu seyn, sagte er in seiner orientalisch höflichen Ausdrucksweise: »ich wollte ich wäre noch ein Knäblein um dein Schüler zu seyn.« Wir brachen, sobald die Schicklichkeit es erlaubte, auf, um dem viel geplagten Geschäftsmann nicht zu viel Zeit zu nehmen. Da wir jetzt, vom Hügel der Citadelle hinab, wieder in die Gassen der Stadt kamen, war es mir, als befände ich mich nicht in einer Wohnstätte der Lebenden, sondern unter Grabgebäuden der Todten. Kein Lichtlein zeigte sich auf den Gassen und in den Häußern; die Fußtritte unsrer Thiere regten aus weiter Ferne den Wiederhall auf; die Thore der einzelnen Stadtteile waren geschlossen und wurden, ohne daß sich unser Janitschar sonderlich auf das in meinem vorigen Brief beschriebene Zeremoniell einließ, eins nach dem andern geöffnet; es fehlte nicht mehr viel an Mitternacht da ich zu der ängstlich harrenden Hausfrau zurückkam, welche, Gott weiß welche orientalische Verhängnisse und Strafen, die in so langer Zeit über ihren Eheherrn ergangen seyn könnten, gefürchtet hatte. Versprochenermaßen gebe ich Dir nun auch gleich nach der Beschreibung der Audienz bei Mehemed Ali die der Hoffeierlichkeiten am Beiramfeste. Die Mohamedaner haben nicht Sonnenmonate deren Anfang und Ende im Kalender fest vorausbestimmt steht, wie bei uns, sondern Mondenmonate, welche dann ihren Anfang nehmen, wenn man am Abend zum ersten Male mit bloßen Augen wieder die zarte Sichel des Neumondes sieht. Beim Monat Schowal, welcher auf den Monat Ramadan oder der Fasten folgt, und in dessen erste Tage die Feier des ersten Freudenfestes fällt, ist dieser Augenblick von besondrer Wichtigkeit; hier in Kairo reiten dann gleich am ersten oder doch zweiten Abende nach unserem Kalenderneumond Leute, die hiezu eigends bestellt sind, hinaus in die Wüste, wo die Luft durchsichtiger und reiner ist, um sich nach der zarten Mondssichel umzusehen, und wenn sie diese erblickt haben eilen sie alsbald zur Stadt zurück, verkünden hier freudig den Anfang des Bairam und der Donner der Kanonen, herab von den Mauern der Citadelle bringt die Kunde weiter zu den Ohren aller Bewohner der Stadt und der nächstumliegenden Landschaft. Wir selber waren auf das platte Dach unsres Wohnhaußes hinaufgestiegen und betrachteten den klaren, blauen Himmel, da hörten wir den Donner der Kanonen und das scharfe Auge der Hausfrau entdeckte den kaum noch erkennbaren am Saume des Horizontes schwebenden Silberfaden der Mondssichel. Nun war also am Morgen darauf das Bairamfest; Ibrahim, unser berühmter Tabakh oder Koch war heute früher aufgestanden als gewöhnlich, denn er mochte sich doch wohl gedacht haben, daß er, wie jeder arabische Knecht an diesem Tage ein Geschenk bekäme, und er hatte sich nicht geirrt; statt der neuen Schuhe, die man gewöhnlich giebt, erhielt er die ihm noch nothwendigere Gabe eines neuen, rothen Tarbusch (Mütze). Es ist ein belustigender Anblick, den an diesem Tage ein Ritt oder Gang durch die Gassen einer morgenländischen Stadt gewährt. Jeder Moslim wirft sich bald nach Sonnenaufgang in seine besten Kleider, oder zieht, wenn er es vermag, ganz neue an; und so geht man, wenn man nicht zur großen Zahl der Ausnahmen gehört, in die Moschee. Wo sich auf der Straße zwei Freunde und Bekannte begegnen, die wünschen sich Glück zur überstandnen Fasten und küssen sich dabei; die Frauen wandeln mit Palmenzweigen in der Hand herum, denn heute beginnt der Zug ihrer Schaaren nach den Gräbern der Verwandten. Die meisten Kaufläden, mit Ausnahme derer wo etwas Eßbares feil ist, sind geschlossen, nicht wegen einer besondern Heiligkeit, sondern wegen der großen Vergnüglichkeit des Tages, an der ja auch der Kaufmann Theil nehmen will. Es ist als wollte man jedermänniglich zeigen, wie heute das Essen, nicht bloß bei dunkler Nacht und im dunklen Winkel des Haußes, sondern auch bei hellem Tage erlaubt sey, denn wohin man sich wendet da sieht man Leute welche essen. Vorzüglich wird heute vom Volke im Verzehren der Kakhs oder honigbestrichnen Kuchen und der Fesikhs oder gesalznen Fische viel geleistet; die letzteren genießt man deshalb, damit man den ganzen Tag durch die That es zeigen könne, daß das Trinken vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang und auch nachher noch erlaubt sey, und damit man die umsonst, auf Kosten der Frommen gespendete Gabe des meist versüßten Wassers, welches die Hhemalis heute in allen Straßen unter dem Gesang eines Paradiesesliedes darreichen (nach S. 20) in recht reichlichem Maaße zu sich nehmen möge. Damit auch der heute häufig von den Lebenden besuchte Weg nach dem Grabe, der ohnehin, nach der »fröhlichen« Moral der Bekenner des Islam unmittelbar zum Paradiese geht, im rechten Lichte erscheine, findet man gleich außen vor dem Thore, das zur größesten Begräbnißstätte von Kairo, zu Bab en Nusr führt, so wie vor andern Begräbnißstätten Schaukeln und Caroussels angebracht; Zelte in und vor welchen Tänzer, Musikanten und Romanzenerzähler ihre Künste zeigen, stehen allenthalben; die Frauen, die mit ihren Kindern die Gräber besuchen, haben sich mit einer Fülle der Kakhs und der Schureikhs (einer Art von Fladen) versorgt, und wer noch keine hat der kann sie bei den Verkäufern überall zwischen den Gräbern haben, denn man baut sich da, wo keine Gebäude über den Familienbegräbnissen angebracht sind, Zelte, in denen manche Frauen -- doch nicht gerade jene, welche in strengster Aufsicht stehen, oder welche sich ihren Ruf unbescholten erhalten möchten -- sogar die Nacht hindurch verweilen. Den ersten Tag des Bairamfestes benutzten wir zu einem Ausritt nach Heliopolis; den zweiten Feiertag aber, der wie auch bei manchen Christenfesten der ansehnlichste ist, brachten wir mit dem Beschauen der heute stattfindenden Hoffeierlichkeiten und dem Besuche der Gräberstadt der Mameluckenkönige, so wie des angrenzenden Mokkatam zu. Mein Eselein, das ich heute ritt, war gar zu demüthig; es blieb immer weit hinter dem schönen Rosse des Herrn von Champion zurück, so daß dieser liebe Freund oft lang auf mich warten mußte, und wenn es dann seinen edleren Vorläufer eingeholt hatte, da stieß es, denn lenken kann man es nicht, weil es eben nicht Zaum und Gebiß, sondern statt dessen nur seinen Seis oder Eseltreiber hat, bald rechts bald links, mit mir, seinem Reiter, so an die Füße des Freundes an, daß ich mich freute, daß endlich der Hinaufweg zur Citadelle erreicht war. Hier gab es viel zu sehen. Das Militär und die Schaaren aller hohen und niederen Beamteten zogen hinauf zur großen Parade im Schloßhofe; wir mußten mehr denn einmal zur Seite reiten und stillhalten, wenn ein wohlberittener Zug nach dem andern in die Engpässe eintrat. Unser liebevoll vorsorgender Freund hatte für uns in einem Nebengebäude, das an den Haupthof des Pallastes stößt, ein Zimmer ausersehen, aus dessen offnen Fenstern wir den ganzen Aufzug des Militärs und der Staatsdiener, denen sich auch die Consuln und Abgeordneten der fremden Mächte beigesellten, zuschauen konnten. Was das hiesige Militär betrifft, so schien es mir immer, als wenn es an Taktik jenem des Großherrn weit überlegen sey; das Auge wird durch die wahrhaft folgerechten und wohlgeordneten Bewegungen vergnügt, wenn auch das Ohr, beim Hören der Musik nur von sehr gemischtem Gefühle ergriffen wird. Denn die europäischen Märsche und Ouvertüren, die man sich angelegentlich bemüht hat den Aegyptern einzustudieren, wollen dem Gehörsinn wie den Händen dieses Volkes schwer eingehen. Es fielen mir dabei mancherlei vergleichende Gedanken ein. Die fremden Tonweisen, die man da in Aegypten einheimisch machen will, sind zuletzt doch von verwandter Art und Abstammung mit jenen, in denen in den Ländern der Christenheit auch die Hymnen im höheren Chore ertönen. Wenn der ungeschickte oder unglückliche Instruktor, der mit Gewalt ein europäisches Orchester hervorzüchtigen will, indem er, ohne an die künftigen Folgen zu denken, dem Gebot eines Mächtigeren folgt, nur erst, im unvollkommneren Nachhall die Ohren und Hände zur Folgsamkeit gegen den neuen Rythmus gewonnen, sollte er damit nicht die Ohren des musicirenden Volkes auch für das Eingehen andrer geistig bedeutungsvollerer Weisen desselben Rhythmus geöffnet oder vorbereitet haben? Du verstehest wohl was der rohe Vergleich andeuten sollte. Mitten in den Mißtönen und Klaglauten, welche aus dem jetzigen Aegypten vernommen werden, bemerkt ein aufmerksamer Sinn die freilich noch sehr stümperhaften Studien zu der volltönigen Ausführung eines Liedes, das von den Hoffnungen einer neuen, besseren Zeit singt. Die Feierlichkeiten, welche nach der Parade in der Residenz statt fanden; wie da die Abgeordneten der fremden Mächte und mit ihnen manche Andre schon beim Vizekönige eingeführte Fremde, wie die Staatsdiener und Ulemas, die Offiziere des Militärs und Vorstände der Bürgerschaft dem Vizekönig ihren Glückwunsch brachten, dieß alles kann Dich nicht sonderlich interessiren; ich führe Dich lieber ein wenig zuerst in das muntre Treiben und Vergnügen des Volkes auf und bei dem freien Platze der an dem Fuße des Kastellberges gränzt, dann bei der Stätte der Gräber. Fast in derselben Zeit, in welcher oben auf dem Schloßplatze das Militär seine Parade macht, üben sich hier unten einige Fellahs oder Beduinen, auf schnellen und gewandten, doch sehr abgemagerten Rossen sitzend, im Werfen der Dscherids oder Wurfspieße, die sie auf einander schießen und durch schnelle Wendung des Leibes auspariren. Zuweilen wird dieses Spiel gefährlich und wenn bei manchen Festen die Fellahs verschiedner Dörfer so mit einander kämpfen und ohne Absicht ein Wurf tödtlich wird, entzündet sich (wenigstens geschah dies früher) nicht selten aus dem scherzhaften Anfange eine ernste Blutrache[18]. Minder gefährlich erscheint dann immer noch das Fechten mit Nebbuts, obgleich dieß auch dicke, schwere Stangen sind, die den Kopf und die Glieder hart treffen mögen; noch minder die Uebungen der Musarin oder Fechter. Die einst so berühmten Künste der Aegyptischen Tänzerinnen oder Ghazijehs, Künste, die, wie uns Abbildungen in den alten Gräbern lehren, schon zu den Zeiten der Pharaonen geübt wurden, habe ich nicht gesehen, denn seit dem strengen Verbot von 1834 dürfen diese Frauen des Ghawizihstammes, der seinen angeblichen Ursprung von den berühmten, reizvollen Baramikehs am Hofe des großen Harun al Raschid herleitet, das Auge nicht mehr durch ihren öffentlichen Auftritt beleidigen. Die männlichen Balletkünstler oder Khowals tragen, als ob sie fühlten wie sehr sie ihrer Kunst sich zu schämen haben, Schleier. Da man heute, am Bairamfeste, ohnehin alle Künste und Vergnügungsarten der jetzigen Aegypter beisammen sehen kann, berichte ich Dir gleich noch etwas von den Musikern, Romanzenerzählern und Gauklern. Die Musik der hiesigen Araber soll viele Tonweisen umfassen, welche namentlich den spanischen Volksliedern ähnlich lauten. Die einzelnen Töne sind nicht nur wie bei uns in halbe, sondern in Drittelstöne getheilt, so daß der Gesang sehr sanfter, zarter Uebergänge fähig wird. Die meisten Melodieen lauten wie Klagen, obgleich der Inhalt oft ein scherzhafter, fröhlicher ist. So bittet in dem einen Volksliede ein Liebender die Taube, sie möge ihm doch ihre Schwingen leihen. Die Taube sagt sie brauche sie heute selber. Nun dann, sagt der Liebende, leihe sie mir morgen, denn sieh', ich will sie nur auf einen einzigen Tag haben um meine Geliebte zu sehen; der eine Tag genügt um mich für ein ganzes Jahr mit einer fortwährenden Kraft und Gluth der Liebe zu füllen. -- Uebrigens finden sich fast in allen solchen Liedern, auch wenn der Inhalt ein sehr weltlicher ist, fromm scheinende Stellen, die vom Lobe Gottes und des Propheten handeln, eingewebt; ein Gewebe des Frivolen und scheinbar Heiligen, welches wenig oder keinen innren Zusammenhalt hat. Der Alatih oder Sänger pflegt die Töne seines Liedes gewöhnlich mit dem Spiel der Kemengeh, einer zweisaitigen Violine, welche so lang ist wie ein Stock und nach unten einen beckenartigen Klangkörper hat, oder der Rabab mit vierecktem Klangkörper, zu begleiten, oder er bedient sich dabei des Kanun, einer Art von Hackebretes oder des Uhd, welches unsrer Guitarre gleicht. Hier auf dem Rumeyleh-Platze habe ich auch die Bekanntschaft eines jener Psyllen oder Schlangenbeschwörer gemacht, welche seit uralter Zeit in Aegypten ihr Wesen treiben. Der Mann gehört zu den Sadiyeh-Derwischen, welche, sammt den Rifajehs in die Häußer gerufen werden, sobald man Verdacht hat, daß eine giftige Schlange in diesen versteckt sey. Unter allerhand Beschwörungen, wobei sie auf die Macht des »größesten Namen« sich berufen und unter Locktönen, die dem Glucksen der Bruthühner ähnlich lauten, gelingt es ihnen wirklich die Schlangen aus ihren Schlupfwinkeln hervorzurufen; selbst wenn sie im Getäfel der Decke oder hoch im Mauergesims verborgen waren, fallen sie plötzlich herab auf den Boden; der angebliche Beschwörer, seine Kunst mag nun bestehen worinnen sie wolle, ergreift sie dann so geschickt, daß er von keiner verletzt wird, obgleich sie, wie wir uns selber überzeugt haben, noch in vollem Besitz ihrer Giftzähne sind. Unser Derwisch besucht uns fast täglich; bringt uns giftige Schlangen, Skorpionen und andre dergleichen Raritäten ins Haus; unsre Sammlung hat auf diese Art schon manche Bereicherung durch ihn erhalten. Während ich damals (es war nicht in der Zeit des Bairamfestes, sondern etwas später) eigentlich ausgegangen war um einen Schlangenfänger zu finden, gab ich selbst Gelegenheit zu einem Fange andrer Art. Ich fand da einen Volkshaufen um einige Mohhabbazin oder Possenspieler versammlet, deren Vorstellungen für die Kahiriner die Stelle unsrer Volkstheater vertreten. Die kleine Truppe bestund nur aus einem Manne und etlichen Knaben, davon der eine, verkleidete, die Rolle eines bösen Weibes spielte die mit allem unzufrieden, was ihr der Mann brachte, und im Bunde mit ihren Kindern, den Hausherrn mishandelte. Diese verkehrte Welt, wobei die Frau und die Kinder den Herrn über den Mann und Vater spielten, kam dem zuschauenden Volke über alle Maßen belustigend vor, während ich aber selber stund und schaute, hatte mir einer meine Rocktasche ausgeleert, welche zum Glück keine Dinge von gar hohem Werthe enthielt. Die hiesigen Taschenspieler oder Hhöwah haben es freilich in der Meisterschaft ihrer Kunst weiter gebracht als die unsrigen. Man begreift nicht, wie der Mann, den man an allen Gliedern fest gebunden in einen engen Sack steckte, in diesem Künste treiben könne, welche den freiesten Gebrauch der Glieder fordern; wie er die Hände, zum Empfang der Gaben hervorzustrecken vermöge und einige Augenblicke hernach dennoch, fest gebunden wie vorher aus dem Sacke gezogen werden kann; auch sind die Verwandlungen, die beim Blasen eines Tritonshornes mit den in einer Büchse verwahrten Gegenständen vorgehen, noch ungleich riesenhafter, als bei unsern Gauklern, obwohl nicht zu verkennen ist, daß alle diese Tausendkünste in den verschiedensten Ländern von einerlei Abstammung sind. Ich halte die Länder am Nil und Ganges für die rechte und ursprüngliche Heimath aller solcher Täuschereien. Mitten unter den Musikanten, Klopffechtern, Taschenspielern, Schlangenbeschwörern und Magiern, welche geschriebene Talismane gegen Krankheiten und Stürme auf dem Meer so wie in der Wüste verkaufen, schleicht sich still und behend, jeden Vorübergehenden schlau betrachtend, das Volk der Zigeuner oder Ghujar's herum. Ihrer sind nur noch Wenige hier in dem Lande, das von Einigen für ihr Vaterland gehalten wird; sie sind, obgleich für Jeden, der schon öfter Zigeuner gesehen hat, leicht erkennbar, dennoch hübscher gestaltet als man sie in unsrer Heimath sieht, rühmen sich aber auch, gleich den Tänzerinnen ihrer Abkunft von den reizend schönen Baramikehs aus den Zeiten des Harun al Raschid. Die Männer treiben einen kleinen Handel, besonders mit berauschenden und aufregenden Sachen, auch mit wirklichen oder nachgemachten Alterthümern der Gräber, geschliffenen Carneolen und Ringen, oder sie treiben auch das Handwerk wandernder Schmiede und Kesselflicker; die unverschleierten Frauen wahrsagen aus der Hand, vorzüglich aber, wie unsre sogenannten Kaffeegießerinnen und Kartenschlägerinnen aus einer Anzahl von Schaalen. Ihren Wahrsageapparat tragen sie gewöhnlich in einem Gazellenfell bei sich. Hunde, wie allerhand andre zu Künsten abgerichtete Thiere sieht man bei uns öfter; in Aegypten hat man aber auch gelehrte Kälber, die vor dem Volk allerhand Künste machen und großen Verstand zeigen. Die Hochschule, wo diese gelehrten Kälber gebildet werden, ist beim Grabe eines Heiligen, welcher Meister David der Junggeselle (Sih Daud el Azab) genannt wird. Am meisten Vergnügen unter allem was es in der letzten Zeit, wo es wegen des Bairams und wegen der Mekkapilgrime besonders lebhaft war, zu sehen und zu hören gab, würden Dir freilich die hiesigen Romanzenerzähler gemacht haben, wenn Dir ein sprach- und landeskundiger Freund den Inhalt ihrer Erzählungen übersetzt hätte. Du solltest nur sehen, mit welcher gespannten Aufmerksamkeit und Theilnahme die hiesigen so wie fremden Araber diesen Meistern der Erzählungskunst, denn das scheinen sie mir wirklich zu seyn, zuhören; wie ihnen, beim Hinhorchen selbst die Pfeife ausgeht oder die Hand, wie erstarrt auf ihrem Wege mit der Kaffeetasse nach dem Munde still stehen bleibt. Der Schaër oder Dichter sitzt gewöhnlich etwas erhöht auf einem aus Palmenzweigen geflochtenen Schemel auf einem Mustubah (steinernen Bank) entweder in oder auch außen vor dem Kaffeehaus, wo dann am Abend, wenn die Passage minder lebhaft wurde, sein versammeltes Auditorium sich bis auf die Mustubahs der gegenüberstehenden Häußer ausdehnt. Er hat eine stockartig gestaltete, zweisaitige Violine in der Hand, denn er trägt seine Erzählungen nicht bloß in Prosa und im sprechenden Tone, sondern wenigstens zum Theile in Reimen und singend vor. Der Stoff der Geschichtlein ist theils der bekannte aus »tausend und eine Nacht,« theils gleicht derselbe den romantischen Dichtungen unsers alten, deutschen Heldenbuches und dem Sagenkreis aus Karls des Großen Zeiten. Die Erzählungen aus tausend und eine Nacht (Elf Leyleh we Leyleh), so wie die von den Thaten Antars haben vielleicht durch ihr höheres Alter, so wie durch ihre Sprache einen Vorrang vor den jüngeren, doch fehlt es auch diesen nicht an Anmuth des Inhaltes und Ausdruckes. Namentlich gilt dieß von der Geschichte des Emir Gundubah, der in den Zeiten der Omejaden der waffenkundigste Held unter den Stämmen der Hedschas war. Seine Mutter, Rabab, aus einem edlen Stamme der Beduinen entsprossen, hatte der tapfere Herrscher der Beni Kilab: Emir el Hharis, dessen Hand gegen Jedermann, so wie Jedermanns Hand gegen ihn war, im Krieg erbeutet und zur Gemahlin genommen; noch als Mutter in Hoffnung wird sie durch einen Traum erschreckt, welcher auf ihr eignes unglückliches Schicksal bei der Geburt und auf die künftige Heldenmacht des Kindes hindeutet. Jener Magier, der den Traum deutete, giebt ihr ein Amulet, das soll sie dem Neugebornen an seinen Arm binden. El Hharis stirbt noch vor der Geburt seines Sohnes; die Stämme, welche sein Schwert oft gedemüthigt und beraubt zugleich aber in Furcht gehalten hatte, rüsten sich um Rache an dem Blut ihres Feindes zu nehmen; Rabab entflieht, mit einem schwarzen Sklaven der ihrem Gemahl gehört hatte, um zu ihrem elterlichen Stamm zurückzukehren. In der Nähe des Zeltendorfes des Emir Darim, des mächtigsten und erbittertsten Feindes des verstorbenen El Hharis, wird sie von dem Sklaven absichtlich irre geführt; dieser entdeckt ihr seine verbrecherische Liebe, welche die edle Rabab mit Zorn und Abscheu von sich weiset, während die Folgen des Schreckens ihre Niederkunft beschleunigen. Sie gebiehrt einen Sohn, wickelt ihn in ein Tuch, bindet den Talisman an seinen Arm, legt ihn an ihre Brust, da zieht der rachsüchtige Sklave sein Schwert, schlägt ihr den Kopf ab und entflieht. Als die Sonne aufgeht versammelt sich eine Wolke von Gundabheuschrecken über dem Leichnam der Mutter und über dem Kinde um beide zu beschatten; Emir Darim der zur Jagd gehen will, sieht den enthaupteten Körper, der von wunderbarer Kraft gehalten noch aufrecht sitzt, noch immer das saugende Kind an seiner Brust hält; sieht das Dach der Heuschrecken und erkennt die höhere, bewahrende Fügung die über dem, zu großen Dingen bestimmten Neugebornen waltet. Er bringt das Kind seiner Gemahlin ins Zelt, der kurz vorher ein neugebornes Kind gestorben war; sie säugt und erzieht den Knaben wie einen eignen Sohn. Niemand erräth von welcher Abkunft das Wunderkind sey, das von der Heuschreckenwolke den Namen Gundubah empfängt; der Talisman an seinem Arme hätte Auskunft geben können, aber diesen darf Keiner ohne den Willen dessen lesen, der ihn trägt. Als Gundubah zum Jünglingsalter kommt macht er sich bald durch Heldenkraft und Tapferkeit berühmt. Sein Pflegevater mit seinen Söhnen und den tapfersten seiner Krieger, war in Gefangenschaft der grauen Riesin gerathen, die mit eiserner Kraft auch die stärksten Helden bezwang; die Gefangenen seufzten hoffnungslos im Kerker zu El Schumta; Gundubah erschlägt die Riesin und befreit Darim mit den Seinen. Aber das Lied von Gundubahs Heldenruhme, das jetzt aus allen Zelten und von allen Lippen der Jungfrauen und Frauen ertönte, regt in Darims und seiner Söhne Brust die neidische Eifersucht auf; Darim heißt den Fündling von seinem Zeltendorfe sich entfernen. Gundubah, da seine sanften und bescheidnen Gegenvorstellungen unbeachtet bleiben, willigt in die Trennung ein; vorher will nur noch der Pflegevater den Talisman lesen. Gundubah erlaubt es ihm und nun sieht erst Darim, daß er bisher den Sohn seines alten Todfeindes, des El Hharis bei sich erzogen habe. Da erwacht in ihrer ganzen Gewalt die Blutrache; mit lautem Geschrei ruft er die Seinen, damit sie den Sohn Dessen tödteten, der so Viele ihrer Väter und Brüder erschlug. Gundubah, der Einzelne, fordert nach altem Recht der Kämpfer, daß Einzelne, nicht Alle zugleich sich mit ihm messen möchten. Emir Darim sprengt zuerst heran; Gundubah versucht Alles um den Kampf mit dem Pflegevater zu vermeiden, dieser aber stürzt sich in blinder Wuth selber Gundubahs Speer entgegen und fällt vom Eisen durchbohrt. Hierauf dringt der ganze Haufe der Krieger auf den Helden ein; einige von Darims Söhnen fallen; die andern entfliehen zum Zelte ihrer Mutter, welche klagend und bittend hervortritt und den Pflegesohn ermahnt seinem Zorn gegen die Kinder der Mutter die ihn wie einen eignen Sohn liebte, Einhalt zu gebieten. Gundubah, nachdem er kindlich der Mutter für ihre Treue gedankt hat, nimmt Abschied und reitet nach dem Schlosse der von ihm erschlagenen Riesin, dessen Mannschaft sich ihm als ihrem Herrn unterworfen hatte. Er wählt sich einen Theil der Männer zur Begleitung auf seinen Ausgang nach Abentheuern und nach Thaten des Krieges; nur zu bald bemerkt er aber, daß diese Gesellen mit heimlichem Verrath gegen ihn umgehen; er erschlägt sie alle und setzt seinen Zug allein fort. Da begegnet er, im palmenreichen Thale der noch nie besiegten Heldenjungfrau Ckattelet esch Schugan (Vertilgerin der Helden) der Tochter des El Melik Ckabus. Diese, da sie an der Art seines Reitens schon von fern erkannte, daß er ein starker Krieger sey, war ihm entgegengeritten um, wenn er nicht stärker wäre als sie, ihren Speer mit seinem Blute zu röthen. Vor dem Kampfe begrüßt er sie wie Helden pflegen, mit dem Gruß des Friedens, und ermahnt auch den vermeintlichen Gegner dasselbe zu thun; dieser aber, damit die Stimme das Geschlecht nicht verrathe, nimmt schweigend seinen Anlauf. Die Speere sind schon zerbrochen, die Schwerter zerhauen, da wirft mit überlegner Ringerkraft Gundubah den Gegner zum Boden, und will eben mit dem Dolch den Kampf enden, als die Heldin sich ihm zu erkennen giebt. Er allein unter Allen die um ihre Hand warben und von ihr besiegt und getödtet wurden ist ihrer Verbindung werth; sie wird seine Braut; er nimmt die Bewirthung bei ihren Zelten, unter den Kriegern ihres Vaters an, welche mit ihr hierher auf Wegelagerung gezogen waren. In der Nacht beim Feuer, erzählten sich die Kriegsleute ihre Thaten; ein schwarzer Sklave erzählt, er habe die Gemahlin des großen Emir El Hharis enthauptet; Gundubah zieht sogleich sein Schwerdt und nimmt Blutrache an dem Mörder seiner Mutter. Die Andern wollen jetzt ihrerseits an ihm den Tod ihres Spiesgesellen rächen; von dem Waffenlärme erwacht die Fürstin Ckattelet, schlichtet vor der Hand den Kampf, indem sie verspricht am andern Tage Urtheil und Recht zu sprechen, entflieht aber noch bei Nacht mit Gundubah. Auf seinem weitern Zuge begegnet das junge Heldenpaar abermals, in einem Feld der Palmen, einem blutigen Kampfe der Männer; aus dem Schlachtgeschrei der schwächeren, fast schon unterliegenden Parthei, erkennt Gundubah die Söhne seines Stammes, die Beni Kilab, die Verwandten seines Blutes, und als nun sein tapfrer Arm im Bunde mit dem der Heldin die stärkeren Feinde zurückgeschreckt und geschlagen hat, wird er Emir der Beni Kilab, deren Stamm sich durch ihn von neuem, und mehr denn jemals zum Range des mächtigsten und geehrtesten unter allen Stämmen der Hedschas erhebt. Von nicht minder anziehender Kraft, durch Stoff und Inhalt ist auch die Romanze von Abu Zeyd oder Barakat, die man öfters in den Kaffeehäusern oder unter den Zelten von den Romanzendichtern erzählen hört. Wir haben uns jedoch schon zu lange auf und bei dem Rumeylehplatze unter dem gauklenden, singenden, zuschauenden und zuhörenden Haufen herumgetrieben; es ist Zeit, daß wir uns auch an einer andern Stätte der Bairamsfestlichkeiten umsehen. Ein Hauptort des Begegnens der festlich, in ihren neuen Kleidern prangenden Leute, besonders der Frauen, sind heute, wie ich schon vorhin sagte, die Begräbnißstätten, vor allen die große, nordwärts von der Stadt, gegen die Gräber der Mameluckenkönige gelegene. Der heutige Tag ist nicht nur ein Fest der Lebenden, sondern diese wollen ihn auch für ihre Todten als einen solchen gelten lassen. Darum gehen fast Alle, mehr jedoch die Frauen als die Männer, mit den Zweigen der Palmen oder mit Basilikumkraut in der Hand hieher, scheinbar um eine Klage zu halten; die Klage aber, wenn sie schon eine alte und verjährte ist, wird gewöhnlich bald zu einer Aeußerung und Genuß der Freude. Es ist für die Charakteristik des Lebens und religiösen Glaubens eines Volkes von höchster Wichtigkeit die Form zu betrachten, in welcher den Vorstellungen der Ueberlebenden der Tod der Ihrigen erscheint, und die Weise in der sie den Todten die sogenannte letzte Ehre, bei der Bestattung seines Leibes zur Erde bezeugen, darum beschreibe ich Dir, zum Schluße meines heutigen Briefes und meiner Erzählungen aus dem Leben der jetzigen Kahiriner, die Feierlichkeiten der Sterbehäußer und der Begräbnisse. Der Tag wo sich Jeder auf den möglichen Fall, daß er in diesem Jahre sterben werde, vorbereitet ist der vierzehnte des Monates Schaaban. Denn in der Nacht, welche in die Mitte dieses Monats fällt, nach Sonnenuntergang, schüttelt der Engel jenen Lotusbaum (Sidr) des Paradieses, an dem so viel mit Namen beschriebene Blätter stehen als Menschen auf Erden leben. Die, deren Blatt (das ihren Namen führt) herunterfällt, müssen ohne Widerruf in diesem Jahre sterben. Die Gläubigen bringen deshalb diesen Tag im Gebet zu, wenn aber einmal die Zeit des Schüttelns vorbei ist, warten sie in phlegmatischer Ruhe den Erfolg ab. Ueberhaupt machen sich die Bekenner des Islam eben so, wie sie es mit dem Leben gethan haben, auch den Tod so anmuthig und leicht als möglich. Nach ihrer Vorstellung ist es ohnehin eine ausgemachte Sache, daß jeder Gläubige, d. h. Mohamedaner, selig werden kann und zuletzt wohl auch muß, die Ungläubigen aber, Christen, Juden und Heiden ewig verdammt sind, wenn sie nicht noch zuletzt zum Islam sich bekehren. Daher würde es auch, nicht bloß nach dem Gebot des Propheten: die Todten nicht zu klagen, sondern auch nach der Sitte des Volkes sehr tadelnswürdig erscheinen, wenn ein Mann bei dem Tode der Seinen der Wehklage sich überließe; in der Geschichte der Sterbe- und Begräbnißgebräuche haben wir es deshalb vorzüglich nur mit dem Benehmen und den Handlungen der Frauen, nicht der Männer zu thun. Sobald der letzte Kampf des leiblichen Lebens mit dem Tode beginnt, legt man den Sterbenden so, daß sein Angesicht gegen Mekka gewendet ist. Wenn der Kampf geendet ist drückt man dem Verstorbenen die Augen zu; die anwesenden Männer rufen den auswendig gelernten Spruch: Allah; es ist keine Kraft noch Macht außer in Gott; wir gehören Gott an und zu Ihm müssen wir zurückkehren; Gott habe Erbarmen mit ihm (dem Verstorbenen). Die Frauen aber erheben das durchdringende, laute Klaggeschrei (den Welweleh oder Wilwal) untermischt mit Aeußerungen des Schmerzens wie sie die Natur oder die angelernte Sitte ihnen eingiebt. Unter den schon oben (S. 16) erwähnten ländlich sittlichen, hört man auch die rührenden: o Theurer (ja ezzih); o mein Vater (ja abuja). Sobald der Wilwal vernommen wird kommen auch Nachbarinnen und stimmen in die laute Klage ein. Hierauf verstummt diese; die Verwandtinnen des Verstorbenen sitzen mit verhülltem Haupte, schweigend auf dem Diwan, dessen Polster, eben so wie die Teppiche, zum Zeichen der Trauer umgekehrt (das unterste zu oberst) worden sind. Nun treten die Neddabehs oder Klageweiber (deren noch jetzt fortwährendes Geschäft das ausdrückliche Verbot des Propheten nicht aufheben konnte) herein ins Zimmer. Die, welche ihren Chor anführt, hat sich vorher genau nach den Umständen und Familienverhältnissen, nach den gewöhnlichsten Ausdrücken und Redensarten des Verstorbenen erkundigt; sie erzählt jetzt von diesem, stellt in dieser Erzählung mit theatralischer Kraft die Weise dar, in welcher der nun Hingeschiedne, am Morgen wenn er an sein Tagesgeschäft gieng, oder am Mittag und Abend wenn er wiederkehrte, die Seinen begrüßte; sie beschreibt einzelne vorzüglich rührende Züge aus seinem Leben, dazwischen bejammert sie ihn, und die andern Neddabehs stimmen in die Klage ein. Der Eindruck auf die von Natur oder aus Sitte verstummte Wittwe oder andre nahe Verwandtinnen des Verstorbenen ist hiervon so mächtig, daß der laut sich erneuernde Jammer öfters Ohnmacht herbeiführt. Wenn der Todte am Morgen starb geschieht die Bestattung noch an demselben, wo nicht, am andern Tage. In der ersten Nacht nach dem Tode werden im Hauße des Verstorbenen, wenn dieser nicht ganz arm war, von einigen Ficki's vor allem die Gebete des großen Sebchah oder Rosenkranzes gesprochen und der Koran gelesen. Der Rosenkranz dessen sich die Fickis bei dieser Gelegenheit bedienen hat 1000 Kugeln, so groß als ein Taubenei; so oft eine solche Kugel durch die Finger gleitet, murmelt der Betende die Worte: es ist keine Gottheit außer Gott; wenn er dieß 1000 mal gethan hat bekommt er eine Tasse Kaffee, und beginnt dann von neuem das Spiel der Kugeln wie der Worte, denn er hat dieses in Allem 31000 Male zu wiederholen. Sobald er sein la ilaha zum 31000sten Male gesagt hat wird ihm eine ordentliche Mahlzeit gereicht. Während des Gemurmels der Sebchahbeter und Koranleser setzen auch die Klageweiber in Gemeinschaft mit den Frauen des Sterbehauses ihren Wilwal fort. Dieses Jammergeschrei erneut sich in größerer Heftigkeit, wenn jetzt der Augenblick der Bestattung kommt. Der Todte, von den Mughossils (Leichenwäschern seines Geschlechtes) gewaschen und in den Kefen oder Todtenkittel gekleidet liegt auf der Bahre, die sich bei den Leichen der Frauen und jungen Knaben durch einen eignen Aufsatz unterscheidet und welche von Freunden des Verstorbenen getragen wird. Zuerst geht paarweise geordnet eine Anzahl der Fakirs oder andrer armer meist blinder Männer welche in tiefem, dumpfen Tone das Glaubensbekenntniß beten, dann folgen einige Freunde des Todten, unter ihnen nicht selten Derwische mit Fahnen, hierauf paarweise eine Schaar von Knaben, welche den Chasrijeh oder Sterbegesang singen, dessen Inhalt eine Art von Beschreibung des jüngsten Gerichtes ist. Nun kommt die Bahre und hinter ihr die klagenden Frauen. Ihre Klage wird übrigens nicht laut beim Begräbniß einer Jungfrau und bei diesem gehen auch die Verwandtinnen nicht zu Fuße, sondern reiten. Noch weniger darf sich der Wilwal vernehmen lassen, bei dem Begräbniß eines Welih oder vermeintlichen Heiligen, unter welchem Titel der Mohamedaner nicht selten auch Blödsinnige verehrt. Bei der Bestattung eines solchen müssen vielmehr die begleitenden Frauen ihren Zugharit oder Jubeltriller anstimmen, weil sonst, so sagen die Träger, die Bahre, durch den Geist des Welih gehalten, schlechterdings nicht vorwärts geht[19]. Der erste Weg vom Leichenhauße hinweg geht nach einer der großen Moscheen. Hier verrichtet der Iman die Tekbirs oder Todtengebete und spricht darauf die Formeln des Glaubensbekenntnisses des Islam. Dieser Todte da hat, so fährt er fort, das Alles bekannt, darum schenke ihm, o Gott, Befreiung von Strafe und Segnungen des Paradieses. Wenn hier, unter den Anwesenden einer ist, welcher gute Thaten gethan hat, so lasse die Kraft derselben dem Verstorbenen zu gute kommen. -- Nach einer kurzen Pause wendet sich der Iman zu den Engeln, welche, obwohl vom Menschenauge ungesehen zur Rechten und Linken der Bahre stehen, und grüßt sie mit dem Gruße des Friedens und der Segnungen. Endlich wendet er sich an die Anwesenden und ruft laut: gebt über den Todten euer Zeugniß. In der Regel antworten diese: er war unter den Guten. Als jedoch vor mehreren Jahren der Wüthrich Ali Bey durch ein merkwürdiges Gericht der Wiedervergeltung, sein Ende in den Flammen einer (im Jahr 1824) auf der Citadelle entstandenen Pulverexplosion genommen hatte und nun sein entstellter Leichnam zur Hhosseynsmoschee gebracht war, da wagte es bei der Aufforderung des Imams: »gebt nun Zeugniß über den Todten,« keiner, auch der anwesenden Verwandten, die gewöhnlichen Worte der Gutheißung auszusprechen. Der Imam wiederholte noch einmal seine Aufforderung; man hörte ein dumpfes Murmeln des Unmuthes unter den Anwesenden; er schloß mit den halblauten Worten: »Gott sey ihm gnädig[20].« Wenn diese Ceremonie, die wie ein schwacher Ueberrest der alten Todtengerichte erscheint, vorüber ist, und wenn die Moschee zugleich, wie die des Hhosseyn, Verwahrungsort der Ueberreste eines Heiligen ist, trägt man die Todtenbahre noch vor die Mocksurah oder den Aufbau des Grabmahls, dann beginnt der Zug nach dem Gottesacker. Das Grab ist ein gleich einem Backofen ausgemauertes Gewölbe, auf dessen geschlossenem mit Erde bedeckten Bogen oben der Turkibeh oder Grabstein liegt. Das Gewölbe muß so hoch seyn, daß der Todte, wenn in der ersten Nacht nach der Beerdigung die beiden Engel Munkir und Nekir hineinkommen um ihn zu verhören, darinnen aufrecht sitzen kann; gewöhnlich hat ein Grab Raum für mehrere Leichname; der Eingang ist nach Nordost gerichtet. Hier schiebt man den Leichnam hinein, legt ihn so, daß sein Angesicht nach Südost (gegen Mekka) gekehrt ist und sucht ihm diese Stellung durch Unterlegen eines Steines zu sichern. Wenn dies geschehen ist, setzt sich ein Ficki als Mulockkin oder Todtenlehrer vor das Grab und ruft zu dem Leichnam hinein: »o Knecht (Magd) Gottes, o Sohn (Tochter) einer Magd Gottes, wisse, daß jetzt zwei Engel zu dir kommen werden. Wenn diese dich fragen, wer ist dein Herr, da antworte du: Gott ist mein Herr; wenn sie dich fragen nach deinem Glauben, antworte der Islam ist mein Glaube; nach den Propheten, da sage nur Mohamed ist Gottes Gesandter; nach dem Buch der Gebote: der Koran ist das Buch meiner Gebote; nach der Richtung deiner Gebete: die Kaaba ist der Ort dahin ich betend mein Haupt wende und ich lebte und starb in dem Bekenntniß, daß keine Gottheit ist außer Gott und Mohamed ist Gottes Gesandter. Wenn du so wie ich dir sagte geantwortet hast, dann werden die Engel zu dir sagen: Schlafe o Knecht Gottes, im Schutze Gottes.« Am Grabe eines Bemittelten wird nach vollbrachten Gebräuchen der Bestattung ein Büffel als Kaffarah oder Versöhnungsopfer geschlachtet und sein Fleisch an die Armen vertheilt. Am Donnerstag nach der Beerdigung des Abends wiederholen die Frauen ihr Klaggeschrei; am Freitag besuchen sie mit Palmenzweigen in der Hand das Grab. Dasselbe geschieht an jedem Donnerstag und Freitag der beiden nächsten Wochen und zuletzt noch mit besonderer Feierlichkeit in der sechsten Woche, wo sich die 40tägige Periode der Klagezeit schließt. In Oberägypten halten die Frauen in den ersten drei Tagen nach dem Tode eines nahen Verwandten nicht bloß laute Klagen, sondern zugleich auch, dreimal täglich und zwar jedesmal eine Stunde lang, Todtentänze von ganz besondrer Art, wobei sie Angesicht und Gewand mit Staub und Asche bestreuen, Palmenstöcke oder scharfe Waffen in den Händen, einen Gürtel von Stroh oder Grashalmen um den Leib tragen. In diesem Tanze kehren vorzüglich oft jene Bewegungen wieder, wobei die Tänzerinnen sich tief zur Erde beugen und dann wieder aufrichten. Nach drei Tagen wird der Strohgürtel auf das Grab des Verstorbenen gelegt. -- Die Farbe der Trauergewänder, die übrigens nur von Frauen getragen werden, ist in Aegypten die dunkelblaue. Die Beschreibung der Bestattungsfeierlichkeiten der Kahiriner hat uns zugleich an den Hauptort dieser Bestattungen: auf den Todtenacker von Bab en Nusr geführt. Daran gränzt die prachtvolle Gräberstadt der Großen (der Mameluckenkönige von Aegypten) deren schönste Moscheen und alte Schulgebäude von den Herrschern der Cirkassischen oder Borgitendynastie (zwischen 1382 bis 1512) erbaut sind. Viele köstliche Trümmer und Hieroglyphenwerke sind in die Mauern dieser alten Gebäude hineingeflickt. Sultan Kaitlag, dessen Moschee eine der schönsten von Kairo ist, starb 1496; nächst dieser, ist die des Sultan Seegu sehr sehenswerth. Der ganze lange Strich westlich am Fuß des Mokkatam hin weiß von nichts zu sprechen als vom Grabe und von Todtensteinen. So haben wir die Bekenner des Islam, welche das neuere Aegypten, namentlich aber seine Hauptstadt beherrschen und bewohnen, durch die Gebräuche ihres täglichen Lebens bis zum Grabe begleitet. Auch hier wird noch der Unterschied deutlich, der zwischen der Tageshelle der Sonne und zwischen dem Mondenschein sey; das Leben der Moslemen endet und zerfließt zuletzt in einer Welt der Träume und selbst geschaffnen Phantasieen, das der Christen endet an einer Welt der gewissen Zuversicht und der offenkundigen Wahrheit; jenen geht da der Mond unter, welcher mit einem nur von der Sonne erborgten Schimmer den Lebenspfad beleuchtete und der Tag ist noch fern; dem Christen gehet da die Sonne auf, deren Morgenlicht schon die Wege seines Lebens helle gemacht und bestrahlet hatte. Vierter Brief. =Ausflüge in die Umgegend: an den Nil und nach Heliopolis. Beschreibung der Kopten.= Ich habe hier schon manche Seite, freilich in sehr abbrevirter Sprachweise an Dich geschrieben, meine liebe Schwester; dennoch bin ich des Schreibens noch nicht müde. Vielleicht liegt der Grund zu dieser Schreibseligkeit in der milden Luft und zugleich in unsrer sehr mäßigen und geregelten Diät, vielleicht auch in der aufregenden Kraft des vielen Neuen, das man täglich sieht und hört; so viel ist gewiß, daß ich selten eine solche Leichtigkeit und aufgelegte Stimmung zu den ritterlichen Uebungen der Schreibfeder empfunden habe, als da oben auf meinem Dache, neben dem großen Windfange; es ist als ob hier, im Anblick der Palmenwälder und Pyramiden, in meinem sonst so schweren Dache des Gehirnes selber eine Thür sich aufgethan hätte, durch welche ein frischer, belebender Hauch hinabführe, der alle Lebensräder in Bewegung setzt; in einer oder etlichen Stunden schreibe ich so viel als daheim in einem ganzen Tage. In meinem heutigen Briefe bin ich gesonnen Dich auch einmal aus der ungepflasterten und dennoch so manches Heilpflasters bedürfenden Stadt hinauszuführen in die Umgegend und freie Landschaft. Die alten Aegypter hatten, wie Du weißt die Sitte, ihre Todten zu ihren Festen einzuladen und den ernsten Anblick der Mumien zu den fröhlichen Eindrücken des gastlichen Mahles zu gesellen; diese Sitte der Menschen erscheint in der That nur als eine bewußtlose Nachahmung der Natur und Weise des hiesigen Landes. Auch die Natur hat ihre Mumien und Grabmähler; nirgends hat sie dieselben in solcher riesenhaften Art und Menge und so nahe zu dem noch fortwährenden Gastmahle des jungen, frischen Lebens gesellt als in Aegypten. Hier sind fast alle Hügel des Nummulitenkalkes von einem Gewimmel der Ueberreste jener lebendigen Wesen erfüllt, die sich in dem Muttergewässer der Schöpfungstage regten und bewegten; die große, allgemeine Fluth, welche mit ihren schwer lastenden Wassermassen über die Oberfläche der Erde dahinschritt, hat nirgends mächtigere, unverhülltere Fußtritte zurückgelassen, als da in der Wüste, wo der Druck ihrer Wassersäule ganzen Waldungen der Vorwelt die Form der versteinerten, vegetabilischen Mumien gab, Thäler und Klüfte in das Land hineinriß und die Felder der runden Kiesel wie die unübersehlich weiten Landstriche des Sandes bildete. Und wo sonst auf Erden hätte wohl die älteste und ältere Geschichte der Völker, mit den Werken ihrer Hand sich unbesiegbarer und unverrückbarer fest, neben die noch immer forthandthierende neueste Zeit hingestellt als in Aegypten, wo selbst die anderwärts Alles auflösende und zur Verwesung führende Zeit den Leichnam des Vergangenen und Gewesenen zur bleibenden Mumie machte, als wolle sie dem am Gastmahle des Lebens sitzenden Volke es bezeugen, daß nur ein Ereigniß dem Menschenleben gewiß sey, der Tod; nur eine Kraft die Menschenseele in all ihrem täglichen Treiben aufrecht stehend erhalte: die Kraft der Ewigkeit, welche in ihren Werken wie in den Worten ihres Hoffens von einem Fortwähren der That ihres Seyns auch nach dem Tode spricht. Betrachten wir zuerst das immergrünende Zweiglein des alten Baumes, dessen Stamm und Aeste schon längst abgestorben dastehen; treten wir an die noch immer mit Fülle gedeckten Tische hin, an denen ein großentheils sehr armes, genügsames Volk seine Tage theils verschläft, theils in einem, nicht selten sehr schwerem Traume hinbringt. Der Diener, welcher im großen Haushalt des Landes die Tische mit Lebensmitteln versorgt, ist der Nil, dessen gesegnetes Wasser auch ich rühmen und besingen sollte, da ich seinen Kräften, wie mir es scheint, zum Theil die in Kairo wiedererlangte Gesundheit verdanke, welche durch die Beschwerden der Herreise so wankend geworden war. Unser diesmaliger Weg am Saume des nun trocknen Teiches von El Esbekieh hin, in dessen Mitte jetzt auf Mehemed Ali's Befehl ein botanischer Garten begründet wird, dann zum Thore von Boulack hinaus, führt uns links, auf wohlgebauter Straße, durch die neuen Garten- und Felderanlagen des Ibrahim Pascha, gen Fostat oder Altkairo und an den Nil. Wenn es uns der Kalender nicht sagte, daß wir im Januar leben, die Landschaft würde uns das nicht verrathen, denn auf diesen Feldern, die aus den alten Schutthäufen der Stadt entstanden sind, und deren Boden eine Menge der Wasserräder und Gräben befeuchtet, grünen alle Gemüse unsrer Sommermonate; von den hohen Bäumen der Röhrencassie (+Cassia fistulosa+) hängen die Guirlanden der langen Röhrenschoten in Menge herab. Wir halten uns vor der Hand nicht bei diesen beachtenswerten Anlagen und ihren Erzeugnissen auf; erfreuen uns nur auf einige Augenblicke an den munteren Spielen der vielen militärisch (europäisch) gekleideten Knaben, welche Mehemed Ali hier in einer wohleingerichteten Soldatenschule erziehen und verpflegen läßet, deren weitläufige Gebäude nahe bei Ibrahim Pascha's prachtvollem Pallaste stehen, sondern begeben uns vor allem einmal zur Quelle all dieses wirklichen und scheinbaren Wohlstandes: zum Nil. Wir kommen hier zuerst an dem großen Kanal vorüber, welcher zur Zeit der Stromschwelle das Wasser in die Stadt leitet und an dem Gemäuer der plumpen, vom Sultan El Guri erbauten Wasserleitung, dann aber auf einer außen, vor den Mauern von Altkairo hinlaufenden Straße, in welcher vor dem Thore der Höfe und Landhäußer manches beachtenswerte Bildwerk des alten Aegyptens stehet, zum Ufer des Stromes, der hier mit seinen zwei Armen die Insel Ruda umschlingt. * * * * * Auch abgesehen von seiner historischen Bedeutung macht der herrliche Strom hier oberhalb der Insel, wo er noch nicht getheilt ist, Ghizeh gegenüber, einen unvergleichlichen Eindruck aufs Auge. Zwar das Gewimmel und fröhliche Gedränge der mit Menschen und Gütern des Landes gefüllten Fahrzeuge, welche zu Herodots Zeiten seine Wasserfläche bedeckten, ist schon längst verronnen und vergangen; denn während in den Zeiten der Pharaonen Aegypten sieben Millionen Bewohner reichlich ernährte und versorgte, ist die Zahl der jetzigen kaum noch auf mehr denn zwei Millionen anzuschlagen, und wenigstens der sechste Theil der männlichen Bevölkerung stehet im Dienste der Waffen, die übrigen aber in dem nicht minder lähmenden eines fremden Interesses. Dennoch könnte noch jetzt dieses Land bei vollem Anbaue wie in den Zeiten seines vormaligen, höchsten Wohlstandes, seine sieben Millionen Menschen mit all ihren Hausthieren speisen und bekleiden, denn der Nil, nach einem arabischen Ausdrucke, thut seine reiche Hand noch eben so weit auf wie vormals, weil sich zwar der Boden des Landes, mit ihm zugleich jedoch auch das Bette des Flusses durch die jährliche Zufuhr der Stoffe, welche sein Wasser mit sich bringt, erhöht hat, so daß die Höhe seines Anschwellens, zur Zeit seiner Ueberschwemmung noch eben so viel in unsern Tagen wie in denen des Herodot, Plinius, Plutarchs und Kaiser Julians beträgt, nämlich 15 bis 16 Fuß. Mit der Breite des Aegyptischen Stromes hält keiner der vaterländischen, während seines Verlaufes im deutschen Lande den Vergleich aus, denn diese misset schon in dem tief eingegrabenen, engen Bette bei Lucksor 1300 Fuß, steiget bei Montfalout und Syout auf 2034 und 2800, und dehnt sich hier in der tieferen Ebene, wo kein Gebirg zu beiden Seiten die Ausbreitung hemmt, bei dem mittlern Wasserstand (im Januar) auf 2846 Pariser Fuße aus. So sieht man die Donau nur dann, wenn sie auf ihrem Laufe durch Ungarn und die Wallachei vom Zuflusse manches großen Flußes erwachsen, unter dem Panier eines fremden Volkes und fremder Zungen dem Meere zueilt. Wenn man recht lebhaft einsehen will was Aegypten wäre ohne den Segen des Niles, muß man sich das Land nur in dem Zustand denken, in welchem es sich vor der Stromschwelle befindet. Jetzt stehen wir hier mitten im Winter; ohngeachtet der großen Kühle der frühesten Morgenstunden ist die mittlere Temperatur des Monates 10 bis 12 Grad, wie bei uns im Frühling; der Flachs hat schon Knoten gewonnen und in wenig Wochen wird man ihn können raufen, der Waizen steht so hoch wie bei uns spät im Mai; die Erbsenfelder sind voller großer Schoten, die Bohnen wie der Rübsamen blühen, das Zuckerrohr wird geerntet. Noch geht der Nil in fast vollem Bette; an tieferen Stellen des Thales sieht man mächtige Teiche und Sümpfe stehen. Dies ist auch überdieß die Jahreszeit wo das Land von Unterägypten öfters (besonders, wie man sagt, seit den Anpflanzungen des Ibrahim Pascha) von Regenschauern, ja, wie wir dieß selber gleich bei unsrer Ankunft erfuhren, von Regengüssen erquickt wird, während freilich in Oberägypten das ganze Jahr hindurch kaum fünf leichte Regenschauer, alle zehn Jahre nur ein starker Platzregen fällt. Nur noch wenig Wochen und die Frische der Natur, die uns jetzt so anlacht, wird verschwinden; noch im März steiget die mittlere Temperatur auf 20 Grad und darüber (in Oberägypten auf 24), die Felder sind dann weiß zur Ernte, denn mit Anfang des Aprils schneidet man den Waizen, und das dürre Stroh der Erbsen- und Linsenfelder ist dann längst zum Brennmaterial geschickt geworden. Nun kommt, wie das hiesige Volk meint, vom Ostermontag der Kopten an die Periode der heißen aus Süden strömenden Chamsimwinde, welche, wenigstens nach Aussage der hiesigen uralten Bauern- und Bürgerregel, 50 Tage bis zum Pfingstsonntag dauert. Am Mittwoch vorher (in der Charwoche) den sie Hiobs Mittwoche (Arbaa Eyub) nennen, reiben sich die Koptischen Christen den ganzen Körper mit dem Kraut und Blättern des arabischen Inelts (+Inula arabica+) den sie Ghubeyra nennen, und schon an Mariä Verkündigung so wie am Palmsonntag spricht ihr Priester das Todtengebet über die ganze Gemeinde; denn diese alten Eingebornen des Landes bedenken wohl, welchen Gefahren sie entgegengehen. Die Mohamedaner aber machen es gleich dem Till Eulenspiegel, welcher, wenn er einen sauren Berg hinauf zu steigen hatte, lachte, weil er schon im Voraus des Hinabsteigens sich freute, das vom Gipfel aus seinen Anfang nehmen würde; sie reiten oder gehen am ersten Tage des Khummasin oder Chamsim schaarenweise zum Thore hinaus, um, wie sie sagen, den erquicklichen Zephyr zu riechen, was sie für sehr gesund halten, obgleich sie öfters, wenn Ostern etwas später fällt, halbkrank und fast erstickt vom Staub der heißen Winde von ihrem Zephyrriechen (Schemmn Nesim) wieder nach Hause kommen. Ohnehin gewährt jetzt die freie Landschaft einen traurigen Anblick; der Boden ist tief zerborsten und löst sich bei jedem Windhauch in Staube auf; das Grün der Auen ist fast ganz verschwunden, nur der Palmbaum behält auch in der Dürre und Hitze sein grünendes Laubdach. In dieser Zeit sollte eigentlich kein Fremder nach Aegypten kommen, oder wenn er schon da ist sollte er nach dem zwar um 5 Grad heißeren, dabei aber dennoch gesündern Oberägypten, noch besser aber in das Sinaitische Gebirge entfliehen. Denn dieß ist die Zeit da die Pest, wenn sie anders gerade in Aegypten ist, und andre Krankheiten am gefährlichsten wüthen und wie groß hier ihre Macht seyn könne, das erfuhr man noch vor zwei Jahren (1835), wo in Kairo allein der dritte Theil der Einwohner (gegen 80000 Menschen), in ganz Aegypten aber fast ein Zehntheil der Bevölkerung (gegen 200000) starben, obgleich die Zahl der Opfer in Oberägypten verhältnißmäßig viel geringer war als in Unterägypten. Nun läßt sich auch zuweilen der erstickend heiße, giftige Samum merken, der jedoch zum Glück nur eine Viertelstunde bis 20 Minuten lang wehet; ein Theil des Ungeziefers, das selbst bei Nacht die Ruhe der Betten störte, namentlich die Flöhe, sind zwar in der heißesten Zeit verschwunden, desto lästiger fallen aber jetzt die Wanzen, Mücken, Fliegen und bei Unreinlichen selbst die Läuse. Aber das Zephyrriechen der Reiter und Fußgänger; dieses Hoffen zu einer Zeit da nichts zu hoffen war, bleibt doch auch nicht ohne Erfüllung, obgleich diese nicht zu Pferde, sondern ziemlich langsam, zu Fuße nachkommt. Grade dann, wenn die Noth am größesten, ist auch hier in diesem bedeutungsvollen und merkwürdigen Lande Gottes Hülfe am nächsten; denn wenn die Hitze ihre höchste Stufe erreichte, dann fangen die kühlenden Nordwinde an immer häufiger und kräftiger zu wehen; die Nilfahrt belebt sich wieder, weil man nun besser und leichter auf eine günstige Fahrt nach Süden rechnen kann. Am 17ten Juny, am 11ten des Monates Baunah der Kopten, ist die Leylet en Nucktah, die Nacht des Tropfens; jene wundervolle Nacht, da -- wie dieß die Astrologen auf die Minute auszurechnen wissen -- der kräftige Tropfen vom Himmel in den Nil fällt, welcher den Strom so hoch anschwellen machet. Man bringt diese Nacht fröhlich auf den Dächern der Häußer oder im Freien zu; ein Stücklein Teig auf das Dach gelegt deutet, wie man meint, durch sein Anschwellen mittelst der Gährung Glück und längeres Leben, durch das Gegentheil aber etwas Schlimmes an; Kugeln aus Nilschlamm zusammengeballt, von Nilwasser umgossen, lassen, meint man, auf das Maaß der dießjährigen Stromschwelle schließen. Nun beginnt die Spannung der Neugier und Erwartung, wie in den Gegenden unsers Vaterlandes, welche Weinbau treiben, in der Zeit der Blüthe und des angehenden Reifens dieses edlen Gewächses, bei jedem günstig oder ungünstig scheinenden Tage. Man läuft hinaus an den Nil um selbst der Wirkung des wundervollen Tropfens zuzuschauen, aber auch jetzt kann man noch Gedult üben lernen, denn das Steigen des Wassers wird doch erst gegen Anfang des Juli recht bemerkbar. Jetzt hat auch der Magenwächter des Ramadans, von dem ich im zweiten Briefe (S. 21) erzählte, wieder etwas zu thun, denn öfters versieht dieser vom dritten Juli an, in dem Quartier der Stadt, für das er bestellt ist, auch die Stelle eines »Munadi en Nil« eines Ausschreiers der Nilstromschwelle. Er kommt diesmal in Gesellschaft eines Knaben vor die einzelnen Häußer und beide rufen oder singen gegeneinander. Der ~Munadi~ beginnt: »Ich bezeuge den Ruhm Dessen, welcher den Erdkreis ausbreitete. ~Knabe~: Und gab fließende Wasser. M. Durch Ihn werden die Gefilde grün. K. Nach dem Tode giebt er ihnen Neues Leben. M. Gott gab Fülle; Er machte den Strom schwellen und wässerte das höhere Land. K. Ja selbst die Hügel und den Sand, wie die ebenen Auen.« -- Bei und außer diesen seinen Sprüchen hat der Munadi denn auch das Amt jenes Maaß des Steigens anzugeben, das am Strom bemerkbar wurde. Man darf ihm aber hierbei nicht viel Vertrauen schenken. Damit die Gedult seiner Zuhörer nicht zu sehr ermüdet werde -- denn das Steigen geht gar langsam -- läßt er bald einmal den Strom viel höher anwachsen, als er es wirklich that, oder er dichtet ihm wohl auch Pausen des Steigens an, wo keine da waren, nur um dann wieder Gelegenheit zu haben einen recht freudigen Aufsprung seiner Angaben, vom Geringeren zum Höheren zu machen. Das Landvolk läßt sich indeß durch keinen Munadi irre machen; es bestellt im August die Saat der verschiedenen Arten des Moorhirses und andrer Gewächse, deren junges Grün am besten unter der Decke des Wassers gedeiht. In diesem Monat so wie im September ist es auch für den Fremden, der alle Herrlichkeiten Aegyptens besehen möchte, hier nicht mehr übel wohnen und reisen. Der jetzt vorherrschende Nordwind strömt seinen kühlenden Hauch über das zu einem See gewordene Nilthal aus, und schwellt zugleich die Segel der Bote, die nach Theben steuern gar fröhlich an. In Oberägypten beginnt die Reihe der Freudenfeste, die jetzt, beim Austreten des Stromes über seine Ufer bis hinab zu den Mündungen ins Meer gefeiert werden, zuerst; sie beginnt hier auf ziemlich handgreifliche Weise. Kinder, wie man sagt nach einer uralten Sitte, entzünden Büschel von Palmenblättern oder Binsenrohr und schlagen mit den Feuerbränden, eines aufs andre. In Unterägypten ist man feiner und höflicher. Der Munadi mit seinem Knaben, der jetzt von jedem Hausbesitzer ein Trinkgeld für sein Ausschreien zu empfangen hat, geht, festlicher als gewöhnlich geputzt, den Tag vorher, ehe man hier bei Altkairo oder Fostat den Damm durchsticht und das Wasser in die Kanäle der Stadt strömen läßt, in seinem Stadtquartier herum und beide singen oder schreien gegen einander. M. Der Strom hat Ueberfluß gegeben und sein Maaß erreicht. K. Gott hat den Ueberfluß gesendet. M. Der Kanalteich ist gefüllt, in den Gräben strömt das Wasser. K. Gott hat den Ueberfluß gesendet. M. Die Fahrzeuge sind flott. -- Darauf, nach manchen ähnlichen Beschreibungen der Stromfülle, fährt das Duett fort, die Bewohner der einzelnen Häußer anredend: Mögt ihr lange leben. -- -- Dieser edle Mann (hier im Hauße) liebt die Edlen. -- Das Paradies ist den Freigebigen verheißen. -- Die Hölle aber den Geizigen. -- Möge Gott mich nicht vor die Thüre eines Geizigen führen. -- Eines Solchen der das Wasser im Kruge mißt. -- Oder die Brode noch im Teige zählt. -- Nicht eines Solchen der die Katzen zur Essenszeit hinausschließt. -- Oder die Hunde von seiner Mauer hinwegtreibt. -- Seht nur, wie die Welt sich geschmückt hat. -- Die Damen haben sich geputzt. -- -- Der Junggesell sieht sich nach Gesellinnen um. -- Der Jungfrau bereitet man den Brautschatz. Die fröhlichen Festlichkeiten, die man bei Kairo vor dem Durchstechen des großen Dammes anstellt, sind schon oft beschrieben. Zelte sind da für die Zuschauer, für die Sänger und Volksbelustiger, wie für die Verkäufer des Scherbet und der Eßwaaren aufgeschlagen; in dem noch trocknen Kanal, in welchen man jetzt die Arusch oder Braut des Nils, eine aus Schlamm oder Lehmen gefertigte Säule hineinstellt (statt der Jungfrau die nach einem Mährlein der hiesigen Moslemen die vormaligen Bewohner dem schwellenden Strom zum Opfer brachten) sieht man Leute tanzen und springen, hört da den Ton der Sänger und Musikanten. Und nach fröhlich durchwachter Nacht deren Dunkel die Feuerwerke erhellten, wird dann am Morgen bei Sonnenaufgang, unter dem Donner der Kanonen, in Gegenwart der höchsten Behörden der Stadt der Damm gestochen; das lustige Pöbelvolk oder die muthwillige Jugend erwartet, noch im Graben stehend, die Ankunft des Wassers, in welchem es jauchzend herumwatet oder zuletzt schwimmt wobei nicht selten Mehrere ertrinken; das geschmückte Schiff (Ackabah) fährt auf dem strömenden Wasser unter den gellenden Tönen der Musik dahin; die leicht auflösliche Nilbraut zerrinnt. Vormals wurde auch, zur Belustigung des Volkes vom Sultan oder Pascha Geld in das wogende Wasser geworfen, das der hinabtauchende Pöbel hervorholte. Am Tage der Kreuzerfindung oder des Salib der Kopten, das ist nach unserm Kalender am 26sten oder 27sten September hat in der Regel der Strom seinen höchsten Stand erreicht. Der Munadi singt jetzt sein Liedlein vom Schemmam und Lemmam, worinnen er meldet, daß nun alles Grün außer dem Schemmam (Dudaimkürbißen) und Lemmam (Aegyptische Krausemünze) vom Wasser bedeckt sey und empfängt noch nachträglich ein kleines Trinkgeld. Die Höhe des Wasserstandes fängt jetzt allmälig an sich wieder zu vermindern; ein großer Theil der Felder tritt frei aus seinem Spiegel hervor. Man säet jetzt den Waizen, in mehreren verschiednen Abarten, die Gerste, Bohnen, Erbsen und eine Menge andere Hülsengewächse, während man die Samenkörner der verschiednen Arten von Moorhirse schon im August dem Boden anvertraut. So sind in Aegypten alle Arbeiten des Landmannes durch die Zeiten der Stromschwelle des Niles vorherbestimmt und geregelt. Und wenn wir mit dem festgeordneten Jahreslaufe der Geschäfte des Landbaues, wie wir ihn jetzt noch im Nilthal vor Augen haben, die ältesten Berichte über Aegypten aus der Mosaischen Zeit so wie aus den Tagen des Herodot vergleichen, dann erkennen wir eine Uebereinstimmung und ein Verbleiben bei dem Gleichen, wie dies nirgends in unsern Gegenden gefunden werden kann. Wenn irgend ein Land geeignet erscheint seine Bewohner zur Kenntniß der eigentlichen Dauer des Jahres zu führen und hierbei fest zu erhalten, so ist dieß Aegypten. Und dennoch hat die Sitte des Islams, wie sie in manchen alten christlichen Kirchen, die sie zu Moscheen umgestaltete mit ihrer Kibleh oder Mekkalinie, die Richtung, nach welcher jene orientirt waren, queer durchkreuzte, auch durch das Sonnenjahr das hier so fest bezeichnet ist, einen unsymmetrischen Querstrich gemacht, indem dieselbe ihre Jahresfeste und Monate nicht nach dem Lauf der Sonne, sondern des Mondes bestimmte, so daß die Dauer ihres Jahres um 11 Tage kürzer ist und die Zeit der Ramadanfasten wie des kleinen Beiram, welche heuer in den Januar fiel nach 16 Jahren auf die Mitte des Sommers treffen wird. Aber das Gebäude der alten Ordnung der Dinge steht hier dennoch so fest, daß jene mit ihrer Kiblehlinie es nicht verrücken können. Wie man in diesem Lande der unverweslichen Vergangenheit in den Händen einiger Mumien, die schon vor mehreren Jahrtausenden zu Grabe getragen waren, Waizenkörner und Zwiebeln fand, deren Keimkraft sich noch so wohl erhalten hatte, daß sie, ins feuchte Erdreich gebracht, aufkeimten und ausschlugen, so hat sich auch in der Natur und Seelenstimmung der Bewohner des Landes ein uralter Keim erhalten, welcher, unter günstigen Umständen wohl noch einmal sich frisch beleben und entfalten kann. Wir kamen zum ersten Male am 7ten Januar nach Fostat; es war die Zeit des Weihnachtsfestes der Kopten. In der Stadt selber hatte ich noch keine Zeit gefunden eine Koptische Kirche zu besuchen, obgleich eine der bedeutendsten derselben, sowie die Wohnung des Patriarchen ganz nahe bei der unsrigen liegt; hier in Altkairo ließen wir uns in eine der berühmtesten Kirchen führen. Es ist jene, welche über die zum Theil unterirdischen Gemächer gebaut ist, in denen eine alte Sage der hiesigen Christen die Wohnung der heiligen Familie, während ihres Aufenthaltes in Aegypten vermuthen lässet. Die Kirche ist von klösterlichen Mauern umschlossen. Ich beschreibe Dir das Innre wie es nicht zunächst nur hier, sondern in allen Koptischen Kirchen gefunden wird und zugleich, zum Verständnis der sonderbaren Dinge, die man da sieht, die Gebräuche des Gottesdienstes die man da beobachtet. Bald nach dem Eintreten fällt dem Fremden die große Menge der Krücken auf die an verschiedenen Stellen des Gebäudes angelehnt stehen; er glaubt in eine Wohnung der Lahmen und Krüppel gekommen zu seyn. Diese Krücken dienen sonderbarer Weise zu einem Ersatz für die Sitze. Denn da der ganze Gottesdienst, mit der Feier des Abendmahles, drei bis vier Stunden lang dauert, sucht man dadurch, daß man sich während desselben auf Krücken lehnt, der Ermüdung vorzubauen. Eine zweite Eigenthümlichkeit dieser Christentempel sind die vielen vergitterten Verschläge, welche sich in ihnen angebracht finden. Dem Haupteingange gegenüber, in der äußersten Tiefe der Kirche zeigt sich zuerst der Heykel: das Sanktuarium mit Altar und Kanzel, nach vorn durch einen Gitterverschlag umgränzt, aus welchem eine Thüre die nur ein Vorhang verschließt, herausführt in den zweiten Verschlag, der abermals durch Lattenwerk von der übrigen Kirche abgesondert ist, zu welcher von ihm heraus drei Thüren sich öffnen. In dem innersten Verschlag des Heykel steht der Priester, welcher der heiligen Handlung vorsteht; im äußeren Verschlag die andren Priester und Altardiener mit den Chorknaben. Aber auch der übrige Raum der Kirche ist noch durch mehrere vergitterte Abtheilungen entstellt, wovon etliche für die Männer, einer, welcher am dichtesten verschränkt ist, für die Frauen gehört. Das was der Priester innerhalb des Sanctuariums spricht und betet ist Koptisch; die Gesänge und Gebete der Priester und Chorknaben im Vorbaue des Heykels sind theils arabisch, theils koptisch. Während der langen Dauer der kirchlichen Handlungen macht der Priester zuweilen Pausen um niedersitzend ein wenig zu ruhen, indeß ertönt die laute Musik der geschlagnen Cymbeln; ein andrer Priester mit dem Rauchfaß tritt heraus zur Gemeinde und segnet jeden der Anwesenden mit Auflegen der Hand. Beim Empfangen des Abendmahles, nach vorhergegangener Beichte, naht sich Jeder einzelne der Thüre des Heykel und nimmt hier das in Wein getauchte, geweihte Brod. Vor Weihnachten, Epiphanias und Ostern, so wie bei vielen andern Gelegenheiten, selbst bei Trauungen wird ein langer nächtlicher Gottesdienst gefeiert; andre Nächte werden in Gebet und Trauer bei den Gräbern der Verwandten durchwacht. Alles was dieses merkwürdige Volk in und außer der Kirche beginnt und thut, das trägt das Gepräge eines tiefen Ernstes und der Trauer. Die armen Kopten; sie haben wohl Ursache genug zu trauern. Sie vergleichen sich selber mit der Aloë oder Sapr, jenem schon erwähnten Sinnbild der Gedult, das selbst zertreten und verdorrt dennoch immer wieder aufgrünet und blühet, wenn nur ein Tröpflein Wassers sie benetzt, oder mit der wohlriechenden Futem-Mimose, dem Sinnbild der Liebe, die selbst unter der Axt Dessen der sie niederhaut noch einen erquickenden Duft verbreitet; mich aber erinnert das bedauernswürdige Volk in seinem jetzigen Zustande mehr noch an jene verdorrten Samen oder Keime, die man, wie ich schon erzählte, in die dürren Hände einiger Mumien eingeschlossen fand und in denen dennoch, so erstorben sie auch schienen, ein Vermögen der Wiederentfaltung geblieben war. In der That abgeschlossen und umschlossen genug ist das kleine noch übrig gebliebene Häuflein der alten, Aegyptischen Christen, deren Zahl im ganzen Lande aufs Höchste 140000 betragen mag. Abgeschlossen ist es zum Theil durch eigne Schuld von allen übrigen christlichen Gemeinschaften der Erde, durch ein tief in ihm gewurzeltes, fast gehässig erscheinendes Mißtrauen; umschlossen von der Herrschergewalt einer fremden Religion, Sprache und Sitte, welche das eigentümliche Wesen fast ganz verschlungen und in sich aufgelößt hat. Denn während noch im 14ten Jahrhundert wenigstens die Frauen in Oberägypten nur die Muttersprache -- das Koptische -- sprachen, vermögen dieß jetzt nicht einmal die gelehrten Priester, obgleich ein Theil der Gebete, so wie die Psalmen und noch etliche heilige Bücher in dieser Sprache von ihnen gesprochen und gelesen werden. Die alte, rechte Mutter ist gestorben und hat den Erben nur noch etliche Worte des Vermächtnisses hinterlassen; eine Stiefmutter, das Arabische, ist an ihre Stelle getreten, welche von allen Rechten ihrer Vorgängerin Besitz genommen hat[21]. Nur in der Hauptstadt noch unterscheiden sich die eingebornen Christen durch die blaue (Trauer-) Farbe des Turbans von ihren islamitischen Mitbürgern; auf dem Lande tragen sie, gleich diesen, den rothen oder weißen Kopfbund, und in den Gesichtszügen, Gestalt und Geberden wird zwischen beiden keine Verschiedenheit bemerkt, da ja der größere Theil auch der mohamedanischen Eingebornen aus Kopten, die den Islam annahmen, entstanden ist. Die Kopten essen, wie die Mohamedaner, kein Schweinefleisch (übrigens auch kein Kamelfleisch); der Genuß geistiger Getränke ist ihnen nicht versagt, namentlich trinken sie Branntwein und dieser mag ihnen die schwere, drückende Last ihrer langen Fasten in etwas erleichtern. Vor etlichen Tagen habe ich, mit Freund Lieder den Patriarchen (Botrak) der Kopten besucht; er hat eins seiner vielen Häußer meinen jungen Freunden und Reisegefährten um ganz überaus billigen Preis zur Miethe überlassen. Dieser, wie er sich nennt, Besitzer des Stuhles und geistlichen Hirtenstabes des heiligen Apostel Markus ist ein sehr ernster Mann, der gegen uns eine besonders feierliche Miene annahm. Er, so wie der Bischof (Usckuff) werden aus den Mönchen der Klöster, jener aus denen des St. Antoniusordens gewählt, welche freilich ihre vieljährige Abgeschiedenheit von der Welt und ihre strengen Enthaltungen sehr zum Ernste stimmen mögen. Denn vor dem Eintritt ins Kloster muß sich der künftige Mönch alles dessen entschlagen was er besitzt -- muß Alles weggeben -- man singt und spricht über ihn die Gesänge und Gebete wie über die Todten, verrichtet die Sterbegebräuche. Nur an den drei hohen Festen dürfen die Mönche, wenn sie anders es haben können, Fleisch genießen; sie üben die strengsten Büßungen und Fasten. Auch der Patriarch, der eben so wie seine hohe Geistlichkeit sich nie verheirathen darf, hat es noch schwer genug, namentlich muß er sichs gefallen lassen, daß er in der Nacht jede Viertelstunde einmal geweckt wird. Und dennoch läßt es sich auch hier bemerken, daß das äußerliche, leibliche Wachen dem innren, geistigen gerade nicht förderlich ist, und daß alle Entbehrungen des Mönchthumes, wenn sie auch dem Baume der Selbstsucht seine Blätter nahmen, dennoch die Wurzel desselben nicht tödten konnten; man sagt es den Koptischen Patriarchen nach, daß sie sehr auf Erwerb und Gewinn bedacht sind. Ihre Hauptbesitzungen bestehen in Häußern; denn wenn in oder bei der Hauptstadt ein Kopte sein Haus verkaufen will und es bietet der Patriarch darauf, da treten alle Kauflustige der Gemeinde zurück und jener empfängt es für das, was er bot. Die Geistlichkeit der geringeren Grade muß sich auch mit geringerem Gewinn begnügen; sie erhält nur einzelne, freiwillige Gaben, nährt sich deshalb meist von Handel und Gewerbe. Solche Priester (Ckasis) dürfen ~einmal~ sich verheirathen, doch nicht ~nach~ sondern nur ~vor~ ihrer Weihe. Vielfach hat sich auch in die Religion der Kopten die Form und Sitte des Islams eingedrängt; neben der Taufe, welche die Knäblein 40, die Mägdlein 80 Tage nach der Geburt durch dreimaliges Eintauchen ins Wasser empfangen, bestehet auch theilweise die Beschneidung; in mehreren Kirchen dienen, wie in den Moscheen, eigne Wasserbehältnisse solchen Waschungen, welche wenigstens am Vorabend vor Epiphanias, zur Erinnerung an die Taufe Christi vorgenommen werden; die Erscheinungen von farbigen Gestalten, am Tage jenes Festes in der Klosterkirche von Sette Gemiana bei Mansura, welche dann von ganzen Schaaren der Wallfahrter besucht ist, lassen auf optische Kunststücke solcher Art schließen, wie sie die Magier unter den Bekennern des Islam üben[22]; wenn bei dem siebenmaligen, täglichen Gebete zu Hauße oder in der Kirche vierzigmal die Worte, Gott sey mir gnädig, wiederholt werden müssen, dann scheint diesen Worten keine andre Kraft beizuwohnen, als den Ausrufungen der Mohamedaner, welche Gottes Größe und Güte bezeugen. Das ganze Land ist voller Trümmer der, während der früheren Verfolgungen zerstörten Kirchen und Klöster der Kopten, ja das ganze Volk stehet wie verödete Trümmer da; daher thut es dem Menschenfreund wohl, daß neuerdings die Kinderschulen der Engländer eine Pflanzschule besserer Erkenntnisse für die Jugend wie für das reifere Alter jener armen Leute geworden sind; denn neben den häufig besuchten Schulen bestehet auch ein zweckmäßig eingerichtetes Lehrerseminar. Wenn wir uns durch unsern ersten Besuch in Fostat oder Altkairo etwas tiefer in die Geschichte und Beschreibung der Koptischen Christen führen ließen, so ergieng es uns wie Zuschauern auf der Gasse, welche auch durch die festliche Kleidung und den Putz, den ein Vorübergehender an sich trägt, zur theilnehmenden Neugier bewogen werden. Die ganze Gemeinschaft der Koptischen Christen erschien am Tage unsers Eintrittes in Fostat nicht bloß in ihren neuen Kleidern, festlich geschmückt, weil sie das schöne Weihnachtsfest feierten, sondern die Lust und Freude des äußeren Menschen, über die nach 28tägiger, strenger Fastenzeit ihm wieder gewordene Erquickung, schien auch auf den innern wohlthätig aufregend gewirkt zu haben; in der That die Kopten waren das Interessanteste und Anziehendste was man jetzt in Fostat erblicken konnte. Ohnehin gleicht dieses Fostat, mit seinen engen Straßen und vereinzelt abgesperrten Quartieren, so mittelalterlich Sarazenisch auch die Bauart ist, es gleicht, selbst mit der großen, alten Moschee des Amer oder Amru, des General des Omar, deren Hallen 236 Säulen stützen und in deren Hofraum neben dem Brunnen die Palme sich erhebt, dennoch, wenn man es mit dem riesenhafteren Gemäuer des alten weitläufigen Gebäudes vergleicht, an das es angränzt, nur, wie sein Name (Fostat) es andeutet, dem Zelte eines Nomaden, das aus Schonung gegen die Taube, welche auf einige Zeit häuslich in ihm sich niedergelassen, stehen blieb[23]. Das alte Gemäuer, von dem ich hier rede, ist jenes auffallend mächtige, in welchem manche frühere Beschreiber des Landes eine der Kornkammern des Patriarchen Joseph, des Sohnes Jakob zu erblicken glaubten. Es sind die Ueberreste jenes Aegyptischen, in den Zeiten des Kambyses begründeten Babylons, das von den Römern noch mehr befestiget, drei Legionen ihrer Krieger Wohnung und festen Anhaltspunkt gab. Und wenn schon das Sarazenische Fostat mit seinen noch immer festen Mauern, Zinnen und Thürmen nur wie ein Zelt gegen den Römischen Bau von Babylon, noch mehr aber gegen den Bau der nachbarlich, jenseit des Niles sich erhebenden Pyramiden erscheint; womit sollen wir die Hütten der armseligen Fellahs oder Bauern vergleichen, welche hie und da, schon in der nächsten Umgegend, noch mehr aber in den eigentlichen Dörfern überall ins Auge fallen? Denke Dir einen Backofen mit einer aus ungebrannten, bloß an der Luft getrockneten Backsteinen und Nilschlamm gebildeten, über den Ofen hinweggewölbten Decke und Du hast eine ohngefähre Vorstellung von den Wohnungen der hiesigen Bauern. Eine solche Hütte hat nur ein einziges, wenn man es so nennen will, Zimmer; in diesem Zimmer, dem Eingang gegenüber, erhebt sich, in Brusthöhe, die Wölbung des Ofens, auf welchem die armen Leute, die nur selten eine Decke zum Schutz gegen die kühlen Nächte des Winters haben, des Nachts schlafen. Kein Fenster ist im Zimmer; seine Stelle vertritt ein großes Loch in der aus Palmenstrünken und Lehmen zusammengesetzten Decke; ein Loch durch welches Luft und Licht hineindringt und das man in kühlen Nächten schließen kann. Die ganzen Geräthschaften einer solchen Bauernhütte sind eine oder etliche Binsenmatten, einige irdene Wasserkrüge und eine Handmühle zum Mahlen des Kornes. Oefters, wie wir dies in den Dörfern am Nil, auf unsrer Herfahrt aus Alexandria bemerkten, scheint eine solche Hütte, mit den vielen in ihren Wänden steckenden, krugartigen Taubenlöchern, mehr zur Behausung der Tauben als der Menschen bestimmt, und wie Amru das Zelt aus Schonung der armen Tauben stehen ließ, wer weiß ob nicht so ein Höherer als Amru und sein Kalife, sammt allen andern Herrschern der Erde, wegen der armen, öfter noch als die Tauben gejagten Fellahs, das ganze Zeltengebäu der jetzigen Verfassung des Landes stehen ließ. Nur im Vorbeigehen erwähne ich der Altkairo gegenüber gelegenen Insel Rode oder Ruda, mit dem alten Nilmesser an ihrem Fuße und mit den herrlichen Gartenanlagen des Ibrahim Pascha. Wir ergingen uns unter ihren jetzt, im Januar, in voller Blüthe stehenden Bäumen, an einem späteren Tage und mein Auge erquickte sich an dem Anblick der vielen, hier kräftig und hochwüchsig im Freien stehenden Bäume und Sträucher, die ich bis dahin nur als arme Krüppel in Gewächshäußern gesehen hatte[24]. Eine nicht sehr verbürgte Sage der hiesigen Eingebornen macht die Insel Rode zu jenem Orte wo die Tochter des Pharao das Knäblein, das nachmals der Held und Retter seines Volkes wurde, Moses, aus dem Wasser rettete. Man bekommt, besonders dann wenn der Wind, wie gerade wir es trafen, den Staub und Sand der Wüste aufregt, auf dem Wege an Fostat-Babylon vorüber, gegen das Familienbegräbniß des Mehemed Ali hin einen Vorschmack von den Beschwerden der Wüste. Ueberall, wohin das Auge sieht, Haufen des noch unbebauten Schuttes und der zertrümmerten Häußer und Hütten. Das Familienbegräbniß des Vizeköniges liegt an der Südostseite der Stadt; es sind in ihm die Leichname mehrerer seiner Kinder, Frauen und Enkel beigesetzt, auch der Leichnam seines Schwiegersohnes des berüchtigten Defterdar stehet hier, noch ohne Grabesmonument, im Sarge. Man nahet sich weiterhin dem südwestlichen Abhange des in seiner Art majestätischen Mokkatamberges. Ein Theil dieses Abhanges ist mit alten und neuen Grabmonumenten und Gräberkammern bedeckt; dazwischen kleine Moscheen mit ihren Minares. Auch die Juden haben dort weiterhin ihre Todtenäcker. Wir wenden uns neben dem jetzt im neuen Ausbau begriffenen stark befestigten Vorwerk der Citadelle hinan zu dem Berge, der sich neben der volkreichen Stadt und dem grünenden Nilthale ausnimmt wie eine Lawine der Wüste; wie ein Schneemantel der sich, vom Sturm herbeigeführt, außen an die Fenster eines warmen Zimmers oder eines mit Blumen erfüllten Treibhaußes anlegt. Der Mokkatam ist nur eine der Wurzeln jenes in mehreren Reihen von dem Nilthale nach dem rothen Meere, von West nach Ost ansteigenden Höhenzuges, dessen einzelne Gruppen durch breite, flach anlaufende Thäler geschieden sind. In diesem Gebirge und seinen Thälern bewohnen die Armuth und der bittere Mangel einer jetzigen Weltzeit der irdischen Natur den Pallast einer Vorwelt, die zu den reichsten Mächten der damals noch jugendlichen Erdveste gehörte; etwa wie (nach einem menschlichen Vergleich) in Venedig der verarmte, jetzt lebende Sprößling eines alten, edlen Haußes in den von Marmorsäulen getragenen, mit kostbarem Mosaik getäfelten Hallen des Wohnsitzes seiner Ahnen -- hungernd und in abgetragenes Gewand gehüllt, -- umherwandelt. Wenn mich jemand fragte: wo unter allen Gegenden der Erde, welche dein Auge bisher sahe, ward dieses am öftersten entzückt durch die Farbenpracht und Schönheit der Steine? so müßte ich sagen hier, in der östlichen Gebirgswüste des Nilthales; denn an manchen Stellen ist das Thal wie der Hügelabhang ganz bedeckt von den größeren Kugeln des Aegyptischen braunen (seltener des rosenrothen) Jaspis, von den kleineren des blutrothen so wie des gelben Carniol, von Chalcedon und Onyxgesteinen; das nebenanstehende Gebirge umschließet die Lagen des schönsten durchscheinenden Alabasters, den schon das Alterthum kannte und den noch der jetzige Herrscher von Aegypten zu seinen Bauwerken benutzet. Zu diesem Reichthum des buntfarbigen Gesteines gesellen sich freilich erst weiter im Süden und höher im Nilthale die Felsen des weißen wie farbigen Marmors, des Porphyrs und rothen Granites, aus denen die kunstreiche Hand der alten Aegypter jene prachtvollen Säulen, Obelisken und die Menge der andren Werke erschuf, welche die Tempel und Paläste des eigenen Landes wie die so vieler andrer Länder der Erde zierten; dort in Südosten sind die Fundgruben des schönsten Steines der Erde, des Smaragdes; dort die Heimath des Chrysolithes. Da hier dieses nachbarliche, buntfarbige Erdreich noch jung war, da müssen sich auf ihm auch die bildenden Kräfte der organischen Natur aufs Mächtigste geregt haben, denn der Wandrer, den sein Weg vom Nilthale, namentlich bei Bessatin, nach Suez durch dieses Wüstengebirge führt, siehet da öfters an dem Felsenbette der vielleicht seit Jahrtausenden versiegten, vormaligen Gießbäche und Flüsse ganze versteinerte Waldungen von Sykomoren, Akazien und Palmen; diese nun so erstorbene Landschaft war einst blühend und grünend wie das Nilthal, ehe die große Fluth sie verheerte, welche nicht nur durch den ungeheuren Druck ihrer hohen Wassersäule die versteinernde Masse der Kieselerde zwischen die Lagen und Fasern des Holzes hineindrängte, sondern, wie das Gorgonenhaupt, wenn es dem Auge eines Lebenden nahet, den größesten Theil der damals lebenden Natur mit dem Erstarren des Todes durchdrang. Denn jetzt ist dieser Erdstrich, wasserleer und verödet, eine zum tiefsten Ernst stimmende, furchtbar prächtige Vorhalle der Schrecknisse des Todes. Wer schon einmal durch ein gutes Fernrohr die Mondfläche betrachtet hat, mit ihren zackigen Gebirgen und Thälern, in denen nirgends ein Fluß rinnt; mit ihren kessel- und muldenartigen Eintiefungen, in deren keiner ein See erscheinet, der kann sich einen Begriff machen von der Natur des alabastritischen und porphyritischen Gebirges, im Osten des mittleren Nillaufes. Es sind nur die dornigen Gesträuche und niedren Gewächse der Wüste, welche hie und da in den Schluchten und kesselartigen Tiefen ein bleiches Grün verbreiten, dann finden sich wieder lange, fast Tagereisen weite Strecken auf denen selbst diese arme Familie der Gewächse weder Boden noch Unterhalt findet; wo dann aber, -- freilich eine hier nur seltene Erscheinung, ein bald wieder im Sande und Kiesboden versiegender Quell, meist nur mit salzig schmeckendem Wasser und nicht zu allen Zeiten des Jahres aus dem Felsen hervordringt, oder wo der thonige Boden das längere Fortbestehen einer Lache des Regenwassers begünstigt, da erwachet, wie die alte Whole, als Odins Stab ihre Grabstätte berührte, die uralte Fruchtbarkeit des Landes; zu der feinblättrigen Akazie gesellt sich die hochwüchsige Palme, an deren Fuße der genügsame Bewohner der Wüste seine Hütte aufschlägt. * * * * * Ich habe dir eigentlich schon in der Beschreibung des Mokkatam ein Bild der Wüste gegeben, die ich nun bald auf längere Zeit zu betreten hoffe. Man ist aber auch da, wenn man sich in einen der Kessel hinabbegiebt, die auf unerwartete Weise das Weitergehen hemmen, und welche theils die Natur, theils aber die hier seit Jahrtausenden nach Bausteinen grabende Menschenhand ausgehölt hat, oder wenn man in die Thäler und Schluchten des östlichen Abhanges des Berges hineingeräth, so abgeschieden von jedem Denkzeichen des volkreichen Landes und der ganzen mitlebenden Menschenwelt, daß mich hier meine alte, und doch noch immerhin ziemlich lebhafte Phantasie zurückversetzte in die Erinnerungen meiner frühesten Jugend, wo ich mit herzlicher Theilnahme das Leben der Altväter, die Geschichten der Anachoreten der Aegyptischen Wüste las: die Erzählung, wie der neunzigjährige Antonius den seinem Ende nahen ersten der christlichen Einsamen, den 113jährigen Paulus Anachoreta mitten in der Einöde aufsucht, und, vom Geiste der Liebe geführt, ihn findet; die vielen, kindlich lieblichen Geschichten von den Thaten und Leben dieser »Altväter,« durch deren geistigen wie leiblichen Fleiß, das seitdem wieder verödete Gebirge zu einem Garten Gottes wurde, aus welchem manche vom heißen Drange des Werktagtreibens ihrer Zeit ermüdete Seele Kräfte des Paradieses mit sich nahm. Aber ich muß Dich vorerst, aus dem Schweben in den Lüften, ebenen Fußes ein wenig mit mir wandeln lassen, auf dem in seiner Art wunderschönen Mokkatam. Da giebt es nun schon, auch Dir soll sie bald aus der Anschauung bekannt werden, wenn auch hier noch in zwergartiger Gestalt, die merkwürdige Jerichorose oder Auferstehungsblume (+Anastatica hierochuntica+), deren, gleich einem erstorbenen Gebein, ganz verdorrt aussehende Blüthenkugel (Dolde), auch viele Jahre, man sagt Jahrhunderte nach dem Tode sich wieder ausbreitet und entfaltet und mit purpurrothen Zweiglein pranget, dabei sogar einen Duft entwickelt, wenn man sie ins Wasser hineinstellt. Jetzt, im Januar, treibt sie, an den Enden der Doldenzweige ihre kleinen, unscheinbaren, weißfarbigen Blümlein, nach deren Verwelken die Zweige, mit den Samenkapseln zur Rosenform oder Kugeldolde sich zusammenfügen, und so Jahre lang stehen bleiben. Außerdem blühen da noch viele andre, niedrige Gewächse der Wüste, hin und wieder in den Schluchten; mehrere vom Geschlecht des Bilsenkrautes, als sollten die armen Käfer und Bienlein der Einöde, wie der nachbarlich wohnende Moslem, für so manche Entbehrung wenigstens in ihnen ein Mittel der fröhlichen Aufregung finden. Am meisten zieht aber das Auge weiterhin, im nördlicheren Verlaufe des Mokkatam ein Hügel aus fast glasig festem, röthlichem und bräunlichem Sandstein an sich, dessen uralte Steinbrüche mehrere kraterähnliche Eintiefungen gebildet haben, die dem Hügel fast das Aussehen eines erloschenen Vulkans geben. Man nennt diese kleine, durch Farbe und Ansehen ausgezeichnete Anhöhe den Dschebel Ascher; der Sandstein, wie in andern Gegenden dieses Landes, ist auf den Nummulitenkalk und seine Gypsmassen aufgelagert. Die Trümmer um Heliopolis und andre Wohnstätten des ältesten Aegyptens bezeugen es, wie frühe man diese an mehrern Orten vorkommende Felsart zu Mühlsteinen zu verarbeiten gewußt habe; selbst die berühmte »tönende« Memnonsstatue des obern Aegyptens ist aus einem gleichen Material gebildet. Von dem Besuche des Mokkatam, an dessen Hügeln der letzte der Mameluckenherrscher, Toman-Bay, im Jahr 1517 nach verlorner Schlacht von den Türken gefangen wurde, führe ich Dich mit mir in die reichen Gartenanlagen von Schubra, die ich erst vorgestern besuchte. Am 27sten Januar des Morgens war ich mit einem Begleiter am herrlichen Nil, bei Bulack gewesen, um naturhistorische Ausbeute auf dem dortigen Fischmarkte zu suchen; nach Tische machte ich mich, in Begleitung der Hausfrau und Fräulein Waitz, nebst einem ortskundigen Begleiter auf, um einmal den Aegyptischen Frühling in seiner vollsten, schönsten Pracht zu sehen. Als Kind habe ich mich öfters, an heitern Abenden in die Möglichkeit hineingeträumt der Sonne nachzufliegen, dahin, wo sie untergieng, und sie wieder aufzusuchen in ihrem nächtlichen Bergungsorte; dem Frühling und Sommer bin ich nun wirklich einmal nachgegangen an den Ort, wo diese, wenn sie vor dem Winter unsrer Lande entfliehen, ihr Zelt aufschlagen. Wie in der Regel die Witterung des 27sten Januars bei uns in Deutschland beschaffen sey, das hatten wir sehr gut im Gedächtniß, denn dieser Tag war von uns immer als der Geburtstag eines lieben Freundes ganz besonders beachtet gewesen. Hier in Aegypten sah aber freilich derselbe Tag etwas anders aus als bei uns; verschieden von seiner heimathlichen Gestalt wie die lebende Blumenflor eines Sommerabendes von den blumen- und blätterartigen Formen die der Winterfrost an die gefrierenden Fenster mahlt. Der Himmel war heute ganz eigentümlich bedeckt, so wie ich mich nicht erinnern kann ihn im Vaterlande gesehen zu haben, bedeckt, wie mit einem leichten und dennoch fest gewebten Schleier der Isis, welcher die feineren Züge, nicht aber die Umrisse und selbst die Bewegungen des Angesichtes verbirgt. Die breite, fahrbare Straße führet durch eine Allee der Sykomoren und Lebbeck-Mimosen, von Zeit zu Zeit naht sie sich dem breiten herrlichen Nilstrom, auf welchem, während wir dahinritten, Schiffe und Barken in großer Anzahl auf und nieder fuhren, denn der fast aus Westen kommende, frische Wind begünstigte die Bewegung nach beiden Richtungen. In den Gärten von Schubra feierten alle Sinnen ein Fest der Lust; in den Beeten prangte die Flor der Tulpen, Hyazinthen, Tazetten und Jonquillen; neben der Fülle der andern ostasiatischen und südamericanischen Gewächse blendeten die purpurblüthigen Geranien und gelben Lippenblumen das Auge. Die kräftig stämmigen Bäume der Citronen, Pompelmusen und Orangen waren theils mit duftenden Blüthen, theils mit reifen Früchten bedeckt; mit ihnen wetteiferten an andern Stellen des Gartens die wohlbekannten Formen unserer Obstbäume, vor allen die blühenden Birnen und Aepfel, an Geruch und Farbe. In dem angränzenden Park jagten einige schöne Straußen in schnellem Laufe herum, flüchtiger als die großen, zierlich geformten und gefärbten Gazellen des heißeren Afrikas, die man ihnen hier beigesellt hatte. Vor einem kleinen, von Marmorsäulen getragenen Pavillon ruheten wir lange auf steinernen Bank aus und erquickten uns bei dem Duft der Rosen und blühenden Citronen an dem Genuß der Sevilla-Orangen, womit einer der Gärtner uns beschenkte. Erst beim Einbruch der Dämmerung kehrten wir, gesättigt wie mit Strömen der Lust wieder heim zur stillen Wohnung. Einen Genuß von noch andrer, geistig höherer Art gewährte uns der Ausflug nach der Stätte, denn kaum darf man sagen, nach den Trümmern von Heliopolis: der alten Priesterstadt On der Pharaonenzeit, so wie ein andrer, der uns in derselben Richtung nach dem zwei Stunden weiter entfernten Abusabel brachte. Die erstere Wanderung machten wir schon am 9ten, die zweite am 14ten Januar. Der Anfang und erste Theil des Weges ist nach beiden Richtungen derselbe. Da wir am 9ten Januar am frühen Morgen, reitend auf unsern Eselein hinauszogen, war eben der erste Tag des Bairamfestes. Wir kamen außen vor der Stadt und dann bei einem der nächsten Dörfer an dem Lager der Soldaten vorüber, welches am heutigen Festtage mehr an die Gaben des Friedens als an die Arbeiten des Krieges erinnerte. Ein solches Lager der Aegyptischen Soldaten mußt Du dir ohnehin ganz anders vorstellen, als ein Lager unsrer Europäischen Truppen. Um der immer merklicher werdenden Entvölkerung des Landes, welche Pest, Cholera und Krieg über das arme Aegypten geführt hatten, zu begegnen, hat Mehemed Ali die Einrichtung getroffen, daß wo möglich jeder Soldat sein Weib haben muß. Du siehst mithin in einem solchen Lager nicht zunächst Soldaten, sondern Soldatenfamilien; statt der Schaaren der Streiter im Feld, Schaaren der Streitenden in Hütte und Zelt, denn Zank und Streit, davon waren wir selbst zuweilen Zeugen, giebt es unter diesen eng zusammengedrängten Familienmüttern, Vätern und Kindern genug und viel. Die Frauen wohnen mit ihren Kinderlein in kleinen, backofenförmigen Lehmhütten, deren Eingang so niedrig und eng ist, daß der Mann nur tief gebückt hineinkriechen kann; die Stelle der Thüre vertritt ein vorgehängtes Stück grobe Leinwand oder eine härene Decke. Innen ist nur Raum für die Binsenmatten des Lagers und etliche irdene Krüge; man kann da meist nur sitzen und liegen, aufrecht stehen nur in wenigen; ein Loch in der obern Wölbung läßt wenigstens bei den größern Hütten etwas Licht und Luft herein. Die Bewohnerinnen der Hütte bedürfen es indeß nicht anders; sie sitzen fast den ganzen Tag vor der Hütte um den Zank der andern mit anzuhören und zu sehen, an dem sie gelegentlich selber Theil nehmen, oder um dem Geschäft ihrer Hände, welches ihnen und den Kindern das tägliche Brod geben muß: dem Waschen der Wäsche für die Bewohner der Stadt und der Bereitung des Brennstoffes aus Mist und Stroh nachzugehen, dessen Scheiben sie an die Außenwand der Hütte kleben damit sie hier trocknen. Und zu sehr überfüllt von Bewohnern kann eine solche Hütte auch nicht werden, da die Knaben schon in einem frühen Alter Unterkunft in einer der Soldatenschulen finden. -- Heute ruhete das arme Volk von seiner Arbeit aus; Männer, Frauen und Kinder saßen und giengen in ihren besten oder wenigstens reiner als sonst gewaschenen Kleidern; überall dampften kleine Feuer; Kamelwürste und das Fleisch der Büffel brieten in den Pfannen der Bemittelten; die andren bereiteten sich das Mahl der Waizengraupen und Bohnen. Es war uns doch wohl da wir aus dem nicht sehr wohnlich und reinlich aussehenden Bezirken dieser Lager hinauskamen, bald auf die grünenden, von alten Sykomoren beschatteten Dämme, bald in die Wälder der hohen gegliederten Tamarisken und der Palmen. Die Felder des Zuckerrohres waren jetzt zur Ernte reif und bereit[25]; die Lubiabohne fieng an zu blühen; das tiefer gelegene Land in das wir eintraten, seit Kurzem erst vom Wasser verlassen, hatte sich auch, wie seine Bewohner, mit einem neuen, buntgestickten Gewand bekleidet; hinter den Heerden der kurzgehörnten Kühe ergiengen sich im frischen jungen Grün die Schaaren der kleinen weißen Reiher[26]. Der Boden über den man, namentlich auf dem Wege nach Abusabel hinreitet, ist an manchen Stellen ganz besonders reich besäet mit braunem Aegyptischen Jaspis und mit Carniol; von dem Letztern sammelten unsre jungen Begleiter mehrere schöne Stücke. Da ich in meiner Beschreibung einmal in dem Auslauf nach dieser Richtung des Landstriches bin, spreche ich von der weiteren, obgleich späteren Wanderung, von der nach Abusabel und den dortigen Anlagen zuerst. Unsre beiden Begleiterinnen wandelte eine Art von Grausen an, da sie heute einmal die Art, wie man auf Kamelen reist, recht in der Nähe betrachteten; den Transport etlicher kranker Soldaten in einer Art von Kiste, davon auf jeder Seite des Thieres eine hängt. Denn diese Kistensitze wurden bei dem vor- und rückwärts schaucklenden Gange des Kameles fast noch härter hin und hergestoßen, als ein Boot auf hochgehendem Meere. Der Weg nach Abusabel geht eine Strecke weit auf der Landstraße die nach den Pilgrimsee (Birket el Hadsch) führt, wo die Hadschi's bei ihrem großen Auszuge nach Mekka sich versammeln und an welchem auch der gewöhnliche Weg der Karawanen nach Suez sich vorüberzieht. Auf unsrer kleinen Reise nach Abusabel, besonders heimwärts, begegneten uns schon mehrere Hadschis mit ihren Kamelen, welche der großen Karawane vorauseilten, weil sie zu Schiffe, von Suez über das rothe Meer nach Mekka gehen wollten. So sicher diese ganze Gegend am Tage zu passiren ist, so ist sie dieß dennoch nicht immer bei Nacht; nicht wegen der Räuber, sondern wegen der wilden Thiere, denn einer meiner Bekannten wurde vor kurzem, als er nach Einbruch der Nacht durch den Wald jenseits Matarieh nach Abusabel reiten wollte, von einem Aegyptischen Luchs (Caracal) angefallen, den er, mit Pistolen bewaffnet, so glücklich war zu erlegen und für die Sammlung in Abusabel zu erbeuten. So wie man sich Abusabel nähert sieht man auf dem hinter ihm gelegenen Hügel die archäologisch nicht sehr bedeutenden, von weitem aber ansehnlich sich ausnehmenden Trümmer von Tel el Jhud: der Judenstadt, welche wahrscheinlich noch in den Zeiten der Ptolemäer und selbst der Römerherrschaft ein Wohnort der in Aegypten einheimischen Juden war[27]. In Abusabel, wo wir auf Herrn Clotbeys Veranstaltung sehr gastfreundlich angenommen wurden, sahen wir mit wahrhafter Theilnahme die den Jahren ihrer Begründung nach noch jugendliche, in ihren Leistungen aber schon trefflich herangereifte Anstalt zur Bildung junger Aerzte, Hebammen und Thierärzte. Einen wissenschaftlich geordneten botanischen Garten, in welchem die Gewächse der heißeren Erdgegend, meist im Freien stehend, in solcher Menge der Arten in schönster Frische grünten, blüheten und Früchte trugen, hatte ich in meinem Leben noch nie gesehen[28]. Die zoologische Sammlung ist zwar erst im Entstehen, auch sie besitzt jedoch, von dem Lande in welchem sie sich bildet und von der vielfachen Gelegenheit zum Tauschen begünstigt, eine Menge von naturhistorischen Kostbarkeiten. Die Mägdlein (meist Abyssinierinnen) und Frauen, welche zu Hebammen gebildet werden, erhalten einen zweckmäßigen Schulunterricht; wir fanden sie eben mit den Uebungen im Schreiben beschäftigt, in welchem einige schon sehr große Fertigkeit zeigten. Für die jungen Männer ertheilen den Unterricht in den verschieden Zweigen der Arznei- und Veterinärkunde einige Europäische Aerzte; der Lehrer spricht Italienisch oder Französisch; ein Dolmetscher übersetzt den Vortrag ins Arabische, wobei dann die Anschauung der Gegenstände das Wesentlichste hinzufügt. Ein großes Krankenhaus für Menschen, ein andres für Thiere geben reichliche Gelegenheit zur Ausübung des Erlernten unter Aufsicht eines Lehrers. Aber ich bin es Dir und mir schuldig noch eine andre, höher geartete Frucht unsrer Auswanderung in diese Gefilde von uralter Bedeutenheit mitzunehmen, als der herrliche Gewächsgarten von Abusabel uns darzureichen vermag. Der hohe Obelisk, der auf dem Wege hieher zur Linken über Feld und Gebüsch hervorragt, hat schon lange den äußren wie den innren Sinn mächtig zu sich hingezogen; er steht auf der Stätte der hochgepriesnen Stadt der Sonne: On; auf der Stätte von Heliopolis. Mit ganz besondrer Bewegung näherte ich mich dem einzigen noch stehen gebliebenen Zeugen der alten Herrlichkeit die einst hier, eine Reihe von Jahrhunderten hindurch ihre Tempel und Palläste aufgeschlagen hatte; der Spitzsäule von rothem, Aegyptischen Granit, welche unter den Hieroglyphen, womit sie beschrieben ist, das Namenszeichen jenes Pharao Osirtesen des Ersten trägt, während dessen 43jähriger Regierung, nach ~Wilkinsons~ Forschungen[29] Joseph nach Aegypten kam. Als hätte gerade das Andenken dieses Herrschers im mächtigen Denkzeichen erhalten werden sollen, in dessen Regierungszeit eine Zukunft des geistigen Verständnisses, die noch heute in ihrer Entfaltung und Gestaltung begriffen ist, einen ihrer ersten Anfänge nahm. Das Wasser, das bei den jetzigen Stromschwellen des Nils die Fläche, worauf der Obelisk steht, überfluthet, war zurückgetreten; Felder voller gelbblühenden Aegyptischen Rübsamen (+Brassica oleifera+) grünten jetzt an seiner Stelle; Bienen der verschiedensten Arten flogen summend in den duftenden Blüthen aus und ein; Mauerimmen bereiteten in den Vertiefungen der räthselhaften Hieroglyphenschrift das Räthsel ihres Instinktes: die wundervollen Sandgehäuse für die noch ungeborne Brut. Es ist als wenn jene Weisheit, welche vormals hier, in einer ihrer Schulen, zu dem Geist des Menschen zutraulich sich gesellte, hinausgezogen sey aufs Feld, um da, unbeachtet von dem Auge der Welt, ihr Spiel mit dem kleinsten und hülflosesten der Creaturen zu treiben. Wer da weiß und bedenkt was vormals hier an dieser Stätte geschehen und gewesen, dem begegnet etwas Aehnliches wie jenen Schiffern an der Amerikanischen Küste, welche im Hafen einer auf ihrer Landcharte, wie in der Erinnerung einiger unter ihnen bestehenden Stadt ihre Anker warfen, und welche den Hafen unverändert als denselben erkannten, während die Stadt durch die verheerende Macht des Erdbebens hinweggetilgt war von ihrem Boden. Diese Spitzsäule da stand einst, gepaart mit einer andern, ihr gegenübergelegnen, vor dem Eingang des hehren Tempels der Sonne; zu dem älteren Paare der in Hieroglyphensprache redenden Denksäulen hatte Pheron, der Sohn des Sesostris noch zwei andre gesellt, welche gegen 150 Fuß hoch ragten; eine Allee von Sphinxen lief von da zum nordwestlichen Thore der Stadt. Zwar die Pracht des Sonnentempels, und seine bis dahin unverletzte Würde hatte schon Cambyses in den Staub gebeugt, doch fand noch Strabo der Geograph, der in der hehren Herrscherzeit des Kaiser Augustus Heliopolis besuchte, die verödete Stadt in den Grundzügen ihrer alten Anlage unverändert; ihm zeigte man selbst jene Häußer in denen Plato und Eratosthenes wohnten, als sie hier die Lehren der Priesterweisheit vernahmen. Anjetzt lassen nur noch die Wälle von Schutt, welche den vormaligen Bezirk des Tempels und der zu ihm gehörigen Häußer umschließen, den Umriß des Ganzen errathen, denn da, wo diese Wälle herumlaufen stunden die Mauern; die Lücken oder Oeffnungen der Schutthaufen bezeichnen die Lage der alten Thore. Unter diesen ist jenes an der Nordwestseite noch am kenntlichsten; hier liegen und stehen auch noch einzelne Trümmer von Kunstwerken, namentlich von Sphinxen. Die längste Ausdehnung des ganzen Bezirkes misset 1500 die Breite desselben fast 1150 gemeine Schritte; die Wohnhäußer lagen auf der nördlichen Seite und nahmen einen Flächenraum von fast 540,000 Quadratfußen ein; der Tempel erhub sich an der Südseite. Daß dieser Tempel einer der ehrwürdigsten und ältesten in Aegypten gewesen, das gehet aus vielfachen Zeugnissen des Alterthumes hervor. Wie zu Sais bestund hier eine Schule der Tempelweisheit, aus deren Erkenntnißquell mit den Eingebornen zugleich auch Fremde, namentlich die Weisen des klassischen Griechenlandes schöpften. Denn neben dem Wort jener Geheimlehren, welche ein Erbgut der Väter waren, dessen Werth und Bedeutung von dem spätern Jahrtausend kaum noch geahndet wurde, waltete hier ein wissenschaftliches Erkennen des Laufes der Gestirne und ihrer unwandelbar fest stehenden Zeiten. On war ein Tempel der Sonne oder des Phre; der Vater der Asnath, welche Pharao dem Joseph vermählte, war, wie die Septuaginta seinen Namen schreibt Pete-Phre: Priester des Phre, d. h. der Sonne. Wenn uns eine misverstehende Sage, welcher de Vignoles folgt, die Erkenntniß der eigentlichen Dauer des Sonnenjahres als eine Erfindung der Priester zu Heliopolis darstellt, welche älter nicht denn 1325 Jahre vor Christo sey, so erinnert uns dieselbe nur an das allgemeine Verhältniß des späteren Cultus der Heiden zu einer reineren, älteren Erkenntniß des Göttlichen, welche überall das Anfängliche war, das den Entartungen des Götzendienstes vorausgieng. Der abgöttische Stierdienst, der auch hier in Heliopolis bestund, wo der Stier Mmevis, am Range der nächste nach dem Apis der Memphiten verehrt wurde, war allerdings eine sehr alte, aber nicht die älteste Huldigung, welche der Menschengeist jener ausgebährenden Schöpferkraft darbrachte, die älter als Sonne und Mond die Mutter von beiden gewesen. Und wenn Osiris auch wirklich einem späteren Geschlecht (nach Jablonsky) als Osch-Iri, d. h. Ordner der Zeit, nur die Bedeutung des sichtbaren Wesens hatte, so war er doch einem älteren der ewige Anfang alles Seyns der Zeiten und der Räume; die Neith zu Sais nicht eine irdische, sondern eine himmlische Weisheit: Meisterin des sichtbaren Gestaltens, Ordnerin und Lenkerin aller Bewegungen des Lebens. Eine der werthvollsten Früchte des Forschens der neueren Zeit ist der wissenschaftliche Erweis der Thatsache, daß auch hier in Aegypten, wie in Indien jene Religion der Altväter die älteste und anfänglichste war, welche auf ein Erkennen des wahren Gottes, des Drei in Einem sich gründete; denn die früheste Grundlehre der Tempel war die der Dreieinheit. Erst später wurde statt jenes Ewigen und Unsichtbaren der sich dem Geschlecht der Menschen in leiblicher Gestalt nahete, die leibliche, vergängliche Form selber vergöttert; dem Namen, welche die Eigenschaften nur Seines Wesens bezeichneten, wurde die Bedeutung des sichtbaren Gestirnes oder der Erde und des Niles beigelegt; über den Gaben vergaß man des Gebers. Mitten in den Wegen dieses Irrens blieben als Denksteine jene tieferen Kenntnisse der Natur bestehen, welche aus dem gemeinsamen Quell des Erkennens des unsichtbaren wie des sichtbaren Wesens gekommen waren, und namentlich Heliopolis blieb bis in die spätere Zeit eine Schule der Sternkunde und Berechnung der Zeiten; eine Verwahrungsstätte wenigstens der Gefäße einer höheren Weisheit, auch dann noch als der anfängliche Inhalt dieser Gefäße verschüttet und verloren gegangen war. Aus dem Blute jener Riesen, die gegen die Götter stritten, als dieses auf die Erde floß, war nach einer Lehre der alten Aegyptischen Priester der Weinstock mit seinen stärkenden, wenn auch zuweilen berauschenden Früchten entstanden; so hatten die von Aegypten aus über viele Länder ergossenen Kräfte des Erkennens, in dem Boden derselben den Baum der Wissenschaft geweckt und zur Blüthe gebracht, von dessen Früchten das noch jetzt lebende Geschlecht sich nährt und berauscht. * * * * * Während wir so die Spuren und Trümmer einer alten Herrlichkeit betrachteten, hatte sich ein freundlicher Mann, von Geburt ein Franzose zu uns gesellt, der uns in sein kleines, auf der Stätte von Heliopolis stehendes Haus einlud, um mit ihm eine Tasse Kaffee zu trinken. Wir folgen der Einladung und freuten uns ganz besonders an dem kleinen Garten, dessen Rasen grünte, dessen Aprikosenbäume heute, am 9ten Januar, schon so blüheten wie bei uns im Frühling, und an der jungen, zahmen Gazelle, welche wie ein Lamm mit sich spielen ließ. Um das kleine Haus unsres Wirthes stehen mehrere Hütten, bewohnt von armen Fellahs. Auf unsrem Rückwege verweilten wir noch in dem nahe bei der Stätte von Heliopolis gelegnem Dörflein Matarieh. Es ist von Gärten umgeben in denen jetzt auch, wie in denen bei Heliopolis, der Frühling mit all seinen Reizen eingezogen war. Denn zwischen den hohen Palmen, Sykomoren und Granaten, zeigten sich im rosenrothen Gewand der Blüthen unsre Obstbäume, vor allen die der »Mischmisch« oder Aprikosen[30]. Schon der Name Matarieh (frisches Wasser) deutet eine Nachbarschaft an, durch welche dieses Dörflein noch jetzt für Einheimische wie für Fremde ein anziehender Ort wird: die Nachbarschaft des Ain Schems oder Quelles der Sonne. Er strömt das süßeste Quellwasser von Aegypten, dessen übrige Brunnen meist einen salzigen Beigeschmack haben; man schreibt seinem Wasser besondre Heilkräfte zu. Mohamedaner, namentlich die vorüberziehenden Mekkapilgrime, und Christen rühmen diese Kräfte und ihr Ruhm ist ein alter; er stammt aus jener Zeit, da auch der hochummauerte Bezirk von Heliopolis einen Quell von geistiger Art umschloß, dessen Kräfte Einheimische wie Fremde erfuhren. Die Schranken der hohen Mauern, welche das Geheimniß verwahrten, sind indeß längst gefallen; das Wasser strömte ungehemmt hinaus; was als Eigentum nur eines Standes erschien, das ist, in der Form der Wissenschaft ein Gemeingut der verschiedensten Stände und Völker der Menschen geworden. Und wie ist jene vormals einsame und verschlossene Weisheit der menschlichen Art, wie ist noch mehr jene höhere, von göttlicher Natur, zu einer, der Gefangenschaft entlassenen, frei herum wandelnden Gesellin und Freundin aller Pilgrime der Erde geworden? Der uralte Sykomorusbaum hier in einem der Gärten von Matarieh und der nachbarliche Quell der Sonne, könnten, wenn sie Sprache hätten, die Geschichte der weiten Wanderungen der einst Gefangenen und nun Freien erzählen. Hier fand, so erzählt eine Sage vieler Jahrhunderte, die heilige Familie, auf der Flucht nach Aegypten, aus der Wüste kommend, die erste Erquickung des lebendigen Wassers; den ersten Ruheort. Gleich ihr mußte auch der Christenglaube durch so manche Länder der Erde seinen Wanderstab setzen, damit er jedem von ihnen eine Aussaat des Segens zurücklasse, welche, wenn auch spät, dennoch einst aufgehen und Früchte des Friedens und der Liebe tragen wird. Da ~sie~, die auserwählte der Frauen, von hier, mit dem göttlichen Kinde weiter zog gen Fostat und neben sich die Pracht der Tempelgebäude von Heliopolis, vor sich die Herrlichkeit der Pyramiden erblickte, wie klein mag ihr doch alle diese Herrlichkeit der Weit erschienen seyn gegen jene die sie in ihren Armen und an ihrer Brust, wie in ihrem Herzen trug. Fünfter Brief. =Reise nach der Stätte des alten Memphis, nach Sakkara und den Pyramiden.= Die mächtigen Pyramiden hatten mich vom ersten Tage meines Hierseyns an, hatten mich so oft ich sie vom Dache unsrer Wohnung sahe, kräftig zu sich hingerufen und gezogen, dennoch konnten wir erst am 17ten Januar dazu gelangen unsern ersten Besuch bei ihnen zu machen, den wir später noch einmal wiederholten. Wir verließen die Stadt bald nach Anbruch des Tages. Ein leichter Nebel, der sich in reichlich niederträuflenden Thau auflöste, lag über dem Nilthale; die Sonne erhub sich mit purpurrother Scheibe über den gelblichen Felsenhöhen des Mokkatam. In den Gartenanlagen des Ibrahim Pascha, an denen wir vorüber kamen, waren die Gärtner schon am frühen Morgen mit dem Abschneiden der Gemüse, namentlich der jungen grünen Bohnen, und mit andren Arbeiten beschäftigt, zu welchen man bei uns erst im Spätfrühling und Sommer Gelegenheit hat. Am Nil, bei Fostat oder Altkairo, wo man nach Ghizeh überfährt, wird fast täglich ein Markt gehalten; Fahrzeuge, beladen mit Getraide und Mehl, mit Bohnen, Linsen, Reis, Hühnern und Eiern, legen daselbst an, und da alle diese Gegenstände hier noch wohlfeileren Verkaufes sind als in der Stadt, kommt das Volk aus Kairo und der landeinwärts gelegnen Landschaft haufenweise herbei um sich zu versorgen; neben den aufgethürmten Haufen der Bohnenkerne, des Hirses und andren Getraides sieht man Verkäuferinnen und Verkäufer des Brodes, der großen, meist aus Kamelfleisch bereiteten Würste, wie der Südfrüchte; die Preise sind in der That nicht höher als in den fruchtbarsten und reichsten Gegenden unsers Vaterlandes[31]. Aus den Lustgärten der Insel Rhouda wehete uns der Wind als wir vorüberfuhren, den Duft der blühenden Bäume zu und schwellte zugleich die Segel des Fahrzeuges; bald waren wir am gegenüber liegenden, linken Ufer des schönen Stromes. Von Kairo nach Sakkara würde man allerdings quer durch die Ebene einen näheren Weg nehmen können, wir hielten uns, um die Stätte des alten Memphis zu besuchen mehr in Osten in der Nähe des Niles. Ein erfrischender Wind, der fast aus Norden kam, hatte die Nebel zerstreut und die Lustgärten des Landes, durch die unser Weg führte, entschleiert; wenn ich jemals den Sinn jenes Sprüchwortes recht lebendig empfunden und verstanden, daß, wer einmal das Nilwasser in solcher Frühlingszeit gekostet habe, lebenslang ein Sehnen behalte es wieder zu kosten, so ist es an diesem Tage gewesen; eine Reise durch die Akazien- und Palmenwälder des linken Nilufers von Ghizeh gen Sakkara in solcher Jahreszeit müßte auch auf einen halb erstorbenen Sinn mächtiger wiederbelebend und verjüngend wirken als die Zauberbäder der Medea. Man hat vielfach die Bemerkung gemacht, daß keine andern Sinneneindrücke so mächtig sind die schlafenden Gefühle und Erinnerungen zu wecken, als jene, die auf das Geruchsorgan geschehen; auf unsrer heutigen Reise hatten wir, mehr vielleicht denn jemals Gelegenheit die Macht der Düfte zu erfahren. Die im Nilthale einheimisch gewordene farnesische Mimosa (+Mimosa farnesiana+), welche als Heckengewächs am Saume der Dörfer und Felder steht, begann mit ihrem feinen, jasminartigen Dufte das Lied der Wohlgerüche, dann folgten die zwischen den Palmenwäldern weithin ausgebreiteten Felder der blühenden Aegyptischen Bohnen, der Lupinen und des Alexandrinischen so wie des Trigonellenklees mit einer Stärke und Mannichfaltigkeit der Düfte, wie sie ein Maienmorgen in unsern Orangengärten oder über den Beeten der Hyazinthen und Jonquillen erweckt; alle Getraidearten Aegyptens, untermischt mit der jungen Aussaat des Hanfes und Mohns prangten im frischesten Grün des jungen Halmes[32]. Die Landleute waren in den Palmenwäldern, deren auf unserem heutigen Wege einer auf den andern folgte, beschäftigt die Dattelbäume zu reinigen an deren Blätterschopfe sich schon die Kolben der neuen Blüthen entfalteten; auf den Gipfeln der vereinzelt stehenden Bäume wiegte sich der große, weiße Ibis (+Tantalus Ibis+) mit rosenrothen Schwingen, dazwischen vernahm man den Gesang einiger lautstimmiger Vögel vom Geschlecht der Drossel und der Lerche. Von Zeit zu Zeit öffnete sich durch die Lichtung der Palmenwälder die Aussicht auf den Nil und die mit günstigem Winde stromaufwärts seglenden Schifflein; auf die Felsenhöhen des rechten Ufers bei Torrah mit seinen Landhäußern und Burgen. Selbst unsre Eselein sprangen heute so munter durch die grünenden Auen, daß die Treiber ihnen zuweilen auch im schnellsten Laufe kaum zu folgen vermochten. -- Ihr alten Aegypter, ich kann euer Festkleben am Seyn des Leibes und seinen Genüssen wohl begreifen. Damals noch, als der Vater der griechischen Geschichte, Herodot euch besuchte, war euer Land eines der reichsten, äußerlich gesegnetsten der Erde, und Israël in der Wüste gedachte nicht mehr der Angst und Qual der Frohndienste, sondern weinte nur sehnsüchtig nach den Fleischtöpfen und der andern Fülle Aegyptens; so mag noch vielmehr dem vormals hier ~herrschenden~ Volke das Scheiden von der so reichlich genossenen Lust der Augen und aller Sinnen unmäßig schwer angekommen seyn. Noch vor Mittag waren wir in jene Gegend der Palmen- und Akazienwälder gekommen, wo man in einer Tiefe von etwa 20 Fuß unter den Schlamm- und Sandlagen, welche die jährlichen Stromschwellen des Niles im Laufe der Jahrhunderte über das niedre Land geführt haben, jenen prächtigen, liegenden Coloß entdeckt hat, welcher für die Bildsäule des Pharao Remeses +II.+ gehalten wird. Vermutlich ist es einer jener sechs Kolossen, welche dieser Monarch vor dem Tempel des Phtha errichten lassen und von denen der eine sein eignes, der andre das Bild seiner Gemahlin, die übrigen vier jenes Söhne waren. Die beiden ersteren ragten zu einer Höhe von fast 38 Fuß und noch jetzt misset der auf seinem Angesicht niedergestürzt liegende Coloß, obgleich er an den Füßen und Hauptschmuck etwas verstümmelt ist, 40 Fuß, ohne das Piedestal. Hier also, oder nahe hierbei hatte Menes, der erste Begründer des Aegyptischen Herrscherthrones, jenen Tempel erbaut, in und an welchem sich eine Herrschermacht des Geistes kund gab, höher und urkräftiger als die der Pharaonen; hier stund der Tempel des ~Phtha~, des unsichtbaren, ewigen Gottes, des Ursprunges und Anfanges alles Seyns, dessen Wesen ein Licht ist, »das auch in der Mitte der Nacht leuchtet, mit der Klarheit des Tages.« Wir befinden uns hier auf einem klassischen Boden der Aegyptischen Vorwelt; hier war Memphis, der älteste Königsitz des ganzen Landes. Der Name, als Momf oder Menf, soll sich in der Sprache und Ueberlieferung des hier wohnenden Volkes erhalten haben[33]; jene mächtigen Ruinen aber, welche noch Abulfeda im Jahr 1342 n. Chr. hier sahe, sind bis auf den erwähnten Coloß und einige bearbeitete Granittrümmer, so wie jene wenigen Substruktionen, die am Saum des Waldes gegen Sakkara und Mitraheny hin aus dem angeschwemmten Boden hervorragen, verschwunden. Nahe bei dem Tempel des Phtha, des Vaters aller Götter, dessen Herrschaft und Anbetung, nach der Lehre der Aegypter die ursprünglichste und älteste gewesen war: ein Reich dessen Anfang sich nicht bestimmen ließ, hatte ein späteres Geschlecht den Tempel des göttlichen Stieres, des Apis errichtet, welcher von seiner Erzeugung an für einen Träger der Leben und Begeistrung aufregenden Kräfte der Sonne und des Mondes: für eine neue Verleiblichung der Seele des Osiris gehalten wurde. Sobald derselbe, im siebenten Monat nach seiner Geburt, im prachtvoll geschmückten Schiffe, welches die Schaaren der bunt verzierten Fahrzeuge umgaben, im Geleite der Hymnen singenden, Rauchwerk opfernden Priester von Nilopolis hieher nach Memphis gebracht war, empfieng ihn der geweihte Wohnsitz, der in der Nähe des Tempels des Phtha für ihn bestimmt war. Es bestund dieser gleich den jetzigen Moscheen in Tempelhallen die nach einem freien Hofraum herausgiengen; in einem der Seitengebäude wurde die mütterliche Kuh verpflegt, die den Apis gebar. Durch die Fenster jener mit königlicher Pracht verzierten Halle, in welcher der vergötterte Stier wohnte, konnte das Volk beständig hineinschauen; Knaben, seinem Dienste geweiht, spielten zu seinen Füßen und wurden nicht selten von einem Geiste der Weissagung angewehet, der aus ihrem Munde das Künftige und Verborgene verkündete. Wenn aber die Priester das angebetete Thier, wie dieß öfters geschahe, herausführten zum Hofe, unter das Volk, das seinen näheren Anblick begehrte, dann ward Apis selber ein Verkünder der Zukunft, der, wenn er von selbst in die eine der Hallen hineingieng, Glück, wenn in die andre Unglück andeutete; der das Futter aus der Hand Dessen nahm, welchem ein gutes Schicksal nicht aber aus der Hand Jenes welchem Unglück oder der nahe Tod bevorstund. Hatten doch die Priester selbst dem großen Eudoxus, daraus, daß Apis den Saum seines Gewandes mit der Zunge zu berühren schien, seinen künftigen Ruhm, zugleich aber die kurze Dauer der glänzenden Laufbahn vorausgesagt, und dem Germanikus bedeutete es, als Apis aus seiner Hand das Futter nicht annahm, den nahen Tod. Man brachte dem Apis Opfer, sogar von Stieren; seiner Gottheit huldigten mit dargebrachten Opfern Alexander der Macedonier und selbst noch Titus und Hadrian. Während der sieben Tage, in denen jährlich das Geburtsfest des Apis gefeiert ward, legten, nach der Sage des Volkes selbst die Crocodile ihre grimmige Natur ab; sie zeigten sich dann harmlos und beleidigten niemand. Fünf und zwanzig Jahre lang -- dieß war eine altägyptische Periode der Ausgleichung des Sonnen- und Mondenjahres[34] -- wurde des heiligen Stieres mit allen nur ersinnlichen Mühen gepflegt, jetzt aber hatte er das Ziel seines Lebens erreicht; seine bisherigen Pfleger selber, die Priester, ertränkten ihn in dem geweihten Wasserbehältniß des Tempels; dem Volke wurde verkündet Apis sey jetzt verschwunden, starb aber das Thier natürlichen Todes, so wurde gesagt er sey gestorben. Der Leib des einbalsamirten Stieres wurde im ersteren Falle in den geheimen, unterirdischen Grüften des Tempelbezirkes, im andern aber mit feierlichem, öffentlichem Begängniß in dem bei Sakkara gelegnen Serapeion bestattet. Zu solchem Ausgang hatte sich der einst reinere Gottesdienst des Phtha in dem Geist und in den Händen eines alles versinnlichenden Volkes verkehrt. Nahe bei dem Koloß und der vermutlichen Stätte des Phtha und Apistempels stehen einige armselige, von Bauern bewohnte Hütten, erbaut auf kleinen Hügeln des alten und neuen Schuttes. Tiefer im Walde, gegen den Nil hin, bestiegen wir einen der größeren Schutthaufen und überblickten das nun verödete Feld alter Geschichten und Thaten der göttlichen wie der menschlichen Art. Hier auf dieser Stätte der Trümmer stund der Wohnsitz der Herrscher, bei denen Abraham ein Gast und Fremdling war, Joseph, aus der Niedrigkeit des Gefängnisses zur Macht des Fürsten emporstieg, Jacob mit seinen Söhnen Versorgung und Schutz vor dem drückenden Mangel fand; dort fließt der schöne Strom aus dessen Schilf die königliche Jungfrau Den herausführte und rettete, der zum Führer und Retter seines Volkes bestimmt war. Wie lebendig werden hier alle diese Züge der heiligen Geschichte dem Gemüth; diese Palmen da sprechen noch immer von einem Reich des Friedens und der Freude, welches, wenn auch auf lange Zeit gestört und verdunkelt, doch nicht geendet hat. Der Weg nach Sakkara führte uns weiterhin im Walde der Akazien an einigen Substruktionen alter Gebäude vorüber, dann hinaus auf die grünenden Felder. Zwischen hier und dem Saume der westlichen Hügel stunden noch große Teiche des Nilwassers, das von der Stromschwelle zurückgeblieben war; nur durch manchen Umweg gelangten wir zu dem von Arabern bewohnten Oertlein, welches seinen jetzigen Namen Sakkara wahrscheinlich von dem Namen der ältesten Gottheit von Memphis, des Phthah Sokar sich erhalten hat. Aus Unkunde hatte einer unsrer Eseltreiber uns in ein Gebäude geführt, welches, wie uns dieß die lautschreienden Stimmen einiger ältlichen Frauen ankündigten, ein Harem war; schon wollten wir uns ein Nachtlager in einer der alten Grabeskammern oder auf dem Vorplatze einer der nachbarlichen Pyramiden suchen, da lud uns die Familie des Italienischen Grafen Odeskalki (+Odescalchi+) der hier ein kleines Landhaus besitzt, aufs freundlichste in ihre Wohnung ein und bot uns zugleich dar, was den durch die heutige Reise nur aufgeregten, nicht gestillten, leiblichen Hunger befriedigen konnte. Wir waren schon gegen zwei Uhr des Nachmittags unter dem friedlichen Obdache angekommen; in dem Zimmer, das man uns in dem höchsten und schönsten der kleinen Seitengebäude angewiesen hatte, zwitscherte und nistete ein Pärlein von Schwalben[35], schöner und buntfarbiger als die unsrigen. Unsre Eierspeise sammt dem Arabischen Brod und der frischen Butter waren bald bereitet und bald verzehrt; es blieb uns noch reichlich Zeit uns unter den Pyramidengruppen und in den Grabeskammern der nachbarlichen Gegend umzusehen. Zu den Pyramiden von ~Daschur~, den südlichsten der ganzen, langen Reihe hat man gegen eine Stunde weit zu reiten. Hier stehet, am weitesten gegen den (östlichen) Abhang der Hügelkette nach dem Nilthal hin, jene Pyramide, welche sich, in fünf Absätzen, bis nahe zur Höhe von anderthalb hundert Fußen erhebt und welche durchaus von ungebrannten Backsteinen erbaut ist. Der Lehmen oder Nilschlamm, der die Hauptmasse dieser Backsteine ausmacht, ist mit gehacktem Stroh gemischt, wodurch man ihm wahrscheinlich besseren Zusammenhalt geben wollte, denn er ist voller Sand und kleiner Schnecken- und Muschelstücke. Ohngeachtet dieser Vorsichtsmaßregel hat sich der Backstein dennoch sehr aufgelöst und zerbröckelt, so daß es fast unmöglich scheint das Aeußere der Pyramide zu besteigen oder in ihr baufälliges Innres vorzudringen. Weiter gegen Norden und etwas tiefer landeinwärts, erhebt sich, von Steinhaufen umringt die größeste der Pyramiden der südlichen Gruppe, welche, wenigstens an Breite der Basis jener von Ghizeh nur wenig nachzustehen scheint. Man zählt an ihr gegen 150 stufenweise Absätze. Auch eine Art von Tumulus oder Grabeshügel kommt bei dieser Gruppe vor. Von hier gegen Westen zieht sich der Weg nach dem nur wenig entfernten, lieblichen Fajoum, dem Distrikt von Arsinoe, dem Lande der Rosen und der Fülle aller Naturgaben des unteren Aegyptens; wir aber mußten uns für diesmal auf die Betrachtung der Umgegend von Sakkara beschränken. Jene Pyramidengruppe, welche zunächst an diesen Ort gränzt, scheint in ältester Zeit ein durch Mauern und Gräben umschlossenes Ganzes gebildet zu haben; ein sehr breiter gepflasterter Weg führte vom Hügelabhange bei Sakkara zu ihr hin; es scheint[36], daß, wie ich schon erwähnte, in diesem Bezirk das Serapion von Memphis lag. Da wir zu der größesten Pyramide dieser Gruppe kamen, welche in sechs Absätzen, davon jeder 25 Fuß hoch ist, mit ihrem sehr breiten Gipfel bis zur Höhe von 150 Fuß emporsteigt, fanden wir bei ihr unsern guten Reisegefährten, den Maler Bernatz, von einer Schaar Arabischer Knaben umringt, welche jeder eine Gabe begehrten, weil sie alle ihn zur Pyramide begleitet hatten. Seine deutsche Erklärung, daß er ihnen bereits Alles gegeben habe, was er an kleinerem Geld bei sich trug, verstunden sie freilich nicht; sie waren so vertraut geworden, daß sie ihm an die Taschen fühlten; die Erscheinung unsers türkisch gekleideten Dragomans machte ihren Vertraulichkeiten ein Ende. Gerne wären wir in das Innre der Pyramide hineingekrochen, das eine saalartige Weitung enthält und mehrere mit Hieroglyphen ausgemahlte Kammern, aber der Sturm der Wüste und vielleicht auch die Araber, um auf eine ansehnlichere Belohnung von den Fremden Anspruch machen zu können, hatten den Eingang mit Sand verschüttet. Wenn wir denn auch bereit gewesen wären auf die Forderung der Letztern einzugehen, so fehlte es doch für heute an Zeit um die Wiedereröffnung abzuwarten, deshalb versparten wir uns das Eindringen in die innren Räume einer Pyramide auf den nächsten Tag. Dagegen verwendeten wir die letzten Stunden des Nachmittages zu der Betrachtung einiger der Grabeskammern, deren Reihen sich weithin über den Hügel und seinen Abhang verbreiten. Die Nachbarschaft dieser Tausende der Mumiengräber kündigt sich dem Auge, eben nicht auf angenehme Weise, durch die Menge der herumgestreut liegenden Schädel und andern Menschengebeine an. Die armen Arabischen Bauern die seit Jahrhunderten hier herum wohnten, haben mit dem fortwährend an ihnen nagenden Hunger, auch die andern Eigenschaften der hungernden Wölfe und Hyänen angenommen; gleich diesen durchwühlen sie die Gräber, um die Leichname der Vorwelt, wenigstens auf mittelbare, menschliche Weise für sich und die Ihrigen in Brod zu verwandeln. Früher, da man noch die Mumien als Arzneimittel und braunen Farbestoff nach Europa verkaufte, war das Gewerbe des Gräberraubes ein einträglicheres als jetzt, wo nur noch ein Theil der Morgenländer an die Heilkräfte solcher von Gewürz und Erdpech durchdrungenen und in sie verwandelten Menschenkörper glaubt, Europa aber, fast allgemein solche Mittel mit Eckel von sich weißt. Dennoch giebt es noch jetzt in und an den Mumien genug zu erbeuten, weshalb auch die Araber, die übrigens das Geschäft der Leichenbestehlung jetzt ganz heimlich betreiben müssen, weil Mehemed Ali solche Privatunternehmungen verboten hat, niemals einen Europäer in solche Todtenkammern führen, worinnen noch undurchsuchte Mumien liegen. Die alten Aegypter nämlich wendeten bekanntlich eine ganz besondre Vorsorge auf die Ausstattung der Gräber und der starren Menschenleiber die da als Bewohner hausten. Das Leben hier auf der wandelbaren Erde, so lehrten sie, ist nur von kurzer Dauer, das Harren der Seele auf die neue Ueberkleidung mit diesem Leibe dauert lange. Damit sie, die Seele, des Leibes, den die Verwesung zerstörte, beraubt, nicht den mühsamen Lauf nach andern Leibern der Thiere und Pflanzen machen müsse, suchte man ihr den armen Leib durch das Einbalsamiren zu erhalten; so lange der dauerte, werde sie wohl bei dem alten Haus desselben verweilen, bis im Verlauf der Jahrtausende ein neuer Lebensodem ihn anwehen werde. Damit aber nun das lange Verweilen da in der Tiefe der Gruft nicht ohne Vergnügung sey, zierte man das letzte Wohnhaus der irdischen Hülle mit allerhand Erinnerungszeichen an das so schnell vergangene Leben, an seine Lust und Freuden aus. Die alten Aegypter wohnten nie so prächtig während des Lebens in ihren Pallästen und Häußern, als, wenn sie des Aufwandes fähig waren, als Leiche in ihren Gräbern. Da findet man die Wände mit den buntfarbigsten Gemälden, mit den Abbildungen der täglichen Beschäftigungen wie all der Ergötzungen und Lustbarkeiten verziert, welche der Verstorbene während seines Lebens am meisten liebte, am begierigsten aufsuchte; die Seele die nicht mehr vom rohen Stoffe, sondern vom Bilde der vormaligen Genüsse lebt, sollte hier im reichsten Maaße Alles finden, was sie zu ihrer Unterhaltung begehrte. Deshalb haben die Todtenberauber der älteren wie der späteren Zeiten aus den Aegyptischen Grabstätten Kostbarkeiten und Schätze von vielfach hohem Werthe erhoben; die Mährlein im Sinne von tausend und einer Nacht, die von Schatzkammern der Tiefe erzählen, welche den der sie auffand unermeßlich reich machten, haben abentheuerliche Glücksfälle vor Augen gehabt, wie sie in älteren Zeiten in Aegypten oft vorgekommen seyn mögen. Man hatte aber noch eine andre, sonderbare Weise die Todten auszustatten. Nicht bloß steckte man ihnen, wie einen Stoff zum langen Nachdenken, beschriebene Papyrusrollen in die Grabtücher, womit man die Mumie umwandt, sondern statt des Herzens und der andern innern Theile, in denen einst das empfindende Leben sich bewegte, legte man mit dem unverweslich machenden Gewürz zugleich allerhand symbolische Figuren in ihre Brusthöhle hinein, welche, die eine an Apis, die andre an Osiris und Isis; einige an das Bündniß der Treue, andre an den im Leben genossenen Wohlstand erinnerten; gleich als gedächte man hiermit dem todten Leibe Gedanken einzugeben, welche die vereinsamte Seele trösten und in der Richtung jenes Hoffens, das im Leben der Zeit nach einem Ewigen hingekehrt war, erhalten könnten. Ich selbst besitze eine Menge so kleiner, gar sauber gearbeiteter Götterbilder und andrer symbolischen Figuren, die man im Innern von Mumien fand; zuweilen sind sie aus edlem Gestein, ja selbst aus Gold gefertigt und ein solcher Fund lohnt dem armen, hungernden Fellah die Mühe seines Suchens reichlich. Eckelhaft aber, und gräßlich bleibt deshalb dennoch der Anblick der jetzigen Umgebung, dieser einst so heilig gehaltenen Behaußungen der Todten. Wir ließen uns indeß hierdurch nicht abschrecken auch das Innre einiger dieser Todtenkammern zu besehen. Geöffnet, darauf kann man sich im voraus gefaßt machen, und für Jedermann unter der Leitung einiger Araber zugänglich sind nur die, welche außer den leeren, buntbemahlten Wänden nichts mehr enthalten, was die Gewinnsucht der Fellahs reizen könnte; andre, welche noch nicht ausgeleert, sondern erst neu von ihnen aufgefunden sind, decken sie, bis sie des Fundes sich versichert haben, sorgfältig mit dem Sande der Wüste zu. Die Eingänge zu den in den Felsen gehauenen Grabeskammern sind theils schachtartig senkrecht und stehen wie an der Pans Flöte in gewissen Reihen, theils verlaufen sie horizontal in die Wand des Hügelabhanges hinein; in den Kammern sieht man noch die nischenartigen Eintiefungen auf deren Gemäuer die Mumien reihenweis aufgeschichtet lagen; die Gebeine der Urenkel und der noch ferneren Nachkommen bei denen der Ahnen. An den Wandgemälden mehrerer Grabeskammern, sowohl hier bei Sakkara als noch mehr bei Ghizeh, sahen wir eine Frische der Farben und eine so fleißige Ausführung der Zeichnungen, daß sie noch jetzt in einem kunstliebenden Lande von Europa eine Zierde der Prunkzimmer und Gallerien seyn könnten. Schon heute brachten uns die Araber viele Mumien von Vögeln, die noch in ihren Töpfen verschlossen waren und mit ihnen zugleich eine Menge der altägyptischen kleinen Kunstwerke zum Verkauf, und wer nichts zu verkaufen hatte der bettelte. Beides geschah zum Theil unter sonderbarer Form. So hatte ein Mägdlein einen der jüngeren Begleiter ein Stück Carneol zum Kaufe angeboten; er wieß dasselbe an mich und die Kleine verlangte von mir das Doppelte, »weil,« so sagte sie, da sie herum befragt wurde, »du der Vater und Herr bist.« Ein alter Mann hatte bei Mehreren von uns gebettelt und von jedem etwas erhalten. Da sagte er, ich habe nun sechs dieser Geldstücke (eines zu fünf Fuddahs) von euch bekommen, jetzt gebt mir noch vier, damit ich zehn habe, Gott ist den Barmherzigen hold. Wir kamen zuletzt mit einer ganzen Schaar von alten und jungen Fellahs und Fellahahs zum Dorfe zurück. Der Anblick dieser armen, bettelnden Bauern that mir wehe. Wer etwa noch niemals den hohen Werth unsrer christlichen Staatsverfassungen recht gründlich eingesehen hat, der sollte nur auf einige Zeit in einem Aegyptischen Dorfe zur Miethe wohnen und das Leben seiner Bewohner betrachten. Eigenthümer des Landes oder Erbes ihrer Väter sind sie schon lange nicht mehr, darum ist die Sehnsucht und Begierde nach Eigenthum in ihnen so heiß und heftig, darum mögen sie, auch wenn sie zu ein wenig Geld gekommen, sich so schwer entschließen von ihm sich zu trennen, daß sie öfters nur mit Schlägen und andern Mishandlungen gezwungen werden können ihre Abgaben zu entrichten[37]. An manchen Arten der Erzeugnisse des Bodens, namentlich an Baumwolle und Flachs hat der welcher sie baute gar keinen Antheil, diese gehören ganz der Regierung an; auch von den andern Feldfrüchten nimmt der Gouverneur so viel hinweg und von dem Ertrag des übrig bleibenden sind noch so vielerlei Abgaben und Unkosten, namentlich auch für die Miethe der Kamele, welche die Regierung zum Transport herleihet, zu entrichten, daß die armen Familien der Fellahs unsre Bienen beneiden möchten, denen man beim Beschneiden des Stockes wenigstens so viel Honig lässet, daß sie nicht hungern dürfen. Zum Bestellen der Felder erhalten sie zwar das Saatkorn und andre Sämereien, diese gehen aber durch so viele unredliche Hände, daß sie kaum zum Besäen auslangen. Und bei wem will man klagen? hat nicht der Gouverneur schon im voraus das Ohr des Richters für sich gewonnen, und wäre dies auch nicht, wer schützt dann den armen Fellah vor der Rache des Gouverneurs? Zwar, solche Gräuel wie sonst, werden wohl kaum mehr zugelassen; ein Gouverneur dürfte nicht mehr wie jener Türkische zu Tunta einen Bauern hängen lassen, weil er weniger Getraide gebracht hatte als ein andrer[38], noch weniger würde es erlaubt seyn einen Steuereinnehmer in sechzig Stücke zerhauen zu lassen und sein Fleisch an die Bauern zu verkaufen, weil er einem armen Manne, der die Abgaben nicht bezahlen konnte, seine Milchkuh schlachten lassen und ihr Fleisch, in sechzig Stücke zertheilt, denselben Bauern zum Kaufe aufgedrungen hatte[39], aber auch in seinem jetzigen Europäischen Gewande drückt das System der Regierung noch hart genug auf das arme Volk des Landes und der Städte. Unser gastfreundlicher Wirth, der Graf Odeskalki, war nun auch aus der Stadt nach Hause gekommen; ein Gespräch mit dieser liebenswürdigen Familie führte uns im Geiste in das theure christliche Vaterland und der Zug des Heimwehes dauerte auch noch fort da wir jetzt heraustraten auf das platte Dach des Haußes und hier noch lange die Herrlichkeit des milden, klaren Aegyptischen Himmels genossen. Canopus, der schönste, in Europa niemals sichtbare Stern der südlichen Halbkugel, leuchtete mit Sirius zugleich am Himmel; tief am Horizont erschien noch in großer Klarheit Merkur, der sich in unsern Gegenden fast immer in den Dünsten verbirgt; ein balsamischer Duft kam von den blühenden Feldern und Gärten her; das arme Volk verschlief die Sorgen und Noth des Tages, nirgends aus den niedern Hütten vernahm man einen Laut. Wir hatten ein langes und für uns sehr anziehendes Tagwerk vor uns, darum stunden wir am andern Morgen noch vor Tagesanbruch auf und nachdem wir mit der gastfreundlichen Familie des Grafen gefrühstückt hatten verließen wir das Dorf. Der Tag fieng eben an den Weg der Wüste nothdürftig zu erhellen, als wir am Hügelabhange der Gräber hinanritten. Es war ungewöhnlich kühl, fast wie bei uns an einem Morgen der letzten Hälfte des Octobers; ein Nebel lag über dem Nilthal und dem Saume der Wüste. Wir nahmen unsern heutigen Weg nach dem eigentlich sogenannten Mumienfelde der Vögel und andern Thiere, denn in solcher Menge, wie hier sind diese Thierüberreste an keinem andern Orte des Landes zusammengehäuft. Der Haupteingang zu diesen merkwürdigen Grabeshallen ist etwas beschwerlich; er führt schräg hinunter, hatte vielleicht vormals eine Treppe, diese aber, wie die Hälfte der Höhe des Einganges ist mit feinem Sande der Wüste bedeckt. Ich legte mich auf den Rücken und steuerte mich mit den Elnbogen auf dem Sand hinunter, wobei mir zuletzt Herr Mühlenhof, der Dragoman zu Hülfe kam. Unten ist ein ziemlich geräumiger Gang mit mehreren leeren Kammern und buntbemahlten Wänden; eine schachtartige Oeffnung führt senkrecht hinab in eine Gruppe von andern Kammern. Wie weit sich diese unterirdischen Räume und Gemächer erstrecken das ist noch kaum bekannt; man sieht an den Seiten der Gänge die irdenen Krüge, worinnen die einbalsamirten, mit Leinwand umwickelten Thierkörper liegen, in vielen Reihen hoch übereinander geschichtet; wenn eine solche Mauer von Krügen hinweggenommen ist zeigt sich gewöhnlich hinter ihr eine neue und noch bemerkt man kein Ende, so verschwenderisch auch die Beduinen mit diesen Krügen umgehen. Denn jene, da sie bemerkten daß ich in den Gefäßen besonders nach einigen Arten von Skeleten suchte, und daß ich mit den zu stark verkohlten, morschen Exemplaren, deren Leinwandhülle wie ihr Inhalt beim Anrühren in Stücken zerfiel, nicht zufrieden war, holten mehr denn dreißig solcher Krüge herauf, zerschlugen sie bis auf wenige die ich noch rettete und zeigten mir den Inhalt, aus dem ich mir namentlich die Schedel eines Tantalus Ibis und eines heiligen Ibis[40] herauswählte. Auch hier in diesem Mumienfelde der Thiere verräth sich der überall sinnvolle, wenn auch irre geleitete Tiefsinn der alten Aegypter. Merkwürdiges Volk, dem fast jede tierische Gestaltung als eine Hieroglyphe, die Hieroglyphe aber als ein Name und eine Bezeichnung der Gottheit erschien; ein Name, dessen vom Leben durchdrungene Schriftzüge zu vertilgen, gleich einer Gotteslästerung verboten war. -- Die Natur ist allerdings eine Sprache in Bildern, voll bedeutungsvoller Namen; höher aber als das Bild stehet das im Herzen lebende, unvergängliche Wort, durch dessen Kräfte nicht nur die Welt des Sichtbaren, sondern vor ihr und über ihr die Welt des geistigen Erkennens geworden ist. Die dürftige Pyramidengruppe bei Abusir, an der wir vorüberkamen, bietet wenig dar, was die Aufmerksamkeit fesseln und beschäftigen könne. Diese Werke einer wahrscheinlich späteren, nur nachahmenden Zeit, im Vergleich mit der älteren, von der die großen Pyramiden bei Ghizeh zeugen, tragen mehr denn diese das Gepräge der Vergänglichkeit; sie stehen, zum Theil unsymmetrisch und unförmlich, alle aber halb aufgelöst und verfallen da, entweder durch die Gebrechlichkeit des Gedankens der sie begründete oder des Materials aus dem sie erbaut sind[41]. Wir kamen schon in der Nähe der großen Pyramiden von Ghizeh an einigen Bauern vorüber, welche die Felder bestellten. Sie liefen zu uns heran und boten sich uns zu Führern, hinauf zum Gipfel der Pyramiden und in ihr Innres an und wir ließen uns dieses Geleite gefallen. Es war fast Mittag da wir uns diesen Jugendwerken der alten Baukunst naheten. Der letzte Theil des Weges, unten in der Ebene am Saume der Hügel hin, über grünende Auen, an Heerden der Ziegen und Schafe vorüber, war sehr angenehm gewesen; jetzt zog sich, jenseits der kleinen Gruppe von Sykomoren und Palmen, die noch im Thale vor den großen Pyramiden stehet, die lebende Welt des heutigen Tages zurück und ließ uns mit dem Schweigen der Wüste und mit den hehren Denkmalen einer riesenhaft hochstrebenden Vergangenheit allein. Bei dem ungeheuren Bilde des Sphinx, gegen dessen Größe die des Menschenleibes so dastehet, wie der Grashalm gegen den Palmbaum, hielten wir an und stiegen herab von unsern Thieren. So mächtig auch dieser steinerne Thürhüter oder Buab des Bezirks der großen Pyramiden sich vor den Aufgang zu diesen hinstellt, erscheint er dennoch gegen diese erstgebornen Werke der Memphitischen Größe nur wie ein untergeordneter Diener. Er ist auch der Jüngste unter ihnen, denn der Pharao, dessen Bild er darstellt und der ihn aus der Masse des Felsens aushauen ließ, war, wie dieß aus den hieroglyphischen Namenszeichen erkannt wurde, Thothmes +IV.+, welcher nach Wilkinsons chronologischen Tafeln bis 1446 v. Chr. regierte. Das Angesicht des mächtigen Bildes ist durch die Barbarei der späteren Zeiten verstümmelt, namentlich fehlt ihm die Nase; der Kopfschmuck, der wahrscheinlich von andrem Material gebildet und in eine noch sichtbare Vertiefung des Scheitels hineingefügt war, ist hinweggenommen; der Fels unterhalb des Halses hat durch Verwitterung gelitten; von dem Altar und dem Getäfel, welche man zwischen den vorderen Löwenfüßen wieder aufgefunden hatte, sieht man keine Spur mehr, denn der Sand der Wüste hat die neueren wie die älteren Ausgrabungen großenteils wieder zugedeckt. Wenn in oder unter dem Sphinx Grabeskammern sind, dann muß der Eingang zu ihnen aus tief verborgenen Gängen herführen, denn am Bilde selber und dem nächst umgebenden Felsen zeigt sich keine Oeffnung. Neben den Ueberresten der beiden pyramidalen Pylonon, welche zu Herodots Zeiten den Eingang zu der prächtig gepflasterten Plattform am Fuße der großen Pyramide zierten, giengen wir hinan zu diesem Gedächtnißmale des Cheops. Ein leichtes Gewölk zog eben über seinen Gipfel hin, bald aber stund das unwandelbare Gewölbe des Himmels wieder in unwandelbarer Klarheit da. Worin ist doch die unbeschreibliche Kraft des Eindruckes begründet, den der Anblick dieser Pyramide, wenn man an ihrem Fuße stehet, auf die Seele macht? Er kann nicht in der Masse allein liegen, denn die Massen so vieler unsrer gäh oder pyramidal emporsteigender Felsenberge sind noch ungleich größer, ohne daß ihre Wirkung auf den Sinn des Wandrers dieselbe ist. Die Kraft jenes Eindruckes kommt nicht aus dem Gewicht und Umfange der hier aufgehäuften Werkstücke, sondern sie beruhet auf dem Gedanken den der Geist des Menschen, andren Menschen verständlich in das Werk der leiblichen Hände hineinlegte. Dieser Gedanke heißet Ewigkeit. Wenn wir auch keinen andern Beweis für die Fortdauer unsrer geistigen Natur, nach dem Vergehen der leiblichen hätten, so würde der schon als ein hinreichender erscheinen, der sich auf das unabweisbare Bedürfniß unsers Wesens gründet, seine Wirksamkeit, wie die Schwingen eines über dem Zukünftigen brütenden Adlers weit hinaus über das Leben der Zeit zu breiten. Der Mensch fühlt in sich Kräfte der Ewigkeit; er fühlt es, daß diese dereinst selbst den staubgebornen Leib durchdringen werden und sollen; das Mißverständniß der alten Erbauer der Pyramiden und Mumienkammern lag nur darinnen, daß sie wähnten jene Durchdringung und Ueberkleidung des Vergänglichen mit Kräften des Unvergänglichen möge durch ein Bestreben der leiblichen Kräfte bewirkt werden, da es doch einzig nur vom Leben des Geistes ausgehen kann. Die Macht des großen Eindruckes auf die Seele giebt auch dem Leibe solche Kraft, daß ihm das Hinansteigen auf den Gipfel der großen Pyramide nicht mehr sehr schwer fällt. Ohnehin ist dasselbe dadurch in etwas erleichtert, daß man zuerst auf breitem Wege an dem Hügel des Schuttes und Aufwurfes, der hier später angebracht worden, hinansteigt bis zu dem Eingang ins Innre der Pyramide, welcher schon in ziemlich bedeutender Höhe liegt. Nun aber fängt die Arbeit des mühsameren Hinanklimmens an. Die dienstfertigen Beduinen, welche wir auf dem Herwege mit uns genommmen, waren uns übrigens hierbei sehr förderlich. Mich, als den Aeltesten und Schwerfälligsten, faßte, ohne daß ichs begehrte, unter jedem Arme einer an und bei den mächtigeren stufenartigen Absätzen, welche von der Höhe eines Tisches und darüber sind, eben so wie bei den niedreren oder zerbrochenen, in welche sich durch die Verwitterung des Gesteines kleine Stufen gebildet haben, halfen die guten Leute mit ihren bald zuvor- bald nachkommenden Händen. Die muntre Hausfrau hatte nur einen Führer angenommen; so oft ich aber wieder eine Strecke gestiegen war und ausruhend auf einer der breiteren Stufen stehen blieb, sprang einer meiner Begleiter, so wie etwa wir auf einer gemeinen Haustreppe es pflegen, die Stufen wieder hinunter und half die leichte Gestalt mit ziehen, welche so, schneller gehoben, von einem Absatz zum andern kam. Wir hatten uns, um den Sonnenstrahlen auszuweichen, beim Aufsteigen an die nördliche Seite gehalten, von welcher wir nur einige Male uns hinüber zogen nach der östlichen; jetzt aber war die breite Platte des abgebrochenen Gipfels erreicht, auf welcher bequem ein kleines Haus stehen könnte, und nun waren wir im vollen Genuß der Aussicht, nach allen Weltgegenden hin. Auf dieser freien Höhe wehte uns der Nordostwind ziemlich kalt an; wir setzten uns in den Schutz eines der mächtigen Werkstücke welche in ungleicher Höhe über die Bruchfläche der gewaltsam abgetragenen Spitze hervorragen und ruheten so eine zeitlang in den lieblich wärmenden Strahlen der Aegyptischen Sonne. Die Aussicht von dem Gipfel der großen Pyramide empfängt ihren hohen, eigenthümlichen Reiz durch den Ueberblick den sie über die nächstangränzende Region der Pyramidengruppe und über den Bezirk der Grabstätten gewährt; weiter denn an irgend einem andern Punkte der Gegend von Kairo blickt man auch von hier aus in die große Libysche Wüste hinaus. Wir trennten uns schwer von dieser Lust der Augen. Das Hinuntersteigen gieng leicht und schnell; hier bedurften wir, da der Schwindel uns fremd ist, keiner fremden Hülfe. Aber der mühsamste Theil des Tagewerkes stund uns noch bevor: das Hineingehen dann Kriechen und Hinanklimmen zu den innern Kammern der Pyramide. Eine Schaar von Beduinen aus dem zunächst bei den Pyramiden gelegenem Dörflein, dessen Bewohner sich vor allen andern das Recht anmaßen die Fremden hier herumzuführen, hatte schon mit Neid es angesehen, daß uns beim Hinansteigen die Fellahs eines andern, weiter entfernten Dorfes bedienten; um wenigstens nachträglich, im Innren der Pyramide ein Trinkgeld zu ernten, waren sie, sobald sie uns Anstalt zum Hineingehen machen sahen, mit brennenden Holzspähnen eilig vorausgekrochen und hatten dadurch einen solchen Staub und Rauch in die engen, verschlossenen Räume gebracht, daß uns das Athmen schwer ward. Dazu kam die für unser Gefühl sehr lästige Wärme von fast 20 Grad R., welche in dem Innren dieser Gesteinmasse (als mittlere Temperatur des Jahres) beständig herrscht. Die großen Fledermäuse die da drinnen in den Steinklüften hausen und welche dem Fremdling, der sich aus seiner vom lichten Tage beschienenen Welt hineinwagt zu ihnen, erzürnt um den Kopf fliegen, öfters auch sein Licht ihm verlöschen, die mögen sich in der dumpfigen Enge wohl befinden, nicht aber der Mensch. Wir besahen zwar was zu besehen war, zu einem solchen freudigen Gefühl aber, dergleichen uns sonst der Anblick eines neuen, großartigen Gegenstandes gewährt, wollte es nicht kommen. Und doch war Stoff genug zu solchem Gefühl vorhanden. Ich kann es dem Kalifen Mamun nicht verdenken, daß er mit einem großen Aufwand von Geld, Zeit und Menschenkräften in das innre Geheimniß des alten Weltwunders einzudringen suchte, obgleich der Versuch, von Osten her, unterhalb der eigentlichen Gänge, durch die dicht zusammengefügten Werkstücke zu brechen, roh genug anzufangen war, und das Murren des Volkes über die nutzlose Verschwendung so großer Mittel nur durch den vorgeblichen Fund eines Schatzes gestillt werden konnte, den der Kalif hatte im Gemäuer verstecken lassen. Der spätern Zeit wurde das Eindringen ins Innre leichter, als die dreieckige Platte von Kalkstein herunter gefallen war, hinter welcher die andersfarbigen, aus rothen Granit gehauenen Schlußsteine des äußern Einganges alsbald ins Auge fielen. Und doch fehlt auch jetzt noch gar viel zur vollständigen Kenntniß des Innren der Pyramide. Denn weder ist jene Weitung (unvollendete Kammer) zu welcher man vom Eingang unter einem Winkel von 27 Grad hinabsteigt das Unterste, noch hat man das oberste Ende jenes geheimnißvollen Innren erreicht, wenn man durch den mit Granitplatten ausgelegten Gang, 100 Fuß jenseit des Einganges, unter einem gleichen Winkel von 27 Grad emporsteigt, und so zuerst durch einen andren, horizontalen Gang zur sogenannten Kammer der Königin, dann aber auf der unter dem nämlichen Winkel sich fortsetzenden Gallerie zu der größeren, höher gelegenen Kammer des Königes gestiegen ist[42]. Ohnfehlbar führen jene jetzt verschütteten oder noch verdeckten Schächte, von denen schon die Alten (namentlich Plinius) reden, in unterirdische Gemächer, die sich weithin im Felsen erstrecken mögen, und der noch undurchforschte obere Theil des Riesenwerkes wird auch seine innren Auswölbungen haben. Vielleicht daß eine und die andre künftige Entdeckung über den ganzen Umfang der Bestimmung dieser Gebäude bessere Aufschlüsse giebt, als dies der schöne Sarkophag in der Königskammer that, in welchem zwar nach der Sage eines Arabischen Schriftstellers, (des Ibn Abd el Hakem), ein Mumienbild und in diesem wieder eine Mumie mit einem goldnen, von Edelsteinen glänzenden, mit unbekannten Charakteren beschriebenen Brustharnisch sollte gefunden worden seyn, wovon jedoch, wenigstens die spätere, genauer beobachtende Zeit nichts mehr zu sehen bekam[43]. Der leere Sarkophag von geschliffenem Granit ist 7 Fuß lang 3 Fuß breit und hoch und man begreift kaum wie er, wenn diese schon vollendet war, zu der engen Thüre, die kaum 1½ Zoll breiter ist, hereingebracht werden konnte. Endlich, Gott Lob! waren wir wieder hinaus an die frische Luft, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt. Wie viel lieber hätte ich das Aeußere der Pyramide dreimal und eben so oft das tiefste Bergschacht unsres Vaterlandes besteigen mögen, als, wenigstens unter den Umständen unter denen wir es heute thaten, noch einmal das Innre des Gebäudes. Werke von so ungewöhnlichem Maßstabe wie die Pyramide des Cheops oder Saophis[44] sind dem Auge erst nach öfterem und länger fortgesetztem Beschauen recht verständlich; es ergeht einem hier wie bei der Peterskirche in Rom, deren Innres auch beim erstmaligen Sehen bei weitem nicht so groß erscheint als es wirklich ist, weil die einzelnen Theile in demselben Verhältnis zu einander und zur Höhe, Länge und Breite des Gewölbes stehen als in jeder andern kleineren Kirche. Wir haben, auch in unsern größeren Städten, nur wenig freie Plätze, welche ein Viereck bilden, dessen Länge wie dessen Breite 300 reichliche Schritte bildet; ein solches Viereck das einen Raum von 550000 Pariser Quadratfuß umfaßte hat die Basis der großen Pyramide, als sie noch vollständig war, eingenommen. Selbst in ihrer jetzigen Gestalt, wo sie schon längst ihres Gewandes -- des geglätteten Ueberzuges von marmorartigen Kalksteinen beraubt ist, misset jede der vier nackten Seiten 716½ Pariser Fuß, der ganze Umfang 2866 Fuß, so daß man ziemlich eine Viertelstunde Zeit gebrauchen würde um im Spazierschritt um das ganze Gebäu herumzukommen; wegen der herumgestreut liegenden Trümmer und des Aufwurfes an der Nordseite dauert aber ein solcher Umgang noch länger. Man zählt vom Boden an bis zu dem jetzigen, obersten Ende 206 Lagen von Werkstücken (ich konnte von Süden her nur 202 unterscheiden) deren Material großentheils der Nummulitenkalk der Umgegend ist; von der Grundmauer an, so weit sie die neuern Forscher bloß gelegt haben, bis zum jetzigen Gipfel beträgt die Höhe 428 Pariser Fuß[45]; wenn man sich aber die Spitze noch in ihrer alten Vollständigkeit hinzudenkt, darf man das ursprüngliche Emporsteigen dieses Riesen unter den menschlichen Bauwerken nahe auf 450 Fuß ansetzen, eine Höhe welche nur von der des Belusthurmes zu Babylon, wie ihn ein Schriftsteller des Alterthumes uns beschreibt, übertroffen wurde. Vor alten Zeiten (Herodot sahe es noch) da das nackte Gestell dieser Pyramide mit seinem Gewand der geschliffnen Steine überzogen war, konnte man auf dieser Bekleidung eine Haushaltungsrechnung lesen, welche auf ihm gleich einer Stickerei angebracht war, und welche die außerordentliche Wohlfeilheit der Lebensmittel in damaliger Zeit bezeugen kann. Die ganze Verköstigung der Arbeitsleute an der großen Pyramide hatte nach unsrem Gelde[46], freilich zunächst nur für Zwiebeln, Rettich und Knoblauch (man wird den Leuten aber nur selten mit Braten oder andern solchen Sachen aufgewartet haben und das Nilwasser hatten sie umsonst) mehr nicht als etwa drei Millionen und fünfmalhundert tausend Gulden rheinisch oder zwei Millionen preußische Thaler betragen[47]. Rechnet man nun, daß mit den Vorarbeiten der Begründung so wie mit dem eigentlichen Bau der Pyramide, nach Herodots Zeugniß 100,000 Menschen, welche in jedem Drittel des Monates von andern Arbeitern abgelöst wurden, dreißig Jahre lang beschäftigt waren, so kommt auf jeden Einzelnen jährlich nur 1 fl. 5. kr., in je fünf Tagen ein Kreuzer oder drei gute Pfennige. -- Solche Werke eines unbegränzten Strebens, in denen die Vergänglichkeit den ungleichen Kampf mit der Ewigkeit eingehen will, sind nur einer unbegränzten, schrankenlosen Herrschermacht möglich; mag deshalb das Geschlecht Chams den Ruhm des Erbauens der Pyramiden für sich allein behalten. An der zweiten Pyramide, an der des Cephren oder Sensuphis, fanden wir gerade eine Menge Arbeitsleute beschäftigt, welche ein vornehmer Engländer, mit Erlaubniß des Vizeköniges nach den noch weniger bekannten oder anscheinend leichter aufzufindenden innren Kammern nachgraben ließ. Auch noch die jetzige Höhe dieser zweiten Pyramide misset gegen oder über 400 Fuß, jede Seite der Grundfläche hat eine Länge von nahe 680 Fuß; der Ueberzug von geglättetem, farbigen Kalkstein (Marmor) ist an vielen Stellen des obern Drittels haften geblieben. Als wir das zweite Mal die Pyramiden besuchten, bestieg unser Dragoman, Herr Mühlenhoff, dieselbe im Geleite eines ortskundigen Fellahs. Ich hatte von seinem Vornehmen nichts gewußt, das Getöse der von oben herunterrollenden Gesteine, zog, als ich eben, mit andern Betrachtungen beschäftigt, vorbeigieng, mein Auge hinan zu dem Gipfel der Pyramide, wo ich den Kletterer erkannte. In der That, von unten her mag das Wagstück noch viel mehr Bangen erregen als der empfindet, welcher die nur in der Nähe bemerkbaren kleinen Vorsprünge der Werkstücke vor Augen hat und zum Feststellen des Fußes benutzen kann. Mich ergriff beim Zusehen, so oft sich wieder einmal ein Stein unter dem Fußtritt ablöste und herunter rollte, ein Gefühl von Schwindel, welches ich, so oft ich selber stieg, niemals empfunden habe. Als ~Belzoni~, im Jahr 1816 durch einen der beiden jetzt bekannten Eingänge in das Innre dieser Pyramide eindrang, sagte ihm eine Inschrift, die er da antraf, daß er nicht der erste sey der diese Gewölbe wieder aufgefunden, sondern daß schon ein Sultan Ali Mohamed den Eingang eröffnet und wieder verschlossen habe. Die dritte Pyramide, die des Mykerinus oder Moscheris, wenn auch um ein Bedeutendes niedriger denn die andern beiden, übertraf diese an Pracht des Ueberzuges, der hier ganz (bei der zweiten nur an ihrem untersten Theile) aus geschliffenem Porphyr, Sienit und Granit bestund. In neuerer Zeit ist noch kein Forscher in ihre innern Geheimnisse eingegangen. Nach dem Zeugniß eines Schriftstellers des Alterthumes (Plinius) wurden die drei großen Pyramiden in kurzer Aufeinanderfolge: in einer Zeit von 78 Jahren nach einander erbaut. Der größeste Theil der Bausteine kam aus der Gegend des jenseits des Niles gelegnen Masara. Nicht unwahrscheinlich ist die Vermuthung, daß diese drei architektonische Räthsel der Vorwelt unten in der Tiefe des Felsens mit einander in Verbindung stehen, durch abgeteufte Grubengebäude und Strecken, welche, wie dies die Aussage der Alten andeutet, bis unter den Wasserspiegel des Niles hinabreichen. Meist im Süden von den drei großen Pyramiden stehen noch sechs kleinere und die untersten Grundmauern einer siebenten da; Werke meist aus späterer Zeit, die sich dennoch durch ihre zur mäßigen Thurmeshöhe emporragende Größe in jeder unserer Städte, mitten unter den Kirchen und Pallästen sehr stattlich ausnehmen würden. Jene, von welcher man die Tochter des Cheops als Erbauerin nennt, hat die Baulust der spätern Zeiten großentheils abgetragen; sie behauptet nur noch durch den Umriß der Trümmer ihre alte Stätte. Nach Süden wie nach Norden ziehen sich noch jetzt von dem Bezirk der Pyramiden Straßen, mit mächtigen Steinen gepflastert hin, der Weg nach diesen Gränzsteinen zwischen der vergänglichen Zeit des Lebens und der Ewigkeit muß den alten Aegyptern ein viel besuchter und wichtiger gewesen seyn. Dies bezeugen auch die Grabeshallen von prachtvoller Anlage und Ausführung, die sich in der Nachbarschaft der Pyramiden finden. Wir sahen einige der neuerdings aus den wiedereröffneten Bergschächten der Gänge, die das Gebirge nicht zwar mit Erzen, aber doch mit ehern festen Zeugnissen der Geschichte eines der ältesten Völker der Erde durchsetzen, herausgeförderte Hieroglyphensärge, und ich kroch, in Begleitung des Herrn Mühlenhoff, bei unserm zweiten Hierseyn, in einige der mit Bildern des Lebens und Wirkens der alten Aegypter verzierten Grabmäler. Als wir aber das erste Mal, ermüdet von dem Hinaufsteigen auf die Aussenfläche der großen Pyramide und von dem Hineinkriechen und Hinaufsteigen in ihr Innres hier verweilten, da gelüstete es uns nicht nach einem weitren Umherspähen. Wir ruhten, in den Strahlen der Frühlingssonne uns wärmend, an der Brust des riesenhaften Sphinx aus, erquickten uns an dem zum Theil sehr übelschmeckenden Wasser, das uns die Fellahs aus den in der Nähe stehenden Nilteichen brachten, und gedachten, sobald wir und unsre Thiere dazu gestärkt waren, der Heimreise. Der Rückweg nach Kairo führte uns in gerader Linie über grünende Auen, auf denen die buntfarbige Doppelzwiebel-Iris[48] blühete, dann durch Felder voll Klee und üppig emporschprossendem Getraide nach Ghizeh, wo wir beide Male jene merkwürdigen Brutöfen besahen, in denen seit uralter Zeit, die Aegypter die Eier der Hühner fabrikmäßig und nur durch künstliche Wärme belebend auskriechen machen. Es war noch nicht die Zeit in welcher man die Oefen in den Gang setzt, doch wurde, als wir zum zweiten Male hier waren, schon Anstalt zu ihrer Heizung und Belegung mit Eiern gemacht, denn die Frühlingsmonate vom Februar bis in den April sind zu dem Versuch die günstigsten und werden deshalb ausschließend dazu angewendet. Zwei Reihen von Kämmerlein, zwischen denen ein enger Gang für die Besorger der Oefen und Eier hinläuft; am Boden der Kämmerlein Matten von Binsen und feinem Stroh; über jedem Kämmerlein ein oben rund gewölbter Ofen, den man mit Dorfmist heizt, das ist das Hauptsächlichste der Einrichtung. Die Oefen stehen mit einander in Verbindung, in den ersten zehn Tagen heizt man in jeder Reihe der Kammern die Hälfte der Oefen und legt unten diese Eier; am 11ten Tag legt man auch welche auf den Boden der andern bisher kalt gelassenen Kammern, heizt die Oefen über ihnen, läßt aber dagegen das Feuer in den ersten Kammern ausgehen, nimmt die Eier vom Boden weg und bringt sie in die darüber befindlichen Oefen, deren Backsteine noch warm von der vorhergegangenen Heitzung sind und in welche aus den andern Oefen die warme Luft herüberdringt. Die Küchlein kriechen, wie unter den Hühnern, am 20sten oder 21sten Tage aus, man nimmt sie aus den Oefen, welche nun gereinigt und von neuem geheizt werden, während man dagegen das Feuer in denen der andern Hälfte ausgehen läßt. Im Mittel, so kann man rechnen, kriechen von 100 Eiern zwischen 60 und 70 Küchlein aus, die man noch ein oder etliche Tage in einer mäßig erwärmten Kammer läßt, dann den Bauern, welche die Eier brachten, gewöhnlich ein Küchlein für zwei Eier abliefert. Unterägypten hat allein über hundert, Oberägypten nur halb so viel solche Brutöfen, welche jährlich zusammen gegen 16 bis 17 Millionen Hühner liefern. Das große Brutgebäude in Ghizeh, welches wir sahen und welches in jeder der beiden Reihen zwölf Kammern zählt, bringt, wie uns versichert wurde, zuweilen in einem Jahre gegen 130000 solche kleine, mutterlose Thierlein aus. Schon während unsrer kleinen Reise nach Sakkara und zurück von den Pyramiden hatten wir oft bemerkt, daß unsre Eseltreiber mit einem gleichen Vergnügen als ihre Thiere den jungen Klee aßen. Hier in Ghizeh sahen wir eine ganze Gesellschaft von Landleuten um einen Haufen Klee, der auf der schmutzigen Straße lag, herumkauern und von diesem rohen Gemüße mit einem Appetit essen, als wenn es gekochte Spargeln wären. Da wir zum Brutofen hingingen war der Haufen ganz hoch, bei unsrer Rückkehr fast ganz aufgezehrt. Die Arten von Klee, deren junge Stengel und Blätter wir bei mehreren Gelegenheiten von dem Aegyptischen Landvolk essen sahen, waren der Helbeh (+Trigonella foenum graecum+) und der Gilban (+Lathyrus sativus+). Im Kaffeehause bei Ghizeh, wo wir uns und unsern Seis oder Eseltreibern eine Erquickung reichen ließen, hatte ich den Verdruß, daß mein Seis, aus lauter Höflichkeit beim Kaffeenehmen, das schöne Skelet vom Mumienibis (+Ibis sanctus+), das ich aus den Gräbern der Vögel erhalten, fallen ließ. Es war in lauter kleine Stücklein zerbrochen. Den Schädel vom Tantalus-Ibis hatte mir der gute Mann schon vorher verloren. Die lieblichen Bilder und Erinnerungen jedoch, die ich auf dieser Reise nach den Pyramiden in das eigne, lebende Haupt und in das feste Gefäß der Seele aufgenommen, konnte mir kein Seis zu Boden werfen und zerbrechen; diese innre Farbenwelt wird sich erhalten, wenn auch die der Gräberkammern aus der Zeit der Pharaonen verbleichen und zerstäuben sollte. Kairo am 11ten Februar 1837. Sechster Brief. =Der Auszug der Mekkapilgrime; Anstalten zur eignen Abreise.= Ich schreibe nun den letzten Brief aus Aegypten an Dich, meine liebe Schwester, denn übermorgen des Nachmittags wollen wir unsre Reise in Gottes Namen durch die Wüste über Suez und Tor nach dem Sinai und von da über Akaba nach Hebron antreten. Schon sind alle Vorbereitungen zur Reise getroffen; ich habe durch Vermittlung des guten Herrn von Champion (des Kaiserlich Oesterreichischen Consuls) meinen Arabischen Paß (Firman) erhalten; durch den griechischen Patriarchen und die Väter des Sinai die herrlichsten Empfehlungsbriefe nach dem Sinai und an das griechische Kloster in Jerusalem; durch den griechisch-katholischen Patriarchen eben so treffliche nach Damaskus und in die Klöster des Libanon empfangen, und durch die gütige Vorsorge meiner hiesigen Freunde ist uns ein wackrer, zuverläßiger Arabischer Scheikh, der alte Hassan der schon so manchen Europäer glücklich durch die Wüste geleitet hat, zugewiesen worden, welcher uns und unsre Sachen mit seinen Kamelen weiter führen soll. Unsre Gesellschaft hat sich um mehrere Personen verstärkt. Ein junger, sehr geschickter Mechanikus aus der Schweiz, Herr Franz, der längere Zeit in Algier gelebt hat, jetzt aber für gewöhnlich in Malta wohnt, und der mit den Sitten der Araber sehr vertraut ist, hat sich, veranlaßt durch die Briefe einiger in der Schweiz und Würtemberg lebenden Freunde aus Malta aufgemacht und ist zu uns hieher nach Aegypten gekommen um uns auf der weiteren Reise nach dem Sinai und Palästina zu begleiten. Schon hier in Kairo, wo er bereits vor uns angelangt war, hat er mir und meinen jungen Leuten die treuesten Freundschaftsdienste erwiesen und wir dürfen uns eines solchen aufopfernd treuen, tüchtigen Reisegefährten freuen. Zum Dragoman oder Dolmetscher ist uns von unsern hiesigen Freunden ein junger Deutscher, Herr Mühlenhof aus Wünnenberg bei Paderborn empfohlen, der schon acht Jahre in Aegypten wohnt, die Reise von hier nach Palästina und über den Libanon bereits mehrmalen gemacht hat und mit seiner Kenntniß des Landes auch die der Sprache des Volkes verbindet. Von seiner Uneigennützigkeit und Redlichkeit, so wie von seiner mannhaften Entschlossenheit hat er uns während unsers Hierseyns schon treffliche Beweise gegeben. An die Stelle unsers bisherigen Arabischen Knechtes und berühmten Koches Ibrahim, der nicht weiter mitreisen will, »weil es ihm in der Wüste zu kalt sey,« tritt ein andrer junger Araber, ein rüstiger, rühriger, trotzig aussehender junger Pursche Namens Mohamed, begabt mit einer lautschreienden Stimme und sehr großen Mund, der, so sollte man meinen, dem Feinde schon beim bloßen Anblicke Furcht einflößen könnte. Außer diesen unmittelbar zu unsrer Gesellschaft gehörigen Begleitern werden sich noch mehrere andre Gefährten unsrer kleinen Karawane anschließen. Vor allem ein Herr von Kron aus St. Petersburg, ein sehr vielgereister, kenntnißreicher junger Mann, den ich schon in München (vor mehreren Jahren) habe kennen gelernt und der mir durch den hiesigen Kaiserlich Russischen Generalkonsul, den trefflichen Obersten Duhamel noch ganz besonders empfohlen ist. Herr von Kron hat schon die meisten Länder Europas und auch Oberägypten besucht und seine Reisen sich zu Nutze gemacht, so daß ich mir viel Unterhaltung von dieser Gesellschaft verspreche. Ihn begleitet ein starker Arabischer Knecht, Namens Abd-er-Wached, der ein guter Koch seyn soll, eine Kunst die wir freilich in der Wüste nicht viel brauchen werden. Aber auch noch einige andre deutsche Landsleute und Freunde werden ein Stück Weges mit uns ziehen: Herr Kielmeier, ein sehr gebildeter junger Officier aus Würtemberg und Herr Keller gehen mit uns bis Suez, wo sie sich zur Reise nach Abyssinien einschiffen wollen; unser Freund Baumgärtner, dessen Güte gegen uns ich Dir schon in meinem ersten Briefe gerühmt habe, wird in unsrer Gesellschaft bleiben bis an den Sinai, weil er seiner sehr leidenden Gesundheit wegen in der Wüste die Kamelmilchkur brauchen will; mit ihm sein Knecht und ein muntres Eselein. Denke Dir nun zu diesem ansehnlichen Comitat von Menschen all die Kamele, welche sie und ihr Gepäcke tragen und du wirst fragen, wo sollen diese alle zu essen hernehmen in der dürren Wüste? Aber auch dafür, so weit es nämlich uns anging, ist hinreichend gesorgt. Die beiden Begleiterinnen haben einen Sack voll Reis gekauft der eine oder etliche Mahlzeiten für eine ganze Compagnie von Soldaten geben könnte; das Wasser zum Kochen desselben führen die Kamele in bocksledernen Schläuchen, die Kohlen in Körben; unser Tafelservice, bestehend aus blechernen Tellern, blechernen Bechern und ziemlich ordinären Messern und Gabeln, dazu ein Gefäß mit Schmalz, Zwiebeln in Menge, Salz, Essig und mehrere Flaschen mit Racky oder Dattelnbranntwein, auch Kaffee und Zucker sind in dem verschließbaren Kafaß (einer Art von Kiste aus Palmenzweigen) enthalten, dazu kommt noch ein Korb voll Schiffszwieback und für den einzelnen Haushalt eines Jeden eine Anzahl guter, süßer Sevilla-Orangen so wie gepreßte Datteln -- in der That ich schäme mich des großen Aufwandes für Pilgrime die zum Sinai und nach Jerusalem gehen. Auch ein hübsches altes Zelt haben wir um äußerst billigen Preis gekauft und Herr von Kron hat auch eines; zum Ruhebette haben ich und die Hausfrau eine zu Semlin gekaufte Matratze, welche, ich weiß selber nicht mit welchen Gegenständen von ungleicher Härte gefüllt ist, bereits aber die Seekrankheit und die Quarantäne mitgemacht hat, und vortrefflich genannt werden könnte, wenn sie nicht schon für anderthalb geschweige für zwei Personen zu schmal wäre, so daß eines von uns immer, wenigstens zur Hälfte auf dem weichen Sande der Wüste liegen wird. Desto ausreichender ist aber die breite in Smyrna gekaufte Decke, zu der hier noch zwei Ziegenfelle gekommen sind, und so merkst du wohl, daß unser Haushalt, im Vergleich mit dem der Söhne der Wüste, zu welchen wir reisen wollen, ein unerhört stattlicher und splendider ist. Je näher die Zeit der Abreise herankommt, desto inniger wird mein Verlangen nach dem meiner Seele theuren Boden, den ich nun bald betreten soll; mein Heimweh kann die Stunde des Auslaufes und des endlichen Vorwärtsrückens zum langersehnten Ziele kaum erwarten. Ein Schauspiel, das ich in einer der letzten Wochen unsers Hierseins gesehen, hat meine Sehnsucht nach dem Beginn der Weiterreise noch sehr gesteigert; dies war der Auszug der Pilgrime nach Mekka. Bekommt man doch im Herbste, wenn die Distelfinken und Hänflinge mit lauten Freudentönen über das Land hinziehen und ein frischer Wind aus Norden den Flug begünstigt, ein Verlangen, auch mitzuziehen über Land und Meer; wie sollte nicht eine Schaar von Menschen, die, nach ihrem Maaße von Begeisterung trunken, den Lauf nach einem ihr heiligen Ziele antritt, auch in unser Einem den Wandertrieb des Pilgrims entzünden und aufs Höchste steigern! Ich habe Dir schon so Manches von dem äußren und innren Leben der Kinder Ismaëls erzählt, so will ich Dir auch noch den feierlichsten, bedeutungsvollsten Akt in dem Leben der Bekenner des Islams, den Hadschizug, beschreiben. Ismaëls Geschlecht kann es eben bis auf unsre Tage noch nicht vergeben und vergessen, daß der Sohn der Verheißung, welchen die eigentliche Herrin des Haußes gebar, der die Verheißung galt, der Erbe geworden ist, da ja der Magd Sohn der zuerst geborne, ältere war. Alles das, was die Bücher Mosis, welche sie auch kennen und sehr in Ehren halten, der Wahrheit gemäß von Isaak berichten, das erzählen die Mohamedaner von Ismaël; er war es den Abraham auf Gottes Geheiß opfern wollte, als der Engel des Herrn die That verhinderte und statt des Sohnes der Widder dem Schlachtmesser dargereicht wurde. Auf Ismaël und seinen Samen tragen sie alle jene Segnungen über, deren Kräfte und Früchte weit über die Zeit des sichtbaren Lebens hinausgehen in die Ewigkeit. Nun, die Ehrfurcht und Liebe zu ihrem Vater Abraham, so wie die hohe Beachtung und Werthschätzung des Segens der auf diesen gelegt war, ist ein ganz schöner Zug an den Kindern Ismaëls; er gehört mit zu jener treuen Erfüllung des vierten Gebotes, wegen der ich schon bei andrer Gelegenheit die hiesigen Mohamedaner gerühmt habe, aber dennoch hat jener rühmliche Zug zugleich einen Beigeschmack nach der Natur des Raben, zu dessen Verwandtschaft der Araber auf vielfache Weise sich bekennt. Wie der Rabe die Gold- und Silberstücke, die er auf dem Felde oder an dem offnen Fenster eines Haußes findet, weil der Glanz ihn anlockt, mit sich in sein Nest trägt, dem sie weder zum Bau noch den Jungen zur Nahrung dienen können, so hat auch der Islam die Kleinodien, welche die Offenbarung den Völkern gab, herüber geführt in seinen Aufbau, ohne sich die eigentlichen Kräfte derselben zu nutze zu machen; weil er's nicht versteht das Gold in Brod zu verwandeln. In der Geschichte und Verehrung ihres Propheten wiederholen sich die Bekenner des Islams Alles das, was in der Geschichte und dem Gottesdienste Dessen enthalten ist, welcher mehr und höher war als ein Prophet. Wenn ich irgendwo Gelegenheit gehabt habe, gegen die auffallenden Aeußerungen einer innern Entzückung mistrauisch zu werden, die sich in so manchen uns näher liegenden Fällen in ein frommes Lichtgewand kleidet, so war es hier unter den Moslemen. Welches Menschenauge, das nicht auf die Quelle und auf die Früchte merken lernte, könnte am Weihnachtsfest der Mohamedaner, am Geburtsfest des Propheten (Mulid en Nebi) das in dem Monat Rabia el Owwal gefeiert wird, die Entzückungen, in welche da viele verfallen die dem Gesange der Loblieder zuhören, von solchen Zuständen unterscheiden, die von höherer, beßrer Abkunft erscheinen. Die Scene der Festfeier ist dann hier in der Nähe unsrer Wohnung, auf dem Esbekiehplatze, und meine hiesigen Freunde, die sie oft sahen, haben sie mir beschrieben. Der ganze Platz ist zu dieser Zeit von Zelten bedeckt, bei Nacht von Tausenden der guirlandenartig zusammengehängten Lampen hell beleuchtet. Denn während die Tage mehr zu Volksbelustigungen bestimmt scheinen, beginnen in der stillen Nacht die Prozessionen der Derwische, und jene Chöre der Sänger lassen sich hören, welche Lieder singen deren Inhalt und Form es nicht verkennen lassen, daß sie den Tempelgesängen der Israëliten, namentlich aus der Davidischen und Salomonischen Zeit nachgebildet sind. Jene ekstatischen Entzückungen, von welchen bei solchen Gelegenheiten Mehrere der Anwesenden ergriffen werden, heißen Melbus; sie äußern sich durch begeisterte Ausrufungen und Erscheinungen, welche denen des magnetischen Hellsehens ähnlich sind; neben diesen meist unwillkürlichen Zufällen sieht man jedoch auch häufig Thaten und Werke der fanatischen Verrückung und willkürlichen Gaukelei, namentlich an den Derwischen, welche Glasstücke und glimmende Kohlen verschlingen, spitzige Körper sich ins Fleisch stoßen, die Glieder verdrehen und allerhand andre Kunststücke machen, zu denen namentlich das Hinüberreiten des Scheikhs der Sadiyeh-Derwische über ganze Reihen seiner auf ihrem Angesicht zu Boden gestreckt liegenden Jünger gehört. Wer jedoch alles Das, was eine fanatische Begeisterung des sinnlichen Menschen vermag, in rechter Masse beisammen finden will, der muß, so wie wir, den Auszug der Hadschis nach Mekka sehen. Eine Pilgerfahrt nach Mekka, durch den Weg der Wüsten oder auch des stürmischen, klippenreichen rothen Meeres, ist nichts Leichtes; vor Allem dann, wenn sie (wie dieß bei der Zeiteinteilung nach Mondenjahren öfters geschieht) in die heißesten Monate des Jahres trifft. Jeder Hadschi hat deshalb sein Sterbehemd bei sich, in welches er, wenn ihn auf den unerbittlich streng und fest abgemessenen Tagmärschen die Mattigkeit des Todes überfällt, sich einhüllt, dann, bis ans Haupt, das nach dem Tode der Wind bald mit Staub der Wüste bedecken wird, in Sand sich eingräbt und so, nach Mekka blickend, den letzten Augenblick erwartet. Alte oder schwächliche Hadschis finden auf solche Weise häufig schon ihr Grab auf dem Wege nach Mekka, vor allem jene ärmeren, die zu Fuße und nur selten zur Nothdurft gesättigt der großen Karawane sich anschließen; mehrere aber noch als die Reise rafft der, obgleich kurze, Aufenthalt in Mekka hin, wo sich bei den meist sehr schlechten Lebensmitteln, welche selbst die Reicheren empfangen, und dem bittern Mangel den die Aermeren erdulten, unter der eng zusammengedrängten Schaar so häufige Krankheiten und tödtliche Seuchen erzeugen, daß der Sand von Mekka und Medina alljährlich zehnfach und zwanzigfach so viele Menschen begräbt, als auf ihm als einheimische Bewohner leben. Man darf es deshalb den vermögenderen und dazu neu-, das heißt nichtgläubigen Bekennern des Islams nicht verdenken, wenn sie sich der Verpflichtung, die Jeder von ihnen hat, einmal in seinem Leben nach Mekka zu pilgern, dadurch entheben, daß sie einen Aermeren, der reiselustiger ist als sie, zur Pilgerfahrt ausstatten, was denn eben so viel gilt als wären sie selber mitgezogen. Bringt ihnen doch dann, wenn sie in Kairo wohnen, schon im Monat Sufar (dem zweiten des Mondenjahres) der zurückkehrende Stellvertreter, das, obgleich auf der Fahrt stinkend gewordene, dennoch heilige Wasser des Brunnen Zemzem und Kisweh: Stücklein von der Decke die auf dem Prophetengrabe lag, auch Weihrauch und Sebchahs (Rosenkränze) mit, die für sie, durch die in Medina empfangene Weihe, dieselbe Kraft haben, als wenn sie selber sie geholt hätten. So aus der Ferne läßt sich übrigens das bedeutungsvolle, zuversichtliche Ahnden der Menschenseele, von einem Morgenlichte der Ewigkeit, das noch in die Zeit des irdischen Lebens hereinleuchtet, nicht bei allen Gläubigen des Islams abspeisen. Tausende von ihnen achten der wahrscheinlichen Gefahr des Lebens nicht; es ist dennoch ein tiefer in ihrem Wesen liegender, wenn auch irre gehender Trieb, der sie zu ihrem Auslaufe begeistert, als jener, der die Zephyrathmer, von denen ich Dir früher[49] erzählte, hinausführt in die Wüste. Wenn sich die Tausende der Hadschis, die sich, von den vielen verschieden Richtungen des Ostens, Westens und Nordens her begegnen, noch bis auf etwa eine Tagereise der heiligen Stätte von Medina nähern, da erblicken sie, das bezeugen die, welche es gesehen haben wollen, bei Nacht nach dieser Richtung hin ein dämmerndes Licht; das Licht wird zur Feuersäule (der in einer nach oben offnen, wahrscheinlich von Tausenden der Lampen erhellten Moschee) wenn sie bei Medina anlangen; man sieht die »bis zum Paradies« aufflammende Leuchte nur dann, wenn man in einiger Entfernung steht, ganz in der Nähe entzieht sie sich dem Auge. Dieses, und ähnliche Wunder, die sich der dürstende Wandrer in der Wüste als Bilder einer geistigen Fata morgana erdichtet und erschaffet, erzählt der von der Wallfahrt zurückgekehrte Hadschi Allen, die »dem Ziele der Laufbahn der Gläubigen« noch entgegengehen. -- Ein Licht, das aus dem Dunkel der Nacht empordämmert und den Eingang zum ewigen Osten erhellet, ist allerdings zu finden, nicht aber auf dem leiblich weiten und mühevollen Wege der Sandwüste oder des Meeres, sondern tief in dem mit geistiger Kraft zu eröffnenden Erzgange des Sehnens nach oben, der jede Menschenseele, als Lebensader durchsetzt. Jene feierliche, anjetzt jedoch meist nur militärische Prozession, bei welcher die in der Citadelle gewebten Stücke der Kisweh oder heiligen Decke, die zur Kaaba gesendet werden soll, herabgeführt werden zur Hhosseynsmoschee, damit man sie hier weihe und zusammensticke, hatte ich nicht gesehen. Etliche Tage nachher aber (am 30sten Januar), als die eigentliche Prozession des Machmils und der Auszug der Pilgrime statt fand, hatten uns unsre Freunde, zunächst der liebe H. v. Champion einige Zimmer in dem Hauße eines Kaufmanns, dessen Fenster sich nach der Hauptstraße öffnen, bestellt, von wo aus wir alle Feierlichkeiten des Tages in Muße beschauen konnten. Das Machmil (Mahhmil) ein Zeltkasten, mit der kostbaren Decke belegt, die nach Mekka geht, und alljährlich mit einer andern vertauscht von dort, durch die lange Berührung des Heiligthumes geweiht, zurückgekehrt, ist ein stellvertretendes Zeichen der Andacht der Aegyptischen Herrscher, welches dem Zug der Pilgrime sich anschließt, ohne daß der Pascha oder Vizekönig in Person mitzugehen braucht. Diese Erfindung des Mitgehens und doch zu Hausebleibens kommt von einer schönen Favoritsultanin der beiden letzten Fürsten aus der Dynastie der Ejubiten her, und ist seitdem, da sie die Imams von Mekka als vollgültig erkannten, beibehalten worden. Die schöne Fürstin zwar, unter dem prachtvollen Hodag oder Zelte sitzend, war zuerst selber mitgegangen, schon im nächsten Jahre kam aber das Zelt ohne sie am Ziele der Wallfahrt an, brachte jedoch, als Zeichen ihrer Gunst, königliche Geschenke unter seiner Decke, welche anjetzt, unter andern, aus zwei schönen Abschriften des Korans bestehen, die der Machmil enthält. Schon auf dem Wege nach unsrem Standorte fanden wir alle Straßen gedrängt voll Zuschauer. Die Läden waren geschlossen; die Gitterfenster der oberen Stockwerke nach oben geöffnet und dicht von verschleierten Köpfen der Frauen besetzt. Den Zug eröffnete auf alberne Weise eine Kanone, die statt der Glocke zu den Feldsignalen bestimmt ist, hinter ihr einige Compagnieen des schlechteren, gesindelhaften Aegyptischen Militärs, welches viel eher Banditen als Soldaten glich. Jetzt dauerte es fast 20 Minuten, da kamen geputzte und ungeputzte Männer auf Kamelen; Heerpauken und Pfeifen dabei, womit die Reuter großen Lärmen machten, in welchen hin und wieder einzelne Zugharits (Jubeltriller) der hinter den Fenstern stehenden Frauen einstimmten. Gleich darauf folgte ein Zug von leeren, zum Theil roth und gelb (mit Hhenna) angestrichenen Kamelen, mit prächtigem Zeug und Sätteln, deren abwesende Reuter wenigstenst vor der Hand im Geiste den Zug durch die Stadt mitmachen wollten. Mehrere der Kamele sind mit Palmenzweigen geputzt, tragen Glöcklein und Fahnen an sich, andre müssen Wasserschläuche führen und einigen der stärksten hat man die Kisten mit dem Königlichen Schatze aufgeladen, aus welchem die Kosten bestritten werden, die der Regierung bei dem Geleite der Hadschis durch die Wüste, zur Last fallen. Jetzt kommt auch, ebenfalls auf schönen Kamelen, die Bagage des Emirs, der die Leitung und Besorgung der Thiere und Menschen der Karawane auf sich genommen hat: des Emir el Hadsch, hinter ihr unter schwarzsammtener Hülle die neue Kaabadecke oder der Kisweh. Darauf eine neue Pause, während welcher sich das Volk der Gassen mit Kamelwürsten und Scherbet zu laben vermag. Jetzt aber zieht die Schaar der fanatisch entrückten Derwische vorbei, reitend auf schlechten Kamelen und gehend, mit wilden Verdrehungen der Glieder; einige haben sich Eisenstücke und Messer durch die Arme oder Wangen gestochen, andre sind von Schlangen umwunden. Unter den fanatisch taumelnden und gauklenden Menschen zeichneten sich einige Knaben aus, die auf dem Kamele stehend den Kopf wie im Kreise herumwirbelten; dem Trosse schloß sich eine Schaar der Kameltreiber, Wasserträger, Gassenkehrer und andres armes Volk an, man höret Einen und den Andern die Worte Allah und Arafaat[50] brüllen und dem dumpfen Gebrüll antworten die hohen Jubeltriller der Frauen. -- Hierauf folgen abermals geputzte Kamele, unter ihnen jene beiden, ganz vorzüglich geschmückten, welche die Sänfte des Emirs der Hadschis mit roth seidenem Baldachin tragen, dann mehrere Araber auf Rossen, bei ihnen der Wegweiser der Karawane, hinter ihnen noch Kamele und Derwische, zuletzt ein Zug von Hofdienern, Officieren und Leibgardisten des Vizekönigs. Das Gedränge des Volkes besonders der ärmeren Frauen auf den Gassen wird jetzt immer größer, die Spannung des Erwartens, welche man an Allen bemerkt, gilt nicht den halbnackten Klopffechtern, den Derwischen und Hadschis die hinter den Schaaren der Gardisten drein ziehen, sondern jenem Hauptakte der Prozession, der nun folgen soll. Und schon hört man, nach einer kurzen Pause einen Lärmen der Trommeln und Pfeifen und ein Jubeljauchzen der Frauen, das noch oben in den Wolken hörbar seyn müßte; einige Regimenter der Nizam oder regulären Truppen, zu Fuß und zu Pferde ziehen auf mit klingendem Spiele, dann der Polizeidirector und die Diener des Hadschi-Emirs und endlich einmal, nachdem er sich so oft durch Kamele, Baldachin, Bagage und Diener angekündigt, er selber, der Emir auf kostbar geschmücktem, edlem arabischen Rosse, begleitet von 3 hohen Geistlichen, hinter ihm stattliche Mughrebi's zu Pferde, dann 3 Männer in weißem, wollenen, goldgestickten Gewande, welchen es obliegt auf dem Arafaatberge gewisse Formeln des Gebetes zu sprechen; abermals dann ein Troß der Kamele und Kameltreiber, in ihrer Mitte vier Imams, als Repräsentanten der vier orthodoxen Sekten; Derwische mit großen Fahnen und wunderlich lautende Musik, die Zünfte der verschiednen Handwerker und Künstler mit ihren Abzeichen. Und jetzt erklingen die Zugharits oder Jubeltriller der Frauen und das Zujauchzen der Männer aus solcher Nähe und so laut, daß man sein eignes Wort nicht mehr hört, denn der Hauptgegenstand der ungestümen und unbändigen Verehrung, das Machmil mit den Abschriften des Korans unter dem prunkenden Königszelte naht sich. Kaum läßt sich dieses sehen, da drängt sich Jedes, besonders die Frauen, herzu, um den heiligen Zeltkasten, wo nicht mit der Hand doch mit einem Ende des Schleiers oder eines Tuches zu berühren; die Zuschauerinnen, welche verschleiert hinter den jetzt weiter geöffneten Fenstern stehen, lassen aus den oberen Etagen zusammengebundene Schawls herunter, damit der unterste Zipfel des Gebindes am Kasten streife und die Stelle, die so glücklich schien zur Berührung zu gelangen, wird geküßt. Auch hinter dem Machmil giebts noch sonderbare Sachen zu sehen; es ist als sey jetzt der Hahn, durch welchen bisher der Wein lief, aus dem Fasse herausgezogen und als ob dem nun offenen Spundloche unaufhaltsam die letzte Hefe des fanatischen Tollrausches entströmte. Denn obgleich der Rotte der Derwische, die hinter dem »Heiligthum« drein zieht, das Fressen der lebendigen, giftigen Schlangen und mancher andre Exceß, den sie sonst begiengen, untersagt ist, geberden sie sich doch noch wild genug, und obgleich die alte Um el Chutat oder Mutter der Katzen, welche sonst mit einer ganzen Familie von Kätzlein, Kiezen und Katern auf ihrem Kamele hinter dem Machmil ritt, gestorben ist, so lebt doch der alte Scheikh el Gemel noch, der den Zug nach Mekka, ich weiß nicht zum wie vielesten Mal mit macht; halbnackt auf einem alten, magern Kamel reitend und dabei ohne Aufhören den Kopf im Kreise wirbelnd, eine Bewegung die er auf dem ganzen Zuge, hin und zurück beibehalten soll. Lassen wir nun die Hadschi's unter ihrem Heerpaukenklange und Arafaat-Brüllen dahin ziehen, wir wissen doch, daß sie heute nicht weiter kommen als auf die etwa eine Stunde abgelegne Ebene von Hhasweh, dann an den Birket el Hadsch, wo sie mehrere Tage warten, bis Alle sich versammlet haben, und wer Lust dazu hätte, der könnte sie auch weiterhin noch einholen, denn sie brauchen zu ihrer ganzen Reise bis Mekka volle 37 Tage, weil das ärmere Volk zu Fuße zieht und die Tagreisen deshalb (von 2 Stunden vor Tagesanbruch bis 1 oder 1½ Stunden nach Sonnenaufgang) sehr klein sind. Mögen sie glücklich reisen; unsren Augen und Ohren und allen Sinnen ist es so zu Muthe, als wenn wir bei dem Getöse der Hämmer und Blasebälge lange in das glühend rothe Feuer eines Eisenhammers gesehen hätten und nun mit geblendeten Augen und betäubten Ohren wieder hinausträten ins Freie. Dennoch blieb neben dem Gefühl der Betäubung auch ein andres zurück; jenes der tiefesten Wehmuth. Diese regte nicht zunächst der Anblick mehrerer jener jüngeren Büßenden auf, in deren Mienen ein Ausdruck der tiefesten Trauer lag, sondern der Gedanke, daß dieses arme Volk in der geistigen Wüste, in welcher ihre Seele herumschwärmt, vor Durst und Hunger verschmachtet, während der Quell des lebenskräftigen Wassers und die Bäume, deren Blätter schon zur Gesundheit der Heiden dienen, so nahe an ihrem Wege stehen. Doch Gedult; der innre Weg des Glaubens gieng bei diesem Volke bisher zwischen hohen Mauern hin, welche die Aussicht nach den fruchtbaren Gärten mit ihren Quellen verdeckten; die Mauern aber sind morsch geworden; ein Stein nach dem andren stürzt von ihnen herunter, noch wenig Menschenalter vielleicht und Jeder der Wandrer wird ungehemmt einzugehen vermögen, zu der Fülle die den Hunger sättiget und den unabweisbaren Durst stillet. Denn wie tief das Verlangen nach einer freien Aussicht über das Gebiet des Wirklichen und Wahren, weiter und erhabener als die von der Höhe des Arafaat in den Menschenseelen liege, das beweist uns auch dieses vergebliche Abmühen und Ringen, welches hier, im Zuge der Hadschi's, sich kund giebt. Wie der Pfeil den ein Jäger der Wüste von der Sehne hinausschnellt in den Sand, eilen diese Schaaren, allen Gefahren trotzend, hinaus nach ihrem wunderbaren Medinalichte; auch in unsrer Brust ist der Bogen schon längst gespannt, nur noch ein leiser Druck und der Pfeil wird fliegen, gerichtet freilich nach einem festeren Ziele als der leichte Sand, nach dem Morgenrothe eines andren Glanzes als der ist, der über Medina schwebt. Aber es ist Zeit, daß ich meinen Brief beende, wir haben noch so Manches mit der Versendung unsrer Sachen über Alexandria zur Heimath, wie mit den letzten Anstalten zur Weiterreise zu thun und dabei Abschiedsbesuche zu machen. -- Wie gerne möchte ich Dich zu manchem dieser Abschiedsbesuche mit mir nehmen. Vor allem hinaus zu meinem theuren Gevatter Gobat und seiner lieben Frau, die eine Tochter meines geliebten Zeller in Beuggen ist. Dieses auserwählte Paar, das vor einigen Jahren unsre (auch Deine) Segenswünsche nach Abyssinien begleiteten, hat sich dort treu erwiesen bis zum Tode, denn er, mein lieber Gobat lag da fast ohne Unterbrechung als ein Sterbender und doch Lebender, auf einem unbeschreiblich schmerzlichen Krankenlager und nächst Gott war seine zarte junge Gehülfin und Lebensgefährtin, mitten im fremden Lande, seine einzige Hülfe und Pflegerin. Und da nun keine Aussicht zur Wiedergenesung für den theuren Mann übrig war, wenn er länger in dem seiner Natur unverträglichen Klima bliebe; da die dortigen wie die europäischen Freunde auf eine Weise, welcher er nicht länger widerstehen durfte, in ihn drangen ins Vaterland, dessen Luft und Boden ihm schon einmal die Gesundheit wiedergegeben hatten, zurückzukehren, machte er sich endlich zur Heimreise auf. Betrachte einmal die Landcharte und siehe wie weit der Weg war, den der kranke Mann zu machen hatte; Du wirst finden, daß ich hier, oder wenigstens in Alexandria erst halb so weit von der Heimath entfernt war als er in seinem Abyssinien; er hatte durch das zum Theil wüste, heiße Land eben so weit hieher zu reisen als ich von München. Unterwegens wurde das einzige Kind, das ihnen Gott in der Fremde, als ein Kind der Sorgen und der Schmerzen geschenkt hatte, todtkrank; ein liebes Knäblein. Der Kleine konnte die schaukelnde Bewegung des Kamelreitens nicht vertragen; die Mutter so schwer ihr das in ihren Umständen wurde, gieng zu Fuße neben dem Kamele, durch die brennend heiße Wüste, trug das kranke, dann das sterbende Kind auf ihren Armen, bis es da zur Leiche wurde. So kamen sie hier an, wo ihnen, etliche Tage vor unsrer Hieherkunft Gott ihr zweites Kind schenkte, bei welchem ich die Freude hatte Taufpathe zu seyn. Du wirst Dich eines solchen Heldenmuthes in so zartem Gefäß wie diese Frau ist wundern. Doch solltest Du auch ihn, Gobat kennen. Ich habe wenig Menschen auf meinem Lebensweg gefunden, mit denen es einem so leicht werden könnte durch die ganze Welt, in Freud und Leid zu gehen. Es ist nicht seine hohe, kräftige, männlich schöne Gestalt, die einem so guten Muth zu mitpilgern giebt, sondern sein ganzes Wesen, welches das Siegel der Treue und des Glaubens trägt, und dessen Wahlspruch ist: sey getrost und unverzagt. Wenn irgend einer gemacht ist dem Morgenländer, dessen Sprachen er geläufig spricht, Achtung, Liebe und Vertrauen einzuflößen, so ist es Gobat. Doch die Liebe, sehe ich, macht beredter als mir es für heute meine Zeit erlaubt, nur das Eine erwähne ich noch, daß jene Lügen, die man zuweilen sogar öffentlich über das Wohlleben solcher Männer in fremden Ländern ausstreut, rechte Erfindungen der Bosheit sind; ich weiß es genau wie viel Gobats während ihres ganzen Aufenthaltes in Abyssinien und auf der Hin- und Herreise an Besoldung erhalten und verbraucht haben, und kann Dir in Wahrheit sagen, daß in derselben Zeit jeder deutsche Schullehrer in Deiner Stadt eben so viel und noch mehr zu verwenden hätte. Denn das Leben in Abyssinien ist sehr wohlfeil; die Reisen, wie ein armer Mann sie macht, sind es auch, und Gobat nahm nie mehr als er brauchte. Von meinem theuren Freunde Champion, dem K. K. Oesterreichischen Consul habe ich Dir schon öfter in meinen Briefen erzählt. Hat er sich doch hier selbst unter den Mohamedanern, von dem Vicekönige an bis herunter zu den Geringsten, durch seine Redlichkeit und Geschäftsklugheit allgemeine Liebe und Achtung erworben; wie könnte ihm mein, ja gern zur Dankbarkeit geneigtes Herz die Liebe und Verehrung versagen, die er an mir auf tausendfältige Weise verdient hat. Der liebe Mann hat viel Hauskreuz; seine treue, gute Gemahlin liegt krank und mein Freund +Dr.+ ~Pruner~ giebt die Hoffnung zu ihrer Wiedergenesung auf[51]. Und da habe ich eben den Mann genannt mit welchem Du so wie ich, gleich von der ersten Stunde an bekannt seyn würdest wie mit einem alten Hausfreund, meinen lieben ~Doctor Pruner~. Er ist von Geburt ein Bayer; hat in München studirt; ist tüchtig als vielseitig gebildeter Gelehrter, als vorsichtiger, glücklicher Arzt, und als trefflicher Mensch. Ich glaube nicht daß in Europa jetzt ein Mann lebt, der mit solcher Sprachkenntniß und so tief in die Literatur der Arabischen Arzneikunde eingedrungen wäre; in seine Geschicklichkeit als Arzt, die er hier an Mohamedanern und Christen erwiesen, hätte ich (wie mir es die eigne Erfahrung einprägte) ein unbedingtes Zutrauen; an Bescheidenheit, Milde und theilnehmender Herzensgüte gleicht er Deinem Hausfreunde und Arzte dem guten +Dr.+ Caspari; sein Wesen erinnert mich an das unsres theuren Julius Werner, unsres nahen Bluts- und Geistesverwandten. Dieser treue Freund in der Fremde hat mich mit brüderlicher Liebe hier in Kairo geleitet und belehrt; Lieder und ihm verdanke ich am meisten die Bekanntschaft mit dem hiesigen Volksleben, aus welcher die Mittheilungen meiner Briefe an Dich hervorgiengen, denn so reich mich auch in dieser Hinsicht des Engländer Lane treffliches, neu erschienenes Werk begabte, wäre mir dieses doch nur, mehr oder minder ein todter Buchstabe geblieben, wenn mich nicht jene beiden Freunde mit sich hineingeführt hätten in die eigne, lebendige Anschauung[52]. Gleich in den ersten Tagen unsers Hierseins machten wir auch noch eine andre Bekanntschaft, die mir fürs ganze Leben ein Gewinn seyn und bleiben wird, die der Mrs. ~Holyday~ und ihrer älteren Verwandtin. Beide wohnten damals mit uns in demselben Hauße und das Gefühl von Frieden und innrem, heimatlichem Wohlbehagen, das uns hier so bald anwandelte, war uns, so schien mirs, auch durch die Nähe jener stillen, innigen Seele mitgetheilt oder vermehrt worden. Diese geistvolle Engländerin scheint in ungewöhnlichem Maaße mit jenen Lehrergaben ausgerüstet zu seyn, die sie hier in Kairo zu Nutz und Dienst des Nächsten anwenden will[53]. Und was könnte ich Dir noch Alles von unserem brüderlich treuen, liebevollen Hauswirth: von meinem theuren ~Lieder~ erzählen. Er war uns hier vor allen andren Menschen ein Anhaltspunkt der Liebe, welche in seinem guten, fruchtbaren Boden so tiefe, feste Wurzel geschlagen hat, daß sie kein Sturm entwurzeln, keine Dürre entblättern kann. Er ist ein Gefäß des Segens für viele Bewohner dieser Stadt, wie ers für uns war. Auch der edle ~Clot-Bey~, der Begründer so manches großen, guten Werkes in Aegypten hat sich in meinem Herzen ein Denkmal unvergänglicher Dankbarkeit begründet. Außer den eben genannten Freunden lernte ich hier in Kairo noch einige höchst interessante, auch für die Bewegungen unsrer Zeit höchst bedeutungsvolle Landsleute kennen, denen ich die zuvorkommende Güte nie vergessen werde, mit der sie mich behandelten. Aber mein Brief hat sich schon bis zum andern Tage verzogen; morgen wollen wir schon reisen; eben erwartet mich +Dr.+ Pruner, der mich noch mit dem Zustand der hiesigen, sogenannten Apotheken (Droguisten oder Attarsläden) bekannt machen will, und heute Mittag bin ich zu dem liebenswürdigen und geistvollen Obersten ~Duhamel~, dem K. Russischen General-Consul eingeladen, wo ich noch einmal den K. K. Generalconsul ~Laurin~ finden werde, dessen große Güte gegen mich, und vielseitige Kenntnisse ich Dir schon früher gerühmt habe[54]. -- Du gutes Kairo, wenn schon der Araber Jeden mit welchem er Brod und Salz aß, als einen Freund betrachtet, dem Speer und Schwert nicht nur Schonung, sondern Schutz und Gesellung schuldig sind; wie sollte ich dich ehren und betrachten, da du mir nicht blos Brod und Salz, sondern von allen Seiten ein Uebermaß von Liebe und Freundlichkeit gewährtest. Meine theure Schwester, Du einzige noch lebende Genossin der Treue unsrer Eltern, die uns beide gemeinsam ernährte und erzog; dein Hadschi nimmt jetzt Abschied zur Reise in die Wüste. Er hat sich mit keinem Sterbehemde versehen wie die türkischen Hadschis wenn sie nach Mekka gehen, sondern mit einem Gewande das heißt Glaube, umgürtet von freudigem Vertrauen. Sey unbesorgt um mich, ich weiß es gewiß Du wirst mich noch in diesem Leben, mit Deinen Augen wiedersehen und mit mir Dem danken der mein Schild und Schirm, wie meines Sehnens Ziel auf meiner Reise war. II. Die Reise durch die Wüste. Reise über Bessatin, Suez und Tor nach dem Sinai. Schon im Vaterlande, noch vor Antritt der Reise hatten mich meines Freundes ~Karl von Raumer~ Untersuchungen über den wahrscheinlichen, in der heiligen Schrift angedeuteten Weg der Heere Israels durch die Wüste, deren Inhalt mir der Verfasser noch vor dem Druck seiner Abhandlung[55] mittheilte, zu dem Entschluß geführt, von Kairo aus nach Suez nicht die gewöhnliche etwas nördlichere Karawanenstraße einzuschlagen, sondern über Bessatin zu gehen. Ich wollte gern, so weit dies nur möglich, die Reise von Kairo an mit den größesten, erhabensten Erinnerungen, welche die Geschichte darbeut, Hand in Hand machen und überdieß hat auch der Weg, am südlichen Abhange des Mokkatam hin ein höheres, naturhistorisches Interesse, als der andre gewöhnlichere. Der letzte Tag in Kairo war gekommen; meine treuen, jungen Freunde hatten jene kostbaren Kisten, welche alle Früchte eines sechswöchentlichen Fleißes, alle unsre in Aegypten gesammelten Naturalien in sich faßten, zur Absendung nach Europa bereit gemacht; der gute Doctor Roth war die ganze letzte Nacht thätig gewesen; noch einmal hatten wir uns am gastfreundlichen Tische des theuren Lieder geistig wie leiblich erquickt; jetzt um zwei Uhr des Nachmittags waren auch die Kamele beladen und unser Tagwerk in Kairo geendet. Freund Lieder und Gobat wollten uns bis Bessatin begleiten; auch ich und die beiden Reisegefährtinnen hatten es vorgezogen, heute, wo man es haben konnte, noch auf Eseln zu reiten und erst morgen den hohen, unbequemen Sitz der Kamelrücken zu besteigen, unsre jungen Freunde versuchten aber diese »Schiffe der Wüste« schon heute. Mit dankbarer Rührung nahm ich Abschied von dem Hause in dem es uns so wohl ergangen war; von unserem Zimmer das nun die theuren, seitdem aus Malta zurückgekehrten Kruses wieder bewohnen, und begrüßte jedes uns lieb gewordne Plätzlein mit dem Gruße des Friedens. Wir ritten schweigend, im Geleite der Freunde noch einmal durch die große Stadt, neben der Citadelle über den Romele und Ckara Meydanplatz zum Thore des Südens hinaus. Außerhalb der Stadt führt der Weg an mehreren Grabmählern und Moscheen der Moslimitischen Heiligen vorüber; zur Linken hat man die nahe Aussicht nach dem Mokkatam zur Rechten die nach dem Nilthale und den Pyramiden, gerade vor sich im Süden das majestätische Torrah. In fast drei Stunden erreichten wir das ärmliche Dörflein Bessatin, über dessen niedre Lehmhütten ein Palmenwald sich erhebt; zur Lagerstätte für die bevorstehende Nacht wählten wir einen Platz welcher südwärts, in einiger Entfernung vom Dorfe bei den Getraidefeldern lag, zwischen denen reihenweise vereinzelte Dattelpalmen stunden. Nach einiger Zeit sahe man die Kamele kommen, welche unsre jungen Leute sammt dem Reisegepäck und dem Zelte trugen. Die Freunde, die uns aus der Stadt begleitet hatten, verabschiedeten sich jetzt, wir blieben mit unsren Erinnerungen und Hoffnungen allein. Die Kamele waren nun abgeladen, unser so wie Herrn v. Krohns Zelt aufgeschlagen, wir nahmen von der Nachtherberge Besitz. In unsrer Nähe stunden einige elende, schmutzige Hütten, von leichtem Zaunwerk umschlossen und von armen Landleuten bewohnt, deren halbnackte Kinder bald zu unsren Zelten kamen, um sich da einige kleine Gaben zu erbetteln. Sie erinnerten in ihrem ganzen Aussehen und Benehmen sehr an die Zigeuner und einige unsrer Reisegefährten, welche schon länger mit dem hiesigen Volke bekannt waren, sagten uns, daß solche Kinder eine ganz besondre Anziehungskraft gegen alle, einigermaßen werthvolle Gegenstände hätten, die nicht niet- und nagelfest sind; deshalb wurde den Arabischen Knechten gute Aufsicht über die Sachen empfohlen, zugleich aber ein friedliches Benehmen gegen die menschliche Nachbarschaft, deren wir nun bei der Reise durch die Wüste oft und lange entbehren sollten. Einige von uns, die den Anfang der Wüstenreise kaum erwarten konnten, ergiengen sich noch nach Osten hin auf der öden, grobsandigen und kiesigen Ebene, auf welcher wir schon einzelne Stücke versteinerten Holzes aus jenen Ablagerungen der Holzsteine fanden, zu denen der Weg des morgenden Tages uns führen sollte. Auch nach der Rückkehr zu den Zelten genossen wir noch lange außen im Freien die Frische der Luft und den Anblick der vom Monde beleuchteten Wüste, und vielleicht wären wir gern noch länger geblieben, wenn wir gewußt hätten, daß uns drinnen im Zelte, auf dem gerade nicht sonderlich bequemen Lager eine Plage der kleinen, feinen, aber vor Begierde nach Menschenblut brennenden Aegyptischen Flöhe erwarte, welche in der Nähe der Hütten des Landvolkes und auf Lagerungsplätzen der Karawanen im sandigen Boden sich verbergen, und, sobald sie warmblütige Wesen wittern, zu diesen sich gesellen. Diese Thierlein sind gerade in der kühleren Jahreszeit, namentlich jetzt im Februar am häufigsten und zudringlichsten, während sie in den heißen Sommermonaten verschwinden; uns ließen sie diese ganze Nacht nur wenig schlafen. Dafür waren wir auch am andern Morgen, Dienstags den 14ten Februar desto früher wach und zur Weiterreise bereit, nur daß uns dieses Bereitsein nicht viel half. Wir hatten gehofft daß, da wir gestern erst des Nachmitttags aus der Stadt fortgekommen und nur etliche Stunden weit gereist waren, unsre Beduinen Alles so würden in Bereitschaft gesetzt haben, daß wir heute mit Aufgang der Sonne aufbrechen könnten, aber wir hatten uns sehr geirrt. Diese guten Leute hatten die Nacht im Dorfe zugebracht, einige von ihnen sogar noch in der Stadt, nur Hassan der Scheikh und einer seiner Knechte waren in der Nähe der Zelte geblieben. Als sich dann endlich einzelne Kamele mit ihren Führern zeigten, da mußten die Thiere noch einmal an den Nil gebracht und getränkt, vor allem aber die Schläuche mit Wasser gefüllt werden, die, wie man uns dies erst heute sagte, gestern noch großenteils leer geblieben waren; endlich mußte man auch noch den Nachtrab aus der Stadt: einen alten Araber mit seinem Knechte und zwei sehr abgemagerten Kamelen erwarten, der zu Hassans Stamm und Freundschaft gehörte. Wir hatten Zeit genug um noch einmal die nahe Reihe der Pyramiden und die verschiednen Arten des Getraides und der Hülsenfrüchte zu betrachten, welche die Landleute um Bessatin anbauen, auch zertrümmerte Gemäuer, vielleicht von zerstörten Koptischen Kirchlein oder Kapellen in der Umgegend des Dorfes konnten wir mit Muße beschauen, denn es war neun Uhr, als man endlich anfieng die Kamele zu beladen und die Sitze auf ihnen für uns einzurichten. Bequem sind diese Sitze gerade nicht. Denn wer, wie wir, die Reise so einrichten muß, daß ein und dasselbe Kamel ihn und wenigstens einen Theil seiner Geräthschaften trägt, der kann nicht ein Reitkamel oder Dromedar mit bequemen Sattel haben, sondern nur ein gemeines Lastkamel[56], dessen Fleischhöcker, damit die Last ihn nicht drücke, von einem Gestell von Längs- und Querhölzern umzäunt ist, auf welchem es sich schlecht und hart genug sitzen würde, wenn man nicht etwa einen Theil des Bettgeräthes: die Matratze oder Decke darüber legte. Und nun mag es einmal einer, der nicht zum Geschlechte des Ibn Gan des letzten Riesenköniges der Präadamiten gehört, versuchen seine Füße in reitender Stellung über die künstlich vervielfachte Fläche eines solchen Kamelrückens auszuspannen und dann fühlen, wie es einem schon nach einer halben Stunde zu Muthe wird. Damit man aber dies fühlen könne muß man erst, ohne vor- oder rückwärts heruntergefallen zu seyn, oben, auf dem stehenden Kamele fest sitzen, denn dieses langbeinige Thier, auf dessen Rücken man sich nur bequem erheben kann so lange es liegt, pflegt in so stoßweisen Exaltationen sich vom Boden zu erheben, daß der Reuter jetzt fast steilrecht nach hinten, dann, wenn er sich in dieser Stellung festgesetzt hat, eben so nach vornen geneigt wird. Und nun beginnt, beim harten Auftreten des guten, lastbaren Thieres, die vor- und hinterwärts schauklende Bewegung, bei welcher es, so lange man ihrer nicht gewohnt ist, gut seyn mag, wenn man, so wie wir, mit fast nüchternem, wenig gefüllten Magen reist. Bei so bewandten Umständen läßt es sich wohl begreifen, daß der erste Tag einer solchen Wüstenreise nur ein Tag der Einübung und leiblichen Studien der neuen Reitart seyn kann; mir, der ich auf einem kräftigen, jungen Kamelhengst den Zug anführte, wurde der Anfang so schwer, daß ich mehrmalen, so ungern ich auch zur Verzögerung der Reise Veranlassung gab, absteigen und entweder zu Fuße gehen oder ein und das andre Mal von dem gütigen Anerbieten des Herrn Baumgärtner, auf seinem Esel zu reiten, Gebrauch machen mußte. Daher lernte ich bei dem Auslaufe der ersten Stunden mehr nur die Leiden als die Freuden einer Wüstenreise kennen, und damit ich gegen die letzteren, welche nach wenig Tagen das Ueberwiegende wurden, nicht undankbar erscheinen möge, enthalte ich mich hier noch der Beschreibung jener vorherrschenden Stimmung in welche mich meine unvergeßliche Wanderung durch die Wüste fast beständig versetzte. Bei allen, etwa unterlaufenden Beschwerden, war indeß auch schon der erste Tag dieser Reise nicht ohne großen Genuß. Der Weg von Bessatin aus verläßt gleich bei seinem Beginn das bewohnte Land und ziehet sich in dem weiten Thale, welches zur Linken von dem Höhenzuge des Mokkatam, zur Rechten von dem des Torrah begrenzt wird, allmählig bergansteigend, ostwärts hinauf in die Wüste. Nach etwa drei Viertelstunden, wie ein guter Fußgänger sie zu solchem Wege brauchen würde, kamen wir an das erste große Lager von verkiesten Baumstämmen[57] das wie im Bette eines vertrockneten Rinnsales der Gewässer hingestreckt liegt; zugleich erscheint auch der Boden reich an dem schönsten Aegytischen Jaspis. Um eilf Uhr trat der Höhenzug zur Rechten dem Wege ganz nahe; er bestehet aus den Gebilden des tertiären Kalk- und Sandsteines mit häufigen Lagern von blättrigem und dickfasrigem Gyps; im Thale lag gemeiner, rother Jaspis und Holzstein umhergestreut. Um ein Uhr kamen wir in einen ziemlich engen Paß, zu dessen Bildung der nun auch nahe herangerückte nördliche Bergzug, zu unsrer Linken, mit dem südlichen sich zusammengesellt. Hier zeigte sich uns schon, zum ersten Male, die Wüste in jener freundlichen Gestalt, die ihr die ersten Frühlingsmonate des Jahres verleihen. Denn an den malerisch schönen Bergwänden und in ihren Schluchten blüheten manche Arten des stachlichen Tragants (namentlich +Astragalus Sieberi+ und +tumidus+); neben ihnen Gesträuche der gelbblumigen Iberis, Fagonien[58] und das platt am Boden sich hinbreitende Bilsenkraut der Aegyptischen Sandfelder (+Hyoscyamus pusillus+ und +aureus+). Um zwei Uhr hatten wir eine Anhöhe erreicht, von der sich in großer Deutlichkeit das tief im Westen gelegene Nilthal mit der Reihe der Pyramiden zeigte. Noch einmal -- wohl zum letzten Male im Leben, genoß ich des Anblickes dieser hehren Fernaussicht der Zeiten und des Raumes, bis ein nicht minder bedeutungsvolles Erinnerungszeichen an Thaten der Natur, welche einst an dieser Stätte geschahen, meine Aufmerksamkeit an sich zog. Nicht ferne von jenem Höhenpunkte, der die Aussicht nach dem Nilthale und den Pyramiden darbeut, zeigen sich nämlich von neuem mächtige Massen von versteinerten Bäumen; unter ihnen Stämme von acht bis zehn Fuß Länge der einzelnen Trümmerstücke, großenteils in der Richtung von Nordost gegen Südwest gelagert, dazwischen die rundlichen Gebilde des Feuersteines und des Aegyptischen Jaspis. Von da senkt sich der Weg wieder in ein Kesselthal hinab dessen Sandsteinhöhen von so grotesken, pfeilerartigen Zinnen bekränzt sind, daß wir aus der Ferne alte Denkmäler und Mauerwerke zu erblicken glaubten; nur noch auf den Höhen gegen Nord und Nordost erschienen versteinerte Bäume. Aus diesem Thale steigt der Karawanenweg wieder bergan und von der Höhe hatten wir noch einmal die Aussicht nach dem Nilthale, doch waren uns die Pyramiden durch die hinter uns gelegnen (westlichen) Anhöhen bedeckt und das herrliche Thal schon so in die Ferne gerückt, daß uns der Strom nur noch wie ein silberner Faden erschien, der sich durch ein grünes, die Wüste umsäumendes Band hindurchzieht. Jenseits der Höhe lenkten wir in ein weites wellenförmig hügliches Thal hinab, in welchem unsre Kameltreiber schon ein Viertel vor vier Uhr Halt machten, weil da manche Gesträuche und Kräuter der Wüste den hungernden Kamelen ein Abendfutter darboten. Wir hatten heute freilich (vorherrschend in der Richtung von West nach Ost) nur einen Weg von nicht viel mehr als sechs Stunden gemacht und einem der Reisegefährten, der mit uns nach Suez gieng und an diese Art zu reisen schon gewohnt war, kam der Tagemarsch gar zu kurz vor; uns Neulingen aber im Kamelreiten war es ganz recht und angenehm, daß das schwere Exercitium ein Ende nahm. * * * * * Heute, wo das ganze umliegende Land, so weit das Auge reichte uns zum Schlafkämmerlein angewiesen war, hatten wir auch Gelegenheit unser Lager recht bequem zu ordnen, wie es von nun an während der ganzen Wüstenreise dies blieb. Links vom Eingang wurde der Kafaß oder die Palmenstabkiste mit den Vorräthen hingestellt und daneben schlief unser Arabischer Knecht; wer unter dem Obdach des Zeltes wohnen wollte, der ordnete sich da sein Lager; die Meisten aber zogen es vor an der Außenwand des Zeltes unter dem Obdach des klaren, gestirnten Himmels zu schlafen; unsre Reisegefährtin hatte sich einen eigenthümlichen kleinen Anbau an das Zelt erfunden unter welchem sie ruhte. Nicht weit vom Eingang des Zeltes ward von Steinen oder aufgehäuftem Sande ein Feuerheerd errichtet, auf welchem unser Knecht, nach seiner großen Geschicklichkeit das Wasser zum Kochen brachte. * * * * * Die kurzen Notizen ins Tagebuch waren niedergeschrieben, die Sonne stund noch ziemlich hoch am Himmel, man hatte Zeit sich in der Nachbarschaft der Wüste zu ergehen. Blüheten doch da auch einzelne Sträucher und Blumen[59], freilich nicht so eng zusammengedrängt und gesellschaftlich wie in unsern glücklichen Landen, sondern vereinsamt und öfters weit von einander entfernt, wie die Einsiedler der Thebaischen Wüste, und wenn auch kein Singvogel in diesem niedern Gebüsch wohnte, so fand doch die kleinere Welt des Geflügels, Käfer und Bienenarten da ihre Nahrung und Obdach. Dazu war der Boden hin und wieder mit jaspisartigem Feuerstein getäfelt und am Abendhimmel flammte, freilich nur auf wenig Augenblicke, eine Abendröthe auf, so leicht und zart carminfarbig, wie man sie kaum im wasserreichen Gebiet der Felder und Wälder erblickt. * * * * * Der Mond leuchtete hell; die Kamele kamen von ihrer dürftigen Weide zurück um das gewohnte Futter der Bohnen und Lupinen, das man ihnen in einem Sack vor den Mund bindet zu empfangen, und mit gefesseltem Fuße rings um die beiden Zelte sich zu lagern; unsre Beduinen kochten sich ihr Linsen- und Waizengrützgericht und bucken sich ihr ungesäuertes Brod in der Asche, auch wir hatten was wir bedurften und begaben uns heute, ermüdet von der ungewohnten Uebung der Kräfte, sehr bald zur Ruhe. * * * * * Mittwoch den 15ten Februar waren wir zwar schon mit Tagesanbruch munter, ehe man aber die Kamele beladen und die Sitze etwas bequemer eingerichtet hatte als sie dieß gestern gewesen, dauerte es lange; es war halb acht Uhr geworden, da wir endlich aufsitzen und abreisen konnten. Indeß durften wir die kleine Verspätung nicht bereuen, sie machte uns schon heute den freieren Genuß der neuen Eindrücke möglich, an denen von nun an jeder Tag so reich war. Eine Reise durch die Wüste ist schon für sich allein von allen andern Arten des Reisens weit verschieden. Man sitzt hoch und frei auf dem Rücken des Kamels, dessen Fortbewegung zwar, wie schon erwähnt, eine eigenthümlich schauklende, dabei aber so gleichmäßig ist wie der Lauf der Sonne am Himmel, mit welchem jenes Thier auf eine merkwürdige Weise gleichen Schritt hält[60] und gleiche Dauer des Tagmarsches. Denn wie die Sonne, ohne Stillstand vom Aufgang zum Niedergang eilet, so schreitet auch das Kamel in den gewöhnlichen Tagereisen der Karawanen rastlos vom Orte des Aufbruches bis zu dem der Lagerung fort; der Reisende, wenn er nicht die Gewandtheit eines Arabers im Auf- und Absteigen hat und den Gesammtzug nicht hemmen will, muß es sich gefallen lassen vom Morgen an bis etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang auf seinem Sitze auszuharren[61]. Und wie der Taglauf des Kameles an Gleichmäßigkeit und an Dauer der Stunden dem täglichen Gang der Sonne gleichet, so gleicht er ihm auch an Stille; man hört keinen Schritt des vorsichtig auftretenden Thieres, dabei reitet man gewöhnlich, damit das Gepäck des einen Reisenden durch das Zusammenstoßen mit dem des andren nicht beschädigt werde, in langen Reihen, Einer so weit vom Andren entfernt, daß man beim Sprechen gerne nur auf das Nöthigste sich beschränkt; so feiert man und wird man still mit der hier immer feiernden, stillen Natur. Diese Natur, da in der Wüste, machet allerdings, wie ich dieß schon vorhin (S. 156) andeutete, auf die Seele einen ähnlichen Eindruck, als das Wandeln über einen großen Kirchhof, unter dessen Denksteinen viele sind von besonders ausgezeichneter Gestalt oder mit inhaltsreicher Aufschrift. So sehr nun auch ein Todtenfeld geeignet scheinen mag Empfindungen des Trauerns zu erwecken, so giebt es dennoch Seelen, für welche das Wandeln über die stillen Gräber und das Verweilen neben den gedankenvollen Inschriften einen größeren Reiz hat, als das Wandeln durch die geräuschvollen Gassen mancher volkreichen, gewerb- und lebenslustigen Stadt. Wird doch überdieß selbst der Körper -- dieses wundervoll besaitete Instrument, auf welchem die Meisterin: die Seele, das vieltönige Spiel ihrer Gefühle, Lust wie Schmerz, Hoffnung wie Furcht, sich hervorruft -- durch das tägliche Leben in der Wüste so eigenthümlich gestimmt wie sonst nirgends. Die leibliche Natur eines Reisenden, welcher sich das Ungewöhnliche nicht zu theuer erkaufen will oder kann, ist wie die Gummimimose der Arabischen Sandfelder nur auf eine Ernährung beschränkt, die dem leichten Thau der Morgenstunden gleichet; unsre alltägliche Kost war, außer dem Schiffszwieback oder dem bald sich verhärtenden Arabischen Brode, zum milchlosen Thee oder Kaffee des Frühstückes, am Abend, als Hauptmahlzeit, der Reis, in Wasser gekocht, dessen immer vom Hunger gewürztes Einerlei sehr selten durch den Zusatz getrockneter Früchte, noch seltner durch etwas Ziegen- oder Lammfleisch in einen Festtagsschmauß verwandelt wurde; das Wasser, das am Morgen aus den Schläuchen in die ledernen Feldflaschen gefüllt ward, mit oder ohne Beimischung des Datteln-Racki's, war unser Getränk. Sahe dann nur das Auge den Schlamm oder die andern Unreinigkeiten nicht, schmeckten die bittern Salze nicht zu widerwärtig hervor, dann ertheilte der brennende Durst dem Getränke dieselbe Lieblichkeit, wie der Hunger sie der täglichen Abendkost gab. Ein Herumwandeln von einem vereinzelt stehenden Mimosenbaum oder Ginsterstrauch zum andern, denn gewöhnlich wurde ja zum Nachtlager eine Stätte gewählt wo es ein wenig Grünes gab, gewährte in der letzten Stunde des Tages dieselbe Unterhaltung, wie etwa sonst das Betrachten eines reichen, großen Gewächsgartens; der Schlaf auf dem nicht weichlichen Lager war so leicht wie die Decke, die den Leib verhüllte, bei dem ersten Brüllen der Kamele, die nach Befreiung der zusammengeschnürten Fußgelenke und nach dem Morgenfutter verlangten, war er entflohen. Zuweilen besang mit uns zugleich den Abglanz der Herrlichkeit des Herrn: das wiederkehrende Licht das im Thau sich spiegelte, ein Vogel, der in den Zweigen des stachlichen Gummibaumes seine Wohnung hatte, oder man vernahm, vom Felsen her, die Stimme des schnellfüßigen Arabischen Trappen. Und sobald nun beim Aufbruch der Karawane das Kamel unter der gewohnten Last der Reisenden und seines Gepäckes die taktmäßige Bewegung der Schritte begann, da fühlten Mehrere von uns, welche gern singen, unwillkürlich sich getrieben, den Takt den das gehende Thier schlug mit ihrem Gesange zu begleiten. Diese erquickten sich dann an Liedern, deren Inhalt zu dem ernsten, großen Texte paßte, welchen die Geschichte unsers Geschlechtes hier dem Anblick der Gegend unterlegt und so ward uns auch die Wüste zu einem Tempel, unter dessen hohes Dach man einsam und allein hineintritt und dessen hehre Stille weder vom Fußtritte noch von der Stimme der Vorübergehenden verscheucht wird. Dieses fast beständige Alleinseyn der Seele mit sich selber, das Ruhen ihres Wesens auf der eigenthümlichen, innren Welt, das durch kein immer wiederkehrendes Vernehmen des Neuen unterbrochen wird, äußert auf empfängliche Naturen einen ganz besondren Einfluß. Man wird da leichter erregbar für alle Eindrücke, für alle innre Bewegungen als jemals sonst, sowohl für die schlimmen als für die guten. Mich wenigstens erinnerte meine damalige ungewöhnliche Reizbarkeit an die Geschichte jenes Anachoreten, welcher, um seiner Neigung zur Zornmüthigkeit alle Gelegenheit zu ihren Ausbrüchen abzuschneiden, sich zurückgezogen hatte in die menschenleere Wüste. Er hatte nichts mit sich hinausgenommen als einen Wasserkrug; keine lebendige Kreatur war da, die seinen Ingrimm hätte aufreizen können. Aber eines Tages fällt ihm der Wasserkrug um, und da er ihn kaum wieder aufgestellt hat fällt er noch einmal; wer könnte so etwas ansehen ohne außer sich zu gerathen? Unser Einsiedler wenigstens konnte es nicht, er ergriff den Krug im höchsten Zorne und zerschlug ihn am Boden, lernte aber zugleich aus der Betrachtung der Scherben, daß unsre guten Vorsätze in der Einsamkeit der Wüste eben so wie im Getümmel der Welt dem Zusammenbrechen ausgesetzt sind, wenn sie nicht durch eine andre, höhere Kraft gestützt und gehalten werden als die unsrige ist. Und ähnliche Erfahrungen machte in der Wüste auch ich. Aber dieselbe Reizbarkeit, welche die Aufwallungen der schlimmeren Art begünstigte, gab auch, ich darf dieß nicht verschweigen, den Gefühlen der Andacht eine flammende Kraft, wie ich sonst nur selten sie empfunden. Dies ist die allgemeine Schilderung eines Lebens in der Wüste; eines Lebens das sich in den verschiedensten Gegenden des sandigen Afrikas wie Asiens gleich bleiben würde. Bei unsrer diesmaligen Reise kam noch ein andres Moment hinzu, welches den Gefühlen der letzteren, besseren Art eine beständige Nahrung gab; das war die Erinnerung der großen Thaten Gottes, welche einst diese Einöde verherrlichten. Wenn nach Josephus Zeugniß und nach andren Spuren alter Ueberlieferungen, welche ~Raumer~ (a. a. O.) sorgfältig gesammelt hat, die Heere Israels in der Nacht des Auszuges von Raëmses, dessen Stätte dann nördlich von Kairo, gegen Heliopolis hin zu suchen wäre, an jener Gegend vorüber kamen, in welcher später das Aegyptische Babylon (bei Fostat) begründet worden, dann nahm der Weg ihrer von Furcht und Angst beschleunigten Flucht seine Richtung nach dem rothen Meere, durch dasselbe Thal in welchem wir jetzt hinzogen[62]. Wenn jedoch auch über das Einzelne ein Zweifel bleiben könnte, so fällt doch auf das Ganze des Landes ein Licht der alten, heiligen Geschichte, dessen Strahl jeden einzelnen Felsen und Sandhügel verklärt und zu einem Denksteine der großen Errettungen weihet. Wirkte doch selbst die Zeit des Jahres, in der wir uns eben befanden, erhebend auf die innre Stimmung ein; es war jene, die wie ein dunkles Gewölk dem Hervorbrechen des Tages der Herrlichkeit vorangehet; die Zeit des Zorngerichtes über Aegypten, auf welche das Passah und die Erlösung aus der Hand des Feindes folgte, für uns Christen die Zeit der Passion und der Fasten, deren Trauer in der Siegesfeier des Auferstehungsfestes sich auflöset. Gleich in der ersten Nacht da ich hier in der Wüste, eine kleine Tagreise von Bessatin ostwärts, vielleicht nahe bei dem ersten Lagerplatz der Heere Israels schlief, weckte mich öfters der Gedanke an Den, welcher diesen Heeren in der Säule des Rauches und Feuers vorangieng; ich lag da und sann tiefer als jemals den großen Wunderwegen des Gottes Jacobs nach; mein Geist freuete sich Sein, meines Heilandes. Sollten wir doch auch bald die rettende Kraft Dessen erfahren der unsres Herzens Zuversicht und Trost, unsers Weges Führer war, denn Angst und Gefahr waren uns nahe. Doch dieses ahnten wir nicht, da wir am 15ten Februar, in den schönen, heitren Morgenstunden von unsrem Lagerplatz aufbrachen und in der von niedrigen Höhenzügen kesselartig umgränzten Thalebene zuerst nach Ost, dann nach Ost-Südost hinzogen. Wir kamen hier an vielen Seitenthälern vorüber, welche den Rinnsalen der Regenfluth glichen und häufig voll grünenden Gesträuches waren. Daß hier wirkliches Weideland, wenigstens in dieser Jahreszeit zu finden sey, das wurde uns durch die Heerde der Lämmer, welcher wir schon nach etwa drei Viertelstunden Weges begegneten und bald hernach durch die kleinen Truppen von Kamelen bezeugt, die wir hie und da, die Mütter mit den Jungen, auf der Weide sahen. Dazwischen bemerkt man auch, bald näher bald ferner wieder größere Heerden von Ziegen, Schafen und selbst einzelne Esel; zum sicheren Anzeichen, daß dieser Gegend ein trinkbares Cisternen- oder wenigstens Pfützenwasser nicht fremd seyn könne. Nach zehn Uhr hatten wir zur Rechten eine Eintiefung neben uns, welche einem ausgetrockneten Teichbette glich; zur Linken eine niedere Hügelkette. Meine leichter beweglichen, jungen Reisegefährten, mit ihnen die Hausfrau, waren abgestiegen und giengen raschen Schrittes neben und vor den Kamelen her, denn der Kiesboden war hier fest und reicher als wir dieß jemals gesehen mit dem schönsten Kugeljaspis bestreut, unter welchem sich auch rosenfarbiger so wie bandartig gestreifter, vor allem aber jener merkwürdige fand, in welchem eine kleinere, anders farbige, zuweilen mit Quarzkrystallen überzogene Kugel von der größeren concentrisch und fest umschlossen findet, zum Zeichen daß diese kugliche Gestaltung nicht auf mechanischem Wege, durch das Herumrollen im Wasser erzeugt sey, sondern aus ursprünglicheren Bildungskräften hervorgieng. Neben und zwischen dem Jaspis zeigten sich auch Achate, Kalzedone und Onyxsteine, so wie kleine Karneole. Meine Freunde sammelten hier Vieles, wovon freilich später nur ein Theil mit uns nach München kam. Um zwölf Uhr des Mittags stund zur Seite des Weges ein merglicher Kalkstein an; bald hernach lag vor uns und neben uns im Süden (zur Rechten der Karawanenstraße) ein stark zerklüfteter, bräunlicher Berg, welcher an Umriß wie in der Art seines Felsengesteines dem sogenannten erloschenen Vulkan bei Kairo, dem Djebel Ascher glich. Die Felsart ist an beiden jener feste, dichte Sandstein des jüngeren Flötzgebirges, der den alten Aegyptern das beste Material zu ihren Mühlsteinen darbot. Er hat öfters einen muschlichen Bruch und seine Festigkeit giebt ihm die Eigenschaft fast so laut als der Porphyrschiefer zu klingen. Bis zu den Ufern des rothen Meeres hin finden sich die zackig geformten Felsen dieses Sandsteines der im Nilthale an vielen Stellen des Landes vorkommt. Unser Beduinenscheikh nannte den Felsenberg, welcher uns so sehr an den Djebel Ascher erinnerte, Graibur, auf der Karte zu Labordes trefflichem Werke[63] ist er als Graibun bezeichnet. Unser Weg hatte sich von heute Morgen an bis hieher immer allmälig abwärts gesenkt und auch jetzt zog er sich noch ein wenig lehnab, durch eine sandige nur mit Kalksteintrümmern bedeckte Ebene. Am Nachmittag ergötzte uns der Anblick einer Luftspiegelung, die sich gegen Norden hin auf der öden Fläche zeigte, und welche in täuschend ähnlicher Gestalt uns kleine Seen oder das Ufer eines Stromes darstellte, reich umsäumt von hochwüchsigen Bäumen und grünen Feldern. Es war vielleicht ein Begrüßungszeichen, welches das schöne Nilthal uns Wanderern nachsendete. Wir lagerten, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang (20 Minuten nach fünf Uhr) bei einem Sandhügel am Beginn eines mit mannichfachem Gesträuche der Wüste bewachsenen Thales. Der Weg den wir zurückgelegt hatten, mochte nach Abzug einiger Verzögerungen, die dem Taglauf zustießen, dennoch mehr nicht als eine Strecke von neun Stunden durchmessen haben. Die Gebirge, die wir von hier aus besonders nach Osten und Nordost erblickten, zeigten eine eigenthümlich zackige Gestaltung; einige wie Sandsteinfelsen. Von unsrer Lagerstätte nach Ost in Süd soll sich zwischen den Gebirgen ein Thal bis zum rothen Meere fortsetzen, das man von hier aus in einem Tage erreichen könne. Das Thal an dessen Ende wir übernachteten nannten unsre Beduinen Ghendely. Seine Höhe betrug nach +Dr.+ Erdls barometrischen Beobachtungen und Prof. v. Steinheils Berechnungen 585 Pariser Fuß über der Meeresfläche. Auf den schönen, ersten Reisetag in der Wüste folgte die sorgenvollste Nacht. Während unser Arabischer Knecht Feuer anschürte und die Abendkost zubereitete, hatten unsre jungen Leute, mit den Flinten und Botanisirbüchsen auf dem Rücken eine Wanderung in die Umgegend der Lagerstätte gemacht, der eine gegen Nordwest die Andern gegen Nordost. Sie kehrten alle bei Einbruch der Dämmerung zurück, nur +Dr.+ Roth fehlte noch. Wir warteten einige Zeit mit dem Essen auf ihn, dann wurde sein Antheil an die Kohlen gestellt; jeden Augenblick hofften wir ihn bei uns zu sehen. Da aber nun die Dämmerung zur Nacht geworden war, machten sich die jungen Reisegefährten auf ihn zu suchen; sie giengen auf denselben Weg, den einige von ihnen kurz vorher in Gemeinschaft mit dem Freunde gemacht hatten, zurück. Ein Berg des östlichen Höhenzuges hatte heute noch am Tage unsre Aufmerksamkeit durch seine Farbe und ausgezeichnete Form an sich gezogen. Er lag zwar anscheinend nahe an der Richtung, welche morgen unsre Straße nach Suez nehmen sollte, morgen aber, das ließ sich voraussehen, konnte man schwerlich so viel Zeit gewinnen um ihn zu besteigen. Darum hatte +Dr.+ Roth sich schon heute dorthin auf den Weg gemacht; seine Begleiter sahen noch zuletzt wie er die Richtung dahin nahm. Der Berg war weiter entfernt als man vermuthet hatte, die Abgesendeten kamen spät zurück; ihn aber, den sie gesucht hatten, brachten sie nicht mit sich. Nun begann erst die Sorge in ihrer rechten Stärke. Zu neuen Aussendungen schien es selbst unsern Beduinen zu dunkel; die einzig tröstliche Hoffnung blieb noch die, daß unser armer Freund nicht sehr entfernt seyn könne und daß er, sey es nun von der Höhe oder aus der Ebene ein Feuersignal wohl sehen, unsre abgefeuerten Flinten wohl hören müsse. Ein hochaufflammendes Feuer, von dürrem Gesträuch wurde deshalb auf dem benachbarten Sandhügel entzündet, die Flinten von Zeit zu Zeit abgeschossen, dazwischen erhuben die Beduinen ihre lauten, rufenden Stimmen. Wäre der Verirrte auch in ziemlichem Abstande von uns an einen freiliegenden Punkt gekommen, er hätte das Feuer sehen und die Flintenschüsse wie die Stimmen hören müssen, so aber verdeckten ihm die Hügel und Thäler, zwischen denen er sich verloren hatte, die Aussicht und hemmten den Schall. Wer, hier im bewohnten Lande, das nach allen Richtungen von deutlichen Wegen durchschnitten wird; von Wegen, deren jeder wenigstens nach etlichen Stunden zu einem bewohnten Orte führt, kann sich wohl lebhaft genug in unsre damalige Lage denken. Unser armer Freund würde selbst am hellen Tage im Sande der Wüste nur mit Mühe den wenig besuchten Weg der Karawanen erkannt haben, auf welchem jeder starke Windhauch die Fußspuren der Kamele und der wenigen Fußgänger wieder verschüttet, geschweige bei Nacht. Und hätte er auch einen solchen Weg der Kamele gefunden, wie sollte er mit nüchternem Magen, ohne einen Tropfen Wasser oder einen Bissen Brodes die weite Strecke bis zum nächsten bewohnten Orte zurücklegen? Bis nach Suez waren noch anderthalb Tagreisen; zu dem nächsten jener Klöster, welche in der Wildniß des Gebirges am rothen Meere liegen, hatte er noch viel weiter. Und wenn auch hier in der Einöde von Räubern und Mördern nichts zu fürchten war, so mußte man um so mehr wegen der wilden Thiere, namentlich wegen der Hyänen in Sorgen seyn, welche die Höhlen und Klüfte dieser Gebirge bewohnen. Denn obgleich unser Freund eine Doppelflinte bei sich trug, deren einer Lauf mit groben Posten geladen war, so mußte dennoch der geringe Vorrath von Pulver und Blei, den er mit sich genommen, bald verbraucht seyn, und wenn der Schlaf den Einsamen, Ermüdeten ergriff, dann war er ohne Widerstand dem Anfall der Hyänen preisgegeben. Nicht zu gedenken der Gefahr, welche schon der Weg über ein von Klüften und Abgründen durchschnittenes Gebirge für sich allein dem nächtlichen Wandrer drohet. -- So warf sich in unsren Seelen eine Woge der Sorgen nach der andern auf; wir mußten still halten wie ein Schiffbrüchiger auf dem Felsen den er bei dunkler Nacht erfaßte, obgleich die Wellen einmal ums andre über seinem Haupte zusammenschlagen. In solcher innrer Noth ist es wohl gut, wenn der Pilgrim jenen Stecken und Stab[64] kennt und bei sich hat, der ihn zu trösten vermag: das Vertrauen auf den Hüter Israels, welcher nicht schläft noch schlummert. Der Glaube an eine Hülfe, welche da waltet, wo Menschenhülfe aufhöret, hatte uns in jener dunklen Nacht als tröstlicher Stern geschienen und war auch fernerhin unsers Fußes Leuchte. Die arme, von Angst und Sorgen gebeugte Hausfrau ließ mich nicht aus den Augen; sie fürchtete ich möchte mich auch verirren. Nach Mitternacht wurde das Geschrei der Beduinen seltner; die ermüdeten Leute schliefen, nur Mohamed unterhielt noch das Feuer und rief von Zeit zu Zeit in die Wüste hinaus oder schoß eine Flinte ab; in den Zwischenzeiten der Stille hörte man das kreischende Geschrei der Eulen, welche um unser Zelt herumflogen. Bald nach Mitternacht war auch der Mond untergegangen, der zum Trost für uns die ersten Stunden der Nacht ein wenig beleuchtet hatte; endlich dämmerte der Morgen und zugleich breitete der Schlaf seinen Alles verhüllenden Mantel über das äußre wie über das innre Auge. Fast mit der Sonne zugleich erhuben auch wir uns wieder vom Lager. Wie stärkend und ermuthigend wirkt doch schon der bloße Anblick des Lichtes auf das Gemüth ein. Wir konnten doch jetzt Alles ruhig überlegen. Daß unser Freund ohne das Feuer zu sehen und das Schießen zu hören an uns vorübergekommen und wieder rückwärts auf die Richtung gegen Kairo hin gerathen seyn könne, das schien uns zwar fast unmöglich, indeß wurde dennoch für gut gefunden, daß unser Dragoman und ein landeskundiger Beduine die rückwärts und seitwärts von unsrem Ruheplatz gelegnen Gegenden auf zwei Dromedaren, die an schnellen Lauf gewöhnt sind, durchstreifen und durchforschen sollten; die Herren Erdl, Franz, Kielmeyer und Keller, in Begleitung mehrerer Beduinen übernahmen dagegen die Untersuchung der in Nordost und Nordwest, seitwärts vom Wege nach Suez gelegenen Nebenthäler und Hügel, denn in dieser Richtung hatte sich +Dr.+ Roth aus unsern Augen verloren. Zuletzt brachen auch wir, etwas vor neun Uhr mit unsrem alten Scheikh Hassan und einigen Knechten auf, in der Hoffnung, in welcher uns die vermeintlichen Spuren eines mit Europäischen Schuhen bekleideten Fußes im Sande bestärkten, daß wir den sehnlich Vermißten auf der Karawanenstraße nach Suez, vielleicht hinter einem der nächsten Hügel die Sorgen der Nacht verschlafend, oder auf uns wartend finden würden. Nach einiger Zeit kamen jene Reisegefährten, welche zu Fuße die Gegend durchstreift hatten, zur Karawane zurück, sie glaubten öfter, besonders gegen Nordosten hin Fußtritte von Europäischen Schuhen bemerkt zu haben, diese waren aber auf dem festeren Kies verschwunden; die Beduinen hatten mit ihren Falkenaugen von jeder Anhöhe aus die Gegend durchspäht, ihn aber den man suchte, hatte Keiner gesehen. Doch blieb noch die zweifache Hoffnung: daß er nach Suez voraus sey oder daß ihn der Dragoman mit sich bringen würde, welcher den ganzen Tag zu seinen Nachforschungen anzuwenden bereit war. Für mich war dies nach außen ein Tag des Schweigens, während das Gespräch im Innersten der Seele so laut, so anhaltend, so innig war, wie nur an wenig andern Tagen meines Lebens. Einige Male athmeten sich die innren Bewegungen in ein Lied von passendem Inhalte aus und ich habe auch damals empfunden, welche stärkende Kraft in Gesängen dieser Art, für Seele und Leib liege. Uns, die wir heute wohl Alle mehr an einen Andern als an uns selber dachten, erschien es mit Recht als ein großes Glück, daß der Tag so ungewöhnlich frisch und kühl war. Am Morgen vor Sonnenaufgang war der Thermometerstand nicht einmal volle zwei Grad R. über dem Gefrierpunkt gewesen; selbst in den Mittags- und Nachmittagsstunden wehete der Ostwind so kühl, daß ich meinen Mantel erleiden konnte. Wir sahen in den ersten Stunden dieser Tagreise neben uns in Ostnordost ein höheres Gebirge von augenfällig dunkler Farbe; hinter ihm einige zuckerhutförmige, schroffe Höhen. Gegen und nach Mittag kamen wir jenem Gebirge parallel. Auch gegen Nord und Nordwest zeigten sich Anhöhen. Die breite Ebene steigt gegen Nordost ein wenig an. Man findet in ihr fast gar kein Grün, außer einigen Mimosenbäumen. Der Boden ist noch immer ziemlich fest, weil der feinere Sand mit gröberen Geröllen untermischt ist, die meist vom Geschlecht der Kalksteine sind. Gegen zwei Uhr des Nachmittags näherten wir uns der Stelle, wo die hier vereinten Straßen von Kairo nach Suez, sowohl die der Pilgrime als die etwas südlichere, welche Derb el Ankabye heißt, unsern von Bessatin kommenden Weg durchkreuzen; hier begegneten wir einer Gesellschaft von Engländern, die, auf Dromedaren reitend, von Suez kam. Einige von unsern Reisegefährten liefen zu jenen hin um zu fragen, ob ihnen unser verirrter Reisegefährte begegnet sey; sie hatten nichts von ihm gesehen noch gehört und wir konnten ihnen nur Aufträge geben für den Fall, daß sie weiterhin mit ihm zusammenträfen. Etwas vor drei Uhr kamen wir auf eine Anhöhe, von welcher aus wir das rothe Meer zu sehen wähnten, was uns jedoch später wieder ungewiß wurde, dann zog sich der Weg allmälig wieder abwärts. Ein scheinbarer Unfall hemmte, eine Stunde später den Fortgang unsrer Tagreise; ein altes Kamel, das übrigens nicht zu unsren Pack- oder Reitkamelen gehörte, sondern einen Beduinen trug, der sich von Bessatin aus unsrer Gesellschaft angeschlossen hatte, war niedergestürzt und konnte sich vor Mattigkeit nicht wieder erheben; wahrscheinlich weil seinem vorgerückten Alter die lange Entbehrung des Wassers zu schwer fiel. Unser Scheikh Hassan war abgestiegen, hatte sich hülfreich zu dem andern Beduinen gesellt; die ganze Bewegung der Karawane stockte. Endlich kam der Scheikh wieder, der Beduine blieb allein bei seinem noch immer am Boden liegenden Kamele sitzen; wir zogen weiter und wendeten uns zuletzt rechts von der Straße abwärts nach einem grünen, streifenartigen Flecken hin, der wie ein Saum das wüste Land umfasset. Hier machten wir für diese Nacht Halt, in einer Höhe über dem Meeresspiegel welche der gestern gemessenen und berechneten fast gleich war, indem sie 594 Pariser Fuß betrug. In Nordwesten hatten wir den niedreren Höhenzug des Oweibe-, in Südost das Attakagebirge neben uns. Die Sonne stund noch ziemlich hoch am Himmel, ich wollte die letzte Stunde des Tages dazu benutzen um in Gesellschaft der Herrn Kielmeyer und Bernatz eine der vermeintlich ganz nahen Anhöhen, ostwärts von unsrem Nachtlager zu besteigen, von wo aus wir mit Sicherheit hofften das rothe Meer zu sehen; aber das hügliche Land, welches zwischen uns und dem Gipfel der Anhöhe lag, war von so vielen tiefen Schluchten durchschnitten, daß wir nicht weit vorwärts kamen. Wir fanden, am Boden zerstreut, Geschiebe von Grünstein und andren Urgebirgsarten, das eine der aufgehobenen Geschiebe glich dem Variolit. Unten in den Schluchten stunden schöne Jerichorosen. Ich war auf dem Rückwege, während meine beiden Begleiter langsam vorausgiengen, in eine dieser Schluchten hinabgestiegen und hatte mich weiter darinnen verloren als mein Wille war; die Sonne war indeß untergegangen, das tiefe Thal umher so todtenstumm und schweigend, daß ich selber eine Anwandlung von der Furcht und dem Schrecken der Wüste empfand. Wie mochte es erst meinem verirrten Freunde zu Muthe seyn! -- In der Ebene erwarteten mich die beiden jungen Freunde und ich sahe erst jetzt wie nöthig mir ihre Begleitung gewesen war, denn mein Auge konnte nirgends die beiden Zelte finden, ich würde sie in einer ganz andern, falschen Richtung gesucht haben, wenn Bernatz mich nicht zurecht gewiesen hätte. Bei den Zelten bemerkten wir eine Bewegung der Beduinen um zwei eben ankommende Kamele. Wir liefen freudig hin, denn mit Recht vermutheten wir, daß der Dragoman und der ihn begleitende Beduine, hoffentlich ja mit +Dr.+ Roth zurückgekehrt seyen. Allerdings waren es jene beiden, unser Freund aber nicht bei ihnen; ihr Nachforschen war vergeblich gewesen. Es galt jetzt abermals ein Festhalten an dem »Stecken und Stabe« des Pilgrims. Ein einziger, lieber Sohn konnte mich nicht näher angehen als dieser Verlorene; wen konnte meine Seele nach ihm fragen, als Den, der auf allen ihren Wegen den Verirrten begegnet und von ihnen Allen weiß. Ein andrer, ganz besonders kräftiger und muntrer Beduine wurde beauftragt ein Dromedar zuzurüsten; noch bei Nacht sollte er zurückkehren zu der von uns verlassenen Gegend und alle Kamelhirten und nomadisirende Beduinen aufbieten, mit ihm das Land zu durchsuchen. Brieflein wurden zugleich geschrieben, an den ersehnten Freund, damit man da und dorthin sie streuen möge auf den Boden. Die gute Hausfrau verweinte ihre Sorgen; mich hatten nach einigen Stunden zwar nicht der erquickende Schlaf, wohl aber Phantasieen des Traumes beschlichen, da hörten wir, kurz vor Mitternacht, ein Freudengeschrei der Beduinen; der Verlorne war gefunden; der Beduine, welcher kaum vor einer Stunde nach ihm ausgeritten war, brachte ihn mit sich, auf seinem Dromedar. Das, was uns am vorhergehenden Nachmittag als Unfall erschienen war: das Niederstürzen des Kameles am Wege, das war unser Aller Glück gewesen; der Besitzer des Thieres, der bei diesem sich gelagert hatte, erkannte sogleich den Vorbeigehenden, sprang auf und umarmte ihn mit lautem Jubel und führte ihn gegen die Lagerstätte hin, die, weil sie ziemlich fern zur Seite ablag, der zur Ohnmacht Ermüdete schwerlich würde gefunden haben; da sie ein Stück Weges gegangen waren, kam der Andre mit dem Dromedar, dieser stieg sogleich ab und ließ +Dr.+ Roth aufsitzen. Vor allem mußte man jetzt an leibliche Erquickung des Freundes, durch Nahrung und Schlaf denken. Auch im Schlummer verfolgten ihn noch die Schrecken, die er während der dreißig Stunden seiner Irrsalen erduldet hatte, er rief öfter »o mein Gott, o mein Gott« und verrieth hierdurch, daß auch er auf seinem Wege durch die Einöde sich des Pilgerstabes bedient habe. Da er am andern Tage zum längeren Sprechen wieder aufgelegt war erzählte er uns, daß er in der ersten Nacht und am darauf folgenden Morgen theils die sandige Ebene, dann aber mehrere Thäler des östlichen Gebirges durchwandelt habe. Er hatte oft geschossen und seine Stimme zum Rufen erhoben; das Ohr wähnte zuweilen ganz in der Nähe und wie hinter dem Rücken redende Menschenstimmen zu vernehmen, wenn er aber rief und dem tröstlichen Tone nachgieng, da war wieder Alles still und stumm. Am Vormittag war er durch ein breites Thal gekommen, wahrscheinlich durch dasselbe, das von unsrer vorigen Lagerstätte ostwärts nach dem rothen Meere führt. Hier fand er den Boden vielfach mit grünem Gesträuch und kreuzblüthigen Pflanzen bewachsen, deren aber keine, wie unsre Brunnenkresse oder das Löffelkraut dem dürstenden Munde Erquickung bot, sondern welche alle von eckelhaftem Geschmack waren. An vielen Orten erkannte er die Spuren der Gazellen, welche hier noch vor Kurzem geweidet hatten; an den Bergabhängen stunden öfters Lager von schönem Fraueneis (Selenit) zu Tage aus. Endlich war er, kurz vor Mittag bei dem Gebirge Graibun, an dem wir gestern Mittag vorbeikamen, herausgetreten auf die Ebene; die Gegend wurde ihm jetzt auf einmal bekannt; ein Trupp von Kameltreibern welche Holz geladen hatten begegnete ihm, und diese erquickten ihn mit einem Trunk Wassers und einigen Bissen Brodes. Diese Leute waren, ohne daß wir dieß wußten, in unsrer Nähe, in einem Nebenthale über Nacht geblieben, hatten uns noch aufbrechen sehen und berichteten, daß wir auf dem Weg nach Suez voraus seyen. Etwa um zwei Uhr war er endlich an unsern so lang vergeblich gesuchten nun aber verlaßnen Lagerplatz gekommen, hatte da vergeblich herumgeforscht, ob wir nicht wenigstens eine Flasche Wasser und etwas Brod für ihn im Sande verborgen und den Ort wo beides zu finden durch einige Zeilen angedeutet hätten, leider aber war dieses von uns versäumt worden, und der verlassene Pilgrim hatte den ganzen Weg unsrer heutigen Tagreise ohne weitere Erquickung in etwa 9 Stunden durchlaufen müssen; zuletzt wie ein Träumender, verloren in sonderbare Phantasieen, in denen es ihm vorkam als gehörten die wunden Füße, die ihn kaum noch trugen, nicht sein eigen, sondern wären von einem Freunde ihm geliehen. Hatte ich in der vorhergehenden Nacht vor Sorge nicht schlafen können, so ließ mich dagegen in der heutigen die Freude nicht recht dazu kommen. Ich meine fast auf ähnliche Weise muß es einer Mutter zu Muthe seyn, wenn die Stunde, da sie Traurigkeit hatte, vorüber und nun jene gekommen ist, da sie der Angst nimmer gedenkt, um der Freude willen, daß der Mensch zur Welt geboren ist. Am 17ten Februar des Morgens war der Himmel leicht getrübt. Ein Nebelgewölk zog über die enge Schlucht, welche den hohen Attakaberg von den niedren Vorbergen und Hügeln in Norden scheidet, hinab nach Osten; als wollte es uns an jene Wolken- und Feuersäule erinnern, welche einst diese Wege gewandelt. Wie das Alterthum sieben Bauwerke zählte an denen die Hand des Menschen mit wunderbarer Kraft sich kund that, so kennet der Christ sieben Berge der Erde an denen Gottes Macht in Thaten der Wunder sich verherrlichte: der eine ist der Ararat, der andre der Attaka, der dritte der Sinai, der vierte ist der Nebo, der fünfte der Thabor, der sechste der Golgatha, der siebente der Oelberg. Der Ararat wie der Attaka beginnen in wechslenden Chören den Triumphgesang der Errettung aus großen Wassern; denn hier, am Fuße des Attaka war es, wo durch »Sein Hauchen die Wasser sich aufthaten und die Fluthen standen auf Haufen; die Tiefe wallete von einander mitten im Meere[65].« Wir brachen halb acht Uhr auf; bald kamen wir an eine Stelle, bei der uns die niederen Vorberge nicht mehr die Aussicht nach Südosten bedeckten, und nun lag der hehre Bergrücken frei vor unsren Augen da. Der Attaka ist auch durch seine Form einer der imposantesten Berge der Erde; so scharf abgeschnitten von seinen Vorbergen, so gerade und gähansteigend vom Spiegel des angränzenden Meeres, so tief und kräftig gefärbt, im Vergleich mit den bleicheren Nachbarn, daß ihm von seinem Entstehen an das Siegel seiner Bestimmung aufgeprägt scheint: ein Denkstein zu seyn, welchen die Hand der ältesten Geschichte mit einem heiligen Oele der Erinnerungen gesalbt hat. Ich konnte auf dem ganzen Wege meine Blicke nicht von ihm wegwenden; und obgleich nur das Auge nicht das Ohr den Eindruck vernahm, war mir es dennoch als hörte ich die mächtige Stimme eines Zeugen, der von den Thaten redete die er selber gesehen, und welche hinausrief in die Wüste der Völker, so daß Meer und Land ihm zuhöreten: »Herr, wer ist Dir gleich unter den Göttern. Wer ist Dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wunderthätig sey?« -- Ja, »der Herr wird König seyn immer und ewig.« Das innre Ohr war heute mehr als gewöhnlich für solche Stimmen des Zeugnisses geöffnet; es war ein Tag des stillen, tief im Herzen ertönenden Jubels und der Freude. Selbst auf die Wüste, durch die wir zogen, fiel ein Lichtstrahl der nicht aus dem bewölkten Himmel, sondern aus der Seele kam; ein Lichtstrahl der die Einöde verschönerte. Das bedurfte sie aber auch wirklich, denn schön war die Gegend in der That nicht, durch welche wir heute in den Vormittagsstunden kamen. Bei jeder neuen Wendung, welche der Weg um die Kalkhügel und Sandhaufen herum machte, erwartete man eine Aussicht nach dem rothen Meere, wenn wir aber auch neben der einen Woge des Hügelzuges herum gekommen waren, da stellte sogleich sich wieder eine andre ein, welche den Blick nach dem Meere hemmte; denn die Karawanenstraße zieht sich meist in den seichten Betten der Winterströme hin, welche zwischen den Sandmassen verlaufen. Nur an einigen wenigen Punkten zeigen sich da niedre Bäume der Arabischen Mimose; eine kleine Karawane, deren Kamele ostindische Waaren geladen hatten und bei der sich einige Engländer aus dem vor Kurzem bei Suez angekommenen Dampfschiff befanden (unter ihnen ein Kranker), begegnete uns; weiterhin etliche Mönche vom Sinai, zu Fuß und zu Kamel. Den Mangel jedoch der öden Gegend, die uns zunächst umgab, erstattete reichlich der Anblick des hehren Attaka. Wir konnten jetzt immer besser in den engen Paß hineinschauen, welcher sich wie das Rinnbette eines Gebirgsstromes mit gähem Absturz zwischen der Felsenwand des Hochrückens und den niedren Vorbergen herabziehet[66]. Für einen guten Fußgänger wäre sie wohl zu ersteigen. Wie wir später sahen endet sie unten in der Ebene in einem Abstande vom Meeresufer der gewiß noch mehrere Stunden beträgt. Noch vor Mittag heiterte sich der Himmel auf; bald nachher sahen wir die dunkle Fluth des rothen Meeres und Suez mit seinen Minares und Mauerzinnen, zwischen denen das getäuschte Auge Bäume zu erblicken wähnte. Unweit der Stadt bemerkt man das Grabmahl eines Santos. Wir hatten das Kastell ~Adscherud~ links zur Seite gelassen und gelangten nun auf eine allmälig sich absenkende Fläche. Einige Pflänzlein der +Artemisia judaica+ und des +Heliotropium lineatum+, im Ganzen so wenige, daß man nach stundenlangem Suchen kaum zwei Hände voll zu sammeln vermocht hätte, waren das einzige graufarbige Grün das man hier weit und breit wahrnahm. Etwa eine Stunde vor Suez kamen wir zu dem hochummauerten ~Bir Suez~, dem Brunnen, dessen nur wenig salziges Wasser durch Räder, welche Ochsen in Bewegung setzen, aus der Tiefe geschöpft und in eine Rinne ergossen wird, die ihren Ausfluß außen vor dem Gebäude, in große, steinerne Wassertröge nimmt. Das Gebäude, das über den Brunnen gebaut ist, gleicht einem kleinen Kastell und scheint auch ursprünglich die Bestimmung gehabt zu haben, das köstlichste und unentbehrlichste Gut, welches der Bewohner dieser wasserleeren Einöde besitzt, gegen fremde Gewalt zu schützen. Unsre Kamele, die nun seit vier Tagen nicht getrunken hatten, tranken hier in vollen Zügen und sehr lange, uns selber aber wollte das salzige Wasser noch nicht recht schmecken, obgleich das gute Nilwasser in unsern Schläuchen auch einen Nebengeschmack angenommen hatte, der es ziemlich widerlich machte. Von hier aus sahen wir nun die dunkle Fluth des Meeres in deutlicher Nähe. Auf seinen bewegten Wellen spielten die Strahlen der Sonne, neben ihm zur Rechten erhub sich die Felsenwarte des Attaka, in einiger Entfernung von der Küste lag das große, englische Dampfschiff, das die Fahrt von Ostindien nach Suez und zurück schon öfters gemacht hat; was wir aber aus der Ferne für Bäume hielten, das waren die Mastbäume der Schiffe, welche jenseits der Stadt im Hafen liegend über einen Theil der niedern Gebäude hoch emporragten. Wir lagerten um 4½ Uhr Nachmittags, nach einem kaum neunstündigen Tagmarsche außen vor dem Thore der Stadt, und schlugen nordwärts von dieser unser Zelt nahe beim Meeresstrande auf. In der That, Suez ist keine Stadt der Träume; denn so hätte ich mir auch im Traume keine Stadt vorgestellt. Eine Stadt von etwa sechshundert Häußern und Hütten, welche dennoch, obgleich manche davon nicht immer bewohnt sind, mit der hier stehenden Compagnie des Aegyptischen Militärs gegen vierzehnhundert Menschen beherbergen, ohne Spur von Gärten, von Feldern, von jedem grünen Flecklein; wie könnte diese Stoff zu einem lieblichen Traumbild gewähren. Unmittelbar vor den Mauern ja noch innerhalb derselben, auf dem weiten, freien Platze der zwischen ihnen und den Häußern sich ausdehnt, beginnt eine so ganz dürre, ausgestorbene Sandwüste, daß man, in der Nähe der Stadt auch nicht einmal eines jener kleinen Stachelgewächse oder Sträuchlein bemerkt, dergleichen doch sonst immer von Zeit zu Zeit in der Wüste gefunden werden; nur der große Aegyptische Aasgeier und der häßliche verwilderte Hund schweben und laufen über die Einöde hin, um das Land von den Ueberresten der gefallenen Kamele zu reinigen. Der Grund dieser widerwärtigen Nacktheit des Bodens liegt vor allem darinnen daß Suez gar kein Süßwasser in seiner Nähe hat; denn der sparsame Gehalt der Brunnen, welche noch dazu stundenweit von der Stadt abliegen, reicht kaum für das Bedürfniß der Bewohner und ihrer Hausthiere hin. Dazu ist der Boden rings umher von Salz durchdrungen und wo sich etwa demohngeachtet ein Pflänzlein der grauen Arabischen Artemisie oder des Ginsters aus dem Boden hervordrängen wollte, da wird dieses alsbald von den hungernden Kamelen abgeweidet, welche fast jede Woche zu Hunderten aus Kairo und aus den östlichen Gegenden der Arabischen Halbinsel hier ankommen; Lebensbedürfnisse, aus dem fruchtbaren Nilthale bringend, und Waaren so wie Naturerzeugnisse aus Indien und Yemen zurückführend nach der Aegyptischen Hauptstadt. Wenn jedoch auch die Phantasie des Reisenden hier bei Suez auf keinen grünen Zweig kommen kann, so findet dagegen der Blick des Forschers auf dem Trocknen wie im Gewässer Anhaltspunkte in Menge, auf denen er gerne verweilt. So wie Suez sind die meisten Städte der Arabischen Küste beschaffen, wer nicht Gelegenheit hatte Yembo, Dschidda und so manche andre ihrer Schwestern zu sehen, der kann sich hier an Suez einen deutlichen Begriff von jenen machen. Sie alle sind Nester des Seeadlers, der nur wenig Wasser, das in der Felsenkluft aufgespart ist, zu seiner Erquickung bedarf, und welcher nicht nach dem Grün der Gärten und Felder fragt, weil ihm seine Beute über das Wasser kommt. Ueberdieß zog uns, die wir als alte Gastfreunde die Natur kennen und lieben, ein andrer, uns noch ganz neuer Anblick zu sich hin; das war das lebendige Gewimmel des Indischen Meeres, das sich auch über das rothe Meer ausbreitet, weil ja dieses nur ein Arm und Ausfluß jenes reichbegabten, südlicheren Oceans ist. Ich möchte jedem Naturforscher, welcher die Lust des Sehens mit eignen Augen, des Betastens mit eignen Händen kennet und liebt, einen Aufenthalt, wenigstens von etlichen Tagen, am rothen Meere gönnen. Ich habe das Mittelmeer wie das Adriatische an verschiedenen Punkten ihrer Küsten gesehen und auch durchforscht; gegen den Reichthum des rothen Meeres, namentlich an Conchylien, erscheinen mir jene so werthvollen Gegenden wie der Mittagstisch eines wohlhabenden Bürgersmannes an einem Wochentage, im Vergleich mit der überreichen Tafel eines Fürsten, der seinem Sohne ein Hochzeitsmahl bereitete. Hingeworfen von den Meereswellen an den Strand lagen da zu unsern Füßen die buntfarbigen, schönen Gehäuse der Mollusken, von denen ein einziges schon in unsrer Kindheit uns als großes Gut erschienen wäre; dazwischen zeigten sich, als wollten sie daran erinnern, daß auch dieses Meer schon zu ihrem Reiche gehörte, die buntfarbigen Fische der heißen Zone und selbst der feuchte Sand der Küste lädt hier den Sammler zu seinem wohlbestellten Gastmahle ein[67]. Wir konnten uns unmöglich entschließen heute noch von dem reichen Meeresstrand hinweg in die arme, schmutzige Stadt zu treten. Zum Thore hinein, wo eine Art von Soldat nicht Wache stund sondern Wache lag, blickten wir auf die Wüste, die man mit in die Mauern aufgenommen hat, traten dann auf einen Hügel von Schutt und Scherben, der gleich vor dem Thore der Stadt liegt und sahen dort die schöne, reine Sonne hinter dem Attakaberg untergehen; dann erquickten wir uns noch im Mondenschein, auf- und niedergehend am Strande, in der frischen Luft. Herr Mühlenhof war statt unsrer hineingegangen und hatte da unsre Empfehlungsbriefe abgegeben, wir erhielten noch am Abend Besuche aus der Stadt und Einladungen hineinzukommen um da zu übernachten, uns aber gefiel der Schlag und das Rauschen der Wellen besser als jenes Geräusch, das mit den Aufopferungen der Gastfreundschaft unvermeidlich verbunden ist; wir ließen uns nicht bewegen das Zelt, das ja schon aufgeschlagen stund, wieder abzubrechen. Am andren Morgen machten wir uns auf um auch das Innre der Stadt zu besehen. Die Wache, von der ich freilich nicht weiß ob sie mit der gestrigen ein und dieselbe Person war, lag oder kauerte noch in derselben Stellung da wie am vorigen Abend; im ganzen Orient fragt man Keinen nach seinem Passe, am wenigsten einen fränkisch gekleideten Fremdling. Ueber das Stücklein Wüste hinüber, das man nach hiesigem Geschmack eben so wie bei uns unter dem Namen Park oder Garten ein Stücklein Waldes, mit in die Stadtmauern aufgenommen hat, schritten wir durch eine Art von innrem Thor in eine der beiden Hauptgassen des Städtleins hinein, wo es einen Bazar gab. Man konnte hier die meisten Bedürfnisse des Lebens befriedigen; es waren Brod und Bilahm, Datteln und Orangen, Scherbet und Racky, dabei die verschiedensten Arten von Stoffen zur Kleidung und zum Schmuck, sogar geschnittene Steine (von keiner sonderlichen Schönheit) zu haben, die uns ein Jude um billigen Preis verkaufte. Das Volk von Suez erschien mir, mit Ausnahme einiger kräftigen Arabischen Gesichter und Gestalten, eben nicht besonders schön; unter den braunen und schwarzen Leuten des Ostens und Südens trieben sich mehrere, gerade auch nicht sehr weiße englische Matrosen herum. So wie man sich dem Hafen nähert zeigen sich, noch aus der alten Zeit eines bessern Wohlstandes der Stadt, ansehnliche Gebäude und Chans. In einem der ersteren wohnt der Agent der englisch-ostindischen Compagnie, dessen Name, wenn ich nicht irre, Manula ist. Wir fanden ihn in einem Seitengebäude seines Hofes mit dem Auspacken und Anordnen der aus Ostindien gekommenen Waaren beschäftigt. Der freundliche Mann führte uns sogleich hinauf in ein Gastzimmer, das auf Europäische Weise stattlich meublirt und mit Englischen Kupferstichen verziert war. Hier hatte Napoleon, während seines Aufenthaltes in Suez gewohnt, und mancherlei Pläne in seinem Innren entworfen und bewegt. Der Herr Agent besitzt eine, wenn auch nicht an Menge der Arten, doch an den schönsten Exemplaren reiche Sammlung von Conchylien aus dem Indischen und rothen Meere, die ihm meist durch die Englischen Seefahrer zugeführt werden; dazu ist er der Einzige in der Stadt, welcher Fischerbarken zu seiner Verfügung hat und die Fremden wie Einheimischen mit Fischen versorgen kann. Ich erhielt durch seine Güte einige schätzbare Beiträge zu unsern an den Ufern des rothen Meeres gemachten Sammlungen. Nachdem wir uns in diesem gastfreien Hauße mit mehreren Erfrischungen, auch mit einem Glase des edleren spanischen Weines erquickt hatten, ließ ich mich durch den wohl unterrichteten Herrn Agenten, welcher über den Gegenstand schon so viele Meinungen der Einheimischen wie der Fremden vernommen hat, ein wenig einführen in die Bekanntschaft dieser bedeutungsvollen Umgegend. Wir traten mit einander hinaus vor die südliche Seite der Stadt, an das Meer. Mein Begleiter war nicht unbekannt mit den herrschenden Ansichten vieler Europäischen Gelehrten über den Durchgang der Israëliten durch den Meeresarm, nordwärts von Suez; das hiesige Volk aber, so sagte er, glaube seit alter Zeit, daß jener Durchzug südwärts vom Attaka, zwischen diesem und dem Kuaibe geschehen sey. Er selber, der Agent, ist ein Christ, griechischer Gemeinschaft; längst aber in diesem Lande einheimisch. Kurz vor Mittag waren wir zu unsrem Zelte zurückgekehrt um hier noch Einiges anzuordnen; es war so heiß, daß wir selbst im Schatten des Zeltes nur wenig Abkühlung fanden. Da die Kamele mit dem Gepäck einen vierstündigen Umweg um die nördlichste Ausbreitung des Meeresarmes zu machen hatten, während wir von Suez aus in kaum einer halben Stunde über die Bucht hinüber fahren konnten, wurde beschlossen, daß nur Einige von uns mit dem Gepäck voraus gehen sollten, während die Andren den kürzeren Weg zu Wasser nähmen. Um zwei Uhr erhub sich ein erfrischender Wind, bald hernach wurden die Kamele beladen und Herr Franz nebst Mohamed brachen mit der Karawane auf; wir andern bestiegen einen der höchsten, benachbarten Hügel um noch einmal die Landschaft zu überblicken. Auch hier stehen sich, wie am Bosporus und Hellespont zwei Welttheile nachbarlich gegenüber; statt des kleineren Europas hat sich hier das große Afrika in Westen neben Asien hingestellt. Wie ganz anders nimmt sich aber dieses nachbarliche Begegnen hier aus denn dort. Europa und Asien stehen sich am Bosporus und Hellespont, geschmückt mit dem Kranze des Lorbeeres im grünenden Gewande gegenüber, wie zwei Kämpfer, welche nicht einen Wettstreit der Fäuste und der ehernen Waffen, sondern den edleren der Lieder beginnen wollen; hier aber, am rothen Meere und an der Meerenge von Suez erscheinen Asien und Afrika wie zwei Ringer, welche das Gewand von sich warfen, weil ihnen der härtere Kampf der Fäuste bevorsteht. Afrika erhebt sich noch einmal im Gebirge des Attaka, mit seiner ganzen Macht; Asien beut ihm die Stirn mit den Schrecknissen der Wüste, welche in dem Ruhatgebirge ihren Sitz haben. Nirgends aber bemerkt das Auge, weder auf den westlichen noch auf den östlichen Höhen die Spur eines Waldes, oder auch nur einen vereinzelten Baum; nur nach Norden zieht sich, mitten durch die Wüste der beiden Welttheile ein niedrer, ebener Streifen Landes, der durch das vereinzelte Gesträuch grünlich gefärbt erscheint. Wahrscheinlich ist dies das verschüttete Bette jenes alten Kanales, der einst das rothe Meer mit dem Nil verband und dessen Anfang nordöstlich von Phelbes oder Belbays bemerkt wird, von wo er sich zuerst nach Osten dann durch die Salzseen nach Süden zum rothen Meer wendete, dessen Spiegel noch jetzt 15 Fuß höher ist als der des Nils bei Kairo während des niedern Wasserstandes, fünf Fuß niedriger aber als die mittlere, jährliche Stromschwelle des Flusses[68]. Wir hatten von Kairo ein Empfehlungsschreiben an einen griechischen Kaufmann in Suez, Herrn Girgis empfangen, der uns weiter nach Tor empfehlen sollte. In dem stattlichen Hauße jenes wohlhabenden Mannes wurden wir mit Erfrischungen bewirthet die uns vergessen ließen, daß wir hier an einem Orte seyen, der keine Gärten hat, und die uns bei der Hitze der Nachmittagsstunden sehr wohl thaten. Noch vor Sonnenuntergang nahmen wir Abschied von den hiesigen Gastfreunden und von den bisherigen Reisebegleitern Herrn Kielmeier und Kellner und bestiegen in Gesellschaft unsers alten Hassans eine Barke, zur Ueberfahrt über den Meeresarm. Bei der Abfahrt hatten wir auch Gelegenheit jene Betriebsamkeit des hiesigen armen Volkes zu bemerken, von welcher ~Laborde~ erzählt, und welche sehr an jene der Italienischen Lazaronis erinnert; jeder Einzelne suchte sich eines Stückleins unsers Gepäckes zu bemächtigen, wäre es auch nur ein Steigbügel oder ein Sonnenschirm gewesen; ihrer viere schleppten wenigstens scheinbar an einem Sacke mit Schiffszwieback den ich mit Leichtigkeit allein getragen hätte; wer bei dem Tragen des wenigen Gepäckes nicht ankommen konnte lief wenigstens laut schreiend daneben her oder half uns ziehend oder nachstoßend beim Einsteigen in die Barke und jeder der Schreier wollte dann für seine Mühe bezahlt seyn. Der Mond, fast voll, war aufgegangen und mischte sein Licht mit dem der Abenddämmerung, als wir in unserm Boote auf der wogenden Gränzlinie der beiden Welttheile schwebten. Der Meeresarm ist hier etwa eine halbe Stunde breit; wenn ein anhaltender Nordwestwind das Gewässer, vorzüglich zur Zeit der Ebbe nach Süden treibt, kann man ihn nordwärts von Suez durchreiten und zu Fuße durchwaten, wenn aber hierauf plötzlich der Wind nach Südost umspringt kann in Kurzem die Wasserhöhe um sechs Fuß steigen. Dies erfuhr Napoleon als er an jener Stelle durchs Meer reiten wollte und durch das plötzliche Steigen des Wassers in Lebensgefahr gerieth. Als man ihn glücklich wieder ans Land gebracht hatte rief er: »das hätte einen interessanten Text für alle Prediger in Europa gegeben, wenn ich hier ertrunken wäre.« Asien war zwar erreicht, als wir beim jenseitigen Ufer ans Land stiegen, nicht aber unsre Lagerstätte für die bevorstehende Nacht. Wir hatten noch wenigstens eine Stunde weit im Sande zu gehen, bis wir zu dem Tamariskengebüsch kamen, bei welchem wir Halt machten, doch schien uns der Mond zu unsrer Wanderung. Doctor Roth hatte die Folgen seines dreißigstündigen Herumirrens in der Wüste schon so weit überwunden, daß er munter neben uns herschritt; die andren Gefährten mit den Kamelen kamen später als wir bei dem Lagerplatz an. Der 19te Februar war ein Sonntag, für meine Erinnerung einer der festlichsten der ganzen Reise. Wir brachen um sieben Uhr auf, nahe zu unsrer Rechten zeigte sich das leise bewegte Meer und jenseits demselben der Attaka, in der ganzen Breite seines steilen Abfalles; zur Linken jenseits der sandigen Fläche der niedere Zug des Ruhatgebirges. Der Himmel war so rein und klar, daß wir am entgegengesetzten Ufer des Meerbusens, der hier eine Breite von fünf bis sechs Stunden hat, jeden Felsenvorsprung, so wie den schmalen Saum des Ufers unterscheiden konnten, welcher eben noch für Kamele und Fußgänger gangbar ist. Ein erfrischender Wind wehete aus Nordwesten über das Meer hin; zuweilen war es uns als bemerkten wir das fröhliche Emporplätschern der Fische aus der klaren Fluth; wir sangen der stillen Wüste unsre Lieder. Etwas vor neun Uhr sahen wir Gruppen der Dattelpalmen, sie stehen an den Brunnen Mosis, die wir noch vor zehn Uhr erreichten. Hier tranken unsre Kamele; wir ruheten im Schatten eines dicht verwachsenen Palmengebüsches. Auf einem der höheren Bäume sang ein Vogel, sein unsrem Ohre noch neues Lied; er besang die Lieblichkeiten des Frühlingsmorgens am rothen Meere. In unsrer Seele aber ertönte hier, im Angesicht des Meeres und des hohen Attaka so wie des breiten Thales Ramlieh, das zwischen ihm und dem südwärts sich erhebenden Kuaibagebirge zum Meere verläuft, ein andres Lied. Es war das Lied Mosis, des Knechtes Gottes, welches dieser und die Kinder Israël dem Herrn sangen, an dem Tage da der Herr Israël hindurchgeführt hatte durch die Fluthen und Pharaos Rosse und Wagen in das Meer gestürzt. Ja, »der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang, und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will Ihn preisen; Er ist meines Vaters Gott, ich will Ihn erheben.« Kann doch das Herz Aller, welche zuversichtlich Seiner harren und auf Ihn trauen, singen: »Du hast geleitet durch Deine Barmherzigkeit Dein Volk, das Du erlöset hast; und hast sie geführet durch Deine Stärke zu Deiner heiligen Wohnung.« Wenn auch hier, an dieser geheiligten Stätte das äußere Ohr nichts mehr von Mirjams, der Prophetin Paukenhall vernimmt und die Herrlichkeit des Herrn nicht mehr dem äußern Auge sichtbar wird, so fühlet doch der innre Mensch ein Naheseyn dieser Herrlichkeit und vernimmt Stimmen des Jubels. Wir durften auch das, was den äußern Sinnen hier dargeboten wurde, nicht unbeachtet lassen. Die Zahl der kleinen, zu Tage gehenden Mündungen der Mosisbrunnen wird von den Reisenden sehr verschieden angegeben, je nachdem dieselben früher oder später nach der Regenzeit hier waren oder in Jahren wo der Regen in reicherer Fülle oder sparsamer gefallen war. Mich erinnerten sie an die Maibrunnen, die, wenn der Schnee der Gebirge schmilzt, aus dem ebenen Boden da oder dort hervorbrechen. Wir zählten, außer den kleinen Nebenöffnungen nur fünf größere; das Wasser der meisten hat einen salzigen Beigeschmack, das des einen aber, aus welchem unsre Kamele sich labten, ist auch für Menschen trinkbar, obgleich es einen Beigeschmack von Schwefelleber und Eisen hat. Die Temperatur dieses Brunnen war wenigstens höher als die meiner Handoberfläche, denn sein Wasser fühlte sich warm an; auf eine fortwährende Entwicklung der Gasarten deuteten die häufig vom Boden aufsteigenden Blasen hin. Am Kesselrande der Brunnen oder in ihrer Nähe wachsen einige Cypergräser[69], die Dattelpalmen zeigten sich uns hier zum ersten Male in ihrer, von der Menschenhand unentstellten Naturgestalt, mit Zweigen bis an den Boden bedeckt, von dem Gewirre der fadenartigen Luftwurzeln überzogen und so dicht beisammenstehend, daß sie ein undurchdringliches Dickicht bildeten. Fast alle diese kleinen Wildlinge schienen männliche Bäume zu seyn an denen die Blüthenkolben schon anfiengen sich zu entfalten, denn die Dattelpalme trägt hier schon im vierten Jahre ihres Alters Blüthen und (wenn es eine weibliche ist) die Erstlinge der Früchte. Nach Süßwasser und Landschnecken suchten wir vergebens, obgleich der Boden für sie ein günstiger zu seyn schien, diese Familie der belebten Wesen war schon seit mehrern Tagreisen aus unsern Augen entschwunden. Von den Thieren, welche das benachbarte Meer an seine Küste trägt, spreche ich nachher. Ich komme aber noch einmal auf die historische Bedeutung der Mosisbrunnen zurück. Wenn ich jene gewichtigen Gründe erwäge, welche neuerdings ~K. v. Raumer~ (in seiner kleinen Schrift: der Zug der Kinder Israël) wieder zusammengestellt hat, dann kann ich nicht wohl anders, als der noch immer fortbestehenden, ältesten Ueberlieferung beipflichten, nach welcher der Durchgang der Heere Israëls von der hier gegenüber gelegenen Thalebene Bede geschahe, welche zwischen dem Attaka (Baal Zephon) und dem südwärts von ihm gelegenen Kuaiba (Migdol) an das Ufer ausmündet. Es war der Weg einer drangvollen Nacht; der Morgen konnte die aus der Angst und Noth Geretteten schon hier bei den Brunnen Mosis finden. Mit dem gewöhnlichen Wasser, welches der Leib genoß, hatten diese Brunnen ein andres (lebendiges) in die Seele ergossen, welches dieser eine ungewohnte Freudigkeit gab. Statt des Attaka zeigte sich, als wir auf unsrem Wege weiter zogen zu unsrer Rechten der Kuaiba jenseit des hier schon viel breiteren Meeres; vor uns in Süden spiegelte uns die Fata morgana einen Fluß und Haine von Palmen so täuschend vor, daß selbst der junge Beduine, der neben meinem Kamel hergieng, und welcher diesen Weg noch nicht oft gemacht hatte, das Bild für Wahrheit hielt. Die Wüste Sur, durch die wir hier wanderten, ist übrigens wasserleer und öde; der Weg zieht sich zwischen den Hügeln des Kreidekalkes hin und ist mit Feuersteinen bestreut; an dem Lagerungsplatze, den wir kurz vor fünf Uhr erreichten, ist der Boden so steinig, daß die Pfähle der Zelte nur mit Mühe in ihm befestigt werden konnten. Wir hatten hier das Meeresufer schon in ziemlich weiter Ferne. Auch am Montag (den 20sten Februar) hatte es bis sieben Uhr gedauert ehe alles so weit in Ordnung war, daß wir aufbrechen konnten. Der Weg gieng durch eine einförmige Ebene voll Sand, in welchem Fraueneistrümmer und Feuersteine umhergestreut lagen; zur Rechten war die Aussicht durch die vortretenden Hügel meist gehemmt, zur Linken zeigten sich die grotesken Formen des Sandsteingebirges. Wir hatten heute mehr Zeit und Gelegenheit uns mit unsren Arabischen Reisegefährten zu beschäftigen; von Suez aus hatten sich einige neue Gefährten mit ihren Kamelen an uns angeschlossen, unter anderm ein Beduine mit einem schwarzen Knaben, den er in Suez gekauft hatte. Ich konnte nicht mit diesem sprechen, die Weise aber, in welcher er sich öfters mir und meinen deutschen Reisegefährten näherte, und, wenigstens durch Blicke zu uns sprach, erregte in mir die vielleicht ungegründete Meinung, daß er ein Christ sey, und wie gern hätten wir ihn mit uns genommen, wenn er unsren Mitteln feil gewesen wäre. Gegen vier Uhr, nach einem ununterbrochenem Ritte von neun Stunden, sahen wir auf einem kleinen Hügel Palmenbäume und dabei einige Beduinen mit Kamelen. Es war der Brunnen Howara; das Marah der heiligen Schrift. Unsre Beduinen mochten hier noch nicht halten, sondern zogen etwa drei Viertelstunden weiter in eine ziemlich busch- und grasreiche, von Hügeln umschlossene Fläche, in der sich viele Spuren von Gazellen fanden. Ich und einige meiner jungen Freunde kehrten sogleich zurück zu dem Brunnen Howara, dessen klares, aber sehr bitteres Wasser eine beckenartige Eintiefung des Felsens ausfüllt, an welcher wahrscheinlich die Hand des Menschen mitbilden half. Meine jungen Freunde gelüstete es in der kühlen Fluth zu baden; ich besahe mir indeß die nächste Umgebung. Dem Brunnen gegenüber (rechts vom Karawanenwege) ist ein kleines Kesselthal, recht wie zu einer Lagerstätte von der Natur eingezäunt und eingerichtet. Der Boden ist dort an manchen Stellen feucht; es blüheten und wuchsen daselbst Kräuter, aus der Familie der Kreuzblüthigen, mit fetten, den Wohlstand des Standortes verrathenden Blättern[70]. Ich hatte mich auf eine Anhöhe des Kesselrandes gestellt und blickte hinüber nach der zum Untergang sich neigenden Sonne. Ich gedachte des Rechtes, das hier bei Marah Moses dem Volke Israëls stellte, als er sprach: »Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes gehorchen, und thun, was recht ist vor Ihm, und zu Ohren fassen Seine Gebote; -- so will ich der Krankheiten keine auf dich legen, die ich auf Aegypten gelegt habe, denn ich bin der Herr, dein Arzt.« -- Ja, Der hier das bittre Wasser heilte, daß es süß ward, wird auch an einer andren, verborgneren Tiefe sich erweisen als der Herr, dein Arzt. Meine jungen Freunde waren bereit zur Rückkehr nach der Lagerstätte; erst in einiger Entfernung vom Brunnen fiel es mir ein etliche Dattelnkerne in den Sandhügel zu stecken, die, wenn der Boden feucht genug wäre, hier bald herrlich aufgehen würden. Die Abenddämmerung war schon weit vorgerückt als wir die Unsrigen erreichten, aber der Vollmond ergoß ein reichliches Licht über das Thal und sein Gebüsch. Die Höhe über der Meeresfläche beträgt hier bei Marah nach Erdls barometrischen Messungen 484 Pariser Fuß. Dienstags den 21sten. Schon gestern hatten wir den mächtigen Dschebel Pharaun (den Pharaosberg) ganz nahe jenseit unsrer Lagerstätte liegen sehen. Den Weg am Meere hin, vorüber an der heißen Quelle des Hammam Pharaun oder Pharaosbad verwehrte uns jetzt in der Zeit des Vollmondes und bei dem eben herrschenden Winde, der hohe Stand der Fluth, wir nahmen deshalb unsre Richtung nach den östlichen Seitenthälern, die sich um das Vorgebirge herumziehen. Etliche von unsern Beduinen mit den Kamelen, welche die Wasserschläuche trugen, waren schon mit Tagesanbruch voraus nach Garandel gezogen, um dort frisches Wasser einzunehmen. Die Luft war in den ersten Morgenstunden erfrischend kühl; die Stimmung unsres Innren, die, wie die singende Lerche zum Aufschwung geneigt war, wurde durch den Anblick der Gegend erhöht, durch welche wir zogen, einer Gegend, welche zwar keineswegs schön, in unsrem gewöhnlichen Sinne, wohl aber anziehend im höchsten Grade war. Am Boden blüheten die +Gypsophila Rokejeka+ und das +Erodium glaucophyllum+; das Kreidekalk- und Sandsteingebirge an welchem wir vorbeikamen, zeigte oft pfeiler- und mauernähnliche Felsenmassen, die uns aus der Ferne wie Ruinen von Gebäuden vorkamen; in den Schluchten sahe man grüne Gebüsche, und daß es hier Weideplätze, wenigstens für Kamele geben müsse, das verriethen uns zwei junge Thiere dieser Art, die von dem gesellschaftlichen Triebe ihrer Natur bewogen sich zu den unsrigen gesellten, und, so oft sie auch von den Beduinen zurückgejagt wurden, immer wieder nachkamen, bis sie endlich am Nachmittag freiwillig zur Heimkehr sich entschlossen. Nach vier Stunden gelangten wir in ein sehr schönes, von Ost gegen West verlaufendes Thal, mit vielen wildwachsenden Palmen und Tamarisken; es war das östliche Ende des Thales Garandel; westwärts von hier, wie sie sagten in einer Entfernung von anderthalb Stunden, hatten unsre Beduinen heute das Wasser geholt. Ich konnte meinem Kamel nicht helfen, so sehr das gute Thier darüber brüllte, daß es hinter seinen Gefährten zurück bleiben sollte; es mußte niederknieen und mich absteigen lassen, denn ich wollte mich wenigstens etliche Minuten lang hier unter Elims Palmen ergehen, bei denen die Heere Israëls, von Marah herkommend sich lagerten. Denn daß Garandel das Elim der heiligen Schrift ist, wo damals siebzig Palmen an zwölf Wasserbrunnen standen, wird von den Reisenden und Schriftforschern allgemein angenommen. Wir sahen hier mehrere in den Felsen wohnende Vögel, auch Schwalben. Das Thal, welches sich in südöstlicher Richtung an jenes von Garandel anschließt, heißt Usaitu. Das Felsengewände zu unsrer Rechten enthielt einzelne Höhlen, an denen sich stellenweise Spuren der Menschenhand zu verrathen schienen. Wadi Usaitu wird auf seinem weitren Verlauf von einem andern Thale durchsetzt, welches fast von West nach Ost verläuft und Wadi Sal genannt ist. Wir kamen hieher um halb zwei Uhr des Nachmittags. Der sandige Boden ist reichlich mit Tamariskengebüsch bewachsen, zwischen welchem das damals trockne Bette eines Gießbaches verläuft, in dessen Tiefe allenthalben, beim Eingraben sich Wasser fand, so daß unsre Beduinen mit wenig Stichen der Schaufel einen Siechbrunnen der Wüste eröffneten, aus welchen unsre Kamele tranken. Wir behielten die Richtung des Hauptthales bei, welche nach Südost gehet. Nach einiger Zeit verließen uns etliche der Beduinen, die sich mit ihren Kamelen von Bessatin aus an uns angeschlossen hatten; sie hatten Mehl und andre Lebensvorräthe großenteils für das St. Katharinenkloster des Sinai geladen und schlugen den Weg zur Linken ein, welcher die südöstliche Richtung beibehält, während wir, denen ~Tor~ mit dem Hammam Musa ein Ziel der Reise war, uns zur Rechten nach dem Wadi Taibe wendeten, welches westwärts dem Meere sich zuwendet. In dem herrlichen Taibethal ließ uns doch Arabien auch einmal etwas von der Fülle seines Gewächsreiches merken. Ein kleines Bächlein, das sich wie ein Dämmerungsfalter des Oleanders schüchtern vor dem Strahl der Sonne, bald zwischen den Felsenstücken, bald hinter dem Gebüsch verbarg und zuletzt dem Auge zwischen den hohen Binsen eines Sumpfes entschlüpfte, floß am Grunde des Thales; unser Weg zog sich etwas erhöht zu seiner Rechten hin. Palmen erhuben da ihre hohen Wipfel, die Arabische Tamariske schlug zu ihren Füßen das Nomadenzelt ihrer dichten Zweige auf, unter welchem, sobald sie unsrer ansichtig wurden, die schnellfüßigen Laufhühner der Wüste sich verbargen. Mit den Arten des Springhasens zugleich bewohnten dieses Thal gewiß noch manche kleine Säugethiere der peträischen Wüste; die Gazelle wenigstens, dieß verrieth das Gebüsch, weidet hier oft und gerne. Die Meisten von uns waren abgestiegen, denn der Abend war nahe, und wir hofften, daß unsre Beduinen hier, in dem reichen Thale übernachten würden; sie aber ersuchten uns noch weiter mit ihnen zu kommen, bis zu einem ganz nahen Lagerplatz an der Mündung des Thales, am Ufer des Meeres. Wir hatten dieses »ganz nahe« in unsrem Sinne genommen und hofften, daß diese Ruhestätte beides zugleich, die Durchforschung des Thales und der Meeresküste möglich machen sollte, daher ließen wir ruhig die Kamele vorausgehen und ergötzten uns an dem Anschauen des erhaben schönen Engpasses, in welchen die Abendsonne mit gemildertem Licht hereinblickte. Vor uns, und dann bei der letzten Wendung des Thales, zu unsrer Linken, erhub jener bunte, streifenartig gezeichnete Sandstein seine burgartigen Felsenwände, der das Urgebirge der peträischen Halbinsel überall als niedrigerer Vorbau begleitet und in die Bergzüge zu beiden Seiten des Ghor sich fortsetzet. Er ist hier von ganz besonders dunkler Farbe; nachbarlich ziehen mit und neben ihm die Wände des Kreidekalkgebirges, an denen die knorpliche Cappernstaude (+Capparis cartilaginea+) ihre fleischigen, mit dornigen Widerhaken versehenen Blätter ausbreitete, und neben ihr noch manches andre Gewächs des Landes zum ersten Male im Leben unserm Auge im Freien begegnete[71]. Wir hatten noch ziemlich lange zu gehen ehe wir die Mündung des Thales und bei ihr die Lagerstätte erreichten, zu welcher unsre Kamele vorausgezogen waren. An ein Zurückkehren zu den interessantesten Punkten des Engpasses war nun, in so später Abendstunde nicht mehr zu denken und auch das Meer, durch dessen vorgespiegelte Nähe unsre Beduinen uns hinausgelockt hatten aus dem Thale, lag noch so weit von uns ab, daß nur einige unsrer jungen Freunde es noch heute erreichten, während wir Andern uns mit dem Sammeln von Jerichorosen und einigen Käfern[72], so wie der achatartigen Gerölle des Bodens vergnügten. Allerdings fanden aber hier die Kamele einen freieren, gefahrloseren Weideplatz, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Stätte auf der wir heute, am 21sten Februar, einer erquickenden Nachtruhe genossen, dieselbe, oder nahe dieselbe sey, auf welcher die Heere Israëls nach 4. Mos. 33, V. 10 ihre Lager aufschlugen, da sie von Elim ausgezogen waren. Der Mond, tief in Westen stehend, spannte sein Netz der Strahlen noch über das Meer aus, da ich am frühen Morgen des 22sten Februars aus dem Zelt heraustrat. Es schien mir fast noch zu frühe unsern Knecht zu wecken, ich wollte, ohne jemand zu stören die Morgendämmerung über das Hochgebirge in Osten heraufsteigen sehen, einer der Beduinen aber erwachte und weckte sogleich seine Gefährten, so wie die Knechte; bald flammten die Feuer und ehe die Sonne noch auf die Zinnen der Felsen trat waren die Zelte schon abgebrochen, die Kamele beladen. Einige der Freunde giengen zu Fuße voraus an das nachbarliche Meer; etwas später folgte die Karawane nach. Es war ein genußreicher Morgen. Das Gebirge das uns zur Linken in Osten sich erhob, ist, so kahl es auch erscheint, ein wahrer Lustgarten der Wüste, den die gestaltende Weisheit mit den wundervollsten Anlagen geziert hat. Es ist von tiefen Engthälern und Klüften durchschnitten, seine Wände steigen nach einer Symmetrie der Wildniß eine neben und über der andren empor, so daß das getäuschte Auge die Mauern von Kastellen und Ruinen von Thürmen zu erblicken wähnt. Die vorherrschenden Felsarten scheinen, außer dem Urgebirge ein rothfarbiger Sandstein mit Porphyr, bunter Sandstein und neben beiden der Feuersteinhaltige Kalk; auf dem Boden, über den wir hinritten, lagen häufig die Geschiebe und Trümmer von Porphyr, Granit, Urgrünstein, Sandsteinbreccien, dunkelfarbige Feuersteine und Kalkspath der zuweilen fast durchsichtig war. Unser Weg trat nach einiger Zeit so nahe ans Meer, daß die Kamele durch das Wasser hindurchwaten mußten; der Lauf unsrer Fußgänger wurde hierdurch unterbrochen, doch hatten sie schon auf ihrem kurzen Wege eine schöne Ausbeute an Conchylien gemacht[73]. Noch vor Mittag kamen wir an der Mündung des Nassebthales vorüber, welches zum Mokkatebthale führt, durch das sich der gewöhnliche Weg nach dem Sinai hinzieht. Wie gerne hätten wir diese Straße eingeschlagen, durch welche nach der Ansicht der meisten Schriftforscher die Heere Israëls zogen und die auch für den Freund des Aegyptischen Alterthumes und der Natur ein so hohes Interesse hat! -- Denn hier und weiterhin im Feiranthale findet er die so oft von den Reisenden erwähnten Felsenwände und Monumente, welche mit Inschriften und Aegyptischen Hieroglyphen beschrieben sind; die ersteren in Charakteren, welche noch keiner unsrer Gelehrten zu lesen und zu deuten vermochte; dabei die Spuren eines uralten Kupferbergbaues[74] und die Ruinen einer ansehnlichen Aegyptischen Bergstadt. Ueberdieß sind es auch diese Thäler, in deren Felsenklüften ein schöner Kallait (Türkis) und manche seltne Pflanze gefunden wird. Wir mußten jedoch diesmal den Wunsch, diese Thäler zu sehen, aufgeben, da uns der Besuch der Küstengegend bei Tor für einen der Hauptzwecke unsrer Reise wichtiger erschien. Am Nachmittag sahen wir zu unsrer Linken die Höhenzüge des Wadi Mokkateb; vor uns in Süden trat ein Vorgebirge heraus ans Ufer. Ein starker Wind aus Westen hatte sich erhoben; das Meer gieng in hohen Wogen; am andern gegenüberstehenden Ufer erkannte man in voller Deutlichkeit das Cap Doffa oder Zafraneh; weiter im Südwesten die Höhen der Anachoreten und das hohe Gebirge von Kolzum. Unsre Beduinen wollten uns vom Meere hinweg, landeinwärts führen, wir aber bestunden darauf hier zwischen dem Gebüsch der Tamarisken, unmittelbar am Ufer zu übernachten. Zwar erschwerte der Sturmwind das Aufschlagen der Zelte und das Anzünden des Feuers, doch wurden zuletzt die Schwierigkeiten beseitigt und wir durften nun noch einige Stunden lang (denn es war erst vier Uhr des Nachmittags) an der herrlichen Küste uns ergehen. Wir befanden uns hier in einer Nachbarschaft, aus der uns von allen Seiten Eindrücke entgegen kamen, welche diesen Abend zu einem der unvergeßlichsten und schönsten der ganzen Wüsten-Reise machten. Die Abendsonne stund gerade über jenen Höhen, die ich so gerne mit meinen Füßen betreten hätte, nun aber doch mit meinen Augen sehen durfte: über den Höhen in deren Klüften und Höhlen die Altväter der ersten, christlichen Jahrhunderte ihr stilles Leben führten. Dort zwischen dem Ras Doffa und dem Dschebel Kolzim liegt, nach beiden Seiten von tiefen Meeresbuchten begränzt, die Felsengrotte von Paulus, dem ältesten der Anachoreten; jenseit des ungangbar steilen Berges, an seiner Nordwestseite war die Wohnung des Altvaters Antonius und seiner Schüler. Anjetzt steht an dem einen Orte, über der Grotte Paulus des Anachoreten das Kloster des heiligen Paulus, über der andern das Kloster des h. Antonius, beide bewohnt von Koptischen Mönchen der strengsten Ordnung, welche mitten in den hohen Ringmauern, die beide Versammlungsorte der Einsamen umgeben, kleine Hütten oder Zellen bewohnen, deren jede nur einen von ihnen beherbergt; zum gemeinsamen Versammlungsort ist die Kirche bestimmt. Jährlich etliche Male wird das Kloster mit den unentbehrlichsten Bedürfnissen: mit Mehl, Bohnen und andren Stoffen der täglichen Nahrung versorgt; einige andre Erquickungen und frische Früchte gewähren die Gärtlein, die der Fleiß der Mönche innerhalb der Ringmauern, mitten in der Wildniß begründet hat, denn in jeder der beiden Wohnstätten ergießt sich ein reichlicher Quell, dessen Abfluß bei dem des h. Antonius ausserhalb der Ringmauern sich sammlet und hier noch die vorüberziehenden Beduinen sammt ihren Kamelen und Ziegen tränkt. Diese Arabischen Fremdlinge, die sich fast aller Rechte und Besitzungen der älteren Bewohner bemächtigt haben, gleich als meinten sie, daß nur ihnen, den Gläubigen des Islam zu leben, den Ungläubigen aber zu sterben gebühre, hatten auch, bis zur Regierungszeit des Mehemed Ali, der den Christen Schutz gewährte, den armen Mönchen ihr Leben gar sauer gemacht. Diese mußten, in beständiger Gefahr des Lebens, neben dem Gebetbuch öfters auch Flinte und Schwert zur Hand nehmen und den Zudringlichkeiten der Feinde namentlich dadurch begegnen, daß sie alle Thüren zu ihren Klöstern von außen vermauerten; Fremde, welche diese Einsamen besuchen wollen, werden, wie am Sinai, durch ein Seil hinaufgezogen, zu einer Fensteröffnung. Der Herzog von Ragusa beschreibt in seiner sehr interessanten Reisebeschreibung einen solchen Besuch, den er den Mönchen machte, und schildert uns zugleich ihren jetzigen Zustand. Als Pater Sicard hier war, fand er im Kloster des h. Antonius einen Prior, der sich eifrig mit Alchymie beschäftigte und es ist leicht zu begreifen, wie ein solcher Aufenthalt zu Forschungen nach dem Geheimniß des Seyns und Werdens der Dinge auf geraden wie auf krummen Wegen hinführen müsse. -- Wenn man in nächster Richtung über das steile Gebirge hinüber zu klettern vermöchte, wäre der Abstand von einem zum andern Kloster nur gering, so aber gelangt man nur auf weitem Umwege, um den Berg herum, von St. Antonius zu St. Paul, wie denn, nach der frommen Sage, die beiden Anachoreten, deren Namen die Klöster führen, viele Jahre lang nachbarlich gewohnt hatten, ohne daß einer von dem andern etwas erfuhr. Von dem Flug über das Meer hinüber, in die Ferne grauer Gebirge, wie grauer, ehrwürdiger Zeiten, ruhete jetzt die Betrachtung in der Nähe aus. Ich war mit der Hausfrau gegen Süden am öden Meeresstrand hinabgegangen, einige unsrer jungen Freunde hatten sich andre Punkte zu ihren Forschungen erlesen. Nicht sehr fern von unsrer Lagerstätte lagen die Trümmer einiger gescheiterten Schiffe am Lande. Sie hatten großen und schönen Arabischen Fahrzeugen angehört, wie die Zierrathen und gemahlten Arabesken der Bruchstücke, sowie ihre weite Ausdehnung dieß bezeugten. Das Holz lag frisch und unversehrt am Strande, als sey der Schiffbruch erst vor Kurzem geschehen; die Spuren der Schiffer, wenn ihre Leichname das Land erreichten, hatten die Hyänen vertilgt oder vorüberziehende Beduinen hatten die Gebeine mit Sand verdeckt. Hier an dieser Küste fanden wir eine Mosaikarbeit des Gewässers, welche zu den schönsten dieser Art gehörte, die ich jemals sahe. Die bunten Gerölle des Strandes, rothe wie grüne, gelbe wie weisliche und braune, sind durch ein kalkiges Cäment zu einer festen Masse verbunden, die sich, wenn sie geschliffen würde, zu herrlichen Arbeiten benutzen ließe. Ich sahe auf meiner Rückreise zu Florenz in der Großherzoglichen Mosaikfabrik eine Tafel von derselben Breccie und der kenntnißreiche Director der Anstalt erzählte mir, daß das Material dazu durch einen Ostindienfahrer, wahrscheinlich aus dem rothen Meere gebracht worden sey. War hier schon der Boden so reich verziert, so stund das, was auf diesem Boden lag und wohnte, wenigstens in gleichem Werthe mit dieser Wohnstätte. Wir hatten noch nirgends sonst in einen solchen Verkehr mit den lebendigen Bewohnern des rothen Meeres treten können als hier; die Arten der Käfer- und Napfschnecke, dazu die Monodonten und Mondschnecken hatten sich haufenweise an den Klippen versammlet, als begehrten sie, durch Aufnahme in unsre Sammlung, in jenen Strahlen sich zu sonnen, durch welche der erkennende Menschengeist einen Antheil seines eignen, unsterblichen Wesens auf das sterbliche und vergängliche Gebilde der Creatur überträgt. Auch eine schöne, große +Doris+ wurde gefunden. Die Fluth fieng an zu steigen, uns ergieng es wie neugierigen Fremden, welche, während der König bei Tafel saß, einige Säle seines Pallastes besahen; wir mußten, da das Meer in seine Behaußung der schönfarbigen Klippen zurückkehrte, entweichen. Wir brachten, nach der Abendmahlzeit des gekochten Reißes, noch einige vergnügte Stunden vor unsrem Zelte zu. Der Sturm hatte sich gelegt, nur das aufgeregte Meer brauste noch gewaltig gegen die Klippen. Donnerstags den 23ten Februar zogen wir von früh halb sieben Uhr, anfangs auf einer Ebene hin, auf welcher man das Meer noch im Gesicht und zuweilen ziemlich nahe hat. Die Aussicht nach dem gegenüberliegenden Ufer war heute bei weitem nicht so klar und deutlich als gestern vor Sonnenuntergang. -- Auf dem grobsandigen Boden zeigten sich bunte Feuersteine, auch Porphyr und stellenweise ein fast opalartiger Holzstein. Vor uns in Süden, bemerkten wir die Jas Jehan Landspitze die hier weit ins Meer vortritt; ostwärts von ihr den Anfang jenes, meist nur etliche hundert Fuß hohen Hügelzuges der Küste, welcher als Dschebel Heman bis in die Nähe von Tor sich hinzieht. Unser Weg entfernte sich nun vom Meere, denn er zog sich hinüber nach der Ebene el Kaa, welche von einigen Schriftforschern für die Wüste Sin der heiligen Schrift gehalten wird und die zur Rechten von den niederen Küstenhöhen des Heman, ostwärts aber, zur Linken von dem Hochgebirge des Serbal begränzt wird. Nach drittehalb Stunden, (um 9 Uhr Vormittags) kamen wir in ein Kesselthal, worinnen vieles Strauchwerk wuchs. Wahrscheinlich war dieß der Ort, wohin uns gestern Abend unsre Beduinen gern noch geführt hätten; so angenehm jedoch auch diese Lagerstätte den Kamelen gewesen wäre, so genußlos hätten wir hier, im Vergleich mit dem herrlichen Ruheplatz am Meere, die Abendstunden versessen. Doch enthielten die Felsenwände zur Rechten einzelne kleine Höhlen, in welche wir gern hineingeblickt hätten. Der Himmel war indeß trübe geworden; der Sturm hatte sich wieder sehr stark erhoben und fiel uns, als wir jetzt auf die Ebene Kaa heraustraten, so heftig an, daß unsre beladenen Kamele nicht gut weiter konnten und wir schon um 3 Uhr des Nachmittags Halt machen mußten. Unser Lagerplatz war eine hoch gelegene Fläche, welche nirgends Schutz gegen den Wind bot, dazu war der Boden steinig, so daß die Zeltpfähle nur mühsam befestigt werden konnten; die Aussicht aber nach dem ganz nahe scheinenden Hochgebirge in Osten, das den äußern Rand des Feiran und Nadie-Thales bildet, war so schön, daß wir uns bald ganz einheimisch fühlten. Einige von uns giengen aus, um bei der Natur des Landes einen kleinen Besuch zu machen, aber der Wind wehte so stark und dabei so kühl, daß wir, ohne die Landcharte es wohl schwerlich errathen haben würden, daß wir heute zwischen den 28ten und 29ten Grad der Breite eingetreten seyen; noch dazu in dieser Jahreszeit. Auch fanden wir im Ganzen wenig Pflanzen und keine unter ihnen, die wir nicht schon früher gesammlet hatten, wir kehrten deshalb zu unsrem Zelte um. Am Fuß des östlichen Gebirges bemerkten wir die schwärzlichen Hüttenzelte einer Beduinenhorde und neben ihnen einige Heerden von Ziegen und Schafen. Ein Lamm und ein Zicklein wurden uns zum Verkauf gebracht; wir ließen das erstere zu einer Mahlzeit für uns Alle bereiten, wovon auch unsre Beduinen ihren Antheil erhielten; es fehlte zu diesem seltnen Mahle nichts als ein gutes, trinkbares Wasser, denn das in unsren Schläuchen schmeckte sehr salzig und widerwärtig. Unser Nachtlager hatte 340 Fuß Höhe über dem Meere. ~Freitags~ den 24ten. Der Sturm hatte sich gelegt, die Sonne schien hell; wir ritten auf der sich allmälig gegen Süden absenkenden Ebene Kaa hinab, über ausgetrocknete Betten der Gießbäche, in denen Jerichorosen von ganz besondrer Größe stunden. Neben uns und vor uns in Ost und Südost zeigte sich jetzt das Hochgebirge der Sinaitischen Halbinsel in seiner ganzen Majestät, doch verdeckte uns der vorstehende, hohe Serbal die Aussicht nach dem eigentlichen Sinai und seine Nachbarschaft. Der Anblick dieser Gebirge, der Gedanke, daß wir nun so nahe seyen dem einen Hauptziel unsrer Reise, weckten Empfindungen auf, welche, wenn auch nicht dem immer sich gleichbleibenden Gange der Kamele, so doch dem innren Bewegen der Seele Flügel gaben, auf denen sie, zwar nicht wie der Adler, wohl aber wie die Lerche emporstieg zum Gesange. Rechts neben uns hatten wir noch immer den niedrigeren Zug der aus Kreidekalk und Sandstein bestehenden Küstengebirge, die ich unter dem allgemeinen Namen des Heman bezeichnen will. Am Nachmittag begegneten uns mehrere zu Fuße wandernde Beduinen, auch ein einzelnes Weib, welches einen Korb aus Palmenflechtwerk auf ihrem Haupte trug. Uns war es so etwas Neues und Ungewohntes geworden, Wanderern auf dem Wege zu begegnen, daß wir uns wieder in bewohntem Land zu befinden glaubten; die tiefen Wasserrisse, welche die Regenfluth in den sandigen Boden gegraben hatte, erschienen uns als Hohlwege unsrer Straßen. Wir sahen jetzt in der Ferne ein grünendes Thal voller Palmen. Es war das Wadi (Saib) beim Hammam Musa oder Mosesbad, wo sich um das thurmartige Wohngebäude eines griechischen Mönches, der die Aussicht über den Palmengarten hat, mehrere Landhäußer der Bewohner von Tor und Hütten der Araber angebaut haben. Wir kamen hier um 5 Uhr an. Dort sahen wir zum ersten Male die schöne Doompalme der Thebais (+Cucifera thebaica+) mit ihren gabelartig zertheilten Aesten. Unsre Beduinen hätten sehr gerne hier übernachtet, wo sie Alles fanden, was sie zur Pflege ihrer Kamele bedurften, und wir hätten, wie wir am andern Morgen einsahen, sehr wohlgethan, ihnen zu folgen. Da wir jedoch von dem Oertlein Tor und von all den Naturgegenständen, die wir dort finden würden, zu große Erwartungen hegten und überdieß meinten Tor sey ganz nahe am Wadi, ließen wir die schon zum Theil von ihrer Bürde entledigten Kamele noch einmal beladen und zogen nach Tor hin. Auf dem Wege begegneten wir unsrem Dragoman, der mit einem Empfehlungsbrief vorausgegangen, in Begleitung des Griechen, an welchen jener Brief des Herrn Girgis in Suez gerichtet war. Wir kamen erst mit Einbruch der Nacht bei Tor an; der Grieche lud uns freundlich ein, bei ihm zu wohnen, wir aber zogen es vor in und bei unsrem Zelte zu bleiben, das wir ganz nahe bei den Mauern des Städtleins, neben einer Lage von Schiffsbauholz aufschlugen. Freilich gewährte hier das Schiffsvolk eines vor Anker liegenden Arabischen Fahrzeuges gerade nicht die erwünschteste Nachbarschaft; um so mehr da alle unsre Beduinen nach Saib zurückgekehrt waren. Der Abend außen im Freien war jedoch herrlich. Canopus und Sirius leuchteten hell am Himmel; aus den Zweigen eines auf der Ebene stehenden Hamadbaumes (+Ficus Pseudo-Sycomorus+) tönte ein Gesang, wie uns schien der Cicaden, der dem Klange metallener Cymbeln glich. Das Meer war ruhig, wie die milde Luft. Desto unruhiger fanden wir es aber in und bei dem Zelte; denn der Boden wimmelte von jenen kleinen, blutdürstigen Flöhen, welche hier wie bei Bessatin den Sand bewohnten. Kurz vor uns hatten hier einige Schiffe mit Hadschis gelandet und das arme Volk an unsrer Lagerstätte mehrere Tage verweilt; auch hatte eine Familie von verwilderten Hunden bei dem Bauholz ihre Herberge. Doch die Nacht vergieng auch und der Tag brach wieder an, so klar und heiter wie er nur diesen Ländern des Südens sich zu nahen pflegt. Wir blieben heute, am 25sten in Tor. Dieses sonderbare Oertlein gleicht einer zusammengesetzten Blume aus der 19ten Linneischen Klasse, in welcher eine große Zahl kleiner Blüthlein auf gemeinsamem Fruchtboden eng zusammengedrängt steht und von einem gemeinsamen Kelch umgeben ist; der Blüthe etwa einer unscheinbaren Art von Flöhkraut (+Pulicaria+). Denn die Häuser, in allem gegen vierzig, sind in einen Klumpen zusammengedrängt und diese Gesammtmasse schließt mit ihren äußern Mauern so dicht an einander, daß von außen hinein nur einige gemeinsame Eingänge sind; statt der Gassen finden sich nur einzelne Klüfte zwischen den Hütten. Ursprünglich war Tor aus zwei sogenannten Stadttheilen zusammengesetzt, davon der eine vormals von Arabern bewohnte, in Trümmer verfallen ist, während die sogenannte Christenstadt (Beled el Naisar) noch fortbesteht. So armselig aber auch die Form und Einrichtung dieser sogenannten Häußer (Hütten) ist, so wunderlich kostbar erscheinen ihre Mauern dem Auge des Naturforschers. Denn wie anderwärts das verarmte Geschlecht der späteren Zeit Trümmer von Statuen und kostbaren Bauwerken der Vorzeit in seine Mauern eingeflickt hat, so sind in Tor die Häußer aus Madreporengehäusen gebaut, davon manches eine Zierde unsrer Sammlungen seyn könnte. Die Bewohner des Hüttenhaufens oder Städtleins sind griechische Christen, deren Voreltern vor mehreren hundert Jahren hieher vor den Bedrückungen der Türken sich flüchteten. Ihr Haupterwerb besteht in dem Verkauf von allerhand Lebensbedürfnissen an das Schiffsvolk der hier anlandenden Fahrzeuge und in dem Handel mit dem Erdöl, das sie an der gegenüber liegenden Aegyptischen Küste, bei Zente sammlen: ihre tägliche Speise reicht ihnen das Meer, an Fischen und andren Seethieren, so wie das benachbarte El Wadi an Datteln. Denn dort finden sich mehrere bedeutende Pflanzungen von Dattelpalmen, deren ansehnlichste den Mönchen von St. Katharinenkloster am Sinai angehört, welche dieselbe mitten in der Wildniß begründet haben. Einer von ihnen, ein alter, fast achtzigjähriger Mann wohnt als Aufseher da, in einem viereckigen, thurmartigen Gebäude, das keine eigentliche Thüre hat, sondern in welches man auf einer Leiter, durch eine Art von hochgelegenen Fenster hineinsteigt. So oft der Alte hinauf ist in seine kleine Burg zieht er die Leiter hinter sich drein und ist nun da in Sicherheit. Diese Vorsichtsmaßregel war wenigstens in frühern Zeiten eine sehr nöthige. Damals war es kein leichtes und angenehmes Geschäft hier in Tor Garteninspector zu seyn. Wenn der alte Mann sich das ganze Jahr mit der Reinigung und Pflege seiner Bäume abgemüht hatte, und es kam nun die Zeit wo diese ihre Früchte reiften, da stellten sich auf einmal ganze Schaaren von Beduinen mit Weibern und Kindern ein, kletterten über die Gartenmauer hinüber und an den Bäumen hinauf und beraubten diese so, daß gewöhnlich kaum so viel von dem alljährlichen Ertrag des Gartens übrig blieb als zum Lebensunterhalt des alten Aufsehers nöthig war. Und auch diesen übrigen Bissen so wie das Brod das er sich buk oder aus dem Sinaikloster zugesendet bekam, mußte der gute Alte mit seinen braunen Raben: den Beduinen theilen. Denn diese, wenn sie zu Land oder Wasser an El Wadi vorbei kamen, sprachen jederzeit bei dem Thürmlein zu und schrieen da nach Brod und andrem Futter, das der Greis, wenn er nicht in Belagerungsstand bleiben wollte, ihnen durchs Fenster an einem Seile herablassen mußte, was nicht immer ohne Gefahr blieb, da die Gäste, wenn ihnen die Gabe nicht zureichend dünkte, zuweilen mit Steinen nach ihm warfen. Ganz anders hat sich jedoch die Sache gestaltet seitdem ~Mehemed Ali~, dieß möge dankbar anerkannt werden, alle Christen seines Landes und namentlich auch diese armen Mönche in seinen besondren Schutz gegen die Gewaltthätigkeiten der Mohamedaner genommen hat. Anjetzt dürfen die Raben wenigstens nicht so öffentlich und in Masse auf Plünderung ausgehen, sondern müssen sich mit dem begnügen, was die in der That große Gutmüthigkeit und Freigebigkeit der Mönche ihnen freiwillig zukommen läßet. Dabei bleibt nun jetzt so viel von dem Ertrag des Palmengartens in El Wadi übrig, daß nicht nur das Kloster reichlich mit Datteln versorgt werden kann, sondern daß der Verkauf dieser Früchte, so wie des aus ihnen bereiteten Racki's nach Kairo, wie man sagt, einen jährlichen Ertrag von 4000 Dollars (Speciesthalern) abwirft. Indeß hatten sich denn auch, mit der Sonne zugleich, die Bewohner des Oertleins wieder von ihrer nächtlichen Bergungsstätte aufgemacht; unser Gönner, Herr ~Malam Nicoli~, welcher der vornehmste Bewohner von Tor zu seyn scheint, kam zu uns heraus und fragte uns ob wir ihm Aufträge zu geben hätten. Wir bestellten uns Fische bei ihm für den heutigen Mittag und begaben uns dann sogleich an die Vertheilung des heutigen Tagwerkes; Einige von uns giengen gegen Süden auf Nachforschungen aus, Andre nach Norden, beide Theile aber hielten sich so nahe als möglich zur Meeresküste. Es ist, wenigstens in dieser Jahreszeit, nicht leicht, in der Umgegend von Tor Fußwandrungen zu machen. Der Boden, namentlich an der nördlichen Seite der Stadt, besteht meist aus einem schlammigweichem, von Salz durchdrungenem Thon, der so zäh ist daß der Fuß bei jedem Schritte festgehalten wird und einsinkt, doch giebt es dazwischen auch wieder kiesigen oder sandigen Grund. Südwärts von der Stadt kommt man zu den Ruinen eines alten Sarazenischen Kastells, welches so dicht ~am~ Meere ja während der Fluth ~in~ demselben steht, daß es, wie L. Laborde sehr treffend bemerkt, zu einem jener Beweise dienen kann, aus denen hervorgeht, daß das rothe Meer seit einer Reihe von Jahrhunderten nicht an Höhe abgenommen und vom Lande sich zurückgezogen habe, sondern daß dieser Anschein, welcher wirklich in einigen Gegenden vorkommt, nur von der Zunahme des Sandes durch Wind und Wellen erzeugt wurde. Mehrere Korallenriffe breiten sich, in einiger Entfernung von der Küste, im Meere aus; die Küste selber ist reich an Schaalengehäußen. Interessanter noch und bedeutender als der südliche, erschien uns der Küstenstrich der sich nordwärts von Tor, nach El Wadi und nach den Abhängen des Heman hinzieht. Diesen Weg schlug ich in Begleitung der Hausfrau und des Herrn Franz ein, während +Dr.+ Roth sich zu der warmen Quelle des Mosisbades oder Hammam Musa begab. Wir giengen am Landungsplatz der Schiffe hin und betrachteten zuerst die Ruinen des armseligen, Arabischen Stadttheiles, dann den Hafen, welcher von Natur ziemlich sicher und wohlgelegen ist. Der Anblick des Gesindels, das in etlichen elenden Fahrzeugen hieher gekommen war, konnte nur Eckel einflößen, doch hätte ich nicht an abgelegner Küste und allein unter dieses halbnackte Volk gerathen mögen, das in früherer Zeit durch seine Seeräubereien und Mordlust Einheimische wie Fremde in Schrecken gesetzt hat. An der felsigen Küste lagen die Bruchstücke von mehreren Tangarten, welche die Fluth oder zum Theil auch die Menschenhand dahin geführt hatte[75], denn ein Pflanzensammler findet hier mehr Gelegenheit sich mit dieser Familie der Seegewächse zu bereichern als mit Arten der vollkommneren Landgewächse. Wir suchten jetzt über die breite Landzunge hinweg den Abhang des Heman zu erreichen. Hier aber fanden sich eben jene Schwierigkeiten des Fortkommens, von denen ich vorhin sprach. Was wir von ferne für klaren, weißen Meeressand gehalten hatten, das war salzthoniger Schlamm, in welchem sich hin und wieder kleine Hügel erhuben, auf denen ein niedres Tamariskengesträuch grünte oder Zygophyllen und die holzigen Stämmchen der +Iphiona scabra+ mit den fast nadelnartigen Blättlein wuchsen. Nur an wenig Punkten blühete die Moricandie und die Aegyptische Farsetie, so wie der Arabische Lotus. Da wo der Boden aus minder feuchtem, feinem Sand bestund, bemerkten wir häufig Spuren von Thieren, welche darüber gekrochen seyn mußten, wir glaubten anfangs diese Spuren rührten von großen Schlangen her, überzeugten uns jedoch später, daß sie von Seekrebsen herkommen, welche mit ihrem gegliederten Unterleibe sie dem Sande einprägen. Denn diese Thiere gehen bei Nacht schaarenweise aus dem Wasser heraus ans Land, um sich neben der Kost, die ihnen das Meer darreicht, auch an einzelnen Pflanzenblättern, vorzüglich wohl an den fleischig dicken des Canarischen Immergrünes (+Aizoon canariense+) zu erquicken, welches hier ziemlich häufig wächst. Endlich hatten wir doch, mit vieler Anstrengung, einen vorspringenden Punkt der Landzunge erreicht, auf welchem wir, in ziemlicher Ausdehnung den höhlenreichen Felsenabhang des Heman überblicken konnten. Abgesehen von dem großen Interesse das dieser Kalkhügelzug durch seine zahlreichen Versteinerungen für den Naturfreund hat, gewährt er auch dem Freunde der Geschichte und Sprachen mannichfachen Stoff zu Forschungen und Entdeckungen, denn wenn man einige Stunden weit an seinem Abhange hingeht, da findet man zuerst, in geringer Entfernung von El Wadi, jene zahlreichen Höhlen, welche vormals Hunderten von griechischen Mönchen zur Wohnung dienten, bis die beständigen Mishandlungen der Beduinen die Wehrlosen nöthigten sich in den Schutz der Klostermauern des Sinai zurückzuziehen. Man findet hier viele griechische Inschriften; eine ist vom Jahr 1633. Die Nachkommen der Mörder oder Bedrücker jener Einsamen, die jetzigen Beduinen, haben kein gutes Gewissen, wenn sie den Einsiedlerwohnungen des Hemangebirges sich nähern; sie wagen es niemals in oder bei einer solchen Höhle zu übernachten, weil nach ihrer Meinung feindselig abwehrende Geister darinnen hausen. Nur wenig jenseits der Einsiedlerhöhlen liegt die reiche Dattelnpflanzung Abu Suwara, welche wir von unsrem Standpunkte aus noch deutlich zu erkennen glaubten, noch weiter nordwärts folgt jener Dschebel Mokkateb, welchen man, zum Unterschied von dem früher erwähnten höheren Gebirge dieses Namens, den kleinern nennen könnte. An den Felsenwänden des kleinen Mokkateb finden sich viele jener beachtenswerthen Inschriften, deren Worte noch kein neuerer Sprachforscher zu lesen und zu deuten wußte; diese hier sollen mit der altphönizischen (?) Inschrift in Malta Aehnlichkeit haben. Ganz nahe am kleinen Mokkateb findet sich der 400 Fuß hohe amphitheatralische Dschebel Nakus oder Berg der Glocke, der aus zusammengestürzten Sandsteinfelsen besteht, über deren Klüften Flugsand hingebreitet liegt. Wenn man über den Sand hinansteigt, fällt dieser in die Zwischenräume des Felsensturzes hinein und erregt durch sein Hinabrieseln einen Ton, gleich jenem eines fernen Glockengeläutes, das zuletzt in einem Brausen endet. Die Beduinen glauben es sey hier ein Christenkloster verschüttet, von dessen Glocken der Ton herkäme. Näher als das Kalk- und Sandsteingebirge des Heman, mit seinem Dschebel Mokkateb und Nakus lag uns der Hammam Musa oder das Mosisbad im El Wadi. Dieses ist ein ummauerter Quell von klarem Wasser, das eine Temperatur von 27 Grad Reaumur und einen bitterlich salzigen, dabei etwas schweflichen Geschmack hat. Die hiesigen Christen halten El Wadi mit seinen Palmenpflanzungen für das Elim der heiligen Schrift und auch die Bekenner des Islam bezeugen diesem Quell »in welchem Moses der Prophet sich badete« eine ganz besondre Verehrung. Die Mekkapilgrime pflegen auf ihrer Hin- und Herreise in dem Hammam Musa zu baden, dessen Wasser sie vielfache Heilkräfte, namentlich gegen Hautkrankheiten zuschreiben. Schon dieser Gebrauch möchte uns Europäern die Neigung benehmen den Quell zu kosten, der übrigens auch von den Eingebornen nur zum Wässern der Gärten und zum Tränken der Kamele benutzt wird, während die Einwohner der Gegend so wie die Mannschaft der hier anlandenden Schiffe ihr Trinkwasser aus einigen Brunnen schöpfen, welche näher gegen Tor hinliegen. Der Naturforscher findet in dem warmen Wasser des Mosisbades ein kleines Fischlein von seltener Art: den +Lebias dispar+; zugleich wachsen da Arten der Armleuchterpflanze (+Chara fragilis+ und +tomentosa+); außenher das binsenartige Cypergras (+Cyperus junciformis+) und die Seeuferbinse (+Juncus maritimus+). In der Zeit des Regens und des Aufthauens des Gebirgsschnees fließt durch El Wadi ein starker Gießbach, der zuweilen so anschwillt, daß er den Pflanzungen schadet. Als wir gegen Mittag wieder nach Tor und zu unserm Zelt zurückkehrten, hatte sich da ein Handelsgeschäft mit den Bewohnern des Oertleins eröffnet, das uns sehr zur Unterhaltung diente. Kinder und auch Erwachsne brachten allerhand Gehäuse von Seethieren zum Verkauf, unter andrem die einem versteinerten Blätterschwamm gleichende, weiße +Fungia agariciformis+, die auf den hiesigen Corallenriffen häufig vorkömmt, wo sie, die zackig eingekerbten steinernen Blätter (welche beim Schwamm an der untern Seite stehen) nach oben gekehrt, aufliegt. Mit dieser Blätterschwammcoralle zugleich brachte man uns Pavonien, Agaricien und Anthophyllen, nicht immer in brauchbarem Zustande, dabei manche schöne Seeschnecke und Muschel. Die Fische, welche Herr Malam Nicoli uns besorgt hatte, waren ganz unglaublich wohlfeil (das Pfund der beßten etwa drei Kreuzer) und dabei ganz vortrefflich[76]. Einem der schönsten und größesten (es war die +Perca miniata Forsk.+), wollte +Dr.+ ~Erdl~ die letzte Ehre anthun, die man den alten Aegyptischen Pharaonen erzeigte; er wollte wenigstens seine buntfarbige Haut und schöne Form vor dem schnellen Vergehen bewahren, indem er sie zum Ausstopfen zugerichtet für die Grabeshallen unsrer academischen Sammlung zubereitete, aber der Fleiß war verloren, denn in der darauf folgenden Nacht kam unser Nachbar: einer der verwilderten Hunde, die neben uns im Bauholz schliefen, und holte sich die hoch am Zelte hängende, so mühsam präparirte Haut, ohne sich durch das Nachschreien der erwachten jungen Freunde aufhalten zu lassen. Dafür fiel uns am Nachmittag noch eine Krähe in die Hände, welche, der unsrigen sehr ähnlich, sich dennoch durch ihre Stimme und ihren Flug als Fremdling verrieth und dabei der Flinte des +Dr.+ Erdl zu nahe kam. Ueberhaupt war die Ausbeute dieses Tages für unsre Sammlung ziemlich bedeutend gewesen, und auch ohne dieses beschloßen wir die zweite Woche unsres Lebens in der Wüste in ganz besonders fröhlicher Stimmung; ich glaube nicht daß die Bewohner von Tor jemals sonst so viele Lieder des deutschen Volkes vernommen haben, als wir diesen Abend hier am Meere sangen. Und es war gut daß wir so wohlgemuth und etwas später als gewöhnlich zu unserm Nachtlager kamen, denn hier begann alsbald wieder die Plage der vorhergehenden Nacht; das lästige Jucken und Zucken aller Glieder, das die kleinen, im Sande wohnenden Insekten hervorriefen. Es war ein Nachhall von Mirjams, der Aussätzigen Qual, und gerne hätte man, gleich den Mekkapilgrimen die schmerzende Haut in das Mosisbad getaucht, wenn dieses näher gewesen wäre. Am Sonntag den 26sten Februar waren zwar wir schon vor Tagesgrauen munter und froh darüber, daß die Nacht zu Ende sey, aber unser frühes Aufstehen half uns wenig oder nichts zum zeitigen Fortkommen, denn die Beduinen mit ihren Kamelen waren noch in El Wadi; bis diese kamen und uns sammt unsern Sachen aufluden wurde es fast acht Uhr. Wir hatten uns indeß bei dem freundlichen Herrn Nicoli verabschiedet und dem Arabischen Schiffsvolk zugesehen, welches auch Anstalt zu seiner Abreise machte. Der Weg führte uns zuerst wieder zurück nach El Wadi, von wo wir hergekommen waren, hier sammelten wir noch einige Früchte von der Doompalme, erbeuteten ein schönes Wüsten-Laufhuhn (+Pterocles+) und zogen dann längs dem Bette des Gießbaches, der sich in der Regenzeit durch El Wadi ergießt, hinanwärts gegen das östliche Gebirge, welches die südliche Wandung des Serbal bildet. Unsre Beduinen hatten uns gesagt, daß wir heute noch vor dem Gebirge unser Nachtlager aufschlagen würden. Dieß war uns unbegreiflich, denn das Gebirge schien so nahe, daß wir es in wenig Stunden zu erreichen hofften. Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen; das Thal Hebron lag vor uns wie die geöffnete Thüre eines Tempels, dessen Giebel und Thürme zur Linken in dem Granitgebirge des Serbal, zur Rechten in dem das Om Schomar emporstiegen; wenn in diesen Tempel auch nicht sichtbare Schaaren der Anbetenden, zur Feier des Sabbaths hineinströmten, so war es doch der Seele als wenn sie hier in dieser hehren Stille das Bewegen jener unsichtbaren Chöre vernähme, welche dort im innren Heiligthume des Felsentempels Zeugen waren jener Stunden, da dem Geschlecht des Menschen das Gesetz gegeben wurde, das auf Christum hindeutet. So öde und still auch diese Ebene war, durfte dennoch hier die Seele der Pilgrime den Sinn jener Worte erfahren: ich will sie in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden, denn freundlich wie ernst tönten im Innren des Herzens so wie auf den Lippen die Worte und Weise des Liedes: »Mache dich mein Geist bereit.« Während der Nachmittagsstunden wurde die Hitze sehr groß und drückend; außer einigen Fagonien und Heliotropien (+Hel. arbainense+) hatte das Auge keinen nahen Gegenstand der es am Boden hätte festhalten können; desto freier und ungestörter konnte es sich dem Anblick des Gebirges hingeben. Der Serbal erscheint hier in seltner Schönheit; die Wände seiner Schluchten und bastionenartigen Vorsprünge sind fast senkrecht abgeschnitten; wie Gallerieen treten an manchen Punkten Felsenabsätze hervor, deren einer uns von Ferne die Gestalt einer Kunststraße vorspiegelte, welche die Menschenhand mühsam ins Gestein gesprengt hat. Es war kaum vier Uhr des Nachmittages als wir die äußre Mündung des Hebronthales erreichten. Mächtige Blöcke und Felsen des Sinaitischen Urgebirges lagen hier wie Trümmer einer Tempelpforte herumgestreut, durch welche das Bette des Gießbaches und der Weg zu seiner Seite sich hinwand. Grüne, vesuvianartige Gesteine wechselten mit den röthlichen des Feldspathes. Wir schlugen unser Zelt in der Wildniß des Felsensturzes auf, umschirmt, zunächst durch mauernartige Steinblöcke; nach allen Seiten lockten uns die Klüfte des Gebirges unter ihr schattiges Obdach hinein. Leider drangen wir nicht bis zu jenen Felsenwänden des Serbal vor, deren Inschriften mehrere neuere Reisende sahen und zum Theil copirten; unser Scheikh wußte uns nicht zu sagen in welcher Gegend sie zu suchen seyen und erinnerte nur daran, daß es zu weiten Wanderungen zu spät sey; in einer der benachbarten Schluchten grünten und blüheten die hieländischen Arten des Schnecken- und Trigonellenklees, nebst der strauchartigen Moricandia (+Brassica suffruticosa+) in solcher Fülle, daß ich meinem treuen Kamel ganze Bündel davon zum Nachtisch seiner Abendmahlzeit mitbrachte. Nach Sonnenuntergang stieg das Zodiakallicht so hellstrahlend am Himmel herauf, wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Unser heutiger Weg hatte sich von Tor aus fortwährend in nordöstlicher Richtung immer hinan gezogen; das Nachtlager war 747 Fuß höher als der Spiegel des rothen Meeres, bei dem wir noch heute am Morgen verweilten. Montags, den 27sten Februar, bald nach Sonnenaufgang zogen wir, meist zu Fuße, neben den Kamelen hergehend in das enge, erhaben schöne Felsenthal Hebron hinein; die Wände bestehen vorherrschend aus Sienit, welchen mächtige Gänge von Hornblendenschiefer, Grünstein und basaltischen Felsarten durchsetzen. Nach kaum einer halben Stunde Weges kamen wir zu dem Punkte, wo das weiter aufwärts im Thale noch fließende Bächlein im Sande versiegt. Der Anblick eines solchen reinen, frischen, fließenden Wassers, an dessen Seite der Weg auf eine bedeutende Strecke sich hinzog, war unserm Auge zur großen Erquickung; bald gesellte sich auch zum Anblick des Wassers jener der grünen Gebüsche von Mannatamarisken[77], zwischen denen hochstämmige Dattelpalmen hervorragten und die strauchartige Seidenpflanze (+Asclepias fruticosa+, von den Arabern Argel genannt) ihre lieblichen von Felsenbienen umsummten Blüthen entfaltete. Weiterhin zeigten sich die Blätter der gezähnelten Sida (+Sida denticulata+), und das wachholder-blättrige Daffarakraut (+Chrysocoma+ oder +Iphiona mucronata+). Vor uns und neben uns erhuben sich die Gebirgswände zu den groteskesten Formen. Unser Weg hatte nach einigen Stunden das gute Bächlein verlassen[78], dessen Heimath und Ursprung in einem rechts gelegnen Seitenthal ist, in welchem man zu den verlassenen Gemäuern und Dattelnpflanzungen des Klosters ~Deir Antus~ gelangen würde. Wir zogen durch ein wasserloses, etwas breiteres Thal, in welches die brennend heißen Sonnenstrahlen ungehemmt hereinfielen; vor uns ein hoher, sehr steil ansteigender Berg (der Fera Soweyd?), der uns in der ohngefähren Richtung des St. Katharinenklosters (nach Osten) lag. Wir aber wendeten uns nördlich in ein Seitenthal, in welchem, am vertrockneten Bette eines Gießbaches viele Gesträuche von Tamarisken und einsaamigem Ginster (+Spartium monospermum+) wuchsen. Und gerade jetzt in der Mittagszeit, in welcher die Sonne am heißesten auf die kahlen Felswände aufbrannte, kam der beschwerlichste Theil der Tagreise; der Weg zog sich so steil den Berg hinan und war so schwierig, daß unsre ganze Reisegesellschaft zu Fuße gehen mußte, und daß eines der beladnen Kamele mit seinem etwas breiten Gepäck auf dem schmalen Stege zwischen zwei Felsenblöcken uns stecken blieb. Es mußte zum Theil abgeladen werden, was einigen Aufenthalt verursachte. Wir hatten hier wieder Kalk. Von den einzelnen Höhenpunkten aus, welche der Weg bald auf- bald niedersteigend berührte, war die Aussicht in die kahlen Thäler und auf die busch- und waldlosen Berge sehr eigenthümlich, nicht aber gerade zum Verweilen einladend. Wir hatten diesen Felsensteig gegen vier Stunden lang verfolgt, als wir gegen Abend in die Nachbarschaft einer kleinen, auf der Höhe gelegenen Quelle kamen und bald hernach in das an Weideland reiche Thal Slaf hinabstiegen, wo wir für diese Nacht unsre Pilgerhütte aufschlugen. In der Nähe unsers Lagerplatzes, gegen Nordost, zeigte sich uns ein Beduinendorf mit seinen dunklen Hüttenzelten, nach Nordwest fanden sich die Trümmer einiger kleinen, nur aus übereinandergelegten Steinen gebauten Mauern. Wahrscheinlich hatten hier solche Beduinen-Schatzhäuslein (Macksen) gestanden, in denen dieses Volk, während es mit den Kamel- und Ziegenheerden aus einem Thale ins andre zieht, seine besten Sachen verwahrt, ohne Gefahr zu laufen, daß einer ihres Volkes die gar leicht, mit einem einzigen Stoße zu öffnende Thüre aufbreche und die Hütte beraube, was vielleicht eben so sehr der Furcht des einen Beduinen vor der Rache des andren und vor der unvermeidliche Todesstrafe, als der Ehrlichkeit dieses Volkes zuzuschreiben ist. Der Boden auf welchem wir hier im Thale Slaf giengen und ruheten, duftete lieblich von der Menge der aromatischen Kräuter welche ihn bedeckten, unter andrem wuchs da der kreuzdornige Thymian (+Thymus decussatus+). Unsre Beduinen waren hier bei ihren Nachbarn und Freunden, unter denen sie sich wohl seyn ließen. Die Höhe unsres Nachtlagers über dem Meere ergab sich aus dem Stand des Barometers zu 2709 Par. Fuß. Einer jener wilden Hunde, die in Tor unsre Nachbarn waren, hatte unsre Gesellschaft so lieb gewonnen, daß er uns am Tage immer in einiger Entfernung gefolgt, bei Nacht aber zu dem Zelt gekommen war um Küchenvisitation zu halten. Er stahl uns in der vergangenen Nacht das Fleisch, das wir, zur besondern Erquickung, für den heutigen Tag gekauft hatten und es war nur zu bedauern, daß, auf Mahomeds Gerede hin, der neben dem anscheinend sehr gut verwahrten Korbe schlief, ein Verdacht auf unsre unschuldigen Beduinen fiel. Während dieser Verlust wie gar keiner erschien, hatte ich bei dem Thale Slaf einen andern, ungleich empfindlicheren erlitten; mir war eine Durchzeichnung der großen Labordschen Karte der Sinaitischen Halbinsel (eine Mitgabe meines Freundes v. Raumer), wozu in Kairo noch mehrere Zeichnungen nach englischen Landcharten gekommen waren aus dem Gepäck meines Kameles verloren gegangen, weil ich diese Charte immer auf dem Wege studirt und daher nicht tief genug verwahrt hatte. Den Beduinen der Umgegend wurde eine Belohnung versprochen, wenn sie die Papiere fänden und mir ins Sinaikloster nachbrächten, ich erhielt sie aber niemals wieder. Heute, am 28sten Februar reisten wir von 7 Uhr an zuerst weiter im Thale Slaf, dessen Sienit überaus häufig von schwarzen Gängen durchzogen ist, deren Masse aus Hornblendegestein, Grünstein, Basalt so wie Porphyrschiefer besteht, und welche vorherrschend von Nordost nach Südwest streichen. Man kann diese Gänge oft stundenweit mit dem Auge auf das nackte Gebirge hinan und über seine Höhen hinüber verfolgen. Zur Rechten öffneten sich einige Seitenthäler, in deren einem, nach der Aussage unsrer Beduinen, eine reiche Quelle ist. Wir erblickten jetzt in dieser Richtung gegen Süden den hohen Berg, der gestern in Osten vor uns lag; es war der St. Katharinenberg oder einer seiner nördlichen Nachbarn. Unsre Beduinen nannten ihn Madein. Nach zehn Uhr gelangten wir zur Mündung des Garbathales. Von hier begann ein äußerst beschwerliches Ansteigen auf die Granitklippen des Radoaberges, welcher die südliche, minder steile Wand des Garbathales bildet, dessen schmale, mit heruntergestürzten Felsenmassen überschüttete Sohle zur Linken tief unter uns lag. Wir giengen zu Fuß; der Weg windet sich zwischen den herabgerollten Felsenmassen wunderlich hinauf; es sieht aus als sey da schon einmal ein Vorspiel vom jüngsten Gericht gehalten worden; ich hatte in meinem Leben noch keine so schauerliche und zugleich erhaben schöne Wildniß gesehen. Auf unsrem Wege bemerkten wir öfters eine Art von Steinpflaster, so wie eingehauene Stufen und eine Nachhülfe der Menschenhand zur Erweiterung des Passes durch die Felsenstücke, welche wie kleine Berge auf dem Abhange des großen herumliegen. Es ist auch dieses ein Erinnerungszeichen an jenen Fleiß der Mönche, welche in frühern Jahrhunderten zu Tausenden die Sinaitische Halbinsel bewohnten, und welche mitten in der Einöde des Gebirges zahlreiche Klöster und Pflanzungen angelegt hatten. Das Thal Garba war eine der nächsten Communikationsstraßen zum Hauptsitz des Sinaiklosters und ist noch jetzt der gewöhnlichste Weg der Kamele von Tor her. Auf und neben unserm Felsensteige trafen wir mehrere kleine Quellen, an denen die filzblättrige Salbei (+Salvia tomentosa+) wuchs. Das Wasser erquickte, aber es stillte nicht das fieberhafte Weh von welchem ich schon am gestrigen Nachmittag eine Anwandlung empfunden und das mich heute in ziemlicher Heftigkeit überfallen hatte. Dazu hatte ich, aus Mangel an Eßlust heute außer einem Becher Kaffee nichts genossen. Die ermatteten Kniee konnten den schwerfälligen Leib nur mit Mühe weiter tragen, ich war, nur von der treuen Hausfrau begleitet, weit hinter der andern Reisegesellschaft zurückgeblieben, eine zeitlang nichts fühlend als den armseligen Schmerz und die vergebliche Sorge, daß ich hier in der weiten Ferne erkranken würde. Da siehe, nach einer kleinen Hinabsenkung der Anhöhe und einem abermaligen Hinansteigen auf die breite Hochebene lag schon gegen 3 Uhr des Nachmittags das Bostanthal mit dem Berge Gottes Horeb, und im Schatten seiner sieben Gipfel das Thal mit dem Katharinenkloster vor uns. Die Freunde hatten hier auf uns gewartet; wir ruheten einige Augenblicke stillstehend, an dem hehren Anblick. In den Gärten Bostan und Rabah blüheten neben den hohen Cypressen die Bäume, zwischen den Felsenstücken weidete eine Heerde der Ziegen. Das Weh war vergessen, wenn auch die Ermattung noch fortdauerte. Unser Dragoman, Herr Mühlenhof, war vorausgeritten und hatte unsre Ankunft im Kloster gemeldet, wo man uns übrigens schon seit gestern erwartet hatte, weil die Väter des Sinai in Kairo von uns und unserem nahe bevorstehenden Besuch geschrieben hatten. Der Prior, ein freundlicher Greis, war uns entgegengegangen und bewillkommte uns schon außen vor der Mauer des Gartens, über welche wir ältere Leute, in der Gesellschaft des guten Greises auf einer Leiter hinüberstiegen, während unsre jüngeren Gefährten, auf die hier gewöhnliche Weise, an einem Seile hinangezogen wurden zu dem hochgelegnen, fensterartigen Eingange des festungsartigen Gebäudes. Aufenthalt am Sinai. Beim Eintritt in den Garten, auf dessen Boden an der innren Seite der Mauer, von dem kleinen Häußchen des Gartenwächters Stufen hinabführen, wandelte mich ein Gefühl an, desgleichen ich niemals sonst in meinem Leben empfunden hatte. Ich möchte dasselbe mit einem Vorschmack jener Wonne vergleichen, welche einst solche Seelen erwartet, die aus des Lebens Angst und Mühe, die aus dem schmerzensvollen Kampfe der letzten, siebenten Trübsal auf einmal eintreten dürfen in den seligen Frieden des Paradieses. Der Frühling ergoß so eben über dieses hochgelegene Thal die ganze Fülle seiner Kräfte. Die Pfirsichbäume und Mandeln hatten den Boden mit den schon abfallenden Blättern ihrer Blüthen bedeckt und jeder Windhauch schüttelte einen neuen Blüthenregen aus ihren Zweigen herab, während die Aprikosenbäume noch mit dem jugendlichen Roth fest umgürtet stunden, die Blüthen der Kirschen so eben sich öffneten, die Birnen aber und Aepfel noch schlummernd in der Wiege der großen, weißen Knospen lagen. Dazwischen erhuben die Cypressen ihre dunkelgrünen Wipfel und im untren Theile des Gartens duftete der kleine Wald der Orangenbäume und ein erfrischender Hauch stieg herauf aus den reichlich mit Wasser gefüllten Cisternen. Ausruhend saßen wir einige Zeit in diesem kleinen, friedlich stillen Paradiese, dann brachte uns der gute, alte Prior durch den langen, mit eisernen Thoren und Fallthüren wohlverwahrten, unterirdischen Gang, der treppab und treppauf aus dem Garten zuerst in einen äußren, von den hohen Ringmauern umschlossenen Vorhof, dann durch ein mächtig befestigtes Thor zu einem der innren Höfe führt, hinein ins Kloster. Hier fanden wir eine Reihe von reinlichen kleinen Zimmern, Dank den Briefen aus Kairo, die uns angekündigt hatten, schon zu unsrer Aufnahme bereit und mit allem versehen was zur Bequemlichkeit eines aus der Wüste kommenden Reisenden dient. Wie wohl thaten dem Körper hier die lang entbehrten Segnungen -- ja wahrlich das sind sie -- der Reinlichkeit. Ich brauche wohl nicht zu sagen was hier im Kloster, da ich jetzt aus dem Zimmer wieder hervortrat, mein erster Gang, meine erste Bitte an den alten Prior war. Der durch den Geist der Liebe, die in ihm waltet, wahrhaft ehrwürdige Greis führte mich hinab zur Hauptkirche, zu jener Stätte da Moses, so spricht die Sage, welche das Andenken weckt an Thaten die in dieser Gebirgsgegend geschahen, den Busch in einem Feuer flammen sahe, das nicht zerstört noch verzehrt. Es war ja dasselbe Feuer, das nachmals in der Gestalt der schirmenden Säule und Wolke wie ein Adler seine Jungen die Heere Israëls führte und über sie seine Fittiche breitete; dasselbe, das über die Verschmachtenden die Ströme des Manna herniederregnete; dasselbe Feuer der Liebe, das bei Gethsemanes Grotte, sowie auf Golgathas Felsen als Blut der Versöhnung sich ergoß. Da wir uns der Stätte naheten zog der Greis seine Schuhe aus, und es hätte seines bittend an mich gerichteten Blickes nicht bedurft, denn ich hatte schon von selber der Worte gedacht, die Der im flammenden Busch zu Mose sprach: »ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort darauf du stehest ist ein heiliges Land.« Wie kurz oder wie lange ich hier knieend im Halbdunkel der Kapelle verweilte; ich weiß das nicht. Es war ja ein Ausruhen, auch der Seele, die vom Wandern in der Wüste seit Jahren so oft und viel müde und matt geworden; und es giebt Thränen unter dem Monde, die nicht von innrem Leid, sondern von Freuden des Himmels reden. Das Alte, das Gefühl des Schmerzens und der Mattigkeit des schwerfälligen Leibes war vergangen; siehe es war Alles neu worden; wir stiegen jetzt, geführt von unsrem guten Prior noch hinan zu den Zinnen und Thürmlein des ganz zur Festung eingerichteten Klosters. Da stehen sogar einige kleine Kanonen und Alles was man sieht erinnert an die Bedrängnisse und an die feindseligen Angriffe der Beduinen, denen die armen Mönche bis Mehemed Alis Macht Einhalt that, ohne Aufhören ausgesetzt waren. Stiegen doch diese Raben, wenn die Zeit des Reifens der Früchte kam, selbst noch zu Burkhardts Zeiten in den Garten und raubten Alles, außer dem Gemüse, so daß die armen Mönche, wenn sie einige Früchte ihres Fleißes genießen wollten, sie von den Räubern wieder erkaufen oder andre der Art von Kairo kommen lassen mußten. Deshalb war die vorsichtige und wohlbefestigte Anlage des unterirdischen Ganges, der aus dem Garten in das Kloster führte, gar nöthig, und als Burkhardt hier war kamen außer den Laienbrüdern, die den Garten bebauten, nur selten andre Mönche in diesen hinaus. Mußten doch auch außer jenen Räubereien die armen Einsamen fast täglich von ihrem bescheidnen Theil der Nahrungsmittel etwas an ihre Dränger abgeben; denn alle vorüberziehende Beduinen begehrten mit Ungestüm wenigstens Brod, wenn ihnen auch nicht immer große Schüsseln mit gekochten Speisen gereicht wurden. Und die Raben, je weniger die menschliche Nachgiebigkeit sie von hinnen scheuchte, wurden immer zudringlicher, so daß man doch zuweilen einen Schreckschuß aus den alten Kanonen oder verrosteten Büchsen unter ihre Schaaren loslassen mußte. Heute Abend genoßen wir freilich ein Fürstenmahl. Schon am Nachmittag hatte der Prior uns ein Geschenk von Granatäpfeln gebracht, die uns sehr gelabt hatten. Jetzt aber wurde das Fleisch einer wilden Ziege, die man bereits gestern für uns geschossen hatte, von Abd-er-Wacheds (des Knechtes des Herrn v. Krohn) Meisterhand gesotten und gebraten, mit einer Sauçe von gekochten Mischmisch[79] für uns aufgetragen; dazu ein süßer Wein, welchen die Mönche in ihrem Garten gebaut und selbst gekeltert hatten. Der gute Prior durfte zwar, nach der Strenge seines Ordens kein Fleisch genießen, aber er saß doch bei uns und erfreute uns durch seine freundlichen Mienen und Worte. Auch die Ruhe der Nacht, auf breiten Teppichen, that unbeschreiblich wohl; der erste März war schon mehr als zum vierten Theil vorüber, da wir seine liebe, klare Frühlingssonne begrüßten, welche, als wir zum Zimmer hinaustraten, ganz hell auf den offnen Gang schien. Der Horeb, den ich so oft durch fremde Augen mit innigster Theilnahme betrachtet hatte, der Weg der Felsen der hinan zum Sinai führt, der Menegada Musa: jener Hügel auf welchem Moses die Schafe hüthete, lagen vor mir, von der Morgensonne bestrahlt, ich sahe sie nun selber, mit meinen eignen leiblichen Augen; mir war es als sey ich in einer neuen Welt erwacht. Der alte Prior saß schon da auf dem Gange, bei dem Ikonomos oder Haushalter des Klosters, einem rüstigen, heitren Manne, in einem der hölzernen, zierlich geschnitzten Lehnstühle und wärmte sich an der Morgensonne. Er begrüßte uns freundlich und nahm mit uns, denn es war heute kein Fasttag, und die lange, strenge Fastenzeit der Griechen hatte noch nicht begonnen, das Frühstück des Milchkaffees. Heute hielten wir Rasttag, den wir zu einer innern wie äußren Vorbereitung auf das Besteigen des Berges benutzten. Mit welch andrer gewaltigen Empfindung liest man doch hier, im Anblick des Horeb, die Bücher Mosis, als daheim im Zimmer. Und doch ist es nicht die Stärke solcher äußerer Empfindung, welche dem Worte sein wahres Leben giebt, sondern eine andre Kraft, die in dem Worte selber liegt, und welche auch ohne die Sturmesgewalt der Gefühle dieselbe bleibt. Am späteren Nachmittag stieg ich nur vom Maler Bernatz begleitet, hinaus über die Gartenmauer; ich hatte gar so großes Verlangen den eigentlichen Sinaigipfel zu sehen, der im Thale des Katharinenklosters durch den Horeb verdeckt wird. Es gesellten sich sogleich einige Beduinenknaben der Dschebalye zu uns und zeigten uns auf unserm Wege durch das Bostanthal verschiedne Merkwürdigkeiten von denen ich später sprechen werde. Wir giengen bis zum Eingang des Thales Erbain, ohne unsre Absicht zu erreichen, denn auch hier ist der Sinaigipfel noch hinter den niedrigeren Felsenzacken verborgen. Mit einbrechender Dämmerung kehrten wir wieder in das Kloster zurück. Am 2ten März, bald nach Sonnenaufgang, machten wir uns auf zum Besteigen des Sinai. Der ehrwürdige Prior hatte es sich nicht nehmen lassen; er wollte uns selber auf dem Wege geleiten. Der Greis, mit seinem Wanderstabe gieng voran; eine Schaar der Beduinen, welche die Vorräthe des frischen Brodes, der Datteln und eingesalznen Fische, so wie eine Flasche mit Racki trug, folgte uns nach. Nahe beim Kloster, in einer Bergschlucht an der nordöstlichen Seite des Horeb, steigt man auf jenen, zum Theil verfallenen Stufen empor, welche schon die fromme Kaiserin Helena oder doch Kaiser Justinian zur Bequemlichkeit der Pilgrime anlegen und einhauen ließen. Zu beiden Seiten erschienen die zum Theil prunklosen, meist aber gewürzhaften Gewächse des Arabischen Felsenlandes; doch das Auge hatte jetzt keine Zeit sie zu sehen. Bei der Quelle des heiligen Sangarius, in der Grotte, am klaren, frischen Wasser ruheten wir aus, denn wir waren vom Kloster aus hieher schon 920 Fuß, mithin zweimal so hoch gestiegen, als die größeste der Pyramiden zu Ghizeh oder als der Münsterthurm in Straßburg emporragt. Diese Quelle, so erzählt die fromme Sage des Klosters, ward zur Erquickung seiner Bewohner, deren Bedürfniß das Wasser der Cisternen einst in dürrer Zeit nur spärlich befriedigte, durch das Gebet des frommen Abtes Sangarius eröffnet und gefunden; und welche Quelle der Erquickung und des Trostes sollte sich nicht schon, auch da, wo Alles dürrer Fels schien, dem Gebet eröffnet haben. Die Schlucht verengert sich nun, das Ansteigen auf den oft ganz ausgebrochenen Stufen und Felsblöcken wird mühsamer; eine Art von Portal steht noch als Ruine da. Endlich gelangt man zu einer Gebirgsplatte, auf welcher, im Schatten der Cypresse, ein gemauerter Brunnen stehet, und hier ist man auf der Höhe des im engeren Sinne[80] sogenannten Horeb, von welchem der Sinai eigentlich nur der südöstliche, höher ansteigende Gipfel ist. Dort in der Felsenhöhle war die Stätte dahin Elias der Thisbite zu dem Angesicht Gottes sich rettete, als Ahab und sein abgöttisches Weib Jesabel mit blutdürstigem Zorne ihm nach dem Leben stunden[81]. Hier war es, wo das Wort des Herrn ihn heraustreten hieß auf den Berg, und wo an ihm vorübergieng der Bote des Sturmes der die Felsen zerriß und die Berge zerbrach; nach diesem der Bote des Erdbebens, dann der des Feuers, zuletzt aber Er selber, der Herr, ihm nahete, in einem stillen sanften Sausen. Siehe da verhüllte der Thisbite, der den Boten des Sturmes, des Erdbebens und des Feuers kühn ins Angesicht gesehen, sein Haupt, und eine Stimme kam zu ihm und sprach: was hast du hier zu thun Elia? -- und Elias sprach aus, was er selber, in den Stunden seines Eifers um den Herrn, an Carmels Quell, in der Kraft jener Boten gethan, die der Herr vor sich hersendet. Die Stimme aber redete in der Weise des sanften, stillen Säuselns; denn neben dem Worte der Drohung, das zu seinen Boten den Elisa und Jehu und Hasaël erwählte, sprach sie von Gnade und Erbarmung über jene sieben Tausende, die ihre Kniee nicht gebeugt hatten vor Baals Götzen. Wir ruheten ziemlich lange am Brunnen des Elias, unter der hohen Zypresse, und besahen dann das meist verfallene Kirchlein der Eliasgrotte, so wie die Trümmer eines kleinen Klosters, welches auch hieher die Andacht der Mönche erbaut hatte. Die Höhe des Horeb bei dem Eliasbrunnen misset 6126 Fuß über dem Meere; 1400 Fuß über dem Thal des Klosters. Am Saume der Gebirgsplatte der Horebhöhe steiget, wie schon erwähnt, der eigentliche Sinai an, dessen Gipfel noch 900 Fuß höher raget als die Gegend der Eliasgrotte. Das Ansteigen geschieht abermals auf Stufen, welche etwas besser erhalten sind denn die am Horeb. Ohngefähr an der Mitte des Berges wurden wir von dem Prior heraus auf eine Felsenplatte geführt, von welcher sich die Aussicht in ein breites Thal (Sebaye) öffnet. Bei dieser Stelle erinnerte unser ehrwürdiger Führer an Israëls Kampf gegen Amaleks Heer[82]; an jenen Sieg, welcher nicht durch die Macht von Bogen und Schwert, sondern durch die Kraft des Gebetes errungen ward, welches Moses, mit emporgehobenen Händen rief. Denn hier an dieser Stätte erbaute sich der Geist der christlichen Andacht jenen Altar, den Moses nannte »der Herr mein Panier[83].« Die höher gestiegene Sonne beleuchtete jetzt des Horeb und Sinai's majestätischen Gipfel im vollem Glanze; ich erhub mein Auge und mich ergriff ein Mitgefühl mit jener Furcht, welche Israëls Volk bis auf unsre Tage davon abhält den Sinai zu besteigen. Denn, wie uns dieß in Jerusalem versichert wurde, kein strenggläubiger Jude wagt noch jetzt »auf den Berg zu steigen, noch sein Ende anzurühren[84],« so tief hat sich dem unter dem Gesetz stehenden Volke das Andenken jener Stunden eingeprägt, da sich, in der Frühe des Morgens »ein Donnern und Blitzen erhub, und eine dicke Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune[85].« Jene Stunden, da »der ganze Berg rauchte und sehr erbebte, weil der Herr auf ihn herabfuhr mit Feuer.« Aber, was die ~Furcht~, die aus dem Gesetz kommt, nicht vermag, das darf die ~Ehrfurcht~ wagen, welche aus der Gnade geboren ward, die durch Ihn, den Erfüller des Gesetzes kam. Siehe, da stehen wir schon bei der heiligen Kluft, bei welcher Moses stund, der Mann »den der Herr mit Namen kannte,« als er begehrt hatte die Herrlichkeit des Herrn zu sehen, und als Gott an ihm die Verheißung erfüllte, daß Er vor seinem Angesicht hergehen lassen wollte alle Seine Güte[86]. Hier ist der Ort von welchem Gott sprach: »Siehe es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Felsen stehen; der Ort da der Herr sich nahete dem sterblichen Menschen, wie ein Mann seinem Freunde nahet, und ihm verkündete in göttlicher Rede jenes Geheimniß Seines Namens, das Moses in seiner Menschenrede durch die Worte aussprach: Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue. Der Gipfel des Berges, der ganz nahe bei der Kluft des Moses ist, war jetzt erstiegen; ~der Gipfel des Berges~, welcher der größeren Hälfte der Völker der Erde ein heiliger Ort ist[87]. Denn er ist heilig dem Volke Israël, welches nur aus ehrfurchtsvoller Ferne ihn betrachtet, heilig den Mohamedanern, welche hier, der alten, christlichen Kapelle gegenüber eine kleine Moschee errichtet haben; heilig den Christen, denen ihr Glaube lehret, daß kein Titel, kein Jota dieser, prophetisch das Fernkünftige andeutenden Worte des Gesetzes, auf Sinai's Höhe gegeben, verloren gehen solle, bis daß sie einst alle in Erfüllung giengen. Ich habe stark aussehende Menschen gekannt, auf welche der erstmalige Anblick des Meeres einen solch erschütternden Eindruck machte, daß sie fast ohnmächtig wurden. Ohnmächtig zwar wurde Keiner von uns; mächtig erschüttert aber wurden wir Alle durch die Aussicht vom Berge, deren schon an sich selber große Macht durch das Andenken an das, was einst hier geschehen, noch vielfach erhöht wird. Der Gipfel des Sinai raget mehr denn siebentausend Fuß hoch über das Meer, er beherrschet mithin, wie sich berechnen läßt, eine Aussicht über das niedre, ebene Land und die Wasserfläche, welche, wo sie durch vorliegende Berge nicht gehemmt wird, nach allen Richtungen hin gegen 23 Meilen beträgt, mithin einen Kreis, welcher im Durchmesser 46, im Umfange 144 Meilen misset. Wo aber jenseits dieses Kreises ein Berg von gleicher Höhe stehet, da erweitert sich die Aussicht auf das Doppelte und in gleichem Verhältniß der Gesichtskreis. Zwar sind nun die Berge, welche jenseits des Ailanitischen wie des Heroopolitanischen Busens des rothen Meeres liegen, wahrscheinlich größtentheils viel niedriger als der Sinai, indeß darf man wohl den zackigen Umriß des furchtbar schönen Wüsten-Panoramas, das sich hier dem Auge darbeut, nahe auf 200 Meilen anschlagen, eine Ausdehnung, welche unter dem reinen, klaren Himmel Arabiens, bei solch heitrem Wetter als wir hier trafen, in unverkürzter Deutlichkeit dastehet. Nach meiner Ueberzeugung wird wohl jeder Reisende, der den Sinai besteiget und so wie wir die Aussicht von seinem Gipfel beachtet, in ihr eine so außerordentliche und eigenthümliche anerkennen müssen, daß er derselben keine andre auf Erden zu vergleichen weiß. Im Süden wie in Ost und West bemerkt man an einzelnen Punkten den Gürtel des Meeres, der das Hochland der peträischen Halbinsel umschlingt; jenseit des Meeres, in weiter Ferne mehrere Gebirgshöhen der Arabischen und Aegyptischen Küste. Es ist als stünde man in der Mitte des riesengroßen Horstes eines einsamen Adlers, gegründet auf nackten, öden Felsen, zwischen die Gränzen der Meere. Nirgends, wohin man auch sieht, eine grünende Alpenwiese; nirgends ein Wald, kein rauschender Bach noch Wasserfall, keine Alpenhütte noch Dorfschaft; und wenn nicht gerade der Sturmwind oder die Donner ihre Stimme reden, da ist hier eine Stille, wie ich sie noch nirgends auf Erden also hehr und also tief empfunden habe. Die Wüste des Sinai mit ihrer Felsenwarte ist ein Denkstein, ein unverändert stehen gebliebenes Werkstück des dritten Tages der Schöpfung, da Gott sprach: »es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondre Oerter, daß man das Trockene sehe;« eine Versinnlichung jener Zeit der Anfänge, da noch kein Gras und Kraut noch fruchtbare Bäume, kein webendes und lebendes Thier, noch Gevögel, noch Vieh, noch Menschen waren, sondern da statt der Kraft des freien Lebens nur jenes Gesetz waltete, das der Erdveste ihre Gestaltung, dem Gewässer seine bestimmten Gränzen gab. Wo kann man wohl in weiterem Umfange und ungehemmter in das Getriebe der krystallinischen Gestaltung der Felsen hineinschauen als hier, wo kein Erzeugniß der späteren Schöpfungstage die des dritten überkleidet und verhüllt; wo das granitische Gebirge mit seinen riesenhaften Tafeln und Felsenpyramiden unvermischt mit jüngeren Bergarten emporsteigt, keine seiner zunächst liegenden gähen, tiefen Schluchten mit Sandstein oder Kalk ausgefüllt ist, und wo man die Gänge der Wacke und des Basaltes wie schwarze Adern stundenweit durch das Gestell seiner Bergwände und Kuppen fortlaufen sieht. Und auf diese Felsenwarte lässet nun auch die Geschichte der vergangenen Tage ihren verklärenden Strahl fallen und erhebt den innren Blick auf einen Standort, da derselbe, in noch viel andrem Umfange als das äußre Auge ein Reich der Zeiten und Völker überblicket. Hier ward den Menschen das Gesetz gegeben, das wie eine Erdveste dem Meere der Leidenschaften und Begierden zur sichren Gränze dient; das Gesetz das auf Christum hinweiset, weil in Ihm des Gesetzes Erfüllung ist. Wie dann hier, unter dem Fittiche des einsamen Adlers, der sein Volk hieher in die Stille der Felsenwüste führte, der Lebenskeim der beiden Religionen, der des Gesetzes und jener der Erfüllung ausgeboren ward; so nahm dort in Südosten das stürmische Meer des Islamismus seinen Ausgang; wir stehen hier im Geburtslande der drei Hauptreligionen der Völker. Um hier nur mit einigen Zügen die Hauptpunkte zu bezeichnen, welche an einem heitren Frühlingstage von Sinai aus ins Auge fallen, so bemerkt man in Nordwest die Meerenge von Suez und als dunkles Pünktlein, Suez selber; nahe dabei den Attakaberg. Weiter nach Westen herab hemmen zwar die Höhen des Mokkateb und Serbalgebirges die freiere Aussicht nach dem Meere, doch glaubten wir das jenseit gelegne Gebirge von Kolzüm: die alte Wohnstätte der Aegyptischen Anachoreten und ganz nahe neben dem Gipfel des Katharinenberges, von West in Süd das Gebirge Agarib (in Aegypten) zu bemerken. Weiter von West nach Süd stellt sich, wie eine von der Mittagssonne erleuchtete Wetterwolke, der dunkelfarbige, zackige Katharinenberg vor das Auge hin und lässet hier nichts Andres sehen als seine Felsengiebel, welche noch um ein Bedeutendes höher über das Meer ragen, denn der Sinaigipfel. Wenn man noch weiter vom Katharinenberg zur Linken oder von West nach Süd sich wendet, bemerkt man die südlichen Ausläufer des Om Schomar, des Gebirges in dessen Innrem, wie die Beduinen dieses dem Reisenden Burkhardt versicherten, zuweilen ein Laut, wie von fernem Donner vernommen wird; ganz in Süden erhebt sich der Gipfel des Mahalaberges; ihm zur Rechten wie zur Linken sieht man das Meer, welches die südliche Spitze der Halbinsel umgränzt. Auf der rechten Seite verliert sich die Aussicht gränzenlos im Spiegel des Gewässers, auf der linken aber erscheinen Berghöhen der Arabischen Küste, am Ras Fartak und an der Insel Tiran; weiterhin von Süd gen Ost hemmen wieder die diesseits Nebeky, auf der Halbinsel gelegnen Höhen die Aussicht nach dem Meere hin. Oefters zeigen sich nach dieser Richtung Streifen von Wüstensand, welche den Anschein einer Wasserfläche tragen, dann folgen wieder Berge, in der Richtung von Jethros Vaterlande, dem alten Midian. Noch weiter von Ost gen Nord werden an einigen Punkten der Meerbusen von Attaka, ganz in Norden die sandigen Höhen der Wüste el Tih erkannt. Während die eben genannten Punkte die äußerste Gränze des Gesichtskreises andeuten, sehen wir näher am Berge, gegen Westen hinab ins Thal Erbain, von West nach Süd in das breite Wadi Sebaye oder Sbahiah, dann weiter in Süd und von Süd nach Ost den Menegada Musa: den Huthberg, auf welchem Moses die Schafe seines Schwiegervaters Jethro hüthete; in Ost und von Ost nach Nord die Felsenhöhen des Epistemiberges; von Nord nach West die jenseitigen Wände des Bostanthales, von welchem ich, so wie von allen diesen näher gelegenen Punkten, nachher noch reden will. Uns beschäftigte jetzt, nachdem wir uns länger als eine Stunde an der Aussicht erfreut hatten, diesseits des leiblich Näheren ein leiblich Nächstes. Der gute Prior, nachdem er mehrmale uns alle augenfällige Gegenstände des Panoramas genannt und erläutert hatte, saß da im Schatten des kleinen, halbzerstörten Christenkirchleins; neben ihm stunden die Beduinen, mit den an einem Quell des Bergabhanges gefüllten Wasserkrügen und mit allen andren flüssigen und festen Lebensvörräthen; es war Alles zur Mittagstafel bereit. Unser Tisch war eine Platte von weißem Marmor, aus der zerstörten Kapelle der heiligen Helena; als Voressen und Nachessen gab es Brod mit trefflichem Ziegenkäse und Brod mit gesalzenen Fischen, zum Getränk Wasser aus dem Quelle an welchem einst Moses und Elias sich erquickten, und Racki aus den Früchten der Datteln. Der gesunde Mensch empfindet schon bei jeder alltäglichen Sättigung seines Hungers etwas von dem Bewegen jenes Lebensstromes, der sich mit magnetischer Kraft durch die ganze Sichtbarkeit ergießt und Alles erfüllt mit Lust und Wohlgefallen; bei diesem Mahle auf der Felsenwarte des Sinai, hatte sich der magnetische Strom, der das Bedürfniß zu seiner Sättigung hinführt, in das Gewand einer Lust und Wonne gekleidet, welche von mehr als leiblicher Art und Natur ist. Nach dem Essen besahen wir uns noch etwas genauer die kleinen Gebäude des Berggipfels. Die Moschee, aus Werkstücken, wie es scheint, eines schon hier vorhanden gewesenen christlichen Gebäudes errichtet, steht noch ganz wohlerhalten da, denn die Christen haben dieses Obdach eines fremden Glaubens weder zerstören dürfen noch wollen; anders aber sieht es mit der gleich gegenüber liegenden Christenkirche aus, welche von der Moschee nur wenige Schritte entfernt und durch einen Felsenabsatz geschieden ist. Daß neben der noch jetzt dastehenden Mosiskapelle oder an ihrer Stelle in älterer Zeit eine Kirche müsse vorhanden gewesen seyn, welche durch Form und Material von andren, reicheren Erbauern zeugte als später die armen Mönche waren, das wird an den prachtvollen Resten der Gesimse und Säulen aus weißen Marmor erkannt. Kaiser Justinian und seine Gemahlin Theodora, so wie lange vor ihnen die fromme Kaiserin Helena hatten auch diese Stätte mit Werken der Byzantinischen Baukunst ausgestattet, welche, so fest auch der Grund war auf dem sie stunden, dennoch dem zerstörenden Ungestüm der Araber erlagen. Wollten die Beduinen, in ihrer erst durch Mehemed Ali gebändigten Feindseligkeit, doch nicht einmaldie kleine, bescheidene Christenkapelle der spätern Zeit neben ihrer Moschee dulden und noch zu Burkhards Zeiten hatten die vom Towara-Stamme öftere Zerstörungen daran verübt, abgesehen von den Nachgrabungen die sie beständig unter den Grundsteinen des Gebäudes anstellten um die, nach ihrer Meinung, hier verborgenen Gesetztafeln des Moses aufzuwenden. Gleich unterhalb der kleinen Moschee findet sich eine in den Fels gehauene Cisterne, zum Auffassen des Regenwassers. Wir verweilten noch einige Stunden auf dem Berggipfel, während unser Maler, Herr Bernatz, das Panorama vom Sinai zeichnete, welches er im zweiten Hefte seiner Bilder aus dem heiligen Lande öffentlich mitgetheilt hat. Einige unsrer jungen Freunde faßten den Entschluß und führten ihn aus, an der steilen, unwegsamen Felsenwand des Berges, zwischen der kleinen Moschee und der Kapelle hinunterzusteigen ins Thal; ein Unterfangen das ich nicht vielen Reisenden rathen möchte. Weiter unten in der Schlucht, welche die Gränze zwischen dem Sinai und Horeb bildet, führt ein gangbarer Weg, mit ausgehauenen Stufen hinab zum Thal und Kloster Erbain. Wir Andern kehrten auf dem gewöhnlichen Wege zurück und beim Hinabgehen wurde uns noch an einer seitwärts anstehenden Felsenplatte die vermeintliche Fußspur des Propheten Mohamed gezeigt, welche von den mohamedanischen Pilgrimen sehr verehrt wird. Einer Sage nach sollte der Prophet einige Zeit im Kloster, bei den Mönchen verweilt und den Berg bestiegen haben. Bei dem Brunnen des Elias ruheten wir abermals aus und sahen uns nach den Gewächsen um, welche am Abfluß des Quelles und zwischen den Felsenstücken des Sinai und Horeb stunden. Leider war noch nicht die Jahreszeit, in welcher man das Gewächsreich dieser hochgelegenen Gebirgsgegend in ihrer Blüthe findet, und wir bedauerten besonders, daß der goldgelbe Schmuck der Phlomis, deren strauchartige Stauden wir häufig hier sahen, den Felsen noch abgieng[88]. Von den lippenblüthigen, gewürzreichen Pflanzen an denen der Sinai so reich ist, fanden wir außer der +Stachys affinis+ nur wenige schon in Flor, doch konnte man auch an den blüthenlosen Stengeln und Blättern die Geschlechter der Münze, des Majorans, der Saturei und des Marrubiums unterscheiden. Unter den Gewächsen dieser Familie machte uns der Prior vor allen auf eines aufmerksam, von welchem er behauptete, daß es der Ysop gewesen sey, dessen im 2. Mos. 12, V. 22; 3. Mos. 14, V. 4; 4. Mos. 19, V. 6 u. 18 bedeutungsvolle Erwähnung geschieht. Es war eine Form von +Teucrium Polium+ mit haarigen an den Rändern eingekerbten Blättchen und Stielen. Wir hatten ohngeachtet des Verweilens bei der Eliasgrotte und Quelle zum Hinansteigen vom Kloster auf den Sinaigipfel nicht viel mehr als zwei Stunden gebraucht; hinabwärts waren wir, mit Einschluß des abermaligen Aufenthaltes bei dem Eliasbrunnen in anderthalb Stunden gekommen; es war noch zeitig am Nachmittag, wir blieben da ausruhend unter den blühenden Obstbäumen des herrlichen Gartens. Der Freitag (3te März) wurde zum Betrachten aller Sehenswürdigkeiten des Klosters angewendet. Das festungsartige Aeußere dieses Gebäudes, als dessen Erbauer eine Inschrift über dem (zugemauerten) äußern Thore den Kaiser Justinian und seine Gemahlin Theodora nennt, habe ich schon vorhin (S. 309) beschrieben. Es stehet auf durchaus unebenem Grunde, so daß man von einem Hofe zum andern bergauf und bergab steigen muß; das Ganze ist ein unsymmetrisches Gehäuse von älteren und neueren Theilen; lang fortlaufende Reihen von Zimmern oder Zellen, deren Fenster und Thüren sich, wie unsre, bei der Küche gelegnen Gastzimmer, hinaus auf einen Gang öffnen, dazwischen kleine Kapellen, deren mit der schon erwähnten, größern Kirche, 23 im Kloster sind. Es haben hier alle einzelne Gemeinschaften der orientalischen Christen ihre eigne Kapelle, auch die Lateiner besitzen eine, welche jedoch, da sie seit langer Zeit der Unterstützungen zu ihrer Ausbesserung entbehren mußte, sehr im Verfall ist. Bei einer der Kapellen in dem für den Erzbischof bestimmten Zimmer, zeigt man eine prachtvolle Abschrift der Evangelien, angeblich von der Hand des Kaiser Theodosius; ein Psalterium von der Hand der heiligen Kassiani; die Bibliothek enthält Ausgaben und Abschriften der griechischen Kirchenväter, einzelne, in ziemlicher Zerrüttung befindliche Arabische Manuscripte, ein Buch Hiob mit vielen bunten Bildern. Auch die Höfe und Werkstätten besahen wir, denn jeder Mönch des Klosters, außer dem Prior, muß hier ein Handwerk treiben und hat seine Werkstätte. Auffallend war auch uns, bei diesen Herumwanderungen die zwar nicht sehr große, aber stattliche Moschee, die sich in der Nähe der großen Kirche, in einem der innersten Hofräume dieses christlichen Klosters findet. Die Mönche möchten, so schien es uns, gerne die Aufmerksamkeit der christlichen Pilgrime von diesem Gebäude ablenken; man erzählt sie hätten sich vormals aus Furcht vor den Türken, welche gedroht hatten das Kloster zu zerstören, zu diesem sonderbaren Aufbau entschlossen. Mußten sie doch später selbst einen Imam und Gebetsausrufer, so wie andre Diener der Moschee im Kloster aufnehmen und ernähren, so wie das Gebäude selbst auf ihre Kosten im baulichen Stande erhalten. Indeß wird dieses den Bewohnern des Klosters durch die Bekenner des Islams auf mancherlei Weise erleichtert und wiedervergolten. Noch jetzt, wiewohl seltner als sonst, kommen Mohamedanische Pilgrime von höherem Stande und bedeutendem Vermögen hieher, welche auf ihrer Wallfahrt nach Mekka diesem Sitz des Friedens zusprechen, den die bei ihnen übliche und gangbare Sage auch durch das Andenken heiliget an den »umgekehrten« Propheten (»umgekehrt,« weil seine Weissagungen so weit sie ~unverkennbare~ Wahrheit enthalten, mehr auf dem Vergangenen als auf dem Zukünftigen beruheten). Bei solchen Gelegenheiten fehlt es dann niemals an ansehnlichen Gaben für die Unterhaltung der Moschee und für das Kloster selber. -- In der christlichen Hauptkirche wurden uns heute die Gebeine der heiligen Katharina gezeigt. Wir küßten sie nicht wie die Mönche dieß thaten, dennoch beschenkte man mich mit einem Theil jener wohlriechenden Wolle, mit welcher die Reliquien umhüllt sind. Die Mosaik des Gewölbes über dem Reliquienschreine verdient besondre Beachtung. Laborde hat sie in seinem trefflichen Werke beschrieben und abgebildet. Sie stellt Moses, knieend vor dem feurigen Busche und auf der andern Seite eben denselben mit den Gesetzestafeln dar, unter diesem, als Hauptbild Christum, durch ein Licht verklärt gleich jenem im Busche, neben ihm Elias und Moses -- mithin die Geschichte der Verklärung. Denn wie schon Burkhardt bemerkt (Reisen S. 890), das Kloster, welches nun allgemein das St. Katharinenkloster heißt, war eigentlich »der Verklärung« geweiht. Der gute Vater Prior, -- meine dankbare Liebe zu ihm kann ihn nicht anders als einen Vater nennen -- hatte mir, als ich am zweiten Tage meines Hierseyns mit ihm im Garten war, freiwillig versprochen, er wolle mich und meine Begleiter in die Begräbnißstätte der Mönche führen, die mitten in den lieblichen Gärten des Klosters liegt. Dennoch machte er eine ganz ernste Miene, als ich ihn heute an sein Versprechen erinnerte; die Mönche führen ungern einen dahin der nicht ganz zu den Ihrigen gehört, vielleicht weil sie manche ihnen anstößige Bemerkungen der neueren Reisenden vernehmen mußten. Ich wußte schon aus Burkhardts Reiseberichten was hier zu finden war, und wir bekamen auch wirklich nicht viel mehr und der Hauptsache nach nichts Anders zu sehen, als was Burkhardt schon gesehen und beschrieben hatte. Es ist als wäre das sonderbare Bestreben, dem Leib selber zu einem Kenotaphium zu machen, dauernd wie eines von Stein, von den ältesten Beherrschern der peträischen Halbinsel, von den Aegyptern, selbst noch auf die guten Väter dieses Klosters übergegangen. Sie haben in ihrer Einsamkeit und Abgeschiedenheit ihre Welt Einer nur an dem Andern, und verrathen dann in der Weise wie sie ihre Todten aufbewahren, noch immer, wie gern und fest unsre Natur sich an die ~Welt~ hänge. Wenn so ein alter Vater gestorben ist (und alt werden die meisten von ihnen), da begräbt man jetzt seine Hülle außerhalb dem Kloster, in einem gegen den Bostan Garten hin gelegnen Räumlein, in den Sand. Nach zwei bis drei Jahren hat das Verwesliche dort seine Quarantäne vollendet und man holt nun die Gebeine wieder in das Kloster heim. Ein zwergartig kleiner Dattelnpalmbaum, denn zur vollkommenen Größe kann dieser Baum in solcher Höhe über dem Meere nicht gelangen, steht bei der Treppe, auf der man hinabsteigt zu den Ruhekammern der Gebeine; hohe Cypressen beschatten den Eingang, eine Arabische Amsel sang so eben ihr Lied, als uns der Prior die Thüre öffnen ließ, über welcher ein Bild des frommen Einsiedlers Onuphrius, noch kaum erkennbar gemahlt ist; jenes Onuphrius der mir schon durch Herders Legenden ein lieber Bekannter war. Es sind mehrere Gewölbe nebeneinander, die man hier zu Beinhäußern benutzt hat. Auf viele mag der Anblick dieser in regelmäßigen Gruppen zusammengehäuften Knochenhände, Arme und Schädel einen widerwärtigen Eindruck machen, auf mich thut er dies nicht, weil mir jene Stelle im Ezechiel, die von einem Lebenshauche zeuget, der die Todtengebeine mit Fleisch und Adern bekleiden und mit seinem Odem beseelen wird, bei solchem Anblick immer wieder zu Sinne kommt. Auch von jenen Händen, deren vergängliches Schatten- und Zerrbild diese Knochen sind, wird sich manche freudig emporheben, wenn das neue Auge, dessen Keim schon in dem sichtbaren Auge lag, und das jene Schädelhöhlen bewohnte, Ihn schauen wird, auf Den Viele dieser Verarmten und Vereinsamten hofften. Die Gebeine der Patriarchen des Sinai, die man auch aus weiter Ferne hieherbringt, ruhen in besonderen, sargartigen Kästen. Auch jene Reste der beiden Indischen hier zu Christo bekehrten Prinzen zeigte man uns, von denen schon Burkhardt erzählt. Diese Morgenländer des Morgenlandes hatten an der Küste des Meeres, zu Tor Schiffbruch erlitten und im Kloster des Sinai mit der äußeren zugleich eine innere Stätte des Ausruhens und Friedens gefunden; sie lebten in einer Höhle des Berges, unzertrennlich beisammen und wollten auch, daß ihre Gebeine nicht geschieden würden. Ein Stücklein Panzer des einen von ihnen wird noch gezeigt und eine Kette von der man uns übrigens eine etwas anders lautende Legende erzählte, als Burkhardt berichtet. Auch von einem weit mehr als hundertjährigem Mönche zeigte man uns, ich weiß nicht mehr weshalb so merkwürdig, die Gebeine. Von den dürren Resten der Verstorbenen wenden wir uns lieber zu den noch frischen und grünenden Zweiglein des Standes der christlichen Einsamen, welcher früher einmal seinen Stamm und seine Aeste über die ganze Peträische Halbinsel verbreitete. Noch jetzt werden die Dattelnpflanzungen im schönen, fruchtbaren Feiranthal, von den Beduinen als eine Anlage der christlichen Mönche betrachtet; bis gen Dahab, am Ailanitischen Meerbusen, redet die Sage von früheren Wohnungen der Christen. An vielen Punkten der Halbinsel, in den Engthälern wie auf den Höhen, werden die Ueberreste vormaliger Christenklöster gesehen, oder wie am kleinen Mokkateb bei Tor die Höhlenwohnungen der Mönche; noch vor wenig hundert Jahren bestund in einer Felsenschlucht des Epistemiusberges, welcher dem Horeb gegenüberliegt, selbst ein Nonnenkloster; das Mönchskloster Deir Antus im Romhamthale war noch in den ersten Jahrzehenden des vorigen Jahrhunderts von Ordensgeistlichen bewohnt. Wenn man sagt, daß die Zahl der Christen auf der Halbinsel vormals eine mehr hundertfach größere gewesen sey, dann ist dieses noch eine sehr gemäßigte Angabe. Denn abgesehen von jenen Zeiten wo namentlich Feiran eine Stadt der Christen und ein Bischofssitz war, so belief sich bei der Mohamedanischen Eroberung des Landes schon allein die Zahl der Mönche auf 6 bis 7000. Auch die Dschebalye-Beduinen, die Nachkömmlinge jener Sklavenfamilien, welche Kaiser Justinian vom schwarzen Meere, wo ihre Heimath war, hieher, zum Dienst des Klosters sendete, waren damals noch sämmtlich Christen, und fielen erst allmälig aus Furcht vor den andern Beduinenstämmen vom Christenthume ab[89]. Statt dieser Tausende leben jetzt, wenn man Suez nicht mitrechnet, etwa dreißig Christen auf der Halbinsel und dieß sind eben die Basilianer-Mönche des Sinai, welche großentheils das Katharinenkloster bewohnen. Zu unsrer Zeit wurde die Zahl der hiesigen Ordensgeistlichen auf 26 angegeben, davon aber mehrere nach Kairo verreist waren. Einer von ihnen, ein junger, kräftiger Mann, war ein Russe, der früher als Soldat im Felde gedient hatte; die andern waren Griechen, meist von den Inseln gebürtig. Wir sahen unter ihnen einen mehr als neunzigjährigen Greis und einige sehr rüstige, zwischen siebzig und achtzigjährige Männer, davon zwei den Garten des Klosters bearbeiteten. Die Luft ist hier leicht und gesund; die Kost, bei fortwährender Mühe und Arbeit, sehr einfach. Schon in der Nacht versammlen sich Alle zweimal zum Gebet, um vier Uhr des Morgens stehen sie auf und außer jenen Stunden die man in den Kirchen und Kapellen beim Gebet und Gottesdienst zubringt, beschäftigt sich während des Tages fast Jeder mit einer Handarbeit im Haus oder Garten, zum Nutz und Dienste seiner Brüder, denn es werden hier alle Handwerke getrieben, welche für die Bedürfnisse des täglichen Lebens unentbehrlich sind. Zweimal am Tage wird gegessen; die Strenge des Ordens verbietet für immer den Genuß des Fleisches und erlaubt auch nur außer der Fastenzeit das Essen der gesalznen Fische, des Käses und alles dessen was aus thierischer Milch bereitet wird. Während der langen, vielen Fasten wird die Enthaltung noch weiter getrieben, denn vier Tage in der Woche darf dann die tägliche Mittagskost der in Wasser gekochten Gemüse nicht einmal mit Oel vermischt werden; Jeder bekommt auch nur ein kleines Schüsselchen solchen Gemüses und dazu ein Laiblein Brodes; die einzige, den armen, vielbemühten Vätern wohl zu gönnende Erquickung ist ein kleiner Zusatz von Dattelnbranntwein (Racki) zu dem Wasser. Um acht oder längstens gegen neun Uhr begeben sich Alle zur Ruhe, Jeder in seine eigne kleine Zelle, die etwa acht Fuß lang und sechs Fuß breit ist, eine ziemlich niedrige gewölbte Decke und eine kleine Nische hat, welche die Stelle des Schrankes vertritt, übrigens aber statt aller andern Geräthschaften nur eine Matratze und Decke enthält. Nur die Zellen des Prior und des Ikonomus machen hiervon eine Ausnahme, denn jene wenigstens ist größer als die andern Zellen und der Boden des Liwan (S. 34) ist mit Teppichen belegt; das leerstehende Zimmer, welches für den Erzbischof bereit steht, wenn dieser etwa im Kloster einen Besuch machen wollte, enthält auch noch andre, alterthümlich prächtige Meublen. Die Kleidung der Mönche besteht in einem groben, dunkelblauen Unterkleid und Beinkleidern und in einem dunkelfarbigen (blaulichschwarzem) Ueberkleide, welches ein lederner Gürtel um den Leib befestigt. Man schläft auch bei Nacht in den Kleidern um bei dem Ruf zum Gebet sogleich zum Aufstehen bereit zu seyn. Jährlich zweimal werden die Brüder neu gekleidet. So sehr es hierbei in die Augen fällt, daß die Weise dieses Klosters nicht viel Anlockendes für die gröbere Sinnlichkeit haben könne, erscheint der Aufenthalt dennoch vielen der Mönche so werth und angenehm, daß sie nicht, wie manche Andre es thun, nach drei oder vier Jahren wieder in ihr Vaterland zurückkehren, sondern daß sie hier altern und absterben. Ich habe kaum an einem andern Orte so viel vergnügte, zufriedene Gesichter von Greisen beisammen gesehen als in diesem Kloster; es ist als ob die Last des Alters hier gar nicht so schwer drückte, wie in unsren Städten. Wir besahen die wohl eingerichtete Bäckerei in welcher die wohlschmeckenden Weisbrode und jene Menge der etwas geringeren (schwärzeren) Brode bereitet werden, welche das Kloster täglich an seine Dschebayle-Beduinen und an die vorüberziehenden Familien der fremden Beduinen abliefern muß. Auch die Werkstätte des Schmiedes, Zimmermanns, Tischlers, Böttigers, Schusters, Schneiders und die ansehnliche Branntweinbrennerei, welche auch zum auswärtige Verkauf Racki bereitet, erschienen uns des Besehens werth. Einer besondren Erwähnung ist noch die bewundernswürdige Reinlichkeit werth, welche wir im Sinaikloster fanden. Auf unsrer Reise von Kairo hieher und bei unserem Umgang mit den Beduinen hatten wir viel von plagenden Insekten zu leiden gehabt; hier waren sie allzumal verschwunden. Die Mönche schreiben es dem Gebet des heiligen Sangarius zu, daß ihre Wohnstätte von dieser nicht geringsten der Aegyptischen Plagen befreit worden sey, welche früher auf dem Kloster so schwer lastete, daß sie die Mönche fast zum Auswandern bewogen hätte. Der alte Prior behauptete sogar, daß man getrost jedem Pilgrime ein Goldstück bieten könne, für jedes der kleinen, plagenden Thierlein, welches er nach einem mehrtägigen ununterbrochenen Aufenthalt im Kloster in seinem Gewand oder Teppich noch lebend finde. Auch an den schönen, großen Katzen, deren sich mehrere im Gebäude fanden, war keine Spur eines vom Blute lebenden Insektes zu bemerken; die Ruhe der Nächte blieb in dieser Hinsicht beständig ungestört. Vielleicht daß schon in den vielen aromatischen Kräutern, welche die Mönche auf den benachbarten Gebirgen sammeln lassen und zur Versendung nach Kairo trocknen, ein Erleichterungsmittel für die Aufrechthaltung der Reinlichkeit liegt. Am Nachmittag stieg ich noch in Begleitung meiner lieben Hausfrau und einiger andern Reisegefährten über die Gartenmauer hinaus ins Freie; wir ergiengen uns aufwärts im Thale des Klosters, gegen den Huthberg des Moses hin, bis an den Punkt wo man in das breite Sebaye- (Sbahiah) Thal hinabsehen kann. Das Engthal in welchem das Kloster liegt, verläuft fast in der Richtung von Nordwest nach Südost; seine südwestliche Gebirgswand bildet den Horeb im engeren Sinne, welcher, wie ich schon erwähnte, nur das niedere Stockwerk des Sinai ist, die nordöstliche (linke) Felsenwand ist der Pistemiberg, der vom heiligen Epistemius seinen Namen hat, und dem Horeb an Höhe gleich kommt. Der Huthberg des Moses der gerade in Südost das Klosterthal begränzt, erscheint gegen diese beiden Berge nur wie ein Hügel, hat aber noch jetzt viele zur Schafweide taugliche Kräuter, die ihm schon aus der Ferne ein grünliches Ansehen geben. Das Sebayethal, welches Quellwasser und eine kleine, dem Kloster zugehörige Gartenanlage hat, steigt von Süd gegen Nord an und hinter dem ersten, niedern Bergzuge, der es in Osten begränzt, liegt das Feruschthal, welches von Ost nach Westen streicht. In das Sebayethal senkt sich das höhere Stockwerk oder der Hochscheitel des Horeb: der Sinai im engern Sinne unmittelbar mit seiner gähen Felsenwand herunter; von hier aus kann man ungehindert von den niedreren Vorbergen seinen Gipfel sehen ja bis zu seinem Fuße hingehen und diesen anrühren. Hier war Raum genug für die Heere Israëls wenn sie vielleicht da und im angränzenden Thale Erbain ihre Stätte aufgeschlagen hatten, am Tage der Gesetzgebung. Man sieht von dieser Seite zwei Schluchten von dem Thale aus Ostnordost gegen Westsüdwest zum Gipfel ansteigen; die eine dieser Schluchten hat Wasser. Den südwärts dem Sinai gegenübergelegenen Berg nannten unsre Dschebalye Baalti; wenn man in der Weitung zwischen beiden Bergen fortgienge, würde man aus dem Sebayethale in das Erbain-, von da ins Bostanthal und hiernächst, nachdem auf solche Weise der ganze Kreis um den Sinai und Horeb umschrieben wäre, wieder zurück ins Kloster kommen. Von den beiden zuletzt genannten Thälern spreche ich noch nachher. Der Rückweg von der Anhöhe über dem Sebayethale hinab nach dem Kloster war zwar etwas leichter als der Heraufweg, doch erschweren die vielen Steintrümmer und Felsenstücke welche am Boden liegen, das Gehen nicht wenig. Desto besser schmeckte uns am Abend das Fleisch des Steinbockes, den wir von den Beduinen gekauft hatten, mit dem Zusatz der vortrefflichen getrockneten Früchte. Die guten Mönche hatten zur Zubereitung dieser Gerichte unsern Arabischen Knechten ihre ganze Küche eingeräumt, obgleich das Umbringen und Essen der Thiere ihrer Lebensweise so fern stehet, daß es nicht einmal verstattet ist im Kloster selber ein Thier zu schlachten. Sonnabends, den vierten März machten wir uns in früher Morgenzeit auf um das Bostan- und das Erbainthal zu besuchen. Der freundliche Prior hatte sich abermals selber zum Führer angeboten, mit ihm giengen wie gewöhnlich mehrere Dschebalye-Beduinen, welche die Mundvorräthe für den heutigen Tag trugen. Der Himmel war überaus klar und heiter, wie wir denn überhaupt während unsers ganzen Aufenthaltes am Sinai auch nicht einmal die Bergspitzen von Nebel oder Wolken bedeckt sahen. Sogar der Fußtritt entlockte heute dem felsigen Boden aromatische Düfte, weil er oft an jene jungen Kräuter rührte, welche manche Gegenden dieses Hochlandes zu einem Gewürzgarten machen. Noch im Thale des Klosters, nahe vor der Mündung ins Bostanthal, zeigte uns der Prior zur Linken unsers Weges jenes Felsenstück, bei welchem man die Pilgrime an Mosis heiligen Eifer erinnert, als derselbe, beim Anblick des abgöttischen Tanzes um das goldne Kalb, die Tafeln des Gesetzes zerschlug. Schon ins Bostanthal selber versetzt die Ueberlieferung die Gegend, in welcher jene Umkehr Israëls nach Aegyptens Götzen, wenn auch nicht mit dem Leibe, doch mit dem Gemüthe statt fand; von hier aus soll das Getöne des Siegestanzes in Mosis Ohren gedrungen seyn, als dieser vom Berge herabstieg; ein hohler in der Erde steckender Stein, dessen größere längliche Höhlung nach oben zwei krumme Seitenröhren hat, wurde vom Prior als die vermuthliche Form bezeichnet, in welcher das Götzenbild sey gegossen worden[90]; ein felsiger Hügel den man vom Klosterthal ins Bostanthal heraustretend vor sich liegen sieht heißt der Dschebel Harun oder Aronsberg, weil man glaubt, daß hier Aaron und die siebenzig Aeltesten verweilten, während Mose und Josua auf den Berg Gottes stiegen (nach 2. Mos. 24, V. 14). Aus dem Garten Bostan, bei welchem das Gemäuer eines kleinen, zerstörten Klosters gesehen wird, wehete uns der Duft der blühenden Bäume an, als wir in seiner Nähe vorübergiengen, etwas weiterhin sahen wir einige Heerden von Ziegen, welche von Frauen und Mädchen der Dschebalye-Beduinen geweidet wurden. Wir ruheten da auf einem Felsstück und nahmen ein Frühstück an, das der freundliche Prior uns darbot; auch die Hirtinnen, welche eine alte Mutter zum Empfang der Gaben absendeten, erhielten ihren Theil. Hier öffnet sich gegen Süden das steinige Ledschathal, in welchem das Kloster Erbain liegt, zugleich hat man gegen Westen die Aussicht nach einem andren, herrlichen Thale, das gegen den Katharinenberg hinführt und durch schwer zugängliche Thalklüfte der Gebirgswüste mit dem Wadi Hebron in Verbindung steht. Ein blaulicher Morgenduft schwebte noch über diesem Thale und warf einen Schein auf dasselbe, als wenn sein Boden allenthalben mit einem Grün der Auen und der Gebüsche bedeckt sey; an der Ecke des Berges, an welchem zur Rechten dieses Thal, zur Linken aber jenes von Erbain oder das Ledscha sich öffnen, liegt ein zweiter schöner Garten, Rabah genannt, zwischen dessen üppig blühenden Obstbäumen hohe Cypressen sich erheben. Der Weg nach Erbain windet sich durch mächtige Felsenstücke hindurch; zur Rechten liegt das Bette eines Winterstromes, in welchem auch außer der Zeit des Regens oder des thauenden Gebirgsschnees der Abfluß mehrerer Quellen sich sammelt, welcher zur Anlage und Pflege einiger kleiner Gärten benutzt ist. Mitten in der gräulichen Felsenwüste erscheinen diese grünenden, blühenden Punkte wie bunte Schmetterlinge, welche, aufsaugend die Tröpflein des Thaues, auf einem Grabsteine sitzen. Aber auf alle diese Grabsteine des Felsenthales lässet die Geschichte der Thaten Gottes einen Sonnenstrahl fallen, mit welchem es freilich dem einfältig frommen Sinne der späteren Zeit öfters so ergieng wie unschuldig spielenden Kindern, welche dem Lichtschimmer nachjagen den ein von der Sonne beschienenes, spiegelndes Glas auf die Wand oder den Boden zurückstrahlt. Sie halten den Schimmer, der sich mit dem Stücklein Glas zugleich bald da bald dorthin bewegt, für das Sonnenlicht selber. Laß sie gewähren. Ist doch dieses kindliche Laufen und Rennen nach dem Abglanz des Abglanzes immerhin ein Zeichen, daß die Kindlein noch einen Sinn für das Licht haben; daß sie dieses sehen und daran sich freuen; die blinden Knaben gehen ihres Weges und sehen weder das Spiegelbild, noch die Sonne die dasselbe erzeugt. Einen Felsen, der wie eine natürliche Ruhebank gestaltet ist, bezeichnet die fromme Sage als den Sitz des Moses, auf dem er öfters das Volk richtend saß; ein andrer heißt der Kessel des Moses; weiter hinwärts ist der Fels bei welchem die Mönche an jenen in Raphidim erinnern, den Moses schlug mit seinem Stabe, und aus welchem Wasser hervorsprang (2. Mos. 17, V. 6). Bei diesen Stellen werden an den Flächen mehrerer Felsenstücke einige jener Sinaitischen Inschriften gefunden, welche schon mancher Reisende beschrieben und Burkhardt abgebildet hat[91]. Sie tragen, so räthselhaft sie aussehen und im Vergleich mit den bekannteren Schriftzeichen erscheinen, keinesweges das Gepräge eines hohen Alterthumes. Der Weg führte noch an einer und der andern kleinen Gartenanlage vorüber zu den umfangsreichen Pflanzungen des Klosters der Vierzig (Märtyrer) oder Erbain. Durch die Oelgärten hindurch kamen wir zu einer noch mit Wasser gefüllten Cisterne, welche die Größe eines kleinen Teiches hat. Das Kloster ist ein ziemlich ansehnliches Gebäude, welches jedoch für gewöhnlich nicht mehr von Mönchen bewohnt wird; einige Dschebalye hüthen des Gartens und seiner Früchte; ein Mönch aus dem Katharinenkloster besucht die Anlage öfters und verweilt auch zuweilen auf mehrere Tage hier um die Arbeiten zu leiten. Ein ganzer Wald von Orangen und Citronen stund voll duftender Blüthen; in den Zweigen eines alten Oelbaumes sang die Sinaitische Amsel. Vor allem Andren zog hier der Sinai unser Auge an; so ganz in seinem eigenthümlichen Umrisse und in seiner Abstufung vom Horeb hatten wir ihn noch an keinem andren Punkte gesehen. Der Himmel wölbte sich so klar über ihm, daß es uns war als sähen wir etwas von dem sapphirenen Schimmer, der einstmals dort unter den Füßen des Erscheinenden erglänzte (2. Mos. 24, V. 10). Man konnte hier nicht stillstehen oder sitzen. Wer nicht, wie unser guter Maler Bernatz, mit dem stillen Auffassen der Gegend in Bild und Rahmen zu thun hatte, der wollte, wie ein Kind um den Spiegel, herumgehen, um den Gegenstand, der sich da abspiegelte, mit den Händen zu erfassen. Ich hatte mich weit hinauf nach Süden im steinigen Thale ergangen und im Vorbeieilen mancher schöner Frühlingsblume in ihr vom Traume der Engelwelten verklärtes, schlummerndes Angesicht geschaut; mir war es, im Andenken an das, was einst hier geschehen, umgekehrt so wie den Siebenschläfern ergangen: ich war unter eine altvergangene Zeit der Wunder hineingerathen, deren Sprache nur der versteht, welcher das Wunder des Gedankens kennt und an sich selber erfuhr. Bei der Gelegenheit war ich aber auf dem Rückwege an eine Stelle des Gießbachbettes und zuletzt der Gartenmauern gekommen, über welche ich den Hinüberweg nicht finden konnte, bis ein mitleidiger Sohn der Wüste, ein Dschebalye, mir hinüberhalf. Die Hausfrau hatte indeß mit dem Bächlein des Wassers, das der gute Prior uns zu Ehren aus einer höher im Thale gelegenen Cisterne ableiten ließ, eine junge Baumschule von Orangen und Citronen getränkt; jetzt wurden aber wir alle, im Schatten des Klostergebäudes, auf einer steinernen Bank gelabt und genährt durch das Mittagsmahl des Brodes und Käses wie der gesalzenen Seefische und das erfrischende Wasser mit dem Beisatz von Racki. Auf dem Rückwege kehrten wir im Bostangarten ein und tranken da, auf Anordnung des Priors, eine Tasse Kaffee. Ein Dschebalye-Beduine ist der Inspector und Halbbesitzer des Gartens, denn die Hälfte des Ertrages der Bäume gehört sein, dazu bekommt er ja das tägliche Brod aus dem Kloster, und hilft bei der Bearbeitung des Gartens nur wenig, denn diese ist großentheils ein Tagwerk der fleißigen Mönche. Erst eine Stunde vor Sonneuntergang kamen wir in unsre Klostermauern zurück; verweilten da noch ein wenig im Garten und suchten dann die lieben, bei der Arbeit für unsre naturgeschichtlichen Sammlungen zurückgebliebenen Reisegefährten: +Dr.+ Roth und Erdl auf, welche das Amt der Schatzmeister vertraten, die Alles, was die Bergbeduinen an Lebendem und Todtem herbeibrachten, alsbald in Empfang nahmen und zum Mitgehen über Land und Meer geschickt machten. Der fünfte März war der Sonntag Lätare, ein Tag den ich noch nie auf Erden so festlich schön zugebracht habe als hier am Sinai. Der zackige Gipfel des Horebs und der Huthberg des Moses hatten das liebe Morgenlicht angezogen wie ein Gewand; Laute aus der Kirche die uns wie Gesang klangen tönten in unsrem Herzen wieder, wir giengen hinab und wohnten dem Gottesdienst der guten Väter bei. Obgleich uns darinnen Vieles neu und unverständlich war, wußten wir doch daß Er, Christus hier geehrt werde der über Alle und von Allen zu ehren ist, und diesen priesen da, in der kleinen Gemeinde der Betenden unsre Herzen auch. Die andern Morgenstunden des schönen Sonntags brachten wir still und selig vergnügt, mit dem Buch der Bücher in unsrer Hand im Garten zu; lasen da das Evangelium des heutigen Sonntags und dann von neuem und im Zusammenhange jene Kapitel in den Büchern Mosis, welche von den Wunderthaten Gottes reden, deren Zeugen einst dieser Horeb und Sinai, so wie Wüste und Meer gewesen. Freund Baumgärtner, der ehrliche Schweizer hatte sich zu uns gesetzt; es waren die letzten Stunden die ich mit ihm in solcher Gemeinschaft des Herzens auf Erden zubrachte[92]. Das was wir lasen, zuerst den Inhalt des Evangeliums, der nach Joh. 6 von der Sättigung der fünf Tausende redet, mit fünf Gerstenbroden und zween Fischen, auf denen die Fülle jenes Segens ruhete, welche nicht bloß fünf tausend Menschen, sondern ~Alles was da lebet~ täglich sättiget mit Wohlgefallen; dann der Inhalt der Kapitel die wir in den Büchern Mosis lasen, führten zur Betrachtung des Glaubens an Wunder. Mein Freund war mit dem ganzen Heere der modernen Zweifel nicht unbekannt geblieben; er hatte in jüngeren Jahren an der Fronte dieses gewaltig drohenden Heeres vorüber gemußt. Hier im Kloster der Verklärung, wo alles Ungeziefer stirbt, möge auch jenes nagende Gewürm auf immer gestorben seyn. Wir saßen unter einem Apfelbaume der heute seine ersten Blüthen aufthat, oberhalb der Todtenkammer der Mönche auf einem alten Grabessteine. -- »Was sind alle diese Zweifel, mein Freund, was sind sie anders als Zweifel an dem Daseyn eines Schöpfers, Zweifel an dem Gedanken! Denn was ist das Wunder anders als der Gedanke? Mein einziger Bruder, der mir in der Blüthe seiner Jugend vor vielen Jahren starb, war gezeugt und geboren wie ich, war aufgewachsen Tag nach Tag unter Freud und Leid, es hatte gegen zwanzig Jahre gedauert bis er die Gestalt gewonnen mit der er ins Grab sank, wo sein Leib schon längst verwest ist, und siehe mein Gedanke kann sich in einem Augenblick diesen Bruder mit seiner Gestalt und seinem Wesen, so wie er leibte und lebte, erschaffen und darstellen. -- Glaubst du, mein Freund, an eine Schöpfung, glaubst du an einen Schöpfer aller Dinge, oder meinest du daß aus Stäublein der uranfänglichen Materie und aus einem zähen Schleime zuerst sich das Gefädig der niedern Pflanzenarten und Thierformen, dann aus der immer wieder erneuten andren Mischung der Spielkarten, welche der Meister Zufall in seiner Hand hielt, aus dem sich immer künstlicher verwirrenden Gefädig allmälig im Verlauf der vielen Jahrtausende auch die Rose und dieser Apfelbaum gebildet haben? Bis zuletzt selbst der Mensch hervorkroch auf allen Vieren aus dem Meere. Ich meine du mußt und wirst an einen Schöpfer glauben, sobald du an den Gedanken glaubst. Die Welt der wesentlichen Dinge, welche der Gedanke sich schaffet, ist freilich im gewöhnlichen Verlauf des Menschenlebens eine unsichtbare und scheinbar leiblose, weil der Gedanke seiner Natur nach ein Aufsteigen des kreatürlichen Wesens in das Reich nicht des Gewordenseyns, sondern des Werdens; in das Reich nicht des Vergänglichen, sondern des Ewigen ist. Vor und über dem Gedanken des Menschen ist aber ein andrer Gedanke, welcher in umgekehrtem Verhältniß zu jenem hinabwärts steiget aus dem für uns unsichtbaren Geistigen nach dem Leiblichen, aus der Ewigkeit nach der Zeit; ein Gedanke dessen eigentliches Wesen dieses Hinabsteigen einer erbarmenden Mutterliebe ist, nach den Geschöpfen ihrer Hand. Dieser Gedanke wirket überall wo es ihm gefällt ein leibliches Werden; er wirkt dieses, wie der Gedanke des Menschen, wenn dieser in seiner unsichtbaren Region das Werk des Schaffens übt, auf einmal und in einem Augenblick; denn das Denken des Schöpfers ist zugleich ein wesentliches und leibliches Schaffen. Auch der Mensch, welcher jenes Denken kennet, das zum lebendigen Worte ward; der Mensch, welcher im Glauben beten lernte, hat es selber an sich erfahren, daß es einen Gedanken giebt, der alsbald zur leiblichen, sichtbaren That zu werden vermag; es ist jener Gedanke, der sich in den Stunden des Kampfes mit der Kraft Dessen überkleidet hat, welchen er nicht lässet, Er segne ihn dann.« »Als ich noch zu Hause war, habe ich oft ein Liedlein auf den Gassen vernommen, dessen Leierton ich zuweilen lange in meinen Ohren nachklingen hörte; wie froh bin ich, daß er hier in der Wüste des Sinai schweigt. Es war das Liedlein von jenen Leuten, welche, da sie sich für Weise hielten sind zu Narren geworden; und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich den vergänglichen Menschen, und den Vögeln, und den vierfüßigen und kriechenden Thieren[93]. Ich will dir den Inhalt des Liedleins noch näher erzählen. Es war eine Schaar von Knaben, die hatte unter dem Gerümpel einer Dachkammer alte Pistolen gefunden, welche ungeladen waren, dazu gelähmt und zerbrochen an Schloß und Feder; etliche von ihnen hatten nur hölzerne Stöcklein, die wie eine Flinte aussahen. Die Männlein exerzirten mit ihren niemals zum Schuß befähigten Schießgewehren, machten auch gar oft die Geberde des Schießens; da aber der Bettel den sie in ihren Händen trugen nicht losgieng, machten sie den Schluß, daß allen Pistolen und Flinten in der Welt die Kraft abgehe irgend etwas damit zu treffen, das nicht so nahe steht, daß man es mit der Hand erreichen und mit dem Flintenstecken schlagen kann. Denn, sagten sie, was einst möglich war, das müßte auch jetzt noch möglich seyn; gäbe es wirklich, wie man uns berichtete, eine solche wundervolle actio in distans (Wirkung in die Ferne) in den Schießgewehren, warum zeigte sie sich dann nicht auch an unsern Pistolen und Flinten? -- Die Knaben, von denen ich eben sprach, nennen sich eine Schule »der Denker« und führen das Wort Gedanke mit großem Geschrei in ihrem Munde. Aber obwohl sie immerdar lernen, können sie dennoch nicht zur Erkenntniß der Wahrheit kommen; sie wissen nicht einmal, daß der Gedanke jenes Wunder selber ist, das sie läugnen. Ja, sie haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes heruntergezogen in ihr eignes vergängliches Bild, das abgesehen von der Fertigkeit des Schwatzens, gleich ist an innrer Kraft den vierfüßigen und kriechenden Thieren. Denn weil sie selber niemals in und an sich erfuhren die Schöpferkraft, die dem rechten wahren Gedanken innen wohnt, machen sie das Wort der Wahrheit, machen sie die von Gott begeisterten Seher der Wunder des Herrn zu solchen Lügnern, dergleichen sie selber sind. Sie können nicht fünftausend Mann mit fünf Broden und zween Fischlein sättigen; sie können nicht dem Meer und dem Sturmwind gebieten, nicht Kranke heilen und Todte erwecken, also konnten es Christus der Herr und seine Apostel auch nicht; vor ihnen geht keine Wolken- und Feuersäule vorher, sie werden niemals mit dem Manna gespeist, also widerfuhr dieß den Heeren Israëls auch nicht; was die Schrift davon erzählt ist Mythe, das heißt Lüge. Und dennoch, wenn sie die Religion ihrer Väter so von aller eigentlichen Kraft des Gedankens (Wunders) entkleidet und sich statt Gottes einen kraft- und gedankenlosen Götzen, als »ein Bild das ihnen gleich sey«[94] erschaffen haben, reden sie noch von einer Möglichkeit die Göttlichkeit des Christenthumes zu bezeugen. Wo steckt denn diese Göttlichkeit? in der Kraft der Lüge oder in den Taschen der Narrheit?« »Sieh' dich um, mein Freund, in der Geschichte der Heiden und Völker; kannst du mir eines nennen, das ohne den Glauben an den Gedanken, ohne Glauben an das Wunder zu bestehen vermochte? Vernimm es aus dem Munde aller wahrhaft denkenden und weisen Heiden; aus Sokrates und Plato's Munde, daß eine Welt der Götter, daß ein Oberes sey, dessen Gedanke die That des Sichtbaren ist; ein Gott im Himmel, welcher schaffet was er will. Wenn es auch unter den hochgebildeten Heiden manche Afterweise gab, welche wie jene Knäblein, von denen das Lied der Gassen erzählte, sich losgemacht hatten von der Herrschaft des Gedankens, weil sie, statt zu denken nur wähnten und schwatzten, so waren doch die Tausende der gesund gebliebenen Menschennaturen des festen Glaubens an eine Ordnung der Dinge und Thaten, welche nicht wie das Gras und Kraut aus dem Boden wächset, sondern mit der Kraft des Wunders, gleich dem Strahl der Sonne durchs Gewölk hereinbricht in die Welt des gewöhnlichen Wachsens und Verwelkens und da überall ein Leben ihrer Art erzeugt. Sind doch die Bekenner des Islams glücklicher zu preisen als die Schule der Denker, von denen ich vorhin sprach, denn jenen ist das Wunder des Gedankens nicht zum Gespött und zu nichte geworden; die Thaten Gottes sind ihnen wirklich geschehene; Moses und Christus erscheinen ihnen als wahrhafte Werkzeuge der Wunderkraft Gottes.« »Doch laß dies seyn. Ich meines Theiles wollte lieber noch heute ein zusammen gedorrtes Gebein, da unten in der Todtenkammer der Mönche seyn, als leben und nicht glauben, daß ein Gott sey, der sich dem Menschen erbarmend, in sichtbarer That und Gestaltung genaht, und so wie das Wort der Wahrheit, wie die Schrift es uns erzählt, durch Wunder, durch die That Seines Gedankens an ihnen herrlich gemacht hat. Ich glaube, darum rede ich.« Wir hatten bis fast zur Mittagsstunde mit einander gelesen und gesprochen; es waren Gespräche, des Sinais nicht ganz unwürdig; da kam unser alter, guter Prior, der schon gestern der Hausfrau versprochen hatte, ihr heute etwas ganz besonders Schönes zu zeigen und führte uns an eine Stelle im obern Theile des Gartens, an welcher eine steinerne Rinne durch die Mauer gebrochen war. Mit bedeutungsvollem Lächeln winkte er uns Platz zu nehmen; er wollte uns, was freilich uns mitten im Lande der laufenden Gewässer Geborenen nichts Neues war, das Schauspiel eines Wasserfalles bereiten. Von Zeit zu Zeit trat er tiefer zurück in den Garten und blickte hinauf nach den Felsenwänden des Horeb, von wo man das Geschrei der Beduinenjungen hörte, welche beschäftigt waren das Wasser einer kleinen, hochgelegnen Cisterne seiner Haft zu entlassen. Endlich kam ein Bächlein Wassers, gar klein und schwach, dazu trüb und schlammig, lief über die Rinne herein und stürzte sich zuerst in ein gemauertes, kleines Bassin, von da, durch die steinernen Rinnen tiefer hinab bis in die größere Cisterne des untersten Gartens. Der alte Mönch der die Aufsicht über den Garten hatte, brummte gar unwillig über eine solche Verschwendung des Wassers; der Prior begütigte ihn mit sanften Worten, da ja das Wasser zuletzt doch wieder in der Cisterne sich sammle, und wir freuten uns dankbar über die Freude des lieben Greises, die er darinnen fand, uns ein in seinen Augen sehr großes und seltnes Vergnügen zu machen. Nach Tische folgte ich der Einladung in die Zelle des ehrwürdigen Priors. Ich wurde da mit Kaffee bewirthet, mit süßem Weine und Orangen, und da der Greis gesehen hatte, daß ich mit Eifer Naturgegenstände sammle, that er seine Schätze auf und beschenkte mich reichlich. Zuerst mit einem Stein, welchen die Beduinen aus dem Gebirge bringen, und der, wie er sagte, voll wunderbarer Heilkräfte sey, weshalb die Türkischen Mekkapilgrime ihn theuer erkauften; der Stein war aber nichts Andres als unser fasriger Rotheisenstein oder rother Glaskopf, den auch bei uns das Volk unter dem Namen des Blutsteines zum Stillen der blutenden Wunden empfiehlt und anwendet. Darauf kamen Fungien und manche andre Lithophiten so wie Conchylien des rothen Meeres, welche in Tor gesammelt und den Vätern des Sinai, zu Geschenken an curiose Pilgrime zugesendet werden. Zuletzt kam das mit Recht für das kostbarest gehaltene Geschenk: eine blecherne Büchse des Sinaitischen Manna's, das von neueren Reisenden so oft erwähnt und beschrieben ist. Dieses darf ja nicht mit dem gemeinen, sogenannten Manna unsrer Apotheken verwechselt werden, welches aus der in Südeuropa wachsenden Manna-Esche kommt; es ist ein ungleich seltnerer Stoff, der fast ausschließend nur auf der Sinaitischen Halbinsel gefunden wird, wo er in den heißesten Zeiten des Jahres und der einzelnen Tage aus den Zweigen der Mannatamariske herunterträufelt. Wenn man genau nachsieht, was die Ursache dieses Herausträufelns sey, dann erkennt man, daß der Stich eines kleinen, häßlichen Insektes, einer Art von Schildlaus es bewirke. Die Beduinen sammeln es gewöhnlich in der kühleren Zeit des Morgens, wo es in der Gestalt kleiner, fester Kügelchen an den Zweigen hängt, nehmen aber auch das mit, was am vorigen Tage herab in den Sand geträufelt ist. Um dasselbe von den anklebenden fremden Theilen zu reinigen, pressen sie es durch Leinwand und bewahren es dann in ledernen Schläuchen oder in den ausgehöhlten, getrockneten Schalen der Flaschenkürbise auf. Einen großen Theil von diesem Manna genießen die Einsammler selber, nicht bloß wegen des honigartigen Wohlgeschmackes, sondern weil sie es für der Gesundheit sehr dienlich halten, einen andern Theil verkaufen sie nach Kairo oder an die Mönche des Sinai. Der Preis ist selbst an Ort und Stelle ziemlich hoch, denn man bezahlt für die Woga (von 4⅔ englischen Pfunden) 60 spanische Thaler; einen im Werth von 2 fl. 30 kr.; mithin für das Loth ohngefähr einen Gulden. Und mit Recht hält man es sehr hoch; denn nach der Versicherung der Mönche wie der Beduinen sammlet man auch in den ergiebigsten Jahren auf der gesammten peträischen Halbinsel kaum sechs Zentner, in andern Jahren kaum das Drittel dieser Masse. Sollte dieses Schildlausmanna die Nahrung der Heere Israëls in der Wüste gewesen seyn, so wären sie sehr zu bedauern gewesen; es enthält durchaus nichts von jenen Stoffen, die dem thierischen Körper zu seiner täglichen Erhaltung und Ernährung unumgänglich nöthig sind und in denen sich Würmer der Verwesung (2. Mos. 16, V. 20) erzeugen konnten; auch hätten tausend Millionen Läuse nicht so viel vegetabilische und animalische Excremente zu wege gebracht, als zur Ernährung eines solchen großen Volkes vierzig Jahre lang, nicht bloß hier in der Umgegend des Sinai, sondern auf dem ganzen weiteren Zug durch die Wüste nöthig gewesen wäre; ich meine daher dennoch mit K. v. Raumer, mit dem verständigen, nüchtern prüfenden Engländer, dem Marinelieutnant Wellstedt, und mit manchen andern ehrenwerthen Reisenden und Schriftforschern, daß das Brod der Engel, das Manna des Himmels, noch etwas Andres gewesen sey, als das Manna der Läuse und Käfer. Und dennoch bleibt auch diese Naturerscheinung der Sinaitischen Halbinsel eine für den Freund der Schrift sehr beachtenswerthe Erscheinung. Wenn die kräftige Hand des Werkmeisters erst einmal den Kanal durch den Felsen gesprengt hat, dann nimmt das Wasser in allen kommenden Jahrhunderten da hindurch seinen Lauf; als die Stammform der Geschlechter und Arten der sichtbaren Dinge erst einmal durch Gottes Allmachtswort erschaffen war, dann pflanzte und schuf sie sich auf dem gewöhnlichen Wege der Zeugung weiter fort. So hat sich auch die Anregung zur Mannabereitung, welche zu ihrer Zeit den Lebensodem der Luft und mit ihm alle Lebenskräfte des Landes durchdrang, wenigstens noch im lebenden Gebüsch der Mannatamarisken fortzeugend erhalten. Doch wird auch in Persien eine mit diesem Manna verwandte Substanz durch den Stich eines Insektes auf einem Strauche erzeugt, der dem Ginster gleicht, und Gavan heißt; in Turkistan wie in Mesopotamien kommt Manna aus einigen Arten von Eichen, unter die man bei Nachtzeit Tücher ausbreitet, auf welche dasselbe wie Thautropfen herabfällt. Burckhardt berichtet, daß ein solches Manna, welches in Erzerum aus dem Baume hervordringe, welcher Galläpfel trägt, von den dortigen Eingebornen genossen werde; ein gelehrter jüdischer Rabbi, mit welchem Wellstedt am rothen Meere znsammentraf, wollte auf seinen Reisen durch die Wüste nach Damaskus eine mannaartige Substanz auch an solchen Stellen auf dem Boden bemerkt haben, wo rings umher kein Baum war. Die späteren Nachmittagsstunden dieses Sonntags brachte ich mit meiner guten Hausfrau noch recht seelenvergnügt im Garten des Klosters zu. Wir ergiengen uns da bald im unteren Garten, im Schatten der blühenden Orangen und Zitronen, bald im oberen unter den blühenden Obstbäumen, die heute fast alle ihre Knospen aufgethan hatten; sammelten uns zum Andenken an den lieben, schönen Sinai abgefallene Früchte der Oelbäume und Zäpflein der Cypressen, so wie mancherlei Blumen. Du lieber Sonntag Lätare, am Sinai verlebt, so lang ich lebe gedenke ich Dein mit Freuden. -- Auch bei uns zu Lande, wenn man in einem von der Poststraße weit abgelegnen Gebirge verweilend, aus einer entfernten Stadt einen Lohnkutscher bestellt hat, wartet man am Tage, auf den er kommen sollte, mit einigem Bangen seiner Erscheinung; denn man hat Eile, die Zeit ist abgemessen. So warteten auch wir am Montag den 6ten März mit einiger Besorgniß auf unsre freien Beduinen, welche indeß in ihre Wohnstätte der Wüste und zu den Ihrigen zurückgekehrt waren. Es lag uns viel daran die liebe Osterzeit in Jerusalem zuzubringen; wollten wir aber dies möglich machen, dann durften wir nicht länger in dem Sinai-Paradiesgarten weilen. Um die Zeit des Wartens leichter zu machen gieng ich am Vormittag noch einmal in Begleitung des Herrn Mühlenhof im Klosterthal hinan und zum Sebayethale, erhub meine Seele noch einmal im Anschauen des Sinaigipfels und trug einige ergänzende Bemerkungen für mein Tagebuch zusammen. In der Mittagszeit kehrten wir zurück und eben da wir die Gartenmauer erstiegen, zeigten sich von ferne die ersten Kamele unsrer Beduinen und bald auch die wohlbekannten Gesichter ihrer Führer, vor allem das des guten Hassan, der heute am Seile herangezogen und ins Innre des Klosters gelassen wurde. Er, der Scheikh oder kleine Fürst seines Stammes, hatte einen seiner jungen Prinzen mit sich gebracht, einen Knaben von zwölf oder dreizehn Jahren, der uns auch mit nach Akaba, und, wenn es angienge, bis Hebron begleiten sollte. Die guten Mönche versorgten die schreienden Beduinen, deren größerer Theil unten vor den Mauern des Klosters sich lagerte, reichlich mit Brod, wir gaben ihnen Reis aus unsern Vorrräthen. Jetzt hatten wir keine Sorge mehr um das Weiterkommen; wir konnten den übrigen Theil des Tages noch recht in Ruhe mit der Natur des Sinaitischen Gebirges, so weit sie uns bekannt geworden war, verleben. Freilich hatten wir für das Geschäft des Zusammenraffens aller der Gaben, welche diese reiche Natur ihren Freunden zu Füßen legt, viel zu wenig Zeit und Hände, denn mit jedem neuen Tage kam durch die herbeitragenden Beduinen und durch die eigne Bemühung meiner jungen Freunde so viel zusammen, daß man kaum im Stande war Alles zum Mitnehmen durch den Weg der Wüste, in die liebe Heimath zuzuschicken. Ich fasse hier in einem kleinen Umriß Das zusammen, was uns selber von der Natur der Gegend anschaulich wurde. Die Höhe der Lage über dem Meere, die Beschaffenheit der Gebirge und der nicht ganz unbedeutende Zufluß des Wassers, auch außer der Zeit des Regens und des thauenden Schnees, durch einzelne Quellen, giebt dem Clima der Sinaithäler eine so wohlthätige Beschaffenheit, daß man den Aufenthalt im Kloster mit Recht den in Kairo wohnenden Fremden als den zuträglichsten während der heißen Zeit des Jahres empfiehlt. Im Winter sind die Berggipfel zuweilen wochenlang mit Schnee bedeckt, selbst im Klosterthale fällt dann nicht selten Schnee, der aber freilich alsbald wieder hinwegthaut. Im Sommer, während der heiße Samum die Ebene am Meere mit seinem Gluthstrom erfüllt, ist die Luft im Thal des Klosters noch immer sehr gemäßigt; in der letzten Hälfte des Nachmittags breitet der Horeb über dasselbe seinen erfrischenden Schatten und ein kühlender Luftzug streicht dann hindurch. Einzelne Erdstöße werden zuweilen auf den Felsenhöhen bemerkt, während das Kloster selber keine Zerstörungen vom Erdbeben erleidet. Die Pest kommt nie hieher; die Mönche genießen, bei hohem Alter, einer dauerhafte Gesundheit. Die vorherrschende Gebirgsart des Sinais ist jene granitische, welche häufig durch die sich statt des Glimmers einstellende Hornblende zum Sienit wird, abwechselnd mit Porphyr, durchsetzt von Gängen des Grünsteins, Pistazits und Hornblendegesteines. Die Mönche halten die Hornblende für ein Erzeugniß jenes (verkohlenden) Feuers, mit welchem der Berg bei der Gesetzgebung brannte. Der Huthberg ist reich an Pistazit. Alle Arten unsres Obstes gedeihen, zugleich mit den Südfrüchten ganz vortrefflich, so daß das Obst vom Sinai auch in Kairo im höchsten Werthe steht; das hier einheimische, wilde Pflanzenreich enthält eine Fülle von gewürzhaften Kräutern. Von Bäumen findet man außen im Freien nur die Zypresse, die Seyal-Akazie (+A. Seyal+) und die Aronsmispel (+Mespilus Aronia+) mit erdbeerartig schmeckenden Früchten, dann in einigen Nebenthälern den Sinaitischen Sykomorusbaum (+Ficus Pseudosycomorus+) so wie die fast zur Baumhöhe erwachsende Tamariske; die Palme sahen wir nur von zwergartigem Wuchse; der Oelbaum wie der Feigenbaum sind, auch wo sie hin und wieder im Freien stehen, durch die Cultur des Bodens dahin gekommen. Unter den Gesträuchen zeichnet sich der Aleppinische Blasenstrauch (+Colutea haleppica+) aus, welchen die Araber Sphärai nennen. Die Mönche des Sinai halten diesen Strauch sehr hoch in Ehren; sie glauben, daß der Stab, mit welchem Moses so viele Wunder verrichtete, aus seinem Holze geschnitten war und noch jetzt pflegen sie in ihrem Garten eines ansehnlichen Strauches dieser Art, den sie für einen Abkömmling des Mosaischen halten. Auf dem Huthberge des Moses (Menegada Musa) wächst die stachliche Strauchmelde (+Atraphaxis spinosa+), an andern Punkten der geflügelte Meerträubel (+Ephedra alata+) und der schöne, einblumige Geisklee (+Cytisus uniflorus+). Unter den vielen andern Pflanzenarten, welche wir hier sammelten, war uns die interessanteste und werthvolleste ein sehr großes Cynomorium, das so eben in vollen Blüthen stund. Es gleicht ziemlich dem berühmten Heilschwamm von Malta (+Cynomorium coccineum+), der auf dem isolirt im Meere stehenden Felsen bei Gozzo, dem Hagira tal Geraal, wächst und aus welchem vormals die Malteserritter eine Tinktur und ein Pulver bereiteten, welche man in vielfältigen Krankheiten als ein Universalmittel betrachtete und nur an die fürstlichen Häußer von Europa abließ. Aber bei all diesen Ähnlichkeiten zeigt es zugleich so viel Eigenthümliches, namentlich schon in seiner zehnfach ansehnlicheren Größe, daß man es mit Wahrscheinlichkeit als eigne Art betrachten darf. Das ganze Gewächs bildet einen keulenförmigen, dunkel-carmoisinrothen Strunk, an dessen Außenfläche die kleinen Blüthlein stehen. Die Beduinen verzehren es roh und halten es für sehr gesund[95]. Die Thierwelt des Sinai ist an Arten und Individuen zwar nicht sehr zahlreich, dafür aber desto interessanter. Sie wird von keinen größeren Raubthieren bewohnt; statt des Schakals der tiefer gelegnen Gegenden findet man hier nur den niedlichen kleinen Einödenfuchs (+Canis famelicus+). Der Bedensteinbock (+Aegocerus Beden+), dessen wohlschmeckendes Fleisch wir hier öfters genossen, fängt an sehr selten zu werden; von dem Wower (+Hyrax syriacus+) kam das für uns bestimmte Exemplar erst einen Tag nach unsrer Abreise an; dagegen erhielten wir unter andrem mehrere Exemplare einer noch nicht beschriebenen Art von Siebenschläfern und eine ziemliche Anzahl Stachel- und Springmäuse. Von Vögeln sahen wir einen schönen Adler und erbeuteten mehrere Arten von Drosseln, Steinschmätzer und Sylvien; von Eidechsen die Sinaitische Agame (+Agama sinaitica Rupp.+)[96]. Im Verhältniß zu der Zeit, welche wir zu der Untersuchung der Umgegend des Sinai anwenden konnten, hatten wir unerwartet viel erbeutet, auch in dieser Hinsicht war uns der hiesige Aufenthalt ein reich gesegneter. Dienstags den 7ten März packten wir unsre Habseligkeiten; meine jungen Freunde arbeiteten dabei noch immer rüstig an der Zubereitung einiger zum Ausstopfen bestimmten Thierhäute und am Skletiren der Schädel. Die guten Väter des Sinai versorgten uns auf die Reise mit einer Fülle von Brod, Ziegenkäse, Granatäpfeln und getrockneten Früchten; der alte Prior schnitt noch mit eigner Hand einen Stock von dem Mosisstabholz und gab mir ihn, zum Andenken an das Kloster an Sr. Majestät unsern König Ludwig von Bayern mit; dem guten König Otto von Griechenland, so sagte der Greis, solle ich sagen, daß die Mönche vom Sinai täglich für sein Wohl beteten und solle ihm hier ein wenig von dem Festkuchen des Klosters mitnehmen. Dieser Festkuchen war eine zusammengequetschte Mischung von getrockneten Aprikosen, Datteln, Rosinen und Mandeln, eingenäht in schwarzes Leder. Sie hatte auf unsrer langen Weiterreise viel durch die Hitze gelitten, so daß ich zweifle, daß sie bei der Ankunft in Athen, wo ich sie an die Hofküche abgab, noch gut genießbar gewesen sey. Erst anderthalb Stunden nach Mittag waren unsre Beduinen zum Aufbruch bereit. Wir hatten von allen uns so lieb gewordnen Stellen, wie von den Bewohnern des Klosters Abschied genommen; der ehrwürdige Prior stieg mit uns über die Gartenmauer und begleitete uns noch ein Stück Weges; noch einmal mußten wir aus seiner Hand den Abschiedstrunk des Dattelnweines annehmen. Und nun der letzte Gruß auf seliges Wiedersehen, der uns beiden von Herzen gieng. Der gute Greis winkte uns, da wir jetzt unsre Kamele bestiegen und weiterritten, noch lange freundlich grüßend nach, dann schritt er langsam an seinem Stabe zurück. Die Reise vom Sinai nach dem Berge Hor. Unser Weg, den wir kurz vor zwei Uhr antraten, führte uns zuerst in nordwestlicher Richtung in dem Klosterthal hinab, und war, so lange wir diese Richtung behielten, derselbe, auf welchem wir von Tor herkamen. Sobald wir aber die Breite des Bostanthales erreicht hatten, wendeten wir uns rechts, in das zuerst von Südsüdwest nach Nordnordost, dann aber fast ganz nach Nord verlaufende Scheikhthal; eines der schönsten, weitesten Thäler von allen die wir auf der Halbinsel sahen. Zu unsrer Linken, nach Nordwest, bemerkten wir ausgezeichnete Felsengruppen; nach dieser Gegend hin liegt die Felsenkluft mit dem Ruhesitz des Moses (Mokad Seidna Musa), den die Beduinen sehr verehren. Wir kamen ganz nahe an dem Grabe des in den Augen dieses Volkes für heilig gehaltenen Scheikh Szaleh vorüber, das mit vielen bunten Tüchern und Flimmerwerk verziert ist. An dem Mulid oder Geburtsfest dieses Heiligen, das man in der letzten Hälfte des Juni feiert, versammeln sich hier vor allem die Beduinen des Towarastammes, es kommen aber bei dieser Gelegenheit auch viele andre, mit dem Stamme in Frieden lebende, aus den entfernteren Gegenden der Halbinsel hieher; denn außer den dreitägigen Schmaußereien und Tänzen wird zugleich eine Art von Viehmarkt gehalten. Wir lenkten nach etwa 2½ Stunden in ein Seitenthal ein, welches +Dr.+ Erdl in seinem Tagebuch, nach Angabe der Beduinen, als Wadi Saadi verzeichnet hat, mir nannte es der Scheikh Hassan Buszueir (Abu Szueir); hier schlugen wir unser Nachtlager auf. Die Wüste hatte uns da, bei unsrer Zurückkehr in ihre Mitte, einen ganz besonders freundlichen Empfang bereitet; die Gegend, in welcher wir lagerten, war ganz besonders interessant. In einer Schlucht, die sich zwischen die Hügel hineinzieht, findet sich etwas Wasser; dort hat eine fleißige Hand, wahrscheinlich die der Sinaitischen Mönche, drei Gärtchen angelegt, welche mit Mauern, bestehend aus kunstlos über einander gehäuften Steinen umgeben sind. In diesen Gärten stunden so eben die Birnbäume in voller Blüthe. Wir freuten uns des Anblickes, der uns so lebendig an den Frühling des theuren Vaterlandes erinnerte; mehr noch aber als die blühenden Birnen, zogen uns die in der Wildniß blühenden und grünenden Gewächse an, unter denen eine noch unbeschriebene Art von Salbey, eine vielleicht auch von Geißraute (+Galega+) war[97]. Die vorherrschende Gebirgsart der Felsenwände ist hier ein feinkörniger Sienit, der mit Porphyr abwechselt und von Gängen des letzteren durchsetzt wird. Unmittelbar bei unsrem Zelte fand sich ein mächtiger, aus kuglichem Basalt bestehender Gang. An diesen Gängen zeigen sich hin und wieder starke Verwerfungen; die Hauptrichtung ihres Streichens gehet von Süd nach Nord. Die Höhe unsers Lagerungsplatzes über dem Meere war 4005 Par. Fuß. * * * * * Es war den Meisten von uns als hätten wir erst jetzt das Leben in der hehren Stille der Wüste recht verstehen und schätzen gelernt. Im Sinaikloster hatte sich nicht nur der Leib zur Ertragung aller weitren Beschwerden der Reise kräftiglich gestärkt, sondern auch die Seele war, wie unter den Fittichen eines alten Adlers von jugendlicher Empfänglichkeit durchdrungen und erwärmt worden. Ich wenigstens fühlte mich so frisch und freudig, wie in meinen Jünglingsjahren und denke namentlich gar gern an die Morgenstunde, in der ich auf dem Felsenhügel beim Zelte die Sonne aufgehen sahe, über dem weiten Felde der großen Thaten meines Gottes. Wir brachen heute, Mittwochs am 8ten Merz, erst 7½ Uhr des Morgens auf; unsre Beduinen hatten noch auf einen Gefährten gewartet, welcher zum eigentlichen Führer auf dem Wege nach Akaba bestimmt schien. Uebrigens hatten wir auch sonst manche neue Begleiter und neue Kamele; namentlich fehlte mir mein jugendlich munterer Kamelhengst, welcher freilich auf dem Herwege zum Sinai seinen Uebermuth öfters durch Herausblattern des Gaumensegels und manche Widerspenstigkeit gegen seinen Führer, nach Art der Kamele, verrathen hatte, und zugleich mit ihm der gar freundliche, dienstwillige Begleiter, der mir mit seinem einen Auge, denn das andre war durch die Blattern ihm geraubt worden, alle Wünsche meines Herzens absahe; statt dessen hatte ich ein geduldigeres aber minder starkes Thier und einen neuen Begleiter, mit dem ich übrigens auch bald bekannt wurde. Unser Weg zog sich zuerst durch eine enge, steinige Kluft hinan, dann quer durch ein weites Thal nach einem nur von niedern Felsen umgränzten Höhenstriche, von welchem wir an manchen Punkten dem Hochgebirge des Sinai noch einen Abschiedsblick zuzuwerfen vermochten. -- Du ernster Gipfel des Berges Gottes Horeb, könnte man dich doch mit hineinnehmen ins Herz und da aufstellen, daß du für immer die Lockungen des Leichtsinnes und die Neigung zur Untreue aus Auge und Herz entferntest. Aber wie bald hatten deine Donner und deine Segnungen Israëls Heere vergessen, als sie hier dieses Weges zogen durch die Wüste Pharan nach den Grabstätten der murrenden Lüsternheit! -- Noch vor eilf Uhr traten wir in das, bei aller seiner Unfruchtbarkeit dennoch erhaben schöne Felsengebirgsthal, in den Wadi Sal ein, welches, freilich mit vielen Krümmungen und Zickzackabweichungen, dennoch im Ganzen nach Nordostnord verläuft. Es ist zuweilen so eng wie die Gassen einer unsrer alten Reichsstädte; in der Zeit der Regenfluthen, welche, wie die Thalwände es bezeugen, zuweilen ziemlich hoch steigen müssen, ist hier an kein Ausweichen und Hindurchkommen zu denken. Nach 2½ Uhr sahen wir mehrere sehr mächtige Gänge von einer rothen Eisenthon- oder Thonporphyrmasse gebildet, und an einer Stelle ein schiefriges Gebirge (Grünsteinschiefer?), wir konnten aber nirgends absteigen und nähere Besichtigung anstellen. Nachdem wir 4½ Stunden lang das Thal durchzogen hatten, sahen wir zu unsrer Rechten Berge und Hügel mit kesselförmigen Eintiefungen und muldenförmigen Thälern; man hätte sie ihrem Umrisse nach aus der Ferne für ehemalige, nun zum Theil zusammengestürzte Vulkane halten mögen. Nach 5½ Stunden gelangten wir auf eine Ebene, welche eine weite Aussicht, vor allem gegen Norden, nach dem grausenhaft öden Höhenzug der Sandsteinwüste el Tyh gewährt. Jenseits der Ebene, auf welcher Mimosenbäume wuchsen und deren schmalen Saum wir in etwa 20 Minuten durchschnitten, traten wir von neuem in ein ziemlich in der gleichen Richtung mit dem Wadi Sal fortlaufendes, stellenweise sehr verengertes Thal. An den Gebirgswänden zeigte sich öfters ein schaaliger Granit; im weitren Verlaufe des Thales war auf den Höhen dieser immer niedriger werdenden Granitberge Sandstein aufgelagert. Wir lagerten uns kurz vor Sonnenuntergang an einer gähen Felsenwand, zur rechten Seite des Thales. In den engen Schluchten der Bergwände hörten und sahen wir die kleinen Heerden der Arabischen Trappen und andrer Laufvögel, es gelang uns aber nicht einen von ihnen zu erbeuten. Die Höhe unsrer Lagerstätte über dem Meeresspiegel ergab sich aus dem Stand unsres Barometers zu 2178 Par. Fuß. Ich hatte auf der heutigen Tagreise durch die wilde, dürre Einöde, öfters an die Lüsternheit der Heere Israëls nach Aegyptens Fleisch und Gemüsen (nach 4. Mos. 11, V. 4, 5) gedacht. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß unser heutiger Weg durch die Gegend der Lustgräber gieng. Ja, wie selig muß die Seele seyn, die mit Wahrheit sagen kann: Wenn ich nur Dich habe, dann frage ich nichts nach Himmel und Erde. Donnerstags, den 9ten März, setzte sich unsre kleine Karawane früh um 7 Uhr in Bewegung; wir zogen zuerst durch einen Engpaß, auf dem wir nach einiger Zeit ziemlich steil abwärts steigen mußten. Nach einer Stunde und zehn Minuten gelangten wir in ein breites, sandiges Thal, welches unsre Beduinen Marrah benannten, und welches von Süd gegen Norden allmälig ansteigt. Wir ritten hier in einer fast nördlichen Richtung aufwärts bis etwas nach zehn Uhr. Zur (linken) Seite erblickten wir braune Sandsteinfelsen mit ganz weißen Stellen und Flecken (des Kreidekalkes) untermischt; gegen Nord und Nordwest lag, sehr genähert, das oft pfeilerartig gebildete Gebirge Tyh vor uns, an dessen nördlichem Abhange die Tyaha-Beduinen haußen. Ganze Wolken von Zugvögeln von solcher Ausdehnung und Dichtigkeit, wie ich sie noch niemals gesehen, zogen in der Ferne an uns vorüber; sie kamen aus dem südlicheren Winteraufenthalt und eilten jetzt nach der Meeresküste, um allmälig ihrer Heimath näher zu rücken[98]. Zwischen zehn und eilf Uhr waren wir auf eine Hochebene (Heydar?) gelangt, auf welcher wir häufig die Lager von Thoneisenstein und selbst Brauneisenstein in einem buntstreifigen Sandstein bemerkten, der unsrem Amberger Sandstein glich. Auch hier warf uns an manchen Stellen das Hochgebirge des Sinai noch einen freundlichen Abschiedsblick zu. Es wurde jetzt sehr heiß; einige Granatäpfel vom Sinai erquickten mich und den kleinen Sohn meines alten Scheikh Hassan; denn jener hielt sich, besonders wenn ihn hungerte und durstete, gern zu meinem Kamele, obgleich ich nichts zu geben hatte als ein Stücklein dürren Brodes und in den ersten Tagen etwa eine Frucht aus dem Garten des Klosters. Um 12½ Uhr, als die Hitze am empfindlichsten war, erreichten wir ein Thal, welches die Beduinen Ghirrisi nannten und das einen so wunderlichen Anblick gewährte, als ich kaum sonst in meinem Leben einen gleichen genossen hatte. Denn die Kreidekalk- und merglichen Sandsteinwände zeigen Naturspiele, welche selbst noch in der Nähe architektonischen Zierrathen oder halb erhabenen Hieroglyphen gleichen, und es ist als fühlten sich die Reisenden hier angetrieben auch allerhand Figuren an den Fels zu mahlen, denn noch ehe wir in das eigentliche Engthal kamen, zu welchem man neben einem burgartigen Felsen, wie durch ein Thor hineinzieht, sahen wir die Felsenwände häufig mit Kohle bemahlt; die Figuren sollten meist Ziegen und Kamele vorstellen; dazwischen gab es auch einige Arabische Namenszüge. In dem Thale selber getraute ich mich kaum zu reden, so sehr zog es meine Aufmerksamkeit an. Es dauerte jedoch nur eine halbe Stunde und den Kamelen so wie ihren zu Fuße gehenden Begleitern mag dieß nicht unlieb gewesen seyn, denn der Weg gieng durch sehr tiefen, feinen Sand. Von 1 bis 1⅔ Uhr ritten wir über den festeren, felsigen Boden einer kleinen Hochebene, die unsre Beduinen Gadah benannten. Darauf kamen wir in ein schönes nach N. O. verlaufendes Thal, welches Quellwasser zu haben scheint, dem die Beduinen den Namen Hadhra gaben. Burckhardt hält es für Hazeroth 4 Mos. 11[99]. Hier stunden viele Bäume und Gesträuche; darunter auch, wie mir es aus der Ferne schien, einige verwilderte Oelbäume. Nach allen Seiten wurden die Höhlen von Springhasen und Spuren von Gazellen bemerkt; unser Knecht Mohamed machte uns auch auf eine bunte Schlange aufmerksam. So viel aber auch hier vielleicht von Thieren der Wüste zu haben gewesen wäre, erlangten wir dennoch keines; denn unser Knecht und ein Beduine unsrer Gesellschaft, der zum Trotz der großen Hitze beständig eine Art von schwarzem Schafpelz trug, und den das Versprechen einer guten Belohnung zu besondrem Eifer antrieb, machten bei ihren Nachforschungen einen solchen Lärmen und Geschrei, daß sie wohl einen Elephanten, geschweige einen Springhasen schon von weitem wegscheuchen mußten. Jenseits Hadhra kamen wir auf ein Plateau, oder eine von niedren Hügeln umgränzte Ebene, welche uns die Beduinen Phara nannten, ein andres Thal nannten sie Grabo. Wir mußten hier (um 3 Uhr Nachmittags) auf einem steilen und beschwerlichen Wege durch ein steiniges Defilé hinab nach dem Thale Semgi (Samghi?). Wir giengen zu Fuße, während dessen war meine Brieftasche aus dem Rocke, der auf dem Kamel lag, herausgefallen. Ich suchte lange vergebens; sie war mir wichtig wegen der vielen in ihr verzeichneten Notizen. Ich kam in meiner Ungedult auf den Einfall einer der begleitenden Beduinen habe die Brieftasche gefunden und behalte sie nur versteckt, um ein recht ansehnliches Trinkgeld zu erpressen. Ich äußerte meinen schlechten Verdacht dem guten Hassan, der mit unmuthigem Ernst den Gedanken von sich wies und jetzt selber recht eifrig mit suchen half. Endlich entdeckte unsre treue Reisegefährtin das so schmerzlich vermißte Büchlein, welches zwischen den Felsenstücken lag. Hassan sahe mich zwar lächlend, aber mit einer Miene an in der sich die unschuldig gekränkte Ehre und ein ernster Tadel aussprachen; er hatte doppelt recht, der gute Alte, mir, dem Christen gegenüber; ich drückte ihm die Hand mit tiefer Beschämung. Die Kamele und der größere Theil der Begleiter hatten unten, am Fuße des Abhanges gewartet; wir zogen jetzt in dem ansehnlichen Wadi Samghi hinab; unsre Richtung war nordöstlich. Schon um 5 Uhr lagerten wir an einer Stelle des Thales, wo viele Mimosenbäume und stachliche Sträucher stunden. Auf den sehr heißen Tag that uns die Kühle des Abends ganz besonders wohl. Die Beduinen bekamen heute eine größere Portion Reis zu ihrem Abendessen als gewöhnlich; die guten Leute, auch wenn sie durch Hassan wußten, wie sehr ich ihnen unrecht gethan, hatten doch Alles wieder vergeben und vergessen; sie boten der Hausfrau, da diese ihnen zusahe, wie sie aus ihrem zu Hauße mitgenommenen Mehle in der heißen Asche sich das kuchenartige Brod bucken, eben so freundlich als sie früher es gethan, ein Stücklein des Gebackenen an, und saßen dann laut und fröhlich schwatzend um ihr Feuer her, dessen Flamme durch die vielen hier stehenden dürren Gesträuche eine reichliche Nahrung bekam. Auch unsre jungen Freunde ergriff die Lust eine Illumination der Wüste anzustellen; sie entzündeten in einiger Entfernung von der Lagerstätte die verdorrten Stachelgewächse und beleuchteten durch die Flammen die Breite des Thales von einer Felsenwand zur andren; ein Anblick, welcher selbst die furchtsame Neugier der Kamele anzog. -- Die Höhe der Thalsohle war 1494 Fuß. Freitags, den 10ten März erfreute uns schon mit Anbruch des Tages der Gesang der in den Mimosenbäumen wohnenden Vögel. Unter den mehr eintönigen Weisen der Malurusarten unterschied man auch die tönereichere Stimme einer Sylvie. Eine halbe Stunde nach 6 Uhr brachen wir auf und zogen, die Meisten zu Fuße, in dem Thal hinab, welches an erhabener Schönheit der Bergumrisse mit jedem der gepriesensten Italienischen Thäler wetteifern könnte, dem aber freilich mit dem Wasser zugleich das Grün der Auen und der Waldungen abgehet. Doch fanden wir da unter anderen eine wunderschöne, baumartige Asclepias (die +Pergularia procera+). Die Beduinen bereiten aus den seidenartig feinen Haarkronen der Samen einen Zunder; der milchartige Saft der bei jedem Einschnitt aus dem Gewächs hervordringt und dann zu einer zähen Substanz zusammentrocknet, wird als Purgirmittel benutzt. Wahrscheinlich ist es der Ascheyrbaum, von welchem Burckhardt[100] spricht. Einer unsrer Beduinen nannte ihn Leben-el-homar, d. h. Eselsmilch, mit welchem Namen sonst die Towara-Beduinen eine andre, kleinere Art von Pergularia (die +P. tomentosa+) bezeichnen. Nach einer halben Stunde verließen wir das Hauptthal gegen Osten und traten in das enge, steinige Bosehra oder Bosseyrathal ein, in welchem wir anfangs aufwärts, dann ziemlich steil abwärts ritten. Hier stunden viele Mimosen, an deren langen, scharfen Stacheln, wenn unsre meist sich selber überlassnen Kamele zu nahe unter den Zweigen hingiengen, unsre Kleider und Bettdecken, zuweilen auch die Haut grausam zerrissen wurden. An manchen Stellen lagen Kohlen, welche die Beduinen aus den Baumstämmen gebrannt hatten, und die sie zum Verkauf bis nach Kairo führen. Mehrere unsrer Reisegefährten sammleten an den frischen Stämmen Arabisches Gummi, das die Beduinen als Nahrungsmittel genießen. Wir kamen weiterhin in einen engen Felsenpaß, der sich durch die gähen Felsenwände des Sienits, Porphyrs und Urtrapps (Grünsteins) hinzieht und welcher mich durch seine Gestalt an einige der Engpässe erinnerte, durch welche man aus dem Weg von Nizza nach dem Col de Tenda hindurchkommt. Wir sahen hier einige kleine Heerden von Felsenhühnern (Frankolinen). Ein breiteres Seitenthal; das Bette eines Winterstromes, das von Süden her in das Bosseyrathal einmündet, nannte unser Scheich den Wadi Räeb. Jetzt zeigte sich auf einmal durch den Engpaß die überraschende, herrliche Aussicht, zuerst hinüber nach dem jenseits dem Ailanitischen Meerbusen gelegnen Arabischen Gebirge, dann auf das Meer selber. Hier, in dem erquicklichen Schatten der Felsenwände und Mimosenbäume hätte man gern lange verweilen mögen. Wir mußten aber, wie die Kamele es wollten, auf denen wir saßen, unverzüglich weiter, so gerne ich auch mein Thier allein, ohne ihm Gesellschaft dabei zu leisten, hätte nach vornen niederstürzen lassen, was indeß, bis auf eine kleine Verletzung der Hand und des Gesichtes, Gott Lob ohne Schaden abgieng. Die Aussicht war jetzt freier; unmittelbar unter uns erblickten wir, in weiter Ausdehnung das Meer; an der gegenüberliegenden Küste von Arabien unterschied man alle Umrisse der Gebirge, zwischen denen sich Thäler, von Palmenwäldern grünend, weit hineingehen. Sie sind die Wohnstätte und das Eigenthum der Akaba-Beduinen, während auf dem Gebirge und an seinen Abhängen, bis gegen Akaba hin der mächtige Stamm der Omram sich ausbreitet, welcher vormals ein Schrecken aller Bewohner des Landes, bis fast an die Gränzen des Nilthales war. Die Gegend der Küste, der wir uns jetzt naheten, heißet Nuäbe oder El Nobeyba. Gern hätten wir die scheinbar so ganz nahe zu unsren Füßen gelegne reiche Dattelnpflanzung besucht, an welche ein kleiner Wald von Tamarisken sich anschließt, aber Hassan sagte, dies würde ein sehr bedeutender Umweg seyn. Ich war seit meinem Falle vom Kamel abgestiegen und gieng ein Stück Weges zu Fuß, nicht ohne ein besondres, heimathliches Gefühl, denn die rechte Heimath der Menschenseele liegt doch in den Erinnerungen an das, was schon der Kindheit theuer und heilig war, und die Gegend, durch die ich jetzt wandelte, weckte solche Erinnerungen in Fülle. Denn hier an dieser Küste, bei dem südwärts von El Nobeyba gelegenen Dahab wohnte Jethro, Mosis Schwiegervater, der weise Priester von Midian, dessen Töchtern Moses, der Fremdling, bei einem der Brunnen begegnete und dessen Haus ihm, dem Heimathlosen bald zum Vaterhaus ward. Gegen Mittag wurde es sehr heiß; ich stieg wieder auf mein Kamel. Wir nahmen unsren Weg immer der Küste entlang nach Norden hin, über mehrere steinige, jetzt trocken liegende Gießbachbetten, denen man die Gewalt der zwar selten, dafür aber desto mächtiger fallenden Regengüsse ansehen konnte. Obgleich sich eben jetzt kein fließendes Wasser in diesen Flußbetten fand, so hatte sich doch so viel Feuchtigkeit in ihnen erhalten, daß zwischen den Steinen überall eine Fülle von Kräutern, namentlich aus der Familie der Kreutzblüthigen, so wie hin und wieder eine kleine Pflanzung von Dattelbäumen gedeihen konnte. Fast gegen ein Uhr kamen wir zu einer ziemlich ansehnlichen Pflanzung dieser Art, in deren Nähe sich ein Brunnen mit schlecht schmeckendem Wasser fand. Die Palmengärten, welche den Beduinen vom Stamme Aleygat zugehören, waren mehr zum Scheine als zur äußren Abwehr von niedren Mauern umgeben, die zum Theil statt der Steine aus großen Stücken der rothen Orgelkoralle (+Tubipora musica+) und andern Lithophytengehäußen zusammengehäuft waren. Aus gleichem Material zeigten sich auch die Hütten erbaut, die wir im Schatten der Tamarisken und Dattelpalmen fanden, die uns Sammler durch die Kostbarkeit ihres Gemäuers an das Mährlein von dem Lebkuchenhäuschen erinnerten. Denn so wie eßlustige kleine Kinder sich durch das Dach von süßen Kuchen, so hätten wir großen Kinder uns gar gerne durch das Obdach der Süßigkeiten des Sammeltriebes hindurchgearbeitet, wenn nur eine Gelegenheit gewesen wäre, das Gesammlete ins liebe Vaterland fortzuschaffen. Diese kostbaren, und doch so schlecht wie für Hunde gebauten Hütten sind den größten Theil des Jahres hindurch unbewohnt, nur zur Zeit der Dattelnernte, die nicht in jedem Jahre von gleichem Ertrag ist, finden sich die Eigenthümer der Pflanzung mit ihren Frauen und Kindern in ihnen ein. Wir trafen in der ganzen Umgegend nur einen alten, mit Fischfang beschäftigten Beduinen an, der den Flugsand vom Deckstein des Brunnen hinwegräumen und dann die Kamele tränken half, denen auch dieses schlechte Wasser zur Labung war. Während dieses geschahe, hatten die Hausfrau mit ihrer Freundin so wie die Reisegefährten manche buntfarbige Schnecken und Muscheln gesammlet[101], ich aber war mit Ergänzung des gestern nur unvollkommen geführten Tagebuches beschäftigt. Man darf dieses jetzt, Dank Mehemed Ali's Furcht und Schrecken und dem immer weiter, auch in diese Wildniß der Völker eindringenden Einfluß der Europäischen Cultur, ungescheut, auch vor den Augen der Beduinen thun, während noch Burckhardt jede Gelegenheit, etwas unvermerkt aufzuzeichnen, mit diebischer List erhaschen mußte, weil damals selbst die befreundetsten Beduinen in der Kunst des Schreibens die bösartigen Ränke eines Schwarzkünstlers vermutheten, welcher ihnen und der Natur ihres Landes, namentlich durch Entziehen des Regens, Schaden zufügen wollte. Von unsrem Tränkplatze, bei welchem wir nahe eine Stunde verweilt hatten, hinweg, zogen wir zuerst an einer Bucht hin, dann betraten wir einen schmalen Weg der zwischen dem Fuße der Sandsteinfelsen und dem Meere hinläuft. Die Meereswellen schlugen öfters bis an den Fuß unsrer Kamele; herabgestürzte Felsenstücke verengern hier den Pfad; das Auge wird aber zugleich durch den Anblick der wunderschönen, burgähnlichen Felsengruppen ergözt, welche zur Linken des Weges der rothe und mergliche weiße Sandstein bilden. Durch die pfeilerartigen Massen ziehen sich kluftartige Engthäler, in denen im Winter die Regenströme ihren Lauf nehmen; über diese Spalten hinaus sieht man jenseits des Sandsteines den höheren Rücken des Porphyr- und Granitgebirges. Etwas weiterhin kamen wir über ein breiteres Strombette, das hier aus dem Amphitheater der Berge hervortritt. Jenseits dieses Punktes treten die Höhen weiter vom Meere zurück; zwischen diesem und jenem bildet sich eine kleine steinige Ebene, welche gerade vor uns, in Norden, durch einen wieder nahe ans Meer rückenden Berg (den Abu Burka) begränzt wird. Bis zum Fuße dieses Berges wollten unsre Beduinen uns führen, wir aber, weil wir noch eine Tages-Stunde zum Sammlen am Meere zu benutzen wünschten, vermochten sie schon vorher zu halten. Wir lagerten bald nach halb fünf Uhr des Nachmittags in einem jetzt ausgetrocknetem Gießbachbette, ganz nahe am Meere. Hier vergnügten wir uns bis zum Einbruche der Nacht mit dem Auflesen von Conchylien, am Saume des Ufers. Sonnabends den 7ten März, eine halbe Stunde nach sechs Uhr des Morgens zogen wir weiter, und bemerkten nun erst, welche weite Strecke wir gestern noch bis zu dem Berge würden gehabt haben. In einem Gesträuche an der Seite unsres Weges, der sich nahe am Meere hinzog, lag das Rückenschild von einer sehr großen Seeschildkröte, welches in seiner längsten Ausdehnung gegen vier Fuß maß. Noch vor zehn Uhr kamen wir an eine Dattelnpflanzung, welche unsre Beduinen Magaiat benannten. Unter den Dattelnpalmen zeigte sich die südlichere Form der Doompalme; nach der Meeresküste hin lagen Hüttenzelte der Fischer. Bei einem von diesem kauften wir um sehr billigen, und dem guten Manne dennoch, allem Ansehen nach hoch erscheinenden Preis einige frische und an der Luft getrocknete Fische. Sie schienen zur Gattung +Acanthurus+ und +Chaetodon+ zu gehören. Die Buchten und seichten Stellen des Meeres sind hier so überreich an Fischen, daß die hiesigen Beduinen nicht bloß ohne den Besitz eines Fischerkahnes, bloß mit Angel und Netz, so viel als sie zur eignen Nahrung und zum Verkaufe brauchen, herausfangen, sondern daß auch ihre Hunde, mit Zähnen und Klauen so viel sich herausziehen, als sie zu ihrer Sättigung begehren. Und noch mehr als dieses. Denn der Fischer, der dem Hunde keine andre Nahrung reicht als das rohe Fleisch der Fische, das jener sich selber erwerben muß, nimmt auch öfters dem Thiere seinen wohlverdienten Erwerb aus den Zähnen, wenn dasselbe eine besonders ansehnliche Beute erhascht hat. In der Nähe dieser Palmenpflanzung und Fischerhütten, gegen den Fuß der Gebirge hin, zeigten sich etliche Gazellen. Eine davon wollte der dienstwillige Beduine Abdallah, der sich bei so heißem Wetter in schwarzen Pelz gekleidet trug, mit der Flinte des Herrn +Dr.+ Roth erschleichen; das schöne Thier aber war scharfsichtiger und schneller als er, und ich hätte nicht ohne gewaltige Ermüdung bei solcher Wärme und so gekleidet seine lange, weite, und doch vergebliche Jägerfahrt durchs Thal und über die Hügel mit machen können. Zu unsrer Linken zogen sich jetzt von neuem die Felsenmassen des Sandsteines ans Ufer heran; diese Gegend ist fast von allem Pflanzenwuchs verlassen, während das entgegengesetzte, östliche Ufer stellenweise grün und fruchtbar erscheint. Die Berge jenes gegenüberliegenden Ufers werden mehr nach Norden hin niedriger oder ihr Hochrücken zieht sich weiter von der Küste hinweg, so daß sie dort minder ins Auge fallen. Das Meer scheint hier ohngefähr dieselbe Breite zu haben als südwärts von Suez, in der Gegend der Mosisbrunnen, d. h. von etwa sechs Stunden. -- Der Nachmittag gewährte uns mitten unter großen Beschwerden auch vielfache Ergötzung. Gerade in den heißesten Stunden des Tages zogen wir über eine breite, sandige Ebene, die sich weit ins Meer hinaus fortsetzt. Zu unsrer Linken stieg ein Engthal nach dem Gebirg hinan, das in der Ferne wie von einer Kunststraße durchbrochen schien, zur Rechten und vor uns (in Nordost) erblickten wir eine ganze Waldung von Akazien und Tamarisken; das Auge, das bei diesem so seltnen Anblick zu Selbsttäuschungen geneigt war, glaubte in den Felsenklippen zwischen den Bäumen Häußer zu schauen; uns war es als müßte da unten am Meere eine Stadt liegen. Wir hatten keine Gelegenheit uns von unsrer Selbsttäuschung los zu machen, denn das Vorgebirge, welches diese Küstengegend in Norden begränzt, setzt seine gähen Wände und Klippen so unmittelbar ins Meer hinein, daß für keinen Pfad Raum bleibt; die Reisenden müssen durch einen Umweg, der sich in nordwestlicher Richtung landeinwärts zieht, das Cap umgehen. Unsre Beduinen nannten dieses Vorgebirge Gaffare, es ist aber kein andres als jenes, das bei Burkhardt Dschebel Scherafe heißt. Der Umweg war, abgesehen von der Hitze des Tages und von dem widerwärtigen Gefühle, das jeder unerwartete Umweg erregt, ein höchst beschwerlicher und ermüdender. Er stieg in mannichfachen Krümmungen zwischen den großen, am Bergabhange liegenden Felsentrümmern und über dieselben hinan. Desto stärker war aber auch jetzt der liebliche Eindruck den das grünende Thal machte, in das wir jenseits der Felsenhöhen hinabstiegen. Hier glaubte man wirklich auf einer vaterländischen Wiese zu seyn, nur gab es kein hohes Gras, sondern neben dem niedren Gebüsch der Tamarisken, unter denen das Geschlecht der Springhasen seine kleinen Höhlen angelegt hatte, blos niedrige Gewürzkräuter und kreuzblumige Pflanzen. Leider war der Weg durch dieses kleine, im Kessel der Felswände gelegene Thal nur sehr kurz, dann gieng wieder das Steigen, durch einen Felsenpaß an, der wohl einmal vor alter Zeit durch Menschenhände mag gangbar gemacht worden seyn. An einigen Steinen zur Seite dieses Weges glaubten wir Züge, wie von halb erloschenen Eingrabungen Römischer Zahlen zu bemerken. Auch jenseits der Anhöhen kamen wir wieder in ein Thal, in welchem mehrere Akazienbäume stunden und wo der Boden stellenweise auch von andrem Strauchwerk und Pflanzen grünte. Dieses Thal war das Bette eines Bergstromes (Wadi), der zur Zeit des Regens diesen Weg nach dem Meere nimmt. Auch wir lenkten uns jetzt mit der Richtung des Wadi zugleich wieder ostwärts und bald nach vier Uhr sahen wir, zwischen zwei Bergen hindurch, den blauen Meeresspiegel. Unser weitrer Weg nach Akaba hin wäre eigentlich von hier aus nordwärts gegangen, da wir aber durch unser gestriges früheres Anhalten verspätet waren, konnte die gewöhnliche Station im Wadi Taba nicht mehr erreicht werden, unsere Beduinen zogen deshalb nach dem Meere hin, wo wir zwischen dem nördlichen Fuße des Dschebel Scherafe und dem Vorgebirge Dschillaladi (so nannten es wenigstens unsre Beduinen) am Fuße des letzteren unser Lager aufschlugen. Die Bucht hat hier nur eine Breite von einigen hundert Schritten; am Meere hin ist sie durch die steilen Felsen des Scherafe gegen Süden abgeschlossen und auch am nördlichen Vorgebirge läuft der schmale, für Fußgänger und Kamele etwa noch gangbare Saum nur noch eine kurze Strecke hin, dann verschließt ihn das zwischen die Felsenwände hineintretende Meer. Auch gegen Westen, nach der Landseite hin, ist der Zugang durch einen brackigen Schlammboden fast unmöglich gemacht, nur ein schmaler Streifen des festeren und erhöhteren Sandbodens führet sichren Fußes zum Strande und an diesem hin zu der Felsenwand des Dschillaladi. Uns schien es fast als hätten die Beduinen absichtlich diesen von der Natur so wohl gesicherten Bergungsort gewählt, denn sie waren vom Towara-Stamme und in der Gegend des Dschebel Scherafe hatten sie die Gränzen des Heywatstammes betreten, dessen Stellung und gewöhnliches Benehmen gegen die Beduinen von Tor wo nicht eine feindselige doch eine sehr zweifelhafte und zweideutige ist. Es war noch nicht fünf Uhr des Nachmittags, da stund schon unser Zelt aufgerichtet und wir durften unsre gewöhnlichen Abendvergnügungen der Wüste beginnen. Ein Umstand schien anfangs diese etwas stören zu wollen: die Beduinen -- wer konnte es den armen Leuten bei so heißem Wetter verdenken -- hatten unsern ganzen Wasservorrath ausgetrunken bis auf einem schlammigen, in dem einen Schlauche zurückgebliebenen Rest, der für Menschen fast ungenießbar war, weil der Beigeschmack des Salzigen jenen des widerlich fauligen nicht zu übertäuben vermochte. Man kam jedoch auf den Einfall einen Kaffee daraus zu kochen, und so wurde wenigstens die gelblichgraue Farbe des Getränkes zur schwarzen gesteigert und auch der Naturgeschmack verändert. Hassan fand den Trank vortrefflich, warum hätten wir ihn nicht auch so finden sollen? An solchem Ort wie dieser vergißt man übrigens bald der kleinen Beschwerden des Wüstenlebens. Ich kann wohl sagen, daß mir dieser Abend einer der lieblichsten und festlichsten während der ganzen Reise vom Sinai nach Hebron gewesen ist. Denn außerdem daß der liebe Sonnabend Abend etwas von den Kräften seiner Sabbathsstille auf die innre wie auf die äußre Welt fallen ließ, war heute der Vorabend von einem andern Fest meines Herzens; morgen, am 12ten März war ein Gedenktag für dasselbe, der Geburtstag meines ältesten Enkels und der Geburtstag von noch jemand der meiner Seele theuer ist. Das war aber auch ein rechter Festvorabend; statt der Glocken, die um diese Zeit am Samstag Abend in allen Dörflein den morgenden Sonntag verkündeten, läutete uns denselben das Meer mit seinen Wogen ein, die laut an den Felsen schlugen, und vor unsern Füßen hatten diese Wogen schon lange vorher, ehe wir kamen, so reiche Festgeschenke ausgebreitet, daß wir wohl bemerken konnten, daß wir hier in dem Audienzsaal eines reichen, guten Königes stünden, wo einem zwar weder Bier noch Wasser gereicht wird -- denn das würde sich für den Herrscher Neptunus nicht schicken, wohl aber andre Gaben, die mehr werth sind als der köstlichste Wein und alle Gerichte der Tafel. Hatte ich mir doch in meiner Jugend, da mich die schönen buntfarbigen Conchylien so anlockten, oft sehnlichst gewünscht einmal selber in der Gegend zu seyn wo diese blendend weiße Mennonitentute, welche wegen des schönen Gewandes als Jungfrau (des Meeres), als +Conus virgo+ benannt ist, wo die buntfarbigen Porzelanschnecken des Indischen Meeres, wo die ächte Perlenmuschel und die zarten Hyaläen zu Hauße sind; hier fand ich diese alle und noch zehnmal mehr Arten als ich mir damals gewünscht, in solcher Fülle beisammen, daß nicht etwa der Mangel des Materials, sondern nur der Mangel des Tageslichtes, beim Einbruche der Nacht, dem Sammlen ein Ziel setzte. Der gekochte Reis, den wir heute zur Abend- (und Mittags-) Kost genossen, schmeckte zwar etwas stark nach dem faulig-bittersalzigen Wasser in welchem er bereitet war; die Vorräthe die uns aus der Hand der guten Väter des Sinai (an Käse und Früchten) zugekommen waren, hatten schon seit gestern ein Ende genommen, aber da die Seele sagte ich bin sehr vergnügt, mußte der Leib auch sagen ich bin zufrieden. Nach Sonnenuntergang erhub sich ein starker Wind; Sturm und Meer spielten an den Felsenwänden und Klippen ein Lied dessen Weise sie dem Donner der Wolken oder dem Brausen der Tiefe beim Erdbeben abgelernt haben mochten; gerade heute, wo wir auf einer mehr denn sonst geschützten Lagerstätte ruheten, sollten wir erfahren daß die Hütte des Pilgrims, auch wenn sie hinter Felsenwänden stehet, eine leicht bewegliche und vergängliche sey. Denn noch ehe der Tag grauete, gegen drei Uhr des Morgens, riß der Sturmwind unser Zelt ab und warf es auf uns, ohne jemand zu beschädigen. Es ist immer gut wenn die irdische Hütte, worin der Pilgrimm wohnt, keine gar zu schwere und große ist; wenn sie dann einmal zusammenbricht, thut der Fall dem Bewohner nicht sehr weh. Wir selber konnten uns unter den Stangen und dicken leinenen Wänden nicht herausarbeiten, aber die Beduinen halfen uns davon los und wir konnten uns nun doch auch einmal den übrigen Theil der Nacht hindurch recht nach Herzenslust von den Lebensodem des Sturmwindes anfächeln lassen. Sobald es Tag war giengen Einige von uns von neuem ans Meer um nachzuschauen was für Neuigkeiten die Fluth aus ihrer Tiefe mitgebracht habe. Der Sturm hatte sich gelegt; der Saum der Küste war mit den schönsten Conchylien bedeckt. Erst kurz vor sieben Uhr waren unsre Beduinen zum Aufbruch fertig; Mehrere von uns giengen zu Fuß; ich wollte einen Richtweg mitten durch die Thalbucht nehmen, welche die Kamele mit ihren Führern in einen weiten Umkreis umzogen, ich gerieth aber so tief in den salzthonigen Schlammboden, der von weitem wie weißer Sand aussahe, daß ich fast stecken blieb. Wir umzogen das Vorgebirge, bei welchem wir vorige Nacht gelagert hatten, kamen durch mehrere Thäler und Engpässe an einer sehr schmalen Meeresbucht herum, die einem kleinen, stillen See glich und von schwärzlichen, basaltischen Klippen umgeben war, dann wieder hinaus ans freie Meeresufer, an welchem sich der mit Felsentrümmern bestreute, schmale Weg hinzog. Schon an der Meeresbucht bei der wir am Anfang des heutigen Tagmarsches vorbeikamen, noch mehr im weitern Verlauf des Küstenweges, der bald über Klippen bald über ebenen Sand gieng, lagen ganz besonders viele und frisch erhaltne Pharao-Kräuselschnecken; die Hausfrau aber, sonst so schnell und thätig im Sammeln, wollte heute, und wenn es Perlen der Kleopatra gewesen wären, keine auflesen, weil es Sonntag war. An einer recht felsigen Stelle des Ufers stürzte Herr +Dr.+ Roth vom Kamel, auf dessen Rückengepäck er wie die Beduinen mit untergeschlagnen Beinen saß, weil Abdallah, der das Kamel meiner Frau führte, jenes des +Dr.+ Roth plötzlich durch einen Schlag antrieb und erschreckte. Gott hat ihn bei diesem Falle abermals vor größerem Schaden bewahrt; er klagte aber doch sehr über Schmerz in der Hüftgegend. Wir hatten diesen Vormittag eine unbeschreiblich schöne Aussicht über das ganze Ende des Ailanitischen Meerbusens. Namentlich konnten wir den steilen Gebirgspaß, südwärts vom Akabah deutlich sehen, den der Arabische Name dieses Ortes andeutet, und welcher den Mekkapilgrimen als ein so gefährlicher erscheint, daß sie, im Begriff ihn herabzusteigen gewöhnlich ein Gebet, wie in Sterbensnöthen beten. Um zehn Uhr kamen wir an der kleinen Insel Jezirat Pharaun, welche Laborde Graia, unsre Beduinenführer aber Abu Sanira Unda el Galga benannten, ganz nahe vorbei. Der Zwischenraum zwischen ihr und dem Ufer auf dem wir stunden misset nur 120 Schritte (300 englische Fuß) und das seichte klippenreiche Meer sieht sich so an als müßte man es zum Theil durchwaten können. Die Insel besteht aus zwei rundlichen, etwa anderthalb hundert Fuß hohen Hügeln, welche durch eine flache Landzunge mit einander verbunden sind. Ihr ganzer Umfang ist von starken, jetzt freilich an vielen Stellen zerbrochenen Mauern umschlossen; an jeder der vier Ecken stehet ein viereckter Thurm in Sarazenischer (?) Bauart, ähnlich den ältesten Mauerthürmen von Kairo. Um den Gipfel des nördlichen Hügels läuft außer jener allgemeinen, tiefer am Meer gelegnen, noch eine andre, besondre Mauer herum, welche an manchen Stellen unmittelbar vom Rande des Felsenabhanges emporsteigt; diese Mauer erhält durch ihre Thürmchen, Zinnen und Schießscharten ein gar ritterlich ehrenvestes Aussehen. Innerhalb des Kreises dieser innren Mauern der Nordseite sollen sich mehrere viereckige (auch für uns erkennbare) Gebäude finden, welche durch dicke Mauern von einander abgesondert sind. In den untern Räumen dieser Gebäude trafen Reisende, denen das Glück ward die Insel zu besteigen, Säulen von Dorischer Ordnung, so wie Bögen von großer Vollendung; unter dem Machwerk der späteren Mauern bemerkten sie Trümmer von Marmortafeln und Säulen, welche die Vermuthung rechtfertigen, daß dieses jüngere, noch jetzt als imposante Ruine dastehende Gebäude auf der Stätte und aus den Ueberresten eines älteren, ungleich prächtigeren sich erhoben habe. Eben auf diesem nördlichen Hügel fanden jene Reisende (namentlich Wellstedt) auch einige tief in den Felsen gehauene Cisternen. An der Landzunge, welche beide Hügel verbindet, zeigen sich noch sehr deutliche Spuren eines früher hier vorhandenen, künstlich von Dämmen geschützten Hafens, dessen vormalige Tiefe freilich jetzt von angeschwemmten Sande erfüllt ist. Die Bewohner der Umgegend schreiben dieses ganze Bauwerk dem großen Sultan Jusuf (Saladin) zu; seine erste Anlage gehört jedoch wahrscheinlich ungleich älteren Zeiten an; denn diese Insel war, nach der Aeußerung des sachkundigen Wellsted, der einzige günstige Punkt zum sichern Ankern der Schiffe im nördlichen Theile des Meerbusens; die Vermuthung ist keine zu sehr gewagte: daß hier die Stätte des alten Ezeongaber gewesen sey, in dessen Hafen des glücklichen Königes Salomos Schiffe gebaut waren, und mit Ophirs Schätzen beladen einliefen, Josaphats Fahrzeuge aber zertrümmerten[102]. Gegen halb ein Uhr nach Mittag hatten wir das nördlichste Ende des Ailanitischen Meerbusens erreicht; auf der Umbeugung unsers Weges von Nord nach Ost brachten wir eine ganze Stunde zu, wobei wir zuletzt an eine ansehnliche Palmenpflanzung kamen, in welcher viele alte Gemäuer stehen. Von dort an wendete sich unser Weg an dem östlichen Ufer des Meerbusens, der auf unsern früheren Landcharten so häufig falsch (wie in zwei Spitzen auslaufend) gezeichnet ist, hinab gen Süden, und wir brauchten gerade noch 20 Minuten, bis wir an das Thor des mitten in einem reichen, schönen Palmenwald gelegenen Kastells von Akaba kamen. Schon vor diesem Thore kam uns ein sehr verdächtig aussehendes Gesindel entgegen; als wir hineintraten sahen wir uns alsbald von einem neugierigen Gedränge von armselig gekleideten Männern, Frauen und Kindern umringt. Wir erquickten uns vor allem an einem Trunk Wassers, aus dem Brunnen des Schloßhofes. Nach einiger Zeit, die sie wahrscheinlich gebraucht hatten um sich ein wenig in Staat zu werfen, erschienen der Commandant der kleinen Festung, der Aga und einige vermuthliche Offiziere. Der Commandant trug uns das Nachtlager mitten im Hofraume, zwischen den hier stehenden Hütten und Baracken der Soldatenfamilien an, da es aber dort überaus unsauber aussahe und roch, und wir mit Recht den nächtlichen, unabwendbaren Ueberfall des Ungeziefers fürchteten, zogen wir es vor unser Zelt außen am Meere, im schönen Walde der Palmen aufzuschlagen. Unser guter Scheikh Hassan und seine Beduinen machten sich, sobald sie die Sachen abgepackt hatten sehr eilig davon; wie es uns schien eben so sehr aus Furcht vor dem Commandanten, der es ihnen untersagt hatte uns weiter zu führen, als vor dem misgünstigen Volke des Heywatstammes. Der Aga schickte uns, bald nachdem wir unser Zelt aufgeschlagen hatten, ein Lamm zum Geschenk, wobei es diesmal freilich, wie leicht vorauszusehen, auf ein Gegengeschenk abgesehen war, das den Werth der Gabe weit überwog. Bald nachher ließ der Commandant uns sagen, daß er, wenn wir nicht im Hofe übernachten wollten, uns auf heute Nacht Soldaten zu unsrer Bewachung, gegen die in hiesiger Gegend gar bösen Beduinen zusenden wolle; wir ließen ihm wieder sagen wir seyen unsrer genug und wollten uns gern selber bewachen. Wir hatten auch schon die Wachstunden unter uns vertheilt; Freund Bernatz, der Maler, den das Loos der ersten Wache traf, schritt schwer bewaffnet mit Flinte und Säbel, und mit grimmig zu Boden blickender Miene umher; da kamen dennoch ungebeten zwölf schlecht bewaffnete, meist nur mit einem Spieß versehene, sogenannte Soldaten, und der graubärtige Alte, welcher heute schon mehrmalen den Unterhändler zwischen uns und dem Commandanten gemacht hatte, erklärte uns im Namen von diesem, daß, da wir durch einen Firman vom Pascha empfohlen seyen, der Commandant von Akabah für unsre Sicherheit haften müsse, darum dürften wir die Wache nicht zurückweisen. Die zwölf Kriegsleute zündeten sich jetzt, mit den Pfeifen zugleich ein Wachtfeuer an und machten einen Lärmen der fast einen Sterbenden am Einschlafen hätte hindern können, besonders der Eine, der, wie es schien gern singen wollte, statt des Gesanges aber nur ein Geschrei, wie durch eine blecherne Dachrinne hervorbrachte. Der Mensch bedarf in diesem Vaterlande aller wachsam erhaltenden Elemente, deren eines der wohlbekannte Kaffee ist, nur sehr wenig Schlummer, um dennoch für das Aufnehmen der Ströme der belebenden Wärme und des Lichtes wieder empfänglich zu seyn. Wer auch nach einer fast ganz schlaflosen Nacht in der Jahreszeit der Palmenblüthe heraustritt unter diesen tiefblauen, Arabischen Himmel und seinen gewürzreichen Duft einathmet, während im Wipfel der Bäume die orientalische Nachtigal (Bull Bull) ihre laute, melodieenreiche Stimme erhebt, der wird nicht mehr an die »schlechte« (schlaflose) Nacht, sondern nur an den herrlichen Morgen und an die Lust des Wachens beim Licht des Tages denken. Es war gut, daß wir diesen Frühlingsmorgen in einem der schönsten Palmenwälder am rothen Meere noch recht sorgenlos und ruhig genossen; denn bald kam so Manches, das die Ruhe stören wollte. Der Commandant und der Aga des Kastells ließen uns, da wir auf unsern Firman uns berufend, worinnen sogar die Zahl der zu liefernden Kamele bestimmt war, auf schleunige Förderung drangen, heraussagen, es seyen keine Kamele vorhanden, und als wir erwiederten, daß wir bei unsrer Ankunft eine mehr als nöthige Zahl dieser Thiere, nahe bei dem Kastell auf der Weide gesehen hätten, antwortete man uns, daß diese Kamele das Eigenthum eines sehr verdächtigen Beduinenstammes seyen; mit diesen könne man uns, wegen der Verantwortlichkeit gegen den Pascha nicht ziehen lassen, man habe aber bereits einen Boten abgesendet, nordwärts hinauf nach der Araba, nach andern Kamelen und sichreren Führer, welche freilich erst binnen etlichen Tagen hier eintreffen könnten. Wir mußten uns, da wir ganz in der Gewalt der Leute waren, in jedem Fall auf einen Verzug von etlichen Tagen gefaßt machen, deshalb beschlossen wir die Zeit so gut zu benützen als möglich. Mit +Dr.+ Erdl und Herrn Franz ergieng ich mich noch in den Stunden des Vormittages an der östlichen Küste des Meerbusens hinab nach Süden. Nach etwa drei Viertelstunden Weges kamen wir an einer auf dem vorspringenden Felsen gelegenen, wie uns schien jetzt ganz verlassenen Ruine, dem Kaßer el Bedawy vorüber. Am Meere hingehend fanden wir Vieles das für uns sehr werthvoll war, unter anderm auch die in unzählbarer Menge, zwischen dem Seegras des Strandes aufgehäuft liegenden, zarten, durchsichtigen Gehäuse einer kleinen Hyalea[103]. Zuletzt kam ich noch einsam vorwärts gehend auf eine Felsenbank die ganz aus Breccie gebildet ist. Hier lag ganz am Rande eine Seeschildkröte von mittlerer Größe, wie es schien schlafend, am Strahl der Sonne. Ich nahete mich so leise als möglich, als ich aber zugreifen wollte stürzte sich das Thier ins Meer, und da ich in die für mein Auge unergründbare Tiefe hinunter sahe war ich froh, daß meine Hand zu langsam gewesen, denn meine Beute wäre stärker gewesen als ich und hätte mich wahrscheinlich mit sich genommen in ihr Element, das nicht das meinige ist. Als ich so noch einige Augenblicke sinnend auf der Felsenbank stund und dem Hall der Brandung zuhörte, welche der Nordwind zwischen die Klüfte trieb, da ergriff mich ein Gefühl von ganz besondrer Art und Kraft. Es waren nur wenige Minuten, welche der mächtige Eindruck gebrauchte, um in mir eine Welt der Erinnerungen zu erzeugen, die bis ans Ende des Lebens in unzerstörbarer Frische fortwähren wird. Mir gegenüber und ganz nahe, von dem Glanze der Mittagssonne erhellt, lagen die sonderbaren Ruinen der Felseninsel Jezirat Pharaun, an denen die Herrscher Jdumäa's und Israëls, so wie die früheren und späteren Machthaber Aegyptens gebaut haben; über die andren Ruinen im Meere, welche nordostwärts von der Insel wie weißes Gebein über die Klippen ragen, flog lautschreiend eine Schaar von Möwen; in Norden grünten die Palmenwälder von Akaba, hinter mir, fast in Osten, zog der steile Felsenpfad der Pilgrime über das Gebirge; in Westen eröffnete das Gebirge der Einöde Tyh -- der Wüste der Verirrungen, die Riesenthore seiner Grabstätten. In solchen Gegenden wie diese da, aus denen die Gegenwart hinausgezogen, und nur ein Namenszug der Vergangenheit an den oft mit Blute befleckten Felsen zurückgeblieben ist, hat nicht selten ein Geist der Weissagung seine Wohnstätte, der mit den Kräften des Adlers die Natur des nächtlichen Todtenvogels vereint. Sein Wesen ist nicht für den hellen Glanz der Sonne, sondern für das Licht des Mondes gemacht, aber wie der Zug des Mondes, zur Zeit seines vollen Lichtes die Fluthen des Meeres, so bewegt der Schlag seiner Adlerschwingen ganze Völker und Zeiten. Es ist dieß der mächtige und dennoch nächtliche Geist, mit welchem der Prophet angethan war, dessen Lehre von diesem Lande aufstieg »wie ein Rauch eines sehr großen Ofens,« und verfinsterte die Sonne und die Luft. Fliege du nur deinen Flug, du nächtlicher Adler, noch Heute und Morgen, auch aus dem Rauche deines Ofens ziehet sich eine Wetterwolke zusammen, deren Sturm und Blitz und Donner die Luft reinigen, und die Heuschrecken im Lande des Westens wie des Ostens tödten wird. -- Meine Seele athmete in diesem Augenblick eine reine Luft der Berge, von denen die Hülfe kommt, bekleidet von dem Dufte der Gewürzgärten Arabiens; das Heimweh nach jener Herrlichkeit, welche einst offenbart werden soll, trug mich im Geiste über das Meer; hätte in diesem Augenblick mein unkräftiges, oberflächliches Sinnen den tiefen Ernst eines Sokrates anzuziehen vermocht ich wäre da, versenkt in Gedanken stehen geblieben, bis zum Aufgang des andern Tages. So aber erhub ich meine Füße und eilte zu den beiden Freunden zurück, die in einiger Entfernung auf mich warteten. Wie ein tief ergreifendes Lied aber, das die Orgel des Domes anstimmte und die Gemeine sang tönte in meinem Innren das nach, was ich, stehend auf der Felsenzinne am Meere empfunden, und noch jetzt vernimmt mein Gemüth aus jener Stunde die Melodie eines Liedes der Wächter. Es waren eben die heißesten Stunden des Tages, da wir an der Ruine des sogenannten Beduinenschlosses vorüber auf die Palmenwälder zugiengen, aber ein kräftiger Nordwind kühlte die Luft. Wie schön ist doch Arabien, sprach ich zu den jungen Freunden und sie stimmten von Herzen in das Lob ein, obwohl sich in den Genuß bald etwas Störendes mischte, da wir hinter dem Felsen einige Beduinen hervortreten sahen, von so wildem Aussehen als uns noch keine vorgekommen waren. Sie gehörten zum Geschlecht jener Mordräuber, die noch vor wenig Jahrzehnten die Gegend ostwärts von Akaba für den Reisenden unzugänglich machten. Wir durften ruhig seyn, denn nicht die beiden Flinten, welche meine Freunde trugen, auch nicht der Firmam des Paschas, sondern ein Firmum der höheren Art war es, unter dessen Panier wir sicher reisten. Bei unsrer Zurückkunft zum Zelt fanden wir einen Handelsverkehr entsponnen, der uns viel Unterhaltung gewährte. Ein alter Beduine, von noch immer kräftiger Gestalt, aus dem Stamme Omram (?) hatte sich, da er auch für die Bewohner des Kastelles dies Geschäft besorgt, erboten uns Fische zu fangen, nicht für Geld sondern für Racky oder Branntwein, zu welchen er als Bekenner des Islams einen gesetzwidrigen Hang hatte. Da wir selber von diesem Getränk nur einen äußerst geringen Vorrath hatten, konnten wir ihm nur Geld und etwa einen Schluck zur Erquickung auf seine nasse Arbeit versprechen, die allerdings, wie er uns dieß auseinandersetzte, keine ganz leichte seyn mochte; denn da in dieser ganzen Küstengegend kein einziger Kahn ist, auf welchem der Fischer hinausfahren könnte ins Meer, muß derselbe, öfters bis an die Brust tief in das Wasser des Küstensaumes hinein waten, um die Fische in sein Netz zu bekommen. Diese sind aber auch hier in solchen Schaaren vorhanden, daß ein einziges Boot, von geschickten und mit guten Werkzeugen versehenen Fischern bemannt, den ganzen Markt von Genua mit Nahrungsfülle versorgen könnte. Außer dem alten Fischer waren auch andre Leute mit schönen Conchylien gekommen, die wir wohlfeilen Kaufes für die Münchner Sammlung erhandelten. Wir selber aber hatten am Ufer einen Cidarites (Art von Seeigel) von ganz besondrer Größe und Schönheit gefunden, dem noch alle seine fingerdicken Stacheln ansaßen. Wie und worinnen sollten wir das prachtvolle Stück fortbringen? Die gute Hausfrau schaffte Rath. Ihr Staatsreisehut war in einer eignen Schachtel, die der Cidaris gerade ausfüllte. Einer Pilgerin genügt auch der Strohhut und wozu braucht man in der Wüste und in Jerusalem den carmoisinrothen Kopfschirm? Dieser wurde denn herausgethan, der Cidaris aber hinein. Abd-er-Wacheds und Mohameds, der beiden Arabischen Knechte Kochkunst, die sich am Fleische des Lammes bewiesen, erhielt heute, von uns Hungernden, das wohlverdiente Lob; das Cisternenwasser aus dem Kastell war vortrefflich und wer einen Nachtisch begehrte, der konnte sich an der Küste einige der hier häufigen wohlschmeckenden Austern auflesen. Nur das Brod aus Akaba war wegen des scharfen, mistartigen Beigeschmackes und wegen seines Aussehens keine angenehme Kost. Nach Tische hätte man gerne, auf die zwei vorhergegangenen unruhigen Nächte ein wenig geschlafen. Aber weil wir gestern, um uns bei den Arnauten, aus denen der größte Theil der Besatzung des Schlosses besteht und bei den Beduinen in Respekt zu setzen, viel mit unsern Gewehren geschossen hatten, mußten wir uns gefallen lassen, daß heute auch jene uns ihre Kunst im Flintenfeuer zeigten; die Soldaten schossen ganz nahe bei unsrem Zelte nach einem Ziele, und ich meine sie trafen mit ihren alten Gewehren besser, denn wir mit unsern neuen. Bei diesem Lärmen, der durch das laute Geschrei der Schützen noch sehr vermehrt wurde, dauerte mich am meisten unser lieber +Dr.+ Roth, der noch immer an den Folgen seines gestrigen Falles leidend, darnieder lag. Man mußte sich übrigens bei den Soldaten für dieses laute Possenspiel noch bedanken, denn sie hatten, halb europäisch in Tuchjacken und Hosen gekleidet, ihre beste Kleidung angelegt, die freilich fast bei Jedem von andrer Farbe und auch an einem und demselben Krieger, wegen der späteren An- und Zusätze der neuen Lappen von sehr verschiednem Colorit war. Während der heißeren Stunden des Tages besahen wir das Kastell von außen und innen. Es ist allerdings fest genug um Leute, die weder Sturmleitern noch andre Geräthe der Belagerer haben, auszuschließen, an einigen Stellen der Ostseite aber, hat der Flugsand der Wüste so hohe Hügel in der Nähe der Mauern aufgehäuft, daß ein Achilles wohl ohne der Sturmleiter zu bedürfen, hinübergesprungen wäre; die Bauart der Zinnen und Rundthürme stehet so weit hinter der unsrer alten deutschen Ritterburgen oder der Befestigungswerke von Rhodos zurück, wie gemeines Töpfergeschirr hinter einer steinernen Vase; doch mag sie für Sarazenisch gelten. An einigen der Mauersteine hätten wir gern die Hämmer noch mehr probirt; sie schienen uns von bessrem Material denn die andren und von vermuthlich älterer Herkunft; die Herren Vertheidiger der Festung schienen aber jede Prüfung der Art zu misbilligen. Die Besatzung, welche Ibrahim Pascha in das Kastell gelegt hat besteht, so viel wir urtheilen konnten, aus etwa vierzig Mann; meist Arnauten, die zum Theil mit Weib und Kind kleinere Hütten bewohnen, während die Behausung des Commandanten und des Aga mehr die Form der gewöhnlichen keinen Häußer hat. Der Commandant ist noch ein ziemlich junger, kaum vierzigjähriger Mann, dessen röthlich blondes Haar und weiße Hautfarbe die nördlichere Abkunft bezeugen; auch dem kleinen, wohlbeleibten sogenannten Aga, der den Secretärdienst versieht, merkt man es an, daß er nicht in diesem heißen Lande geboren ist. Die guten Leute scheinen sich wirklich, nicht bloß vorgeblich, wie wir anfangs glaubten, vor den zunächst umwohnenden Beduinen zu fürchten und wagen sich nicht so leicht einer oder etliche allein weit über den Umkreis der kleinen Festung hinaus. Wir aber, die wir mit ganz Arabien und den angränzenden Ländern in bestem Frieden lebten ergiengen uns, als der Tag kühler wurde, noch südwärts hinab am Ufer des Meeres, in welchem einige buntfarbige Arten von Balistes, Chätodon und andern Fischen ruhig spielten, unter ihnen auch ein schöner rother Mullus, als wüßten sie daß wir doch keinen Weingeist und keine Gefäße bei uns hätten um sie mit in das fern gelegne München zu nehmen. »Der lieben Sonne Licht und Pracht,« wie es in dem alten Liede der Kindheit heißt, hatte jetzt ihren Lauf am Saume des Hochgebirges der Tyh vollendet, der Mond, mehr als halb voll, leuchtete mit klarem Lichte durch die Wipfel der Palmen herein; wir begaben uns zu unserm Zelte, saßen und giengen da noch ein Stündlein am kühlen Meeresufer. Indeß hatte sich auch unsre ungebetene Leibgarde wieder mit ihren Spießen und andren Waffen eingestellt. Die Leute waren heute ruhiger und bescheidener als gestern, oder unser Schlaf war so fest und gesund, daß wir ihren Lärmen nicht hörten; Sonnenaufgang war nicht mehr fern, da wir aus dem Zelt hinaustraten ins Freie. Ich weiß nicht ob sich die Phantasie eines jeden meiner im Norden geborenen Leser zu der lebendigen Vorstellung des Eindruckes erheben kann, den ein gesundes, fröhliches Erwachen in einem Palmenwald von Arabien auf die Seele macht. Der Unterschied zwischen dem heimathlich Bekannten und jener ferngelegnen Natur ist fast derselbe wie zwischen dem ehrenwerthen, liebliche Früchte erzeugenden Pflaumen- oder Zwetschkenbaum von Deutschland und der Dattelpalme. Die Brandung des Meeres hatte nicht geschlafen; der Pulsschlag der Wogen gieng noch in demselben Takt wie am gestrigen Abend; die aufgehende Sonne weckte jetzt auch die andern Glieder der Erdveste wieder zum Sichtbarwerden auf; das Gebirge der Einöde im Westen und Osten erhub sich wie ein halbnackter Beduine aus der Decke der Dämmerung. Mit dem Auge zugleich, das am Anblick der wogenden Tiefe wie der stillstehenden Höhe sich ergötzte, genoß der menschlichste der Sinnen: das Ohr seine Freuden. Denn der Bull Bull, die orientalische Nachtigall oder eigentlicher und wahrer genannt die Musikdrossel des Südens[104], von welcher mehrere Paare in den Wipfeln der Palme bei unserm Zelte nisteten, sang hier dem belebenden Frühling ihr Lied der Liebe; einer Liebe, welche, auch da wo sie ihrer selber noch nicht bewußt ist, in dem geliebten Vergänglichen Jenen sucht und liebt, dessen Wesen eine ewige Liebe ist. Es ist derselbe Zug des Mangels zu der ergänzenden Fülle, welcher im Menschen als Liebe, im Thiere als Trieb, in der Blüthe des Gewächses als magnetische Annäherung erscheint; wir konnten heute, wie einen Bach dessen Quell vom Gebirg als silberner Faden herabstürzt, dann im Thale die Thiere der Wüste, zuletzt in dem Städtlein durch das er fließt, die Menschen tränkt, den ganzen Verlauf des Lebensstromes, vom Anfange bis zum Ziele, das in unsern Herzen lag, verfolgen. Die männlichen Dattelnpalmen waren so eben im Aufblühen; ein Beduine hieng die zertheilten Kolben der männlichen Blüthen hoch am Wipfel der weiblichen Palmen auf, zu denen er sehr gewandt, wie auf Stufen hinanstieg. -- Der Mensch allein versteht die Sprache des Sehnens und Ringens der äußerlich sichtbaren Natur; möchte er nur auch die des ewigen Sehnens seines eignen Innrens, seines Herzens recht verstehen und eben so bereit seyn diesem Sehnen zu seiner Erfüllung zu verhelfen. Bei alle dem was wir hier sahen und hörten stimmte nicht bloß das Herz, sondern auch der Mund freudig in den Ton und die Worte des Gesanges ein: »Erhebe dich o meine Seel.« Es war gut, daß wir das Beste des Tages, was dem ganzen übrigen Verlaufe desselben bis zum Abend seine rechten Kräfte giebt, so ungestört und still genossen hatten, denn es kamen gar bald Anlässe zu der Thür unsres Zeltes heran, wobei es der innern Ruhe bedurfte. Wir hatten Nachfrage bei dem Commandanten gehalten nach den auf den heutigen Tag versprochenen Kamelen; es war keine gewöhnliche Ungeduld der Reisenden die uns zum Weitereilen antrieb, sondern das Sehnen der christlichen Pilgrime, das heiligste Jubelfest des Jahres an der Stätte zu feiern, wo der Sieg aus dem gewaltigsten Kampfe des Lebens mit dem Tode errungen ward. Die Antwort war eine unerwartete. Man machte, für das Weiterkommen Forderungen an uns, denen wir, hier in der weiten Ferne von der Heimath kaum hätten zu genügen vermocht. Wir sollten außer den dreizehn Kamelen, die für uns und unsre Gerätschaften, so wie für den Scheikh, der ja beritten seyn muß, bisher gebraucht hatten noch zehn nehmen, auf welchen Bewaffnete zu unsrer Bedeckung durch die ganze Wüste bis nach Petra und von dort nach Hebron uns begleiten sollten. Und dieß um einen Preis der die Erwartungen wie die vorhandenen Mittel überstieg. Wir erwiederten darauf: wir würden lieber nach Kairo zurückkehren als um solchen Preis die Weiterreise antreten, vor der Hand aber solle man uns einen berittenen Boten nach der Hauptstadt ausrüsten, wir wollten dorthin an den Vizekönig schreiben. Ein Zufall wirkte bei dieser Gelegenheit zu unsern Gunsten. In meinen Firman war das Wort Hofrath, Consigliere aulico, welches das K. K. Oesterreichische Consulat mir als Titel beigelegt hatte, gleichlautend, nur mit Arabischen Buchstaben geschrieben aufgenommen worden. Der Aga hatte statt Consigliere Consul gelesen und gemeint ich hieße Herr Aulico; ein Gerücht hatte ohne mein Zuthun unter den hohen Behörden des Kastells sich verbreitet, ich sey ein englischer Consul. Vor den Engländern haben aber selbst die Bewohner dieser Wüste, die unabhängigen sowohl als die unter Aegyptens Herrschaft stehenden eine gar bedeutende Furcht und Achtung, seitdem sich ein wohlbewaffnetes Schiff dieser Nation: der Palinurus vor einigen Jahren durch alle die Gefahren der Klippen und Wogen herangewagt hat bis zur gegenüberliegenden Insel Jezirat Pharaun. Dies wirkte denn doch beim Commandanten wie beim Aga eine Stimmung, die zur Hoffnung eines glücklichen Ausganges unsres Reisevorhabens berechtigte. Während übrigens die Unterhandlungen noch sehr im Staub und Sand der Wüste lagen, war ich an der Nordseite des Kastells ein wenig hinaufgegangen auf die Anhöhe, auf welcher Herr Maler Bernatz so eben mit der Aufnahme der Gegend beschäftigt war. Man hat hier einen ganz vortrefflichen Ueberblick über die Gebirge auf der Westseite. Diese bestehen aus drei parallelen Ketten, davon die hinterste (westlichste) die höchste, die vorderste (östlichste) die niedrigste ist. Zuerst, am weitesten in Westen, erhebt die dunkelfarbige Hauptgebirgskette, die allem Anscheine nach aus Urgebirge (Sienit und Porphyr?) besteht, ihren Rücken hoch über die andern alle, und vor ihr, nur um wenig niedriger als der mächtige Hochrücken zieht sich eine Kette des hellerfarbigen, geschichteten Sandsteines hin. Vor dieser steht der zweite, mittlere Höhenzug des Urgebirges (?), der schon bedeutend niedriger ist, als der erste sammt seinen Sandsteinhöhen, und auch vor diesem mittleren Gebirgsstock zeigt sich, etwas niedriger als er eine Ablagerung des lichteren Sandsteingürtels. Darauf folgt, noch weiter ostwärts, der vorderste, niedrigste Rücken des Hauptgebirgsstockes; eben so dunkelfarbig wie der erste und zweite, im Vergleich mit dem weißlichen, niedrigeren Fußgestell seines Sandsteines. -- Im übrigen Verlaufe des Tages besahen wir etwas genauer den nördlichen Saum der Bucht, an den unser Herweg uns vorübergeführt hatte; die Trümmer Arabischer Hütten, unter denen mancher Baustein von früherer Hand bearbeitet, liegen mag; den Steinhaufen, den jeder vorüberziehende Mekkapilgrim, durch Daraufwerfen eines neuen Steines vergrößert, indem er hierbei dem Satan flucht, welcher den Abraham am Opfer Ismaëls verhindern wollte, und manches Andre, und schrieben dann an unsern Tagebüchern. Die jungen Freunde waren für die Sammlung beschäftigt; Herr Franz, der Mechanikus reparirte unentgeltlich, für manche Bewohner des Kastelles Flinten und andre Geräthschaften. Vor ihm, in seiner ganz orientalischen Kleidung hatten die dortigen Leute, zu unserem Vortheil, große Achtung; das Gerücht hatte sich verbreitet: er sey ein Büchsenschäfter im Dienste des gefürchteten Ibrahim Pascha. Am Abend stellte sich, wie bisher, unsre zwölfmännige Leibwache ein. Der Morgen war dennoch (am 15ten März) wieder still und schön, obgleich bald nachher der harmonische Gesang der Palmendrossel durch manche Mißtöne verscheucht wurde. Der Commandant ließ uns sagen es seyen nun die Kamele vom Scheikh der Araba, der uns weiter von hier bis nach Hebron geleiten sollte, gekommen, auch sahen wir wirklich unter den Gesichtern der Beduinen, welche der Aga zu unserm Zelte führte, mehrere die uns noch neu und unbekannt waren, andre aber glaubten wir seit unsrer Ankunft öfters in und bei dem Kastell bemerkt zu haben. Unter den neuen Ankömmlingen befand sich ein stämmiger, hübsch aussehender Knabe, so bunt aufgeputzt als der Heidenprinz eines unsrer Dorftheater; doch war der Kaschemirschawl, den er um seinen Kopf gewickelt trug, ächt und von hohem Werthe. Es war auch wirklich ein kleiner Prinz: ein Sohn des Emir Salem von Ghaza, des großen Scheikhs der Araba; er war zu uns gekommen um im Namen seines Vaters einen Führer unsrer Karawane vorzustellen. Wir waren den an uns gestellten Forderungen um einige Schritte entgegengegangen, der Aga hatte bereits das Geld, denn hier zu Lande muß man alles vorausbezahlen, für unsre ganze Weiterförderung bis Hebron in Empfang genommen, und wir glaubten es sey nun Alles in Ordnung, da brachte er, noch vor Mittag die klingende Münze wieder und sagte uns, das Ohr der Beduinen sey durch diesen Klang bei weitem noch nicht befriedigt; sie schienen Miene zu machen wieder zurückzukehren mit ihren Kamelen, nach ihrer Heimath. Unsre Verlegenheit war groß, mitten auf unserem Wege fanden wir unerwartet einen Strom der Hindernisse, über welchen weder Brücke noch Fähre hinüberführte. Ich läugne es nicht, daß mich, mehr als es gesollt hätte, Zagen und Sorgen anwandelte. Ich war wieder hinausgegangen an die Nordseite der kleinen Veste, wo mein guter Maler Bernatz saß und ruhig zeichnete. Da sprach mir, indem ich so hinaufblickte nach den Bergen in Osten, die Gegend selber einen kräftigen Trost zu. War doch dieß dieselbe Stätte da einst der Herr das Reisen der Kinder Israël zu Herzen nahm und ihnen nach fast vierzigjähriger Hemmung den Ausweg eröffnete, aus der Edomiter eiserner Haft (5. Mos. 2, V. 7). Er ist ja noch derselbe Helfer, der Er zu ~Israëls~ Zeiten war; ich kehrte wohlgemuth zum Zelte um. Nach einiger Zeit begab sich Herr Mühlenhof, der Dragoman, der sich in dieser ganzen Angelegenheit sehr klug und entschlossen benommen hatte, von neuem hinein in das Kastell, wo die vornehmsten der Beduinen noch versammlet saßen und machte neue Anerbietungen; die Leute hätten uns aber allem Anschein nach gerne noch mehrere Tage in der Spannung erhalten, wenn nicht hülfreich der Umstand eingetreten wäre, daß auf übermorgen das große Bairamfest fiel, bei welchem Alle gern zu Hauße bei den Ihrigen seyn wollten. Auch der Aga und der Commandant hatten, so versicherte uns Herr Mühlenhof, bei den Unterhandlungen Alles gethan, was sie für den vermeintlichen Englischen Consul zu thun vermochten. Das Geschenk das ihnen beiden versprochen war, schien hierbei als guter Antrieb mitgewirkt zu haben. So kamen wir dahin überein, daß wir sechszehn Kamele, jedes für zehn Marietheresienthaler bis nach Hebron nehmen und bezahlen sollten; der Commandant und der Aga, welche übrigens, wie wir später erfuhren, an jedem Kamel zwei Thaler Provision nahmen, erhielten auch etliche zwanzig Thaler; unsre Leibgarde war mit Geringerem zufrieden. Noch vor zwei Uhr des Nachmittags kamen der Commandant und der Aga, mit ihnen die Scheikhs der Beduinen; tranken mit uns Kaffee und holten sich ihren ansehnlichen Haufen der Thaler ab, welche Münze, mit dem Gepräge der Kaiserin Maria Theresia, sie ganz besonders lieben. Es war vier Uhr des Nachmittags als wir endlich zu Kamele saßen, und, ehrenvoll verabschiedet von dem Commandanten und den andern Inwohnern der kleinen Veste aus den Palmenwäldern von Akaba hinauszogen in die weite, freie Araba. Mein Herz war überaus fröhlich und guter Dinge; das innre Gespräch war zu einem Loblied geworden, in das der Mund einstimmte. Ja, es waren auch hier die Worte des alten Liedes wahr geworden: Er reicht uns seine Hand; am Abend wie am Morgen will Er uns wohl versorgen, seys auch im Feindesland. Unser Weg, nahe am Fuße des östlichen Gebirges, dessen Hauptrücken ich nach der Form der Höhen für Urgebirge halten möchte, zog sich von Akaba aus immer allmählig aufwärts; der Boden ist Sand, untermischt mit Trümmern von Granit, Porphyr und Grünstein. Das zwischen den westlichen, schon oben (S. 393) beschriebenen und den östlichen Gebirgszügen hinlaufende Thal der Araba, erweitert sich in geringer Entfernung von Akaba zu einer augenfälligen Breite von gewiß vier Stunden. Das Thal bildet eine von Ost gegen West stark geneigte Ebene, und während man längs dem Fuße des östlichen Höhenzuges auf den Firsten des Thales hinreist, befindet man sich am westlichen Rande desselben, längs dem Saume des Tyhgebirges in einer Tiefe, welche im Mittel nur wenig über dem Meeresspiegel erhöht ist. Während der Regenzeit muß ein großer Theil dieser westlichen Thaltiefe vom Wasser überschwemmt seyn, woher vielleicht die Annahme eines langen Ausläufers des Ailanitischen Meerbusens nach Norden hin entstanden seyn mag, die auf einigen unsrer älteren Landcharten vorausgesetzt scheint. Wir lagerten kurz vor Sonnenuntergang. Schon heute hatten wir Gelegenheit zu bemerken, daß unter unsern diesmaligen Kamelen einige recht böse und bissige seyen; auch die Beduinen, von denen eine ganze Schaar (mehr denn dreißig) uns begleiteten, benahmen sich nicht so dienstwillig und freundlich als unsre vorigen Begleiter. Der kleine Sohn des Emir Salem (m. v. S. 394) schickte am Abend zu uns und begehrte Reis. Wir sendeten ihm eine ganze Schüssel ungekochten Reis, gewiß drei- oder viermal so viel als wir auf der Reise von Kairo bis Akaba gewöhnlich unserm alten Scheikh Hassan gaben; er sendete uns aber die Gabe wieder mit der Bemerkung sie sey zu wenig und zu gering. Wir nahmen den Reis ruhig wieder, ohne ihm andern zu geben. Zur Rache dafür verübten die Beduinen einen großen Theil der Nacht hindurch einen ganz entsetzlichen Lärmen, mit Schreien und Schießen vor unserm Zelte. Wahrscheinlich wollten sie uns fürchten machen. Als die Leute ruhig wurden, da fiengen die Kamele, die ganz nahe bei uns lagen, so laut und so viele zugleich an zu brüllen, daß an kein weiteres Schlafen zu denken war. Zum Glück bedarf man auch in diesem Lande und auf solcher Reise ungleich weniger Schlaf als daheim, um vollkommen gestärkt zu seyn. Donnerstags am 16ten März fanden wir uns schon um sechs Uhr des Morgens auf dem Wege. Es war, wie ich nun bemerkte, eine Täuschung des Auges gewesen, was mich am gestrigen Nachmittag glauben gemacht hatte, die Berge zu beiden Seiten hörten weiterhin auf und wir würden bald in eine unbegränzte Ebene kommen. Die Thäler, welche das (vorherrschend) primitive Gebirge der östlichen Seite durchschneiden, ziehen sich in der Richtung von Nordnordwest gegen Südsüdost aus der Ebene nach dem Hochrücken hinan; jene der westlichen Gebirge dagegen haben die Richtung von Nordnordost hinan gen Südsüdwest, beide laufen mithin vom Thale aus wie divergirende Strahlen auseinander. Auf der Westseite wird je weiter gen Norden desto mehr der Sandstein vorherrschend, der sich uns am Vormittag öfters in mauer- und pfeilerartigen Formen zeigte, zwischen denen das aus solcher Ferne leicht getäuschte Auge hin und wieder Ruinen von Menschenwerken zu bemerken wähnte. Die Einöde, durch die wir heute kamen, war nicht ohne Pflanzenwuchs, vor allen zeichnete sich der in voller Blüthe stehende Artastrauch (+Calligonum comosum+) aus, dessen zierliche, weißliche Blüthenbüschel an ganz blätterlosen, binsenartigen Zweigen sitzen. Die jungen Zweige werden sehr gern von den Kamelen gefressen; sie haben einen nicht unangenehmen, säuerlichen Geschmack; die alten Zweige sind holzig; die Wurzeln laufen sehr tief in den Sandboden hinein und begünstigen da die Anlage der Höhlenwohnungen der Springhasen, welche hier sehr häufig sind. Auf dem Boden sahen wir heute öfters den bunten Arabischen Sandkäfer (+Anthia variegata+). Hin und wieder lagen, am verdorrten Stengel, gleich gelben oder röthlichen Aepfeln die Früchte der Coloquinte (+Cucumis colocynthis+). Wir hatten heute einige Noth mit den Kamelen, die wir auf unsrer vorhergehenden Wüstenreise nur als so sanfte, harmlose Thiere gekannt hatten. Das auf welchem +Dr.+ Roth ritt fieng öfters an, wie halbrasend zu springen; jenes des Herrn Bernatz mußte die europäische Fußbekleidung als einen strafbaren Luxus betrachten, es drehte beständig seinen langen Hals herum und wollte dem Reiter in die Stiefeln beissen; ein Biß, welcher von so starkem Thiere tiefer gegangen seyn würde als in die bloße Kleidung. Das Kamel der Hausfrau war desto geduldiger, und blieb mit seiner leichten Last beständig hinter den andern zurück. Am Nachmittag sahen wir gegen Westen neben uns eine brackig feuchte Sandebene; die Fata morgana zauberte uns Seen und Teiche über die Fläche hin; im östlichen Gebirge bemerkten wir mehrere Gänge von röthlicher Färbung. Der Scheikh Salem schickte uns einen Boten, der auf einem Dromedar ritt, mit seinem Petschaft entgegen um seine Einwilligung in den abgeschloßnen Vertrag zu bezeugen und uns zu begrüßen. Als der Bote wieder umkehrte war er überaus schnell aus unsern Augen entschwunden; wir konnten daraus den Unterschied der Geschwindigkeit eines Reit- und eines Lastkameles erkennen. Doch auch unsre lastbaren Thiere wurden heute von ihren Treibern zur ungewöhnlichen Eile angehalten, denn Jeder von ihnen wünschte, am Vorabend des großen Bairam bald bei den Seinigen zu seyn. Um vier Uhr hatten wir das große Dorf der Araba, mit seinen schwarzen Nomadenzelten erreicht. Der Scheikh oder Emir Salem, ein rüstiger Mann von mittlern Jahren, kam uns zu Pferd entgegen; nur der kostbare Kaschemirschawl, der um sein Haupt gewunden war, ließ uns in ihm den mächtigen Beduinenfürsten errathen, welcher alljährlich zu dem Zug der Pilgrime nach Mekka von seinem Stamme tausend Kamele herbeiführt. Wir stiegen ab und der Scheikh führte uns in sein großes Zelt, in welchem wir, im engern Kreise der Vornehmen -- denn hinter uns zeigte sich noch ein weiterer Kreis der Gemeinen -- auf den Teppich des Bodens uns niederkauerten und mit dem Kreise der Vornehmeren Kaffee, mit dem der Gemeinen aber saure Milch (Lebben) aus einer von Hand zu Hand gehenden hölzernen Schaale tranken. Dazu wurde Tabak geraucht. Einem der kleinen Scheikhs-Prinzen, der nur ein Hemdchen anhatte, einem recht hübschen Kinde schenkte ich -- denn ich hatte ja weiter nichts -- einen weißen Schiffszwieback aus Kairo, den der Kleine mit Vergnügen annahm, obgleich sein kleiner Mund das harte Gebäck nicht zu beißen vermochte. Gleich nach der Rückkehr zu unserm Zelte sendete uns der Scheikh ein schönes Lamm zum Geschenk und der Araber der es brachte schlachtete auch sogleich das Thier damit wir einen Theil davon zum Abendessen benutzen könnten. Vor Sonnenuntergang bestieg ich noch, ostwärts vom Zeltendorfe einen kleinen Sandhügel um die Gegend zu überblicken. Das Dorf besteht aus mehreren größeren und kleineren Gruppen von Zelten und erstreckt sich ziemlich weit, besonders nach Westen hinaus. Eben kehrten die Heerden von Ziegen und Schafen von der Weide heim, die eine nach dieser, die andre nach einer andern Gegend des Dorfes. Diese Heerden waren ziemlich groß; die Thiere sahen wohlgenährt aus, denn in den Engthälern des hier angränzenden östlichen Gebirges soll es sehr gute Weideplätze geben; Frauen trugen Wasser, das sie an einer Art von Lache, ostwärts vom Orte geschöpft hatten, in Krügen auf ihrem Haupte nach Hauße. -- Mir war es als weilte ich hier, unter diesem Volk von fester Anhänglichkeit an die Sitte der Väter, bei den Heerden und Hütten Ismaëls oder Edoms. -- Wir waren, wie sich aus den zweitägigen barometrischen Beobachtungen ergab seit gestern 465 Fuß anwärts gestiegen, denn so hoch liegt das Dorf der Araba über dem Spiegel des rothen Meeres. Der Schlaf bei Ismaëls Hütten war ein sehr ruhiger und erquicklicher gewesen; erst bei Sonnenaufgang trat ich aus dem Zelte hervor. Hin und wieder zeigten sich schon einzelne Bewohner des Dorfes in ihrem festlichsten Gewande; zwei schöne Rosse, von der edleren Arabischen Abkunft stunden angebunden an Pflöcke, die in den Boden eingeschlagen waren, nicht fern von unserm Zelte. Der heutige Tag, der zehnte des zwölften Monates Zul Hedscheh ist für die Bekenner des Islam ein sehr festlicher, er heißt schlechthin der große Festtag (el Id el kebir) oder auch das Opferfest (Id el Kurban) und bei den Türken der Kurban-Bayram. An diesem Tage, so erzählt die Ueberlieferung der Mohamedaner, sollte Ismaël, (den sie bei dieser und andrer Gelegenheit statt des Isaak nennen) von Abraham geopfert werden, da hinderte der Engel die That und Abraham opferte statt des Sohnes den im Thale Mina gefundenen Widder. Wenn der in der Hütte zurückgebliebene Moslim schon den vorhergehenden Nachmittag des neunten Monatstages noch mehr aber den heutigen zehnten mit Andacht feiert, dann begleitet er zugleich im Geiste seine Brüder, die in diesem Jahre auf der gefahr- und verdienstvollen Pilgerfahrt nach Mekka begriffen sind. Vielleicht ist es auch die eigne Erinnerung an das was er selber als gewesener Pilgrim an diesen Tagen auf den Höhen des Arafaat und im Thale von Mina mit gesehen und genossen hat, welche ihm die Zeit des Korban-Bayrams zu einem besonders feierlichen macht; denn wenn am neunten des Nachmittags das feierliche Absingen des Khutbeh auf dem Arafaat, wenn darauf am zehnten im Thale Mina das vorgeschriebene Opfer geschehen ist, dann hat zugleich die Pilgerfahrt des Hadschi mit all ihren Mühen und Gefahren ihre Vollendung erreicht; die Segnungen, welche der Islam den Gläubigen verheißt, sind errungen, der Hadschi legt nach vollendetem Opfer sein armes Pilgergewand ab und schmückt sich freudig mit der besseren Kleidung. Zum Andenken an jenes glückliche Beenden der Sorgen Ismaëls und Abrahams, so wie der Gläubigen, welche in beider Fußtapfen traten, schmückt sich auch der in den Städten und Dörfern zu Hauße gebliebene Moslem heute, wenn er es vermag, mit einem ganz neuen oder doch mit seinem besten Kleide. Ein Schaf wird geschlachtet, das Fleisch gekocht und an die Armen vertheilt; das Volk belustigt sich, wie beim kleinen Bairamfeste durch mannichfache öffentliche Spiele. Auch hier im Dorfe der Araba geschahe dieses; wir sahen, denn auf uns, als theilnehmende Zuschauer war vorzüglich gerechnet, der Hauptbelustigung zu. Diese bestund, nach einigen unbedeutenden Uebungen der Kamele, in einem Wettrennen zu Pferde, das von dem Sohn des Scheikh Salem, von jenem der uns von Akaba hieher geleitet hatte und einem oder zweien seiner kleinen Vettern gehalten wurde; der Preis war ein schönes Tuch. Unser kleiner Scheikh hatte, um sich vor uns groß zu machen, sein Pferd lange vor dem Anfang des Wettrennens losgebunden, und es durch Reiten müde gejagt; da es aber jetzt galt die Kraft der Rosse und ihrer jungen Reiter zu zeigen -- beim Wettlaufe selber -- da trug der kleine Vetter den Preis davon, welchen diesem der Scheikh Salem reichte, zugleich aber seinem besiegten Prinzen als Zeichen eines gelinden Tadels, ins Angesicht spuckte[105]. Außer dem Wettrennen der Pferde sahen wir keine andren Festlichkeiten und obgleich heute mit dem Korbanbairam zugleich der Mohamedanische Sabbath (Freitag) war, konnten wir doch keine Spur von einer gottesdienstlichen Handlung bemerken. Ueberhaupt sahen wir diese Kinder der Wüste fast niemals am Morgen oder zu einer andern Zeit beten, nur beim Essen und beim Schlachten der Thiere hörte man das Bis millah (in Gottes Namen). Ich war mit meinem jungen Freund dem +Dr.+ Erdl, welcher die Flinte bei sich trug, hinaus gegangen gegen Osten, nach dem Gebirge zu. Während wir noch, in der Nähe des Zeltendorfes, bei den blühenden Gebüschen verweilten, kam ein Töchterlein des Scheikh, ein Kind von etwa zehn Jahren mit einer ihrer Gespielinnen hinter den Heerden der Ziegen gegangen und reichte uns sehr freundlich ihre Feldflasche voll saurer Milch zum Trinken dar. Das Kind war heute auf seine Weise ganz besonders schön geputzt; in dem schwarzen Haare trug es allerhand Zierrathen von Glasperlen und durchlöcherten Silbermünzen, es hatte recht gute schöne Augen und war überhaupt wohlgebildet von Angesicht. Ich schenkte ihm für den Trank den es uns gereicht hatte einen ganz neuen Aegyptischen Piaster (sieben Kreuzer an Werth); es lachte laut vor Vergnügen und schwatzte uns noch vieles vor das wir jedoch meist nicht verstunden. Die Heerden waren vorübergezogen und wir blieben in der Stille der Einöde allein. Wenn auch hier die Gegenwart in tiefes Schweigen versenkt war, so sprach dafür die Stimme der Vergangenheit zu unsrem innren Ohre. Da vor uns lag mit seinen Thälern das Gebirge Seir, welches die Heere Israëls, während ihres vierzigjährigen Verweilens in der Wüste, eine lange Zeit umzogen hatten (5. Mos. 2, V. 3) bis der Herr ihr Reisen zu Herzen nahm und sie nordwärts von Akaba auf den Weg der Wüste der Moabiter, in Osten des Gebirges hinan zu den Ländern des Jordans führte. Hier in diesem Thale der Araba, verweilte jenes Volk der Wahl am längsten, denn wie dieß K. v. ~Raumer~[106] so klar entwickelt hat, der erste Auszug der Israëliten aus der Wüste des Sinai gegen die Gränzen des verheißnen Landes hin, so wie er im vierten Buch Mosis vom zehnten bis dreizehnten Kapitel beschrieben ist, nahm allerdings die gerade Richtung durch die Wüste Tyh und umfaßte einen Weg von eilf Tagen; sein Ziel war das an der Gränze Palästinas gelegene Kades. Als aber das störige Volk durch seinen Undank und Ungehorsam sich den schon eröffneten Eingang ins Land der Ruhe verschlossen hatte, da ward es wieder südwärts durch das Ghor und die Araba über Ben Jaëkon, Maseroth (Hor), Horgidgad und Jothbatha zum rothen Meere und nach den Wüsten der Peträischen Halbinsel geführt. Nach manchem Jahre des Verbleibens in dem Lande, da kein Säen und Ernten ist, am meisten aber wahrscheinlich in der Araba, welche auch den Heerden Futter gewährte, gelangen die Israëliten abermals zum Nordende des Ghor, bei Kades, wo Mirjam stirbt (4. Mos. 20, V. 1). Im vierzigsten Jahre seit dem Auszug aus Aegypten finden wir sie zum letzten Male in Wadi Musa, nahe bei Petra, am Gebirge Hor, da Aaron starb (4. Mos. 20, V. 27-29), von hier gehen sie noch einmal zurück ans rothe Meer, bei Akaba, um von da den siegreichen Lauf, im Osten des Gebirges Seir nach dem verheißenen Erbe der Väter anzutreten. Nach v. Raumer ist es wahrscheinlich, daß in dem Theile der Araba, an deren Ostgränze Scheikh Salems Volk seine Hütten aufschlug, vormals Jothbatha lag (4. Mos. 33, V. 32). So wandelte unser Fuß hier in dem Thale zwischen Seir und der Amoriter Gebirge, da einst der Herr das Volk, dem er das Gesetz gab, allein leitete, »und war kein fremder Gott mit ihm.« Eine Reihe der Jahre hindurch war dieses Thal ein dunkles Thal der Führungen und der Prüfung des Glaubens gewesen; unter diesen Sandhügeln ruheten wohl einst die Gebeine mancher der Kriegsleute, die sich ungläubig geweigert hatten hinanzuziehen zum Kampfe, den nicht sie, sondern Er führen wollte, welcher ihnen Hülfe, Schild und Schwert ihres Sieges war. Dort wo unter dem blühenden Gebüsch die Heerden der jungen Lämmer weiden und in diesem ganzen Lande von Nord gen Süd war die Wiege und Wohnstätte des jungen Geschlechtes, das den Segen empfieng, den ihre Väter von sich gestoßen hatten. Die Gegend, namentlich gegen Osten, fanden wir reich an mannichfachen Gewächsen. Dort in den Thälern giebt es auch Quellen, obwohl für den gewöhnlichen Bedarf der Hütten die Bewohner des Dorfes sich des Wassers einer Lache bedienten, das noch von der Regenzeit zurückgeblieben war. Am Nachmittag brachte man uns eine sehr buntfarbige, mit feuerrothen Flecken und Wellenstreifen gezeichnete, große Schlange, die, wie uns dies der Bau ihres Gebisses zeigte, zu den giftigsten Arten ihres Geschlechtes gehörte. Sie war todt und bei der großen Hitze schon ins Verderben übergegangen. Nach der Aussage der Beduinen ist diese Schlange, welche sie sehr fürchten, in der Umgegend häufig. Abgesehen von der Oertlichkeit erinnerte uns dieses an die Schlangen, denen die Schaaren des pilgernden Volkes erlagen, da sie auf dem Wege vom Hor nach dem rothen Meere verdrossen geworden waren und wider Gott und wider Mose redeten (4. Mos. 21, V. 5, 6) und an jene Tage, da über den Gräbern das Zeichen der ehernen Schlange erhöht ward, daß, wer gebissen war und diese ansahe, nicht sterben mußte. Wir hatten die heißesten Stunden des Tages im Schatten des Zeltes zugebracht. Da es anfieng etwas kühler zu werden machten und erhielten unsre beiden Begleiterinnen Besuche bei und von den Frauen des Scheikhs. Da sie zu uns kamen verließen wir Männer das Zelt, obgleich sich jene gar nicht vor uns zu scheuen schienen, denn sie waren nicht einmal ordentlich verschleiert. Die Araberinnen betasteten, wie man uns später erzählte, Alles im Zelte; ein Gegenstand ihrer Neugier war vornämlich die Kleidung der Europäerinnen gewesen, denn sie hatten noch nie in dieser Gegend eine fränkisch gekleidete Frau gesehen. Man schenkte ihnen einige Kleinigkeiten, worüber sie sehr zufrieden waren. Jede der Frauen bewohnt mit ihren kleinen Kindern ein eignes Hüttenzelt, in welches auch das edle Roß, besonders die Stute, Zutritt hat, welche mit Vorsicht unter den am Boden liegenden oder spielenden Kindern herumschreitet, ohne jemals eines zu verletzen. Der kleine Scheikh, der uns in seiner bunten Comödientracht das Ehrengeleite von Akaba hieher gegeben hatte, begehrte heute dafür ein Trinkgeld, wir gaben ihm vier Thaler, die jedoch der kleine Mann nicht annahm; denn, sagte er, dieß sey für einen Scheikh zu wenig. Wir steckten das Geld ruhig wieder ein und ließen ihn gehen. Da mochte er sich doch anders besonnen haben, denn nach einiger Zeit sendete sein Vater zu uns und ließ uns sagen, wir sollten dem Knaben seinen Unverstand zu gute halten und ihm geben so viel uns beliebte, da wir ja doch noch bei der Ankunft in Hebron ein Haupttrinkgeld für die Scheikhs bezahlen würden. Wir gaben darauf dem Knaben, der sich alsbald wieder einstellte, als Gegengeschenk für das Lamm und für sein kurzes Ehrengeleite acht Speziesthaler, womit er sehr zufrieden war, mehr aber noch als über das Geld sich an einer vom Herrn +Dr.+ Roth ihm geschenkten Mundharmonika erfreute, auf welcher wir ihn und seine Gefährten den ganzen übrigen Tag pfeifen hörten. Noch vor Sonnenuntergang hatte sich der Himmel trübe überzogen. ~Sonnabends~ den 18ten März entließ mich der Scheikh Salem, in dessen Bund und Schutz wir uns jetzt begeben hatten, mit einer feierlichen Abschiedsrede, bei welcher die Vornehmsten des Dorfes als Zuhörer um uns herstunden. Zu unsern Führern gab er uns zwei seiner Verwandten, welche beide auch den Titel der Scheikhs führten, einen alten von kräftigem Aussehen und einen jüngeren mit. Der Himmel zeigte sich an diesem Morgen auf eine Weise getrübt, welche durch ihre Färbung für unser Auge etwas Neues war, ein mäßiger Wind wehete aus Südsüdwest vom rothen Meere herauf. Die Beduinen, indem sie gegen Süden hindeuteten, hatten uns gerathen diesen Tag noch in ihrem Dorfe zuzubringen, wir aber gedachten heute noch bis in die Nähe der Mündung des Wadi Musa zu kommen, denn wir verstunden uns noch nicht auf die Physiognomie der hiesigen Natur. Wir hatten bisher an der Wüste nur die brennende Hitze der Mittagsstunden und die Kühle der Nächte in etwas scheuen gelernt, heute sollten wir noch andre, größere Schrecknisse derselben kennen lernen. Hinter uns am Meere dämmte sichs wie ein röthlich graues Gebirge am Horizont auf, die Sonne die noch einmal mit falben Schimmer, wie durch den Rauchdampf einer brennenden Stadt über das Gebirge herein blickte, brach ihre Strahlen auf so sonderbare Weise an dem immer höher steigenden Damme, daß man leicht bemerkte, daß er von andrer, dichterer Art sey als unsre heimathlichen Wolken; es war als wenn der Abglanz eines pfeilerartig zertheilten Sandsteingebirges in trübem Wasser sich gegen uns her bewegte. Das Licht der Sonne erneute noch immer auf einzelne Augenblicke den Kampf mit dem Rauchnebel des Thales, so etwa, als ob wir mitten in einem Brande der Natur an einer Stelle vorbeikämen, wo die gesteigerte Gluth den Rußdampf verzehrte. Wir genossen einige Male noch eine Aussicht in die nächsten Engthäler des östlichen Gebirges; unter andern kamen wir an einem vorüber, in welchem Palmen stunden, und, -- doch möchte ich dieses bei solcher unsichrer Beleuchtung nicht als sicher verbürgen --, jenseit derselben einige Mauerwerke. Noch blieben unsre Kamele in geordnetem Schritt und die Beduinen sammelten ruhig einige am Boden wachsende, schöne Exemplare des Cynomorium, welche sie roh verzehrten. Jetzt aber bemerkte nicht bloß das Auge, sondern auch der übrige Körper, daß der Nebel, der die Luft trübte, ein andrer als der gewöhnliche sey, der feine Sand, welcher anfangs nur die Kraft der Staubwolken unsers Vaterlandes hatte, die der Sturmwind eines Hochgewitters emporwirbelt, mischte sich immer mehr mit gröberen Gesteintrümmern und abgerissenen Zweigen der dornigen Wüstengewächse und fiel nun so dicht und schwer auf uns, daß die Kamele mit lautem Gebrüll ihre Reihen verließen und ohne Ordnung vorwärts rannten. Gleich in den ersten Augenblicken, in denen der Sandsturm mit seinen gröberen Massen uns ereilte, hatte die Sonne sich verhüllt, wie in einen härenen Sack; mit einer wahrhaft furchtbaren Schnelle wuchs aber jetzt das Dunkel das unsern Pfad und seine Nachbarschaft bedeckte zu solcher Nächtlichkeit, daß die Finsterniß der dichtesten Nebel unsrer Spätherbst- und Wintertage in keinem Vergleich damit stehet. Obgleich, zu unserm großen Glücke, der Wind mit seinen Sandmassen uns gerade im Rücken war, hielten wir es dennoch für ein noch größeres Glück, daß unsre Beduinen für uns und ihre Kamele bei guter Zeit das Bette eines Winterstromes erreichten, welches von dickstämmigem Tamariskengesträuch gegen den Sturm ein wenig geschützt war. Im Anfang schien es unmöglich ein Zelt aufzuspannen, wir versteckten uns mit niedergebeugten Körper hinter den Uferdamm des Gießbaches und seine dichten Gesträuche, ließen die Sandwolken über uns hinstreichen; später wurden, mit der Anstrengung eines Ringers, der mit einem eben so starken ringt als er selber ist, die Stangen des Zeltes aufgerichtet, dessen Seile, außer an den tief eingeschlagenen Pflöcken, zugleich an den Stämmen der Tamarisken befestigt wurden. Jetzt saßen wir auf dem Geräthe im Innern des Zeltes oder hinter dem Damm des Bachufers, hörten das Niederrieseln des Sandes auf das Zelt und Gesträuch und gaben uns jener angenehmen Empfindung hin, die den gesicherten Zuschauer bei jeder ungewöhnlichen, auch in ihrem Kreise zerstörenden Naturerscheinung anwandelt. Doch war der feinere Sandstaub, welcher mit dem gröberen zugleich die Luft erfüllte, von so durchdringender Kraft, daß er sich in alle unsre verschlossene Behältnisse für Kleider, Wäsche, für Speisen und Getränke, so wie durch die Kleider, auf die Haut des Körpers hineinzog. Ich hatte mich im Zelte auf einige Augenblicke hingelegt mit verschlossenen Augen, um zu ruhen; die sorgsame Hausfrau, da sie hereintrat und mein Gesicht in so gelblichgrauer Färbung erblickte, erschrack nicht wenig, denn sie meinte das Angesicht eines Todten zu sehen; der Reis, den wir, da sich endlich gegen Abend an ein Anzünden des Feuers und an eine Zubereitung des Abendessens denken ließ, genossen, war so versandet und vom Staube braun gefärbt, daß wir ihn gerne, ohne ihn im Munde zu prüfen, ganz verschluckten. Nach Sonnenuntergang legte sich der Sturm, der Mond, der heute fast voll war, schien durch den gelichteten Nebel in das Gebüsch der Tamarisken herein; mit uns zugleich giengen mehrere Käfer, unter ihnen in Menge der Aegyptische Mumienkäfer (+Ateuchus sacer+) und eine uns noch neue Pimelia aus ihren Schlupfwinkeln hervor und geriethen hierdurch in die Gewalt des Menschen, welche überall, wie ein Haupt der Gorgona, den Augenblick des gegenwärtigen Erscheinens erstarren machet und fest hält. Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meere betrug nach +Dr.+ Erdls barometrischen Messungen 954 Par. Fuß. Am Morgen des 19ten Märzes erwachten wir bei guter Zeit, aus einem ruhigen, sehr erquicklichen Schlafe. Unsre Beduinen hatten uns schon gestern gesagt, daß heute vielleicht ein Regen kommen würde und daß dieses zu wünschen sey, weil, wenn dieß nicht geschehe, der Sandsturm mit seiner Trübung des Himmels mehrere Tage dauere. Die Hoffnung des Besseren gieng in Erfüllung, denn der Himmel zeigte sich von Regengewölk getrübt; die Luft war gekühlt und überaus angenehm zum Athmen. Es war heute der Tag des Herrn und noch überdieß Palmsonntag; uns erquickte als ein Manna der Wüste das schöne Sonntagslied: »Allein Gott in der Höh sey Ehr« und der herrliche Ambrosianische Lobgesang. Bei der heute freier gewordnen Aussicht erblickten wir zu unsrer Linken eine niedre Hügelkette aus Sandstein, welche diesseits der Mitte des großen Arabathales näher nach der Ostseite desselben verläuft, und auf diese Weise ein anfangs noch ziemlich breites Seitenthal bildet, welches auch zu seiner rechten Seite vorherrschend Sandsteingebirge anstehen hat. Dieses Seitenthal ist sehr reich an Strauchwerk und niedreren Kräutern, auch sahen wir viele Vögel aus der Familie der Frankolinen und Wüstenhühner; es muß hier großentheils ein gutes Weideland geben. Einige Male fieng es an zu regnen, hörte aber immer bald wieder auf. Mein Kamel mußte bei solcher Gelegenheit die Gewohnheit haben das Wetter als stiller Zuschauer abzuwarten, es legte sich, als der Regen kam, freilich auch später bei Sonnenschein, mehrmalen mit mir nieder. Als wir durch eine enge Schlucht hinanzogen, kamen etliche fremde Beduinen, mit Lanzen bewaffnet, zu Pferde gegen uns angesprengt, unser sehr phantasiereicher Arabischer Knecht, zugleich aber auch mit ihm etliche der Kamelführer wollten uns einen feindlichen Ueberfall befürchten machen, wir hielten uns deshalb näher zu einander und die Bewaffneten unter uns rückten an ihren Flinten. Die Vorsicht war indeß überflüssig; unser alter Scheikh ritt auf seinem Dromedar den Lanzenmännern entgegen und bald sahen wir, daß beide Theile zu Handschlag und friedlichem Zweigespräch sich vereinten. Die Reiter waren von befreundetem Stamme; sie hatten unsre Begleiter bloß vor einem Regiment Aegyptischer Soldaten warnen wollen, dessen Durchzug man heute, auf seinem Wege von Ghaza nach Kerek hier erwartete, weil solche Bewaffnete, wenn es ihnen an Lastthieren fehlt, gar gerne auch fremde zum Mitgehen einladen. Unsre Beduinen, wahrscheinlich in Folge dieser Warnung, führten uns von hier an eine Zeit lang, in ziemlicher Eile, sehr schlechte Wege. Gegen Mittag erreichten wir eine Anhöhe, von welcher aus wir das wahrhaft hehre, Edomitische Gebirge ganz nahe vor uns erblickten, welches durch seine riesenhaften Pfeilerformen einen überwältigenden Eindruck auf die Sinnen macht. Wer die Gruppen der Adersbacher Sandsteinfelsen oder jene der Sächsischen Schweiz gesehen hat und diese zehnfach sich vergrößert denkt, der wird sich ein ohngefähres Bild machen können von dem was hier unser Auge sahe. Der Hor, auf welchem Aarons Grab ist, schaute majestätisch ernst über das niedrere Gebirge herunter, während sich über seinen südlicheren Nachbarhöhen und Thälern eine Wetterwolke entlud. Selbst unsre Beduinen deuteten mit einem Ausdruck der Ehrfurcht auf die Grabstätte des »Propheten« hin; unsre Augen und Herzen begrüßten freudig diesen neuen Zielpunkt unsrer Wanderschaft. Wir traten jetzt in ein Thal ein, in welchem die Wüste das gelblichgraue Alltagsgewand ganz abgelegt und sich mit dem schönen, grünen Festtagsgewand der Gebüsche und Kräuter bekleidet hatte, als wolle sie mit der Seele der Pilgrime zugleich das Andenken des lieben Palmsonntages feiern. Aus dem Benehmen unsrer Beduinen konnten wir bemerken, daß sie sich hier wieder vollkommen sicher glaubten. Die Kamele wurden ruhig dem Zug ihrer Eßlust überlassen, der sie bei jedem Schritte bald zu dieser, bald zu einer andren Staude hinführte; das meinige hatte sich sogar ganz bequem dazu auf seine untergeschlagnen Beine gelegt, und mir dadurch das Absteigen erleichtert. Um uns her beleuchtete der helle Sonnenschein die liebliche Wildniß; über den Riesenzinnen und Pfeilerfelsen des Hochgebirges aber, in dessen Thäler und Fluthklüfte wir schon ganz nahe hineinblickten, schwebte das dunkelfarbige Geflügel der Wetterwolken. Wir ruheten da einige Augenblicke unter dem blühenden Gesträuch; das Summen der aus- und einfliegenden großen Bienen klang wie der Ton einer fernen Orgel; auch hier in diesem Tempel wandelte uns eine lebendige Empfindung des Sabbathes an. Während wir da ruheten und dann langsam -- die jüngeren Freunde allerhand sammlend -- weiter zogen, hatte unser jüngerer Scheikh mit einigen andern Beduinen zu Fuße die Höhe eines benachbarten Hügels erklommen, wo er sich, mit dem Gewehre, das einer unsrer jungen Freunde ihm geliehen hatte, an der Jagd ergötzte. Seine Mühe war nicht umsonst gewesen, denn nach einiger Zeit brachte er uns mehrere von ihm geschossene Felsen- und Wüstenhühner[107] und einen von ihm lebendig gefangenen Arabischen Hasen. Auf einer der Anhöhen, über welche der weitre Verlauf unsers Weges führte, sahen wir ein altes, vielleicht vormals zum Wachthaus bestimmtes Gebäude, an welchem meine jungen Freunde, da sie näher zu ihm hingiengen, eingehauene Römische Zahlen entdeckten. Schon um halb zwei Uhr nach Mittag war die Mündung des Wadi Musa erreicht, an welcher unsre Beduinen den kurzen Tagesmarsch endeten und Halt machten. Auf unsre Gegenvorstellungen, durch welche wir sie zu einem weitern Vorwärtsschreiten hinein in das Thal bewegen wollten, antworteten sie, daß im Wadi weit hinan kein schicklicher Lagerplatz zu finden sey, überdieß sey ein Ungewitter am Ausbrechen, welches bald das Vordringen ins Thal unmöglich machen werde. Und daß beides seine Richtigkeit habe, davon überzeugte uns die eigne Erfahrung zum Theil noch heute, zum Theil aber am andern Morgen. Denn kaum hatten wir unser Zelt in dem steinigen Boden neben und über dem Bette des Gießbaches aufgeschlagen, der aus dem Wadi Musa hier in die Ebene hervortritt, da entlud sich mit heftigem Donner und Blitz auf den Nachbarbergen ein Gewitter, wie Arabiens Hitze sie erzeugt; das eben noch ganz trocken gewesene Gießbachbette ward zur Höhe und Mächtigkeit eines großen Waldstromes angefüllt, welcher unser armes Zelt, das meine Weisheit durchaus, wenn die landeskundigeren Beduinen es nicht verhindert hätten, hier im tiefen Sande wollte aufgeschlagen haben, sammt allem Gepäck leicht mit sich fortgerissen hätte. Doch die Gewitter dieses Landes, deren Donner so schnell und laut auf einander folgen als die Worte in dem Munde des schnell redenden Beduinen, sind wenigstens in dieser Zeit eine eilig vorübergehende Erscheinung; das Gewölk hatte sich verzogen; die Sonne schien wieder heiß und hell in die Ebene und auf die nächst gelegenen Berge; das Wasser, welches vorher das enge Thal von der einen zu der andern gähen Felsenwand überschwemmte, hatte sich bald wieder so weit verlaufen, daß wir ein Stück Weges in demselben hinauf gehen konnten. Sobald am andern Morgen, den 20sten März der Tag ergraute, saßen wir auf zur Reise in das Thal und auf das Gebirge. Der umwölkte Himmel und die Nebel auf den Höhen schienen mit Regen zu drohen; Wolken wie Nebel wichen jedoch bald der höher steigenden Morgensonne. Man hatte uns zum Theil, zur Beschleunigung des Weges, jene Reitkamele (Dromedare) mit Sätteln gegeben, auf denen die vornehmsten unter unsern Beduinen gewöhnlich ritten; denn nur einige von diesen begleiteten uns auf dem heutigen Tagmarsche, die andern, sammt den meisten Kamelen und unserm Arabischen Knechte waren bei dem Zelt und Gepäck zurückgeblieben. Das Wasser des gestrigen Gewitterstromes hatte sich ganz verlaufen, erst weiter im Engthal hinauf zeigten sich die letzten, bis hieher noch glücklich gelangten Tröpflein des Baches, der durch den obern Theil des Wadi strömt und da, wo wir jetzt stunden, nach Art der meisten Bäche des Landes im Sande versiegt. Allerdings wäre in diesem Engthale, dessen Sohle nirgends eben ist, auf weithin kein Ort zum Aufschlagen des Zeltes gewesen, abgesehen von der Gefahr, welche ein plötzlich hereinbrechender Regenstrom hätte bringen können. Zwischen dem Gesträuch und Gehölze, namentlich des Oleanders hindurch, wand sich unser Weg nach drei Viertelstunden zum Fuße eines steilen Hügels hinan, über welchen ein Richtsteig führt, der die Krümmungen und plötzlichen gähen Abfälle der Thalsohle vermeidet. Eine Schaar von Bergkrähen, deren Geschrei eine ganz andre Sprache spricht als das der unsrigen, denen sie übrigens an Gestalt und Farbe gleichen, flog über uns hin[108]; aus den Felsenklüften vernahm man den Ton der wilden Tauben dieses Landes. Das alte Gemäuer, welches in der Nähe des schneckenartig sich hinanwindenden Richtsteiges liegt, scheint von Römischer Bauart und mag, wie das gestern gesehene, zum Wachthaus gedient haben. Wir hatten während des Hinansteigens, zu welchem wir abermals drei Viertelstunden brauchten, rechts unter uns, in immer größerer Tiefe das Bette des Siechbaches gesehen, dessen weniges Wasser nur selten an der Oberfläche der Felsenplatten bemerkt wird, meist aber unter diesen sich verbirgt. Da wir oben waren fanden wir uns mit dem Rinnsal des Wassers wieder in gleicher Ebene und zugleich auf der Sohle einer zweiten, höheren Terrasse des Thales, welche gegen das Erdgeschoß oder das niedrigere, allmälig zur Ebene hinaus sich absenkende Plateau des Thales mit einer senkrechten Felsenwand abbricht, über welche, zur Zeit des Regens, ein mächtiger Wasserfall sich hinabstürzt. Der Weg führte uns von hier an eine halbe Stunde lang auf der Ebene der Terrasse hin, dann aber begann ein neues, ungleich beschwerlicheres Ansteigen, als das vom untern Thale zum ersten höheren Stockwerk war. Außer dem gähen, steinigen Abhang, mit welchem der Berg sich zum Thale senkt, finden sich hier natürliche Stufen von solcher Steilheit und Höhe, daß auch der geübte Fußgänger sich mit Händen und Füßen hinauf arbeiten muß; zugleich mit uns legten aber auch heute unsre Kamele eine Probe von jener Geschicklichkeit im Bergsteigen ab, welche man diesem, scheinbar mehr für das Reisen in der Ebene geeigneten Thiere, kaum zutrauen möchte. Unbelastet, wie sie jetzt waren, klommen sie alle glücklich zur Höhe hinan, bis auf das eine, noch ziemlich junge, welches +Dr.+ Erdl geritten hatte. Dieses schien außer Stande das Steigen solcher Stufen zu begreifen; es mußte durch einen der Beduinen wieder zurückgebracht werden zur Lagerstätte. Das Auge, wenn auch auf Kosten der hart angestrengten Füße, wird indeß auf dieser Anhöhe in seltner Weise ergötzt. Wir fanden uns hier nahe bei den Gränzen des Landes, in welchem Hiob und seine Freunde lebten, und die Natur, die wir hier sahen, sprach zu dem Auge, so wie durch dieses zu der empfindenden Seele in einer ähnlichen Sprache, als das Buch Hiob zum Geist des Menschen redet. Gerade dieser Schatten des eilig hinüberfliehenden, leichten Gewölkes, der jetzt gehobene, dann wieder niederfallende Schleier des Nebels erregten bald auf diese bald auf eine andre Stelle der Felsenwarten und ihrer Thäler ein Aufmerken, wie dieß in einem andern, höhern Maße die Sprache des von Gott begeisterten Sehers oder Sängers jetzt auf diesen, dann auf einen andern Theil der Gnadenerweisungen Gottes weckt. Auch die Pflanzen- und Thierwelt dieser Nachbargebirge des Landes Uz trägt viel zu dem eigenthümlichen Colorit der Gegend bei. Während im Thale das edle Roß in seiner höchsten Kraft und Schönheit gesehen wird, weidet auf den Höhen und in den Schluchten des Gebirges der kräftige asiatische Steinbock und die schlanke Gazelle; mit der Stimme der Gebirgstauben zugleich läßt sich der laute, melodische Gesang der Orientalischen Singdrosseln aus den Zweigen der Edomitischen Cypresse vernehmen, von welcher wir auf den Höhen des Wadi Musa und am Hor viele einzelne Stämme, ja ganze Haine sahen; Bienenarten von fremder Gestalt wiegen sich summend auf den Gewürzkräutern des Landes. Wir hatten jetzt, drei Stunden nach unsrem Aufbruch, jene Höhe erreicht, die zu der obersten Terrasse des Wadi Musa führt; zu jenem bedeutungsvollen Theil des Thales, der, von einem Bache frischen Wassers durchströmt, die alte, merkwürdige Edomitische Felsenstadt Petra (Sela und Jaktheel der heiligen Schrift[109] umfaßt. Ehe ich jedoch Petra sahe, wollte ich vorher einen andern Theil dieser Gebirge besuchen, den ich mir längst zu einem der Hauptzielpunkte meiner Reise gesetzt hatte. Man glaubt auf der Anhöhe vor Petra schon sehr hoch gestiegen zu seyn, und dieß mit Recht, denn ich halte dafür, daß dieselbe über der Mündung des Wadi Musa, die nach unsern Messungen 2046 Par. Fuß ober dem Meere liegt, wenigstens eben so weit erhaben liege als der Gipfel des Horeb über dem Thale des Katharinenklosters; jener Anhöhe aber zur Linken (fast im Norden) erhebt sein ungleich riesenhafteres Haupt der majestätische Hor; der Fürst und Nazir des Edomitischen Gebirges. Der größere Theil der Reisegesellschaft, jetzt wieder zu Kamel gestiegen, eilte dem wunderreichen Petra zu; ich aber, nur in Begleitung meines jungen Freundes, des Herrn Franz, schlug den Weg nach dem Gipfel des Hor ein. Wir hatten uns zwei Beduinen aus der Mitte der unsrigen zu Wegweisern ausgewählt, zu den zweien gesellten sich jedoch ungebeten, angeblich unsrer Sicherheit wegen, noch zwei andre, unter ihnen der verständige jüngere Scheikh oder Karawanenführer. Der Hor besteht, wie sein Nachbargebirge, aus einem bunten Sandsteine, in welchem, wie in manchem vaterländischen Sandsteine, hellere und dunklere, braungelb und röthlich gefärbte Streifen aufs Mannichfaltigste wechslen. Die Streifen sind bald breiter bald schmäler, bald gerade bald bogenförmig gekrümmt, sie geben öfters, besonders im Thal von Petra, den Felsenwänden das Ansehen von gemahlten Tapeten. Aus der körnigen Hauptmasse stehen Kugeln, kleinere wie größere, hervor, in deren Innrem die bunten Lagen concentrisch, eine um die andre sich fügen. Das Gebirge ist von vielen senkrechten Klüften durchschnitten; zu den natürlichen Aushöhlungen, die sich an manchen Stellen finden, kommen, besonders an dem Abhange gegen Petra hin, jene von Menschenhand eingehauenen Grüfte und Höhlenräume, von denen ich nachher reden will. Der Scheitel des Hor ist durch eine seichte Einbuchtung in zwei Gipfel getheilt, auf deren einem, östlicheren Aarons Grabmahl steht. Unsre Beduinen führten uns einen einsamen Steig, welcher jenseits eines Thales, das wie ein Burggraben die Bergveste umzieht und gegen Petra hinabläuft, seine nördliche Richtung verließ und sich nach dem westlichen Theile des Berges wendete, dann aber wieder, etwas minder steil, nach dem östlichen Gipfel hinüberzog. Wir sahen am Abhange des Berges viele Cypressen; eine schöne Phlomis fieng eben an ihre großen, goldgelben Blüthen zu entfalten, eine rothe prächtige Anemone schmückte an vielen Stellen den Boden; mehrere Cistusarten, zum Theil schon verblüht, wachsen, mit dem Gesträuch des Ginsters und einer kleinen Art von Fichte vermischt[110]. Schon ziemlich nahe am Gipfel kamen wir an eine Schlucht, in welcher, noch recht wohl erhalten, Stufen hinauf führen und noch etwas höher hinan fanden wir, in derselben Schlucht, alte Bauwerke: bogenartige Gewölbe, unter denen eine Art von gemauerter unterirdischer Kammer oder Cisterne offen vor Augen lag. Vor alten Zeiten stund am Abhange des Hor ein christliches Kloster; sollten diese für ein vereinsamtes Kloster fast zu prächtig erscheinenden Bauwerke von diesem die Ueberreste seyn? Von dort wird in Kurzem der Gipfel, mit dem viereckten Gebäude erreicht, welches die Andacht der Mohamedaner über Aarons Grabe erbaute. Auf dem letzten Theile unsers Weges, besonders aber auf jenem der zwischen dem großen, gemauerten Wasserbehältniß und dem Gipfel lag, so wie am nordöstlichen Abhang von diesem fanden wir eine große Menge von Scherben dicker, irdener, auch steinerner Gefäße, dazwischen auch Stücklein von gefärbtem Glase, ähnlich jenem, dessen Trümmer wir öfters in der Nähe der Aegyptischen Pyramiden gesehen. In welcher Zeit diese Gegenstände hieher kamen, möchte schwer zu bestimmen seyn; das Thal von Petra zeigte uns ähnliche; vielleicht war es die Andacht der späteren Geschlechter, welche hieher diese Gaben brachte. Denn Haruns des Propheten Grab, ist selbst den jetzt lebenden Nachkommen Ismaëls und Edoms, wie allen Mohamedanern so heilig, daß sie, wenn sie auf ihrem Vorüberzuge den Gipfel des Hor mit seinem viereckten Gebäude auch nur von fern erblicken, ein Opferthier schlachten und über dem Blut desselben einen Steinhaufen errichten; wir sahen solche Opferdenkmale nicht bloß auf der näher am Fuß des Hor gelegnen Hochebene, sondern selbst noch auf der nächsten Tagreise, hinwegwärts vom Wadi Musa öfters an unserm Weg. Auch unsre Beduinen näherten sich dem Grabe des Propheten und betraten sein Innres mit Zeichen der Ehrfurcht; mich aber erhub und beugte zugleich das mächtige Gefühl dieser unvergeßlichen Stunde in solchem Maaße, daß ich vergaß, daß ich nicht in der stillen Kammer sey. Abrahams Söhne, dem Fleische nach, beten hier gebückt im Staube den Gott Jacobs, den Trost der Väter an, obgleich sie den großen Namen nicht kennen; wie sollte dann ich, der ich den Namen kenne, vor welchem sich beugen sollen die Kniee Aller, die auf der Erde und unter der Erde sind, nicht dasselbe thun? Mir war es auch hier, als fühlte ich, vielleicht als Folge der Nüchternheit und Stille des Wüstenlebens und der heutigen, langen Bewegung in der reinen, balsamischen Gebirgsluft, den Geist viel entfesselter vom Leibe, denn gewöhnlich; das Saitenspiel meines Innren ertönte von einem Liede, dessen Inhalt dem des Jubilus Bernhardi glich; ich fühlte im Nennen des großen Namens einen Vorschmack der Freuden der Ewigkeit. Die Beduinen hatten die Einkehr in die geistige Heimath nicht gestört. Sie hatten sich, mit einer an ihnen noch ungewohnten Achtung Dessen, was die »Ungläubigen« thaten, in einen Winkel des Gebäudes, auf die vorspringende Mauer gesetzt. Dennoch weigerten sie sich uns durch angezündetes Gesträuch oder Reißig das eigentliche, untere Grabgewölbe zu beleuchten, zu welchem man auf mehreren Stufen hinabsteigt. Wir versuchten denn dieses zuerst allein und ohne Licht. Da ich aber unten, auf dem ebenen Boden, einige Schritte im Finstern vorwärts tappte, fühlte ich mich an meiner Brust »wie durch zwei eiserne, bewegliche Arme« (so beschrieb ich meinem jungen Reisegefährten die Empfindung) gehalten und gehemmt. Wir stiegen wieder hinauf und fanden unsre Beduinen in einem Gespräch begriffen, dessen Gegenstand ein bei ihnen gewöhnlicher war: das sogenannte Trinkgeld für die Mühe, oder der »Backschisch.« Ich fühlte mich gedrungen mit den wenigen Worten Arabisch, welche mir zu Gebote stehen, sie daran zu erinnern, daß nicht das Geld (»Fluhs«) etwas Großes und Gutes sey, sondern Gott sey groß und gut und Den solle man vor Allem im Herzen tragen. Sie hörten mein gebrochenes Arabisch freundlich und aufmerksam an, und nach einiger Zeit ließ sich der junge Scheikh willig finden, einige Bündel dürrer Zweige anzuzünden und mit ihnen die unterirdische Gruft uns zu beleuchten. Jetzt sahe ich die »eisernen, beweglichen Arme,« die mich bei meinen Herumtappen im Finstern an der Brust gehalten und gehemmt hatten. Es waren zwei metallene, wie mir schien eiserne Flügelthüren, welche halb offen stunden, und welche mit ihren inneren Seiten nach vorn, gegen den Kommenden gerichtet waren. An den Wänden umher sahen wir viele, Hebräisch und Arabisch geschriebene Namen und Denksprüche; das getünchte Gemäuer aber, welches über und um den vermuthlichen Eingang zur alten Gruft gelegt ist, reicht, mit der Zeit seines Entstehens gewiß nicht in ein früheres Jahrtausend hinein, sondern mag vielleicht nicht viel älter oder von gleichem Alter mit dem oberen Mohamedanischen Ueberbau des Grabmahles seyn. Noch jünger ist der (Türkische) Sarkophag, welcher im oberen Gebäude, dem Eingange gleich entgegenstehend gefunden wird; er gleicht jenen, dergleichen ich später in Abners wie in Rahels Grab, besonders aber in den Grabmählern der Mohamedanischen Heiligen öfters sahe. Während mein junger Reisegefährte ~Franz~ diesen vom Tageslichte hell beleuchteten Sarkophag sammt seinen Hebräischen und Arabischen Inschriften, davon jene Namen jüdischer Pilgrime sind, so genau als möglich abzeichnete, trat ich zur Thüre hinaus und genoß der hehren Aussicht, die sich dem Auge hier darbeut. Das höchste Interesse für mich hatte, schon durch seine Gestalt, noch mehr aber durch seine uralte Geschichte, das Gebirgsland, welches ostwärts und nordöstlich, jenseits des Thales von Petra sich erhebt. Die zerrissenen Reste des Nebels, welcher heute am Morgen als Regengewölk auf dem Gipfel des Gebirges lag, zogen wie weidende Lämmer über die Bergabhänge hin; ein großer Theil dieser östlichen Höhen scheint, wenn auch sparsam, von grünem Weideland bekleidet; seine Schluchten sind mit dem Wald der Cypressen und anderen Bäumen, so wie mit Gesträuch bedeckt. Der Form nach sind jene östlicheren Höhen nicht mehr Sand- sondern Kalkstein. Jenseits dieser Höhen, in Südost von Petra lag einst Bus (wahrscheinlich das jetzige Bosta), von welchem Elihu, dort bei Dhana lag Suah (später Szyah), von welchem Bildad kam, um Hiob zu trösten; er selber aber, der Dulder, dessen nach Ihm fragenden und thränenden Auge der Allmächtige selber begegnete, wohnte weiter gen Norden hin, in dem jetzigen Gebalene. Hier aber, näher am Fuße des Berges, wo das frische Wasser der Bäche ein ganzes, dürstendes Volk zu tränken und das Grün des Weidelandes auch für Heerden des Viehes zu erzeugen vermochte, beweinete Israël die Zeit der vierzig Trauertage hindurch, den ersten der Hohenpriester; den Bruder jenes Mannes Gottes, »welcher in Seinem ganzen Hauße treu war.« Die Aussicht vom Hor hinüber nach Hiobs Lande, herab in das Thal des Moses und auf Petras Gräberstadt, so wie in die Spalten und Schluchten des Hor selber; dann nach Westen hin der ungehemmte Hinausblick über die weite Thalebene der Araba, waren von einer Art, daß ich gern Tage lang hätte hier verweilen mögen. Dazu war es da auf der Höhe so lieblich kühl, daß ich freiwillig den Schatten des Gebäudes verlassen und mich hinausgesetzt hatte, an die mild wärmenden Strahlen der Sonne, zu einer Art von Seitenanbau des Grabmahles. Wie viele dieser Werksteine, zum Theil aus weißem Marmor, aus denen die Hände der Mohamedaner das jetzige Gebäude aufgeführt haben, mögen noch, wie dies einige Spuren auch im Innren bemerken lassen, Inschriften enthalten, die uns Kunde über die ältere Geschichte des Hor geben könnten. Doch uns selber blieb, auch nur zur äußerlichen Beaugenscheinigung der jüngeren Zusammenfügung alter Trümmer, heute wenig Zeit; der Stand der Sonne so wie unsre Beduinen erinnerten uns daran, daß der Mittag nicht mehr fern und daß es mithin Zeit sey, die vorangegangene Reisegesellschaft in Petra aufzusuchen. Der Hinabweg vom Hor gegen Petra hin war steiler als der Heraufweg, brachte uns aber in kurzer Zeit zu den äußersten Ausbreitungen der merkwürdigen Felsen- und Höhlenstadt. In der That ein wunderlicher Bau; einzig vielleicht, in solcher Art und Größe unter allen jetzt bekannten Menschenwerken. Wohin man sieht, überall, wenigstens in dem was zuvörderst ins Auge fällt, etwas Andres und Neues; eine Mannichfaltigkeit der Formen, wie sie etwa bei einem Römischen Volksfeste an den Trachten der Menschenhaufen bemerkt wird, unter denen man den reich gekleideten Engländer oder Franzosen neben dem Italienischen Fischer oder Lazaroni, den Soldaten oder Bürger neben den Geistlichen der verschiedenartigst gekleideten Orden bemerkt. Das Thal von Petra ist ein riesenhafter Saal, den die Natur mit aller Fülle, der ihr selber eigenthümlichen Architektonik aufgeführt, seine Wände in orientalischem Geschmacke aufs schönste ausgemahlt hat (nach S. 419) und in welchem sich alle Geschlechter und Jahrhunderte der älteren Baukunst versammelt haben, um da ihre Studien zu machen. Die jüngsten und spätesten Meister, welche in diesem Studiensaale hausten und Werke hinterließen, waren die Römer, von denen noch lateinische Inschriften der Gebäude reden; die ältesten stammten von jenem Geschlechte her, welches »in Felsenklüften wohnte und hohe Gebirge inne hatte.« »Dessen Streben es war sein Nest so hoch zu machen als die Adler«[111], bis dennoch seine trotzige Brut aus dem unersteigbar scheinenden Felsenhorste heruntergestürzt ward, durch die Hand des Herrn. Die Römer, für welche Petra ein wichtiger Zwischenpunkt des Handels und Verkehres mit den Völkern des Ostens und Südostens war, baueten in dieser Bauschule der Felsen noch in den kunstreichen Zeiten des Kaiser Hadrian und Antonins des Frommen; und vielleicht aus noch jüngerer Zeit mag das Grabmahl seyn, das sich, nicht fern vom Römischen Amphitheater, links von dem Eingang in das Engthal des Mosesbaches, gen Eldschi hinan, durch seine, für uns wenigstens unleserliche griechische Inschrift auszeichnet. Jene Adler aber, die dort oben, in einer Höhe von mehreren hundert Fuß über der Thalsohle die Horste der Felsenhöhlen anlegten, die konnten zu der nordischen Nachtigall, welche des Orpheus und Linus, damals neue, Sybillinische Lieder sang, sagen, wir sind älter als du. Die Kraft des Gedankens der ein ganzes Felsengebirge in Denkmale der Menschennamen gestalten wollte, die einst genannt und hochgepriesen, aus eigner Macht sich mit der Unvergänglichst des ewigen Wortes zu überkleiden suchten, ist hier dieselbe, wie in den gleichzeitigen der Tempelfelsen von Elephantine, oder wenigstens der Bauwerke des Aegyptischen Theben. Und dennoch, bei all dieser Kraft, welche die »Zeit der Riesen« ihnen gab, haben die ältesten Baumeister von Petra, wenn man sie mit denen von Theben und Elephantine vergleicht, sich einer ähnlichen Freiheit gebraucht, wie die Bewohner einer, vom Herrschersitz weit abgelegnen Landgemeinde, bei der Anlage ihres Kirchhofes. Da spricht sich auch in der Form der Denksteine und im Inhalt der Inschriften nicht der mathematisch, nach einem festen Gesetz gestaltende, ruhige Verstand, noch weniger ein durch äußres Ansehen festgestellter Typus, sondern das in den mannichfachsten Formen sich darstellende, lebendig bewegte Gefühl aus. Denn das Fühlen gehet bei solchem Werk dem mathematischen Erkennen voraus. Ich habe schon öfter, wenn ich den Eindruck beschrieb, den der Anblick des Römischen Amphitheaters, mitten unter den Felsenwerken von Petra (es ist übrigens selber großentheils aus dem Felsen gehauen) auf mich machte, an jenes, aus Brettern gebaute Theater erinnert, das die jetzt lebenden Bewohner von Verona auf der Arena des dortigen alten, Römischen Amphitheaters errichtet haben. Dem Reisenden, welcher von einem der oberen Umgänge dieses antiken Bauwerkes herabschauet, erscheint allerdings, jenes moderne, zur Belustigung des Volkes so gut ausreichende, sehr kleinlich. So ergeht es auch dem Wandrer, der von der Anhöhe über den Römischen Schauplatz hinab- und hinüberschaut, auf das Werk vom Titanischem Samen: auf die Reihen der Höhlengebäude an der Wand des Gebirges. Hatten denn die alten Erbauer dieser Felsenwerke Flügel, wie die Adler, mit denen sie sich da hinauf erhuben, an dem senkrecht steilen Abfall? wer könnte ihnen jetzt, selbst mit Füßen der Gemse, nachklimmen? Wie sich der Gedanke an eine Ewigkeit verhält, die mit ihren Kräften zwar schon in das jetzige Leben, gleich dem Morgenlicht durch die Spalten einer dunklen Felsenkluft, hineinbricht, dennoch aber erst jenseits des Grabes ihren Anfang nimmt, zu dem Gedanken der das Gewebe der Spinne, die gestern und heute spann, umfasset; so verhält sich das alte Edomitische Petra, zu dem Spielhaus der Römer. Denn der größeste Theil der frühesten Denkmäler, unter deren das junge Römerreich sich ansiedelte, gehört, als Namenszug der Hinübergegangnen und als Zeichen der Hoffnung, daß der Seele auch nach dem Tode ein Fortwirken möglich sey, nicht dem Bedürfnisse oder der Belustigung des schnell hinschwindenden, leiblichen Lebens, sondern dem Reich des geistigen Seyns an. Eines der größesten Kunststücke der Genien, oder Dschenni, ist doch gewiß das, daß sie ihre Bauwerke nicht wie wir staubgebornen Menschen von unten, vom Boden beginnen, und so allmälig zur Mitte und zur Vollendung des Daches fortgehen, sondern daß sie von oben, vom Giebel anfangen und dann die Mitte, zuletzt das Unterste ausbauen, auf welchem das ganze Gebäu fußet. Im Grunde ist dies derselbe Weg, auf welchem die mütterlich bildende Weisheit alle Lebendige bereitet, denn am Küchlein im bebrüteten Ei sind es auch, nicht etwa zuerst die tragenden Füße oder die Flügel, welche den Anfang des Gestaltens machen, sondern dieses beginnt bei Dem das getragen wird: bei dem Gehirn, bei den Augen, dem Herzen und bei allen andren Obersten und Innersten, und erst nachher entfalten sich die Knospen der äußeren und unteren Theile. Wollten wir jedoch, bei uns zu Lande, einem Architekten es aufgeben, er solle zuerst den Giebel des Daches, dann die oberste Etage, und bei gelegner Zeit auch die mittlere, dann die unterste und zuletzt die Grundlage des Ganzen vollenden, so würde ihm die Lösung der Aufgabe einige Schwierigkeit machen. In Petra aber, der alten Felsenstadt, welche die Beduinen als ein Werk der Aegyptischen Pharaonen preisen (und allerdings gehört diese Stadt der Zeit des älteren Pharaonenreiches an), kann man dem Kunststück der Gebirgsgenien noch jetzt so genau zusehen, als wäre man bei seiner Ausübung dabei gewesen. Da bemerkt man mehrere angefangene Gebäude, von denen bloß Giebel und Dach, andre an denen schon die obersten Kapitäler der Säulen, die den Giebel tragen, vollendet herausstehen an den lichten Tag; die Schäfte aber, auf denen die Kapitäler ruhen und noch weniger der Fußboden, auf dem die Säulen gründen sollen, sind noch gar nicht angefangen: es ist da ein in der Luft schwebendes Dach, das nur vorerst nicht durch die leiblichen Massen, sondern von dem nach oben wurzelnden Gedanken gehalten wird. -- Denn weil die Gebäude von Petra unmittelbar aus der Felsenmasse selber ausgehauen wurden, begann die Arbeit von oben, und endete nach unten. Man frage nicht, in welchem Style diese sonderbaren Werke geformt sind. Zwischen den abentheuerlichen Plänen und Träumen unsrer frühesten Jugend und den Thaten wie Gewährungen, welche in die Zeit des gereiften Mannesalters fallen, ist allerdings Verwandtschaft und innre Beziehung, aber die Seitenauswüchse der Blätter, welche damals dem jungen Stamm die erste Nahrung gaben, sind hinweggefallen und die geradlinigtere, entschiednere Form ist hervorgetreten. In den Säulenordnungen der Gebäude von Petra glaubt man bald Annäherungen an die Dorische, bald an die Ionische, andre Male an die Korinthische Form zu erblicken, doch gewiß ist, daß die Letztere auch hier, als eine sehr alt Orientalische, nicht als eine erst aus dem Abendlande eingewanderte erscheint. Zuweilen ist der obere (früher entstandene) Theil des Werkes von ganz andrem Style, denn der untere, weil entweder eine um Jahrhunderte spätere Zeit, den aus der Hand gefallenen Faden in ihrer Weise weiter gesponnen, oder auch, weil der freie, seinen eigenen Einfällen überlassene Geist der Erbauer, während der Arbeit selber auf andre, neue Vorbilder seines Nachbildens gerathen war. Wie auf unsren Kirchhöfen selbst unter den kunstreichsten Ehrendenkmalen nur eine kunstlose, einfache Behaußung für den Sarg und seine Gebeine gefunden wird, so bemerkt man auch innerhalb der vielversprechenden, tempelartigen Portale der Ehrenmäler von Petra öfters nur einfache, roh in das Felsengestein gehauene Kammern, zur Aufnahme, einst der Todten, später auch zur Wohnung eines ohnmächtigeren, noch lebenden Geschlechtes. Wir Alle, auch meine früher als ich hier angekommene Reisegefährten, blieben im Ganzen nur sieben oder acht Stunden bei den Ruinen von Petra. Dennoch haben die beiden, im Aufzeichnen geübten Begleiter, Herr Maler Bernatz und Doctor Erdl einige der bedeutungsvollsten Punkte der alten Gräber- und jüngeren Krämerstadt aufgenommen. Wir Andren haben uns, der Eine dahin, der Andre dorthin zerstreut, und da zuletzt, eine durch gemeinsame Absicht so nahe verbundne Gesellschaft, in allen ihren Gliedern für einen Mann steht, beschreibe ich zuerst den Gesamtüberblick den wir uns erwarben, ehe ich zu der Spezialgeschichte dieses meines Reisetages übergehe. Nicht fern von den Ueberresten des Römischen Amphitheaters nimmt ein Engthal der Sandsteinfelsen seinen Anfang, welches, von dem jenseits, in Osten gelegnen, von Mauern geschützten, mit Aeckern, Obstgärten und Weinpflanzungen umgebenen Eldschi her den eigentlichen Eingang nach Petra bildet. +Dr.+ ~Roth~ drang zuerst und am tiefsten in dieses Engthal ein, das einer Felsenkluft gleichet, durch welche der Bach fließt. Er sah da Dasselbe, was Laborde und andre, frühere wie spätere Reisende gesehen: den wunderschönen Tempel, der aus einem Stücke der heller farbigen, röthlichen Sandsteinfelsen gehauen, eines der prachtvollsten Gebäude des Thales ist; weiterhin findet sich der sonderbare Bogen, der sich von dem Dache der einen Thalwand zu dem andren herüberspannt. Die reich bewachsene Kluft ist öfters so eng, daß mitten am Tage nur ein dämmerndes Licht sie erhellet. Der Tempel, welcher, wenn auch ein später bauendes Volk an der Façade manches veränderte, dennoch ursprünglich nur zum Ehrenmal der Todten bestimmt war, wird von den innwohnenden Beduinen das Khasneh oder Schatzhaus des Pharao genannt; Laborde giebt von ihm in seinem Werke eine getreue Darstellung. Diesseits des architektonisch reichen, an seinen Wänden öfters von Grabhöhlen durchbrochenen Engthales, in dem eigentlichen Innenraum oder Edomitischen Adlernest des Petrathales finden sich die meist in pyramidale Giebel endigenden, von Säulen der verschiedensten Tonweisen getragnen Portale von scheinbaren Gebäuden, deren innre Ausführung wie die Erwartung des Verborgenen, welches das Grab verhüllt, nur von der Seele der Erbauer hinzugedacht, nicht leiblich verwirklicht ward. Denn wer mit der Erwartung, etwa eines Tempelgewölbes durch die Thüren des Portales hineintritt, der sieht sich getäuscht; er findet da meist nur einige enge Kammern. Der Mensch, wenn er am Tage auch noch so weit herumgezogen und gewirkt hat, nimmt, wenn der Schlaf ihn befällt, gern mit der engen Ruhestätte am Boden vorlieb. -- Unten im Thale, in welches der Bach, bald zwischen dem Felsenschutt verschwindend sich ergießt, haben die Beduinen der Umgegend Pflanzungen, selbst von Ackerfeldern angelegt; dazwischen zieht sich eine alte, auf Römische Weise gepflasterte Straße hin; Ruinen von Tempeln, Brücken, selbst die eines Triumphbogens bezeugen es, daß der untre Theil des Thales schon in ziemlich alter Zeit mehr für die Wohnungen der Lebenden, als zu Verwahrungsstätten der Todten bestimmt war; die obersten Schwalbennester aber, in den Bergwänden sind die Häußerburgen der anfänglichsten Bürger von Sela, während des Lebens, so wie nach dem Tode gewesen. Auf einem der Hügel des untern Thales liegen die Ruinen einer Art von Akropolis aus spätrer Zeit. Soll ich auch noch etwas von meinen eignen, innren Erfahrungen an diesem Tage sagen? Mir, da ich vom Gipfel des Hor, aus dem Kreise der Gedanken und lebenskräftigen Gefühle, die dort mich bewegt hatten, heruntertrat in dieses Thal einer wahrhaftig bewundernswürdigen Menschen-Herrlichkeit, ergieng es dennoch wie Einem, der den theuren Freund, von welchem er heute auf lange Zeit Abschied nahm, hinausbegleitet hat, der Abendsonne entgegen, ins Freie; und der nun bei seiner Zurückkehr in die Stadt hineintritt aus der Tageshelle in einen verdunkelten, nur von Kerzenlicht beleuchteten Konzertsaale. Das Auge war geblendet und sahe minder scharf als sonst; das Lied aber, welches die Tonkünstler spielten, hatte eine erhebend schöne Melodie und der Text, ich werde ihn nie vergessen, war von jenem Dichter, welcher zugleich der größeste der Prediger und der weiseste der Könige gewesen, er lautete und wiederholte die Worte oft: es ist Alles eitel; Alles Thun der sterblichen Menschen ist eitel; nur Eines bleibet, der Geist, der zu Gott gehet, von welchem er kam. Wir beiden, mein Begleiter Franz und ich, sahen, da wir von Aarons Grabe auf dem Hor herunter kamen in die Mitte der wunderlichen Edomitischen Höhlenstadt, zuerst nur die Kamele weiden auf dem grünenden Thalboden. Nach einiger Zeit entdeckten wir den fleißigen Maler Bernatz, der vor einem der höher gelegnen Gebäude zeichnend saß und hörten den Ton der geognostischen Hämmer. Der übrige Theil der Gesellschaft, zu dem auch die treue Hausfrau gehörte, hatte sich in eine der geräumigsten, innerlich mit Säulen, die aus dem Felsenganzen gehauen waren, verzierte Höhlenwohnungen begeben. Unsre Beduinen saßen hier bei dem angezündeten Feuer und wollten sich ihr schwarzes Lieblingsgetränk bereiten, zu welchem wir ihnen gerne, nach ihrem Begehren, den nöthigen Stoff gegeben hätten, wenn wir damit versehen gewesen wären. Wir waren aber heute am Morgen so eilig fortgezogen, daß wir es ganz vergessen hatten an das Bedürfniß der Küche zu denken. Nach kurzem Ausruhen giengen auch wir hinab zu dem Hauptplatz der alten Stadt, wendeten uns dann nach dem Römischen Amphitheater, und von diesem zum Ufer des Baches hin, der aus dem vorhin beschriebenen Engthal hervorbricht. Nach so vielen neuen Genüssen der Sinne zog mich bald ein alter, längst entbehrter an. Ich saß am Bächlein nieder; wie lange hatte ich kein solches gesehen und kein so frisches Wasser getrunken. Das Ufer duftete von dem wohlbekannten Geruche einer Art von Wassermünze, welche der unsrigen (der +Mentha aquatica+) sehr ähnlich war; die darüber schattenden Bäume erinnerten mich an unsre Erlen; jenseits des Ufers wuchs eine Hyazinthenart, welche aufs vollkommenste der Schopfhyazinthe (+Hyacinthus comosus+) glich, die ich in meiner Jugend so oft in der Nähe von Zirndorf, bei dem lieben Nürnberg gesucht und gefunden hatte; ich glaubte daheim zu seyn, an einem Bache des Vaterlandes. Zugleich regte sich der vaterländische wie ausländische Hunger. Ein zusammengerolltes Stück Arabischen Kuchenbrodes, das ich vor fast acht Tagen zu mir gesteckt, und das dem Munde nicht mehr genießbar geschienen hatte, legte ich, beschwert mit einem Steine (damit das muntre Bächlein mir es nicht entrisse) ins Wasser. Ich trank in vollen Zügen aus der hohlen Hand und aß dazu das mäßig erweichte Brod. Mir konnte das Mahl an der Tafel eines reichen Fürsten nicht besser schmecken als dieses Mahl der Wüste; kein Wein der Erde das Herz mehr erfreuen als dieses Bachwasser. Ja, du mein Hirte, leiblich wie geistig führest du mich auf grüner Aue, zum frischen Wasser. Du lassest kein Gutes mir mangeln, du tränkest mich, auch in der dürren Wüste, mit Strömen der Freude. Darum sollst Du seyn und bleiben meine Zuflucht für und für, mein Gott, auf den ich hoffe; Dein Stecken und Stab sollen mein Trost und mein Führer seyn, bis zum dunklen Thal des Todes. Noch war es nicht ganz entschieden ob wir zur Lagerstätte zurückkehren oder heute Nacht in unsern Felsenkammern bleiben sollten. Dem drückenden Mangel an Lebensmitteln hofften wir durch Ankauf von Brod und vielleicht auch eines Lammes von den umwohnenden Beduinen abzuhelfen. Einige dieser Leute hatten sich schon im Thale sehen lassen, waren aber, bis auf einen, der mit unsern Führern wohl bekannt schien, wieder verschwunden. Da wir jedoch jetzt zu den Unsrigen zurückkehrten, hörten wir schon von ferne das laute Geschrei zankender Männer. Eine Schaar jener fremden Beduinen, unter ihnen etliche von so wildem, rohen Aussehen, wie mir auf dieser ganzen Reise noch keine vorgekommen, hatte sich um die unsrigen versammelt und schalt diese als wären sie Räuber und Feinde, die in ein fremdes Gebiet eindrangen. Auch mochte wirklich das Vernehmen der beiden Stämme bei dem damals ausgebrochnen Kriege zwischen Ibrahim Pascha, dessen Verbündete die unsrigen waren, und den Beduinen von Kerek nicht das beste seyn. Im günstigsten Falle hätte die Sicherheit der nächsten Nacht, hier in Petra, durch eine Abgabe von mehreren hundert Piastern, an den Scheikh von Eldschi erkauft werden müssen; unsre Beduinen schienen jedoch auch für die Sicherheit ihrer Kamele besorgt, sie trieben diese eilig zusammen, und wir machten uns zum Aufbruch fertig. Auf dem Rückweg, der für mich und meinen Begleiter ein andrer war als jener Weg, der uns vom Hor hieher geführt hatte, traten wir noch ins Innre mehrerer Grabeskammern; sahen die zusammengesetzte, hohe Säule am Ende des Thales und mehrere andre Bauwerke; außer dem schönen, kuglichen Sandstein und der schon erwähnten neuen Krähenart, hatten meine jungen Freunde eine noch unbekannte Art der Süßwasser-Conchylien, vom Geschlecht der Carocolla erbeutet. Das herrliche Wadi Musa war zuletzt nur noch von der späten Abenddämmerung und dann von dem Lichte des Vollmondes beleuchtet, als wir aus seiner Mündung heraustraten in die Ebene, in der unser Zelt lag. Wie die Biene, die an vielen Blumen eines grünenden Feldes sich satt gesogen, kehrte unsre Seele, reich beladen von den Vorräthen ihrer heutigen Gefühle zurück zu ihrer stillen Einkehr in den geistigen Ruheort. Ein lang ersehnter Hauptzielpunkt der Reise vom Sinai bis Hebron war leichter und glücklicher erreicht worden, als ich mir dies gedacht hatte: der Hor, mit dem einsamen Grabe auf seinem Gipfel, welches noch jetzt in hellem Lichte über das Feld der Geschichte hinstrahlet, und mit der Schaar der Grabeshöhlen zu seinen Füßen, welche in eine Tiefe der vergangenen Zeiten eindringen, die von keinem Lichte der sichren Kunde erhellt wird. Reise durch das Ghor nach Palästina. So groß die Anstrengungen des gestrigen Tages gewesen waren, brachen wir dennoch Dienstags den 21sten März schon kurz nach 6 Uhr des Morgens auf. Es war dies gegen unsre Erwartung und selbst gegen unsren Willen, denn in der Meinung, daß wir heute etwas länger ruhen wollten als gewöhnlich, hatten wir gestern durch den Beduinen in Petra, der mit den unsrigen bekannt schien (nach S. 435) und der uns bis fast an unser Zelt das Geleite gab, Milch, Eier und frische Arabische Brode aus Eldschi bestellt, die uns noch vor dem Dahah (vor etwa 9 Uhr des Morgens) gebracht werden sollten. Unsre Beduinen ließen uns ruhig diese Bestellungen machen; heute aber dämmerte kaum der Morgen da weckten sie schon die Arabischen Knechte und uns; da wir hinaustraten fanden wir die Kamele schon bereit zum Aufpacken, wir hatten kaum Zeit das Frühstück zu bereiten und einzunehmen, zu welchem uns der jüngere Scheikh einen Becher sehr wohlschmeckender Kamelmilch schenkte, denn unter unsern Thieren war eine Mutter mit ihrem Füllen, welche den übrigen das Ehrengeleite gab, indem man der ersteren nur ein leichtes Gepäck auflegte. Auch das eine von unsern Kamelen, jenes welches den Reissack trug, hatte es heute auffallend leichter als früher, denn dieser Vorrath hatte sich gestern, während unsrer Abwesenheit, so stark vermindert, daß wir den alten Bekannten bei unsrer Rückkehr am Abend kaum wieder erkannten. Wahrscheinlich hatten es die bei der Gerätschaft zurückgebliebenen Beduinen für rathsam gehalten die Last aus dem großen in viele kleine Säcke, und von einem auf viele Kamele zu vertheilen, denn so ehrlich sie in Beziehung auf Geld und andre Dinge der Art sind, so halten sie doch das stillschweigende Entlehnen von Lebensmitteln für kein Unrecht, um so weniger da es im jetzigen Falle wahrscheinlich mit Wissen unsers Knechtes geschehen war. Da wir zu Kamel saßen trat der ältere Scheikh zu uns und sagte uns, daß wir uns heute, besonders am Vormittag auf einen möglichen Angriff von feindlichen Beduinen gefaßt machen müßten; wir sollten uns beim Reiten nahe zusammenhalten. Er selbst mit seiner Lanze in der Hand ritt an der Spitze des Zuges; ein andrer Beduine, auf einem flüchtigen Dromedar, ritt in einiger Entfernung vor uns her, stieg von Zeit zu Zeit ab und kletterte auf die Spitze eines Felsen oder bestieg einen Sandhügel, um mit seinen wohlgeübten Augen nachzusehen ob Alles sicher sey. Dabei brauchte er die Vorsicht nicht aufrecht zu stehen, sondern, damit er nicht selber gesehen würde, auf allen Vieren zu kriechen und sich auf den Bauch zu legen. Wir zogen leise -- denn keiner der Beduinen ließ heute seine laute, kräftige Stimme vernehmen -- und in ziemlicher Eile vorwärts, anfangs noch in dem Nebenthal das die Vorberge und Hügel der Ebene bilden, in welche der Wadi Musa mündet und im trocknen Bette der Gießbäche, welche in der Regenzeit nach dieser Richtung sich ergießen. Die Wände der Felsen bestunden aus buntem, merglichen Sandstein und Kreidekalk, in welchem sich öfters kleine Höhlen und mannichfaltige, gleichsam architektonische Naturspiele zeigten. Gebüsche des Tamarisken- und des Artasstrauches zierten den Boden; an den Felsen zeigte sich das Gesträuch der Kappern, hin und wieder jenes das der Cleomen. Das augenfälligste Gewächs das wir heute sahen, war jedoch eine wunderschöne Orobanche (+Heliopoea+) mit großen, gelb und blaufarbigen Blüthen. War es doch als sollten die feindseligen Bewegungen, mit denen wir, Gott Lob, von außenher verschont blieben, auf einmal in unsrer kleinen Karawane selber ausbrechen. +Dr.+ ~Roth~ hielt, wieder auf dem Kamele sitzend, einige der hier abgepflückten Exemplare der Orobanche in der Hand, um sie genau zu betrachten, da schlug sie ihm der Beduine, welcher das Kamel führte, mit der Lanze aus der Hand. Darüber wurden wir sehr aufgebracht, obgleich die That des Arabers wahrscheinlich aus guter Absicht gekommen war, weil er meinte unser Freund wolle diese in seinen Augen schädliche Pflanze essen. Auch zwischen Herrn Mühlenhof und einem der Beduinen brach ein Streit aus, wobei sich jener beinahe statt der lauteren Sprache der Worte der leiseren der Fäuste bedient hätte, wäre der ältere Scheikh der uns durch einen einzigen Wink der Lanze zum Recht verhalf, nicht als Schiedsrichter dazu gekommen. Der Streit war dadurch veranlaßt, daß Herr Franz seit mehrern Tagen aus freier Wahl meist zu Fuß gegangen war; indeß hatte ein Beduine sein Kamel in Besitz genommen, das er dem rechtmäßigen Reiter nicht wieder einräumen wollte. -- Während wir der Richtung der Gießbachbetten folgten und hierbei von einem Seitenthal ins andre kamen, hatten wir manche Krümmung gemacht, im ganzen jedoch vorherrschend die Richtung von Nordwest in Nord beibehalten. Dieser Richtung folgten wir auch da wir um 9 Uhr auf die freie Ebene der Araba herauskamen, welche von hier an nördlich bis zum todten Meer den Namen des Ghor führt. Die Aussicht war dort eine überaus weite und reiche. Vor uns die einige Meilen breite Fläche des Ghor, in Westen von dem Sandsteinzuge der Tyh begränzt; hinter uns das Gebirge Seir, über welches der majestätische Hor sein Haupt erhebt. Die Senkung des Ghor, von Ost gegen West war hier sehr augenfällig; wir ritten den ganzen Tag hindurch allmälig abwärts; an der Seite unsers Weges zeigten sich öfters jene Steinhaufen, womit die vorüberziehenden Araber die Stätte bezeichnen, an der sie, wenn sie Aarons Grabmahl von ferne erblicken, dem Propheten zu Ehren ein Opferthier schlachteten. Der grünende Saum der Bäume und Gebüsche, der an der niedren Westseite des Ghor sich hinzieht und den wir, seit unsrem Heraustritt in die Ebene immer vor uns sahen, war schon um drei Uhr erreicht. Unsre Beduinen, welche ihre Thiere heute zu ungewöhnlicher Eile angetrieben hatten, beschlossen hier zu halten; wir hatten dagegen nichts einzuwenden, denn die Hitze war überaus groß und drückend und die hochstämmigen Tamarisken versprachen uns erquicklichen Schatten. Die Gegend, in welcher wir übernachteten erschien uns im hohen Grade beachtenswerth und wird jedem Reisenden so erscheinen. Sie ist, durch ihre tiefe Lage, ein Sammel- und Vereinigungspunkt der in der Zeit des Regens hier aus Ost und West zusammenströmenden Gewässer, und gleichet ganz dem Kessel eines kleinen ausgetrockneten Landsees, durch welches das breite Bette eines Flußes sich hinzieht. Mit einigen Stichen der Schaufel in den Sand hatten unsre Beduinen Wasser gefunden, das sie zum Tränken ihrer Kamele und zum übrigen Bedarf des heutigen Abends benutzten. Auch wir fanden es trinkbar; es hatte nur einen sehr schwachen, salzigen Beigeschmack. Nach den Berechnungen, welche Herr Prof. v. Steinheil, mit größester Vorsicht auf Dr. Erdls barometrische Messungen gründete, lag der tiefere Punkt des kleinen Thalkessels, an dessen Saume wir übernachteten 91 Fuß ~unter~ dem Spiegel des rothen Meeres, eine Thatsache die uns als eine kaum glaubliche erschienen seyn würde, wenn nicht die späteren barometrischen Messungen in der obern Jordansaue ähnliche unerwartete Resultate ergeben hätten. Von dem Punkte unsers vorigen Nachtlagers, an der Mündung des Wadi Musa, dessen Meereshöhe zu 2046 Fuß berechnet war, hatten wir uns mithin heute, im allmäligen Absteigen durch die Thäler und dann auf der Fläche des Ghor um 2137 Par. Fuß gesenkt. Der Maler Bernatz benutzte die letzten Stunden des Tages um von hier aus eine Ansicht des Eremitischen Gebirges mit dem Hor aufzunehmen; auch wir Andren nahmen, wenn auch nicht auf das Papier, doch in die Seele manche Eindrücke dieses Thales der Tamarisken auf, die sich in der Erinnerung zum lieblich reichen Bild gestalteten. Mittwochs den 22sten März giengen die Meisten von uns zu Fuße der kleinen Karawane voraus, die sich, mit ihren Kamelen halb sieben Uhr in Bewegung setzte. Wer hätte aber auch hier an solchem Orte und zu solcher Zeit nicht lieber zu Fuße gehen als reiten mögen! Glich doch der freilich sehr schmale, nach beiden Seiten von der Wüste umsäumte Landstrich, durch den wir anfangs hinzogen, einer vaterländischen Frühlingsaue, so grün war er. Freilich erinnerte uns die ausländische Form der hier blühenden Gräser: der Aristiden, Penniseten, Eleusinen, und Danthonien bald daran, daß wir im außereuropäischen Lande seyen; die Bäume die uns von ferne wie Edeleschen oder Ahorne erschienen waren, zeigten sich in der Nähe als Arten der Cassien und südlichen Akazien; die vermeintliche Straße, die durch das Grün zog, war das trockne Bette eines Winterstromes, dennoch aber wehete uns schon hier die Luft einer Heimath an, denn wir naheten uns der Gränze des Landes unsrer Wünsche; des Landes in dem schon unsre Kindheit im Geiste gewohnt und sogar gewandelt hatte. Hatte ja doch auch heute schon die Mitte der stillen Woche begonnen, deren Ende wir noch in Jerusalem, oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, doch in Bethlehem zu feiern hofften. Wir zogen anfangs noch in fast nordwestlicher Richtung und kamen so um acht Uhr zu dem Brunnen Huaibi (Wuäbe), an welchem Palmenbäume stehen und der ein trinkbares, wiewohl etwas salpetrig schmeckendes Wasser enthält. Von hier an, wo wir fast eine halbe Stunde verweilt hatten, zog sich der Weg mehr in nördlicher Richtung über einen kleinen Hügel nach einer sandigen Ebene hinan, auf welcher ein großer, runder Stein lag. Jeder unsrer Beduinen strengte sich im Vorbeigehen an um den Stein ein wenig hinanwärts, nach der Richtung unsers Weges zu wälzen; auch unsre Knechte und zum Scherz einige der jungen Freunde halfen mit. Nach eingezogner Erkundigung erfuhren wir, daß es, nach der Meinung der Beduinen, mit diesem Stein eine gar besondre Bewandtniß habe. Derselbe rückt, so wähnen sie, von selber alle Jahre ein wenig weiter nach Süden hinab, und werde so zuletzt zum Meer bei Akaba kommen. Wenn aber dieß geschähe, dann sey der Tag des Gerichts, der Tag des Endes vorhanden. In früheren Zeiten habe dieses Fortrücken alljährlich nur etwa eine Armslänge (Elle) betragen; seit mehreren Jahren aber bemerke man an dem Steine, daß jetzt Alles zum Ende eile; denn er fange an ins Laufen zu kommen. Einer unsrer ältern Kamelführer wollte ihn noch selber vor etlichen Jahren fern von da, auf dem Abhange einer vor uns stehenden kleinen Anhöhe haben liegen sehen. -- Sonderbare Erwartung von großen, nahe bevorstehenden Veränderungen, die sich zu unsrer Zeit im Kopf und Herzen der Bekenner der verschiedensten Religionen: des Islam, des Mosaischen Gesetzes und des Christenthumes regt! Gegen Mittag kamen wir in ein reich mit Gebüsch und Mimosenbäumen[112] bewachsnes Thal, dessen Gestalt ich wegen seiner vielen, engeren Nebenthäler und Schluchten mit dem innren Baue einer vielfächrigen Frucht vergleichen möchte. In dem Thale sind Quellen; die eine mit sehr hellem Wasser; unsre Beduinen hielten aber das Wasser für giftig und warnten vor seinem Genuße. Sie nannten diese Gegend Birsaba oder Mirsaba, indeß kamen wir nicht in Versuchung bei diesem Namen an das Bersaba der heiligen Schrift zu denken. Am Nachmittag zog sich unser Weg ziemlich hoch, wiewohl allmälig bergan und dann wieder eben so bedeutend bergab, bis wir rechts neben dem Abhange, an dem wir hinab stiegen, ziemlich tief unter uns ein grünendes, mit Strauchwerk bewachsnes Thal sahen. Noch auf der Anhöhe fiengen zuerst die Beduinen, dann aber auch unsre, von ihren Führern verlassenen Kamele an wild zu laufen und zu rennen, so daß wir Mühe hatten uns auf dem Rücken der Thiere zu erhalten. Jene thaten es, weil sie das gute Futter für ihr Vieh sahen und jeder vor dem Andren von dem besten Grasplatz Besitz nehmen wollte, diese aber, weil sie eben dieses Futter aus der Ferne witterten. Wir lagerten im Thale am Rande eines jetzt trocken liegenden Gießbachbettes, an der gähen Wand eines fast südwärts stehenden Felsen; nach Norden lag vor uns, jenseit des Thales ein hoher, kahler Berg. Ueber ihn und die Stätte unsers Lagerplatzes ertheilten uns die Beduinen, da wir nach dem Namen fragten, sehr verschiedne Auskunft; einige nannten beide ganz richtig Madara, ein Andrer nannte das Thal Figari und den Berg Assapha oder Assowa. Nach unsern barometrischen Messungen und den später darauf gegründeten Berechnungen lag auch das Bette des Gießbaches, an dessen Saum wir unser Zelt schlugen, noch 5 Fuß unter dem Meeresspiegel. Der heutige Nachmittag und Abend hatten uns in eine, für den Freund und Forscher der heiligen Schrift sehr bedeutungsvolle Gegend geführt. Dieser Madaraberg und seine Umgegend sollten eigentlich den uralten Namen des Menschenherzens: »Trotzig und Verzagt« führen. Hier in der Nähe war Kades. Saras Magd, Ismaëls Mutter, die Hagar, da sie trotzig den Händen und den gerechten Demüthigungen ihrer Herrin entflohen war, irrte zwischen Kades und Sur, wo der Engel des Herrn sie fand und zur Rückkehr bewog (1. Mos. C. 16). Hier war die Stätte des Verzagens, bei welcher die Heere Israëls eine Nacht hindurch weinten, als die Kundschafter zurückgekehrt waren, welche dem Lande ein böses Geschrei machten (4. Mos. C. 13, V. 33; C. 4, V. 14). Aber über dieses Gebirge da gieng auch der Anlauf, den der Trotz nahm, welcher mit dem Verzagen wechselte, als Israëls Volk in eigner Kraft, bei der das Mitwirken des Herrn nicht war, hinaufzog um auch gegen den Willen des Herrn das verheißene Land zu erobern (4. Mos. C. 14, V. 40-45). Hier bei Kades, dessen Gebirge Madara allerdings, wie sein Name in dem Munde eines unsrer Beduinen klang, ein Assaph oder Versammler heißen könnte, weil diese Gegend mehrmalen ein Sammelpunkt der Heere Israëls war, starb auch, da die Zeit der vierzigjährigen Reisen ihrem Ende nahe war, Mirjam die Prophetin, die Schwester Mosis (4. Mos. 20, V. 1); hier in der Nähe war der Wunderquell jenes Haderwassers, bei welchem Israël sich durch den Trotz, Moses und Aaron sich durch die Verzagtheit des Unglaubens an dem Herrn versündigten. Der Mond stieg über die Felsenwand in Südost heran und beleuchtete das tiefe Thal; die kleinen weißen Hügel des Gesteines erschienen uns wie Denkmale der Gräber, welche neben Mirjams Gebein hier so Viele aus dem Volke fanden. Die Beduinen saßen am Feuer und erzählten sich lebhaft, vielleicht von einem Kampfe der Ihrigen, der einst da, in diesem Thal gehalten worden. Obgleich wir mit diesen Beduinen nun schon manchen Tag gereist waren, hatten wir doch mit ihnen niemals so vertraulich zu werden vermocht, als wir es mit denen vom Towarastamm, namentlich mit unserm alten Hassan gleich in den ersten Tagen gewesen. Es war zwischen uns und ihnen ein Zaun, vielleicht der Vorurtheile gezogen, über welchen, wenn auch die Hände, doch niemals die Herzen sich recht eng einander zu nahen vermochten. Während wir mit unsern Towara-Beduinen zogen hatte selbst die Hausfrau öfters der Kochkunst der Wüste zugesehen; es gelüstete uns aber niemals die jetzigen Begleiter bei ihrer Feuerstätte zu besuchen, noch jene, sich ohne ein besondres Geschäft, unserm Zelte zu nahen. Doch was uns die Gegenwart versagte, das gab uns hier im reichsten Maße, die Erinnerung an die Vergangenheit; und wenn auch die sichtbaren Begleiter etwas fremd gegen uns waren, so erzeigten sich doch die unsichtbaren an diesem Abend unsern Herzen desto fühlbar näher und freundlicher. III. Die ersten zwölf Tage in Palästina. Reise durch die Wüste von Süd-Judäa nach Hebron. Der 23ste März, es war der grüne Donnerstag, der mich heute vor 44 Jahren, vor dem Altar des Herrn, über die Gränzen des geistigen Landes der Verheißung, zu der Gemeinschaft des himmlischen Jerusalems eingeführt hatte, ist mir ein ganz besondrer Gedenktag dieser Reise geworden. Nach unsrer früheren Berechnung hatten wir heute in Jerusalem eintreffen und den schönen Tag in der Kirche des heiligen Grabes feiern wollen, und dieses wäre auch möglich gewesen, wenn uns nicht in der Nachbarschaft jener Stätte, da einst die Kinder Edoms die Heere Israëls am Weiterziehen hinderten, die Verbündeten Edoms, die Männer von Akaba aufgehalten, und wenn unsre jetzigen Beduinen das Werk der Förderung unsers Weges nicht so saumselig betrieben hätten. Aber wenn auch nicht in die Thore von Jerusalem, führte uns doch dieser Tag in die sichren Gränzen des alten Landes der Verheißung ein. Doch, wie dieß uns Pilgrimen und Bürgern der Erde so oft begegnet, dem Aufschwunge zum neuen, höheren Moment des Lebens mußte ein harter Kampf, ein Vorschmack wie von der Ermattung des Todes vorangehen. -- Unsre Beduinen waren erst kurz vor sieben Uhr zum Aufbruch fertig, da die Sonne schon sehr heiß schien. Wir zogen Anfangs über das ziemlich breite Thal hinüber, bis wir nach etwa drei Viertelstunden an das hohe Gebirge (Madara) in Nordwesten kamen. Dieses besteht ganz aus Kalk, dessen Schichten sehr steil gegen Osten einfallen; unten in der Schlucht, durch welche der Bergweg anstieg, zeigten sich einzelne Mimosenbäume mit denen die Natur von Arabien gleichsam Abschied von uns nahm, denn es waren die letzten, welche ~wir~ auf unserm Wege sahen. Wir waren abgestiegen von den Kamelen, wir drei, die Hausfrau mit ihrer Freundin und ich folgten dem Beduinenweibe, welches als Besitzerin der beiden Kamele, auf denen abwechslend, einen Tag um den andern unsre beiden Reisegefährtinnen ritten, bei der Karawane war. Die Araberin führte uns einen Richtweg, der allerdings viel gerader nach der Höhe hinangieng, als der andre, welchen die Kamele und unsre Reisegefährten einschlugen, dafür aber auch desto beschwerlicher war. Er stieg so steil empor und der Reflex der hellen, heißen Sonnenstrahlen von seinem weißen Gestein war so heftig, daß mir es öfters vorkam als wollte mir, wie in einem Gluthofen, der Athem versagen und das Auge erblinden. Wir fanden übrigens an diesem steilen Abhange deutliche Ueberreste von eingehauenen Stufen. In einer Bergschlucht, in der wir, nahe beim Gipfel, ausruhten, zeigte sich ein altes, festes Gemäuer, wie von einer ehemaligen, nun aber ganz versandeten Eintiefung oder Cisterne, für das vom Gebirge kommende Regenwasser. Wir waren bis zu diesem Ausruhepunkte, wie dieß die barometrischen Messungen ergaben, schon mehr denn doppelt so hoch als der Straßburger Münster, oder die höchste der Aegyptischen Pyramiden ragt, nämlich 902 Par. Fuß gestiegen; die Abkühlung im nothdürftigen Schatten eines kleinen Felsenvorsprunges brachte nur wenig Stärkung. Jetzt kamen auch unsre Reisegefährten neben den Kamelen einhergehend nach; wir zogen mit ihnen den etwas minder beschwerlichen Weg der Kamele bis zum Sattel des Gebirges, dessen Höhe nach unsern Messungen 1434 Fuß über der Meeresfläche beträgt. Wir hatten diese Höhe vom Thale an, die Zeit des Ausruhens mit eingerechnet, in anderthalb Stunden erstiegen; ich möchte aber die Beschwerden dieser anderthalb Stunden, wenigstens auf dem Richtwege des Beduinenweibes, und bei solcher Hitze nicht noch einmal in meinem Leben durchmachen; es waren für mich die leiblich mühsamsten Schritte der Reise gewesen. In der Nähe des Berggipfels sahen wir alte Gemäuer, welche uns an die Bauart der Römischen Wachtthürme zu erinnern schienen und auch an andern Punkten bemerkten wir Ruinen. Von der Höhe, deren Ersteigen, mir wenigstens, so schwer geworden war, gieng es wieder, doch nur auf kurze Zeit, steil bergunter; hier fand sich, in der Bergschlucht, zur Rechten des Weges, in einer Felsenkluft eine kleine, von der Natur gebildete Cisterne, mit etwas, von der Regenzeit her verhaltenem Wasser, welches einige unsrer Beduinen, die uns zum mit Hinabsteigen in die Schlucht ermuntert hatten, begierig tranken. Diese Kinder der Wüste können an keinem Wasser vorbeigehen, ohne es zu kosten; das Wort Wasser ist bei ihnen fast gleichbedeutend mit jenen für Glück und Segen; auch wir labten uns mit ihnen. Aus der Schlucht hinaus traten wir in eine Ebene, über die wir anfangs in westlicher Richtung hinzogen. O wie schön dünkte uns diese Gegend nach den überstandnen Mühseligkeiten des »kahlen Berges« über den man nach Edom hingehet. Sey mir noch einmal in der Erinnerung gegrüßt und gesegnet du erster Eintritt in das Land der Verheißung! Der Boden war hier ein wahrer Blumengarten, denn da blüheten mit mehrern Arten der Tulpen, die buntfarbigen Anemonen und zarten Hyazinthen; ein erfrischender Windhauch kam uns, als wir uns jetzt wieder nach Norden wendeten, aus den grünenden Hügeln entgegen. Wir zogen in einer Einbuchtung dieser Hügel hinan und erreichten hier Mittags, gegen zwölf Uhr eine Höhe, von welcher aus wir links neben uns ein ansehnliches Zeltendorf erblickten, das die Fremdlinge des Landes, die Araber bewohnen. Unsre Beduinen nannten dieses Dorf Kurnup (auf den Karten heißt es Kalla el Kurnup), es ist reich an Brunnenwasser und trefflichem Weideland. Zur Rechten, im Thale, erblickten wir mehrere große Heerden von Schafen und Ziegen. Die beiden Scheikhs verließen uns hier mit mehreren ihrer Gefährten, sie ritten in das Dorf hinein; wie die Andern sagten um mit den Bewohnern desselben wegen des friedlichen Durchzuges und der Lagerung auf ihrem Lande zu unterhandeln. Unser Knecht war indeß zu den Heerden hinabgegangen um bei den Hirtinnen etwas saure Milch für uns zu kaufen. In solchen Fällen pflegte er sich, das hatten wir schon mehrmalen bemerkt, so ungestüm und gebieterisch zu benehmen als wenn er -- der Aegypter -- selber ein Pascha wäre, der dies ganze Land mit Furcht und Schrecken in Zaum halten und beherrschen müsse. Die Folge davon war, daß die Hirtinnen ihm keine Milch abließen, während der Knecht des Herrn v. Krohn so viel bekam als er wollte. Wir ritten von hier an nur noch kurze Zeit über das Gefilde der Tulpen und Anemonen, kamen an üppig grünenden Wiesen vorüber, die, wie ehemalige Felder, durch Gränzsteine und niedrige Gränzmauern abgetheilt waren und mußten es uns, so sehnlich wir weiter verlangten, gefallen lassen, daß unsre Beduinen schon bald nach zwei Uhr in einem grünenden, von niedern Hügeln umsäumten Thale das Nachtlager aufschlugen, weil, wie sie sagten, es nöthig sey auf die beiden Scheikhs zu warten. Die Hoffnung, noch vor dem Ostertage in Jerusalem einzutreffen, fieng nun ohnehin an zu schwinden, wir gaben uns ruhig dem Genusse hin, den uns an jener Lagerstelle die Natur so reichlich darbot. Durften wir doch da den Nachmittag des grünen Donnerstags mitten in einem Grün der Wiesen und Auen hinbringen, dergleichen wir seit unsrer Abreise aus dem Nilthale nirgends sahen; und selbst das Nilthal läßt, weil es allenthalben zum angebauten Feld und Acker geworden, nur an wenig Punkten ein solches mannichfaches Gewebe der Wiesenblumen sehen als wir hier fanden. Der Boden unsers Zeltes, der bisher nur dürrer Sand gewesen, war heute ein hohes, weiches Gras, mit gewürzhaft duftenden Kräutern untermischt; es that mir leid, daß fast mit jedem Tritte in und außer dem Zelte eine Blume oder der junge, noch blüthenlose Stengel eines Gewächses zertreten wurde, welches zu Hauße, im Vaterlande, als eine Zierde der wissenschaftlichen Pflanzensammlungen oder der fürstlichen Lustgärten gelten würde. Denn es gab allein von wildwachsenden Tulpen in dieser Gegend drei Arten[113]; zwei Arten der Irideen, darunter ein Gladiolus von noch unbeschriebener Art, ein IIxiolirion und eine Menge andrer Gewächse dieser wärmeren Heimath[114], welche wenigstens Farbenverschiedenheiten der unsrigen bildeten: wie der Wunderklee mit rothen Blüthen, meist aber zu Arten gehörten, welche unsren Landschaften fremd sind. Dasselbe galt auch von den Vögeln, unter denen ein Steinschmätzer durch besonders lieblichen Gesang sich auszeichnete, und von den Käfern, auch wenn sie im Ganzen den Umriß unsrer Cetonien, Sepidien, Cyminthen und Cryptocephalen trugen; hatte doch selbst die Wüstenschnecke (+Helix desertorum+) hier ihr Alltagsgewand der Färbung abgelegt und sich mit einem neuen Kleid der Zeichnung angethan, in welchem sie kaum als dieselbe Art zu erkennen war. Ganz nahe bei unserm Zelte zogen die dicken Mauern eines kastellartigen Gebäudes unsre Aufmerksamkeit an. Das, was noch von dem Gebäude steht, scheint das unterste Geschoß eines festen Wachthurmes gewesen zu seyn; überhaupt war das Ganze nur von geringem Umfange und ursprünglich wahrscheinlich nur zum Wachtposten an einer der Stationen der hier vorüberführenden Römischen Heerstraße bestimmt gewesen. Die Höhe unsers Lagerplatzes betrug nach Erdls Messungen und Steinheils späteren Berechnungen 1525 Par. Fuß. Unsre Beduinen nannten das Thal Ateiche. Die Richtung unsers heutigen Weges war im Ganzen Nordnordwest gewesen. Die beiden Scheikhs mit ihren Begleitern kamen erst gegen Abend zurück. Auch wir erhielten etwas von dem frischen, Arabischen Brode, das sie von ihren Gastfreunden mitgebracht hatten. Die Lerche sang noch ihr Abendlied, auf dessen Töne ein andrer Vogel, aus der Kluft der Felsen antwortete; unser Herz war sehr bewegt; wir athmeten hier schon die Luft eines Landes, dessen Hauch für uns ein Geruch des Lebens, zum Leben war. Dennoch dachten wir zugleich mit wehmüthigem Sehnen an das, was uns dieser Tag der Einsetzung des Abendmahls in andern Jahren in der Gemeinde der christlichen Brüder gewährt hatte. Vom Gipfel des kleinen Sandhügels sahe man weithin noch nichts als die grünende Einöde; die Seele jedoch, wie auf Taubenflügeln, erhub sich über das im Norden hinziehende Gebirge und schaute da schon mit dem innren Auge das, was nun in wenigen Tagen auch das äußre Auge sehen sollte. Der stille Freitag, am 24sten März, erhub sich in einem solchen Morgenglanze über das blühende Thal, daß er sich uns auch äußerlich als ein Tag der hehren Feier ankündigte. Wir brachen fast mit Sonnenaufgang (gegen 6 Uhr) auf. Unter dem Gesange der Lieder, womit die vaterländische Kirche diesen hochheiligen Tag begrüßet, ritten wir zuerst noch durch das blumenreiche Ateichethal, dann jenseits einiger niedriger Hügel durch das Thal Ghirfalgula. Der Gesang der Vögel, aus Gesträuch und Felsen, mischte sich mit den Tönen unsres Gesanges; eine sehr große Heerde von Störchen schwebte mit stillem Fluge an uns vorüber, der nördlichen Heimath zu. Wir befanden uns hier schon in einer Gegend, auf deren Boden die Erzväter Israels öfter ihre Heerden weideten, im Nachbargebiet von Bersaba, da der Brunnen war, des »Lebendigen und Sehenden.« Gegen zehn Uhr sahen wir in einer weiten Ebene, die gegen Norden hin von einem Gebirge begränzt wird, in einiger Entfernung von uns zur Rechten ein altes, tempelartig von Säulen getragnes Gebäude und noch mehrere andre Ruinen, wie es schien von gutem klassischen Styl der Bauart[115]. Bald hernach kamen wir an einem gemauerten Brunnen vorüber, den unsre Beduinen Bir Melech nannten. Hier schöpften einige Männer in den Schöpfeimern, die mit ihren Seilen an der langen, schlagbaumartig nach unten befestigten Stange hiengen, Wasser, das sie in die steinernen Tränkrinnen schütteten. Heerden von Lämmern, eine von der andern gesondert, bei jeder ein Hirte, stunden in der Nähe und warteten geduldig bis die Reihe des Trinkens sie träfe. Wenn der lange Trog gefüllt war, gab der Hirt, dessen Heerde jetzt die nächste war, mit Stab und Stimme ein Zeichen und der Widder, mit tanzenden Sprüngen, welche jedes der andern Schafe dann nachahmte, begann den Lauf nach dem Wasser. Wenn die eine Schaar getränkt war, trat sie ab, und eine andre kam an ihre Stelle. Uns erinnerten diese tanzend hüpfenden Lämmer, so wie ihre Folgsamkeit gegen die Stimme des Hirten an viele, gar liebliche Stellen der heiligen Schrift; wir glaubten hier ein Nachbild aus dem Leben der Erzväter zu sehen. Wir ritten von Bir Melech etwas lehnan über die Ebene oder das Hochthal, von unsern Beduinen Wadi Malath oder Malahh[116] benannt und kamen, etwa um zwölf Uhr, nahe an einem ansehnlichen Beduinendorfe vorüber, in dessen Nähe eine hier gelagerte, große Heerde von Störchen ihre Mittagsrast hielt, und durch diese Wahl des Ortes uns vermuthen ließ, daß hier kein Mangel an wasserreichem Boden sey. Auch einzelne, grünende Stellen zeigten sich auf der weiten Fläche. So grün aber auch Ateiche und das jetzt vor uns liegende Wadi Malath erschienen, so wurden wir doch erst recht innen, daß wir nun ganz im gelobten Lande seyen, als wir jenseit des terrassenförmig ansteigenden Kalkgebirges, welches unsre Beduinen mit dem allgemeinen Namen Dschebel Chalil (Gebirge Hebron) benannten, auf eine fruchtbare Höhe kamen, auf der wir, zum ersten Male nach so langer Zeit, denn es waren heute ~vierzig Tage~ seit wir in die Wüste eintraten, wieder Getraide sahen. Gott Lob! rief ich, die Wüste, da kein Säen noch Erndten ist, ist nun aus; das Land, dem Glauben verheißen, ist erreicht. Zu dem einen, lang entbehrten Anblick gesellte sich noch ein andrer, der mir wie ein ganz neuer vorkam: ich sahe wieder Menschen, nicht in den Schaffellen und Umschlagetüchern der Wüstenbewohner, sondern in gewöhnlicher Orientalischer Kleidung. Ein Mann der mir ganz besonders stark und groß vorkam, begegnete uns und grüßte uns mit dem Gruß des Friedens. Wir zogen, inniglich vergnügt, von der letzten Anhöhe, die wir heute noch zu besteigen hatten, hinab nach einem Thale, in welches die tiefer stehende Sonne durch das Gewölk mild hereinblickte. Ich weiß nicht, war es die höhere Lage der Gegend, durch die wir eilten, oder war es der mit Gesträuch und Saatfeldern reich bewachsne Boden, was der hiesigen Luft ihre eigenthümliche, wohlthuende Frische gab; mir war es als athmete ich hier noch vielmehr als in Ateiche, statt der drückend heißen oder austrocknenden Luft der Wüste wieder die des vaterländischen Gebirges oder seiner Hochthäler; die Brust erweiterte sich; sie trank in vollen Zügen den balsamischen Lebenshauch. * * * * * Das Gebirge Chalil, durch dessen Felsenpässe und Engthäler von Wadi Melech aus unser Weg gegangen war, erinnert durch seine allgemeinen Umrisse ganz an den vaterländischen Jurakalk; auf der Sohle des einen Thales zeigte sich ein Quell, der sich als ein schwaches Bächlein ergoß. Als wir hier am steilen Abhang hinritten, glitt das Kamel des +Dr.+ Erdl, durch Unachtsamkeit des Beduinen, der es führen sollte, aus, und hätte, wenn nicht ein Felsenstück den Fall noch hemmte, seinen Reiter in große Gefahr bringen können, so aber sprang derselbe unversehrt herunter und auch das Reisebarometer, welches er aus Vorsorge immer auf seinem Rücken trug und keinen Augenblick am Tage von sich legte -- das einzige unter unsren vieren, auf die Reise mitgenommenen, welches noch ganz geblieben war, fand sich zu unsrer Freude, durch den Sturz nicht beschädigt. Aus diesem Thale zog sich unser Weg eine Anhöhe hinan, die kein Ende nehmen wollte, bis zu der freien Fläche, auf der wir, wie ich vorhin erzählte, die ersten Getraidefelder sahen. Die Meisten von uns giengen hier zu Fuß und wir fanden an etlichen Stellen deutliche Dolomitfelsen, wie sie auf unsrem vaterländischen Jurakalk vorkommen. * * * * * So sehr jedoch auch die Formation des Gebirges an vaterländische Naturverhältnisse uns erinnerte, und namentlich die Getraidefelder den Eindruck des Altbekannten machten, so bemerkten wir dennoch an der hiesigen lebenden Natur das Gewand des fernen Morgenlandes. So fanden unsre Beduinen und wir selber schon beim Hinansteigen aufs Gebirge einige lebende Chamäleons von schönster Färbung; oben auf der Höhe, in den Feldern und an ihren Rändern bemerkten wir nach allen Richtungen die Baue der merkwürdigen Blindmaus (+Spalax typhlus+) über deren kleinen Augapfel das behaarte Fell eine so dicke Lage bildet, daß selbst kein dämmernder Schein des Tageslichtes hineinfallen kann. Einer der Landleute der Gegend, der sich weiterhin zu uns gesellte und einige Zeit neben meinem Kamele hergieng, hatte das Thier gesehen und beschrieb es wegen seiner langen (Schneide-) Zähne zwar mit fabelhafter Uebertreibung, als sehr gefährlich, übrigens aber deutlich genug. Und so waren auch aus der Pflanzenwelt zwar die Gestalten der Wüstengewächse verschwunden, man sahe da nicht mehr die stachlichen Mimosen und die andern Sippschaften der dornigen Sträuche, wenn jedoch auch die Hauptform der Gattungen an unsre vaterländischen erinnerte, so war doch, bei genauerer Betrachtung, ~die Art~ eine andre und neue. Denn die Iris, eben so wie die Orchis und das Arum welche hier wuchsen, gehörten zu ganz unbekannten Spezien; die Salbei war die Sibthorpische, die Reseda die mittelmeerische[117]. Zugleich sahen wir auch in großer Menge, in der Nähe der Felder ein Gewächs, das wenigstens nur als eine Nebenart der Alraunpflanze (+Atropa Mandragora+) betrachtet werden kann, welche zu den seltensten, eifrigst von den Sammlern gesuchten Zierden unsrer vaterländischen Kalkgebirge gehört. Sie trug schon ausgewachsne aber noch unreife Früchte; die Bewohner des Landes genießen diese und schreiben ihnen wohlthätig aufregende Kräfte zu. Von der Höhe her hatten wir schon seit längerer Zeit in der Thalschlucht, nach welcher unser Weg sich hinlenkte ein starkes, thurmartiges Gebäude erblickt; als wir näher kamen zeigten sich uns in dem Seitenthale zu unsrer Linken große, ansehnliche, wohlerhaltene Ruinen von Gebäuden und Mauern. Der Thurm war uns zur Rechten geblieben. Unsre Beduinen nannten diese Ruinen mit einem ihnen von Jugend an gelängen Namen Arafat, einer der Bewohner von Samua jedoch Araad. Sollte hier nicht die Stätte jenes Arad der heiligen Schrift zu suchen seyn, welches in der Mosaischen Zeit der Sitz eines Kananitischen Königes war, der (nach 4. Mos. 21, V. 1-3) zuerst siegreich gegen Israël kämpfte, dann aber von diesem geschlagen wurde? Denn dieses Arad lag sechs bis sieben Stunden südwärts von Hebron, nahe der Wüste Juda oder Kades Barnea, nicht weit von Malatha, das, wie wir vorhin sahen, wahrscheinlich am südlichen Saume des Chalilgebirges stund, über das wir heute kamen. Nur noch eine halbe Stunde jenseit der Ruinen von Araad kamen wir in die Nähe des ziemlich hoch auf seinem Felsenhügel gelegnen, ansehnlichen Esmua oder Samua. Wir zogen nicht hinauf in den Ort; sondern schlugen unser Zelte unten im Thale, auf einem steinigen, brach liegendem Felde auf. Wir erhielten bald mehrere Besuche aus dem Städtlein, von Männern, die uns Eier brachten und saure Milch, auch frisches, sehr wohlschmeckendes Kuchenbrod und Butter, wofür sie nur eine geringe Bezahlung annahmen. Sie schienen mit mehreren unsrer Beduinen wohl bekannt und nachdem sie einige neugierige Blicke in das Zelt hineingeworfen, kauerten sie sich, Tabak rauchend, zu unsern Leuten hin an das Feuer. Einer von ihnen zeigte uns, am Fuße der benachbarten Felsen mehrere schön gemauerte Brunnen, die ein sehr wohlschmeckendes Wasser enthielten. Nach seiner Versicherung sollten, außer den Cisternen, in der nächsten Umgegend von Samua sieben solcher Brunnen seyn. Und daß der Umgegend dieses Ortes die beiden Hauptquellen der Naturfülle: die wohlthätige Wärme und das nährende Wasser in reichlichem Maaße zuströmen müssen, das bewiesen uns die trefflichen Gartenanlagen voll Oliven, Feigen und Pistazienbäumen. Diese Gärten, so wie die steinernen, wohlgebauten Häußer, thaten unserm Auge besonders wohl. Die Höhe der heutigen Lagerstätte über dem Meeresspiegel wurde, aus den barometrischen Messungen, zu 2225 Fuß berechnet. Es war ein unvergleichlich schöner Frühlingsabend. Ich stieg einsam an einem der Stadt gegenüber, nahe bei unserm Zelt gelegnem Hügel hinan. Von da war der Hinüberblick auf die Oelgärten der Stadt und nach einer andern Seite hin auf einen, oben mit einer tempelartigen Ruine gekrönten Nebenhügel, so wie in das enge Thal gegen Araad hinauf, sehr anziehend. Neben mir zogen Heerden und Hirten still vorüber, nach ihren Ruheplätzen in der Stadt. In den Gefilden dieses Landes hatten auch die Erzväter ihre Heerden geweidet; Abraham einst gepredigt von dem Namen des Herrn. Ich setzte mich jenseits einem längst unbrauchbar geworden, in den Felsen gehauenen Behältnisse für das Regenwasser, bei einer Höhle nieder, welche den Anschein eines alten Felsengrabes hatte; mein Geist aber feierte bei einem andren Ruheort der Felsen, da Der den kurzen Schlummer des Todes schlief, welcher der Geber und Quell des Lebens selber ist. Bald nach Anbruch des Tages weckte uns, mit fröhlichem Tone, der Gesang der Vögel. In Begleitung eines der Beduinen ritt Herr Mühlenhof voraus nach Hebron, um uns eine Wohnung bei jenen »Franken« aufzusuchen, welche, nach der Versicherung unsrer Beduinen in bedeutender Anzahl zu Chalil (Hebron) wohnen sollten. Wir andern, weil noch der Hügel mit den (Römischen) Tempelruinen bestiegen und besehen wurde, traten die heutige Tagreise etwas später, erst eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang (fast um halb sieben Uhr) an. Unser Weg führte den Hügel hinan. Wir hatten das Städtlein rechts, zu unsrer Linken Gemäuer von zerstörten, vormaligen Gebäuden; an dem jenseitigen (nördlichen) Abhang des Hügels zeigten sich in ziemlicher Menge die Felsengräber der alten Bewohner dieser Trümmer. Ein tiefes Thal wurde nun seiner Breite nach durchschnitten, jenseits welchem wir eine Anhöhe bestiegen auf der sich uns eine weite Aussicht über das herrliche Land eröffnete. Sind nicht dort in Südost jene Felsen der Gemsen, jene Wüste Engeddi, in welcher David vor Saul sich verbarg (1. Sam. 24, V. 1-3); ist nicht einer dieser Berge der von Maon, wo der zum Herrscher Israëls Geweihte schon vom Netz des Feindes umgeben, dennoch durch die Hand des Herrn errettet ward? (Ebend. C. 23, V. 27, 28). Und dort mehr gegen Nordost lag jenes Carmel, da Nabal der Reiche wohnte, dessen Heerden David und seine Männer lange beschirmt hatten (C. 25, V. 2 u. f.). Vom nördlichen Abhang der Anhöhe hinab kamen wir in ein Engthal, dessen Laufe, der in nördlicher Richtung gehet, wir eine Zeit lang folgten. Dieses Thal, durch seine Gestalt wie durch sein vieles grünendes Strauchwerk und die (freilich sparsameren) Waldungen der Höhen, weckte viele Erinnerungen an das theure Vaterland auf. Ich wähnte mich in ein Thal der Gegend von Muggendorf versetzt, nur war hier, schon am Osterheiligenabend, die Pflanzenwelt so grünend und blühend, wie sie dort erst in der Pfingstzeit es ist und statt der Deutschen Bäume und Gesträuche blüheten neben uns der Erdbeerbaum (+Arbutus Unedo+) und einige Arten der Pistazien; auf den Höhen erhuben sich vereinzelt stehend die Orientalische Seefichte und die Pinie. Auch diese Höhen da zu unsrer Rechten erinnerten an jene Tage der Angst und Noth, in welche David den Gesalbten die Feindschaft eines mächtigen Königes versetzte, zugleich aber auch an jene Stunden des Trostes, welche die Freundschaft ihm gewährte, als Jonathan, vor dem Angesicht des Herrn mit ihm einen Bund schloß; denn hier, im Osten der Höhen, war die Wüste Siph (1. Sam. C. 23, V. 15 u. f.). Es war jetzt eben die Blüthenzeit der schön gebildeten Orchideen, von denen meine jungen Freunde schon heute in diesem Thale des Jurakalkes eine reichliche Menge sammleten. Auch für den Freund der älteren Baukunst und der Kunde des Landes gaben ein rundliches Bauwerk, das im Thale, zur Rechten unsres Weges lag, noch mehr aber die anscheinend viel älteren Ruinen von mehreren ansehnlichen Gebäuden, die wir auf dem letzten, hochansteigenden Berge vor Hebron, etwa eine Stunde vor diesem, zu unsrer Rechten sahen, mannichfachen Stoff zur Beachtung und geistigen Beschäftigung. Vermuthlich lag hier das alte Inta, die Levitenstadt (Jos. 15, V. 55 und 21, V. 16), welches von Einigen (namentlich von Reland und Rosenmüller) für Bethzacharia, die eigentliche Wohnung der Eltern Johannes des Täufers und für den Geburtsort des Letzteren gehalten wird. Noch war es nicht Mittag (erst eilf Uhr) als wir von eben dieser Anhöhe herab das herrliche Thal vor uns sahen, in welchem Hebron liegt. Das Erste was uns, so wie wir weiter nach dem Thale hinabzogen, ins Auge fiel, war die zur Rechten, am Fuße des östlichen Bergabhanges gelegne Moschee, welche in ihrem Innren, zu welchem den Christen wie den Juden der Zutritt neidisch versagt ist, die zwiefache Höhle verbirgt, in welcher Abraham neben Sarah, Isaak und Rebekka, Jacob und Lea begraben sind. Dieses große Gebäude beherrscht durch seine hellere Färbung, so wie durch die Höhe der Mauern und der beiden (an Größe ungleichen) Thürme die übrige Stadt und ihre dunklen alterthümlichen Mauern, Häußer und Thürmlein so ganz, daß das Auge des Pilgrims zum Besehen des Andern noch gar keine Zeit finden kann. Und wie sollte dasselbe nicht vor Allem unsrem Auge ein Punkt des erquicklichen Ausruhens, unsrem Herzen ein Ort der feiernden Betrachtung gewesen seyn, da Hebron eines der längst ersehnten Ziele dieser Reise war, wie neben und bei ihm Mamre, in dessen Haine der Vater der Gläubigen Ihn, den Herrn, dessen Wort der Verheißung er so zuversichtlich vertraut und geglaubt hatte, von Angesicht sahe. Auch für die Beschreibung dieser Reise soll deshalb Hebron der Ort eines kurzen Verweilens und Stillstandes seyn. Hebron. Während so manche mächtige Stadt jener Länder, durch welche der Weg unsrer Reise uns geführt hatte, in Trümmer gesunken, ja bis auf jede Spur von der Erde vertilgt und verschwunden ist, hat sich Hebron, eine der ältesten Städte, welche die Geschichte der Völker uns nennt, bis auf unsre Tage als nicht unansehnlicher Ort erhalten. Hebron war (nach 4. Mos. 13, V. 23) schon sieben Jahre vor Zoan (Thanis) in Aegypten, nach Josephus vor Memphis erbaut; welche Reiche und stolze Herrschersitze der Erde sind seit jener Zeit in den Staub gesunken, aus denen andre, jüngere sich erhuben und wieder versanken, aus ihnen noch spätere, die gleich ihren Vorgängern zerstäubten und vergiengen. Eine Jüdische Ueberlieferung, die wir selbst noch im Vaterlande von einem gelehrten Rabbiner wiederholen hörten, will sogar in Hebron eine Denkstätte der Geschichte erblicken, welche in die Zeiten hinüberweiset, welche vor der großen Noachischen Fluth waren. Denn, wie die jetzt lebenden Christen in Jerusalem von Golgathas Felsen etwas Aehnliches erzählen, so glauben die Juden, daß zu Hebron des ersten der Menschen, Adams, Grab sey[118]. Deshalb, nicht nach dem Vater der Riesen, Arba (Jos. 14, V. 15), habe Hebron in ältester Zeit die Stadt der Viere (Kiriath Arba) geheißen, weil hier mit den drei Erzvätern Israëls auch der Vater der Väter bestattet gewesen sey. Näher liegt uns jedoch die Ableitung des Arabischen Namens, womit die jetzt hier lebenden Mohamedaner die uralte Stadt benennen. Dieser, im ganzen Morgenlande für Hebron gebräuchliche Name ist Chalil (der Geliebte) und derselbe ward von Ihm, dem Geliebten, dem Freunde Gottes, von Abraham entnommen. Von dem ersten Eindrucke, welchen Hebron schon von fern gesehen auf das Auge macht, sprach ich schon vorhin Einiges. Die Umgegend der Stadt gleicht einem großen, reichen Oelgarten; die Abhänge der Hügel wie die Fläche des Thales grünen und blühen mit allen Kräutern der Wiesen und Gärten; dazwischen, vorzüglich auf der anderen, gegen Jerusalem hin gelegnen Seite, zeigen sich reiche Weinpflanzungen, deren Trauben der Mohamedanische Bewohner frisch oder getrocknet meist nach Jerusalem verkauft, deren Wein aber der hier wohnende Israëlit genießt. Jetzt lag die Stadt mit ihren hohen, alten Gebäuden unmittelbar vor uns; neben den tief und fest gemauerten Teichen, von denen der eine, weiter abgelegene, Davids Namen führt, kamen wir zu dem engen, finstren Thore, in welchem noch immer, wie zu Davids Zeiten ein mordsüchtiger Joab unvermerkt sein Schwert ziehen könnte gegen einen Helden der größer war denn er (2. Sam. 3, V. 27). Schon vor dem Thore begegnete uns Herr Mühlenhof und mit ihm ein Orientalisch in rothes Gewand gekleideter Mann. Es war so, wie wir schon vermuthet hatten: die Franken in Hebron, von denen unsre Beduinen uns so Vieles gesagt und deren Wohnungen sie uns zur Herberge empfohlen hatten, waren die hier wohnenden, zum Theil sehr wohlhabenden Israëliten. Diese selber feierten heute ihren Sabbath; sie hatten uns deshalb einen in Hebron wohnenden Christen, der sich zur Griechischen Kirche hält, den nämlichen der uns jetzt mit Herrn Mühlenhoff entgegen kam, zugesendet, damit dieser für uns jene Geschäfte, beim Abladen der Kamele und Einräumen der für uns bestimmten Zimmer besorgte, von welcher die Feier des Sabbaths sie abhielt. Unsre Wohnung war uns bei dem Ober-Rabbiner, einem gebornen Spanier, angewiesen; sie stund schon für uns bereit. Gleich in der ersten der engen, dunklen Gassen der Stadt lag der Haupteingang zu dem vielwinklichen Gehäuse und Gewirre der Häußer, welche zusammen das Stadtviertel bilden, in welchem die meisten Israëliten von Hebron beisammenwohnen. Es dauerte auch späterhin einige Zeit, bis ich mich in diesem Labyrinth der kleinen, gassenartigen Höfe, der Nebeneingänge und der auf- und niedersteigenden Treppen zu meinem Zimmer finden lernte. Doch herrschte hier eine im Orient seltene, große Reinlichkeit, zu welcher diesmal die Osterfeier unsrer Israëlitischen Gastfreunde auch das Ihrige beigetragen hatte. Schon vor dem Haupteingang zum Judenquartier empfieng uns unser Wirth, der Ober-Rabbiner, ein schöner, ansehnlicher Mann in reicher Kleidung. Vor den Thüren der einzelnen, kleinen Wohnungen saßen und stunden Frauen, Mädchen und Kinder in ihrem Festtagsschmucke, um die neuankommenden Fremden zu sehen. An der Thüre der stattlicheren und größeren Rabbinerwohnung zeigte sich mit ihrem reichen, goldenen Halsschmuck die jugendliche, wohlgebildete Frau unsers Wirthes. Da diese uns Deutsch reden hörte, fragte sie freudig: Ihr sprecht ja peilnisch; seyd ihr aus Peilen? Statt Polnisch und Polen, was die gute Frau hatte benennen wollen, verstund ich Bayerisch und Bayern, und antwortete eben so freudig als jene gefragt hatte: »Ja.« Jetzt versammelte sich alsbald ein Häuflein der Deutsch redenden Jünglinge und Kinder, besonders um meine jungen Freunde her, und die Frauen und Mädchen hörten in einiger Entfernung den Deutschen Fragen und Antworten zu. Wir erfuhren gleich bei diesem ersten Gespräch, daß damals (1837 im März) über sechszig Jüdische Familien die man gewiß zu sechshundert Seelen anschlagen darf, in Hebron wohnten und lebten; ein ansehnlicher Theil von ihnen stammt aus Polen her, Andere aus Rußland, Spanien und anderen Europäischen Ländern. Mehrere von ihnen besitzen außer dem eignen Hauße auch Oel- und Weingärten, so wie andre Grundstücke. Ich vermag es nicht zu beschreiben, wie es mir an diesem Tage des stillen Sabbathes zu Muthe war, als ich sammt meiner treuen Lebens- und Reisegenossin in das kleine, freundliche Zimmer eingeführt wurde, das man uns zur Wohnung eingeräumt hatte. Da war ja Wasser zum Waschen; ein Teller voll lieblich duftender, goldgelber Orangen, ein sehr wohlschmeckendes Festtagsbrod und eine Flasche köstlichen Weines. Die Bewirthung, in dem reichsten, ansehnlichsten Hotel von London oder Paris hätte mir andre Male nicht ausgesuchter und kostbarer erscheinen können, als jetzt, am Ende der vierzigtägigen Wüstenreise die Bewirthung in dem Zimmer des wackren Ober-Rabbiners zu Hebron. Unmittelbar vor unserm Zimmer führten einige Stufen auf eine kleine Terrasse, mit der freien Aussicht nach dem unter und bei dem Hause gelegenen Baumgarten und nach dem der Stadt gegenüber gelegnen Berge, welchen einst ein Theil von Mamres geheiligtem Hain umschattete. So wohl mir die lang entbehrte Ruhe auf den zu ihr einladenden Polstern that, und so sehr auch der heutige, stille Sabbath zur Ruhe ermahnte, konnte ich doch dem Drange nicht widerstehen in Begleitung meiner jungen Freunde und eines im Orte einheimischen Führers noch heute einen Theil von Hebron zu besehen. Wir hatten nicht Ursache, die unbedeutende Anstrengung zu bereuen, denn durch diese kleine Aufopferung der äußern Ruhe war die Kraft des Ausruhens an dem großen Sabbathsgedanken, der sich dem Pilger zu Hebron darbeut, nur noch gewachsen und gestärkt worden. Hier in dem Felsen, den uns das Gebäude verdeckte, ruheten Abrahams Gebeine; dort bei jenem alten Gemäuer stund Davids Königshaus[119]; dort jenseits der Stadtmauer die alterthümliche prächtige Cisterne ist noch ein Werk dieses Königes, dem die höchste der Verheißungen und die klare Voraussicht ihrer Erfüllung beschieden war. Der Abend war etwas trübe, eben hierdurch aber auch lieblich gekühlt; ein frischer Wind vom Thale herauf ergieng sich in den Zweigen der alten Pistazienbäume und entlockte dem zerrissenen Gemäuer, das neben Abners Grabmahle emporstehet, Laute, wie Töne einer fernen Harfe. Auch in meinem Innren tönte ein Lied ähnlich an Inhalt und Worten dem alten Liede des stillen Sabbathes von Paul Gerhard: »Als Gottes Lamm und Leue entschlafen und verschieden.« -- Als ich nach Hauße kam fand ich die Familie des Ober-Rabbiners nebst einigen andern zu ihr gehörigen Personen in unsrem Zimmer, bei meiner Hausfrau sitzend. Die Unterhaltung war Deutsch gewesen, wobei die Frau des Ober-Rabbiners für ihren Mann die Stelle eines Dolmetschers vertreten hatte. Er selber, unser Gastfreund, sprach übrigens auch etwas Italienisch. Ich lernte in ihm einen gelehrten und frommen Israëliten kennen, der schon vor mehreren Jahren hieher, in das Land der Verheißung gezogen ist, weil er des Trostes Israëls als eines noch künftigen, aber nahe künftigen wartet. Dergleichen fromme Israëliten, welche in der Hoffnung auf die Verheißung, welche geschehen ist von Gott zu ihren Vätern, Alles verließen und in das alte Land der Väter zogen, lernte ich in Palästina, vor allem in Jerusalem, Viele kennen. Man kann von diesen mir wahrhaft ehrenwerthen Israëliten sagen, was der heilige Apostel Paulus von seinen Glaubensgenossen sagt, daß sie mit ernstem Gottesdienst, mit Gebet und Flehen Tag und Nacht emsiglich der Erfüllung des Wortes, das auch ihnen gegeben ist, entgegenharren. Am Verlaufe des leiblich sichtbaren Tages ist es bekannt, daß die Länder des Ostens schon das tiefe Dunkel der Nacht umhüllet, wenn es in den westlicheren noch heller Tag ist, oder daß in jenen schon der Morgen dämmert, wenn es im fernen Abendlande noch mitternächtlich finster ist. Wohl denen, die an der Pforte des Abends wohnen, wenn ihnen das Licht, das vom Lande des Aufganges kam, noch helle leuchtet; Die aber, denen es schon untergieng, möge bald der frische Lebenshauch des Morgens, welcher, dies verkündet allenthalben der Gesang des frühen Vogels und ein im Osten anbrechendes Roth, ganz nahe ist, zum neuen Leben erwecken und stärken. Du neuer Tag der Geschichte der Völker des Westens, wer möchte deine nahe Zukunft verkennen! So war mir denn, am 26sten März, der heilige Ostersonntag, zwar nicht, wie ich früher gehofft hatte, in Jerusalem, doch aber in Hebron angebrochen; in Hebron dessen Geschichte zu der von Jerusalem sich eben so verhält, wie die aufkeimende Hülsenfrucht, in welcher das ganze künftige Gewächs seinem Hauptumrisse nach schon vorgebildet liegt, zu dem nachmaligen Blätter und Blüthen tragenden Stamme. Ich begrüßte den lieben Tag aus tiefstem Herzensgrunde, mit dem alten, schönen Liede: Christ ist erstanden, und mit manchem andren schönen Osterliede; dann erquickten wir uns, freilich fern von einer Gemeinde, die sich heute des auferstandnen Herrn freut, an dem Lesen der großen Geschichte dieses Tages, in den vier Evangelisten. Die Stimmung der Seele war die, welche das alte, gute Osterlied von Paul Gerhard ausspricht, das mit den Worten anhebt: »Auf, auf mein Herz mit Freuden, nimm wahr was heut geschieht.« Auch der äußere Mensch sollte, denn er bedurfte dieß sehr, des Tages genießen, der die Reinigung und Wiedererneuerung des innren feiert; ein Türkisches Bad nahm den Staub der Wüste von ihm hinweg. Die Luft in den ersten Morgenstunden erschien unsrem, in der Tiefe der dürren Wüste verwöhntem Gefühle, hier in Hebron fast kalt; sie war jedoch auch nach der Angabe des Thermometers im Freien noch nicht vier Grad Reaumur. Hebron liegt aber auch, nach unsern barometrischen Messungen fast noch 200 Fuß höher über dem Meere als Jerusalem, fast noch einmal so hoch als München, nämlich gegen 2700 oder nach Russegger 2842 Par. Fuß. Nach einigen Stunden gab die höher steigende Sonne dem Thale seine milde, gemäßigte Frühlingswärme wieder, die uns hinauslockte ins Freie. Der erste Gang, den wir heute gemeinsam machten, war abermals nach der vormaligen Christenkirche und nunmehrigen Moschee gerichtet, welche die zwiefache Höhle Machpelah umfasset, die Abraham von Ephron dem Hethiter zum Erbbegräbniß erkaufte (1. Mos. C. 23). Da hier das Denkzeichen, welches die Geschlechter von vier Jahrtausenden mit Ehrfurcht betrachteten, nicht an einem leicht zerstörbaren Menschengebäude, sondern an einem mächtig festen Werk der Natur haftete, läßt sich kaum ein gegründeter Zweifel gegen die Annahme erheben, daß hier wirklich das Grab Dessen gewesen sey, den selbst die heidnischen Bewohner des Landes als einen »Fürsten Gottes« erkannten (1. Mos. 23, V. 6). Die Moschee liegt am südöstlichen Ende der Stadt; ihr eigentliches Gebäude ist, wie manche unsrer alten Klosterkirchen, von hohen Ringmauern umgeben, zu deren Innenraum ein fest gemauerter Bogengang führt. Schon gestern hatten wir die Türkischen Hüter dieses Einganges zu den Vorhallen und zu dem engen Hofraum, der zwischen den Ringmauern und dem Tempelgebäude herumläuft, gefragt, ob es nicht erlaubt sey, wenigstens in diese Außenräume hineinzutreten; sie hatten 200 Piaster für die Vergünstigung begehrt, einmal da innen um die Moschee herumzugehen. Heute schien es, als ob sie mit einer geringeren Summe sich wollten abfinden lassen, da wir aber von unsern Führern erfahren hatten, daß es außer- und oberhalb der Mauern Punkte gäbe, von wo aus der äußre Umriß des Gebäudes viel besser könne in Augenschein genommen werden, als von dem dunklen Hofraume, begnügten wir uns damit unsre Reisegefährtinnen, welche gestern noch nicht mit uns waren, durch die vergitterte Oeffnung, bei welcher es auch den Juden erlaubt ist dazustehen und zu beten, hineinschauen zu lassen nach den Vorhallen. Wir giengen zuerst, indem wir die Moschee zur Linken ließen, hinan zu der Höhe des Hügels, an dessen Fuß jene liegt. Er gehört zu jenem Bergrand, der das Thal von Hebron an seiner Ostseite umgürtet. Wir fanden hier, in dem von vielen natürlichen Höhlen durchzognen Kalkstein viele Felsengräber der vormaligen Israëlitischen (?) Bewohner der Stadt. Bei mehreren dieser Gräber ist der innre, natürliche Umriß der Höhle, die zur Todtenbehaußung benutzt wurde fast unverändert und deutlich erkennbar geblieben. Wir hatten schon hier einen Punkt zu erreichen gehofft, wo die Aussicht nach Osten, vielleicht selbst nach dem nur wenige Meilen entfernten todten Meere sich freier und weiter öffnen würde; es stellten sich aber andre, bedeutendere Höhen zwischen uns und jene große Tiefe des Wassers, so daß wir bald, durch die Felder des schon hochgeschoßten Getraides zurückkehrten. Da von der östlichen Höhe aus kann man übrigens freier als von irgend einem andern Punkte die ganze Stadt, mit ihren vereinzelteren Häußergruppen oder kleinen Vorstädten überblicken, die sich nordwärts von ihr, so wie am Abhang und in den Schluchten des westlichen Bergabhanges finden. Das ganze Thal steigt von Südost gegen Nordwest an. Wenn man auch nicht wüßte, daß Hebron sein augenfälligstes Gebäude, die oft erwähnte Moschee durch die Hände christlicher Baumeister empfieng, und daß diese Stadt im Mittelalter, zur Zeit des Fränkischen Königthumes ein Bischofssitz war, so würde man an vielen Gebäuden einen gewissen, abendländischen Charakter nicht zu verkennen vermögen. Ehe wir jedoch ins Einzelne der Betrachtung eingiengen, begaben wir uns zuerst von neuem, von Osten her zu der alten Kirche, die vormals, wie das hiesige Bisthum, den Namen des heiligen Abraham trug und auch jetzt noch, als Moschee, in ihrem Arabischen Beinamen, den ehrwürdigen Vater der Gläubigen nennt. Hier am Abhang des Berges an dem das Gebäude stehet, fanden wir, wie schon erwähnt, Gelegenheit sein Aeußeres besser zu betrachten als dies im engen Hofraume möglich gewesen wäre. Wir traten sogar auf die breite Ringmauer selber, die sich in Osten und Norden unmittelbar an den Felsen anlehnt, dessen Steinmasse von den ältesten christlichen Erbauern nach diesen Seiten hin so tief ausgehauen und so weit abgetragen wurde, bis es zur Anlage der Kirchenmauern um die Höhe her und über dieselbe hinlänglichen Raum gab. Die Moschee oder vormalige Kirche ist von keiner besondern Größe; sie bildet ein längliches Viereck dessen Länge kaum über 140 Fuß, die Breite zwischen achtzig und neunzig Fuß betragen mag. Das, was ihr von fern gesehen ein so bedeutendes Ansehen giebt ist die hohe, äußere Ringmauer. An jeder der vier Ecken von dieser erhub sich vormals ein Thurm. Von diesen vier Eckthürmen ist der eine ganz, der andre halb zerstört; von den beiden übrigen aber, welche an zwei diagonal gegenüber liegenden Ecken stehen, und welche nun zu Minares benutzt sind, scheint ebenfalls nur der eine, bis hinan zu den alten Zinnen unversehrt zu seyn, während der andre, der neben dem ganz zerstörten Thurme steht, wenigstens des Obertheiles ermangelt und hierdurch niedriger ist. Diese Thürme könnten eben so gut zur Verteidigung des festen Gebäudes als zu Trägern des Kreutzes an ihrer Spitze gedient haben. Die Moschee selber macht noch immer in ihrem Hauptumrisse den Eindruck einer alten, christlichen Kirche; steht sie doch noch auf der Grundlage jenes Christentempels, den schon die fromme, vielthätige Kaiserin Helene über der Höhle erbauen ließ, und den die christlichen Könige von Jerusalem zu einer bischöflichen Kirche weiheten. Freilich haben aber jene rohen Hände, die das alte, christliche Prachtgewand der äußren Form, so weit es an die Gottesverehrung der Nazarener erinnerte, zerrissen und verstümmelten, dasselbe hin und wieder sehr ungeschickt mit neuen unpassenden Lappen geflickt. Der Haupteingang scheint, wie in allen alten christlichen Kirchen in Westen, der Hochaltar in Osten gewesen zu seyn. Was das Innre des Gebäudes betrifft, dem die Andacht der Christen und Israëliten bis jetzt sich noch vergeblich zu nahen bemüht, so kann ich bei dem was ich von ihm erwähne nur die Berichte fremder Augenzeugen geben, deren letzter und jüngster für mich unser Arabischer Knecht Mohamed war, der mehrmalen in die Moschee hineingieng, und auf mein Ermahnen Alles so genau als möglich betrachtete. Der älteste Beschreiber jenes Innren ist der Jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der die Grabstätte der Erzväter besuchte und sahe. Zwar stund zu seiner Zeit noch kein Tempelgewölbe über der zwiefachen Höhle, sie selber aber hatte die Verehrung, schon der jüdischen Herrscher mit Marmor ausgetäfelt und bekleidet. So sahe dieselbe noch der Kirchenvater Hieronymus, und auch die Kaiserin Helena, da sie das Scepter, in welchem Orpheisch bauende und gestaltende Kraft lag, auf diese ehrwürdige Stätte wendete, fand das Innre, so wie jene beiden es sahen, noch unverletzt. Selbst die Bekenner des Islams, da sie sich gewaltsam in das Amt der Erhalter und Wächter der heiligen Stätten des gelobten Landes eindrängten, haben am Grabe, auch ihres Erzvaters nichts zerstört. Die eigentliche Höhle, deren Eingang, nach der Beschreibung unsers Arabers gegen Südwest zu liegen scheint, ist zwar sehr vergittert und verwahrt, oben darüber aber sahe der Engländer Monro, der unter Ibrahim Paschas Schirm und Schutz zuerst wieder unter allen abendländischen Christen das Kirchenschiff betrat, eben so gut als unser Knecht Mohamed jene »hüttenartigen« Kenotaphien in Türkischem Geschmack, deren jedes einem der Erzväter gewidmet ist. Hat doch die überflüssige Sorgfalt der Moslemen hier selbst des Bruders des Erzvaters Jacobs, des Esaus gedacht, denn auch für diesen (nicht für Isa oder Jesus, wie unser Mohamed meinte) ist, ein wenig seitwärts von den andern, ein Kenothaphium errichtet[120]. Nur bei einem einzigen Punkte, den wir bei unsrem Herumgehen um die Moschee, und bei dem Besteigen selbst der Ringmauer berührten, erinnerte uns ein alter Türke, der hier im Freien sitzend seine Pfeife rauchte, daß es den Christen nicht erlaubt sey sich so weit zu nähern, er schwieg übrigens ganz ruhig, als wir dennoch mehrmalen zu den Stellen zurückkehrten, von welchen man von oben in einen großen Theil der Vorhallen hineinblicken kann. Das Aegyptische Regiment, vor Allem der in Hebron sehr gefürchtete Ibrahim Pascha, haben die Undultsamkeit der Türken schon so weit zum Schweigen gebracht, daß vielleicht nach wenig Jahren das Betrachten mancher der ehrwürdigsten zur Moschee entstellten Gebäude des jüdischen und christlichen Alterthumes nicht bloß als seltene, ausnahmsweise Vergünstigung, sondern als allgemeines Recht den abendländischen Reisenden gegeben seyn wird. Unfern der Moschee (nordwärts von dieser) führte uns ein junger Türke, der sich freiwillig zu unsrem Begleiter angeboten hatte, in ein altes, unterirdisches Gewölbe, welches offenbar in älterer Zeit, als sein starkes Gemäuer noch fest geschlossen war, zur Cisterne gedient hat. Noch jetzt füllt es sich, zur Zeit des Regens, bis oben an mit Wasser. Wahrscheinlich ist ein Nachhall jener Kunde, welche die Späher des Landes schon dem Moses von Hebron brachten; jener Kunde, daß hier ein Geschlecht der Riesen (Enakim) lebte (4. Mos. 13, V. 23), welches nachmals Caleb, der Held, bezwang und vertilgte (Jos. 11, V. 21), auch noch bis auf die jetzt hier wohnenden Türken gekommen, nur legen sie jenem Nachklang einen falschen Text unter. Sie erzählen nämlich, daß jene Cisterne, in welcher eines unsrer kleinen Bürgerhäußer, bis an sein oberes Stock Platz hätte, das Bad der Sarah gewesen sey. Diese, schön wie sie war, von Angesicht, sey eine Riesin von Gestalt gewesen; denn wenn sie, wie sie täglich pflegte, in der Cisterne sitzend sich wusch, reichte ihr das Wasser derselben, auch wenn der Raum des Gemäuers ganz davon gefüllt war, nur bis an den Hals. In der Stadt, obgleich der größere Theil ihrer Bewohner, als Mohamedaner, nichts von unserm Osterfeste wußte, war mir es, als feierte sie mit uns das große, schöne Fest der Auferstehung. Mich täuschte hierbei jene Stille, jene schweigende, nicht sehr augenfällige Art der Geschäftigkeit, die im Allgemeinen den Orient von dem Occident unterscheidet. Ich wurde jedoch dieser Täuschung ganz enthoben, als wir durch die Gasse kamen, in welcher die Glasfabriken von Hebron sich befinden, welche nicht bloß für Palästina eine ungemeine Menge der Flaschen und anderer Glaswaaren zum Gebrauch des gemeinen Lebens, sondern auch vor allen Dingen jene bunten Armringe und andre wohlfeile Schmucksachen fertigen, welche an die christlichen Pilgrime von Jerusalem verkauft, und von diesen in alle Gegenden des westlichen Asiens, auf die Inseln des griechischen Archipelagus und in viele Länder von Europa mitgenommen werden. Diese Glasfabriken empfangen das viele Holz, dessen sie sich bedienen, noch immer aus den Resten der großen Waldungen, von denen Mamres, jetzt fast ausgerotteter Hain ein Theil war. Freilich darf man sich jene Waldungen nicht so dicht und schattig vorstellen wie die unsrigen; die Fichtenarten ragen nur in einzelnen Stämmen über das Gebüsch der Terebinthen, das aus den Wurzeln der alten abgehaltenen Stämme ausschlug, und der Erdbeerbäume hervor; da aber dieses Gehölz, namentlich gegen Ost und Nordost bis zum todten Meere und in die Nähe von Thekoa sich erstreckt, und bei aller rohen Bewirthschaftung dennoch überaus leicht wieder nachwächst, reicht es für den Bedarf der hiesigen Fabriken aus. Und hierdurch bleibt fortwährend die Stätte von Mamres geheiligten Hain eine Ernährerin der Quellen, die unter der grünenden Decke sich erzeugen, und des Wohlstandes von Hebron. Denn schon der Verkehr mit den Glaswaaren ist bedeutend; während unsers hiesigen Aufenthaltes sahen wir täglich ganze Züge von Kamelen beladen, welche namentlich die vorhin erwähnten bunten Schmucksachen hinwegführten. Das Osterfest der Orientalischen Christen fiel zwar in diesem Jahre um fünf Wochen später als das unsrige, aber schon jetzt stellten sich in Jerusalem die Käufer solcher farbigen Waaren: die Schaaren der Armenischen und Griechischen Pilgrime ein und veranlaßten hierdurch eine lebhaftere Thätigkeit und häufigeren Sendungen. Wir traten ein wenig hinein in die geräumigen, meist steinernen Fabrikgebäude, sahen da die Menge der Arbeiter und anderwärts die mit dem Sortiren und Einpacken der leicht zerbrechlichen Fabrikate beschäftigten Leute und bedauerten sie, daß dieser große Tag des Herrn nicht auch für sie ein Tag der festlichen Freude und Stille war. Ich entfloh dem Geräusch, das übrigens nur auf diese Gebäude beschränkt schien, und suchte die sabbathliche Stille außen vor der Stadt, bei dem Türkischen Gottesacker, im Schatten der uralten Pistazien auf. Obgleich die Kochkunst unsers Arabischen Knechtes auf keiner sonderlichen Höhe stund, ward uns dennoch am Mittag das von ihm zubereitete Lammfleisch mit dem wohlschmeckenden Wein und gutem Brode von Hebron zu einem unvergleichbar köstlichem Festtagsessen. Schon Hasselquist machte die Bemerkung, daß die Rebe von Palästina zu derselben Unterart des Weinstockes gehöre, die am Rhein gepflegt wird und hier die edelsten Weine des Landes erzeugt. Selbst der Geschmack schien uns diese Verwandtschaft zu bezeugen, denn der Wein, den wir in Hebron so wie später in Bethlehem und Jerusalem tranken, gleicht hierinnen sehr unsern feurigsten, lieblichsten Rheinweinen, während des ersten Jahres ihres Alters, nur ist er reicher an Zucker und natürlichem Gewürz. Bald nach unsrer Mahlzeit machten wir uns von neuem auf, um Abners und Isboseths Grab zu sehen. Wir giengen zuerst wieder hinabwärts nach der Gegend der Moschee und betrachteten die Gemäuer einiger der größesten vormaligen Gebäude. Das, welches nach der Aussage unsers Griechischen Christen (nicht unsre Jüdischen Begleiter) die Burg Davids gewesen seyn sollte, mag wohl nur der Zeit der christlichen Herrschaft des Landes angehören und war vermuthlich die Wohnung des Bischofes von St. Abraham und seiner Geistlichkeit. Doch zu welchem ungleich älteren Gebrauch mögen so manche dieser mächtigen Werkstücke, namentlich der unteren Gemäuer, hier und an andern Stellen gedient haben. Jenes kleinere Gebäude, welches, offenbar von Türkischer Bauart, über der vermuthlichen Gruft steht, welche einst die Gebeine des Feldhauptmann Abner und Isboseths Haupt verwahrte, liegt in dem kleinen Hofe eines Türken, der gegen ein geringes Trinkgeld sich willig finden ließ uns hinein zu führen. Auch hier sind, unten im Gewölbe der Gruft jene etwa noch vorhandnen Reste des vormaligen Ehrenmahles von den Türken mit einem jener weiß angestrichnen, backofenartigen Sarcophagen überbaut und verkleidet worden, dergleichen man in Rahels Grabe wie in den Gräbern der Mohamedanischen Heiligen sieht. Durch die Sitte dieses Zudeckens und Ueberbauens haben mich die Bekenner des Islams öfters an eine Gewohnheit mancher bienenartigen Insekten erinnert, welche fremde Körper, die in ihren Bau hinein geriethen, wenn ihnen dieselben zu groß und zu übermächtig zum Hinausschaffen sind, ganz mit Wachs überwölben und verbauen. Ungleich lohnender als der Besuch von Abners Grabe war der Weg, den wir am schönen Nachmittag, welcher die Frische eines vaterländischen Frühlingstages hatte, hinan auf die im Westen der Stadt emporsteigende Anhöhe zu Jesses (Isais) Grabe machten. Wir giengen zuerst über den Türkischen Gottesacker nach jenen uralten, dickstämmigen Bäumen der Pistazien hin, deren Alter weit über jenes der türkischen Herrschaft hinausreicht. An ihren Zweigen hiengen in großer Menge die eben in höchster Entfaltung stehenden Kätzchen der männlichen Blüthen, dazwischen zeigten sich die zarten, zierlich gestalteten Fruchtblüthen. Die Nüsse dieses Baumes gehörten schon in den Zeiten der Erzväter zu den geachtetsten Früchten des Landes, denn jene Botnim, welche Jacob (nach 1. Mos. 43, V. 11) dem Joseph, dem gefürchteten Herrscher Aegyptens, nebst andern Erzeugnissen von Palästina zum Geschenk sendet, waren nicht Datteln, wie unsre gewöhnliche Uebersetzung dies aussagt, sondern Pistazien von jener edlen, ächten Art (+Pistacia vera+), welche wir hier zum ersten Mal in ihrer blühenden Schönheit sahen. Nahe bei jenen hochstämmigen Pistazien zeigte unser Israëlitischer Führer ein Feld der Märtyrer, welche in Treue gegen Jehovahs Gesetz hier dem Schwert der Heiden unterlagen. Wir nahmen jetzt unsren Weg mehr zur Linken (gegen Süden) nach einem Brunnen, der den Namen des Vater Abraham führt, so wie zwei andre, im Hebronthale gelegne, der eine nach Isaak der andre nach Jacob benannt sind. Viele steinerne Stufen führen zu dem klaren, frischen Wasser des kunstreich gemauerten Abrahamsbrunnen hinab. Da schöpften so eben Frauen und Jungfrauen die großen irdenen Krüge voll, die sie auf dem Haupte zur Stadt trugen; einzelne Männer füllten große Schläuche, womit sie ihre Esel beluden. Diese reiche Quelle leidet, wie unser Führer uns erzählte, zu keiner Jahreszeit Mangel an Zufluß; sie versorgt die Bewohner von Hebron in Ueberfluß mit dem reinsten, wohlschmeckendsten Quellwasser. Jesses angebliches Grab, zu welchem zuletzt ein sehr beschwerlicher Weg, über die zwischen die Gartenmauern herausgeworfnen Steine hinführte, liegt innerhalb dem Gemäuer eines jener alten, zur Ruine gewordnen Gebäude, dergleichen viele auf der Höhe des Berges stehen. Sie scheinen fast durchgängig einer älteren, zum Theile wohl viel älteren Zeit anzugehören als die der Muhamedanischen Herrschaft des Landes ist. Nahe bei Jesses Grabgebäude sind mehrere Häußer zusammengebaut gewesen, von denen das eine wohl einmal die Bestimmung einer christlichen Kirche gehabt haben kann. Vielleicht mag dasselbe auch von jenem Gebäude gelten, in welchem die Grabstätte gezeigt wird. Von einer brunnen- oder schachtartig senkrecht hinabführenden Oeffnung in der einen Ecke dieses Gebäudes trugen sich unsre Begleiter mit einer Sage, nach welcher jenes Brunnenschacht zu ausgemauerten Gängen führen sollte, welche in der Tiefe bis Hebron und noch weiter führten. Bei den Ruinen des Berges und rings um dieselben her sind Gärten von niedern Mauern umgeben, aus kunstlos über einander gehäuften Steinen gebaut. Der vorzüglichste Reichthum dieser Gärten sind der Oelbaum und der Pistazienbaum, daneben aber sieht man häufig unsern Wallnußbaum (+Juglans regia+), welcher durch ganz Palästina wildwachsend und einheimisch gefunden wird; neben den alten Stämmen der Feigenbäume gedeihen einige unsrer Obstarten, vor allem der Aprikosenbaum; an den freieren Abhängen breitet sich, fast ohne alle Menschenpflege der Weinstock aus. Die reiche Anhöhe, an der wir diesen Nachmittag zubrachten, hatte uns mit den schönsten Frühlingsblumen des Landes versehen. Mit buntfarbigen, duftenden Sträußen in den Händen, wie sie schwerlich der ansehnlichste Gewächsgarten unsers Vaterlandes am 26sten März zu geben vermöchte, giengen wir unsrer Wohnung zu[121]. Ich stund noch lange auf der kleinen Terrasse bei unsrem Zimmer und schaute hinaus in die von der Abendsonne beleuchtete, schöne Gegend. Ein Gewölk stieg in Westen auf, zog aber bald wie Absaloms, des in Hebron Geborenen, Aufstand gegen den König und Vater, an den Herrscherstrahlen der Sonne vorüber. Unten im Garten hatte auch die Familie unsers Hauswirthes sich heute ein ganz neues Festtagsvergnügen gemacht. Sie hatte sich unser Zelt, das wir nicht weiter als Hebron mit uns nehmen wollten, um billigen Preis verschafft, dasselbe im Garten, unter den Bäumen aufgeschlagen und diese Wohnung so angenehm gefunden, daß sie sich erst spät am Abend von ihr trennte. Das Erdbeben vom ersten Januar dieses Jahres 1837, welches mit verheerender Macht durch so viele Gegenden von Palästina sich verbreitete, hatte auch in Hebron die Häußer erschüttert und den Wunsch erregt ein Zelt zu haben, unter dessen Obdach man, bei solcher Gefahr im Freien wohnen könne. -- Armes, so oft gescheuchtes und geängstetes Volk! wann wirst du ohne Furcht und in stillem Frieden das Land deiner Väter bewohnen. Möchte doch bald einem Erdbeben, welches dir das Annahen deines Herrn verkündete, das Feuer folgen, das Alle Herzen entzündet und von dem die Liebe wollte es brennete schon (Luc. 12, V. 49), und nach dem Feuer dich jenes stille, sanfte Sausen[122] anwehen, das die Seele mit den Kräften eines ewigen Friedens erfüllt. Auch der zweite Ostertag, am 27sten März, ward noch dem sabbathlichen Ausruhen in Hebron bestimmt. Wir feierten den Vormittag still in unsrer Wohnung; am Nachmittag, der abermals lieblich kühl war, giengen Einige von uns wieder hinan auf die Berge, welche einst Mamres gesegneter Hain beschattete. Wir ließen heute den Weg, der zu Isais Grabe führt weit zur Linken, giengen zuerst, neben jenem der Türken hinan zum Gottesacker der Juden, bei dessen Gräbern ein strauchartiges Hülsengewächs seine goldgelben, schmetterlingsförmigen Blüthen entfaltete, die an Gestalt, nicht aber an den Eigenschaften der südeuropäischen Anagyris glich, denn sie hatte nichts von dem unangenehmen Geruch an sich, der an der gemeinen Anagyris bemerkt wird. Von den Grabstätten der Juden stiegen wir, in mehr nördlicher Richtung hinan nach dem Gipfel des nicht sehr steilen Berges. Die Felsart, woraus dieser besteht, gleicht unsrem Jurakalk; stellenweise zeigt sich Dolomit; Versteinerungen sahen wir heute nicht. Zwischen den vielen Felsentrümmern, die auf dem Boden umhergestreut liegen, ist dieser so fruchtbar, und die auf ihm wuchernden Gesträuche und Kräuter sind von solcher Art, daß sich der vormalige Waldboden nicht verkennen lässet. Hin und wieder bezeugten dasselbe auch unmittelbar jene alten, in den Felsen versteckten Wurzeln, aus denen die neu ausschlagende Brut der Eichen und Terebinthen zum grünen Strauchwerk sich erhub. Die Sonne neigte sich zum Untergang; es war unmöglich die äußerste Anhöhe des Berges zu erreichen, die sich, auch wenn wir sie schon erstiegen glaubten, in immer abgelegnere Ferne zurückzog. Aber schon da, wo wir stunden, hatten wir nach Süden hin die Aussicht in ein fruchtbares Nebenthal, in welchem, neben den Oelbäumen Saatfelder grünten und ein kleines Dörflein stund; gegen Osten in das Hauptthal von Hebron und die jenseit, nach dem todten Meere hin gelegnen Höhen, so wie über das bergige, von Thälern durchschnittne Land in Nord und Nordosten, durch welches der Weg nach Bethlehem und Jerusalem sich hinziehet. Mehr aber denn die Aussicht in die Ferne des Raumes fühlte sich hier die Seele durch eine Aussicht in die Ferne der Zeiten bewegt und angezogen, welche mit der andren Hand in Hand gieng. War doch hier, in dieser schönen Landschaft die Stätte jener gesegneten Hütte, zu der sich der Herr selber, im Geleite der beiden Engel, als Gast nahete; hier hat der Vater der Gläubigen die große Verheißung empfangen und mit Gott geredet, wie ein Mann mit seinem Freunde redet; hier ist der Glaube eines sterblichen Menschen zu einem festen Boden geworden, auf den die Kräfte des Himmlischen und Ewigen in sichtbarlicher Gestalt sich niederließen. Was die Kräfte in der menschlichen Natur wirkten und erzeugten, das ist nicht wie das Sterbliche dem Veralten unterworfen, und, ob selbst Sara lachen möchte hinter der Thür der Hütte, die Verheißung, dem Glauben gegeben, wird feste bleiben, auch wenn dieser, scheinbar schon ganz erstorbenen Leibes dastünde; alle Lande sollen noch voll werden der Ehre Dessen, der dem Abraham als ein Segen aller Geschlechter der Erde verkündet war. Zu den Zeiten des Kaiser Constantin hatten, wie Eusebius[123] erzählt, die Heiden, hier, bei dem Haine Mamre einen Altar, auf welchem sie, auch ohne Seinen Namen zu kennen, Dem Gottesdienst erzeigten, welcher daselbst dem Abraham erschien; wie hat sich doch in so tausendfachen Formen bei allen Völkern und Heiden der Zug des Sehnens nach Dem bewegt, der vormals bei dieser Stätte in sichtbarlicher Gestalt dem Glauben der Menschenseele entgegen trat. Ein Türke, der vom Felde kam, hatte jetzt sein Abendgebet, zur Erde gebeugt, mit dem Angesicht gegen Mekka gerichtet, vollendet; er schritt raschen Ganges an uns vorüber; wir grüßten uns freundlich. Wie gern hätte ich mit ihm, der ja auch den Vater der Gläubigen als Vater erkannte, reden mögen, was mir eben das Herz eingab. Mir fielen einige Verse ein, aus dem schönen Liede: »Ich will dich lieben meine Stärke,« namentlich jener: »Ach daß ich dich so spät erkennet, du hochgelobte Schönheit du« -- und vor Allem die Worte: »Ich lief verirrt und war verblendet, ~ich suchte Dich~ und fand Dich nicht; ich hatte mich von Dir gewendet und liebte das geschaffne Licht.« -- Ja, auch diese Kinder Abrahams, dem Fleische nach ~suchen Ihn~, den Aufgang aus der Höhe, und auch ihnen wird es, wie uns Andren, die wir ja auch von Ihm verirrt waren, noch geschehen; daß sie ewig Ihn ersehen. Nur noch ein Abend und eine kurze Nacht, und die letzte Tagreise sollte beginnen, deren naher Endpunkt Jerusalem war. Die Unruhe, welche durch die Ruhe dieser letzten Nacht vor Jerusalem gieng, möchte ich wohl eine selige nennen; es war mir wie Einem der im Felde der blühenden Lilien einschlief und den von Zeit zu Zeit der Duft der Blumen aus lieblichen Träumen weckt und in noch lieblichere hinüberführt; oder wie einem armen Sänger, der mitten im Liede des Heimwehes, das seine Hand spielte, entschlafen, sein müdes Haupt auf die Harfe legte, und den bei jeder Bewegung das leise tönende Schwirren der Saiten zu neuen Gedanken an das Lied vom Heimweh weckt. Du Morgen, an welchem einst die letzte Tagreise vor dem Eingang zu den Thoren des Friedens beginnen wird, mögest du mich einfältiger, treuer, lauterer finden, als jener, an welchem ich am letzten Tage vor dem Eingang in die Thore des irdischen Jerusalems von meinem Lager aufstund; und dennoch sey mir auch der damalige Morgen einer Pilgerreise gesegnet, die so vielfach von Zerstreuungen und geistigen Trübungen heimgesucht war. Wenn im Tempel des alten Jerusalems das Morgenopfer dargebracht werden sollte, da rief der Priester dem Wächter auf der Zinne zu: fängt es an Licht zu werden bis nach Hebron[124]? Als ich auf die Terrasse bei unserm Zimmer hinaustrat an die erfrischende Morgenluft, da rief die Wachtel in den nachbarlichen Feldern der jungen, grünen Saat ihr lautes »wachet auf, wachet auf.« Aber das Sehnen nach dem Anblick der »hochgebauten Stadt,« die vormals ein irdisches Vorbild der himmlischen Stadt war, und dereinst dies wieder seyn wird, wachte schon lange; es wachte heute mit besondrer Kraft. Die alten Geschichten Hebrons, welche am Saume von Mamres Haine so lebendig in der Seele erwacht waren, sind zu den Geschichten Jerusalems Dasselbe, was der schöne Herbstabend, an welchem der Säemann, in Hoffnung und zuversichtlichem Glauben an die Zukunft eines nahenden Frühlinges, das Saatkorn in den Boden streuete, zu dem Morgen des Frühlingstages sind, an welchem die Saat in hoher, grünender Fülle vor dem Auge dasteht, und zum Morgen des Sommertages, da man ihre reifen Garben zur Scheuer führt. Wie leicht hat es doch der treu, bei der Mutter gebliebene Kinderglaube eines spät gebornen Geschlechtes, dem die Schaaren der Zeugen, welche es erfuhren daß die Wahrheit des Glaubens wahr sey, den Weg so ebneten und bahnten. Zwischen dem geistigen Hebron eines Abraham auch dann als er auf Morija es erfahren daß der Herr Alles siehet, und zwischen der Verherrlichung des Golgathas und des Oelberges bei Jerusalem, da Abrahams spätere Geschlechter es erfuhren, daß der Herr, der Sehende, auch der alles Sehnen stillende, alles Hoffen erfüllende sey, welche Jahrhunderte der Noth, der Verirrungen, der Kämpfe lagen da innen; und der Pilgrim des heutigen Tages hat zwischen dem Morgen der in Hebron anbricht und dem Abend, der über Jerusalem anbricht nur die kurze Frist der Mühe von wenigen Stunden. Wir mußten heute, unsrer innren Eile kam es wenigstens so vor, ganz besonders lange warten, bis Alles zur Abreise bereit war. Noch einmal sollten, vor allem unser Gepäck, die Schiffe der Wüste, die Kamele weiter führen. Ich war in Begleitung meines lieben Reisegefährten Krohn, geführt von dem schon erwähnten Griechischen Christen und von einem, der Gegend besser kundigen Israëliten, der ein Verwandter unsres Hauswirthes ist, zu Fuß vorangegangen; erst draussen vor der Stadt begegneten uns jene Pferde, die außer den Kamelen für die heutige Tagreise bestellt waren. Wir nahmen zwei von diesen und folgten dann unsern Führern, die uns heute noch die Stätten zeigen wollten, an denen, der hier noch fortbestehenden Sage nach, Abraham wohnte, Nathan der Prophet begraben ward und David seinen Königspallast hatte. Unser Weg, östlicher als die gewöhnliche Heerstraße nach Jerusalem, gieng zuerst zwischen den üppig grünenden, schon dem Aufblühen nahen Weingärten hin, welche aufwärts im Thale, und im Norden der Stadt sich weithin ausbreiten. Wir wendeten uns dann rechts (nordostwärts) von der Straße ab, durch dicht grünende Saatfelder, deren Getraide eben blühete, und kamen, etwa nach einer Stunde an ein, aus riesenhaften Werkstücken zusammengefügtes Gemäuer, welches einen großen, viereckten Raum, wie einen Hof umschließt, innerhalb welchem, nach der einen Ecke hin, eine schön gemauerte Cisterne sich zeigt. Hier konnte wohl die Wohnung des reichen Besitzers der Heerden seyn, von denen ein großer Theil in dem geräumigen Hofraum bei Nacht Schutz fand. Wir trafen daselbst einen Hirtenknaben, der in dem alten, noch zum Theil gepflasterten und dennoch mit hohem Grase bewachsenen Hofraum seine Kühe weidete. Die Umgegend, rings um dieses Gebäude her, gehört zu den fruchtbarsten die wir in Palästina sahen; die Hügel sind mit Strauchwerk und Bäumen bewachsen und auch die üppig gedeihenden Kräuter der Ebene machen hier den vormaligen Waldboden kund. Von dieser Stätte, welche die Ueberlieferung der Israëliten Abrahams Wohnung, bei Mamres Haine nennet, nahmen wir die Richtung wieder fast nordwärts, dann den Abhang des Hügels hinab in ein Thal, welches voller Weingärten ist. Auf der jenseitigen Anhöhe liegt ein Arabisches Dörflein (Nabi Yunas), und in ihm ein ansehnlicheres, fast burgartiges Gebäude, welches unsre Führer das Grab Nathans, des Propheten nannten. Der Landmann, welcher in oder bei dem Gebäude wohnt, öffnete uns das Grabgewölbe; auch hier fand sich ein Türkischer Sarkophag, ähnlich den früher erwähnten; denn den Mohamedanern ist auch das Grab des Propheten Nathan ein geheiligter Ort. Bei dem Dorfe sind mehrere alte Gemäuer. Westwärts von Nathans Grabe und dem eben erwähnten Dorfe gelang man sehr bald wieder zu der Straße, die in gerader Richtung von Hebron nach Jerusalem führt; wir hatten zu unsrem ganzen Abwege nicht viel über eine Stunde gebraucht. Jener Punkt, an welchem man die Heerstraße berührt, gewährt nicht bloß wegen des gemauerten Brunnens voll reichlich fließenden, lebendigen Wassers, sondern auch noch aus andern Gründen einen interessanten Ort des Ausruhens. Es stehen in der Nähe des Brunnens, bei welchem wir uns mit unsren, gerade von Hebron hieher gegangenen Reisegefährten wieder zusammenfanden, Ruinen von Gebäuden, welche noch in ihrem jetzigen Verfall von alterthümlicher Pracht zeugen. Höchst wahrscheinlich lag hier Beth-Zur oder Bethsur, welches unter Josua dem Stamme Juda zugetheilt ward (Jos. 15, V. 58), welches von Rehabram (nach 2. Chron. 11, V. 7) und nachmals von den Makkabäern und Bacchides befestigt wurde. Hier an diesem Brunnen taufte, nach der älteren und wahrscheinlicheren Angabe, Philippus den Kämmerer der Königin Candace. Auf geradem Wege von Hebron hieher braucht man nicht viel über eine halbe Stunde. -- Die Eingebornen, wenigstens unsre Israëlitischen Freunde, nennen übrigens diese Stätte der Trümmer nicht Bethsoron, sondern Luar oder Iluel und sagen daß hier, nicht in Hebron selber, Davids gewöhnlicher Aufenthalt, während der sieben ersten Jahre seines Königreiches über Juda gewesen sey. Nahe bei den noch jetzt Herrschergewalt über das Auge übenden Ruinen, finden sich mehrere Felsengräber, weiter westwärts von dort soll die uralte Terebinthe seyn, die wir nicht besuchten. Von hier an giengen Mehrere von uns, unter denen auch ich war, den Weg zur Stadt der Städte, wie es den Pilgrimen geziemt, zu Fuß. Der Westwind, der bald über die Saatfelder, bald über den Felsengrund der Gewürzkräuter kam, hatte Eile, damit aus dem Abend der Morgen werde; das Sehnen unsrer Seele aber strebte vorwärts, damit aus dem Morgen der Abend werde. Wollte ich jetzt, ohne mein Tagebuch zu fragen, bloß der Besinnung an das folgen, was damals meine Seele bewegte, so würde ich vielleicht, ohne mir es bewußt zu seyn daß ich irrte, erzählen, ich sey an vielen Kirchlein und andern Denksteinen der christlichen Andacht vorüber gekommen, da, wo über die duftende Narde der Wind wehete und auf die Kappernstaude der weißlichen Felsen die Mittagssonne schien. Und dennoch waren all' die Kirchlein und Denksteine der »veralteten« Christenandacht, dies sagt mir mein Tagebuch, nur innerliche gewesen, denn auf dem ganzen Wege von Iluels Trümmern bis zu Salomons Teichen sahen wir keine andren Spuren der bauenden Menschenhand, als nur einen alten, verfallenen, von Gebüsch umwachsenen Brunnen. In seiner Nähe begegnete uns ein reich und halbfränkisch gekleideter Grieche, mit mehreren Gefährten, der neugierig und teilnehmend uns einsame, zu Fuße wandernde Franken fragte woher wir kämen und wohin wir wollten? Denn, in der That, das, was wir heute thaten, das wäre vor wenig Jahren noch ein kühnes Wagstück gewesen. Ich war schnell vorangegangen; zuletzt blieben nur noch Herr Franz und +Dr.+ Erdl an meiner Seite, die Andern waren zum Schutz der beiden Begleiterinnen und des Gepäckes bei der kleinen Karawane. Wir drei aber, als hätte es große Eile, waren bald im Thale, während jene noch über den Hügel zogen, oder auf der Höhe, wenn jene im Thale weilten und zuletzt verloren wir, ohne es zu bemerken, die Gefährten ganz aus dem Auge. Die Stunde des Nachmittags war eben vorüber, da kamen wir von einem wenig gangbaren Stege, auf den wir uns verirrt hatten, den steilen, mit Felsenstücken bestreuten Abhang hinab, zur Mündung des Nebenthales, in welchem »Salomons Teiche und versiegelte Brunnen« liegen. Ich werde von diesen später erzählen; heute galt es nur das Vorwärtskommen zum Ziele. Neben Salomons Teichen geht der genauere Richtweg gen Jerusalem etwas westlicher über die Berge hinan; diesem folgten unsre Reisegefährten mit den Kamelen und Pferden; wir drei, nachdem wir uns an dem frischen Wasser erquickt hatten, dessen Brunnen nach dem Namen des weisesten der Könige genannt ist, blieben an dem Wege, welcher der alten Wasserleitung folgt, die am höhern Abhange des Berges nach Jerusalem sich wendet. Es ist dieses zugleich, bis zur Anhöhe hin, die man in dieser Richtung ebenen Fußes erreicht, der Weg nach Bethlehem. Nur wenig weiter, nordwärts im Thale, siehe da lagen uns zur Rechten, im Thale, Salomos verschlossene Gärten. Es war dieß das dritte Mal im Jahre, daß uns der Frühling mit seinen blühenden Fruchtbäumen, von denselben Arten wie sie in den Gärten der lieben Heimath stehen, begegnete. Das erste Mal trafen wir ihn, schon im Januar, in Aegypten; das zweite Mal, im Februar, schon in einer herrlicheren Gestalt, in den Gärten des Katharinenklosters am Sinai, und heute, am 28sten März, girrte uns die Turteltaube der Felsen bei den blühenden Aprikosen- und Kirschenbäumen der Salomonischen Gärten an. Die Turteltaube dieser heiligen Stätte, sie schien hier anders zu sprechen denn vormals, als sie in Südfrankreich zu mir redete; anders als im Nilthale und in den Felsen Arabiens: sie redete deutlicher die Sprache des Freundes, welcher unter den Rosen weidet: siehe der Winter ist vergangen; der Regen ist weg und dahin. Die Blumen sind hervorgebrochen aus dem Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und ich, die Turteltaube, lasse meine Stimme hören im Thale; die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch. So stehe nun auf, o Seele, komm' und schaue und genieße die seligen Freuden dieses Landes. Zu unsrer Rechten öffnete sich jetzt eine ganz besondre Aussicht. Es war die auf den seltsam, wie ein Altar von welchem die Rauchsäule des Opfers aufsteigen soll, gestalteten Frankenberg[125] mit seinen Nachbarhöhen. Weiterhin zeigten sich, am jenseitigen Abhange mehrere Thürme gleich jenen Wacht- und Schutzthürmen, welche die alte, deutsche Ritterzeit erbaute. Wir hatten jetzt den äußersten (nördlichen) Rand des Höhengürtels erreicht, der das Thal der Salomonischen Gärten umschlingt, da lag vor uns in Norden, jenseit des tiefen, gäh abfallenden Thales, auf der Höhe des Felsenberges, Bethlehems Stadt; neben uns, zur Rechten (gegen Osten), das grünende, von Bäumen beschattete Feld der Hirten: das Feld des Gesanges der Engel. -- Wer sollte da nicht fröhlich gewesen seyn! Hatten ja die Engel hier an dieser Stätte ihr Lied vom Frieden und von dem Wohlgefallen über und an den Menschen auch für uns mit gesungen: sie hatten uns dieß an so manchem, lieben Weihnachtsabend in der winterlich kalten Heimath gethan, heute aber waren die Himmelskräfte des Weihnachtsfestes mit der Fülle des herrlichsten Frühlingstages überkleidet; jeder Lufthauch der aus den Weinbergen und blühenden Gärten des Hügels herüberkam wiederholte die Worte des Preises, des Friedens und des Wohlgefallens womit seit jener seligen Nacht jedes vorübergehende Menschenalter und Geschlecht der Pilgrime das andre begrüßt. Wir neuen Ankömmlinge in dieser Gegend hatten beim Hinabsteigen von dem Hügel nicht den gewöhnlicheren und bequemeren Weg gewählt, den wir bei unserm, zweiten, längeren Besuch in Bethlehem kennen lernten; auch das Hinanklimmen an den steilen Berg, auf welchem die Stadt wie eine Burg des Friedens fest gegründet steht, gieng nicht ohne große Beschwerde ab, doch nun war sie ja erreicht, die Stadt Davids, die lieblichste, die bedeutungsvolleste unter allen Wiegenstätten der Erde. Das große, in seiner Bauart einem Kastell gleichende, lateinische Kloster, das an dem einen Ende der Stadt stehet, machte sich uns von selber kenntlich; vor seinem verschlossenen Thore empfieng uns der Arabische Thürhüter und ließ uns durch das Pförtlein hinein, das in dem einen Thorflügel angebracht ist; so klein, daß man nur gebückt hinein gehen kann. Die armen Väter des Klosters müssen noch immer, wenigstens gegen die Zudringlichkeiten wenn auch nicht Gewaltthaten der Araber auf beständiger Hut seyn, obwohl die Sicherheit des Landes, wie wir ja dieses selber auf unserm heutigen Wege erfuhren, den wir unbewaffnet und ohne Führer machten, jetzt eine ungleich größere ist, als sie noch vor wenig Jahren war. Wir wurden in ein freundliches Zimmer geführt, dessen Fenster nach dem kleinen Garten hinausgehen; bald trat der Prior des Klosters, ein geborner Spanier zu uns herein, der uns freundlich bewillkommnete. Der Leib war zwar wohl des Ausruhens und der Erquickung bedürftig, denn wir hatten seiner Pflege heute nur wenig gedacht, aber das Verlangen nach einem Ausruhen von geistiger Art lag uns noch näher an; wir wollten gerne, wenn auch heute nur wie Vorübergehende, Bethlehems heilige Grotte begrüßen. Der Prior erfüllte gern unsren Wunsch; durch die langen Kreuzgänge des alten Klostergebäudes hindurch, dann durch die uralte, innen mit Teppichen ausgekleidete Basilika führte er uns hinab zu dem Raum der Felsen, da, nach dem unbestrittenen Zeugnisse schon der ersten christlichen Jahrhunderte, Christus geboren ward. Es ist eine große, natürliche Höhle des Gebirges, die ihren eigentlichen Eingang vom Tage herein, außerhalb des Gebäudes hat, zu welcher aber, innerhalb der darüber gebauten Kirche von oben herab eine Treppe führt. Auf dieser waren wir jetzt hinuntergestiegen in den von Lampenlicht beleuchteten, innersten Raum der Höhle, dessen Wände und Boden die Andacht der christlichen Jahrhunderte mit Marmorplatten ausgelegt hat. Und siehe, hier in diesem verborgnen, engen Raume war die Stätte, da Er, den Erde und Himmel nicht umfassen, in Kindesgestalt erschien; hier hat uns zuerst besucht, der Aufgang aus der Höhe. Der gute Prior trat so still auf und sprach so leise, als fürchte er einen theuren Schläfer zu stören; und in der That, das Gefühl, welches den Pilgrim bei dem ersten Eintreten in die Grotte von Bethlehem ergriff, war von solcher Art, daß auch die Beschreibung desselben nur leise andeutend aufzutreten vermag. Es war als halleten, in dem von Ehrfurcht durchdrungenen Herzen jene Worte eines heiligen Buches nach, das von dem Geheimniß des Einswerdens der Seele mit Dem redet, der ihres Wesens und Sehnens Anfang und Ende ist: »Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei dem zarten, frühe gejagten Rehe des Feldes, daß ihr Ihn, den meine Seele liebet, nicht aufreget noch wecket, bis daß es Ihm selber gefällt.« -- War doch diese süße Ruhe am geheiligten Herzen der liebenden Mutter die einzige, welche Dem auf Erden vergönnt war, der die Angst und Unruhen des frühe gejagten Rehes für sich erwählte, nur damit wir Frieden hätten und Ruhe. Die kindliche Andacht eines erst heute hier gewesenen Pilgrimes hatte einen duftenden Blüthenzweig neben die heilige Krippe gestellt. Es hätte nicht dieser äußren Erinnerung an den draussen auf den Bergen und in den Thälern wiedergekehrten Frühling bedurft; Bethlehems Geschichte und innerliche Erinnerungen schließen dem Geiste das Land eines ewigen, unvergänglichen Frühlinges auf. Wie verständlich wird der Seele hier bei dieser Stätte jener Zug der Liebe der den Kirchenvater Hieronymus an die Grotte zu Bethlehem band. Dort in einer Nebenkammer der Höhle verweilte der Greis und wollte hinfort nicht mehr unter anderm Obdach wohnen; in einem andren Raume des Felsens haben die geheiligten Frauen Paula und Eustochia ein Leben des seeligen Friedens genossen und geendet. Und wem sollte es hier nicht wohl seyn und werden im Anblick des unvergänglichen Morgenrothes eines Tages der Ewigkeit; wem sollte das alternde Herz nicht wieder jung werden und neu aufleben, wenn er im Geiste das Kind anblickte das unter allen Menschenkindern dem Geiste als das schönste und liebenswertheste erscheint. Zuweilen geschieht es uns selbst im Traume, daß wir, auch wenn uns im wachen Zustande die Gabe der Dichtkunst versagt ist, ein Lied singen oder lesen, als sey es uns von einem fremden Meister gegeben; hier bei der Krippe von Bethlehem wurde dem in Liebe bewegten Gemüthe in noch viel andrem, höheren Maaße als dies im Traume geschieht ein neues Lied gleich wie auf Zunge und Lippen gegeben; ein Lied das noch lieblicher tönte und zugleich in lebenskräftigeren Worten sprach als der Hymnos der Posaunen, auf Sinais Höhen, oder der Gesang der Klage um Aaron und über Hiobs Jammer, auf dem Gipfel des Hor. Die Kräfte dieses neuen Liedes sind vor Allem es gewesen, welche die Schritte von Bethlehem nach Jerusalem wie zu einem Fluge machten. Es war schon nahe an fünf Uhr des Nachmittags als wir vom Kloster der heiligen Grotte schieden; der Prior entließ uns ungern, weil in Jerusalem, wohin man zwei Stunden Weges rechnet, die Thore mit Sonnenuntergang verschlossen werden und ein späterer Einlaß auch der Fußgänger, überaus schwierig, ja fast unmöglich ist. Uns aber, die wir ja später noch einmal nach Bethlehem zurückkehrten und dann länger da verweilten ließ das Sehnen nach der »hochgebauten Stadt,« nach welcher der größere Theil unsrer Reisegefährten schon voraus gezogen war, keine Ruhe mehr. Nicht fern von der Stadt fanden wir unsern Arabischen Knecht, den die sorgsame Hausfrau uns zum Führer und Begleiter zugesendet hatte. In einiger Entfernung von uns, gegen Westen, zeigte sich, schon durch die Beschreibung seiner Lage erkennbar, Rahels Grabmahl, welches bis auf diesen Tag am Wege gen Ephrata-Bethlehem zu sehen ist. Ich hatte noch niemals jene Worte des gesalbten Dichters, welche von einem Fröhlichwerden der Gebeine reden (Ps. 51, V. 10) so an mir selber erfahren und verstanden als heute; die Last der Ermüdung und des Alters waren hinweggenommen; uns däuchte es wir seyen so eben aus Bethlehem ausgegangen, da fanden wir uns schon auf der Anhöhe in der Mitte des Weges, bei dem Eliaskloster und in der Nähe jenes Brunnens, bei welchem den Weisen des Morgenlandes von neuem der Stern erschien, der sie zur Stätte geleitete da Jacobs Stern, das Licht der Heiden aus dem Schweigen der Nacht hervorgebrochen war. Und siehe, da lag vor uns, vom hellen Glanze der Abendsonne beleuchtet, Zions Burg mit ihren Zinnen, Morijas Tempel und Jerusalems Stadt. Als hier auf diesen Höhen, der Vater der Gläubigen, Abraham, auf dem Wege von Süden kommend sein Auge aufhub und Morijas Felsen von ferne sahe; als er von hier an mit Isaak, dem Sohne der Verheißung allein gieng und auf die Frage des Knaben, wo ist aber das Lamm zum Brandopfer? antwortete: Gott wird Ihm ersehen ein Lamm zum Brandopfer[126], da regte sich in ihm ein Geist der Voraussicht nicht nur des nahen sondern eines fernkünftigen Tages jener Herrlichkeit des Herrn, welche die auserwählte Stätte des Opfers erleuchten sollte. Als fast zweitausend Jahre nachher, Der, welcher in einem höheren Sinne denn Isaak als Lamm zum Brandopfer ersehen war, von jenen nachbarlichen, in Nordosten gelegnen Höhen, die Stadt von ferne sahe, da überblickte er, mit göttlich klarem Erkennen die ganze Hinausführung des Rathschlusses einer ewigen Erbarmung, über das Geschlecht des Menschen, von Abrahams schwerem Glaubensgange an, nach Morija, bis zu dem noch schwererem der Leiden des Menschensohnes auf Golgatha, und seinem Triumph auf des Oelbergs Höhe, ja bis zu dem letzten der Kämpfe und Siege. Der Pilgrim, welcher abermals nach fast zwei Jahrtausenden, seit Golgathas und des Oelberges großen Geschichten, Jerusalem von ferne erblickt, siehet, gleich jenen Lichtern, welche in der Thräne eines Menschenauges zittern, in nahem Beisammenseyn alles vergangene und künftige Bewegen einer Welt des Göttlichen und Geistigen, die einst sichtbarlich dort über den heiligen Bergen wohnte und waltete, und noch jetzt ihr Aufsehen auf Zions Stätte gerichtet hat. »Ja, der Herr ist König ewiglich, dein Gott o Zion für und für.« Das Heer der Kreuzfahrer, welches Gottfried von Bouillon gen Jerusalem zum Kampf und Siege führte, da es von der Höhe des nördlichen Blachfeldes die heilige Stadt erblickte, hatte auf einmal aller bisher erduldeten Mühen und Beschwerden vergessen; ein Gesang der Hymnen ergriff, wie ein Sturmwind im Walde der Eichen, seine ganzen Schaaren, das Auge, selbst der rohesten Krieger, füllte sich mit Thränen der Freude; anbetend naheten sie sich dem hehren Ziele ihrer sorgenvollen Fahrt. Wer möchte nicht gern, in der vollesten Kraft das mit und nachempfinden was jene empfanden? Und doch wird wohl Jedem der nicht allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem ein Solcher ist, dessen ~Herz~ nicht vernahm was in seinen Mauern geschehen ist, nach seinem Maaße von einem Schauer der Ehrfurcht ergriffen werden, wenn sich die Königin der Städte, die noch jetzt, in ihrer Wittwentrauer, ein hehrer Anblick ist, zuerst seinem Auge zeiget. Ich fühlte und bemerkte nichts mehr als den Zug des Sehnens in meinem Innren und das neue sichtbarliche Ziel nach welchem der Zug hingieng; ob ich, im Anschauen verloren, still stünde oder mit so eiligen Schritten fortgienge, das hätte ich nicht bemerkt, wären wir nicht auf einmal, in unerwartet kurzer Zeit hinabgekommen zum untren Teich, im Thale Gihon, welches weiter gen Süden in Ben Hinnoms Thale endigt. Da wir gegen das Thor hinangiengen, gesellten sich zu uns die Schaaren der Pilgrime, welche den schönen Frühlingsnachmittag außerhalb der Stadt, in den grünenden Thälern und Auen zugebracht hatten; die weiß gekleideten Frauen und Kinder, im Schutze der Väter und Brüder; mit ihnen zogen wir ein in das Thor und die Gassen der Stadt. Jener fromme Israëlit eines früheren Jahrhunderts, da er in das Gewand der tiefsten Trauer gehüllt zu Jerusalems Thore eingieng, wandelte, gebeugt von Schmerz, singend unter Thränen ein Lied des Jammers und der Klage über Zions Trümmer hin. Dieser Schmerz über Jerusalems Fall und Zerstörung, so gerecht er scheinen möge, ist nicht das einzige, nicht das vorherrschende Gefühl das den Christen beim Anblick der tief erniedrigten Königsstadt ergreift, denn dieser weiß es, daß, als Jerusalem, das irdische zerbrochen ward, der Bau eines himmlischen schon begründet war, welcher nicht zerbrochen werden kann, und dessen Thore niemals geschlossen sind für den Pilger, der in sie einzugehen begehrt. Wir giengen sogleich zur gewöhnlichen Herberge aller Fremdlinge die aus den Abendländern kommen: zu dem Kloster St. Salvator. Ich hatte durch die Vermittlung eines vielvermögenden Freundes einen sehr gütig mich empfehlenden Brief an die Väter des heiligen Landes, vom Cardinal Franzoni in Rom erhalten; aber auch ohne diese Empfehlung würde uns im lateinischen Kloster die freundlichste Aufnahme geworden seyn, denn es ist die Weise der in ihm wohnenden, guten Väter, alle Pilgrime, die seinem Dache sich nahen, nach Kräften zu bewirthen und zu verpflegen. Wir neuen Ankömmlinge wurden zuerst zu einem Besuch bei dem damaligen Quardian des heiligen Grabes, dem venerandissimo Padre Saverio da Malta ins Kloster eingeladen. Er und der Padre Secretario empfiengen uns sehr freundlich; es wurde mir, nebst einigen meiner Freunde eine Wohnung im Kloster angeboten, wir zogen es jedoch vor in dem nachbarlich angränzenden Pilgerhauße mit der Gesellschaft unsrer übrigen Reisegefährten beisammen zu bleiben. Es war Abend geworden, als wir unter das Obdach eingingen, das nun auf mehrere Wochen uns in der hochgebauten Stadt bewirthen sollte. Drei Zimmer die zum Theil erst heute wieder leer geworden, unter ihnen ein sehr großes, hatte man uns eingeräumt; es herrschte in dem abgelegenen Hofe, nach welchem diese Zimmer die Aussicht hatten, eine Ruhe und Stille, wie in den Vorhöfen eines Tempels; auch in uns war ein seliges, stilles Erwarten, wie es die Seele am Vorabend eines hohen Festes empfindet. Die erste Woche in Jerusalem. Der Morgen grauete kaum, da hatte ich schon den Weg zu dem platten Dache gefunden, das über der Reihe unsrer Zimmer war. Der Mond, fast im letzten Viertel, schien noch klar und hell am Himmel, über dem Oelberg fuhren die ersten Strahlen des Tageslichtes auf. Es hat, wie ich dieß schon bei andrer Gelegenheit erwähnte, immer zu einem meiner Lieblingsvergnügungen auf Reisen gehört, in fremden Land und in fremder Stadt den Morgen erwachen zu sehen. Er erwacht ja überall, wie aus Gedanken des Traumes von dem was gestern und ehegestern war und trägt das Gepräge der Gedanken, die in ihm sind, an seiner Stirne; wo aber könnte der Morgentraum, der des Vergangenen gedenket, großartiger und Theilnahme erregender seyn als in dem Gewölk des Sonnenaufganges das über dem Oelberg, über Gethsemanes Thale, über Morija und Golgathas Tempel schwebt. Noch war mir das Ganze, das mein Auge von dem hochgelegnen Dach überblickte, in vielen seiner Theile fremd und neu; doch wer könnte dort in Osten den Oelberg, mit der Kirche der Auffahrt verkennen; wer sollte nicht errathen, daß die Thalschlucht da in Südosten der Weg des Kidron nach dem todten Meere sey, und daß einige der jenseits herüberblickenden Höhen schon zu Pisgas Bergzug gehören. Die Höhen gegen Süden hatten wir auf unsrer Reise vom Hebron hieher selbst durchwandelt; in Norden schließt sich das hohe Blachfeld an, über welches zur Linken der Weg nach Ramla und Joppen (Jaffa), zur Rechten aber nach Nazareth und nach Damaskus führet. Aus den allmälig heller werdenden Häußern der Stadt erhebt sich am östlichen Ende die Moschee des Omar, an der Stätte, da einst Salomo's Tempel stund; näher heran aber, mit ihren beiden Kuppeln, gegen Omars Moschee gar klein erscheinend, die Kirche des heiligen Grabes. Neben den Gedanken der Kämpfe, welche hier über diesen Hügeln gekämpft wurden, erwachten, mit dem Morgenlicht des neuen Tages zugleich jene Gedanken des Friedens, welche von Ewigkeit über Jerusalem gedacht waren und ohne Aufhören über ihm bleiben werden[127]. Wer könnte aber, wenn in ihm Kraft zum Gehen ja nur zum Kriechen ist, die Stadt der Städte so nahe zu seinen Füßen sehen, ohne sich von ihr hinabgezogen zu fühlen zur unmittelbaren Betrachtung und Berührung. Wir warteten keinen Führer aus dem Kloster ab, sondern machten uns allein auf den Weg, begleitet von Herrn Mühlenhof, der schon mehrere Male in Jerusalem war. Jener Jäger, der den Lieblingsjünger des Herrn, Johannes den Evangelisten besuchte, fand den heiligen Greis, den er sich nicht anders als in beständigem Gebet oder lehrend und schreibend gedacht hatte, kindlich spielend mit einem zahmen Adler, und würde an diesem Anblick ein Aergerniß genommen haben, wenn der Jünger ihn nicht liebreich belehrt hätte über die Nothwendigkeit des Wechsels zwischen Ausruhen und Thätigseyn, welcher der Geist des Menschen unterliegt, so lange er die irdische Hülle bewohnt. Wer möchte sich nicht gern Jerusalem, die heilige Stadt, als eine solche denken, an deren Aeußerem schon Züge jenes stillen Ernstes und jener Andacht sichtbar wären, von denen der Pilgrim, der hinaustritt in ihre Gassen, sich durchdrungen fühlt. Solchen Zügen begegnet man auch wirklich fast auf jedem Schritte; man darf sich jedoch nicht ärgern an der bunten Decke der Gegenwart, welche die ernsten Züge der großen Vergangenheit verhüllet. Und doch wäre dieses mir und einem meiner jüngeren Freunde, der neben mir gieng, fast geschehen. Das Alltagsgewühl der Gassen so wie der von Käufern und Verkäufern erfüllten Bazars machte auf uns einen ähnlichen Eindruck, als etwa auf Kinder, denen heute der Vater starb, das alltägliche, scherzhafte Geschwätz eines von Gästen erfüllten Nachbarhauses. Die Stadt war schon sehr gefüllt von den Schaaren der orientalischen Christen, welche die ihnen noch bevorstehende Feier der Passionswoche und des Osterfestes hieher gezogen hatte. Ihnen, von denen Manche vielleicht erst gestern oder heute angekommen waren, konnte man die Aeußerungen der Freude über das glückliche Erreichtseyn des ersehnten Zieles nicht verargen, wenn auch diese Aeußerungen von andrer Form waren als bei uns; eben so wenig den Käufern und Verkäufern der vielerlei Waaren, die laute und geräuschvolle Art mit der sie ihr Gewerbe trieben. Da stunden wir denn auf dem Vorplatz vor der heiligen Grabeskirche. Auch ihn fanden wir erfüllt, wie dies vormals die Hallen des Tempels auf Morija waren, von den Schaaren der Käufer und Verkäufer jener mannichfachen Erinnrungszeichen an Jerusalem, welche die Pilgrime gewöhnlich von hier mit sich nehmen in die Heimath. Wir hatten gehofft die Thüre der Kirche offen zu finden: unsre Erwartung sah sich getäuscht. Noch immer sind die Schlüssel zu dieser dem Christenglauben ehrwürdigsten Kirche in den Händen der Türken, welche selbst in der österlichen Zeit nur zu gewissen Stunden ihre Thüren aufthun, oder, gegen reichliche Belohnung, auch zu andrer Zeit den Fremden sie öffnen. Wir hatten versäumt vom Kloster aus um das Aufthun der Kirche nachsuchen zu lassen; Keiner von uns wußte wo die Thürhüter zu finden seyen; so mußten wir uns begnügen das ehrwürdige Gebäude vorerst nur noch von außen zu betrachten. Während wir da, auf einem jenseits des Vorplatzes gelegnen Gemäuer stunden und anschaueten, wendete sich das Gespräch zwischen mir und dem Freunde, der dort mit mir war, auf die älteren so wie neueren Bedenklichkeiten über die Oertlichkeit des heiligen Grabes. Auch hier, in der Beschreibung meiner Reise scheint es mir nöthig, mich mit meinen Lesern über die historische Bedeutung der heiligen Grabeskirche zu verständigen. Ein Umstand auf den sich der Zweifel hauptsächlich gründete, daß die Stätte von Golgatha und dem heiligen Grabe da zu suchen seyen, wo die Andacht der späteren Christen sie verehrte, war der, daß ja dann beide innerhalb der Stadtmauern müßten gelegen seyn, was im offenbaren Widerspruch mit der Schrift so wie mit den Einrichtungen und Sitten der Jüdischen Hauptstadt stünde. Dieser Anstoß des Zweifels ist durch die neueren Untersuchungen über die Lage und den Umkreis der alten Stadtmauern zu Christi Zeit gehoben worden, denn aus ihnen hat sich ergeben, daß die damalige Mauer von der Burg Davids nicht wie die jetzige nach Westen sich verlängerte, sondern von der östlichen Ecke der Burg sich zuerst gegen Nordosten wendete, dann nordwärts und zuletzt in N. N. W. zu der Gegend des jetzigen Damaskusthores verlief[128]. Bei dieser früheren Begränzung der Stadt lag jene ganze westliche Ecke derselben, die jedem Auge als ein unsymmetrischer Ansatz erscheint, an welcher anjetzt das Lateinische so wie der größere Theil des Griechischen Klosters und die Kirche des heiligen Grabes stehen, außerhalb der älteren Mauern, von denen sich noch unverkennbare Ueberreste bei dem Gerichtsthor (+Porta judiciaria+) finden. Allerdings wurde auch diese Gegend der jetzigen Stadt, an welcher schon zu Christi Zeiten die vereinzelten, von Gärten umgebenen Häuser der Neustadt (Bezetha) stunden, späterhin, unter der Regierung des Kaiser Claudius durch Agrippas des Ersten Vorsorge von einer neuen (der dritten) Mauer umfasset; diese Veränderung des alten Umrisses der Stadt fällt jedoch erst nahe gegen zehn Jahre nach Christi Kreuzigung[129]. Außer diesen bloß negativen, die Zweifel abwehrenden Gründen finden sich auch noch andre, positive für die Aechtsprechung der Oertlichkeiten des heiligen Grabes und der Schädelstätte. Auch nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus hatte die Liebe, welche für die Fußtapfen des Geliebten so aufmerksame, scharfe Augen besitzt, Golgathas Stätte, mitten unter den Trümmern wiedererkannt und aufgefunden; das gescheuchte Häuflein der Jünger, wie mit Flügeln der Taube, »welche den Weg zur Heimath kennet,« besuchte vielfältig die geheiligte Stätte, und feierte hier das Andenken des größesten der Siege. Kaiser Hadrian der Hochgebildete (denn die hohe Bildung schützet nicht vor dem Widerwillen gegen die Einfalt des Christenglaubens) hatte, um den Wallfahrten der Nazarener nach Golgathas nun zur Aelia Capitolina gehörigen Felsen ein Ende zu machen, sechs Jahrzehende nach der Zerstörung Jerusalems an die Stelle, da Christus gekreuzigt ward, einen Tempel der Venus erbauen lassen; über dem Felsen, in welchem das heilige Grab gewesen, stund ein Bild des Jupiter[130]. Die Unsauberkeiten des Venusdienstes hatten allerdings die armen Tauben der Wüste, welche in der reinen Luft der Höhen wohnen, verscheucht; dennoch hatte auch diesmal, wie dieß so oft geschieht, der Haß für die Liebe den Weg bereitet. Da nach dem Verlauf von fast zwei Jahrhunderten (im Jahre 326 n. Ch. Geb.) die Kaiserliche Pilgerin Helena, damals in Jerusalem weilend[131], in Vollmacht und nach dem Wunsche ihres Sohnes, des Kaiser Constantin jene heiligen Stätten wiederaufsuchte, um sie zu Christentempeln zu weihen, da gaben gerade die Ueberreste der heidnischen Götzentempel den Forschungen einen sichren Anhalt. Als am Fuße des Felsens Golgatha unter dem hinweggeräumten Schutte die Grotte des heiligen Grabes, so wie die Sage der früheren Menschenalter sie beschrieben, wieder aufgefunden, als sie unter dem Triumphgesang der Christen wieder gereinigt und zur Stätte der Andacht geweiht war, da erhub sich die christliche Baukunst zu ihren ersten, jugendlich schönen Werken. Das domartige Dach über dem Grabesfelsen wurde von hohen Säulen getragen; das geheiligte Grab umgab ein Vorhof der mit glänzendem Gestein gepflastert und an drei Seiten von Säulenhallen umgeben war. Die Basilika, der Tempel darinnen die betende Gemeinde sich versammlete, stund ostwärts von dem heiligen Grabe (da wo Golgathas Stätte ist). Das Auge der damals lebenden Christen hatte noch keinen solchen Tempel, seinem Herrn zu Ehren gesehen, darum wird uns von den Zeitgenossen, mit überfließendem Lobe die Größe und Höhe, die buntfarbige Mosaik der äußeren Mauern, das bleierne Dach, die marmorne Auskleidung der innren Wände, das prachtvolle Schnitzwerk der Decke und die reiche Vergoldung gerühmt, von welcher vor Allem das Inwendige der Basilika strahlte. Der Eingang war im Osten. Ehe jedoch die Schaar der zum Tempel Wallenden zu dem Halbkreis kam, den zwölf hohe Säulen vor diesem bildeten, und zu den drei kunstreichen Thüren, die ins Innre führten, führte ihn zuerst sein Weg durch prachtvolle Propyläen und den großen, von Hallen umgränzten Vorhof. So hatte sich die Kunst bemüht, auch den Eindruck der Andacht auf die äußern Sinnen mit jedem Schritte zu steigern, der zum Ziele der Wallfahrt: dem jenseits der Basilika gelegnen heiligen Grabe führte. Auch an der nördlichen wie an der südlichen Seite der Basilika fand sich ein Anbau der reich vergoldeten Hallen und über der Stätte der Kreutzesfindung erhub sich eine besondre Kapelle. So stund der Bau bis Chosroes der Perserkönig, durch den Neid der Juden hiezu bewogen, im Jahr 614 ihn verheerte und seiner goldnen Zierrathen beraubte. Doch hatte schon im Jahr 628 Kaiser Heraclius das Ganze wieder hergestellt, und Omar der Kalife, dem sich im Jahr 639 die feste Stadt, nach zweijährigen tapfren Widerstand ihres Patriarchen Sophronius ergab, bezeugte den heiligen Stätten des Christenglaubens solche Ehrfurcht, daß er nur auf den Stufen des Einganges der Kirchen knieend seine Andacht verrichtete, damit, seinem Beispiele folgend, auch keiner seiner Krieger in die Tempel hineingehen und die Andacht der Christen stören möchte. Dreihundert und siebenzig Jahre lang freueten sich die Christen an dem ungestörten Besitz ihres Tempels zu Jerusalem, bis Hakem, der Aegyptische Kalif im Jahr 1010 ihn abermals verwüstete. Aber auch dieser Aegyptische Herrscher bereuete später seine Härte gegen die Christen; er, so wie sein Sohn Daher gaben Erlaubniß zum Wiederaufbau der zerstörten Kirche Jerusalems und schon im Jahre 1048 unter dem Patriarchen Nicephorus erhub sie sich wieder aus ihren Trümmern. Die noch immer vereinzelt stehenden Kapellen des Grabes, der Kreutzigungsstätte und der Kreutzesauffindung brachten um ein halbes Jahrhundert später die ersten christlichen Könige von Jerusalem unter ein gemeinsames Dach und verbanden sie zu jenem nicht ganz regelmäßigen Ganzen, das noch jetzt in seinem Hauptumriß unverändert dastehet, obgleich der große Brand, der im Jahre 1807 die Kuppel über dem heiligen Grabe zerstörte und der spätere Wiederaufbau derselben im Einzelnen einige Veränderungen herbeigeführt hat. Man darf sogar behaupten, daß die eigentliche, innre Kapelle des heiligen Grabes noch in dem ursprünglichen Felsengestein sich finde, obgleich der Fels, damit man ihn in die Kirche aufnehmen konnte, nach allen Seiten so weit als nöthig behauen und abgetragen, so wie von außen und innen mit Marmorplatten ausgelegt ist. Auch Golgathas Fels, mit der Stelle der Kreutze, steht noch, wiewohl von Marmor überkleidet, im östlichen Theile des großen Tempels. So hat seit der Zerstörung Jerusalems ein Jahrhundert dem andren die Anerkennung der Stätte, wenigstens des heiligen Grabes und Golgathas aus Hand in Hand gegeben, und über jene christlichen Menschenalter hinüber, welche nicht wie Pilgrime sondern nur wie eilig Fliehende an der geheiligten Einöde der Trümmer vorüberzogen, und deren Aussage mithin eine minder sichre gewesen wäre, hatte die Feindschaft der Heiden, durch Hadrians Götzentempel, einen sichren Wegweiser bilden müssen. Die Stunden in Jerusalem vergehen schnell. Wir waren in unser Pilgerhaus beim Lateinischen Kloster zurückgekehrt und hatten da Einiges, das zum heutigen Tagwerk paßte, gelesen; ehe wir es erwarteten, kam der freundliche Padre Secretario, um uns ins Innre der heiligen Grabeskirche zu geleiten. Die Thüren waren jetzt geöffnet; mit uns zugleich drängten sich die Pilgrime der verschiedensten Völker des Morgenlandes, Kopten, Georgianer und Maroniten, Armenier und Griechen hinein zu den Felsen, welche Zeugen einer ersten so wie einer zweiten, höheren Schöpfung gewesen. Da ich aus diesen Schaaren die Aeußerungen der Andacht, bei Vielen, auch den stärksten Männern des Gebirges von Thränen begleitet, in den verschiedensten Sprachen vernahm, war es mir als sähe ich, wenn auch nur im schwachen Vorbilde und noch mitten im Elende der Gegenwart, die Herrlichkeit jener Zeit, da sie zu Zion predigen werden den Namen des Herrn und Sein Lob zu Jerusalem; wenn (hier) die Völker zusammenkommen, und die Königreiche, dem Herrn zu dienen (Ps. 102 V. 22, 23). Ja, ich freue mich deß, das mir geredet ist, daß wir werden ins Haus des Herrn gehen; und daß unsre Füße werden stehen in deinen Thoren, Jerusalem (Ps. 122 V. 1, 2). Siehe diese meine Freude ist heute erfüllt. Vielleicht hat es Jeder von uns, der Leser wie der Schreiber, einmal in seinem Leben erfahren, daß es Freuden wie Schmerzen im Leben giebt, die, wenn sie da sind, unsre ganze Seele erfassen und so tief in dieselbe hineinreden, daß alle Kräfte des innren Menschen zu einem Aufmerken und Verstehen der Rede geworden scheinen, und daß dennoch, wenn die Augenblicke des Zweigespräches vorüber sind, und die Seele gefragt wird: was hast du vernommen? sie antworten muß: ich weiß es nicht. Bei Einigen, denen dieß begegnet, wie vielleicht bei dem Pilgrim, der dieses schreibt, mag der Grund des Gebundenseyns der Sprache, über das was die Seele erfuhr, in der großen Verschiedenheit des alltäglichen, kalten, todten Wesens von jenen Augenblicken liegen, da auch die ärmste Seele besucht wird von dem Aufgang aus der Höhe; bei Andren verbergen sich solche Begegnisse aus der oberen, seligen Welt, tief ins Innre, damit der Rost und die Würmer des täglichen Treibens der Welt sie nicht verderben, und sie behalten bleiben mögen in ihrer ganzen Kraft für die selige Erinnerung der Ewigkeit. Ihr Augenblicke, da ich zum ersten Male knieete und anbetete an der Stätte, da der Leib Dessen, welcher aller Verleiblichung Anfang ist, auf kurze Stunden ruhete; dann da, wo auf Golgathas Felsen das große Werk der Errettung vollbracht ward, wie wenig würde von Dem, was ich in euch empfand, für das Seyn das jenseits ist, zurückbleiben, wenn es hier nur die eigne Kraft, die eigne, lautere, unverfälschte Stimmung gälte. Und dennoch, der Fels, auf dem das Kreuz stund, so wie Jener in welchem Er, welcher Macht hatte Sein Leben zu lassen und dasselbe wieder zu nehmen, erwachte, ist fester und sichrer als die Welle des Blutes, die im unstäten Herzen sich bewegt; ich lege die Hand jetzt auf diesen Felsen und dann aufs Herz. Hätte ich den Felsen der Ueberzeugung nicht, daß das, was das Evangelium sagt, ein wahrhaft Geschehenes ist, was sollte der arme Schlag des sehnenden Herzens, mit seinen Odemzügen? Indem wir da, tief ausruhend im Geiste, weilen, beginnen die Gesänge des täglichen Umganges der Minoriten, durch die geheiligten Stätten des weiten Tempelgebäudes; auch wir schließen uns den Pilgrimen aus der Heimath des Abendlandes an und treten hinein in die Kapelle der Lateiner, in und bei welcher der Zug sich versammlet. Das Lied der anbetenden Dankbarkeit und Beugung hebt bei der Säule an, die einst in Pilatus Hauße stehend, von der Andacht vieler Jahrhunderte als dieselbe betrachtet wird, an welcher Christus, den Händen der Heiden übergeben, gegeißelt ward: Erwache Mensch, und nimm es dir zu Herzen, Du darfst jetzt mit Ihm gehn den Weg der Schmerzen; Mit Ihm, der deiner Seele Schuld getragen, Als hier der Heiden Hände. Ihn geschlagen. -- Von der Stätte der Geißelung gehet der Zug der singenden Priester und Pilgrime weiter, zuerst durch einen langen, am Umfang des eigentlichen Kirchengebäudes gelegnen Gang zu der Stätte, welche seit anderthalb Jahrtausenden von der Andacht der Christen als jene verehrt wird, an der Christus der Herr gebunden stand, während die Heiden, in deren Hände er übergeben worden, die Vorbereitung zu seiner Kreuzigung trafen. Dann, mit Gesängen, in denen Töne der innigsten Klage mit jenen des Triumphes des Christenglaubens sich vereinen, wird jene zerbrochne Säule begrüßt, die vormals im Richthauße stund und bei der man den Herrn mit Dornen krönte; hierauf die Stätte, an welcher die Kriegsknechte seine Kleider theilten und über sein Gewand das Loos warfen. »Ja,« (so singt das Lied) »Der, welcher die Sterne des Himmels, mit Seinem Gewande, welches Licht ist, bekleidet; Er, der das Geflügel unter dem Himmel wie die Blumen des Feldes mit dem Kleide des bunten Gefieders und der Farben zieret, läßt sich hier von Menschenhänden des von ihnen geliehenen Gewandes berauben, damit Er den Menschen das Kleid eines ewigen Seyns verleihen könne.« Von hier begiebt sich die Schaar der Anbetenden hinab in die Tiefe der Felsen zur Kapelle der Kreuzesfindung; es legte wenigstens der Geist der Andacht von fünfzehn vorübergegangenen Jahrhunderten in diese Stätte ein Andenken an jenen Stamm, der aus tiefen Wurzeln der Liebe entsprungen hinanraget mit seinem Gipfel, zu den Höhen des Aufganges eines ewigen Erbarmens. Das herrliche, alte Lied: +vexilla regis prodeunt+, mit welchem die Wonne des Glaubens, unter dem Panier ihres Königes hinansteiget auf Golgathas Felsen, so wie das +pange lingua+, mit welchem sie das Hinaufführen des Kampfes der Zeitlichkeit zum Siege der Ewigkeit, beim Hinabsteigen zu der Steinplatte, auf der man den Leib des Herrn, des Königes der Höhen wie der Tiefen salbete, besingt, sprachen noch niemals mit solch rührender Gewalt zur Seele; noch nie ertönten die Gesänge des Auferstehungsmorgens so erhebend als dort, am Felsen des Grabes und an der Stätte da der Auferstandene der Maria Magdalena erschien. Bei dem Singen der Litanei antwortet ein Chor wohllautender, tiefer Männerstimmen, zugleich mit den Tönen der Orgel, dem Chor der Sänger und Pilgrime, welche in der Capelle, an der Stätte versammlet stehen, die der Glaube als jene verehrt an welcher Christus der unter den Weibern Erkohrenen, seiner Mutter, als Sieger aus des Grabes Nacht sich zeigte. Wie ein Frühlingsregen, der das dürstende Land netzt und im Wald wie Feld Tausende der verschlossenen Knospen wie der schweigenden Stimmen wecket, ergoß sich die Fülle dieser Töne über Geist und Herz, und weckte hier Gedanken und Empfindungen, in denen ein Saame des Werdens und Bleibens seyn möge. Wir kommen in dieser Reisebeschreibung noch einmal zu der Betrachtung der heiligen Grabeskirche und ihren mitten unter dem Geräusch des menschlich Gebrechlichen, »herrlichen Gottesdiensten« zurück; heute fand uns der Abend wieder im Hauße der Pilger. Wir saßen da schweigend, und Einige von uns im Stillen über die Erfahrung verwundert, daß das Herz, wie ein armer, lahmer Fußgänger, den ein reicher Reisender ein Stück Weges mit auf seinen Wagen nahm und ihn schnell über die Auen dahinführte, dann aber wieder aussteigen ließ, so bald wieder, statt im Fluge zu eilen, an seinen alten Krücken dahin schlich. Führe Du Reichester unter den Reichen den Lahmen nicht nur auf ein Stück Weges über Deine Auen, sondern gieb ihm, Du, Israëls Arzt, die Kraft des Laufens, wenn Du ihn ziehest. Der dreißigste März, es war ein Donnerstag, sollte uns, im unmittelbarem Geleite des an Erkenntniß wie an Liebe reich begabten Padre Secretario mit den andren heiligen Stätten bekannt machen, welche in und um die Stadt, seit anderthalb Jahrtausenden Denksteine und Gefäße waren, auf die der kindliche Glaube der Christen seine magischen Kräfte übertrug. -- Es liegt eine ganz eigene, geistig erweckende Kraft in der Reihenfolge der einzelnen christlichen Feste des Kirchenjahres; der Palmsonntag lässet in der Seele das Hosianna des Einzuges in Jerusalem erwachen; der grüne Donnerstag führt sie zur stillen, hochgesegneten Einkehr beim Tische des Herrn; der Charfreitag wie der Charsamstag ziehen den Blick des Geistes jetzt hinan zum Kreuze und senken ihn dann hinab zur Stille des geheiligten Grabes, bis das innre Ohr am Osterabend und Morgen den Posaunenton des Triumphgesanges der Auferstehung vernimmt. Es begleitet hierauf die feiernde Betrachtung Maria, die Magdalenerin, zu den Entzückungen des ersten Anblickes des Erstandenen und freuet sich am Abend des Ostertages, so wie acht Tage hernach und am See von Tiberias wie auf dem Berge in Galiläa der Freude des Wiedersehens, mit den verwaisten Jüngern. Sie folget am Himmelfahrtstage dem Herrn auf den Gipfel des Oelberges und siehet Ihm freudig nach auf der Heimkehr zur Herrlichkeit des Vaters, aus welcher Er gekommen; vernimmt die Verheißung der Engel, daß Er, welcher thronet zur Rechten Gottes, so, wie wir Ihn sahen auffahren, einst wiederkehren werde; empfängt am heiligen Pfingstfeste mit den Aposteln zugleich einen Vorschmack jener Seligkeiten, da nicht mehr der Geist des Menschen, sondern ein neuer Geist aus Gott den Tempel der Seele wie des Leibes erfüllet mit seinen Himmelskräften. Oder auch zu andren Zeiten führet die Erinnerung, welche die einzelnen Festtage mit sich bringen, das theilnehmende Herz mit sich hinaus vor die Thore Jerusalems, zu der Stätte, da der erste der Blutzeugen des neuen Bundes, Stephanus gesteinigt ward, und betend für seine Feinde entschlief; zu der Quelle Siloahs, da der Blinde mit dem leiblichen Licht zugleich Ihn, des Lichtes geistigen Quell erkennen lernte; nach Bethanien, zu dem Hauße da Maria wohnte und Martha, zu dem Grabe da Lazarus schlief. Wieder an andern Gedenktagen des Jahres nahet sich die Betrachtung der großen Geschichten, die in Jerusalem geschahen jener Stätte, da Jacobus enthauptet ward; dem Kerker aus welchem die Hand des Engels Petrum hinausführte, oder dem Hauße, in welchem Maria Magdalena die Füße des Herrn mit ihren Thränen benetzte. Aber alle diese hehren Stimmen der Erinnerungen, mit denen die einzelnen christlichen Jahresfeste zum Herzen sprechen, sind in und nahe bei Jerusalem zu einem Gesammtchore vereint, das wie ein voller, kräftiger Strom die Seele bewegt. Wenn das innre Auge das große Farbenbild der sonst zerstreuten, hier wie zu der Fensterrose eines Tempelthores vereinten Strahlen, in ganzer Stärke zu erfassen vermöchte, dann könnte ihm der Eindruck den Jerusalem macht der Vorschmack eines Momentes der Ewigkeit seyn, dessen Wesen von keinem Wechsel der Jahre und der Tage berührt wird, weil in ihm die ~eine~, ungetheilte Kraft jenes Sieges sich kund giebt, welcher in vielfachen Thaten und Kämpfen der Zeit errungen ward. Das was unser Führer heute zuerst uns zeigte ist für eine lange Reihe der christlichen Jahrhunderte ein Gegenstand der andächtigsten, innigsten Beachtung gewesen; es war der sogenannte Schmerzensweg, die +via dolorosa+. An wie viel tausend Wohnstätten der Christen, in allen Ländern der Erde, finden sich Nachbildungen dieses Schmerzensweges der heiligen Stadt, mit allen seinen einzelnen Stationen; Nachbildungen in denen selbst alle Raumverhältnisse genau nach Schritten abgemessen und in Uebereinstimmung mit dem Urbild gebracht sind. Der kindliche Glaube beschauet in dem Wege, welcher von Gethsemane herauf durch das Thor der Ostseite, vorüber an den Resten der Antoniaburg und an Pilatus Richthaus, zuerst hinabwärts, dann ungleich steiler aufwärts nach Golgatha hingehet, die Bahn der Erniedrigungen und Leiden, welche einst der Sieger betrat über den Tod und seine Schrecken. Allerdings vermag die Seele auch mit dem innren Auge, ohne des leiblichen Sehens zu bedürfen den Helden auf der Bahn seiner Kämpfe zu begleiten. Aber, wer sollte es nicht schon, auf einem Schlachtfelde stehend, wo vor vielen Menschenaltern das Volk seines Landes einen großen Sieg errang, erfahren haben, daß bei der sinnlichen Betrachtung einer solchen Denkstätte die Erinnerung an Das was hier geschehen zu einer ganz andren, lebendigeren, kräftigeren wurde als sie in der Ferne, beim bloßen Vernehmen der Geschichte jener Schlacht gewesen war? Mag es seyn daß uns die hier eingeborne kindliche Andacht, wenn sie die einzelnen Züge des großen Bildes beschreibt, zuweilen auf ähnliche Weise erscheint wie ein Landmann, dessen Hütte in der Nähe des Schlachtfeldes stehet, wenn derselbe nicht mit den Worten eines sachkundigen Kriegers, noch weniger mit der Sicherheit eines Augenzeugen uns erzählt was da und dort auf der seitdem viel veränderten Stätte geschehen sey; immerhin wird uns die Erzählung zur innigsten Theilnahme bewegen, denn sie ist doch ein Nachhall Dessen, was die Urväter hier wirklich sahen und erlebten. Es ist nun, seit Constantins und Helenas Zeiten das sechzehnte Jahrhundert, das an den Denksteinen dieser großen Erinnerungen sich erbaut und geistig erquickt. Wenn man vom Lateinischen Kloster aus hinabgehet, berührt man zuerst jenes Ende des Schmerzensweges, welches, ehe hier der alte Weg mit Häußern verbaut wurde, hinab führte nach dem Calvarienberge. Da wo zur Linken des Weges der Thurm des Gerichtsthores stehet, war die alte Stadtmauer; hier trat der Herr hinaus ins Freie um die Schmach des Kreuzestodes zu tragen[132]. Unten im Thale, an dem tiefsten Punkte der Stadt, wo nun das mühsame Aufwärtssteigen begann, ward Simon von Cyrene gewürdigt dem Herrn das Kreuz zu tragen, weiterhin zeigt die fromme Sage die Stelle da die erkohrene der Frauen den Mann der Schmerzen sahe, den sie, verkündigt von den Engeln gebahr, und wo sie nach Simeons Worten das Schwert fühlte durch ihre Seele dringen. Dort wo sich der jenseitige Hügel etwas steiler zum Thal herunter senkt erlag Christus zum ersten Male unter der Last des Kreuzes, etwas weiter hinan, vor dem Hauße des Stadtcommandanten, das an der vermuthlichen Stätte von Pilatus Pallast stehet, war jener Bogen auf dem der Herr stund da Pilatus mit den Worten: sehet welch ein Mensch, dem Volk ihn zeigte; auf der linken Seite der jetzigen Straße, dem Pilatushaus gegenüber finden sich die Trümmer eines Kirchleins, in welcher die Andacht der früheren christlichen Jahrhunderte die Stelle verehrte, da Christus von den Kriegsknechten verhöhnt und mit Dornen gekrönt wurde. Weiterhin, bei dem Hauße das anjetzt zu einer Kaserne des Aegyptischen Militärs dienet, zeigt man die heilige Treppe auf der Christus hinanstieg nach des Pilatus Haus. In der Nähe des Thores der Ostseite, das gegen Gethsemane hinabführt, und welches an die Stelle des Schafthores getreten ist, mischen sich die Erinnerungen auch an andre Thaten des Herrn mit denen an seinen letzten Kampf. Noch ehe man zum Thore kommt sieht man zur Linken die Ruinen jenes Haußes, welches das der heiligen Anna, der Mutter Marias, genannt war; weiterhin, zur Rechten, gleich innerhalb des Thores, den Teich Bethesda, mit drei noch jetzt wohlerhaltnen Hallen. Den ehemaligen Grund dieses festgemauerten Wasserbehältnisses füllt besonders gegen Nord und Osten hin ein Hügel von Schutt aus, auf welchem ein dichtes Gebüsch von wilden Granatbäumen grünet. An dem östlichen Rande des Bethesdateiches hin würde der gerade Weg gen Süden an einen der Eingänge zum Vorplatz der großen Moschee führen. Wir sahen Türkische Frauen die Stufen hinansteigen um gegen den Tempel hinzugehen, uns andren jedoch, als Christen war selbst der Zutritt zum Vorplatz nur ungern verstattet. Auch zog es uns, so hehr immer die Erinnerungen sind die sich an den Berg des Tempels anknüpfen, jetzt mehr nach einer andern Stätte hin als nach Morija. Wir traten zum Thor hinaus, welches von den jetzigen christlichen Bewohnern Jerusalems das St. Stephansthor genannt wird, weil die Andacht der späteren Jahrhunderte hier an die Stätte erinnert, an welcher der erste der Blutzeugen, Stephanus, gesteinigt wurde, während in den Zeiten der Kreuzzüge[133] allgemein eine Gegend bei dem nördlichen (Herodes-) Thore für den Ort der Steinigung galt. Eine Schaar der griechischen Pilgrime kam uns den Berg herauf entgegen; andre zogen hinab nach dem Grabe der Maria; unter uns im Thale lag Gethsemanes Garten, vor uns der grünende Oelberg mit seinen drei Gipfeln. Eine steinerne Brücke führt über den jetzt ganz wasserlosen Kidron; die uralten Oelbäume zur Rechten, die Eintiefung des Thales zur Linken, auf welche der überhangende Fels seinen dichten Schatten wirft, müßten die Seele auch des unkundigen Wandrers mit Gedanken und Ahndungen des tiefen Ernstes erfüllen. Ein durch den Felsen gehauener, durch eine Thür verschließbarer Gang führte uns hinein in das nur dämmernd beleuchtete Geheimniß der Felsen, bei deren Geschichte selbst das tiefsinnigste Erkennen des Menschengeistes, ja der Verstand der Engel anbetend staunt. Hier hat sich Der, welcher des Lebens Anfang und Vollendung ist, Er der in Bethlehems Grotte mit dem Geschlecht des Menschen, zu dem Er als Bruder und Helfer sich gesellte, die Schwäche der Kindheit, dann alle Noth und Gebrechlichkeit des vergänglichen Lebens trug, hinabgebeugt bis zu der Angst und den Schrecken des Todes; hier war es wo der Herr, blutigen Schweiß schwitzend, die Last des Fluches empfand, welcher auf der alten Schuld des Menschen liegt[134]. Wenn an dieser Stätte des Schauders der Glaube des Christen sich beugt und hinabschaut in den finstern Abgrund, in welchen damals der Sieger über des Todes Gewalt und Schrecken sich versenkte, da wird ihm dennoch die Beugung der Trauer bald zu einer Erhebung der Freude; der Abgrund, in welchem die Furcht und Bangen wohnten ist leer; statt jener Feinde stehet ein freundlicher Engel da, welcher der Seele zurufet: Weine nicht; siehe es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda; die Wurzel Davids.« Ja, »Tod wo ist dein Stachel, Hölle wo ist dein Sieg?« Nahe bei Gethsemanes heiligem Felsendunkel ist der Oelgarten, in welchem die Jünger, die der Herr zu Zeugen seines Todeskampfes gewählt hatte, verweilten und schliefen, während Er, der Held die Kelter allein trat[135] und mitten unter den Schmerzen der Wunden und der Last der Arbeiten wachte[136]. Einige uralte Stämme von Oelbäumen, deren selbst die Türken mit frommer Scheu verschonen und die sie auch von Andern nicht verletzen lassen, stehen hier, welche ihrem Aussehen nach, bei dem hohen Alter das dieser Baum erreicht, wohl zu einem Geschlecht der Mitlebenden vieler, längst vergangener Jahrhunderte gehören können. Ihr Innres ist ganz hohl; damit der Wind sie nicht umbrechen möge, hat man dasselbe hoch hinan mit Steinen angefüllt und auch äußerlich, zum Schutz und zur Befestigung, Haufen von Steinen herumgelegt. -- Jene Stelle in Gethsemane Garten da Christus von Judas verrathen ward, haben die Türken als eine verfluchte mit Steinhaufen umgeben. Hinan zum mittleren Gipfel des Oelberges, auf welchem die Himmelfahrtskirche stehet, war es als würde der Leib durch Kräfte eines neuen, innren Lebens getragen. Ja, wer sollte hier nicht sehr freudig seyn, wenn er unter den blühenden Bäumen des Frühlinges, die mit den grünenden Feldern des Getraides zugleich ihren Duft geben, hinan steiget nach jener Höhe, da die Erde mit dem Herrlichsten das sie in ihrer Leiblichkeit getragen, dem Himmel entgegenkam; dieser aber, der Himmel, mit all seinen Kräften der Ewigkeit, zur Erde sich niedersenkte. Gewiß, hier ist noch in höherem Sinne denn zu Bethel, die Stätte heilig und eine Pforte des Himmels[137]. Und dennoch fürchten wir uns nicht. Jener nördlichere Gipfel des Oelberges erscheint als der höchste unter den dreien, auf welchem die Denksäule an den Ort erinnern soll, da die Engel stunden, welche, als der Herr gen Himmel gefahren war, zu den Jüngern sprachen: Ihr Männer aus Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen in den Himmel, wird kommen wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren[138]. Als den Punkt auf welchem der Herr stund als er aufgenommen ward, bezeichnet die christliche Ueberlieferung schon der ersten Jahrhunderte jene Stelle der mittleren Kuppe, an welcher der nächste Weg von Jerusalem gen Bethanien vorüberführt, und auf welcher die Auffahrtskirche stehet. Diese Stelle ist von der nördlichen bei der die Engel stunden einige hundert Schritte weit entfernt; ein Eindruck im Felsenstein der mit der Gestalt eines Menschenfußes verglichen wird, ist noch jetzt hier Gegenstand der Verehrung der Pilgrime. Der dritte südlichste Theil heißt Berg des Aergernisses, weil hier Salomon im hohen Alter seinen fremden Frauen den Dienst des Moloch gestattete. Die Auffahrtskapelle, schon von der Kaiserin Helena begründet, gehört jetzt den Armeniern, die uns freundlich und gern den Eintritt gestatteten. Auch der Islamismus, der wie die flüchtige, scheue, Schwalbe, so unzähmbar er auch ist, dennoch gern sein Nest unter und bei den Hallen der christlichen Andacht erbauet, hat nahe bei der Auffahrtskirche eine Moschee angelegt, und wahrlich, hier wie einst auf dem Thabor möchte die Seele des Pilgrims sagen: »da ist gut seyn; laß uns Hütten bauen.« Was in Mamres Haine verheißen, auf Morija vorgebildet, auf dem Thabor vorausgeschaut, aus Golgatha durchgekämpft wurde dem ist hier, auf des Oelbergs Höhe das Siegel der Verherrlichung ausgeprägt und die Palme des Sieges gereicht worden. Und welche andre Aussicht auf Erden ist wohl der vom Gipfel des Oelberges zu vergleichen, die wir nicht bloß heute, sondern auch später noch öfters genossen. Unter sich in Westen sieht man die Stadt, welche einst genannt war eine Wohnstätte des Herrn und Seiner Herrlichkeit; die Mauer um den Tempel auf Morija hemmet, von diesem höheren Standpunkte aus[139], den Ueberblick nicht, man sieht mit ihren Säulenhallen die wahrhaft schöne Moschee des Omar und die vormalige Kirche von Mariä Opferung, sammt dem ganzen sie umringenden Vorplatz; das Fernrohr, dessen man sich in unsern Tagen ungestraft bedienen darf, macht jeden der kunstreichen, metallisch glänzenden Ziegel der Kuppel deutlich. Aber auch die Höhen und Tiefen der weiten Umgegend sind ein bedeutungsvoller, herrlicher Rahmen zu dem Bild von Jerusalem. Gegen Osten hin senkt sich der Blick von einer Tiefe zur andern, bis zu dem Kessel des todten Meeres hinab und jenseit des Wasserspiegels, dessen nördliches Ende man sieht, erhebt sich der Bergzug des Nebo und Pisga, von dessen Gipfel der Mann, der in seinem ganzen Hauße treu erfunden ward das Land der Verheißung überblickte, das sein Fuß nicht betreten durfte. Das Thal des Jordans (das Ghor) kommt im Norden des Salzmeeres aus dem Verdeck der diesseitigen Höhen hervor; es ist als ob man aus der leichteren Luft des Oelberges nach jenem Thalkessel hin in eine ungleich dichtere atmosphärische Schicht blickte, die dem Flußthale wie dem todten Meere eine ganz besondre Färbung ertheilt[140]. Auch das Kidronthal kann man als tiefe Spalte verfolgen bis an jenes Meer der Senkungen. Wendet man sich von Ost nach Norden da zeigen sich dem Auge die Höhen des Gebirges Ephraim; unter ihnen, besonders deutlich, der Ebal und Garizim bei Sichem und manche andre Gegenden, die wir auf unsrer nachmaligen Reise berührten. Denn wie oft habe ich es beklagt, daß ich nicht später, da ich des Landes etwas besser kundig war noch einmal zum Oelberg zurückkehrte, um das Panorama seiner Aussicht besser deuten zu können; wie sehr beklagt es noch jetzt mein Reisegefährte, der Maler Bernatz, daß er es versäumt hat dieses Panorama zu zeichnen; eine Arbeit die sich jeder geschickte Zeichner der an diese Stelle kommt zu einer Hauptaufgabe machen sollte, da sie für die bessre Kenntniß des Landes von großer Wichtigkeit seyn könnte. Während meine Begleiter noch bei der Auffahrtskapelle und bei dem neuen Bau der Armenier verweilten, war ich ein wenig am östlichen Abhange des Berges hinunter gegangen bis dahin, wo man jenseit des schmalen Höhensattels der zwischen den beiden Thalschluchten verläuft, nach Bethanien hinabschauen kann. Der kurze Weg hatte über die Stätte von Bethphage am Oelberg geführt, wo die Zurüstungen zum Einzuge des Sanftmüthigsten und Demüthigsten der Herrscher begannen. Auch in meiner Seele ertönte das Hosianna der Jünger; ich genoß da eine Nachfeier des Palmensonntags, die zwar der Zeit nach verspätet, ihrer Kraft nach aber durch keinen Unterschied der Tage geschwächt war. Von dem mittleren Gipfel des Oelberges, an welchem der eine, nähere Weg von Jerusalem nach Bethanien vorüberführt, giengen wir, auf eben diesem Wege hinab nach dem Kidron. Seitwärts, am Rande eines Feldes voll junger, grünender Saat, zeigte uns unser Führer eine Eintiefung im Felsen »in welcher die Apostel das Glaubensbekenntniß verfaßten;« in der Mitte eines andren, von jungen Oelbäumen und Granatengebüsch umgebenen Feldes die Stätte »da der Herr den Jüngern Sein Gebet lehrte;« noch weiter abwärts am Berge stehet zur Rechten des Weges ein in Trümmer verfallenes Kirchlein, das die Kaiserin Helena an jenem Punkte begründete, »wo Christus beim Anblick jener Stadt weinete,« welche auf die Lockstimme der mütterlich erbarmenden Liebe nicht hören noch achten wollte. Wir waren jetzt hinabgekommen zu dem Thale Josaphat, durch welches das Bette des Kidron seinen Verlauf nimmt; zu jenen Grabmählern, welche gleich denen in Petra fast ganz aus der Masse des nachbarlichen Felsens ausgehauen sind. Dieses Thal der Gräber und der Schatten, dem sich während der Frühstunden hinter dem Oelberg, während der Nachmittagsstunden hinter dem Morija die Sonne verbirgt, hat auf mich unter allen Punkten der nächsten Umgegend der Stadt den ernstesten Eindruck gemacht; daselbst weilte ich später oft und lange, wenn die Sonne über die Höhen in Westen hinüber war, und fühlte mich jedesmal in meinem Innersten von »Gedanken an das Ende« durchdrungen. Hier sind seit Jahrhunderten die meisten Grabstätten der Israëlitischen Bewohner von Jerusalem; ihnen gegenüber unmittelbar an der Stadtmauer hin, welche die Ostseite des Morija umgiebt, Grabstätten der Türken. Von den Denkmälern aus Felsen, welche uns auch durch ihre Form an mehrere von jenen erinnerten, die wir in Petra sahen, wird das eine das in thürmchenartiger, runder Spitze endigt, gewöhnlich für Absaloms, ein andres dessen gemauerter Obertheil von vierseitig pyramidalem Umriß ist für Josaphats Grab, ein drittes für das des Zacharias gehalten und in der Nähe von diesem wird eine Grotte gezeigt, in welcher Jacobus und mit ihm noch etliche Jünger bei der Gefangennehmung des Herrn sich verbargen. Bei dem gewöhnlich sogenannten Grabmale des Absalom sieht man ganze Haufen von Steinen, welche die Türken dahin warfen mit Aussprechen eines Fluchs gegen Absalom und gegen Jeden der seinen Eltern ungehorsam ist[141]. Auf diese westlichen Abhänge des Oelberges und auf Josaphats Thal lässet die Weissagung der Propheten ein Licht fallen, das seit langer Zeit die Aufmerksamkeit des in alle Länder zerstreuten Volkes, mitten im nächtlichen Dunkel seines Weges auf sich lenkte, und Tausende der gläubigen Israëliten noch in ihren alten Tagen nach Jerusalem zog, damit ihre Gebeine dort im heiligen Thale zu den Gebeinen der Väter gesammlet würden. So verkündet einer der Propheten, der den Zeiten der ersten Erfüllung, da der Heiden Trost kam, schon nahe stund, daß der Herr, wenn er kommen wird mit allen Heiligen ein Richter und Helfer, stehen werde auf dem Oelberg[142] und ein heiliger Seher des früheren Jahrhunderts weissaget von einem Tage der großen Entscheidung im Thale Josaphat[143]. Und so glaubt das merkwürdige Volk dem die Weissagung zunächst galt, daß der Schauplatz des großen Gerichts der Völker und Menschen hier im Osten des Morija im Thale des Kidron seyn werde. Aber nicht allein die Israëliten, sondern auch die Mohamedaner und selbst ein großer Theil der Orientalischen Christen hegen von dieser Stätte eine gleiche Erwartung. Die Bekenner des Islam verehren dort, auf Morijas Höhe, bei der Moschee Aksa, welche südwärts von der des Omar liegt einen Stein, auf dem der Prophet sitzen werde an jenem großen Tage, wenn er mit Jesus dem Propheten zugleich die Völker richtet. Es zeigt sich in Ismaëls Volk bei jeder Gelegenheit eine Beachtung des prophetischen Wortes, das den Kindern Abrahams nach dem Fleisch, wie jenen nach dem Geiste gegeben war, zugleich aber ein Bestreben das lebendige Wasser das aus dem Quell hervorkommt nach ihrer Cisterne zu leiten und dann zu behaupten hier, nicht am Quell, der ohne Aufhören fließet, sey der Ursprung des klaren Bornes. Endlich so erinnern viele Christen des Orients, wenn sie das Thal Josaphat so hoch beachten, außer den Stellen des Propheten an die Worte der Engel bei der Auffahrt des Herrn[144], indem sie zu dem ~Wie~ sich ein ~Wo~ hinzudenken. Und lassen wir immer das Sehnen des kindlichen Glaubens, der den Gedanken des Wiedersehens zuversichtlich festhält, hinausschauen auf den Weg da die Mutter ihm entschwand; hoffend daß auf demselben Wege sie auch einmal zurückkehren werde. Ganz nahe bei Absaloms und Josaphats Grabmale führt eine steinerne Brücke über das hier tief in den Felsen gegrabene Bette des Kidron. Von ihr sollte Christus durch seine Dränger -- die Kriegsknechte und Juden, in der Nacht seiner Gefangennehmung hinabgestoßen worden seyn. Von hier führt der steinige Weg sehr steil hinan nach der südöstlichen Ecke der Stadt, dann minder beschwerlich und zum Theil eben, an der Südseite der Mauer herum nach dem Zionsthor, zur vermutheten Stätte von dem Haus des Hohenpriester Hannas. Wir behielten für den heutigen Vormittag die Richtung nach Westen bei und vorläufig zeigte unser Führer uns in der Ferne, am jenseitigen Abhange des Gihonthales die Grabstätte der Pilger, welche für den Töpferacker oder Blutacker der heiligen Schrift gehalten wird[145], so wie nahe am Zionsthor, zu unsrer Linken, auf der Höhe des Zionsberges, welche jetzt außerhalb der Stadtmauern liegt, die Stätte da Kaiphas Palast, und jenseits derselben jene wo das Haus stund, in welcher Christus der Herr das letzte Osterlamm mit seinen Jüngern genoß und das Abendmahl einsetzte. Wir hatten jetzt die südwestliche Ecke der Stadt erreicht, von wo der Weg bergab gehet bis er sich zuletzt wieder nach dem Bethlehemsthore hinanziehet. Es war eben Mittag als wir in unser stilles Pilgerhaus zurückkamen; mit solchem Gefühle als den Gast und Fremdling in einer Stadt anwandelt, in welcher theure, vorhin noch nicht gesehene Freunde wohnen, wenn er nun endlich die geistig längst Gekannten, leiblich aber Unbekannten mit eignen Augen gesehen und mit der eignen Hand begrüßt hat. In einer der früheren Nachmittagsstunden machte ich einen Besuch im griechischen Kloster, in welches ich durch Empfehlungen des griechischen Patriarchen in Kairo eingeführt war. Auch hier fand ich die freundlichste Aufnahme und genoß von dem platten Dache der griechischen Kirche, welche mit der des heiligen Grabes (wie ich dieß später beschreiben werde) vereint ist, eine herrliche Aussicht über die Stadt und ihre Umgegend. Es war noch zeitig am Tage; es zog mich hin nach der Ostseite der Stadt, zu dem kleinen, meist aus Schutthaufen gebildeten Hügel, der jenseits der Stätte von Pilatus Palast neben dem sogenannten Hauße der heiligen Anna, in der Nähe der Stadtmauer beim Stephansthore sich findet. Diesen hatte ich mir heute als einen Punkt der nächsten, deutlichsten Aussicht nach der Höhe des Morija und zugleich nach dem Oelberg bemerkt. Hier konnte ich die Sonne ruhig untergehen und den Abend dämmern sehen, ohne fürchten zu müssen, daß man mich beim Schließen der Thore aus der Stadt aussperre. Denn dieser Ort, den ich von nun an öfter am Abend besuchte, und auf welchem ich gewöhnlich auch bei der Heimkehr aus dem Thale Josaphat und vom Oelberg noch einige Augenblicke verweilte, gewährt, obgleich er innerhalb des Thores liegt, durch seine Höhe und Stellung an der Mauer alle die Vortheile der Aussicht, welche ein außerhalb der Stadt gelegener Punkt darbieten kann. Zugleich ist es hier so still und einsam, daß die Betrachtung durch Nichts gestört wird; denn nur selten ließ am Saume des Schutthügels ein alter Türke mit seiner Ziege sich sehen, welcher mitten unter den Trümmern ein armseliges Hüttlein bewohnt. Eine einsame, schlanke Palme beschattet an der Südseite des Hügels die alte Stadtmauer; das genügsame Gewächs der amerikanischen Felsenwüsten, so wie unsrer südeuropäischen Lavafelder: die Opuntienfeige mit ihren stachlichen, dickfleischigen Blätterstämmen hat hin und wieder über den Schutt und Staub sich ausgebreitet. Nur einige Schritte gegen Nordwest senkt sich der Hügel gegen das nun auch in Trümmer liegende Gebäude hinab das zuletzt noch Moschee, in früheren Jahrhunderten aber eine Kirche war, welche die christliche Andacht über der Stätte errichtete, wo nach der Sage die Eltern der erwählten Jungfrau ein Haus bewohnten[146]. Vor zwanzig Jahren fand Otto von Richter in der anfänglichen Kirche und nachmaligen Moschee einen Pferdestall; als wir es sahen war das alte Gemäuer von allem Leben verlassen, ein Ort der Todtenstille. Unten am Boden führen Stufen nach einer Grotte hinab, die vormals auch den Uebungen der Andacht geweiht war. Denn wie die Feier der alten Mysterien, welche meist, mit mehr oder mindrer Deutlichkeit auf die Zukunft Dessen hinwiesen, der den ersten Vätern verheißen war, so hatte auch die Gottesverehrung der frühesten, christlichen Jahrhunderte, vorzüglich die abgelegene Tiefe und Stille der Grotten zu ihrer Bergungsstätte gewählt. Dort bei dem verfallenden Gemäuer, auf dem Grabhügel des Getrümmers, in welchem der älteste Schutt der Zerstörung unter dem einer späteren, dieser unter dem einer noch jüngeren begraben liegt, stund ich und überblickte die Stadt, welche mehr als jede andre der Erde ein großer Gottesacker, eine Stadt der Gräber genannt werden kann, unter denen ~eines~ ist das auch die andern alle vermag zu Kammern den Friedens zu machen. Wie viel des Staubes auf den hier mein Fuß tritt ist wohl gewöhnlicher Staub, wie viel davon ist Asche des Menschengebeines! Als dort auf Morijas Höhe der Vater der Gläubigen, im festen Vertrauen, daß Der, welcher die That ihm selber befahl, auch aus den Todten wieder erwecken könne[147], den Sohn der Verheißung darbrachte, da waren von nun an Zions Höhen zu einem Garten geweiht den die Hand des Gärtners mit Balsambäumen und Gewürzkräutern, von andrer Kraft denn jene auf Gileads Auen, bepflanzte; der Berg Zion war bald selber zu einem schönen Zweige geworden, dessen das ganze Land sich tröstete[148]; denn aus Zion brach an der Glanz Gottes; hier war die Stätte von welcher des Herrn Wort ausgieng, denn es war erwählet zu einer Wohnung des Herrn und Seiner Herrlichkeit; zu einem Quell aus dem das Heil aller Völker kam. Aber obgleich der Grundstein der Herrlichkeit Zions von einer Hand gelegt war, deren Werke nie vergehen noch veralten[149], mußte doch alles Das was durch Kraft des Menschen auf und an dem Grundstein erbauet war, Verwandlungen erleiden wie ein Gewand; dort jene Moschee Sackhara, welche der Chalife Omar im Jahr 637 an der Stätte des Salomonischen Tempels erbauete steht nun schon 12 Jahrhunderte lang unzerstört da, während die Dauer des ersten Tempels der von Davids und Assaphs Gesängen wiederhallete, noch lange nicht an die Hälfte dieser Jahre reichte, und auch der zweite, zuletzt von Herodes so prachtvoll geschmückte Bau in welchem Der erschien, welcher größer war denn der Tempel[150], noch nicht halb so alt ward als das buntstreifige Werk des Islams schon jetzt ist. Denn der farbige Schimmer wird auch von jenen Augen denen das klare Sonnenlicht wehe thut, leicht ertragen; der reine Glanz Gottes aber der von Zion ausgieng (Ps. 50, V. 2) reizte die im Dunkel geborene Natur zur heftigen Abwehr; der balsamische Duft der einsamen Lilie erschien den Meisten als ein Geruch des Todes zum Tode. Darum ist keines der größesten Völker der Erde das seine Hand nicht gelegt hätte an Jerusalem und seinen Muth nicht gekühlet an Zion; seitdem Israël den Fels seines Heiles verlassen hatte war es ein Ziel der Geschosse aller Feinde, ein Feld das zertreten ward von Allen, welche der Weg der Kämpfe daran vorüberführte. Wenn die Trümmer, welche hier, die einen über die andern hingestreut liegen auferstehen und zeugen könnten, wie viele verschiedene Hände ihrer Erbauer und Bewohner so wie ihrer Zerstörer würden sie nennen! Und dennoch bestehet der Grundstein, den der Herr selber auf Zion legte annoch unverrückt und fest, und würde dies bleiben auch wenn die Grundvesten der Erde vergiengen. Das vergoldete, buntfarbige Dach der Moschee des Omar schimmerte im Strahl der Abendsonne; hehrer jedoch denn die farbigen Ziegel erglänzte der nahe Oelberg. Jetzt aber neigte sich die Sonne zum Untergang am Hügel der Gräber der Richter; es war Zeit an den Heimweg zu denken, denn von hier bis zum Lateinischen Kloster betrug die Entfernung fast 20 Minuten, und ich war in der Stadt noch Neuling. Ich kam noch während der Dämmerung in unser Pilgerhaus zurück, wo man meiner nicht ohne einige Besorgniß gewartet hatte. Wenn uns in den Zeiten der Kindheit der liebe, heilige Christabend irgend eine besonders erfreuende Gabe brachte, fiel uns wohl in der Nacht, wenn die Lichter längst verlöscht waren, der Gedanke ein, daß wir die schöne Gabe noch von dieser oder jener Seite nicht recht betrachtet hatten, und wir konnten kaum den Morgen, mit seinem klaren Scheine erwarten, um das neue Besitzthum mehr und besser zu beschauen. So ergieng es mir in Jerusalem, das mit jedem neuen Blicke den ich darauf richtete, den Wunsch ~noch mehr~ zu sehen, immer tiefer aufregte. Ich hatte am 31sten März kaum den Morgen erwarten können; denn heute war es unser Vorsatz ganz allein, Schritt vor Schritt theils das schon Gesehene noch einmal zu betrachten, theils aber Neues zu beschauen. In Begleitung zweier der jungen Freunde (des +Dr.+ Roth und des Herrn Franz) machte ich mich frühe, bald nach Sonnenaufgang auf um die Stadt von außen am ganzen Umfange ihrer Mauern zu umgehen. Wir betrachteten zuerst noch innerhalb des Thores von neuem, jenseits der niedren Mauer, zur Rechten des Weges, die kleine, meist verschüttete Cisterne, welche den jetzigen Pilgrimen als Teich der Bathseba gezeigt wird. Ihrer Bauart und der Masse ihrer Mauerstücke nach scheint sie allerdings zu den Werken (wenn auch nicht zu den ansehnlicheren) des alten jüdischen Jerusalems gehört zu haben; ganz in ihrer Nähe jedoch ziehet ein andres Bauwerk die Aufmerksamkeit mächtiger an sich, an welchem der Adel einer ehrwürdig alten Abkunft unverkennbar deutlicher erkannt wird. Dies ist die Davidsburg oder das Pisanerkastell, vor allem aber ihr mächtig starker Thurm. Es liegt in ihr, die einstmals, zu den Zeiten Kaiser Friedrichs +II.+, auch ein Besitzthum des deutschen Ritterordens war, anjetzt der Kern der Aegyptischen Besatzung; denn durch ihre Lage wie durch ihre Festigkeit beherrscht diese Akropolis die ganze übrige Stadt. Mag es seyn, daß an den obersten Theil selbst des Thurmes, und noch mehr an die Mauern und Burggräben der übrigen Citadelle die Zerstörer und Wiedererbauer sehr verschiedner Zeiten ihre Hand angelegt haben; gewiß scheint es, daß die riesenhaften Werkstücke der unteren Mauer, namentlich des Davidsthurmes, seitdem sie die ersten Erbauer aufeinander fügten, unangetastet in der alten Lage blieben, und daß diese daher wohl als noch fortwährende Zeugnisse der Kraft des Jüdischen Herrscherreiches, zu Davids und Salomons Zeiten gelten können. Titus befahl nach Josephus Aussage, bei der Zerstörung Jerusalems, das man zum Andenken an die fast unüberwindliche Festigkeit der Stadt drei Thürme der alten Mauern: den Hippikus, Phasaëlus und Mariamne stehen lasse. Der Lage nach entspricht vollkommen der Thurm Davids dem Hippikus; und noch jetzt passet Josephus Beschreibung, nach welcher die unteren Werkstücke bei einer zwanzig Ellen großen Länge, eben so großen Breite und einer fünf Ellen betragenden Höhe so fest und dicht zusammengefügt waren, als seyen sie aus einem Stücke gehauen, auf den unteren Theil dieses Thurmes. Gleich neben der Nordseite des Kastelles öffnet sich das Bethlehemsthor, welches nach ~v. Raumers~ Vermuthung dem Thalthore des alten Jerusalems entspricht[151]. Fast unmittelbar vor dem Thore und noch mehr vor der Mauer der Burg beginnt die Senkung des Abhanges gegen das Thal Gihon, so daß man wohl den Grund begreift, aus welchem Graf Raimund, dem bei der ersten Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer diese Gegend zur Stätte des Angriffes bestimmt war, von hier sich hinweg zog an die südwärts gelegene, ebnere Höhe des Berges Zion[152]. Wir hatten beschlossen den Umgang um die Stadt zuerst nach Norden, von da gegen Osten zu machen, und von dort, vorüber an der Südseite, zum Punkte des Ausganges zurückzukehren. Von dem Bethlehems Thore aus bildet die Mauer eine gerade gegen Westen vorspringende, scharfe Ecke, als hätte hier die Macht der Mohamedanischen Gewalthaber sich wie eine durchbohrende Waffe gegen die Abendländer wenden wollen. Die jetzige Mauer der Stadt, ein Bauwerk des Türkischen Sultans Suleiman, im Jahre 1534 vollendet, hat eine ziemlich gleichmäßige Höhe von etwa 36 Par. Fuß, über welche in fast symmetrischen Abständen die viereckten Thürme, zum Theil bis zur dreifachen Höhe hervorragen; die Dicke der Mauer misset zwischen drei bis vier Fuß, wir bestiegen jedoch ihre obere Breite nur in der Gegend des Stephansthores und bei den Ruinen der St. Johanniskirche. Von der westlichen Spitze des Mauernumfanges wendeten wir uns zuerst zu dem nur wenig entfernten, oberen Teiche des Gihon, der sich jetzt eben so, wie der untere ganz ohne Wasser fand, denn der Regen war in diesem Frühling sparsamer denn sonst gefallen. Jener obere Teich liegt auf dem hier allmählich, in der Richtung des Weges nach Ramla und Jaffa ansteigenden Berges Gihon, der sich mit seinem östlichen Ende innerhalb der Mauern herein in die Stadt fortsetzt, wo auf seiner äußersten Höhe noch das Lateinische Kloster, an seinem Abhange die heilige Grabeskirche erbaut ist. Von dem Gihons Teiche kehrten wir zurück zu der Nähe der Mauern, welche einer Belagerung durch die jetzigen Geschütze des Krieges gar bald erliegen würden, und zu dem Wege, welcher nahe an den meist ausgefüllten, fast unkenntlichen Gräben herumführt. Jerusalems Macht die vormals in so trotzender Gestalt dem angreifenden Feind ins Auge sahe, ist seit einer Reihe von Jahrhunderten, unter der Türkischen Herrschaft in einen tiefen Schlaf gesunken; die Schläferin würde nicht im Stande seyn auch nur die feindliche Fliege von ihrer Stirn hinweg zu treiben, noch ungleich weniger den angreifenden Löwen. Von Nordwest gegen Nord legt sich an die Mauern der Stadt eine nur gegen das Damaskusthor ein wenig eingetiefte Hochebene an, die weiter in Norden von Hügeln begränzt und von Oelbaumpflanzungen so wie von grünenden Aeckern bedeckt ist. Hier breitete sich weithin der Umfang jenes Theiles der alten, durch Titus zerstörten Stadt aus, welchen Agrippa +I.+ mit Mauern umfaßte; wo man nördlich von den jetzigen Mauern sich hinwendet, da tritt man, bis zu einem Abstand von etwa 1200 Schritten auf den Boden der damaligen Vorstadt Bezetha. Die Heere der Kreuzfahrer fanden indeß den äußeren Umriß Jerusalems schon dem jetzigen ziemlich ähnlich. Dort am nordwestlichen und nördlichen Rande, von wo allein der damaligen Belagerungskunst der Angriff möglich war, fanden sich die Schaaren der Streiter aufgestellt. Namentlich hatte sich die Gegend der Mauer, nahe bei der jetzigen Nordwestecke der Stadt der Heldenfürst, ~Gottfried von Bouillon~ anfangs zum Punkt des Angriffes erlesen, später aber die nordöstliche Ecke die gegen das Kidronthal hinliegt. Hier wurde auch am 15. Juli des Jahres 1099 die Stadt erstürmt, an der Nordseite selber aber die Mauer zuerst gebrochen. Der christliche Pilgrim, wie jeder Mensch, welcher hoffet und weiß daß ~der Geist~ die Thaten des Lebens thut, nicht das Fleisch, kann nicht an dieser Stätte vorbei gehen, ohne im Andenken an jenen Tag freudig bewegt zu werden. Hinter den festen Doppelmauern der Stadt fanden sich sechszig Tausend, welche zum blutigen Widerstand bereit waren, sie hatten Lebensmittel, vor Allem Wasser in Fülle, und sonst Alles was zur Abwehr des Angriffes der Feinde nöthig erschien, stund ihnen zu Gebote. Diesen gegenüber stellte sich außer den Mauern das Heer der Wallfahrer auf, dessen Zahl im Ganzen vierzig Tausend nicht überstieg, wovon aber mehr denn die Hälfte des Kampfes nicht fähig war. Denn diese Hälfte bestund aus Frauen, abgelebten Greisen, Kranken und kraftlosen Bettlern; Viele waren nur hieher gekommen um bei dem Grabe des Erlösers das eigene Grab zu finden. Aber auch unter der andern Hälfte, die am Angriff der festen Stadt thätigen Antheil nahm, fanden sich nur zwölf bis dreizehnhundert eigentliche Krieger, die andern Alle waren unvollkommen bewaffnete Bürger und Geistliche, welche vormals noch nie das Geschäft des Krieges geübt hatten. War doch dieses Häuflein nicht einmal fähig die Stadt eigentlich zu umlagern, sondern nur die Nordseite und die Gegend nach Westen so wie die Höhe des Zion verwahrt zu halten und den Oelberg einigermaßen zu bewachen, während der größere Theil der Mauern und mehrere Thore dem Feinde frei blieben. Dazu litt die arme Schaar der Kämpfer des Kreuzes an allen Lebensbedürfnissen Mangel, vornämlich an Wasser, welches in dieser heißesten Zeit des Jahres am dringendsten begehrt wurde. Ohnehin ist der Schatz des Wassers den Jerusalem besitzt, wie wir nachher sehen werden, ein geheimnißvoller und verborgener, und seine Fülle ergießt sich nur innerhalb der Mauern, während die Umgegend eine meist wasserlose Einöde ist; damals hatten aber die Saracenen auch die wenigen Brunnen und Cisternen in der Nähe der Stadt verstopft und verschüttet und wenn von Zeit zu Zeit die Quelle Siloah das nöthige Wasser gegeben hätte, oder wenn sich in Osten der Stadt, am Brunnen des Elisa und bei Bethanien eine Erquickung dieser Art zeigte, da lauerten die Feinde im Hinterhalt, so daß jeder Tropfen des Getränkes mit Blut erkauft werden mußte. So starben die Lastthiere des Heeres großenteils am Durste dahin und selbst von den Wallfahrtern erlagen Viele diesem Elend; Manche, eines solchen Lebens satt, nachdem sie im Jordan gebadet und bei Jericho Palmenzweige genommen, verließen das Heer der Kämpfer und kehrten über Joppe heim, zu den Bequemlichkeiten des Vaterlandes. Dennoch war, mit der freilich von Tag zu Tage sich verkleinernden Zahl der Treuen auch der Glaube vor den Mauern Jerusalems stehen geblieben, welcher da noch hoffte, wo Nichts zu hoffen schien. Und obgleich die Feinde auf ihren Mauern täglich des Haufens der Wahnsinnigen spotteten, die fast ohne Wurfmaschinen und Belagerungszeug, ja wie der erste, ihnen wie Tollwuth erscheinende Anlauf[153], bei welchem die äußere Mauer an einem Punkte niedergestürzt war, gezeigt hatte, selbst ohne Sturmleitern eine solche Stadt bedroheten, blieb die Stimmung der Belagerer dennoch, jenem Spott gegenüber, eine Stimmung des Ernstes, welcher weiß was er will und was er thut. Noch am achten Juli, als die Schaar der Christen in frommer Bewegung einen Umgang um die Stadt, im Gewand der Büßenden hielt, verhöhnten vor ihren Augen die Feinde auf den Mauern das sichtbare Abbild alles Dessen was Jenen heilig war; selbst am dreizehnten, am Tage welcher dem vorangieng, der zum Sturm bestimmt war, schien es, wenn die Christen nicht Flügel erhielten, unmöglich, daß einer von ihnen über die hohen Mauern käme. Und auch dann, als in der Nacht den Herrführern und Rittern, in Gemeinschaft mit den andern Streitern es gelungen war, die einzelnen Theile der Belagerungswerkzeuge mühselig aus der Ferne herbeizuschleppen und zusammenzusetzen; auch dann als am 14ten Juli ein ernstlicherer Angriff bei der Nordwestecke der Stadt beginnen konnte, schien das Erringen des Zieles noch gar weit hinausgerückt. Denn wie ein Steinwurf nach dem Alpengipfel, der von dort ein Herabstürzen der Lawinen erregt, wurde jeder durch Wollsäcke und schräge Balken unwirksam gemachte Stoß der Wurfmaschinen auf die Mauern von diesen aus durch eine Fluth von brennenden Stoffen, welche das Belagerungszeug entzündeten, so wie durch geschleuderte Steinmassen und Geschosse beantwortet, die zehnfältig, statt der Wunden welche einzelne der Belagerten empfiengen, den Tod zurückgaben. So gieng die Sonne über dem Kampfe unter, ohne daß in andern Augen, als in denen des Glaubens ein Sieg möglich erschien. Ja selbst am 15ten, am Tage des Sieges, als Tankreds Schaaren schon die Mauern der Nordseite (beim damaligen Stephansthore) durchbrochen hatten, schien in den Stunden des Vormittages die Hülfe, die nicht aus der Kraft des Fleisches kommen konnte, noch so fern, daß die Fürsten, wenigstens für heute, den Rückzug der beschädigten Maschinen von den Mauern beschlossen. Denn das Volk der Belagerten hat sich an diesem Tage wie mit Kräften der Hölle bewaffnet; Ströme von brennenden Flüssigkeiten ergoßen sich auf die Stürmenden und ihre Werkzeuge; flammende Balken, entzündet von einem Feuer, das nur von Weinessig gelöscht werden konnte, stürzten wie ein brennender Wald über die Mauern herunter, und wenn auch die sogenannten Hexen, welche von den Mauern herab dem Zeuge der Christen fluchten durch einen wohlberechneten Steinwurf, der einige von ihnen zerschmetterte, dem Heere der Wallfahrer zum Spott wurden, so waren diese dennoch auch ihrerseits es dem Feinde, als sie entmuthigt und trauernd in die armseligen Gezelte zurücktraten. Da ward, in der Stunde, in welcher man den Herrn ans Kreuz erhöhete, Gottfried, der Held, als er seine Augen aufhub nach dem Oelberge, wie durch eine Erscheinung aus der andern Welt, die der Glaube zuweilen »schauet« von neuem zum Kampf ermuthigt, und siehe eine Macht Gottes war mit ihm und den Seinen: ein heftiger Nordwind entzündete plötzlich die wohlverwahrten Wollsäcke der Mauern, welche endlich einmal von den Bränden der Belagerer getroffen waren, und vertrieb durch den heftigen Rauch die Feinde von den Mauern; die schrägen Balken, die bis dahin ein Schutz der Stadt gewesen, wurden jetzt ein Befestigungspunkt der Fallbrücken, welche die Christen von ihren hölzernen Thürmen herabließen; nur noch kurze Frist der heftigen Mühen und das Ziel war errungen; die Stadt, in welcher einst das Blut floß, durch welches der schwerste der Kämpfe entschieden, der höchste der Siege gewonnen ward, fand sich wieder in den Händen Derer, denen dieses Blut heilig war. Der Lohn des leiblichen, noch mehr aber des geistigen Ausruhens, nach solchem Kampfe, war überschwenglich groß; in der Stadt fand sich Alles, dessen die Seele, Alles auch dessen der arme, von Sehnsucht und unsäglicher Mühe ermattete Leib bedurfte und begehrte. Jerusalem ward von Neuem die Stadt eines Königes, dem es ein Ernst war in allen Geboten und Gesetzen des Herrn zu wandeln, untadelich. Aber nur wenig Monate und dieser König ward hinweggenommen; nur wenig Menschenalter und der, wie es schien so fest auf Glauben gegründete Herrscherthron ward umgestoßen. Wie kam es, daß dieses Reich eines neuen, christlichen Jerusalems so bald endete? Die Natur antwortet uns hierauf, in einem ihrer unverbrüchlichsten Gesetze. Der Löwe kann sich nicht vermählen mit dem Wolfe; und ob auch das edle, geflügelt schnelle Streitroß mit dem unedleren langsamen Lastthier sich vermischte, so werden doch die Kinder solcher ungleicher Ehe selber keine Kinder haben; ein Geschlecht solcher chimärenartiger Formen pflanzet sich nicht fort. Die Thaten und die Herrschaft der Franken in Jerusalem waren zum Theil aus einem fast eben so ungleichen Elternpaar hervorgegangen als Löwe und Wolf es sind; der Vater war allerdings bei Vielen der Glaube von göttlicher Abkunft, die Mutter aber war zum großen Theil jene arme, unlautere, fleischliche Selbstsucht, die von ungöttlicher Herkunft ist und deren Werken der Christenglaube der späteren Jahrhunderte, der zur Selbsterkenntniß kam, sich schämet[154]. Wäre dort die Omarsmoschee, so lange sie im christlichen Königreich Jerusalem Kathedrale des Patriarchen war, wäre die Kirche des heiligen Grabes von jener Zeit an bis auf unsre Tage ein Buch gewesen, darinnen Alles verzeichnet stünde, was hier von Christen geschehen, nicht nur in der unsichtbaren, verborgenen That des Herzens, sondern selbst in der sichtbaren der fleischlichen Werkzeuge, sie würden von Vielen, welche das Buch läsen, nicht mehr Tempel einer göttlichen Weisheit genannt werden können. Mancher Leser der Schrift der Wände würde die größere Zahl der Schaaren, welche hieher kamen, um, wie sie sagten anzubeten den Rathschluß einer ewigen Weisheit, der da will daß allen Menschen geholfen werde, fragen, mit den Worten des Apostels Jacobus[155]: »Wer ist weise und klug unter euch? Der erzeige mit seinem guten Wandel seine Werke, in der Sanftmuth und Weisheit. Habt ihr aber bittren Neid und Zank in eurem Herzen; so rühmet euch nicht und lüget wider die Wahrheit. Denn das ist nicht die Weisheit die von oben herab kommt; sondern irdisch, menschlich und teuflisch. Denn wo ~Neid und Zank~ ist, da ist Unordnung und eitel böses Ding[156]. Die Weisheit aber von oben her ist aufs erste keusch, darnach friedsam, gelinde, lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unpartheiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht aber der Gerechtigkeit wird gesäet im Frieden denen, die den Frieden halten.« Paulus der Apostel, wenn er eben dieselbe Frucht beschreibt[157], nennet sie als »Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit.« Diese Frucht wuchs freilich nur sehr sparsam auf Golgathas Felsen als Christen mit weltlicher Macht ihn beherrschten. Aber dennoch bleibt es dabei, der Duft von Zions Lilie war nicht Allen die ihn einathmeten ein Geruch des Todes zum Tode, sondern Manchen, und nicht Wenigen, ein Geruch des Lebens zum Leben. Wir wenden uns von neuem, von der Betrachtung des vormaligen zu der des jetzigen Jerusalems. Nur nach Osten hin bildet der Umfang der Stadt, dem hier der Bergabhang gegen das Kidronthal die natürliche Begränzung giebt, eine fast gerade Linie; von Westen nach Norden und von da gegen Osten zieht sich die Mauer in einer bogigen Richtung herum. Diese Seite ist die längste von allen, denn nach Maundrells Messung, welche wir in dem Verhältniß der einzelnen Strecken richtig fanden, wiewohl wir meist eine geringere Zahl der Schritte herausbrachten[158], beträgt der äußere Weg von der Nordwest- zur Nordostecke 1435 Schritte (der Umfang der ganzen Stadt 4630). Dennoch hat auch diese lange Seite nur ~ein~ offnes Thor: das Bab es Scham oder Damaskusthor, weil das weiter nach Nordosten gelegne Herodesthor, das von den Kreuzfahrern des Mittelalters das St. Stephansthor genannt war, seit den letzten Unruhen in Syrien verschlossen ist. Jenseit des Damaskusthores führt ein Seitenweg zu jener Grotte, in welcher Jeremias, so erzählt die Ueberlieferung, seine Klagelieder schrieb. Ein Türke hat bei jener Felsenkluft seinen Garten angelegt, dessen Zugang wir heute verschlossen fanden, weshalb wir erst später das Innre betraten. An einem der benachbarten Felsen trafen wir unsern Reisegefährten, den Maler Bernatz, mit dem Aufnehmen seiner nördlichen Ansicht von Jerusalem beschäftigt. Vor den andern allen erscheint die Ostseite der Stadt als die interessanteste und bedeutungsvollste. Hier hat die Natur selber der bauenden Menschenhand ihre Gränze gesteckt, darum ist dort der Umriß der jetzigen, neuen Stadt noch der nämliche denn jener der ältesten, zur Zeit der Zerstörung durch Nebucadnezar, und der alten, zur Zeit des Titus war. Das alte Jerusalem hatte an seiner Ostseite, deren Länge gegen tausend Schritte misset, vier Thore: das Fischthor nahe an der Nordostecke der Mauern, dann das Schafthor, welches dem jetzigen Stephansthor entsprochen zu haben scheint, hierauf, jenseits der beiden Mauerthürme Mea und Hananeel das Roß- oder Kerkerthor, am Morija, dessen vermuthliche Gegend bei dem jetzt zugemauerten, goldnen Thore gesucht werden muß, endlich am weitesten nach der Südostecke hin das Wasserthor[159]. Dagegen besitzt die jetzige Stadt auch an dieser Seite nur ein einziges offenes: das sogenannte Stephansthor. So wie man um die Nordostecke herum kommt hat man die nahe, freie Aussicht nach dem herrlichen Kidronthale und dem grünenden Abhange des Oelberges. Noch vor dem Stephansthore kommt man an einer brunnenartigen, anjetzt wasserleeren Cisterne vorüber. Jenseits des Thores ist die Stadtmauer so nahe an den gähen Abhang vorgerückt, daß nur ein schmaler, unebener Saum, neben dem Tempelberg hin, für die Türkischen Grabstätten übrig bleibt. Hier ist das goldne Thor, das die Türken zumauern ließen, weil einer ihrer vermeintlichen Seher der Zukunft weissagete, daß einst, an einem Freitage, ein Held und König der Christen durch dieses Thor seinen Einzug halten werde. Da herein nahm vormals am Palmsonntage, die Prozession der Christen, an ihrer Spitze der Patriarch ihren Weg und nicht ohne Grund der Wahrscheinlichkeit lässet die christliche Ueberlieferung das goldne Thor jenem entsprechen, durch welches auch Christus der Herr unter dem Hosiannarufen der Seinigen hinanzog zum Tempel. Er selber, mit dem festen, unverwandtem Hinblicke auf eine andre Erhöhung und auf eine andre Krone denn die war, welche das freudige Zujauchzen seiner Jünger meinte; den Meisten und Mächtigsten im Volke der Allerverachtetste, und dennoch, das durfte und sollte die Schaar der Kleinen und Armen ohne Scheu bekennen, ein König, welcher dazu geboren und in die Welt gekommen war, daß er die Wahrheit zeugte. Schon in der Nähe des goldnen Thores, noch mehr aber an der Südseite der Stadt, bemerkt man an dem untern Theile der Mauer riesenhafte Werkstücke, welche ohnfehlbar von ungleich früheren Bauleuten gebrochen und behauen wurden, als die der jetzt bestehenden Mauern waren. Die ganze Länge der Südseite der Stadt, von der südöstlichen, bis zu der, jenseit des Zionsthores gelegnen südwestlichen Ecke, beträgt über 1200 (nach Maundrell 1290) Schritte und auch an dieser ganzen Seite findet sich jetzt nur ~ein~ offenes, das schon erwähnte Zionsthor, weil die Pforte, am sogenannten Mistthore, seit den letzten Unruhen verschlossen ist. Hier nach Süden hat, eben so wie nach Norden der Umriß und die Ausdehnung der Stadt, wenn man ihren jetzigen Zustand mit dem älteren, zur Zeit der Zerstörung durch Titus vergleicht, sehr bedeutende Veränderungen erlitten. Von der heutigen Südgränze Jerusalems zog sich vormals an den Abhängen des Zion wie des Morijaberges ein unterer Theil der Stadt hinab, bis zur Gegend der Quelle Siloah; Titus ließ nach Eroberung des Tempels die Häußer dieses unteren Stadttheiles abbrennen, ohne deshalb von hier in die obere Stadt eindringen zu können, weil der Berg Zion noch von einer besondren Mauer fest umschlossen war[160]. Die Aussicht, an einigen Punkten der nächsten Umgegend der südlichen Mauer ist eine der schönsten, welche man bei Jerusalem finden kann. Nahe vor sich erblickt man die Kuppel der großen Moschee, noch näher an der Stadtmauer erhebt sich das schöne Gebäu des vormaligen Christentempels, welcher der Darstellung Marias im Tempel gewidmet, jetzt aber zur Aksa-Moschee geworden ist. In Nordosten erhebt sich der Oelberg, in Osten siehet man, unten, am jenseitigen Abhang des Josaphatthales das Dorf Siloah; im Süden das tiefe Kidronthal und die fernen Höhen an denen der Weg nach St. Saba vorbeigeht; im Westen das Ben Hinnomthal mit der Menge seiner Grabeshöhlen[161]. Das Tyropöonthal, welches selbst innerhalb der alten Stadt den Morijaberg deutlich von dem Zion abgränzte, ist auch jetzt, wenigstens außerhalb der Mauern noch erkennbar; als eine Schlucht, in welcher der Weg von der Gegend des Mistthores hinab gen Siloahs reinen Quell verläuft. Jenseits dieser Schlucht, bei der sich so manche Erinnerungen des Reinen und Unreinen aus der Geschichte Jerusalems vermischen; da wo jetzt Dornengesträuch auf dem Haufen der zertrümmerten Marmorsteine wächset, erhub sich, wetteifernd an Pracht mit dem Bruchion zu Alexandria des Herodes Pallast. Gärten und schattige Baumanlagen, abwechslend mit gemauerten Wasserteichen umgaben das prunkende Gebäu, aus dessen einem Flügel man Alles sehen konnte was in dem gegenüber gelegnen Tempel auf Morija vorgieng, bis die Juden diese Aussicht durch eine hohe Mauer verbauten. In dem Pallaste selber fanden sich Säle, vom Golde glänzend, in denen für hundert Gäste Raum und königliche Bewirthung gegeben war. Und siehe, da auf derselben Höhe des Zion, außerhalb der dreißig Fuß hohen Mauern des Königspallastes, stund ein andres Haus mit einem gepflasterten Saale, in welchem zwar nicht hundert Gäste nach königlicher Weise, wohl aber zwölf, unter denen nur einer des Mahles unwürdig, von dem »Fürsten der Könige auf Erden« mit einem Brod und einem Weine bewirthet wurden, gegen welche Indiens und Yemens Gerichte nur Staub und Asche sind. Es war dort keine Mauer vorgebaut, wie vor dem Tempel auf Morija; Herodes hätte sehen dürfen was geschahe, aber das Auge des Idumäers hätte nicht verstanden was da vorgieng und verstehet dieses bis auf den heutigen Tag noch nicht, denn die Decke hängt nicht vor dem offenkundigen Geheimniß, sondern vor dem Auge des Schauenden. Der Pallast des Herodes mit den Gebäuden des Agrippa, sammt allen Cisternen und Gärten die sie umgaben, sind bis auf jede Spur verschwunden; ihrer gedenket nur ein längst verstummter Augenzeuge: der Jüdische Geschichtsforscher Josephus, und keiner der vorüberziehenden Pilgrime fragt nach der Stätte wo die Hunderte der Gäste des Herodes mit ihrem Könige zu Tische lagen. Nach der Stätte aber des Haußes, da Christus mit seinen Jüngern das letzte Osterlamm aß und das Abendmahl feierte, fragt die Liebe auch des spät gebornen Geschlechtes noch mit sehnendem Verlangen, und Der, welcher die Liebe und das kindliche Vertrauen der Einfalt nicht verachtet, wird dafür gesorgt haben, daß in vielen Menschenherzen, welche dort im Hauße des Abendmahls auf Zion Sein gedachten, eine Thüre sich aufthat, durch welche Er selber eingieng um mit dem beseligten Herzen das Abendmahl zu halten. * * * * * Wir wendeten uns jetzt, von der südwestlichen Ecke der Stadt wieder zur Westseite, nach unsrem heimathlichen Bethlehemsthor. Diese westliche Seite der Stadt hat die geringste Ausdehnung, obgleich man um sie zu umgehen, wegen der Unebenheiten des Bodens, der von der Südwestecke abwärts fällt, von da bis zum Thore gegen 480 (nach Maundrell 500) von hier bis zur vorspringenden Nordwestecke fast 390 (nach Maundrell 400) Schritte zu machen hat. Auf dem Hinabweg nach dem Thore sahen wir an der Seite des Weges viele jener bunten (namentlich roth und weiß gefärbten) Marmorsteine, durch welche die Umgegend von Jerusalem sich auszeichnet. Er gleicht jenem hochgeachteten Marmor, den die Alten nach Adonis nannten. Und so kamen wir denn abermals mit sehr beschwerten Taschen, aber mit leichten, sehr fröhlichen Herzen in unser Pilgerhaus. * * * * * Die guten Väter des griechischen Klosters, an die wir von Kairo aus, wahrscheinlich zur Bewirthung empfohlen gewesen, hatten uns, ich weiß nicht warum? gar zu freigebig beschenkt, mit zwei Lämmern, einem großen Krug voll trefflichen Weines, einem Hut Zucker und sehr vielen Broden. Ich machte am Nachmittag dort einen Besuch und brachte dem Kloster ein entsprechendes Gegengeschenk an Geld, weil eine andre Art der Entgegnung nicht zu finden war. Wir freuten uns abermals an der alterthümlichen Pracht des Klostergebäudes und an der Schönheit des Gartens, wie an all jenen Vorzügen, welche dieses Kloster durch seine Nähe an der Kirche des heiligen Grabes und durch seine unmittelbare Verbindung mit dem Dache dieses Gebäudes hat. Die Kirche wurde heute früher als gewöhnlich geöffnet; wir hatten Zeit das Innre, in der sonderbaren Zusammenfügung seiner Theile, ganz ruhig zu betrachten. Für viele meiner Leser hat mir mein Reisegefährte und Freund, der Maler Bernatz, durch die Herausgabe seiner Zeichnungen die Mühe eines genaueren Beschreibens erspart[162], nicht aber für alle. Ich gebe demnach hier wenigstens die Hauptumrisse. Wenn dieses Gebäude der bedeutungsvollsten Kirche der Christen, den tiefen Eindruck, den sein Besuch auf so viele Seelen machet, nur der äußren Symmetrie und architektonischen Schönheit seines Innren verdanken müßte, dann wäre es übel mit ihm bestellt; die Besuchenden würden sehr wenig befriedigt seine Hallen verlassen. Es sind, wie wir schon oben sahen, drei verschiedne, und nicht in gerader Linie liegende, älteste Christenkirchen, welche seit den Zeiten des Fränkischen Königthumes zu einem Ganzen verschmolzen wurden: die Kirche des heiligen Grabes, die hiervon südöstlich stehende Kirche der Kreuzigungsstätte und die in Ost gegen Süd gelegene meist unterirdische Kirche der Kreuzesfindung. Aber mit der Aufnahme dieser drei Kirchen unter ein gemeinsames Dach war die Aufgabe der späteren christlichen Bauleute noch nicht vollkommen gelöst; sie mußten auch die in Norden gelegne Kapelle, welche die Stätte bezeichnete, da der auferstandne Herr am ersten der Maria Magdalena erschien, dem übrigen Tempel anfügen und einem Chor der Armenier seinen Raum im Innren der Mauern anweisen. So erinnert dann das Ganze an ein Gehäufe von verschiedenartigen Krystallen, daran jüngere auf ältere, jeder nach eignem Gesetz der Gestaltung, sich angefügt haben. Wenn man zu einer der beiden Thüren des Einganges, der nach Süden liegt, (es ist der einzige den die Kirche hat) hereintritt, sieht man, jenseits der viereckten Säule, gerade vor sich die Marmorplatte, welche den Pilger an die Salbung des Herrn, nach der Abnahme vom Kreuze erinnern soll. Zur Rechten (in Osten) von dieser steigt man auf 18 Stufen hinan zu der Kapelle der Kreuzigung auf Golgathas Fels; in den Fels selber unter der Kreuzigungsstätte, ist von ebener Erde aus die Kapelle des Evangelisten Johannes eingehauen. Eine Spalte im Felsen, die man auch oben, neben dem Orte bemerkt, da Christi Kreuz stund, setzt hinab in die Tiefe der unteren Grotte fort und wird als ein Zeugniß des Erdbebens betrachtet, das bei Christi Tod das Land erschütterte. Vor der Kapelle des St. Johannes war sonst ein Anbau, in welchem die steinernen Särge der beiden ersten christlichen Könige von Jerusalem, des Gottfried von Bouillon und Balduins +I.+ stunden. Als die wilden Horden der Charismier im Jahre 1244 an der Kirche des heiligen Grabes ihre zerstörenden Gräuel übten, da öffneten sie auch die Gräber der christlichen Könige von Jerusalem und andrer vornehmer Pilger und verbrannten die noch übrigen Gebeine[163]; schon damals hatten deshalb diese Stätten aufgehört Gräber jener Heldenkönige zu seyn; nun aber sind, seit dem neuen Kirchenbau der griechischen Christen auch die Inschriften der Gräber dem äußren Auge verschwunden, nicht aber dem innren, welches dieselben mit unverlöschbaren Zügen dem Heldenbuche der Geschichte eingeschrieben findet. Die Kapelle der Kreuzigungsstätte ist 45 Bayerische Fuß lang und 30 Fuß breit: ihre beiden, massiven Gewölbe mögen wohl zu den frühesten Werken der christlichen Baukunst gehören. Noch unverkennbarer jedoch als an der Golgathaskirche ist die uralte Abkunft an dem Bauwerk der Kapelle der heiligen Helena. Auch diese liegt eigentlich außerhalb des Kirchenschiffes des Haupttempels und nicht einmal genau in der Linie der Längenausdehnung jenes Schiffes, sondern um einige Grade von Ost nach Süden gerückt. Wie die Kapelle der Kreuzigung über, so liegt die der heiligen Helena unter dem ebenen Boden der Kirche. Die gerade Linie der Entfernung von der Treppe zu Golgatha, bis zu dem Eingang zur Helenenkapelle misset gegen 110 Fuß; man steigt auf 21 Stufen zu dieser hinab; sie bildet ein ziemlich vollkommnes Quadrat von 45 Fuß Durchmesser; an der südöstlichen Ecke steigt man auf 11 Stufen zu dem brunnenartigen Raum hinab der als Ort der Kreuzfindung verehrt wird. Die Hauptkirche selber umfasset das Gewölbe, welches über dem heiligen Grabe sich erhebt, und das Chor der Griechen. Seit dem Brande vom Jahr 1807 hat das erstere einige, obwohl unbedeutende Veränderungen erlitten, indem z. B. statt der vormaligen runden, viereckte Säulen die hohe Kuppel tragen, durch deren Mitte von oben das Licht hereinfällt. Auch im Griechenchore erhebt sich eine hochgewölbte Kuppel über dem unten am Boden angedeuteten Punkte, der als die Mitte ~des Ganzen~ bezeichnet wird, und eben diese beiden Kuppeln sind es, welche schon von Ferne her das Dach der heiligen Grabeskirche kenntlich machen. Beide Rotonden sind übrigens weder an Durchmesser noch an Höhe sich gleich; denn der innre Durchmesser der Grabesrotonde, ohne den Anbau der Hallen ist 78, jener der andern 45 Fuß groß. Hierdurch erhält auch das Hauptschiff der Kirche, dessen ganze innre Länge von West nach Ost, von der äußersten Wand der Hallen am Umfang der Grabesrotonda, bis an die Linie des Einganges zur Helenenkapelle 240 Bayerische Fuß misset, eine ungleiche Breite von 78 bis 105 Fuß; wenn man jedoch den nicht zum eigentlichen Kirchenschiff gehörigen Anbau, seitwärts der Kreuzigungskapelle, vom Eingang der Kirche in Süden, bis zu der Thüre des kleinen, geschlossen Hofes in Norden mit in Anschlag bringt, dann empfängt allerdings, wie ~Otto v. Richter~ dies beschreibt, das Innre des Gebäudes eine (freilich sehr unregelmäßige) Art von Kreuzform, deren kürzerer (Quer-) Balken 140 Fuß lang ist. Das Licht, welches oben durch die Oeffnung der Kuppel der größeren Rotonda hereinfällt, beleuchtet zunächst das gerade unter dieser Mitte stehende, heilige Grab, das wie ein Kirchlein im Kleinen von Marmor, in der größeren Kirche dastehet. Der äußere Umfang mag anfangs auf einen nicht unbedeutenden Raum der beiden, im Innren enthaltnen Kapellen schließen lassen, denn der Durchmesser des nach Westen etwas rundlich (fünfeckig) zulaufenden Quadrates misset gegen 30 Fuß. Dieser Raum wird jedoch großentheils durch die unverhältnißmäßig dicken Mauerwände ausgefüllt, so daß für die innerste, eigentliche Grabeskapelle nur ein Räumlein von 7 Fuß Länge und 6 Fuß Breite; für die Engelskapelle ein Quadrat von zehn Fuß Durchmesser übrig bleibt. Dagegen misset die Dicke der südlichen Wand der kleinen Grabeskapelle vierzehn, die der nördlichen gegen eilf Fuß. Schon aus diesen Verhältnissen wird es leicht zu errathen, daß die scheinbaren Mauern nicht von gewöhnlicher Art, sondern daß sie (nach S. 507) Ueberreste des alten Felsen sind, von welchem die Grabeshöhle umschlossen war. Vorzüglich gilt dies von der eigentlichen Grabeskapelle, die ein zugehauenes, von außen und innen mit Marmorplatten ausgekleidetes Stück Kreidefels ist, während die vordere Kapelle nur zum Theil Felsen, zum Theil aber ein alter Anbau aus Backsteinen ist, den die spätere Zeit eben so wie die innerste mit Marmor belegt hat. Mit einem besondren patriotischen Wohlgefallen bemerkt der deutsche Pilgrim an dem Zeichen des Wappens, daß der neue Aufbau des heiligen Grabes seit dem Brande von 1807 großenteils und zunächst ein Werk des Oesterreichischen Kaiserhaußes ist; auch von den goldnen Lampen, welche bei Tag und Nacht das heilige Geheimniß des Grabes beleuchten, sind die meisten eine Gabe unsres edlen Kaiserhaußes. Bisher hatten die drei mächtigsten Kirchengemeinschaften der jetzigen Christenheit des Orients: die der Lateiner, der Griechen und Armenier sich in die drei Kirchlein getheilt, welche unter die gleichsam politische Gewalt des gemeinsamen Obdaches der heiligen Grabeskirche zusammengefaßt sind. Die Armenier besorgten die Obhut der Helenenkapelle, die Griechen die der Kreuzigungskirche, die Lateiner hatten den Aufbau und die Erhaltung der heiligen Grabeskapelle übernommen. In neuester Zeit sind unsre armen Landsleute, die Lateiner, abermals in großer Gefahr, die Obhut des letzten Räumleins der von ihren Vorfahren wiedererkämpften Kirche zu verlieren. Von den eben genannten drei vornehmsten Christengemeinschaften des westlichen Asiens und seiner nachbarlichen Inselnwelt hat jede einzelne eine Anzahl der beständigen Hüter in der Kirche des heiligen Grabes aufgestellt, welche da bei Tag und bei Nacht des Gottesdienstes warten. Die Griechen haben an der Südseite der Kirche einen Anbau, in welchem dreißig ihrer Geistlichen beständig haußen, die Lateiner in Norden, wo zwölf Minoriten ihren Aufenthalt haben; fünfzehn Armenische Geistliche finden ein Räumlein in einer Art von Chor am Innren der Südseite und auch von den armen Kopten wohnen zwei Repräsentanten ihrer Gemeinschaft an der Westseite des heiligen Grabes, bei dem Grabe des Nikodemus. Alle diese Bewohner der kleinen, nur durch Mauern von Menschenhand zusammengefügten Kirchenhallen sind, so lange ihr Hüteramt währt, gewissermaßen in einer Gefangenschaft der Türken. Ihre kleinen Klosterhallen haben nur nach innen, zur Kirche, einen Ausgang und Eingang, nicht nach außen, nach der Stadt hin; zu dieser öffnen ihnen in den meisten Monaten des Jahres täglich nur einmal die Türkischen Thürhüter den Zugang, und dieß nur auf kurze Zeit; die armen Gefangenen im dumpfigen Gemäuer werden von ihren Mutterklöstern aus, die in der Stadt sind, täglich zu bestimmten Stunden durch eine kleine Oeffnung, welche an den Thüren angebracht ist, mit Speise und Trank versorgt. Von den Hütern der heiligen Grabeskirche hinweg, wenden wir uns zu den äußerlichen Bewahrern und Inhabern eines andren, noch früher gegründeten und weiter umfaßenden Baues, als jener des ehrwürdigen, mittelalterlichen Gebäudes ist; zu den Bewahrern des alten Bundes, den Gott mit Israël schloß. Es mag als ein nicht unbedeutendes Anzeichen einer großen, geistigen Bewegung in diesem merkwürdigen Volke erscheinen, daß so zahlreiche Schaaren desselben in unsern Tagen nach Palästina ziehen. Diese Auswandrungen geschehen nicht mit großem Aufsehen und äußerem Gepränge, sondern ganz in der Stille deßhalb mit glücklicherem Erfolg; die Auswandrer, welche als Fremdlinge kommen, werden, namentlich unter der sie vielfach begünstigenden Aegyptischen Herrschaft, leichter denn alle sonstige Ankömmlinge einheimisch, weil sie in Alles sich fügen, auch mit dem ärmsten Hüttlein und geringsten Stück Landes zufrieden sind und einen Fond der vertrauenden Liebe zu der neuen Heimath mitbringen, welcher ihren Unternehmungen ein glückliches Gedeihen giebt. Die in Jerusalem Wohnenden sind freilich meist sehr arm, und da weder Handel noch Gewerbe sie nährt, großenteils nur auf die Unterstützungen angewiesen, die sie von ihren Glaubensgenossen in Europa zugesendet bekommen. Richardson und Scholz[164] geben die Zahl der in Jerusalem wohnenden Juden auf 10000 an, uns versicherten jedoch mehrere zuverläßige hiesige Israëliten, daß sie nur gegen 6000 betrage. Zwar hat nun die letzte Pest wieder eine große Zahl der auch im engsten, niedrigsten Raum der Stadt zusammengedrängten Israëliten hinweggerafft, dennoch glaube ich nicht zu viel zu sagen, wenn ich die Juden als das reichliche Drittel der Gesammtzahl der hiesigen Bewohner angebe[165]. Freilich hat diese große Menschenschaar nur den kleinsten Theil (kaum ¹⁄₂₀) der Stadt inne und erregt unter allen das wenigste Aufsehen, während die Mohamedaner, deren Zahl mit dem Aegyptischen Militär sich auf 9000 belaufen mag, den größesten Theil der Gassen einnehmen und am meisten ins Auge fallen. Das kleinste Häuflein bilden im Verhältniß zu den andern beiden Religionsgenossen die Christen, denn ihre Zahl übersteigt, außer der österlichen Zeit schwerlich 3500; doch gehören ihren Gemeinschaften, vor allen den Armeniern sehr große weit ausgedehnte Räume der Stadt an. So mag die ganze Summe der Einwohner ohne das Militär über 17000, mit diesem über 18000 betragen; eine Zahl, welche für eine Stadt, deren Umfang noch jetzt über fünf Viertelstunden Weges misset, nicht groß genannt werden kann. Wir hatten schon in Bayern einen Brief bekommen, an einen jetzt in Jerusalem wohnenden Israëliten, den Rabbiner Bergmann aus Würzburg. Der gefällige Mann hatte uns mit mehreren seiner Glaubensgenossen, welches lauter deutsche Landsleute waren, schon in unsrem Pilgerhauße besucht; wir beschlossen ihm heute, weil es noch früh am Nachmittag war, einen Gegenbesuch zu machen. Um zu der Judenstadt zu kommen steigt man von der Gegend der Grabeskirche abwärts nach dem großen, aus mehreren Reihen der Läden und Kaufhäußer gebildeten Marktplatz oder Bazar. In den kleinen, vielfach gewundnen und zickzackartig durch einander verlaufenden Gäßchen, in welche man südwärts und südostwärts vom Bazar eintritt, möchte es schwer seyn ohne einen Führer sich zurecht zu finden. Gewöhnlich sind mehrere Häußer und Häußchen von einem gemeinsamen Hofraum umschlossen, der, mit all seinen vielen Bewohnern, einer kleinen Stadt gleicht. Wäre Jerusalem an allen Stellen seines Flächeninhaltes, selbst nach Ausnahme des großen Platzes der Moschee, eben so bevölkert, wie hier im Judenquartier, dann könnte es weit über hunderttausend Einwohner beherbergen. In der Familie wenigstens unsers Israëlitischen Landsmannes wurde es uns recht wohl; mit der äußren Reinlichkeit herrschte hier innre Lauterkeit und anspruchslose Zufriedenheit; ich lernte an Herrn Bergmann und den Seinigen solche Menschen kennen, denen das Bürgerrecht im Lande der Väter schon in ihrem Innren verliehen ist. Wir konnten heute nur kurze Zeit bleiben, da wir die fromme Sitte und Stille des mit Sonnenuntergang beginnenden Sabbathes im Hauße des gewissenhaften, ernsten Rabbiners durch unsren Besuch nicht stören wollten. Dagegen wiederholten wir später unsern Besuch öfter und ich lernte hier, so wie durch die Gegenbesuche in unserm Pilgerhauße mehrere der ausgezeichnetsten und gelehrtesten deutschen Rabbiner von Jerusalem kennen. Ich fasse das, was diese Bekanntschaft mir zu bemerken gab, schon hier kurz zusammen. Im Allgemeinen darf man den deutschen, nach Palästina ausgewanderten Israëliten das Zeugniß geben, daß der Zug der sie dahin führte ein sehr achtenswerther, Theilnahme erregender war. Es sind die Hoffnungen Israëls, der noch immer fortbestehende Glaube an das ihren Vätern gegebene Wort der Verheißung, was ihnen den Muth verlieh alle Vortheile und Bequemlichkeiten des Vaterlandes zu verlassen und sich freiwillig in ein Loos der harten Entbehrungen und mannichfaltigen Gefahren zu begeben. Unter ihnen fand ich nicht bloß eine große Zahl vorzüglich gelehrter, sondern auch frommer Männer, welche durch eifrigen Gottesdienst und anhaltendes Gebet bei Tag und Nacht zu dem Troste Israëls zu gelangen hoffen und dieses Trostes als eines nahen warten. Auch der Freund jener tieferen Erkenntnisse, welche durch uralte Ueberlieferung bis zu den jetzt lebenden Israëliten gekommen sind, namentlich der kabbalistischen Studien, würde unter den gelehrten Rabbinern von Palästina Meister treffen, deren Belehrung ihm von höchstem Werthe seyn könnte. Was jedoch höher zu schätzen scheint denn Alles: man findet unter den Israëliten von Palästina so Manche, welche mit Ernst in den Propheten und andren Schriften des alten Bundes forschen und diese von Herzen lieb haben. Der treffliche Beurtheiler von Lord Lindsays Reiseberichten in einer vielgelesenen englischen Zeitschrift[166] macht die Bemerkung: »daß vor allen andern Ländern unser deutsches Vaterland der Sitz- und Ausgangspunkt jenes modernen, liberalen Judaismus sey, an welchem der eigentliche, göttlich prophetische Charakter des altgläubigen Judenthums sich ganz verwischt hat. Mit dem Glauben an einen göttlichen Ursprung der Verheißungen und Zeugnisse des alten Bundes, fällt dann auch die Hoffnung auf eine göttliche Wiederbelebung des erstorbenen Stammes hinweg; an ihre Stelle ist das Streben nach einer politischen Regeneration, auf dem natürlichen Wege der jetzigen, Europäischen Völkerbewegungen getreten. Während deshalb der altgläubige Israëlit noch immer fortfährt zu Gott zu beten, daß der Stern Jacobs über seinem Volke aufgehen, daß der Trost Israëls erscheinen möge; während sein großes Festgebet mit den Worten schließet: »Jahr das da kommt, o führe uns nach Jerusalem,« entfernte dagegen der neuere Liberalismus aus seiner Liturgie die Bitte um die Zukunft des Mesias und um die Wiedererlangung Dessen das den Vätern versprochen und bisher ein Ziel des fortwährenden Heimwehes des in alle Länder der Erde zerstreuten Volkes war[167].« Aber so richtig auch das Negative erscheinen mag, was in jener Bemerkung über den modernen, deutschen Judaismus liegt, der jene göttlichen Wahrheiten verkennt und verläugnet die selbst dem Talmud noch als feste Basis unterlagen, so darf dennoch auf der andren Seite nicht übersehen werden, daß, wie der Verfasser zugleich bemerkt, der geistige »Aussatz« der falschen Freiheit und des Unglaubens nicht das ganze, sondern nur einen Theil des Israëlitischen Volkes ergriffen habe[168]. Namentlich in Deutschland, wo diese Art der Gegensätze auch nach andern Seiten hin in ihrer größten Schärfe sich hervorzurufen und zu bestärken pflegt, ist zugleich der alte Glaube der Väter und das Aufmerken auf das Wort der Verheißungen in einer Stärke und Lebendigkeit wieder erwacht wie kaum anderswo. Die meisten jener Israëliten, die in unsern Tagen im Glauben und fester Hoffnung daß der Herr sich Zions einst wieder erbarmen werde, nach Palästina zogen, kamen aus dem Lande in dem nach der Aeußerung unsers edlen Engländers, der moderne Judaismus entsprang, welcher solcher Hoffnung spottet, und aus jenem »in welches die Ansteckung zunächst sich verbreitete«: aus Deutschland und aus Polen. Merkwürdiges Erwarten eines neuen, großen Tages der Geschichte, welches auf einmal so viele Völker: Beduinen und Türken, Israëliten und Christen in Süden wie im Norden bewegt! Sonnabends am 1sten April sahe ich, wie ich dieß öfters that, den Morgen, stehend auf dem platten Dache des Haußes, über Jerusalem erwachen. Ein Morgenroth, so purpurglänzend wie man es nur selten in der Heimath sieht, zog über den Oelberg, und gieng herauf aus der Wüste des Kidronthales, »wie ein gerader Rauch, wie ein Geräuch von Myrrhen und Weihrauch[169].« Die Luft war mit dem Geruch der blühenden Orangen und Gewürzkräuter aus den benachbarten Gärten erfüllt; ein erfrischender Wind bewegte die Wipfel der Zypressen. Auch die Seele fühlte sich bewegt und doch noch lange nicht so wie sie es hier, am lang ersehnten Ziele der Pilgerreise hätte seyn sollen. Ja, »stehe auf Nordwind und komme Südwind und wehe durch meinen Garten, daß sein Balsam sich ergieße.« Unser aufopfernd gütiger Führer der Pater Vicar kam um 8 Uhr, um uns von neuem zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu geleiten. Der Himmel hatte sich mit Regenwolken bezogen, die jedoch so leicht und dünn waren, daß sich, so erwünscht dieß dem Lande gewesen wäre, kein reichlicher Erguß von ihnen erwarten ließ, wir beschloßen daher dennoch unsre Wanderung nach dem Berge Zion anzutreten. In die Citadelle konnten wir nur im Vorübergehen einen Blick werfen. Leider war der hohe Offizier an den ich von Kairo aus empfohlen war, verreist und kehrte während unsers ganzen hiesigen Aufenthaltes nicht nach Jerusalem zurück, wodurch uns manche Vergünstigung entgieng, auf die wir gehofft hatten. Uebrigens hätte uns auch weniger das über der Erde stehende Gebäude der Davidsburg interessirt, als jener unterirdische der Grüfte und Gänge, von welchem wir verschiedene Berichte vernahmen. Desto ungehemmter jedoch durften wir uns in dem mächtig großen Klostergebäude der Armenier umsehen. Zu diesem gehört nicht ein Gebäude allein, sondern eine große Menge, der von der hohen, gemeinsamen Ringmauer umfaßten Häußer und Höfe, und der Raum den die Ringmauer umfaßt ist so groß daß die ganze vormalige Reichsstadt Neresheim darinnen bestehen könnte. Einige der Höfe, mit den vielen kleineren und größeren Pilgerhütten, welche auf ihnen stunden, glichen schon jetzt durch die Schaaren der Wallfahrer, die zum Fest gekommen waren, einem kleinen Heerlager; in der eigentlichen Zeit des Festes soll sich die Zahl der Gäste in diesem Kloster so vermehren, daß der Umfang desselben, so groß er auch ist, sie nicht alle beherbergen kann. Denn zur Osterfeier des Jahres 1834 waren nach der Versicherung unsers Führers, aus allen Gegenden des Morgenlandes zwischen acht und neuntausend Armenische Pilgrime gekommen. Deshalb haben auch die Väter dieses reichesten Klosters des Morgenlandes[170] darauf Bedacht genommen durch den Ankauf von ganzen Plätzen und neuen Anbau von Häußern und Höfen ihren Gästen noch mehr Bequemlichkeit zu gewähren. Uebrigens hatten diese schon bisher im Armenischen Kloster es besser als in jedem andren Kloster der übrigen christlichen Gemeinschaften; denn viele Pilgerfamilien bewohnten ein besondres kleines Haus, oder nahmen wenigstens eine jener bequemen Wohnstätten (Kammern) ein, deren in den verschiednen Gebäuden zusammen über tausend seyn sollen. Und dabei gleichen die Vorhöfe des Klosters einem kleinen Markt, wo jene Familien, welche selber für ihre Beköstigung sorgen wollen, Lebensmittel in Menge zum Verkauf finden; für die Uebrigen sorgen die wohlbestellten Küchen des Klosters, in denen man auch auf das Bedürfniß der Armen hinreichend Rücksicht nimmt. Mir that es wohl eine christliche Pilgerherberge und Pilgerheimath von solcher Größe und solchem Wohlstand zu sehen. Bei einer der Kapellen des Klosters wird die Stätte, da Christus vor Hannas den Hohenpriester geführt war, in einer andern Kirche die der Enthauptung des Apostels Jacobus verehrt. In der großen Kirche verweilten wir mit besondrer Aufmerksamkeit. Ihre innren Reperaturen und Ausschmückungen waren erst vor Kurzem vollendet, namentlich die Malereien, die ein Armenischer Künstler gefertigt hat. Ich hätte Manchen meiner Europäischen Landsleute an meine Seite gewünscht, welcher sich die Anfänge und die Entwicklung der Kunst etwa so wie die eines Handwerkes oder wie die Fertigkeit im Blasrohrschießen denkt. Hier in dem reichen Kloster der Armenier sind dem Kindheitszustande der Kunst dieselben äußren Hülfsmittel geboten wie einst in den ersten Jahrhunderten der christlichen Herrscherreiche, ja wie in den reichsten Zeiten der Italiänischen und Niederrheinischen Freistaaten. Und dennoch wird man in all' diesen überreich mit Gold belegten, in die theuersten Farben gekleideten Bildern des Armenischen Künstlers vergeblich auch nur nach einem einzigen, entferntesten Zuge jenes geistigen Lebens suchen, welche die christliche Kunst der frühesten Jahrhunderte, lange vor Cimabue, so oft ihren Werken aufgeprägt hat. Wenn jener gute Mann, der die Armenische Kirche neu bemahlt hat, ja wenn eine ganze Schule von seines Gleichen Jahrhunderte lang auf solchem Grunde fortbauete und dabei die Fertigkeit im Zeichnen und Farbengeben bis aufs Höchste brächte, würden dennoch ihre Arbeiten als etwas kraft- und wesenloses erscheinen, so lange nicht jene Kraft der Begeisterung und des innren Lebens zurückkehrte, welche auch zu solchem Werke die Meister der alten Zeiten regte und bewegte. Wir traten jetzt hinaus ins Freie, vor das Zionsthor, auf die Höhe des Berges Zion, auf welcher das Haus eine Stätte hatte, in welchem der Herr das Abendmahl stiftete. Die Sonne brach durch das Gewölk hindurch, aus dem sich kurz vorher ein leichter Regen ergossen hatte; das Grün der Felder und der Bäume glänzte erfrischter und kräftiger. Man zeigt auf dem Zion das »Haus des Kaiphas« das an jenen großen Augenblick erinnert, in welchem Christus, Er, der künftige Richter aller Geschlechter der Erde, vor dem Gericht der Sünder stund, und mitten in Schmach und Banden sich bekannte als den Sohn Gottes, sitzend einst, zu der Rechten der Kraft. Die Armenier haben die Stätte des Hohenpriesterhaußes mit einer »Kirche des Erlösers« überbaut, während die Türken an die Stätte jenes Haußes, da Er, der wahre Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks sein hohepriesterliches Gebet sprach, eine Moschee gestellt haben. Der Eintritt in den Saal des Abendmahles ist gegen eine kleine Abgabe an den Türkischen Thürhüter jedem Fremden gestattet; dagegen ist der Zutritt namentlich zu den unterirdische Gewölben, welche die Sage für die Gräber Davids und mehrerer der ältesten Könige Juda's erklärt, selbst den Mohamedanern sehr erschwert. Der Christ verweilt indeß gern in den oberen Räumen die von einem Lichte der heiligsten Tage Jerusalems beleuchtet sind; denn in demselben Hauße, in welchem durch das Geheimniß des Abendmahles die arme Natur des Menschen des Göttlichen theilhaftig geworden, waren die Apostel am Tage der Pfingsten einmüthig bei einander, als jenes Brausen vom Himmel geschahe, gleich eines gewaltigen Windes und das ganze Haus erfüllete; als ausgegossen ward über sie Alle der Geist des Herrn. Schon damals waren außer den eilf Jüngern auch die heiligen Frauen »und Maria die Mutter Jesu, und seine Brüder«[171] hier versammelt gewesen in Gebet und Flehen, bis zur Stunde der großen Vollendung der Verheißungen. Die Ueberlieferung der christlichen Jahrhunderte läßt jedoch dieselbe Stätte noch einmal zu einem Orte des einmüthigen Beisammenseyns in der Stunde einer andern Vollendung werden; denn hier soll sie, die Erkohrene der Frauen gestorben, in der Nähe des Haußes nach Jesu Tod und Himmelfahrt ihre Wohnung gewesen seyn. Klopstock in seinem Mesias muß die Sage von dieser Wohnung des Friedens in der Nähe der Stadtmauer, von wo auch der Weg gen Emmaus in seinem Anfange überblickt wird, vor Augen gehabt haben; ich gedachte hier gern der Gesänge der Sionitin, obgleich kein Saitenspiel der Erde die Töne des Liedes nachzuhallen vermag, das dort auf Zion in der Seele des Pilgers erwacht. Als nach den Zeiten der Kreuzzüge auch das letzte, mit vielem Blut erkaufte Flecklein des heiligen Landes den Christen wieder entrissen war; als der Weg des Pilgers nach Jerusalem und dem Jordan, so wie der Aufenthalt in der einst werthen Stadt den meisten Christen wie ein sichrer Gang zum Tode erschien; da wohnte hier auf dem Zion, mitten unter den Trümmern, ein wehrloses Häuflein der Jünger des heiligen Franziskus, das in seinem armen Hauße die Pilgrime, die den Zug noch wagten, aufnahm und ihrer pflegte. Schon einmal hatte man diese Herbergsväter der Lateinischen Pilger von ihrem Obdach vertrieben, da bewohnten sie lange Zeit die Felsengrotten, die am Abhange des Felsens, dem Blutacker (Hackeldema) gegenüber liegen. Im Jahr 1561 nahmen ihnen die Türken das Kloster und die uralte Christenkirche des Coenaculums gänzlich, und die armen Väter haben seitdem an dem Zion kein andres Recht mehr als da ihre Todten, auf dem alten Kirchhof der Lateiner zu bestatten. Nicht weit davon haben die Armenier ihren Gottesacker, gegen die Stätte vom Haus der Maria hin. Von der Anhöhe des Zion steigen wir über die Felder, aus deren Erdreich sehr häufig die Trümmer der vormaligen Stadt hervorblicken, hinab nach der Gegend in welcher die Wasserleitung aus Salomons Brunnen, jenseits Bethlehem ihren Verlauf (durch irdene Röhren) hin nach dem Morija nimmt; dem Sammelpunkte vieler unterirdischer Zuströmungen. Auf unsrem Wege, in der Ebene der Wasserleitung gegen die Mauern der Stadt, kamen wir an jener Felsengrotte vorüber, welche von der Ueberlieferung als die Stätte bezeichnet wird, da Petrus die Untreue seines sonst so feurigen Herzens bitterlich beweinte. Eine Regenwolke die über Gihons Berg herabzog fieng an sich zu ergießen; uns wäre dieses keine Nöthigung zur Heimkehr gewesen, wohl aber war sie es unserm besorgten Führer, der uns versicherte, daß Fremden, die des hiesigen Klimas noch ungewohnt seyen, ein so plötzliches Naßwerden durch Regen öfters Erkrankungen brächte. Wir eilten nach dem Zionsthore und fanden am Eingang zum großen Garten der Armenier ein Obdach. Doch nach wenig Minuten war der Regen vergangen und die Sonne schien wieder klar und hell. Unter den Thorhallen des Klosters sahen wir noch die buntfarbigen Schaaren der Armenier und ihrer verschleierten Frauen, welche da die kleinen Kunstwerke der Stadt: Kruzifixe und Paternoster, auch Kleidungsstücke und Eßwaaren kauften und verkauften. Eine Familie mit vielen Kindern, welche eben erst eingewandert zu seyn schien in die Stadt, erquickte sich an der Ruhe und dem Genuß des frischen Brodes und Wassers; wir aber am Anblick so vieler still vergnügter Gesichter. Der Sonnabend Nachmittag ist für mich von jeher der Anfang des Sabbathes; eine Zeit des Ausruhens und der Stille; er war mir dieß in Jerusalem in ganz besondrem Maße. Zuerst ein Stillstehen auf meinem Lieblingsplätzlein, jenseit des Bogens des Ecce homo und der Trümmer der Antoniaburg, auf dem Hügel des Schuttes innerhalb dem Stephansthore. Mehrere der Begleiter hatten diese Aussicht auf den nahen Morija und über die Häußer der Stadt hin noch nicht gekannt; ihnen zeigte ich sie heute. In dem jetzigen Jerusalem läuten keine Glocken den morgenden Sonntag ein, der Wechsel der einzelnen Stunden und Wochen hat hier keine Stimme; man darf den Ausrufer der Zeiten des Gebetes dort am Minaret neben der Moschee des Morija nicht fragen: wann werden wohl die Tage enden, während denen das innre Chor des Tempels, der freilich nur im Abbild uns sichtbar ist, dahingegeben ward den Heiden, daß sie ihn zertreten zwei und vierzig Monden lang? Zum Thore des Ostens hinaus giengen wir jetzt hinab gegen den Garten Gethsemane; die Begleiter verweilten im Thal und Bette des Kidron, die Hausfrau und mich verlangte es den Vorabend des Sabbathes auf dem Oelberg zu feiern. Selbst die Wüste und der öde Fels waren durch den heutigen Regen getränkt mit Strömen der Lust und des Wohlgefallens, noch mehr aber der grünende Teppich des Oelberges. Mich wandelte, als ich da hinanstieg gegen den Gipfel ein ähnliches Gefühl an, wie etwa sonst an einem Himmelfahrtsabend des lieben, christlichen Vaterlandes, wenn die Kräfte des angehenden Sommers den grünenden Hügel anrühren, daß aus Wald und Gebüsch ein Regen des Blüthenstaubes sich ergießet und das Feld der blühenden Aehren seinen Duft giebt. Wenn ich in der theuren Heimath zuweilen an einem solchen Vorabend des Himmelfahrtstages, den Fußtritten eines eben vorübergezogenen Gewitters nachgieng, und die Donner im Wald und Gebirge schwiegen; aus dem Thale stieg wie von einem Altar, dessen Opfer eben vollendet ward, ein leichter Hauch des Wasserdampfes auf; wenn dann in meinem Innren, zugleich mit den Blumen des Feldes, die arme Lilie des Thales sich aufthat, die ein Gärtner vor langer Zeit dahin pflanzte und seitdem treulich pflegt, da sehnte ich mich oft nach deinem Anblick du Oelberg, nach deinem Anblick mit eignen, leiblichen Augen, nach deiner Berührung mit eigner, leiblicher Hand, und nun darf ich dich sehen und anrühren. Wir traten heute nicht in das Innre der Auffahrtskirche, welches verschlossen schien, sondern nur auf die Felsenaltane der freien Höhe mit ihrer Aussicht nach dem Pisga und Jordan, in Josaphatsthal wie über die Stadt »des großen Königes;« denn diesen Tempel darf keine Menschenhand verschließen. Vorüber an den Gräbern der Propheten, am dritten (südlichsten) Höhenpunkt des Oelberges, den Salomo »aus Liebe zu den fremden Frauen« zu einem Berg des Aergernisses für sein ganzes Volk und für alle künftige Zeiten entstellte, nachdem wir da die gefallenen Säulen und Cisternenartigen Grüfte betrachtet, stiegen wir hinab nach dem Thale Josaphat. Dem Thale des Ernstes und der Stille, in welchem es, so schien es wenigstens mir, der Seele des Pilgrims und Fremdlings auf Erden zu jeder Zeit leichter werden müßte denn anderwärts, den reinen Grundton ihres Innren wieder zu finden, und dem verstimmten Instrument des Herzens den verlorenen Wohllaut wieder zu geben. Wir und unsre Begleiter fanden uns da mit dem eifrig zeichnenden Maler Bernatz zusammen. Die Schatten aber des Morija breiteten ihre Flügel immer weiter über den Abhang des Oelbergs hinüber; es war Zeit an den Eingang ins Thor zu denken, damit uns dieses nicht für die ganze nächste Nacht verschlossen würde. Mehr als bei jedem andern früheren Tage (doch der spätern gab es noch einige welche diesem wenigstens glichen) möchte ich vor der Beschreibung des ersten Sonntages in Jerusalem meine Leser fragen: wer wohl von ihnen schon in Jerusalem, wer in Bethanien war? Ich meine nicht gerade mit dem äußren, leiblichen, sondern mit dem innren Menschen. Denn an solche Orte, welche uns, wenn wir sie nun leiblich betreten, noch mitten in der Zeit einen rechten Vorschmack gewähren sollen von dem Seyn im Heim der Ewigkeit, muß schon der Geist vorausgegangen seyn und Wohnung da gemacht haben. Auch ich war im Geiste schon oft in Bethanien gewesen, bei den Seelen, die der Herr lieb hatte, darum bewegte mich der leibliche Anblick mit so unbeschreiblicher Gewalt; mir kamen, schon beim Hineintreten in das Thal, wie eine Schaar guter Engel, jene Stunden entgegen, die ich im Geiste hier verlebt hatte. Wir hatten uns am Morgen mit einer Gemeinde der Christen zur Freude an dem Herrn und an Seinem Namen versammlet; dann in der Grabeskirche bei Gethsemane an der Andacht der Mitpilger erbaut. Die Ueberlieferung der ersten Jahrhunderte, und wem sollte sie, der das Bewegen einer Mutterliebe versteht, die über alle Liebe der andern Mütter der Erde war, nicht ehrwürdig seyn, erzählt, daß sich »Maria, die Mutter Jesu« die Nähe der Stätte, da Christus, bei Gethsemanes Felsen den Kampf mit dem Tode kämpfte, zur Ruhe des Grabes erlesen habe. Die Kirche die hier steht, großentheils unterirdisch, erinnert an den letzten Schlummer der Auserwählten der Frauen, wie des treuen Pflegvaters Joseph, und Joachims und Annas. Aus dieser Grabeskirche, in welcher selbst die Türken ihre eigenen Gebetsstätten haben, wendeten wir uns zum Wege, neben dem Kidronthale hin, nach Bethanien, in welchem Lazarus wohnte mit Maria und Martha, seinen Schwestern. Der Weg, es ist derselbe, der, wie ich später erfuhr, zu der Gegend von Jericho führt, durchschneidet jene Thalschlucht die vom Kidron am südlichen Abhange des Oelberges hinansteigt nach der vormaligen Stätte von Bethphage. Hier stehen Häußer, von Bäumen umgeben; wir hielten jene schon für Bethanien, von einigen uns begegnenden Pilgrimen aber belehrt, setzten wir, nach kurzer Ruhe, unsre Füße weiter. Nur noch eine kleine Anhöhe war zu ersteigen, da sahen wir links vom Wege das Dörflein, das selbst noch in seiner jetzigen Gestalt als einer der lieblichsten Orte des Landes erscheint. Es liegt seitwärts von der Heerstraße, im Schutze der Berge, umgeben von hohen Bäumen, die gegen Westen hin einen Wald der Gärten bilden. In ihrem dichten Schatten grünen der Fels und die Haufen der Trümmer. Da, wo wir nahe bei der Straße, welche nach Jericho führt, im Schatten eines Baumes stunden und hineinblickten in das Dorf der Gärten, weilte vielleicht der Herr, als Martha ihm entgegen eilte und dem zu spät gekommnen Helfer die Worte eines Glaubens zurief, welcher in der Prüfung treu geblieben war[172]. Freilich gleichet das zertrümmerte Gemäuer, das wie man glaubt zu Lazarus Hauße gehörte, selber schon einem Todtenmahle, und noch mehr soll die tiefe Felsenkammer[173], in die man nahe bei der kleinen Moschee den Pilgrim, als zu »Lazarus Grabe« hinabführt, diesen mit Gedanken an den Tod erfüllen, aber dieser Gedanke hat hier eine andre Gestalt gewonnen als seine gewöhnliche ist. Denn in Bethanien war es ja, wo der Erlöser aus des Todes Nacht und Banden als Sieger auf dem Staube des Grabes stund, und sich kund gab als die Auferstehung und das Leben[174], auch ist nur ein kurzer Weg aus dem Thale hinan zu dem Hügel des Triumphes und der Auferstehung. Diesem armen Dörflein muß noch jetzt ein Reiz innenwohnen der es zu einem Lieblingsort der fremden Pilgrime macht. An keinem andren Orte der Umgegend von Jerusalem sahen wir so viele Wallfahrter aus den verschiedensten Gegenden des Morgenlandes einträchtiglich versammlet als hier. Im Schatten der Bäume und Felsen saßen Eltern und Kinder, Freunde bei Freunden, oder auch Unbekannte bei Unbekannten und genoßen die leiblichen Erquickungen, die ihnen das kleine Arabische Dorf zu ihrem Mittagsmahle bieten konnte. Wir giengen den Fußweg nach dem Oelberg hinauf. Der krank aussehende Jüngling, welcher neben dem vom Alter gebeugten Greise, abgesondert von den andern Pilgrimen, im Schatten eines Wallnußbaumes ruhete, sollte er uns vielleicht an jenes Krankseyn vor Liebe erinnern, von welchem ein heiliges Buch redet? In der That, hier an diesem Orte, wo das Andenken an das Geschehene Ihn, den Freund der Freunde, in einer so nahe erfaßbaren Gemeinschaft mit den Menschen erblickt, die Er lieb hatte[175], wäre die Anwandlung eines solchen Krankseyns leicht möglich. Ja, »wer ist dein Freund, o Menschenseele; wer ist dein Freund vor andern Freunden, daß du ihn so ersehnest?« Der Name meines Freundes ist eine ausgeschüttete Salbe, die das Sterbende belebt; Seine Liebe ist besser denn des Lebens Lust; mächtiger denn des Todes Schmerz; Er ist der Freude Quell, des Lebens Brunn, ein Fels daran das Sehnen auf immer ruht, denn siehe in Ihm ist Alles, »was man je begehrt. Ein solcher ist mein Freund; mein Freund ist ein solcher, ihr Töchter Jerusalems.« Der Anblick einer alten, verfallenen Ritterburg, in deren Mauern einst große, gute Helden bei den Ihrigen ausruheten von des Kampfes Mühe, und Kräfte sammleten zu neuen Kämpfen, hat für den Wandrer, der unten im Thale, am Bache vorbeigeht und hinaufschaut nach den Trümmern, etwas Rührendes; wie sollte es nicht viel mehr der Anblick von Bethaniens alten Gemäuern für den Pilger haben, der aus dem Thale hinaufsteigt gegen den Oelberg. Die Stunden des Ausruhens in Lazarus und Marthas und Marias Hauße, dort unten am Fuße des Hügels, sind längst vorübergezogen, die Liebe aber, die sich da zu dem Geschlecht der sterblichen Menschen gesellte, wohnet noch immer über dem Thale wie über den Hügeln; denn sie gründet tiefer als die Tiefe, spannet höher als die Höhe und ist bleibender denn Thal und Hügel. Wenn man von Bethanien hinansteigt, den nächsten, geradesten Weg nach Jerusalem, der über die Mitte des Oelberges führt, kommt man über einen schmalen Bergrücken, der den Hügel von Bethanien mit dem Oelberg verbindet. Zu seiner Rechten wie zur Linken senkt sich der Abhang nach den Nachbarthälern hinab. Hier an diesem Bergsattel lag Bethphage; aus seinem von der ursprünglichen Stätte ganz verschwundnen, oder mit Gras bewachsnen Trümmern ist vielleicht ein Theil der steinernen Hütten der Araber erbaut, die sich, wie Schwalbennester im Vorhofe eines Tempels, unterhalb der Auffahrtskirche angesetzt haben. Es war fast Mittag da wir auf der Höhe aller Höhen ausruheten. Ein andres Ausruhen ist freilich das auf dem Oelberg, an einem Frühlingstage, im Anblick von Josaphatsthal und von Jerusalem, als jedes, noch so leiblich erquickende auf einer blumenreichen Alpenwiese, von der man hinabschaut nach dem See und den grünenden Auen; dennoch wird noch ein seligeres Ausruhen seyn, das den Pilgrim und Fremdling der Erde, wenn er den rechten Weg dahin fand, auf einer Höhe des mühsamen Ansteigens erwartet, von welcher jenes Jerusalem geschauet wird, das nicht irdisch sondern himmlisch ist. Auch im Pilgerhauße, bei unsern Freunden, ruhte es sich gut. Am Nachmittag machten wir uns, mit den Reisegefährten vereint, auf den Weg nach der südwärts gelegnen Umgegend der Stadt. Wir hatten zuerst bei dem sogenannten Teiche des Ezechias verweilt. Dieser ist eine Cisterne, welche in ihrem festgemauerten Behältniß andres nichts denn Regenwasser aufnimmt und nach unten keinen Abfluß, von oben her keinen andren Zufluß hat als den vom Regen. Das Wasser war mit grünlichen Conferven bedeckt; an seinem niedern Stande konnte man erkennen, daß in diesem Jahre der Frühlingsregen sparsamer geflossen war denn sonst. Neben dem Teiche zeigen sich die Lauben und Hallen eines Türkischen Kaffeehauses. Wir sollten heute ein lebendigeres, frischeres Wasser sehen als das der Cisternen; unser Weg gieng nach dem in vielfachem Sinne wunderbar zu nennenden Quell Siloahs, im Süden der Stadt. Hinaus zum Stephansthore, dann an Gethsemane vorüber nahmen wir unsre Richtung über die Grabstätten der Juden nahe bei jenem Felsen, da nach der Sage Judas Ischarioth sich erhieng, nach dem armseligen Dörflein Siloah. Seine Hütten und überbauten Höhlenkammern sind von Arabern bewohnt; der schmale Weg neben den Wohnungen beugt sich bald aufwärts am steilen Abhange, bald wieder abwärts. Jenseit des Dorfes und südwärts von ihm, im Kidronthale ist die vermuthliche Stätte, an welcher dem Moloch ein Altar gebaut war, bei dem Israëls weit verirrte, abtrünnige Väter ihre Kinder durchs Feuer gehen ließen; noch mehr südwärts findet sich der mehr denn hundert Fuß tiefe Brunnen des Nehemia, der in der Zeit des Herbstregens überschwillt; in seiner Nähe sind gemauerte, teichartige Wasserbehältnisse, die jetzt ohne Wasser waren. Hier ist der Punkt wo das Thal des Kidron und des Gihon sich vereinen. Wir wendeten uns wieder aufwärts gen Norden; zu unsrer Linken, am Felsenabhange Ben Hinnom, nahe bei dem Todtenacker der Pilgrime blieben uns die Grabeshöhlen mit Spuren alter Malereien an ihren Wänden. Noch weiter aufwärts an der Westseite des Kidron erlitt Jesaias der Prophet, auf Befehl des Tyrannen den Martertod, und nahe dabei waren des Königes Gärten. Ein klares Bächlein, hier in der wasserarmen Umgegend von Jerusalem ein seltner, dem Auge wohlthuender Anblick, fließt nahe bei dem vermuthlichen Grabmahle des von Gott begeisterten Sehers vorüber. Hier waren Arabische Frauen mit Waschen beschäftigt, weiterhin aber genossen, im grünen Grase gelagert, christliche Pilgrime die Ruhe des Sonntages. Das Bächlein kommt aus dem Teiche und Quell Siloah, in jener Bergschlucht, die sich zwischen dem südwestlichsten Abhange des Morija und dem südöstlichsten des Zionberges hineinzieht. Wenn man dort auf den steinernen Stufen hinabsteigt und hier wie weiter nordwärts in der engen Felsenkluft das klare Wasser dem Fels entquellen sieht, da stehet man an dem einen, letzten Ende eines unterirdischen Baues von Jerusalem, welcher bisher den Forschungen der neueren Zeit noch unzugänglicher war als die unterirdischen Räume und verschütteten Gänge der Aegyptischen Pyramiden, obgleich er an Bedeutung den Katakomben des alten Romes nichts nachgiebt. An der südöstlichsten Ecke der Stadt, auf der für Christen so schwer erreichbaren, hochummauerten Fläche des Morija oder des jetzigen Berges der Omar-Moschee, nicht fern von jenem Felsensteine, auf welchem einst nach der Sage des Islams Mohamed sitzen wird, wenn er mit Christus die im Thale Josaphat versammelten Todten richtet, zeigt sich der Eingang zu mächtig weiten Gewölben und Gängen der Tiefe, von denen auch anderwärts unter den Trümmern der alten Stadt Spuren gefunden werden. Auch wir hörten, wie Monro[176], von jenen Gewölben unter dem Tempelberge, welche von Tausenden der Säulen getragen würden; von den Wasserbehältnissen die mit ihnen in Verbindung stehen, vor allem aber von dem zwischen der Omar- und Aksamoschee gelegnem Brunnen, in welchem lebendiges Wasser quillt. Von dem unterirdischen Jerusalem, dessen Centralpunkt zwar unter dem Tempelberg war, das aber seine Gänge nach allen Richtungen hin unter der Stadt, ja bis vor die Mauern fortsetzte, erzählen die Schriftsteller des Alterthumes[177]. Jene Bauwerke der Tiefe waren auch den späteren Jahrhunderten nicht ganz unbekannt, obgleich ihnen ein großer Theil derselben unter dem Schutt und den Trümmern verschlossen blieb[178]; erst die kleinliche Eifersucht der Türken hat es der wissenschaftlichen Forschung unmöglich gemacht in jenes Geheimniß der Tiefe einzudringen. Da bei der Belagerung der Stadt durch Titus der nahe Untergang derselben als unvermeidlich vor Augen lag, hatten ganze Schaaren der Belagerten in den unterirdischen Gängen und Gewölben der Stadt sich und ihre Schätze verborgen; unter den Versteckten war auch Simon von Gerasa, einer der Führer der Rotten; dieser war bis unter den Tempelberg gekommen, wo die Qual des Hungers ihn wieder heraustrieb ans Tageslicht, in die Hände der Feinde[179]. In der frühern Zeit jener Belagerung waren die Juden öfters durch solche unterirdische Gänge hervorgebrochen aus der Stadt und hatten die Römer, wenn diese Wasser holen wollten, bei Siloah überfallen, bis Titus die Ausgänge verstopfen ließ. Ein großer Theil der unterirdischen Gewölbe war zu Behältnissen des Wassers bestimmt, dessen Quellen Hiskia bei dem oberen Teich des Gihon (und an der Nordseite der Stadt?) in der Tiefe abgefangen und vor allem unter den Tempelberg geleitet hatte, unter welchem, in einem Umfange von fünf Stadien ein Wasserbehältniß am andern sich fand[180]. Im Tempel drang, aus Oeffnungen, welche den opfernden Priestern bekannt und durch sie wieder verschließbar waren, das Wasser, so oft diese wollten, in Menge hervor[181]. Könnte man Siloahs zuweilen reichlicher, dann wieder sparsamer fließendem Quell nachgehen bis zu den Räumen der Tiefe aus denen er hervorkömmt, dann würde man wahrscheinlich durch ihn noch jetzt zu den uralten Wasserbehältnissen unter dem Morija und von da hinan in die Felsengründe des Gihon geführt werden. Es sind dieselben Mittel gewesen, durch welche die Artesischen Brunnengräber noch jetzt ein dürres Land mit Wasser versorgen, die von den Herrschern des alten Jerusalems, namentlich von dem wahrhaft weisen Könige Hiskias angewendet wurden, als sie die Stadt innerhalb der Mauer, nach Tacitus Ausdruck, zu einem beständigen Quell des Wassers umschufen, während die Landschaft rings umher, mit Ausnahme des Abflusses am Siloah, ohne Quell und Brunnen, ein, ohne Hülfe der Stadt unbewohnter Boden ist. So lebt die Macht und Herrlichkeit des alten Jerusalems, auch leiblich, eben so wie geistig, noch in der verborgenen Tiefe fort; dieser entquillt noch immer, auf geheimnißvollem Wege, ein lebendiges Wasser, welches die Durstenden tränkt. Und mag die Wurzel des vom Wetter zertrümmerten Baumes immerhin von Haufen des Schuttes bedeckt und begraben seyn, wenn sie nur lebt, wird sie wohl dereinst mit neuen Sprossen aus dem Grabeshügel der Trümmer hervorbrechen und dastehen vor den Augen der Völker »auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie die Heerschaaren.« Davids Grab wie Salomons, und das Geheimniß jener Gruft, das nach einer alten Sage fortwährend noch die höchsten Heiligthümer des ersten Tempels verwahrt, werden wenigstens im geistigen Sinne sich aufthun; der Quell des Erkennens Dessen der war und ist und seyn wird, soll dann ein offener Born seyn, aus welchem alle Heiden und Völker Kräfte des Lebens schöpfen umsonst. Wie schön war doch noch der Sonntag Abend im Thale Ben Hinnom, das wie ein Feld des Auferstehens fröhlich grünte und blühete. Schaaren der Pilgrime, mit ihnen die weißgekleideten, verschleierten Frauen und Jungfrauen zogen mit uns hinan zum Thore. Dieses waren die äußren, sichtbaren Begleiter. Die innren aber und unsichtbaren, welche die Seele heute mit sich hineinnahm in das Schweigen und Ausruhen der Abendstunden, das waren Bewegungen und Gefühle wie sie, in solcher Art und Gestalt nur ein Frühlingssonntag in Bethanien und Ben Hinnoms Thale wecken kann. Der Morgen am Montag, den dritten April, hauchte kühl über die Berge her; selbst nach Sonnenaufgang zeigte das Thermometer nur 6 Grad Reaumur. Bald aber wachte über Zion der Frühling mit seiner belebenden Wärme wieder auf; wir begaben uns hinaus zum Damaskusthore, nach der nördlichen Umgegend der Stadt. Ein kleiner Flug von Aasgeiern (wir sahen diese »Adler« öfters über Jerusalem und seine Nachbarhügel versammlet) schwebte über die Trümmerhaufen nach Süden hin; diese Befreundete des Todes und der Verwesung finden da fortwährend eine Fülle des Todten und Erstorbenen. Und nicht jener Vogel der Leichname allein, sondern Alles was das Auge auf der Nordseite außerhalb den Stadtmauern siehet erinnert an Zerstörung. Zwischen den Pflanzungen der Feigen-, Maulbeer- und Oelbäume, die nach dieser Seite hin häufig sind, bemerkt man ganze Haufen von aschfarbigem Schutte, wie von einer alten Brandstätte; die Mauern der Olivengärten bestehen zum Theil aus Trümmern behauener Steine und da wo der Regenbach oder eine grabende Menschenhand den Grund entblößte sieht man auch größere Werkstücke, die jedoch nur selten in ihrer ursprünglichen Lage eines auf dem andern geblieben, sondern von den vielmals wechslenden Zerstörern und Wiedererbauern der Stadt wenigstens auseinander gerissen, wenn auch nicht hinweggeschleppt sind. Denn so viel auch Byzantiner und Sarazenen, Franken und Türken an dem späteren, noch jetzt vorhandenen Jerusalem bauten, so viele Steine Omar zu seiner Moschee, Suleiman zu Mauern und Thürmen verbraucht hatten, so fanden doch beide den größten Theil dieses Baumaterials schon im innren Kreise der Stadt. Dagegen blieb von der 25 Ellen hohen und 10 Ellen dicken Mauern, von den 90 Thürmen, worunter der bedeutendste der 70 Fuß hohe Psephinus war, womit Agrippa +I.+ die hier im Norden der jetzigen Stadt weithin sich erstreckende Neustadt Bezetha an ihrem Umfange schützte, noch eine solche Menge der Steine unter dem Graus der Verwüstung liegen, daß, wenn man sie ausgrübe der Stoff noch zu manchem Mauernbau gefunden würde. Wie Gräber einer Zigeunerhorde, wo der Staub das verscharrte Gebein nur seicht bedeckte und von hungernden Thieren oft durchwühlt wurde, erscheinen diese unregelmäßigen, nun zu Oelgärten gewordenen Schutthügel von Bezetha. Wir waren heute ohne Führer aus dem Kloster gegangen; ein junger Türke den wir auf dem Felde fanden und darum ansprachen, ließ sich willig finden uns nach den Gräbern der Könige und der Richter zu geleiten, wozu jedoch noch ein Andrer gewonnen werden mußte, dem als Eigenthümer des Grundstückes das Recht des Herumführens zustehet. Von dem Thurme Psephinus, welcher eine Aussicht über die Gebirge und Ebenen bis an den Saum des Mittelmeeres und an die Gränzen »Arabiens« gewährte, konnten wir keine sichre Spur entdecken. Wir hätten seine Stätte wahrscheinlich weiter westwärts von den Gräbern der Könige suchen sollen. Diese (die vermuthlichen »Königshöhlen« des Josephus) finden sich eine Viertelstunde Weges nordwärts vom Damaskusthore, ganz nahe an der Straße die nach Bir und Sichem (Naplus) führt. Man tritt zuerst in einen Vorhof der ausgehauenen Felsen, der durch eine Thür verschlossen werden kann. An der südlichen Felsenwand des Vorhofes zeigt sich eine prachtvolle Halle, mit Dorischem Frontispiz; verziert mit den halberhabenen Bildwerken der Rosen und Weinranken. Im Osten der Halle ist der Eingang zum Innren der Grabeskammern. Das Hineindringen in dieses Innre ist, wenigstens in dem Zustand in welchem wir das Bauwerk fanden, mit großer Beschwerde verbunden; wir mußten auf Händen und Füßen, auf dem Bauche liegend hineinkriechen in den ersten Saal. Unsre Türken hatten uns die mitgebrachten Lichter angezündet; sie selber bemühten sich nicht mit dem Hineinkriechen, sondern blieben, Tabak rauchend, im Hofraume sitzen. Von dem ersten, zwanzig Fuß im Gevierte messenden Saale führt eine Thüre auf bequemere Weise in eine andre Kammer, welche an ihrer Nord- und Südseite auf jeder an drei Grabeshallen gränzt. So kommt man noch in mehrere Kammern von deren oberen Reihen man an einigen Punkten hinabsteigen kann in die tiefer gelegnen. Manche Zugänge zu den untersten Theilen mögen durch die Trümmer, vielleicht auch durch Mauerwerk verborgen seyn, doch hat das Auge schon hinlängliche Beschäftigung an dem, was offen vor ihm daliegt. Die kunstreichen, halberhabenen Arbeiten der Wände, die sonderbaren zum Theil gestürzten und zerbrochnen, inwendig hohlen Säulen; die aus dem Felsenstein selber gehauenen, einen halben Fuß dicke Thüren, die ehedem, mit der Decke und dem Boden der Kammern durch eigenthümliche Angeln zusammengefügt waren und an diesen sich herumdrehen ließen, welche aber jetzt aus dieser Verbindung gerissen am Boden liegen, sind sämmtlich Gegenstände, der Beachtung werth. Von etlichen steinernen Särgen werden in einer der tieferen Kammern noch die Bruchstücke gesehen, an denen sich eine vormalige Größe derselben erkennen lässet, die das Hineinschaffen durch die engen Thüren unmöglich machte; sie mußten innerhalb der Grabeskammern aus dem Felsen selber gehauen worden seyn. Diese Grabeskammern mit allen den Werken von Stein die in ihnen enthalten sind, erinnern mich an Nichts ihnen Aehnliches das ich früher oder später auf meinen Reisen gesehen; es scheint sich in ihnen der Charakter einer andern Baukunst zu offenbaren als jene der Aegypter, der Griechen und Römer war. Doch vergleicht sie Richardson mit den alten Grabeskammern auf Malta und bei Syrakus. Auch die sogenannten Gräber der Richter (des Sanhedriums), zu denen wir nordwärts von jenen der Könige, jenseits einer kleinen Moschee kamen, tragen eine eigenthümliche (altjüdische) Form, die ihnen die Hand ihrer unbekannten Erbauer aufprägte; auch sie erinnern weder an Aegypten noch an Griechenland, eher aber an Petra. Die Eingänge zu diesen Grabeshöhlen, welche jetzt den Hirten zum Bergungsort dienen, sind am Abhange eines Hügels, in den Felsen gehauen, und lassen einen bequemen Zutritt zu. Wir traten wieder hinaus auf die Straße von Damaskus, welche in ziemlich gerader Richtung nach Norden verläuft. Hier entließen wir unsre Führer, von denen jetzt keine weitren Aufschlüsse über die Gegend zu erwarten waren, und giengen hinaus nach der Stätte des alten Gibea Sauls oder Benjamins, welche fast anderthalb Stunden weit von der Stadt abliegt. Stünde sein Name nicht mit Schrecken erregenden Zeichen im Buch der Geschichte geschrieben, dann würde keine Kunde dieses Ortes bis zur jetzigen Zeit gekommen seyn, denn außer einer gestürzten Säule, zur Linken der Straße und außer einigen von Menschenhand behauenen Stufen, an dem allmälig ansteigenden Felsenhügel, findet sich keine Spur der Stadt. Nordwärts von der Gegend des alten Gibea zeigen sich zwei kegelförmig-spitzig ansteigende Felsenhügel, welche schon von ferne durch ihre ausgezeichnete Form dem Auge auffallen. Sie liegen nahe und fast ostwärts von dem Dorfe Schafat. Zwischen beiden Hügeln führet ein schmales, jetzt grün bewachsenes Thal hin; der eine der pyramidalen Hügel stehet in Süden, der andre in Norden des Thales. Wir bestiegen den südwärts (gegen Gibea und Jerusalem) gelegenen. Auf seiner Höhe fanden wir eine tiefe, gemauerte Cisterne und mehrere Ueberreste alter Befestigungswerke, auch am östlichen Abhange, an welchem eine durch Menschenhand geebnete Felsenplatte hervortritt, stehen alte feste Gemäuer. Die Nachbarschaft dieser beiden Hügel, die von Ost oder Westen gesehen wie die Spitzen zweier Thürme eines altgothischen Domes, oder wie die Zelte zweier Heerführer einander gegenüberstehen, ist sehr bedeutungsvoll. Hier in Süden erscheint Gibeas Stätte wie ein verödetes Feld, über welches der Eroberer seinen Pflug gezogen hat; dort in Nordwest blicket von der waldbewachsnen Höhe Rama Samuelis mit majestätischem Ernst hernieder; in Norden öffnet sich das Felsenthal von Michmas; im Kreise der hohen Bäume, einladend zu ihrem Schatten, liegt in West zum Süd das freundliche Schafat. Während wir auf dem Hügel stunden kam ein großer, für diese Gegend ungewöhnlich schöner Hirtenhund von der Heerde aus dem grünenden Zwischenthal und nahete sich der Cisterne, in der man in großer Tiefe Wasser bemerken konnte. Das arme Thier lief ängstlich an dem Mauernrand des Wasserbehältnisses hin und roch hinab zum Wasser, es sahe uns, wie Hülfe flehend an; wir aber hätten selber kein Mittel gewußt etwas zu schöpfen. Wahrscheinlich haben die Hirten der Nachbarschaft irgendwo im Felsen einen Schöpfeimer mit seinem Seile verborgen, dessen sie sich nach Bedürfniß bedienen; die nächste Umgegend aber, dies bewies das hier wohlbekannte, durstende Thier ist ohne Bach und Quell. Bei der Lage der beiden zuckerhutförmigen Felsenhügel hier zwischen Gibea und Michmas war es uns nicht ganz zu verdenken, wenn wir an die zween spitzigen Felsen Bozez und Senne dachten, welche Jonathans Heldenthat im Buch der Geschichte Israëls verherrlichte[182]. Die Philister diesseits dem Engthale von Michmas (von welchem wir später reden werden) hatten sich auf dem nördlichen Blachfeld gelagert, das durch das seichte Thal zwischen den beiden Hügeln von Gibeas Fläche abgegränzt ist und die Warte ihres Lagers stund auf dem nördlichen Felsenhügel. Darum konnten die Wächter zu Gibea Benjamin es sehen, daß der Haufe der Feinde zerrann und zerschmissen ward[183]. Einige der jungen Freunde schlugen ihren Weg ostwärts, nach der Gegend ein, von welcher der Winterstrom des Kidron seinen Lauf nimmt, ich, von Herrn Mühlenhof begleitet, nachdem ich noch vergeblich mich bemüht hatte einige deutliche Spuren von Gibea Benjamin aufzufinden (denn die Trümmer von behauenen Steinen in einem benachbarten Felde konnten nicht als solche deutliche Spuren gelten) schlug den geraden Weg nach der Stadt ein. Auch von Anathoth dem Geburtsort des Jeremias, der nach Hieronymus etwa eine Stunde Weges von Jerusalem in Norden lag[184], deutet kaum ein zurückgebliebenes Gemäuer die Stätte an. Bei Gelegenheit eines Besuches, den wir am Nachmittag unsren Landsleuten, den Deutschen Juden machten, versuchte ich es zum ersten Male etwas weiter gegen Morija, an den Platz der Omar- und Aksamoschee vorzudringen und auch ostwärts von der Citadelle unter den zum Theil mit Gärten bepflanzten Trümmerhaufen die Stätte der beiden mächtigen Thürme der innren Mauer: Phasaëlus und Mariamne aufzusuchen. Der Weg der letzteren Forschungen hat keine Schwierigkeit, wenn er auch heute mich nur zu wenig sichren Wahrnehmungen führte. Auch zu jenen Trümmerhaufen und alten Gemäuern, welche in den Höfen und Gärten der Türkischen Häußer liegen, öffnet ein freundliches Wort oder ein kleines Trinkgeld den Zugang. Ungleich mehr jedoch ist die Annäherung an den Platz der Omarmoschee erschwert. Ich war heute ganz allein, denn so glaubte ich würde ich weniger gehindert seyn, bis in den bedeckten Gang vorzudringen, der auf Siebers Karte von Jerusalem als Xystus bezeichnet, auf Catherwoods Grundriß jedoch als bedeckter Bazar (unter +q+) benannt ist. Hier hatte ich das wahrhaft prachtvolle Gebäude der Omarmoschee unmittelbar und ganz nahe vor Augen. Einige Aegyptische Soldaten, die mir dort begegneten, ließen mich ruhig meines Weges gehen, schon war ich, nach meinem Bedünken bis jenseits der Hälfte des Ganges gekommen, da traf ich auf einige Türken, unter denen ein ältlicher, der seiner Kleidung nach von vornehmeren Stande war, mir zuwinkte, ich solle umkehren. Ich blieb stehen bis jene an mich kamen, da bedeutete er mich nochmals, mit großer Freundlichkeit, daß es Christen nicht erlaubt sey diesen Weg zu gehen. So kehrte ich denn für heute um, betrachtete jedoch, denn dieß wehrte mir niemand, lange stillstehend, vom Eingang der bedeckten Hallen aus und durch sie hindurch die Stätte da einst Jehovas Herrlichkeit thronte. * * * * * Dienstags den vierten April führte uns der freundliche Pater Vicar abermals zu mehreren, bisher noch nicht gesehenen Merkwürdigkeiten der Stadt. Zuerst zu dem alten Gemäuer eines schmutzigen, von Arabern bewohnten Haußes, in welchem den Pilgrimen das Gefängniß gezeigt wird, da Petrus zwischen zwei Kriegsknechten an Ketten gebunden lag, und aus welchem der Engel des Herrn, die Ketten lösend und die eiserne Thür öffnend ihn hinausführte[185]. In dem Kloster der Kopten, das wir von hier aus besuchten, sieht es etwas ärmlich aus. Nicht ohne besondre Theilnahme betrachtet der Pilgrim aus den christlichen Ländern des Westens die Ueberreste des nahe an der Ostseite der heiligen Grabeskirche gelegenen, alten, ehrwürdigen Haußes der Johanniterritter. Unter den dickstämmigen Feigenbäumen erhebt sich das zerrissene Gemäuer des vormaligen Glockenthurmes, dessen längst verstummte Glocken, an denen keine Hand des Feindes sich vergriff, seit Jahrhunderten unter den Trümmern und Schutt vergraben liegen. Das Armenhaus der Lateiner macht durch seine Reinlichkeit, durch die verständige Anordnung seiner Pfleganstalten und den Fleiß seiner jüngeren Bewohner einen freundlichen Eindruck. Von noch andrer Art mag freilich jener gewesen seyn, den ein Pilgrim der früheren Jahrhunderte empfand, wenn er die Pilgerherberge und das Hospital betrat, welche die Kaiserin Helena zur Aufnahme und Pflege der nach Jerusalem kommenden christlichen Fremdlinge erbauen, und mit dem Nöthigen ausstatten ließ. Die gewesene Pilgerherberge liegt innerhalb, das Hospital nordöstlich außerhalb dem jetzigen Bazar der Stadt, und das letztere ist seit mehreren Jahrhunderten zu einem Verpflegungshauße der armen Türken geworden, die, gleich den Christen, ein Zug der Verehrung zu der heiligen Stätte hieher führt, an welcher der Tempel stehet, »da Dem, welcher in seinen Hallen betet, eine Gewährung Dessen zugesagt ist, das er bittet[186].« Wir sahen in den unteren Räumen mehrere große, metallene Kessel, davon der eine von uns gemessene gegen fünf Fuß im Durchmesser hatte; diese und andre Geräthschaften sollen noch ein Vermächtniß der mütterlichen Vorsorge der frommen Kaiserin für die Armen und Hungernden seyn. Die Türken, welche da am Boden saßen, und auf die Mahlzeit, die man eben bereitete, warteten, schienen beides zu seyn, und die jetzigen Miethleute des Haußes bewahren ja vielleicht nur, mit ehrenwerther Sorgfalt, das anvertraute Gut den rechtmäßigen, jetzt aber in einem Untersuchungsprozeß der Schulden begriffenen Erben auf. Wir kletterten nach allen Richtungen auf dem alten Gemäuer des großentheils leer stehenden, mächtig großen Gebäudes herum, und erfreuten uns namentlich an dem Anblick von Tauben, mit rosenrothem Gefieder des Halses und der Brust, welche in den Löchern der Mauern nisten. Von dem Gebäude des Spitales brachte unser Führer durch eine Seitengasse uns herüber nach der via dolorosa. Ich bewunderte öfters die Weisheit, mit welcher der wohlunterrichtete Mann uns Fremdlinge auf einzelne Sehenswürdigkeiten hinwies. Dort, so sprach er, bei dem bunt bemahlten Hauße, haben unsre Väter an das Haus des reichen Prassers und des armen Lazarus gedacht; hier, sagen Einige, soll der Pallast des Herodes gestanden seyn. An der angeblichen Stätte des letzteren vorbei giengen wir hinan zu jenem Hauße, bei welchem man den Pilgrim, als sey er hier unter dem vormaligen Obdache Simon des Pharisäers, der den Herrn bat, daß er mit ihm äße, an die rührend schöne Geschichte der Sünderin, Maria Magdalena erinnert, welche Seine Füße mit ihren Thränen netzte, mit ihrem Haare trocknete, dann salbete mit Salben und von Ihm, dem Herzenskündiger Vergebung empfieng, so wie die Fülle des seligsten Friedens[187]. Das Haus, mit der längst verfallenen Magdalenenkapelle ist jetzt im Besitz eines arbeitsamen Türken, der die Andacht der Christen in seinem Hauße gerne zuläßt und duldet. Wir näherten uns hierauf bei dem Besuch einer alten christlichen St. Johanniskirche, in deren oberen Stockwerk Korn aufgehäuft lag, den Mauern der Stadt, deren Zinnen wir weiterhin auch betraten. Die Aussicht über die Stadt und ihre Umgegend ist an einem der nachbarlichen Punkte sehr beachtenswerth. Von hier, an der Mauer hin, zum Damaskusthore hinaus, besuchten wir die »Grotte des Jeremias,« eine Felsenhalle von 70 Fuß Länge und Breite, bei einer Höhe von 40 Fuß. Das Felsendach wird durch einige mächtige Säulen getragen; vor der Grotte hat sich der jetzige Türkische Besitzer in dem verschlossenen Garten wie es scheint eine Familiengrabstätte angelegt. Das ganze Aussehen, sowohl der sogenannten Jeremiasgrotte als mancher andrer benachbarter Eintiefung in die Felsenwände lässet auf eine künstliche Entstehung durch die Menschenhand schließen. Hier und noch mehr am Gihon und in seinem Thale scheinen die meisten jener Steinbrüche gewesen zu seyn, aus denen die Bauleute des ältesten Jerusalems ihre so oft aus einander gerissenen und neu zusammengefügten Bausteine entnahmen. Auf dem Hügel, jenseits der Jeremiasgrotte, wird die Stadt von der Nordseite in ihrer ganzen Ausdehnung überblickt. Nicht fern von hier, so erzählt die Sage, war der Ort wo der Hohepriester Jaddus in hohenpriesterlichen Gewand, hinter ihm der Zug der andren Priester in weißen Kleidern Alexander dem Großen, der gekommen war die Stadt zu züchtigen, entgegentraten. Und siehe der große König, welcher, ohne dieß zu wissen, auch durch sein Tagwerk, dem König der Könige den Weg bahnen sollte[188], ward bei dem Anblick tief erschüttert. Denn zu Dium in Macedonien war der Hohepriester, so wie ihn jetzt das wache Auge sahe, dem Alexander im Traumgesicht erschienen, hatte ihn zum Beginn des Heldenlaufes nach Asien ermahnt und den Sieg verheißen. Und der »Welteroberer,« der vor keiner Macht der Welt sich gebeugt, neigte sich hier voll Ehrfurcht vor einer Gewalt, die im Verborgenen die Geschichten der Völker und ihrer Reiche lenkt und führet[189]. So waltete ein Schrecken von Gott über deinen Mauern Jerusalem, der nicht Sanheribs Macht allein, sondern die aller deiner Feinde hinwegscheuchte, so lange noch in dir Treue wohnten und Glauben, nach Jehovahs Bunde. Du, vor allen Städten der Erde, solltest den Völkern es bezeugen was ein Volk sey und vermöge, dem der Herr sein Gott ist und was aus demselben werde, wenn es seinen Fels verlassen und wenn Jehovahs Schutz und Aufsehen von ihm gewichen. Auf dem Rückwege erzählte uns unser Führer noch Einiges von den Begebenheiten des letzten Aufstandes der Araber gegen Ibrahim Pascha. Der damalige Gouverneur war ein Sohn des Anführers der feindlichen Haufen; auf sein Anstiften wurden diese bei Nacht durch das Stephansthor eingelassen, später gab man vor sie seyen durch alte, unterirdische Gänge hineingekommen. Das damalige Benehmen des Landvolkes der Umgegend, so wie der mohamedanischen Bewohner der Stadt gegen die hiesigen Fränkischen Christen gab einen Beweis von der Achtung und Liebe, welche diese, weder durch Gaben noch durch Ansehen, sondern bloß durch die stille Gewalt ihres Benehmens bei den jetzigen Bewohnern Palästinas sich erworben haben. Die späteren Stunden des Tages brachte ich an der Ostseite der Stadt zu, anfangs allein, dann innerhalb dem Stephansthore, an meinem Lieblingsplatze (nach S. 527) in der Gesellschaft des hier zeichnenden Maler Bernatz. Mein Auge ruhete bald am Oelberge, bald auf Morija und auf der Gihonshöhe mit ihrem Tempel. Die erste Woche in Jerusalem gieng eben jetzt zu Ende; mir war es als hätte ich schon seit Jahren hier gewohnt und die Sonne aufgehen sehen über dem Oelberge, untergehen über dem Gihon. Ich war an der kleinen, steinernen Treppe hinangestiegen zu einem der niedreren Thürme der Mauer, aus dessen Lücke ich hinabschauen konnte nach dem im abendlichen Schatten ruhenden Gethsemane. Ein Gefühl des Friedens durchdrang meine Seele, es war als wollte der Gedanke in mir laut werden: »hier sey deine Heimath.« Da tönten mir lauter als jener Gedanke die Worte eines Liedes des seligen Terstegen in mein innres Ohr: »Noch weiter« heißt des Christen Losungswort Kein Pilger bleibt am fremden Ort. Was kann die Sichtbarkeit dir geben Dein Heim ist Gott und ewig Leben. -- Zu dem das sein ist sehnt der Geist sich hin; Ach daß ich nicht schon fertig bin. Ja, deine einst sichtbare Herrlichkeit, du hehrer Morija ist vergangen bis auf einen Schatten, dem der Pilger sich nicht einmal nahen darf; vorlängst schon hat man in deinem Heiligthum die Stimme vernommen: »Lasset uns von hinnen ziehen.« Und du Zion stehest verwaiset, denn das Scepter des äußren Königthumes ist von Juda dahingenommen und entwendet; deine Königshäuser sind zu Schutthaufen geworden. Und wenn auch das Vergängliche nicht vergangen, das Sterbliche nicht gestorben wäre, so bliebe deine Herrlichkeit dennoch nur ein Vorbild und Schatten des Urbildes das nie veraltet. Darum, so erquicklich auch der Schatten, ist es doch das Licht was allein das Auge vergnügt; nicht Sein Zelt, Ihn selber sucht die Seele und es bleibt bei den weitren Worten jenes Liedes: -- -- -- du Schönheit alt und neu Dich lieb ich, mach zum Tod mich treu: Ich überlaß mich Deinem Leiten Bis in die frohen Ewigkeiten. Die Sonne war schon untergegangen, da wir uns aufmachten von unsrem Orte, und, den Schmerzensweg (die +via dolorosa+) hinan, durch die stillen, menschenleeren Gassen heimzogen in unser Pilgerhaus. Morgen, sobald man das Thor öffnete, wollten wir eine Wandrung antreten nach Bethlehem; darum begaben wir uns zeitig zur Ruhe, in deren äußere Erquickungen auch eine innre Ruhe ihre belebenden Kräfte ergoß. Berichtigung. Der bei weitem größeste Theil der grünen Steinart, die nach S. 301 am Eingang des Thales Hebron im Sienit vorkommt ist ~Pistazit~. Fußnoten: [1] M. v. +~E. W. Lane~: an account of the manners and customs of the modern Egyptians Vol. 1. p. 83.+, ein Werk dem ich bei der spätern Überarbeitung dieser Briefe zum Drucke, so wie als Wegweiser durch die mir bei meinem Eintritt noch so neue Welt des Lebens der Aegypter sehr viel verdanke. [2] M. s. den ersten Band S. 493. [3] Von der seltsamen Anwendung der Krücken beim Gottesdienste der Kopten werde ich noch später reden. [4] So wie Jesus bei den Mohamedanern als einer ihrer sechs Propheten und zwar als der größeste nächst Mohamed geehrt ist, so steht auch Maria, seine Mutter, bei ihnen in hoher Achtung. [5] Dieses Mistkäfergericht (vom +Scarabaeus sacer+) wird für ein Mittel gegen die Magerkeit, ja selbst gegen die Unfruchtbarkeit gehalten. [6] Ein berühmtes Gericht, das man am 10ten Tage des Moharrem in Menge bereitet, ist auch das Hubub: gekochte Waizengraupen mit Honig und Zucker, oder Reis mit Nüssen, Mandeln, Rosinen u. f.; Rosenwasser ist fast überall dabei. [7] Auch die ersten Menschen stellt sich der Moslim wenigstens so hoch als einen Palmenbaum, d. h. gegen 60 Fuß vor. [8] Ein Theil der Gassen hat nur von der einen Seite einen Eingang, nach der andern hin aber keinen Ausgang. [9] Pflegt doch in Kairo Jeder, der noch an der alten Sitte hält, wenn er Gähnen muß zu sagen: »Ich suche Zuflucht bei Gott, gegen Satan den Verfluchten,« weil er fürchtet der böse Geist möchte ihm in den aufgesperrten Mund fahren; wenn einer nießt sagt er: »Preiß sey Gott« die Anwesenden: »Gott erbarme sich deiner« (Rachem kum Allah) worauf jener wieder antwortet »Gott schütze uns und schütze euch.« [10] Das gewöhnliche Abschreiblohn ist sehr gering. Fünf Doppelblätter Papier, das meist aus Venedig kommt und in Aegypten geglättet wird, bilden einen Karras oder Lage. Für das Vollschreiben einer solchen mit einer Schrift ohne Vokalpunkte bekommt der Abschreiber aufs Höchste 30 Kreuzer rheinisch; mit Vocalpunkten das Doppelte. [11] Noch ein weitrer Grad dieser Höflichkeit ist der, wenn man die rechte Hand erst an die Lippen, dann an die Stirne legt. [12] Dieser Polizeibeamtete hatte die Aufsicht über das Innehalten der festbestimmten Preise, so wie des richtigen Maaßes und Gewichts. Er übte sein Amt mit solcher Grausamkeit, daß er einen Nudelverkäufer, der, vielleicht aus Versehen, etliche Heller mehr für seine Waare genommen hatte, als gesetzt war, auf ein heiß gemachtes Nudelnblech setzen und dazu noch auspeitschen; einem Metzger, der beim Abwiegen einige Loth Fleisch zu wenig gegeben hatte, eben so viel dem Gewicht nach aus seinem Rücken herausschneiden; Bäckern, welche das Brod zu leicht gemacht die Nasenscheidewand mit einem Stück Eisen durchbohren und das Brod daran hängen ließ, wobei die so Gemißandelten den heißen Sonnenstrahlen ausgesetzt dastehen mußten. Die gelindeste Aeußerung seines Zornes gegen Schuldige und Unschuldige war die, daß er ihnen die Ohrläppchen abschneiden ließ. [13] Einer meiner Freunde versuchte, mit Vorsicht übrigens, mehrere Arten, ohne etwas Weitres, als eine schnell vorübergehende Betäubung zu empfinden. [14] Diese, wie andre Moscheen der Stadt, besaß vormals auch sehr ansehnliche geistliche Fonds, welche jetzt eingezogen sind, weil die Regierung die Verwaltung derselben übernommen hat. [15] So heißt die schneidend scharfe Brücke, welche nach der Lehre des Islams mitten über die Gehennem oder Hölle hinüber führt. Die Seelen der Verstorbenen müssen, auf ihrem Wege zum Paradiese da hinüber und die Bösen fallen bei dieser Gelegenheit hinab. [16] Von jedem Palmbaum werden 1½ Piaster gesetzliche Abgaben erhoben; dieser Gesamtbetrag dieser Abgaben beläuft sich auf 1,200,000 Gulden rheinisch. [17] Achmed Ibn Taylun, der Kalif, welcher die Moschee erbauen ließ, hatte, so erzählt man, im gedankenlosen Spiel der Hände ein langes Stück Pergament spiralförmig aufgerollt; sein ernster Vezir belächelte tadelnd das Spiel. Es war nicht des Belächelns werth, sagte der Kalif; in solcher Weise, so dachte ich eben soll eine auswendige Stiege schneckenartig an dem Minare der Moschee emporlaufen, welche ich erbauen lasse. Und der Herrscher führte wirklich den Gedanken aus, den ein Zufall ihm an die Hand gegeben. Die Taylunmoschee wurde schon im Jahre 879 n. Chr. mithin 90 Jahre vor der Begründung der eigentlichen Stadt erbaut. In der Nähe derselben stund ein, nun verfallenes Kastell. Vom Minaret der Taylunmoschee hat man den vollständigsten Ueberblick über die Stadt. [18] Den Gräueln der Blutrache ist übrigens, wenigstens in Aegypten unter der jetzigen Regierung ein ziemlich kräftiger Einhalt gethan worden. [19] Ueberhaupt zeigen die Welihs bei solcher Gelegenheit nicht selten ihre Capriçen. So wollte einer sich schlechterdings nicht auf den Todtenacker vor dem Bah el Nusr hinaustragen lassen. Die Bahre machte sich beim Thore so schwer, daß sie nicht zu ertragen war. Da winkt einer der Träger seinen Gefährten sie sollten sie niedersetzen, geht mit ihnen etwas bei Seite, daß der Welih nicht hören kann was man spricht, und verabredet sich mit den Andern, man wolle sich stellen als trüge man den Heiligen wieder in die Stadt hinein, wolle aber, um ihn in der Richtung irre zu machen, mit der Bahre mehrere Male im Kreise gehen. Die List gelingt; der Welih wird irre, man nimmt dann noch einmal einen rechten Anlauf und bringt ihn so glücklich zum Thore hinaus. [20] Jener Ali Bey war einer der Mochtesibs oder Polizeiofficianten, welche den Alleinhandel der Regierung mit verschiednen Gegenständen zu bewahren und zu beaufsichtigen hatten. Ihm lag die Bewahrung des Monopols mit dem Leinwandhandel ob. Wenn dann irgend ein Bewohner der Stadt oder Landschaft gefunden wurde, der auf eigne Rechnung an seinem eignen Webstuhle Leinwand webte, oder diese verkaufte, ließ er die Leinwand mit Theer oder Pech bestreichen, den Unglücklichen darein wickeln und an einem Baumast aufgehängt lebendig verbrennen. [21] In einem Kloster an einem der Natronseen soll sich noch ein koptisch-arabisches Wörterbuch finden. [22] Nach langem Gebet und hochgespanntem Erwarten der Versammlung erscheint als Wandbild, einmal früher, andre Male später die h. Jungfrau (Sette minna) in rothem, St. Georg (Mar Girgis) in grünem, die h. Gemiana in weißem, St. Macarius in schwarzem Gewande. Einer meiner Freunde war Augenzeuge dieses »Schattenspiels an der Wand,« konnte aber die (physikalischen) Kunstgriffe, die es hervorrufen, auf keine Weise entdecken. [23] Weil Turteltauben in seinem Zelte genistet, ließ Amru dasselbe nicht abbrechen; um das stehen gebliebene Zelt baute sich Altkairo an. [24] Die gegliederte Tamariske (+Tamarix articulata+) gedeiht da in der mittleren Höhe der Cypressen; mit ihr die schönsten Arten der Parkinsonien, Gleditschien und Poincianen; mit hohem Interesse betrachtet man die altberühmte Persäa (+Cordia myxa+). [25] Das Zuckerrohr wird in Aegypten in der Mitte des März gepflanzt und im Januar geschnitten. Die Sprossen die im zweiten Jahre aus der Wurzel hervorkommen schossen nicht so hoch auf als die des ersten Jahres; obgleich aber der Zucker den sie geben an Quantität geringer ausfällt, ist er dagegen an Qualität desto besser. [26] +Ardea bubalus.+ [27] Sie mag jenes jüngere On gewesen seyn, welches nach Josephus (+B. J. VII+, 37) der Hohepriester Onias erbaute. [28] Der geschickte Aufseher und Pfleger des Gartens ist Herr ~Figari~. [29] +~Wilkinson~ Topographie of Thebes and general view of Egypt, p. 316 and 509.+ Dieser treffliche Forscher setzt die Regierung jenes Pharao zwischen 1740 bis 1696 vor Christo, die Ankunft Josephs auf 1706, so daß die Wirksamkeit des letzteren mehr in die Regierungszeit der beiden Nachfolger (vermuthlichen Söhne) Osirtesens +I.+ fiel, Amumgari +I.+ und +II.+ davon der erstere bis 1686, der andre bis 1651 regierte, wo Osirtesen +II.+ den Thron bestieg. [30] Vormals wuchsen hier auch Balsamstauden. [31] Gerade in der Zeit, in welcher wir in Aegypten verweilten, klagte man über die gesteigerten Lebenspreise. Im Mittel kostet der ägyptische Scheffel (Ardebb), der 2 Metzen 7 Achtel, 2½ Mäßel Wiener oder 3 Scheffel 5 Metzen Berliner Maß entspricht, vom Waizen gegen 50 Piaster das heißt 5 Gulden Münze; Gerste 28, Bohnen 30, Moorhirse (Dura) 30, Linsen 64 Piaster. Das Rotl (1 Pfund 2⅓ Unze englisch Gewicht) Butter kostet 2, Brod ¼, Käse ½, Milch ¼, Zucker 3, Kaffee 7, gutes Oel 5, Lammfleisch 1¼, Rindfleisch 1, ein Huhn 1½, das Duzend Eier im Frühling ½ oder ¾ Piaster (einer zu 6 Kr. Münze). [32] Waizen (Kumh) wird in der Mitte des Novembers gesäet und reift Anfang Aprils, Gerste zum Theil schon Ende Februars oder Anfang März. Bohnen, Erbsen, Linsen, Kichern, Lupinen, Faseln, Klee, Safflor, Salat, Flachs, Tabak, Rübsamen werden ebenfalls im November oder gegen Ende Oktobers gesäet; Mohn, Hanf, Kümmel, Coriander, Melonen, Kürbisse, Gurken im December; Reis, Zuckerrohr, Baumwolle, Indigo säet oder pflanzt man im März oder April; der Reis reift in 7 Monaten; einige Arten von Dura (+Holcus Sorghum+) säet man, wenn der Nil die Felder noch befeuchtet, zur Zeit der höchsten Stromschwelle. Die Zeit des Reifens der Baumfrüchte ist für die Maulbeere und Sevilla-Orangen der Januar; für die Früchte des +Rhamnus nabeca+ der März, die Aprikosen reifen im Mai, Aepfel und Birnen, Johannisbrot, Pflaumen und Weintrauben im Juni, Sykomorusfeigen vom April bis September. [33] Doch heißt jetzt das südliche Dorf Menschi a Daschu und ist das Daschur unsrer Karten. [34] In 25 Jahren von 365 vollen Tagen sind 309 synodische Monate (bis auf eine Stunde genau) enthalten, so daß nach 25 Jahren die Neu- und Vollmonde wieder auf dieselben Tage des Jahres fallen. [35] +Hirundo caspica.+ [36] Nach Wilkinsons Vermuthung. [37] Ähnliche Züge beschreibt übrigens Ammianus Marcellinus (+L. XXII.+) schon an den alten Aegyptern. [38] Dieser türkische Gouverneur, Abu Daud, von dessen Grausamkeiten noch jetzt das Volk erzählt, kam einmal des Abends an dem Kornhause des Ortes vorüber und fand da zwei arme Fellahs schlafend am Boden liegen. Er läßt sie wecken, fragt was sie hier machten, der eine erzählt er habe 130 Ardebs Getraide als Abgabe seines Dorfes gebracht und sey erst spät mit dem Abladen fertig geworden, der andre berichtet daß er 60 Ardebs hergeführt und abgeladen habe. Warum brachtest du nur 60 und jener 130? fragt der Gouverneur. Herr, erwiedert der Bauer, dieser wohnt in einem weiter abgelegenen Dorfe und kommt jede Woche nur einmal, ich, der ich aus der Nachbarschaft bin, führe fast täglich Getraide herein, kann daher auf einmal nicht so viel bringen. Der Türke, ohne die Entschuldigung zu beachten, befiehlt dem Nachrichter, der ihn beständig begleitete, er solle den Bauer hängen und dies geschieht an dem Aste des nächsten Baumes. Am andern Morgen geht der Gouverneur wieder am Kornhauße vorbei und sieht, daß da so eben ein Bauer eine sehr große Menge Getraide (160 Ardebs) ablädt. Er fragt den Nachrichter wer und woher der Fellah sey, jener antwortet es ist derselbe den du gestern hängen ließest. »Wie, fragte der Türke, ist er von den Todten erstanden?« -- »Du befahlst mir nicht, sagte der Andre, ihn zu tödten (muwet), sondern nur zu hängen, ich hieng ihn so, daß seine Fußspitzen am Boden waren. -- Gut, murmelte der Türke, ein andermal wenn ich jemand strafe will ich mir diese Arabische Wortfeinheit merken, -- nimm dich in Acht vor Abu Daud. [39] Der Wüthrich der dies that war der verstorbene Defterdar Mohammed Bey. Ein Bauer im Distrikt Menufieh hatte 60 Reiyals (gegen 18 Gulden rhein.) Abgaben zu zahlen und besaß nichts als eine Milchkuh, die ihn und die Seinen ernährte und welche 120 Reiyals werth war. Der Nazir als Steuereinnehmer fordert die andern Bauern des Ortes auf die Kuh zu kaufen und da keiner dieß will, läßt er den Metzger kommen, die Kuh schlachten und in sechzig Theile theilen, welche sechzig der wohlhabendsten Bauern das Stück um einen Reiyal (18 Kreuzer) kaufen müssen. Der arme Mann läuft zum Defterdar, klagt diesem seine Noth, dieser läßt den Nazir, den Metzger und die Käufer des Kuhfleisches rufen. Der Kadi hatte geurtheilt die That des Nazirs sey eine Gewaltthat gewesen. Der Defterdar fragt den Metzger warum er die Kuh des armen Mannes geschlachtet, die Bauern warum sie das Fleisch gekauft hätten. Diese antworten: der Nazir ist gar gestreng, hätten wir ihm nicht seinen Willen gethan, er hätte unsre Hütten niederreißen und uns schlagen lassen; ich that, fügte der Metzger hinzu, was der Nazir, als meine Obrigkeit, mir befohlen. -- So wirst du auch thun was ich dir befehle? fragt der Defterdar. -- Unbedingt, sagt der Metzger. Wohlan, befiehlt der Defterdar, schlachte den Nazir. Der Metzger verrichtet dieß mit denselben Gebräuchen wie, nach den Geboten des Islam, ein Ochs geschlachtet wird, sagt bis Millah (in Gottes Namen) u. s. w. und schneidet dem Nazir den Kopf ab. Hierauf läßt der Defterdar den Körper in sechzig Stücke theilen, davon jeder Käufer des Kuhfleisches eines, und zwar um zwei Reiyals nehmen muß, diese 120 Reiyals bekommt der arme Mann für seine Kuh; der Metzger, wie dieß auch beim Schlachtvieh die Sitte ist, erhält als Schlächterlohn den Kopf des Steuereinnehmers. +Lane account etc. Vol. I. p.+ 153. [40] +Ibis sanctus+, eine Thierart, welche jetzt eben so wie das Krokodil und der Hippopodamus aus Mittel- und Unterägypten verschwunden ist, und nur noch in den Gegenden des obersten Nillaufes gefunden wird. [41] Ein Erdbeben in solcher Stärke wie sie in Syrien und Kleinasien öfter sich ereignen, würde wahrscheinlich manche dieser baufälligen Pyramiden zusammenstürzen. Solche Erdbeben kämen jedoch, so weit die Geschichte weiß, kaum in diesem Lande vor, sondern nur Erdstöße. Doch erzählt ~Tegg~ in s. +Dictionary of Chronology+, daß am 2ten Nov. 1754(?) in Kairo zwei Drittel der Häußer durch eine Erschütterung eingestürzt, und dabei 40000 Menschen zu Grunde gegangen seyen. [42] Seit unsrer Abreise aus Aegypten ist bereits wieder ein viel höher gelegenes Innengemach entdeckt worden, in welchem man das hieroglyphische Namenszeichen des Pharao Saophis fand. [43] Uebrigens wollte noch Lord Munster Gebeine eines Stieres in dem Sarkophag bemerkt haben, die freilich auch später hineingebracht seyn konnten. [44] Abgesehen von einer andren, kühneren Zeitrechnung, auf deren Ergebnisse im ersten Band dieser Reise S. 491 hingedeutet war, welche aus Bunsens und Lepsius noch nicht öffentlich mitgetheilten Forschungen ihre weitre Begründung erwartet, läßt sich nach ~Wilkinsons~ bescheidnen Angaben die Zeit dieses Pharao Saophis auf das zweite Jahrhundert des dritten Jahrtausends (2123) vor Christo hinanstellen. [45] Nach den neueren Messungen der Engländer 460 P. F. [46] Nach +Herodot II+, 125 1600 Silbertalente. [47] Nach andern Schätzungen des Werthes der damaligen Silbertalente gar nur anderthalb Millionen Thaler. [48] +Iris Sisyrinchium.+ Sie hat zwei Zwiebeln übereinander stehen, davon die obere, weisliche von Kindern wie von Erwachsnen aufgesucht und gegessen wird. [49] S. 138. [50] So heißt der heilige Berg bei Medina, welcher nebst dem nachbarlichen Thale Mina, wohin der Aberglaube der Mohamedaner die Scene von Ismaëls (statt Isaaks) Opferung verlegt, das letzte Ziel der Pilgerschaft ist. [51] Schon in Palästina erfuhr ich die Nachricht von ihrem Tod. [52] Wobei ich dann freilich Lanes Schilderungen ganz überaus treu und treffend erfand. [53] Vor einiger Zeit berichteten die Zeitungen, daß Mrs. Holyday von Mehemed Ali zum Unterricht seiner Töchter bestimmt und berufen sey. [54] M. vergl. den ersten Band dieser Reise. [55] Ihr Titel ist: der Zug der Israëliten aus Aegypten nach Kanaan. Ein Versuch von Karl von Raumer. Leipzig bei Brockhaus 1837. [56] Beide, das in Aegypten sogenannte Dromedar und gemeine Kamel, sind übrigens nur ein und dieselbe Art des einhöckrigen (+Camelus Dromedarius+). [57] M. v. S. 331. [58] Hier und weiterhin die +Fagonia latifolia+, +glutinosa+, +mollis arabica+ u. a. [59] Namentlich das einkörnige Pfriemenkraut (+Spartium monospermum+) mit weißgraulichen Zweigen und wohlriechenden Blüthen, auch die +Zilla myagrioides+ und das +Trichodesma africanum+, so wie die schon erwähnten Tragant- (+Astragalus+) und mehrere Wegerigarten (+Plantago argentea+ und +bellidifolia+). [60] Die scheinbar fortrückende Bewegung der Sonne auf der jährlichen Bahn am Himmel durchmißt eben so wie die des Kamels auf der Erdoberfläche in zwölf Stunden reichlich einen halben Grad. [61] Die Kamele selber, wenn man sie, um auf- und absteigen zu können, während des Marsches zum Niederknieen nöthigt, erheben, als wenn ihnen wunder was zu leid geschähe, ein Erbarmen erregendes Gebrüll. [62] Eine Ueberlieferung, welche bis nahe zu unsrer Zeit gekommen, nennt einen Vorsprung der Hügelkette von Torrah, herüber nach dem Thale von Bessatin, den Merawat Musa (Standort des Moses). [63] +Voyage de l'Arabie petrée.+ [64] Ps. 23, V. 4. [65] 2. Mos. 15, V. 8. [66] Im Winter mag auch, wegen der hier starken Regenzeit ein bedeutender Strom des Gewässers von Felsenstufe zu Felsenstufe herabstürzen. [67] Ich führe hier nur die Arten an, welche, so viel wir bei unserm kurzen Aufenthalte urtheilen konnten, wirklich lebend, nicht bloß als gestrandetes, leeres Gehäuße bei Suez vorkommen. Im feuchten Sande die +Arytene+ oder +Aspergillum vagina+, im Meere selber +Tellina rugosa+, +Cardium retusum+, +Tridacna gigas+ und +squamata+, +Strombus accipitrinus+, +Cypraea moneta+; +Nerita polita+, +albicilla+; +Natica mammillaris+; +Turritella imbricata+ und +Terebra caerulea+, +Buccinum arcularia+; der schöne +Murex crassispinosus+, +Tornatella Ceramia+, +Triton anus+; +Cerithium fasciatum+, +nodosum+ und +tuberculatum+; +Conus Virgo+. Die Landschnecken waren seit den zwei letzten Tagreisen ganz verschwunden, erst am Sinai fanden wir wieder welche; von Fischen, die wir freilich nur auf einen Blick zu sehen bekamen, unterschieden wir +Julis purpureus+. [68] Sesostris hatte den Bau des Kanales Hero begonnen, Psammetich +II.+ und Darius ihn fortgesetzt, die Ptolemäer vollendet. An seinem vormaligen Ufer lassen Erdwälle und die vom Sand bedeckten Schutthaufen den Standort mancher frühern Stadt errathen, unter andrem den von Heroopolis, welches Champollion für das Avaris der Hirtenkönige hält. [69] Wenn ich mich recht erinnere +Cyperus junciformis+ und +conglomeratus+. Auch eigentliche Gräser, namentlich ein +Crypsis+ blühten hier. Die gesammleten Exemplare sind mir zu Grunde gegangen. [70] Bei Howara und etwas weiter südwärts: +Lepidium Draba+; +Matthiola tricuspidata+; +Farsetia aegyptiaca+; +Diplotanis pendula+. -- Auch eine +Frankenia+ von unbestimmter Art wurde hier gesammelt. Die +Nitraria tridentata+ (das +Peganum retusum+ des Forskal), welches in den heißesten, dürresten Monaten des Jahres die Wanderer durch diese Wüste durch seine Beeren erquickt, war noch nicht in Blüthe. [71] +Lotus arabicus+, +Deverra tortuosa+; +Ochradenus baccatus+, +Cleome brachycarpa+ u. a. [72] +~Scarites~ subterraneus+; +~Pimelia~ longipes+, +villosa+, +unicolor+, +alutacea+, +grossa+? und +muricata+. Diese Hauptkäfer der Wüste zwischen Suez und Tor wurden meist hier gefunden. [73] Unter andren schöne Exemplare der Pharaos-Kräuselschnecke (+Monodonta Pharaonis+). [74] Wahrscheinlich doch in Gneis, nicht wie unsre Kupferschiefer in einer Art von Zechstein, der über dem rothen Sandsteine liegt. [75] Was wir sahen waren Stücke von +Sargassum vulgare+, +crispum+ und +angustifolium+, sowie von +Chondria obtusa+ und +Solenia compressa+. finden sich hier und an der nördlichen Küste: +~Sargassum~ dentifolium+, +aquifolium+, +latifolium+ und +turbinatum+; +~Cystoseira~ Myrica+, +triquetra+, +trinodis+; +~Sphaerococcus~ musciformis+; +~Chondria~ papillosa+; +~Liagora~ viscida+; +~Ulva~ reticulata+; +~Caulerpa~ clavifera+. M. v. die +Enumération des plantes recueillies par M. Bove, par M. J. Decaisne+. [76] +Caranx Sansun+; +Mugil crenilabris+ und die +Sciaena Samara+ des Forskal (+Holocentrus Samara